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curt. STADTMAGAZIN MÜNCHEN # 85 // KÄLTEZEIT 16/17

curt. STADTMAGAZIN MÜNCHEN # 85 // KÄLTEZEIT 16/17

GESTORBEN WIRD IMMER


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ICH WILL DEN THEATER SCHECK!


VORWORT „Ja, verreck! Ich glaub, wir haben uns verlaufen.“ Ich war mit einem Bekannten auf einer Wanderung im Voralpenland, und ich muss dazu sagen, wir waren beide keine großen Wanderfreunde, eher im Gegenteil, und wir waren auch nicht besonders befreundet, aber irgendwie hatten wir uns das betrunken auf einer Feier mal so ausgedacht und fanden, dass müsste man dann natürlich auch ohne Karte oder großartige Ausrüstung angehen, so Kerouac-on-the-road-mäßig, weil spontan ist das alles viel intensiver und so. Jedenfalls sind wir kurz darauf tatsächlich los und waren eine Weile unterwegs über Felder, Wiesen und Wälder, als es uns langsam komisch vorkam, dass nirgends eine Straße oder auch nur ein Pfad zu sehen war. Ich meine, wenn man durch Bayern läuft, muss ja irgendwann mal irgendwas sein, wir sind ja nicht im Kaukasus. Da war aber tatsächlich nichts. Dann tauchte hinter einer Hecke auf einmal doch eine asphaltierte Straße auf. Sie verlief schnurgerade von links nach rechts und es war weit und breit nichts auf oder neben ihr zu sehen. Kein Auto, kein Haus, kein Mensch, kein Tier, nichts. Da wir keine Karte hatten, wollten wir mit einem Blick auf das Handy überprüfen, wo wir waren, hatten aber – natürlich – keinen Empfang. Und da entfuhr meinem Mitwanderer eben der Fluch: „Ja, verreck! Ich glaub, wir haben uns verlaufen.“ Ich konnte ihm eigentlich nur beipflichten. Und weil er so grantig dreinschaute und weil die Sonne unterging und auch nur, um ihn aufzumuntern, fragte ich ihn, ob er den Film „Blair Witch Project“ gesehen hätte. Hätte ich besser nicht tun sollen, er bekam eine Art Schreikrampf, mir war das irgend-wie unangenehm, auch wenn niemand in der Nähe war. „OK, reg dich ab, war nur ein Spaß. Was meinst du, in welche Richtung sollen wir gehen? Oder sollen wir uns aufteilen?“ Er schaute mich nur sauer an. „Aufteilen? Spinnst du? Ich gehe keinen Meter alleine!“ „Schon gut, war wieder nur ein Spaß. Komm, wir gehen in Richtung Sonnenuntergang, da ist es länger hell und die Landschaft ist schöner“, meinte ich beschwichtigend zu ihm und wollte schon losgehen. „Aber immer gegen den Verkehr laufen, Sicherheit geht vor, gell?“, zwinkerte ich ihm zu, weil man darf seinen Humor nicht verlieren, auch wenn kein Sprit mehr im Tank ist. „Willst du mich verarschen?“, fragte er, „hier ist weit und breit kein …“ Da kam aus dem Nichts ein Laster angeschossen, überfuhr ihn und verschwand in der untergehenden Sonne. Einfach so. Ja, verreck!, dachte ich, verreck, ist Wandern ein gefährlicher Sport. Dann doch lieber Parcour … Passt auf euch auf Euer Thomas


# 85 GESTORBEN WIRD IMMER 06 08 12 16 20 24 44 48 52

Der Zufallsgenerator Timeline des Todes Memento mori Aghori Babas – Bericht aus Indien Der Tod – Fakten und Fiktion Tod als Alltag – Porträts Birger Laube, Maskenbildner Alfred Riepertinger, Leichenpräparator Karl Albert Denk, Bestattermeister Paul Meek, britisches Medium Kati Jünger, Urnen-Herstellerin Christian Pagany, Schädlingsbekämpfer Robert Sigl, Regisseur Im Gespräch: Ludwig Steinherr Im Gespräch: Matthias Keitel Ein Brief an den Krebs

54 56 60 64 66 70 74 76 82 84 86 88 90 94 96 98

Waschdls Grantnockerl Welcher Beerdigungstyp bist du? Friedhof der Kuscheltiere Im Gespräch: Michael Bartlewski Im Gespräch: Beate Muschler Bilderrätsel: Verben fürs Sterben Im Gespräch: Rainald Grebe curt präsentiert: Konzerte Im Gespräch: Kvelertak R.I.P. – tote Technik How to survive Weihnachten Souvenire des Todes Selbstversuch: Séance Spiel mir das Lied vom Tod Impressum Hinten raus: Vanitas


Bayerische Leidkultur! Die Geschwister Well singen traditionelle bairische Lieder über den Tod. Und damit das Ganze nicht zu tränenreich gerät, haben sie ihren Freund Gerhard Polt dafür gewinnen können, ­zwischendrin die Grabreden zu halten. ISBN 978-3-945395-07-3


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DER ZUFALLSGENERATOR

Ein gemütlicher Abendspaziergang zum Monopteros. Die Münchner genießen die Ruhe und das Leben und plötzlich steht jemand von curt vor ihnen und konfrontiert sie mit der Frage:

WENN DU MORGEN STERBEN WÜRDEST, WAS WÄRE DEIN WERTVOLLSTES VERMÄCHTNIS?

Frank (33) Ein Aquarell, das ich als Kind gemalt habe. Mareike (29) Meine Stühle, die ich drei Jahre lang restauriert

habe.

CHARLOTTE (53) Fröhlichkeit bei der Erinnerung an mich,

bei allen, mit denen ich zu Lebzeiten schöne Momente hatte. INTERVIEWS UND TEXT: CHRISTIAN GRETZ & ODETT SCHUMANN FOTOS: NURIN KHALIL UND BORIS PURMANN

MATTHIAS (54) Meine Lieben, damit meine ich Partner und

Angehörige.


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Miguel (32) My family!

SAMANTHA (24) Meinen Quilt, den ich

DOMENIKUS (67) Meine blöden Sprüche!

monatelang selbst zusammengenäht habe.

NEGINA (19) Meine Einstellung: Unabhängig

und schlicht leben, ist besser als im goldenen Käfig.

ORTWIN (38) Diese Nachricht an die Welt: Hört einander zu und versucht einander zu verstehen.

KERSTIN (34) Mehrere Stapel unkorrigierter

Klassenarbeiten. RONALD (45) Meine Privatbibliothek mit circa 4.000 Büchern.


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TIMELINE DES TODES TEXT: CHRISTIAN GRETZ // ILLU: KATHARINA KONTE

München gilt der aktuellen Mercer-Studie zufolge als die deutsche Stadt mit der höchsten Lebensqualität (weltweit Platz vier). Jeder, der in München wohnt, kann bestätigen, dass es sich hier ganz gut leben lässt. Diese Erkenntnis hält die Leute natürlich nicht davon ab zu sterben. Aktuell sind es knapp 30 Todesfälle pro Tag. Und dennoch bekommt man davon nichts mit, wenn man nicht gerade aufmerksam die Todesanzeigen in der Zeitung verfolgt oder persönlich betroffen ist. Der Tod gehört zum Alltag, ohne dass wir es wahrnehmen. Auf einem Streifzug durch die Stadtgeschichte Münchens zeigt curt, wo sich der Tod ins Rampenlicht gedrängt und auf das Schicksal unserer Stadt ausgewirkt hat.


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Im Jahr 1294, in München lebten damals etwa 10.000 Menschen, wurde vom bayerischen Herzog Rudolf ein spezielles Stadtrecht verkündet, das sich ganz entscheidend vom allgemeinen Landrecht abhob. Diese Rechtssatzung umfasste 23 Artikel und gestand den Bürgern Münchens die Selbstverwaltung und eine eigene Gerichtsbarkeit zu. Eine entscheidende Ausnahme behielt sich der Herzog allerdings vor: „... so haben wir (der Herzog) über nichts zu richten als über Totschlag.“

Wie unabhängig von den Monarchen sich die Münchner fühlten, zeigte sich knapp hundert Jahre später, als die Münchner eine „erpresserische Steuerpolitik der Landesherren“ anprangerten und den Ratsherrn Johann Impler, einen Tuchgroßhändler und wichtigen Vertrauten der Herzöge, des Verrats bezichtigten. Ihm wurde an der Richtstätte auf dem heutigen Marienplatz kurzerhand der Kopf abgeschlagen.

Obwohl schon für das Jahr 1360 belegt ist, dass der Rat die ganze Stadt auf Kosten der Gemeinde reinigen ließ, sind die schlechten hygienischen Bedingungen im mittelalterlichen München heute kaum mehr vorstellbar. Die Pest hatte leichtes Spiel. Nach vier Pestepidemien im 14. Jahrhundert besuchte der „Schwarze Tod“ München in fast schon regelmäßigen Abständen 1412, 1420, 1430, 1439, 1463, 1473, 1483 und 1495 und forderte tausende Opfer. Die Folge für die Münchner: Der Rat erließ 1475 das Verbot, Schweine frei in der Stadt herumlaufen zu lassen.

Diese Aktion blieb nicht ohne Folgen. Um die wütenden Herzöge zu besänftigen, mussten die Münchner Bürger zunächst nach Dachau gehen und dort kniend um Gnade bitten. Zusätzlich verhängten die Herrscher hohe Geldstrafen und die Einwilligung zum Bau der „Neuen Veste“, dem Vorgängerbau der heutigen Residenz.

Es mussten aber erst noch rund 400 Jahre vergehen, bis Max von Pettenkofer die Wissenschaft der Hygiene ins Leben rief und München zum Vorreiter auf diesem Gebiet wurde.


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Die Macht der katholischen Kirche war in Zeiten der Reformation auch in der bayerischen Landeshauptstadt gefährdet. Nachdem die Lehren Luthers 1522 verboten worden waren, kam es in München zur Verfolgung und Hinrichtung Andersgläubiger.

Religiöse Streitigkeiten waren letztlich auch der Grund für den dreißigjährigen Krieg, der ab 1618 die Völker Europas in Not und Elend stürzte. Obwohl die Münchner durch die hohen Stadtmauern wesentlich besser als die Bewohner der umliegenden Dörfer geschützt waren, starben im Jahr 1634 auch in der Stadt innerhalb kürzester Zeit etwa 7.000 Menschen, was mindestens einem Viertel der Gesamtbevölkerung entsprach. Die fremden Truppen hatten die Pest wieder eingeschleppt.

Zur Sendlinger Mordweihnacht kam es im Jahr 1705. Österreich war aufgrund des Spanischen Erbfolgekrieges zu dieser Zeit Besatzungsmacht in Bayern und unterdrückte die Bevölkerung. Als die Landbevölkerung aus dem bayerischen Oberland schlecht bewaffnet und ganz nach dem Motto „Lieber bairisch sterben als kaiserlich verderben“ an Weihnachten versuchte, die Hauptstadt und damit auch Bayern von den Besatzern zu befreien, kam es in Sendling zu einem schrecklichen Gemetzel, bei dem über tausend Aufständische, nachdem sie sich bereits ergeben hatten, von den kaiserlichen Soldaten grausam getötet wurden. Die Besatzung dauerte weitere zehn Jahre an. Im folgenden Jahrhundert wurde dem Aufstand große Symbolkraft für bayerischen Patriotismus zugeordnet, und bis heute gibt es von Straßennamen in Sendling über Denkmäler bis hin zu jährlichen Gedenkfeiern viele Spuren der Mordweihnacht.

Erst 1801 durfte mit Johann Balthasar Michel der erste Protestant Bürger von München werden – gegen den Widerstand des Stadtmagistrats wohlgemerkt. Auch Juden suchte man jahrhundertelang vergeblich unter den Bürgern Münchens. Bereits im Jahr 1285 wurden bei einem Pogrom beinahe die gesamten jüdischen Gemeindemitglieder verbrannt. Danach kam es immer wieder zu Diskriminierungen, bis schließlich 1442 alle Menschen jüdischen Glaubens aus München und Oberbayern vertrieben wurden.


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21. JAHRHUNDERT

Das Jahr 1836 wurde für die Münchner zum Albtraum. Der Grund: die Cholera. Der aus Asien eingeschleppten Krankheit fielen allein in den Monaten November und Dezember täglich etwa ein Dutzend Münchner zum Opfer. Nur wer sich medizinische Hilfe leisten konnte, hatte eine Überlebenschance. Besonders hart traf es deshalb die finanziell benachteiligten Bevölkerungsgruppen. Aber es gab auch Ausnahmen, wie der Tod von Königin Therese 1854 beweist, als die Epidemie erneut wütete und tausende Gäste aus ganz Europa in die Flucht schlug, die zur Industrie- und Gewerbeausstellung nach München gekommen waren.

Wenn man sich im letzten Jahrhundert für nur ein „Todes-Ereignis“ entscheiden muss, landet man unweigerlich bei der Nazidiktatur und dem Zweiten Weltkrieg, die neben den vielen Münchner Soldaten auch tausende Münchner Zivilisten in den Tod rissen.

Von Krieg, Hinrichtungen und tödlichen Seuchen ist München im aktuellen Jahrhundert glücklicherweise verschont geblieben. Lasst uns hoffen und alles dafür tun, dass dies so bleibt. Fünf Sechstel des Säkulum liegen schließlich noch vor uns.

Auch der Erste Weltkrieg hinterließ große Narben in München. Die Bevölkerungszahl war zum Kriegsende um über 40.000 Personen gesunken, und die wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Folgen des ersten Krieges spielten den Nationalsozialisten in die Karten und begünstigten ihren Aufstieg.

UNSER REDAKTEUR CHRISTIAN GRETZ BIETET AUSSERGEWÖHNLICHE STADTFÜHRUNGEN AN. EIN GROSSER SPASS! PROBIERT'S AUS! ► ui-muenchen.de


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TEXT: SONJA PAWLOWA ILLUS: KATHARINA KONTE (LINKS) UND LENI BURGER

Auch ohne Blick in die Kristallkugel ist deine Zukunft gewiss: Du wirst sterben. Und nicht nur du. Sterben muss jeder. Sterben ist das Einzige, was jeder muss. Die einzige Gewissheit im Leben. Aber: Was ist der Tod?

Das weiß eben keiner so genau. Aber dass ein Toter nicht mehr lebt, ist schon vor Jahrtausenden von Jahren aufgefallen. Was macht uns da so sicher? Die Gräber. Archäologen schließen aus der Tatsache, dass bestattet wurde: Steinzeitmenschen waren schon damals mit Liebe für ihre Familien und Freunde gesegnet und haben ihre Angehörigen deshalb begraben. Es muss sich schrecklich anfühlen, wenn eine Krähe dem frisch verstorbenen Menschen, mit dem man Sex und Kinder hatte, die Augen herauspickt. Oder ein Wolf das tot geborene Baby an seine eigenen Nachkommen verfüttert. Dabei zuzusehen, ist sicher kaum zu ertragen. Daher also die Idee mit den Gräbern. Dass die Verbliebenen Blumensträuße, Schmuck oder Spielzeug ins Grab legten, deutet darauf hin, dass sie an irgendeine Art von Jenseits glaubten. Von dieser Jenseitsvorstellung hängt bis heute der Bestattungsritus ab.

