Page 1

B47837 Jahrgang 10 – 05/2007

Juli / August / September 2007 www.crescendo-magazin.de

F ESTS PI E LSO MMER:

Wagner und ich

Katharina Wagner

über Bayreuths „Meistersinger“

Philipp Himmelmann über die Bregenzer „Tosca“

Wolf Wondratschek über Strauss in Garmisch

Salzburg Herbert von Karajan, Porsche und Klunker

Vergesst die documenta! Axel Brüggemann über den Abgesang der Bildenden Kunst

Plus Großer Sommer-Rezensionsteil CDs, DVDs und Bücher

JAZZ SPEZIAL

Aktuelle CDs und eine Hommage an Ella Fitzgerald


KLASSIKERLEBNISSE! SEHENHORENFUHLEN MÜNCHNER PHILHARMONIKER DAS ORCHESTER DER STADT D I E SAI S O 2007/200 N 8

GENERALMUSIKDIREKTOR CHRISTIAN THIELEMANN EHRENDIRIGENT ZUBIN MEHTA DIE MÜNCHNER PHILHARMONIKER GEBEN ÜBER 90 KONZERTE PRO SAISON IN DER PHILHARMONIE AM GASTEIG – VOR MEHR ALS 200.000 PHILHARMONIKER-FANS! GEHÖREN SIE SCHON DAZU?

Christian Thielemann

Zubin Mehta

Renée Fleming

Diana Damrau

Julia Fischer

Yuri Bashmet

und viele mehr…

KLASSIKLINE: 0180/54 81 81 0 (0,14 J/MIN.) www.mphil.de


crescendo 05 2007 | 3 editorial

Ganz schön heiß! Summertime! – Das bedeutet Strand statt Theater, Bücher statt CDs, und – in unserer aktuellen Ausgabe – Jazz und Klassik. Dieses crescendo soll Sie durch den Sommer begleiten. Ein Schwerpunkt widmet sich dem Jazz. Quer durch das Heft verteilt finden Sie die wunderbaren Bilder von Wolfgang Gonaus (Foto unten). Er hat die Legenden des Jazz fotografiert. Als ich ihn angerufen habe, um zu fragen, ob er uns einige seiner Bilder überlässt, schwebten mir Aufnahmen von Jazz-Clubs vor, rauchige Säle mit Sängern und Klavierspielern im Nikotin-Qualm. „Das ist längst vorbei“, hat Gonaus mir erzählt, seit einiger Zeit gilt in Jazz-Lokalen sogar Rauchverbot, „da geht es ähnlich zu wie in der Oper.“ Und trotzdem: die Bilder, die Gonaus aufgenommen hat, sind näher dran als viele andere, zu jedem erzählte er mir eine Geschichte. Wir drucken Gonaus private Eindrücke der Stars neben den Bildern. Und wenn Sie crescendo-Abonnent sind, bekommen Sie dieses Mal auch eine CD, auf der sich alles um den Jazz dreht – unter anderem mit Aufnahmen der legendären Ella Fitzgerald, an deren . Todestag wir ebenfalls erinnern. Summertime bedeutet natürlich auch Festspielzeit. Begleiten Sie uns in diesem Heft exklusiv hinter die Kulissen – die wichtigsten Regisseure des Sommers verraten bei uns bereits, was Sie erwartet: Bayreuth-Erbin Katharina Wagner schreibt über das Regietheater und ihr „Meistersinger“-Debüt, Philipp Himmelmann hat uns seine Regieskizzen für die Bregenzer „Tosca“ überlassen, und der Literat Wolf Wondratschek spricht mit uns über sein Bild von Richard Strauss. Er ist Gastredner des Richard-StraussFestivals in Garmisch-Partenkirchen und plant die Klassik-Fans ein wenig zu schocken. Sommer auch in meiner Stammkneipe, der Pinguin-Bar – äh, Verzeihung, des Pinguin-Clubs. Dieser Fehler ist mir schon in der vorletzten Ausgabe unterlaufen, und das sollte ich bitteschön richtigstellen, sagte mir Pinguin-ClubMann Gosto. Und damit ich das auch mache, gab er mir ein Foto – es zeigt ihn mit unserem letzten Callas-Cover, die Haare sind seine. Die Klassik ist endgültig in der Rock-Kneipe angekommen. Übrigens, zur Summertime verkauft der PinguinClub in Berlin Schöneberg jetzt auch Eis! Sollte es wider Erwarten regnen, hier noch ein Tipp. Um aktuell über die Welt der Klassik auf dem Laufenden zu sein, besuchen Sie uns doch einmal auf unserer neuen Homepage: www.crescendo-magazin.de – Hier erwarten Sie täglich Neuigkeiten und prominente Kommentatoren. Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen Ihr Axel Brüggemann

inhalt Bayreuth 4 Katharina Wagner über das Regietheater / Die große Hügel-Karte

10 Salzburg Klemens Renoldner über sein Studentenleben mit Herbert von Karajan / Jürgen Flimm bei der Arbeit Bregenz 16 Philipp Himmelmann über seine „Tosca“-Inszenierung und Nadja Michael über ihre Stimme

20 Vergesst die documenta! Eine Streitschrift zum aktuellen Kunstwahn

Rezensionen 24 Aktuelle CDs und DVDs / Interview mit Annette Dasch

Lesesommer 32 Die besten Bücher für den Strand

jazz 34 Eine Hommage an Ella Fitzgerald und Jazz-Tipps Reise 36 Mit Anna Netrebko beim „Tuscan Sun Festival“ 38 Essay Bernhard Neuhoff über den ARD Musikwettbewerb Premium 39 crescendo im Abonnement und online 40 Musikfest Berlin Musik-Metropolen in der Hauptstadt Strauss in Garmisch 42 Der Literat Wolf Wondratschek über sein Verhältnis zum Komponisten 46 Termine Die wichtigsten Veranstaltungen in Ihrer Region

50 Lieto fine Stimmen, auf die Sie bauen können: Netrebko und Villazón


festspiele 4 | crescendo 05 2007

E X K L U S I V: K AT H A R I N A WAG N ER Ü B E R DAS R EG I ETH E ATER

Zerstörung des Schönen, Guten und Hehren? Die Urenkelin des Komponisten steht für die Oper einer neuen Generation. Warum ist die alte Kunst so modern? Wie halten wir sie am Leben? Und ist das Verhältnis von Regie und Publikum noch zu retten? Überlegungen VON KATHARINA WAGNER

Foto: Enrico Nawrath

Vor etwas mehr als  Jahren kam die Oper als seltsam neue Kunstform auf die Welt. Seither behauptet sie sich in erstaunlicher Vitalität und ist einfach nicht totzukriegen. Warum es sie noch immer gibt, ist eigentlich rätselhaft, denn nichts weniger als ausgerechnet die Oper scheint unserer durchrationalisierten Zeit adäquat und angemessen zu sein. Hier die nüchterne Sachlichkeit – da poetischer Gefühlsüberschwang, hier die kühle Ekstase der Globalisierung – dort die dunkle Leidenschaft, der mythische Dämmer und der Hang zu Weltflucht und Vergessen, manchmal unbewusst als höchste Lust. Unser Alltag, trocken und flüchtig und von langweiligster Klarheit, bisweilen in seiner tiefsten, weisesten Einsicht am besten erkennbar im Fokus eines geleerten Cocktailglases am Ende der Happy Hour – demgegenüber das herausfordernde Ornament einer pathetischen Gebärde, die die Welt im sterbenden Licht zitternd umarmt. Abgründige Fragwürdigkeit! Wo wäre da eine Brücke, durch die Verbindung geschaffen würde? Wo überhaupt ein Bezug vorhanden? Ist es vielleicht die unbestimmte Sehnsucht nach Größe, das Begehren nach Affekten, derer wir gar nicht (mehr) mächtig sind, die uns Opern noch immer unbeschwert ertragen lassen und in uns kein Widerwort hervorrufen, wenn zum Beispiel vorgeblich Tote oder – besonders anmutig – letal Lungenkranke mit beeindruckender Kraft in wohlgesetzten Melodien und Worten, eben höchst artifiziell, ihr Dasein aushauchen (immerhin haben einige der schönsten Opern ausgerechnet Figuren zu Helden, die an Tbc leiden, „schwindsüchtig“ sind)? Die Historie der Oper begann mit der Story einer misslungenen Vergewaltigung (Daphne). Sex & Crime aller Art, Notzucht, Ehebruch, Mord und Totschlag, selbst Inzest prägen die Oper seit Anbeginn. Warum lassen wir uns wider alle Vernunft auf derlei Possen ein und unterhalten landauf, landab aufwändige Institute, deren unnützer Zweck es ist, Musik-Theater zu machen? Was die Oper einst konnte und bot, die lärmende Haupt- und Staatsaktion, verpackt in Glanz und Glamour aus Pauken und Trompeten und Zimbeln und Harfen, die Zaubereien und Menagerien (Schlangen, Sphinxe, Löwen und Lindwürmer etwa), kann Hollywood allemal besser und perfekter, und es klingt in Dolby Surround nicht mal mickriger. Wieso also wirkt Oper noch immer? Was macht das heute wahrscheinlich unglaubwürdigste Kunstwerk unter allen, eine Oper, dennoch so überzeugend und anziehend? Metamorphosen der Verjüngung – Regisseur und Dämon Mit der Geburt der Oper begannen ihre kompliziert-faszinierenden und mirakulös verjüngenden Metamorphosen, von Jüngern und Aposteln der strikt strengen Observanz bis auf den heutigen Tag stets als Verfall beklagt und entsprechend eher als Niedergang und fortschreitendes Absterben


crescendo 05 2007 | 5 festspiele

abqualifiziert. Als die Oper aus dem Schatten der florentinischen Palazzi ins Licht der Theaterbühnen trat, verlor sie einen Großteil ihrer exklusiven Abgeschiedenheit und wurde mehr und mehr Teil des öffentlichen Lebens. Das machte sie zwar nicht von vornherein besser, jedoch entschieden wirksamer. Den Verlust ihrer ursprünglichen Unschuld wog bei weitem jener komplexe und im Laufe der Zeit immer intensivere Prozess auf, den wir als „Inszenieren“ bezeichnen. Fortan wurden Prospekte nicht und nicht Maschinen geschont. Und nachdem die harmlos-gefälligen Arrangements allein nicht mehr genügten, bedurfte es folgerichtig derjenigen Person, die für die einen Demiurg, für die anderen nachmals Dämon wurde: der Regisseur. An ihm, seinen Obsessionen, Regietheater ist für den seiner Funktion zwischen Priester Liebhaber die Inkarnation des und Prophet schieden und scheiden sich die Geister, mehr denn je. Schrecklichen – der Regisseur Heute kämpft er beständig gegen ein natürlicher Feind. den bösen Vorwurf, das Theater, auch das der Oper, sei ausschließlich das des Regisseurs geworden, der damit umgehe wie etwa ein besessener und verbiesterter Heimwerker. Die Stücke oder Werke nutze er, natürlich in Unkenntnis von deren wahren Gehalten, als Materialsammlung oder gleichsam als Steinbruch, er schlachte und beute sie hemmungslos aus oder vergehe sich bis hin zur Obszönität an ihnen. Sei es aus Lust am Zerstören des Schönen & Edlen & Guten, sei es, um seine psychischen Defizite, Störungen und/oder Minderwertigkeitsgefühle auf der Basis öffentlicher Mittelzuwendungen zu therapieren. Die Resultate davon heißt man gemeinhin „Regietheater“, ein Begriff, angesiedelt im Zwischenreich von Schmuddelkram, Chaos und intellektueller Überforderung argloser Besucher, die das alles auch noch subventionieren. Das Regietheater – der Sündenfall insbesondere in der Oper, dem Hort der Verheißung größtmöglicher Wirklichkeitsferne und Garant der idealen Illusion. Woher rührt all diese Wut und Abwehr? Wir waren doch schließlich mal alle zusammen ein Volk der Dichter und Denker, eine Kulturnation sogar, die ihre Klassiker kannte und beherrschte. Und darum geht’s um den ganzen Schiller, damit das GoetheWort Recht behalte: Denn er war unser. – Und überhaupt! Zwei Pole: Regietheater und Publikum Der Regisseur – als Interpret ist er wie ein Fährmann zwischen einander fremden Ufern, eine Art Charon zwischen den Fronten von Auffassungen, die weit über Ästhetisches hinausgehen. Denn das so gescholtene

Katharina Wagner: Erbin und Debütantin Am 25. Juli ist es so weit: Katharina Wagner, Urenkelin des Komponisten und Tochter des Bayreuther Festspielleiters, wird ihr Regiedebüt auf dem Grünen Hügel mit den „Meistersingern“ geben. Katharina Wagner hat bereits mit verschiedenen Inszenierungen für Aufsehen gesorgt, die besonders von ihrer frischen Herangehensweise leben.

Der Ur-Großvater Richard Wagner ist der Urvater des noch immer in Bayreuth amtierenden Clans. Ein Meister der großen Opernform. Und kein ganz leichter Charakter: Er hat sich an der Revolution von / beteiligt, floh ins Schweizer Exil, trennte sich von seiner Frau und heiratete die LisztTochter Cosima. Sie wurde sein strenger Sachwalter. Nachdem Hitler das Festspielhaus als nationalsozialistisches Wohnzimmer besetzt hatte, wagten die Wagner-Enkel Wieland und Wolfgang den Neuanfang. Seither floriert das Familienunternehmen. Richard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ ist dabei stets das schwierigste Werk geblieben, da es im Schlussmonolog des Hans Sachs das Deutsche Reich feiert und Frankreich angreift. Viele Regisseure – unter ihnen Katharinas Vater Wolfgang – haben sich um diese Stelle herumgeschlichen. Katharina Wagner verspricht nun, sich nicht vor der Geschichtseinordnung zu drücken. Der Vater Wolfgang Wagner und sein Bruder Wieland haben schon bei Hitler auf dem Schoß gesessen. Das Festspielhaus war ihr Kinderzimmer. Aber nach dem Krieg machten sie den Neuanfang und luden eine beachtliche Reihe von neudeutenden Regisseuren ein, das Werk ihres Großvaters in die Gegenwart zu holen. Wolfgangs ältere Tochter Eva arbeitet bei den Musikfestspielen in Aix en Provence. Als er vor einigen Jahren seinen Rücktritt ankündigte, bewarb sich seine Nichte Nike. Das wollte er verhindern und blieb im Amt. Nun hat Katharina, seine zweite Tochter erstmals Ambitionen angekündigt, ihn zu beerben.


jazz 6 | crescendo 05 2007

0 3 . 0 7. 1 9 9 8 D E E D E E B R I D G E WAT E R JAZZFEST WIESEN


crescendo 05 2007 | 7 festspiele

FLÜS PA U S E N G E

H : B AY R E U T TER 1.TEIL

ntlich, ... Wussten Sie eiger den „Ring des Nibelungen“ von Künst-

nach e Drache fü ersehen nicht ... dass der erst d dass er aus V un , te m am st ck lin ler A rnold Bö ut geschifft ern nach Beir nd so , Bayreuth ss das Festussten Sie, da w urde? Und w dw ig mitfivon König Lu spielhaus zwar Schröder , dass Gerhard nanziert w urde ar, der auf ndeskanzler w aber er erste Bu war? Und ügel zu Besuch dem Grünen H urin Katha– er ss die Regisse da e, Si en zusammenlebt st us w drik Wottrich En r no Te der m in de d it s Siegmun rina Wagner m n die Rolle de le ie sp st Fe en i dies Festspiele die übernimmt be die Bayreuther ss da e, Si en nd w usst e finanziell „Walküre“. U en und bis heut ar w t el W r de arten. Festspiele f eine Karte w ersten privaten zehn Jahre au zu s bi s us m an florieren? – M

Regietheater ist für den aufrechten, den redlichen und echten Opernliebhaber die Inkarnation des Schrecklichen, der Regisseur demnach der natürliche Feind schlechthin. Darum wird er regelmäßig ausgebuht. Weil er, wenn er seinerseits ehrlich und aufrichtig arbeitet, die allzu einfachen Antworten scheut, auf scheinbar simple Fragen, obwohl das Verlangen des Publikums eines ist nach Schlichtheit, auch nach ewigem lieto fine, ach, und natürlich nach Halt und Erlösung. Nicht zuletzt in Zeitläufen, die in zahlreichen Nebelbänken liegen, unüberschaubar und vertrackt widersprüchlich sind. Wem würde denn etwa bei den Harfen-Arpeggien gegen Ende des „Rheingolds“ nicht leicht und regenbogenbunt ums Herz? Etwas von Frühlingsfrische und Riesenwaschkraft mengt sich da hinein. Und etwas Feierliches, was man nicht näher bezeichnen kann: Stolz ohne Anlass, Zufriedenheit ohne Grund. – Selig das Publikum, welches aus der gravitätischen Melange von Feierlichkeit auf der Bühne und Selbstfeier im Zuschauerraum das geistige Elixier destilliert, welches die „deutsche Kunst“ in nuce beinhaltet. Wenn das Regietheater nicht selbstgenügsam und solipsistisch in sich verharrt und gelegentlich nur um die eigene Achse rotiert, so hat es die Chance, die Oper aus dem Joch der Konventionen zu befreien und zu sich selbst zu bringen. Von der ursprünglichen Würde und Natur der Oper “Prima la musica e poi le parole.” Die alte Leier, die falschen Alternativen, der alte Streit um des Kaisers Bart, niemand mag’s mehr hören. Die Musik – ist ein Weib, postulierte mein Ahn; der Text wäre dann womöglich ein Mann. Gehen beide eine Ehe ein oder ist es, um im Bild zu bleiben, nur eine „Lebensabschnittsgemeinschaft“ oder bloß eine zwielichtige Mesalliance?

