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weltzeit Das Magazin der Deutschen Welle

Ausgabe 1 | 2013

Ticket für ein Wiedersehen Das Alumni-Netz der DW Akademie

AFRICA POSITIVE Die Brücke zum bunten Kontinent

Das andere Afrika-Magazin: objektiv – informativ – vielfältig Der andere Blick auf Afrika seine Menschen und Kulturen seine Potentiale und Chancen

15 Jahre Africa Positive

Jubiläum und Programm in 2013

Feiern Sie mit und blicken Sie 2013 gemeinsam mit uns zurück auf 15 Jahre Magazin und Verein Africa Positive. Das sind 15 Jahre engagierte Informations- und Integrationsarbeit – für ein anderes Afrika-Bild in den Medien sowie ein besseres Miteinander der Vielfalt der Menschen und ihrer Kulturen in unserer Gesellschaft.

Das vierteljährliche Magazin „Africa Positive“: Im Abonnement und im Zeitschriftenhandel erhältlich

Anlässlich des fünzehnjährigen Jubiläums laden wir Sie herzlich ein zu unserem Jubiläumsprogramm: 20.–21. Juni 2013

Fachtagung „Afrika 3.0“

28.–30. Juni 2013

Afro-Ruhr-Festival im Dortmunder Fredenbaumpark

Kontakt/Information:

info@africa-positive.de Tel: +49 (0)231 - 79 78 590 www.africa-positive.de www.afro-ruhr-festival.de

Wir freuen uns auf Sie!

©© DW/J. Schulzki

Editorial

Wenn wir heute bekunden wollen, dass uns etwas gefallen hat, dann drücken wir den „Like“-Button. Und wenn wir ein Netzwerk aufbauen wollen, können wir in kürzester Zeit Hunderte „Freunde“ finden. So läuft Kommunikation in Sozialen Netzen. Neue Möglichkeiten nicht zuletzt für jene Menschen, die weltweit in Verbindung bleiben möchten. Selbstverständlich gibt es auch jenseits des Web 2.0 weiterhin Wege, eine qualifizierte Rückmeldung zu geben oder nachhaltige Verbundenheit zum Ausdruck zu bringen. Zum Beispiel nach einer Aus- oder Fortbildung in der DW Akademie. In dieser Ausgabe der Weltzeit stellen wir Ihnen unser Alumni-Netzwerk vor. Es geht um Menschen, die vor Ort an Kursen der ­Medienentwicklungszusammenarbeit teilgenommen haben. Um Absolventen des zweijährigen Masterstudiengangs „International Media Studies“ in Bonn und um ehemalige Volontäre der Deutschen Welle. Was ist aus ihnen geworden? Wie haben sie die erworbenen Kenntnisse einbringen können? Wie halten sie Kontakt – zur DW Akademie und untereinander? Die DW Akademie ist ihrerseits gut vernetzt. Nur ein Beispiel: Seit vergangenem

Herbst ist sie im Hauptausschuss des Global Forum for Media Development (GFMD) vertreten – es ist das weltweit größte Forum für Medienentwicklungszusammenarbeit. Die DW-Vertreter koordinieren dort die EUArbeitsgruppe. Dass unsere Akademie hierzulande großes Vertrauen genießt, hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit

»Die DW Akademie ist gut vernetzt.« und Entwicklung (BMZ), wichtigster Mittelgeber, einmal mehr unterstrichen: Zum 1. Januar wurde das Internationale Institut für Journalismus (IIJ) – bisher bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) angesiedelt – in die DW Akademie integriert. Eine erfreuliche Rückmeldung gab es auch vom Land Nordrhein-Westfalen, das dem Masterstudiengang das Prädikat „Bestleistung“ verliehen hat. Die International Media Studies führt die DW in Zusammenarbeit mit der U ­ niversität Bonn und der Hochschule Βonn-Rhein-Sieg durch.

Lesen Sie in dieser Weltzeit auch eine Rückmeldung aus Iran: Der in seiner Heimat sehr bekannte Schriftsteller Mahmud Doulatabadi schickte uns ein Essay für die Reihe „Deutschlandbild“. Darin erklärt er, wie unser Land für ihn inzwischen zur zweiten Heimat seines schriftstellerischen Schaffens geworden ist. Außerdem blicken wir in dieser Ausgabe auf die Entwicklung unseres arabischen Fernsehprogramms. Seit zehn Jahren ist es auf Sendung und verzeichnet im Zielgebiet eine wachsende Resonanz – nicht zuletzt aufgrund von Talkformaten und der Zusammenarbeit mit Partnern vor Ort. Ihnen wünsche ich einen guten Start ins neue Jahr. Möge es für Sie ein erfolgreiches werden! Bleiben Sie der Deutschen Welle, die 2013 ihren 60. Geburtstag feiern kann, gewogen. Erik Bettermann Intendant

Deutsche Welle

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©© DW/M. Altmann [M]

Welt anschauen

Robin Merrill und Lifestyle – das passt! Des-

halb war der gebürtige Brite lange Zeit das Gesicht und die Stimme der englischen Ausgabe des Magazins Euromaxx. Dort geht es um Leben und Kultur in Europa. Seit zehn Jahren produziert und moderiert er für das Fernsehen der Deutschen Welle. Jetzt präsentiert er das neue Format Insight Germany – ein interkultureller Talk mit Menschen aus aller Welt, die in Deutschland ihre zweite Heimat gefunden haben.

Robin Merrill verschafft sich seit Jahrzehnten vor allem singend und swingend Gehör – mit großem Erfolg. Er sang 1978 in der Welturaufführung des

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­ usicals „Evita“, er prägte den Sound des Pasadena M Roof Orchestra. Professionelle Schulung erfuhr sein samtener Bariton an der Guildhall School of Music and Drama in London. Gemeinsam mit Stefan Warmuth gründete er 1994 das Savoy Dance Orchestra. Seit 1989 lebt er an der Spree, hatte seine eigene Show bei BFBS Radio Berlin. Im DW-Fernsehen hat der Entertainer und Moderator ein weltweites Publikum. 2013 wird Robin Merrill 60. Die Deutsche Welle auch. Wie wär’s mit einem neuen Hit als Geburtstagsständchen, Mr. Merrill?

Inhalt Aktuelles erfahren

HEIMAT ERLEBEN

6 Auslandssender besorgt Anwalt der Meinungsfreiheit

23 Kolumne: Deutschlandbild

7 Global Media Forum 2013 Werte für eine globalisierte Welt

25 Kolumne: Das läuft So geht Deutschland

7 Learning by Ear Bildungsprogramm für Pakistan

UNTERWEGS SEIN

titelthema

Iran – Mahmud Doulatabadi

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26 Dilemma im Delta Das Schwarze Gold in Nigeria

Weltweit in Verbindung bleiben Das Alumni-Netz der DW Akademie

27 Kolumne: Das läuft Rohstoff – zwischen Fluch und Segen

13 Mein Tor zur Welt Ein Gastbeitrag aus Rabat, Marokko

MEDIENWELT EINORDNEN 28 Auf der virtuellen Couch

14 Perspektive erweitert

Der Second Screen

Rückmeldungen aus Nairobi, Kenia

29 Kolumne: Lesetipp Wir Zukunftssucher

16 Die große DW-Familie

Direktorin Gerda Meuer im Interview

30 Nahezu frei von Kritik Medienmarkt Russland

17 Kolumne: Kulturtransfer

Zur Rolle der Alumni in den USA

18 GESTERN REFLEKTIEREN

ANDERE VERSTEHEN

32 Vor 50 Jahren Erste Filmkopie geht in die Welt

18 Akzente setzen im Ost-West-Dialog

Das arabische TV-Programm

POSITION BEZIEHEN

20 Hard Talk und Arabellion The New Arab Debates

33 Honduras

Mord statt Medienfreiheit

21 Kolumne: Wir sprechen

Haussa – „Barka da zuwa!“ MENSCHEN BEGEGNEN

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34 Zurück zu den Wurzeln Journal-Moderator Brian Thomas

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aktuelles erfahren

„Anwalt der Freiheit des Internets“ Führende Vertreter von sieben großen Auslandssendern haben bei ihrem jüngsten Treffen Mitte Dezember in Berlin ihrer Sorge um das Grundrecht auf Informationsfreiheit Ausdruck verliehen. An dem Meinungsaustausch nahmen Vertreter der Auslandsrundfunkanstalten AEF (Frankreichs neuem Zusammenschluss Audiovisuel Extérieur de la France), BBC, BBG (Broadcasting Board of Governors, USA), RNW (Radio Netherlands Worldwide) und der Deutschen Welle (DW) teil. Erstmals mit dabei waren ABC (Australian Broadcasting Corporation) und NHK (Nippon Hoso Kyokai, Japan). In ihrer gemeinsamen Erklärung heißt es, „dass der internationale Journalismus in einem bisher nicht gekannten Ausmaß Herausforderungen erlebt durch Länder, die ihren Bürgern den Zugang zu alternativen, externen Informationsquellen verwehren“. Dies stehe im Widerspruch zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Deshalb appellierten die Teilnehmer an alle Nationen, das in Artikel 19 festgeschriebene „Grundrecht auf Meinungsfreiheit zu stärken und den Informationsfluss mit digitaler und mobiler Technologie über Landesgrenzen hinweg zu unterstützen“. Die Sender verweisen darauf, dass bestimmte Regierungen „den freien Informationsfluss fortgesetzt kontrollieren. So blockiert China routinemäßig die Internetund Social-Media-Angebote unserer Sender

Gedankenaustausch in Berlin: die Vertreter der Auslandssender

und stört die Kurzwellensignale, über die wir unsere Programme verbreiten. Iran und Syrien stören die Satellitensignale, die unsere Programme transportieren.“ Auch andere Regierungen in Eurasien, Afrika, dem Mittleren Osten und Lateinamerika versuchten „zu kontrollieren, was ihre Bürger sehen, hören oder lesen können“. Dies verstoße gegen internationale Bestimmungen. „Wir verurteilen diese Aktionen ohne Vorbehalt“, heißt es weiter. Die Vertreter der Auslandssender sehen zudem neue Gefahren für die Meinungsfreiheit – etwa durch Bestrebungen einiger Regierungen, „weitreichende Regulierungen der Telekommunikation einzuführen,

die das Recht auf freie Meinungsäußerung einschränken würden“. Man betrachte „die Anstrengungen, das Internet zu kontrollieren, mit Sorge“ und verurteile „jeglichen Versuch, Internetnutzer zu identifizieren oder zu lokalisieren, um Meinungsfreiheit, Recherchemöglichkeiten und politische Aktivität zu unterdrücken“, so die Erklärung. Die Teilnehmer vereinbarten, künftig in wachsendem Maße „Bemühungen zu unterstützen, die Internetzensur durch den Einsatz neuer, innovativer Hard- und Software zu umgehen“. Zudem sei man sich einig darin, „verstärkt als Anwalt der Freiheit des Internets aufzutreten“. 

Webdoku: Namatis Welt

Weltkulturerbe: Auf acht Routen

Die Webdokumentation „Namatis Welt – Träume und Ängste einer kleinen Koralle im Südpazifik“ zeigt die Bedrohung der Unterwasserwelt durch den Klimawandel. Sie nimmt Nutzer spielerisch mit in die grafisch animierte Korallenwelt von ­Namati. Die interaktive Doku von Joachim Eggers liefert beeindruckende Unterwasseraufnahmen und Hintergrundtexte. Sie stellt Menschen vor, die helfen, das Überleben des Riffs vor der Küste der Insel Pele im Pazifikstaat Vanuatu zu sichern. Mit der Webdoku spricht die DW vor allem junge Menschen an, das Thema Klimaschutz zu entdecken. Sie erleben einen Wettstreit um den besten Riffschützer, müssen Rätsel lösen und können ihre Fortschritte auf Facebook mit Freunden teilen. Die Webdoku ist Teil des multimedialen ­Klimaprojekts Global Ideas.

Die UNESCO hat 37 Stätten in Deutschland mit dem Prädikat „Welterbe“ versehen und für besonders schützenswert erklärt – vom Wattenmeer bis zur Klosterinsel Reichenau, vom Kölner Dom bis zum Schloss Sanssouci. Auch Naturlandschaften wie das Obere Mittelrheintal und Industriedenkmäler wie die Zeche Zollverein in Essen finden sich auf der Liste. Im Multimediaprojekt „Wege zum Welterbe“ stellt die Deutsche Welle diese Orte einem weltweiten Publikum vor – auf acht Reiserouten. Texte und Bildergalerien informieren und jeder Ort wird in einem Video vorgestellt. Menschen wie der Kellermeister des Bremer Rathauses oder ein Naturschützer vom Wattenmeer berichten, was sie mit dem jeweiligen Welterbe verbindet, und geben Tipps, was man als Besucher auf keinen Fall verpassen sollte. Die DW hat „Wege zum Welterbe“ in 18 Sprachen produziert, darunter Deutsch und Englisch, Brasilianisch und Russisch, Spanisch, Hindi und Chinesisch.

webdocs.dw.de/vanuatu www.dw.de/globalideas

www.dw.de/wegezumwelterbe

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Werte für eine globalisierte Welt Die Deutsche Welle feiert 2013 ihren 60. Geburtstag mit einem Festakt im Rahmen des Global Media Forum Mitte Juni in Bonn. Thema der diesjährigen Konferenz: „Die Zukunft des Wachstums – Wirtschaft, Werte und die Medien“. „An die lieben Landsleute in aller Welt“ – mit dieser Grußadresse des damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss ging der deutsche Auslandsrundfunk am 3. Mai 1953 zum ersten Mal auf Sendung. In den 60 Jahren seither hat sich die Deutsche Welle als mediale Stimme Deutschlands, als glaubwürdige und verlässliche Informationsquelle weltweit etabliert. Zum Festakt am 17. Juni 2013 im Plenarsaal des World Conference Center Bonn im Rahmen des Global Media Forum hat die DW prominente Vertreter aus allen Bereichen der Gesellschaft eingeladen. Zu Beginn des Kongresses wird es nicht nur um eine Rückschau gehen. Experten aus Politik, Wirtschaft und Medien tauschen sich in einer Diskussionsrunde über die Perspektiven für international präsente Medien aus. „Die Zukunft des Auslands-

Die Zukunft des Wachstums: Rund 2.000 Experten aus aller Welt diskutieren in Bonn

rundfunks: Werte für eine globalisierte Welt“, so der Titel der Auftaktveranstaltung. Auf der dreitägigen internationalen Medienkonferenz geht es in ihrem sechsten Jahr um „Die Zukunft des Wachstums – Wirtschaft, Werte und die Medien“. Die DW erwartet zum Global Media ­Forum vom 17. bis 19. Juni rund 2.000 Teil-

nehmer aus aller Welt, darunter wieder rund 500 Journalisten aus mehr als 75 Nationen. In 50 Einzelveranstaltungen wird über Wirtschaft und Global Governance, Chancen der Green Economy, Ethik und Wertewandel sowie die Rolle der Medien diskutiert.  www.dw-gmf.de

Mehr Engagement in Pakistan Die Deutsche Welle stärkt das Profil des Urdu-Angebots. Hintergrund ist die wachsende strategische und politische Bedeutung Pakistans. Der neue Redaktionsleiter, Altaf Khan, kommt von der Universität Peshawar. „Der Fokus des Programms liegt auf der interkulturellen Begegnung. Die Menschen in Pakistan sollen mit der deutschen und europäischen Perspektive vertraut gemacht werden. Dabei setzen wir vor allem auf Hintergrund und Analysen“, erläutert Redaktionsleiter Altaf Khan.

