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CASTING Nicolas Wackerbarth & Hannes Held

DEUTSCHE DREHBĂœCHER Herausgegeben von der Deutschen Filmakademie


SÜDWESTRUNDFUNK FERNSEHEN HA FILM UND PLANUNG PRODUKTION: Franziska Specht REGIE: Nicolas Wackerbarth REDAKTION: Katharina Dufner, Jan Berning PRODUKTIONSLEITUNG: Dieter Streck PRODUKTIONS-NR.: 2 148 602

Casting von Nicolas Wackerbarth, Hannes Held

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INT. STUDIOGANG - TAG

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Die Casterin RUTH (40) läuft hektisch telefonierend durch den niedrigen Seitengang eines Filmstudios. RUTH (ins Telefon) Genau, da bist du jetzt in so ´nem Gang drin, ne? Ja! Ist da ein Pfeil? Siehst du einen Pfeil? Da steht Cafeteria drauf! Da musst du in die entgegengesetzte Richtung gehen. Richtung Fahrstühle. Siehst du ... Am Ende des Seitengangs taucht in dem Versorgungsgang die Schauspielerin ALMUT DEHLEN (48), eine Frau mit hellblonden Haaren, auf. Sie hat klare symmetrische, auf eine interessante Art neutrale Gesichtszüge. Almut Dehlen hat ebenfalls das Handy am Ohr und geht planlos an dem Seitengang vorbei, ohne Ruth zu sehen. RUTH (CONT’D) (ins Telefon) Aaah! Mensch, da bist du ja! Hi! Mit breitem Lächeln geht Ruth auf Almut Dehlen zu, die sich zu Ruth umdreht und sie entdeckt. ALMUT DEHLEN (ins Telefon) Ah ja ... Etwas verhalten steckt Almut Dehlen das Handy ein. Hi! Hallo!

RUTH ALMUT DEHLEN

RUTH Ja, gut siehst du aus! Ja.

ALMUT DEHLEN

Ruth geht den Gang wieder in die andere Richtung zurück, Almut Dehlen folgt ihr. RUTH Wir gehen jetzt erstmal in die Maske, die Hanne guckt nochmal kurz drüber. Ja?


2. ALMUT DEHLEN Wieso jetzt Maske? Du hast gesagt, ich sehe gut aus! RUTH Hier ist die Maske. Almut Dehlen bleibt abrupt stehen. ALMUT DEHLEN Wieso jetzt Maske? RUTH Ähm. Das hat sich jetzt die Vera so gewünscht. 2

INT. MASKENRAUM - TAG

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Der Maskenraum ist mit hellen Spiegeln ausgestattet. Über den Spiegeln stehen Puppenköpfe mit unterschiedlichen Perücken. Die Maskenbildnerin HANNE (43), eine warmherzige Frau mit Kurzhaarschnitt und sinnlicher Figur, streckt ihr die Hand entgegen., schaut Almut Dehlen und Ruth erwartungsvoll an. Hallo!

HANNE

RUTH Hallo! (zu Almut Dehlen) Das hat sich die Vera jetzt nochmal gewünscht. Einfach nochmal ein bisschen... das sie nochmal was Anderes sieht. Nochmal ein bisschen deinen Typ verändern. Zögernd bleibt Almut Dehlen in der Tür stehen. ALMUT DEHLEN Ok. Ähm ... RUTH (zu Hanne) Oder, das war die Ansage? Genau.

HANNE

RUTH Ja. Komm mal rein! Willst du das ausziehen?


3. ALMUT DEHLEN Aber ich bin jetzt schon geschminkt und alles. Guck! Also es ist alles gemacht. Ist alles gut. RUTH Okay, aber kann Sie noch mal einfach drüber gucken? Und ich glaube, es war auch noch irgendwas da ... HANNE Genau, die Vera wollte gerne nochmal was mit ´ner Perücke probieren. Äh?

ALMUT DEHLEN

HANNE (entschieden) Einfach mit ´ner anderen Haarfarbe. Almut Dehlen ignoriert die bereits vorbereitete SchwarzhaarPerücke und schaut sich neugierig die anderen an, die oben im Regal stehen. Sie nimmt eine Rothaar-Perücke runter. RUTH Ja, sie hat sich wirklich gewünscht, dunkle Haare, nicht rote Haare. Es geht darum, dass du nochmal `ne Härte bekommst oder irgendwie was Kühleres. Almut Dehlen setzt sich auf den Frisier-Stuhl, betrachtet ihre doch eher kühle blonde Erscheinung. ALMUT DEHLEN Das bring ich ja mit. HANNE Nein, find ich gar nicht! ALMUT DEHLEN Also das bring ich ja mit! Also... wenn dann, dann ... Also das versteh ich jetzt überhaupt nicht. Ich mein, sie hätte auch mal anrufen können. Sie hätte einmal das Telefon in die Hand nehmen können und mich anrufen können und mir so Zeugs erklären. (MORE)


4. ALMUT DEHLEN (CONT'D) Mich hier antanzen lassen, ein Mal nach dem andern und sich dazu überhaupt nicht äußern. Zu keiner Szene, die ich gemacht habe, hat sie sich geäußert. Ich weiß überhaupt gar nicht mehr, was ich spielen soll! Ich mein, ich hab, ich hab ja ... Almut Dehlen nimmt fürsorglich beide Hände von Hanne. ALMUT DEHLEN (CONT’D) Können wir anfangen, sonst sind wir zu spät. Hanne beginnt die blonden Haare von Almut Dehlen einzudrehen. Ruth lehnt hinter ihnen an einem Waschbecken und schaut zu. HANNE Ich schnecke die einfach ein bissl´ ein. Kurzes Schweigen. RUTH Tut mir echt total Leid, wenn du so geladen ins Casting gehst, das ist ja auch nicht okay. Ich will dir nur erklären, warum es manchmal einfach länger dauert. Weil der Sender will halt Stars haben, Vera interessiert ... mehr das Spiel und jeder will halt seine Vorstellung durchbringen, und das ist natürlich einfach schwierig ... und manchmal läuft`s auch auf Kosten der Schauspieler. Kann ich dir was Gutes tun, Almut? Obst, Brötchen? Was möchtest du? Obst.

ALMUT DEHLEN

RUTH Obst? Ein Apfel? Banane? Apfel.

ALMUT DEHLEN

Ruth holt einen Apfel von einem Catering-Tisch im Vorraum des Studios und gibt ihn Almut Dehlen, die entnervt hineinbeisst. Der Anspielpartner GERWIN (45) kommt in den Maskenraum spaziert.


5. Er trägt eine Stoffjacke mit Rundkragen, wie sie bei Jugendlichen angesagt ist. Hanne fühlt sich in ihrer Arbeit gestört. HANNE Können wir hier vielleicht noch ein bisschen Ruhe haben? GERWIN (geschäftig) Jaja. Ich komm frisch von der Baustelle. HANNE Ruhig halten. Hannes sticht Almut Dehlen aus Versehen mit einer Haarnadel. AUA!

ALMUT DEHLEN

HANNE Oh, Entschuldigung! Gerwin begrüsst Ruth mit Küsschen und möchte auch die gestresste Hanne begrüßen, die ihre Arbeit sehr ernst nimmt. RUTH Ok. Hanne kennst du schon? Ne, hallo.

GERWIN

RUTH Und die Almut Dehlen? Etwas schüchtern nähert sich Gerwin der Schauspielerin. GERWIN Gerwin. Hallo! Ruth bugsiert Gerwin aus dem Maskenraum. RUTH Wir sehen uns einfach gleich im Studio, ne? ALMUT DEHLEN Wieso? Wer? Entschuldigung, was machst du? RUTH Das ist Gerwin, der hilft heute ein bisschen mit.


6. Für einen Moment entsteht eine verlegene Pause. GERWIN Ich mach den Karl. ALMUT DEHLEN Wie jetzt, du machst den Karl? Ne, da ... da hast du was nicht ganz mitgekriegt. Also dieser Kostja, der ist heute hier. Es geht ja darum, ob diese Konstellation passt. RUTH (kleinlaut) Nein, der Gerwin ist mein Anspielpartner, den ich öfter buche. ALMUT DEHLEN Ne! Aber ganz kurz ... Almut Dehlen macht sich von Hanne los. HANNE (protestiert) Ich bin jetzt gerade mit den Klammern ... ALMUT DEHLEN (laut) Das ist jetzt nicht wahr! Was heißt hier, das ist mein Anspielpartner? RUTH Der Kostja konnte nicht. Der kann heute nicht. Der hat noch gedreht in Wien und sitzt da fest. ALMUT DEHLEN Ich will mich nicht ... mit irgendeiner wildfremden Anspielwurst hier mir wieder alles aufreißen! Was soll denn des? Ich kenn den Typen nicht! Wer ist denn das überhaupt? GERWIN (im Abgehen) Toller Film übrigens. Das mit den zwei Pärchen da im Schilf. Gerwin?

RUTH


7. GERWIN (ironisch) Also wenig Dialog, aber ... RUTH Du kannst schon mal ins Studio gehen. Ich komm dann nach. GERWIN ... gedeckelte Spannung. Fand ich ... fand ich großartig. Gerwin verschwindet auf dem Gang. Ruth wendet sich wieder Almut Dehlen zu, die wütend in den Apfel beisst. RUTH Du kannst dich jetzt entscheiden, ob du dich weiter hier reinsteigerst ja ... oder ... ALMUT DEHLEN Nein, ich steigere mich nicht hier rein. RUTH ... ob du dich ein bisschen beruhigst und ein gutes Casting machen willst, weil deswegen bist du hier. ALMUT DEHLEN Das Casting mach ich eh gut. Das Casting mach ich eh gut. Hanne steckt sich ein paar Klammern in den Mund und schiebt Almut Dehlens Haare hoch. HANNE Wir haben jetzt nicht mehr so viel Zeit. Ich stecke das jetzt nur hier einfach fest, ok? 3

INT. STUDIO 1 - TAG

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Gerwin kommt aus dem Gang ins Filmstudio.Das Studio1 der öffentlich rechtlichen Fernsehanstalt ist eine große Halle, in deren hinteren Teil die Rückwände des aufgebauten FilmSets zu sehen sind. Der Eingang einer VILLA führt ins Innere der Kulisse. Davor stehen ein paar Stühle, ein großes Bett und Technik. Die Regisseurin VERA (45), lehnt an einer Holztheke und schaut in ihr Regiebuch.


8. Unschlüssig, was der richtige Ort für ihn ist, bleibt er etwas abseits von Vera stehen. Vera wirft ihm einen freundlichen Blick zu und liest weiter in ihrem Textbuch. GERWIN Jo, die doktern da noch ein bisschen rum mit der Friese. Vera lacht verhalten. Stille. Kurz darauf kommt Almut Dehlen mit Hanne und Ruth ins Studio. Sie trägt eine schwarze leicht gelockte Sechziger-Jahre Kurzhaar-Perücke. Hanne geht zu Vera, Almut Dehlen bleibt unsicher in der Tür stehen. Super!

VERA

HANNE Das wär jetzt mal nur die Perücke. VERA Ist aber super! Das gefällt mir sehr sehr gut, muss ich sagen. Almut Dehlen lächelt unsicher. ALMUT DEHLEN

Ja?

Mhh!

VERA (nickt)

Vera reicht Almut Dehlen die Hand und begrüßt sie herzlich. Hallo.

ALMUT DEHLEN

VERA Schön, dass du da bist. ALMUT DEHLEN (verdruckst) Ja. Ich freu mich auch. VERA Weiß ich sehr zu schätzen.

Ok.

ALMUT DEHLEN (sarkastisch)

VERA Freust dich auch?


9. Almut Dehlen windet sich. ALMUT DEHLEN Hm ja, also ich hab ein bisschen gebraucht, da es das vierte Mal ist, aber ich freu mich schon. VERA Ja, gehört bei mir dazu. RUTH Du bist ein ganz anderer Typ. Interessant, jetzt auch zu sehen, was da alles möglich ist. VERA Aber du könntest so ein Typ sein. Das ist ... RUTH Was ist denn deine Naturhaarfarbe? Almut Dehlen deutet auf die braunen Haare von Hanne. ALMUT DEHLEN Also, so etwa. RUTH Ach so, so ja? ALMUT DEHLEN Ja. Aber es gibt halt mehr Jobs als blond. RUTH (lacht) Ist das so, ja? Almut Dehlen schaut Vera an. ALMUT DEHLEN Ich fänd halt mal schön, wenn Vertrauen kommt und nicht immer wieder so n´ „mhh“, „weiß nicht“ ... so kommt das halt an bei mir. VERA Aber wenn ich kein Vertrauen hätte, hätte ich dich kein einziges Mal eingeladen, das ist doch klar. Ich lad doch nicht jeden ein.


10. ALMUT DEHLEN Ja. Aber ich mein vier Mal einladen ist jetzt auch nicht grade normal. VERA (entschieden) Das ist Teil der Arbeit. Ich arbeite so. Und dass das für alle meine Mitstreiter schwierig ist, das weiß ich ... und weiß es bei jedem zu schätzen, wenn sie mir die Stange halten. Vera schenkt Ruth und Hanne ein anerkennendes Lächeln. VERA (CONT’D) Also das ist ... aber weißt ja, kennst ja meine Arbeit. ALMUT DEHLEN Ja, also ... Ok. VERA Wollen wir? (deutet auf Gerwin) Ihr habt euch schon bekannt gemacht? Ja.

GERWIN

ALMUT DEHLEN (kleinlaut) Also, ganz kurz nur. RUTH Der Gerwin macht das immer ganz toll. Ja. 4

GERWIN

INT. STUDIO 1 - ETWAS SPÄTER

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Vera und Hanne haben auf den Stühlen neben den Rückwänden des Filmsets Platz genommen. Ruth steht daneben, in der Hand hat sie eine Video-Kamera. Gerwin tigert zwischen den Stühlen herum, während Almut Dehlen ebenfalls auf einem Stuhl Platz genommen hat. Sie schaut von dem Text in ihrer Hand hinüber zu Vera.


11. ALMUT DEHLEN Ich bin jetzt viel aufgeregter als bei den anderen Malen, ehrlich gesagt. (beat) Also, versteh ich jetzt auch nicht. VERA Warum bist du aufgeregt? ALMUT DEHLEN Weil, das ist wie ... Ja, das kommt mir jetzt so wie Härtetest vor, oder so. Also schon so`n bisschen. VERA (streng) Pass auf. Weißt du, worauf es mir ankommt: Unsere Casting-Szene fängt an mit deinem Satz „Ich bin nicht hysterisch.“

Ja.

ALMUT DEHLEN (unsicher)

VERA (entschieden) Und ich würde den gerne einmal wirklich gänzlich unhysterisch hören. Ok. Und bitte!

ALMUT DEHLEN VERA

Almut Dehlen konzentriert sich. Ruth drückt den Record-Knopf der Videokamera, ein Piepston ist zu hören. ALMUT DEHLEN (als Petra von Kant) Ich bin nicht hysterisch. Ich lei ... Uäh! VERA ... und nicht hysterisch sein! Ok.

ALMUT DEHLEN

VERA ... und bitte!


12. ALMUT DEHLEN Ich bin nicht hysterisch. Ich leide. GERWIN (als Karl) Ach was, wenn du leidest, geht’s dir doch gut. ALMUT DEHLEN Ja, mach`s dir einfach. Wenn jemand leidet, dann geht es ihm gut. GERWIN Na ist doch so. ALMUT DEHLEN Wär aber lieber glücklich. Ich wär viel lieber glücklich. Das macht mich alles so krank hier. GERWIN Was macht dich krank? ALMUT DEHLEN (verzweifelt) Du. Du. Du machst mich krank! Weil ich nie weiß, warum du wirklich bei mir bist. Weil ich Geld hab? Oder ... oder weil ich dir eine Chance gebe? Oder weil du mich liebst? Almut Dehlen wirft sich ihm hingebungsvoll an den Hals. Gerwin bleibt distanziert. Vera schüttelt den Kopf. Sie hebt die Hand, unterbricht die Szene. VERA Ok, jetzt warte mal. Stopp, Stopp! Äh, ne. Jetzt geht das in ne falsche Richtung. Jetzt machst du dich zum kleinen Mädchen. Jetzt, ne. Das mein ich nicht. Das ist oft so ein Missverständnis bei Frauen, also wenn wir echt lieben, werden wir zum Kind. Aber das will ich überhaupt nicht. ALMUT DEHLEN (kratzt sich am Kopf unter der Perücke) Hach.


13. VERA Das ist dir leider auch grad passiert. Weiß ich nicht, warum, war vorher nie, aber. Ne. Das möchte ich gar nicht. Ihr Problem ist eher eine mangelnde Selbstliebe, die sie kitten will, wo sie sich den anderen holt, um das in sich zu füllen. Diese Gefahr, die Liebe auch ist, die würde ich gern sehen in dem Moment. ALMUT DEHLEN Okay. (holt kurz Luft, als Petra von Kant) Da guck mal. Einen hervorragenden Beitrag zur Mode des kommenden Winters leistet Frau Petra von Kant. Mit ihrer neuen Kollektion. Und ein Bild von dir.

Ne.

GERWIN (als Karl)

Doch! Zeig her! Da!

ALMUT DEHLEN GERWIN ALMUT DEHLEN

GERWIN (begeistert) Wahnsinn. Sieht doch toll aus. Sag doch. Ja, schön.

ALMUT DEHLEN

GERWIN Schön, schön ... Das sieht unheimlich toll aus. Ja, schön.

ALMUT DEHLEN

GERWIN Das erste Foto von mir in der Zeitung. Ich liebe dich.


14. Gerwin will sie küssen. ALMUT DEHLEN Ach, scheiße, lass doch. 5

INT. MASKENRAUM - TAG

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Hanne räumt ihre Sachen zusammen und bereitet alles für den nächsten Tag vor. Gerwin hat sein Handy am Ohr. GERWIN Ich versuch, diesen Fliesenleger zu erreichen. Oh Mann. (singt) Fliesenhandel Schaller – bitte haben sie noch einen kleinen Augenblick Geduld. Fuck! Gerwin stellt den Lautsprecher an. Die jazzige Musik der Warteschleife ertönt. Gerwin ist vom Warten in debilinfantiler Stimmung und tanzt neckisch. Eine kleine Wampe wird unter dem T-Shirt sichtbar. Hanne lacht flirtiv. ANSAGE WARTESCHLEIFE (GERWINS HANDY) Fliesenhandel Schaller – bitte haben sie einen Moment Geduld. GERWIN (zu Hanne) Kann ich was helfen? Gib mir einen Sinn! HANNE Du kannst den Boden wischen. GERWIN (ruft flehend) Gib mir einen Sinn! Gerwin wirft sich auf den Boden und beginnt theatral mit der Hand den Boden zu wischen. Hanne stellt ihm den Fuß auf den Rücken und drückt ihn hinunter. HANNE Ja! Marlene! GERWIN Tritt mich. Gib mir Tiernamen. Hanne lacht. Gerwin steht auf.


