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Manfred Kyber Das wandernde Seelchen Der Tod und das kleine Mädchen

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Als Vorlage diente: Manfred Kyber Das wandernde Seelchen Der Tod und das kleine Mädchen Walter Seifert Verlag, Stuttgart, Heilbronn, 1920 Coverillustration unter Verwendung eines Gemäldes von August Malmström

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Manfred Kyber Das wandernde Seelchen Der Tod und das kleine Mädchen

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DAS WANDERNDE SEELCHEN


PERSONEN: Das wandernde Seelchen Krökökerich, ein krötenartiges Wesen Ein Feldteufel Eine Nixe Eine Elfe Das Leid Die Stimme einer unsichtbaren Wesenheit.

ORT DER HANDLUNG: Nächtliche Landschaft. Im Hintergrund die Treppenstufen eines zerfallenen Tempels mit gebrochener griechischer Säule. Im Vordergrund an der Seite ein alter Drudenstein.


(Das wandernde Seelchen kommt langsam im weißen Gewand über die Szene. In der Mitte bleibt es stehen. In der Hand hält es eine rote Laterne, in der eine Kerze brennt. Es ist dunkel.) DAS WANDERNDE SEELCHEN: Es geht ein Seelchen ins Menschenland und hält ein Lichtlein in seiner Hand. Es kam vom Himmel, der Himmel ist weit und der Weg zum Himmel, ist lange verschneit. Das Land ist fremd und voll Schuld und Gram für ein Seelchen, das fern vom Himmel kam. Das Land ist so dunkel und voller Graun und das Seelchen könnte gar nichts mehr schaun und hätte niemand auf Erden erkannt, hätt’ es nicht das Lichtlein in seiner Hand. Das Lichtlein führt es durch Leid und Glück einst wieder in Gottes Himmel zurück. Es geht ein Seelchen ins Menschenland und hält ein Lichtlein in seiner Hand . . . . .


DIE STIMME EINER UNSICHTBAREN WESENHEIT: Du wanderndes Seelchen, von Land zu Land, einen Weg um den andern mit deinem Lichtlein in der Hand wandern mußt du, wandern . . . . . (Das wandernde Seelchen geht ab. Blaues Licht erfüllt die Szene. Eine Nixe und eine Elfe treten auf.) DIE NIXE: Komm, Schwester, schling mit mir den Reihn. Unsre Schleier schweben im Mondenschein. Ich stieg aus tiefem Grund empor, aus grünem Meer und schwarzem Moor. Mit dir zum Schwestertanz bereit, zog ich mir an ein Königskleid — im Haar so weich wie Seide schimmert ein Perlgeschmeide. DIE ELFE: Über die Heide weht der Wind. Komm mit mir tanzen, du Königskind. Ein seltsam Zauberkrönlein gar, das flocht ich mir ins goldne Haar. Bei Nacht das Märchen schenkte es mir,


drum ist’s ein Krönlein von blauem Saphir. Es war niemand zu Lieb und zu Lohne — ’s ist eine verwunschene Krone. DIE NIXE: Komm, Schwester, schling mit mir den Reihn. Schau, wie es geistert im Mondenschein in Hellas’ Tempel von Marmelstein — da flüstert’s unter den Faunen. DIE ELFE: Komm, Schwester, schling mit mir den Reihn. Schau, wie es geistert im Mondenschein um Frau Freyas verfallenen Drudenstein — und die Rätselrunen raunen. Die alten Runen im Zauberkreis, sie sind verwunschen und niemand weiß, was sie bedeuten. Die alten Runen raunen ein Lied, das allnächtlich über die Heide zieht — und niemand kann es deuten. DIE NIXE: In meinen Weiher fiel ein Stern. Woher er wohl kam — ich wüßte es gern.


DIE ELFE: In meinem Krönlein verfing sich ein Licht. Woher es wohl kam — ich weiß es nicht. DIE NIXE: Schwester, mich friert. Gib mir deine Hand. Es ist etwas Fremdes im Märchenland. DIE ELFE: Schwester — mein Herz wird so schwer. Auf den Runen steht’s zu lesen, ich weiß nicht, woher, einmal ist’s hier umher anders gewesen. DIE NIXE: Manchmal — mitten im Tanz — fallen die Blüten vom blühenden Kranz, erstickt die lachende Lust, ein Bangen greift mich tief in der Brust und drückt mich nieder — als sei etwas gegangen und kehrt nie wieder.


DIE ELFE: Nie wieder. Schwester, mir ist, ich weiß nicht woher, als hab ich etwas vergessen, was ich einmal besessen. Einmal ist’s hier umher anders gewesen. Aber ich kann die Runen nicht lesen. DIE NIXE: Schwester, bleib bei mir, ich bitte dich. KRÖKÖKERICH: (unsichtbar und gedämpft) Krökökrökökrökökrökökökökerich. DIE ELFE: Vielleicht wird es wieder einmal so sein. Ich weiß nicht, woher wir kamen. Aber ich weiß, auf dem Runenstein stehn unsre Namen.


DIE NIXE: Komm, Schwester, schlinge den Ringelreihn, laß das Vergangne vergangen sein. Blau ist das Mondlicht wie dein Saphir und junge Königskinder sind wir! Komm, tanz mit mir und fange mich! KRÖKÖKERICH: (erscheint) Krökökrökökrökökrökökökökerich. DIE ELFE: Wer ist denn das? So dick und quabblig, glitschig, glatt und naß? DIE NIXE: Ei, guten Tag, sag doch, wie geht es deiner feuchten Majestät? Weißt du noch, wie ich einmal dir entwich? Mein Krötenkönig, sage, liebst du mich??


KRÖKÖKERICH: Du spottest mein und meiner Liebesglut, die tief in meinem nassen Busen ruht. Manch andre hat früher mir nachgegafft, doch meine Schönheit war nicht dauerhaft. Schon tausend Jahre sitze ich hier, Muscheln und Schnecken wachsen auf mir. Sie kribbeln und krabbeln, wie es ihr Brauch, auf und nieder auf meinem Bauch. Und keine holde Hand, die sich mir ergab, sucht mir die Muscheln und Schnecken ab. Keine will mich trösten, wenn es mich muckt, und keine mich kratzen, wenn es mich juckt. Keine will mehr meine Königin sein! Und so sitze ich hier allein, leise quakend im Dämmergrau und fange Fliegen statt einer Frau. Ich liebe alle und keine liebt mich. (weinerlich) Krökökrökökrökökrökökökökerich. DIE ELFE: (neckend) Krökökrökökrökökrökökökökerich!