Erfolgsmodell Learning by Ear: Produktion des Bildungsprogramms der DW in Pakistan

Derzeit hat die Urdu-Redaktion im Zielgebiet rund 80 Partnersender, die landesweit Weltnachrichten und Hintergrundberichte der DW ausstrahlen. Das Bildungsprogramm Learning by Ear, das seit 2011 auch auf Urdu und Paschtu produziert wird, hat die Reichweite der DW wesentlich erhöht. Im vergangenen Herbst hatte die DW das Angebot vor pakistanischen Medienvertretern vorgestellt – es stieß auf ein durchweg positives Echo, verbunden mit dem Wunsch nach einer Ausweitung des edukativen Programms. Auf Grund der großen Nachfrage plant die DW, das Erfolgsmodell Learning by Ear für Pakistan 2013 weiter auszubauen. Redaktionsleiter Altaf Khan (47) kommt von der Universität im pakistanischen Peshawar, wo er die Abteilung für Journalismus und Massenkommunikation geleitet hat. Zuvor hatte er unter anderem für die Vereinten Nationen, die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und diverse Nichtregierungsorganisationen gearbeitet. Kahn studierte Medien- und Kommunikationswissenschaften in Leipzig. Von 2008 bis 2009 lehrte er als Gastprofessor in Ohio, USA.  www.dw.de/urdu

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Titelthema

Text Charlotte Hauswedell und Donata Ritter, DW Akademie

Weltweit in Verbindung bleiben Zum Alumni-Netzwerk der DW A ­ kademie ­gehören Ehemalige aus allen Teilen der Welt. Sie haben an Trainings vor Ort teil­ genommen, bei der DW volontiert oder das Masterstudium „International Media ­Studies“ in Bonn absolviert. Sie alle ­verbindet eine Lernerfahrung mit der ­Deutschen Welle. Sechs Beispiele aus sechs Ländern.

MEDIENENTWICKLUNG IN LATEINAMERIKA 393 Teilnehmer aus 9 Ländern

M

ehrere Tausend Medienschaffende bildet die DW Akademie pro Jahr fort, zumeist in Trainings vor Ort. So ist in den vergangenen bald fünf Jahrzehnten der Medienförderung durch die Deutsche Welle ein großes Alumni-Netzwerk entstanden. Ehemalige bleiben in Kontakt – untereinander und mit den Dozenten. Das Netz aus Partnern in aller Welt schafft Freundschaften und verbindet unterschied­ liche Lebenswege. Und für so manchen Alumni war die Zeit mit der DW Akademie im Rückblick wegweisend für die berufliche Karriere.

Kolumbien: Stimme der indigenen ­Gemeinden Walter Enrique Arias Ariza kommt aus Atanquez, einer ländlichen Gegend im Norden Kolumbiens mit überwiegend indigener Bevölkerung. Bis zu seinem 34. Lebensjahr arbeitete er als Bauer und verkaufte Obst und Gemüse in umliegenden Dörfern. Heute reist er als Reporter, Fotograf und Dokumentarfilmer durch die Region und hat bereits Preise für seine Beiträge gewonnen. Walter Ariza hat an mehreren Trainings der DW Akademie teilgenommen und arbeitet unter anderem als Produktionschef für Kankuama TV, den ersten Kanal der indigenen Gemeinden Kolumbiens. »

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MEDIENTRAINING 746 Teilnehmer in Bonn und Berlin MEDIENENTWICKLUNG IN EUROPA/ZENTRALASIEN 736 Teilnehmer aus 16 Ländern

DW Akademie

MEDIENENTWICKLUNG IN NAH-/MITTELOST

INTERNATIONAL MEDIA STUDIES 22 Studierende aus 14 Ländern

850 Teilnehmer aus 11 Ländern

MEDIENENTWICKLUNG IN ASIEN 531 Teilnehmer aus 15 Ländern

VOLONTARIAT 21 Volontäre aus 10 Ländern

Die Alumni von morgen MEDIENENTWICKLUNG IN AFRIKA 2.014 Teilnehmer aus 31 Ländern

Rund 5.500 Menschen haben 2012 Angebote der DW Akademie wahrgenommen. Die DW Akademie ist Deutschlands führende Organisation für internationale Medienentwicklung. Sie fördert die Entwicklung freier, transparenter Mediensysteme, journalistische Qualität und Medienkompetenz. Sie hilft beim Wiederaufbau von Medien nach Krisen und Konflikten und trägt international zur professionellen Ausbildung Medienschaffender bei. Ziel der Medienentwicklung ist die Stärkung von unabhängigen und freien Medien, insbesondere in Entwicklungs-, Schwellen- und Transformationsländern. Experten der DW Akademie beraten Inten­ danten, bilden Nachwuchsjournalisten aus, professionalisieren Medientechniker. In Afrika, Asien, Latein­amerika, Nah-/Mittelost sowie Europa und Zentralasien setzt die DW ­Akademie auf langfristige Kooperationen mit lokalen Partnern. In Bonn und Berlin bietet die DW Akademie ihren Kunden aus ­Unternehmen,

Organisationen und Institutionen, da­ runter beispielsweise die Vereinten Nationen, das Auswärtige Amt und die Welthungerhilfe, ein Medien­training an. In modernen Hörfunk- und TV-Studios werden In­terviewsituationen simuliert und ein professioneller Umgang mit Medienvertretern geübt. Die Journalistische Ausbildung in der DW Akademie betreut die Nachwuchsjournalisten, darunter die internationalen Volontäre, die in der Regel speziell für den Einsatz in einer der Sprachredaktionen der DW geschult werden. Die Ausbildung dauert 18 Monate. Der bilinguale, zweijährige Masterstudiengang „International Media Studies“ in Bonn verknüpft auf einzigartige Weise die Disziplinen Medien und Entwicklung, Journalismus, Kommunikationswissenschaften und Medienmanagement.

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Titelthema

„Berichterstattung über regionale Sicherheit am Horn von Afrika“: Radiojournalisten bei einer Umfrage in Dschibuti

Zum Journalismus kam er eher durch Zufall: Er lernte den Besitzer des ersten Ladens für Telekommunikation in seinem Dorf kennen. Der fragte ihn, ob er beim Aufbau eines Lokalsenders helfen würde. „Plötzlich arbeitete ich als Sprecher und Redakteur bei diesem Sender – ganz ohne Vorkenntnisse.“ Die erarbeitete er sich später in Kursen der DW Akademie in der Hafenstadt Barranquilla. „Dort habe ich viel über lokale Berichterstattung und Kommunikationsmöglichkeiten im Internet gelernt. So kann ich meine Gemeinde besser vertreten.“ Ariza steht jeden Morgen um vier Uhr auf und legt häufig mehrere Stunden Fußmarsch zurück, um in abgelegenen Dörfern Interviews zu führen. Auch online ist er aktiv, er bloggt, postet Fotos auf Facebook und Flickr und stellt Interviews auf Soundcloud ein. So kann er sich auf nationaler Ebene für die Interessen der indigenen Bevölkerung einsetzen.

Tansania: Teil einer rasanten ­Entwicklung Einen routinierten Alltag gibt es für Lilian Urio nicht: Sie arbeitet in der Fortbildung von Journalisten, als Produzentin und als Beraterin für verschiedene Medienunternehmen in Tansania. Sie kommt viel herum, ist immer auf dem Sprung. Momentan berät sie das Management des UNICEF-Programms „Young Reporters Network“, das Workshops für junge Lokaljournalisten in neun Regionen des Landes durchführt.

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Urio hat 2004 das Internationale Volontariat an der DW Akademie absolviert – es war damals der erste Jahrgang dieser bis heute einzigartigen Journalisten-Ausbildung. Zuvor hatte sie bereits in Deutschland, den USA und Tansania gelebt und beim Fernsehen gearbeitet. Sie wollte ihre Fähigkeiten ausbauen: „Bei der DW gefiel mir vor allem das intensive Radiotraining. In Tansania spielt das Radio immer noch eine sehr wichtige Rolle als Informationsquelle.“ Das ist einer der Gründe, warum Urio nach Ende des Volontariats in Tansania arbeiten wollte. „Die Entwicklung ist enorm, es tun sich sehr viele Möglichkeiten auf. Ich wollte Teil der wachsenden Medienlandschaft in meiner Heimat sein.“ Der einzige Nachteil: „Es sind sehr gute Freundschaften innerhalb der Gruppe und mit den Mitarbeitern der DW Akademie entstanden. Diese Freunde vermisse ich sehr, auch wenn wir weiter online in Kontakt sind.“

Philippinen: Crossmedialer Journalismus Studiert hat Leo Gatdula Ingenieurwesen, bis er sein Interesse am Journalismus entdeckte. „Heute kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, etwas zu machen, das nichts mit Medien zu tun hat“, sagt der 33-jährige Philippine. Mittlerweile arbeitet Gatdula als Nachrichtenredakteur beim People’s Television Network in Quezon City. Keine einfache Aufgabe, wie er findet. „Das Mediensystem der Philippinen ist hochgradig kommerzialisiert, der Fokus liegt auf Sensationsjournalismus. Dazu lagen die Philippinen auf dem Index unaufgeklärter

„Medien im Wandel“: In-House-Training beim tunesischen Staatsfernsehen Télévision Tunisienne

©© A. Weychardt

Journalistenmorde des internationalen ­Committee To Protect Journalists noch 2011 auf dem dritten Platz hinter Irak und Somalia.“ 2009 nahm Leo Gatdula an zwei Trainings der DW Akademie in Deutschland und in Macao teil. Für ihn eine wichtige Erfahrung. „Die Trainings haben mich in dem Selbstbewusstsein gestärkt, mich nicht auf ein Medium zu beschränken, sondern mit Fernsehen, Radio, Print und Online zu arbeiten.“ Neben journalistischem Handwerkszeug hat er hierbei viel Neues im Bereich Web 2.0 gelernt. Auf Twitter ist Gatdula seitdem fast täglich aktiv, das OnlineTraining inspirierte ihn zur Einrichtung seines Blogs LPG – Trips. Tech. Thoughts. „Es war mein erster Versuch, meine Gedanken und Interessen öffentlich zu machen.“ Den Blog betreibt er bis heute.

Deutschland: Unnachgiebige Recherche Nina Plonka hat 2010 das Volontariat abgeschlossen. Nach ein paar Monaten als freie Journalistin bei der DW wechselte sie in die Investigativ-Redaktion des Stern. Entscheidend für diesen Karriereschritt war das Rechercheseminar im Volontariat: „Ich lernte einen Journalisten des Stern kennen, der mir aufzeigte, wie in Deutschland investigativ gearbeitet wird.“ Den Wunsch, später in diesem Bereich zu arbeiten, hatte Plonka schon während ihres Journalismusstudiums in Gelsenkirchen und Wales gehegt. Ihr Job ist kein leichter – viele Reisen, akribische Aktenauswertung und Themen, über die keiner sprechen möchte. Zum Beispiel

„Umweltberichterstattung“: gemein­ same Maßnahme der DW Akademie und der Universität Managua, Nicaragua

hat Plonka über Wettmanipulationen im Fußball recherchiert. Auch Steuerhinterziehern und Kunstfälschern spürt sie nach. Unnachgiebigkeit und Gründlichkeit sind das A und O. „Ich treffe Leute sowohl in Deutschland als auch anderen europäischen Ländern, manchmal sehr spontan. Ich versuche, an die Informationen zu kommen, die andere nicht preisgeben wollen.“ Journalistisch arbeiten unter erschwerten Bedingungen – das hat Plonka schon in der Journalistischen Ausbildung der DW Akademie am besten gefallen: „Auch wenn es das stressigste Projekt im Volontariat war: Den ,Weltempfänger‘ würde ich gern noch einmal wiederholen. Komplette Live-Sendungen zu gestalten war toll.“ Mit einigen ihrer Volo-Kollegen ist Plonka noch immer in engem Kontakt.