15. HANNE Spielst du eigentlich selber? GERWIN Eigentlich spiele ich überhaupt nicht mehr. Ah, echt? Ja.

HANNE GERWIN

HANNE Aber du hast mal, oder? GERWIN Ja, ich hab schon mal gespielt, also in verschiedenen freien Produktionen gespielt ... und Film auch. Tatort auch mal. Und so. HANNE Cool. Und warum machst du`s nicht mehr? GERWIN Keinen Bock drauf. Echt?

HANNE

GERWIN Es gibt so `ne Erfolgsspirale, wo sich dann jeder dranhängt an der Spirale, der Redakteur, der sagt: DER muss da mitspielen und DER muss da mitspielen. Wo jeder am Erfolg des anderen teilnehmen möchte, damit er selbst Erfolg hat und ... blbllblip ... Zinga! HANNE Das ist doch eigentlich super, dass du da hier mitmachen kannst. Ist eigentlich super. GERWIN Ich find`s spannend, auf jeden Fall. Ja.

HANNE


16. GERWIN Ist interessant, ja. HANNE Und du passt auch, find ich, ganz gut auf die Rolle. Gerwin lacht. HANNE (CONT’D) Na, ich find schon. GERWIN Das steht ja gar nicht zur Auswahl. HANNE Meinst nicht? GERWIN Also ich glaub nicht. HANNE Der Kostja mit der Luise Maderer Maderer, das wär eigentlich kein ... da wär doch der Altersunterschied schon sehr groß. Das wär eigentlich bissel übertrieben, find ich. Du würdest viel besser passen. Gerwin schaut Hanne einen Moment lang nachdenklich an. GERWIN Du fandst es gut? HANNE Jo, ich fand das irgendwie schon gut. Mit der Dehlen, das war super. Ja?

GERWIN

HANNE Ja, also ich hab das geglaubt. Was du da gemacht hast. Gerwin lächelt sie an. Danke.

GERWIN


17. HANNE Ja ja. Ich würd`s nichts sagen, wenn ich es nicht meinen würde, gell. Hanne packt die Pinsel zusammen. HANNE (CONT’D) So, die muss ich jetzt noch auswaschen. Will dann auch hier mal langsam mal los. (zu Gerwin) Aber wär das nicht `ne Rolle für dich? Gerwin überlegt. 6

INT. STUDIO 1 - TAG Die Schauspielerin MILA URY-TESCHE (51), eine Frau mit dunklen Locken, brauner Haut und braunen Augen, mustert Gerwin prüfend. Das Ganze wirkt, als ob man mitten in eine spannungsgeladene, konzentrierte Szene hineinspringt. Die Videokamera filmt die Gesichter in Großaufnahmen. Mila UryTesche umkreist ihren Schützling. MILA URY-TESCHE (als Petra von Kant) Erzählen Sie von sich! GERWIN (als Karl) Von mir? Da gibt es nicht soviel zu erzählen. MILA URY-TESCHE Doch! Was Sie denken! Was Sie träumen! GERWIN Wenig. Ich will einen Platz auf dieser Welt. Ist das zu viel verlangt? MILA URY-TESCHE Nein. Im Gegenteil, Karl! Im Gegenteil. Das ist es, wozu wir leben! (bricht ab) Uff! Ja machen wir gleich nochmal, das war Scheiße.

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18. Die Videokamera wackelt für einen Moment und setzt neu an. Mila Ury-Tesche geht erneut auf ihre Anfangsposition. Vera wendet sich an Ruth, die noch immer die Videokamera auf Mila Ury-Tesche gerichtet hat. VERA Ok. Läufst du noch? Ja.

RUTH

MILA URY-TESCHE Das ist es, wozu ... wofür wir leben. Bitte!

VERA

MILA URY-TESCHE Erzählen Sie von sich! GERWIN Von mir? Da gibt‘s nicht so viel zu erzählen. MILA URY-TESCHE Doch! Was Sie denken! Was Sie träumen! GERWIN Wenig! Ich will einen Platz auf dieser Welt. Ist das zu viel verlangt? MILA URY-TESCHE Nein, Karl! Im Gegenteil. Im Gegenteil. Das ist es, wofür wir leben. Sich einen Platz zu erkämpfen. Auch ich hab kämpfen müssen. Und zwar hart, sehr hart! Das ist eben so. Mila Ury-Tesche setzt sich. MILA URY-TESCHE (CONT’D) Man muss was von Demut verstehen. Ich zum Beispiel hab Demut vor meiner Arbeit. Vor dem Geld, das ich verdiene. Ich werde Ihnen helfen. Das ist ein Angebot. Mila Ury-Tesche hebt zwei Plastikbecher vom Boden auf. Einen gibt sie Gerwin.


19. MILA URY-TESCHE (CONT’D) Marlene, bring uns eine Flasche Sekt. Sie schaut ihm tief in die Augen. Prost. Prost!

MILA URY-TESCHE (CONT’D) GERWIN

MILA URY-TESCHE Das wir was machen aus uns und unseren Möglichkeiten! Mila Ury-Tesche und Gerwin stoßen zart an. VERA Danke. Das hat mir schon sehr gut gefallen, einfach so beim ersten Durchlauf. MILA URY-TESCHE Ach ja? (zu Gerwin) Würden Sie das denn dann auch spielen? Also wäre das auch der Partner? Ne.

VERA

RUTH Der wird deutlich jünger sein. Gerwin steht auf, ist beleidigt. MILA URY-TESCHE Ach, genau. Das ist dann aber auch ein ganz anderes Herangehen, nein? GERWIN (zu sich) Ja. Da wirkt sie vielleicht alt dagegen.

Ok.

MILA URY-TESCHE (hat das gehört)

GERWIN Ich wollt das nicht ... auch nicht erklären.


20. VERA Ja. Ist jetzt auch gut, Gerwin. MILA URY-TESCHE Ja, ich würd` sagen es is vielleicht ... GERWIN Wenn man´s gelesen hat. VERA Pass mal auf. GERWIN Wenn man das Stück genau liest, dann ... MILA URY-TESCHE Ich würd`s gern einfach nochmal spielen. VERA Das ist nicht dein Bereich! GERWIN (gespielt unschuldig) Jaja, klar! VERA Dass das klar ist! Ne.

GERWIN

VERA Ist das klar? GERWIN Ja, selbstverständlich. MILA URY-TESCHE Äh, ich weiß auch nicht ... ich hab ... mich hat das nur gewundert ... das muss ja einen Grund haben, warum das jetzt ein Mann spielt, ne? Also warum? GERWIN (arrogant) Wo liegt denn das Problem, ich versteh das nicht.


21. MILA URY-TESCHE Naja, das Problem ist, also was heisst ... Problem ist es ja nicht, aber es gibt ja irgendwie einen ganz guten Film schon. Den Fassbinder-Ursprungsfilm und wenn man da was ändert ... GERWIN Ja, und jetzt gibt’s nochmal was anderes. Mila Ury-Tesche schaut Vera verunsichert an. MILA URY-TESCHE Muss das ja einen Grund ... Tschuldigung, dass ich jetzt den falschen Eindruck ... Ich würde das schon wahnsinnig gern einfach machen. Ich atme jetzt aus und bin soweit so gut. Ok.

VERA

RUTH Entschuldigung, wenn ich was sagen darf, aber Petra von Kant, das ist ja kein Film über eine lesbische Liebe, sondern es ist einfach ein Film über eine Liebe. MILA URY-TESCHE Das will man erzählen, dass sie ihn wirklich liebt? Oder das sie so ... Mila Ury-Tesche macht ein Handzeichen, dass sie durchgedreht ist. RUTH Ja, natürlich. MILA URY-TESCHE Sorry! Ich vergesse einfach mal alles, was ich immer so denke, das ist ja auch vollkommen uninteressant, was ich immer so denke. Das ist einfach mein ... VERA Ne, pass mal auf! Ja?

MILA URY-TESCHE


22. VERA Es interessiert mich immer, was Schauspieler denken. (beat) Der ganze Stoff ist die Geschichte einer bis zum Wahnsinn sich verzehrenden Liebenden. MILA URY-TESCHE Aber ist das Liebe? VERA Darum geht es! Es geht um Machtverhältnisse. RUTH Ja, gut Macht, das stimmt. VERA Es geht um eine Frau, die sich in einem wahnsinnigen Anspruch verzehrt, die alles will, ohne Rücksicht auf Verluste, die absolut liebt. MILA URY-TESCHE Aber das ist doch eine eingekitschte Vorstellung von Liebe, bis zur Selbstzerstörung, bis zur Selbstaufgabe. VERA Wer sagt denn, dass das eingekitschte - weiß ich nicht, was ist? MILA URY-TESCHE Ja, ich hab wahrscheinlich echt ein Problem, in der Selbstaufgabe-Form an die Liebe zu glauben, das ist wahrscheinlich mein Problem. VERA Bist du in einer Beziehung? MILA URY-TESCHE Ja, wahrscheinlich schon. Vera schaut interessiert auf. VERA Was heißt „wahrscheinlich“?


23. MILA URY-TESCHE (trotzig) Weiß ich nicht genau, wie man das nennt, was ich habe. VERA Okay. Hat dich jemand schon mal so verletzt, dass du nicht mehr leben wolltest? MILA URY-TESCHE Ja, aber der hat mich eben verletzt und das ist eben keine Liebe für mich. Und hier ist das für mich der Wunsch, sich irgendwie zu verlieren. VERA Kannst du mir von der Verletzung erzählen, von deiner persönlichen, die dir widerfahren ist? Mila Ury-Tesche schaut Vera einen Moment lang an, denkt nach. MILA URY-TESCHE Boaaahh! Echt, ist das wichtig? Ist das nötig jetzt? VERA Das entscheidest du. MILA URY-TESCHE (überlegt einen langen Augenblick) Ich war halt in jemanden verliebt, der schon vergeben war und der war in mich verliebt und ich war auch schon vergeben und das klappte halt nicht und das hat sich ja ... Gerwin wendet sich ab, geht ein paar Schritte auf die Rückwand des Filmsets zu. MILA URY-TESCHE (CONT’D) Versteh ich schon, wenn der Kollege jetzt auch geht. Ist auch jetzt nicht interessant. Ich meine nur für mich ähm ... Mila Ury-Tesche zieht die Nase hoch. Ihre Augen füllen sich mit Tränen.


24. MILA URY-TESCHE (CONT’D) Boah, ich schaff das echt nie, meine Klappe zu halten. VERA Darf ich dich was bitten?

Ja?

MILA URY-TESCHE (weint)

VERA Ich möchte sterben. Was?

MILA URY-TESCHE

VERA Kannst du diesen Satz für mich sagen? MILA URY-TESCHE Ich möchte sterben. (beat) Wieso? Danke.

VERA

Mila Ury-Tesche steht sprachlos vor dem Casting-Team. 7

INT. VERSORGUNGSGANG / SCHREINEREI - TAG

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Vera und Ruth stehen auf dem Versorgungsgang, direkt vor dem Eingang zur Schreinerei der Fernsehstudios. Es ist zu hören, wie Bretter gesägt werden. RUTH Ah, ich fand, die hat toll gespielt. War zwar echt zickig am Anfang, aber dann fand ich`s echt gut und wir haben großes Glück, dass die überhaupt noch frei ist. Vera schweigt. RUTH (CONT’D) Ich fand total, dass sie aufgegangen ist und da hab ich total viel auf einmal sehen können von ihr so. Ich fand das super.


25.

Mmm.

VERA

Vera schweigt. Sie schaut Ruth lange an, schüttelt dann entschieden den Kopf. Ruth atmet schwer aus. VERA (CONT’D) Weißt du, wenn ich`s dir sagen könnte ... „ja, das fehlt!“ und „sie müsste das“ ... das wär ja einfach. RUTH (gestresst) Dann musst du die Petra von Kant nochmal stärker definieren, was du möchtest. Also das ist irgendwie, entschuldige, wir sind sechs Tage vor Dreh, die meisten haben irgendwelche anderen Produktionen. Ich muss die Agentur total hinhalten, die rufen mich jeden Tag an, fragen, was ist und ich muss denen jetzt sagen, wir können uns immer noch nicht entscheiden! VERA Also ... es ist nicht so, dass ich mich nicht entscheiden kann. Ich kann entscheiden, sie ist es nicht. Funktioniert jedenfalls nicht hundert Prozent. Ich fand`s nicht ... RUTH Ob es das überhaupt gibt, hundert Prozent? VERA Für mich schon. RUTH Vielleicht muss man auch irgendwann sagen: Ich geb mich auch mit fünfundneunzig Prozent zufrieden. VERA Nö, nö. Warum?! Warum soll ich mich mit fünfundneunzig Prozent zufriedengeben? RUTH Weil du vielleicht keine andere Wahl haben wirst.


26. VERA Aber das weiß ich doch jetzt noch nicht. Das ist ja Teil der Arbeit. Ja klar.

RUTH

VERA Das fänd ich mittelmäßig. RUTH Ich weiß nicht, ob dir das klar ist, aber eine von den Vieren muss es werden. Für eine von denen musst du dich entscheiden. Ja. Ok.

VERA RUTH

VERA Ich werde sie finden. Ja?!

RUTH

Gerwin kommt mit Jacke und Tasche den Versorgungsgang hinunter. VERA Gerwin! Schön! GERWIN Ich wollt nur mal kurz Tschüss sagen, mir hat es großen Spaß gemacht. Also ganz toll. VERA Was heißt „tschüss“? GERWIN Es war für mich beeindruckend. RUTH Mir hat es auch Spaß gemacht, aber wir sind noch nicht fertig. VERA Die Maderer kommt noch. Kennst du?


27. GERWIN (neugierig) Die Luise Maderer Maderer? VERA Ja, ich bin auch gespannt. Ich freu mich. GERWIN Ganz tolle Schauspielerin. Ich würd wahnsinnig gerne, aber ich muss jetzt wirklich los. VERA Aber du musst bleiben! RUTH Es tut mir Leid. Ich hab vergessen, dir das zu sagen! GERWIN Ich muss auf die Baustelle zurück. Ruth wendet sich an Vera. RUTH Es tut mir wahnsinnig leid. VERA Was hast du ihm denn gesagt, wie lange er ... ? GERWIN Ich muss auf die Baustelle, krieg da jetzt eine Lieferung. Und wenn mir gesagt wird, um fünf bin ich draußen ... RUTH Ich weiß um fünf, ja. Ich weiß. Es tut mir wahnsinnig Leid, es war sehr kurzfristig. GERWIN Aber es hat geheißen, um fünf bin ich weg. RUTH Ich weiß. Bitte! VERA Hast du ihm wirklich gesagt, um fünf?


28. RUTH Ja, es war ja ursprünglich um fünf! Wir haben hier ja erst gestern ... VERA Das kannst du nie so auf die Minute sagen. GERWIN Das hat mich Wochen gekostet, um diesen Termin auszumachen. Vera denkt kurz nach, wendet sich dann an Ruth. VERA Pass auf. Im Notfall machst es du! RUTH Was muss man da machen? GERWIN Im Grunde nur unterschreiben, dass man die Lieferung bekommen hat. VERA Das kriegen wir hin. GERWIN Die bringen das rein und ... RUTH Und die kommen jetzt? GERWIN Die kommen zwischen fünf und sieben. Kurze Pause. RUTH Ja ... aber ich kann da doch nicht. GERWIN Ich schick dir nur kurz die Telefonnummer. RUTH Ne, pass mal auf. Ich kann da nicht – auf keinen Fall – zwei Stunden rumhängen! Das geht nicht! Ich hab hier ein Casting. (MORE)


29. RUTH (CONT'D) Kannst du bitte jemand anders fragen und du hast doch Freunde, kannst du vielleicht irgendjemand fragen, ob er das machen kann? Ruth und Vera schauen ihn mit flehendem Blick an. GERWIN Ich habe eine Idee. Ich probier mal was. Gerwin zieht sein Telefon aus der Hosentasche. Er wählt eine Nummer. GERWIN (CONT’D) Ich glaub, der erschlägt mich gleich. Gerwin geht ein paar Schritte in die Schreinerei. VERA Ich hoffe, das klappt. RUTH Also ich wüsst sonst echt nicht, was wir machen sollen. GERWIN (ins Telefon) Lukas? Schwupsi. Ja, du ich bin da jetzt noch im Baumarkt, in der Schreinerei. Ja, die schneiden grade unsere Bretter zurecht. Gerwin zwinkert Vera zu. GERWIN (CONT’D) (ins Telefon) Ja ja, sieht ganz gut aus. Ja prima. Du, der Wambacher, die kommen doch zwischen fünf und sieben zu uns und da muss ja irgendjemand da sein. (lauscht) Äh ... aha! Das laute Geräusch einer Kreissäge übertönt das Gespräch. 8

INT. STUDIO 1 / VORRAUM - TAG

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Im Vorraum des Studios steht eine kleine Theke mit Kaffee und Getränken. Eine Tür führt in die Küche des Fernsehstudios.


30. Die Schauspielerin LUISE MADERER (60), eine großgewachsene, stoische Frau mit strengen Gesichtszügen, hat auf dem Sofa neben der Studiotür Platz genommen. Die Casterin Ruth steht neben ihr und zeigt ihr den Casting-Text. RUTH Ich hab das hier markiert, von „langsam glaube ich wirklich, die hat einen Stich“ bis ... LUISE MADERER Das Problem ist, dass ich das nicht ... RUTH Das ist gestrichen. LUISE MADERER ... lesen kann, weil ich meine Brille vergessen hab. RUTH Dann kopiere ich Ihnen das größer. (beat) Wollen Sie irgendwas haben, was zu trinken? Kaffee? Wasser? Luise Maderer lächelt Ruth freundlich an. LUISE MADERER Ein bisschen Wasser. Okay.

RUTH

Ruths Blick fällt auf Gerwin und Hanne, die etws abseits stehen und zu ihnen herüber schauen. RUTH (CONT’D) Habt ihr euch schon vorgestellt? Das ist Gerwin Haas. Hallo.

GERWIN

Gerwin kommt lächelnd zu ihr und gibt Luise Maderer die Hand. Hinter ihm folgt Hanne. RUTH Luise Maderer. Maderer.