DIE NIXE: Und komm ich als Königin zu dir — sage, was gibst du mir dafür? KRÖKÖKERICH: Willst du meine Königin sein, weiche Wellen wiegen dich ein. Alles Krötige ist dein Hofgesind. Dir zum bräutlichen Angebind sei aller Erde Reichtum dein, Gold, Geschmeide und Edelstein. DIE NIXE: Ei, schau! Ich will keine Krötenkammerfrau. Ich will kein Krötenhofgesind und in der Wiege kein Krötenkind. Ich will kein Krötenbett, feucht und faul, und will keinen Kuß vom Krötenmaul. Daß du es weißt — ich bedanke mich! KRÖKÖKERICH: (erbost) Krökökökökökökökökökökerich!


DIE NIXE: Und was soll mir Gold und Geschmeide gar? Trag auch so schon Perlen im Seidenhaar. DIE ELFE: Also krököke nicht so empört. Weißt du nichts Bessres? DIE NIXE: Hast du gehört? In unser Hochzeitskämmerlein kommt keiner um Gold und Edelstein. Es will dir auch niemand im Arme liegen, um naßkalte Krötenkinder zu kriegen. Bist tausend Jahr alt und hast nichts gelernt? Keinen Zaubersegen, silberbesternt, keinen Bann, der bannt, keine Formel, die feit, keinen Spruch, den das Märchen dir geweiht, der Liebe nimmt und Liebe gibt, daß es einen graut und man dennoch liebt, daß man sacht Schleier und Spangen löst in der Nacht und die Arme öffnet weit einer verwunschenen Seligkeit? . . . . .


DIE ELFE: (ängstlich) Schwester, siehst du nicht um den Drudenstein ein Licht? Schwester, hüte dich, sinnbetört, wenn dich der Krötenkönig beschwört. KRÖKÖKERICH: Nixlein, manche von deiner Art, hat sich mit mir geküßt und gepaart. Das alles ist freilich lange her. Keine liebt’ ich wie dich so sehr. Keine hat sich lange gewehrt und keine hat einen Bann begehrt, Nixlein, du riefst eine alte Zeit. Nun höre die Formel, die fesselt und Sie bindet dich und bindet mich — die Runen raunen, hüte dich. (Er macht vor sich das Zeichen des Drudenfußes) DIE ELFE: Die Runen raunen. Schwesterlein, tritt nicht in den Drudenfuß hinein.


KRÖKÖKERICH: Grab und Glück und Graun und Gruß — ich kreise dich ein in den Drudenfuß. DIE NIXE: Schwester, ich kann nicht mehr, wie ich will. Ich bin starr und still. Es jubelt in mir und klagt und hören muß ich, was er sagt. Schwester, du bist so weit, so weit . . . . . DIE ELFE: Schwester, du riefst eine alte Zeit. KRÖKÖKERICH: (leise beschwörend) Sieben kleine Leuchtkäferlein, die setz’ ich dir ins Haar. Die sollen deine Krone sein, so schön wie keine war. Sieben kleine Leuchtkäferlein, die sollen deine Krone sein. Sieben Käferlein halten Wacht, sind sieben Lichtlein drin —


in dunklem Haar, bei dunkler Nacht, Frau Märchenkönigin! Sieben kleine Leuchtkäferlein, die sollen deine Krone sein. DIE ELFE: (gebannt) Sieben kleine Leuchtkäferlein, die sollen deine Krone sein . . . . . DIE NIXE: Schwester, es zieht mich zu ihm hin. Nun bin ich eine Krötenkönigin. (Das wandernde Seelchen geht im Hintergrund über die Szene.) DIE STIMME EINER UNSICHTBAREN WESENHEIT: Wandern mußt du, du Menschenkind, wo deine Brüder und Schwestern sind, von einem zu dem andern, wandern mußt du, wandern.


DIE ELFE: Schwester, ein Trugbild hat dich betört. Schau her, der Drudenfuß ist zerstört! Rege dich, Schwester, befreie dich! (Die Nixe tritt aus dem Bannkreis heraus.) KRÖKÖKERICH: (empört) Krökökrökökrökökrökökökökerich! Wer hat mir das getan? Wer störte meinen Kreis und brach mir meinen Bann? DIE ELFE: In meinem Krönlein verfing sich ein Licht. Woher es wohl kam — ich weiß es nicht. DIE NIXE: In meinen Weiher fiel ein Stern. Woher er wohl kam — ich wüßte es gern. (befreit.) Nun flogen die Käferlein auf und davon. Wo ist nun deine Krone und dein Thron?


DIE ELFE: Nun muß es auch ohne Gemahlin gehn. Nun kannst du selbst deinen Bauch besehn. Kannst selber dich trösten, wenn es dich muckt, und selber dich kratzen, wenn es dich juckt. Krabble fleißig umher und bessre dich! KRÖKÖKERICH: (empört und kollernd) Krökökökökökökökökökökerich! DIE NIXE: (faßt die Elfe bei den Händen) Komm, Schwester, schlinge den Ringelreihn. Laß das Vergangne vergangen sein. Blau ist das Mondlicht wie dein Saphir und junge Königskinder sind wir! Komm, tanz mit mir und fange mich! (Sie tanzen um Krökökerich herum.) KRÖKÖKERICH: (weinerlich) Krökökrökökrökökrökökökökerich. (Ein schwacher Flötenlaut erklingt.)


DIE ELFE: Schwester, was war das? DIE NIXE: Fremd und traut, weint ein verlorener Flötenlaut. DIE ELFE: Es weint und wimmert — jetzt ist es fern. Schau, Schwester, vom Himmel fiel ein Stern. DIE NIXE: Wer schleicht um die Säule von Marmelstein? DIE ELFE: Wer wird es sein — ein armes Feldteufelein. Sie suchen, ich weiß nicht was und warum, in ihrem zerbrochenen Heiligtum. Sie dauern mich.