Pakistan: Lehren und Lernen Die Journalisten in Ali Bangashs Heimat Pakistan befänden sich in der Schuss­ linie zwischen militanten Islamisten und dem Militär. Was er und seine Kollegen brauchen, beschreibt er so: „Mehr Sicherheit, etwas Glück und vor allem professionelles Training.“ Seit 2008 hat Bangash an mehreren Trainings der DW Akademie in Deutschland und Pakistan teilgenommen. „Die Seminare haben mir den Blick auf die Welt geöffnet“, sagt der 32-Jährige. 2012 war er im Rahmen eines Langzeitprojekts Teilnehmer eines Trainings zum Thema Kinder- und Jugendfernsehen in Pakistan und Afghanistan. „Wir haben gelernt, Kinderfernsehen aus einem

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­ rofessionellen Blickwinkel zu beurteilen und Kultur auf eine faszip nierende und moderne Art darzustellen.“ Bangash wollte schon immer eine Führungsposition im Mediensektor. Seit 2009 ist er Leiter und Dozent beim Campus-Radio der Universität Peshawar. Bangash gibt hier Seminare zum Thema Rundfunk und journalistisches Schreiben und beaufsichtigt die Sendungen, die die Studenten produzieren. Dank des Trainings der DW Akademie könne der Sender bald selbst Fortbildungen im Bereich Kinderprogramme anbieten. „Die Trainings haben mich in vielen Aspekten weitergebracht und befähigt, Produzent, Dozent und Journalist zugleich zu sein.“

Weißrussland: Für freie Medien Als Volha Danishevich im August 2012 ihr Abschlusszeugnis in den Händen hielt, hatte sie ihre Koffer schon gepackt. Noch während des Masterstudiengangs „International Media Studies“ hatte die 30-Jährige ein Angebot aus Minsk erreicht. Obwohl sie ursprünglich weiterhin als Journalistin arbeiten wollte, begann

sie im September als Koordinatorin in einem EU-Projekt zur Unterstützung von unabhängigen Medien in Weißrussland. Danishevich sieht in dem Projekt ein wichtiges Zeichen, um grundsätzlich etwas an der Mediensituation in ihrem Land zu ändern: Belarus belegte aktuell Platz 168 in der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen – unter 179 Staaten. „Verlage und Sender werden geschlossen, Medienmacher vor Gericht gebracht und Auflagen vom Staat limitiert.“ Weißrussland zählt zudem zu den „Feinden des Internets“, ein Titel, den Reporter ohne Grenzen an Staaten mit massiver Online-Überwachung vergibt. Volha Danishevich ist überzeugt, dass ihr Studium in Deutschland ein ausschlaggebendes Kriterium dafür war, dass man ihr die Mitarbeit im EU-Projekt angeboten hat. „Das Masterstudium hat meinen Horizont erweitert, die Ausbildung erleichtert die Kommunikation mit ausländischen Projektpartnern.“ Zu ihren internationalen Kommilitonen hält sie nach wie vor Kontakt. „Viele haben versprochen, mich in Minsk zu besuchen. Und auch ich habe noch einige Reisen vor.“ www.dw-akademie.de

www.facebook.com/DWAkademie

International Media Studies Das Bewerbungsverfahren für den Masterstudiengang „International Media Studies“ der DW Akademie läuft. Bis zum 31. März 2013 können sich Interessierte für den fünften Jahrgang des Programms bewerben. Informationen zum Studiengang, den Zugangsvoraussetzungen und zum Onlinebewerbungsverfahren finden Sie unter: www.dw.de/bewerbung-ims Miteinander und voneinander lernen: Absolventen des Masterstudiengangs in Bonn

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Text Alexander Göbel ARD-Korrespondent, Rabat, Marokko

Mein Tor zur Welt Sein Interesse und seine ganze Aufmerksamkeit gilt A ­ frika – seit vielen Jahren. Seine journalistischen Wurzeln hat er bei der Deutschen Welle. Daran erinnert sich ARD-Korrespondent Alexander Göbel gern, wie er in einem Gast­ beitrag schildert.

„So viel Begeisterung und Lebenswillen habe ich selten erlebt“: Alexander Göbel mit Fußballern, die im Bürgerkrieg ihre Beine verloren haben, in Freetown, Sierra Leone

©© privat

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chweißgebadet sitze ich in ­Accra, auf der Veranda von guten Freunden – Kollegen von Reuters, AP und France 24. Der rostige alte Ventilator kann gegen die große Hitze nicht viel ausrichten, aber die nehmen wir ohnehin kaum wahr. Wir sind konzentriert, die Zeit läuft, wir sitzen vor unseren Laptops und bereiten Beiträge vor – wir berichten über die Präsidentschaftswahl in Ghana. Sie ist spannend, gerade weil sie anders ist als anderswo in Afrika. Der Wahlkampf war hart. Aber es bleibt friedlich. Ghana beweist einmal mehr, dass es den Ruf eines demokratischen Musterlandes verdient. Und das ist das Besondere, das Berichtenswerte. Endlich mal keine Afrika-­Ks: keine Krisen, Kriege, Katastrophen – keine Klischees. In Afrika habe ich viele Wahlen aus der Nähe beobachtet, immer waren sie ein Erlebnis: „Democracy in the making“ – oder eben auch das genaue Gegenteil. Eine Abstimmung war für mich besonders wichtig: die Präsidentschaftswahl in der Demokratischen Republik Kongo 2006, die erste freie Wahl seit 40 Jahren. Ich war für die Deutsche Welle unterwegs. Die Bundeswehr nahm an der EUFOR-Mission in Kinshasa teil. Das Interesse der DW-Programme war groß – und meine Erfahrung noch gering. Kinshasa – damals kein schlechter Ort für eine journalistische Feuertaufe. Alles musste sitzen: die Nachrichtenminute, der Beitrag, das Live-

Gespräch, die Verbindung über die mitgeschleppte Satelliten-Antenne.

Es geht immer um Menschen Kaum zu glauben, aber vor ziemlich genau zehn Jahren habe ich das Volontariat bei der DW begonnen. Stationen waren Köln, Bonn, Berlin, Brüssel – und immer wieder Afrika.

Was schon in der Ausbildung offensichtlich war: Das Vertrauen in den DW-Nachwuchs war da, auf allen Ebenen. Wir hatten Freiraum für Ideen, durften Verantwortung übernehmen, uns engagieren für das Programm, durften uns früh ans Rotlicht im Studio gewöhnen. Ich durfte hineinspringen in die Welt-Themen – im Funkhaus und „da draußen“. Ich konnte mit Kollegen im Niger über Wüstenbildung recherchieren,

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Titelthema

„Ich habe meine Perspektive erweitert“ Die DW Akademie lädt regelmäßig zu regionalen Alumni-Treffen ein – wie jüngst in ­Nairobi, Kenia. Hier einige Rückmeldungen von Teilnehmern:

» Ich nutze das Wissen und die

Fertigkeiten, die mir die DW Akademie vermittelt hat, täglich für meine Storys – mit dem Ergebnis, dass ich inzwischen Gewinner eines CNN-Awards bin. Obendrein habe ich damals einiges über Deutschland erSylvia Chebet, Senior Producer, Royal Media Services, fahren. Citizen TV. Sie hatte 2008 in Berlin am Workshop „Partner Africa: Challenges Aids and Environment“ teilgenommen.

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» Das

Training hat mir in meiner persönlichen Entwicklung sehr geholfen. Ich betreibe heute eine unabhängige Produktionsfirma mit 35 Beschäftigten. Da nutze ich natürlich alles zum Thema Budget, was ich bei Kimaita Magiri, Direktor KEN der DW Akademie gelernt habe. TV. Er nahm 2005 am Workshop „Production Planning and Management for TV Drama Producers“ in Berlin teil.

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» Das Training hat meinen Ho-

rizont erweitert. Ich arbeite jetzt als Gastlektorin an der Universität und Beraterin beim Kenya Institute of Educational TV. Zudem habe ich mein Know-how weitergegeben und konnte teilhaben am Einzug von 3-D-AniJane Nyakoa Opuka, Designerin, mation in Kenias Fernsehen. Kenya Broadcasting Corporation (KBC). Sie nahm 1999 am Workshop „3-D Computer Graphics for TV“ in Berlin teil.

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» Das Training hat mich in

die Lage versetzt, Programme zu produzieren, die genau auf den kenianischen TV-Markt und unsere Zuschauer dort zugeschnitten sind. Ich habe meine Perspektive erweitert und schaue kritischer auf die TV-Produktion. Iolanthe Chepkemboi, Technische Direktorin, China Central Television (CCTV). Sie nahm 2005 am Workshop „Consumer Journalism“ in Berlin teil.

«

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gemeinsam mit indischen Kollegen über die Gefahr der Wirbelstürme berichten. Und ich durfte Wissen weitergeben – und dabei selbst von den Kollegen vor Ort lernen: über Wahlberichterstattung zum Beispiel, in Nigeria, Kenia oder Südafrika. Ich habe in all den Jahren viele neue Freunde gefunden. Freunde – nicht nur „Kontakte“ oder „Türöffner“ für Themen. Es geht immer um Menschen, nicht nur um „O-Ton-Geber“. Klingt banal – ist aber wichtig, wenn man Reportagen macht über Marathonläufer in Äthiopien, EU-Flüchtlinge aus Mali, Diamantenschürfer in Sierra Leone oder über Opfer des Bürgerkriegs in Liberia. Diese Erfahrungen kommen mir bis heute zugute, im ARD-Studio in Rabat. Abgeklärt bin ich noch immer nicht und will es auch nie werden. Die Sensibilität für die Welt: ein „Code of Conduct“, der zur DWPhilosophie gehört wie die Verpflichtung zu journalistischer Sorgfalt – zumindest habe ich das immer so wahrgenommen.

Alles war plötzlich vernetzt „Kleine UNO“ – so charakterisiert sich die DW selbst. Das ist einer der Begriffe, der mir aus der Bewerbungsphase im Kopf geblieben ist. Ich konnte mich davon überzeugen, der Bereich Journalistische Ausbildung der DW hatte nicht zu viel versprochen. Während der Ausbildung und danach ist die Welt für mich immer kleiner geworden, besser gesagt: Sie ist in der täglichen Arbeit mit den DW-Kollegen aus allen Teilen dieses Erdballs zusammengerückt. Alles war plötzlich vernetzt. Es war, als hätte mir jemand eine neue Brille aufgesetzt, mit der ich klarer sehen konnte, immer neugieriger wurde auf das, was „da draußen“ auf mich wartete. Auf das Schöne, das Hässliche, das Ungerechte, das Dramatische, das Brutale, das Bunte. Über all das darf ich seitdem als Journalist berichten. Das DW-Volontariat war – über das Handwerkliche hinaus – mein Tor zur Welt. Mein Sprungbrett über den Tellerrand, auf dem ich es ohnehin niemals ausgehalten hätte.

» Das

zweiwöchige Training der DW Akademie war so traumhaft, dass ich einige befreundete Teilnehmer dafür gewinnen konnte, diesem Workshop einen eigens kreierten Song zu widmen. Kenneth Kissy Nocho, Toningenieur und Musikproduzent. Er nahm 2012 am Workshop „One Fine Day Film“ in Nairobi teil.

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» Ich habe heute ein besse-

res Zeitmanagement und bin besser vorbereitet. Das Seminar der DW Akademie hat mir neue Fähigkeiten in Management und Koordination vermittelt. So kann ich heute größere Projekte Mbatia David, Senior TV Producer, Royal Media umsetzen. Services, Citizen TV. Er nahm 2010 in Arusha, Tansania, am Multimediaworkshop „HIV/AIDS Reporting for EAC“ teil.

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» Das Hintergrundstück und

seine Bedeutung – das ist der Kern dessen, was ich aus dem Workshop der DW Akademie für meine Arbeit und für mein Leben allgemein mitgenommen habe. Ich suche immer nach der tieferen Bedeutung der Dinge. Kibwana Onguso, Produzent. Er nahm 1992 in Berlin am Training „TV Drama Production“ teil.

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» Das

Training hat mir aufgezeigt, wie man die Wünsche der Kinder besser einbeziehen und die Perspektive von Drei- bis Sechsjährigen einnehmen Silvia Ingado, Vikann. deo Editor, Kenya Broadcasting Corporation (KBC). Sie nahm 2011 in Nairobi am Training „TV Drama Production“ teil.

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» Ich habe dank des Trai-

nings der DW Akademie einen besseren Einblick in die wirtschaftliche Entwicklung der Ostafrikanischen Gemeinschaft (EAC) erhalten. Der Workshop hat mich auch persönlich weitergebracht: Ich bilde nun meinerseits Kollegen weiter, vor allem in der Wirtschaftsberichterstattung. Luke Amani, Wirtschaftsreporter. Er nahm 2011 am Workshop „Advanced training on ­regional integration reporting“ in Bujumbura, Burundi, teil.

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» Die

Berichterstattung über HIV/AIDS in Ostafrika hat meine Perspektive für Geschichten über dieses Thema kontinuierlich verändert. Ich habe bei der DW Akademie gelernt, wie man auf ebenso attraktive wie einfache Art Videos erstellt, Skripte anfertigt und Geschichten erzählt. Collins Okoth, Kameramann, Royal Media Services, ­Citizen TV. Er nahm 2010 in Arusha, Tansania, am Multimediaworkshop „HIV/AIDS Reporting for EAC“ teil.

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» Ein Schlüsselerlebnis für

mich war, als unser Trainer Charles sagte: ‚Wir beginnen um 7.29 Uhr.’ Und nicht etwa um 7.30 Uhr. Wir hatten schnell verstanden, dass die üblichen Zeiten dazu einladen, sich lahme Ausreden bei Verspätungen zu suchen. So bin ich heute ein Verfechter absoluter Termintreue. Stella Oigo, Produzentin, Kenya Broadcasting Corporation (KBC). Sie nahm 2011 am Workshop „Reporting on Regional Integration – The East African Community Experience“ in Arusha, Tansania, teil.

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Deutsche Welle

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Titelthema

Fragen von Gunnar Rechenburg Freier Mitarbeiter

Die Idee der großen DW-Familie Sie können schlicht Ehemalige sein – oder Alumni. Die einen sind schnell vergessen, die anderen Teil eines gut ausgebauten Netzwerks. Gerda Meuer, Direktorin der DW Akademie, spricht im Interview über den Nutzen und die Schwierigkeiten der Alumni-Arbeit – und über persönliche Erfahrungen. Sie selbst haben bei der DW volontiert. Haben Sie noch Kontakt zu Mitvolontären? Ja natürlich. Wir veranstalten mittlerweile ein Mal im Jahr ein Alumni-Treffen in der DW Akademie. Dort trifft man dann ehemalige Kollegen, die jetzt an unterschiedlichen Orten arbeiten: bei ARD oder ZDF, bei Zeitungen, bei der UNO, in Pressestellen, manche auch im Ausland. Diese Treffen sind immer sehr locker und schön. Ein bisschen so wie Klassentreffen. Wir wollen mit diesen Veranstaltungen den Zusammenhalt stärken, die Idee der großen DW-Familie. Neben Volos und Absolventen der International Media Studies gibt es Tausende Journalisten und Medienmacher, die an Projekten der DW Akademie teilgenommen haben. Welchen Stellenwert haben die für Ihre Arbeit? Wir haben mittlerweile eine sehr hohe Zahl von Alumni überall auf der Welt. Dies ist für uns eine wichtige Quelle für Rückmeldungen. Die Vernetzung vor Ort – ob von uns initiiert oder von den Alumni selbst – kann für unsere Arbeit einen sehr hohen Stellenwert haben. Angesichts der vielen verschiedenen Sprachen und der unterschiedlichen Kulturen ist es zwar eher eine Ausnahme, wenn sich beispielsweise Ehemalige aus Kolumbien mit Ehemaligen aus Togo vernetzen. Besser klappt es regional oder lokal.