LUISE MADERER


31. RUTH Das ist Ihr Anspielpartner. Luise Maderer lächelt Gerwin freundlich an. Schön.

LUISE MADERER

Ruth füllt einen Becher mit Wasser vom Bufett und bringt ihn Luise Maderer. Danke.

LUISE MADERER (CONT’D)

GERWIN Darf ich kurz was sagen, ich bin ein ganz großer Fan. LUISE MADERER (lächelt) Oh Gott. Hanne tritt nun neben Gerwin. HANNE Ja, ich auch! Hallo. LUISE MADERER Dankeschön. GERWIN „Wintertage“, das war großartig. HANNE Ganz ganz besonders toll. LUISE MADERER Setzen Sie sich doch. Gerwin nimmt neben Luise Maderer Platz, Hanne setzt sich ihr gegenüber auf den Couchtisch. HANNE Das war so einmalig, was Sie da gespielt haben. Und es hat wirklich mein Leben verändert. LUISE MADERER (lacht) Um Gottes willen. HANNE Doch wirklich, ich mein das so!


32. LUISE MADERER Ich hoffe nicht. HANNE Ganz groß. Mir sind die Tränen runter, nur so runter ... ich war fix und fertig. Vielen Dank. GERWIN Die Rolle ist wie ein Messer, wo nicht ein Wort zu viel ist. LUISE MADERER Das war die letzte humorlose, kitschige Scheiße. Entschuldigung, aber ich bin fassungslos über diese Resonanz. Ich bin wirklich fassungslos. Ich finde es geradezu ekelerregend. Naja, gut ich ... Luise Maderer winkt ab. Sie kennt ihre Strenge und möchte sich nicht in Rage lästern. Für einen Moment breitet sich ein betretenes Schweigen zwischen ihnen aus. HANNE Manchmal ist es ja auch so, dass man vielleicht beim Dreh nicht ganz das mitkriegt, was verursacht wird durch einen Film ... das, was dann die Leute total berührt. LUISE MADERER Dieser Regisseur ist zu solchen Gefühlen nicht im Traum im Stande. Also im Grunde ist es ein Film über seine Liebesunfähigkeit. GERWIN Man spürt`s, dass er ein Zyniker ist. LUISE MADERER (lacht) Aber komplett. GERWIN Einfach pure Effekthascherei. Das ist wie mit einem Zuckerguss, ganz billig. Da sitzen dann alle wie Amöben im Kino, heulen Rotz und Wasser! Und dann mit der Musik ... und allem zugekleistert! Schrecklich.


33. LUISE MADERER Sentimental. GERWIN Sentimentaler Quatsch. Hanne´s Augen füllen sich mit Tränen. Ruth kommt mit dem Text zurück. Etwas irritiert bleibt sie stehen und schaut zu ihnen herüber. HANNE Ich fühlte, der war wie für mich gemacht. Weil ich genau in der Zeit eben auch ... (holt Luft) ... kurz davor meine Eltern verloren habe und ich fand, das war wahnsinnig genau beobachtet. Ach ja?

LUISE MADERER

RUTH Hanne! Kannst du mal eben kommen? HANNE Ok, das wollte ich nur mal sagen. LUISE MADERER (mitfühlend) Ist jemand gestorben von Ihren Eltern? HANNE Jaja, die sind beide gestorben. Beide?

LUISE MADERER

RUTH Hanne! Ich muss mal kurz was mit dir besprechen. Hanne steht auf und folgt Ruth ins Fernsehstudio 1. Luise Maderer schaut Hanne nach. Dann wendet sie sich an Gerwin, der nun auch ein betroffenes Gesicht macht. LUISE MADERER Gut, wenn man betroffen ist, kann ich das schon verstehen.


34. 9

INT. STUDIO 1 - TAG

9

Vera und Ruth haben auf ihren Stühlen Platz genommen. Ruth hat die Videokamera in der Hand, während Vera etwas vorneübergebeugt auf Luise Maderer wartet, sich mit geradem Rücken inmitten der Halle hinstellt. Sie schaut in den Text. Im Bett liegt Gerwin auf dem Rücken, die Hände hinter dem Kopf verschränkt wartet er auf seinen Einsatz. LUISE MADERER Also, ich les dann erst mal, ja? VERA Ne, wir können auch gleich ... LUISE MADERER Ich muss das erst mal zur Kenntnis nehmen. (liest als Petra von Kant) Meine Schuhe, rasch! Vera schaut hinüber zu Ruth. Ruth?

VERA

RUTH Ach so, Entschuldigung! Ich dachte, wir lesen jetzt erst. Ruth nimmt ein paar Hausschuhe und stellt sie eilig Luise Maderer vor die Füße. LUISE MADERER (liest als Petra von Kant) Danke! GERWIN Was ist, wenn wir gleich von Anfang an so ein bisschen Nähe herstellen? VERA Ja, das können wir gern probieren. GERWIN Ich will jetzt nicht vorgreifen. Ist das für dich ok? Ein Kollegen-Du findet Luise Maderer unangemessen. Sie setzt sich widerwillig auf die Bettkante. Sie liest ohne Betonung vom Blatt ab. Ihr Gesicht ist regungslos.


35. LUISE MADERER (liest als Petra von Kant) Du hast die schönste Haut auf der Welt und die schönsten Haare und die schönsten Schultern und die schönsten Augen. Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich! GERWIN (als Karl) Ach, lass mich! LUISE MADERER (liest) Warum denn? GERWIN Ich hab mir die Zähne noch nicht geputzt! LUISE MADERER (liest) Das macht nichts. GERWIN Ja, aber mich geniert`s. Außerdem will ich noch lesen. LUISE MADERER (liest) Ich lass dich in Frieden, wenn es dich ekelt. GERWIN Ich ekel mich doch nicht. Aber wir können doch nicht 24 Stunden am Tag aneinander rummachen. Gerwin richtet sich auf. Er beugt sich zu ihr, umschließt Luise Maderer von hinten mit den Armen. LUISE MADERER Doch, ich könnte ewig umarmt sein mit dir. Gerwin streichelt Luise Maderer über die Oberschenkel. Luise Maderer lacht. LUISE MADERER (CONT’D) Was soll denn das? Was soll denn das hier? Ist ja süß. Etwas erschrocken zieht Gerwin die Hände zurück.


36. VERA Er ist noch müde. Du darfst das nicht ... LUISE MADERER Bei diesem ganzen Film berührt kein Mensch den anderen physisch. Ja, das läuft völlig anders. VERA In dem Fassbinder-Film, das ist ein Film der dreißig, vierzig Jahre alt ist, das ist ... Wir müssen ja nicht den Film abfilmen. Versucht doch auch mal vom Lesen ins Spiel zu kommen, ein bisschen freier damit zu werden. LUISE MADERER Ich realisiere aber, dass das aber eine ziemlich gestochene Sprache ist. Nicht? Das ist keine Soap, das merkt man sofort. Das klemmt. VERA Die Sprache ist nur Transportmittel für ... LUISE MADERER Das glaube ich nicht, das ist ganz anders geschrieben. VERA Aber mir zuliebe können Sie es so probieren? LUISE MADERER (liest als Petra von Kant) Wo warst du heute Nacht? Gerwin geht erneut auf Tuchfühlung. VERA Gerwin bleib mal sitzen! LUISE MADERER (liest) Wo warst du heute Nacht, Karl? GERWIN (als Karl) Ich war tanzen. Mit einem Mann.


37.

Ja?

LUISE MADERER (liest)

GERWIN So einem richtigen großen, schwarzen Mann. LUISE MADERER (zu Vera) Ich glaube nicht, dass er kokett ist. Der ist vollkommen unschuldig. VERA Ja, das sehe ich auch so. LUISE MADERER Und wenn er da dauernd so einen Verführungszirkus macht ... darum geht’s überhaupt nicht. VERA Ja, absolut. Du musst einfach viel weniger machen, Gerwin! Das macht es ihr sonst unmöglich, die Sehnsucht und alles, was darin ist, zu spielen. Du darfst einfach kein Arschloch sein.

Jaja! Ja? Ok.

GERWIN VERA

LUISE MADERER (liest) Ich könnte ewig umarmt sein mit dir. Gut. Ja?

VERA GERWIN

LUISE MADERER Ich weiß nicht, warum du so brutal bist! Gerwin auf allen Vieren, nähert sich ihr.


38. VERA (herrisch) Nicht so viel, Gerwin! Wir sind auch noch in einem Stadium zwischen ... GERWIN Aber dass er sie angeht ... das ist doch ... VERA Das ist nicht die Situation. Das ist er nicht, das ist nicht Karl. GERWIN (beleidigt) Ich mach das eh nur zum Spaß hier. Ich spiel ja nicht um mein Leben. LUISE MADERER (zu Vera) Ich muss fasziniert sein. Ich muss fasziniert sein. GERWIN Ich will mich gar nicht einmischen. LUISE MADERER Wie soll ich hier fasziniert sein, das geht gar nicht. Absolut.

VERA

LUISE MADERER Er ist unschuldig und das berührt mich so, das ist sowas ... GERWIN Ich versuch`s nochmal. Gerwin nimmt seine Position im Bett wieder ein. VERA Ok und bitte! LUISE MADERER (liet) Wo warst du heute Nacht? Gerwin berührt Luise Maderer zärtlich am Bein.


39. LUISE MADERER (CONT’D) Ich glaube nicht, dass das über Berührung läuft. VERA Du musst sie gar nicht anfassen. Nicht, ja?

GERWIN

LUISE MADERER (liest) Wo warst du heute Nacht? Gerwin schaut Luise Maderer verführerisch an und zieht sich das T-Shirt aus. GERWIN Ich war tanzen. Vera beugt sich hinüber zu Ruth. VERA (flüstert) Ich würd das jetzt mal mit ihr alleine machen. GERWIN Ich war tanzen. Mit einem Mann. LUISE MADERER Mit einem Mann? VERA Ok, sehr gut, bis dahin. Gerwin, ich würd jetzt gerne in den vierten Akt gehen. Das ist dieser Monolog, das würde für dich heißen, dass du einen Moment Pause hast. Gerwin braucht einen Moment, bis er versteht, dass er nicht mehr gebraucht wird. Dann rutscht er vom Bett und geht zum Ausgang des Studios. GERWIN Einfach rufen, ja! VERA Alles klar.


40. 10

INT. GARDROBE - NACHT

10

Gerwin liegt auf dem Sofa in dem Gardrobenraum. Er hat die Arme hinter dem Kopf verschränkt und starrt an die Decke. Hanne löscht das Licht im Maskenraum gegenüber und tritt auf den Flur. HANNE (ruft Gerwin zu) Schönen Abend noch! Tschüss!

GERWIN

Hanne geht den dunklen Gang runter. Niemand scheint mehr in den Fernsehstudios zu sein außer Vera und Luise Maderer. Aus dem Studio1 hören wir die Szene. LUISE MADERER O.S. (zornig) Oh, ich hasse, hasse, hasse dich. Ja, gut.

VERA O.S.

LUISE MADERER O.S. (zart) Ich liebe, liebe, liebe dich. 11

INT. VERSORGUNGSGANG - TAG

11

Gerwin schlendert den Versorgungsgang entlang. An der Wand vor dem Studio 1 stehen Ruth und der Produzent MANFRED (45), ein großgewachsener Mann in Jeans und konservativem hellblauen Hemd, aber lässiger nagelneuer DesignerBomberjacke. In der Hand hat Manfred eine Mappe mit den Verträgen. Beide tuscheln miteinander. RUTH Luise Maderer ist eine perfekte Petra. MANFRED Die Maderer? Ne! Ich hab gestern nochmal mit der Fernsehspiel-Chefin telefoniert und die wünscht sich ausdrücklich die Strassmann. Das ist die beste Lösung. RUTH Ja, aber Vera war jetzt echt angetan. Also die Luise Maderer ...


41.

Nein.

MANFRED

Gerwin schlendert an ihnen vorbei, wendet sich dann noch einmal zu Manfred und Ruth um. GERWIN Die Strassmann ist die einzig sinnvolle Besetzung. MANFRED (angestrengt freundlich) Hallo. Ich grüß Sie. Dann ...

RUTH

MANFRED Die kommt morgen RUTH Zum Casting? MANFRED Nein, nein. Die kommt und ist besetzt. 12

INT. STUDIOKÜCHE - TAG

12

Gerwin steht in der Studioküche. Er schaut in den Kühlschrank, findet dort eine leere Flasche Bier. Er wundert sich über die leere Flasche, nimmt dann die letzte volle Bierflasche heraus und öffnet sie. Luise Maderer kommt in den Vorraum. Sie wirkt aufgekratzt und glücklich. Aha! Na? Na?

GERWIN LUISE MADERER

GERWIN War ziemlich lang jetzt. LUISE MADERER Ja, ging gut. Gerwin trinkt von seinem Bier. Luise Maderer kommt zu ihm in die Studioküche, entdeckt eine Packung mit salzigem Knabbergebäck.


42. GERWIN Ist eher ungewöhnlich. Dass sie so lange rumdoktert. LUISE MADERER Ah, die Fischchen, die gab`s doch früher immer. GERWIN Normalerweise ist die ziemlich schnell auf den Punkt. Also, was ich bis jetzt gesehen hab ... LUISE MADERER Ich wusste auch gar nicht, dass da so `ne Komik drin ist. GERWIN (gelangweilt) Ist, jaja. Er nimmt einen weiteren Schluck von seinem Bier. GERWIN (CONT’D) Und? Zusage jetzt? LUISE MADERER Ja, ich mach das schon. Ich werd das schon machen. Ja, ja, ja! Es geht ja jetzt schon gleich los. Vera kommt in den Vorraum. Sie hat ihren Mantel und ihre Handtasche dabei und überprüft ihr Handy. VERA (zu Gerwin) Tschuldigung, hat ein bisschen länger gedauert. Vera!

LUISE MADERER

VERA Musste noch was ... LUISE MADERER Also, das war sehr schön. VERA Ja, fand ich auch. (zu Gerwin) Tut mir Leid wir kommen jetzt nicht mehr zum dritten Akt. Hast du jetzt leider umsonst gewartet.


43. GERWIN Ooh, ja ... das ist aber ziemlich doof! VERA (entschuldigend) Ist doof, ja. Luise Maderer fasst Vera an den Schultern und schaut sie begeistert an. LUISE MADERER Ich würde das wahnsinnig gerne machen. VERA Sehr schön, ich auch. LUISE MADERER Sagen Sie mir bitte, machen wir das? Vera stutzt. Sie ist von dieser direkten Frage völlig überrascht. VERA Das kann ich jetzt so nicht ... es ist ja nicht nur meine Entscheidung. LUISE MADERER (lacht) Doch, es ist ihre Entscheidung. VERA Nun. Naja ... LUISE MADERER Lassen Sie sich nichts einreden. Sie müssen sich da durchsetzen. VERA Ist nicht so einfach. Da reden die Redakteure mit ... LUISE MADERER Das sagt ihr immer mit den Redakteuren, das stimmt gar nicht. VERA Doch, in dem Fall stimmt das schon.


44. LUISE MADERER (eindringlich) Das stimmt gar nicht. Du kannst das entscheiden. VERA Der Sender gibt das Geld, das ist ja Fernsehen. Ich komme ja aus dem Dokumentarfilm-Bereich. Ich hab hier noch gar nicht so die Position, um ... GERWIN Waren jetzt schon einige da. Mit der Strassmann, das wird auch nochmal spannend morgen. Wie?

LUISE MADERER

GERWIN Freu mich schon drauf. LUISE MADERER Ich glaub`s ja nicht. GERWIN Super Schauspielerin. LUISE MADERER Ich glaub`s nicht. GERWIN War interessant zu sehen, finde ich. Jede anders. Also ganz ein anderer Typus. Ganz anderes Spiel. VERA Es kommen ja auch Fragen: Alter, Kostja konnte heute nicht, wir müssen auch gucken, wie das harmoniert. GERWIN Ich glaube 37 ist sie im Stück. (zu Luise Maderer) Sie sind ja eine attraktive, rüstige Frau. LUISE MADERER Das versteh ich nicht, dass die älter werdende Frau es nicht wert ist, erzählt zu werden. (MORE)


45. LUISE MADERER (CONT'D) Dass rechts und links und überall die Frauen zusammenkrachen, bloß weil sie älter geworden sind. VERA Doch das müssen wir auch erzählen. LUISE MADERER Ich seh das bei meinen Kolleginnen, die werden alle arbeitslos. Das kann man nicht hinnehmen, da müssen wir gegen aufstehen. VERA Sie gehen ja einen Weg, der frei macht. Sie gehen ja in die Kraft als Frau. Sie machen ja diesen Scheiß nicht mit, ums mal so zu sagen. LUISE MADERER (ernüchtert) Ja oder Nein? Meine Güte. VERA Tut mir leid, aber das kann ich wirklich nicht ... Du bist (zu Es gibt einfach

LUISE MADERER doch auch `ne Frau. sich) so viele Sachen, die ich nicht verstehe.

Luise Maderer holt ihre Jacke und ihren Rollkoffer. Sie verlässt entschiedenen Schrittes das Fernsehstudio. Vera läuft ihr hinterher. VERA Frau Maderer! Gerwin blickt den beiden hinterher. 13

INT. STUDIO 1 - NACHT

13

Gerwin kommt in das notdürftig beleuchtete Studio 1. Außer ihm ist niemand mehr dort. Auf einem Tisch steht ein Monitor, daran angeschlossen die Kamera der Casterin Ruth.Auf dem Monitor sind rechteckige Bilder aufgereiht, die die jeweiligen Video-Clips der Castings beinhalten. Gerwin schaut sich nochmal um, ob wirklich niemand da ist.


46. Vorsichtig nähert er sich der Kamera und wählt auf dem Display einen Clip aus. Aufnahmen des Castings mit Mila UryTesche werden abgespielt. Auf dem Monitor erscheint das Gesicht der Schauspielerin Mila Ury-Tesche, auch Gerwin ist zu sehen: VERA OFF Sehr schön und deutlich, aber ich spüre noch nicht, was darunter liegt. Und bitte! MILA URY-TESCHE (als Petra von Kant) Tja, erzählen Sie von sich. GERWIN (als Karl) Über mich gibt’s wenig zu erzählen. MILA URY-TESCHE Doch, doch, doch! Was Sie so denken, was sie träumen. Gerwin lächelt, setzt sich auf einen Hocker und sieht gebannt zu. GERWIN Ich möchte einen Platz auf dieser Welt. Ist das zu viel verlangt? MILA URY-TESCHE Nein, im Gegenteil, Karl. Im Gegenteil! Das ist es, wofür wir leben, sich einen Platz zu erkämpfen. GERWIN Muss man kämpfen? 14

INT. STUDIO 1 - TAG

14

Gemeinsam mit dem OBERBELEUCHTER ABEL (40) kommt der Produzent Manfred ins Studio 1. Unter dem Arm trägt er die Mappe mit den Papieren. TECHNIKER arbeiten an den Kulissen. Einem der TECHNIKER gibt Manfred die Hand, den anderen nickt er freundlich zu. MANFRED Guten Morgen, wie geht’s? Guten Morgen! Macht mal ruhig Pause jetzt, wir haben eine Besprechung. Hört mal kurz auf.