„Ein Energiebündel auf der Bühne, die ihr Konzert im wahrsten Sinn des Wortes ‚lebt‘. Die Linse hat den Augenblick des Ausdrucks festgehalten.“

Ein Regisseur, der eine Oper ausschließlich mit Hilfe der kleinen gelben Heftchen aus Stuttgart inszeniert (solche Figuren soll es geben), wird alle Musik nur mehr als Untermalung und affektgeladenes Stimmungsbild begreifen, nicht aber als ein Stück, das von allen Seiten betrachtet werden muss, das man befragt und durchleuchtet, das man auch entstaubt und auslüftet gegebenenfalls. Inszenieren heißt Interpretieren, und dies wiederum verweist aufs Deuten – und zwar aufgrund von Text und Musik in ihrer unteilbaren Zusammengehörigkeit. Dass es immer mehr Schauspielregisseure zur Oper zieht, manche mit großem Erfolg, führt der Kunstgattung natürlich Kräfte in Fülle und wesentliche Impulse zu. Es gibt mittlerweile Standards, an denen keiner vorbei kann, sofern er Anspruch auf Ernsthaftigkeit anmeldet. Regietheater, wohl verstanden, sollte der Regelfall, nicht die besondere Ausnahme sein, denn es heißt ja letztlich nichts weiter, als dass ein Opernbesuch eben nicht damit beginnt, seinen Verstand zusammen mit dem Mantel an der Garderobe abzugeben, um sich sodann einen schwelgerischen und sinnfreien Abend puren akustischen Lustgewinns mit Spitzentönen reinzuziehen. Sondern das Gegenteil. Die vielgeschmähte („Quatsch keine Opern!“) und belächelte und voller Geringschätzung behandelte, missbrauchte Oper kehrt zur eigenen Würde zurück und findet zu ihrer Natur. Warum Werktreue keine Nibelungentreue ist Die „Gretchenfrage“ im Musiktheater ist alleweil die nach der so genannten Werktreue. Ha, jetzt ist es heraus, das gefürchtete Wort! Wie für manche der Begriff „Regietheater“ so etwas wie für fromme Katholiken der Gottseibeiuns ist, bei dessen Anblick und Spuren sie das Kreuz schlagen, so dürfte dies im Gegenzug für jeden tapferen Regisseur Werktreue, ist jenes die „Werktreue“ sein, jenes Omiominöse Wort, von dem nöse, wovon niemand ganz genau niemand ganz genau weiß, weiß, was es bedeutet und worauf was es bedeutet und es abzielt. Beruft sich einer darauf, redet worauf es abzielt. er im Grunde der umfassendsten Faulheit das Wort. Treue zum Werk – das kann doch übersetzt allein heißen, dieses zu verstehen, zu begreifen in seinen Facetten, es auszuloten nach allen Richtungen. – Meint „Werktreue“ eine Zielvorstellung oder den Weg dorthin, also eine Methode, oder ist es ein Gebot, ein Befehl? Wer dürfte den erteilen? Vielleicht ist es ja ein Wunsch. Aber wie sollte man den Begriff sinnvoll und erschöpfend definieren? So ziemlich jeder versteht darunter etwas anderes. Werktreue ist mitnichten Nibelungentreue, erfordert auch keinen Treueid, es ist kein Gelübde, kein Versprechen. Wie das Wort landläufig überwiegend gebraucht wird, definiert es den ängstlichen Alptraum ästhetisch eng begrenzten Spießertums weitaus mehr, als die völlig richtige Forderung, einem Kunstwerk auf künstlerisch souveräne Weise beizukommen, es in diesem Prozess zu verstehen und die Resultate der Reflektionen auf die Bühne zu stellen. – Ansonsten: pereat! //


festspiele 8 | crescendo 05 2007

So funktioniert der Grüne Hügel Die Bayreuther Festspiele haben eigene Gesetze. Hier treffen sich Hochglanz und Bodenständigkeit. crescendo Grafiker Stefan Steitz hat den Festspiel-Hügel für alle gemalt, die nicht kommen können. Festspielhaus: Das Walhall oben auf dem Hügel.

Geheimkneipe: Im Garten hinter dem Haus ist das Bier billiger. Hier speisen wahre Wagnerianer. Parkplatz und Post: Wer keine Karte hat, hört die Live-Übertragung im Wagen und geht in die Pausen, als wäre er dabei. Zum Beweis: Postkarte mit Wagner-Stempel.

Festspielrestaurant: Über den roten Teppich zum Essen, um gesehen zu werden.

Arno Brekers Wagner-Skulptur: Zum Niederknien und Anbeten.

Auffahrt: Promis kommen in ihren Karossen und werden vor dem roten Teppich abgeladen.

Festspielpark: Lange Opern, lange Pausen – Flanierwege für über eine Stunde.

Blumen-W: W wie Wagner oder Wahnsinn – das Wappen des Hauses.

Galerie der Bayreuth-Besucher

Bundeskanzlerin Angela Merkel

Showmaster Thomas Gottschalk

Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher

Actrice Margot Werner

Ex-Innenminister Otto Schily


Photo by Bryan Adams

«Das Leben ist VOLLER KLÄNGE. Für 500 Millionen Menschen ist es DAS NICHT.» Plácido Domingo

Can you hear the world? Hear the World ist eine weltweite Initiative von Phonak, die es sich zum Ziel gesetzt hat, das Bewusstsein für das Thema Hören und Hörverlust zu fördern – ein Problem, das 10 % der Weltbevölkerung betrifft. Botschafter von Hear the World sind die Wiener Philharmoniker, Plácido Domingo und Bryan Adams. Mit Hilfe der Hear the World Foundation unterstützt Phonak Projekte, die sich Menschen mit Hörminderungen widmen. Für mehr Informationen rufen Sie uns bitte an unter: 0800 182 0738

www.hear-the-world.com


festspiele 10 | crescendo 05 2007

ERINNERUNGEN AN DIE GUTE ALTE F ESTS P I E L ZEI T

Gott fährt Porsche oder: Ist Herbert zu Hause?

Foto: Porsche AG

Früher haben sich Studenten über den Publikums-Laufsteg der Salzburger Festspiele aufgeregt. Heute schmeißen sie sich selbst in Schale, um in die Oper zu gehen. So wie unser Autor. VON KLEMENS RENOLDNER

Wenn ich in früheren Jahren aus dem in den Felsen des Mönchsbergs geschlagenen „Neutor“ in die Salzburger Altstadt eintrat, galt mein erster Blick dem seitlichen Eingang in die Festspielhäuser und der Frage, ob Herbert von Karajan im Hause war oder

Karajan hatte eine außergewöhnliche Aura, ein Genie des . Jahrhunderts. Das konnte natürlich nicht unsere Welt sein.

nicht. Das erkannte man daran, dass sein Rolls-Royce oder sein Porsche in die Nische vor der gläsernen Eingangstür in den Bürotrakt geparkt war. Gott Karajan, nach dem heute dieser Vorplatz benannt ist, galt damals trotz allem unsere Aufmerksamkeit, er bewirkte noch in der wüstesten Ablehnung, die wir ihm in Gedanken entgegenschleuderten, eine Art von Verehrung, denn an ihm, so spekulierten wir, war sie noch erlebbar, die außergewöhnliche Aura einer historischen Künstlerpersönlichkeit, eines Genies des 19. Jahrhunderts. Das konnte natürlich nicht unsere Welt sein.

, als ich nach glücklich bestandener Matura in Salzburg mein Studium aufnehmen durfte, wohnte ich im Studentenheim der Katholischen Hochschulgemeinde. Einer der Vorteile dieses Quartiers war es, dass es mitten in der Altstadt lag. Ein zusätzlicher Reiz bestand darin, dass einige der Zimmer den Blick auf die Festspielhäuser freigaben. Da ich einen Teil der Sommermonate wegen Ferialjobs in der Stadt zubrachte,

ließ es sich nicht vermeiden, mit dem Trubel da unten konfrontiert zu werden. Das eine waren die Aufmärsche der Reichen in ihren tollkühnen Roben – diese Menschen erschienen uns wie stupide Statisten in einem mittelmäßig bemerkenswerten Schauspiel. Das andere hatte dann doch mit Musik zu tun, das waren die besoffenen Damen und Herren aus deutschen Reisegruppen, die nachts aus der nahegelegenen Touristenfalle namens „Peterskeller“ durch die Franziskanergasse torkelten und an unseren Fenstern vorbeigrölten: „Warum ist es am Rhein so schön?“ Wir empfanden damals, dass die deutschen Touristen „unsere“ Stadt niedertrampelten. Hätten wir damals schon das Wort Tsunami gekannt, es wäre uns passend erschienen. Restaurants und Cafés schrieben zu unserer Empörung die Preise nicht nur in Schilling, sondern gleich in D-Mark an, und wir glaubten uns rächen zu können und äfften den Tonfall der „Piefkes“ nach, bestellten im Café lautstark und lispelnd anstelle der „Topfentorte“ „ne Käsesahnetorte“, nannten zynisch „dufte“ und „knorke“ was wir verachteten. Die Gäste der Festspiele schlenderten kostümiert in Smoking und langen Abendroben schon Stunden vor Beginn einer Oper oder eines Liederabends durch die Gassen und über die Plätze der Stadt, hin zu den Festspielhäusern, um in den Foyers noch ein Glas Champagner


crescendo 05 2007 | 11 festspiele PA U S E N G E F L

zu schlürfen, zwei Lachsbrötchen runterzuwürgen, nach Prominenten Ausschau zu halten oder weil sie hofften, selber dafür gehalten zu werden. Dabei nahmen sie tapfer die Parade der in schräg aufgestellter Formation wartenden Karossen der Marken Rolls-Royce und Mercedes ab und flanierten die Hofstallgasse rauf und runter. Unser Spaß bestand darin, rempelnd und fluchend durch die vor den Eingangstüren zusammenstehenden Menschengruppen zu stiefeln, dabei schimpften wir auf das versnobte Gesindel und taten unseren Unmut über die Niedertracht kund, dass man uns in unserer Stadt sogar noch die Gehwege streitig machen wollte. Nein, den Lack der millionenschweren Limousinen zerkratzten wir nicht, wir schütteten keiner Dame den französischen Sekt ins Dekolleté und traten auch keinem Weinbrand-Erzeuger auf den gelackten Schuh – es war ein recht gesitteter Protest gegen die Hochkultur. Drei Jahre später kam ich in den Genuss, als anzulernender Journalist für eine der vier Salzburger Tageszeitungen (heute gibt es noch zwei davon) Musikkritiken schreiben zu dürfen. Hans Baumgartner, der junge Feuilleton-Chef der „Salzburger Volkszeitung“ war sehr großzügig und so erlebte ich zum ersten und dann noch viele weitere Male Herbert von Karajan am Dirigierpult. Ich besuchte das Festspielhaus in den folgenden Jahren nun öfter und da war’s natürlich vorbei mit Rempeln, ich gehörte ja jetzt irgendwie dazu. Damit es aber nicht gar zu eng wurde mit dem Dazugehören, legte ich Wert darauf, möglichst unelegant daher zu kommen. Wenn ich daran denke wie wenig Ahnung ich von der Oper hatte, wird mir heute noch schwindlig. Ich staune auch über meine Ungeniertheit, mit der ich auf Berühmtheiten zusteuerte und war verblüfft, wie freundlich und bereitwillig sie mir Auskunft gaben. Peter Schreier, der Mozart-Tenor jener Salzburger Jahre,Seite fuhr in 1seinem Mercedes mit TDK_Crescendo_05 30.05.2007 9:14 Uhr

ÜSTER 2 .TEI L : S A L Z B U RG

Wussten Sie eigentlic h,

... dass Anna Netr

...

ebko und Rolando Villazón sich im Restaurant mit de „Triangel“, dem n Bänken, gleich vor dem Festspielh aus, manchmal gegenseitig mit Br otkrümeln bewerfe n? Und wussten Sie, dass man im groß en Festspielhaus drei Airbus A nebe neinander stellen kö nnte, ohne dass sic h die Flügelspitzen berühren? Und wu ssten Sie, da ss Hitl er aus Sa lzburg da s zweite Bayreuth machen wollte? Un d wussten Sie, dass Gérard Mor tier als Nachfolger von H erbert von Karajan nicht nur ein Revo luzzer gegen die So cie ty wa r, so ndern, dass er da Sponsoring in die s Mozartstadt geho lt hat?

DDR-Kennzeichen vors Festspielhaus, um mich zu treffen. Drei Stunden dauerte das Gespräch. José van Dam empfing mich in seiner Garderobe und Frederica von Stade, die als Cherubino nach Salzburg kam, lud mich in den Garten ihrer Sommerwohnung ein. Einen Nachmittag lang saßen wir bei Tee und Wein, ich quälte sie (und mich) mit meinem Schulenglisch und verließ total verknallt das Rendezvous. Vermutlich besitze ich jetzt die vollständigste Sammlung ihrer Plattenaufnahmen. Mit Vorliebe diskutierten wir damals immer wieder die nie enden wollende und zweifellos weltbewegende Frage, welches Orchester denn nun das bessere sei: die Wiener oder die Berliner Philharmoniker. Auch wenn uns die Raffinesse der Blechbläser der Berliner bei Wagner, Bruckner oder Mahler imponierte, waren die Berliner doch irgendwie die Gäste,

Spannende Dokumente der Salzburger Festspiele bei

Mozart LA CLEMENZA DI TITO Salzburger Festspiele, 2003

Michael Schade · Vesselina Kasarova Dorothea Röschmann · Barbara Bonney · Elina Garanc ˇa Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor Wiener Philharmoniker

NIKOLAUS HARNONCOURT Inszenierung: Martin Kus ˇej DVWW-OPCLETI (2DVDs)

i Vertrieb in Österreich:

Mozart COSÍ FAN TUTTE Salzburger Festspiele, 1983

Margaret Marshall · Ann Murray · Francisco Araiza James Morris · Sesto Bruscantini · Kathleen Battle Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor Wiener Philharmoniker

RICCARDO MUTI Vertrieb in Deutschland::

Inszenierung: Michael Hampe DVWW-OPCFTSF (2 DVDs)

Mozart DIE ZAUBERFLÖTE www.tdk-music.com

Hugo von Hofmannsthal

JEDERMANN

Salzburger Festspiele, 2003

Peter Simonischek Veronica Ferres Tobias Moretti Jens Harzer Inszenierung: Christian Stückl DV-PJED

Salzburger Festspiele, 1982

Ileana Cotrubas · Edita Gruberová · Peter Schreier Christian Boesch · Martti Talvela Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor Wiener Philharmoniker

JAMES LEVINE Inszenierung: Jean-Pierre Ponnelle DVWW-CLOPMF (2 DVDs)

Mozart DIE ZAUBERFLÖTE FÜR KINDER Salzburger Festspiele, 1982

Ileana Cotrubas · Peter Schreier Christian Boesch · Kurt Rydl

NEU IM JULI

Wiener Philharmoniker · Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor

JAMES LEVINE Idee und Buch: Christian Boesch Nach einer Inszenierung von Jean-Pierre Ponnelle DVWW-OPMFC


festspiele 12 | crescendo 05 2007

die gefälligst froh sein sollten, dass sie hier überhaupt auftreten durften. Aber gab es einen besseren Mozartklang als den, den Karl Böhm mit den Wienern erzeugen konnte? Damals war das zumindest keine Frage für uns. Man muss sich nur das Salzburger Mozart-Ensemble der siebziger Jahre in Erinnerung rufen: Gundula Janowitz, Reri Grist, Mirella Freni, Helen Donath, Christa Ludwig, Teresa Stratas, Brigitte Fassbaender, Peter Schreier, Francisco Araiza, Werner Hollweg, Hermann Prey, Dietrich Fischer-Dieskau, aber auch Anneliese Rothenberger, Ileana Cotrubas oder Rene Kollo wären da zu nennen – das gab es an keinem Opernhaus der Welt zu hören. Herbert von Karajan war schon zu Lebzeiten eine Ikone der Salzburger Festspiele, ein geheimnisumwitterter Oberpriester seiner eigenen Religion. Er gab keine Interviews, inszenierte sich in den Konzerten als schwebendes Medium der Musikgeschichte, und ließ sich demzufolge in allerlei Posen, in denen seine magischen Hände das wichtigste waren, abbilden. Er trat aber auch mal im Rollkragenpulli auf, was damals wohl als schick galt. Auf Werbe-Fotos sah man ihn im Cockpit eines Düsenjets, am Steuer eines Rennautos, auf einer Segeljacht. Sämtliche Schaufenster der Stadt waren ja damals angefüllt mit den Werbe-Plakaten großer Plattenfirmen, von denen es damals noch so viele gab: EMI, Deutsche Grammophon, Decca, Telefunken, RCA, CBS, Erato oder Philipps. Beim Fleischer hing Kiri te Kanawa, Anna Tomowa-Sintow in der Buchhandlung, das Bildnis von James Levine schob die Badeanzüge

Das Sofa: zerschlissen Wer sagt, dass bei den Salzburger Festspielen alles auf Hochglanz getrimmt ist? Von wegen. Schauen Sie sich mal das Sofa an. Das stammt noch aus Wum & Wendelin Zeiten. Salzburg ist eben auch eine alte Tradition mit charmanten Rissen.

„Ein wahrer Grandseigneur des Jazz und im Laufe der Jahre ein guter Freund.“

zur Seite, Plácido Domingo lächelte auf die Dirndlkleider herab. Nach Karajans Tod übernahm Gérard Mortier die künstlerische Leitung der Salzburger Festspiele, eine sehr gute Entscheidung für den dringend nötigen Neuanfang. Zu unserer Freude gab’s nun keine Rolls-Royce-Parade mehr in der Hofstallgasse – gewundert haben wir uns aber schon, dass an der selben Stelle nun Abend für Abend die Kolonnen silbergrauer Audis vorfuhren. Auch heute noch, wenn ich durch das „Neutor“ in die Stadt komme, sehe ich nach, ob Herbert von Karajans Auto vor dem Seiteneingang des Festspielhauses parkt. Seit  steht es nicht mehr da, das weiß ich natürlich, aber sicherheitshalber schaue ich jedes Mal nach. Ich habe in Salzburg in  Jahren sehr viele Opern- und Schauspiel-Aufführungen gesehen, Orchester- und Solistenkonzerte, Matineen, Serenaden und Liederabende gehört, bewundernswerte Künstler kennen gelernt. Wenn ich heute ins Festspielhaus gehe, bin ich halbwegs gut gekleidet. Nein, ich habe keine Angst, angepöbelt zu werden. Aber manchmal überkommt mich schon noch so eine geheime Lust, solchen braungebrannten, nach Geld duftenden Luxusmenschen auf dem Weg zum musikalischen Mysterium ein paar Grobheiten ins Ohr zu flüstern. Aber das lasse ich natürlich bleiben. Das wäre zuviel der Aufrichtigkeit, oder? //

Der Plan: kompliziert

Flimm bei der Arbeit

Als Intendant muss man sich auf der Bühne nicht so auskennen, da zieht man die Strippen aus dem Büro. Als Regisseur ist das allerdings anders. Flimm ist beides. Und damit er sich in seinen vielen Salzburger Festspielhäusern nicht verläuft, hängt über dem Sofa der Bühnenplan.

Wir haben Salzburg-Intendant Jürgen Flimm gebeten, uns zu beweisen, dass sein Job wirklich Arbeit ist. Daraufhin hat er uns dieses Bild geschickt. Wir schauen es uns einmal genau an.