Wer bestattet wie? Die ältesten bekannten Gräber sind etwa 50.000 Jahre alt. Die Leichname wurden sitzend, hockend, liegend und in Embryonalstellung bestattet. Oder auch verbrannt, seebestattet oder – wie bei den Parsen – zerstückelt den Raubvögeln zum Verzehr dargeboten. Dabei ist anzumerken, dass es schon im Altertum den kleinen Unterschied machte, ob man zum gemeinen Fußvolk gehörte oder ein König war. Die Herrscher ließen sich Pyramiden oder Mausoleen bauen, die Bauern gruben sich gegenseitig im Gottesacker ein. Es gibt unzählige Berichte von grausamen Herrschern, die ganze Hundertschaften an Dienstboten, Frauen und Nebenfrauen in ihre Grabkammer mit einmauern ließen. Bei den Wikingern wurde die Sklavin, die freiwillig mit dem Herrn in den Tod ging, wenigstens mit Drogen und Alkohol stimuliert, dann durfte sie Sex mit allen Männern haben. Schließlich wurde sie von einer Priesterin, dem „Todesengel“, erwürgt und erstochen und mit dem brennenden Totenschiff gen Westen geschickt. Die Kelten hingegen hatten eine Art Opferschacht, in den sie Opfergaben und auch Menschen warfen – jedoch als reine Opferung, nicht als Begräbnis. Interessant sind die Riten, die sich erhalten haben. Oftmals ist nicht mehr bekannt, wo die Brauchtümer im Einzelnen herrühren. Juden schenken sich traditionell schon zur Hochzeit ein Totenhemd. Genaugenommen schenkt die Braut dem Bräutigam das Totenhemd, denn die Vorbereitung auf den Tod gilt als Garant für ein langes Leben. Warum die Braut diese Garantie nicht braucht, sei dahingestellt. Jedenfalls hat der zukünftige Tote einen Vorteil, wenn er Jude ist. Ihm droht kein Gericht, weil er schon im Diesseits die Rechnung für seine schlechten


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Taten zu erwarten hat. Allerdings hat sich nach der Zerstörung des Tempels, also in der Diaspora, weit weg in fernen Ländern, nachträglich doch eine Himmel und Hölle-Vorstellung eingefressen. Wenn ein Angehöriger in Anwesenheit seiner Familie stirbt – denn einen Sterbenden lässt man nicht allein –, dann legt man ihn mit den Füßen Richtung Tür auf den Boden. Erst dann kann er in sein Totenhemd gekleidet unter die Erde. Und das muss schnell gehen, möglichst noch am selben Tag. Alles ist genau geregelt. Es gibt separate jüdische Friedhöfe (in München in der Ungererstraße und der Thalkirchner Straße). Die Männer stehen Spalier, reißen Gras aus und werfen es hinter sich. Beim Verlassen des Friedhofs wäscht man sich die Hände. Und später legt jeder Gast ein Steinchen aufs Grab, wenn er den Verstorbenen besucht. Anhänger des Islam glauben an die Erscheinung des Todesengels Izrail, der die Seele vom Körper trennt. Er führt die Seele ab. Zu einem Zwischengericht im Himmel, bei dem schon mal grob festgelegt wird, ob den Verstorbenen das Paradies oder doch eher die ewige Verdammnis erwartet. Später erwartet ihn dann das Jüngste Gericht, vor dem ihm seine guten und schlechten Taten, die in einer um seinen Hals hängenden Schriftrolle verzeichnet sind, vorgelesen werden. Wann das ist, weiß keiner. Auf Erden wird der Leichnam indes ausgezogen und gewaschen. Anschließend wird er so umwickelt, dass er in Form bleibt. So kommt er unter die Erde, bedeckt von einem Tuch. Ohne Sarg jedenfalls, und auf keinen Fall darf er verbrannt werden, denn die Seele wartet im Körper auf das Jüngste Gericht. Beerdigt wird gleich am nächsten Tag nach Todeseintritt, wenn nicht sogar an demselben. Übrigens lassen Bosnier und Albaner ihre Verstorbenen ins Heimatland überführen. Es gilt der Trauerablauf, den auch die Christen und Juden so ähnlich kennen: 7 Tage intensive Trauer, 40 Tage Verzicht auf Freude, der Rest heißt Trauerjahr.

Dass die Christen an eine unsterbliche Seele glauben, weiß hierzulande wohl jeder. Daraus, im Zusammenhang mit der Vorstellung des „Jüngsten Gerichts“ am Ende aller Tage, ergibt sich allerlei. Bis vor wenigen Jahrzehnten galt für Christen die Pflicht der Erdbestattung, weil ja der Körper wiederhergestellt werden würde am Doomsday. Daher auch die Hexenverbrennungen – kein Zurück. Der Ablauf einer christlichen Beerdigung ist regional sehr unterschiedlich. Bei uns in München trifft sich die Familie wahlweise zu einem Gottesdienst in der Kirche oder direkt auf dem Friedhof. Bis 1563 wurde in München rund um die jeweiligen Kirchen beerdigt, ab 1674 dann auf dem neuen Südfriedhof. Am Grab wird kondoliert und eine symbolische Schaufel mit Erde auf den Sarg geworfen. Nach dem Begräbnis geht es zum Leichenschmaus. Zwar sind ein Trauerjahr und eine Messe nach 40 Tagen vorgesehen, dies ist aber nicht streng reglementiert. Für die Buddhisten ist alles klar: Der Tod ist unausweichlich und allgegenwärtig, nur der Zeitpunkt ist ungewiss. Durch gutes Benehmen und viele Wiedergeburten kann man ins Nirwana kommen, was mit dem Erlöschen einer Flamme verglichen wird. Damit hat die Hölle der Wiedergeburten ein Ende. Der Tote darf zunächst eine halbe Stunde nicht angefasst werden, dann soll er innerhalb von drei Tagen verbrannt werden. Die Asche wird im Meer oder in einem Fluss verstreut. Oder vom Wind weggetragen. Danach ist Gelegenheit, sich um Erbschaftsangelegenheiten zu kümmern. Sehr pragmatisch.


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Was ist tot? Wie es sich anfühlt, wenn man tot ist, konnte niemand berichten, denn tot ist tot. Kein Zurück, keine Zeugen. Es existieren jedoch Berichte von Menschen, deren Sterben unterbrochen wurde. Man nennt so etwas Nahtoderfahrungen. Vielfach erlebten solche Fast-Toten, dass sie sich aus ihrem Körper lösten und über ihrem Sterbebett an der Decke schwebten. Tatsächlich konnten sie später die Anwesenden und deren Reaktionen beschreiben, trotz Herzstillstand und Kreislaufversagen. Dieses Phänomen erklärt Rupert Sheldrake (Biologe und Wissenschaftler ► sheldrake.org ) so: The brain and the mind are not the same. Dass es einen Bewusstseinszustand gibt, der vom Körper unabhängig ist, also neben dem täglichen Leben existiert, kennt jeder aus seinen Träumen. Im Traum können wir uns bewegen, sogar fliegen, ohne uns aus dem Bett zu erheben. Wir empfinden uns als Ich, also die Person, die wir sind, erleben aber eine andere Wirklichkeit, bis wir zurückkehren in unseren Körper. Rupert Sheldrake unterscheidet deshalb zwischen dem TraumKörper und dem normalen Körper. Der normale Körper stirbt jede Nacht einen kleinen Tod, der Traum-Körper lebt und erlebt umso mehr. Der Tod könnte so sein wie das Verharren in der Welt des Traumkörpers, schwebend an der Decke oder auf dem Weg in den leuchtenden Tunnel. Wann ist man tot? Die Problematik, den Todeszeitpunkt exakt festzulegen, nahm in den letzten Jahrzehnten zu. Während historisch der Eintritt des Todes klar das Ende des Herzschlags und der Atmung zu sein schien, hat die moderne Medizin andere Maßstäbe gesetzt. Durch lebenserhaltende Herz-Lungen-Maschinen und deren Notwendigkeit bei Organtransplantationen erweist sich der Hirntod, also nicht mehr messbare elektrische Aktivität des Gehirns, als wesentlich praktischer. Und so

wird es deshalb gemacht. Bei aller Rationalität und Reduzierung auf Körperorgane, scheint sich in der westlichen Welt eine Abkehr von christlichen Traditionen und eine Wiedergeburt vorchristlicher Riten zu vollziehen. Während einzelne Spinner aus ihren sterblichen Resten Diamanten pressen lassen oder sie tiefgekühlt auf eine Zeitreise sinnen, bauen zur Stunde findige Investoren in Cambridgeshire, England, ein pseudo-neolithisches Hügelgrab, dem von Newgrange, Irland, nachempfunden. Innen ist es mit Nischenplätzen wie in den römischen Katakomben ausgestattet. Kostenpunkt: 5.000 £ für 99 Jahre Ascheverwahrung. Tod-Crossover also. Ob die Überreste von Neuzeit-Millionären die nächsten 5.000 Jahre überdauern, so wie ihre steinzeitlichen Vorbilder es taten, werden wir ganz sicher nicht erfahren. Denn wir sind bald tot. Und zwar alle.


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Die Aghori umarmen den Tod, heiÃ&#x;en ihn willkommen, glauben, dass er ihnen nichts anhaben kann.

CURT IM AUSLAND. TEXT: PETRA KIRZENBERGER // FOTOS: ACHIM SCHMIDT


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AGHORI BABAS

DIE WILDEN BETTELMÖNCHE INDIENS

Varanasi. Die Stadt am Ganges ist eine der heiligsten Städte Indiens und eine der ältesten der Welt. Nirgends sonst ist der Tod ein solch selbstverständlicher Teil des Lebens, nirgends so allgegenwärtig wie hier. An den steinernen Treppen (Ghats) entlang des Ufers herrscht den ganzen Tag über ein buntes Treiben: Kühe, Hunde, Pilger und Einheimische kommen zum Fluss, man badet, wäscht Wäsche, kocht Chai, Gesänge klingen aus den Tempeln, Boote gleiten übers Wasser, in der Ferne hupt sich der Verkehr durch die staubigen Gassen. An zwei der Ghats steigen Rauchsäulen auf, einige Feuer brennen, manche glimmen nur, man sieht feinsäuberlich geschichtete Holzstapel, dazwischen verstreut Blumen, goldene Girlanden, Fetzen von weißem Tuch, Kohle und Asche. Hunde suchen in den rauchenden Haufen nach Überresten, die das Feuer zurückgelassen hat – menschliche Überreste. Hier, an den Burning Ghats, werden täglich die Leichen derer verbrannt, die sich das Holz leisten können, das mühsam herangekarrt oder per Boot zu den Verbrennungsstätten gebracht wird.


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Die Hindus übergeben ihre Toten dem Feuer, um die im Körper gefangene Seele zu befreien. Der Leichnam wird gewaschen, gesalbt und in weiße Tücher gewickelt, der älteste Sohn führt den Trauerzug an und entzündet den Scheiterhaufen. Heilige Männer, Schwangere und Babys werden nicht verbrannt. Arme Leute haben oft nicht die Mittel, um ihre Toten einäschern zu lassen, und übergeben oftmals vollständige Leichname dem Wasser. Neben den weiß gewandeten Trauernden, Männern, die das Feuer schüren, und einigen Schaulustigen sind an den Burning Ghats auch ein paar düstere Gestalten anzutreffen, die von vielen regelrecht gefürchtet werden: die Aghori Babas. Die Aghori bilden einen besonderen Stamm von Sadhus (Wandermönchen). Sie haben ihren Besitz aufgegeben, um nach Gott zu suchen. Die Aghori tragen Ketten mit Totenkopf-Perlen um den Hals, trinken aus menschlichen Schädeln und reiben sich von Kopf bis Fuß mit der Asche verbrannter Menschen ein. Man sagt, sie würden Menschenfleisch essen, mitunter auch Exkremente von Tieren, und sogar auf Leichen sitzend meditieren. Durch solch morbide Rituale wollen sie Angst und Ekel überwinden, inneren Frieden finden und sich besondere Kräfte aneignen. Für Aghori Sadhus ist alles heilig – selbst Schmutz und natürlich auch der Tod. Was andere für unappetitlich oder ungehörig erachten, macht einem Aghori nichts aus.


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Die Aghori umarmen den Tod, heißen ihn willkommen, glauben, dass er ihnen nichts anhaben kann. Das Alte muss vergehen, damit Neues Platz findet. Das Leben ist ein Zirkel von Werden und Vergehen, und somit ist der Tod nichts weiter als ein Teil dieses Rades. Die Gesellschaft als solches akzeptieren sie nicht, die ganze Welt mit allen Gütern und Lebewesen nennen die Aghori Maya (Illusion). Alles ist ständiger Veränderung unterworfen, nichts ist von Dauer. Der Schädel, den ein Aghori Zeit seines Lebens mit sich trägt, ist ein Symbol für die Vergänglichkeit von allem. Kritiker der wilden Babas sagen, sie seien geradezu besessen von Negativität. Aghori denken, je tiefer sie in die Dunkelheit gehen, umso eher könnten sie diese überwinden und gestärkt daraus hervorgehen. Doch für viele Sadhus ist es eine Einbahnstraße: Sie versinken im Drogenrausch, in Alkohol und Aggression. Es gibt für sie kein Zurück. Die meisten Aghori sind trotz ihrer furchterregenden und ekligen Bräuche friedlich. Ihnen ist daran gelegen, Licht in Form von Wissen in die Welt zu bringen. Sie versuchen, inneren Frieden zu erlangen, denn – so ihr Glaube – nur wenn der Frieden in den Menschen wohnt, kann er sich im Außen manifestieren.

Das Leben ist ein Zirkel von Werden und Vergehen, und somit ist der Tod nichts weiter als ein Teil dieses Rades.


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TEXT: MIRJAM KARASEK // INFOGRAFIKEN UND ARTWORK: SIMONE REITMEIER

WAS SIE SCHON IMMER ÜBER DEN TOD WISSEN WOLLTEN Der Tod hat jeden von uns irgendwann am Schlafittchen. Deshalb sollten wir uns zu Lebzeiten informieren und auf unsere letzte Reise vorbereiten. curt hat für euch Fakten und Zahlen, Konkretes und Kurioses rund um das Sterben und den Tod gesammelt.


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Jeder 25. Münchner erlag 2014 einem nicht natürlichen Tod. Allein 180 Münchner nahmen sich das Leben, darunter doppelt so viele Männer wie Frauen. Frauen bevorzugen es, sich zu vergiften.

Die Einäscherungszeit beträgt im Durchschnitt etwa

Im Winter hat der Tod Saison: Statistisch gesehen sterben die meisten Menschen im Januar.

70 MINUTEN.

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TAPHEPHOBIE

ist die Angst, als Scheintoter lebendig begraben zu werden. Johann Nestroy und Arthur Schnitzler ordneten deshalb an, ihnen nach ihrem Tod das Herz zu durchstechen. Hans Christian Andersens Leichnam sollten die Pulsadern aufgeschnitten werden.

Ein an der Luft liegender Leichnam verwest etwa

2 x so schnell wie ein im Wasser liegender Toter und 8 x so schnell wie eine begrabene Leiche.


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Amputierte Arme oder Beine werden als „Ethischer Abfall“ in Verbrennungsanlagen entsorgt.

Wenn ein Passagier im Flugzeug verstirbt, sollte er nicht im Toilettenraum untergebracht werden. Nicht nur aus fehlendem Respekt, der Leichnam ist auch nicht angeschnallt! Intern werden solche Fälle übrigens als „Hugo“ bezeichnet: für „human gone“ oder eingedeutscht auch

H U G O

eute nerwartet estorbenes bjekt


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Genialer Name, geniales Zubehör: Der

gen Weltraumbestattun Seit 1997 werden auch eltraum„W e di ist e nt ria auf e günstigste Va der Asche d angeboten. Di einer Teil n kl u n ei d ir er d eführt w fahrt“, bei Fallten mitg Schnupper e m k e ra s in g chun . te an e henfors ollar r Rake alen Hö US -D last de z t 0 u 0 suborbit N 7 r : ab mit de Preis später ehr t. k wenig k c ü ur Erde z auf die m ir h sc

CATACOMBO ist ein Sarg, ausgestattet mit Lautsprechern und Subwoofer, in dem der Käufer post mortem seinen Spotify-Playlists lauschen kann. Kostenpunkt: rund

30.000 US-$

Noch heute tragen Bestatter Verstorbene mit den Füßen voraus aus dem Haus – früher aus Angst vor

heute auch aus praktischen Gründen: Beim Anheben des Sarges an engen Stellen würde der Verstorbene Kopf voran quasi einen Kopfstand machen und aus dem tieferliegenden Mund könnten Flüssigkeiten schwappen.

EINE PERSÖNLICHE ÜBERGABE DER TOTENASCHE AN PRIVATLEUTE IST – AUSSER IN BREMEN – IN ALLEN BUNDESLÄNDERN VERBOTEN. Die Überbringung beispielsweise zur Seebestattung übernimmt das Bestattungsunternehmen – oder der Paketdienst.

KÖRPER SPENDE

WIEDERGÄNGERN,

BEST PRICE

Wer auch nach dem Tod Geld sparen will, lässt sich von einem Discount-Bestattungsunternehmen beerdigen oder stellt seinen Körper der Wissenschaft zur Verfügung: Voraussetzt, der tote Körper ist nicht durch einen Unfall verstümmelt und der Spender hat nicht an einer ansteckenden Infektionskrankheit wie HIV gelitten.


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Seit Generationen träumen kleine Kinder von einer Karriere als Prinzessin oder Superheld. Im Teenageralter werden die Berufswünsche etwas realistischer. Laut einer Umfrage des Jugendforscher-Teams iconKIDS Youth aus dem Jahre 2014 wollen Jungen heute bevorzugt Fußballspieler, Polizist, Pilot oder Rennfahrer werden, Mädchen sehen sich lieber in der umsorgenden Rolle einer Tierärztin oder Tierpflegerin. Die tägliche Begegnung mit dem Tod steht – wen wundert's? – nicht auf der Wunschliste. Dennoch muss es auch Menschen geben, die sich beruflich mit dem Sterben von Mensch und Tier auseinandersetzen. curt hat diese Menschen getroffen und sie zu ihrem Beruf und Alltag, zu Leben, Sterben und Tod befragt.