KRÖKÖKERICH: (höhnisch) Krökökrökökrökökrökökökökerich. Das wird was Rechtes für dich sein! Geh, Nixlein, geh ihn frein. Vielleicht ist er mehr nach deinem Sinn, du treulose Krötenkönigin! DER FELDTEUFEL: (nähert sich traurig und langsam) Was lacht ihr froh im scheuen Dämmerlicht ? Der große Pan ist tot — wißt ihr das nicht? Vergebens rufen wir ihn Nacht für Nacht und halten klagend ihm die Toten wacht. Er kommt nicht mehr, versunken ist sein Reich. Nur graue Schatten geistern müd und bleich, verblaßte Bilder um sein Heiligtum und tote Träume gehen darin um. Gestorben ist, der uns das Leben bot. Es weint der Wald. Der große Pan ist tot. KRÖKÖKERICH: Ich kannte ihn nicht, was kümmert’s mich? Krökökrökökrökökrökökökökerich.


DER FELDTEUFEL: Den großen Pan, den hast du nicht gekannt? Sahst nie ihn, mit dem Thyrsus in der Hand, von tanzenden Bachantinnen umgeben ? Und alles jauchzte Liebe, Lust und Leben! Heilig war Hellas, heilig war sein Land! Die Blumen blühten unter seinem Fuß, ein jedes Tier entbot ihm seinen Gruß und jedem segnete er seinen Pfad. Ein Blütenteppich seine Lagerstatt, geschliffner Marmor war sein Hochaltar und wirres Weinlaub im gelockten Haar ward ihm zur Krone! Flammend spann der Mohn den Königspurpur um den Götterthron! Ihn hast du nicht gesehn? Hast nie gehört, wenn in der Mittagssonne, traumbetört, das ganze Leben schlief — und gellend dann, mit donnergleichem Ton, der große Pan uns rief? KRÖKÖKERICH: Nach Tische schlaf’ ich fest. Ich bin kein Griechensohn. Ich bin Krökökerich und lebe still im Schlamm, seit ich auf diese Erde kam. Mich rüttelt keine Lust mehr und kein Leid


aus meiner tausendjährigen Feuchtigkeit. Laute Gelage sind nicht nach meinem Sinn. Ich quake so leise vor mich hin und fange Fliegen und Nixen ein, die Fliegen zum Fressen, die Nixen zum Frein. So nähr’ ich mich redlich und kümmerlich und blase mich auf und kratze mich. Krökökrökökrökökrökökökökerich. DIE ELFE: Du armes Teufelchen, du dauerst mich. Komm, tanze mit uns und vergiß dein Leid. Wir tanzen in unserem Königskleid, wir auf flinken Beinen und du mit deinem Ziegenfuß. Geh, du mußt nicht weinen. Du kriegst einen Kuß, auf jedes von deinen Hörnern einen. (Sie küßt ihn auf seine Bockshörner.) KRÖKÖKERICH: Man hat doch heute gar keinen Geschmack. Den blöden Bocksfuß kirrt das Pack. Den küssen sie und keine küßt mich. Krökökrökökrökökrökökökökerich.


DIE NIXE: Krököke du nur, dir kann man nicht traun. (schmeichelnd) Spiel uns die Flöte, mein lieber Faun! DER FELDTEUFEL: Seit die Sonne sank ins Silbermeer, klingt meine arme Flöte nicht mehr. Und wenn sie dennoch, von Sehnsucht gequält, mein Hauch beseelt — dann weint und wimmert sie, tränbetaut, einen einzigen zerbrochenen Klagelaut. Sie weint so bang wie ein krankes Kind, weil wir arme, verlassene Feldteufel sind . . . . . DIE ELFE: Komm, wir trösten dich. DIE NIXE: Ja, ich auch. (Sie setzen sich zu ihm.)


DIE ELFE: Der ist netter als dein Krötenbauch. Aber höre mal, König Krökökerich, krabble mal her und bemühe dich. Der Feldteufel hat uns so schön erzählt, was er erlebte und was ihn quält. Nun klappe auf deinen großen Mund und tu uns auch deine Weisheit kund. Du willst uns nur immer her und hin in deine quabbligen Arme ziehn, du willst uns mit Liebesschwüren betören. Wir aber wollen was Hübsches hören. Erzähl uns auch was, was es auch sei. KRÖKÖKERICH: Du unausgebrütetes Mückenei, du Dreifingerhoch, du Pfifferling, was willst du denn hören, du Kückenkind? DIE ELFE: (steht auf) Was über die Heide weht der Wind, was im Morgengrauen der Nebel spinnt, dies und das, ich weiß nicht was.


........ Sag, was ist das Leben für ein Ding? Ist es ein bunter Schmetterling, ist es ein Falter, farbenumloht, heute im Sonnengold, morgen tot? Ein flüchtiger Gießbach, demantenumsprüht, oder ein Feuer, das glimmt und — verglüht? Woher wir kamen, wohin wir gehn, will ich einmal, nur einmal verstehn. Sag es mir, du! KRÖKÖKERICH: Du alberner Tropf, wie kommt solch eine Frage in deinen Kopf? DIE ELFE: Ich weiß nicht. Vom Mondlicht, das um mich blaut, von den goldnen Sternen, nie erreicht, oder, vielleicht, von einer Flöte klingendem Klagelaut, der sich verlor in der Ferne weit . . . . .

DIE NIXE: Schwester, du rufst eine alte Zeit.