Die Mappe: dick

Die Gästeliste: kantig

Scheint gut vorsortiert zu sein, die Arbeit von Herrn Flimm. Einmal blättern, eine Unterschrift – und weiter. Aber die vorliegende Gagenforderung, kommt sie von Herrn Barenboim, von Herrn Muti, oder etwa von ...? Schauen Sie noch einmal den skeptischen Blick des Intendanten und das Zögern beim Unterschreiben an.

Obacht, Herr Flimm, gleich rutscht Ihre Gästeliste (vorne Rechts, das Eckige das vom Runden gleitet). Und es wäre doch schade, wenn ausgerechnet Eliette von Karajan von der Einladungsliste verschwindet.

Das Handy: alt

Herr Intendant – was ist denn das? Unterschriften mit einem BIG-Kuli? Vielleicht sollten Sie noch einmal nachverhandeln. Ein Montblanc müsste doch drin‘ sein, oder?

Foto: Salzburger Festspiele

Der Kuli: uneitel

In der Steinzeit hat man mit so einem Ding Dinosaurier getötet. Da ist ja nicht einmal eine Digi-Cam dran. Aber es liegt immer in Griffweite, und wer Flimm in einem der Salzburger Cafés antrifft, sieht, dass er ein SMS-Junkie ist wie Angela Merkel.


crescendo 05 2007 | 13 jazz

13.05.2002 DAV I D L I E B M A N PORGY & BESS IN WIEN


festspiele 14 | crescendo 05 2007

Mein Salzburg: Die geheimen Ecken der Festspiele

Foto: Marko Lipus

Die Salzburger Festspiele beginnen – aber die Mozart-Stadt kann ziemlich schnell, ziemlich klein werden. Da ist es gut, wenn man sich ein bisschen auskennt. Klemens Renoldner, Autor des SalzburgEssays auf den Vorseiten, ist in der Festspielstadt groß geworden – heute arbeitet er in der Österreichischen Botschaft in Berlin. Hier seine ganz privaten Empfehlungen für den Festspiel-Aufenthalt.


��� � � � � � � �� � � � � � � � � � � � � �� �

����������

���������������������� ������������� ����� � ���� ���������������� ���������� ��������������������������� �������������������������

��������������

���������������������������

������������� ������������������

����������������������������� �������������������������� ���������������������������� ���������������������������� �������������

Informationen über die Stadt Salzburg unter: www.salzburg.info

�� ��� � � � � � � � � � ��� � � �� �� � �� � � �� � � � � � � � �� � � � � � � � � � �� � � � �� � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � �� � � � � � � � � � � �


festspiele 16 | crescendo 05 2007

D I E R EG I E- S K I ZZEN D ER B R EG E N Z ER „TO S CA“

Kunst, Liebe und Tod im

Foto: Bregenzer Festspiele

Am Anfang einer Inszenierung steht die Idee. Regisseur Philipp Himmelmann hat Gedanken zu den Rollen und Charakteren. Überlegungen zur Handlung zweier

Die Seebühne in Bregenz wird zu einem gigantischen Auge, in dem die „Tosca“ gespielt wird.

Im Grunde ist „Tosca“ ein dichtes Kammerspiel, das virtuos alle Bestandteile einer geschickt gestrickten Oper mischt: Liebe, Politik und Religion. Hier in ganz ausgeprägten Emotionen durchlebt: Verfolgung, Willkür, Gewaltherrschaft, Eifersucht, Verrat, Intrige, Gier, Mord, Lüge, Folter, Musik, Malerei, christliche Liturgie, Gebet in höchster Not, Gebet der Kirchengemeinde, Gebet des Monsters, Landidylle der Künstlervilla, Hirtengesänge jenseits der Gefängnismauern, Sternanbetung, falsches Theater, Selbstmord…. Die Beziehung Die wirkliche Grundlage der Beziehung der beiden Liebenden Tosca und Cavaradossi ist vor allem Selbsttäuschung: der Versuch ein Künstler-Liebesideal zu leben, ohne es wirklich erfüllen zu können. Idealisierung, Selbstbetrug, Missverständnisse, Unbeherrschtheit, Misstrauen, Eifersucht, Schutzsuche, religiöser Wahn – die Folgen sind die tödlichen Entwicklungen der Geschichte. Jeder meint, Herr der Situation zu sein, wird von den eigentlichen Ereignissen jedoch völlig überrollt, ist den Geschehnissen in keiner Weise gewachsen. Selbst der überaus beherrschte Polizeichef Scarpia ist im Moment der Geilheit unaufmerksam, nachlässig, was ihn auch gleich das Leben kostet. Die Welt der beiden Künstler zerfällt in ein idealisierendes Träumen und Wünschen und eine völlig konträre Realität. Die Geschehnisse mit denen sie zu tun haben, überfordern sie.


crescendo 05 2007 | 17 festspiele

Auge der Tosca uns seine Regieskizzen zur „Tosca“ bei den Bregenzer Festspielen überlassen. Lesen Sie seine liebender Künstler in einem diktatorischen System. VON PHILIPP HIMMELMANN

Nadja Michael: „Oper ist eine Kunst des Existenziellen“ hat sie in Italien abgeräumt, dort hat sie die „Salome“ gesungen und ein Land zum Jubeln gebracht. crescendo: Frau Michael, Gratulation zu

Ihrem „Salome“-Erfolg. War es eine Überraschung, an der Scala so euphorisch aufgenommen zu werden? Michael: Absolut. Ich bin nach Italien gekommen, und die Leute haben mich gewarnt, was man in diesem Urland der Oper alles so falsch machen kann: Gib bloß keine Interviews, haben sie gesagt, und halt dich fern von den Debatten um die Oper. Aber das ging plötzlich gar nicht mehr. Die Leute waren total aus dem Häuschen – dieser Stimmung kann man sich gar nicht entziehen. Mailand war für mich ein unglaubliches Erlebnis. crescendo: Nun singen Sie die „Tosca“ in

Bregenz – auf der großen Seebühne. Sie waren einmal Leistungsschwimmerin. Das muss Ihnen doch liegen. Michael: Sie meinen, dass ich am Ende in den See hüpfen sollte? Eigentlich eine schöne Idee. Aber ich glaube, das hat der Regisseur nicht vorgesehen. crescendo: Der Regisseur ist Philipp Himmelmann – bei ihm haben Sie an der Berliner Staatsoper bereits eine Aufführung von „Don Carlos“ gesungen. Michael: Ich weiß bis heute nicht, warum diese Inszenierung bei der Premiere so umstritten war. Himmelmann hat sehr genau, sehr mit der Musik gearbeitet. Er hat Verdi zu einem Kammerspiel geschrumpft, das Private im Politischen gesucht – und zum Autodafée ist er aus diesem Korsett ausge-

Die Personen Auffällig: Mario Cavaradossis außerordentliche Ungeschicklichkeit im Umgang mit seiner Freundin, der Künstlerin Floria Tosca. Seine Dummheit beim Versuch, dem flüchtigen Regimekritiker Angelotti zu helfen, sein überhebliches Verhalten gegenüber seinen Widersachern, seine grenzenlose Naivität, seine mangelnde Geistesgegenwart bei der Schlussposse, seine Melancholie, seine Selbstaufgabe im Moment des Unterganges. Toscas ausgeprägte Unsicherheit, Geistesschlichtheit, Wehrlosigkeit, Selbststilisierung, Weltfremdheit, die sich in großer Hysterie, Überspanntheit, grandioser Impulsivität äußert. Sie lebt auf der Bühne die Freiheit, Ungebundenheit, Energie, die das Publikum gerne selber haben würde, sich aber nie dazu aufschwingen könnte. Tosca lebt und stirbt als Stellvertreterin für das Publikum die dem Untergang geweihte Künstlerexistenz, die sich viele erträumen, aber nicht zu leben wagen. Toscas eigentliche Persönlichkeit, ihre offensichtlichen seelischen Nöte, ihr Unreife werden überdeckt vom Glamour, dem Erfolg, der faszinierenden, exzentrischen Persönlichkeit – eigentlich ist sie ein großes Kind, das nie aufgehört hat zu spielen. Eine Frau, die ihre religiöse Naivität (siehe Arie „Vissi d‘arte“) nie überwunden hat, die das

brochen. Ich glaube, das hat die Leute schockiert. crescendo: Er ließ nackte Menschen in den Schnürboden ziehen. Michael: Ja, aber darum geht es doch: um die Vernichtung von Menschen. Die Oper ist eine Kunst, in der es immer um das Existenzielle geht, davor dürfen wir uns nicht drücken. crescendo: Das hört man auch in Ihrer Stimme – sie ist keine „Schönsingstimme“, sondern eher mit Charakter aufgeladen. Michael: Ich glaube, dass wir mit poliertem Schönsingen nicht weiterkommen. Für mich liegt das reizvolle und euphorisierende in unserer Kunstform im Changieren zwischen purer musikalischer Schönheit und dem grenzgängerischen Hervorbrechen des in Not geratenen Menschen. // Foto: Michael Kämpf

Die Sopranistin Nadja Michael wird in Bregenz die Tosca singen. Vor Kurzem

Hässliche, Gemeine und Böse der Welt immer ausgeblendet hat und im Moment der Krise und Gefahr völlig wehr- und hilflos dasteht. Gleich das erste Zusammentreffen der beiden zeigt die beeindruckende Mischung von religiöser Überspanntheit, Eifersucht, Herrschsucht, Verführungskunst, gespieltem Liebesleid, mangelndem Vertrauen, Naivität. Mario und Tosca haben keine belastbare Basis für ihre Beziehung, sondern leben in der egomanischen Welt ihrer jeweiligen Kunst. Sie haben es nie gelernt, zwischen Realität und Traum, Sein und Schein zu unterscheiden. Sie sind zutiefst nie „erwachsen“ geworden. Die Augen Mario sucht die Verbindung von Maria Magdalena, der Frau, die er malt, zu Tosca, jener Frau, die er in der Wirklichkeit begehrt, über die Augen. Die Augen Maria Magdalenas sind blau, abgemalt von den Augen einer wirklich existierenden Frau, der Marchesa Attavanti. Die Augen der realen Geliebten Floria Tosca sind schwarz. „Welche Augen auf dieser Welt kommen deinen schwarzen Augen gleich?“, beschwichtigt Cavaradossi seine Geliebte Tosca und malt doch die blauen Augen der Attavanti/Madonna. Er selbst will und wird die Ursache der Katastrophe nicht sehen, wird auch nicht erfüllen, was Tosca von


festspiele 18 | crescendo 05 2007

FL PA U S E N G E

ENZ EIL: BREG ÜSTER 3.T

ntlich, ... Wussten Sie eigeiell keine richne offiz

üh ihm verlangt: „Aber male ihr schwarze Augen!“. Schon in den ... dass die Seeb ehördlich sondern als „b t, frühesten Werken der gesamten Opernliteratur spielen die tige Bühne is nd w ussustelle“ gilt? U Augen, die Blicke, eine alles entscheidende Rolle: so in Mongenehmigte Ba ei Taucher den Abend dr teverdis „L’Orfeo“ oder seiner „L’Incoronazione di Poppea“. ten Sie, dass je r gefa llene um ins Wasse Schon hier versinnbildlichen die Augen mehr als alle anderen parat stehen, retten? Zud A kteure zu Sinnesorgane die erotische Affinität, aber auch die permanente Requisiten un all: König beim Maskenb Gefährdung zwischen Mann und Frau. Die Augen signalisieren letzt geschehen amm zus Wasser, schw Hingabe, sind Geheimcode für Einwilligung und Vereinigung, Gustav fiel in ng die Oper ebühne und sa aber oft zugleich Ausdruck von Misstrauen, Überwachung und rück an die Se de. n nur  ikrofon zu En Kontrolle….  Aufführunge mit neuem M n den letzen  vo ss s verda e, lh Si In Scarpia inkarniert sich Rationalität bis zur vollständigen ins Festspie au Und w ussten brochen oder ge ab rs te des et ld W en Gefühlskälte, Zynismus, Sadismus, Gier nach allem, was man s Bühnenbi wegen schlecht en Sie, dass da st us w nd U ? ussten verschlingen und vernichten kann, Intelligenz, Übersicht und legt werden m en wog? rund  Tonn “ rs Analyse der Situation – die Geilheit ist seine einzige Schwachstelle: „Troubadou Sie wird ihm zum Verhängnis. Der tödliche Zusammenprall von eskapistischer „Künstler“Omnipotenzphantasien des Scarpia Welt mit der brutalen, banalen Realität der Willkürherrschaft zu einem Hinaustreten aus der Realität. Das „Te Deum“ gerät zu – dieser führt zwangsläufig zum Untergang der weltfremden Künstler: einem ungeheuren Gemisch von religiösem Wahn, sexueller Erregung Sie, die vermeinten Gestalter des Geschehens zu sein, geraten in einen und Gewaltphantasien. Hier scheint die Welt für einen Moment stillunaufhaltsamen Strudel der Gewalt. zustehen. Der weitere Weg der Figuren führt sie ja dann in die absolute Einsamkeit und Verzweiflung. Die Bühne Die vor dem „Te Deum“ noch geltenden Maßstäbe und Sicherheiten Die Seebühne mit ihren ganz außerordentlichen Dimensionen gibt die gehen immer mehr verloren. Der Sturz der Tosca ist ja nicht nur der von Möglichkeit, dieser alptraumhaften Spirale des Untergangs, wie sie im der Engelsburg, sondern auch der einer von allen umschwärmten Diva eigentlichen Kammerspiel aufgezeigt ist, eine weitere Ebene hinzuzufüaus dem Rampenlicht in die schwarze Nacht der Verzweiflung und der gen: Wir beginnen die Erzählung in einem relativ realistischen Umfeld. totalen Verlassenheit. In dem Moment aber, in dem das Gift Scarpias zu wirken beginnt und Die Seebühne erlaubt hier Bildfindungen, wie sie dem normalen TheaToscas blinde Eifersucht zu Tage tritt und somit das Unheil seinen Lauf ter niemals möglich wären: Hier lässt sich das vollkommene Verlorensein, nimmt, erweitern wir die Erzählung. Wir zeigen, wie sehr die Figuren das der absoluten Verzweiflung ausgelieferte Individuum in den riesigen immer mehr den Halt verlieren, wie sehr die sie umgebende Welt immer Dimensionen einer auseinanderbrechenden (Bühnen-) Realität zeigen. mehr zerfällt. Das gibt die Möglichkeit, neben dem eigentlichen Thriller etwas vom Dieses Aufbrechen der (Bühnen-)Wirklichkeit beginnt mit dem „so in die Welt gestellt“ sein des dem Untergang geweihten Menschen „Te Deum“ – hier steigert sich die kirchliche Liturgie zusammen mit den zu erzählen. //

Philipp Himmelmann und die Handlung der „Tosca“ Die Oper

Himmelmann gehört zu den erfolgreichsten deutschen Regisseuren. Seine Spezialität ist die Innerlichkeit der Werke, die er inszeniert. Er hat Musikwissenschaft und Sprachen an der Universität Bonn studiert, ehe er von 1983 bis 1987 den Studiengang Musiktheater-Regie an der Hochschule in Hamburg absolvierte. Zu Beginn seiner Regielaufbahn erarbeitete er mit freien Ensembles in Hamburg, Berlin und Stuttgart verschiedene Opern. 1989 debütierte er am Luzerner Theater, wo er von 1992 bis 1995 Mitglied des Direktoriums war. Von 1996 bis 1998 war er Oberspielleiter in Saarbrücken. Himmelmann inszenierte zudem an den Opernhäusern von Hannover, Nürnberg, Lyon, Göteborg, in Baden-Baden, in Berlin und Dresden. Seine „Tosca“ hat am 18. Juli Premiere auf der Seebühne in Bregenz.

Puccinis „Tosca“ ist eigentlich ein Krimi um die Diva Floria Tosca und ihren Freund, den Maler Cavaradossi. Der Polizeichef Scarpia, der in Rom sein Terrorregime führt, vermutet zu Recht, dass Cavaradossi mit den Widerständlern kooperiert. Er lässt ihn gefangen nehmen und zwingt Tosca zum Beischlaf: Dafür will er Cavaradossi befreien. Sie ersticht den Tyrannen, und wider ihre Erwartungen wird der Maler erschossen. Sie nimmt sich mit einem Sprung von der Engelsburg das Leben. (Informationen zur Aufführung unter www.bregenzerfestspiele.at)

Foto: Bregenzer Festspiele

Der Regisseur

„Eigentlich wollte ich nur ein Autogramm, doch dann gefiel ihm das Bild so sehr, dass ich ihm eine Kopie mitgab. Zwei Wochen später fand ich in meinem Briefkasten ein Billet: ,A Big Noteful of Thanks – Dave Brubeck‘.“


crescendo 05 2007 | 19 jazz

19 . 0 4 . 19 9 5 DAV E B R U B E C K KONZERTHAUS WIEN


essay 20 | crescendo 05 2007

Um die Installation von Ricardo Basbaum auf der documenta (unten) zu verstehen, muss man erst einmal den Beipackzettel (rechts) lesen. Wer hört da nicht lieber Beethoven. Übrigens, das Werk trägt den Titel: „Would you like to participate in an artistic experience?“

STREITSCHRIFT ZUR DOCUMENTA, BIEN N A L E U N D Z U M K U N STWA H N

Götterdämmerung für das Zeitalter des Bildes Nie gab es so viel Bildende Kunst wie diesen Sommer. Aber das ist nur ein Endzeit-Hype, denn die Malerei wurde längst totgefeiert. Droht der Musik ein gleiches Ende? Die Übernahme durch die ModeJunkies? Wohl kaum, denn sie entzieht sich der Annektion. VON AXEL BRÜGGEMANN

Es ist noch gar nicht so lange her, dass Kunstwerke ihr Dasein als Objekte der Traditionspflege und des wohlrestaurierten und übersichtlich präsentierten Kulturerbes in den Museen fristeten. Erst Anfang dieses Jahrtausends, als sich die Tempel der Bildenden Kunst wieder als gesellschaftsübergreifende Salons der Gegenwart geöffnet haben, so wie es zuletzt in den er und er Jahren der Fall war, zu Zeiten Warhols und Beuys’, wurde das Bild in Galerien und Wohnzimmern als Kult- und Kommunikationsobjekt wach geküsst. Vernissagen von Berlin Mitte bis München, von New York bis Mailand, haben sich zeitgleich und wie von Geisterhand als Umschlagplätze der Weltwahrnehmung vernetzt. Sie etablierten sich als Treffpunkte gesellschaftlicher Eliten, die mit dem Rotweinglas im Angesicht des Bildes debattierten und ihre Netzwerke im Schatten der Kunst spannten. Das neue Bildungsbürgertum war ein Bildbürgertum. Es verwundert kaum, dass die Renaissance des Bildes am Anfang dieses Jahrtausends stattfand. Ein Zeitalter, in dem man sich in einer neuen Weltordnung nach optischen Orientierungspunkten sehnte, nach Standortbestimmungen des Ichs im Angesicht des Abbildes der gegenüberliegenden Welt. Es war die Ära, in der das Bild den Alltag zurückeroberte: im profanen wie im künstlerischen Kontext. Eine Bewegung, die in diesem Jahr, dem offensichtlichen Jahr der Großausstellungen, von Venedig bis Kassel, ihren Höhepunkt feiert. Die Bildende Kunst ist noch einmal allgegenwärtig: In den Museen, in der Berichterstattung und in der öffentlichen Diskussion.