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Was bekommt die DW Akademie von ihren Alumni zurück? Sehr viel. Vor allem konstruktive Anregungen, wie wir in unseren Projekten noch nachhaltiger und den Verhältnissen vor Ort angepasster agieren können. Ich habe zum Beispiel im vergangenen Jahr an einem Alumni-Treffen in Tadschikistan teilgenommen und dort wertvolle Anregungen dafür bekommen, was sich diese Ehemaligen an Ausbildung wünschen und wo sie Probleme haben. Darauf können wir reagieren. Natürlich bieten wir via Facebook auch AlumniPortale auf Spanisch, Russisch, Arabisch und Englisch an, aber der direkte Kontakt im Rahmen von Alumni-Konferenzen ist deutlich effektiver. Da wir unsere Projekte nicht mit vorgefertigten Konzepten beginnen, hilft die Rückmeldung dabei, dass auch wir uns weiterentwickeln können. Welchen Beitrag können Alumni-Netzwerke in Sachen Pressefreiheit und Demokratieentwicklung leisten? In den Ländern, in denen wir tätig sind, investieren die Sender so gut wie keinen Cent in die Ausbildung ihrer Leute. In diesen Ländern gibt es kaum institutionalisierte Selbstregulierungsorgane für die Medien, wie bei uns zum Beispiel den Presserat. Unsere Trainings und unsere Angebote zur Vernetzung spielen dementsprechend eine sehr wichtige Rolle. Die Alumni aus den

Trainings der DW Akademie legen oftmals den Grundstein zur Vernetzung von Journalisten und zum Aufbau von institutionalisierten Strukturen. Ein herausragendes Beispiel ist Kenia. Dort haben sich in diesem Jahr 60 Alumni aus dem Land getroffen und das „DW Akademie Kenya Chapter“ gegründet. Wir als Akademie waren zwar vor Ort, initiiert und organisiert haben das aber die Kenianer selbst.

»Alumni sind eine wichtige Quelle für Rückmeldungen.« Was, glauben Sie, behalten die Alumni von Deutschland und der DW am ehesten in Erinnerung? Alle, mit denen ich gesprochen habe, sind von Deutschland und der DW total begeistert. Klar, für die meisten ist die Zeit hier eine Auszeit von schwierigen Arbeits- und Lebensbedingungen zu Hause. Trainieren wir die Kolleginnen und Kollegen in ihren Strukturen vor Ort, dann bekommen wir als Feedback oft, dass wir sehr partnerschaftlich und uneigennützig arbeiten und dass wir die Menschen ernst nehmen. Das ist, denke ich, wohl das Wichtigste überhaupt.

Zehn Volos aus neun Ländern Text Janosch Delcker, Volontär zurzeit Washington

Kulturtransfer

Ein amerikanischer Gedanke

Die internationalen Volontäre des ­neuen Jahrgangs haben in der DW Akademie ihre Ausbildung begonnen. Nach ersten Seminaren im November – es ging um Grundlagen journalistischer Recherche und den Umgang mit O-Tönen – ging es in den journalistischen Alltag der DW. In den kommenden Monaten werden sie verschiedene Multimediaredaktionen in Bonn und Berlin kennenlernen.

In den USA spielen Alumni-Verbände eine wichtige Rolle – für die Ehemaligen wie für die Hochschule oder Organisation, der sie vormals angehörten. Ihr Einfluss basiert auf einem sehr amerikanischen Gedanken. Totenköpfe und Knochen. Ansonsten hatten George W. Bush und John Kerry, die beiden Präsidentschaftskandidaten von 2004, nicht viel gemeinsam. Aber es war eine Gemeinsamkeit von Gewicht: Beide sind „Bonesmen“, Alumni der Skulls & Bones, einer geradezu sagenumwobenen, geheimen Studentenverbindung in den USA. Bis in höchste Kreise in Wirtschaft und Politik soll der Einfluss der Organisation reichen. Ihr Logo: ein Totenschädel und zwei übereinander gekreuzte Knochen. Einfluss, Networking und Geld. Das sind die Grundlagen, die die Alumni-Verbände in der amerikanischen Gesellschaft verankern. Dahinter steckt ein einfacher Gedanke: Wer eine Leistung erbracht hat, zum Beispiel ein Studium abgeschlossen, will von seinen Kontakten anschließend profitieren und vernetzt sich. Man bleibt in Kontakt, trifft sich, verschafft sich neue Kontakte, Jobs und Einfluss. Das gilt nicht nur für Eliten. Fast jede Universität und viele Highschools haben Alumni-Vereinigungen, und seien sie noch so klein. Auch private Unternehmen gründen Netzwerke, um mit ehemaligen Angestellten in Kontakt zu bleiben. Online haben sich Seiten wie Alumni Central da­ rauf spezialisiert, Ehemalige und Unternehmen in Kontakt zu bringen. „Wenn ich einen Brief von meiner Alumni-Vereinigung bekomme, denke ich immer, die wollen mein Geld“, sagt mein Freund

William nach dem zweiten Bier. Ich hatte ihn nach seinen Erfahrungen mit der entsprechenden Organisation an seiner Uni gefragt. In der Tat sind Alumni-Verbände in den USA nicht nur Netzwerk, sondern vor allem Geldgeber. Wer etwas bekommen hat, soll auch etwas zurückgeben – so der amerikanische Gedanke, sagt William. Den Namen seiner Uni solle ich aber besser nicht nennen. Besonders geholfen habe ihm seine AlumniVereinigung nämlich nicht, sagt er. Dann überlegt er kurz. Außer beim Job, in dem er jetzt arbeitet. Den habe ihm sein AlumniNetz vermittelt. So selbstverständlich ist der Einfluss von Alumni-Vereinigungen für viele US-Amerikaner. Es ist eine Win-win-Situation. Beide Seiten, Alumni und ihre frühere Bildungseinrichtung, profitieren. Das gilt für die Ehemaligen einer 200-Schüler-Highschool in Wyoming genauso wie für die mächtigen Bonesmen der Skulls & Bones. Über letztgenannte ist wenig verbürgt. Umso mehr Legenden gibt es: Eine Insel soll die Organisation besitzen, eine eigene Zeitrechnung soll sie haben, und auch der Schädel eines Indianerhäuptlings soll in Besitz der Gesellschaft sein. Wie viel davon wahr ist, wissen nur die Skulls & Bones selbst. Sicher scheint, dass die Mitglieder der Organisation ein Leben lang treu bleiben. Das ist ein sehr amerikanischer Gedanke.

Die zehn Nachwuchskräfte aus neun Ländern: (vorn v. l.) Carolina Machhaus aus Chile, Yalda Zarbakhch aus Iran, ­Tarek Elias-Hasse aus Israel, Luisa Frey aus Brasilien, Ariana Galindo González aus Mexiko, Iryna Shpakouskaya aus Weißrussland, (hinten v. l.) Philip Jan Verminnen aus Brasilien, Sella Oneko aus Kenia, Elizabeth Shoo aus Tansania und Mu Cui aus China. Journalistische Erfahrung und sehr gute Deutschkenntnisse waren Voraussetzungen für eine erfolgreiche Bewerbung. Hochmotiviert sind sie ohnehin. So zeigt sich Elizabeth Shoo „beeindruckt von der Sprach- und Kulturenvielfalt in der DW“ und sieht im Volontariat „eine einmalige Chance, mit jungen Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenarbeiten zu können“. Und Ariana Galindo findet: „Die DW passt perfekt zu mir.“ Charlotte Hauswedell

Deutsche Welle

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©© DW/J. Röhl

andere verstehen

In seiner Sendung Shababtalk kann sich das vornehmlich junge Publikum via Facebook einbringen: Moderator Jafaar Abdul-Karim

Text Jasmin Khatami, Freie Mitarbeiterin

Akzente setzen im Ost-West-Dialog Seit zehn Jahren sendet die Deutsche Welle ein TV-Programm auf Arabisch – mit markantem Profil: Die DW bringt eine deutsche und europä­ische Perspektive ein und ­füllt den Dialog der ­Kulturen täglich mit Leben.

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W

enn der Studiogast jetzt nicht langsam kommt, macht uns das die Schalte nach Paris kaputt!“ Der Regisseur wird unruhig. Die Aufzeichnung der politischen Talkshow Am Puls der Ereignisse wird heute mit 15-minütiger Verspätung beginnen, doch Moderatorin Dima Tarhini wirkt gelassen. Der Zuspätkömmling, ein syrischer Politologe, ist frisch aus Aleppo eingetroffen. Es ist sehr wichtig, ihn in der Sendung gehabt zu haben, wird sie später sagen. Das kann ihr kein noch so langsamer Berliner Taxifahrer kaputt machen.

Vor gut einem Jahr entwickelte die Deutsche Welle gleich zwei Talkshows für das arabische TV-Programm – die zweite ist Shababtalk, in der junge Leute in Berlin und Kairo miteinander diskutieren. Beide Sendungen beschäftigen sich mit den politischen Veränderungen seit dem Arabischen Frühling. „Ein stürmischer Winter ist mittlerweile eingezogen“, sagt Redaktionsleiter Mustafa Isaid, ein Mann der ersten Stunde. „In Syrien fließt Blut und in den anderen Ländern der Arabellion wird um die Etablierung der Demokratie hart gerungen.“ Es ist eine Herausforderung,

die unterschiedlichen Zielgruppen in 22 Ländern zwischen Marokko und Oman zu bedienen. Umso wichtiger seien die Talkshows, wie die Moderatoren Dima Tarhini und Jafaar Abdul-Karim erklären. „Bei uns wird der Dialog großgeschrieben“, sagt Abdul-Karim. In seiner Sendung Shababtalk kann sich das vornehmlich junge Publikum via Facebook einbringen. Allein in Ägypten verfolgen regelmäßig bis zu fünf Millionen Zuschauer die Sendung, in der es keine Berührungsängste gibt – weder bei der Themenauswahl noch bei der Auswahl der Gäste. „Ein Bespiel: Ich habe einen jungen Vertreter von den Moslembrüdern, jemanden von der Jungen Union oder von den Jungen Liberalen oder auch von den Jusos – wo sonst würden sie in dieser Zusammensetzung

Hier werden Jungunternehmer aus der ­arabischen Welt vorgestellt, die mit neuen Ideen an ihrem persönlichen Wirtschaftswunder arbeiten. „Wir berichten aus dem ganzen Sendegebiet, soweit es die Sicherheitslage zulässt“, sagt Projektkoordinatorin Najat A ­ bdulhaq. In Syrien und Libyen hat es nicht geklappt. Noch nicht.

»Es ist die ­ gebotene Distanz, die uns glaubwürdig macht.«

Diskussion und Dialog Gleichwohl sind DW-Reporter vor Ort – auch in Libyen. Khalid El Kaoutit berichtete mehrfach aus dem Land. Er hat Erschütterndes erlebt, tragische Schicksale mitbekommen. „Aber ich bin froh, dass ich den Menschen ein kleines Informationsfenster bieten konnte. Da habe ich meinen Job sehr

Auf einen Blick Das arabische TV-Programm der DW startete im November 2002 – als erstes derartiges Angebot eines europäischen Senders. Täglich werden zehn Stunden Programm produziert, überwiegend in Berlin. Vertiefende Analysen, Hintergründe und Nachrichten aus Deutschland und Europa bietet der überwiegend in Bonn produzierte arabische Multimedia-Auftritt der DW im Internet.

Moderatorin Dima Tarhini

miteinander diskutieren?“ Diese Art von Dialog gebe es sonst nirgends – weder im deutschen noch im arabischen Fernsehen. Dima Tarhini pflichtet ihm bei. Sie hat ebenfalls stets deutsche und arabische Gäste in ihrer Sendung – Politiker, Wissenschaftler, Journalisten – und erst heute hat sie wieder einmal festgestellt, welch eklatante Missverständnisse es teilweise zwischen ihnen gibt. „In einer halbstündigen Sendung kann man natürlich keine Lösungen für so etwas finden, aber immerhin reden die Leute miteinander“, sagt sie. Es ist auch die Diskussionskultur, für die beide Sendungen immer wieder positives Feedback von den Zuschauern bekommen. Für die Moderatoren ist dies Anerkennung dafür, dass die DW Neutralität wahrt, keine eigenen Interessen verfolgt. „Es ist die gebotene journalistische Distanz, die uns bei den Zuschauern glaubwürdig macht“, sagt Abdul-Karim.

Magazine und Projekte Über Nachrichten und Talkshows hinaus produziert die DW Magazinsendungen für das arabische Publikum. Außerdem gibt es Sonderprojekte – ein aktuelles Beispiel ist „Business Arabia“, eine Rubrik im Wirtschaftsmagazin Made in Germany.

Redaktionsleiter Mustafa Isaid

geliebt.“ Auch das gehört zu einer authentischen, regionalisierten Berichterstattung – ein wichtiger Aspekt im journalistischen Profil des DW-Angebots. Dieses Profil sei im Laufe der vergangenen zehn Jahre schärfer geworden, sagt Redaktionsleiter Mustafa Isaid. Er und sein Team setzen eigene Akzente. „Wir wollen deutsche, europäische und arabische Sichtweisen dialogisch miteinander verbinden“, so Isaid. Ein Beispiel: das Thema Frauenrolle. „Natürlich ist die Ausgangslage in der arabischen Welt eine völlig andere, hier kämpfen Frauen um ihre Anerkennung und die Verankerung ihrer Gleichberechtigung in der Verfassung. Wenn wir dann über das Für und Wider bei der festen Frauenquote hierzulande sprechen, zeigen wir, dass es auch in Deutschland und Europa durchaus noch Diskussionsbedarf gibt.“ Da sind sie wieder, die zentralen Begriffe: Diskussion, Dialog – beides will die Arabisch-Redaktion anregen und gestalten, in der virtuellen wie in der realen Welt. Für heute scheint es gelungen. Die Aufzeichnung des Polit-Talks ist vorbei, Moderatorin Dima Tarhini hat das Studio bereits verlassen. Das Gespräch zwischen ihrem deutschen und syrischen Talkgast im Studio indes ist noch nicht zu Ende. 

www.dw.de/arabic

Auf ihrer Facebook-Seite steht die Arabisch-Redaktion im Dialog mit ihren Nutzern. Zudem sind Angebote auf Twitter und YouTube verfügbar. www.facebook.com/dw.arabic

Im Bereich Radio produziert die DW arabisch-europäische Talkshows und Jugendformate mit ausgewählten Partnersendern in der Region. Das Redaktionsteam an den beiden DW-Standorten Berlin und Bonn ist panarabisch: Die rund 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern stammen unter anderem aus Ägypten, Marokko, den palästinensischen Gebieten, Syrien, dem Libanon, Tunesien, Sudan, Algerien, Irak und Jemen. In Zusammenarbeit mit dem GoetheInstitut, dem Institut für Auslandsbeziehungen und der Bundeszentrale für politische Bildung betreibt die DW das Portal Quantara.de. Ziel des Webangebots, das nicht nur auf Arabisch, sondern auch auf Englisch und Deutsch angeboten wird, ist es, zum Dialog mit der islamischen Welt beizutragen.

