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zeit

welt Das Magazin der Deutschen Welle 01— Februar 2010

Wettbewerb im Mediversum

Gut gefunden.


Greifen Sie ein. Mit ihrer UnterSchrift. Jede dritte Frau wird Opfer von Gewalt – unabhängig von ihrer Herkunft, Religion und Kultur. Frauen werden misshandelt, weil sie Frauen sind. Gegen solche Menschenrechtsverletzungen setzt sich Amnesty International ein. Häusliche Gewalt darf nicht ungeahndet bleiben. Unterstützen Sie uns dabei, öffentlichen Druck aufzubauen und Unrecht anzuprangern. Mit Ihrer Unterschrift können Sie etwas verändern. www.amnesty.de/aktionen

Gute GeleGenheit, auch mal wieder analoGe KontaKte zu Knüpfen: MEDiENfoRuM.NRW 28.–30. JuNi 2010

22. medienforum.nrw

Koelnmesse, Rheinparkhalle

28.–30. Juni 2010

www.medienforum.nrw.de

Das medienforum.nrw ist eine Veranstaltung der Landesanstalt für Medien NRW (LfM), gefördert mit Mitteln des Ministers für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien des Landes Nordrhein-Westfalen. Verantwortlich für Konzeption und Durchführung ist die LfM Nova GmbH.


vorspann

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Editorial Liebe Leserinnen und Leser, vor einigen Wochen wurde die Ausstrahlung von DW-Programmen über Hotbird 8 gezielt gestört. Der Satellit versorgt Europa, in der Peripherie auch den Mittleren Osten. Dort konnten wir den Verursacher lokalisieren: Die Störsignale kamen aus dem Iran und legten Fernseh- und Hörfunk­ übertragungen lahm. Internetangebote – nicht nur der DW – werden von iranischer Seite ohnehin immer wieder geblockt. Gängige Praxis auch für die Mächtigen in Peking. Allerdings wissen sich die Menschen bei staatlicher Zensur im Netz zu helfen. Über Umwege kommen sie zumeist doch zu den gewünschten Seiten. Die Regierenden in Teheran und Peking kennen die Macht internationaler Medien. Deshalb versuchen sie Anbieter wie die Deutsche Welle zu blockieren und setzen selbst vermehrt auf eine mediale Präsenz im Ausland. Vor allem China unternimmt große Anstrengungen, um insbesondere den etablierten Stimmen aus dem Westen eine eigene Sicht der Dinge entgegenzusetzen. Erst jüngst hat der chinesische Staatssender CCTV

­zusätzlich zu seinem englischen noch ein arabisches und ein russisches TV-Programm gestartet. Der Iran hat aus demselben Grund Press TV lanciert, Fernsehen auf Englisch für die Welt. Immer mehr Kanäle buhlen auf allen Kontinenten um die Gunst der Mediennutzer. Die Konkurrenz wächst unauf haltsam. Und damit wächst auch der Druck für die DW. Die Entwicklung des internationalen Wettbewerbs auf den Medienmärkten ist Schwerpunkt dieser weltzeit. Wie sich die Deutsche Welle in diesem Umfeld künftig behaupten will, erläutert Intendant Erik Bettermann im Interview. Ein zweiter Fokus dieser Ausgabe liegt auf Afghanistan. Dort produziert die DW das Bildungsprogramm „Learning by Ear“ und Trainer der DW-AKADMIE leisten, allen Rückschlägen zum Trotz, Auf bauhilfe für Partnersender. Außerdem werfen wir einen Blick nach Zypern, wo Radio Mayis auf Versöhnung setzt. Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre. Guido Baumhauer, Direktor Distribution

In dieser Ausgabe 04–05

nachrichten

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06–13

titel

22-23 partner

»Wir sind nicht allein:  Der internationale Medienmarkt »Erik Bettermann im Interview: „Eine Frage der Zukunftsfähigkeit“ »China: Milliarden für die Soft-Power

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schlaglichter

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neue medien » Google und die perfekte Welle

16-20 partner » Afghanistan: Bildungsprogramme und Medienförderung

spot » Zypern: Reif für die Einheit

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profil » Deutschlandbild: Elisabeth Cadot » Kultserie: Die Wahrheit…

26-27

vor ort » West Virginia: Berge versetzen

28-29

innovation » Projekt Zukunft: Neue Verpackung

30-31

zoom » Teilchenbeschleuniger: Ingolf Baur

Impressum Deutsche Welle Unternehmenskommunikation 53110 Bonn T. 0228.429.2041 F. 0228.429.2047 weltzeit@dw-world.de www.dw-world.de/presse Verantwortlich: Dr. Johannes Hoffmann Redaktion: Berthold Stevens Gestaltung: Lisa Flanakin, Marco Siebertz, Alexandra Schottka Druck: Brandt GmbH · Bonn Fotos und Illustrationen: Getty Images (Titel), DW-Archiv (3, 5, 23, 24, 28, 29, 30),  F. Sieren (4), DW/M. Müller  (4, 10, 19, 21), A1PIX (5), DW/M. Siebertz (6, 8, 11, 12), L. Flanakin (9), DW/Z. Tamanna (16, 17, 18),  V. Picmanova (20), DW/P. Henriksen (21), DW/S. Winand (21), M. Hilbert (21), Bayreuther Festspiele GmbH/E. Nawrath (21),  E. Scagnetti/GRANANGULAR/ Bilderberg (22), picture alliance (24), DW/L. Scholtyssyk (26, 27) Anzeigen T. 0228.429.2043 F. 0228.429.2047 weltzeit@dw-world.de Werbung im Programm T. 0228.429.3507 F. 0228.429.2766 werbung@dw-world.de


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nachrichten 01

Umzug nach Bonn Bonn – Ein Stück Berlin in Bonn: Die Bundesstadt am Rhein ziert ein Originalstück der Berliner Mauer, gestaltet vom Aktions- und Umweltkünstler Ben Wagin. Ende Dezember wurde die Stele vor dem Funkhaus der Deutschen Welle enthüllt. Das Mauerstück ist eine Leihgabe, gestiftet von Friedel Drautzburg und Harald Grunert, Berliner Gastronomen mit Bonner Wurzeln. Das 3,8 Tonnen schwere und 3,60 Meter hohe Mahnmal gegen Krieg und Gewalt steht jetzt in der Nähe des Haupteingangs der DW-Zentrale. Es werde die Bonner künftig täglich daran erinnern, „dass uns Demokratie nicht geschenkt wird“, sagte Prof. Hans Walter Hütter, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Intendant Erik Bettermann erinnerte bei der Enthüllung am 21. Dezember vor rund 100 Gästen daran, dass die Mauer „ein Bauwerk von Menschen gegen Menschen“ gewesen sei. Aufgabe der Medien sei es, die Mauern in den Köpfen zu überwinden. Der Mauerfall habe Bonn viel Veränderung gebracht, so Bonns Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch. Vieles sei

01 Das Mauerstück wurde von Ben Wagin (vorne links) künstlerisch bearbeitet, hier mit (v. l.) Harald Grunert, OB Jürgen Nimptsch, Hans Walter Hütter, Erik ­Bettermann und Friedel Drautzburg

­ amals aus Bonn weggegangen. Andererseits verwies der d OB auf Erfolgsgeschichten, „eine davon ist die der Deutschen Welle“. Der Fall der Mauer habe mit Mut und Engagement der Menschen in der damaligen DDR zu tun, so Hütter. Und dass man nun ein Berliner Mauerstück in Bonn enthüllen könne, habe schließlich „auch mit vielem zu tun, was im damaligen Bonn entschieden wurde und was in der Folge zum Fall der Mauer geführt hat“. —— Video unter: www.dw-world.de/euromaxx

Talk aus Peking

Buch zum Kosovo

Peking/Berlin – Die Deutsche Welle hat ihr regionales TV-Angebot auf dem asiatischen Markt ausgeweitet. Seit Dezember ist die neue Reihe „Asia Talk“ zu sehen – auch als Video im Netz.

Bonn/Pristina – DW-Interviews mit dem in Paris lebenden albanischen Schriftsteller Ismail Kadare liegen als Buch vor. Mafia, Korruption und Pressefreiheit im Kosovo sind zentrale Themen, zu denen sich Kadare äußert.

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Die halbstündige Sendung entsteht in einem Studio in Peking. Produzent und Moderator Frank Sieren spricht mit prominenten asiatischen und europäischen Experten aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Asia Talk wird wöchentlich auf Englisch und Deutsch ausgestrahlt. AsienExperte Frank Sieren (42) ist Journalist und Buch-Autor (Der China-Code). Er lebt seit mehr als 15 Jahren in der chinesischen Hauptstadt.

02 Aus Asien für Asien: Frank ­Sieren (l.) im ­Gespräch mit Justus Frantz

In der Auftaktsendung sprach Sieren mit Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder über das europäisch-asiatische Verhältnis und nicht zuletzt über die deutsch-chinesischen Beziehungen. Schröder hatte sich in seiner Amtszeit in besonderem Maß für den Ausbau der deutsch-chinesischen Beziehungen stark gemacht. Weitere Gäste waren unter anderem der chinesische Deutschlandspezialist und frühere Botschafter Prof. Mei Zhaorong, der Dirigent und Pianist ­Justus Frantz, der Managementexperte und Unternehmensberater Fredmund Malik – und Uwe Kräuter, der Deutsche, der am längs­ ten in China lebt. —— Video unter www.dw-world.de/dw-tv

Mimoza Kelmendi vom Albanischen Programm hat die Interviews dokumentiert und das Ergebnis kürzlich in der Hauptstadt des Kosovo Pressevertretern vorgestellt. 17 Mal hat Kadare der DW zwischen 1995 und 2009 Rede und Antwort gestanden. Der mehrfach für den Literatur-Nobelpreis vorgeschlagene Autor nimmt zu einem weiten Themenspektrum Stellung. Er äußert sich zur Sicherheitslage im Kosovo, zum Krieg und dessen Folgen, zum wachsenden Einfluss der Mafia und zu Korruption. Er spricht über Meinungsund Pressefreiheit in seiner Heimat und über die nationale Identität der KosovoAlbaner.


nachrichten

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The BOBs 2010 und der Klimawandel Bonn – Der Wettbewerb läuft. Im Rahmen des internationalen Weblog-Awards der Deutschen Welle, The BOBs, gibt es in diesem Jahr einen Spezial-Preis zum Klimawandel. Noch bis 14. Februar können Internetnutzer Weblogs in elf Sprachen und sechs Fachkategorien vorschlagen. Allein für den Spezial-Preis für Weblogs und Podcasts, die sich dem Thema Klimawandel widmen, waren bis Mitte Januar bereits hundert Vorschläge eingegangen. Der Wettbewerb greift die rasanten Entwicklungen im Web 2.0 auf und bildet das breite Themenspektrum in der Vielfalt der Blogosphären ab. „Wir stoßen einen sprachübergreifenden Dialog über diese Medien­ form an“, erläutert Chefredakteur Marc Koch, verantwortlich für die Hörfunk- und Online-Angebote. Zugleich gehe es darum, Blogger in Ländern mit eingeschränkter Pressefreiheit zu unterstützen.

Für Jurymitglied Ai Weiwei sind Weblogs „das effizienteste Instrument für Chinas Demokratie-Bewegung“. In einer Gesellschaft, in der grundlegende Möglichkeiten des individuellen Ausdrucks und der Teilhabe am politischen und sozialen Leben fehlten, böten Blogs „eine Art virtueller Demokratie“, sagt der in China lebende Künstler und Regimekritiker. Der Fahrplan: Die Jury wählt aus den Vorschlägen die Finalisten aus. Vom 15. März bis 14. April werden die Gewinner ermittelt – über eine Online-Abstimmung und das Votum der Jury. Bekannt gegeben werden die besten Weblogs und Podcasts am 15. April auf der Internetkonferenz re:publica in Berlin. Die Preisverleihung

03

03 Weblogs zum Klimawandel: die Blogmap zeigt, wo die vorgeschlagenen Blogs entstehen

erfolgt auf dem Deutsche Welle Global Media Forum im Juni 2010 in Bonn. Thema der

dreitägigen Konferenz: Der Klimawandel und die Rolle der Medien. —— www.thebobs.com

Beethoven und das Land der Samba São Paulo/Bonn – Brasilien ist das diesjährige Partnerland für den Orchestercampus von Deutsche Welle und Beethovenfest Bonn. Eingeladen ist das Orchester „Sinfônica Heliópolis“ aus São Paulo. Die jungen Musiker werden im Rahmen des Festivals im September 2010 in Bonn auftreten. Eine Woche lang arbeiten sie mit namhaften Dirigenten und interpretieren im Rahmen des Festivals eine Auftragskomposi­ tion der Deutschen Welle. Es wird das erste Auslandsgastspiel des Orchesters sein. Viele der 75 Musiker im Alter von 15 bis 20 Jahren kommen aus den Favelas von São Paulo. Das Instituto Baccarelli, das die Musiker ausbildet, gehört zu den viel beachteten privaten Bildungsinstitutionen Brasiliens. Die Einrichtung fördert sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche – derzeit mehr als 350 Schülerinnen und Schüler.