Fotos: documenta

*

Jahrelang hatte die Politik das Kunstwerk als Mittel der Selbstdarstellung vernachlässigt, sich ihr höchstens als höfische Form der Idealisierung in Büsten und Porträts bedient. Nun etablierte sie es plötzlich als Mittel der stillen Kommunikation. Mächtige, Mäzene und Intellektuelle versammelten sich um das Bild. Wer etwas auf sich hielt, machte in Kunst – und daraus auch keinen Hehl. Politiker von Bill Clinton über Gerhard Schröder bis Tony Blair haben das Bild benutzt, um sich und ihre Politik


crescendo 05 2007 | 21 essay

in Szene zu setzen. Zuweilen mit dem Ergebnis, dass sie dabei selbst Mythologie der Bilder untersucht und die eigentliche Wahrhaftigkeit der zur Ikone wurden. Und während sie die Bilder zum Zwecke der Politik Fälschung argumentiert. instrumentalisierten, etablierten sie parallel die Kunst als Korrektiv eines In Friedrich Kittlers Berliner Vorlesungen zu „Optischen Medien“ optischen Overkills, den sie selbst beschworen haben. aus dem Jahre  (erschienen bei Merve), oder in Bruno Latours Kanzler Schröder lieferte die Ikonographie seiner Regentschaft, als er Aufsatz „Iconoclash“ (ebenfalls Merve), der fragte, ob es eine Welt jenseits des Bilderkrieges gibt, aber auch in Klaus Theweleits . Septemsich Baselitz’ stürzenden Adler hinter den Schreibtisch hängte und am Ende seiner Amtszeit Immendorf zum Porträtber-Sammlung „Der Knall“ (Roter Stern) drehte malen bestellte. Und am liebsten fuhr er öffentsich alles um die Verführbarkeit des Auges, die Das visuelle Zeitalter hat die Augen lichkeitswirksam mit Maler-Freund Bruno Bruni Wirklichkeit der Welt in all ihren Abbildern. Das geöffnet, um zu erkennen, dass Bild wurde bei Denkern wie Rainald Goetz zur in die Toscana. Guido Westerwelle setzte sich wir mit den Ohren vielleicht als Fan von Norbert Bisky in Szene und bewies Brücke zwischen der Kunst, die es hinterfragte, besser sehen können. damit Gespür für liberale Avantgarde jenseits der und einer Öffentlichkeit, die es inzwischen alltäglich in all seiner Indifferenz benutzte. popmodernen Big-Brother-Bilder. Das Politische, das die Bilder profanisierte, erteilte dem Subversiven Mit Blick auf die neuen Medien warnte Slavoj Žižek vor der Vorstellung, dass wir es vor der computer-generierten Virtualisierung der der Kunst das Placet der Exekutive. Und die Kunst versprach dafür auf Realität mit einer direkten, „realen“ Realität zu tun haben würden: „Die kleinem Raum, was in der Postmoderne schmerzlich verloren schien: Erfahrung der virtuellen Realität sollte uns vielmehr dafür sensibilisieren, die Welt auf einen Blick zu greifen. In den Mikrokosmen von Leinwie die ‚Realität’, mit der wir uns befassen, immer schon virtualisiert wänden, in Videos oder Installationen ließen sich die unüberschaubar war.“ Die neue Aufmerksamkeit für das Bild wurde auch zur Form, die gewordenen Mechanismen des Seins am besten komprimieren, und jeder Tradition neu zu ordnen. Guy Debords er Parole, dass die GesellEinzelne konnte seine Position im großen Ganzen bestimmen. schaft sich in das Spektakel des Schauspiels verabschiedet habe, schien Ungefähr zeitgleich begann auch der Siegeszug der Werber und Kreanun ein neues Medium gefunden zu haben: Die Welt hat sich in das Bild tiven, die mit Bildern um Aufmerksamkeit buhlten, die Mechanismen verabschiedet. der Kunst in die Alltäglichkeit übersetzten. Und spätestens mit dem . September wurde die Macht über die Bilder gleichbedeutend mit der Die neue Macht der Bilder griff unaufhaltsam um sich. Besonders in der damals tonangebenden Generation Pop, die mit ihren Werken („DJMacht über die Welt – oder zumindest über die öffentliche Meinung. Bei alldem verlor das allerorten herangezogene Bild durch die neuen Culture“, „Tristesse Royale“ oder „Generation Golf“) die Deutungsmedialen Formen und ihre Manipulationsmöglichkeiten an Glaubwürhoheit über das Lebensgefühl übernommen hatte. Rekurse auf Andy digkeit und Wahrhaftigkeit. Es ist nicht zufällig, dass sich auch in der Warhol, Roy Lichtenstein oder Gerhard Richter bildeten Anknüpfungspunkte, ihre provokant antibürgerliche Emanzipation in eine neue, nun Philosophie plötzlich alles wieder um das Bild und seine Bedeutung kümmerte. Benjamins Debatte vom Kunstwerk im Zeitalter der techplötzlich erstrebte, Bürgerlichkeit zu überführen. In der Kunst fanden nischen Reproduzierbarkeit wurde fortgesetzt, Ikonographie, Aura und sie die populären Merkmale des Ikonenhaften und der mythologischen

*

*


essay 22 | crescendo 05 2007 Die Bildenden Künstler wenden sich der Klassik zu: Jörg Immendorf, Jonathan Meese und Bill Viola sind mit der Oper fremd gegangen.

Oberfläche, aber auch die Verbindung zur historisch-bürgerlichen Tradition der Malerei. Sie wurde zum Ort der privaten und öffentlich inszenierten Nemesis. Als ehemalige Enfants terribles wie Ulf Poschardt beschlossen, seriös zu werden, ließen sie sich auf Vernissagen sehen, schrieben in der „Welt am Sonntag“ Pamphlete für ihre neuen Stars, erhoben sie zu „Stil-Ikonen“ und beflügelten ihre Verankerung in der Alltagskultur. Sie kauften Bilder, die sie sich leisten konnten, und schnell verwandelten auch Rechtsanwälte und Zahnärzte ihre Wohnungen in kleine Galerien. Im Mittelpunkt fast jeder Party in Berlin Mitte hing ein neues Kunstwerk, stand eine neue Installation oder wurde ein neues Video per Beamer präsentiert. Was mit der Begeisterung für die längst vergangene Popart begann, führte schnell in die aktuellen, postmodernen Bildwelten von Bill Viola oder Matthew Barney, in die sexuellen Phantasien von Cindy Sherman, oder die erotischen Realdokumentationen von Nan Goldin, die ihre Berliner Freunde in einem Bildband verewigt hat. Sie bestimmten die Mode und den Look der neuen Szene, in der das Visuelle zum Götzen und zum Kult erhoben wurde. Und auch der Sprung in die Gegenwartsmalerei der neuen Leipziger Schule war nicht weit. Hier wurde schließlich an Ähnlichem getüftelt: an der neuen Oberfläche der Welt, einer Neoromantik, einer wiederentdeckten Gegenständlichkeit – an einer Ästhetik des überrealistischen Seins, die tief in der bürgerlicher Tradition und Ästhetik verankert war.

*

Giuseppe), aber egal: Hauptsache Klassik! Ulf Poschardt ist inzwischen Stammgast der „Yellow Lounge“, einer Art Klassik-Disco der Deutschen Grammophon, lädt seine Gäste zur Hausmusik in den Keller seiner Villa und schwärmt allerorten vom Kulturradio des RBB. Natürlich ist er auch der erste, der am Premierenabend der Berliner Staatsoper aufsteht und „Bravo“ ruft, wenn das Architekten-Duo Herzog und de Meuron auf einmal kein Kunstmuseum mehr gebaut hat, sondern das Bühnenbild zu Wagners „Tristan und Isolde“. Ehrensache, dass er als neuer Chefredakteur der „Vanity Fair“ die Klavierspielerin Hélène Grimaud zur Gala lädt. Überhaupt wenden sich die bildenden Künstler längst der Klassik zu. Schon vor einigen Jahren hat Jörg Immendorf die Szene zu Schostakowitsch’ Oper „Die Nase“ entworfen, Jonathan Meese hat sich Wagners „Parsifal“ vorgenommen, das Bühnenweihfestspiel, das auch Christoph Schlingensief in Bayreuth zur Installation auf einer Drehbühne mißbraucht hat, um zu Leit- und Leidensmotiven das Kunst-Video eines verwesenden Nagers zu zeigen – der „Hasifal“ schockte den KlassikKlüngel und hat das verschlafene Bayreuth ordentlich aufgeweckt. Bill Viola hat in Paris Wagners „Tristan“ als Vier-Stunden-Film mit Feuerund Wasser-Orgie ausgestattet. Und der Berliner Galerist Axel Benz ist inzwischen öfter in Opernhäusern zu sehen als bei Vernissagen. Er reist nicht mehr in die USA, um Kunst zu kaufen, sondern hockt gern auch bei der Sponsoren-Party der Metropolitan Opera in New York zwischen Anna Netrebko und Renée Fleming.

*

Diese Welt war es, die nun von der Meinungselite in ihren neuen Jobs bei Zeitungen und Zeitschriften gefeiert wurde. Die Kunstwelt expandierte und mit ihr das Interesse an den Bildern. Künstler und KunstFotografen zogen in die journalistische Hochglanzwelt der Magazine ein, und Blätter wie „Cicero“ fanden ihre Identität in Titelseiten, die als Gemälde gestaltet wurden. Es war überfällig, dass eine eher konventionell langweilige Kunstzeitschrift wie „art“ Konkurrenz bekam und sich „Monopol“ als Sprachrohr des neuen Bild- und Bildungsverständnisses etablierte. Schon im Titel wurde die Deutungshoheit in Sachen Kunst in Anspruch genommen. Das Bild selbst wurde zum Zeichen, zur Marke einer Gruppe, die unter ihr die eigene Sinnsuche zur Schau stellte. Klug wurden im Zuge der eigenen Deutungshoheit die Urgesteine der Kunstszene, Sammler wie Mick Flick, Ernst Beyeler und Heinz Berggruen umarmt und zu neuen Vorbildern stilisiert. Die Eroberung der Kunst funktionierte wie die Eroberung jeder Welt: mit der Integration alter Eliten. Die Popularisierung der Bildenden Kunst fand ihren Niederschlag in Großausstellungen wie „MoMa“ in Berlin, in „Goya“ oder „Melancholie“. Die Nation der Dichter und Denker begann, die Augen zu öffnen und widmete sich dem Sehen.

Und dorthin hat sich auch ein Großteil der Sponsoren verabschiedet. Lange galt die Kunstsammlung der Deutschen Bank als Aushängeschild des Geldhauses. Inzwischen setzt es seine Priorität bei der Förderung des Jugendprojektes der Berliner Philharmoniker von Simon Rattle. Audi investiert bei den Salzburger Festspielen, der Post-Paketdienst DHL unterstützt das China-Gastspiel der Provinzoper aus Nürnberg, und der Energieriese RAG setzt nicht mehr auf die Kicker aus Essen, sondern auf die örtliche Philharmonie. Selbst in der öffentlichen Repräsentationskultur gibt die Musik inzwischen den Ton an. Angela Merkel kann mit Bildern nur wenig anfangen. Sie ist Klassikfan, macht auch keinen Hehl aus ihrer Verehrung für Wagner und Mozart, ist regelmäßiger Gast der Bayreuther und der Salzburger Festspiele. Bundespräsident Horst Köhler hat sich zwar Walter Stöhrer hinter seinen Schreibtisch gehängt, aber viel lieber geht er ins Konzert. Bundestagspräsident Norbert Lammert hat die Berliner Philharmoniker dirigiert, und selbst Papst Benedikt hat den Schauspiel-Fan Johannes Paul als Freund der Musik abgelöst. Als er die Kanzlerin traf, freute er sich über ihr Mitbringsel: kein Bild, sondern ein Mozart-Autograph.

* Aber wohin ist diese Welt auf einmal verschwunden? Der Salon der

Musik kennt kein Gegenüber, hat der Philosoph Peter Sloterdijk einmal geschrieben, als er die Frage beantworten wollte, wo wir sind, wenn wir Musik hören. Wer sich der Musik widme, betrete das „Rückzugsterritorium weltferner Wesen“, schrieb er und meinte, dass man immer bei sich sei, wenn man Musik höre. Weil es in der Musik – anders als in der Bildenden Kunst – kein konkretes Objekt gibt, um sich in ihm zu reflektieren. Die Musik bietet keine Orientierung im Raum und in der Wirklichkeit, kein Farbfeld, kein erkennbares Ding, das Halt gibt, sondern nur einen Klang, der auf die Wahrhaftigkeit des Seins verweist. Der Raum der Musik ist für Sloterdijk grenzenlos, weil der Hörer stets in der Mitte, nie aber an der Grenze

Bilder erlebt derzeit eine Krise. Die klassische Musik ist zum neuen Wohnzimmer der Republik geworden. Der Pop-Literat Moritz von Uslar kümmert sich als „Spiegel“-Redakteur um Reportagen aus Bayreuth und Interviews mit Komponisten wie Pierre Boulez, sein Roman „Waldstein oder Der Tod des Walter Gieseking am . Juni “ dreht sich um die Selbstfindung eines Pop-Sozialisierten durch Beethoven. Dem Buch ist ein Zitat aus dem Verdi-Requiem vorangestellt: „Kyrie eleison. Christe eleison.“ Zwar kommt dieser Satz in jedem Requiem vor, und der Komponist ist auch nicht ganz korrekt buchstabiert (Guiseppe statt

*


crescendo 05 2007 | 23 essay

des Hörbaren stehen kann. Der Raum der Musik ist für ihn ebenso merkwürdig und geschlossen wie der Schlaf oder die Dummheit. „Eine Philosophie des Hörens“, behauptet er, „wäre daher von Anfang an nur als Theorie des In-Seins möglich – als Auslegung jener ‚Innigkeit’, die in der menschlichen Wachheit weltempfindlich wird.“ So absurd es klingt, so sehr sind die Popliteraten und ihre Epigonen noch immer Anhänger der Kritischen Vernunft und ihres Erfinders Immanuel Kant. Von ihr erwarten sie sich den rationalen Blick auf die Welt. Und darin unterscheiden sie sich von Philosophen wie Peter Sloterdijk, der, wenn er sich der kritischen Theorie widmet, behauptet, dass es die Theorie der Sensiblen sei, weil es in ihr darum ginge, das Ergriffensein zuzulassen. Der gegenwärtige Paradigmenwechsel liegt genau in dieser Spannung. Auf der einen Seite wurde die Bildende Kunst benutzt, um Sensibilität zur Schau zu stellen, auf der anderen Seite gab sie die Sicherheit der rationalen Weltbetrachtung.

*

Viele ehemalige Jünger der Bildenden Kunst scheint inzwischen das Gefühl gepackt zu haben, dass Ihre Suche nach dem Schönen und Wahren vor dem Bild unerfüllt geblieben ist. Sie haben begriffen, dass sie sich der Kunst als Mittel der Repräsentation bemächtigt haben. Über Bilder zu sprechen, verlangt Abstraktion und Abstand – die Kataloge der Kunstausstellungen zeigen, dass es leicht fällt, viele Worte über wenig Bildinhalte zu machen, dass das Bild zu einer Kunst der Fußnoten geworden ist. Und dass sich die Aussage des Visuellen schnell in die Ratio des geschriebenen Wortes verabschiedet. Das Sensible und die eigene Auflösung werden im Angesicht des Bildes leicht zur Pose. Umso mehr wurde in der Bildenden Kunst mit dem Mythos des Unmittelbaren operiert, von der Sensibilität, dem Ergriffensein und der Selbstauflösung gesprochen. Und tatsächlich könnte die Hinwendung zum Bild ein Schritt auf der Suche nach dem Ich gewesen sein, die allerdings im Finden des Gegenübers endete. Das Musik hält, was das Bild verspricht: Bild berührt eigentlich die aktuelle Pflege der Tradition. nur, weil es lieber über Die Vergangenheit wird in der die Welt und die anderen spricht, weil es in die Gegenwart stets neu belebt. Welt verweist, nicht in das Selbst. Das Bild an sich ist letztlich eine Kunst des Prestiges: man kann es sammeln, ausstellen und in das Wohnzimmer hängen. In der Musik aber bleibt nur der selbstempfundene Augenblick als Erinnerung zurück. Für sie gibt es keinen Nagel. Sie bleibt als wahrhaftige Erkenntnis. Während Bilder eine Art dinglicher Wahrheit suggerieren, ist die Musik die Kunst der wahrhaftigen Gänsehaut und Tränen, weil sie den Hörer nicht erst auf sich zurückwerfen muss, sondern weil er per se schon immer bei sich sein muss, wenn er Musik hört. Und genau darin scheint ein Grund dafür zu liegen, dass sich die Salons der Gegenwart vom Bild in die Musik verschieben. Inzwischen haben wir gelernt, dass wir den Bildern nicht mehr trauen können – nicht einmal, wenn uns ihr Manipulationspotenzial bewusst ist und wir es selbstverständlich mitdenken. Die Musik täuscht nicht vor. Sie ist. Nicht die Welt, aber Teil des individuellen Weltempfindens ihrer Hörer.