TEXT: MIRJAM KARASEK


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TOD ALS ALLTAG


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TEXT UND FOTOS: LINDA MAIER


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LEICHEN AUF BESTELLUNG

BIRGER LAUBE, MASKENBILDNER

Schon früh entdeckte der Münchner Birger Laube seine Leidenschaft für Masken, Kostüme und deren Einsatz in der Filmindustrie. Gemeinsam mit seinem besten Kumpel aus der Grundschule drehte er mit der Super-8Kamera der Eltern eigene kleine Filme – am liebsten mit Außerirdischen in der Hauptrolle. Da sie jedoch keine echten Aliens zur Hand hatten, verkleideten sich die Buben einfach mit selbstgebastelten Kostümen. Was ursprünglich den Ausschlag für Birgers Filmbegeisterung gab? In einer harmlosen Kinovorstellung für Kinder bekam er versehentlich die nicht ganz so harmlose Vorschau von „Planet der Affen“ in der 60er-JahreVersion zu sehen. Statt Albträumen bescherte ihm dieses Schlüsselerlebnis jedoch eine steile Karriere. Mit 22 Jahren studierte er am London College of Fashion und assistierte parallel bereits bei einem seiner großen Vorbilder: Christopher Tucker – eben jenem Make-up-Artisten, der bekannt ist für seine Arbeit bei „I, Claudius“,„The Elefant Man“ sowie einer späteren Verfilmung von „Planet der Affen“. Inzwischen ist Birger selbst an die 30 Jahre im Business und hat sich dank seiner Arbeit am Set von Filmen wie „Anatomie“, „Tattoo“ und „Pandorum“ in und außerhalb

Deutschlands einen Namen gemacht. ­Am liebsten lässt er Personen künstlich altern, aber auch die Produktion von Leichenteilen und allerlei Absonderlichkeiten aus Silikon gehört zu seinen Spezialitäten. In seiner Werkstatt steht ein Torso ohne Kopf und Arme; eine Moorleiche, die für unterschiedliche KrimiProduktionen bereits in Blond und einmal mit roten Haaren im Einsatz war, findet sich gleich neben abgetrennten Beinen, Innereien und vielen, vielen Köpfen. Seine anatomischen Kenntnisse hat Birger übrigens aus Büchern. Am Anfang war es für ihn gewöhnungsbedürftig, die Bilder der pathologischen Fachliteratur zu verdauen. Ein Blick auf einen geöffneten Körper reichte aus, um das Buch erst mal in die Ecke zu legen. Nur drei Tage später fand er sich jedoch zu seiner eigenen Verwunderung erneut fasziniert darübergebeugt wieder – und kurz darauf war der Schock sogar soweit gewichen, dass er sich selbst dabei erwischte, wie er nebenher eine Wurstsemmel verzehrte. Zu den außergewöhnlichsten Momenten der eigenen Berufslaufbahn zählt er die Frage einer ehemaligen Nachbarin, ob die Leiche, die sie morgens um vier Uhr aus dem Haus


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gegenüber getragen hätten, eine von seinen wäre; ebenso wie eine horrend teure Theaterkulisse inklusive einer besonders blutigen Szene für die Salzburger Festspiele, die dann aus wohl genau diesem Grund nie zum Einsatz kam. Aber auch die Notwendigkeit, an der Grenze zu Frankreich 24 Wasserleichen beim Zoll anzugeben, und die Mienen der Beamten vor Ort sind ihm lebhaft in Erinnerung geblieben. Eindruck hinterlassen hat zudem seine Arbeit bei „Buddenbrooks“, bei der mit seiner Unterstützung in 1,5 Tagen ganze vier Beerdigungen gedreht wurden. Dass der tägliche Umgang mit dem Tod, wenn auch nur im Film, seine Sicht auf das Sterben verändert hat, bejaht er. Denn so echt es auch aussieht, was er mit eigenen Händen schafft: Schmerzen und Leid kennen seine oft übel zugerichteten Kunstwerke aus Plastik nicht. Auch die Trauer und das Entsetzen der Umstehenden sind nur gespielt. Dass dies im echten Leben anders ist, vergisst Birger nie – was es ihm ermöglicht, einen außergewöhnlich guten Job zu machen und gleichzeitig den Respekt vor der allgegenwärtigen Zerbrechlichkeit des Lebens nie zu verlieren.


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ICH ZEIGE IHNEN DAS ENDE

ALFRED RIEPERTINGER, LEICHENPRÄPARATOR AM PATHOLOGISCHEN INSTITUT DES KLINIKUMS SCHWABING

TEXT: MELANIE CASTILLO // LARA FREIBURGER


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Seit 40 Jahren seziert, näht, wäscht, schminkt, plastiniert, modelliert, balsamiert und sargt er Leichen im Klinikum Schwabing ein. Aber nicht nur in seinem Fach ist der Leichenpräparator Alfred Riepertinger Vollprofi. Er ist für die umfangreiche Präparatensammlung im Institut verantwortlich und plastiniert nach der Methode Gunther von Hagens‘. Im Laufe der Jahre hat er unzählige Interviews gegeben, Vorträge gehalten, gelehrt und geschult. Er leistet Suchtprävention für Gefährdete, gibt Anatomiekurse und zeigt organische Anomalien durch Nikotin oder Alkohol auf. „Ich zeige den Jugendlichen das Ende,“ wie er selbst sagt. Spätestens nach der Veröffentlichung seines Buches „Mein Leben mit den Toten“, aus dem er seit Jahren regelmäßig Lesungen beim Krimifestival München gibt, ist er bei der Presse gefragt. Man könnte sagen, er ist in seinem Gebiet Münchens Promi Nr. 1. „Um den Beruf des medizinischen Präparators auszuüben, muss man handwerkliches Geschick und eine professionelle Distanz zum Tod mitbringen. Man darf nicht in Routine verfallen, sondern sollte vor den Toten Pietät und Achtung bewahren.“ An Enthusiasmus für die Sache hat es Alfred Riepertinger nie

gefehlt. Schon in seiner Kindheit hatte er großes Interesse an Särgen, Friedhöfen und Beerdigungen. Wo es den einen allein schon beim Gedanken ans Sterben schaudert, sieht Alfred Riepertinger das sehr pragmatisch: „Jeden ereilt früher oder später der Tod. Deswegen sind Aufklärung und Beratung wichtig, um damit zu Lebzeiten besser umgehen zu können.“ Er empfiehlt, sich frühzeitig damit zu beschäftigen, sich unverbindlich zu erkundigen, eventuell eine Vorsorge abzuschließen, um die Angehörigen nach dem eigenen Tod nicht zusätzlich emotional und finanziell zu belasten. Die Trauerarbeit sei Belastung genug. Er zitiert aus dem Song von Chris de Burgh „Don’t pay the ferry men“: Prepare a life time for the journey!

Gibt es einen guten Tod? „Ein akuter Herztod, während man in einem französischen Sternerestaurant einen schönen Abend verbringt und gut isst, könnte einer sein.“

In zwei Jahren geht Alfred Riepertinger in den Ruhestand, möchte dann als Referent und bei Lehrgängen noch aktiv bleiben – vor allem aber sein Herzensprojekt, die große Präparatensammlung, in ein medizinischhistorisches Museum einbetten, vorantreiben und begleiten. Mehr Infos dazu: Siegfried OberndorferLehrsammlung am Pathologischen Institut im Klinikum Schwabing ► universitaetssammlungen.de

► alfred-riepertinger.de


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MEHR ALS NUR EIN TOTENGRÄBER

TEXT UND FOTO: JULIA MAEHNER

KARL ALBERT DENK, BESTATTERMEISTER


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Karl Albert Denk ist Bestattermeister in fünfter Generation und kennt den Tod so gut wie der Bayer das Granteln. Für den Beruf entschied er sich nicht aus Familientradition, sondern wegen der Menschen. Nicht die toten Menschen schrecken vom Beruf des Bestatters ab, sondern die Arbeitszeiten. So war es zumindest bei Karl Albert Denk, seines Zeichens Inhaber des Bestattungsinstituts Denk. „Bei uns ist es wirklich so, dass wir 24 Stunden lang Tag und Nacht Bereitschaft haben“, erklärt der Bestattermeister. Deswegen entschied sich Denk auch zunächst dagegen, das Familiengeschäft fortzuführen. Nach einem Flirt mit der Karriere außerhalb der Branche kehrte er schließlich zu seinen Wurzeln zurück. Mittleres Management in einem großen Konzern, schön und gut, doch was da fehlte, war der Kontakt zu Menschen. Als unpersönlich kann die Arbeit eines Bestatters nicht bezeichnet werden. „Die Leute müssen in einer Extremsituation abgeholt werden und erklärt bekommen, dass sie jetzt bestimmte Schritte machen müssen.“ Bestimmte Schritte – dazu gehören Dinge wie die Wahl von Sarg und

Blumen. Doch diese sind Denk im Endeffekt nicht wichtig: „Ich stelle die Lebensfeier, oder Lebensabschlussfeier in den Vordergrund.“ Dazu muss er den Verstorbenen kennenlernen, in einem oder mehreren Gesprächen mit den Angehörigen. Das helfe nicht nur dem Bestatter bei der Planung, sondern auch dem Angehörigen: Diese Gespräche lösten die Defensivhaltung und machten es leichter, die Situation zu akzeptieren. Und Akzeptanz ist wichtig: „Die Familie möchte nicht bei Ihnen sein. Die möchte das nicht erleben. Die möchte gar nichts. Aber man kann versuchen, in dem Moment ein guter Partner zu sein.“ Sobald der Bestatter mehr über den Todesfall weiß, kann die angemessene Feier geplant werden. Dies beginnt beim Wo und befasst sich ansonsten hauptsächlich mit dem Wie. Nebensächlichkeiten wie Sarg oder Blumen träten aber erstmal in den Hintergrund, dafür sei Musik ein ganz großes Thema. Natürlich ist jeder Fall anders. So traf Denk in seinen zehn Jahren als Bestatter auch auf die skurrilen und komischen Fälle: der Tote mit der Ehefrau, der Lebensgefährtin ... und

der Freundin – von der weder Ehefrau noch Lebensgefährtin etwas wussten – sowie die Affäre in Thailand – von der auch die Freundin nichts wusste. Oder die Urne, die zur Beerdigung fast zu spät kam, was die Witwe lachend kommentierte: „Er war im Leben ja schon immer zu spät, es hätte mich gewundert, wenn er heute pünktlich wäre.“ Ein Bekannter habe Karl Albert Denk mal als „Last-Event-Manager“ bezeichnet. Passen tut ihm dieser Begriff nicht ganz, das erkennt man an seinem Stirnrunzeln. Doch auch er gibt zu: „Im Endeffekt kann man das schon so sehen, dass wir ein letztes Event organisieren.“ Eigentlich unterscheidet nur der Anlass eine Trauerfeier von einer Hochzeit oder einer Wohltätigkeitsveranstaltung. Denn auch da gibt es Essen, Musik – teilweise live –, Redner, Platzkarten und mehr. „Es ist nicht geprobt, aber man muss auf alles vorbereitet sein. Es ist nicht wiederholbar. Es muss alles passen“, bekräftigt Denk. So ist der Bestatter heute mehr als nur ein Totengräber: Er ist Stütze und Organisator in einem.

► karlalbertdenk.de


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DER TOD IST NICHT DAS ENDE

Paul Meek ist ein britisches Medium und lebt in München. Er begann seine Karriere als Opernsänger bei den Bayreuther Festspielen. In den frühen 90er-Jahren beendete er seine musikalische Karriere, um sich ganz dem Beruf des Mediums zu widmen und Menschen bei ihrer Trauer zu helfen. Deutschlandweit bekannt wurde er ab 1997 durch die RTLSendung „Mysteries“ mit Jörg Draeger. Heute hält Meek keine Einzelsitzungen mehr ab. Stattdessen konzentriert er sich auf die Ausbildung von Medien und tritt als Medium in ganz Europa auf. Zum Thema „Tod“ befragt, erinnerte sich Paul Meek an folgende Episode:

TEXT UND FOTOS: JULIA MAEHNER


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„Es kam einmal ein Mann zu mir. Ich kannte ihn nicht. Er sagte nichts, begrüßte mich nicht einmal. Ich dachte mir: Vielleicht ist er skeptisch. Männer sind skeptischer als die Damen. Er war jung und sah sehr traurig aus. Also begann ich mit der Sitzung. Trotzdem blieb er weiterhin still. Er sagte kein Wort.

wollte. Das war für mich sehr heftig. Da habe ich ihm erklärt: „Wenn du das machst, dann kommst du nicht zu deiner Frau und zu deinen Kindern, weil du auf eine andere Ebene kommst.“ Darauf meinte er zu mir: „Das Leben ist so beschissen.“ Er dachte nämlich, er käme wieder mit seiner Familie zusammen, wenn er Selbstmord begeht.

Es stellte sich heraus, dass er seine Frau und zwei Kinder verloren hatte. Die Frau hatte wohl die Kinder zur Schule gebracht und dann einen Unfall. Mit einem Schlag waren alle weg. Als ich den Kontakt zum Jenseits aufnahm, habe ich die Frau schemenhaft gesehen und sie ließ mich einiges an ihren Mann ausrichten. Der Mann zeigte aber weiterhin keine Reaktion und sah mich nur mit großen Augen an. Daraufhin habe ich ein kleines Mädchen gesehen. Sie war vielleicht zehn Jahre alt. Ich habe sie dem Mann geschildert. Sie hat mir Folgendes gesagt: „Sag meinem Papi, er darf die Tabletten nicht nehmen.“

Ich kann das gut verstehen, dass du nicht mehr leben möchtest, wenn du auf einen Schlag deine Ehefrau und zwei Kinder verlierst. Ich kann verstehen, dass man nach so einem Schock keinen Lebenswillen und keine Perspektive mehr hat. Als er hereinkam, hatte ich auch nicht das Gefühl, dass er an den Kontakt zum Jenseits glaubte, sondern dass es sein letzter Versuch war, am Leben zu bleiben. Gott sei Dank hat er die Botschaft bekommen. Tränen lügen nicht. Wenn Männer weinen, dann sind sie berührt. Als er gegangen ist, hat er mir nur gesagt: „Ich nehme die Tabletten nicht.“

Und dann habe ich zu ihm gesagt: „Du hast Tabletten in deiner Jacke, und deine Tochter hat gesagt, du darfst die nicht nehmen.“ Daraufhin begann der Mann zu weinen. Am Ende der Sitzung gab er schließlich zu, dass er sich in meiner Toilette das Leben nehmen

Der Tod ist nicht das Ende. Der Tod ist ein Übergang, ein Naturprozess wie eine Geburt. Wenn wir geboren werden, sterben wir in der geistigen Welt und werden in der physischen Welt geboren. Mit dem Tod sterben wir hier und sind in der geistigen Welt wiedergeboren.

Also ich verbinde den Tod mit einer Geburt. Deswegen ist der Tod, wie eine Geburt, etwas Positives. Wir verbinden den Tod nur mit Negativem, da wir uns nur mit dem physischen Körper identifizieren können. Ich glaube, dass Geist und Seele unsterblich sind. Man braucht keine Angst vor dem Tod zu haben. Jeder muss sterben. Es kommt in den besten Familien vor – und aus der Mode kommt’s auch nicht. ► paulmeek.de

PAUL MEEK, BRITISCHES MEDIUM UND SENSITIVER


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TEXT: SONJA PAWLOWA // FOTO RECHTS: VOLKER SCHÃœTZ // FOTO RECHS: MARIA SCHMIDT


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URNEN ZIEHEN MICH RUNTER

KATI JÜNGER, URNEN-HERSTELLERIN

Kati Jünger ist Künstlerin, Keramikerin und Urnen-Herstellerin. Die meisten ihrer Werke werden in Museen gezeigt oder von Liebhabern und Sammlern erworben. Und dann gibt es noch die anderen, die sie nicht mehr machen mag. Befriedigend ist es nicht, Urnen zu töpfern. Nein, es macht keinen Spaß, denn die Kunstwerke werden ja begraben und nicht ausgestellt. Schön oder nicht – in jedem Fall weg. Der Tod ist bei der Arbeit an der Urne immer präsent. Zwar kann man mit dem Verstand akzeptieren, dass jedem Menschen irgendwann der Tod bevorsteht. Aber der Tod hat keine Leichtigkeit. Die Freude am Resultat ist eingeschränkt. Eine Urne ist keine Vase. Andererseits empfindet Kati Jünger es als Ehre, ein ästhetisches Behältnis für den Toten herzustellen. Zumal es nicht selten vorkommt, dass es Freunde sind, und nicht anonyme Käufer, die sich eine besondere Urne von ihr wünschen. Eigentlich ist das Geschäft mit dem Tod keine gute Geschäftsidee. Entstanden ist die UrnenTöpferei nach dem Tod ihres Vaters Hermann Jünger. Der starb – was heute eher selten ist – zu Hause, im Kreise seiner Familie. Als es zu Ende ging, versammelten sich die Kinder, Enkel und die Gattin ums Bett. Nach dem Tod

wurde der Leichnam im Haus aufgebahrt. Im Zimmer war es eisig kalt, doch nach drei Tagen setzte der Verfall ein. Beides ist wichtig fürs Abschiednehmen. Man sieht den toten Menschen, sieht, dass er tot ist, und sieht, dass es nicht rückgängig zu machen ist. Der Tod wird im Alltag verborgen und versteckt. Die Sterbenden im Krankenhaus sind fast immer allein, wenn sie gehen. Sogar bei der Beerdigung gibt es meist geschlossene Särge. Alles ist irreal und weit weg. Kein Wunder, dass der Tod vergessen wird. Würden die Menschen öfter mit Sterbenden konfrontiert, wäre vielleicht ihr Leben intensiver. Dann nähmen sie die Chance früher wahr, ihr Leben durchzuputzen und klar Schiff zu machen, würden sich nicht so oft hinter Höflichkeiten und Lügen verstecken. Wenn man an einem Kunstwerk für einen Toten arbeitet, denkt man nach. Tod bedeutet Angst. Angst, dass man nicht mehr da ist. Möglicherweise nimmt die Angst ab, wenn man nicht mehr so viele Aufgaben hinter sich bringen will. Es könnte sogar sein, dass das Sterben ein ebenso schönes Ereignis ist wie eine Geburt. „An eine Wiedergeburt glaube ich eigentlich nicht. Tragisch.“ ► kati-juenger.de


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ZUM SCHUTZ DER GESUNDHEIT DES MENSCHEN

TEXT: MELANIE CASTILLO // FOTOS: LARA FREIBURGER


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Christian Pagany ist auf einem Bauernhof aufgewachsen und hatte schon immer einen starken Bezug zur Natur. Er interessierte sich von klein auf für alle „Viecherl“, wie er selbst sagt. Nach seinem Studium zum Kommunikationswirt schloss er die Ausbildung zum Schädlingsbekämpfer ab und gründete im Jahr 2000 seine Firma COMPANY – die mittlerweile bayernweit in Sachen effektiver Schädlingsbekämpfung, Hygiene, Desinfektion, nachhaltige Vergrämung und Taubenabwehr erfolgreich tätig ist.