Die Initiative der Deutschen Welle wird von Brasiliens bedeutendstem Klassik-Konzertveranstalter, der Stiftung „Mozarteum Brasileiro“, unterstützt. Die Stiftung wird gemeinsam mit der DW Konzerte des Orchesters in São Paulo ausrichten. Unterstützt wird die Initiative außerdem vom Generalkonsulat und der Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammer. Alljährlich lädt die DW ein Nachwuchsorchester zu einem Workshop im Rahmen des Beethovenfests nach Deutschland ein, 2009 war es das Orchester der Musikakademie Hanoi. ——


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titel Profil erforderlich: Das Universum der ­international präsenten Medien wird bunter


titel

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Wir sind nicht allein Immer mehr Auslandssender aus einer wachsenden Zahl von Staaten konkurrieren weltweit um die Mediennutzer. Die etablierten Institutionen müssen sich an neue geopolitische Bedingungen anpassen und ihre Strategien an der neuen Vielfalt des internationalen Medienangebots ausrichten. ­Dominik Ahrens mit einer Bestandsaufnahme. Wie umkämpft der heimische Medienmarkt ist, wird einem deutschen Nutzer schnell bewusst: Wo man auch einschaltet, zu jeder Zeit buhlen Hunderte Fernseh- und Radioprogramme sowie unzählige Internetangebote um die Aufmerksamkeit verschiedener – und identischer – Zielgruppen. Dass ein ähnlicher Andrang inzwischen auf den internationalen Märkten herrscht, ist weniger bekannt. „Immer mehr Staaten haben ein Interesse daran, international mit eigenen Sendern präsent zu sein“, stellt Petra Schneider, Vertriebsleiterin der Deutschen Welle in Bonn, fest. „In vielen Regionen konkurrieren nicht mehr nur die bekannten Global Player wie BBC und Voice of America mit der Deutschen Welle. Seit Mitte der Neunzigerjahre sind zahlreiche Sender neu gegründet, andere teils erheblich ausgebaut worden.“ Zu den wichtigsten neuen Mitspielern gehören France24, Russia Today, Euronews und Al Jazeera. Der TV-Nachrichtenkanal France24 sendet seit 2006 auf Französisch, Englisch und

teilweise Arabisch – mit einem Jahresbudget von 80 Millionen Euro. Das englischsprachige Fernsehprogramm von Russia Today und dessen arabischer Ableger Rusiya Al Yaum können seit 2005 nach eigenen Angaben von 200 Millionen Abonnenten in Europa, Nordamerika und Südafrika empfangen werden. Und der von 22 europäischen Rundfunkanstalten finanzierte Fernsehsender Euronews kündigte 2009 an, sein Angebot um die Sendesprachen Türkisch, Polnisch, Hindi und Mandarin zu erweitern. Die Ausweitungen bestehender Sender zeugen von neuen geopolitischen Schwerpunkten. „Zum einen verzeichnen wir die Konzentration auf die aufstrebenden wirtschaftlichen Supermächte im asiatischen Raum, allen voran China und Indien. Ein weiteres Zentrum der weltweiten Aufmerksamkeit ist der Nahe und Mittlere Osten“, so Petra Schneider. Besonders deutlich wird dies am Beispiel des britischen und amerikanischen Engagements im Ausland. So startete der BBC World Service 2005 einen arabischsprachigen und 2009 einen persisch­

»Der Wettbewerbsdruck ist enorm gestiegen.«


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sprachigen TV-Kanal. Das Broadcasting Board of Governors (BBG), das die Auslandssender der USA zusammenfasst, begleitete den besonderen Einsatz der USA nach dem 11. September mit dem Hörfunksender Farda und dem Persian News Network auf Persisch sowie mit Radio Sawa und dem TV-Sender Al Hurra auf Arabisch. 2002 beziehungsweise 2004 ins Leben gerufen, sind Sawa und Al Hurra unter dem Dach des Middle East Broadcasting Network zusammengefasst und verfügen über ein Jahresbudget von 91,7 Millionen US-Dollar.

Zwölf Stunden Arabisch

Die Zahl der Fernsehsender und Multikanal-Plattformen in Europa ist 2009 weiter gestiegen. Ende des Jahres waren in der EU 7.200 Sender on air. In den vergangenen zwölf Monaten wurden 245 Sender gegründet, im selben Zeitraum haben 220 ihren Betrieb eingestellt, knapp die Hälfte davon spanische Lokalkanäle. Nach Informationen der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle finden sich unter den neuen Kanälen vor allem Programme von öffentlich-rechtlichen Sendern, die via DVB-T starteten, sowie 150 neue Spartenkanäle und Lokalsender, die über Kabel, Satellit und Internet ausgestrahlt werden. Die meisten Fernsehsender gibt es in Großbritannien (1.033 Programme), gefolgt von Italien (388) und Frank­r eich (297).

Auch die Deutsche Welle hat der wachsenden Bedeutung des arabischen Raums Rechnung getragen – 2002 ging DW-TV Arabisch auf Sendung. Das Angebot wurde kontinuierlich ausgebaut. Heute können die Menschen zwischen Marokko und Saudi Arabien täglich zwölf Stunden arabisches TV-Programm aus Berlin empfangen, ergänzt um Sendungen in englischer Sprache. Zugleich hat die DW das Hörfunkprogramm ausgeweitet und ein umfassendes Internet-Angebot in arabischer Sprache gestartet. „Die Digitalisierung und der damit verbundene dynamische Wandel in der Mediennutzung zeigen auch, dass der klassische Rundfunk an Bedeutung einbüßt“, so Schneiders Einschätzung. „Durch das Internet sind Medienangebote zunehmend weltweit verfügbar. Das ist für internationale Anbieter wie die DW Chance und Herausforderung zugleich.“ Broadcaster rund um den Globus fragen sich, wie die zunehmend fragmentierte Aufmerksamkeit des Publikums zurückgewonnen werden kann. Die Zielgruppe dort erreichen, wo sie angesprochen werden kann, lautet die Antwort. Denn natürlich werden auch die Wettbewerber der DW vom Umbruch der gesamten Medien­landschaft erfasst: Die Digitalisierung von Produktion und Übertragung und allem voran das Internet, das in vielen Märkten starkes Wachstum verbuchen kann, zwingen alle Anbieter zum Umdenken.

Dabei sind es besonders die etablierten Auslandssender, die ihre neuen Aufgaben nur durch massive Einschnitte und Umschichtungen in anderen Bereichen wahrnehmen können. Oftmals geht es darum, eine Senderstruktur, die zu Zeiten des Kalten Krieges und ausschließlich für das Radio entworfen wurde, an die Welt nach dem 11. September und der OnlineRevolution anzupassen. Radio France Internationale (RFI) hat 2009 fünf Radioredaktionen aufgelöst, darunter die deutsche. Die BBC stellte binnen drei Jahren elf Fremdsprachenangebote ein, vor allem solche für den südosteuropäischen Raum. Die DW musste aufgrund von Budget­ kürzungen zwischen 1998 und 2000 zehn Sprachprogramme einstellen, die via Kurzwelle verbreitet wurden, darunter Schwedisch, Ungarisch und Tschechisch.

Multimediale Ausrichtung „Der Wettbewerbsdruck ist enorm gestiegen“, so Petra Schneider. „Die DW konkurriert in den Medien­m ärkten heute mit einer Vielzahl internationaler, auch nationaler Informationsanbieter. Allein in Europa hat sich seit 2005 die Zahl der Nachrichtenkanäle auf über 160 verdoppelt. Um in diesem Umfeld zu bestehen, setzen die Anbieter zunehmend auf Regionalisierung und Spartenkanäle und auf die ganze Palette neuer Verbreitungswege – darunter auch mobile ­A ngebote. Welches Potenzial diese Neuorientierungen besitzen, lässt sich am besten an den Abrufzahlen der Onlineseiten ablesen, die neben den Fernsehangeboten das stärkste Wachstum


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­verzeichnen. ­ esonders während B des Gaza-Konflikts im Januar 2009 und während der Unruhen im Umfeld der iranischen Präsidentschaftswahlen zeigten die vermehrten Zugriffe auf die Seiten der DW (www.dw-world.de) und der BBC, dass die Menschen in der Region die Angebote der Auslandssender gezielt als Alternative oder Referenzquelle zur lokalen Berichterstattung nutzen. Gleichzeitig verbuchte die BBC 2008/2009 einen deutlichen Rückgang der Radiohörer im Iran, was den Wandel zu bestätigen scheint. Über die digitale Revolution hinaus hat ein weiterer Faktor die weltweite Medienlandschaft nachhaltig verändert: Die Vermittlung einer bestimmten Perspektive verläuft nicht mehr einseitig von West nach Ost oder Nord nach Süd. Bereits 1996 ist Al Jazeera auf den Plan getreten, ein arabischer Sender, der ausdrücklich das Ziel verfolgt, der westlichen Berichterstattung eine Alternative entgegenzuhalten – auch in den Ländern der westlichen Welt. Inzwischen ist die private Sendergruppe mit einem geschätzten Etat von 150 Millionen US-Dollar weltweit über Satellit und Kabel empfangbar. Doch auch der vermeintliche Shooting-Star steht inzwischen unter Budget-Druck und muss sein Geschäftsmodell überdenken.

Asien und Lateinamerika Vor demselben Hintergrund ist auch der Ausbau des chinesischen Staatsfernsehens CCTV zu sehen. In der Vergangenheit nur Zielgebiet westlicher Auslandssender, auch der DW, geht China mit eigenen Sendern in die Offensive (siehe Seite 12/13).

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Als nächste umkämpfte Region zeichnet sich bereits Lateinamerika ab. Hier ist Russia Today seit Dezember 2009 mit einem spanischen Kanal präsent, weitere internationale Broadcaster wollen ihr Engagement ausbauen. „Die Zeiten, in denen die internationalen Anbieter ein Monopol auf unabhängige Informationen hatten, sind in vielen Märkten vorbei“, so die Vertriebsleiterin der DW. „Doch das bedeutet in keinem Fall, dass wir nicht mehr gebraucht werden. Dabei muss die DW vor allem ihre Nähe zur Zielregion und ihre inhaltliche Relevanz für die Zielgruppen beweisen. Das wird von unseren Partnern immer mehr eingefordert.“ Größere Flexibilität bei der multimedialen Umsetzung von Themen und ein präziser Zuschnitt der Angebote auf die DW-Zielgruppe der Informationssuchenden seien wichtige Voraussetzungen dafür. Nur so werde sich die Deutsche Welle auch in Zukunft als unverkennbare, verlässliche Stimme von den Mitbewerbern deutlich abheben. ——

Medien- und Sprachenangebot wichtiger DW-Mitbewerber

Radio TV Internet


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„Eine Frage der ­Zukunftsfähigkeit“ Bonn/Berlin – Die Konkurrenz rüstet auf. Was setzt Deutschland dagegen? Die Außendarstellung muss verstärkt werden, sagt Erik Bettermann. Fragen zur Zukunft der weltweiten Medienpräsenz Deutschlands an den DW-Intendanten. 01

der Werte und Perspektiven, für die Deutschland steht, um Dialog und Aspekte der Entwicklungszusammenarbeit und um die Förderung der deutschen Sprache und Kultur. Um die weltweite Medienpräsenz Deutschlands zu verbessern, brauchen wir eine breite Allianz. Vom Auslandssender profitieren alle. Insofern sollten sich auch alle einbringen. Diese Diskussion muss jetzt auf die Tagesordnung.

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„Deutschland muss wissen,

ob es in seiner medialen Außendarstellung in der Regionalliga oder in der Champions League spielen will“: Erik Bettermann

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Jahresbeginn ist die Zeit für gute Vorsätze. Was möchten Sie als Intendant der Deutschen Welle 2010 für Ihren Sender erreichen? Deutschland muss in der Welt stärker präsent sein. Unser Land muss ein Interesse daran haben, seine Perspektiven und Positionen zu verbreiten. Deutschlands Partner weltweit schauen auf unser Land, wollen wissen, wie wir zu wichtigen internationalen Themen und Entwicklungen stehen – ob Klimawandel oder Finanzkrise, Nahost-Konflikt oder Afghanistan. Deutschland genießt als neutraler Mittler hohes Ansehen. Das ist ein Wert, den wir nicht hoch genug veranschlagen können. Dafür müssen wir unsere mediale Stimme stärken. In unserer Außendarstellung geht es vor allem um die Vermittlung

Sie wollen ausgesprochen dicke Bretter bohren – warum? Weil es für unser Land eine Frage der Zukunftsf ähigkeit ist. Die Globalisierung wird an Dynamik noch zunehmen – auch im Mediensektor. Die Vielfalt wird größer, der Wettbewerb härter. Immer mehr Nationen entdecken die Kraft des Auslandsrundfunks und bauen ihre Medienangebote aus. Schauen Sie auf Russland mit Russia Today, auf Chinas Offensive mit CCTV auf Englisch oder Press TV aus dem Iran. Dies unterstreicht die politische Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit anderen Werte­ systemen. Und selbst in Paris und in Washington wird die Welt mit anderen Augen gesehen, sind andere Interessen im Spiel. Das bedeutet: Nur wir selbst können unser Land vertreten. Nur mit einer medial klar vermittelten Position wird Deutschland in einer globalisierten Welt wirtschaftlich, politisch und kulturell wahrgenommen.