*

„Die Direktheit der Musik ist manchmal zutiefst unerträglich und unappetitlich“, sagt Moritz von Uslar, und zieht es deshalb vor, ins Konzert zu gehen, statt sich Beethoven allein zu Hause in den CD-Player

zu legen. „Man ist als Mensch nicht so gedacht: Die Erkenntnis ist eine zivilisatorische Leistung – und die sollte man mit anderen teilen“, sagt er. „An einem öffentlichen Ort benimmt man sich anders. Der Nachbar im Konzert zwingt einen zur Form, zur Haltung. Weil das Gehenlassen obszön ist, weil man eigentlich nicht so in sich zurücksinken darf, wie die Musik das verlangt. Und erst in dieser Spannung, in der sich der Körper beherrscht, findet ja auch das eigentliche Kopfkino statt.“ In Überlegungen wie diesen offenbart sich der Schritt der Erkenntnis von der Bildenden Kunst zur Musik. Von Uslar redet noch von „Kino“, also von Bildern, aber es sind nicht mehr fremde Bilder, sondern eigene, von der Musik inspirierte, die nicht da sind, sondern erst entstehen müssen. Es ist diese unmittelbare Nähe und die Spannung zwischen Repräsentationskunst und Individualkunst, die den neuen Musikbegeisterten sowohl eine Begeisterung als auch ein Unwohlsein verursacht. Wie kann es sein, dass einen eine Kunst, die man rational durchschaut, emotional ergreift? Die Klassik fordert nicht weniger als die absolute Hingabe und die Visualisierung des Ichs, die vor Bildern allzulange nur als Zitat der eigentlichen Emotionalität bemüht wurde. Dem „obszönen Akt“ der Selbstfindung in der Musik kann man sich höchstens im öffentlichen Raum entziehen. Und in ihm geht es wieder um die Repräsentation: um Haltung und Form. Haltung und Form sind in einer Welt, von der wir gelernt haben, dass sie eklektizistischen und weitgehend chaotischen Regeln folgt, wieder wichtig geworden. Die Bildende Kunst hat die Form zum großen Teil aufgegeben. In der Klassik ist sie – von der Sonatenhauptform bis zur Fuge – eine Grundkonstante. In der musikhistorischen Tradition der Harmonielehre erfahren wir, dass der Welt vielleicht doch eine Einheit zu Grunde liegt, nach der wir uns in aller Zerrissenheit sehnen. Und, dass diese Einheit mikrokosmisch in uns selbst liegt. Und immer lag. Das Zeitalter der Bilder war ein Zeitalter der Dinglichkeit und der direkten Verarbeitung der Gegenwart. Mit der klassischen Musik ist das anders. Die Partitur ist nur ein Teil des Kunstwerkes, man kann sich die schwarzen Noten auf weißem Papier nicht ans Ohr halten – sie klingen nicht, bleiben ein stummes Dokument. „Klassik ist geiler Weise immer wieder frisch. Weil sich da ein Musiker hinsetzt und Gas gibt. Wenn ein Brendel sich noch einmal etwas erarbeitet hat, eine Sonate von Beethoven, dann ist das Gegenwart pur“, sagt Moritz von Uslar. Und tatsächlich ist die Musik, anders als die Bildende Kunst, ein doppelter Schöpfungsakt: am Anfang stehen Mozart, Beethoven oder Verdi. Aber um sie zu beleben brauchen wir die Berliner oder die Wiener Philharmoniker, Simon Rattle, Daniel Barenboim oder Christian Thielemann. Musik hält, was die Bildende Kunst verspricht: die aktive Pflege der Tradition, die Auseinandersetzung der Gegenwart mit der Vergangenheit. Und darin liegt ihre eigentliche Aktualität. In der ewigen Neuerfindung, die sich immer mit dem, was gewesen ist, auseinandersetzen muss. Die Vergangenheit wird in der Gegenwart belebt. Die Individualität schöpft sich aus dem Allgemeinen. Und es geht nicht mehr um die Welt als gegenüberliegendes Objekt, sondern als Teil des eigenen Ichs. Das unterscheidet die Musik von der Bildenden Kunst. Das macht sie hochmodern und aktuell. Und das macht sie am Ende auch resistent gegen die Okkupation als temporären Salon der Gesellschaft.

*

Das Bild hat seine Schuldigkeit getan. Das visuelle Zeitalter hat die Augen geöffnet, um zu erkennen, dass es das Ohr ist, das vielleicht besser sehen kann, wonach wir eigentlich suchen. //


Klassik-Charts Die Bestseller

Die Besten

rezension 24 | crescendo 05 2007

Rezensionen

Auswahl der besten CDs, DVDs und Bücher 1

Netrebko, Villazón „Duets“ (Deutsche Grammophon)

1

2

Sting, Edin Karamazov Dowland: „Songs From The Labyrinth“ (Deutsche Grammophon)

2

3

Anna Netrebko, Rolando Villazón „Violetta“ (Deutsche Grammophon)

4

Rolando Villazón „Gitano“ (Virgin)

5

6

Netrebko, Gergiev „Russian Album“ (Deutsche Grammophon) Netrebko, Villazón, Domingo „Waldbühnen Konzert“ (Deutsche Grammophon)

Schäfer, Harnoncourt „Le nozze di Figaro“ (DG) Ein Ereignis nicht wegen der Netrebko, sondern wegen des Dirigenten und des anderen Soprans. 3

Haïm, Dessay Händel: „Il trionfo del Tempo“ (Virgin)

4

Mikhail Pletnev Beethoven: „Klavierkonzerte 1& 3“ (DG)

5

Bernarda Fink Berlioz u.a.: „Nuits d‘été“ (harmonia mundi)

6

Daniel Barenboim „Tangos among Friends“ (NVC)

Eine wunderschöne Doku: Der Dirigent führt durch seine Lieblingsecken in Buenos Aires.

7

Lang Lang/ Long Yu „Dragon Songs“ (Deutsche Grammophon)

8

Villazón, Netrebko „Der Liebestrank“ (Virgin)

9

Francois Lelux, Chamber Orch. of Europe 8 „Bleibt meine Freunde“ (SonyBMG)

10 Ludovico Einaudi: „Divenire“ (Universal) Easy-Listening Modernität. Divenire kann man gut nebenbei verdauen. 11 Jan Vogler „My tunes“ (Sony BMG)

7

9

Ton Koopman Buxtehude: „Opera Omnia V“ (Challenge Classics) Giuseppe Sinopoli Mahler, Strauss: „Sinfonie Nr. 9, u.a.“ (Profil, Edition Günter Hänssler) Arcadi Volodos „Volodos plays Liszt“ (SonyBMG)

Große SchauspielLegenden

11 Celibidache Bruckner: „Sinfonie Nr. 9“ (Opus Arte)

Früher fanden bei den Salzburger Festspielen die Skandale noch auf der Bühne statt – zum Beispiel bei der Uraufführung von Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“. Diese Produktion wurde nach der ersten Aufführung sofort wieder abgesetzt. Der Grund: Bernhard verlangte in seinem gespenstischen Finale, der Nachtszene, dass selbst die Notbeleuchtung abgeschaltet würde – damals eine Unmöglichkeit. Die Theaterleitung setzte den Geniestreich ab. Zum Glück hat das ORF diese Inszenierung mit Ulrich Wildgruber, Bruno Ganz und Otto Sander aufgezeichnet. Aber auch sie war jahrzehntelang in den Archiven verschwunden. Dieser alte, einmalige „Ignorant und der Wahnsinnige“ ist nun das Highlight der neuen „Arthaus“-Serie mit Produktionen der vielleicht spannendsten Salzburger Jahre. Erschienen ist auch die „Jedermann“-Eröffnung aus dem Jahre 1970, eine Übertragung vom

Historische, großartige DVD mit dem RAI von 1969.

13 Zubin Mehta, Wiener Philharmoniker „Neujahrskonzert 2007“ (Deutsche Grammophon)

12 Café Banlieu „Tango à trois“ (Farao)

Der neue Klavierstar aus dem Hause Sony. Eine echte Überraschung. 15 The Hillard Ensemble Bruch: „Motetten“ (ECM)

Die Klassik-Charts wurden ermittelt durch Mediacontrol im Auftrag des Bundesverbandes der phonographischen Wirtschaft e.V.

D V D : S A L Z B U R G E R F E S T S P I EL E

10 Mozart Piano Quartett Beethoven: „Chamber Music“ (MDG)

12 Arcadi Volodos „Volodos plays Liszt“ (SonyBMG)

14 Nikolai Tokarew „No. 1 “ (SonyBMG)

Szene aus: „Der Talisman“

13 Mark Padmore Händel: „Arias“ (harmonia mundi) 14 Rolando Villazón „Gitano. Zarzuela Arias“ (Virgin) 15 Jan Vogler „My Tunes“ (SonyBMG)

Die crescendo Klassik-Charts werden in der Redaktion ermittelt. Zu Grunde liegen Einspielungen der letzten Monate.

Foto: arthaus

Auf der Bühne sagt er momentan viel ab – auf CD nach wie vor unschlagbar.

Annette Dasch u.a „Armida!“ (SonyBMG)

Domplatz, auf dem die Festspiele traditionell eingeläutet werden. Bis heute ist die Besetzung der Buhlschaft in Hugo von Hofmannsthals Werk eine der wichtigsten Besetzungsfragen – damals hat sie die große Christiane Hörbiger gegeben. Regie führte Leopold Lindtberg, der Tod wurde von Peter Arens, der Jedermann von Ernst Schröder gespielt. Eine Aufführung, die sich dem großen Sprechtheater verpflichtet fühlt, in der Diktion und Text das eigentliche Schauspiel in klassischen Kulissen darstellen. Die dritte DVD dieser Serie bildet den „Talisman“ (Johann Nestroy) in einer Inszenierung von 1976 ab. Ein burlesker Reigen, der heute vielleicht ein bisschen anachronistisch wirkt aber am Ende eben doch die Tradition des Schauspiels in Salzburg begreifbar macht. Weitere Inszenierungen in dieser Reihe werden folgen – jede ist ein historisches Dokument. Salzburger Festspiele, „Jedermann“, „Der Talisman“, „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ (Arthaus).


crescendo 05 2007 | 25 rezension

TRPCˇ ESKIS C H O P I N

PA D M O R E S H Ä N D EL

B O R E Y KO S S C H O S TA KO W I T S C H

Oberhand. Kein Zweifel, Simon Trpcˇeskis Chopin ist von einer den Hörer mitreißenden Virtuosität, die man nicht alle Tage findet. Der junge Mazedonier wagt die großen Gesten, die eruptiven Ausbrüche in die Extreme von Tempo und Dynamik und behält dabei im wahrsten Sinne des Wortes stets die Oberhand. Chopins b-Moll-Sonate wogt mit großem Ton rhapsodisch in ihren ohnehin schon scharfen Gegensätzen zwischen düsterer Farbkraft und drängenden, unablässig sich steigernden Effekten. Dass Trpcˇeski dabei nie die Sinnlichkeit des Werkes aus den Augen verliert, sei es im unerbittlichen Puls des versonnen langsam genommenen „Marche funèbre“, der in kaum gehörter Schönheit erstrahlt, oder in den fesselnden Triolenbewegungen des Prestos. Die Lebendigkeit, die Trpcˇeski auch den Scherzi zu geben vermag, reißt immer wieder einen Horizont großer klanglicher Weiten auf, der einzelnen Passagen ebenso neue wie überzeugende Charakteristiken abgewinnt und Chopin so modern klingen lässt, wie man ihn kaum kennt. Eine der ganz wichtigen Chopin-CDs unserer Tage!

Panoptikum. Tenöre gehören nicht unbedingt zu den Gewinnern der Renaissance der Barock-Oper. Androgyne und weibliche Stimmlagen dominieren. Doch es gibt bemerkenswerte Ausnahmen. Der Engländer Mark Padmore ist so eine. Auf einem Soloalbum mit Arien und Szenen Händels zeigt er das nun in bestechender Art und Weise. Mit großer stilistischer Vielfalt und technischer Selbstverständlichkeit gewinnt er den Verzierungen und Stimmkapriolen des frühen 18. Jahrhunderts Farbigkeit und Theatralität ab, verzückt mit weiten Phrasierungen, führt seinen ebenso zarten wie volltönenden Tenor in Andanteweiten und trumpft mit Beweglichkeit in jubilierenden Passagen auf. Andrew Manze und das English Concert liefern dabei viel mehr als nur ein Klangbett, sind Partner der Seelendramen in „Semele“ und „Samson“ oder dialogisieren mit Padmore in „Tamerlano“ und „Rodelinda“. Das enorme Gestaltungsvermögen Padmores zeichnet klare Miniaturen, die aus der CD keine bloße Arien-Reihung machen, sondern ein spannendes Panoptikum Händel’scher Charaktere!

Perfekt inszeniert. Rhythmische Prägnanz, Schärfe des Klanges, harte Konturen, unerbittliche Mechanik, eine ausgefeilte Dramaturgie der Übergänge und Kontraste – die Liste der interpretatorischen und spieltechnischen Tugenden, die Andrey Boreyko mit dem RSO Stuttgart des SWR Schostakowitschs 4. Sinfonie und der Ersteinspielung der „Lady Macbeth von Mzensk“-Suite abgewinnt ist lang, sie enthält die wichtigen Kriterien erfolgreicher Schostakowitsch-Interpretationen. Das ist perfekt inszeniert, setzt herrlich transparente Kammerminiaturen zwischen wütend hervorbrechende Orchestertutti, bedient die Gegensätze von Fratze und Lyrismus. Details werden umsichtig hervorgehoben, die Ausdruckspalette ist Dank des disziplinierten Orchesterspiels enorm. Ob sich das in der Sinfonie jedoch alles zum Ganzen zusammenfügt und über eine Stunde hinweg auf den großen Zusammenbruch der letzten Takte hinzielt, ist durchaus fraglich. Das perfekte Klangerlebnis wird ihm jedenfalls unbenommen bleiben!

Uwe Schneider

Uwe Schneider

Uwe Schneider

Wichtig und klug

Klare Miniaturen

Chopin: „Sonata No. 2“ Trpcˇeski (EMI). Kulturmarken_Anzeige_220x130:KulturmarkenII_U1/U4

Klangerlebnis

Mark Padmore: „Händel Arias“ (harmonia mundi). 05.06.2007

10:55 Uhr

Schostakowitsch: „Sinfonie Nr.4“, Boreyko, RSO Stuttgart (Hänssler Classic).

Seite 1

Das Internetportal ist seit 2004 eine ideale Informationsquelle für Entscheidungsträger und Führungskräfte in Wirtschaft, Kultur und Medien. Wettbewerbsfähige Kulturmarken aus ganz Deutschland präsentieren in den Rubriken Kultur-, Sozio-, Messe-, Sport-, Event- und Mediensponsoring ihr Markenkapital und langfristige Angebote für Sponsoringgeber.

Wir machen Kulturmarken stark.

Machen Sie mit!

DAS ONLINE-PORTAL FUR KULTURSPONSORING VON DER AGENTUR CAUSALES

Alle Informationen des Online-Portals www.kulturmarken.de sind in dem jährlich von der Agentur herausgegebenen Jahrbuch Kulturmarken wiedergegeben. Das Buch mit ca. 130 Seiten können Sie bei der Agentur Causales gegen eine Schutzgebühr von 15 Euro anfordern.

causales kultur www.

marken .de

causales – agentur für marketing & kommunikation

Walter & Neumann GbR | t 030.53 214-391 | f 030.53 215-337 | info@causales.de | www.causales.de

Medienpartner: Promotion-Business, Kulturmanagement.net, Theatermanagement-Aktuell, Stiftung & Sponsoring Markenschutz: Die Wortmarken Kulturmarke®, Kulturmarken® und Causales® sind eingetragene Marken beim Deutschen Patent- und Markenamt.


rezension 26 | crescendo 05 2007

D V D : D A N I EL E G AT T I S „ M O S E S“

D V D : S C H N E I D E R S „ J EN U FA“

„ B U C H M I T S I EB EN S I EG EL N“

Musik und Bild. Eigentlich gibt es kein besseres Medium, die Oper populär zu machen, als die DVD. Das Lustige an diesem „Moses und Aron“ ist, dass die multimediale Regie von Reto Nickler in der Bühne von Wolf Gussmann wirklich sehenswert ist – aber tatsächlich spannend ist das Dirigat dieser schwierigen deutschen Oper durch Daniele Gatti: Spätestens nach dieser Aufzeichung aus Wien weiß man, warum der Italiener in Bayreuth für den nächsten „Parsifal“ engagiert wurde – und was die Deutsche Oper in Berlin falsch gemacht hat, ihn nicht als Thielemann-Nachfolger zu nominieren. Er schreibt einen Religionskrimi in Musik, erzählt mit Leidenschaft, die man selten so farbig, so detailliert bei Schönberg hört und gleichzeitig macht er ein Schauspiel aus der Oper, in der jedes Wort wichtig ist. Das liegt auch an dem spielfreudigen Ensemble um Franz Grundheber (Moses) und Thomas Moser (Aron).

Grenzgänge. In dieser Aufnahme von Janácˇeks „Jenufa“ aus Barcelona geht es nicht wirklich um die Regie von Olmer Tambosi, sondern in erster Linie um die Musik. Dirigent Peter Schneider gehört zu jenen Maestri, die eigentlich genial sind, denen aber der PR-Schritt zum Pultstar fehlt. Hier dirigiert er dicht, psychologisch und durchaus mit Offenheit für Schwelgereien und Mut zur Hässlichkeit durch diese hässliche Partitur. Und er hat eine vortreffliche Darstellerin der Titelrolle: Nina Stemmes Jenufa macht Anleihen im heldischen Wagner-Fach und vereint sie doch mit sinnlichen, lyrischen, Puccini-Phrasen. Sie geht die Rolle anders an, als viele ihrer Vorgängerinnen, indem sie einen wirklichen Grenzgang vorlegt, indem sie stets auf dem Abgrund balanciert, in ihn hinabschaut und das mit einer unglaublichen, kämpferischen Stärke. Ihr zur Seite steht eine ebenfalls prächtig spielende Eva Marton. Axel Brüggemann

Keine Offenbarung. Den österreichischen Komponisten Franz Schmidt gilt es erst wieder zu entdecken. Eine kontinuierliche Aufführungstradition hat eigentlich nur sein Oratorium nach der Geheimen Offenbarung, „Das Buch mit den sieben Siegeln“ von 1936. Doch ob sich Schmidts Kompositionsstil in spätromantischen Klangexzessen erschöpft, wie es die wieder aufgelegte Einspielung unter Horst Stein suggerieren will, darf man bezweifeln. Das sperrige Werk mit seiner reichen Chromatik und – zumindest auf den ersten Blick – eklektischen Wahl von Stilmitteln wäre auch in Bezug zur Zweiten Wiener Schule zu setzen. Überfordert zeigen sich in der Einspielung von 1991 einige der Gesangssolisten, allen voran der unsichere Tenor Eberhard Büchners. Ungewohnt unauffällig bleibt der mit großen Aufgaben bedachte Chor. Eine Aufnahme, die leider nicht auf den Punkt kommt.

Religions-Krimi in Musik

Felix von Freuden Schönberg: „Moses und Aron“, Orff.in.Andechs.crescendo_2007 14.05.2007 Gatti, Wiener Phil. (Arthaus).