DIE ELFE: Die alten Runen raunen ein Lied, das allnächtlich über die Heide zieht. Ich kann es nicht ergründen. Schau, es geistert im Mondenschein um Frau Freyas verfallenen Drudenstein, da gruben die Runen ihr Rätsel ein. Sage mir, was sie künden. KRÖKÖKERICH: Du armes, verirrtes Märchenkind, nur die niemals fragen, glücklich sind. Schönelfchen, hättest du nie gefragt, was die Rune raunt und ihr Rätsel sagt. Es ist ein traurig Gesetz auf Erden: wer fragt, dem muß eine Antwort werden. Wir tragen Namen, die niemand nennt, wir wandern Wege, die keiner kennt. Die alten Runen raunen ein Lied, das allnächtlich über die Heide zieht. Es ist ein Lied von Lust und Qual, von einem verirrten Königskind und es beginnt —


DIE ELFE: Beginnt? KRÖKÖKERICH: Es war einmal . . . . . (Die Elfe schlägt die Hände vor das Gesicht.) DIE NIXE: Es war einmal . . . . . DIE ELFE: Schwester, du schaust so fern und fremd. Dein Königskleid ist ein Totenhemd. DIE NIXE: Schwester, wie blaß ist dein Saphir. Schwester, etwas ist in dir und mir zerbrochen und zerschellt. DER FELDTEUFEL: Das Leid geht durch die Welt. Seit Hellas’ Sonne sank, geht es umher,


macht die Augen trübe, die Herzen schwer, Und wem das Leid ans Herz gefaßt, der muß wandern ohne Ruh und Rast, den packt ein Heimweh nach einem Land, das er immer geahnt und nie gekannt. DIE ELFE: Schwester, gib mir deine Hand. Schwester, mich friert, es ist so kalt. Es ist etwas Fremdes im Märchenwald. DER FELDTEUFEL: Das Leid kommt näher, ich hör’ seinen Schritt. Flieht, verbergt euch! (Er eilt fort.) DIE NIXE:

Schwester, komm mit! (Die Elfe und die Nixe flüchten in den Wald.) DIE ELFE: Schwester!


DIE NIXE: Schwester! DIE ELFE: Verstecke dich! KRÖKÖKERICH: (wackelt eilig ab) Krökökrökökrökökrökökökökerich. (Das Leid und das wandernde Seelchen kommen von verschiedenen Seiten auf die Bühne und begegnen sich.) DAS LEID: Wanderndes Seelchen, ich suchte dich. DAS WANDERNDE SEELCHEN: O, lasse mich! Du hast mich schon allzu oft gefunden, hast allzuviele schleichende Stunden an meinem Lager gesessen. Wollte Gott, ich könnte dich vergessen.


DAS LEID: Gott will das nicht. Nur durch mich geht dein Weg zum Licht. Wanderndes Seelchen, bei Tag und Nacht, wer hat dir deine Lampe bewacht? Wer wußte dich immer wieder zu finden, dein Lichtlein aufs neue zu entzünden? DAS WANDERNDE SEELCHEN: Du warst es! Kamen im frohen Lauf des Lebens bunte Masken zu Hauf, luden lachend mich zu sich ein, zogen mich schmeichelnd in ihren Reihn, krönten mich mit güldenem Kranz, führten im trunkenen Taumeltanz mich von Haus zu Haus — DAS LEID: Und dein Lichtlein — löschte es aus? DAS WANDERNDE SEELCHEN: Mein Lichtlein flackerte bang und irr, konnte nicht danach schauen im wilden Gewirr, mußte mich taumelnd im Tanze drehn.


Die Masken jauchzten. Schön war es, schön! Da tratst du in den bunten Mummenschanz, da zerbrach mir mein güldener Kranz, die Fröhlichen flohen — mit dir allein blieb ich weinend im Kämmerlein, und die Wunder der Welt so weit. DAS LEID: Allein mit mir, dem Leid . . . . . Sage, hat dann nicht nach Tanz und Tand bei mir dein Lichtlein wieder gebrannt, tiefrot wie Blut, wie Kristall so klar, so wie es einst in Gottes Himmel war? DAS WANDERNDE SEELCHEN: Blutrot und kristallklar flammte es auf und brennende Tränen fielen darauf. DAS LEID: Danke dem Leid. Es hat dein Lichtlein bewahrt und bewacht, sonst wär’ es erloschen in Nebel und Nacht. Keine Lampe leuchtet in Ewigkeit, als die, der man brennende Tränen weiht. ..........


Wanderndes Seelchen, gib mir deine Hand — was sahst du sonst noch im Menschenland? (Das wandernde Seelchen kniet vor dem Leid nieder und faßt seine Hände.) DAS WANDERNDE SEELCHEN: Blumen sah ich, die bald verblüht, lohende Feuer, die bald verglüht, frohe Stunden, die eilend flohn, Wort ohne Sinn und Lied ohne Ton. Von vielen geliebt, von vielen verflucht, hab ich Brüder und Schwestern gesucht. In allen Menschen im Menschenland hab ich Gottes Bildnis erkannt. Manche, hoffend und voll Verlangen, sind ein Stück Weges mit mir gegangen. Wir dachten wohl immer zusammen zu wandern, bis sie, einer nach dem andern, in grauer Ferne verschwanden. Und keiner, keiner hat mich verstanden! Da verblaßte der Erde kalte Pracht. Über ihr stand die gestirnte Nacht und aus den Sternen, ewigkeitstief, ein unnennbares Heimweh rief.


DAS LEID: Und dann — DAS WANDERNDE SEELCHEN: Dann hast du mich wieder berührt und mich zu den Tieren und Blumen geführt. Da schaute ich Gottes Bildnis in den Tieren und Blumen der Wildnis. Tieren und Blumen und allem Leben hab ich von meinem Lichtlein gegeben. DAS LEID: Nie wärst du solche Wege gekommen, hätt’ ich dich nicht bei der Hand genommen. Keinen hätte dein Lichtlein erfreut, hätte es nicht das Leid dir betreut. Wanderndes Seelchen, wo kommst du nun her? DAS WANDERNDE SEELCHEN: Von ungefähr. Ich war so einsam und ungekannt in der fremden Menschen fremdem Land, ein brennendes Bangen ergriff mich — da bin ich von Ort zu Ort,


weit, weit von den Menschen fort ins Märchenland gegangen. Nun bist du auch hier. DAS LEID: Auch hier ist das Leid. Wanderndes Seelchen, dein Weg ist weit. Wohin willst du nun gehn? DAS WANDERNDE SEELCHEN: Es ist wild und verwirrt. Meine Füße sind wund, ich bin müd und verirrt. DAS LEID: Das sind alle auf ihrem letzten Pfad. Komm, ich führe dich, wie ich es früher tat. DAS WANDERNDE SEELCHEN: (steht auf) Nein, führe mich nicht mehr, ich mag nicht mehr. Mein Herz ist so schwer — auf deinen Wegen zu allen Stunden habe ich nichts als Dornen gefunden.