Tierverbunden und gleichzeitig Kammerjäger sein – wie geht das zusammen? „Meine Tätigkeit dient zum Schutze der Gesundheit des Menschen,“ sagt Christian Pagany. Ein Schädling ist ein Organismus, der den wirtschaftlichen Erfolg des Menschen schmälert, sei es als Zerstörer von Pflanzen, als Nahrungskonkurrent oder durch Zerstörung von Bauwerken. Ein akuter Schabenbefall in einer Bäckerei ist natürlich etwas anderes als ein Wespennest am Fenster eines Privathaushaltes, aber in beiden Fällen muss der gelernte Schädlingsbekämpfer ran.

CHRISTIAN PAGANY, GEPRÜFTER SCHÄDLINGSBEKÄMPFER

„Für viele hört die Natur vor dem eigenen Zimmer auf. Vor allem Leute aus der Stadt haben damit nichts mehr am Hut. Im Tierreich gibt es keine Schädlinge, erst der Mensch macht sie dazu.“ An diesem Punkt steigt Pagany bei einem Auftrag ein und klärt den Kunden auf. „Das ist fast das Wichtigste an unserer Arbeit.“ „Manche Insektensprays aus dem Supermarkt sind giftiger für Mensch und Umwelt, vor allem, wenn sie bei unsachgemäßer Anwendung in der Wohnung versprüht werden, als die Verfahren, die wir verwenden.“

Milben, Bettwanzen, Schaben, Motten, Fliegen, Kellerasseln, Silberfischchen, Wespen, Mäuse, Ratten, Tauben, Marder – alles Tiere, die Christian Pagany bei Bedarf um die Ecke bringt. Mitleid empfindet er beim Töten der Viecherl eigentlich nie. Außer bei Hornissen. „Hornissen stehen unter Naturschutz und sind die friedfertigsten Zeitgenossen überhaupt. Da tut es mir in der Tat sehr leid, wenn ich die Wächterin und damit dann auch das ganze Nest vernichten muss.“ Deshalb müssen dem Kunden vorab Alternativen aufgezeigt werden, z. B. eine Verblendungsvorrichtung, die das Nest abschirmt und somit eine Koexistenz von Mensch und Tier ganz easy möglich macht, denn das Töten von Hornissen (und nur mit Genehmigung) ist wirklich die allerletzte Option. So manches Wespennest hat er auch schon gerettet und in seinen eigenen Garten umgezogen. Sein Beruf hat Christian Paganys Einstellung zum Tod nicht unbedingt verändert, denn „er gehört nun mal zum Leben dazu“.

► company-gmbh.de


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IMMER AUF DER SEITE DES OPFERS ROBERT SIGL, REGISSEUR „AKTENZEICHEN XY … UNGELÖST“

1969, als Robert Sigl sieben Jahre alt war, starb seine 27-jährige Tante während einer Schwangerschaft an einer Embolie. Ein tragisches Ereignis für alle Angehörigen und ein verstörendes Erlebnis für ein Kind, zumal der offene Sarg mit der jungen, aber leider toten Frau im Leichenschauhaus präsentiert wurde. Die Trauergäste warteten vor einer verhangenen Fensterscheibe, bis der Blick auf das Arrangement mit Sarg, Kerzen und Kränzen freigegeben wurde. Wie im Theater: Vorhang auf – Leiche – Vorhang zu. Dieses Kindheitstrauma verarbeitete Robert in seinem Film „Laurin“, für den er prompt den Bayerischen Filmpreis als bester Nachwuchsregisseur erhielt.

TEXT UND FOTO: SONJA PAWLOWA


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Mit Horror und Tod verdient er seitdem sein „täglich Brot“ als Regisseur mit Krimis wie dem „Tatort“ oder amerikanischen ScienceFiction-Serien, und eben auch bei „Aktenzeichen XY … ungelöst“. „Es ist ein Glück, sich von Berufs wegen seinen Ängsten stellen zu können. Die Realität ist sowieso noch viel, viel grausamer als das, was am Ende dem Fernsehzuschauer zugemutet wird.“ Wenn ein Täter dank seiner XY-Fahndungsfilme nicht ungeschoren davonkommt, empfindet Robert das als erfüllend: „Da hat man etwas Sinnvolles getan.“ Das Wissen, dass die in der Serie gezeigten Verbrechen sich in Wirklichkeit zugetragen haben, ist sicherlich bis heute das Geheimnis des Erfolgs. Alles sieht so normal aus. Die Filme folgen immer einem Muster: Es beginnt mit dem gewohnten Tagesablauf des Opfers, eine Voice-over-Stimme erklärt sachlich die ermittelten Fakten wie Datum und Tageszeit. Harmlose Dialoge betonen die Ahnungslosigkeit der Beteiligten. Dann folgt meist ein Zufall, eine Planänderung wie ein verpasster Bus oder eine vergessene Geldbörse. An der Spannungsmusik wird erkennbar: Diese Kleinigkeit führt ins Verderben.

Das XY-Format war eine Erfindung von Eduard Zimmermann, wurde in viele Länder exportiert und läuft in Deutschland ohne Unterbrechung seit 1967. Robert Sigl inszeniert Zuspielfilme, Rekonstruktionen des Tathergangs. Pro Ausstrahlung werden bis zu sechs Fälle gezeigt, damit Zeugen gefunden und Täter gefasst werden. 50 solche Filme hat er in den letzten zwei Jahren gestaltet. Gedreht wird in München und Umgebung. Das XY-Team, vom Ausstatter bis zum Maskenbildner, beherrscht das Metier aus dem Effeff, sodass der Zuschauer gar nicht bemerkt, dass im Film der abgetrennte Männerkopf nicht in einem hessischen Waldstück, sondern in den Isarauen liegt. Originalschauplätze und echte Opfer sind tabu: Zum einen aus Pietätsgründen – und auch weil die echten Leichen zu schnell verwesen. Zum anderen, damit die Angehörigen der Opfer nicht vom Fernsehpublikum gestalked werden. Dass es sich um kleine Spielfilme und nicht um Dokumentationen handelt, ist nicht allen Zuschauern bewusst. So gab es wiederholt hysterische Notrufe bei der Polizei, weil Schauspieler für tatsächliche Mörder gehalten wurden. Die Darsteller werden nach ihrer Ähnlichkeit mit den beteiligten Personen

des echten Kriminalfalls gecastet. Manchmal spielen sogar Celebrities mit. Doch vor allen anderen Faktoren, die zu einer Besetzung führen, hat die Physiognomie des Schauspielers oberste Priorität. Der Regisseur hat keinen direkten Kontakt zu Polizei und Staatsanwaltschaft. Jeder Fall, für den sich die Polizei von der Sendung Unterstützung erhofft, wird von einem zuständigen XY-Redakteur betreut, der den Fall genau recherchiert, mit den Ermittlern und sogar den Familien der Opfer kommuniziert. Dieser Redakteur schreibt schließlich das Drehbuch für den Zuspielfilm. Die Polizei gibt vor, was gezeigt werden darf und soll und was nicht. So wird ausgespart, was eindeutig nur Täterwissen sein kann, um später Beweise zu sichern. Oder aber der Täter selbst soll provoziert werden, indem seine Handlungen etwa als dumm dargestellt werden. So mancher hat sich selbst verraten, als er seine eigene Straftat im Fernsehen sah und erzürnt „So blöd hab ich mich nicht angestellt“ rief. Ziel ist es immer, auf der Seite des Opfers zu stehen. Aus den Tätern werden – im Gegensatz zu vielen Kinooder Fernsehkrimis – keine Helden gemacht. ► aktenzeichenxy.de


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LEBEN x UNENDLICH = UNENDLICH ≠LEBEN x 0 = 0


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IM GESPRÄCH MIT LUDWIG STEINHERR, PHILOSOPH UND DICHTER, ORDENTLICHES MITGLIED DER BAYERISCHEN AKADEMIE DER SCHÖNEN KÜNSTE

Ein Gespräch mit Ludwig Steinherr ist eine Reise in eine andere Wirklichkeit. Schon seine Wahl des Treffpunkts gewährt Einblick in seine Welt. Umgeben von geschmackvollen Antiquitäten im geschichtsträchtigen Café Tambosi zwischen Odeonsplatz und Hofgarten fühlt sich das Hier und Jetzt ungemein vergänglich an. Münchens allererstes Kaffeehaus, wo schon vor Jahrhunderten auf den prunkvollen Fauteuils über Gott und die Welt parliert wurde, soll wegen einer Mieterhöhung zum Jahresende geschlossen werden. Was heute lebt, ist morgen tot. So ist das eben. Aber so wie es für das Café Tambosi Hoffnung auf eine Wiedereröffnung gibt, könnte auch der Mensch nach dem Tode irgendwie weiterexistieren. Oder?

TEXT UND FOTO: SONJA PAWLOWA


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Gott sei Dank ist Ludwig Steinherr ein geduldiger Mensch, der bei einer Tasse Tee erklärt, worüber jeder einmal nachgedacht haben sollte: Die Naturwissenschaften können zum Tod keine Aussagen machen. Das lässt die Methodik nicht zu. In der Naturwissenschaft führen Beobachtungen zu Hypothesen. Beobachtungen über den Tod hinaus, über Gott oder das Jenseits sind nicht möglich. Man darf sich also nicht wundern, dass die Existenz eines „Jenseits“ oder „Gottes“ nicht wissenschaftlich bewiesen werden kann. Die Naturwissenschaft kann sich die Frage nach dem Ganzen sowieso nicht stellen, weil sie in Fachbereiche wie Physik und Chemie aufgegliedert ist. Deshalb gibt es die Philosophie. Fakt ist, im Sterben sind wir verschieden, aber was wir im Tod sind, kann niemand beantworten. Angenommen nach dem Tod kommt das Nichts, also null, dann ist das Leben multipliziert mit Null gleich null. Wenn aber das Sein nach dem Tod nicht nichts ist, also nicht null, dann geht die Rechnung anders. Dann ist der Tod so verschieden wie die Menschen. Man hat also zwei Alternativen: Entweder nach dem Tod ist nichts oder es gibt eine Weiterexistenz. Die Chancen für Letzteres liegen höher. Warum?


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Man kann es auch mit Blaise Pascal sagen, dem berühmten Philosophen und Mathematiker, der zugleich Christ war. Als einer der Begründer der modernen Wahrscheinlichkeitsrechnung stellte er die Glaubensentscheidung als eine Wette dar: Wir sind gezwungen, mit unserem Leben einen Einsatz zu wagen – auf Gott oder das Nichts. Aber überall dort, wo der Gewinn unendlich ist (Gott/Unsterblichkeit), ist die einzig mathematisch vernünftige Entscheidung, auf die Unendlichkeit zu setzen. Ein Sinn des Lebens wäre also nur im Falle einer Weiterexistenz denkbar. Entweder hat alles einen Sinn oder nicht. Denn auch die Realität ist eine Konstruktion. Ich befinde mich in einem unendlichen Universum. Ich weiß nicht, woher es kommt. Ich weiß nicht, wohin es geht. Ich weiß, dass ich irgendwann sterben werde, tue aber ständig so, als ob es nicht passieren würde. Ist diese Situation nicht absurd? Du lebst in einer konstruierten Wirklichkeit und denkst an deine Kreuzfahrt und an deine Altersversicherung und das Fundamentale geht dir verloren. Da ist doch der Gedanke, unsterblich zu sein, nicht verwunderlicher als der Rest des Ganzen. Die Gesellschaft ist nicht atheistisch, nur Weltmeister im Verdrängen.

Eine Sinnlosigkeit, beschrieben im Existenzialismus, ist schwer auszuhalten. Das haben die Existenzialisten selbst bewiesen. Vittorio Hösle hingegen, Philosoph, Vertreter der Transzendentalpragmatik und einer der engsten Freunde von Ludwig Steinherr, sagt dazu: „Selbst wenn wir es leugnen, setzen wir voraus, dass es einen absoluten Sinn, einen Wert gibt. Wir würden überhaupt nicht dagegen argumentieren, wenn wir nicht daran glauben würden.“ Aber egal, woran man glaubt: Die Begegnung mit dem Tod ist schockierend. Deshalb verdrängt man den Tod im Alltag. Manche verdrängen den Tod sogar noch, während sie sterben, lassen sich einfrieren und solche Dinge. Doch es gibt auch gegenteilige Erfahrungen. Die Konfrontation mit dem Tod kann auch die Angst vor dem Sterben nehmen. So oder ähnlich berichten einige Menschen, die eine Nahtoderfahrung hatten. Frei von Angst reagieren manchmal auch sehr religiöse Menschen, wie beispielsweise Ludwigs Mutter, die heiter und gelöst starb. Offenbar hatte sie keine Angst vor dem Sterben und war nur auf das Kommende gerichtet. Als Philosoph jedoch findet Ludwig das Sterben als solches gar nicht so wichtig.

Die Frage nach dem Jenseits erscheint ihm zentraler. „Als Atheist hätte ich keine Kinder“, sagt er. Ludwig ist Christ. Da gehört ein Jenseitsglaube dazu. Aber auch ein ethisch-philosophischer Ansatz endet am gleichen Punkt: Gutes Handeln führt in eine positive Welt. Im Hier und Jetzt? Nicht nur. Denn es ist ein Postulat der Ethik, dass mit dem Tod nicht alles endet. Ethische Verpflichtungen überschreiten die zeitliche Existenz. Beispielsweise opfern sich Menschen für andere. Wenn es nichts nach dem Tod gibt, ist es egal, ob einer für einen anderen stirbt. Es macht aber einen Unterschied, ob man der Jude im KZ oder der SS-Wächter ist. Es besteht ein bleibender Unterschied, der einer Multiplikation des Lebens mit Null widerspricht. Ludwig Steinherr setzt diese Erkenntnis konkret um. Er ist aktives Amnesty-InternationalMitglied. Er findet es schockierend, wie viele Menschen die Todesstrafe befürworten oder ihr gegenüber gleichgültig sind. „Es sagt viel über einen Staat aus und die Pervertierung des Rechts, wenn eine Todesstrafe existiert.“ ► ludwigsteinherr.com


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„Wenn ich keinen Sinn im Leben finde, weiß ich auch nicht, wie der Tod sein soll.“

INTERVIEW: NURIN KHALIL // FOTOS: MATTHIAS KEITEL

Wie kam es zu deiner Entscheidung, im Bereich Hospiz zu arbeiten? Das Sterben begleitet mich eigentlich schon seit meiner Kindheit. Ich komme aus einem Dorf mit 50 Einwohnern, dort war der Tod immer ein Thema, ob beim Tier oder Menschen. Ich hatte da nie Berührungsängste. Mein letzter Einsatz in der Ausbildung war auf einer Intensivstation für Frühgeborene. Das wahnsinnige Kämpfen ums Leben, wo oft schon absehbar war, dass die Kinder aufgrund der Schäden durch die Frühgeburt keine Chance haben. Dadurch bin ich eigentlich reingerutscht und bestärkt worden darin, dass diese Tätigkeit einfach sinnerfüllend ist. Was genau macht man bei einer Sterbebegleitung? Man ist die Person, die man immer ist; das ist das Wichtigste. Jeder Sterbende sucht sich seinen Begleiter selber aus, Koordinatoren kümmern sich um den Erstkontakt. Das Schwerste ist einfach, mal nichts zu machen. Klar, man liest vor, geht spazieren, begleitet den Alltag der Leute. Aber ein großer Teil ist es auch, bei jemand Fremden in der Wohnung zu sein, bloß da zu sein. Das ist für viele schon beruhigend. Das Gefühl, dass da jemand ist, kann man nicht ersetzen durch Musik oder Fernsehen.

Matthias Keitel ist 34 Jahre jung, ehemalige Koordinationsfachkraft des Hospitznetzwerks München und Fotograf. Nach seiner Ausbildung als Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger schreibt er derzeit an seiner Bachelor-Arbeit in angewandten Gesundheitswissenschaften, fragt sich darin: Bleibt man gesünder, wenn man einen Sinn im Leben hat? Sein neuestes Projekt ist eine selbstgestaltete Bilder- und Gedichtsammlung zum Thema Tod.

Dein letztes Projekt war eine Ausstellung mit dem Titel „Fluss der Gezeiten“. Was hat dich dazu bewegt, Fotografien zum Thema Tod zu machen? Wir haben leider stark sinkende Ehrenamtszahlen. Mein Ansatzpunkt war es, ein Medium zu schaffen, das die Hospizvereine immer nutzen können, ohne großen finanziellen oder zeitlichen Aufwand; und auf diesem Weg auf das Thema aufmerksam zu machen und es jedermann zugänglicher zu gestalten. Es gibt beispielsweise einen Film, den man bei Infoveranstaltungen nutzen kann.