O

11:06 Uhr

Programm 2007

in Andechs

15. Juni – 5. August 2007 Kloster Andechs Florian-Stadl CARL ORFF

ASTUTULI

O

Michael Schanze u.a. noch bis zum 24. Juni

TRIONFO DI AFRODITE/

CaRMINA BURANA

Konzert Fr 29.6./ Sa 30.6./ Fr 6.7./ Sa 7.7. jeweils 20.00 So 1.7./ So 8.7. jeweils 16.00

DIE BERNAUeRIn WA-Premiere Fr 27.7./ Sa 28.7./ Fr 3.8./ Sa 4.8. jeweils 20.00 So 29.7./ So 5.8. jeweils 16.00

Künstlerische Leitung: Prof. Dr. Hellmuth Matiasek Schirmherrschaft: Dr. Thomas Goppel Bayerischer Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst Eintrittskarten: Klosterpforte AndechsTel. 0 81 52 / 37 64 00 München Ticket Tel. 089 / 54 81 81 81 · www.muenchenticket.de

www.orff-in-andechs.de

Nicht wirklich auf den Punkt

Uwe Schneider Schmidt: „Das Buch mit den sieben Siegeln“ (Profil, Edition Günter Hänssler).

Janácˇek: „Jenufa“, Schneider, SeiteStemme 1 (TDK).

M O Z A R T- Q UA R T E T T

K I S S I N - B OX

Zügig. Das akustische Fremderlebnis, wenn Beethovens „Eroica“ beginnt und statt großem Orchesterklang ein Klavierquartett ertönt, ist nicht ohne Wirkung. Was vielleicht dünn und substanzarm klingen könnte, findet jedoch rasch zu beachtlicher Intensität. Das ist vor allem ein Verdienst des Mozart Piano Quartets, das nun die kuriose Salonfassung von Beethovens 3. Sinfonie eingespielt hat, die der Beethovenfreund Ferdinand Ries einst anfertigte. Das noch junge Ensemble um Mark Gothoni (Violine) und Paul Rivinius (Klavier) geht mit hörbarer Leidenschaft zur Sache, setzt auf den dramatischen Effekt, zügige, drängende Tempi und ein weites dynamisches Spektrum. Das Zusammenspiel ist in der Balance bestens aufeinander abgestimmt, bleibt stets übersichtlich und hält die Spannung über die vier Sätze hinweg aufrecht. Ein Eindruck der sich, diesmal mit mehr Leichtigkeit der Tongebung, auch im Es-Dur Quartett bestätigt, das die CD abrundet.

Trouvaillen. Das merkwürdige am Klassikzirkus ist, dass selbst Klavierspieler, die noch gar nicht uralt sind schon wieder in Vergessenheit geraten, weil die Werbekampagnen gerade anderen gewidmet werden. Umso frecher und genialer ist die Idee von Brilliant Classics, Evgeny Kissin eine Box zu widmen. Dem Wunderkind, das inzwischen längst erwachsen geworden ist, sich aber nicht als Pop-Pianist à la Lang Lang eignet. Auf fünf CDs mit Klavierkonzerten von Mozart, Schumanns Arabeske, Rachmaninow, Szymanowski, Chopin, Liszt, Prokofjew – alles dabei. Und das mit Wladimir Spiwakows exzellent aufspielenden Moskauer Virtuosen oder mit dem Moskauer Philharmonischen Orchester unter Andrei Chistiakow. Diese CDs sind auch eine Wiederentdeckungsreise in einen klassischen Klang, der besonders in den 80er Jahren modern war, bei dem man sich aber fragt, wieso er aus der Mode gekommen ist: Seelentief, pathetisch, groß und ungeheuer kraftvoll. Felix von Freuden

Sinfonien für die Hosentasche

rff

mit

Balance auf dem Psycho-Abgrund

Uwe Schneider Beethoven: „Chamber Music – Eroica“, Mozart Piano Quartet (MDG).

Genial aus dem Schatten

Evgeny Kissin: „Early Recordings“ (Brilliant Classics).


VARIATION, TRADITION UND EMOTION HERAUSRAGENDE NEUAUFNAHMEN BEI SONY CLASSICAL 2 CDs

„Das größte Klaviertalent seit Jahrzehnten“ (Süddeutsche Zeitung) „Dieser junge Pianist gehört zu den ganz großen Entdeckungen unserer Tage.“ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung) Auf seiner Debüt-CD zeigt der 23-jährige nikolai tokarew mit Solo-Werken von Chopin, Schubert, Liszt und den jazzigen Paganini-Variationen von Alexander Rosenblatt seine große stilistische Bandbreite und herausragende Musikalität.

Eine Koproduktion mit

88697075832

Die staatskapelle dresden, durch eine lange Tradition und zahlreiche Uraufführungen seiner Werke mit Richard Strauss verbunden, präsentiert unter ihrem zukünftigen Chef fabio luisi die erste CD eines neuen StraussZyklus: eine interpretatorisch wie klanglich herausragende Aufnahme von „Ein Heldenleben“ und „Metamorphosen“.

88697084712

„Atemraubend beseelt“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) „Auf androgyn-aufregende Weise gelingt es Mijanovi´c, sich die Bravourstücke für ihre sinnliche Altstimme anzueignen“ (Der Spiegel) „Affetti Barocchi“: Die Altistin marijana mijanovi´ c veröffentlicht ihr erstes Soloalbum mit Senesino-Arien von Händel. Begleitet wird sie vom kammerorchester basel und sergio ciomei.

88697075912

Wenn Sie laufend über aktuelle CDs informiert werden möchten, abonnieren Sie bitte unseren Newsletter unter www.sonyclassical.de


rezension 28 | crescendo 05 2007

THEATER

MUSS SEIN!

LEGENDÄRE PRODUKTIONEN LIVE VON DEN SALZBURGER FESTSPIELEN AUF DVD HUGO VON HOFMANNSTHAL

JEDERMANN

INSZENIERUNG: LEOPOLD LINDTBERG LIVE 1970

Mit

CHRISTIANE HÖRB H HÖRBIGER ERNST SCHRÖDER PETER ARENS HANS GRATZER Kat.Nr. 101602

Mit

THOMAS BERNHARD DER IGNORANT UND DER WAHNSINNIGE INSZENIERUNG: CLAUS PEYMANN

LIVE 1972 BRUNO GANZ ULRICH WILDGRUBER ANGELA SCHMID OTTO SANDER Kat.Nr. 101604

Mit

JOHANN NESTROY DER TALISMAN

INSZENIERUNG: OTTO SCHENK

LIVE 1976 HELMUT LOHNER E CHRISTIANE HÖRBIGER OTTO SCHENK Kat.Nr. 101600

AB AUGUST EXKLUSIV BEI DEN FESTSPIELEN UND IM HANDEL ERHÄLTLICH!

www.arthaus-musik.com Arthaus and the Arthaus-Symbol are registered Trademarks of the Kinowelt Group, Germany

Z W E I M A L B E E T H O V EN

L I P O V Š EK , S AWA L L I S C H

Lebendig. Beethovens Sonaten liegen dem Pianisten Gerhard Oppitz besonders. Das zeigten schon die bisher erschienenen CDs seines Aufnahmezyklus’ bei Hänssler Classic. Und auch die aktuellen Neuerscheinungen bestätigen diesen Eindruck wieder. Oppitz’ Sinn für die Entwicklung der Phrasen, die bestimmende Leichtigkeit seines Anschlags und das hörbar hingebungsvolle Engagement fügen sich zu überzeugenden Interpretationen. Behände und mit bebender Empfindsamkeit sind die Nuancen ausgeführt, subtil die schnellen Passagen entwickelt, die nie verhetzt klingen und bis ins „presto con fuoco“ der „Jagd“-Sonate hinein, Einfachheit und Deutlichkeit ausstrahlen. Die Balance der beiden Hände muss man als ideal austariert bezeichnen, stilistische Sicherheit und effektvolles Spiel stehen sich bei Oppitz niemals im Wege. Angenehm individuell bleibt die Auffassung von Tempo und Anschlagsintensität, er verliert dabei jedoch niemals die klare Führung aus dem Sinn. Wie zwingend das alles ist, wird in den perfekten Proportionen der Hammerklavier-Sonate deutlich. Lebendiger Beethoven, der nicht nur dem Interpreten Spaß macht.

Nicht ganz auf der Höhe. Wolfgang Sawallisch gehört zu den großen Wagner-Interpreten des letzten Jahrzehnts. Als Klavierbegleiter einer mit steigernder Intonationssicherheit singenden Marjana Lipovšek sowie als Leiter des SiegfriedIdylls mit Mitgliedern seines Bayerischen Staatsorchesters ist das noch einmal in einem erst jetzt bekannt gewordenen Live-Mitschnitt von 1991 nachzuerleben. Setzte Sawallisch am Klavier auf Klangbrillanz, Kontur und Tempodramaturgie gegen die sich in der Expression zu verlieren drohende Lipovšek, so sucht er als Orchesterleiter selbst die Ausdruckskraft in der Phrasierung, was schon mal auf Kosten der Klangreinheit geht. Sawallischs Wagner ist aus einem Ideal des großen romantischen Klanges gedacht, den er strukturiert aber nicht rückblickend versteht, sondern als Boten einer Vormoderne, die die Grenzen von Form und Harmonik ausreizt. Eine CD mit dokumentarischem Wert, die beide Künstler nicht ganz auf der Höhe ihrer Kunst zeigt.

Oppitz‘ Gespür für Leichtigkeit

Dokument des Könnens

Uwe Schneider Wagner: „Wesendonck-Lieder“ & „Siegfried-Idyll“, Lipovšek, Sawallisch (Farao).

Uwe Schneider Beethoven: „Piano Sonatas op.31, 1-3“ und „Piano Sonatas op.54, op.78, op.106“, Oppitz (Hänssler Classic)

C H I C AG O S M A H L E R

Live, dicht und existenziell

Der Mensch! Er geht dorthin, wo keiner ist. Aber Ton Koopman findet dort auch immer noch etwas, das mit uns zu tun hat. In seiner Buxtehude-Edition „Opera Omnia“ befinden wir uns im Jubiläumsjahr nun bereits bei der 2. Folge mit Vokalwerken, der fünften im Gesamtwerk. Die Kantaten und Konzerte mit dem Amsterdam Baroque Orchester und Chor sind wie immer: Trotz aller Freiheiten, die sich Koopman nimmt, kommt er auf den Punkt. Auf den Menschen in der Musik. Koopman macht aus dem Jubiläum eine Entdeckung.

Packend! Es ist kein Geheimnis: Musik klingt live am lebendigsten. Das Chicago Symphony Orchestra hat daher nun ebenfalls eine CD-Reihe mit Mitschnitten begonnen. Der erste Titel ist eine Sensation. Mahlers Dritte in einer fiebernden Spannung, epischer Entfaltung voller Klangschönheit und geheimnisvoller Entdeckungen im Orchesterpart unter der Leitung von Altmeister Bernard Haitink. Den Musikern aus Chicago gelingt der klangliche Spagat zwischen spätromantischer Klangpracht, tänzerischem Übermut und der fragenden Präzision der Moderne. Haitink ist dabei der grandiose Architekt, der über 100 Minuten hinweg jedes Instrument, jedes Motiv, jede Phrasierung in Beziehung zum Rest zu setzen vermag. Die solistische Glanzleistung von Mezzo Michelle DeYoung erzählt Mahler existentiell!

Axel Brüggemann

Uwe Schneider

Buxtehude: „Opera Omnia V“, Koopman (Challenge Classics).

Mahler: „Sinfonie Nr. 3“, Haitink, DeYoung (CSO Resound)

KO O P M A N S B U X T E H U D E

Jubiläum als Entdeckung


crescendo 05 2007 | 29 rezension

S I N O P O L I M I T S T R AU S S U N D M A H L E R

Eine Aufnahme wie aus dem Alterswerk Ohne Hetze. Es gibt Dirigenten, die es leider nicht mehr gibt – viel zu früh verstorben ist Giuseppe Sinopoli – nicht auszudenken, wie er den aktuellen Klassikmarkt durch seine klugen Bemerkungen und emotionalen Dirigate belebt hätte. Ein Künstler, auf dessen Alterswerk man gespannt hätte sein dürfen. Umso höher ist dem Label „Profil, Edition Günter Hänssler“ anzurechnen, dass sie sich diesem Ausnahmedirigenten innerhalb ihrer „Edition Staatskapelle Dresden“ widmet. Sinopolis Neunte Mahler-Sinfonie entsteht aus dem Nichts und wächst zu einem eindringlichen Abgesang. Nichts hetzt den Meister, nichts zwingt ihn zu hohlem Effekt. Er zeichnet eine düstere Seelenlandschaft. Eine Aufnahme wie aus einem Alterswerk. Übrigens gekoppelt mit Strauss‘ „Tod und Verklärung“. Axel Brüggemann Mahler: „Sinfonie Nr. 9“, Strauss: „Tod und Verklärung“, Sinopoli, Staatskapelle Dresden (Profil, Edition Günter Hänssler).

J OA C H I M H EL D S B A R O C K E L AU T EN M U S I K

Spielfreude zwischen Vergangenheit und Jetzt Grenzgänge. Joachim Held kommt aus der Scola Basilensis – und das ist bekanntlich eine Schule, in der die Alte Musik als das Gegenwärtigste überhaupt gelehrt wird. So klingt auch Helds neues Album: Eine Melange aus Historizität und Spielfreude. Er präsentiert italienische Lautenmusik des Barock. Im Mittelpunkt stehen der Lautenist Alessando Piccini (1566-1638), der angeblich den Arciliuto erfunden hat und Girolamo Kasberger (1580-1651). Beide stehen auf der Grenze von Kontrapunkt und Monodie – und diese Grenze ist es, die Held auslotet – bei ihm auch eine Grenze aus Logos und Narration. Felix von Freuden Joachim Held: „Che Soavitá“ (Hänssler Classic).

Kurz-Porträt: Roman Trekel Fragen zu Bayreuth und seiner Lied-CD „Die Schöne Müllerin“ (Oehms Classics) Sie sind Stammgast in Bayreuth – was ist dort so anders als an anderen Opernorten?

Alles… Und die Luft ist besser! Sie singen den Wolfram – haben Sie an dieser Rolle in Bayreuth in den letzten Jahren neue Ecken und Kanten kennengelernt?

Ich habe mich bemüht, welche hinzuzufügen! Was ist dran an der Werkstatt „Bayreuth“ – wie verändern sich die Produktionen wirklich?

Werden immer besser! Oder etwa nicht? Was machen Sie eigentlich, wenn Sie nicht singen?

Schwimmen (exzessiv) und Sauna. Aber ich sage nicht wo. Sie machen Lied-CDs. Gibt es Schnittmengen zur Oper?

Ja und nein und wieder ja.


rezension 30 | crescendo 05 2007

Death-Metal aus dem

Annette Dasch ist ein Sopran, der einen eigenen Weg geht: Sie erobert die Klassik aus dem Barock. Nun ist sie auf „Armida!“ zu hören.

Foto: Sony BMG

Annette Dasch ist einer der erfolgreichsten deutschen Soprane. In ihrem alten Leben war sie Gruppenleiterin bei den Pfadfindern. Nun singt sie „Armida“ in Salzburg und veröffentlicht ihr erstes Arienalbum. crescendo: Frau Dasch, es ist merkwürdig aber besonders Sängerinnen aus Deutschland scheinen sich dem Trend der Hochglanz-Klassik ein wenig zu entziehen. Das machen Sie auf ihrem neuen Arienalbum auch – Innigkeit statt Schöngesang... Dasch: Es ist schon richtig, dass ich nicht auf die Welt gekommen bin, um schön zu singen. Ich glaube, allein mit technischer Perfektion und Schönheit wird man der Musik einfach nicht gerecht. Wie viel Hässlichkeit steckt in den Opern, wie viel Trauer und Wahrhaftigkeit – nein, es geht immer um das Leben. Und das muss man auch mit seiner Stimme darstellen. crescendo: Ist das noch immer ein deutscher Sonderweg? Dasch: Tatsächlich glaube ich, dass das ein Phänomen des deutschen Sprachraumes ist. In Italien oder den USA wird man noch immer als Exot angesehen. Ich habe neulich in Mailand gearbeitet, dort haben Sänger „Aida“ geprobt, die gesagt haben, dass sie in Deutschland gar keine Engagements mehr annehmen. Das Regietheater und die musikalischen Schwerpunkte sind einfach nicht das, was sie machen wollen. Einer hat gesagt: „Bei euch geht es um so andere Dinge als die, für die ich singe. Ich habe keine Lust mehr, in Deutschland zu arbeiten.“ Ich finde es gerade spannend, dass Publikum und Künstler in Deutschland anscheinend tatsächlich etwas Anderes und Neues suchen, dass sie die Klassik als gegenwärtige Kunst verstehen. crescendo: Sie kommen aus der Barockmusik, sie singen Barock in Salzburg, und Barock ist auch auf ihrer neuen CD zu hören. Alles ist erstaunlich frisch. Haben sich die Zeiten geändert, in denen die historische Aufführungspraxis ein Dogma war? Dasch: Ich glaube schon. Es setzt sich wieder durch, dass man Musik, egal aus welcher Epoche, aus dem Hier und Jetzt und aus seiner eigenen Zuneigung interpretieren darf. Das lässt sie uns so


crescendo 05 2007 | 31 rezension

m Barock nahe werden. Ich glaube aber auch, dass Musiker wie Harnoncourt oder René Jacobs das von Anfang an so gesehen haben. Ich habe ja viel mit Jacobs zusammen gearbeitet, und er hat mir nie gesagt, dass ich jetzt bitte ohne Vibrato singen sollte. Das war gar nicht nötig – es ging ihm nur um die Musikalität, um den Ausdruck, darum, den Werken gerecht zu werden. Harnoncourt und Jacobs sind keine Dogmatiker, sondern – wie soll ich das sagen? – Ausdrucks-Leidenschaftler. crescendo: Überhaupt scheint uns das Barock gerade näher zu stehen als die Romantik – das hat kürzlich auch die Krimi-Autorin Donna Leon in crescendo behauptet. Dasch: Ich habe das Gefühl, dass wir in unserer Zeit gerade nicht so sehr auf das Abgehobene stehen – Armut und Krieg waren in den 80er und 90er Jahren ein ausgeblendetes Thema. Inzwischen kommt man gar nicht mehr daran vorbei. Wir wenden uns ja auch auf anderen Feldern wieder dem zu, was uns wahrhaftig vorkommt, statt uns in der Musik den Luxus einer kleinen Schwäche für das Schwelgerische, das kleine Fieber und das kleine Fernweh zu gönnen. crescendo: Kürzlich haben sie ein Album mit deutschen Barock-Liedern aufgenommen: Da schien es nur um Lust und das volle Leben zu gehen. Dasch: Als ich die Texte zum ersten Mal gelesen habe, zum Beispiel „Ich armer Madensack“, habe ich gedacht, „Wie cool ist das denn bitte!“ DeathMetall-Texte aus der barocken Zeit. Das ist so anders als das Deutsche Lied von Schubert, Schumann und Brahms – da geht es eigentlich immer um Luxusprobleme. Bei diesen Liedern geht es um das nackte Überleben, um lebensnahe Themen wie Liebe, Krieg und Frieden. crescendo: Es scheint nichts zwischen der Stimme, der Musik und der Lebenswirklichkeit zu stehen. Dasch: Als ich die Noten zum ersten Mal in der Staatsbibliothek gesehen habe, war mir klar, wie nahe am Leben sie sind: Das sind runde Kugeln, die aussehen wie aus dem Kartoffeldruck. Musik war damals eine Führung durch das Leben – und das nicht nur auf geistlicher Ebene, sondern auch ganz weltlich. Ein Liedbuch war ein „Vademecum“. crescendo: Sie waren Gruppenleiterin bei den Pfadfindern. Steht Ihnen diese Musik vielleicht auch deshalb nahe? Dasch: Hört sich merkwürdig an, aber es ist schon ein bisschen wahr. Ich habe ein schier unerschöpfliches Repertoire an Liedern bei den Pfadfindern gelernt. crescendo: Sie sind eine der wenigen Sängerinnen die ihr gesamtes Studium in Deutschland verbracht haben. Dabei haben die Musikhochschulen gerade einen nicht sonderlich guten Ruf. Dasch: Ich glaube, das hängt hauptsächlich vom Hauptfachlehrer ab. Das viel größere Problem finde ich derzeit die Arbeit der Stadt- und Repertoiretheater. Viele Intendanten und Musikdirektoren haben nicht mehr die Gabe, einen Künstler nach seinen Möglichkeiten zu fördern. Das Gespräch führte Axel Brüggemann Annette Dasch: „Armida!“ (SonyBMG).