Deutsche Welle

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andere verstehen

Hard Talk und Arabellion Die Deutsche Welle hat eine neue Staffel der TV-Talkshow The New Arab Debates gestartet – auf Englisch und Arabisch. Produziert wird in Alexandria, Kairo, Amman und Tunis. Mit Star­moderator Tim Sebastian und der ägyptischen Fernseh­ journalistin Mai Elsherbiny. Die rund einstündigen Diskussionen mit Publikumsbeteiligung sind alle sechs Wochen im Programm des deutschen Auslandsfernsehens zu sehen. Sie richten sich an das Publikum in den arabischen Ländern. Moderator Tim Sebastian, Begründer des BBCFormats „Hard Talk“ und in Großbritannien zweimal „Interviewer of the Year“, hat das Konzept der Sendung entwickelt. Er moderiert die englische Ausgabe und betreut auch die arabische Fassung, die von der ägyptischen Fernsehjournalistin Mai Elsherbiny moderiert wird. Im Mittelpunkt jeder Sendung steht ein aktuelles Thema aus der arabischen Welt. So ging es in der ersten Ausgabe der neuen Staffel aus Kairo um den holprigen Start der Demokratie, in der Folgesendung aus Amman um die Frage, ob Jordanien politische Unruhen bevorstehen. Die nächste Folge Ende Januar kommt wieder aus Ägypten; sie wird in Alexandria aufgezeichnet. Jeweils zwei Gäste legen ihre unterschiedlichen Positionen dar, bevor sie sich den Fragen von Tim Sebastian beziehungsweise Mai Elsherbiny stellen. Anschließend kommt das Publikum in einer ­moderierten Diskussion zu Wort. Die Sendung endet mit einer ­Abstimmung über das Thema. „Die DW genießt in der arabischen Welt eine hohe Glaubwürdigkeit“, so Tim Sebastian, dessen Firma

International Talk Network Limited die Talksendung produziert. Die Deutsche Welle begleitet die Produktion technisch und redaktionell. Christoph Lanz, Multimediadirektor Global der DW, sieht The New Arab Debates als ein Format, „das politische Beteiligung motiviert und demokratische Diskussionsprozesse in der arabischen Welt fördern kann. Andererseits ermöglicht die Sendung es Zuschauern in der westlichen Welt, diese Debatten nachzuvollziehen und mitzuerleben, wie intensiv um Werte wie Freiheit und Demokratie, auch um Glaubensfragen gerungen wird.“ Steffen Heinze

©© DW/C. Wiens

Messbarer Erfolg

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Über 600 Satellitensender werben um die Gunst der Zuschauer in der arabischen Welt, Tendenz steigend. In diesem stark umkämpften Markt hat es das arabische TV-Programm aus Berlin nicht leicht, seine Zielgruppe zu erreichen. Davon zeugen auch von der Markt- und Medienforschung der DW erhobene Reichweiten. So kam die DW 2008 in Ägypten auf eine wöchentliche Reichweite von 0,1 Prozent. Das seither weiterentwickelte und zum Februar 2012 völlig neu gestaltete TV-Programm zeigt jedoch Wirkung: Im Jahr 2012 sind es drei Prozent der Ägypter und fünf Prozent der Zielgruppe, das heißt der an Deutschland und ­Europa interessierten Informationssuchenden, die wöchentlich das TV-Angebot der DW auf Arabisch nutzen. In Marokko erreicht das Programm wöchentlich zwei Prozent der Menschen. Nach Experteneinschätzungen wird das Angebot der DW vor allem als vertrauenswürdig und professionell gestaltet

beurteilt. Das Bestreben, den Dialog mit der arabischen Welt zu fördern, wird hoch anerkannt. Die Erfolgssendung schlechthin ist Shababtalk – Jugend diskutiert. Sie weist seit Beginn der Kooperation mit dem ägyptischen Al Hayah TV eine stabil hohe Reichweite auf: bis zu fünf Millionen Ägypter pro Sendung. Auch im Netz wächst die Resonanz: Mittlerweile wird das arabische Onlineangebot bis zu 1,8 Millionen Mal im Monat abgerufen. Das Zusammenspiel aus Bildern, Videos und Text wird als sehr gelungen empfunden. Auf Facebook ist die arabische Seite eine der erfolgreichsten Präsenzen der DW: Die Zahl der Fans hat sich seit der jüngsten Programmreform auf über 160.000 verachtfacht. Rosina Bliznakova, Markt- und Medienforschung

Text Mohammad Nasiru Awal Haussa-Redaktion

wir sprechen

Haussa „Barka da zuwa!“ – „Herzlich willkommen!“ Mit diesem einfachen Gruß kommt man allerdings bei den Haussa nicht weit. Sie kennen eine schier unbegrenzte Zahl an Grußformeln. Man fragt nach dem Befinden der Familie, der Arbeit, der Gesundheit, dem Wetter und nach vielem mehr. Für viele Fragen gibt es feste Antwortfloskeln, oft lautet die Antwort aber einfach nur „gut“ oder „sehr gut“. Nie würde ein Haussa mit „geht so“ oder gar „schlecht“ antworten. Eine Begrüßungszeremonie kann mehrere Minuten dauern, bevor die Gesprächspartner zum eigentlichen Thema kommen. Haussa ist die Muttersprache von rund 30 Millionen Menschen. Der größte Teil davon lebt im Norden Nigerias, im Süden der

Republik Niger und in angrenzenden Teilen Westafrikas. Händler und Korangelehrte haben die Sprache weit über das Kernland hinaus verbreitet. So ist Haussa zur wichtigsten Verkehrs- und Handelssprache in Nigeria und weiten Teilen Westafrikas geworden. Lange Zeit wurde Haussa in leicht abgewandelter arabischer Schrift, dem Ajami, geschrieben. Korangelehrte verwenden Ajami noch heute. In der Kolonialzeit ab Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich immer mehr die lateinische Schrift durch. In Belgisch-Kongo (heute: Demokratische Republik Kongo) und an der Goldküste (Ghana) führten die Kolonialisten Haussa als militärische Kommandosprache ein. Haussa weist zahlreiche Einflüsse aus dem Arabischen und Englischen, im französisch kolonialisierten Niger auch aus dem Französischen auf. Haussa ist zwar nirgendwo Amtssprache. In Nordnigeria verwenden die Menschen es jedoch in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, zum Beispiel auf lokaler Ebene in der Verwaltung und im Gerichtswesen, im Handel, als Unterrichtssprache in den ersten Jahren der Grundschule, in

Radio und Fernsehen und in der heutigen multimedialen Welt auch im Internet. Internationale Sender wie BBC, Deutsche Welle, Voice of America, Radio France Internationale und Radio Beijing strahlen täglich ein mehrstündiges Programm auf Haussa aus. Haussa ist eine Tonsprache, das heißt die Tonhöhen (insgesamt drei) sind für die Bedeutung eines Wortes wichtig. Für das heute vorwiegend verwendete lateinische Alphabet gibt es im Haussa einige Sonderzeichen: ɓ, ɗ, . Die Redaktion der DW nutzt diese als einziger internationaler Anbieter auf ihren Online-Seiten. Die modernen Kommunikationstechniken zwingen auch die Haussa zu mehr Zurückhaltung bei den Begrüßungsfloskeln. Wer teure Telefonminuten zahlen muss, lässt die Tradition schnell beiseite. Wenn Sie das Begrüßungszeremoniell in aller Ruhe erleben möchten, dann sind Sie „barka da zuwa a sashen Hausa“ – herzlich willkommen in der Haussa-Redaktion! www.dw.de/hausa

©© picture-alliance/Frank May

ɓ ɗ  ƙ

Barka da zuwa!

Da kann die Begrüßungszeremonie schon mal länger dauern: Straßenszene bei Abuja in ­Nigeria

Deutsche Welle

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»Wir geben unterschiedlichen Stimmen eine Bühne.« Halimatu Abbas, Haussa-Redaktion Vielfalt in 30 Sprachen. Unser Schwerpunkt in der nächsten Weltzeit.

heimat erleben

deutschlandbild

Text Mahmud Doulatabadi Schriftsteller, Iran

In wenigen Worten Ein Essay über die Erkenntnis, dass ein Schriftsteller auch außerhalb seines Lebensumfelds seinem Beruf nachgehen kann. In ­diesem Fall nicht nur in Teheran, sondern auch in Berlin.

Der aufrechte Frieden In Teheran lernte ich durch Zeitungen, Radio, Fernsehen und später durch Bücher eine Persönlichkeit kennen, die jedem jungen Menschen Achtung abverlangte: Willy Brandt. Er war einem riesigen Konflikt- und Kriegsprozess entwachsen, der beinahe die gesamte Welt in Schutt und Asche gelegt hätte. Er verkörperte für mich Besonnenheit, Realismus und Patriotismus zugleich. Vor allem den Frieden. Einen Frieden aus einer großen Niederlage in einem großen

Krieg. Aber keinen erniedrigten, sondern einen aufrechten Frieden. Und das deutsche Volk, so erschien es mir, hatte seine beste, nämlich eine demokratisch bewusste Wahl getroffen – ein Volk, das die eigene Geschichte auf immer reuig und nachdenklich stimmt. Eben dieses Deutschland liebte ich. Und ich liebte es noch mehr, als ich die deutsche Literatur kennenlernte mit all den

Mahmud Doulatabadi gilt als einer der bedeutendsten Vertreter zeitgenössischer Prosa in Iran und darüber hinaus. Er ist Verfasser zahlreicher Erzählungen, Romane, Drehbücher und Theaterstücke sowie literaturkritischer und politischer Essays. Doulatabadi lebt in Teheran, wo er auch als Universitätsdozent für Literatur tätig ist. Doulatabadi wurde 1940 im Nordosten des Landes geboren. Er war unter anderem in der Landwirtschaft, als Handwerker und Frisör tätig, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Mit 20 bestand er die Aufnahmeprüfung an einer Schauspielschule in Teheran. Er arbeitete in einem Theaterensemble und als Filmdarsteller. 1975 wurde er während einer Aufführung aus politischen Gründen verhaftet. Zwei Jahre verbrachte er im Gefängnis. Seit den 1960er-Jahren widmet sich Doulatabadi verstärkt dem Schreiben. Er verknüpft die poetischen Traditionen

Schriftstellern, die gegen Krieg, Völkermord und Holocaust schrieben und die gewollt oder ungewollt meist im Exil leben mussten. Schriftsteller wie Bert Brecht, Thomas Mann, Heinrich Böll und Günter Grass, der uns erhalten geblieben ist und lang leben möge. Brechts wichtigste Werke wurden in Iran aufgeführt und ich wirkte in einigen dieser Werke als Schauspieler mit. Später schrieb ich Beiträge über ihn, die nun in

©© hpschaefer, reserv-art

A

ls Jugendlicher saß ich einmal in einem Reisebus nach Teheran neben einem Kaufmann, der davon erzählte, mit Deutschland Geschäfte machen zu wollen. Ich meinerseits soll von mir als einem versierten Frisör gesprochen haben, der in der großen, chancenreicheren Stadt Teheran nach Arbeit suche. Von meiner Absicht, mir in der Metropole einen Weg zum Theater zu bahnen, verlor ich natürlich kein Wort. Was hätte auch ein Geschäftsmann mit meiner Lieblingskunst zu schaffen, dachte ich. Tatsächlich sagte er lediglich: „Deutschland ist Arbeitsland und mit der Geschicklichkeit deiner Hände würdest du dort bestimmt Karriere machen können. Besonders jetzt, da Deutschland Arbeitskräfte benötigt.“ Ich erinnere mich noch gut, meine Familie ins Spiel gebracht zu haben, doch dafür wahrscheinlich nicht gesagt zu haben, dass ich sie so vermisste, dass mir das Arbeiten in Deutschland unmöglich sein würde.

seiner Kultur mit der Alltagssprache auf den Dörfern. In den 1990-Jahren wurde auch der deutschsprachige Buchmarkt auf ihn aufmerksam. Die Romane „Kelidar“, „Der Colonel“ und weitere Werke liegen in deutscher Übersetzung (erschienen im Unionsverlag) vor.

Deutsche Welle 23

heimat erleben

»Auf meinen Reisen um die Welt hatte ich kein Wort zu Papier gebracht.«

Das ruhige Café und die flinke Kellnerin: Inspirationsquelle für die Rohfassung einer ersten Geschichte

meinen gesammelten Aufsätzen veröffentlicht sind. Deutsche sind erwartungsgemäß nicht anders als Menschen anderswo: Sie nehmen sich nicht die Zeit, andere Menschen innerlich einzuschätzen. Um den Deutschen nahezukommen und mit ihnen zu kommunizieren, musst du mit ihnen in ihrer Sprache sprechen können. Aber wie sollte einer wie ich, der seines Berufes wegen seiner Muttersprache verhaftet ist und ständig mit komplexen Alltags- und sozialen Problemen zu kämpfen hat, eine Fremdsprache lernen? Also bin ich, von Dolmetscherpräsenz oder meinem Alltagsenglisch abgesehen, immer ein stummer und muffeliger Gesprächspartner gewesen. Dem nicht-persischsprachigen Publikum sind meine Werke erst durch den deutschsprachigen Unionsverlag in der Schweiz be-

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kannt geworden. Dafür bin ich diesem Verlag verbunden. Darüber hinaus bin ich wiederholt von Kultur- und Bildungseinrichtungen in Deutschland eingeladen worden, was meine große Anerkennung verdient. Dies alles verwandelte das Land in meine zweite Heimat. Wohin ich auch reise, ich mache zuerst bei meinem Sohn in Deutschland halt.