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Müssen wir uns somit im Wettbewerb international präsenter Medien noch stärker zu Wort melden? Das ist nicht zum Nulltarif zu haben. Es ist vielsagend, wenn kürzlich in der ZEIT der prominente Londoner Zeitschriften-Entwickler Tyler Brûlé ein wesentlich stärkeres Engagement der Bundesregierung gefordert hat. Nur so könne


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weltzeit 01_2010

die Deutsche Welle, so Tyler wörtlich, in diesem Spiel international richtig mitmischen. 20 Jahre nach der Einheit muss Deutschland wissen, ob es in seiner medialen Außendarstellung in der Regionalliga oder in der Champions League spielen will.

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Wie intensiv soll die Zusammenarbeit mit Landesrundfunkanstalten und ZDF nach Ihren Vorstellungen werden? Bereits heute gibt es auf vielen Ebenen eine enge und gut funktionierende Zusammenarbeit. Sie basiert auf dem Prinzip des Gebens und Nehmens. Im Hörfunk sind wir beispielsweise Teil des ARD-Programmaustauschs. Unser Fernsehen kann auf Angebote der ARD-Landesrundfunkanstalten und des ZDF zurückgreifen, um einzelne Beiträge oder ganze Sendungen in Rio, Singapur oder Kapstadt zu zeigen. Damit können wir insbesondere das fremdsprachige Programm attraktiver gestalten und das Profil der Deutschen Welle schärfen. Diese Kooperation will ich noch ausbauen. Die ARDIntendanten haben eine Arbeitsgruppe gebildet, die sich mit diesen Fragen beschäftigt. Ihr gehören SWR-Intendant Peter Boudgoust als ARDVorsitzender, die Intendantin des WDR, Monika Piel, NDR-Intendant Lutz Marmor und ich an. Einbeziehen in diesen Prozess werden wir selbstverständlich den Intendanten des ZDF, Markus Schächter, und Willi Steul vom Deutschlandradio.

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Wie sieht der weitere Fahrplan aus? Zunächst einmal wird es in den Gremien der DW, in Rundfunk- und Verwaltungsrat, die Debatte über unsere Aufgabenplanung geben. Wir werden sie voraussichtlich Ende März dem Bundestagspräsidenten überreichen, das ist der Startschuss. Mein Ziel ist es, dass wir spätestens 2012 zu einem politischen Konsens kommen. Dann soll es auf breiter Basis eine gemeinsame Verantwortung für die mediale Visitenkarte Deutschlands geben. ——

»Wir brauchen eine breite ­Allianz.«

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Milliarden für die Soft-Power Peking – Chinas Führung legt sich mächtig ins Zeug, wenn es um die mediale Außendarstellung der Volksrepublik geht. Xiaoying Zhang stellt die Medien-Offensive Pekings vor.

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„Wer einmal gestrauchelt ist, ist klüger“, sagt ein altes chinesisches Sprichwort. Deshalb zieht China mit großem Engagement die Lehren aus dem PR-Desaster 2008: Unter dem Motto „Eine Welt – ein Traum“ sollte das olympische China die Welt verzaubern. Doch der Sommertraum wurde durch Unruhen in Tibet und eine Menschenrechtsdebatte rund um den Sport zu einem medialen Alptraum für die Pekinger Führung. Die kritische Berichterstattung der westlichen Medien wurde in China als „einseitig und unfair“ angesehen. Aus diesem Imageschaden hat das Reich der Mitte die Konsequenzen gezogen: Schätzungsweise 45 Milliarden Yuan, rund 4,5 Milliarden Euro, lässt sich Peking eine neue PR-Offensive kosten. Parallel zur Eröffnung weiterer Konfuzius-Institute zur Förderung der chinesischen Kultur und Sprache im Ausland – bis Oktober 2009 waren es 282 in 87 Ländern und Regionen – startete die chinesische Regierung eine Medien-Offensive, um die „Soft-Power“ zu steigern.

„Wir müssen die zentralen Medienorgane

Kulturfrühling gegen Wirtschaftswinter

zu einflussreichen und

„Medien entscheiden über Einfluss“, schrieb Zhu Hong, Sprecher der „State ­Administration of Radio, Film and Television

weltweit erstklassigen Medienunternehmen entwickeln“: Zhu Hong von der ­chinesischen Medienaufsicht

Konkurrenz und Kooperation

jährliche Spitzentreffen von einer gemeinsamen medienpolitischen Abschlusserklärung

schließen sich nicht aus. Insbesondere dann, wenn zwei Unternehmen die gleichen Ziele

gekrönt. Dabei geht es um Meinungs-, Informations- und Pressefreiheit, ebenso um den

haben und die gleichen Werte vertreten. So lässt sich beispielsweise ein Mehrwert er-

Dialog der Kulturen und den Austausch von Meinungen und Ideen.

zielen beim Testen neuer technischer Möglichkeiten. Auch die Deutsche Welle wirkt in Rundfunkverbänden auf allen Kontinenten aktiv mit.

Die Digitalisierung

Dort trifft sie auf zahlreiche internationale Sender, die Mitglied oder assoziiertes Mit-

bietet den internationalen Sendern, die traditionell Programm über Kurzwelle ausstrah-

glied sind. Darüber hinaus kooperiert die Deutsche Welle bilateral und multilateral mit

len, neue Möglichkeiten. Digital Radio Mondiale (DRM) ­beispielsweise ist ein weltwei-

europäischen Mitbewerbern, die weltweit agieren. Regelmäßig treffen sich seit Jahren

ter und offener Standard für digitalen Rundfunk auf der Lang-, Mittel- und Kurzwelle.

die Intendanten der großen internationalen Sender BBC, Voice of America, Radio France

Mit DRM können sowohl Hörfunk als auch Daten übertragen werden. DRM bietet Radio

Internationale (RFI), Radio Netherlands Worldwide (RNW) und DW. Seit 2007 wird das

nahezu in UKW-Empfangsqualität. DW und BBC bestücken seit Dezember 2008 einen


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weltzeit 01_2010

(SARFT)“, der Medienaufsicht, im November 2009 auf der offiziellen chinesischen Website china.com.cn. „Wir müssen die Chancen der globalen Finanzkrise ergreifen, um die zentralen Medienorgane wie Radio und Fernsehen zu multimedialen, multilingualen, einflussreichen und weltweit erstklassigen Medienunternehmen zu entwickeln“, so Zhu Hong in seinem Beitrag mit dem Titel „Kulturfrühling gegen Wirtschaftswinter“. Zu den genannten zentralen Medienorganen gehören der chinesische Auslandsrundfunk China Radio International, der Nationale Radiosender China National Radio und China Central Television (CCTV). Anders als die durch die Finanzkrise angeschlagenen westlichen Medienkonzerne hat beispielsweise CCTV 2009 über die bereits bestehenden englischen und französischen Programme hinaus ein 24-stündiges russisches und ein arabisches Programm gestartet. Das erklärte Ziel der Chinesen: Das Angebot soll binnen drei Jahren auf sieben Sprachen und elf Kanäle ­erweitert werden. Auch Printmedien wie das für seine natio­ nalistische Berichterstattung bekannte Blatt Global Times und die Parteizeitschrift Qiushi (Suche nach der Wahrheit) erscheinen neuerdings auch in englischer Auflage. Die offizielle chinesische Nachrichtenagentur Xinhua liefert Nachrichten

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aus chinesischer Sicht in sechs Sprachen, sie bietet ­Videos auf ihrer Website an und rüstet sich für mobile Nachrichten-Services.

Expansion statt Pressefreiheit Zu den Maßnahmen der Professionalisierung gehört auch, bekannte Moderatoren und Journalisten von anderen Sendern abzuwerben – etwa von BBC News und ABC in Australien. Auch in der Medienpolitik will China neben den Großen der Welt stehen. Im Oktober 2009 lud Xinhua in Zusammenarbeit mit AP, Reuters, BBC Global News, News Corporation, Google und anderen Vertretern von 135 internationalen Medienorganisationen zu einem WeltMedien-Gipfel nach Peking ein. Man wollte sich über die Herausforderungen und Möglichkeiten des digitalen Zeitalters austauschen. Der kleinste gemeinsame Nenner dieses west-östlichen Medientreffens fand sich dann in der Abschluss­ erklärung mit dem Aufruf zu einer „akkuraten, objektiven, unvoreingenommen und fairen“ Berichterstattung. Von Pressefreiheit war explizit nicht die Rede. Für sie war wohl zwischen den Expansionsinteressen der westlichen Medien und der Imagepflege Pekings leider wieder einmal kein Platz. ——

­gemeinsamen DRM-Kanal. Dieser bietet einen Programm-Mix mit Weltnachrichten, Ana-

Auch Koproduktionen

lysen, Reportagen und Hintergrundberichten, Kultur und Sport. Das Angebot richtet sich

mit nationalen Partnersendern – die als „Platzhirsche“ im jeweiligen Medienmarkt

an Hörerinnen und Hörer in West- und Zentraleuropa.

ebenso zu den Mitbewerbern zählen – können eine Win-Win-Situation schaffen. So pro-

Im technischen Bereich geht es vor allem um Sendezeitentausch, um die Reichweite des

duziert DW-TV beispielsweise mit dem ägyptischen Staatssender ERTU die monatliche

eigenen Programms zu erhöhen. So strahlt RFI seit Anfang 2006 Französisches und Rus-

Talkshow „Jugend ohne Grenzen“, die abwechselnd in Kairo und Berlin produziert und

sisches Programm über die von der DW angemietete Mittelwellenfrequenz in Sankt Pe-

von beiden Sendern ausgestrahlt wird. Gemeinsame Talkformate gibt es auch mit natio­

tersburg aus. Im Gegenzug sendet die DW seit April 2007 Arabisches ­Programm in Nord­

nalen Sendern in Algier und Rabat.

afrika und im Nahen und Mittleren Osten über UKW-Stationen von Radio Monte Carlo Doualiya (MCD), das zur RFI-Gruppe gehört. Die DW nutzt ebenfalls die UKW-Statio­nen von RFI in Eriwan und Tiflis für die Ausstrahlung des Russischen und Deutschen Programms.

Adelheid Feilcke


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schlaglichter

Radio der Zukunft Die Deutsche Welle ist Partner des

Internet-Trends 2010

Tablet statt E-Book

Programm für das iPhone, das Infor-

neuen, bundesweit einzigartigen

Nutzer im Web sch��tzen die

Sie wurden als Zukunft der Bücher

mationen über die Teilnehmer und den

Weiterbildungsstudiengangs „Online

Unmittelbarkeit. Ob Twitter oder

beschrieben und könnten doch nur

Ablauf der Konferenz bereitstellte.

Radio“ (M.A.) an der Martin-Luther-

Facebook – Kommunikation erfolgt

eine Randnotiz der Technikgeschichte

Auch die LeWeb in Paris im Dezember

Universität Halle-Wittenberg (MLU).

hier in Echtzeit. Dieser Trend wird sich

werden: E-Reader wie der Kindle

wartete mit einer eigenen App auf.

Der Masterstudiengang wird im Herbst

Experten zufolge 2010 noch verstär-

von Amazon. Mit klobigem Design

So können iPhone-User weltweit auf

2010 starten und richtet sich an

ken. Mit den GPS-Chips in modernen

und Graustufen-Bildschirm könnten

ihrem mobilen Endgerät die Diskussion

Hochschulabsolventen mit Berufser-

Handys werden außerdem ortsbe-

die Geräte schon bald von einem

über Video-Livestream ansehen.

fahrung im Medienbereich. Er entsteht

zogene Webdienste noch wichtiger.

neuen Typus verdrängt werden:

im Verbund zwischen der MLU und

Der Nutzer will offenbar wissen, wo

In Expertenkreisen munkelt man,

Twitter oder Twitterchen

weiteren Hochschulen. Partner ist

seine Freunde gerade sind, und dies

Vorreiter Apple werde in Kürze einen

Im Oktober 2009 waren es rund

auch der Mitteldeutsche Rundfunk.

auch in Netzwerken angezeigt sehen.

ultraflachen Tablet-Computer auf

185.000 aktive deutschsprachige

Hintergrund ist der Wandel des Radio-

Zu den wichtigen Vokabeln für 2010

den Markt bringen. Dieser könnte die

Accounts bei Twitter, Accounts, die

sektors durch die Digitalisierung, die

zählt demnach „Cloud Computing“:

Mobilität der E-Reader mit echten

mindestens einmal im Monat genutzt

neue Anforderungen an Journalisten,

Dabei liegen Daten nicht mehr auf dem

Multimedia-Fähigkeiten verbinden und

wurden. Einen Monat später waren

Planer und Führungskräfte stellt.

heimischen Rechner, sondern sind im

den Markt der elektronischen Bücher

es nur noch 175.000, fünf Prozent

Die Lehre erfolgt in großen Teilen

Netz gespeichert, wo sie auf großen

übernehmen.

weniger. Das monatliche Wachstum

onlinegestützt, damit der Studiengang

Servern bearbeitet werden können.

schrumpft seit dem Sommer: Im Juni

Wikipedia von morgen

lag es noch bei 34 Prozent, im August

zwei Jahren absolviert werden kann.