Brechts Prosa im Spiegel von Kapital, Geschichten und Leidenschaften

Was kostet Eisen? Augsburg Brecht Connected

12.bis 15. Juli 2007

Das II. Internationale Brecht Festival Künstlerische Leitung/Albert Ostermaier Musik Programm/Hans Platzgumer Slam Master/Rayl Patzak & Ko Bylanzky abc Lesungen mit Autoren, Schauspielern und Gästen abc Spoken Word Shows International abc Poetry Slams National abc Brecht neu vertont abc Brecht unlimited abc Brecht on the Decks abc Open mike abc Partys und vieles mehr ...

Das ABC der teilnehmenden Künstler, Moderatoren, Gäste und Kenner: Aheadahead, Michael Althen, Götz Aly, Juri Andruchowytsch, Friedrich Ani, Franziska Arndt, Anya Barthels-Suermondt, Beau Sia, Black Ice, Andreas Bichler, Sepp Bierbichler, Maxim Biller, Konrad Böhmer, Markus Boestfleisch, Ralf Bönt, Henry Bowers, Matthias Brandt, Paul Breitner, Timo Brunke, Thomas Brussig, Ko Bylanzky, Mirco Buchwitz, Michael Lee Burgess, Else Buschheuer, Sibylle Canonica, Chumbawamba Acoustic, Convertible, Die Goldenen Zitronen, Die Surfpoeten, Georg Diez, Die Sterne, Digilogue, Dis*ka, DJ Haitian Star, DJ Lt. Surf, DJ Sepalot (Blumentopf), DJ Vadim & Yarah Bravo, Franz Dobler, Guillermo J. Fadanelli, Gabriele Fischer, FIVA, Julia Franck, Christoph Fromm, Pauline Füg, Werner Fuld, Stefan Gabányi, Thomas Goppel, Alexander Gorkow, Herbert Grönemeyer, Jens Harzer, Hecker, Susanne Heinrich, Alban Nikolai Herbst, Martin Herrmann, Wolfgang Herrndorf, Wolfgang Höbel, Tobias Hülswitt, Stefan Hunstein, Udo Jürgens, Romuald Karmakar, Renato Kaiser, Navid Kermani, Georg Klein, Marc-Uwe Kling, Matthias Klösel, Harriet Köhler, Jaromir Konecny, Herbert Knaup, Jan Knopf, Christian Kracht, Armin Kratzert, Helmut Krausser, Hans Kremer, Andrian Kreye, Michael Krüger, Joachim Kühn Trio, Kutti MC, Ulrich Lampen, Werner Lauterbach, Michael Lentz, Igor Luther, Jeffrey McDaniel, Christoph Maier-Gehring, Herta Müller, Andreas Neumeister, Eckhart Nickel, Danbert Nobacon, Jan Off, Albert Ostermaier, Georg M. Oswald, Thomas Palzer, Rayl Patzak, Christiane Paul, David Pe, Eberhard Peiker, Phonatic, Hans Platzgumer, Ronald Pohl, Edo Popoviç, Axel Prahl, Karoline Reinke, Moritz Rinke, Romuald Karmakar, Christopher Roth, Claudia Roth, RothStauffenberg, Lars Ruppel, Udo Samel, Johanna Schall, Kai Schmelzle, Nadja Schlüter, Walther Seinsch Vladimir Sorokin, Hubert Spiegel, Frank Spilker, Volker Strübing, Henrik Sundh, Horst Thieme, Thomas Thieme, Torch, Altaf Tyrewala, Kevin Vennemann, Rainer von Vielen, Udo Wachtveitl, Dominik Wichmann, Werner Wölbern, Natalia Wörner Feridun Zaimoglu, Vladimir Zarev, Rosel Zech Info: Kulturbüro der Stadt Augsburg info@abc-festival.de www.abc-festival.de Ticketvorverkauf: ab 18. Juni 2007 Theater Augsburg Telefon +49 821 324-4900


bücher 32 | crescendo 05 2007

CRESCENDO-TIPPS FÜR DIE URLAUBSLE K T Ü R E

Musik lesen in der Sonne Wer nimmt schon CDs mit in den Urlaub? Wenn Sie am Meer trotzdem nicht ganz von der Musik lassen können, empfehlen wir ihnen die besten Bücher des Sommers. Unter anderem den Ravel-Roman von Jean Echenoz. VON VALERY VOIGT Als Maurice Ravel 1927 zu seiner Amerika-Tournee startet, hat er 60 Hemden, 20 Paar Schuhe, 75 Krawatten und 25 Seidenpyjamas im Gepäck. Ein Sonderling von 52 Jahren: 1,60 Meter groß, 54 Kilo leicht. Er qualmt Gauloises, schläft schlecht, ist notorisch vergesslich. Er liebt nur Tiere und Kinder, gerät in Panik, wenn er ohne Lackschuhe auftreten muss und verbirgt seine Griesgrämigkeit hinter der Fassade des akkuraten Dandys.

Die Amerikaner feiern den kleinen Mann aus Frankreich und seine Musik: „Daphnis et Chloé“, „La Valse“, „Rhapsodie espagnole“ – seinen Welthit, den zum Höhepunkt stampfenden „Boléro“– wird Ravel wenige Monate später in Paris präsentieren. In den USA trifft er Gershwin und Chaplin. Reporter und Milliardäre rücken ihm auf die Pelle. Er genießt und leidet – er ist sich selbst ein Rätsel. Dem Rätsel Ravel ist Jean Echenoz auf der Spur – in einem kleinen, feinen Roman, der in Frankreich schon ein Bestseller ist. Der GoncourtPreisträger beleuchtet, ausgehend von Ravels Amerika-Tour, das Leben des Komponisten. Genauer gesagt: eines Komponisten, der Ravel heißt und vieles mit diesem gemeinsam hat. Auf nur  Seiten skizziert Echenoz biographische Fakten und Anekdoten, verwandelt den Musiker aber gleichzeitig in eine literarische Figur. Er zoomt ihn heran, entfremdet ihn im nächsten Moment dem Leser. Mal kommentiert Echenoz, mal parodiert er biographische Gewissheiten. „Ravel“ irrlichtert zwischen Fakten und Fiktionen, zwischen Tragik und schräger Komik. „Man muss die Geschichte nicht unbedingt glauben“, empfiehlt Echenoz, nachdem er gerade eine Vergesslichkeits-Anekdote zum besten gegeben hat. Er lässt den Musiker eine neue Einschlaftechnik üben, „sich stundenlang im Bett wälzen, auf der Suche nach der besten Stellung, nach der idealen Anpassung des Organismus namens Ravel an das Möbel namens Bett.“ Und zu einem Bild, das den eben mit der Ehrendoktorwürde geehrten Ravel zeigt, bemerkt Echenoz: „Auf dem Foto schaut er

etwas dämlich aus.“ Dass der Leser den Roman trotzdem als Biographie liest, ist ironische Strategie. Gleich der erste Satz frappiert: „Bisweilen ringt man mit sich, ob man wirklich aus der Badewanne steigen soll...“ Es folgt das minutiöse Körperpflege-Ritual des Singles. Ein Einzelgänger ist Ravel immer gewesen, der Ingenieurssohn, der mit sieben Jahren Klavierunterricht bekam, aber nicht zum Virtuosen taugte. Auf die Frage, welcher Bewegung er sich zurechnete, soll Ravel gelangweilt erwidert haben: „Keiner – ich bin Anarchist.“ Er schurigelt Toscanini, ignoriert Artur Rubinstein und beschimpft den kriegsversehrten Pianisten Paul Wittgenstein, der sein Klavierkonzert für die linke Hand mit virtuosen Einschüben entstellt. Den Welterfolg des „Boléro“ hielt Ravel für ein Missverständnis – das sei „leider keine Musik“ – während das Publikum in iberisch-exotischer Spätromantik schwelgte. Krankheit überschattet seine letzten Lebensjahre.  übersteht er einen Taxiunfall, kommt mit einer Brustkorbquetschung, Schnittverletzungen und dem Verlust einiger Zähne davon. Die Wunden heilen, doch sein Gedächtnis spielt ihm Streiche. Immer öfter. Er kann sich nicht an seinen Namen erinnern, steckt sich die Gauloises mit dem glühenden Ende zwischen die Lippen. Einmal, bei einem Urlaub im baskischen Saint-Jean-de-Luz, schwimmt er aufs Meer hinaus, treibt plötzlich wie tot auf dem Wasser, wird gerettet und erklärt, er habe vergessen, wie man schwimmt. Maurice Ravel kommt sich bei klarem Verstand abhanden, beobachtet präzise seinen Verfall, fühlt, „wie ein Fremder in mir wohnt.“ Resignation lähmt ihn: „Ich habe noch so viel Musik im Kopf. Ich habe noch alles zu sagen.“  sägen die Ärzte seinen Schädel auf, diagnostizieren Hirnschwund, ohne den Grund zu erkennen. Noch einmal erwacht Ravel nach der Operation, fragt nach seinem Bruder Edouard und fällt ins Koma. Er stirbt am . Dezember . Ravel ist tot, der Roman zuende und der Leser, Zeuge der zunehmenden Entfremdung eines Komponisten, weiß auch nicht mehr genau, wer er ist. // Jean Echenoz: „Ravel“, Berlin Verlag. 18 Euro


crescendo 05 2007 | 33 bücher

Michael Gielen -

Ein Leben für die Musik

Mozartszenen

Rameau heute

Mit seinen Eltern und der Schwester reist er durch Europa, um seine musikalischen Kunststücke vorzuführen und Geld einzuspielen. Triumphe und Torturen des Wunderkindes Wolfgang Amadeus beleuchtet Peter Härtling in seiner Mozart-Novelle. Er ist ein Könner auf dem Gebiet des sorgfältig recherchierten Künstlerromans. Wie hingetupft, lesen sich die Kinderszenen. Aus Briefen und Tagebüchern imaginiert Härtling die Jahre  bis . Der Familie Mozart geht das Geld aus und Kaiserin Maria Theresia lässt warten. Ihre Majestät schenkt dem Kleinen eine Galauniform ihres Sohnes. Der kleine „Wolferl“ funktioniert, fügt sich, spielt, komponiert. Zwischendurch wehrt er sich mit Streichen gegen den VorführungsMarathon. Er flucht, furzt, träumt, reimt und schmiegt sich nachts weinend an die vier Jahre ältere Nannerl. In Paris spielt Mozart für die dicke alte Madame Pompadour, für König Ludwig XVI. und Marie Antoinette. Ende  stirbt Nannerl fast an Typhus und Lungenentzündung. Der elfjährige Mozart erkrankt in Olmütz an den Pocken. Danach ist Schluss mit Reisen. Härtling macht den kleinen Mozart lebendig, sein Genie, seine Keckheit, seine Nöte. Ein Buch, das Lust macht, auf den ganzen Mozart. //

Rameau saß zwischen allen Stühlen: Mit  entfachte er einen Opernkrieg, mit  wurde er Hofkomponist Ludwigs XV. Er feiert den Absolutismus, der Aufklärer Voltaire schreibt ihm Librettos. Seine Lebensgeschichte ( – ) führt mitten in die Spannungen des . Jahrhunderts. Dieser Rameau ist Held eines turbulenten Romans, der zwischen dem . und . Jahrhundert hin und her springt. Kenntnisreich, spannend und überspannt ist Wolfgang Schlüters „Anmut und Gnade“. Während soziale Unruhen die Pariser Vorstädte erschüttern, probt ein österreichisches Orchester Rameaus Ballett-Oper „Les Indes Galantes“. Erzähler ist der Pressereferent des Orchesters. Der gerät beim Spaziergang durch Paris in seinen eigenen Rameau-Krimi. Von einem dubiosen Antiquar erhält er ein Konvolut von Texten aus dem . Jahrhundert. Er verliert sich in der Vergangenheit. Die Zeit verrutscht, er beginnt zu halluzinieren. Immer bunter treibt es Wolfgang Schlüter in seinem Roman. Am Ende zu bunt. Alles wirbelt durcheinander, Vergangenheit und Gegenwart. Nicht mal den Karikaturenstreit lässt der Autor aus dem Spiel. Schade, dass dieser geistreich komponierte Roman am Ende total aus den Fugen gerät. //

Peter Härtling: „Das ausgestellte Kind“, Kiepenheuer & Witsch. 12,90 Euro

Wolfgang Schlüter: „Anmut und Gnade“, Eichborn. 30 Euro

He rzlichen Glückwunsch zum 80. Geburtstag!

„Michael Gielen ist eine Institution, als Musiker und als Gewissen der Musik“ Neue Musikzeitung nmz

NEU

Ab Juli 2007 im Fachhhandel erhältlich

Arnold Schönberg (1874 – 1951) – Gurrelieder

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg Dirigent: Michael Gielen swr music / hänssler CLASSIC, Best.-Nr.: 93.198 (2 SACDs)

Danke für über 30 herausragende und zahlreiche preisgekrönte CD-Produktionen bei swr music / hänssler CLASSIC! Photo: Wolfram Lamparter

HÄNSSLER VERLAG GmbH & Co. KG Max-Eyth-Str. 41 71088 Holzgerlingen Deutschland Tel.: 07031-7414-0 www.haenssler-classic.de e-Mail: classic@haenssler.de

Handelsvertrieb Deutschland: NAXOS DEUTSCHLAND GmbH Wienburgstr. 171 A 48147 Münster Deutschland Tel.: 0251-92 40 6-0 Internet: www.naxos.de e-Mail: info@naxos.de


jazz 34 | crescendo 05 2007

Ella Fitzgerald und

Ella Fitzgerald: Weiße Musik in Schwarz Wolfgang Gonaus feiert den 10. Todestag der vielleicht größten Jazz-Legende: Ella Fitzgerald

Nur wenige Stimmen haben die Geschichte des Jazz derart geprägt wie jene, der  in Newport News (Virgina) geborenen Ella Fitzgerald. Ihr Vater war kurz nach ihrer Geburt gestorben, gemeinsam mit Mutter Tempie zog das Kind zu einer Tante in die Industriestadt Yonkers (New York). Biographien wie ihre werden in Amerika noch heute für den Mythos der Tellerwäscher-Karriere herangezogen. Neben der Schule half Ella bereits schon mit sieben Jahren, das Familieneinkommen zu steigern, sie stand Schmiere vor dem lokalen Bordell. Die Musik, die sie aus dem Radio kannte, war für sie ein Rückzugsort – im Jazz begann sie aufzutauen, selbstbewusst zu werden. Ihre Familie erkannte, dass es Ella leicht fiel, gehörte Melodien aufzunehmen und Ton für Ton nachzusingen. Eine Begabung, die auch das Fundament der späteren Jazz-Legende bildete: Titel, die Ella Fitzgerald später in ihr Repertoire aufgenommen hatte, wurden zur Referenz. Das Mädchen aus Yonkers war keine Schönheit – und sie war schwarz. Damals bedeutete das: Von einer Karriere konnte sie höchstens träumen. In Amerika herrschten Separation und Diskriminierung. Und trotzdem schafften es einige Schwarze wie Duke Ellington, diese Schranken zu durchbrechen. Ihre Heimat war der „Cotton Club“, hier durften schwarze Bands vor einem weißen Publikum den immer populärer werdenden Jazz feiern. Überhaupt war der Jazz eine der subversivsten und erfolgreichsten Antidiskriminierungseinrichtungen. Auftritte aus dem „Cotton Club“ wurden sogar im öffentlichen Radio übertragen und steigerten das nationale Interesse am Jazz. Und in dieser Welt bewegte sich auch der

Foto: Herman Leonard

Herman Leonard

Teenager Ella Fitzgerald. Allerdings war die Musik, die sie sang, nicht schwarz, sondern bediente eher Harmonien und Rhythmen der Weißen. Sie nahm an „Amateur Nights“ teil, strebte eine Karriere als Tänzerin an, doch schon beim ersten Auftritt versagten ihre Beine und sie rettete sich mit ihrer Stimme. Bei einer solchen Veranstaltung wurde Benny Carter auf das Talent der jungen Sängerin aufmerksam. Ella Fitzgerald wurde bekannt. Und trotzdem konnte sie das Lampenfieber ein Leben lang nicht abstellen – trotz erfolgreicher Plattenproduktionen ist sie stets das unsichere, kleine Mädchen aus Yonkers geblieben. Erst wenn sie zu singen begonnen hatte, war sie in ihrer Welt, spielte mit ihrem gewaltigen Stimmumfang und dem unfehlbaren Gefühl für Swing. Ihr Scat-Gesang wurde zum Vorbild für Generationen von Sängerinnen. Ella Fitzgerald wurde die First Lady des Jazz, bis sie Schwierigkeiten mit den Augen bekam. Mitte der Achtziger Jahre schränkte sie ihre Tourneetätigkeit ein,  zog sie sich ganz aus der Konzertszene zurück. Der Gesang und der Jazz haben aus dem schwarzen Vorstadt-Kind eine Legende und eine angesehene Dame gemacht. Fitzgerald wurde Ehrendoktor der Yale Universität (), bekam die „Medal of Freedom“ der amerikanischen Regierung () und wurde in die amerikanische Women’s Hall of Fame () gewählt. Vor zehn Jahren ist diese im Jazz-Geschäft einmalige Stimme für immer verstummt. In diesem Sommer erinnern Gegenwarts-Jazzer an ihre Geschichte, und ihr Live-Auftritt aus Hamburg wird neu veröffentlicht. Klare Beweise dafür, dass Ella Fitzgerald noch immer lebt. //


crescendo 05 2007 | 35 jazz

Jazz auf CD: crescendo-Tipps 99xJazz

Hits by Brits

Sie wollten immer mehr über Jazz wissen? Dann empfehlen wir 99xJazz mit Roger Willemsen und Götz Alsmann, die in die Musik einführen (Verve).