Im Hochgefühl des Schreibens Es ist bemerkenswert, dass ich nach 20 Jahren wiederholter Besuche hier in diesem Land zu schreiben fähig bin. Und dies, obwohl man weiß, wie schwierig das Schreiben an sich sein kann. Obwohl, wie ich meine, ein Schriftsteller im Grunde unmöglich außerhalb seines Lebensumfelds seinem Beruf nachgehen kann. Es war also ein neu-

es Gefühl in mir, denn auf meinen Reisen um die Welt hatte ich bis dahin kein Wort zu Papier gebracht. Aber dann saß ich in Berlin in einem ruhigen Café und notierte die Rohfassung einer ersten Geschichte auf kleine Spickzettel, erweiterte sie mit Notizen im Osten Berlins und vervollständigte all das in Teheran zu meinem mühevollen Roman „Soluk“. Als ich 2010 nach Berlin eingeladen wurde, war ich im Hochgefühl des Schreibens. Vereint mit dem neuen Umfeld fing ich an, ein Romankonzept unter dem Titel „Aufzeichnungen meiner Jugendzeit“ zu erstellen. In mir erklang die Musik der Sprache und aus mir wuchsen Worte und Vokabeln heraus. In ruhigen und angenehmen Nächten wuchs die Arbeit heran. Aber dann? Es ging doch nicht weiter. Ich war im Begriff, die flinke Frau, die in meinem Berliner

das Läuft

So geht Deutschland

©© Graham Monro/gm photographics

Wenn es um das Ansehen der Deutschen im Ausland geht, kommt die Sprache schnell auf das legendäre „Sommermärchen 2006“. Mit der Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land gelang es, ein freundliches, heiteres, auf jeden Fall weltoffenes Deutschlandbild zu zeichnen. Und doch sind die Vorstellungen über das Leben der Deutschen und ihre Mentalität weiter von Vorurteilen und Klischees geprägt. Dies haben auch Reaktionen von Facebook-Nutzern bestätigt. Die Deutsche Welle hatte sie im vergangenen Sommer eingeladen, mitzuteilen, was ihnen zu Deutschland und zur deutschen Mentalität einfällt. Ergebnis: Wir gelten weiterhin als pünktlich, ordentlich und zuverlässig, aber auch als schlecht gekleidet und nur selten locker oder gar humorvoll. Auto, Bier und Wurst bleiben Synonyme für Deutschland.

Café kellnerte, mit der mühseligen stillen Frauenfigur meines Werkes, die auf der Suche nach ihrem verlorenen Partner selbst im Gewühl der Stadt Mashhad verlorengegangen war, zu verschmelzen. Ich könnte die fertig geschriebene Geschichte als Zeichen meiner Verbundenheit mit der Stiftung, die mich nach Berlin eingeladen hatte, dort als Andenken zurücklassen, dachte ich. Doch es klappte nicht. Trotz allem widmet dieser muffelige Schriftsteller dieses Werk der Kellnerin, deren wohlklingende Stimme immer noch in seinen Ohren musiziert und ihn fasziniert. Adaptiert ins Deutsche von Eskandar Abadi, Farsi-Redaktion

An diesen Klischees setzt das Multimediaprojekt „So geht Deutschland“ an. Videoreportagen, Kolumnen, Artikel und Bildergalerien greifen die Stereotype auf, um sie auf informative und unterhaltsame Weise zu hinterfragen. Ziel ist es, ein differenziertes Bild vom Leben im modernen Deutschland zu zeichnen. Der Journalist Peter Zudeick fragt in seiner Kolumne zum Beispiel, warum der Deutsche so sparsam ist oder warum er angeblich nicht flirten kann. Bei seiner von subjektiven Ansichten nicht freien Suche nach Antworten hilft ihm neben allgemeinen Erörterungen und einem Blick in die Geschichte stets auch ein gutes Stück Selbstironie. Demgegenüber hilft Gabriela Gleinig bei ihren Erkundungen vor der Kamera stets ihre Neugier. Als in Deutschland geborene Tochter einer Argentinierin und eines Paraguayers ist es ihr selbst oft ein Rätsel, worin die Liebe der Deutschen zu Fußball, Wurst und Bier begründet liegt. Ihre Erkundungsreisen führen sie durch das ganze Land und sind im DW-Fernsehen im Magazin Deutschland heute sowie in dessen englischer und spanischer Ausgabe Germany Today beziehungsweise Alemania hoy zu sehen. Zum Multimediaprojekt „So geht Deutschland“ gehört auch eine Artikelserie, die bekannte Zitate in ihren historischen Kontext setzt – beispielsweise: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“ von Willy Brandt zur deutschen Einheit. Den DW-Nutzern wird auf diese Weise verdeutlicht, warum sich solche Aussagen ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingebrannt haben. Schließlich kann jeder Interessierte am „Wie deutsch bist Du?“-Test teilnehmen – auch Sie! Eine Michel-Puppe präsentiert einen interaktiven Test, in dem Sie selbst herausfinden können, wie viel deutsche Mentalität in Ihnen steckt. Christian Hoffmann www.dw.de/sogehtdeutschland

Deutsche Welle 25

unterwegs sein

„Was bringt es uns, unser Gesicht in die Kamera zu halten?“: Ölkocher im ­knöcheltiefen Schlamm

Dilemma im Delta Text und Bilder Katrin Gänsler, Reporterin

Nigerias Reichtum stammt aus dem Nigerdelta im äußersten Südosten des Landes. Aber vor Ort profitiert niemand von den Einnahmen aus dem Öl. Wenn das Schwarze Gold zur Pest wird – ein Thema im Multimediaprojekt über Afrikas Rohstoffe.

D

ie dunkelgrünen Gummistiefel sind zehn Nummern zu groß, riechen nach Schweiß und erinnern an von Fußpilz zerfressene Zehen. Doch ohne die hohen Stiefel ist ein Besuch in einer der lokalen Ölraffinerien unmöglich. Der grau-schwarze Boden ist schlammig und schmatzt bei jeder Bewegung. Wer hier nicht zügig läuft, sackt sofort bis zum

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Knöchel ein und muss den Stiefel mühsam wieder aus dem Schlamm herausziehen. Wenn die Sonne ab und zu durch die dichten Mangrovenwälder scheint, schimmert der Boden manchmal in Regenbogenfarben. Das Öl – das Schwarze Gold des Nigerdeltas – ist überall und sickert völlig unkontrolliert in die Erde. Doch das interessiert niemanden. Auch die Ölkocher nicht, die auf einer Lichtung am Ufer des Nigerdeltas arbeiten. Hier produzieren sie selbst Diesel, Benzin und Kerosin. Egal, wie heiß es wird, egal, wie groß die gesundheitlichen Risiken sind und wie beißend der Rauch ist, der bei dem Erhitzen des Rohöls aufsteigt. Joshua, der weit oben in der Hierarchie steht, ein sauberes grün-weiß gestreiftes Polo-Shirt trägt und auf Englisch mit Journalisten spricht, rechtfertigt sich: „Wovon sollten wir denn sonst leben? Für uns gibt es doch keine Arbeit. Shell und die anderen stellen uns nicht ein.“

Von Ölkochern und Ölmultis Im Nigerdelta sind es immer die anderen, die für schlechte Lebens- und Arbeitsbedingungen verantwortlich sind. Juliette, die regelmäßig bei den Ölkochern Kerosin kauft, lächelt anfangs noch ein wenig verlegen. Mit Journalisten spricht sie nicht oft und sie wechselt immer wieder ins Pidgin-Englisch. Doch dann beginnt sie, auf die Politiker zu schimpfen. Besonders auf Präsident Goodluck Jonathan, erstes Staatsoberhaupt aus dem Nigerdelta. Obwohl der Bundesstaat Bayelsa seine Heimat sei, tue er nichts für die Bewohner. Politiker wiederum verfluchen die Ölmultis. In der Verantwortung für rechtliche Rahmenbedingungen sehen sie sich nicht. Und für die multinationalen Ölunternehmen sind es meist die Einheimischen, die das Dilemma im Delta selbst verursacht haben: Wenn sie nicht so gierig wären und nicht ständig die Pipelines anzapfen

­ ürden, würde längst nicht so viel des kostw baren Rohstoffes in den Boden sickern und das Leben unmöglich machen. Nach ein paar Tagen werden die Vorwürfe zu einer Endlosschleife. Es sind immer die anderen. Hoffnung darauf, dass alle Beteiligten sich irgendwann einmal gemeinsam für bessere Lebens- und Produktionsbedingungen einsetzen, gibt es nicht. Auch Joshua hat sie längt aufgegeben. Er und seine Leute nehmen sich lieber selbst etwas von Nigerias Reichtum, der nicht ungleicher verteilt sein könnte. Der Riesenstaat mit den 160 Millionen Einwohnern ist zwar Afrikas Öllieferant Nummer eins. Trotzdem leben rund 70 Prozent der Menschen unterhalb der Armutsgrenze und haben pro Tag nur etwa einen Euro. Deswegen ist ein Wort beim Besuch seines Arbeitsplatzes streng verboten: illegal. Aus seiner Sicht sind die selbst zusammengezimmerten Holzgestelle nur lokale oder private Raffinerien. „Nennt sie bloß nicht illegale Raffinerien“, sagt Kentebe Ebiaridor von der nigerianischen Umweltschutzorganisation Environmental Rights Action (ERA) vor unserer Abfahrt in Yenagoa, der Hauptstadt des Bundesstaates Bayelsa, „das macht die Leute hier verdammt ärgerlich.“

Informationen nur gegen Geld Ein falsches Wort hätte die ganze mühselige Vorarbeit für den Besuch schnell wieder zerstören können. Tagelang hat es unzählige Telefonate, viel Überredungskunst und einige Gespräche mit ERA-Vertretern benötigt, um überhaupt die Möglichkeit zu bekommen, diese kleine Raffinerie zu besuchen. Das Misstrauen war groß – häufig verbunden mit der Frage: „Was haben wir von dem Besuch? Was bringt es uns, unser Gesicht in die Kamera zu halten?“ Die Standard-Antwort, Journalisten würden schließlich auf Probleme aufmerksam machen und den Menschen im Nigerdelta eine Stimme verschaffen, zählt für viele Gesprächspartner nicht. Sie haben sie schon zu oft gehört. Stattdessen wollen alle ihren eigenen privaten Vorteil von unserem Besuch haben. Egal, ob Ölkocher, Bürgermeister oder Marktfrau. Interviews, Informationen und Gespräche gibt es nur gegen Geld. Diskussionen sind zwecklos. Denn wenn das Öl, das in Nigeria seit 1958 gefördert wird und aus dem heute 80 Prozent der Staatseinnahmen stammen, ihnen schon keinerlei Nutzen bringt, sollen es wenigstens all jene Menschen tun, die sich für das Öl interessieren. 

Wo die Menschen früher vom Fischen lebten: Rauchschwaden verraten die illegalen Ölraffinerien an den Ufern des Nigerdeltas

das Läuft

Rohstoff – zwischen Fluch und Segen Nach Asiens Tigerstaaten kommen ­Afrikas Löwenstaaten. Getrieben wird das Wachstum Afrikas vor allem von Rohstoff-Exporten. Manche Länder wie der Öl-Staat Angola brachten es in den vergangenen Jahren auf mehr als 20 Prozent Wirtschaftswachstum pro Jahr. Zu den traditionell rohstoffreichen Volkswirtschaften wie Angola und Nigeria gesellen sich derzeit neue Länder dazu. So schickt sich das portugiesischsprachige Mosambik an, einer der größten Kohle- und Gasproduzenten der Welt zu werden. Für die Afrika-Redaktionen der DW ein idealer Zeitpunkt, um zu sehen, was vor Ort vom Rohstoff-Boom bleibt. Was haben die Menschen davon, wenn Öl, Gas oder Gold das Bruttoinlandsprodukt nach oben schnellen lassen? Denn die wirtschaftswissenschaftlichen ­Lehrbücher sind schließlich voller Beispiele dafür, wie der Boom der RohstoffIndustrie andere Branchen an die Seite gedrängt und so für mehr und nicht für weniger Armut gesorgt hat – bekannt ist das als „holländische Krankheit“ oder auch als „Rohstoff-Fluch“. Häufig bleibt auch nach dem Abbau der Bodenschätze die Umwelt zerstört zurück.