Portale von gestern

In weniger als neun Jahren hat die

bei 22 Prozent und im September bei

www.onlineradiomaster.de

Deutsche Web-Portale wie T-Online

Wikipedia-Gemeinde über 14 Millionen

sieben Prozent. Der Grund: Es melden

oder Web.de haben zwar immer

Artikel in 200 Sprachen angesammelt.

sich zwar nicht mehr Menschen als

DRadio Wissen mit DW

noch eine große Reichweite unter

Allein die deutsche Wikipedia zählt

bisher bei Twitter ab oder nutzen

Die DW ist einer der öffentlich-recht-

den deutschen Internetnutzern.

annähernd eine Million Artikel. Doch

ihren Account nicht mehr aktiv. Es

lichen Kooperationspartner aus dem

Aber ihr Anteil an der gesamten im

jetzt stößt das populäre Lexikon

melden sich aber immer weniger

In- und Ausland von „DRadio Wissen“,

Internet verbrachten Zeit ist zwischen

offenbar an seine Grenzen. Die

Menschen neu an.

dem neuen, digitalen Wissenspro-

August 2008 und Oktober 2009 von

naheliegenden, unstrittigen Themen

gramm des Deutschlandradios. Es

27,5 auf 22,2 Prozent gefallen, hat

sind abgehandelt. Autoren treibt die

Meist gesucht in 2009

ist seit 18. Januar auf Sendung. Die

das Marktforschungsunternehmen

Frage um, was noch „relevant“ ist.

Google hat wieder die Suchtrends

DW steuert das Bildungsprogramm

Comscore ermittelt. Ihre Funktion

Neulinge schreckt das komplizierte

des Jahres veröffent­licht: Bei den

„Studi-DW“, die Sendung „Wissen-

als Eingangstor ins Web, gestützt von

Regelwerk ab.

deutschen Nutzern lagen 2009

schaft“ sowie „Fokus“ mit Beiträgen

der E-Mail, der beherrschenden Kom-

aus unterschiedlichen Weltregionen

munikationsform, wackelt. Abgelöst

iPhone-App für LeWeb

meist gesuchten Begriffen gehörten

bei. DRadio Wissen wird ausschließ-

werden sie von Sozialen Netzwerken

Die „iPhone developer conference“ in

Michael Jackson, Abwrackprämie und

lich digital verbreitet, es ist im

und Instant Messengern.

Köln hat es vorgemacht: Auf der Ent-

Schweinegrippe – deutlich dahinter:

Internet sowie über Kabel und Satellit

wickler- und Business-Konferenz für

die Bundestagswahl.

zu empfangen. Kernzielgruppe sind

das iPhone und den iPod touch trafen

junge Erwachsene.

sich zwar nur etwa 200 Teilnehmer.

http://wissen.dradio.de

Trotzdem gab es ein eigenes kleines

auch berufsbegleitend innerhalb von

Soziale Netzwerke im Trend. Zu den


neue medien

weltzeit 01_2010

Die perfekte Welle? Als in den Achtzigerjahren die Personal Computer in die Büros einzogen, war die Marschrichtung klar: Das papierlose Büro werde in wenigen Jahren Realität sein, versprachen Hersteller wie IBM und Apple vollmundig. Bringt nun Google Wave den Durchbruch? Dominik Ahrens ist eher skeptisch. Die Hersteller trafen damals den Nerv der Angestellten, die zwischen Druckerschwärze und Stempelkissen ihr Handwerk gelernt hatten, ebenso wie die Befindlichkeiten der aufstrebenden Umweltbewegung. Der Computer war als Retter der Generation Waldsterben angetreten und kaum jemand störte sich daran, dass zu seinen unverzichtbaren Peripheriegeräten der Drucker zählte. 25 Jahre später ist – Computerrevolution und Internet zum Trotz – der Aktenstapel auf dem Schreibtisch nicht geschrumpft. Auch wenn die körperlose E-Mail Fax und Hauspost als das Mittel der Bürokommunikation verdrängt hat, ist die Zusammenarbeit im Grunde gleich geblieben: Projektdaten werden verschickt, geändert, geprüft und an den Absender zurück­ geschickt, wo das Spiel in eine neue Runde geht. Und E-Mails werden millionenfach ausgedruckt, um dieses Hin und Her zu dokumentieren. Kommuniziert wird abwechselnd, Antwort folgt auf Frage, Aktion auf Reaktion. Genau diese fundamentale Tatsache will der Internet­ riese Google nun mit „Wave“ ändern, einer Software, die E-Mail und Instant Messenger verdrängen soll. Das neue Motto lautet Gleichzeitigkeit: Zu einer Wave lassen sich beliebig viele Teilnehmer einladen, die alle auf einem gemeinsamen Arbeitsfeld Nachrichten schreiben, Medien einfügen und Formatierungen vornehmen können. Diese neuen Elemente erscheinen in der Wave als umrandete und mit dem Namen des Urhebers versehene Sprechblasen, als sogenannte Blips. Auf den ersten Blick wirkt das Programm daher wie ein konventioneller Chat, in dem Satz auf Satz folgt. Doch anders als beim Chat sind einmal abgeschickte Nachrichten nicht statisch,

s­ ondern können von jedem eingeladenen Nutzer verändert, ergänzt oder gelöscht werden. So erstellt man in einer Gruppe schnell ein komplexes Dokument oder feilt an kritischen Formulierungen. Der Verlauf einer solchen Gruppenarbeit kann jederzeit noch einmal nachvollzogen werden, da Wave nicht nur den aktuellen Stand, sondern sämtliche Änderungen speichert. Mit einem PlayButton kann jeder Neuankömmling sich den gesamten Verlauf der Diskussion noch einmal abspielen lassen. Im Gegensatz zur E-Mail ist also zu jeder Nachricht der Kontext immer präsent. Noch speichert Google die Waves auf seinen Servern – für sensible Daten, Firmenkommunikation oder auch nur besonders private Unterhaltungen ist diese Form also denkbar ungeeignet. Doch der Internetriese hat einen Teil der Programmgrundlage bereits unter einer Open-Source-­Lizenz zur Verfügung gestellt. Damit können Interessierte ihre eigenen WaveServer auf bauen und sich damit von Google unabhängig machen. Seit vergangenen Herbst befindet sich der Dienst im offenen Beta-Stadium, was bedeutet, dass bisher nur eine begrenzte Anzahl Nutzer das System testen darf und der Hersteller den Funktionsumfang jederzeit ändern kann. Ob diese Neuerungen nun auch das papierlose Büro Realität werden lassen, ist offen. Eines jedenfalls fordern die Beta-Tester im Hilfeforum schon vehement: eine Druckfunktion. ——

— 15


16—

partner

01

01 

Üben, improvisieren, vorberei-

Aufbauhilfe aus dem Radio

ten auf eine neue Rolle: Sumaya Popal, eine der Sprecherinnen

Kabul – Die Deutsche Welle startet die Bildungsprogramme der Reihe „Learning by Ear“ für Afghanistan: Hörspiele in Paschtu und Dari für junge Zielgruppen. Es geht insbesondere um Wiederauf bau und Demokratisierung. Produziert wird mit Partnern vor Ort, in Kabul mit dem Privatsender Ariana. Projektleiterin Shikiba Babori berichtet. Es ist acht Uhr morgens. Die meisten Sprecherinnen und Sprecher sind pünktlich im Aufnahmestudio im Kabuler Stadtviertel Share Nau eingetroffen. Aber auch heute müssen wir auf einige warten. Aus Sicherheitsgründen sind Straßen, die zu den Ministerien und Botschaften führen, gesperrt, dadurch ergeben sich Staus. Dann sind endlich alle da. „Sind alle Handys ausgeschaltet? Dann kann’s losgehen!“,

ruft ­Produktionsassistentin Nooria Muradi und schließt die Studiotür. Mit diesem Ritual ­beginnt drei Wochen lang jeder Tag der Produktion „Learning by Ear – Afghanistan“. Für 98 Radiosendungen auf Dari und Paschtu. Für das Casting der afghanischen Sprecher hatten sich nach einem Aufruf über das Radio knapp 40 Interessierte beworben. 28 von ihnen wurden engagiert: Schüler, Abiturienten, Haus-

Die Medien in Afghanistan befinden sich zwischen Liberalisierung und erneuter Repression. Seit längerem häufen

In den vergangenen Jahren kamen 90 private Radio- und 20 TV-Anbieter hinzu, darunter

sich Versuche, die Medien wieder unter engere staatliche Kontrolle zu bringen. Nach

große Stationen wie Radio Arman und Tolo TV (2004) sowie Ariana ­Television Network

dem Sturz der Taliban war die Medienlandschaft in Afghanistan aufgeblüht, Journalisten

(2005), die westliche TV-Formate für die afghanische Gesellschaft adaptierten und sich

hatten zunächst große Freiräume. Aus dem Radio „Sharia“ der „Gotteskrieger“ wurde

großer Beliebtheit erfreuen. In Polit-Sendungen auf Tolo müssen sich die ­afghanischen

wieder der staatliche Sender Radio Television Afghanistan (RTA), der neben Nachrich-

Eliten ungewohnt harten Interviewfragen stellen. Shows wie „Afghan Star“ (eine Art

ten auch wieder Musikprogramme ausstrahlte. Rund 300 Zeitungen entstanden, 14 er-

­afghanisches „Deutschland sucht den Superstar“), orientalische Hitparaden im MTV-Stil

scheinen täglich, sowie sieben Nachrichtenagenturen, darunter die landesweit meist

und eine Reihe von Bollywood-Serien werden nicht nur als bloße Unterhaltung, sondern

genutzte, unabhängige Nachrichtenagentur „Pajwok“.

als Ausdruck einer neuen Freiheit und Weltläufigkeit empfunden. Private Medien treten selbstbewusst auf, haben sich als Machtfaktor etabliert. ­Tolo-Chef Saad Mohseni etwa


partner

weltzeit 01_2010

frauen, ein Polizist, ein Arzt. Nur wenige haben Erfahrungen als Sprecher, die meisten stehen zum ersten Mal vor einem Mikrofon. Nur Ziauddin Saei, professioneller Schauspieler des ehemaligen afghanischen Nationaltheaters, ist unter den Bewerbern ein „alter Hase“. Bei den anderen werden anf ängliche Hemmungen schon nach den ersten Proben überwunden. Junge Frauen, die zum ersten Mal vor fremden Männern ihre Rolle sprechen müssen, gewinnen mehr und mehr Selbstbewusstsein. Der Arbeitsrhythmus ist intensiv: Bis zu zehn Stunden täglich sprechen und spielen die Akteure – mal einen Drogenabhängigen, mal einen Kranken, einen Heiler oder eine alte Frau, die mit traditionellen Hausmitteln heilt. Sie wiederholen die Sätze, bis die Betonung stimmt, und warten auf ihren nächsten Einsatz in einer neuen, völlig anderen Rolle. In den Pausen gibt es frischen grünen oder schwarzen Tee.

Spiegelbilder des Alltags In der Gruppe sind die traditionellen Geschlechterrollen verteilt: Bereits zu Beginn war klar, dass die Frauen für das Essen zu sorgen haben. Sie scheuen keine Mühe und servieren täglich Reisgerichte mit Beilagen. „Ist es nicht eine viel größere Schande, wenn du deine kranke Frau zu einem Arzt bringst?“, wird Abdul Ahad, der Polizist, in der Serie „Mädchen- und Frauenförderung“ gefragt, weil er seine Tochter nicht zur Schule lassen will. Wie sehr dieses Thema mit dem realen Alltag der Akteurinnen zu tun hat, kommt erst nach und nach zum Vorschein. Und die Hörspiele behandeln bei weitem nicht das ganze Ausmaß der Probleme afghanischer Frauen und Mädchen, den Druck und die Qualen, die sie tagtäglich ertragen müssen. Bei einer Aufwärmübung bricht eine Akteurin plötzlich in Tränen aus. Die Anweisung,

— 17

lauter zu sprechen und selbstbewusst vor dem Mikrofon zu stehen, erschreckt sie derart, dass sie kaum zu beruhigen ist. Schließlich erfahren wir, dass ihre Mutter nach der Geburt ihrer jüngeren Schwester gestorben ist und sie von ihrer Stiefmutter regelmäßig brutal verprügelt und misshandelt wird. Ein anderes Mädchen erscheint eines Morgens mit einer Platzwunde an der Schläfe und zahllosen Blutergüssen an den Armen. Weil sie die ihr zugewiesenen Aufgaben im Haushalt nicht erledigt haben soll, wurde sie von ihren Vettern geschlagen. Direkte Hilfe lehnt sie ab, die würde alles nur schlimmer machen, sagt sie. Mit dem Schutz durch Behörden oder andere soziale Einrichtungen kann sie ohnehin nicht rechnen. Sollte sich ihre Situation nicht irgendwann bessern, sieht sie den Freitod als einzigen Ausweg.

Radio vorherrschendes Medium So wird deutlich, wie viele Themen in diesem Projekt noch behandelt werden müssen. Die erste Staffel soll die Hörer für die Probleme sensibilisieren. Jede der ersten fünf Serien, die hier produziert werden, ist ein in sich ­abgeschlossenes

02 

Dialoge zu lebensnahen The-

men: Mohammad Akbar Azimy und Monira Sadat im Studio beim Partner Ariana in Kabul

02

Das Mediengesetz hat mit der „Mobi Capital Group“ ein Medienimperium aufgebaut, zu dem Tolo und Radio

ist ein neuralgischer Punkt: Im Spätsommer 2006 ersetzte Karsai den liberalen Infor-

Arman gehören, ebenso eine Produktionsfirma. Und die paschtunische Bevölkerung er-

mationsminister Said Makhtoom Raheen durch den islamistischen Abdelkarim ­Khorram.

reicht er mit dem Sender Lemar. Ähnliches gilt für Ariana TV, hinter dem die mächtige

Dadurch kam es zu politischen Auseinandersetzungen zwischen dem Parlament auf

Mobilfunkfirma „Afghan Wireless“ und die einflussreiche Bayat-Foundation stehen.

der einen, Minister und Präsident auf der anderen Seite um ein neues, restriktiveres Medien­gesetz. Khorram wollte die Pressefreiheit wieder beschneiden, die unter ­Raheen angestrebte Unabhängigkeit von RTA aufheben. Das Parlament entschärfte den Entwurf – das Mediengesetz ist jedoch bis heute nicht in Kraft getreten. Seit wenigen Wochen ist nun der alte Informationsminister wieder der neue: Raheen wurde als Minister vom Parlament bestätigt.