47. Die Techniker packen ihre Sachen zusammen. Vera und Ruth stehen im Durchgang zur Küche. VERA (schreit) Dass du sowas machst! Dass du mich so einer Situation auslieferst. RUTH Vera, ich muss doch ... VERA Das kann ich nicht vergessen! Das tut man nicht, das ist menschlich eine Katastrophe. Manfred schaut sich gemeinsam mit dem Oberbeleuchter Abel die Studio-Bauten an. MANFRED Das ist doch toll! Der REQUISITEUR DRAGAN (42) zeigt Vera unterschiedliche Stühle für das Filmset. Daneben steht ein Rollwagen mit unterschiedlichen Requisiten wie Telefone, Gläser, Bettwäsche, Gin-Flaschen etc. Hanne kommt dazu. VERA Wieso muss ich denn heute die Stühle entscheiden? Das ist doch jetzt ... HANNE Vera, ich hab die Schminkprobe für die Mutter. Ja, ok.

VERA

Im Hintergrund treibt sich Gerwin herum. Er scheint unsicher, ob er bleiben kann oder nicht. MANFRED (zu einem der Anwesenden) Hol dir mal einen Hocker, oder so. Manfred gibt Gerwin die Hand. Guten Tag!

MANFRED (CONT’D)


48. VERA (unter Druck) Ich muss mich jetzt doch nicht für einen Stuhl entscheiden, ich kann das doch gar nicht entscheiden, wenn ich nicht ... ich muss das doch im Raum sehen. Veras Blick fällt auf einen silbernen Kunstledersessel. VERA (CONT’D) Aber der ist es garantiert nicht. Kann man den mal ... da krieg ich Augenkrebs, wenn ich da hinschaue. REQUISITEUR DRAGAN So, jetzt haben wir nur noch drei. VERA Ja, das ist doch schon mal ... REQUISITEUR DRAGAN (zufrieden) Das ist schon mal was. MANFRED Wollen wir einen Kaffee haben? Gerwin geht zur Studioküche. GERWIN Ich mach schon. MANFRED Das ist nett. Dankeschön. Vera, Hanne, Ruth, der Oberbeleuchter Abel und Requisiteur Dragan nehmen gemeinsam mit Vera an dem Tisch Platz. Manfred setzt sich zu ihnen. MANFRED (CONT’D) Und? Wie geht´s euch? Betretenes Schweigen breitet sich in der Runde aus. Die Casterin ergreift das Wort und erläutert die Lage. RUTH Das ist halt `ne komplexe Rolle und wir haben ... also ... wir haben jetzt noch keine Entscheidung getroffen. MANFRED Das ist das Problem.


49. Gerwin schleppt eifrig Becher mit Kaffee an. GERWIN Zucker kommt sofort. MANFRED Wunderbar. (zu Vera) Du musst dich jetzt entscheiden und dann läuft alles wie von selbst. RUTH Ich kann dir noch mal anbieten, dass wir uns zusammen die Bänder angucken. Gerwin legt Zucker auf den Tisch, setzt sich dann auf auf eine Bühnenkiste. VERA (zu Manfred) Nur weil du jetzt einen 20:15Sendeplatz bekommen hast, kannst du doch nicht alles über den Haufen werfen. MANFRED Mir steht das Wasser bis zum Hals. Ich kann keine Verträge machen, ich kann nichts abschließen. Mich ruft die Redaktion an, was hier los ist. RUTH (zu Vera) Das Problem ist ... Weißt du, ich mach Vorschläge und Vorschläge und es kommt immer nur „Nein“. Du machst es dir wahnsinnig einfach damit. VERA (angegriffen) Du stehst am Ende nicht da und drehst den Film. Ich ... ich bin es und es ist meine Entscheidung, letztlich. Und ich kann sie heute nicht treffen. MANFRED Du musst sie aber heute treffen, weil wir sonst alle auf der Straße stehen. Das ist die bittere Wahrheit.


50. Vera muss lächeln. VERA Du stehst bestimmt nicht auf der Straße. OB ABEL Meine Leute springen mir ab. REQUISITEUR DRAGAN Das geht nicht, das geht nicht. OB ABEL Das ist `ne Katastrophe. REQUISITEUR DRAGAN Und wir haben noch nicht mal das Telefon entschieden. Vera, wenn du das nicht möchtest, nicht kannst, dann gib die Entscheidung ab. Fünf Tage, ja?! Vera zeigt auf die Telefone, die auf dem Requisitenwagen aufgebaut sind. VERA Wie soll ich zwischen diesen drei Telefonen das Richtige finden, die sind alle Scheiße! Vera schaut in die Runde. VERA (CONT’D) Wisst ihr was ich nicht verstehe? Wir haben hier Zeit rumzulabern, jeder gibt zu irgendwas seinen Senf dazu und wir arbeiten nicht. MANFRED Ich weiß nur, dass die Strassmann von der Redaktion favorisiert wird. VERA Die lässt sich doch nicht casten. (zuckt mit den Schultern) Kannst du gerne machen. Bin ich offen, guck ich mir an, bin ich neugierig – aber die kommt doch gar nicht! MANFRED Ich weiß, das gehört nicht hierher, aber ...


51. VERA Du kennst mich seit 5 Jahren ... MANFRED ... du kannst dich nicht ewig künstlerisch ausmähren, ohne endlich mal ne Entscheidung zu treffen. VERA Wenn man irgendwie meine Arbeit kennt, kann man mir doch nicht die Strassmann vorschlagen. Das geht doch nicht. MANFRED Du reißt Leute mit rein, das geht einfach nicht so. RUTH Die ist jetzt auch meine letzte Wahl. Alle streiten lautstark miteinander. Vera reibt sich konsterniert mit den Händen die Schläfen. Gerwin beobachtet das Geschehen. 15

INT. STUDIO 1 - TAG

15

Ein Radio läuft. Hanne sitzt auf einer großen fahrbaren Metalltreppe im Studio 1 und trinkt Kaffee aus einem Pappbecher. Gerwin schaut die Kostüme für die Rollen Petra von Kant, Karl und Marlene durch, die auf fahrbaren Gardrobenständern hängen. Hanne ist völlig überdreht, Gerwin gibt den Spaßvogel. Er nimmt ein Latex-Kostüm vom Ständer, hält es sich an. RADIO ... und an der Mosel und ... Dieser Abend ist gelungen, durchweg sonnig ... Es gibt einzelne Ausnahmen, kleine Nebelreste ... frostig ... Wird aber trotzdem morgen ... sonnig. GERWIN Die sieht doch auch gut aus. Das wäre was für dich. Unterstreicht deinen Typus. HANNE Oh, die will ich anziehen. Will ich anziehen!


52. GERWIN Du, Gummischweinchen. Hanne grunzt und kichert. Gerwin wirft Hanne ein paar LatexHotpants zu. Selbst zieht er einen schwarzen Kimono über. HANNE Gerwin, du weißt schon, dass du gerade ziemlich übergriffig mit den Kostümen bist. Oh.

GERWIN

Gerwin hält die fleischfarbenen Latex-Hotpants an sein Gemächt. HANNE Ziemlich gut! Wow! Ruth kommt ins Studio. Sie bleibt abseits stehen und schaut ihnen zu. Sie wirkt gestresst und sorgenvoll. Gerwin spielt den Ertappten und hängt das Kostüm ordentlich zurück. Hanne schaut hinüber zu Ruth. HANNE (CONT’D) Hallo Ruth, alles gut. Ruth schweigt. HANNE (CONT’D) Ruth, du bist ein echter Stimmungskiller. RUTH Tut mir Leid. Vera kommt ins Studio 1. Neugierig betrachtet sie die Kostüme. Hey. Hey.

VERA GERWIN

VERA Das sind Vorschläge? RUTH Kann ich dich einen Moment ...


53. VERA (zu Gerwin) Hast du schon mal was probiert? Vera?

RUTH

Gerwin holt die Latex-Hotpants hervor. GERWIN Das Knackwurstkostüm. Vera und Hanne lachen. Vera nimmt einen weißen Rollkragenpullover vom Ständer und reicht ihn Gerwin. VERA Würdest du den mal für mich anziehen. Ich will es nur mal ... Ok.

GERWIN

VERA Hab ich mir immer gewünscht, einen weißen Woll-Rollkragenpullover. RUTH Vera, ich muss mit dir sprechen. Gerwin zieht den Rollkragenpullover über. Hanne gackert albern herum. VERA (zu Ruth) Was ist den mit denen los? RUTH Weiß ich auch nicht. VERA Ich habe aber komischerweise auch sehr gute Laune. RUTH Die Agentur von Kostja hat gerade angerufen. Und ... Was?

VERA

RUTH Der Kostja ist jetzt abgesprungen.


54. VERA (erschrocken) Oh nee. Warum? Gerwin taucht hinter Vera auf. Er hat sich den Rollkragen bis hoch über die Nase gezogen. Mit weit geöffnetem Mund sieht er aus wie ein Pantomime, der einen stummen Schrei darstellt. RUTH Es hat ihm zu lange gedauert mit der Entscheidung. Und ich vermute, so lange die Besetzung der Petra nicht klar war ... Die Agentin meinte, sie traut dem gesamten Projekt nicht. Und jetzt ist es halt ... Vera fasst sich an die Schläfe. RUTH (CONT’D) (lächelt verkrampft) Das steht irgendwie unter keinem guten Stern hier. VERA (leise) Wieso denn? Der war doch sicher, der war doch dabei. Der war doch ... das ist richtig Scheiße. RUTH Das ist dann so, wenn man zu lange wartet. Vera wendet sich verschwörerisch Ruth zu. VERA Kannst du mir einen Gefallen tun ... und das Manfred noch nicht sagen? Ruth schaut Vera mit großen Augen an. VERA (CONT’D) Einfach nur mal 24 Stunden mit niemand drüber reden. Oh Vera!

RUTH

VERA (eindringlich) Das musst du mir jetzt bitte versprechen.


55. Hanne lacht im Hintergrund. HANNE Wie hart ... RUTH Wie soll ich denn das erklären? VERA Ausmachen. Das Handy ausmachen. Einfach mal nicht erreichbar sein! Vera schaut hinüber zu Hanne, die sich gemeinsam mit Gerwin weiter über die Kostüme amüsiert. VERA (CONT’D) Kann ich auf euch da auch zählen? Ich meine, ihr werdet nicht ... GERWIN (zeigt auf Hanne) Also, für sie kann ich nicht garantieren. Aber ich schweig wie ein Grab. VERA Ich muss das jetzt alles neu denken. Nee. Klar.

GERWIN

VERA Gerwin, wie wär’s, willst du Karl sein?

Ja.

GERWIN (überrascht)

VERA (zu Ruth) Du, wenn der keine Lust hat, findet sich ein anderer. Hanne deutet auf Gerwin, schaut ihn verliebt an. HANNE Der kann das doch machen. VERA Zieh doch gleich mal das Jackett an. Hier, nimm!


56. Ruth lacht hilflos. Vera reicht Gerwin ein weißes Jackett. Gerwin zieht es an, wirft sich in Pose. HANNE Schaut ein bisschen schwul aus. Vera stellt sich neben Hanne, die immer noch auf der Treppe sitzt. VERA Findest Du Gerwin sieht schwul aus? HANNE In dem Jackett schon. RUTH Entschuldige, Gerwin ist schwul. Vera und Ruth lachen. HANNE (überrascht) Nein, du bist nicht schwul. VERA Findet ihr, dass Gerwin schwul aussieht im Sinne, im Sinne von schwul ... RUTH Da fehlt halt doch ein bisschen ... HANNE (theatral) Ich bin enttäuscht! Also, ich dachte nicht, dass er schwul ist. RUTH Wenn ein schwuler Mann mit einer Frau spielt, das ist eben doch immer noch ein Unterschied. VERA Das ist Quatsch, was du sagst, das stimmt nicht. RUTH Also, Entschuldigung, aber ich hab das gemerkt. GERWIN Also, mein Freund findet, ich bin sehr hetero.


57. RUTH Sehr hetero? HANNE (theatral) Einen Freund hast du auch. VERA Er ist natürlich ... RUTH Der Gerwin ist viel zu alt. Ich kann dir gerne noch andere Karls vorschlagen in dem Alter, das wir besprochen haben. Aber das ist ja absurd jetzt. VERA Ich finde es aber gerade ... GERWIN Wenn wir jetzt ernsthaft darüber sprechen, hab ich das Gefühl, dass ich einiges von Karl mitbringen würde. VERA Bist Du eigentlich bisexuell? GERWIN (zögernd) Uhh. Nee. VERA Du bist entschieden homosexuell? GERWIN Äh. Spielt das eine Rolle? VERA Ja, das hat viel mit Karl zu tun. In meinen Augen. Oft spielt es eine Rolle, was ein Schauspieler aus sich herausholen kann, um es dann in die Arbeit zu tragen. Kurze Pause. GERWIN Also, ja, ich bin bisexuell. Aber ich hab das noch nie so festgenagelt und gesagt: Hey, ich bin sowieso oder so und so.


58. VERA Noch nicht so festgenagelt. Das ist schön. GERWIN Sexualität ist ein breites Feld für mich. VERA (triumphierend) Eben. Genau. Ja.

GERWIN

Die drei Frauen mustern Gerwin. Gerwin zieht sich am Garderobenständer das weiße Jackett an. HANNE Das erste was mir an dir aufgefallen ist, dass da so ein kleiner knackiger Arsch in der Hose sitzt. So ein Apfelpopo. Gerwin muss grinsen. Die Frauen lachen. RUTH Jetzt wird es aber heiß hier. Zeig mal her, deinen Apfelpopo. VERA Sag mal, trainierst du? Machst du Sport? Gerwin zeigt seinen Bizeps. Hanne fühlt. Steinhart. Oh ja ...

GERWIN HANNE

VERA Schau mal, der hat so Brustmuskulatur. RUTH (erstaunt) Das stimmt. HANNE Bond. James Bond. Ruth und Vera lachen dreckig.


59. HANNE (CONT’D) Kriegst du leicht so rote Ohren, wie du gerade eben hast? VERA Oder musst du die immer überschminken, wenn du drehst? GERWIN (zu Hanne, beleidigt) Gehörst du eher zu denen, die die Brille auflassen beim Kacken oder nimmst du sie runter? Hanne lacht verhalten. VERA Hast du schlechte Laune? GERWIN Mir ist es ein bisschen zu viel, muss ich ehrlich sagen. VERA (lacht dreckig) Was ist dir denn zu viel? GERWIN (kühl) Soll ich noch was probieren? HANNE Eigentlich wollten wir dir die ganze Zeit gute Sachen sagen und du nimmst sie nicht an. Wir sagen die ganze Zeit, was für ein cooler Typ du bist und du beißt hier rum. VERA Das ist interessant ... Was löst das bei dir aus, wenn du Zuspruch bekommst. Es macht dich aggressiv. Weil du das nicht glaubst. HANNE Wir finden dich total heiß, Gerwin. VERA Komm. Du kannst das ausziehen. HANNE Also, ich finde ihn heiß, findet ihr ihn nicht heiß?


60. RUTH Dieses Bubihafte und trotzdem so ein bisschen männliche ... VERA So ein altgewordener Bubi. HANNE Bubenhaft ist mir auch aufgefallen. RUTH Ne? Dieses schelmische so ... Vera zückt ihr Handy und macht ein Foto von Gerwin. VERA Bleib mal kurz stillstehen. GERWIN Naja, für mich ist das nichts. VERA Was ist nichts für dich? GERWIN Nee. Keine Lust mehr auf`s Spielen. Ich hab da jetzt andere Pläne. Das ist gelaufen. RUTH Sehr schade ist das. VERA Echt. So ganz grundsätzlich, du hast so richtig abgeschlossen damit. Ja.

GERWIN

RUTH Der Gerwin macht mit seinem Freund jetzt erstmal `ne Bar auf. Vera schaut auf ihr Handy. VERA Ach du Scheiße. Ich muss mal eben den Babysitter anrufen. Komm gleich wieder. Vera geht. Gerwin zieht sich Jackett und Hemd aus.


61. 16

INT. STUDIO 1 / VORRAUM - TAG

16

Das Team steht im Vorraum. Vera, Ruth, Hanne und Gerwin stehen im Vorraum und unterhalten sich. Auch der Oberbeleuchter Abel, der INNENREQUISITEUR THOMAS (28) und andere Teammitglieder sind anwesend. RUTH Nein. Das kann es doch noch nicht gewesen sein. OB ABEL Hab jetzt auch ne ganz kleine Eigentumswohnung. Ganz bürgerlich. RUTH Wie angepasst und spießig. Manfred kommt mit der Schauspielerin ANNIKA STRASSMANN (50) in einem eleganten rot-schwarzen chinesischen Drachenhemd. Gemeinsam betritt sie mit ihrem schlanken Rassehund den Vorraum des Studios. Augenblicklich verstummen die Gespräche und alle Augen richten sich auf die Schauspielerin. MANFRED Na, was hab ich Euch versprochen. Da ist sie! Ruth eilt zu ihr, um sie zu begrüßen. RUTH Frau Strassmann, freut mich sehr. Ruth Becker. Hallo. ANNIKA STRASSMANN Annika. Hallo. OB ABEL Abel. Ich mach das Licht. ANNIKA STRASSMANN Hallo. Schön. HANNE Hallo. Freut mich. Hanne. Maske. Ah, toll.

ANNIKA STRASSMANN

MANFRED Innenrequisite macht der Thomas. INNENREQUISITEUR THOMAS Thomas. Hallo.


62. MANFRED Und da ist unsere Regisseurin, unsere Vera. VERA Ach schön, dass freut mich aber. Hallo. ANNIKA STRASSMANN Freut mich auch. Schön. VERA Ist das ihr Hund hier? ANNIKA STRASSMANN Ja, das ist mein Hund. Wie süß. Ganz toll.

HANNE ANNIKA STRASSMANN

VERA Toll erzogen. ANNIKA STRASSMANN Ja, gut erzogen ist sie. Das muss sie auch. Oh Gott.