DAS LEID: Allen muß ich im Herzen glühen, bis aus den Dornen Rosen blühen. Was ist Leid und was ist Glück? Schau um dich — schau deinen Weg zurück: wanderndes Seelchen, leiddurchglüht, Rosen sind aus den Dornen erblüht! (Das wandernde Seelchen geht staunend in den Hintergrund der Bühne zurück und pflückt rote Rosen.) DAS WANDERNDE SEELCHEN: Auf dem Wege, der mir Dornen bot, blühn rote Rosen rosenrot. DAS LEID: Nun winde dir einen Kranz daraus, dann gehst du ein in dein himmlisches Haus. DAS WANDERNDE SEELCHEN: (weiter Rosen pflückend) Ins Himmelshaus? Ist es mein letzter Pfad, der mich so mit Rosen überschüttet hat?


DAS LEID: Der letzte Weg, du Menschenkind, geht dahin, wo wir alle Kinder sind. DAS WANDERNDE SEELCHEN: Wann geh ich ihn? DAS LEID: Wann du ihn gehst? Gib acht, wanderndes Seelchen, noch heute Nacht. (Das wandernde Seelchen kommt wieder nach vorn, die Hände voll Rosen.) DAS WANDERNDE SEELCHEN: Rote Rosen ranken um meine Hand, wo ich sonst nur dürre Dornen fand. Bin ich im Himmel oder im Märchenland, selig wiedergeboren ? DAS LEID: Das Märchenland ist vor des Himmels Toren. Du bist darin. Auch hier in schöner Wildnis suche und finde Gottes Bildnis.


Neige dich nieder, du Menschenkind, zu allen, die deine Brüder und Schwestern sind. Alle, alle mußt du bedenken und ihnen deine roten Rosen schenken. Nur an denen können die Kranken gesunden, die unter den Dornen Rosen gefunden. Segne alles, was lebt und irrt, daß dein Seelchen Allseelchen allen wird! Deine Rosen duften. Dein Lichtlein loht. Bald ruft dich das ewige Morgenrot. Wache, es ist deine letzte Wacht. Wanderndes Seelchen, gute Nacht. (Das Leid geht langsam fort. Das wandernde Seelchen setzt sich, Rosen im Schoß, und bekränzt sich die Haare. Die Lampe steht vor ihm.) DAS WANDERNDE SEELCHEN: Nun blühten am Weg, der Dornen bot, rote Rosen rosenrot, von Blut durchglüht, von Tränen betaut. Nun schmücke dich, du himmlische Braut, und setze dir auf in Glück und Glanz vor der ewigen Lampe den Rosenkranz. Bald kommt die Sonne durch Nacht und Tod, rosenumrankt und lichterumloht — Rote Rosen, rosenrot . . . . . Nun will ich an alles Leben denken


und ihm meine roten Rosen schenken. (nimmt Rosen vom Schoß und wirft sie ins Weite) Allen Menschen, die mir begegnet, die mir geflucht und die mich gesegnet. Allen Tieren und aller Kreatur, allen Blumen auf grüner Flur, allem Land und Wasser, Erde und Stein will ich eine rote Rose weihn. Alles Leben, ich segne dich! KRÖKÖKERICH: (unsichtbar und gedämpft) Krökökrökökrökökrökökökökerich. (Die Nixe und die Elfe kommen langsam hervor, der Feldteufel folgt, bleibt aber im Hintergrund stehen.) DIE NIXE: Es krökökt schon wieder, die Luft ist rein. DIE ELFE: Schau, welch ein niedliches Schwesterlein! Trägt rote Rosen im Lockenhaar und hat ein Licht wie ein Stern so klar.


DAS WANDERNDE SEELCHEN: Schwestern, wer seid ihr? DIE ELFE: Was wir sind, das wissen wir selbst nicht, du fremdes Kind. Wir tragen Namen, die niemand nennt, wir wandern Wege, die keiner kennt. DIE NIXE: Und wer bist du ? DAS WANDERNDE SEELCHEN: Ein wanderndes Seelchen bin ich. KRÖKÖKERICH: (erscheint) Krökökrökökrökökrökökökökerich.


DIE ELFE: Höre auf zu krököken und störe uns nicht. Schwester, was ist das für ein Licht, das in deiner Lampe leuchtet und loht? DIE NIXE: Es brennt wie Blut, ist wie Blut so rot. Die Flamme flackert her und hin. DAS WANDERNDE SEELCHEN: Es ist meine brennende Seele darin. Das Lichtlein hat mich, leidberührt, wunde Wege hierhergeführt, ich kam aus weiter Ferne. DIE ELFE: Wir hätten eine Seele so gerne.


DAS WANDERNDE SEELCHEN: (gibt beiden eine Rose) Rote Rosen rosenrot, Rosen will ich euch schenken. Auf dem Weg, der Dornen bot, sollt ihr mein gedenken. DIE ELFE: In meinem Krönlein verfing sich ein Licht. Woher es wohl kam — ich weiß es nicht. DIE NIXE: In meinen Weiher fiel ein Stern. Woher er wohl kam — ich wüßte es gern. DAS WANDERNDE SEELCHEN: Es kam ein Seelchen zum andern. Wandern müßt ihr, wandern — folge dem Stern und folge dem Licht, meine Rosen verwelken euch nicht. Einer muß am andern gesunden, der die Rosen unter Dornen gefunden, bis wir alle in Glück und Glanz tragen den roten Rosenkranz,


bis einer im anderen Gott erkennt und ein Lichtlein in uns allen brennt. (Der Feldteufel tritt näher und kniet vor dem wandernden Seelchen nieder.) DER FELDTEUFEL: Schöne Schwester, erhöre mich. KRÖKÖKERICH! Krökökrökökrökökrökökökökerich! Jetzt hab ich’s satt. Was will das Menschlein hier ? Elfen und Nixen verführt es mir. Ich blase die Pest ihm ins Gesicht! DER FELDTEUFEL: Leuchte mir, Schwester, mit deinem Licht, daß ich den großen toten Pan suchen und wiederfinden kann. Viele Wege, sagst du, mußtest du gehn — hast du niemals den großen Pan gesehn? Er hat uns verlassen.