18—

partner

Learning by Ear ist eine Initiative der Deutschen Welle mit Unterstützung des Auswärtigen Amts. Das Bildungsprogramm wurde 2008 zunächst für Afrika gestartet. Dort sind Radionovelas, Serien in Hörspielformat, sehr populär. Die Sendungen stoßen vor allem bei jungen Hörerinnen und Hörern auf großes Interesse. „Learning by Ear“ wird gemeinsam mit Partnern vor Ort produziert und ausgestrahlt. Als interaktives Jugendund Themenradio vermittelt die Reihe unterhaltsam und informativ Bildungsinhalte – etwa aus den Bereichen Menschenrechte, Gesundheit und Umwelt. In der Krisenregion Afghanistan geht es vor allem um Mädchenförderung und Frauen im Beruf sowie die Drogenproblematik im Land. Im Bild: Sumaya Popal (l.) und Mursal Amin.

Hörspiel, in dem sich Jugendliche mit politischer Bildung, Mädchen- und Frauenförderung, Drogen, Gesundheit, Verständigung, Toleranz und weiteren Themen auseinandersetzen. „Learning by Ear“ richtet sich in erster Linie an junge Menschen, die den Großteil der afghanischen Gesellschaft ausmachen. Das Projekt soll die vielf ältigen Maßnahmen des internationalen Auf bauprozesses in Afghanistan unterstützen und zur Akzeptanz eines modernen, demokratischen Gesellschaftsmodells beitragen. Rund 70 Prozent der Afghanen k��nnen weder lesen noch schreiben. Besonders hoch ist die Analphabetenquote unter Frauen und Mädchen. Deshalb ist das Radio in Afghanistan vorherrschendes Medium. Die Hörspiele werden ein

wichtiger Bestandteil für die Weiterbildung der Gesellschaft. Für Akteur Naweed Ahmad bietet das Projekt „Learning by Ear“ eine willkommene Gelegenheit, angesprochene Themen mit Freunden oder innerhalb der Familie zu besprechen: „Gestern habe ich meiner Mutter eine Stelle im Manuskript gezeigt und ihr gesagt, dass es nicht gut ist, wenn man blutsverwandt ist und innerhalb der Familie heiratet. Ich wusste das früher nicht. Außerdem weiß ich jetzt: Zuerst werde ich meine Ausbildung zu Ende machen und dann erst ans Heiraten denken. Ich habe schon viel gelernt.“ Wie unbedeutend erscheint dagegen das allmorgendliche Ritual der Verspätungen. ——

www.dw-world.de/learningbyear

Die DW-AKADEMIE beteiligt sich seit 2002 mit Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusam-

ger von Ariana, Tolo und weiteren privaten Fernsehsendern sowie von RTA besuchten

menarbeit und Entwicklung (BMZ) und des Auswärtigen Amts und mit Hilfe der EU-Kom-

ein Management-Seminar in Berlin und Bonn. 2009 hat die DW afghanische Radio- und

mission am Aufbau freiheitlicher Medienorganisationen in Afghanistan. Ein langfris­

TV-Journalisten in Wahlberichterstattung trainiert.

tiges Ziel: der Umbau des staatlichen Senders Radio Television Afghanistan (RTA) in eine öffentlich-rechtliche Anstalt. In einem Großprojekt von Juni 2005 bis Ende 2006

Die Radioprogramme

unterstützte die DW den Aufbau einer internationalen TV-Nachrichtenredaktion. DW-TV

der DW in den Landessprachen Dari und Paschtu sind seit 40 Jahren in Afghanistan über

produzierte zunächst Weltnachrichten für RTA in Dari und Paschtu in Berlin, im August

Kurzwelle zu empfangen, heute auch über einen eigenen UKW-Sender in Kabul, via Sa-

2006 übernahm RTA dies in Eigenregie. Im Sommer 2007 konzentrierte sich die DW auf

tellit und als Teil des ausgeweiteten Internetauftritts. Seit 2007 produziert DW-RADIO

Medientrainings im Norden des Landes, schulte Techniker von RTA und Privatstationen,

täglich ein 30-minütiges Hörfunkmagazin mit Berichten, Reportagen und Interviews

mit denen die DW ­verstärkt zusammenarbeitet. 2008 wurden junge Redakteurinnen

zum zivilen Aufbau Afghanistans.

und Redakteure sowie ­Inlandskorrespondenten von Ariana TV geschult. Medienmana-

Florian Weigand


rückblende partner — 19

weltzeit 01_2010

„Wir haben viele Freunde in Afghanistan“ Kabul/Bonn – Trainer der Akademie der Deutschen Welle sind seit Jahren regelmäßig in Afghanistan im Einsatz. Sie unterstützen den staatlichen Afghanischen Rundfunk (RTA) ebenso wie private Partnersender. Michael Tecklenburg war im Dezember im Rahmen der Medienförderung der DW nach drei Jahren erstmals wieder in Kabul. Dort hatte der Projektmanager mit seinem Team für die DW-AKADEMIE über ein Jahr lang eine ­internationale Nachrichtenredaktion aufgebaut. Kathrin Reinhardt sprach mit ihm.

?

Herr Tecklenburg, wie haben Sie Kabul erlebt? Die Stadt ist fast nicht mehr wiederzuerkennen, sie ist eine einzige Festung geworden: meterhohe Betonmauern, Stacheldraht, Panzer, unendlich viele Soldaten und Polizei. Was uns auch aufgefallen ist: Es sind kaum noch Frauen unterwegs, die Angst innerhalb der Bevölkerung ist größer geworden. Auch wir konnten uns – im Gegensatz zu 2005/2006 – aufgrund der prekären Sicherheitslage nicht frei bewegen. Die Situation insgesamt stellt sich bedrohlicher dar.

?

Wie ist die Lage in der internationalen Nachrichten­ redaktion von RTA, die Sie mit aufgebaut haben? Das Redakteursteam, das wir ausgebildet hatten, ist leider erheblich geschrumpft. Von 14 Redakteuren sind mittlerweile zwölf abgeworben worden – hauptsächlich von anderen Sendern in Afghanistan. Das ist bedauerlich. Aber das ist kein verlorenes Wissen, wir haben etwas für das Land getan. Die fünf Techniker und viele der Sprecher, die wir auch ausgebildet haben, sind noch dabei. Und die Räumlichkeiten und die Ausstattung, die wir geschaffen haben, sind noch intakt. Das technische Equipment lässt allerdings zu wünschen übrig.

?

Wie steht es um die Qualität der Nachrichten? Die Qualität ist zurückgegangen, weil weniger Personal vorhanden ist. Bis Ende 2007 wurden zweimal täglich zehn Minuten jeweils in den Landessprachen Dari und Paschtu gesendet – Weltnachrichten auf qualitativ hohem Niveau aus afghanischer Perspektive. Mittlerweile gibt es drei Sendungen am Tag, abwechselnd eine Nachricht in Dari und eine Nachricht in Paschtu. Das ist natürlich bedauerlich, da die Hälfte der Zuschauer die jeweilige Nachricht nicht versteht. Wenn man nur noch zu zweit

oder dritt in der Redaktion ist, achtet auch kein Mensch mehr auf Text-Bild-Scheren. Es gibt auch keine festgelegte Dauer der internationalen Nachrichten mehr, sondern sie werden einfach an die nationalen Nachrichten angehängt. Der Wille im afghanischen Informationsministerium war nicht stark genug, die Sendung so zu erhalten, wie sie einmal war. Andererseits bin ich froh, dass es die Sendung überhaupt noch gibt.

?

Wie sehen die afghanischen Kollegen die Situation? Sie sind alles andere als zufrieden und empfinden auch Scham, dass man nicht aufrechterhalten konnte, was wir als Deutsche und Afghanen gemeinsam aufgebaut haben, dass die Sendung nicht mehr so aussieht, wie sie damals aussah. Wir haben nun gemeinsam insbesondere an der Textqualität der Nachrichten gearbeitet und konnten den afghanischen Kollegen wieder einige Dinge in Erinnerung rufen. Für die Kollegen bei RTA war unser Besuch auch ein Zeichen – sie haben große Hoffnung, jetzt wieder an das anzuknüpfen, was wir 2006 hinterlassen haben.

?

Es ist also noch etwas zu retten? Wenn der geplante Umbau zu einem öffentlich-rechtlichen Sender vorankommen könnte, zu einem Sender mit ein wenig mehr Staatsferne, der schlanker funktioniert, dann könnte man sehr wohl etwas machen. Die Journalisten, die wir ausgebildet haben und die sich mittlerweile anderweitig orientiert haben oder orientieren mussten, habe ich gefragt: Wollt ihr wieder bei RTA arbeiten, wenn es zu einem Umbau käme? Die Antwort: „Wenn die DW dabei ist, sofort. Und weil RTA unser nationaler Sender ist.“ Das ist eine ungemein wichtige Aussage, die die Verbundenheit zu ihrem Heimatsender und zu uns, der DW, deutlich macht. Das war auch ein Kompliment für unsere Arbeit. ›


20—

partner

Nicht aus Liebe

01

Khaled Hosseini ist nach seinem Bestseller „Drachenläufer“ ein ­weiterer sehr ergreifender Roman gelungen. In „Tausend ­strahlende Sonnen“ erzählt er die Geschichte zweier Frauen in Afghanistan. ­Kathrin Reinhardt hat das Buch

B u c h t i p p

­g elesen, das kürzlich als Taschenbuch erschienen ist.

Alles beginnt 1959, als Mariam als uneheliche Tochter eines Kino­ besitzers und einer Steinmetztochter nahe Herat auf die Welt kommt. Nach dem Selbstmord der Mutter wird Mariam als 15-Jährige von ihrem Vater verheiratet, an den 30 Jahre älteren Raschid. Fortan ist sie gefangen in einer Ehe ohne Liebe und Wärme. Zu Laila, die ihr Ehemann eines Tages zur Zweitfrau nimmt und die nun unter demselben Dach lebt, entwickelt sich nach anfänglicher Ablehnung im Lauf der Zeit eine enge Freundschaft und Verbunden­ heit. Auch Laila hat sich diese Ehe nicht ausgesucht – nachdem ihre Familie bei einem Bombenangriff getötet wurde und auch ihr Freund Tarik angeblich nicht mehr am Leben ist, muss sie irgendwie überle­ ben. Gemeinsam ertragen die beiden Frauen die Demütigungen und Angriffe ihres brutalen Ehemanns und schaffen es, sich gegenseitig Halt zu geben. Hosseini lebt seit 1980 in den USA. In seinem Roman verknüpft er die Schicksale zweier Frauen mit der bewegten Geschich­ te seines Heimatlandes Afghanistan. Der Krieg gegen die Sowjets, die Herrschaft der Taliban, die Flucht vieler Afghanen, die Folgen des 11. September – all das lässt er einfließen, im Vordergrund steht jedoch das Leben der Protagonistinnen. Deren Gefühle und Gedanken beschreibt der Autor im De­ tail und schafft zwei glaubwürdige Figuren, die sich mit großem Mut der Realität stellen. So kann er dem Leser den Alltag der Frauen in Afghanistan näher bringen. „Tausend strahlende Sonnen“ steht auch für Optimismus, für Lichtblicke, für menschliche Wärme, die bei all der Zerstörung und Not immer wie­ der durchscheinen. Hosseini gelingt es, beim Leser verschiedene Emo­ tionen hervorzurufen – von Erschrecken und Mitleid über Hoffnung und Resignation bis hin zu Freude und Ergriffenheit.

?

Schöpfen Sie Hoffnung, dass der Umbau von RTA durch den neuen Informationsminister wieder in Gang gesetzt werden kann? Der neue Informationsminister Raheen war ja bereits vor einigen Jahren im Amt und hat seinerzeit unser Projekt unterstützt. Ich kenne ihn aus mehreren Gesprächen. Er gilt als liberal. Es wird unserem Projekt im Rahmen der Medienentwicklung und der journalistischen Arbeit nach halbwegs demokratischen Grundsätzen sicherlich zum Vorteil gereichen, dass er jetzt wieder dieses Ministeramt bekleidet. Die EU wird möglicherweise den Umbau von RTA von einem staatlichen in einen öffentlich-rechtlichen Sender fördern, eine Voraussetzung ist allerdings ein adäquates afghanisches Mediengesetz. Das Gesetz gibt es zwar inzwischen, bis heute wurde es aber nicht umgesetzt. In jedem Fall wissen wir, dass das BMZ und das Auswärtige Amt unsere Medienentwicklungsarbeit in Afghanistan weiter unterstützen wollen.

?