MANFRED

RUTH (kommentiert das gegenseitige Interesse von Vera und dem Hund) Liebe auf den ersten Blick. ANNIKA STRASSMANN Sie muss ja auch immer mit ans Set, war gerade mit uns segeln. Ja.

MANFRED

ANNIKA STRASSMANN Er hat ja einen Segelschein. Vera horcht auf, fixiert die beiden. RUTH Hier auf dem Wannsee, oder was?


63.

Ja, ja.

ANNIKA STRASSMANN

MANFRED Ja. Wir waren heute Mittag schon segeln `ne Runde. Annika Strassmann schaut Vera lächelnd an. Vera versteht langsam, was hier vor sich geht. ANNIKA STRASSMANN Naja, ich hab gedacht, ist vielleicht ganz gut, wenn wir uns mal sehen vorher. Annika Strassmann fasst beide Schultern Veras an. ANNIKA STRASSMANN (CONT’D) Sind Sie schon nervös? Nein, das kriegen wir schon hin. Das ist jetzt Ihr drittes Projekt? Oh, da haben Sie spät angefangen. Aber ist doch schön, wenn man dann das findet, wozu man sich berufen fühlt. Das ist ganz wichtig. Manfred nickt Annika Strassmanns Ausführungen eifrig zu. Abslout.

MANFRED

ANNIKA STRASSMANN Ich finde sowieso, dass die meisten Menschen das unterschätzen. Dass man irgendwann seine Berufung ergreift. Toll! Ja.

VERA

MANFRED (zu VERA) Und das passiert jetzt mit uns gemeinsam. Das ist das Schöne. Annika Strassmann ergreift Veras Hände und schaut ihr in die Augen. ANNIKA STRASSMANN Kalte Hände? VERA Immer ein bisschen, ja.


64. ANNIKA STRASSMANN Heißes Wasser ist da ganz gut. Heißes Wasser mit Steinen drin. VERA Was für Steine? ANNIKA STRASSMANN Mineralsteine. Ich druck Ihnen das mal aus und gebe es Ihnen, ist ganz toll. Und steht denn das Filmset schon? VERA UND DIE ANDEREN Ja. Weitestgehend. Manfred führt Annika Strassmann weiter in das Studio. Er deutet auf die hölzernen Kulissenwände. MANFRED Alles schon hier. Dahinter ist jetzt das Innere der Villa aufgebaut und ... VERA Haben Sie den Text bekommen? Vera reicht Annika Strassmann ein Blatt mit der CastingSzene. Annika Strassmann nimmt es und schaut drauf. ANNIKA STRASSMANN Was ist das? VERA Unsere Casting-Szene. ANNIKA STRASSMANN (verdutzt) Entschuldigung, jetzt bin ich gerade ... (zu Manfred) Was ist das? Manfred schaut ebenfalls auf den Text, mimt den Ahnungslosen. MANFRED Wir haben jetzt hier einen Text. Ah, ja. (zu Vera) Hast du das jetzt doch nochmal ausgedruckt? Gut. Was hast du denn dir jetzt gedacht, was willst du denn jetzt ...


65. VERA Das ist unsere Casting-Szene. MANFRED Ach, du wolltest jetzt ... Casting. Na gut, dann ... ANNIKA STRASSMANN Und wof체r ist das jetzt? Also ich ... VERA Mit der w체rde ich gerne arbeiten. Wollen wir sie mal zusammen lesen? ANNIKA STRASSMANN Also ich soll das jetzt lesen. (liest) Ich bin nicht hysterisch, ich leide. MANFRED Ist das ok? Hast du denn so viel Zeit? Genau.

VERA

Ruth deutet auf Gerwin, der geduldig etwas abseits steht und wartet. RUTH Mit dem Gerwin zusammen. ANNIKA STRASSMANN Wir lesen das schnell und dann ... Ja? MANFRED Gut. Dann machen wir das so ... ANNIKA STRASSMANN (zu Gerwin) Und Sie sind dann Karl? Gut. VERA Frau Strassmann, w채r das ok, wenn die Hanne Ihnen bisschen Makeup runternimmt. Einfach etwas am Mund. Annika Strassmann macht die Haare zur체ck und zeigt ihr stark geschminktes Gesicht.


66. ANNIKA STRASSMANN (versteht nicht) Ich hab doch gar nicht viel drauf. VERA Nur so ein bisschen ... HANNE Den Lippenstift. Bisschen am ... ANNIKA STRASSMANN Ach die Lippen, natürlich. Klar, machen wir. Annika Strassmann geht mit Manfred ins Studio, dreht sich noch einmal um. ANNIKA STRASSMANN (CONT’D) Klar. Machen wir gleich. (deutet auf Manfred) Wir müssen kurz uns ... MANFRED (zu Vera) Nun komm. Vera bleibt im Vorraum stehen. Sie holt tief Luft. ANNIKA STRASSMANN OFF (leise zu Manfred) Also, irgendwie habe ich so das Gefühl ... MANFRED OFF (leise) Ich würde dich bitten, dass man einfach nochmal ein paar Aufnahmen macht. Vera blickt ihrem Team hinterher, die sich im Studio um Strassmann versammeln. Ruth dreht sich zu ihr um. Vera? 17

RUTH

INT. STUDIO 1 - TAG Annika Strassmann hat auf dem Bett Platz genommen. Gerwin sitzt ihr gegenüber auf einem runden Plüschhocker.

17


67. MANFRED Abel, fährst du nochmal die Deckenleuchten und LEDs ein bisschen runter? OB ABEL (ins Funkgerät) Nimm mal die Gruppe 10 raus. MANFRED Mal gucken, ob wir noch irgendetwas brauchen ... Hanne reicht Annika Strassmann ein Anti-Shine-Tuch für das Gesicht. HANNE Kennen Sie diese Blättchen? Die sind ganz toll. Die nehmen ein bisschen den Glanz. ANNIKA STRASSMANN Ich kann es selber machen. Annika Strassmann tupft sich kurz das Gesicht ab. HANNE Und dann wollte die Vera noch ein bisschen den Lippenstift wegnehmen. Hanne reicht ihr ein Taschentuch. ANNIKA STRASSMANN Ich mach schon. Danke. Annika Strassmann nimmt das Taschentuch und tupft kurz auf die Lippen ohne Lippenstift zu entfernen. Sie gibt Hanne das Taschentuch zurück, ohne sie anzuschauen. Etwas später. Das Team hat sich auf der Metalltreppe und am Regiepult versammelt. Erwartungsvoll schauen sie Annika Strassmann zu, die sich auf die Bettkante gesetzt hat. Sie macht mit Gerwin eine kurze Leseprobe. ANNIKA STRASSMANN (CONT’D) (liest als Petra von Kant) Weh zu tun. GERWIN (als Karl) Muss dir nicht wehtun, dein Herz. Das ist völlig unnötig.


68. ANNIKA STRASSMANN (liest) Weh zu tun. Wer brauchen ohne zu gebraucht, braucht brauchen gar nicht zu gebrauchen. Annika Strassmann strahlt Gerwin an. GERWIN Ach Petra. Ich bin nicht so gebildet wie du und so klug, das weiß ich doch. ANNIKA STRASSMANN Sind die echt? GERWIN Die Haare sind echt. Schön.

ANNIKA STRASSMANN

GERWIN Die hatte ich mal feuerrot. Grrr! Dunkelrot.

ANNIKA STRASSMANN GERWIN

ANNIKA STRASSMANN Feuer. Feuer. GERWIN Und ganz große Locken. ANNIKA STRASSMANN Entschuldigung. Ich müsste mal kurz auf Toilette. Annika Strassmann dreht sich zum Team um. RUTH Das ist kein Problem. ANNIKA STRASSMANN Wo ist sie denn? GERWIN Die ist da gleich links. Also beim Studio raus, links.


69. ANNIKA STRASSMANN Ok. Bin gleich wieder da. Annika Strassmann geht zum hinteren Ausgang des Studios. RUTH Da knistert`s ja schon. Bitte?

VERA

RUTH Es hat da schon ein bisschen geknistert, fand ich. Jetzt nur schon beim Lesen. Im Hintergrund ist zu sehen, wie Annika Strassmann zwischen den Kulissen die Studiotür sucht. HANNE, OB ABEL, MANFRED (rufen) Links, links. RUTH Die ist ja richtig witzig. MANFRED Ja. Die ist gut. HANNE Ich finde, die passt total auf die Petra von Kant. RUTH Na, die Frage stellt sich jetzt ja gar nicht mehr. Gerwin nähert sich Vera, die hilflos etwas abseits von den anderen steht. Alles ok?

GERWIN

Vera blickt gequält drein. Alle warten auf Annika Strassmann. Eine lange Weile. Die angestrengt positive Stimmung droht durch Veras Schweigen zu kippen. Manfred wird nervös. MANFRED Vielleicht hat sie sich ja ... Verlaufen.

RUTH

Sie warten einen Moment lang.


70. RUTH (CONT’D) Das ist aber ein längeres Geschäft. Alle lachen. MANFRED Hoffentlich lag es nicht an mir, wir waren nämlich noch etwas essen. Das mit den Muscheln ist ja immer so ne ... Die hintere Tür des Studios öffnet sich. Annika Strassmann kommt zurück. So.

ANNIKA STRASSMANN

Lächelnd nimmt sie ihren Platz auf dem Bett wieder ein. Alle sind erleichtert. Gerwin setzt sich zu ihr. Annika Strassmann will den ersten Satz vom Blatt ablesen. VERA Gut. Ich möchte das Casting gern an der Stelle abbrechen. Sie entsprechen einfach nicht meiner Vorstellung von der Rolle und da möchte ich lieber ehrlich sein. Danke. Annika Strassmann schaut Vera fassungslos an. MANFRED Annika, ist alles wunderbar, vielleicht machen wir nur eine halbe Seite und dann sind wir hier ganz schnell durch. VERA Nein. Wir machen hier nicht noch `ne halbe Seite. Wir beenden das hier. Wortlos gibt Annika Strassmann Gerwin die Casting-Szene. Sie steht auf und lässt sich keine aufkommenden Tränen anmerken. MANFRED Annika, ähm ... RUTH Das ist ein Missverständnis. Annika Strassmann geht quer durch das Studio am Team vorbei zur Tür hinaus. Das Team bleibt staunend zurück. Ein kurzes Schweigen.


71.

Vera ...

RUTH (CONT’D)

MANFRED Bist du wahnsinnig geworden? (schreit) Bist du wahnsinnig geworden? Dass du unseren Hauptcast zerknallst hier. HANNE (panisch) Also, ich fand die jetzt auch wirklich total lustig und freundlich. MANFRED Diese Scheiße wird dir in der Fresse explodieren. RUTH Vera, du hast nicht mal ansatzweise mit ihr gearbeitet. Auf was für einem Ross sitzt du denn? Vera setzt sich auf einen Stuhl und schweigt. RUTH (CONT’D) Du bist diejenige, die sich hier gerade verweigert. (aggressiv) Dann sag, was jetzt zu tun ist. Sag es! Sag es einmal! Vera schweigt. RUTH (CONT’D) Sag es! Wie soll es weitergehen!? MANFRED (besorgt) Irgendwas ist doch. HANNE Die hat ja jetzt noch gar nichts gespielt. Vera schweigt. RUTH (hysterisch) Kannst du nicht. Du kannst es nicht. Du hast keinen Plan. (MORE)


72. RUTH (CONT'D) Nur in der Gegend rum zu glotzen und nichts zu sagen ... Du lässt uns alle damit im Stich. Ich meine, das ist dir überhaupt gar nicht klar. OB ABEL Es sah gut aus und jetzt ... HANNE (hysterisch) Die hätte doch jetzt gespielt. Vera, ich verstehe das überhaupt nicht mehr, was du eigentlich willst. Jetzt verstehe ich es auch echt überhaupt nicht mehr. RUTH Ist uns doch scheiß egal, was du verstehst. HANNE (schreit) Ich häng vielleicht genauso drin wie ihr. RUTH Ist gut. Jetzt beruhige dich mal. HANNE (schreit) Weil nämlich in fünf Tagen die Dreharbeiten losgehen. RUTH Hallo. Ich kämpfe ... HANNE (brüllt Ruth an) Manchmal vergreifst du dich im Ton. Da vergreifst du dich mir gegenüber im Ton. RUTH Ho Ho. Angeschrien werden ... HANNE (brüllt) Jawohl, ich gehe jetzt auch! Ihr könnt euch eure Scheiß-Produktion sonst wohin stecken! Ich hab die Schnauze voll!


73.

Hanne.

MANFRED

HANNE (brüllt) Ja! Mir reicht es! RUTH Ok, die Maskenbildnerin. Da werdet ihr ja `ne Neue finden. Das ist das geringste Problem. Manfred will Hanne aufhalten. HANNE (schreit) Nein. Mir reicht es! MANFRED Du hast ja völlig recht. HANNE Die ist so unverschämt, diese Frau, die vergreift sich jedes Mal im Ton. Die Studiotür geht auf. Annika Strassmann kommt wieder herein. Augenblicklich wird es still. Alle schauen sie gespannt an. Mit Tränen in den Augen durchquert Annika Strassmann den Raum und bleibt ganz nah vor Vera stehen. Sie blickt Vera direkt in die Augen, Vera weicht ihrem Blick aus. ANNIKA STRASSMANN (flüstert hasserfüllt einen Monolog von Petra von Kant) Ich hasse dich. Wenn ich nur sterben könnte. Einfach weg sein. Diese Schmerzen, ich kann nicht mehr, ich halte es nicht mehr aus. Dieses Dreckschwein, dieses miese, kleine Dreckschwein. Ich werd´s dir zeigen eines Tages. Ich mach dich fertig, so fertig. Du sollst vor mir kriechen, du kleiner Stricher. Du sollst mir die Füße küssen. (zu sich) Oh Mann, ich bin so im Arsch. Vera blickt nach unten auf den Boden. Annika Strassmann streckt ihre Hand nach Veras Wange aus.


74. ANNIKA STRASSMANN (CONT’D) (zart) Ich lieb dich so sehr. Warum bist du so gemein zu mir, Karl? Oh Scheiße, ich kann nicht ohne dich. Ruf mich doch an wenigstens. Lass mich doch wenigstens deine Stimme hören. Vera schweigt, blickt sie kühl an. Für einen Moment sieht sie aus wie Karl. Annika Strassmann weint und lächelt milde. Sie dreht sich um. Mit langsamen Schritten geht sie zur Studiotür und verschwindet. 18

INT. STUDIO 1 / GANG HINTER DEN KULISSEN - NACHT

18

Vera liegt auf einer Chaiselongue, die auf der Rückseite der Kulissen von der Ausstattung abgestellt wurde. Vera hält ihre Kladde fest. Die Rückseite eines Landschaftspanormas ist zu erkennen. Gerwin kommt zu ihr und setzt sich auf eine Bühnenkiste. Auf den Boden stehen ein paar Schweinwerfer. VERA Ich hätte das gar nicht machen sollen. Ich hätt meinem Instinkt vertrauen sollen. Das war der Fehler. Ich hab mir irgendwas schönquatschen lassen und aus Angst oder ... (denkt nach) ... kein Selbstvertrauen mehr. Ich bin schon eine alte Mutter, aber alt und arm. Es ist doch einfach auch Blödsinn, einen guten Film noch mal zu drehen. Nur weil Fassbinder 75 wird. Das ist doch ... GERWIN (aufmunternd) Aber du machst das doch anders. Pff.

VERA

GERWIN Das ist doch ganz was anderes. VERA Ja, aber warum mache ich dann nicht meinen Film. Das ist doch Scheiße. Kurze Pause.


75. GERWIN Jetzt bist du da, jetzt würde ich dranbleiben. Ich würde da nicht einfach den Hut draufhauen, nur wegen irgendwelcher Hampelmänner. Vera seufzt. GERWIN (CONT’D) Ich find das gut, wie du das machst. Ich würde da jetzt mit Energie weitermachen. Vera schaut ihn süffisant lächelnd an. VERA Warum möchtest du das denn, dass ich das weitermache? GERWIN Weil ich dran glaub. Vera mustert ihn eine kurze Weile. VERA Holst du mir mal die Decke, bitte? Gerwin holt ihr eine Decke. VERA (CONT’D) Nee, doch lieber die. Vera zeigt auf eine andere Decke. Gerwin gibt ihr die andere Decke. Vera blickt Gerwin nachdenklich an. VERA (CONT’D) Würdest du eigentlich gerne den Karl spielen? GERWIN Wäre witzig, oder? VERA Ich kann mir auch die Dienerin gut vorstellen. Na ja.

GERWIN

VERA Hättest du da Lust drauf? Vera schaut Gerwin an.


76. VERA (CONT’D) Meine Schuhe, schnell. Küss sie mir erst. Vera zitiert Petra von Kant und gibt ihrer Dienerin Marlene Anweisungen. Gerwin kniet sich vor Vera hin, küsst die Schuhe. VERA (CONT’D) (als Petra von Kant) Ja, so ist es gut. (beat) Ja, gut! Marlene ... Gerwin lacht und gibt einen ironischen Kommentar. GERWIN Ist meine Lieblingsbeschäftigung. VERA Naja. Da war doch schon viel Schönes dran. Vera wirft die Decke zur Seite und steht mit einem Rutsch auf. Sie fixiert Gerwin mit ihrem Blick. VERA (CONT’D) Du bist Karl. GERWIN Jetzt im Ernst? VERA Ja, du bist Karl. Ok.

GERWIN

VERA Mit dir kann ich mir viel vorstellen. GERWIN Ich hau mich rein mit allem. VERA (lächelt) Ja, das glaube ich. Vera nimmt ihre Flasche Wasser. Sie verschwindet in den Gängen hinter den Kulissen. Gerwin ist allein und möchte am liebsten laut losbrüllen vor Freude. Vera kommt zurück und holt ihre Regie-Kladde. Gerwin reisst sich zusammen und lächelt cool.


77. 19

INT. VERSORGUNGSGANG - TAG Gerwin geht den Versorgungsgang hinunter. Ruth sitzt Feuerleiter in einem kleinen Gang gegenüber. Manfred wütend zwischen den Gängen auf und ab. Das restliche sitzt geknickt auf dem Boden herum. Gerwin kommt gut dazu. GERWIN Machen wir Schluss für heute? MANFRED Nicht nur für heute. RUTH Wie, was heißt das? GERWIN (tief enttäuscht) Nee, das gibt es ... Das kann ja nicht sein. MANFRED An dieser Stelle ist hier Schluss für mich. GERWIN Aber wieso? MANFRED Tut mir Leid Freunde, so geht das nicht. GERWIN Die Vera, die kriegt sich schon wieder ein. MANFRED Ich mach mich zum Vollidioten. GERWIN Ich hab das Gefühl gehabt, sie will sich jetzt auch entscheiden. Sie versucht doch da wirklich das Beste rauszuholen, das Beste für den Film. MANFRED Die holt gar nichts raus. RUTH Sie versucht die ganze Zeit, den Prozess zu blockieren. Da kommt nichts raus.