DAS WANDERNDE SEELCHEN: O nein, er ist hier, er lebt in allem, in dir und in mir. DER FELDTEUFEL: Dann bin ich erblindet, ich kann ihn nicht schaun. DAS WANDERNDE SEELCHEN: Schau auf meine Lampe, du armer Faun. Zünde dein Lichtlein an meinem an, dann schaust du wieder den großen Pan. Das Licht brennt allem, was lebt und irrt, auf daß jedes Seelchen Allseelchen wird. DIE NIXE: Schwester, wir wollen wandern zum Licht, deine Rosen verwelken uns nicht. DIE ELFE: Wenn wir Dornen suchen und Rosen schenken, Schwester, wollen wir dein gedenken.


DER FELDTEUFEL: Schwester — DAS WANDERNDE SEELCHEN: Rosen will ich dir reichen, Rosen für dich und deinesgleichen. Bringe sie allem Getier im Walde, den Blüten und Blättern auf grüner Halde und in dein zerbrochenes Heiligtum. DER FELDTEUFEL: (nimmt die Rosen und steht auf) Aber die Götter sind tot und stumm. DAS WANDERNDE SEELCHEN: Glaube das nicht. Glaube der Botschaft von Rosen und Licht, zünde im großen schlafenden Pan tausend lebendige Lichter an, alles gesundet, was erkrankt, der Marmor lebt wieder, von Rosen umrankt, in der toten Götter Diadem schimmert der Stern von Betlehem.


KRÖKÖKERICH: Jetzt ist es genug! Feuer und Fluch, alle wilden Gewalten ruf ich heran, uralten Zauber und bösen Bann. Du Wechselbalg! Der Donner erschlage dich! Krökökrökökrökökrökökökökerich! (Starker, anhaltender Donner.) DAS WANDERNDE SEELCHEN: (erhebt seine Lampe) Vor der Lampe, die ewig brennt, sei ruhig, tobendes Element. (Der Donner verstummt. Das wandernde Seelchen wendet sich Krökökerich zu.) DAS WANDERNDE SEELCHEN: (leise) Wer ist nun stärker, du oder ich? KRÖKÖKERICH: (trotzig und erbost) Krökökrökökrökökrökökökökerich! Alles Vergangne ist fern und fahl,


ist Schatten und Schein, du weckst es nicht auf — es war einmal. DAS WANDERNDE SEELCHEN: Und einmal wird es sein! (geht langsam auf ihn zu) Das ewige Licht in der Kinderhand alle wilden Gewalten der Erde bannt. (Sie streut Rosen auf ihn und den Drudenstein, auf dem er kauert.) Gottes Bildnis suchte ich für und für, ich fand es in allem — und auch in dir. Ich segne jeden, der mich bekriegt. KRÖKÖKERICH: (neigt den Kopf) Wanderndes Seelchen, du hast gesiegt. Ich fluchte dir und du segnest mich. (Seine Hände greifen nach den Rosen. Verlöschend) Krökökrökökrökökrökökökökerich DIE ELFE: Schwesterlein — Rosen ranken am Drudenstein. (Ein schwaches rotes Morgenlicht wird sichtbar.)


DIE STIMME EINER UNSICHTBAREN WESENHEIT: Wanderndes Seelchen, nun gib mir die Hände. Die Sonne geht auf, dein Weg ist zu Ende. Dein Lichtlein führt dich durch Leid und Glück wieder in Gottes Himmel zurück. (Das wandernde Seelchen geht auf die Mitte der Bühne und schaut nach dem alten Tempel hinüber, hinter dem sich das rote Licht immer mehr und mehr verbreitet.) DAS WANDERNDE SEELCHEN: Die Sonne kommt. — Vergeßt mich nicht, glaubt der Botschaft von Rosen und Licht. Wir alle, die auf die Wanderung gehn, werden uns einmal wiedersehn im Kinderglück und im Sonnenglanz, mit dem Lichtlein und mit dem Rosenkranz. Einmal ist alles Leben befreit, dornengekrönt und rosengeweiht — und breitet die Arme, lichtumloht, weit ins ewige Morgenrot! (Das wandernde Seelchen verschwindet über den zerfallenen Tempelstufen im Licht. Vorhang.)


DER TOD UND DAS KLEINE MÄDCHEN


PERSONEN: Der Tod Das kleine Mädchen Ein Totengräber Gestalten der Gedanken Engel. ORT DER HANDLUNG: Ein Dorffriedhof und das Krankenzimmer des kleinen Mädchens.


(Ein Dorffriedhof. Es ist gegen Abend. Der Totengräber gräbt ein Grab, neben ihm steht das kleine Mädchen und sieht zu.) DER TOTENGRÄBER: (singt) Spaten ein und Spaten aus, jedem baue ich sein Haus. Sechs Fuß tief und breit zwei Schuh, alle gehn darin zur Ruh. Arm und Reich und Groß und Klein, alle ziehen darin ein, heute, morgen — oder wann — du und ich und jedermann. Nun, kleine Dirn, was guckst du? Für dich ist’s noch lange Zeit bis zum Grabe. DAS KLEINE MÄDCHEN: Am Ende ist es meines, das du gräbst?


DER TOTENGRÄBER: Frag nicht so dumm. Geh lieber ins Dorf mit den anderen Kindern spielen. DAS KLEINE MÄDCHEN: (schüttelt den Kopf) Es spielt niemand mit mir. DER TOTENGRÄBER: Du bist halt ein sonderbares Kind. Sonst würden die anderen schon mit dir spielen. Wenn ich nur wüßte, was du immer hier auf dem Friedhof suchst. DAS KLEINE MÄDCHEN: Es ist so schön still hier. Es muß auch ganz still sein, damit meine Gedanken wieder zu mir zum Besuch kommen können. DER TOTENGRÄBER: So, so, deine Gedanken kommen zu dir zum Besuch. Was du nicht sagst! Ich bin froh, wenn keine Gedanken zu mir zum Besuch kommen.