Trotz aller Schwierigkeiten also insgesamt eine positive Zwischenbilanz? Ja. Wir haben die afghanischen Kollegen in die Lage versetzt, erstmals in ihrer Fernsehgeschichte eine internationale Nachrichtensendung zu machen – eigenständig und mit eigenem Blick auf die Ereignisse der Welt. Was davon geblieben ist, müssen wir reaktivieren und wieder ausbauen. Wir haben durch unsere kontinuierliche Arbeit viele Unterstützer und Freunde in Afghanistan. —— www.dw-akademie.de

02

Tausend strahlende Sonnen – Khaled ­Hosseini – Berliner Taschenbuch Verlag, 2009 – ISBN 978-3-8333-0589-4 – 10,90 Euro

01-02 

Mit eigenem Blick

auf die Ereignisse der Welt: Nachrichtenredaktion bei RTA in Kabul


weltzeit 01_2010

„Ein Zeichen der Schwäche“ Bonn – Werner Hoyer, Staatsminister im Auswärtigen Amt, besuchte kürzlich die Farsi-Redaktion der Deutschen Welle. Im Gespräch mit Leiter Jamsheed Faroughi informierte sich Hoyer über Einschätzungen zur aktuellen Lage im Iran. Im DW-Studio sagte der FDP-Politiker anschließend, die Verschärfung des Tons durch die iranische Führung sei „ein Zeichen der Schwäche und nicht der Stärke und Souveränität“. Die jüngsten Behinderungen der Satellitenausstrahlung von Programmen der DW in den Iran nannte Hoyer „eine katastrophale Einschränkung der Informationsfreiheit der Bürgerinnen und Bürger des Iran“. Aus Sicht der Machthaber in Teheran sei dies „ausgesprochen kurzsichtig“.

Wirtschaftsmagazin für Syriens TV Damaskus/Berlin – Die DW-AKADEMIE hat gemeinsam mit dem staatlichen Rundfunksender ­Syriens (SRTV) ein Konzept für ein TV-Wirtschaftsmagazin entwickelt. Damit verbunden war auch der Auf bau neuer Redaktionsstrukturen und die Schulung von SRTV-Mitarbeitern durch Trainer der DW. Seit Dezember ist die halbstündige Sendung „Mal wa Amal“ („Geld und Hoffnung“) alle zwei Wochen zu sehen. Das verbrauchernahe Magazin vermittelt komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge und deren Auswirkungen auf das tägliche Leben in Syrien. Hintergrund ist der Wandel von der Staatswirtschaft zur sozialen Marktwirtschaft.

Bildungsinitiative PASCH multimedial Bonn – In Radio und Internet begleitet die Deutsche Welle die Bildungsinitiative „Schulen: Partner der Zukunft“ (PASCH), 2008 vom Auswärtigen Amt ins Leben gerufen. Mit Hilfe von PASCH soll ein weltweites Netz von Partnerschulen entstehen, die die deutsche Sprache fördern und Bildungsimpulse vor Ort geben. In Reportagen – aus Kasachstan, Bosnien, der Ukraine, Russland und Kroatien – und mit multimedialer Begleitung macht die DW deutlich, welche herausragende Rolle Sprachkenntnisse und Bildung gerade dort spielen, wo Gesellschaften im Umbruch sind. Umgesetzt wurde das Projekt in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut. www.dw-world.de/pasch, www.pasch-net.de

Wagner und Beethoven in Moskau und Wolgograd Moskau/Bonn – Zu Weihnachten wurde in Russland erstmals eine Gesamtaufnahme von den Bayreuther Festspielen ausgestrahlt. Der landesweite Klassiksender Radio Orpheus übernahm die Produktion der Deutschen Welle. Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“, aufgenommen bei den Bayreuther Festspielen 2009, waren so über UKW in Moskau, St. Petersburg und einem Dutzend anderer russischer Großstädte, darunter Jekaterinburg und Wolgograd, und als Livestream im Internet zu hören. Mit dem Zyklus der neun Beethoven-Sinfonien in der Interpretation der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter der Leitung von Paavo Järvi wird die Zusammenarbeit mit Radio Orpheus 2010 fortgesetzt.

Journalisten und Militärs im Erfahrungsaustausch Bonn – Die Macht der Information in Krisengebieten, das war eines der Gesprächsthemen beim jüngsten Treffen von Vertretern der Bundeswehr und der DW. Zum achten Mal tauschten sich Journalisten des deutschen Auslandssenders und Führungskräfte der Bundeswehr im Funkhaus aus. Mit Programmdirektor Christian Gramsch (r.), zuständig für Hörfunk und Internet, diskutierte man auch über den Einsatz neuer Medien. Unter den Teilnehmern war der neue Kommandeur des Zentrums Operative Information in Mayen, Oberst Richter. Medienmacher der Bundeswehr absolvieren auch Fortbildungsmaßnahmen der DW-AKADEMIE.

spot

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partner

01

01 

Jugend-Talk im

Radio soll die Mauer überwinden: Grenzabschnitt in Nikosia

Reif für die Einheit Nikosia – Radio Mayis, Partnersender der Deutschen Welle mit Sitz im türkischen Teil ­Zyperns, wirbt bei den türkischen und griechischen Bewohnern der Insel für gegenseitiges Verständnis und für die Einheit. Kathrin Reinhardt stellt ihn vor.

Partner der Deutschen Welle auf der griechischen Seite Zyperns sind beispielsweise der öffentlich-rechtliche Rundfunk „RIK“ in Nikosia, „Kanali 6“ in Limassol und „Radio Paphos“ in Paphos. Diese Sender übernehmen das Griechische Programm der DW. Zudem druckt die Zeitung ­POLITIS (zu Deutsch: Bürger) regelmäßig Kommentare der DW zu einem Thema aus der internationalen Politik ab.

„Radio Mayis“, zu Deutsch: „Radio Mai“ – ein ungewöhnlicher Name für einen Radiosender. Ungewöhnlich jedoch nicht mehr, wenn man die Hintergründe der Entstehung kennt. „Mai 2004 war damals unser Ziel“, sagt Hasan ­K ahvecioglu, Journalist und Gründer des Senders. Dann sollte Zypern Mitglied der Europäischen Union werden. Kahvecioglu war Teil der Bewegung der türkischen Zyprer, die sich für eine Einigung und einen EU-Beitritt eines geeinten Landes einsetzten. „Wir wollten dazu beitragen, die Insel zu vereinigen“, erinnert er sich. Dieses Ziel hat Radio Mayis auch heute noch. „Wir wollen den Menschen nahebringen, was die Europäische Union ist und warum wir in dieser als vereintes und nicht geteiltes Land Mitglied werden sollten“, so Kahvecioglu. So weit kam es bisher nicht – in einem Referendum im April 2004 lehnte die Mehrheit der griechischen Zyprer die Wiedervereinigung ab. Der griechische Teil der Insel wurde kurz darauf EU-Mitglied (siehe Kasten S. 23). „Wir haben die Chance damals verpasst“, sagt Kahvecioglu. Radio Mayis macht weiter. Mit 01 seinem Programm versucht es, die Aussöhnung

voranzutreiben, Spannungen vorzubeugen und gegen „nationalistische Elemente“ (Kahvecioglu) anzugehen.

„Stimme der Zivilgesellschaft“ Eine Live-Sendung auf Türkisch und Griechisch lockt jeden Samstagvormittag zahlreiche Hörerinnen und Hörer im türkischen und im griechischen Sektor vors Radio. In „Adamizin Sesi“ („Talk of the Island“) kommen alle interessierten Zyprer und Gäste aus anderen Ländern zu Wort: „Wir stellen die Kultur der einen Seite wie die der anderen vor“, beschreibt Kahvecioglu, der die Sendung fünf Jahre lang gemeinsam mit einem Kollegen moderiert hat, das Konzept. Seit Jahresanfang präsentieren zwei junge Leute die Sendung, die jetzt „Talk of the island youth“ heißt. „Stimme der Zivilgesellschaft“ wollen sie sein. Die Themen reichen von Fragen zur Gesundheit bis hin zu religiösen Bräuchen. „Wenn wir uns vereinigen wollen, müssen wir mehr über die andere Seite wissen“, ist er überzeugt. Dies gelte vor allem für die jungen Zyprer. Sie kennen nur das geteilte Land. Die ältere ­Generation hingegen, der auch Hasan


partner

weltzeit 01_2010

Die faktische Teilung Zyperns

seit dem EU-Beitritt Zyperns scheitern alle

wurde im Juli 1974 mit der militärischen In-

­Lösungsversuche an den Maximalpositionen bei-

tervention der Türkei vollzogen. Sie hatte sich

der Seiten. In getrennten Volksabstimmungen

dabei auf ihren Status als Garantiemacht für

hatten die Inselgriechen den entsprechenden

die Unabhängigkeit der Republik Zypern auf

Plan des damaligen UN-Generalsekretärs Kofi

der Basis des Londoner Vertrags von 1959 be-

Annan abgelehnt und die Inseltürken diesem

rufen. Zuvor hatten griechische Nationalisten

zugestimmt. Der griechische Teil ist dennoch

einen Putschversuch mit dem Ziel gestartet, die

stellvertretend für ganz Zypern ­EU-Mitglied

Mittelmeer­insel an das damals von einer Militär-

­geworden, wodurch die Türkei in die ­Position

junta ­beherrschte Griechenland anzuschließen,

gezwungen wurde, Teil eines EU-Landes be-

das ursprünglich auch eine „Garantiemacht“ wie

setzt zu halten. Eine Alternative wie etwa die

Großbritannien war.

Zurückstellung des EU-Beitritts Zyperns bis

Der von rund 30.000 Soldaten aus dem tür-

zur gänzlichen Konfliktlösung scheiterte an der

kischen „Mutterland“ beherrschte Nordteil

­Veto-Drohung Griechenlands gegen die Ost­

der Insel ist international nur von der Türkei

erweiterung der EU.

als selbständiger Staat anerkannt – unter dem Namen „Türkische Republik Nordzypern“. Auch

Bahaeddin Güngör

Nordzypern Kyrenia

LEFKOSIA

Famagusta

NIKOSIA

Zypern Paphos

Larnaca Limassol

­ ahvecioglu anK gehört, hat die Zeit vor 1974, als es noch keinen türkischen und griechischen Sektor gab, erlebt. „Wir müssen die Jugendlichen für die Einigung begeistern“, so der Journalist. Dafür sei es wichtig, die Geschichte Zyperns richtig darzustellen. Radio Mayis korrigiere „inkorrekte Informationen“, die von anderen Medien in beiden Teilen Zyperns verbreitet würden, so Kahvecioglu.

„Eine gemeinsame Sprache“ Eine wichtige Rolle spielt dabei das Vokabular. Der Sender verwendet eine „gemeinsame Terminologie“ und vermeidet Begriffe wie „Besetzung“ (in griechischen Medien verwendet) oder „Friedensoperation“, wie die Türken die Ereignisse von 1974 bezeichnen. Es gehe darum, die jeweils andere Seite nicht zu verletzen. Mit seinem Programm wendet sich Radio Mayis nicht nur an Jugendliche, sondern an alle in der zypr­ischen Gesellschaft. Nicht nur im nördlichen, türkischen Teil der Insel, auch

— 23

in einigen südlichen, griechischen Gebieten, ist der Sender über Partner zu empfangen. Mit der Deutschen Welle arbeitet Radio Mayis seit drei Jahren zusammen. Er übernimmt Nachrichtenmagazine aus dem Türkischen Programm der DW. Live-Gespräche mit DWRedakteuren gehören ebenfalls zur Kooperation. „Radio Mayis ist ein sehr europaorientierter Sender. Sein Programmkonzept und die Senderphilosophie der Deutschen Welle passen sehr gut zusammen“, sagt Bahaeddin Güngör, Leiter der Türkischen Redaktion der DW, über die ­Zusammenarbeit. Kahvecioglu sieht fünf Jahre nach der Gründung seines Senders Fortschritte beim Dialog zwischen türkischen und griechischen Zyprern. „Wir haben heute ein besseres politisches Klima“, ist er überzeugt. So wirbt er weiter für Verständigung und die Einigung Zyperns. Sein Ziel als Medienmacher: eines Tages ein durchgehend zweisprachiges Programm zu senden. —— www.talkoftheisland.com


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profil

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„Die Wahrheit über Deutschland“ Berlin – Sie läuft Woche für Woche im DW-TV-Magazin „euromaxx – Leben und Kultur in Europa“. Und sie läuft sehr gut: die Reihe „Die Wahrheit über Deutschland“. Auch im Unterricht wird sie genutzt, wie Kathrin Lemke berichtet.

DEUTSCHLANDBILD

Das Institut: die „Rotterdam Business School“. Das Unterrichtsfach: Deutsch. Das Thema: „Sprachliche Idiome zum Thema Umwelt“. Das Lehrmittel: eine Folge von „Die Wahrheit über Deutschland“. Dozentin Hetty Burgers ist begeistert von den eigenwilligen Einblicken in die deutsche Mentalität, die euromaxx-Reporter Michael Wigge vermittelt: „kurz, informativ und zugleich lustig“, so ihr Urteil zu den Clips, die sie „für sämtliche Sprachniveaus“ nutzt.