19 auf der geht Team gelaunt


78. MANFRED So nicht. Seit zwei, drei Wochen versuche ich sie zu erreichen, telefonisch. (zu Ruth) Ich versuche von ihnen irgendwelche Unterlagen zu bekommen, dass sie mir Vorschläge machen. Manfred wendet sich an das Team. MANFRED (CONT’D) (laut) Ich hab das Gefühl, das ist hier ein Irrenhaus! GERWIN (zu Ruth) Aber die ist doch gut, die versucht doch hinter die Dinge zu gucken. RUTH Von mir aus, ja. Aber es gibt nun mal ... GERWIN Den Dingen auf den Zahn zu fühlen. Die ist doch richtig ... MANFRED (laut) Peinlich ist es! Peinlich! GERWIN Ich hab das Gefühl, also wenn es ein guter Film wird, dann mit der ... Gerwin wendet sich an die übrigen Teammitglieder. GERWIN (CONT’D) Was alles schon vorgebaut worden ist, oder Jungs? Der Oberbeleuchter Abel winkt müde ab. MANFRED Das ist für meine Firma natürlich kein Spaß. Könnt ihr euch vorstellen, ne? Manfred schaut in die Runde.


79. MANFRED (CONT’D) Abel, es tut mir Leid. GERWIN Ich habe es der Vera gegenüber schon einmal erwähnt: Tamara Lentzke, fantastische Schauspielerin. Das Tolle an der ist, die sieht ihr ähnlich. Und ich habe sie schon mal der Vera gegenüber erwähnt und ich glaub, sie hat ein offenes Ohr ... RUTH Ach, die zauberst du jetzt aus dem Hut. Ich schlag 300 vor und du ... GERWIN (energisch) Ich glaube mit der kann sie arbeiten. RUTH Ist doch albern. GERWIN Ich bin überzeugt, mit der kann sie arbeiten. RUTH Ja, danke. Ist wirklich nett, dass du helfen möchtest, Gerwin. Wirklich. Kurzes Schweigen. GERWIN Das ist genau der Typ. RUTH Genau der Typ. Was ist denn genau der Typ? GERWIN Zärtlich. Gebrochen. Das ist genau der Typ Petra und ich glaub, mit der könnte sie arbeiten. Gerwin wendet sich an Manfred, schaut ihn auffordernd an. GERWIN (CONT’D) Staatstheater Nürnberg. Ein Anruf.


80. RUTH Das ist jetzt wirklich ... Manfred geht auf und ab. MANFRED (zu Ruth) Hast du die Nummer? RUTH Ich soll die jetzt anrufen, oder was? Manfred schaut Ruth nachdenklich an. RUTH (CONT’D) Klar, wenn du jetzt sagst: ok! Dann lade ich die noch mal ein. Manfred überlegt. 20

INT. STUDIO 1 / VILLA - MORGEN

20

Das Innere des Filmsets: eine halbrunde Halle aus beigen Marmor mit Säulen und einem Kamin. Hinter der Fensterfront, die zur Terrasse führt, steht ein Landschaftspanorama auf den ein benachbarter großer Garten mit Villa gemalt worden ist. Einige weiße Bauhausmöbel stehen um einen langen Tisch herum. Ein großes weißes voluminöses Bett steht auf einer Erhöhung. Zigarettenrauch hängt in der Luft. Auf dem Marmorboden stehen einige Bierflaschen und eine halbleere Flasche Wodka. Gerwin hat offensichtlich gemeinsam mit dem Requisiteur Dragan und dem BEST BOY TOM (30), ein attraktiver Mann mit schlanker Figur und langen Haaren, die Nacht durchgemacht. Gerwin erzählt eine Anekdote aus seinem Theaterleben. GERWIN Wir mussten so ein berühmtes Bild nachstellen – Frau mit Kind auf der Flucht erschossen – und dann Spot drauf, so als ob das Foto gerade gemacht wird. (beat) Dann macht der aber nur auf Verdacht Licht. Ich raus mit der Lentzke, der macht Licht: Spot! Wir sind noch nicht einmal dort, verstehst du. Ich ... (Er rennt auf der Stelle.) ... rüber zu diesem Bilderrahmen.


81. BEST BOY TOM (lacht) Oh, nein. GERWIN Wir wieder zurück. Gerwin geht schnellen Schrittes wieder zurück. GERWIN (CONT’D) Gibt der wieder Licht. (Er deutet das Rennen an.) Wir haben uns totgelacht. REQUISITEUR DRAGAN Du und die Tamara? GERWIN Die ist cool. Nee, das ist so eine feine Frau und die ist umgänglich. REQUISITEUR DRAGAN Umgänglich? Gerwin lächelt stolz und gibt mit seinem Wissen über Tamara an. GERWIN Ja, die ist ziemlich umgänglich. Und eine wilde Hilde. REQUISITEUR DRAGAN Ihr seid euch näher gekommen? GERWIN Die taugt dir bestimmt. BEST BOY TOM Aber Vera ist ja nicht so zugänglich, kann die auch mit der Tamara? GERWIN Die ist nicht so zugänglich … und wenn sie es wäre … ganz ehrlich, möchte man da nicht zugehen. Gerwin, Best Boy Tom und Requisiteur Dragan lachen dreckig. REQUISITEUR DRAGAN Sag mal, wie ist das denn so mit euch Schwestern? Gibt es da auch wie bei Mann und Frau so einen Geber und einen Nehmer?


82. BEST BOY TOM Scheiss-Heten-Fragen, ey. Gerwin nimmt sich einen Silber-Apfel aus einer Silberschale, die auf einem Tablett steht. Er zwinkert Best Boy Tom zu und beißt hinein. Der Apfel ist nicht aus Silber, sondern nur silbern angesprüht. REQUISITEUR DRAGAN Mit dem Aal in den Kanal, oder was? BEST BOY TOM Das gibt es ja auch im Heten-Porno. Man kann auch den Finger benutzen oder die ganze Faust, je nachdem. REQUISITEUR DRAGAN Ich hab neulich in ´nem Buch gelesen: wenn man den Anus leckt, dass man dann nicht auf die Klitoris wechseln soll, wegen Keimen und so. BEST BOY TOM Das Buch kenn ich nicht. GERWIN Hab das Buch auch noch nicht gelesen. BEST BOY TOM (lacht) Hast du schon mal Tamaras Bär gesehen? GERWIN Tamara hat einen ordentlichen Bären. Alle lachen. BEST BOY TOM Auf Frau Lentzke und den Bären. Best Boy Tom schenkt Wodka nach. Sie prosten sich zu und trinken. Er schaut auf. Scheiße.

BEST BOY TOM (CONT’D)

Vera und die KAMERAFRAU SIRI (35), eine geradlinige, burschikose Frau mit kurzen blonden Haaren, betreten das Set.


83. GERWIN Guten Morgen. KAMERAFRAU SIRI Geht´s noch, Tom? BEST BOY TOM Wir haben ein bisschen gefeiert. KAMERAFRAU SIRI Du hast hier die Verantwortung übernommen? Wo ist denn Abel? BEST BOY TOM Der hat es nicht mehr ausgehalten. KAMERAFRAU SIRI Ah, verstehe. So, was habt ihr jetzt gehängt? Wurde irgendwas schon gearbeitet? BEST BOY TOM Es ist ein bisschen ... REQUISITEUR DRAGAN Wir haben das Bett gestern noch aufgebaut. KAMERAFRAU SIRI Machst du mal die Kippe aus. BEST BOY TOM Wir drehen doch heute nicht, oder? KAMERAFRAU SIRI Nee, aber wir machen gerade SetBesichtigung. Best Boy Tom steht auf und umarmt die Kamerafrau. BEST BOY TOM Hallo erstmal. KAMERAFRAU SIRI Alter, du stinkst wie Sau. BEST BOY TOM Hallo Vera. Vera wendet sich ab. Requisiteur Dragan beginnt die Spuren der letzten Nacht zu beseitigen, räumt Bierflaschen weg und fegt den Boden. Hanne bringt Gerwin ein Glas mit sauren Gurken.


84. HANNE Hast du Kopfweh? Das sind Gurken, du musst den Saft trinken. GERWIN Und das ist gut oder was? Ja, jetzt.

HANNE

GERWIN Aber hast du auch eine Aspirin, trotzdem? HANNE Ja, ich hol dir noch eine Aspirin. Hier nimm mal die Decke. (winkt Vera zu) Hallo Vera. Vera steht auf der Erhöhung des Raums und schaut sich um. Siri steht auf der Terrasse, gibt Anweisungen. Das Licht geht an. KAMERAFRAU SIRI Ja, lass erst mal hängen. GERWIN Wann kommt denn die Lentzke? Gerwin kommt mit dem Gurkenglas in der Hand zu Vera. GERWIN (CONT’D) Ist ja lecker. VERA Jeden Moment. GERWIN Ich hab kaum geschlafen. KAMERAFRAU SIRI Dann geh doch mal Zähne putzen. GERWIN Ach, die ist da nicht so heikel. Nee, freu mich drauf. Gerwin grinst, er ist noch ziemlich betrunken. Vera zeigt Siri das Filmset. VERA Also eigentlich ist das natürlich Holz. (MORE)


85. VERA (CONT'D) Aber ich finde, es sieht ganz gut aus. Mir war wichtig, dass das alles ein Material ist, durchgehend. Die Schauspielerin TAMARA LENTZKE (63), eine energische Frau mit dunklen Augen und lockigen Haaren, erscheint in der Eingangstür der Villa. Der PFÖRTNER (50) versucht sie aufzuhalten, packt sie am Arm. TAMARA Jetzt werden Sie auch noch handgreiflich. PFÖRTNER Ich habe Sie gar nicht auf der Liste. TAMARA Wissen Sie was? Sie interessieren mich nicht. Idiot. Tamara reißt sich los. Vera gibt dem Pförtner ein Zeichen. VERA Ist ok, Theo. Kannst gehen, danke. Lächelnd begrüßt Vera die Schauspielerin. Es ist ihr anzusehen, dass Tamara ihr gefällt. Hallo.

VERA (CONT’D)

Vera fixiert Tamara und reicht ihr die Hand. Unmöglich.

TAMARA

VERA Schön, dass Sie da sind. Ich freu mich. Ich bin Vera. (stellt Siri vor) Siri, meine Kamerafrau. Siri reicht Tamara ebenfalls die Hand. KAMERAFRAU SIRI Freut mich sehr. TAMARA Ja, freut mich auch. Gerwin wird zweimal verdeckt, bevor es zur Begrüßung kommt.


86. VERA Gerwin Haas. Guten Tag.

TAMARA

VERA Ihr kennt euch ja. TAMARA Nee, ich glaub nicht. Alle schauen Gerwin überrascht an. GERWIN Ist schon lange her, Nürnberg. Auf der Kaiserburg. Maeterlinck. TAMARA Nee, tut mir Leid. GERWIN Ist auch schon Jahre her. TAMARA So viele Menschen, die man in so einem Beruf ... Requisiteur Dragan und Best Boy Tom schauen Gerwin feixend zu, der die Peinlichkeit, dass Tamara ihn nicht erkennt, zu überspielen versucht. Vera lächelt es souverän weg. VERA Absolut, absolut. Wir fangen mal an, darf ich Ihnen ... Vera reicht Tamara die Hand und hilft ihr die Stufen herunter. TAMARA Danke schön. Etwas später. Gerwin hat auf dem Bett der Villa Platz genommen. Tamara Lentzke nimmt auf einem Sessel Platz und raucht eine Zigarette. Vera und Siri sitzen etwas abseits. Siri filmt mit der Videokamera. Bereit? Läuft.

VERA KAMERAFRAU SIRI


87.

Und bitte.

VERA

Gerwin reagiert nicht. Vera wartet einen Moment lang. Gerwin?

VERA (CONT’D)

GERWIN Ja, ich bin bereit. KAMERAFRAU SIRI Kamera läuft. Alle warten, Gerwin agiert nicht. VERA Dann. Du müsstest jetzt ... Siri und Vera können ein Lachen kaum unterdrücken. GERWIN (genervt) Sie beginnt doch, oder? VERA Nein, wir haben das geändert. TAMARA Sie fangen an mit: Ich liebe dich doch. VERA Ich hab gesagt: Ich liebe dich, Petra, das war nicht gelogen. Ich liebe dich. GERWIN (präpotent) Ok. Danke, danke. Ursprünglich haben wir gesagt, wir steigen mit dem Magazin ein. VERA Ja und jetzt haben wir es geändert. GERWIN Find ich nicht gut. Also für uns ist es der bessere Einstieg, wenn sie in der Zeitung liest. Lass uns erst mal machen! (zu Tamara) Erst mal so ein bisschen Betriebstemperatur kriegen, oder?


88. Tamara schweigt, zieht stattdessen von ihrer Zigarette, bläst Rauch aus. TAMARA (als Petra von Kant) Mit wem du tanzen warst, möchte ich wissen. GERWIN (als Karl) Wie bitte? TAMARA Ich möchte wissen, mit wem du tanzen warst. GERWIN Mit einem Mann. Ja?

TAMARA

GERWIN (jovial) Ah, jetzt heul doch nicht Petra. Das war doch klar, dass es bei mir immer wieder so ist. Dass ich immer mal wieder mit einem Mann schlafe. Aber ich liebe dich doch. Schau, das nimmt uns doch ... VERA Ok, mal bis hierhin. Du spielst das so arrogant, so selbstgerecht, so ... GERWIN (besserwisserisch) Ja, erst mal, erst mal, erst mal. VERA Egal, ob erst mal oder immer, es ist einfach falsch und dann stimmt die ... GERWIN Wir, wir ... Wir kommen zu dem Punkt! VERA Moment, ausreden lassen!


89. GERWIN Aber wir kommen zu dem Punkt. Hundertprozentig. VERA So, jetzt lässt du mich ausreden. GERWIN Ich möchte erst mal Höhe schaffen. Erst mal Höhe schaffen und dann ... VERA Ja, aber das ist eine falsche Höhe. Du musst es mit einer anderen Haltung angehen. GERWIN (großkotzig zu Tamara) Intensität schaffen. Intensität schaffen. Gerwin nähert sich Tamara und packt sie brutal am Nacken. GERWIN (CONT’D) (als Karl, übertrieben sadistisch) Ich hab ganz lange nicht gewusst, was da passiert. Und du hast doch auch so getan, als wäre es nur Spaß. VERA (verärgert) Entschuldige. Entschuldige, wenn du die festhältst, kann sie nicht ans Telefon. Das ist ganz einfach. Dann geht die Szene nicht weiter. GERWIN Aber das ist doch ein Spiel mit dem Festhalten, ich zier mich und sie ... VERA Wir diskutieren jetzt gar nicht, wir spielen jetzt. GERWIN (insistiert) Wenn ich die ganze Zeit gesagt bekomme, was ich zu tun hab ...


90. VERA Die ganze Zeit? Entschuldige, was willst du mir hier vorf端hren. Sollen wir das jetzt abbrechen? GERWIN ... wird es nicht besser. VERA Pass mal auf, du sagst mir hier jetzt nicht, was ich hier jetzt sagen kann und was nicht. Es ist auch nicht dein Casting, Gerwin. GERWIN Du kannst gerne sagen, was du willst, aber ... VERA Ich diskutiere das jetzt nicht, es ist total unfair einer Kollegin gegen端ber, die hier f端r ein Casting ist. GERWIN (beleidigt) Ok. Ok. Ok. VERA Es ist immer noch mein Film, es ist meine Regie. Also ... GERWIN Ich hab gedacht, der Film ist von Fassbinder. VERA Meine G端te, wo bin ich denn hier. GERWIN Gut. Bitte. (laut) Weiter.

VERA

Gerwin gibt Tamara das Telefon. GERWIN (als Karl) Kannst du mir einen Platz in der Maschine reservieren? Nach Frankfurt. Komm, bitte. Bitte.


91. Tamara nimmt das Telefon. TAMARA (als Petra von Kant) Du hast doch immer gesagt, du und dein Mann, da wäre nichts mehr. Gerwin beginnt Sachen von einer Kleiderstange in eine Tasche zu stopfen. GERWIN Aber Freddy ist doch mein Mann, natürlich habe ich ihm geschrieben. TAMARA Ja, aber du hast mir gesagt, ihr wollt euch scheiden lassen. Das ist doch ... GERWIN Ich hab gesagt, vielleicht werden wir uns irgendwann mal scheiden lassen. TAMARA Weißt du, was du bist? Ein ganz kleines ekliges Geschöpf. Mir wird speiübel, wenn ich dich nur anschaue. GERWIN Dann bist du ja sicher froh, wenn ich jetzt gehe. VERA (spornt ihn an) Gerwin, Gerwin. Du hast was zu verlieren. Sie ist nicht nur deine Geliebte, sie ist dein Arbeitgeber. TAMARA Oh ja, das bin ich. Aber du gehst fast zu spät. Ich frage mich, warum du nicht gleich auf den Strich gegangen bist. Gerwin kommt mit der gepackten Tasche zu Tamara die Stufen hinunter. GERWIN Weil es mit dir nicht ganz so anstrengend war, Liebste. (MORE)


92. GERWIN (CONT'D) Den Rest der Klamotten lass ich dir hängen, ja? Die Hemden, die du mir gekauft hast und so. Er will zur Tür gehen. Tamara hält ihn fest. TAMARA Ja, aber ich lieb dich doch, ich kann doch nichts dafür, dass ich Dich liebe. Bleib bitte hier. Ich brauch dich. Bitte verzeih mir. Ich brauch dich so sehr. GERWIN Komm jetzt, ich muss mich beeilen. TAMARA Nein, bitte. Sei nicht grausam. GERWIN Ich muss mich beeilen. Gerwin macht sich unwirsch los. Nein. Aua.

TAMARA

Tamara spuckt ihm ins Gesicht. Gerwin hält überrascht inne, er wischt sich ihre Spucke aus dem Gesicht und schaut sie perplex an. VERA Lass mal diese Gesten weg. Mach nur den Text. GERWIN (wütend) Ich mach keine Gesten, sondern die Frau hat mir ins Gesicht gespuckt. VERA Ja, weil das die Szene ist. Ohne das mit dem Finger machen, du brauchst ... TAMARA Ich spuck noch mal. Tamara spuckt erneut. VERA Ja. Sehr gut.