Was bleibt vom Rohstoff-Boom? – Dieser Frage sind DW-Reporter in sechs Ländern des Kontinents nachgegangen. In der Regel waren sie als Tandem unterwegs: ein VJ (Video-Reporter) und ein Radio-Online-Reporter. Zu kämpfen hatten sie mit willkürlicher Visum-Vergabe, schwerem Zugang zu entlegenen Gebieten und mit kooperationsunwilligen Rohstoff-Konzernen. Es sind eindrucksvolle Geschichten entstanden, die auf vielfältige Weise präsentiert werden: Für die Afrika-Radioprogramme der DW, die über Partnersender und Kurzwelle ein breites Publikum erreichen, wurden zehnminütige Hörfunkfeatures produziert. Hinzu kommen Text-Reportagen, Bildergalerien und Videos für die Online-Sonderseiten. Und das Fernsehen der DW strahlt die Reihe im Magazin Global 3000 aus. So können sich Hörer, Nutzer und Zuschauer der DW ein Bild davon machen, was vor Ort in Afrika vom RohstoffBoom bleibt. Johannes Beck www.dw.de/rohstoff-boom

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medienwelt einordnen

@ Zwischenrufe von der virtuellen Couch

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©© bluehand/Fotolia.com

©© Dmitry Koksharov/Fotolia.com

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Text Dominik Ahrens Projektleiter Marketing

Wer vor dem Fernseher sitzt, hat dabei immer häufiger auch sein Smartphone zur Hand. Für die Medienmacher ist dieser „Second Screen“ ­Risiko und Chance zugleich. Früher war die Welt in deutschen Wohnzimmern noch in Ordnung: Wenn sich in den 1980er-Jahren die Kernfamilie mit Chips und Limonade vor „Wetten, dass ..?“ zusammenfand, dann wetteten Vater, Mutter und 2,3 Durchschnittskinder fröhlich mit – und die ganze Aufmerksamkeit gehörte Frank Elstner, später Thomas Gottschalk und der Flimmerkiste. So zumindest die Legende. Die Fernsehverantwortlichen haben allen Grund, dieser Vergangenheit hinterherzutrauern, schließlich zeigen aktuelle Untersuchungen, dass sich die Rezeption radikal geändert hat. Zwar ist der Fernseh-

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konsum bis 2011 auf durchschnittlich 225 Minuten pro Tag angestiegen, doch muss der Fernsehschirm inzwischen mit den Bildschirmen von Laptops, Tablets und Smartphones um die Aufmerksamkeit der Zuschauer konkurrieren. „Mehr als die Hälfte der Deutschen nutzt bereits diesen Second Screen, den zweiten Bildschirm, um während der Sendung Zusatzinfos abzurufen oder sich in Netzwerken auszutauschen“, weiß Julia Hildebrand, Social-Media-Expertin der DW. „Während der großen TV-Events und Live-Shows wird vor allem getwittert.“ Die Sozialen Netze sind zu einer Art „virtueller Fernsehcouch“ geworden, auf der sich die Zuschauer über das Programm unterhalten. In welchem Maße das Fernseherlebnis zum „Sozialen TV“ wird, zeigte sich zum Beispiel beim Finale der Fußball-EM: Während des Spiels wurden weltweit 16,5 Millionen Nachrichten mit dem Kennzeichen #Euro2012 abgesetzt. Beim Eurovision Song Contest zählte allein die d ­ eutsche

­ocial-TV-App Couchfunk rund 37.000 S Kommentare. Für die Sender ist diese Entwicklung Fluch und Segen zugleich. Zum einen verliert das Fernsehen die wertvolle Aufmerksamkeit der Zuschauer an Smartphone und Co. Wer gerade Tweets liest oder im Netz surft, verpasst die Sendung und vor allem Product Placements und Werbespots. „Gleichzeitig setzen immer mehr Sender auf Soziale Medien, um die Nutzer an ihre Formate zu binden“, sagt Julia Hildebrand. „Der Buzz – die Diskussion – in den Netzwerken verstärkt den Drang, ebenfalls einzuschalten und mitzureden. Deshalb blenden viele Sender gleich die passenden Hashtags – die Twitter-Schlagwörter – ins Programm ein, um die Diskussion anzuregen.“ Darüber hinaus machen Tablets und Smartphones die Interaktion mit Live-Programmen möglich. Talkshow-Moderatoren verlesen während der Sendung Kommentare der Zuschauer und machen aus der Diskussion über das Format eine Diskussion mit den Machern.

lesetipp

Wir sind politisch, nur anders

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Fiktionale Formate haben darüber hinaus noch andere Möglichkeiten. Die Pseudo-­ Reality-Serie „Berlin Tag und Nacht“ ist nicht nur im Programm von RTL2, sondern auch bei Facebook sehr beliebt. Dort können die Nutzer auch außerhalb der Sendezeiten am „Leben“ der Figuren teilnehmen, was wiederum den Reiz der Sendung erhöht. Diese Strategie setzt auch die Redaktion Deutschkurse der DW für ihre Telenovela Jojo sucht das Glück erfolgreich ein. Die Herausforderung für Fernsehmacher wird in Zukunft noch stärker darin bestehen, Ereignisse zu schaffen, über die ihre Zuschauer sprechen, twittern oder posten möchten. Denn das gemeinsame, „soziale“ Fernseherlebnis ist auch im Jahr 2013 nicht tot. Und auch die immer zahlreicher werdenden Singles sind dank Sozialer Medien keineswegs einsam vor dem Fernseher. Nur die Chips reicht auf der virtuellen Couch niemand rüber. 

„Er lebt in Berlin und im Internet“: Wolfgang Gründinger, 28-jähriger Politik- und Sozialwissenschaftler und Autor von „Wir Zukunftssucher. Wie Deutschland enkeltauglich wird“. Er sieht mit leuchtenden Augen, wie sich ein Generationenkonflikt zusammenbraut: Endlich tut sich was. Konfliktherd ist dabei nicht die Rente – das Symbolthema des Demografiewandels. Es ist vielmehr die Ignoranz der Alten und somit auch der Politik gegenüber der gesellschaftlichen Realität, insbesondere der Lebenswelt der Jungen. „Generationengerechtigkeit ist keine Einbahnstraße.“ „Liebe Alte, Ihr habt keine Ahnung.“ Während die Alten allein durch ihr strukturelles Wählergewicht die politische Agenda bestimmen, fühlen die Jungen sich unverstanden, nicht repräsentiert und erhoffen sich nichts von den – ebenfalls alten – Politikern. Ohne eine Interessenvertretung der nachwachsenden Generation kann es jedoch keine zukunftsweisende Agenda geben. Auf 200 Seiten schafft Gründinger es nicht nur, die scheinbar undurchdringliche Komplexität des Dilemmas unserer alternden Gesellschaft mit klaren Worten und lebendigen Beispielen zu durchleuchten. Es gelingt ihm auch stets, konstruktive Kritik zu üben – mal mit simplen Lösungsansätzen, mal mit Forderungen zum radikalen Umdenken. Gründinger räumt mit Vorurteilen der 68er auf und macht uns Jungen Mut. Wir sind keine politikverdrossene Spaßgesellschaft. Wir sind politisch. Nur anders. Und das müssen wir selbst erst begreifen. Unser Engagement hat nichts mit Ideologien und Revolte zu tun. Es ist nicht so laut wie die Parolen der 68er, aber viel bunter, heterogener und keinesfalls weniger wert. Es ist geprägt vom Pragmatismus und der Eigenverantwortlichkeit unserer Generation: Wir verändern unsere Lebenswelt im Kleinen und werden dort tätig, wo wir konkrete Ergebnisse sehen können – in Eltern-Initiativen, Online-Petitionen, Baumpflanzaktionen oder Fair-Trade-Projekten. Aber wir müssen keine Einzelkämpfer sein, sondern sollten uns gemeinsam Gehör verschaffen. Vielleicht können die Liedtexte von Wir sind Helden oder Sportfreunde Stiller, die Gründinger als Kapitelüberschriften einsetzt, zur Einstimmung auf ein neues Wir-Gefühl dienen. Dabei werden wir nicht gegen die Alten kämpfen, sondern um das Recht auf Mitsprache und Zukunft – und für eine zukunftsfähige Gesellschaft. Gründingers Buch ist kein Aufruf zum Kampf Jung gegen Alt, sondern zum Miteinanderreden und Neuentdecken der Solidarität der Generationen. Und es bewegt, lässt den Leser mit einer positiven Unruhe zurück. Mein erster Beitrag zur Zukunftsbildung unserer Gesellschaft wird es sein, dieses Buch unters Volk zu bringen. Lisa Flanakin (31), Designerin Wolfgang Gründinger: Wir Zukunftssucher. Wie Deutschland ­enkeltauglich wird; 224 Seiten; edition Körber-Stiftung, Hamburg 2012; ISBN: 978-3-89684-092-9; 16 Euro

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medienwelt einordnen

©© Reuters/Denis Sinyakov

Medienmarkt Russland: ein Bild von komplizierten Einfluss­ nahmen und A ­ bhängigkeiten – vor allem vom Kreml

Nahezu frei von Kritik Text Boris Banchevskiy Vertrieb

Der Erfolgsfaktor Russland gehört zu den Kernregionen der Deutschen Welle – nicht zuletzt aufgrund ­seiner geopolitischen Lage sowie der großen politischen und wirtschaftlichen Bedeutung. Wie sieht dort der Medienmarkt aus? Eine A ­ nalyse der aktuellen Situation und der ­Aktionsmöglichkeiten internationaler Anbieter wie der DW. Der russische Medienmarkt ist auf den ersten Blick trügerisch einfach zu durchschauen: Das Fernsehen ist mit Abstand das wichtigste und erfolgreichste Medium. Es erreicht regelmäßig nahezu 100 Prozent der Bevölkerung und ist daher ein entsprechend umkämpftes Feld mit zahlreichen kommerziellen und staatlichen Mitspielern. Erst auf den zweiten Blick eröffnet sich ein Bild von komplizierten Einflussnahmen und Abhängigkeiten – die bedeutendste ist zweifellos die Abhängigkeit nahezu aller großen Sender vom Kreml. Unternehmen wie VGTRK (mehrere föderale Kanäle) oder Voice of Russia gehören vollständig dem Staat, an anderen wie Pervuj ­Kanal (Channel One) oder NTW ist er zumindest beteiligt. Das Ergebnis ist eine Fernsehlandschaft, die nahezu frei von offener Kritik an Staatsorganen und Regierungsmitgliedern ist.

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Das wöchentliche TV-Magazin Geofaktor der Russisch-Redaktion der DW startete im November beim neuen russischen Partner Expert-TV. Seit Intendant Erik Bettermann bei seinem Besuch in Kasan im Dezember einen entsprechenden Vertrag mit dem Sendernetz STP-Content unterzeichnet hat, ist ­Geofaktor in 44 Regionen Russlands präsent. Darüber hinaus ist das Magazin auf den russischen Seiten von dw.de, in der Mediathek und auf YouTube abrufbar.

Die 15-minütige Sendung ist das erste eigens für Russland konzipierte TV-Magazin der DW. Es setzt auf Beiträge aus Wirtschaft und Politik. Auf diesen Themenfeldern genießt Deutschland in der Region großes Vertrauen. Durch einen klaren regionalen Fokus und die Berücksichtigung russischer Sehgewohnheiten gelingt es der DW, für die Menschen in Russland glaubwürdig zu sein. www.dw.de/russian

Daher scheiden solche Kanäle als Kooperationspartner für einen unabhängigen internationalen Sender wie die DW aus. Hier bestehen strenge Richtlinien, die eine inhaltliche Beeinflussung durch Regierungen kategorisch verbieten. Somit bleiben nur einige wenige Nischen-Sender, die sich bislang einer staatlichen Kontrolle weitgehend entzogen haben. Einer davon ist der Wirtschaftskanal RBC-TV, der „russische Bloomberg“, der sich im Besitz des oppositionellen Milliardärs Mikhail Prokhorov befindet. Er bedient die zunehmend bedeutsame Zielgruppe der Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik und unterhält mit RBC.ru gleichzeitig eine der fünf erfolgreichsten russischen Webseiten. Es ist diese prominente Stellung, die DW-Intendant Erik Bettermann im Rahmen seines Russland-Besuchs im Dezember dazu veranlasste, ausführliche Gespräche mit dem Leiter des Senders über eine Ausweitung der bereits bestehenden Zusammenarbeit zu führen.

Die Region im Zentrum Eine besondere Bedeutung kommt im russischen Medienmarkt den regionalen Fernsehstationen zu. Hier sind die Sender wie in den USA in der sogenannten „Syndication“, in Senderzusammenschlüssen, organisiert. Große Netzwerke wie STP Content vereinen zahlreiche Einzelstationen und versorgen sie mit einem einheitlichen Kernprogramm, die übrige Sendezeit füllen die Stationen mit Eigenproduktionen oder zugekauften Inhalten. Die Zuschauer sind an dynamische Formate gewöhnt und erwarten durchgehend hohe Qualität. Vor allem erwarten sie keine Formate „aus zweiter Hand“. Eine schlichte Sprachübersetzung bestehender Sendungen internationaler Anbieter kommt also eher nicht in Frage. Erfolgversprechend sind hingegen Koproduktionen beziehungsweise Adaptionen durch Partner vor Ort: So wird die russische Version des DW-Liefstyle-Magazins Euromaxx, die in Zusammenarbeit mit dem Sender 100 TV aus St. Petersburg entsteht, mittlerweile von 38 regionalen TV-Sendern übernommen. Der Markt steht außerdem vor einem Umbruch: 2015 wechseln alle russischen Sender zur digitalen Übertragung und krempeln dabei ihr gesamtes Programm um. Vor allem die regionalen Anbieter investieren stark in Infrastruktur und Inhalte. Geofaktor, das neue russischsprachige TV-Magazin der Deutschen Welle (siehe Kasten), ist darauf sowohl inhaltlich als auch zeitlich abgestimmt.

Die Presse und das Netz Der Zeitungsmarkt erlebt in Russland eine ähnliche Krise wie hierzulande. Große Zeitungen wie die regierungskritische Novaja Gazeta kämpfen mit sinkenden Auflagen. Trotz der schwindenden Bedeutung des Mediums nimmt auch hier der staatliche Einfluss eher zu. Die Machthaber versprechen sich dadurch einen stärkeren Zugriff auf die Zielgruppe der Verantwortlichen in der Wirtschaft und der Studenten. Das Ergebnis war ein vollständiger Austausch des Managements und ein Wandel des Profils von solidem Journalismus zur Boullevard-Presse in den vergangenen zwei bis drei Jahren. Ein gutes Beispiel für diese Boulevardisierung ist die älteste Zeitung Iswestija. Der Onlinebereich hat sich dagegen der staatlichen Kontrolle bislang weitgehend entzogen: lenta.ru beispielsweise ist eher frei davon, newsru.com ebenfalls – beide gehören zu den wichtigsten Nachrichtenseiten im russischsprachigen Internet und sind als solche schon lange Kooperationspartner der DW.