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„Das Sterben ist mit vielen Fragen durchzogen: Warum jetzt, warum ich?�


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Die Ausstellung besteht aus verschiedenen Bausteinen: Bildern, Gedichten, Zitaten. Wie hängen diese zusammen? ­Die Fotos selber, welche von Alexander Deeg geschossen wurden, zeigen das Leben, nicht den Tod, denn letzteren kennt man zur Genüge: etwa Hände, die sich halten; alles in Schwarz-Weiß. Die letzte Lebensphase scheint oft ausschließlich mit Trauer einherzugehen. Meine Erfahrungen sind aber so voller Leben und Aktivität, das sollte die Ausstellung widerspiegeln. Die Frage dahinter lautet: Was machen Menschen, die andere begleiten, was sind ihre Beweggründe, welche Qualitäten haben sie? Jeder Besucher oder Mitarbeiter kann sich dem Thema so auf seine eigene Art und Weise nähern. Dein neues Projekt ist eine Homepage mit Bildern und Gedichten zum Thema. Wie kann man sich das vorstellen? Zunächst hatte ich die Überlegung, das Projekt auf Facebook zu starten, aber das ist nicht das richtige Medium. Zu viel los, zu schnelllebig. Ein konkretes Beschäftigen ist nicht möglich. Auf meiner Homepage kann man sich Zeit lassen, auf den richtigen Tag warten. Die Texte und Gedichte schreibe ich selber. Ich versuche, Bilder und Texte so zu wählen, dass sie nachdenklich stimmen und Interpretationsspielraum schaffen. Sie können Kraft ausdrücken, Mut machen, Melancholie fördern, einfach nur schön sein … Denkst du, die Leute beschäftigen sich zu wenig oder zu spät mit dem Gedanken, dass ihr Leben mal ein Ende haben wird und was dann kommt? Wir sind schon distanziert auf einer Seite, andererseits hat alles seine Zeit. Oft hatte ich das Gefühl, die Leute erkennen meine Arbeit nicht richtig an und würdigen sie durch ihr Desinteresse nicht. Aber mittlerweile kann ich verstehen:

Wenn man jung und gesund ist, schiebt man den Gedanken weg. Man braucht zu dem Thema ein Erlebnis. Ich kann jedem nur empfehlen, mal ein oder zwei Begleitungen mitzumachen: Die Ausbildung zum ehrenamtlichen Hospizbegleiter kann jeder kostenlos machen! Auch wenn es makaber klingt – es hat ja immer ein Ende. Diese letzte Lebensphase ist so toll und kann so bereichernd sein, das kann man nicht mit Seminaren vermitteln. Es lohnt sich, einen Gang herunterzuschalten. Das ist ein Geschenk, das man so nicht erklären kann. Was für eine Rolle spielt Religion oder Glauben in diesem Arbeitsumfeld? An was glaubst du? Ich bin evangelisch erzogen worden, mit einem bestimmten Bild aufgewachsen. Ich finde es schwierig, wenn mir Menschen, die ich begleite, sagen, sie glauben an gar nichts. Man muss ja nicht an Gott glauben oder einer Religion folgen. Eine gute Vorstellung darüber, wie das Leben enden könnte, ein Glaube daran, dass alles gut wird, reicht schon aus. Ich glaube auch nicht, dass es eine Vernichtung nach dem Tod gibt. Viele quälen sich unnötigerweise durch die Vorstellung der Leere danach, die finde ich schrecklich. Heidegger sagt: „Es gibt keine Leere, denn die Zeit fließt immer weiter.“ Wenn man ein Leben lang gedacht und gefühlt hat, was erlebt hat: Das verschwindet nicht einfach, nur weil der Körper nicht mehr kann. Das soll nicht esoterisch klingen, aber ich glaube nicht, dass so eine Energie verloren geht. Wir kehren zurück in die Natur, geben ihr etwas zurück und damit beginnt etwas Neues; es hört nie auf. Der Moment, in dem jemand stirbt, ist so ein ruhiger, warmer Augenblick. Da ist keine Leere danach, dann wären da bloß Kälte und Stille und nicht so eine wohlige Zufriedenheit. ► art-education.de


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SIE HATTE KEIN KLEID FÜR DIE BEERDIGUNG ...

... deshalb hat sie das Sommerkleid mit den kleinen weiß-blauen Blumen angezogen. Eine dunkelgraue Strumpfhose, Stiefel. Wasserfeste Wimperntusche. Fast hätte ich sie nicht erkannt, so verloren sah sie inmitten all der schwarz gekleideten Leute aus. Und das ist deine Schuld. Ganz allein. Zwei Jahre kennen wir uns jetzt. Zu Anfang konnte ich nicht viel mit dir anfangen. Mit dir und deinem gottverdammten Namen. Ich war nicht bereit, dich in meinen Wortschatz aufzunehmen, wollte dich nicht wiedersehen. Aber du bist zu einem Alltagsbegriff geworden, hast nach und nach alles besudelt und eingenommen. Du bist in jede Ritze unseres Lebens gekrochen. Freitags gab es keine Pfannkuchen mehr, sondern Congee, Sprossen und Kresse. Wir haben alles versucht, um dir das Leben in ihm schwer zu machen. Dich kleinzukriegen. Zuletzt mit Hochfrequenzstrom. Beim Wort Kresse könnte ich heute kotzen. Bei Kresse und vielen anderen K-Wörtern. Du bist das schlimmste davon. Und nun ist er fort und du bist immer noch da. Jeden Tag blickst du mir aus ihren stumpf gewordenen Augen entgegen. Wenn du ein Leben nimmst, verlässt du das der anderen nie wieder. Du bist wie Rotwein auf weißem Stoff. Mit viel Mühe und Chemie verblasst du irgendwann, aber der Schmerz bleibt. Er hängt in den Erinnerungen. In jedem neuen Tag, der plötzlich ein Loch enthält. Du hässlichste aller Fratzen, du gieriger Bastard hast ihr das Liebste im Leben genommen. Wenn ich könnte, würde ich dich dafür in Stücke reißen. Aber du bist nicht greifbar. Du widersetzt dich allem, du wütest und streust. Spaltest Leben in ein glückseliges Davor und ein grausames Danach. „Zwischen euch passt kein Blatt Papier. Kein Elementarteilen.“ So oft habe ich sie mit diesem Satz aufgezogen. Wie lächerlich Unrecht hatte ich damit. Am Ende warst du 5 cm groß und so viel schwerer als das dickste Blatt Papier. Gelehrt hast du mich nur eines: wie kostbar ein Leben ohne dich ist. Seit dem 19. Juli stehe ich jeden Tag mit diesem Gefühl auf und trotze dir, spucke dir Leben ins Gesicht. Für ihn. Gegen dich. Ich verstehe das Glück hinter den schlagenden Herzen meiner Lieblingsmenschen. Und ich schätze es jetzt, nicht erst morgen. Denn das ist alles, was man gegen dich tun kann. (Für SD)

TEXT: ANNIKA WAGNER ► getlostinwordsandmusic.wordpress.com // ILLU: ANNEMARIE OTTEN ► annemarieotten.de


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WASCHDLS GRANTNOCKERL

Weißwürschd, Lederhosen und das beruhigende Rauschen der Isar: München ist ein Traum von einer Stadt. Aber weil München nicht München wäre ohne eine ordentliche Portion Grant, lässt curt-Redakteur Sebastian Klug (bairisch: „Waschdl“) an dieser Stelle in jeder Ausgabe einmal so richtig den Grantler raus und zeigt auf, was schiefläuft in der Landeshauptstadt und im Rest der Welt. Diesmal die übertriebene Ernsthaftigkeit bei Beerdigungen und wie es anders geht – aber auch, wo die Grenzen des Humors liegen. TEXT: SEBASTIAN KLUG // ILLU: TIM BRÜGMANN

VON SCHNITZMESSERN UND DREIECKSSÄRGEN Der Tod ist keine schöne Sache, das stimmt schon. Aber ihn bierernst anzugehen, macht ihn halt auch selten erträglicher. Das wurde mir bereits im Alter von sieben Jahren klar, als mein Opa sich von dem Alltagsstress des Rentnerdaseins verabschiedet und zu seiner Bestattung geladen hatte. Während fast alle um mich herum sich mit ernsten Mienen zunickten oder mit Tränen im Augenwinkel umarmten, kramte ich gelangweilt in der Sofafalte der großelterlichen Polstergarnitur und fand das Schnitzmesser vom Opa. Ein echtes Messer. Aus Metall. Mit sieben Jahren. Und der Opa kann es mir nicht mal wegnehmen. Ein Hoch auf Beerdigungen! Wäre mir das an einem Geburtstag passiert, man hätte mir dieses Messer sicherlich sofort weggenommen, aber so waren alle mit Wichtigerem beschäftigt – und ich wurde mit einem Schlag vom Großelternviertelwaisen zum Messerbesitzer. Geile Sache. In dem Moment habe ich meinen Opa noch mehr gemocht als sowieso schon.

Den Tag endgültig versüßt hat mir jedoch etwas später mein Onkel beim Leichenschmaus. Leichenschmaus. Allein schon das Wort zauberte mir damals schaurige Bilder unter die Schädeldecke: Ham’s den Opa doch nicht beerdigt, sondern gekocht? Na ja, auf jeden Fall, genau, der Onkel: Der hatte sich nämlich nach drei vergeblichen Versuchen, bei der vollkommen überforderten Bedienung einen Kaffee zu bestellen, entschieden, ihr zur Erregung ihrer Aufmerksamkeit einen beherzten und nicht minder geräuschvollen Schlag auf den Hintern zu geben. Und auch, wenn sexuelle Belästigung in den 80er-Jahren nicht ganz so geächtet gewesen sein mag wie heute, zeigte die Aktion Wirkung: Die Beerdigungsgesellschaft verstummte und die Bedienung drehte sich schockiert nach meinem Onkel um; der daraufhin mit dem charmantesten Lächeln, das ihm zur Verfügung stand, seinen Kaffee bestellte. Und bekam.


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Meine Oma starb dann erst ganze 21 Jahre später. Dazu muss man sagen, dass meine Oma echt der Bringer war. Durch und durch Dame und stets in Rock und Bluse gekleidet, war sie sich dennoch nie zu schade, mit mir Fußball zu spielen, wenn ich es wollte. Dabei stand sie meist im Tor, das in diesem Fall unser Gartentor war, und hielt auch erstaunlich viele Bälle. Dass sie sich dann Jahre später relativ zeitgleich von der Bühne des Lebens verabschiedete wie Oliver Kahn von der Bühne des Profifußballs, brachte mich auf die Idee, den Fokus meiner Grabrede auf die Parallelen in den Leben dieser beiden Torhüterlegenden zu legen. „Zwei große Torhüter sind in den letzten Tagen von uns gegangen, und nur einer davon wird uns sicherlich weiterhin im Fernsehen belästigen ...“ Sehr zum Missfallen der anwesenden Senioren. Dass ich, als beim anschließenden Kuchenessen eine Nachbarin meiner Oma einen Teller fallen gelassen hat, quer durch das Wohnzimmer rief, man möge sich zusammenreißen, weil das hier eine Trauerfeier sei und kein Polterabend, machte die Sache nicht besser. Glücklicherweise vergessen Senioren Dinge bisweilen recht schnell. Wobei die vermeintliche Leichtigkeit des Todes ihre Grenzen hat – und zwar beim Tod eines Kindes. Unsere Tochter kam vor gut einem Jahr auf die Welt, und nach wenigen sorglos-glücklichen Stunden wurde bei ihr ein schwerer Herzfehler diagnostiziert, der mit einer recht diffizilen Operation behoben werden musste. Nach dem erfolgreichen Eingriff lag sie auf der Intensivstation des Deutschen Herzzentrums in München, angeschlossen an zahllose Schläuche und Kabel – und am anderen Ende des Raumes lag ein Junge, der ungefähr dreimal so viele Schläuche in seinem Körper stecken und weitaus furchterregendere Geräte um sein kleines Bettchen herum stehen hatte. Nach einigen Tagen fing mich die zuständige Krankenschwester auf dem Gang ab

und bat mich, mich nicht aufzuregen, unsere Tochter sei in ein anderes Zimmer verlegt worden, damit die Familie des kleinen Jungen Zeit mit ihm alleine verbringen könne. Wenige Stunden später kam ein Pfarrer aus der Gemeinde der Familie auf die Station, und am nächsten Morgen war das Krankenzimmer leer. Es war die letzte Nacht des Zimmernachbarn unserer Tochter. Ich habe die Familie noch ein paar Mal auf dem Gang und im Garten der Klinik getroffen und in ihre leeren, ausdruckslosen Gesichter geblickt, die in diesem Moment jede Hoffnung verloren hatten. Ich wusste nicht ansatzweise, wie ich damit umgehen sollte, und kriege heute noch feuchte Augen, wenn ich mir vorstelle, dass es auch unsere Tochter hätte treffen können. Der Tod eines alten Menschen ist unausweichlich, der Tod eines Kindes dagegen unverständlich und unberechtigt, biologisch nicht sinnvoll. Er macht wütend und lässt in dem Moment keinen Raum für Leichtigkeit. Er ist nicht geprägt von Ernsthaftigkeit, sondern von absoluter Sprach- und Haltlosigkeit. Die gute Nachricht: Unsere Tochter hat es gepackt. Vollständig genesen. Von daher kann ich jetzt langsam anfangen, sie auf meinen Tod vorzubereiten. Ich hoffe, sie bringt wen zum Lachen bei meiner Beerdigung. Im Idealfall besorgt sie mir sogar diesen dreieckigen Sarg, von dem ich schon so lange träume. Damit man mich breitbeinig bestatten kann und ich mich auch im Jenseits an den Eiern kratzen kann. Wenn’s wer schafft, dann sie.


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SUUM CUIQUE – JEDEM DAS SEINE Eigentlich könnte es uns ja egal sein, wie und wo wir beerdigt werden. Wenn es vorbei ist, kriegen wir – höchstwahrscheinlich – sowieso nichts mehr mit. Dennoch: Beerdigung ist Pflicht, denn uns ad hoc in Luft auflösen, können wir nicht. In Deutschland herrscht gar Friedhofszwang. Deine Asche auf einem Berggipfel von einem lauen Windchen davontragen zu lassen, kannst du also knicken. Außer du wohnst in Bremen: Dort darf deine Asche im eigenen Garten oder in sogenannten „Ruhewäldern“ verstreut werden. Immerhin. Im Rest der Republik läuft es indes in 39 % der Fälle auf eine klassische Erdbestattung hinaus. Grab an Grab, Rhododendron vor Buchsbäumchen, Reih in Glied – quasi die exakt eingezäunte Doppelhaushälfte auf dem Friedhof. Analog liegt der ehemalige Villenbesitzer im herrschaftlichen Mausoleum, der Ex-Mieter eines Münchner Wohnklos platzsparend im Urnengrab. Jeder bekommt auch im Tod, was er verdient (hat). Mit-dem-StromSchwimmer lassen sich selbstverständlich seebestatten. Bevor die spezielle Seeurne in den Wellen verschwindet, wird die Aschekapsel per Paketdienst an die Nord- und Ostsee befördert. An Angehörige darf sie nicht herausgegeben werden. Für Auswanderer, die es weiter in die Ferne zieht, gestaltet sich diese letzte Kreuzfahrt schon etwas schwieriger. Deutsche Gesetze nehmen es – auch in puncto Beerdigung – sehr genau. Was machen also all jene, die schon zu Lebzeiten gerne quergeschossen haben und auch nach ihrem Ende ein kreatives Zeichen setzen wollen? Sie können sich aus ihrer Asche einen Diamanten pressen lassen, damit das Ego post mortem weiter funkelt. Oder sie wählen die Luftbestattung per Heißluftballon oder Flugzeug. Selbst in die unendlichen Weiten des Universums können sie sich – bzw. einen kleinen Teil ihrer Asche – per Rakete katapultieren lassen. Alles ist machbar – wenn auch oftmals nicht in Deutschland. Egal, dann wird die Urne einfach munter exportiert, um lästige deutsche Gesetze zu umgehen. Querdenker gehen eben keine geraden Wege. Für welche Beerdigung entscheidest du dich? Bist du mehr der Naturfreund und liegst im Schatten eines Baumes? Oder zeigst du dich von deiner philanthropischen Seite und stellst deinen Körper selbstlos der Medizin zur Verfügung? Mach unseren Test! Wir verraten dir das perfekt auf dich zugeschnittene Finale.


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WELCHER BEERDIGUNGSTYP BIST DU?