93. Gerwin kann nicht fassen, dass Tamara das Spucken nicht nur andeutet, sondern tatsächlich ausführt. Er wendet sich zornig ab, kommt dann bedrohlich auf Tamara zu. TAMARA Brauchen Sie noch Spucke? GERWIN Soll ich mal zurückspucken? TAMARA So ein dicker fetter Batzen, rein in mein Gesicht. GERWIN Ja. Oder ein paar auf die Fresse vielleicht. TAMARA Ja, wenn du Lust hast. Gerwin holt mit der Faust aus und kommt Tamaras Gesicht gefährlich nahe. TAMARA (CONT’D) Mir doch egal. Also spielen Sie oder spielen Sie nicht? GERWIN Ich spiel ja. Ich spiel ja. TAMARA Verstellen alleine reicht nicht. Weiß nicht, ob Ihnen dies schon aufgefallen ist. Offenbar trifft Tamara einen wunden Punkt. Fassungslos droht er ihr. GERWIN Das hast du nicht umsonst gemacht. TAMARA (theatral) Aber Karl. Ich weiß doch nicht mehr, was ich tue ... GERWIN Gib mir Geld. Für den Flug und in Frankfurt. Der Freddy hat nie Geld. TAMARA Ach so, das ist gut. Das ist sehr gut.


94. Tamara lacht laut auf und schlägt sich dann mit der Faust auf den Kopf. TAMARA (CONT’D) Bin so blöd, so blöd. Ja, dafür bin ich gerade gut genug, zum Zahlen. Tamara geht zur Bar. TAMARA (CONT’D) Wieviel brauchst du? 500.

GERWIN

Tamara nimmt ein Stück Zeitungspapier mit dem die Gläser noch eingepackt sind. Sie winkt damit in der Luft. TAMARA Hier. 1000. Dass ihr euch was leisten könnt. GERWIN Ich brauch nur 500. TAMARA Na, na, nimm ruhig die 1000. Wollt ja auch was ausgeben. Viel Spaß. Gerwin nimmt den Papierfetzen, schaut darauf. Tamara lacht abfällig. TAMARA (CONT’D) Kann er nicht spielen. Moment. Dann machen wir es einfach mit richtigem Geld. Kriegen wir vielleicht einmal einen authentischen Moment hin? Sie zieht ihr Portemonnaie aus der Handtasche und holt Geldscheine heraus, die sie vor Gerwin auf den Boden flattern lässt. TAMARA (CONT’D) Na, wie viel? Sag schon! Schau mal, ist echtes Geld. Hier. Noch einen. Gerwin schaut auf das Geld auf dem Boden. Er rührt sich nicht. VERA Aufheben, aufheben. Heb das Geld auf, Gerwin. Geh auf die Knie, auf den Boden.


95. Es ist Gerwin anzusehen, wieviel Überwindung es ihn kostet, sich hinzuknien und die Scheine aufzusammeln. VERA (CONT’D) (laut) Runter, Geld aufheben! Das ist eine Ansage! Gerwin bückt sich und nimmt einen Schein. Für den zweiten muss er auf alle Viere. Er holt den Schein unter der Bar hervor. Der nächste Schein liegt direkt neben Tamaras Füßen. Er krabbelt dahin und nimmt sich langsam den Geldschein. Gerwin steht auf, wirft seine Tasche über die Schulter und geht zur Haustür. TAMARA Du kommst doch sowieso wieder. Das Geld reicht doch nicht. Gerwin hält inne. TAMARA (CONT’D) Du, wenn du einmal durch die Tür gehst, dann ist es vorbei. Ist dir das klar? Gerwin verharrt. TAMARA (CONT’D) Ist so. Dann brauchst nie wiederkommen. Dann war´s das. Geh. Verschwinde! Gerwin steht an der Tür, unfähig zu gehen. TAMARA (CONT’D) Du sollst gehen. Hau ab! Gerwin schafft es nicht die Tür zu öffnen. Er stellt die Tasche ab, wartet. Vera kommt langsam zu ihm. VERA Gerwin, wie ging es dir? GERWIN Ich ... weiß ich nicht. VERA Mochtest du, was du gespielt hast? Gerwin schweigt einen Moment lang.


96. GERWIN (mit belegter Stimme) Ich hab mich nicht gespürt, oder ... ich hab das nicht so beobachten können. VERA Gerwin, wir haben dich gespürt. Alle. Jeder, wie wir hier stehen. Wir mögen, was du machst. Wir mögen dich. Gerwin fängt an zu weinen. VERA (CONT’D) (milde lächelnd) Es ist alles gut. Vera wartet einen Moment lang, bis Gerwin sich beruhigt hat. VERA (CONT’D) (sanft) Wollen wir noch mal einsteigen? Ja. Ja.

GERWIN

Gerwin wischt sich die Tränen aus den Augen. 21

INT. LICHTLAGER - TAG

21

Der Oberbeleuchter Abel hat ein Mikrofon in der Hand. Er gibt mit Hut und Sonnenbrille ein perfektes Udo Lindenberg-Double ab und performt den Song „Der Millionär hat keine Kohle mehr“. Über ihm ist eine kleine Discokugel angebracht. Im Hintergrund sehen wir die Regale in denen die Scheinwerfer und weiteres Lichtequipment gelagert sind. An den Wänden kleben rote Sterne und anarchistische Sprüche. Ein chinesisches Lampion hängt von der Decke. Der Best Boy Tom bedient das Smartphone, welches an zwei Boxen angeschlossen ist. Ruth, der Requisiteur Dragan, Best Boy Tom, Gerwin, Manfred und STEVE, ein junger Beleuchter, schauen ihm zu. Als der Song zuende ist, applaudieren sie. REQUISITEUR DRAGAN Bravo Manne. ALLE Zugabe. Zugabe. Manfred steht auf und umarmt Abel.


97. MANFRED Du springst mir nicht ab, ja? REQUISITEUR DRAGAN (hält seine Flasche hoch) Komm hier! ALLE Auf Abel! Prost! RUTH Hoch die Tassen. Wie alt bist du denn geworden? 20.

OB ABEL

Gerwin sitzt auf einer abgeranzten Couch. GERWIN Frag mal den Abel, ob er was zu kiffen hat. BEST BOY TOM Ich hab was zu kiffen. Her damit.

GERWIN

Best Boy Tom gibt Gerwin einen Joint und Feuer. GERWIN (CONT’D) (flirtet) Und was machst du so, Best Boy? BEST BOY TOM (flirtet zurück) Kabel verlegen, solche Sachen. GERWIN Und da bist du gut drin, im Kabelverlegen? Best Boy Tom grinst süffisant. Manfred setzt sich neben Gerwin auf die Couch und lässt sich von OB ABEL ein Bier öffnen. BEST BOY TOM Ja, würde ich schon sagen. Und du spielst jetzt hier mit? GERWIN Ich spiel hier mit, ja.


98.

Mmh.

BEST BOY TOM

GERWIN Ich spiel die Hauptrolle, die männliche. Wow.

BEST BOY TOM

MANFRED Das ist ja ein Irrtum, das ist ja ein Scherz. RUTH (zu Tom) Er spielt nicht wirklich mit, er macht nur Anspielpartner für das Casting. Gerwin bleibt ruhig und selbstsicher. Er schaut ihn herausfordernd an. MANFRED Kann nicht sein, also. Ist ja gar nicht möglich. RUTH (zu Gerwin) Machst du Spaß oder was? GERWIN Nee, mach keinen Spaß. Wir haben uns da irgendwie gefunden in der Arbeit. OB ABEL Na, das macht ja wohl der Stahnke. GERWIN Na, der Kostja hat vor zwei Tagen abgesagt und die Vera hat mir auf den Kopf zugesagt, dass ich die Rolle spielen soll. Auf Grund der Arbeit, die wir bis jetzt gemacht haben und die sie sehr gut fand. Wie?

MANFRED

Manfred schaut Ruth alamiert an.


99. MANFRED (CONT’D) Wieso hat denn der Stahnke abgesagt? RUTH Wir wollten uns jetzt erst mal um die Petra kümmern und ... MANFRED (erschrocken, laut) Du weißt davon?! RUTH Ja, Vera wollte nicht, dass wir es sagen und wir dachten irgendwie, es ist besser, wenn wir das mit der Petra ... MANFRED Wenn du ein Gehirn hättest, wärst du gefährlich. Entschuldige bitte! Bist du wahnsinnig, mir davon nichts zu erzählen! RUTH (entschuldigend) Ich weiß nicht, warum ich mich darauf eingelassen hab. MANFRED Ruth. Ich kann nichts mehr tun für dich. Manfred steht auf. Er nimmt seine Tasche und geht aus dem Lichtlager. OB ABEL Ich weiß nicht, was du da schon wieder fabriziert hast. REQUISITEUR DRAGAN Tom sucht mal ein Lied raus. BEST BOY TOM Ok, es ist nicht eure Show, es ist seine Geburtstagsfeier. REQUISITEUR DRAGAN Ruth! Mikrophon ist angeschlossen! Ruth packt ebenfalls ihre Sachen zusammen. RUTH Kann nicht mehr ...


100. OB ABEL Trinken wir noch einen Schnaps. RUTH Schönen Abend noch. Ruth geht eilig hinter Manfred her. Best Boy Tom hat eine Wodkaflasche und zwei Schnapsgläser in der Hand. Er setzt sich neben Gerwin auf die Couch und schenkt ihm Wodka ein. BEST BOY TOM Hast du schon viel vorher gemacht? GERWIN Na, einiges. Einiges. 22

INT. VERSORGUNGSGANG - NACHT

22

Gerwin kommt aus dem Lichtlager die Eingangshalle des Filmstudios in die nur von draussen etwas Licht reinfällt. Er schaut sich um und entdeckt im Halbdunkeln Manfred und Ruth, die leise miteinander sprechen. An der Wand sind Kulissen und große Ausstattungsteile aus Pappmaché, wie Felsen und Säulen zu erkennen. Manfred geht im hinteren Teil des Ganges auf und ab, Ruth geht von ihm weg, Richtung Ausgang. Sie nähert sich dabei Gerwin und bleibt vor ihm stehen. GERWIN Was ist los? RUTH Ich bin gefeuert. Wirklich. Mh-hm. Und warum?

GERWIN RUTH GERWIN

RUTH (höhnisch) Denk mal ganz scharf nach. Vielleicht kommst du drauf. GERWIN Was? Wegen mir? Das tut mir sehr Leid.


101. Ruth wirft ihm einen abschätzigen Blick zu und lässt ihn stehen. Doch Gerwin meint es ernst. Ruth glaubt ihm nicht. Sie geht zum Ausgang. 23

INT. STUDIOKÜCHE - TAG

23

Gerwin steht in der von Neonlicht hell erleuchteten Studioküche. Es ist früher Morgen. Er nimmt aus einer Plastikverpackung eine Scheibe Käse und isst sie. Er öffnet eine weitere Plastikverpackung und isst eine kleine Paprika. Gerwin hat die Nacht durchgemacht, er hat Durst. Er beugt sich unter den Wasserhahn und trinkt. 24

INT. STUDIO 1 - TAG

24

Gerwin kommt ins Studio, das Arbeitslicht ist an. Eine GARDROBIERE rollt Ständer mit Kostümen ins Studio. Die SZENENBILD ASSISTENTIN schiebt auf einem Rollwagen Ausstattungsutensilien ins Studio. Der Eingang des Filmsets ist hell beleuchtet. GARDROBIERE Guten Morgen. Morgen.

SZENENBILD ASSISTENTIN

GARDROBIERE Schönes Wochenende gehabt? SZENENBILD ASSISTENTIN Ja, und du? GARDROBIERE Auch. Danke. Ein lautes Männerlachen ist aus dem Inneren des Filmsets zu hören. MANFRED O.S. Ich bin so fett geworden. KOSTJA O.S. Hat was Römisches. Der Marmor. Kreons Tempel oder so. Manfred kommt mit dem Schauspieler KOSTJA (30), ein kleiner, breiter, durchtrainierter Mann, aus dem Eingang der Villa.


102. Er trägt zwar wie der junge Fassbinder einen flaumigen Oberlippenbart und eine helle Jeansjacke, wirkt aber durch seine teuren weissen Turnschuhe und der grauen Jogginghose eher wie ein Soap-Star. Manfred begrüßt die SZENENBILD ASSISTENTIN. MANFRED Weisst du, wo Vera ist? Die SZENENBILD ASSISTENTIN schüttelt mit dem Kopf. MANFRED (CONT’D) Das ist der Kostja. Das ist unsere Assistenz vom Szenenbild. Hallo.

KOSTJA

Manfred deutet auf die hölzerenen Rückwände des Filmsets. MANFRED Guck mal, so sieht die Welt von hinten aus. KOSTJA Ist ja ganz schön. DANIELLE (23), die Hilfe für den SET-AL, kommt zu ihnen. Sie hat Veras Regie-Kladde unterm Arm. Manfred nimmt sie direkt in den Arm. MANFRED (charmant) Hey. Ach, ich dachte, die Regisseurin kommt. DANIELLE (irritiert) Hallo. Na. MANFRED Darf ich dir unseren Kostja vorstellen. Hallo.

DANIELLE

MANFRED Er spielt den Karl. DANIELLE Ah, freut mich.


103. MANFRED Jetzt haben wir ihn endlich da. Vera kommt ins Studio. Danielle reicht Vera ihr Regiebuch. DANIELLE Deine Kladde. VERA Wo war das? Danielle zuckt mit den Schultern und geht. MANFRED (deutet auf Vera) Die Chefin. VERA (überrascht) Hey, Kostja. Ich wusste gar nicht, dass du da bist. Kostja begrüßt Vera mit einer herzlichen Umarmung. Gerwin steht daneben, unfähig, etwas zu sagen. KOSTJA Grüß dich. Freut mich, dich zu sehen. VERA Freut mich auch. KOSTJA Mensch, ich freu mich, dass das jetzt losgeht und auf die Lentzke. (vertraulich) Können wir noch mal zusammen Abend essen oder so? VERA Ja, auf jeden Fall. VERA (CONT’D) Sag mal ganz kurz ... Vera schaut Kostja prüfend an. VERA (CONT’D) (zu Kostja) Es gab so ein paar Irritationen wegen Terminen und so weiter. Deine Agentur meinte da irgendwie ...


104.

Nö.

KOSTJA

Manfred steht zwischen beiden und spielt den Ahnungslosen. VERA Nö? Alles gut? KOSTJA Nee, ich weiß von nichts. Ich bin jetzt hier. MANFRED Die Ruth hat gestern alles durcheinandergebracht. Deswegen habe ich dich auch gleich angerufen. KOSTJA Wollen wir ein bisschen proben? VERA Ja gerne. Wenn du jetzt da bist, gerne. KOSTJA Ich wollt nur mal ... wegen der Sprache, das ist irgendwie ... Also einerseits ist es witzig, aber ich fände es toll, wenn wir da ein bisschen mehr Alltag, ein bisschen mehr Fleisch reinbringen. VERA Das ist genau das, was ich auch möchte. Das finde ich super. MANFRED Ja, dann gehen wir jetzt ins Studio, würde ich sagen. Vera und Kostja gehen an Gerwin vorbei zum Eingang des Filmsets. VERA (zu Kostja) Dann gehen wir einfach vor dem Drehen nochmal essen. Gerwin ist bleich. Er hat die Schultern nach oben gezogen, als ob jemand ihm unvorbereitet in den Nacken geschlagen hat.


105. VERA O.S. Dass du heute da bist, wusste ich nicht. Stör ich? geplant.

KOSTJA O.S. War jetzt was anderes

VERA O.S. Nein, nein, nein. Alles gut. Freu mich. MANFRED (zu Gerwin) Wären Sie denn so nett und würden die Petra von Kant lesen? Manfred legt Gerwin den Arm um die Schulter und nimmt ihn mit ins Innere des Filmsets. MANFRED (CONT’D) Sie kennen sie ja so gut. Ja.

GERWIN

MANFRED Das ist toll, dankeschön. 25

INT. STUDIO 1 / VILLA - TAG

25

Mit regungslosem Gesicht nimmt Gerwin den Platz der Petra von Kant ein. Er stellt sich neben das Terrassenfenster, durch die Jalousien fällt klares, tiefstehendes Sonnenlicht auf die Bar. MANFRED (zu Kostja) Du, der Gerwin liest jetzt mal die Petra von Kant. Ist das für dich ok? KOSTJA Na, solange er mir nicht an den Arsch fasst. Manfred und Kostja lachen. MANFRED Da musst du wirklich aufpassen bei dem Team, da gibt es einige Kandidaten ...


106. Manfred geht hinüber zu Vera, die auf einem runden Glastisch unsicher einzelne Seiten ihres Regiebuchs sortiert und dem Blick von Gerwin ausweicht. MANFRED (CONT’D) Vera, wir wollten doch noch mal darüber reden ... die Petra von Kant ist einfach zu unsympathisch. Die ist so hermetisch abgeriegelt. VERA Ja, für dich vielleicht, aber das ist die Geschichte. Das ist das Stück ... MANFRED Die Szene mit der Tochter ... VERA Das ist super. MANFRED ... das ist grausam für den Zuschauer. Das hält kein Mensch aus. VERA Das diskutieren wir ... MANFRED Ich würd sagen, die schmeißen wir komplett raus. VERA Ich würd jetzt gar nichts sagen. Vera hat endlich die gesuchte Szene gefunden und gibt sie Kostja. VERA (CONT’D) (sucht) So ... Manfred nimmt sich eins der Blätter. MANFRED Was haben wir denn hier: Weißt du, was du bist? KOSTJA (zu Gerwin) Du sagst, weisst du, wer du bist, äh, was du bist.