Getwitter 1.000.000.000 Menschen sind bei Facebook regis­ triert: Das Netzwerk erreicht rechnerisch jeden siebten Menschen der Erde. http://bit.ly/Qq9nX3 30.000.000 Follower: Lady Gaga ist Twitter-Queen. Twitter-Gründer Williams würde Followerzahlen aber lieber abschaffen. http://on.mash.to/StB2Hp 100.000 Abonnenten sind nicht genug: Lehren der Community aus dem Ende des iPad-Magazins „The Daily“. http://bit.ly/SGOW6z 50 US-Wahlergebnisse prognostizierte Nate Silver richtig. Wie können Datenjournalisten ähnlich erfolgreich sein? http://on.mash.to/VbSlJk 43 Auslandskorrespondenten haben sich auf Weltreporter.de vernetzt und teilen Erfahrungen aus 160 Ländern. ttp://bit.ly/TnVrty 20 Werkzeuge zur Datenvisualisierung: Brian Suda vom netmagazine macht jedem Journalisten den Zugang leicht. http://bit.ly/QBGeGx 16 Millionen US-Dollar Venture Capital hat das Bildungsportal Coursera eingesammelt. Es bietet kostenlose Universitätskurse. http://bit.ly/ACwuUg 14 Tools, mit denen Journalisten Quellen im Netz verifizieren können. http://bit.ly/W7qf2M Zehn Jahre Google News: Suchmaschine wertet heute 50.000 Nachrichtenquellen aus und generiert vier Milliarden Klicks pro Monat. http://bit.ly/S877P6 Acht Zeichen reichen nicht: Technikjournalist Mat Honan fordert das Ende der Passwörter als alleinige Sicherheitsmaßnahme. http://bit.ly/ZPrw25 Fünf Wege zum Online-Portfolio: Immer mehr Arbeitgeber erwarten aussagekräftige Internetpräsenzen von Journalisten. http://bit.ly/KDLAdS Einer von drei Menschen weltweit nutzt das Internet. Doch freien Zugang gewähren laut „Freedom House“ nur 14 von 47 Staaten. freedomhouse.org

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gestern reflektieren

Text Steffen heinze

Vor 50 Jahren: Erste Filmkopie in den Sudan 1963 beginnt für die Deutsche Welle das TV-Zeitalter. Zehn Jahre nach seiner Gründung verschickt der deutsche Auslandsrundfunk von Köln aus erstmals Filmkopien in die Welt. das Material auch osteuropä­ ischen Sendern angeboten. Als die TransTel GmbH Ende 1998 aufgelöst wird, gehen die Aufgaben des Transkriptionsdienstes vollständig an die Deutsche Welle. Parallel hat die Deutsche Welle 1992 ein eigenes, weltweit verbreitetes TV-Programm via Satellit gestartet. Das zunächst sechs Stunden umfassende Angebot auf Deutsch und Englisch wird sukzessive ausgebaut. Wenig später kommt Spanisch – zunächst mit täglich zwei Stunden Programm – als Sendesprache hinzu. Seit 1995 ist das Informationsprogramm rund um die Uhr zu empfangen. 2002 öffnet die DW ein TV-Fenster für die arabische Welt (siehe dazu Seite 18). Im Zuge der verstärkten Regionalisierung und der Dynamik in den weltweiten Medienmärkten hat die DW Anfang 2012 ihr Fernsehprogramm noch einmal deutlich ausgeweitet und reformiert. So können Zuschauer in Lateinamerika jetzt 20 Stunden auf Spanisch sehen. Auf allen Kontinenten ist die DW – bis auf Afrika südlich der Sahara – mit zwei TV-Kanälen präsent und regional ausgerichtet. Ein wichtiger Eckpfeiler für das Fernsehangebot aus Berlin: die engere Zusammenarbeit mit anderen ARD-Sendern und dem ZDF. Auch am Standort Bonn produziert die DW inzwischen Fernsehprogramme. Magazine in Regionalsprachen zu Themen aus Wissenschaft, Technik und Umwelt oder Europa gehen derzeit an Partnersender in Albanien, Bulgarien, Kroatien, Mazedonien, Rumänien, Russland und der Türkei, in Indien, Indonesien und Brasilien. Auch dies ist Teil der regionalisierten Ausrichtung im Fernsehbereich. Unter dem Label DW Transtel führt die Deutsche Welle zudem die Transkription hochwertiger TV-Produktionen aus Deutschland weiter.

Die TransTel GmbH wird besiegelt: unter den Augen von Intendant Otto Wesemann (r.)

Empfängerland der ersten Sendung ist der Sudan. Zwei Jahre später wird als Träger für dieses Tätigkeitsfeld die „TransTel – Gesellschaft für Deutsche Fernseh-Transkription mbH“ gegründet. Sie soll Fernsehsender insbesondere in Afrika, Asien und Lateinamerika mit hochwertigen deutschen Fernsehproduktionen versorgen. Gesellschafter sind neben der DW die ARD-Landesrundfunkanstalten, das ZDF und die Bundesrepublik Deutschland. TransTel entwickelt sich zu einer starken Marke, die auf wichtigen Märkten eine wachsende Rolle spielt. Ob Wissenschaftsdokumentationen, Sendungen für Kinder, Sport, Musik oder Lifestyle: Programmeinkäufer ausländischer Sender können aus einem breiten Spektrum von Dokumentationen und fiktionalen Programmen der öffentlich-rechtlichen Sender hierzulande auswählen. Die DW unterstützt die Bearbeitung, Adaption und Synchronisation der Programme. TransTel bietet Programme auf Englisch und Spanisch, auch auf Arabisch, Französisch, Russisch und Portugiesisch an. Seit 1990 wird

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position beziehen

Text Eva Usi Spanisch-Redaktion

Mord statt Meinungsfreiheit Honduras liegt – wie die anderen Länder Zentralamerikas – in einem Gebiet mit hoher seismischer Aktivität. Dies ist bedingt durch zahlreiche Verwerfungen und aktive Vulkane, die das Land zusätzlich zu seiner Lage am Karibischen Meer für Naturkatastrophen anfällig machen. Doch diese ständige Bedrohung wird im Alltag von einer anderen Gefahr verdrängt: Die Region, die die brutalsten Diktaturen des Kontinents erlebt hat, versinkt 30 Jahre nach der Rückkehr zur Demokratie erneut in Gewalt. Die Medien- und Meinungsfreiheit ist davon massiv betroffen: Seit 2010 wurden in Honduras 25 Journalisten ermordet. Das Land verzeichnet die höchste Mordrate der Welt, wie aus Angaben der UNO hervorgeht. Allein 2011 registrierte das Land im Durchschnitt täglich 20 gewaltsame Todesfälle. Lediglich zwei von 100 Mordfällen werden aufgeklärt. Menschenrechtsaktivisten und Frauenrechtlerinnen, Bauernführer und andere Oppositionelle sehen sich einer wachsenden Bedrohung ausgesetzt – durch das Organisierte Verbrechen, korrupte Politiker und skrupellose Unternehmer, durch Polizisten, Militärs und eine steigende Zahl von Privatarmeen. Das sind rund 130.000 Mann, die in Gegenden, in denen es blutige Landkonflikte mit Bauern gibt, in den Diensten von Großgrundbesitzern stehen.

»Kommunalsender jetzt umso mehr zu unterstützen, das wäre ein Beispiel.« In den 1990er-Jahren gingen mächtige Großgrundbesitzer mit Gewalt gegen Kooperativen und Bauern in der Region Bajo Aguán, die im Norden an die Karibik grenzt, vor; sie wollten den Verkauf von Ländereien zu Spottpreisen erzwingen. Dieses Land, auf dem Ölpalmen in Monokultur angepflanzt wurden, ist weiterhin Ursache für Auseinandersetzungen und die Ermordung von Bauern durch Paramilitärs, die auch in den Kokainhandel verwickelt sind. Die Landkonzentration zählt zu den Hauptkonfliktquellen in Honduras – einem der ärmsten Länder Lateinamerikas. 66,2 Prozent der rund 8,2 Millionen Einwohner leben von weniger als zwei Dollar pro Tag. Obwohl Honduras zu den Ländern mit dem größten sozialen Ungleichgewicht gehört, steht der Kampf dagegen nicht auf der Tagesordnung von Präsident Porfirio Lobo. Auch nicht auf derjenigen der Elite des Landes – es sind diese wenigen wohlhabenden Familien, die das Land de facto regieren. Der Putsch gegen Manuel Zelaya im Juni 2009 wurde von der Oligarchie eingefädelt, die sich von Zelayas Versuch, eine Landreform und soziale Verbesserungen durchzusetzen, bedroht fühlte. Honduras hält 2013 Wahlen ab. Größter Wunsch der indigenen Gemeinden, der Garifuna, und der Bauern ist die Anwesenheit internationaler Beobachter. Trotz der Konzentration des Rundfunks in Händen einiger privater Gruppen, zeigt sich ein Dutzend Kommunalsender kämpferisch. Sie jetzt umso mehr zu unterstützen, das könnte ein Beispiel internationaler Zusammenarbeit sein.

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Dr. Johannes Hoffmann redaktion

Berthold Stevens GEstaltung

Lisa Flanakin Matthias Müller (Fotograf) druck

Brandt GmbH, Bonn Anzeigen

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Adaptiert ins Deutsche von Angela Hampl-Hernández

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©© DW/J. Röhl

menschen begegnen

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„Deutschland hat immer wieder nach mir gerufen“: DW-Moderator Brian Thomas

Text Greta Hamann, Volontärin

Back to the Roots Brian Thomas ist das Gesicht der englischsprachigen Nachrichtensendung, er moderiert das Journal. Immer gut gelaunt, immer aufmerksam, immer kritisch. Aufgewachsen ist er in den USA. Mit Anfang 20 erfährt er, dass er „zu drei Vierteln“ Deutscher ist. Zur DW gelangt er durch einen Zufall.

S

chafe hüten, Äpfel pflücken und Heu ernten – Brian Thomas kann sich kaum etwas Schöneres vorstellen. Außer vielleicht, im Studio der DW die Nachrichten zu moderieren. Brian Thomas präsentiert das Journal im Fernsehen der Deutschen Welle. „Ohne News und Adrenalin geht es nicht“, sagt der DW-Moderator, ohne den Ausgleich in der Natur auch nicht. 120 Tage im Jahr informiert Brian Thomas die englischsprachigen Zuschauer weltweit über das Neueste aus der Welt. Am Wochenende versucht er so oft wie möglich, aufs Land zu fahren. Geboren wurde der heute 54-Jährige in den USA. Seine Kindheit verbrachte er im Westen der Staaten: „Ich bin ein Sohn der Wüste“, sagt Brian Thomas. Nur wenige Autostunden von der mexikanischen Grenze und vom berühmten Grand Canyon entfernt, wächst er auf, mitten in der Natur. Heute lebt er im Herzen der Großstadt Berlin. Doch nur noch Stadtleben, das hält er nicht aus: Deswegen hat er sich vor neun Jahren ein Haus in Brandenburg gekauft und fährt regelmäßig raus aufs Land – besonders seinem zweijährigen Sohn gefallen die Ausflüge nach Brandenburg. Sein erster Sohn ist bereits erwachsen und lebt in den USA. Brian Thomas’ Lebensgefährtin ist Irin, auch deshalb spricht sein kleiner Sohn sowohl Englisch als auch Deutsch. So hätte auch Brian aufwachsen können, denn seine Mutter und seine Großmutter sind Deutsche. Doch das erfuhr er erst, als er nach Deutschland kam. „Ich habe mich immer gefragt: Wie kann meine Oma Irin sein und gleichzeitig einen deutschen Akzent haben?“ Sie schalt ihn sogar als „bösen Bub“, wenn er mal etwas

ausgefressen hatte. Doch die Großmutter sagte immer, sie stamme ursprünglich aus Irland. Als Teenager begann er dann viele Fragen zu stellen und machte sich auf die Suche nach Spuren der Familiengeschichte. „Damals hat sich wahrscheinlich zum ersten Mal gezeigt, dass ich Journalist werden wollte. Ich war sehr neugierig.“ Als Brian Thomas für sein Studium nach Deutschland ging, deckte er die ganze Geschichte auf: Die Eltern der Großmutter waren beide Deutsche; sie selbst ging auf

»Ohne News und Adrenalin geht es nicht.« eine deutsche Schule in New York. Da sie als Deutsche in den USA um den Ersten Weltkrieg viel Unterdrückung erlebte und auch Thomas’ Mutter als Deutsche oft mit Vorurteilen konfrontiert wurde, entschlossen sie sich, die Herkunft zu verschweigen. Über 25 Jahre später, nachdem er mit zwei Unterbrechungen bereits viele Jahre in Deutschland gelebt hat, nimmt er die deutsche Staatsbürgerschaft an: „Ich hätte das schon viel früher tun sollen“, sagt Thomas heute. Grund für den Entschluss war aber nicht seine Herkunft, sondern die Politik der USA. Er fühlte sich mitverantwortlich für die Taten der US-amerikanischen Politiker: „Ich hatte schlaflose Nächte: Guantanamo, der Irak-Krieg und dann auch noch der Folterskandal von Abu Ghraib. Ich habe mich dazu verpflichtet gefühlt, etwas gegen eine solche Politik zu tun.“ Brian Thomas

wusste, dass er sich entscheiden musste: Entweder würde er zurück in die USA gehen und sich gegen die Politik einsetzen oder er würde die US-amerikanische Staatsbürgerschaft ablegen. Er entschied sich für die Heimat seiner Großmutter: „Deutschland hat immer wieder nach mir gerufen.“ Obwohl er mit der deutschen Politik auch nicht immer einverstanden ist, so fühlt er sich hier doch sehr viel wohler: „Die moderne deutsche Demokratie erlaubt weit mehr die Gestaltung einer friedvollen Politik.“ Dabei ist Brian Thomas ursprünglich durch Zufall in Deutschland und bei der DW gelandet: Während er in Arizona in einem Büro von NBC arbeitete, reichte ein Kollege ihm ein Stellenangebot weiter: Korrespondent in Köln für die Deutsche Welle. Er bewarb sich und bekam den Job. Das war Ende der 1980er-Jahre. Das Journal moderiert er seit 1999. Von seinem Arbeitgeber hat er auch nach 26 Jahren nicht genug. „Die Deutsche Welle macht ihre Arbeit im Rahmen dessen, was möglich ist, sehr gut. Wir haben große Stärken gegenüber anderen Auslandssendern und sollten uns viel selbstbewusster geben, als wir das mitunter tun.“ Heute ist Brian Thomas endgültig in Deutschland angekommen. Er wird noch einmal Vater. Und was sind seine Pläne für die Zukunft? „Weiter das Journal moderieren und jung und fit bleiben“, sagt er und lacht. Brian Thomas zu Gast in der Sendung ­Typisch Deutsch: http://bit.ly/SBryZO

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www.dw-gmf.de

Die Zukunft des Wachstums Wirtschaft, Werte und die Medien 17. – 19. Juni 2013 | Bonn

Mitveranstalter

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Weltzeit 1 | 2013: Ticket für ein Wiedersehen – Das Alumni-Netz der DW Akademie