TEXT: LINDA MAIER & MIRJAM KARASEK // FLOWCHART: LINDA MAIER


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START

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FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE EIN BESUCH AUF DEM TIERFRIEDHOF MÃœNCHEN


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TEXT: LEA HERMANN // FOTOS: LARA FREIBURGER

Friedlich ist es hier, würde nicht alle zwanzig Minuten die S-Bahn Richtung Flughafen vorbeidonnern. Bäume, Hecken, eine große Wiese – ein wahres Hundeparadies. Nur eben der etwas anderen Art. Hier, direkt am S-Bahnhof Halbergmoos haben neben Hunden und Katzen auch Nager und Vögel ihre letzte Ruhe gefunden. „Jeder Tag mit dir war ein Geschenk“, „Als Hund eine Katastrophe, als Mensch unersetzlich“ und „Geliebt und unvergessen“ ist als Inschrift auf den Grabmälern zu lesen. Meist sind die Gräber schlicht gehalten, einige fallen jedoch aus dem üblichen Rahmen und erinnern fast an Mausoleen. Neben Blumen und Statuen zieren auch Kuscheltiere viele Gräber – da kann es schon mal vorkommen, dass eines von ihnen von einem Hund auf Besuch stibitzt wird. Es geht hier lockerer zu als auf einem richtigen Friedhof. Und viel ehrlicher, findet Wolfgang Müller, der Tierfriedhofsleiter. Wolfgang Müller sitzt auf einer Bank, links und rechts Gräber, seine Hündin Enja liegt vor im in der Sonne. Der Münchner ist tierlieb, hat fünf Hunde. Als vor Jahren Terry, ein Bullterrier wie Enja, krank wurde, begann die Suche nach einer Ruhestätte. Tierbesitzer ohne Garten bleiben eigentlich nur zwei Möglichkeiten: das verstorbene Tier illegal im Wald zu verscharren oder die Tierkörperbeseitigungsanlage, wo die Tiere verbrannt und weiterverarbeitet werden. Undenkbar für Müller. 2004 eröffnete er deshalb nach langem Hin und Her mit den Behörden den Tierfriedhof in Halbergmoos. Etwa 120 solcher Ruhestätten gibt es aktuell in Deutschland, Ende der 90er waren es gerade mal um die 30. Seitdem hat Müller 600 bis 800 Tiere bestattet. Längst hat er aufgehört zu zählen, weiß aber zu jedem Grab eine Geschichte zu erzählen. Zum Beispiel von dem Papagei, der gleich drei Ehemänner seiner Besitzerin überlebte. Oder von dem Blindenhund, dessen Frauchen ihn auch noch nach über zehn


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Jahren auf dem Friedhof besucht: „Bei den Leuten, die zu mir kommen, gehört das Tier zur Familie.“ Ungefähr 30 % melden sich bereits vor dem Tod des Haustiers bei ihm, um sich zu informieren. Müller berät gerne: „Man muss die Tiere achten – auch nach ihrem Tod.“ Die Pacht für ein Grab beläuft sich auf drei Jahre, danach kann verlängert werden; Preise schwanken je nach Größe von 250 bis 1.400 Euro. „Ich habe Kunden, da liegt bereits die nächste Generation unter der Erde“, sagt Müller. Jeder, der hier ein Tier begraben hat, besitzt einen eigenen Schlüssel. Das eiserne Friedhofstor ist abgeschlossen, die Hecken halten neugierige Blicke ab. Früher kamen am Sonntag ganze Besucherscharen, der Tierfriedhof war eine Attraktion. Auf diese Gaffer, die sich wunderten, dass selbst Ratten bestattet werden, hatte Müller bald keine Lust mehr. Nicht jeder empfindet so viel für Tiere wie er. Wie das Haustier beerdigt wird, bleibt jedem Besitzer selbst überlassen: ob mit Céline Dions „My heart will go on“ in voller Lautstärke oder mit der gesamten Großfamilie im Schlepptau. Sogar eine evangelische Pfarrerin hat schon Bestattungen abgehalten. Müller selbst hat ein großes Kreuz und eine Jesus-Figur aufgestellt, mit der Kirche hat der nebenberufliche Bestatter aber nichts am Hut. Probleme gab es noch nie, auch nicht mit dem Veterinäramt, das jährlich zur Kontrolle vorbeischaut. „Der Tierfriedhof kommt gut an, bisher war jeder dankbar“, erzählt Müller in seinem Schuppen. Hier lagert er neben dem Rasenmäher auch Särge: große, kleine, dunkle, helle. Für jeden Geschmack und jedes Tier ist etwas dabei. Müller wird oft zum Seelsorger, geht auf die Leute ein. Das ist das Anstrengendste an der Tätigkeit auf dem Friedhof: „Vor allem trauernde Kinder gehen mir nahe.“ In seinem Büro bietet er den Herrchen und Frauchen Getränke an. Viele wollen nochmal von ihren tierischen Begleitern erzählen. Es wird geweint, und oft auch gelacht. Wolfgang Müller beobachtet seine Enja, die es sich vor dem Schuppen bequem gemacht hat. Früher ist sie der S-Bahn hinterhergejagt, jetzt ist sie ruhiger geworden. Elf Jahre ist der Bullterrier alt, er nennt sie „Oma“. „Ich hab vielleicht noch zwei, drei Jahre mit ihr.“ Müller tätschelt den Bauch seines Lieblings. Für Enja hat der Bestatter bereits einen Grabplatz reserviert. Direkt neben Terry – dem Hund, mit dem alles angefangen hat. ► tierfriedhof-muenchen.de


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IM GESPRÄCH MIT PULS-REPORTER MICHAEL BARTLEWSKI

Michael Bartlewski hat in Weimar und Würzburg was mit Medien studiert, weil er nach dem Abi unbedingt aus München rauswollte, und kam dann wieder zurück. Gottlob, sonst wäre er nicht als Reporter beim BR gelandet, hätte nicht beim Zündfunk gearbeitet, dann bei der jungen Welle, die jetzt PULS heißt. Und: Es gäbe DIE FRAGE nicht – ein Zwitter aus Radio- und Fernsehsendung, der jeden Monat eine bestimmte Frage beleuchtet. Eine große Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt, die knifflig ist, und vor allem: bei der das Team selber vorher noch keinen Plan davon hat, wie die Antwort aussehen könnte. So recherchiert es sich unvoreingenommener. Das Ergebnis ist ein Sammelsurium aus Fakten, Menschen, Meinungen und Selbstversuchen. Einfaches Prinzip, geniales Konzept und am Ende immer spannend für die eigene Meinungsbildung. ► youtube.com/diefrage ► facebook.com/diefrage


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Hat sich deine persönliche Antwort im Vorfeld auf eine der Fragen nach der Sendung komplett geändert? Voll. Das ist eine der besten Sachen, denn ich hab natürlich auch meine Vorurteile, und die werden oft über den Haufen geworfen. Es lohnt sich einfach, mit den Leuten mal wirklich zu reden, sie kennenzulernen. Von einer Pornodarstellerin war ich fasziniert, wie komplett klar und kalkuliert sie ihre Situation sah. Und ich hab mal für eine Sendung ein paar Tage im Knast verbracht – es war so krass zu sehen, wie oft die Menschen da rückfällig werden, weil „draußen“ eben auch kein besseres Leben auf sie wartet. Sie haben zu meiner Überraschung sehr offen darüber gesprochen, aber vielleicht lag’s auch an den Zigaretten, die ich dabeihatte … Deine Sendung „Wie komme ich mit dem Tod klar?“ war sehr imposant. Hut ab! Was war die Motivation für diese Frage? Ich hab mal ein Buch von einer australischen Palliativpflegerin gelesen, die niedergeschrieben hat, was Menschen kurz vor ihrem Tod am meisten bereuen. Dabei habe ich mich total ertappt gefühlt. Unter den Top 5 „Regrets of the Dying“ waren zum Beispiel: „Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet“ oder „Ich wünschte mir, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrechterhalten“. Man denkt ja immer, „Das bringe ich noch in Ordnung“, „Das wird sich ändern“, aber oft eben auch nicht, und das bereuen wir dann am Ende. Ich wollte deswegen

herausfinden, wie es Menschen geht, die wissen, dass sie nicht mehr lange haben. Und über den Tod zu reden, ist doch eh mal gut, oder? Welche Berührungspunkte hattest du selber schon mit dem Tod? Glück gehabt, bis jetzt. Natürlich sind schon ältere Verwandte von mir gestorben, aber bis vor der Sendung hatte ich echt wenig Berührungspunkte, weil ich das Thema auch immer weggeschoben hab. Du hast die krebskranke Luise während deiner Recherchezeit intensiv begleitet. Das ist jetzt ein Jahr her. Wie geht’s ihr? Puh, es ist schlimm. Luise ist kurz danach gestorben. Mich fröstelt es, wenn ich das sage. Sie war die letzten Wochen auf einer Palliativstation und ich glaube, jeder hatte noch Hoffnung, aber der Krebs ist ein Arschloch. Luise hat selbst gesagt: „2015 schaut doch scheiße aus auf einem Grabstein.“ Aber es sollte nicht länger sein. Luise war so eine coole Person, ich habe wahnsinnig viel von ihr gelernt. Zum Beispiel, dass unsere Vorstellung von einem „guten Leben“ manchmal echt zu hoch gegriffen ist. Ein guter Tag kann sein, wenn man ein gutes Gespräch geführt oder eine tolle Serie gesehen hat; man muss dafür nicht Bungeejumpen oder was total Besonderes machen. Wir unterschätzen oft die Kleinigkeiten. Machst du dir Gedanken über deinen eigenen Tod? Beerdigungssong? Na toll, jetzt werde ich den Rest des Tages überlegen, welcher Song passen könnte. Hm, vielleicht was von Daniel Johnston? Bei Luises Beerdigung hat mir gefallen, dass es ein "Lebensfest" war. Es hat eine Band gespielt, alle sollten sich bunt anziehen, es gab Luftballons, danach wurde im Park gegrillt. Es war zwar immer noch verdammt traurig und es wurde wahnsinnig viel geweint, aber irgendwie war man ihr so viel näher als bei einer klassischen Beerdigung.

TEXT: MELANIE CASTILLO // FOTO: MAX HOFSTETTER

Wer denkt sich DIE FRAGE aus? Wir überlegen im Team (Kameramann, Reporter, also ich und noch ein/-e Autor/-in) jede neue Frage. Im Idealfall gibt’s natürlich auch gerade in der Gesellschaft eine Debatte darüber. Da geht’s oft hoch her. Wir diskutieren ewig, aber irgendwann gibt es immer den Moment, wo wir alle sagen: Das ist es! Das machen wir jetzt. Dann haben wir noch zwei, drei Wochen Vorlauf und los geht’s.


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TEXT: DAVID EISERT // FOTOS: ACHIM SCHMIDT


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« WIR SIND DIE LEBENDEN » ÜBER DIE RETTUNG DES MAXIM KINOS

Als im Sommer das endgültige Aus für das unabhängige Kino Maxim in Neuhausen verkündet wurde, schien das Schicksal mal wieder seinen bekannten Lauf zu nehmen. Nach 104 Jahren ununterbrochener Nutzung der Räume als Filmtheater sollte Platz gemacht werden für eine renditeträchtigere Verpachtung. Aber in diesem Fall stemmten sich vier kinobegeisterte Freunde erfolgreich gegen das drohende Unheil und konnten so das Lichtspielhaus retten. Nach einer umfangreichen Renovierung und dem Einbau eines zweiten Saals im Keller feierte das drittälteste Kino Münchens als Neues Maxim Anfang Oktober seine Premiere. curt sprach mit Beate Muschler über Tradition und Moderne rund ums Celluloid.

Beate, kannst du bitte die Macher/-innen hinter dem Neuen Maxim kurz vorstellen. Wer seid ihr, wo kommt ihr her, was schweißt euch für das Projekt zusammen? Wir – Anne Harder, Bernd Krause, Regine Stoiber und ich – sind schon länger privat befreundet und teilen die Leidenschaft fürs Kino. Jeder von uns hatte ein bisschen den Traum vom eigenen Kino, aber keiner hätte das Projekt alleine geschafft. Nur als Team haben wir uns das zugetraut, und der Enthusiasmus für das Kino schweißt uns zusammen. Wir hoffen, dass das Neue Maxim Kino ein Ort wird, an dem künftig wieder Leben und Austausch stattfinden.

Seit wann beschäftigt ihr euch mit dem Gedanken, das Kino zu retten? Als wir die Gerüchte über die Schließung mitbekamen, wurde uns schnell klar, dass sich uns hier die Chance bietet, unseren Traum umzusetzen. Wir haben mit dem Vermieter gesprochen und uns auf ein Konzept verständigt. Nach der Schließung im Juni hat der Hausherr angefangen umzubauen. Wir haben dann in sehr kurzer Zeit alle kinospezifischen Ein- und Umbauten vorgenommen. Das waren harte Monate, weil wirklich alles sehr schnell gehen musste, denn wir wollten zur Herbstsaison eröffnen und das Kino auch nicht zu lange leerstehen lassen.


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Ihr übernehmt ein Haus mit 100-jähriger Tradition – wie groß lastet diese Bürde auf den Schultern? Gerade die Tradition treibt uns an. Wir wollten genau das erreichen: etwas so Traditionellem wieder neues Leben einhauchen. Deshalb haben wir auch bei der Renovierung darauf geachtet, Elemente des alten Gebäudes wie z. B. den alten Boden im Saal oder eine alte Tür zu erhalten. Und dass der Vermieter die Fassade mit den Fenstern wieder in den Zustand von vor über 100 Jahren versetzt hat, als das Haus noch ein Kaufhaus war, passte genau zu unserer Idee der Verbindung von Tradition und Moderne. Konkurrenzlos in Neuhausen. Was verbindet euch mit dem Stadtteil? Wir sehen in der Lage in Neuhausen unser Alleinstellungsmerkmal, denn der Stadtteil ist sehr kulturaffin und die Neuhauser sind unheimlich aufgeschlossen und interessiert. Wir wollen diesem Stadtteil mit dem Neuen Maxim ein Kino bieten, in dem sich die Neuhauser wohlfühlen und ein breit gefächertes Filmprogramm sehen können. Wie lief der Übergang? Durch die umfangreiche Renovierung, den Einbau eines zweiten Saals und das Arthouse-Filmprogramm sehen wir unsere Kinoeröffnung nicht als Übergang, sondern als Neustart für ein über 100 Jahre altes Traditionskino. Auf was dürfen sich Kinofans bei ihrem Besuch bei euch freuen? Im Fokus steht ein Kinoprogramm mit einem breit gefächerten Angebot an Arthouse-Filmen. Dazu kommen inhaltliche Schwerpunkte wie Kinderfilme, Dokumentarfilme, Filme in Originalsprache, Filmreihen usw. Zudem sind wir Heimat für verschiedene Festivals wie z. B. das Underdox-Festival, das gleich am Eröffnungswochenende bei uns war.


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Veranstaltungen sind ebenfalls geplant, dafür eignet sich ja besonders der große Saal mit den Fenstern, die Tageslicht hereinlassen. So ist etwa eine Lesung oder ein Konzert vorstellbar, idealerweise im Kontext zu einem Film, der bei uns im Programm läuft. Wie interpretiert ihr Arthaus-Kino für euch im Jahr 2016? Wie seht ihr die Konkurrenz durch Heimkino und Streaming-Dienste? Die ständige Verfügbarkeit schafft auch wieder Raum für eine Gegenbewegung, und die sehen wir gerade. Ein Kinobesuch ist ein anderes Erlebnis, als den Film zu Hause zu sehen, und wir möchten durch die Atmosphäre bei uns und den Barbereich im Foyer zu diesem Erlebnis beitragen. Und egal in welcher Form: Für gute Geschichten und gute Schauspieler interessieren sich die Zuschauer immer! Wo möchtet ihr in einem Jahr stehen? Welche Schauspieler wären gern gesehene Gäste auf eurer Jubiläumsparty? In einem Jahr wollen wir ein in Neuhausen und München geschätztes und gut besuchtes Kino sein, das aus der Kulturszene nicht mehr wegzudenken ist, mit besonderem Filmprogramm, Festivals und Kulturveranstaltungen, die in unseren Kinosälen spielen. Und wenn dann Isabelle Huppert, Greta Gerwig oder Lars Eidinger auf der Jubiläumsparty erscheinen, dann ist uns der Neustart gelungen. Habt ihr einen persönlichen Lieblingsfilm, den ihr ans Herz legen möchtet? Der Dokumentarfilm „Step across the border“ von Humbert/ Penzel gehört für uns zu den schönsten Kinoerlebnissen – ein Film, in dem man Sehen und Hören komplett neu entdeckt. Weitere Infos und das aktuelle Programm gibt es unter neues-maxim.de


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VERBEN FÜRS STERBEN

RRÄTSEL

DE DAS CURT-BIL

1 ILLUSTRATIONEN VON RONIT WOLF


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8 PPS GEHEN AUCHEN 5) HO S LEBEN AUSH GEHEN KRATZEN 4) DA ER DEN JORDAN ABGEBEN 3) AB TT GEHEN 8) ÜB 2) DEN LÖFFEL RMERN INS BE 1) KREPIEREN N 7) MIT DEN WÜ JAMA ANHABE 6) DEN HOLZPY

AUFLÖSUNG

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IM GESPRÄCH MIT RAINALD GREBE

TEXT: PETRA KIRZENBERGER // FOTO: ACHIM SCHMIDT

Das Interview mit Rainald Grebe wäre leider fast an der Deadline dieser Ausgabe gestorben, konnte aber kurz danach glücklicherweise nachgeholt werden. Die Begegnung curt/Grebe kurz vor seinem Premierenprogramm in der LMU findet ihr online auf ► curt.de/mue


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CURT PRÄSENTIERT KONZERTE

ZU ALLEN PRÄSENTATIONEN VERLOSEN WIR 3 X 2 KARTEN! ALLE GEWINNSPIELE FINDET IHR AUF CURT.DE/MUENCHEN


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TEXTE: MIRJAM KARASEK

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ARKELLS | STROM Volle Bandbreite! Ob purer Rock, süßer Soul oder knarziger Indie: Das kanadische Quintett lässt keinen Stein auf dem anderen und baut sich sein ganz eigenes Ding. Zu Hause sind sie zwar in Hamilton, doch ihre wahre Heimat ist die Bühne. Das ist unüberhörbar.