DAS KLEINE MÄDCHEN: Die Gedanken sind doch so schön. DER TOTENGRÄBER: Wie man’s nimmt. Sei froh, wenn deine Gedanken schön sind. Aber warum bleibst du nicht im Dorf? Sind die Gedanken denn hier schöner als auf dem Dorfe? DAS KLEINE MÄDCHEN: Im Dorf ist es zu laut für sie und man versteht nicht gut, was sie sagen, denn sie reden ja ohne Worte. DER TOTENGRÄBER: Das ist ja sehr sonderbar. Nun, dann bleibe nur hier und laß dich von deinen Gedanken unterhalten. (Er wirft den Spaten über die Schulter, nickt dem kleinen Mädchen zu und geht singend ab.) Heute, morgen — oder wann — du und ich und jedermann (Das kleine Mädchen setzt sich auf ein Grab. Eine leise Musik beginnt.)


DAS KLEINE MÄDCHEN: Es singt so sonderbar in der Luft. Nun werden meine Gedanken gleich kommen, ich freue mich sehr auf sie. (Die Gestalten der Gedanken erscheinen lautlos aus dem Vorhang im Hintergrund: eine alte Frau im grauen Gewand, ein Mädchen in rosenfarbenem, ein Mann in rotem Schellenkleid und ein Mädchen in blauem Gewande.) DAS KLEINE MÄDCHEN: Ach, das ist der traurige in den grauen Kleidern, der kommt immer zuerst, wenn man den Lärm und die Dorfgassen noch nicht vergessen hat. Aber da ist der frohe, der rosenfarbene mit den hübschen goldenen Sternen drauf. Jetzt wird es gleich ganz lustig, denn nun kommt der rote, der so komische Fratzen macht. Ach ja, und das ist der blaue, der von den fernen Märchenländern erzählt, das ist immer so sehr schön. Aber nun will ich still sein und hören, was meine Gedanken heute wieder sagen werden. (Die Gestalten der Gedanken treten, einer nach dem anderen, etwas vor, bewegen sich eine kurze Weile vor dem kleinen Mädchen unter Begleitung einer entsprechenden Musik und verschwinden dann schemenhaft im Vorhang. Wie der letzte Gedanke gegangen ist, kommt der Tod als hohe Gestalt im schwarzen Gewand, mit einem Stern im Haar, durch die


Gräber geschritten und auf das kleine Mädchen zu. Die Musik verstummt.) DAS KLEINE MÄDCHEN: (erstaunt) Bist du auch ein Gedanke? Aber du bist so sehr viel größer als die Gedanken, die mich sonst besuchen, und du bist so schön, wie keiner von meinen vielen Gedanken jemals war. (Der Tod setzt sich zu dem kleinen Mädchen aufs Grab.) DER TOD: Du fragst ein bißchen viel auf einmal. Ich bin wohl ein Gedanke und doch wieder auch etwas mehr. Es ist für mich gar nicht so leicht, dir das zu erklären. Sonst täte ich es gewiß gerne. DAS KLEINE MÄDCHEN: Bemühe dich nicht meinetwegen. Ich brauche dich gar nicht zu verstehen, es ist auch sehr schön, dich bloß anzusehen. Aber ich möchte gerne wissen, wie du heißt. Meine Gedanken sagen mir immer alle, wie sie heißen, und das ist sehr lustig.


DER TOD: (freundlich) Ich bin der Tod, mein Kind. DAS KLEINE MÄDCHEN: (sieht den Tod lange und aufmerksam an.) Du hast so schöne und gute Augen. Solche Augen habe ich noch nicht gesehn. Man muß Vertrauen zu dir haben, wenn man dir in die Augen sieht. — Weißt du, es ist so komisch, daß alle Menschen Angst haben, wenn sie von dir sprechen, wo du so nett bist. Ich möchte gerne mit dir spielen. Es spielt sonst niemand mit mir. DER TOD: Ja, wir wollen zusammen spielen, wie zwei Kinder miteinander spielen, mitten unter den Gräbern auf dem Friedhof. DAS KLEINE MÄDCHEN: Wir wollen Himmel und Erde bauen. Hoffentlich verstehst du es auch. Wir machen den Himmel aus den hellen Kieseln und die Erde aus den dunkeln. Ich werde dir fleißig Steine suchen.


(Sie sucht Steine zwischen den Gräbern und beginnt zu spielen.) Jetzt haben wir genug. Ich finde, daß du sehr schön spielen kannst. Willst du nun den Himmel bauen und ich die Erde oder umgekehrt ? Mir ist es einerlei. Du kannst dir aussuchen, was dir mehr Spaß macht. Ich erlaube es dir. DER TOD: Ich danke dir sehr. Aber, siehst du, ich bin kein Kind mehr und verstehe nicht mehr so zu bauen, wie man das als Kind versteht. Du bist ja noch ein Kind und ich denke, du baust dir deinen Himmel und deine Erde selber. Aber ich will dir bei beidem helfen. DAS KLEINE MÄDCHEN: Das ist nett von dir. Nun bau ich mir meinen Himmel und meine Erde aus bunten Kieselsteinen und du hilfst mir dabei. — Jetzt paß auf: hier ist der Himmel und drin wohnt der liebe Gott und hier ist die Erde und da wohne ich. Nun mußt du auch noch eine Wohnung haben. Aber ich weiß ja noch gar nicht, wo du wohnst?


DER TOD: Ich wohne zwischen Himmel und Erde, denn ich muß ja die Menschenseelen von der Erde zum Himmel führen. DAS KLEINE MÄDCHEN: Richtig. Dann kriegst du eine Wohnung aus hellen und dunklen Steinen zusammen. Es soll eine feine Wohnung werden, du wirst schon sehen. DER TOD: Ich freue mich sehr, daß du mir eine Wohnung baust. DAS KLEINE MÄDCHEN: Höre mal, du hast doch eben gesagt, daß du die Menschenseelen von der Erde zum Himmel führst. Erzähle mir mal ein bißchen davon, wie du das machst — und warum müssen wir überhaupt sterben? Kann man denn nicht einfach in den Himmel ’rüberlaufen? (Ferne tiefe Glocken läuten Feierabend.)