107. VERA Du sagst: Ich bin nicht hysterisch, ich leide, oder? KOSTJA Ne, ne. Irgendwas mit weißt du. Kostja blättert in dem Text. KOSTJA (CONT’D) Hier. Weisst du, was du bist. Kostja hält den Text hoch und schaut Gerwin fragend an. KOSTJA (CONT’D) Hier, willst du´n Text? Gerwin antwortet nicht. Er schenkt sich ein Glas Wasser von der Bar ein. GERWIN (als Petra von Kant, verletzt) Gott, bist du gemein. Wie kann man einen Menschen nur so belügen, wenn man sieht, der lässt sich ein auf einen. Kostja setzt sich auf die Stufen in der Villa. KOSTJA (als Karl) Ich hab dich nicht belogen, Petra. GERWIN Oh, doch. Du hast gelogen. Du hast die Dinge nicht ganz klar gemacht zwischen uns. Gerwin trinkt, beachtet Kostja nicht. KOSTJA Ich lieb dich, ich lieb dich auf meine Art. Vera sitzt auf einem Stuhl, in ihrem Rücken sitzt Manfred. GERWIN (zärtlich, verletzt) Ich hätt mich doch von Anfang an ganz anders eingestellt. Wie kann man so gemein sein, Karl? Du hast doch gesehen, was los ist mit mir. (MORE)


108. GERWIN (CONT'D) Du hast doch gesehen, was da passiert. KOSTJA Das ist nicht wahr. Ich hab ganz lange nicht gewusst, was da passiert. Und du hast am Anfang auch so getan, als wäre es nur Spaß. Gerwin geht zu ihm. Er setzt sich neben Kostja. GERWIN Ich kann ja nichts dafür, dass ich dich liebe. Ich kann doch nichts dafür. Ich brauch dich doch, Karl. Ich brauch dich so sehr. Gerwin streift mit seiner Hand zart über Kostjas Gesicht. Er wirkt alt und verbraucht, Kostja jung und unschuldig. GERWIN (CONT’D) Mein Herz tut so weh, als hätte man hineingestochen mit einem Messer. Gerwin streicht Kostja liebvoll über den Schnurrbart, seine Hand geht hinunter, bleibt auf seiner Brust liegen. Sie schauen sich an, ihre Gesichter sind sich nah. KOSTJA (überrascht von Gerwins Intensität, mit belegter Stimme) Na komm. Steh auf. Ich muss mich beeilen. Gerwin schließt die Augen und küsst Kostja vorsichtig auf die Lippen. Kostja lässt es zu, findet ein Stück weit Gefallen daran. Er wirft Manfred einen kurzen irritierten Blick zu. Manfred möchte das Casting abbrechen, doch traut sich nicht recht. Vera schaut gebannt zu. Gerwin küsst Kostja. Kostja legt seine Hand in dessen Nacken und erwidert den Zungenkuss. Gerwin lehnt seinen Kopf hingebungsvoll an dessen Brust. 26

INT. MALERSAAL - ABEND

26

Das komplette Team findet sich einen Tag vor Drehbeginn zum Warm-Up ein. Manfred steht mit Vera, der REDAKTEURIN und der REGIEASSISTENTIN zusammen. Der Malersaal der Fernsehstudios hat große Lichtleisten, an den Wänden hängen bemalte Leinwände, auf dem Boden stehen farbig angemalte Ausstattungsteile herum. Vera hat ihr BABY auf dem Arm.


109. MANFRED Meine Tochter ist ja jetzt auch 13. VERA Und du hast drei, Susanne? SUSANNE 13, 16 und 11. VERA So hintereinander weg. REGIEASSISTENTIN Ich will auch Kinder. VERA Aber warte nicht so lange wie ich. Die Kamerafrau Siri kommt zu Vera und Manfred. VERA (CONT’D) Darf ich dir Susanne vorstellen, unsere Redakteurin? Siri. Hallo.

KAMERAFRAU SIRI SUSANNE

KAMERAFRAU SIRI Ich mach die Kamera. Ich freu mich, dass es losgeht. Schade, dass ich erst so spät dazu kommen konnte. SUSANNE Es stand zwischenzeitlich ganz schön auf der Kippe, aber wir sind so froh ... VERA Manfred, ich leg ihn eben hin, ja. MANFRED Wir warten. Vera geht mit dem Baby und der SCRIPT/CONTINUITY CONNY (45), aus dem Saal. KAMERAFRAU SIRI Braucht ihr Hilfe?


110. VERA Conny kommt mit. Ist gut, ich hab alles dabei. Die Regieassistentin beginnt die Drehpläne zu verteilen. Gerwin schlendert frustriert zwischen den Herumstehenden durch. Sie will auch Gerwin einen Drehplan geben. GERWIN Na, wer bist du? REGIEASSISTENTIN Wer bist du? Gerwin kneift ihr in die Wange, als wäre sie ein kleines Kind. GERWIN Na, wer bist denn du? Na du bist ja süß. Du bist ja ganz eine Süße. Gerwin dreht sich um und geht weiter. Sein Blick bleibt an dem HERSTELLUNGSLEITER hängen, der ein Glas Rotwein in der Hand hat und ihn freundlich ansieht. GERWIN (CONT’D) (deutet auf den Wein) Ja und? Kann man trinken? Bevor der Herstellungsleiter etwas sagen kann, nimmt Gerwin ihm das Glas aus der Hand und trinkt den Wein auf Ex. Hanne blickt ihn bemitleidend, aber auch etwas entnervt an. MANFRED Für mich ... für mich ist dieses Remake was ganz Besonderes, weil wir uns einem Mann nähern, den ich selber jetzt auch erst erforsche und kennenlerne. Ich weiß auch noch nicht, was wir dabei für Türen aufmachen, hoffentlich auch bei euch, aber auch hier bei dem Sender. Ich danke dem Vertrauen der Redaktion, unserer Susanne Ersig, die uns jetzt wirklich in den letzten Wochen so toll unterstützt hat ... Applaus brandet auf. MANFRED (CONT’D) ... und immer wieder gesagt hat, sie glaubt an uns.


111. Alle klatschen. Gerwin steht etwas abseits und trinkt frustriert von seinem Bier. MANFRED (CONT’D) Aber jetzt gebe ich das Wort an unsere Regisseurin. Vera, ich bitte dich nach vorne. Vera lächelt und geht durch die klatschende Menge nach vorne zu Manfred. VERA (schluckt erstmal, als sie in die große Runde blickt) Huch. Alle lachen. VERA (CONT’D) Ja, ich freu mich total, dass jetzt alles steht, ihr da seid. Das Team hat sich ja schon in der Vorbereitung unglaublich bewährt. Ohne Veras Rede abzuwarten, verlässt Gerwin mit einem Bier in der Hand den Malersaal. Er schubst ein Elektrokabel zur Seite. 27

INT. STUDIO 1 / VORRAUM - ABEND

27

Gerwin kommt in den Vorraum des Studios. Er bleibt kurz im Durchgang stehen, wirft einen Blick in die Studioküche. Die KOSTÜMBILDNERIN flirtet im Gang mit einem FAHRER. VERA O.S. Dafür Dank euch allen. Ich muss aber auch sagen, ich kann diesen Film nur drehen, wenn euer Enthusiasmus und eure Loyalität ... 28

INT. STUDIO 1 / VILLA - TAG Gerwin kommt in das Innere der Villa. Es ist dunkel. Er trinkt von seinem Bier, schaut sich um. VERA O.S. ... mich begleiten bis zum letzten Drehtag. Darauf baue ich und wünsche uns allen einen schönen Abend. Danke.

28


112. MANFRED O.S. Jetzt darf ich sagen, wir haben Hunger und Durst. Es ist alles da für euch. Los ran! Wieder brandet Applaus auf. Gerwin setzt sich auf die Bettkante und blickt sich ruhig um. Er trinkt einen Schluck Bier. Plötzlich durchzuckt seinen Körper eine Panikattacke und er flucht vor sich hin. Fuck!

GERWIN

Wütend schlägt er mit der Faust auf die Matratze. Hinter sich auf dem Bett hört er ein leises Wimmern. Verwundert dreht Gerwin sich um. Das Baby von Vera liegt zwischen den Kissen auf dem Bett. Es schaut Gerwin aus großen Augen an. Daneben ein Babyphone. Das Weinen wird lauter. Gerwin trinkt von seinem Bier, stiert nach vorne ins Leere. GERWIN (CONT’D) (beruhigend) Ist ja gut. Ist ja gut. Ist ja alles gut ... ist ja gut. Als das Weinen des Kindes heftiger wird, dreht er sich zu dem Kind hin. Das Schreien führt dazu, dass er das Kind auf den Arm nimmt und wiegt. Allerdings ist er schon betrunken und leicht wacklig auf den Beinen. Er geht die kleine Treppe der Erhöhung runter in den Wohnbereich der Marmor-Halle. Allerdings ist er schon betrunken und leicht wacklig auf den Beinen. Er wiegt das Kind. Vera kommt in das Filmset. In der Hand hat sie den Empfänger des Babyphones. Sie sieht das leere Bett, dreht sich um. Dann entdeckt sie Gerwin, der im Halbdunkel das Baby auf dem Arm hat. Sie geht das Treppchen runter zu Gerwin. VERA Gerwin, ich bin jetzt da. Kannst ihn mir geben. Gerwin weicht Vera aus, geht hinter einen großen Glastisch. GERWIN (flüstert) Der Kleine möchte auch mitspielen. VERA Gerwin, gibst du ihn mir? Vera streckt die Arme aus.


113.

Wie bitte?

GERWIN

Er lacht leise. Vera geht um den Tisch herum, Gerwin weicht ihr auf die andere Tischseite aus. Vera bleibt stehen. Sie atmet schwer aus, möchte ihr Kind zurück. Sie denkt nach und bändigt ihre Wut. VERA Ich will mich bei dir bedanken, für den Vorschlag mit Tamara und ... Gerwin lacht leise. GERWIN (flüstert) Ich hab Angst, dass es jetzt aufwacht, weil ich einen Lachkrampf kriege. Vera ringt sich eine Entschuldigung ab. VERA Es tut mir auch Leid. Gerwin geht langsam auf sie zu. Er tut so, als ließe er das Baby fallen. Vera geht erschrocken zu ihm. VERA (CONT’D) Nicht so lustig. Gib ihn mir mal wieder. Gerwin übergibt ihr vorsichtig das Kind. Vera hält es fest. Er geht an Vera vorbei auf die Terrasse. GERWIN (im Abgehen) Du schuldest mir was. Gerwin verschwindet im Dunkel der Kulissen. 29

INT. STUDIO 1 / VILLA - TAG

29

Das Drehteam ist im Inneren des Filmsets: beige Marmorhalle mit Säulen und Kamin. Kostja zieht sich um, während noch letzte Vorbereitungen für den Dreh getroffen werden. Kameratechnik liegt herum, in den Ecken stehen Schweinwerfer. Eine silberne männliche Schaufensterpuppe mit einem Bein und verhülltem Kopf steht neben 80er Jahre Neonröhren in der Ecke. Eine japanische Samurai-Rüstung, ein Tisch mit hellgrünen und orangenen Stoffen, darauf steht ein Korsett. Stoffbahnen liegen auf einem Metallwagen, daneben ein Hocker.


114. Die Darstellerin der MARLENE (30) sitzt in eine Decke gehüllt auf dem Bett und wartet. Sie trägt einen hauteng anliegenden Bodysuit mit Maske, angefertigt aus schwarzer Spitze – eine Referenz an Fetisch-Kleidung. Ein Gesicht ist nicht zu erkennen. Die Maskenbildnerin Hanne pudert Kostja ab. Er hat sich mit Hanne etwas angefreundet. Sie plaudern. KOSTJA Du bist versichert, ne? Haftpflicht? Oder was braucht man da? HANNE Bei einem Wasserschaden? Keine Ahnung. Konnte ich mich jetzt nicht drum kümmern. Immer alles bisschen viel auf einmal. Das Schlimmste sind die Fotos, weißt du, da hast du irgendwie ... Da hängst du ja schon dran. KOSTJA Sind es alte? HANNE Naja, so von meiner Tochter früher. (beat) Drehfertig. KOSTJA (wiederholt) Drehfertig. Vielen Dank. HANNE (ruft) Drehfertig! Alles gut. Der Best Boy Tom zeigt dem Oberbeleuchter Abel drei verschiende Gelbfolien für die Lampen. BEST BOY TOM Abel, welche willst du, die Dunkelorangene, das oder welche? Die hier.

OB ABEL

KAMERAFRAU SIRI Wie lange brauchst du denn noch, Abel! Wo ist denn Nico jetzt hin. Wo ist Nico?


115. Die GARDEROBIERE beugt sich vor und spricht in ein kleines Mikrofon. AUFNAHMELEITER MAX (spricht in sein Headset) Nico für Max? 30

INT. STUDIO 1 / VILLA - ETWAS SPÄTER

30

Die Szene ist nun als Filmszene zu sehen: Gerwin kommt in einer brauen UPS-ähnlichen Uniform in die Villa. Er hat ein Päckchen unter dem Arm, schaut sich suchend um. GERWIN (als Postkurier, ruft) Hallo? Im Kamin brennt Feuer, ein blaues Dämmerungslicht wie nach einem Sommergewitter. Die Terrassenfenster stehen offen, die Vorhänge wehen leicht im Wind. Vor dem Kamin sitzt in schwarze Spitze verhüllt die Dienerin von Petra von Kant: Marlene. Sie rührt sich nicht. GERWIN (CONT’D) Ich hab da was für von Kant. Tamara Lentzke erscheint auf der Erhöhung zwischen den Marmorsäulen. Sie trägt offenes Haar, ist barfuß in einem langen lässigen Kleid (in schwarzer auslaufender Farbe, die ins Weiß übergeht). TAMARA (als Petra von Kant) Das bin ich. (beat) Stellen Sie es ruhig ab. Gerwin zieht den Scanner aus seiner Gürteltasche. Er schaltet ihn ein. GERWIN So. Ich krieg da noch eine Unterschrift. Gerwin geht zu ihr hin, reicht ihr den Scanner und einen Stift. Er blickt hoch zu ihr. Tamara unterschreibt. Bitte.

TAMARA

Sie gibt ihm den Stift zurück.


116. TAMARA (CONT’D) Möchten Sie was trinken? GERWIN Nein, danke. Tamara reicht ihm ihr Glas. TAMARA Bringen Sie mir einen kleinen Schluck? Gerwin zögert einen Moment lang. Dann nimmt er das Glas und geht zum Servierwagen. TAMARA (CONT’D) Wie alt schätzen Sie mich? GERWIN Keine Ahnung. Sie sind 62? TAMARA 62? So alt hat mich noch niemand geschätzt. Gerwin reicht ihr das gefüllte Glas. GERWIN Sie sehen auch wesentlich jünger aus. Mir macht das ja nichts aus, wie alt jemand ist. TAMARA Wie kommen Sie drauf, dass ich 62 bin? GERWIN Ich weiß nicht. Aber stimmt doch? TAMARA Ja. Stimmt. Sie blickt ihn lange an. GERWIN Ich muss weiter. Prost. Gerwin geht. Tamara trinkt einen Schluck. Sie schaut ihm nach. Erst jetzt sieht man einen Kameradolly, der Gerwin auf dem Weg zur Eingangstür folgt.


117. Im Hintergrund ist das Team zu sehen: Vera, Hanne, der TonAngler, der Kamerassistent, der Mann für die Baubühne, Conny für Script-Continuity, der Aufnahmeleiter, der Digital Image Technician, die Regieassistentin und andere Gewerke. Gerwin geht den letzten Schritt aus der Eingangstür raus. VERA Und Cut. War ok, oder? Siri, war die gut? Gerwin bleibt an der Eingangstür der Villa stehen und wartet. Er ballt die Faust und ist nicht sicher, ob der Take gut war. Gerwin wartet, was die anderen darüber sagen werden. Ja.

KAMERAFRAU SIRI

VERA Conny, was sagst du? Gut, dann sind wir durch damit. Dann ist die gestorben. AUFNAHMELEITER MAX (laut) Ok, dann ist der Gerwin abgedreht. Alle klatschen. Der Best Boy Tom taucht auf und auch der Oberbeleuchter Abel klatscht mit. Vera kommt zu ihm und umarmt Gerwin. VERA Dankeschön. Super. KAMERAASSISTENT O.S. Wir bauen um auf die 25. GERWIN (zu Vera) Lass uns doch noch eine machen. VERA Brauchen wir nicht, die war völlig in Ordnung. Das Team fängt an den Umbau vorzubereiten. Die Kostümbildnerin redet mit der Regieassistentin. REGIEASSISTENTIN O.S. Gut, das klären wir gleich. Ich hab noch keine Schauspielergrößen. Die Regieassistentin kommt zu Vera und Gerwin.


118. GERWIN Eine noch drauf. Also ich hätt gern noch eine. REGIEASSISTENTIN Die Zeit haben wir nicht mehr. GERWIN Eine. Ich kann das besser. VERA (ruft) Siri, was sagst du? KAMERAFRAU SIRI Für mich war die toll. REGIEASSISTENTIN Würd ich nicht noch mal machen. GERWIN Eine Schnelle noch drauf. Das Team wartet auf Ansage von Vera. Sie schaut zu Gerwin, dann zum Team. VERA Eine Schnelle. Die Regieassistentin stöhnt, fügt sich aber. Vera setzt die Kopfhörer auf. Sie ist etwas gestresst, da sie ohnehin mit dem Drehplan etwas zu spät dran sind. VERA (CONT’D) (ruft) Gut, wir machen noch eine. AUFNAHMELEITER MAX Dann gehen wir nochmal auf Anfang bitte. VERA (zu Hanne) Er ist fertig? Drehfertig? HANNE Drehfertig. Alle rennen schnell an ihre jeweilige Position. Vera reibt sich vor Stress kurz die Augen und lächelt Hanne an. Conny setzt sich neben sie vor den Monitor.


119. 31

INT. EINGANG DER VILLA - TAG

31

Gerwin steht vor dem Eingang der Villa neben künstlichem Efeu. Der Requisiteur Dragan bringt Gerwin das Paket. REQUISITEUR DRAGAN So, einmal für von Kant. Ok. Dankeschön. Super. Dragan steckt den Scanner richtig herum in die Gürteltasche. Der TONMANN kommt zu Gerwin. TONMANN Ich schau kurz nach dem Mikro, ja? VERA O.S. (eilig) Siri, läufst du? Der Tonmann knöpft ihm einen Knopf vom Hemd auf und überprüft das kleine Ansteckmikro. Gut.

TONMANN

KAMERAFRAU SIRI O.S. (ruft zurück) Drehfertig! Gerwin hält das Paket in der Hand, lauscht. Konzentriert wartet Gerwin auf seinen Einsatz. AUFNAHMELEITER MAX O.S. Ruhe am Set bitte. Gut, dann sind wir soweit. Ton ab. Ton läuft.

TON O.S.

CLAPPER LOADER O.S. 31.2, die Fünfte. Gerwin steht alleine vor der Villa, neben ihm ist Fake-Efeu an der Wand. Die Klappe wird geschlagen. Gerwin konzentriert sich, blickt ruhig vor sich hin. Bevor er seinen Auftritt hat, ist er für einen Moment ganz bei sich.

BLACK

CASTING  

Ein Drehbuch von Nicolas Wackerbarth & Hannes Held in der Reihe Deutsche Drehbücher der Deutschen Filmakademie

CASTING  

Ein Drehbuch von Nicolas Wackerbarth & Hannes Held in der Reihe Deutsche Drehbücher der Deutschen Filmakademie