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LUBOMYR MELNYK | MUFFATHALLE Der ukrainische Komponist und Pianist spielt Klavier – und zwar rasant. Mit 19,5 Noten pro Sekunde und pro Hand hat er einen Weltrekord aufgestellt. Seine „Kontinuierliche Musik“ mit Klangwellen in ständigem Fluss schafft eine tranceartige Atmosphäre. Extraordinär!

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CLUTCH | THEATERFABRIK 25 Jahre on the top und kein Ende in Sicht. Das Quartett aus Germantown/Maryland hat sich der bluesigen Seite des Stoner Rock verschrieben. Ihre Konzerte sind mit schöner Regelmäßigkeit ausverkauft, ihr aktuelles Werk „Psychic Welfare“ das erfolgreichste ihrer Karriere.

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TIGER LOU | AMPERE Karl Rasmus Kellerman alias Tiger Lou hat sich mit seiner einzigartigen Stimme international einen Namen ersungen. Ehrliches Songwriting, traditionell mit Gitarre und viel Gefühl, live mit Band und seinem neuen Album „The Wound Dresser“.

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COSBY | AMPERE Das Münchner Quartett Cosby sorgte von Beginn an für Furore. Für ihr Debüt „As Fast As We Can“ wurden sie für den „Deutschen Musikautorenpreis“ der GEMA nominiert und der EgoFM-Hörerpreis ging an sie. Ein Mix aus Elektronischem mit Songwriting, Synthie-Soul mit Elektro-Pop.

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CRO MTV UNPLUGGED | OLYMPIAHALLE „Entstöpselt“ dürfen bei MTV nur die ganz Großen des Musikbusiness ran. „Cro das Genie“ zählt mittlerweile fest dazu. Nach sechzehn ausverkauften Konzerten folgt die Zugabe: Der schwäbische Panda-Rapper baut seine Beats unplugged mit Orchester und Special Guests.

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MUFFAT WINTERFEST | HALLE & -CAFÉ Zum 3. Mal heizen innovative Newcomer beim Winterfest ein. Von Stoner-Blues über Dreampop bis hin zu Future-Electronic ist alles inklusive plus anschließender Party. Unter anderem am Start: Nick Yume, White Miles, Die Sauna, Zoo Escape, Snowfall, Moglii & Novaa ... CONOR OBERST | POSTPALAST Eigentlich wollte Conor Oberst kein neues Album aufnehmen. Dann kam ein langer Winter in Ohama und mit ihm genug neue Songs für „Ruminations“. 10 Lieder ohne großes Gefummel und Beiwerk. Einfach seine Stimme, begleitet von Klavier, Gitarre und Mundharmonika.


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LEE FIELDS & THE EXPRESSIONS | AMPERE Soul at its best! Lee Fields ist ein Soulsänger der alten Schule und nicht zu Unrecht hat er den Spitznamen Little JB weg. Seit seiner ersten Single im Jahre 1969 singt Lee von den ganz hehren Emotionen, die keinen kaltlassen. Absolutes Gänsehautfeeling!

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JOSÉ GONZÁLEZ & T.S.T. | MUFFATHALLE Der grandiose schwedische Singer/Songwriter und The String Theory, ihres Zeichens Künstlergemeinschaft, Gedankenkollektiv und experimentelles Orchester, ziehen nochmals gemeinsam an einem Strang. Die letzte Tournee war restlos ausverkauft. Also hurtig, hurtig!

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TEGAN & SARA | MUFFATHALLE Gleich doppelt gut: Am Anfang stand für die eineiigen Zwillinge Tegan Rain und Sara Kiersten Indie-Folk an erster Stelle. Nun zeigen die kanadischen Schwestern deutlichere Pop-Tendenzen. Live ergibt das eine anregende Bandbreite – ein zweifacher Spaß von Hit zu Hit.

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THE TEMPER TRAP | THEATERFABRIK Unsere Liebe zu The Temper Trap ist ungebrochen. Nicht nur, weil ihr Smash-Hit „Love Lost“ mit Dougy Mandagis herausragender Stimme uns weiterhin das Herz erwärmt. Auch ihr drittes Album „Thick As Thieves“ katapultierte in Australien auf Platz 1 der Albumcharts.

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BEACH SLANG | STROM Seit „The Things We Do To Find People Who Feel Like Us“ müssen sich die US-Punker aus Philadelphia nicht mehr groß anstrengen, Gleichgesinnte zu finden. Wenn das neue Album „A Loud Bash of Teenage“ vorgestellt wird, stehen wir alle im und unter Strom.

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KAKKMADDAFAKKA | MUFFATHALLE Die Norweger haben sich verändert: neuer Pianist Emin Kittelsen und Kakkmaddachoir ade. Das tut dem aktuellen Album „KMF“ keinen Abbruch. Axel Vindenes unverwechselbare Stimme setzt weiterhin die Impulse rund um die perlendste Popmusik ever.

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THE DILLINGER ESCAPE PLAN | BACKSTAGE The Dillinger Escape Plan lösen sich nach 20 Jahren Bandgeschichte auf. Das letzte Album „Dissociation“, die letzte Tour. Dann wird es endgültig totenstill! Deshalb: Gebt euch die vertrackt konstruierte Metal-Maschine final voll auf die Ohren. Genießt – als wär’s das letzte Mal.

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TRENTEMØLLER | FREIHEIZ Anders Trentemøller hat den Dreh raus: Der Däne vereint düstere Melancholie mit minimalistischen Club-Sounds und einen zum Tanz drängenden Bass. Mit einer perfekten Bühnen- und Lightshow setzt die vierköpfige Band inklusive Sängerin Marie Fisker den perfekten Punkt aufs i.


MÜNCHEN im Feierwerk am

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TonHalle • Grafingerstr. 6 • 81671 München 17 - 23 Uhr • Eintritt: 3 Euro Hansastraße 39-41 · München Einlass 17 Uhr · Eintritt: 3 Euro

www.nachtkonsum.com


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TWO DOOR CINEMA CLUB | TONHALLE Nach einer selbst verordneten Auszeit haben sie sich wieder gefunden. Mit „Gameshow“ definieren sich die drei Nordiren neu und präsentieren ein fesselndes Album voll bunt gemischter Stile und Einflüsse. Neue Bandharmonie, neuer Sound, neues Hörglück.

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BLEU ROI | FEIERWERK Inspiriert vom «nordischen Klang» von Künstlern wie José González, Sigur Rós oder Bon Iver, entstand das zweite Album der Künstlerin Bleu Roi aus Basel über die Dualität von Heimat und dem ständigen Unterwegssein. Verspricht ein zauberhafter Konzertabend zu werden!

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ANDY SHAUF | MILLA Der kanadische Songwriter aus der kanadischen Provinz Saskatchewan macht „Party“, so heißt zumindest sein drittes Album. Es ist allerdings eine ruhige, eindringliche Folkpop-Feier mit absurden Geschichten und einem guten Schuss schwarzem Humor.

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CLOUD NOTHINGS | FEIERWERK Tod und Teufel! Bei dem Potpourri aus energischem DIY-Punk, Grunge-Gegrummel, melodischem Krach und Garagen-Klängen dröhnt das Hirn. Dylan Baldi und Band aus Cleveland/Ohio hämmern euch ihren Sound so in die Birne, dass ihr wünscht, es würde niemals enden.

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ANNENMAYKANTEREIT | ZENITH Für die drei Jungs mit dem sperrigen Bandnamen lief es von Beginn an steil. „Alles Nix Konkretes“ heißt ihr Album, dabei sind ihr Sound, die Tiefe ihrer Texte und die außergewöhnliche Stimme von Sänger Henning May alles andere als „Nix Konkretes“. Ehrliches Songwriting aus Köln.

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WANDA | ZENITH Originell, frech und lässig: Wandas ursprünglich für die TonHalle angekündigte Konzert wurde wegen des großen Andrangs ins Zenith verlegt. „Amore meine Stadt“ skandieren die fünf Wiener, geben allen ein „Bussi“, feiern „Bologna“ – und natürlich München.

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BILDERBUCH | ZENITH Wieder ein Exportschlager aus unserem Nachbarland: Die Band um Frontmann Maurice Ernst setzt seine bilderbuchmäßige Karriere fort und besingt mit lässigem Wiener Schmäh „Magic Life“ – nach ihrem umwerfenden „Schick Schock“-Erfolg folgerichtig nach Strom, Muffathalle und Tollwood noch einen Tick größer im Zenith. Bling, bling, bling!


TEXT: TIM BRÜGMANN ILLU: MICHAEL HACKER: Gigposter- und Comic-Michelangelo aus Wien. Einen echten Hacker für zu Hause gibt es unter ► michaelhacker.at

Sechs Männer, Erlend, Vidar, Bjarte, Maciek, Marvin und Kjetil, aus Stavanger rüttelten mit ihrem Black ’n’ Roll die Musiklandschaft wach. Egal ob als Vorband von Slayer, auf den großen Festivals Europas oder noch vor A-Ha in den Charts: Dem Würgegriff Erlends und seiner starken Männer entkam niemand. Dabei versteht kaum einer die norwegischen Texte um Blut, Bier und nordische Folklore. Ihr drittes Baby erschien im Mai und trägt den Namen „Nattesferd“, was so viel wie nächtliche Reise bedeutet. Am Vorabend ihrer Headliner-Tour haben wir uns mit Kvelertaks Schreihals Erlend Hjelvik auf ein Stück Räucherlachs getroffen und über die Musik, den Tod und all das Dazwischen gesprochen.

Skandinavier, Herren einer dramatischen Sprache. Der geneigte Black-Metal-Fan weiß es schon lange. Diese Musik klingt erst mit norwegischen Texten richtig gut. Sechs Jahre ist es schon her, dass sich ein Phänomen namens „Kvelertak“ über das Land der Fjorde legte, und bald um die ganze Welt. Metallicas James Hetfield, aber auch Kronprinz Haakon stehen bei den Konzerten Schlange.

BLØDTORST & MJØD. AUF „NATTESFERD“ MIT KVELERTAK.

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kvelertak.com

Vergangenheit, das Hier und Jetzt, schließlich der Tod. Doch wohin soll euch euer Nattesferd noch bringen? Was braucht ihr für euer persönliches Walhalla? Wir vermissen wirklich nichts. Wir haben bereits Ideen für Album Nummer vier, doch bevor wir uns der Zukunftsmusik widmen, wollen wir unsere Headline-Tour spielen. Wir freuen uns extrem darauf, nach Deutschland zu kommen, und hoffen, es kommen immer mehr Leute. Ich spreche für Kvelertak, wenn ich sage, auf und vor der Bühne, das ist unser Walhalla.

Mindestens dafür seid ihr bekannt und gefeiert. Ihr spielt losgelöst, habt sichtlich Spaß und hinter einem Lächeln erkennt man die Jungs aus der Garage in Stavanger. Die Diskussion um eine tote Subkultur hält die Gespräche in München gerade sehr gefangen. Wie ist es bei euch in Norwegen? Ihr habt schließlich den Sprung geschafft, von dem viele träumen. Nun ja, ich kann meine Rechnungen bezahlen und werde bald in ein Haus in Norwegen ziehen. Ich bin also auch, was das angeht, sehr glücklich, dennoch haben auch wir Stavanger zugunsten Oslos verlassen. In Norwegen regiert vor Kultur auch das Öl und es gibt trotz eines Kulturfonds, der uns auch vieles ermöglichte, keine wirklich florierende Szene. Auch ich würde behaupten, dass Subkultur ein Stück weit tot ist, wenn überhaupt findet sie in den Garagen statt. Was will man auch anderes tun, als zu versuchen, seinen Weg zu finden? Und vor allem, den Spaß nicht zu verlieren?

Ich kann dir nicht widersprechen. Auch wenn in Deutschland, sagen wir, das Nibelungenlied problematisch gesehen wird, ließ mich das von Hagen von Tronje initiierte Bluttrinken der niedergehauenen Feinde erstmal aufhorchen. Ein Wahnsinn! Du hast es erfasst! Natürlich singe, entschuldige, brülle ich viel über blutrünstiges Zeug. Aber da sind auch immer das Bier und die Party. Da ist kein Schwarz-Weiß-Denken. Es gibt keinen, der nur gut oder böse ist. Im Vergleich zu anderen Göttern wirken die Nordischen mit ihren Fehlern auf mich eher menschlich. Die Leute sollen sich bei unseren Konzerten wohlfühlen und mit einem Lächeln nach Hause gehen. Wir schaffen das durch ein gewisses Augenzwinkern ganz gut, finde ich.

Eure Texte sind euer Aushängeschild. Wie viele Bands aus Skandinavien thematisiert ihr den Tod und badet im Blut der alten Sagen um Thor und allem, was die Edda sonst noch hergibt. Was bedeutet der Tod für dich und warum kommt er gerade im Metal derart zum Tragen? Der Tod. Nun ja, ich interessiere mich seit jeher für nordische Mythologie. Wir sind Wikinger! (lacht) Für mich sind diese Sagen einfach gutes Storytelling, mit dem sich knackige Songs schreiben lassen. Ich bin mit diesen Erzählungen aufgewachsen und sie sind das Erste, was mir in den Sinn kommt. Metal oder Rock verfügen über eine gewaltige Bildsprache, die man so nur selten findet. Wir brauen unser eigenes Süppchen, nehmen die Dinge nicht allzu ernst. Aber es sind geile Geschichten, oder?

Unsere Ausgabe beschäftigt sich mit dem Tod und der Endlichkeit. Gab es für euch jemals einen Punkt, an dem ihr über das Aufhören nachgedacht habt? Wir sind eine Art gestörte Familie. Sechs Typen, die aufeinanderprallen und jeden Abend die Zeit ihres Lebens erleben dürfen. Ans Aufhören haben wir nie gedacht. Wir sind immer noch Freunde, auch wenn alles seiner Zeit bedarf. Wir sind reifer geworden, klar, zufriedener sogar und streiten nicht mehr so viel. Negatives oder Dampf, das lassen wir auf der Bühne raus. Ich bin froh, dass wir kein Hype waren. Hype hat immer etwas Endliches, und wir spielen Gott sei Dank immer noch.

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R.I.P. In Gedenken an eine Zeit, als wir noch ohne Navi unterwegs waren – und doch ans Ziel kamen. Als im Kassettenrecorder ein selbst zusammengestellter Mix lief – wenn nicht gerade der Bandsalat mit einem Bleistift behoben werden musste. Und als wir abends statt vor der Glotze beim Dia-Abend zusammensaßen. Tote Technik, rest in peace.

IDEE & FOTOS: JULIA MAEHNER // TEXT: MIRJAM KARASEK


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* 1969 ✠ 1999

* 2001 ✠ 2014

* 1976 ✠ 2016

* 1879 ✠ 2012

* 1997 ✠ 2010er

* 1899 ✠ 1970er

* 2009 ✠ 2016


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HOW TO SURVIVE

WEIHNACHTEN Obacht! Die Wahrscheinlichkeit, dass du an Weihnachten stirbst, ist relativ hoch. Das Fest der Liebe ist nämlich eine Todesfalle. Zu keiner anderen Zeit des Jahre sterben so viele Menschen wie an den Festtagen. Das zumindest haben Statistiker der University of California in San Diego herausgefunden. Mit diesen Tipps hat der Sensenmann an den Feiertagen keine Chance.

DER TOD LAUERT BEIM WEIHNACHTSESSEN! Nicht so schlingen! Am Essen zu ersticken, ist fast 10-mal wahrscheinlicher, als bei einem Flugzeugabsturz zu sterben. Zimtstern Nr. 25 ruft den Sensenmann! Das maßlose Plätzchenfuttern bringt Extrakilos, aber auch zentrale Lähmung, Atemstillstand und Koma mit sich. Das liegt am Zimt, der den todbringenden Aroma- und Duftstoff Cumarin enthält. Die offizielle staatliche Empfehlung lautet: Nie mehr als 24 Zimtsterne in dich reinstopfen! Todesbote Pfeffernuss! Pfeffernüsse enthalten oft das „Todesgewürz“ Muskatnuss! Wenn du eine halbe davon vertilgst, kannst du das restliche Weihnachtsfest vom Himmel aus beobachten. Grün – die Farbe des Todes! Grüne Bohnen vergiften dich! Und zwar, wenn du sie roh isst. Bei Kindern reichen schon läppische fünf Stück vom „Todesgemüse“.

TEXT: HENRIKE HEGNER ILLUS: RONIT WOLF

Die Festtafel weiträumig meiden! Es ist 5-mal wahrscheinlicher, von einem Stuhl getötet zu werden als von einem Hai.