Friedenstauben und Rabenmütter

Über 60 Ausgaben wurden bisher produziert und ausgestrahlt. Bei Wigge geht es um Pünktlichkeit, Ordnungsliebe und Fleiß, um Fußball, Leidenschaft, Romantik, Geld und Humor. Videojournalist Wigge reist allein durchs Land und erforscht die Deutschen und ihre Befindlichkeit. Rolf Rische, für den Bereich Gesellschaft und Unterhaltung bei DW-TV verantwortlich und Schöpfer des Formats, möchte mit der Reihe zeigen, „dass wir Deutschen auch über uns selbst lachen können“. Und das kommt an: Im November war „Die Wahrheit über Deutschland“ als Dauer-

Bonn – Erstaunt, auch erschrocken, zugleich beeindruckt. So umschreibt Elisabeth Cadot Eindrücke, als sie sich in den Achtzigern ein eigenes Deutschlandbild macht. Von Paris kam die Journalistin an den Rhein und dort zur Deutschen Welle.

schleife beim 50-jährigen Bestehen des Goethe-Instituts Pune in Indien präsent. Mit der Ausstellung „Deutschland für Anfänger“, einem Gemeinschaftsprojekt von Goethe-Institut, Bundeszentrale für politische Bildung und Auswärtigem Amt, wandern die DW-Clips zunächst durch deutsche Städte und sind in Kürze unter anderem in Süd- und Südostasien zu sehen. Corinna Simon, Sales-Managerin beim Spiegel-Verlag in Hamburg, zeigt Beiträge aus der DW-Reihe auf internationalen Konferenzen, um so „ausländischen Kollegen unsere deutsche Mentalität etwas näherzubringen“. Und die Klicks auf die mehrfach preisgekrönten Clips mit der „Wahrheit über Deutschland“ steigen weiter an… www.youtube.com/deutschewelle www.dw-world.de/euromaxx

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Hunderttausende friedliche Demonstranten auf dem Hofgarten in Bonn, Polizisten mit Blumen am Revers: So hatte ich mir Deutschland wirklich nicht vorgestellt, als ich Anfang der Achtzigerjahre Paris verließ. Die große Umwelt- und Friedensbewegung war soeben aufgekommen. Die düstere Zeit der RAF, die das Bild Deutschlands im Ausland, insbesondere in Frankreich, geprägt hatte, schien zu Ende zu gehen. Kaum angekommen jedenfalls, mit einem Jura-Diplom in der Tasche und ersten Erfahrungen als Journalistin, entdeckte ich durch meine Arbeit als Reporterin ein neues Gesicht Deutschlands: Deutsche, die – entgegen allen Klischees – gewaltlos marschierten. Junge Demonstranten und Veteranen des Zweiten Weltkriegs, die gegen militärische Aufrüstung protestierten. Ich staunte und viele andere in Europa und außerhalb des Kontinents staunten auch. Viele Emotionen (Angst vor den Pershing-II-Raketen, vor der Atomkraft), diffuse Ziele, auch Experimentierfreude und nicht zuletzt Kritik am vorherrschenden Wirtschafts(wachstums)system prägten diese Bewegung. Ein schwer durchschaubarer Cocktail für ausländische Journalisten und Korrespondenten. Ich hatte jedenfalls allerhand zu tun.

Waldsterben

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Schräg, verschmitzt, pointiert:

DW-Reporter Michael Wigge

Umso mehr als der „Tod des deutschen Waldes“ ankündigt wurde – Spiegel-Titel im November 1981. Eine wahre Hysterie verbreitete sich über das Land. Eine Untergangsstimmung. Franzosen mokierten sich über „die deutsche Seele, verloren in den Tannen“. Auf dem schwarzen Kontinent hingegen, Zielgebiet der Französisch-Redaktion der Deutschen Welle, meines Tätigkeitsfeldes, war das Echo groß. Die Sorgen der Deutschen korrespondierten mit den Sorgen vieler Afrikaner, dort bangte man um den Verlust der imposanten Natur.


Der deutsche Wald hat offensichtlich überlebt – übrigens auch das Wort „Waldsterben“ als ins Französische eingewanderte Vokabel. Über den sauren Regen spricht heute fast keiner mehr. Aber, und das ist typisch deutsch für mich: Nach den starken Emotionen hat der Pragmatismus triumphiert. Deutschland hat umweltfreundliche Waschmaschinen, Kühlschränke und Autos auf den Markt gebracht, Solarmodule und Windräder entwickelt, kurz: Produkte „made in Germany“, die sich vortrefflich exportieren lassen. Gute Geschäfte mit sauberem Gewissen…

Schlüsselkinder Gesellschaftspolitisch – familienpolitisch vor allem – war dieser Pragmatismus indes lange Zeit Fehlanzeige. Was mich anfangs besonders irritierte, waren die vielen Steine, die man Müttern offenbar in den Weg legte, um sie von der Arbeit fernzuhalten: keine Schule nachmittags, kein Mittagessen in der Schule... Welche Frau kann unter diesen Umständen einen Beruf ausüben! Ich musste Vokabeln lernen, die mir kein Lehrer beigebracht hatte: zum Beispiel die „Rabenmutter“. Ich kannte den Raben aus den Fabeln von Lafontaine – er hält einen leckeren

Käse im Schnabel vor der Nase des Fuchses. Aber was war eine Rabenmutter? Schlimmer noch wurde es mit den „Schlüsselkindern“. Ein Zwitterwesen aus einer anderen Galaxie vielleicht? Aber nein, es hatte etwas mit dem praktischen Sinn der Deutschen zu tun: Die Schlüssel hängen um den Hals. Das Kurioseste an der Sache war, dass die Frauen selbst zum Teil einen ideologisch anmutenden Kampf führten um einen diffusen und schweren Begriff: „die gute Mutter“. Ich war sehr überrascht. Die gute Mutter, hieß es, lasse ihr Kind nicht von Fremden erziehen! Inzwischen ist die „Super-Woman“ auch in Deutschland angekommen, à la Ursula von der Leyen, Ministerin mit sieben Kindern. Und aktuellen Zahlen zufolge melden in diesem Jahr sogar 66 Prozent der Eltern Bedarf an einen Kita-Platz an. Unsere beiden Länder sind zwar Nachbarn und leben unter dem gleichen großen Dach der europäischen Familie. Deutschland und Frank­ reich gehen aber nicht unbedingt dieselben Wege – auch nicht immer im selben Tempo. Der Dialog ist deshalb manchmal schwierig. Das gilt umso mehr für ein Europa der 27! ——

Elisabeth Cadot wurde 1951 in Basel geboren. An der Universität Paris X hat sie Jura studiert und mit einer Maîtrise in Öffentlichem Recht (Internationales und Europäisches Recht) abgeschlossen. Die Co-Autorin juristischer Ratgeber über Lebensgemeinschaften und Scheidung ist Mutter einer Tochter. Ihre Karriere als Journalistin begann sie in Paris. Anschließend war sie Korrespondentin französischer Zeitungen in Deutschland (unter anderem für Libération und L’événement

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du Jeudi). Seit 1985 ist sie RedakLe „Waldsterben“: die Vokabel

teurin bei der Deutschen Welle, viele

blieb im Französischen, das Umwelt­

Jahre in der Französisch-Redaktion

bewusstsein im Deutschen

für Afrika, aktuell in der Zentralen

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Programm-Redaktion. Hier hat ElisaGesellschaftspolitisch im

beth Cadot insbesondere zahlreiche

Hintertreffen: Mittagessen in der Kita,

Europa-Projekte der Deutschen Welle

in Deutschland noch immer nicht die

mit konzipiert und betreut.

Regel


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vor ort

Über allen Gipfeln ist Ruß Charleston – Im US-Bundesstaat West Virginia ist ein DW-Team auf der Suche nach Bildern vom Mountaintop mining, zu Deutsch: Gipfelbergbau. Eine Reportage für das DW-TV-Magazin „Global 3000“. Amerika und seine Klimapolitik, das ist der Rahmen. Miodrag Soric, Studioleiter Washington, berichtet.

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„Baumknutscher“ unerwünscht:

Bergarbeiter in West-Virginia beschimpfen Umweltschützer, die den Gipfelbergbau abschaffen wollen

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Das ganze Ausmaß: Ein Umwelt-

schützer führt uns an eine Stelle, von der aus wir das Mountaintop mining filmen können

„Hoffentlich kommt niemand.“ Der Mietwagen, in dem ich sitze, steht einsam unterhalb einer Bergkuppe am Ende eines Schotterweges irgendwo in West Virginia. Ich „stehe Schmiere“. Mein Beifahrer, DWProducer Lars Scholtyssyk, hat sich trotz des Schneeregens mit der Kamera auf den Weg zur Bergspitze gemacht. Wir brauchen Aufnahmen vom sogenannten Mountaintop mining, dem Gipfelbergbau. Dabei werden Gebirgsmassive so lange weggesprengt, bis die Kohle im Tagebau abgetragen werden kann. Auf diese Art seien bislang etwa 450 Berge zerstört worden, so amerikanische Umweltschützer. Hat der Berg seine Schätze hergegeben, schie01 ben riesige Bagger den übrig gebliebenen Schutt, Reste von Bäumen und Felsen zusammen. So entsteht ein neuer Hügel, der allerdings wenig gemein hat mit dem ursprünglichen Berg, den die Natur über Jahrmillionen schuf. Der verwendete Sprengstoff verseucht die Umwelt. Bäume wachsen auf dem Geröll nicht mehr. Das Grundwasser sinkt. Kein Wunder, dass die Kohleindustrie es nicht gern sieht, wenn sie bei ihrer „Arbeit“ beobachtet wird. Plötzlich wird die Wagentür aufgerissen und Lars Scholtyssyk lässt sich samt Kamera in den Beifahrersitz fallen. Mit den Bildern, die er gemacht hat, ist er nicht zufrieden. Es ist schon zu dunkel geworden. Also gebe ich Gas und wir holpern einen Feldweg hinunter, vorbei an einem Felsen, auf

den jemand mit leuchtend roter Schrift die Worte schmierte: „Treehuggers suck“. So beschimpfen Bergarbeiter Umweltschützer, die sich dem Gipfelbergbau entgegen stellen.

Ohnmächtiger Obama Weshalb die Reportage? Sie erklärt exemplarisch, weshalb es für Präsident Barack Obama fast unmöglich ist, eine andere Klimapolitik zu verfolgen als sein Vorgänger. Vertreter der Handelskammer in West Virginia reden gar nicht lange drum herum: Natürlich werde es weiterhin den Gipfelbergbau geben. Denn die örtlichen Senatoren und Politiker würden mit Obama zuerst über den Bergbau reden, dann über ihre Haltung bei der Gesundheitsreform. Nein, das sei keine Erpressung. Man verfolge nur die eigenen ­Interessen. Tatsächlich kann die Bedeutung des Kohlestroms für die USA kaum überschätzt werden: Die Hälfte ihres Stroms erzeugt die Supermacht durch die Verbrennung von Kohle. „Ein Landbesitzer hat das Recht zu bestimmen, was mit seinem Eigentum geschieht. Wenn er seine Bodenschätze auf dem freien Markt verkaufen will, dann darf er das“, erklärt uns ein ‚Miner‘ bei einem Treffen in einer Gaststätte. Dass die Natur dabei für Jahrhunderte zerstört wird, bedauert er. Der Erhalt der Arbeitsplätze sei aber wichtiger. Umweltschützer wie Bo Webb sehen das anders. Wir begleiten ihn mit der Kamera


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zu einer Demonstration in die Hauptstadt Charleston. Bo, inzwischen pensioniert, hat zu einer Kundgebung aufgerufen. Auf der Autofahrt erklärt er, wer seiner Meinung nach hinter der Kohleindustrie steckt: Inves­ toren von der Wall Street, die durch den Abbau der hochwertigen Kohle in West Virginia viel Geld verdienten. Deren Geldgier sei letztlich dafür verantwortlich, dass alternative Energien in diesem Bundesstaat keine Chance hätten. Das will er ändern.

„Sie vergiften unser Land“ Bo Webbs Aufforderung zur Demonstration sind Hunderte von Aktivisten aus ganz Nord-Amerika gefolgt. Der promi- 02 nenteste Redner ist Robert F. Kennedy, Neffe des einstigen amerikanischen Präsidenten. Die ­h iesige Kohleindustrie sei „kriminell“, sagt er in die DW-Kamera: „Sie vergiften unser Land, zerstören die Wirtschaft, untergraben unsere Demokratie.“ Es gebe bessere Möglichkeiten in West Virginia Energie zu gewinnen, etwa mit Windkraftwerken. Die Kohleindustrie hat Bergarbeiter zu einer Gegendemonstration mobilisiert. Hunderte von Männern in Bergmannskleidung, einige mit Kohleruß in den Gesichtern, versammeln sich auf der anderen Seite des Platzes. Zwischen den beiden Gruppen postieren sich Dutzende Polizisten. Die Bergarbeiter beschimpfen die Umweltschützer wüst.

Wir klappen das Stativ ein und gehen zu ihnen rüber. Wir kommen ins Gespräch. Ein Kumpel lädt uns zu sich nach Hause ein. Noch am selben Abend drehen wir bei ihm im Wohnzimmer. Da sitzt er auf der Couch, eingerahmt von seinen beiden kleinen Söhnen, und gibt seine Sichtweise der Auseinandersetzung wieder, aufrichtig, menschlich, glaubwürdig.