DER TOD: Hörst du die Glocken Feierabend läuten? Siehst du, mit den Menschenseelen ist das ganz ähnlich wie mit den Glocken. Jede Menschenseele ist eine Glocke und du hörst sie läuten, wenn du ordentlich aufpaßt, in frohen und traurigen Stunden. Bei manchen läutet sie nur noch ganz schwach und das ist dann freilich sehr schlimm. Wenn ich nun zu einem Menschen komme, dann läutet seine Glockenseele Feierabend. Die Glocke wird in den Himmel gehängt und dort läutet sie dann weiter. DAS KLEINE MÄDCHEN: Läuten sie denn da alle durcheinander ? Das muß gar nicht schön klingen, denn jede läutet doch sicher ganz anders. Es ist gewiß nicht angenehm für den lieben Gott, sich das immer anhören zu müssen. DER TOD: Das ist schon wahr, aber siehst du, die Glockenseelen kommen so oft auf die Erde zurück und werden so lange umgegossen, bis sie alle ihr eigenes richtiges Geläute haben und alle zusammenklingen. So lange aber muß ich die Menschen von der Erde zum Himmel tragen.


DAS KLEINE MÄDCHEN: Das tut mir sehr leid für dich, es ist gewiß eine sehr mühsame Arbeit. Aber paß nur auf, es wird schon mal besser werden und dann hast du gar nichts mehr zu tun und wir beide spielen immer so nett zusammen wie heute. Warum machst du so ein trauriges Gesicht? DER TOD: (sieht über das kleine Mädchen hinweg ins Leere) Ich sehe in eine sehr, sehr weite Ferne . . . . . DAS KLEINE MÄDCHEN: Deine Wohnung ist jetzt fertig. Ist sie nicht sehr hübsch geworden? DER TOD: Sie ist sehr hübsch, ich danke dir auch. Aber es ist spät und du mußt jetzt nach Hause gehen. Es war schön mit dir zu spielen. (Er reicht dem kleinen Mädchen die Hand.)


DAS KLEINE MÄDCHEN: (knickst) Guten Abend. Kommst du nicht auch einmal, mich besuchen? Ich bin so viel allein. DER TOD: Ja, ich werde dich sehr bald besuchen, weil du so allein bist. (Vorhang.) (Krankenzimmer des kleinen Mädchens. Dämmerlicht, eine Kerze brennt neben dem Bett, in dem das kleine Mädchen liegt. Im Hintergrund der Szene ein violetter Vorhang. Ferne tiefe Glocken läuten Feierabend, der Tod tritt leise ein.) DAS KLEINE MÄDCHEN: Das ist nett von dir, daß du mich besuchen kommst. DER TOD: (setzt sich zu dem kleinen Mädchen aufs Bett) Es ist Feierabend.


DAS KLEINE MÄDCHEN: Ach ja, davon hast du mir damals so schön erzählt, als wir zusammen Himmel und Erde bauten. Dann kommst du gewiß, um meine Glockenseele zu holen. Hoffentlich klingt sie aber auch hübsch, so — daß sich der liebe Gott nicht ärgert. DER TOD: Sie sehnen sich im Himmel nach einer reinen Glocke. Darum haben sie mich gebeten, zu dir zu kommen. (Das ferne Glockenläuten verstummt, Pause.) DAS KLEINE MÄDCHEN: Muß ich dann sterben? DER TOD: Das brauchst du gar nicht so zu nennen. Siehst du, es ist ganz einfach: an deiner Tür stehen zwei Engel und die führen dich dann zum lieben Gott in den Himmel. DAS KLEINE MÄDCHEN: Ich kann aber die Engel nicht sehen.


DER TOD: Ich werde dich mal auf den Arm nehmen, dann wirst du die Engel gleich sehen. (Leise Musik. Der Tod nimmt das kleine Mädchen auf die Arme. Der Vorhang im Hintergrund teilt sich und man erblickt zwei Engel in weißen Gewändern. Der Tod übergibt das kleine Mädchen den Engeln, die es auf einigen Stufen in den Himmel führen, der durch den geteilten Vorhang hindurch zu sehen und durch einfach gemalte Wolken in rein kindlicher Darstellung abgegrenzt ist. Wie das kleine Mädchen im Himmel ist, läutet seine Glockenseele mit einem feinen gläsernen Ton. Der Tod geht langsam zum Bett des kleinen Mädchens und löscht die Kerze aus, dann birgt er das Gesicht in den Händen.) DAS KLEINE MÄDCHEN: Es ist so sehr schön im Himmel und ich freue mich auch, daß meine Glockenseele so hübsch läutet. Es tut mir nur so leid, daß der Tod unten bleiben muß. (Sie beugt sich über die Brüstung oben und sieht zum Tod herunter.) Kannst du hören, wenn ich von oben ’runterrufe ?


DER TOD: (nimmt die Hände vom Gesicht und sieht nach oben) Ja — du brauchst auch nicht so laut zu rufen, denn für mich sind Himmel und Erde so nahe beieinander, wie wir sie einmal zusammen aus Kieselsteinen gebaut haben. DAS KLEINE MÄDCHEN: Das freut mich. Es ist bloß sehr schade, daß ich nicht mehr mit dir spielen kann. Jetzt spielt niemand mehr mit dir. Sei bloß nicht zu traurig drüber. Hörst du? DER TOD: Es war schön, daß du mit mir gespielt hast, und wenn ich einmal traurig werde, dann höre ich oben deine Glockenseele läuten und freue mich darüber, daß einmal ein Kind mit mir gespielt hat. DAS KLEINE MÄDCHEN: Ja, tue das, und ich will dir auch etwas Wunderhübsches sagen, was mir eben die großen Engel erzählt haben. Die großen Engel sagen, daß einmal eine Zeit kommen wird, wo alle Glockenseelen


zusammenklingen und alle Menschen mit dem Tod wie die Kinder spielen werden! (Der BĂźhnenvorhang schlieĂ&#x;t sich langsam. Die leise Musik dauert noch etwas fort.)

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Manfred Kyber - Das wandernde Seelchen und Der Tod und das kleine Mädchen, 1920,  

Diese Ausgabe von ngiyaw eBooks, www.ngiyaw-ebooks.org. Eine gänzlich nicht-kommerzielle Verwendung ist gestattet, solange das ebook (pdf)...

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