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DAS LEBEN NICHT FEIERN! ES DROHT DIE TODESSTRAFE! Etwa 100 Milliarden Menschen sind bereits gestorben. 93,5 % aller bisherigen Menschen auf der Erde haben also schon das Zeitliche gesegnet. Glückwunsch! Du gehörst zu den elitären 6,5 %, die das Leben überlebt haben.

ÜBERLEBENSSTRATEGIE: MIT WEIHNACHTSTRADITIONEN BRECHEN Nein zu Weihnachtskarten – wenn du am Leben hängst! Verschluckte Kugelschreiberteilchen sind das Todesurteil von jährlich 300 Menschen – die Dunkelziffer liegt wohl deutlich höher. Also, Griffel weg von Kugelschreibern – erst recht als Linkshänder! Messer, Schere, Licht – ist für Linkshänder nix! Kerzen anzünden, Geschenke einpacken, den Braten zersägen – lasst das! Denn Linkshänder sterben durchschnittlich drei Jahre früher als Rechtshänder, vor allem, weil sie sich durch Produkte für Rechtshänder verletzen.

Aber jetzt willst du deswegen feiern, bis der Arzt kommt? Dumme Idee! Weil Ärzte so unleserlich schreiben, sterben jährlich über 7.000 Menschen. Und auch nicht aufs Leben anstoßen! Es ist wahrscheinlicher, an einem querschlagenden Champagnerkorken zu sterben als am Biss einer Giftspinne. . Männer! Zum Fest der Liebe keine Dessous verschenken und Finger weg von den Weibern! Denn wenn jemand beim Sex stirbt, dann wählt der Sensenmann zu 93 % den Mann und in 41,5 % aller Fälle trifft es den auch gleich im Bordell. Nur 15,5 % von ihnen dürfen bzw. müssen beim Sex mit der Ehefrau sterben – meist am Herzinfarkt. Der ist immer noch eine klassische Männerdomäne. Und an Weihnachten werden über 30 % mehr Herzinfarkte in der Notfallaufnahme behandelt als im restlichen Jahr.

Du weißt also, was du zu lassen hast. Wie viele Menschen allerdings jedes Jahr der tödlichen Langweile zum Opfer fallen, wurde bislang noch nicht erforscht!


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SOUVENIRE DES TODES Auf der Suche nach dekorativen Highlights für die eigenen vier Wände oder die richtigen Gimmicks für das nächste WGT in Leipzig? Wir haben für euch ein paar schöne Shopping-Tipps. TEXT: ADRIAN LEEDER // ILLU: ANDY WEIXLER ► andyweixler.de

FOTZENHOBEL

DIE DUNKLE MACHT!

SCHMUCKSTÜCK!

Wer bei „Spiel mir das Lied vom Tod!“ den richtigen Ton treffen möchte, dem sei eine chromatische Mundharmonika (C-Harp) empfohlen. Für Besserwisser: Im Film wird ein diatonisches Exemplar gezeigt! Wir sind begeistert von der „1847 CLASSIC“ aus dem Hause C. A. Seydel Söhne, der ältesten Mundharmonika-Manufaktur der Welt. Ab 74,95 Euro.

Dieses Gebräu hält, was es verspricht. Mit dem ersten Schluck greift das Porter ohne Rücksicht auf Verluste an. Eine rauchige Seele voller Aromen auf der Basis von getorftem Malz. An diesem Bier scheiden sich die Geister! ► hopperbraeu.de

Kupferarbeiten von Philipp Basche (made in Minga) sind wahre Kunstwerke. Den dekorativen Totenkopf-Anhänger für 18 Euro oder den handlichen Schädel für 120 Euro gibt’s online ► bascheph.de


Am besten mit der:

VERGNÜGTER TOD

WAND-ART

HELLSEHEN

Wer skurrile Dinge, etwa alte Kataloge mit Särgen oder Friedhofskreuzen, sucht, dem sei ein Besuch im Antiquariat bei Uwe Turszynski in der Herzogstraße 66 empfohlen. Dort gibt es das sagenhafte Buch von Barthold Heinrich Brockes von 1747. „Schwanen-Gesang in einer Anleitung zum vergnügten und gelassenen Sterben“. für 300 Euro

Der Niederländer Rik Reimert hat ein ganz feines Händchen und einen noch feineren Zeichenstift. Gerade Linien sind total in und unser Ding. Ab 12 EUR ► junique.de

SCHWARZ AUF WEISS

Du glaubst an Geister oder Telepathie? Seit der Wetterfee hat dich keiner mehr so umgehauen wie die Wahrsagerin von der Auer Dult, deren Stand 10 Minuten später verschwunden war? Stille deine Neugier mit Heinz Duthels „Parapsychologie“ für 8,99 Euro

12

*

6 —0 €

HOCH 3 . München

HAUT-ART

Temporäre Tattoos von Fiona Richards aus Brooklyn ab 5 Dollar ► vtattly.com

GruppenTageskarte

AB

Die ideale Freizeit-Fahrkarte für kleine Gruppen und Familien: die Gruppen-Tageskarte. Gültig für bis zu 5 Erwachsene oder 10 Kinder zwischen 6 und 14 Jahren. Beliebig oft an einem ganzen Tag! Inklusive aller Nachtlinien bis 6 Uhr am nächsten Morgen. Gültig im MVV-Tarifgebiet.

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* Preis für eine Gruppen-Tageskarte/Innenraum gemäß MVV-Gemeinschaftstarif / Stand: 11.12.2016

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SELBSTVERSUCH VON PATRICIA BREU, JULIA MAEHNER UND SONJA PAWLOWA


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TEXT UND FOTO: PATRICIA BREU

GROSSER GEIST, WIR RUFEN DICH SELBSTVERSUCH: EINE SÉANCE MIT DEM HEXENBRETT.

Eines vorweg: Ich habe ernstzunehmende Angst vor Geistern. Ohne Licht zu schlafen oder mich durch einen dunklen Raum bewegen zu müssen, ist der größte Horror – da könnte ja plötzlich so eine weiße Gestalt an mir vorbeiwabern. Diese Angst begleitet mich schon mein ganzes Leben, und irgendwann begann ich mich zu fragen: Haben Horrorfilme mein Gehirn zerfressen oder bin ich besonders empfänglich für Schwingungen aus dem Jenseits? Als ich das Hexenbrett in der Redaktionssitzung als Thema für den curt-Selbstversuch vorschlug, kamen sofort Geschichten von Bekannten auf, die bei solchen Experimenten ernsthaft hängen geblieben sind. Sie wurden also nicht wirklich von Geistern verfolgt, sondern sind von ihrem Trip nicht mehr heruntergekommen. Großartig! Das macht die Sache viel besser. Gemeinsam mit Sonja und Julia habe ich den Versuch gewagt, und wir präsentieren euch hier im Vollbesitz unserer geistigen Kräfte eine Anleitung für euren eigenen Selbstversuch – im direkten Vergleich zu unseren eigenen spektakulären Erlebnissen.


►Benutzt das Hexenbrett niemals alleine

Sympathisch? Eh klar!

und nur mit Menschen, die sympathisch sind.

► T refft euch am besten abends, weil

Die Séance findet freitagabends bei Julia statt. Interferenzen (also Funkstörungen) sind nicht zu

elektrische Aktivitäten und Interferen-

spüren.

zen in der Atmosphäre reduziert sind.

► D  unkelt den Raum ab, macht es euch

Wir könnten eigentlich gute Musik dabei hören. Wie wäre es mit dem letzten Album von

mit Kerzenlicht gemütlich.

David Bowie? Ein Plattenspieler erzeugt keine elektrische Aktivität, oder? Dazu noch Rotwein!

► Bestimmt einen Leiter, der Fragen stellt. ► Überlegt euch, welche Frage ihr stellen

Sonja wird auserwählt. Sie macht so einen souveränen Eindruck. Lasst uns David Bowie rufen!

wollt. Achtung: Fragt den Geist niemals persönliche Sachen, z. B. wie er heißt!

► Überlegt euch, mit welchem Spruch ihr

Wir entscheiden uns für: „Großer Geist, wir rufen dich.“ Die anderen Vorschläge aus der

den Geist rufen wollt.

► G  eht in euch und werdet ruhig. Legt eure

Anleitung können wir uns nicht merken, weil sie so lang sind. 

Meine Lider flattern vor Adrenalin. Wie ein Mantra wiederholen wir: „Großer Geist, wir rufen dich!“

Zeigefinger auf die Planchette, schließt

Unendlich oft. Sonja macht das sehr furchteinflößend mit Grabesstimme. Nach 10 Minuten fragen

eure Augen und wiederholt gemeinsam

wir uns: Wie lange dauert das noch? Zweiter Versuch: Wir kreisen die Planchette, damit schon

den Spruch – so lange, bis sich der Geist

etwas Bewegung dabei ist. Ab und zu ruckelt es. Die Planchette schiebt sich in meine Richtung – ich

bemerkbar macht.

muss lachen. Dritter Versuch: Wir brauchen legale Hilfsmittel, um uns in Trance zu bringen. Zusätz-

► M  acht euch nicht lustig über den Geist!

lich zum Mantra wiegen wir den Oberkörper vor und zurück. Das ist sehr entspannend. Gleichzeitig

Das könnte ihn verärgern!

haben wir das Gefühl, dass da etwas unter der Planchette zu spüren ist. Ein leichtes Bremsen.

den Fragen.

Wir  fragen: „Bist du da?“ Oft. Sehr oft. Wir kreisen und die Planchette tendiert in Richtung der Buchstaben. Als die Planchette stoppt, erkennt Julia das O. Sie denkt an ihren Opa, der gerade erst

► Ö  ffnet dann die Augen und beginnt mit ► W  enn ihr mit allen Fragen durch seid

verstorben ist und sie vielleicht besuchen kommen könnte. Dann das P. Es wird interessant. P fängt

oder sich der Geist nicht mehr meldet,

aber auch mit dem gleichen Buchstaben an wie … Pizza. Julia hat Hunger.

dann verabschiedet euch respektvoll von ihm. Bleibt noch zusammen

der Verabschiedung bleibt ein Schwips und das Vorhaben, die nächste Séance mit einem Nach  Besuch auf dem Friedhof einzuleiten. Für die Stimmung. Und für Inspiration, wessen Geist wir rufen

und unterhaltet euch über das Erlebte.

könnten. Auf welchem Münchner Friedhof liegt nochmal Rex Gildo begraben?


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curt verlost einen 100-EURO-GUTSCHEIN «ZUM FRANZISKANER» + 6ER-PACK DES NEUEN FRANZISKANER KELLERBIERS franziskaner-weissbier.de mein-bier-erleben.de

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SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD

DIE BEERDIGUNGSSONGS DER CURT-REDAKTION

MEL CASTILLO Art Direktion & CvD

MIRJAM KARASEK Schlussredaktion, Lektorat

TIM BRÜGMANN Text & Illu

JULIA MAEHNER Text & Foto ► juliamaehner.com

CHRISTIAN GRETZ Text ► ui-muenchen.de

LEA HERMANN Text

RADIOHEAD – Where I end and you begin

SOFA SURFERS – A good day to die

MARK LANEGAN – One hundred days

NEIL YOUNG – Unknown legend

Grup Tekkan – Wo bist du, mein Sonnenlicht?

JOY DIVISION – Love will tear us apart

PETRA KIRZENBERGER Text & Litho

ADRIAN LEEDER Text & Foto ► adrianleeder.de

HENRIKE HEGNER Redaktion

LINDA MAIER Text, Illu & Foto

SONJA PAWLOWA Text

PATRICIA BREU Text & Foto ► derblogderdinge.com

BOB MARLEY – Three little birds (plus ein Jodelg’stanzl von Agena ;-)

DUO STIEHLER/LUCACIU

NINA SIMONE – Feeling good

JOHN DENVER – In my life

BABYSHAMBLES – Fuck forever

TON STEINE SCHERBEN – Halt dich an deiner Liebe fest

Dau Dubba Dibbie Dubba Däy


ACHIM SCHMIDT Foto ► achimfrank.com

NURIN KHALIL Text & Foto

HEIKE FRÖHLICH Text & Collage ► heikefroehlich.de

SIMONE REITMEIER Text, Grafik & Illu

ANNIKA WAGNER Text

THE SMITHS – Please please please let me get what I want

OUTKAST – Hey ya! Mariachi Style

GAVIN BRYARS – Jesus blood never failed me yet

AUGUSTINES – Are we alive?

ELLIOTT SMITH – Between the bars

ODETT SCHUMANN Text

RONIT WOLF Text & Illu ► ronitwolf.com

LARA FREIBURGER Foto ► lara-freiburger.com

KATHARINA KONTE Illu ► katharina-konte.de

THOMAS KARPATI Master of Vorwort

QUEEN – The show must go on

KASPERLE – Tritratrulala

DIANA ROSS – Amazing grace

DMITRI SHOSTAKOVICH – Die Hornisse Op. 97a

THE KINKS – Strangers

► getlostinwordsandmusic.wordpress.com


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CURT MEDIA GMBH

MITARBEITER DIESER AUSGABE:

Geschäftsführung: Reinhard Lamprecht. lampe@curt.de

Mirjam Karasek, Melanie Castillo, Petra Kirzenberger, Linda Maier, Tim Brügmann, Thomas Karpati, Adrian Leeder,

ART DIREKTION & CVD MÜNCHEN Melanie Castillo. mel@curt.de

SCHLUSSREDAKTION & LEKTORAT Mirjam Karasek. mirjam@curt.de

LITHO & FINAL COUNTDOWN Petra Kirzenberger. petra@curt.de

DRUCK

Patricia Breu, Christian Gretz, Achim Schmidt, Sonja Pawlowa, Lea Hermann, Sebastian Klug, Katharina Konte, Nurin Khalil, Henrike Hegner, Ronit Wolf, Simone Reitmeier, Julia Maehner, Lara Freiburger, David Eisert, Heike Fröhlich, Annika Wagner, Odett Schumann, Andy Weixler und Leni Burger. Speschal thanks für rettende Ideen last minute an Yvonne und Chris! Du willst auch bei curt mitmachen? Meld dich gerne bei uns! muenchen@curt.de

DIE NÄCHSTE AUSGABE # 86 ERSCHEINT IM FRÜHJAHR 2017. Bis dahin sind wir online auf curt.de/muenchen für euch da und lassen nichts anbrennen. Das ist unsere Plattform für Termine, Konzertempfehlungen, Albenrezensionen, Filme, Kultur, Theater, massenhaft Verlosungen und Pipapo.

ColorDruck Solutions GmbH facebook.com/curt.muenchen

CURT MAGAZIN MÜNCHEN

ÜBER UNS

curt Media GmbH // Geschäftsführer:

curt München erscheint 3 x im Jahr in einer Auflage von 5.000–10.000 Stück (je nach Finanzierungslage) und liegt kostenlos

Reinhard Lamprecht (ViSdP), Gerald Gömmel

in der Stadt (siehe curt-Dealer weiter unten) aus.

Widenmayerstr. 38, 80538 München Tel.: 089 520 306 81 // Fax: 089 520 306 15

Wir alle machen curt München off- und online für lau in unserer Freizeit. Das idealistische Projekt ist der Zusammenarbeit

E-Mail: muenchen@curt.de

kreativer Köpfe zu verdanken – Journalisten, Fotografen, Grafiker, Illustratoren und Künstler, die mit Herzblut ein Stadtmagazin von München für München gestalten. Romantik pur! Wir finanzieren den Druck der Ausgabe ausschließlich

CURT MAGAZIN NÜRNBERG Chefredaktion: Reinhard Lamprecht Bogenstr. 43, 90441 Nürnberg

durch Anzeigen, Förderer und milde Gaben. Danke an dieser Stelle an alle, die uns unterstützen! Wir fahren die Ausgaben selber in der Stadt aus. Falls also mal unser Magazin-Aufsteller leer sein sollte, freuen wir uns über eine kurze Ansage, dann bemühen wir uns um Nachschlag.

Tel.: 0911 940 58 33 // Fax: 0911 80 15 317 E-Mail: info@curt.de

DIE CURT-DEALER DER STADT Feierwerk, Südstadt, City Kino, Café Kosmos, Bergwolf, Trachtenvogl, Substanz, Backstage, Münchner Volkstheater,

Ein Nachdruck der Texte oder Fotos in curt – auch

Muffatwerk, Glockenbachwerkstatt, Corleone, Valentin Stüberl, Vinty's München, deinkiosk.de, Münchner Kammerspiele,

im Internet – ist nur mit schriftlicher Genehmigung

Attentat Griechischer Salat, Zum Laden, Literatur Moths ... und wo wir sonst noch so auf unserer Tour vorbeikommen.

gestattet. Sonst: Beule!

Wir erweitern die Liste gerne. Schreibt uns, wenn ihr curt bei euch auslegen wollt: muenchen@curt.de


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98 curt / Hinten raus

VANITAS – COLLAGE ZUM THEMA TOD VON HEIKE FRÖHLICH


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curt Magazin München #85 // Gestorben wird immer  

Auf 100 Seiten haben wir uns dieses Mal mit dem traurig-schönen Thema Tod befasst. Ist das alles todernst oder eher zum Totlachen? Was ist d...

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Auf 100 Seiten haben wir uns dieses Mal mit dem traurig-schönen Thema Tod befasst. Ist das alles todernst oder eher zum Totlachen? Was ist d...

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