Das ganze Ausmaß der Zerstörung Am Tag der geplanten Rückreise nach Washington fehlen uns immer noch die Themenbilder vom Tagebau. Der Plan, die ausgehöhlten Berge aus der Luft zu zeigen, scheitert am Wetter. Wir wenden uns erneut an eine lokale Umweltschutzgruppe – und haben Glück. Einer, der zusammen mit einer Handvoll Aktivisten in runtergekommenen Hütten und einem ausrangierten Schulbus lebt, führt uns auf verschlungenen Wegen zu einem Berggipfel. Von hier aus wird das ganze Ausmaß der Zerstörung deutlich. Zwei Lkw, deren Räder so groß sind wie Wohnwagen, bewegen sich inmitten einer Mondlandschaft. Sie kippen Geröll ins Tal. Weit und breit kein Mensch. Endlich haben wir die Bilder, die wir brauchen. —— www.dw-world.de/global3000

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Der Name ist Programm Berlin – Wissenschaft als erlebbares Abenteuer visualisieren – das war eine entscheidende Vorgabe der Redaktion. Es galt, das Wissenschaftsmagazin „Projekt Zukunft“ von DW-TV als Marke neu zu entwickeln. Über die Arbeit des Design-Teams berichtet ­B arbara Orth: Aufzeichnungen aus erster Hand über Idee, Entwicklung und Umsetzung einer neuen „Verpackung“.

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Die Kugel als Leitmotiv:

das „Making-of“ und das Ergebnis eines futuristischen Sendungsdesigns

Zukunft visualisieren - ohne sie zu kennen. Wissenschaft darstellen - ohne explizit zu werden. Wie kam es, dass aus dieser Quadratur des Kreises eine ganze Menge Kugeln wurden? Das Erscheinungsbild der Sendung soll eine Vielzahl von Themenbereichen auf eindringliche und gleichzeitig den Zuschauer einladende Weise in sich verbinden. Es soll die Relevanz wissenschaftlicher Themen für das Leben der Menschen ausdrücken, ohne diese als zu kompliziert erscheinen zu lassen. Die Inhalte des ­M agazins

Wir machen Wissenschaft erlebbar

Projekt Zukunft sind interdisziplinär, also muss auch die Verpackung einen Brückenschlag zwischen verschiedenen Fachdisziplinen leisten können und diese miteinander verbinden. Das Studio soll eine futuristische und innovative Atmosphäre vermitteln. Als ein multifunktionales Ambiente muss es Platz für Gespräche mit Experten und zugleich Möglichkeiten zum Experimentieren und Präsentieren wissenschaftlicher Modelle bieten. Das waren die Vorgaben.

Und wenn man sich die Liste der deutschen Nobelpreisträger anschaut – so ist die sehr beachtlich.

Berlin – Fragen an Manuela Kasper-Claridge, Leiterin Wirtschafts- und Wissenschaftsredaktion von DW-TV. Sie verantwortet unter anderem das Wissenschaftsmagazin Projekt Zukunft – englische Ausgabe: Tomorrow Today.

? Deutschland schmackhaft?

Wie machen Sie den Zuschauern weltweit Wissenschaft aus

Wir präsentieren Wissenschaft nicht abstrakt, sondern machen sie erlebbar. Die Zu-

?

Ist der Wissenschaftsstandort Deutschland international noch von Bedeutung?

schauer sind zum Beispiel hautnah dabei, wenn Galileos Enkel am E-ELT, dem größten

Selbstverständlich! Deutsche Forschung hat eine große Tradition. Gerade durch die

erklären, wozu wir diesen neuen Blick ins Universum brauchen. Der Weltraummedi-

Max-Planck-Gesellschaften und andere Großforschungseinrichtungen. Die Arbeit

ziner Prof. Hanns Christian Gunga erläutert, welche Auswirkungen ein „Space Trip“,

Teleskop der Welt, arbeiten. Forscher des astrophysikalischen Instituts in Potsdam

deutscher Forschungsinstitute hat bei uns einen wichtigen Platz im Programm. Auch

eine Fahrt durch Raum und Zeit, auf den menschlichen Körper hätte. Zum Darwin-Jahr

die Tatsache, dass die Forschung mit öffentlichen Mitteln gefördert wird, trägt dazu

haben wir über die Arbeit am Max-Planck-Institut für Anthropologie berichtet. Bis ins

bei, dass Deutschland weltweit zu den führenden Wissenschaftsnationen ­gehört.

kleinste Detail wird dort erforscht, was den heutigen Menschen vom Neandertaler un-


innovation

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Zentrales Element des Entwurfs: die Kugel, der ästhetisch vollkommene geometrische Körper. Die Kugel spielt in den Bauplänen der Natur eine überragende Rolle, sie ermöglicht viele ­A ssoziationen zu Wissenschaft und Zukunft. An dem Bild der Kugel werde „die semantische Überdeterminierung technologischer Hardware“ deutlich, urteilt Dierk Spreen in seinem Beitrag „Ästhetik und Kommunikation“. Technologien würden angereichert „mit Hoffnungen, Wünschen, Erwartungen“ und auf diese Weise „mit Sinn belebt“ – was schon für die Kugel der Wahrsagerin galt. Eine solche semantische Anreicherung spiele eine wesentliche Rolle für die kulturelle Akzeptanz neuer Technologien. Die Übertragung dieses klassischen Motivs in den elektronischen Raum des dritten Jahrtausends ist für uns eine schlüssige und überzeugende Interpretation, die auch in unserer Zeit eine faszinierende Modernität vermittelt. Der Farbraum ist überwiegend weiß, um das Abstrakte des Begriffs „Zukunft“ und den geistigen Aspekt wissenschaftlichen Denkens zu vermitteln. So entstehen visionäre und fantastische Bilder, die auf inspirierende und prägnante Weise auf die Themen der Sendung einstimmen. Die Umsetzung des Konzepts ist eine Mischung aus Filmaufnahmen „realer“ Akteure zusammen mit 3D-Szenen, die am Computer generiert werden. Futuristisch gekleidete Darsteller wurden in der Bluebox mit einer hoch auflösenden „Red One“-Videokamera aufgenommen. Exakt nach Drehbuch bewegen sich die Akteure in einem – für sie nicht sichtbaren – virtuellen Raum und interagieren mit ihm. In der Nachbearbeitung am Rechner wird dieser dann mit

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komplexen technischen Verfahren ergänzt. Das Magazin Projekt Zukunft wird in einem dreidimensionalen virtuellen Studio produziert. Das digitale Set wird räumlich an die Bewegungen der Studiokameras gekoppelt. So werden die Aufnahmen fließender als aus einem klassischen Bluebox-System. Drei virtuelle Monitore werden in die Szenerie integriert – für Themenbilder und Logos. Der so entstehende futuristische Raum soll das Interesse der Zuschauer an den Themen der Sendung erhöhen – und deren Phantasie anregen. Die Zukunft kann jeden Augenblick beginnen – schauen Sie selbst! —— www.dw-world.de/projekt-zukunft

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terscheidet. Und in der Serie „Kluge Köpfe

fragt, was LED-Leuchten sind, und ein Zuschauer aus Kanada möchte wissen, ob die

– brilliant minds“ stellen wir junge Men-

Sahara wieder grün werden kann.

schen aus aller Welt vor, die in Deutschland in der Spitzenforschung arbeiten.

?

Haben Sie aktuelle Höhepunkte in Projekt Zukunft? Herausragend sind die Spezialausgaben, etwa zum 300. Geburtstag der Berli-

? beteiligen?

träger hervorgebracht hat. Oder die Sendung vom CERN in Genf, dem größten Teil-

Können sich die Zuschauer

ner Charité, einer der größten Universitätskliniken Europas, die sieben Nobelpreis-

Aus allen Teilen der Welt schicken sie uns

chenbeschleuniger der Welt. Dieses gigantische europäische Kernforschungsprojekt

Fragen, die von unserer animierten Figur

wird von dem deutschen Physiker Prof. Rolf-Dieter Heuer geleitet. Eine Sendung, die

„Einsteinchen“ in der Sendung beant-

viel von der Faszination der Physik vermittelt. Was mich besonders freut: In Projekt

wortet werden. So will ein Zuschauer aus

­Zukunft kommen auch viele Wissenschaftlerinnen zu Wort. Denn deutsche Wissen-

Uganda wissen, ob es erdbebensicheres

schaft und Forschung sind schon längst keine Männerdomänen mehr. ——

Bauen gibt, eine Zuschauerin aus Indien


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Der Teilchenbeschleuniger Wissenschaft verstehen und erklären – das ist nur die eine Seite des I­ ngolf Baur, Moderator von „Projekt Zukunft“ und „Tomorrow today“ auf ­DW-TV. Stephan Kolbe sprach mit ihm über seinen ungewöhnlichen ­L ebensweg und seine vielfältigen Leidenschaften von der Teilchenphysik bis zum klassischen Gesang. „Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“, erklärt Faust in der „Tragödie erster Teil“. Wer Ingolf Baur kennenlernt, möchte auch ihm diesen Satz in den Mund legen, so ausgeprägt scheint sein Wunsch nach Erkenntnis und so vielf ältig sind seine Interessen und sein Tun. Ein Mann, der vor Tatendrang und Wissensdurst strotzt. Und damit die besten Voraussetzungen mitbringt, um Menschen über das Fernsehen die Fragen der Welt zu erklären. Dabei war an eine Fernsehkarriere zunächst nicht zu denken. Denn Baur studierte Physik. Seine Leidenschaften waren schon als Jugendlicher die Astronomie und die Teilchenphysik – und die lebt er als Student an der Uni Hamburg aus, wo er 1993 sein Diplom macht. Die Diplomarbeit besteht aus einem „Schuhkarton voll mit Elektronik“, wie Baur es in einem einfachen Bild zusammenfasst. Nur, was drin war, das ist schon komplizierter, für Laien allemal. Der Karton war in Wahrheit ein selbstgebautes Kalorimeter. Damit lässt sich in der Elementarteilchenphysik die Gesamtenergie einzelner Teilchen messen. Mit Baurs Gerät konnte man zum ersten Mal, so sagt er, die Strahldichte des Teilchenstrahls von HERA bestimmen.


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HERA – das war immerhin das Super-Elektro­ nenmikroskop beim Forschungszentrum DESY in Hamburg. Durchaus gute Karten also, um in der Wissenschaft etwas zu werden.

Physiker mit Gesangsausbildung Doch Baur ist ein Reisender, den es weiterzieht. Begonnen hat das schon als 17-Jähriger, als er ein Jahr lang fern von zu Hause beim Schüleraustausch in Michigan, USA, war. Seine erste große Bewährungsprobe, vielleicht auch eine Mutprobe. Auf jeden Fall „ein prägendes Jahr“, wie Baur selbst sagt. Prägend, weil er auch später ein Entdecker sein wird – einer, der sich umschaut, der auf bricht und Neues ergründet. Und so verlässt er zunächst die Welt der Physik, der Berechnungen und der Computersimulationen und taucht ein in die Welt der Schauspielerei und des Gesangs, des Lebendigen. Theater hatte er schon während des Studiums gespielt. Und was er macht, will er richtig machen. Also absolviert er eine klassische Gesangsausbildung und lernt Italienisch. Es folgen diverse kleine Engagements als Sänger und Schauspieler an der Staatsoper und dem Schauspielhaus Hamburg. „Am Ende lag mir die Show näher als das ewige Sitzen im Labor“, fasst es Baur süffisant zusammen.

Zwischen Show und Wissenschaft Und doch bleibt sein Hang zur Wissenschaft, zur Vertiefung, zur Ergründung der Welt. Aber nun beides – Show und Wissenschaft – zusammenzubringen, das muss wohl erst sein Vater anstoßen: „Was der Bublath macht, kannst du doch auch.“ Gemeint war Joachim Bublath, der Wissen-

schaftsmann des ZDF, der mit seiner „Knoff-Hoff-Show“ eine ganze Generation prägte. In gewisser Weise hat der Vater Recht behalten. Denn Ingolf Baur moderiert heute gleich drei Wissenschaftssendungen – seit mittlerweile zehn Jahren Projekt Zukunft und das englischsprachige Pendant Tomorrow Today auf DW-TV sowie „nano“ auf 3sat und „Odysso“ im Südwest­ rundfunk. Sein Einstieg beim Fernsehen ist ein Traumstart. 1994 heuert Baur als Praktikant beim damaligen Südwestfunk an – und landet nach nur vier Wochen vor der Kamera: Er entscheidet das Casting zur Moderation der Wissenschaftssendung „Sonde“ für sich. Was jetzt kommt, ist wieder vollkommen neu für Baur, schreckt ihn aber nicht ab. „Ich hatte keine Ahnung vom Schreiben, von Fernsehen schon gar nicht. Das war die totale Überforderung“, gibt er unumwunden zu. Und trotzdem: Mit Mut für Neues und viel Arbeit geht er die Sache an und eignet sich die Souveränität an, die er heute vor der Kamera ausstrahlt. Wenn, dann eben richtig. Die Balance zwischen Wissenschaft und Show, zwischen Denken und Körper, das ist Baurs Leben. „Für mich gehört beides zusammen. Ohne eines von beidem geht es nicht“, sagt er. Und so kann er im einen Moment über den Teilchenbeschleuniger des CERN fachsimpeln, um im nächsten Moment von der jüngsten Operninszenierung seiner eigenen A-cappellaBand zu schwärmen. Die hat er nämlich auch noch… ——

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»Die Show lag mir näher als das Sitzen im Labor.«


THE HEAT IS ON DER KLIMAWANDEL UND DIE MEDIEN

INTERNATIONALE KONFERENZ BONN, 21.-23. JUNI 2010 www.dw-gmf.de

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Weltzeit 01_2010: Wettbewerb im Mediversum