Thomas Linkel
LEBEN UND REISEN IM ALPENRAUM LIVING AND TRAVELLING IN THE ALPS
»Denn hier, wo die Natur allein Gesetze gibet« Albrecht von Haller, Die Alpen, 1729 Die Alpen – das höchste Gebirge Europas, rund 1200 Kilometer lang, zwischen 150 und 250 Kilometer breit. Projektionsfläche für Generationen, Sehnsuchtsort für Millionen, Schauplatz menschlicher Dramen, aber auch faszinierender Höchstleistungen. Das am dichtesten besiedelte Hochgebirge der Welt ist Heimat für die einen, Rückzugsort oder Abenteuerspielplatz für die anderen. In der Mitte der 1990er-Jahre in Kraft getretenen Alpenkonvention haben acht Staaten gemeinsame Ziele zur Entwicklung des Alpenraums formuliert. Neben den bekannten Alpenländern Österreich, Schweiz, Frankreich, Italien, Liechtenstein, Slowenien und Deutschland hat auch Monaco die Verträge unterzeichnet, obwohl dessen Anteil an den Alpen unter drei Quadratkilometer ausmacht und es über keinerlei bedeutsame Erhebungen verfügt. Die Alpen stellen einerseits den Wirtschafts- und Lebensraum für ihre Bewohner dar, andererseits einen Ergänzungsraum für Millionen von Menschen, nicht nur aus den angrenzenden Ländern. Das heißt, sie dienen nicht nur als Erholungsgebiet, sondern sind auch ökologischer Ausgleichsraum, Transitgebiet und Energiespeicher. Aus diesen Funktionen ergibt sich ein Spannungsfeld ganz unterschiedlicher Bedürfnisse und Erfordernisse. Innerhalb dieser Rahmenbedingungen spielt der Tourismus eine wichtige Rolle, die die Bewohner und die im touristischen Bereich Beschäftigten mit Leben füllen. Ihr persönliches Engagement, ihre 12
Ideen und Träume zeigen sich nicht nur zum Beispiel. im gastronomischen Service und in Freizeitangeboten, sondern auch in Architektur und Design. Gebäude tragen stets den Charakter ihres Besitzers und ihres Standorts in sich, und viele Reisende suchen in ihren Unterkünften genau das: authentische Architektur, in der sich Geschichte und Kultur, Gegenwart und Zukunft widerspiegeln.
Wandel in der Alpenregion Der Begriff »Alpenlook« ruft bei vielen charmante, aber auch kitschige Bilder im Kopf hervor. Sie denken an kuschelige Heimeligkeit im Heidi-Stil oder herzigen Jodel-Schmäh mit einem Schuss Heimatfilm-Ästhetik. Dabei ist es schon lange an der Zeit umzudenken, denn der Alpenraum kann auch anders: modern, geradlinig, umweltbewusst und nachhaltig. Junge Designer, Architekten und Hoteleigentümer bedienen sich der technischen Möglichkeiten und der Formensprache des 21. Jahrhunderts und haben so in den letzten Jahren eine dynamische Variante des bisher bekannten Alpentourismus geschaffen. Doch der Grat ist schmal. Die neue, kreierende Generation will nicht radikal Altes abreißen oder komplett verdrängen, stattdessen ist es ihr ein Anliegen, die traditionellen Werte, Formen, Farben und Charakteristiken in Einklang mit den architektonischen Anforderungen und optischen Neuerungen der heutigen Reiseszene zu bringen. Die Gestaltung zielt auf modernes Wohnen und Leben und hat das Bedürfnis nach guter, funktionaler und ästhetisch
ansprechender Architektur – innen wie außen – im Blick. Dabei kommt es den Baukonzepten zugute, dass diese junge Architektengeneration international ausgebildet und der rege intellektuelle Austausch mit der Welt für sie Normalität ist. Begonnen hat der Wandel der Urlaubsarchitektur im Alpenraum in Südtirol. Ein erstes Leuchtturmprojekt war Anfang der 1970er-Jahre das Seehotel Ambach am Ufer des Kalterer Sees von Othmar Barth, eine zeitlose, moderne Interpretation von Hotelarchitektur (Abb. S. 14). Dann blieb es lange Zeit still, bis schließlich der Bozener Architekt Matteo Thun 2002/03 in der Tourismusszene für großes Aufsehen sorgte, als er das Vigilius Mountain Resort bei Lana entwarf (Abb. S. 15): ein kühnes, wegweisendes Gebäude – lang gestreckt, mit bewachsenem Flachdach, großen Fensterfronten und Lärchenholzfassade, dazu nachhaltig gebaut. Und Thun beließ es nicht dabei, sondern entwickelte gleich im Anschluss die Pergola Residence in Algund. Auch hier setzte er auf klares, minimalistisches Design im Inneren und passte die Außenarchitektur harmonisch der charakteristischen Form der Südtiroler Pergola-Reberziehung an. Viele Hoteliers und Anwohner schüttelten den Kopf, aber mit beiden Bauten gelang es Thun und den Betreibern, neue, architekturaffine Gäste nach Südtirol zu locken. Plötzlich galt die norditalienische Provinz in den Medien nicht mehr als verschlafenes Pensionärsparadies, sondern als angesagte Destination. In den Folgejahren wurden nicht nur viele Hotels und Ferienapartments in modernem Design