So wie bei dem Saxophonisten Harry Allen stellt man sich den Jazz vor: Hits der Briten wie „Cherokee“, „Just in Time“ u.a. (Challenge Records).

Ella in Hamburg

Tribute to Childhood

Die große Dame des Jazz, live in Hamburg. Ein sehr, sehr cooles Dokument von 1965 mit Ella Fitzgeralds Version von „Old McDonald“ (Verve).

Das Rolf Römer Quintet beweist: Auch Jazzer wollen Nachwuchs. Auf ihrer CD interpretieren sie Kinderlieder – super für Wohn- und Spielzimmer (GLM).

Botti live

Between the Times

Soft aber lässig. Was Till Brönner in Deutschland ist, ist Chris Botti in den USA – an der Trompete. Ein Pop-Jazzer im besten Sinne (Columbia).

Auch der Jazz spielt nicht nur mit den letzten 100 Jahren. Knut Rössler und Johannes Vogt integrieren die Laute in ihrer Musik (ACT).

Bossa Nova Affair

radio.string.quartet.vienna

Lisa Wahlandt und Mulo Francel machen Sommer-Jazz, manchmal gefährlich nah an WallpaperMusik. Aber schönes Easy-Listening (GLM).

Der Komponist John McLaughlin war überrascht, als ein Klassik-Quartett seine Musik für Jazz-Fusion interpretierte. Genialer Grenzgang (ACT).

Mark Wyand

untold stories

Ein Saxophonist, der Spaß hat, hier mit Till Brönner und anderen Jazz-Freunden, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart musizieren. (Columbia)

Das Frank Woeste Trio komponiert selbst und wird immer vielfältiger. Eine spannende Aufnahme mit Ecken und Kanten (Challenge Records).

Jean-Marie Londeix Klüger als bei dieser Saxophon-Legende geht der Jazz kaum. Neben Schwerverdaulichem immer auch wieder Swing und Melos (MDG).

Die besten Tracks all dieser CDs hören crescendo premium-Abonnenten auf der crescendo premium CD. Abonnieren Sie noch heute Heft und CD (Seite 39).

DER SOUNDTRACK ZUR AUSSTELLUNG FRANZÖSISCHE MEISTERWERKE DES 19. JAHRHUNDERTS AUS DEM METROPOLITAN MUSEUM, NEW YORK IN DER NEUEN NATIONALGALERIE, BERLIN AB 1.6. 2007 BIS 7.10. 2007

LA BELLE ÉPOQUE EINE GROSSE ZEIT FRANZÖSISCHER MUSIK MIT MARTHA ARGERICH, MISCHA MAISKY, ANNE SOFIE VON OTTER, JEAN-YVES THIBAUDET CLAUDIO ABBADO, PIERRE BOULEZ U.V.M. DEUTSCHE GRAMMOPHON 2CD 442 9524

WWW.BELLE-EPOQUE-MUSIK.DE


reise 36 | crescendo 05 2007

NEUHEITEN!

Im Café mit Anna Netrebko CD 3 82243 2

Das „Festival del Sole“ in Cortona ist die Sommerresidenz der Klassik-Szene. In der Toskana treffen Publikum und Stars aufeinander.

Ian Bostridge in Händels Welt

CD 3 94420 2

Händels Arien spielen in Bostridges künstlerischer Entwicklung eine große Rolle. Um die Werke für seine Stimme zugänglich zu machen, nutzte Bostridge ein Verfahren, das schon Händel selbst anwandte: Er setzte den Solopart der Kastratenstücke eine Oktave tiefer. So enthält die Veröffentlichung wahre Highlights wie das berühmte Ombra mai fú aus der Oper Serse. GREAT HANDEL Arien aus Acis e Galatea, Messiah, Serse u.a. Ian Bostridge, Tenor | Kate Royal, Sopran | Orchestra of the Age of Enlightenment | Harry Bicket | ab 13. Juli erhältlich

Angela Gheorghius lang erwartetes Scala-Debüt Im April 2006 war es endlich so weit: Die Starsopranistin gab an der Mailänder Scala einen Konzertabend mit dem Pianisten Jeff Cohen. Auf dem Programm standen neben Arien großer Opernkomponisten auch Lieder aus Gheorghius rumänischer Heimat. Selten hat man die große Primadonna so nah, in so großer künstlerischer Intimität und so intensiv erlebt wie hier. LIVE FROM LA SCALA Arien von Puccini, Verdi, Bizet u.a. Angela Gheorghiu, Sopran | Jeff Cohen, Klavier | ab 13. Juli erhältlich Alle CDs auch als digital download erhältlich Der KlassikPodcast auf www.klassik-podcast.de Bestellen Sie unseren kostenlosen Newsletter unter www.emiclassics.de

Obwohl Johnny Depp im Opernhaus von Cortona auftritt, einem Gebäude aus dem . Jahrhundert, dessen Fussboden mit Holzdielen abgedeckt wurde, die sich merkwürdig grob gegen die roten Plüschsessel absetzen, und dessen Ränge herrlich weiss lackiert sind, ist das -Leute Theater an diesem Abend weitgehend leer. Der Grund ist das Fussball-Champions-League-Spiel, bei dem ganz Italien zu Hause vor dem Fernseher mit dem AC Milano fiebert. Und außerdem wird Johnny Depp auch morgen wieder im Theater von Cortona sein, schließlich war er auch gestern da – eigentlich ist er die nächsten zwei Wochen jeden Abend hier. Mit Ausnahme von Dienstag, denn da tritt der örtliche Schulchor auf, und Johnny Depp hat Pause. Irgendwann wird er eh rausfliegen, dann wird das Kino, das derzeit im Opernhaus der Stadt spielt, den Fluch der Karibik absetzen und Johnny Depp wird wieder von der Bildfläche der Kleinstadt in der Toskana verschwinden. So als ob er nie hier gewesen wäre. Vielleicht wird er einfach gegen Brad Pitt ersetzt. Das Theater in Cortona ist ein verwunschener Ort. Ein Haus, mitten auf dem kleinen Marktplatz, das mit seiner Monumental-Fassade und dem Café vor den Türen so tut, als wäre es viel größer als es ist. Es wurde errichtet, als Verdi in Italien komponierte und die italienische Nationalbewegung noch nicht vollendet war. Die Oper stand unter der Protektion des toskanischen Herzogs – und steht als Beweis für die kulturelle Tradition des Landes hier. Cortona hat heute  Einwohner, vor  Jahren dürften es rund die Hälfte gewesen sein und trotzdem wurde zu ihrer Unterhaltung ein Opernhaus in die Stadt gesetzt. Hier wurde das aktuelle Repertoire gespielt, Verdi, später Puccini, selbst eine „Salome“ wurde hier schon aufgeführt. „Aber irgendwann ist die Oper aus der Mode gekommen“, erzählt der Manager des Theaters und er tut das nicht wie viele deutsche Kulturpessimisten, sondern stellt lakonisch fest: „Das ist schade, aber einen dauernden Opernbetrieb können wir uns hier nicht leisten. Also spielen wir immer auch ein bisschen Kino. Das finanziert die Aufführungen der Wanderopern, die nach wie vor bei uns gastieren.“ Musikwahrung ist in Italien eben eine pragmatische Sache. Das Einzige, was den Direktor ein wenig sauer macht, ist, dass sein Opernhaus in den Gründerjahren nie von einem der wichtigen italienischen Komponisten besucht wurde. „Aber dafür haben wir uns jetzt gerächt“, sagt er. Und tatsächlich: Kaum eine andere italienische Stadt hat in den letzten Jahren derart viele Stars der Klassik zu sehen bekommen wie Cortona. Anna Netrebko hat hier einige Tage in den Cafés Eis gegessen, Lang Lang nach seinem Konzert entspannt – und die Mezzosopranistin


Klaviertrio Gesang Bläserquintett Oboe Trompete Klavier Schlagzeug Viola Klarinette Fagott Violoncello Flöte Posaune Harfe Streichquartett Horn Klavierduo Violine Kontrabass

crescendo 05 2007 | 37 reise

Das Festival Grund für den Klassikstarrummel ist das „Festival del Sole Cortona“ – eines der abwechslungsreichsten und intimsten Musikfeste Europas. Nicht nur, dass die Klassik den Ort auf den Kopf stellt, den Markt und die Kirchenvorplätze als Bühnen nutzt, sondern auch die Nähe, die hoch oben in den engen Berggassen entsteht. Wer hier her reist, lebt gemeinsam mit den Künstlern – es gibt nur eine Einkaufsstraße, nur wenige, dafür sehr gute Cafés. Überhaupt die Gastronomie: Ein Besuch im Weinkeller von „Il Falconiere“, unDer Marktplatz von Cortona terhalb der Stadt lohnt sich für jeden Liebhaber toskanischer Weine. Und man kann sicher sein, den Musikern während der Festspieltage überall zu begegnen. Dieses Jahr ist das besonders aufregend, denn auf dem Programm stehen vom . bis zum . August die Sängerin Elina Garanča, der Pianist Jean-Yves Thibaudet, Anna Netrebko, der Tenor José Cura und eben Angelika Kirchschlager. Außerdem die Dirigentin Emmanuelle Haïm, der Geiger Joshua Bell und das erstklassige Russische Nationalorchester. Johnny Depp hat übrigens noch nicht verraten, ob er im Sommer ebenfalls nach Cortona kommen will – zur Abwechslung mal leibhaftig. //

Festival del Sole Das „Festival del Sole“ findet in diesem Jahr vom 4.-16. August in der toskanischen Stadt Cortona statt. Unter anderem singen Anna Netrebko und Angelika Kirchschlager. Außer-

Oboe Schlagzeug Posaune Klaviertrio

56. Internationaler Musikwettbewerb der ARD München 2007

Angelika Kirchschlager reist immer gleich für eine ganze Woche mit der ganzen Familie an. Sie tritt hier auf, um danach Urlaub à la Toskana zu machen. In jener romantischen Stadt, die damit wirbt, dass nirgends sonst in Italien so viele Gäste heiraten wie hier – außer in Venedig.

5. bis 21. September 2007

Das Theater von Cortona

Rund 200 junge Musiker aller Nationen, darunter etwa 25 Klaviertrios, die eine internationale Karriere anstreben, treten in München im September 2007 in einen friedlichen Wettstreit, um sich die begehrten Preise in einem der anspruchvollsten internationalen Wettbewerbe zu sichern. Wir laden die Leser des Klassikmagazins crescendo ein, die Kandidaten aktiv durch die vier Runden des Wettbewerbs zu begleiten und sie dabei zu unterstützen, ihre hochgesteckten Ziele zu erreichen. Der 56. ARD-Wettbewerb startet am 5. September. In den Finalrunden mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks vom 13. bis 16. September im Herkulessaal der Münchner Residenz können Sie bei der Vergabe des Publikumspreises mitwirken und ihren eigenen Preisträger wählen.

Der ARD-Wettbewerb lässt sich auch in den täglichen Sendungen von Bayern 4 Klassik verfolgen, die Preisträgerkonzerte werden am 19. und 20. September aus dem Prinzregententheater und am 21. September aus dem Herkulessaal der Residenz live übertragen, das Orchesterkonzert wird aufgezeichnet und zeitversetzt im Bayerischen Fernsehen gesendet.

dem reisen das Venice Baroque Orchestra und Emmanuelle Haïm, Elina Garancˇ a, Jean-Yves Thibaudet und der Tenor

Ein Besuch lohnt sich, wenn man eh in der Gegend ist, Karten kosten zwischen 35 und 150 Euro, zu reservieren unter: www.tuscansunfestival.com oder 0180-5574432 (14Ct/Min) . Organisierte Reisen lassen sich über www.adac-musikreisen.de buchen, individuelle Reisen werden vor Ort geplant: www.colosseumtours.com

Fotos: Tuscan Sun Festival

José Cura an.

Weitere Informationen im Internet www.ard-musikwettbewerb.de Internationaler Musikwettbewerb der ARD Bayerischer Rundfunk D-80300 München Tel. ++49 89 5900-2471 Fax ++49 89 5900-3573 ard.musikwettbewerb@brnet.de


essay 38 | crescendo 05 2007

KOMMENTAR: BER N D N E U H O F F Ü B E R D EN A R D M U S I K W E TTB E W ER B

Wette auf die Zukunft Wettbewerbe wachsen derzeit überall aus dem Boden – aber kaum einer ist so groß und so renommiert wie jener der ARD. Aber warum fördern Rundfunkanstalten Musiker? Was dürfen die Teilnehmer erwarten? Ein Kommentar VON BERND NEUHOFF Ein seltsames Wort: Wettbewerb. Dass „bewerben“ darin steckt, leuchtet Dieser Aspekt ist über die Jahre immer wichtiger geworden. Die Klassikein. Doch worauf „wettet“ man eigentlich in einem Wettbewerb? Wer Szene steht unter dem Druck fortschreitender Kommerzialisierung. An eine Wette eingeht, gar um die Wette spielt, riskiert etwas mit Blick auf die Stelle eines offenen Wettbewerbs der Talente ist auf dem „freien“ die Zukunft. Das bedeutet immer ein kleines Wagnis in einem Spiel, Markt längst die maximal gewinnbringende Verwertung großer Nadas noch nicht gewonnen ist. Da war zum Beispiel, beim letzten ARDmen getreten. Wer hat, dem wird gegeben: Wer es ohnehin schon geschafft hat, für den arbeitet auch noch eine gigantische PR-Maschinerie. Musikwettbewerb, die junge armenische Pianistin Marianna Shirinyan, die einen . Preis und den Publikumspreis bekam. Natürlich war es Es ist nun einmal ertragreicher, auf bekannte Gesichter zu setzen. Seit damals im Finale, als sie Beethovens . Klavierkonzert mit dem Symder CD-Markt Mitte der er Jahre in den Sinkflug geriet, hat zudem die Bereitschaft der großen Plattenlabels, mit jungen Künstlern Risiken phonieorchester des Bayerischen Rundfunks spielte, ihre ebenso klare einzugehen, spürbar abgenommen. Das ist die Kehrseite der überprowie berührende Interpretation, die Jury und Publikum überzeugte. Dass portionalen Aufmerksamkeit, die Jungstars Marianna Shirinyan, für jeden unübersehbar, ausgerechnet in diesem für ihre Karriere so finden, wenn sie trotz aller Widrigkeiten den Durchbruch schaffen – siehe Anna Netrebko wichtigen Moment hochschwanger war, war oder Martin Stadtfeld. ein Umstand, der streng genommen nichts zur Sache tat. Aber irgendwie bleibt ihr Bild im GeWer hat, dem wird gegeben: Dieser Satz dächtnis – nicht wegen des human touch, sonsollte jedoch nur für das musikalische Köndern als Symbol: Wettbewerbe haben es mit nen gelten, nicht für das letztlich willkürliche der Zukunft zu tun. Faktum, ob jemand bereits im Schlaglicht der Darin steckt eine Verheißung und viel Unöffentlichen Aufmerksamkeit steht. Allein mit betriebswirtschaftlicher Logik wird das nicht sicherheit. Ein Preis beim ARD-Musikwettbewerb ist kein Sechser im Lotto, sondern ein gelingen. Ohne das mäzenatische Engagement der ARD, die ihr ganzes Know How, Vertrauensvorschuss, eine Investition. Man muss nur ein wenig in der historischen Dokuihre Spitzenorchester und ihre Verbreitungsmentation blättern, die  zum . Jubiläum möglichkeiten einbringt, hätten die überragenden Preisträger der letzten Jahre wohl erschien. Der Meister-Bratschist Yuri Bashmet bekam  einen . Preis – glanzvoll bestäkaum die internationale Beachtung gefunden, tigte Prophetie der Jury! Seine nicht minder bedie sie verdienen – etwa das Quatuor Ebène rühmte Kollegin Kim Kashkashian dagegen (. Preis ) oder der Cellist Danjulo Ishiwurde  „nur“ . Preisträgerin. Der Geiger zaka (. Preis ). Bei anderen jungen Ein Preis beim ARDChristian Tetzlaff bekam ,  Jahre jung, Künstlern steht der Durchbruch beim breiten Musikwettbewerb ist kein Sechser im einen . Preis, während der erste Preisträger Publikum noch bevor. Es ist aber durchaus die Lotto, sondern ein Vertrauensaus dem gleichen Jahrgang heute nicht einMühe wert, die mit großem Medienaufwand vorschuss, eine Investition. mal Spezialisten geläufig ist (Takumi Kubota). beworbenen Bach-Interpretationen von Martin Stadtfeld mit denen des (noch) relativ unbeDem stehen Namen von ersten Preisträgern kannten Denys Proshayev zu vergleichen, der  einen . Preis und gegenüber, die für sich sprechen: Heinz Holliger (), Jessye Norman (), Thomas Quasthoff (), Artemis-Quartett (). den Publikumspreis bekam. Noch weiß niemand mit letzter Sicherheit, ob Proshayev den Vertrauensvorschuss dieser Auszeichnung auch einDoch gerade hier droht ein großes Missverständnis. Der Ertrag des lösen wird. Doch die Wette darauf, die Jury und Publikum eingegangen ARD-Musikwettbewerbs erschöpft sich nämlich nicht in der Aufzählung großer Namen, so eindrucksvoll sie auch sein mögen. Nicht allein die sind, hat sich schon gelohnt. // Trefferquote zählt. Zu viele Unsicherheitsfaktoren spielen hinein: Alter und Entwicklungsstand des Künstlers, seine Tagesform und schließlich Bernhard Neuhoff ist Musikjournalist und arbeitet für Bayern  Klassik. der subjektive Faktor, der sich in der Bewertung von Musik niemals Der ARD Musikwettbewerb findet dieses Jahr zum . Mal statt und zwar in den Kategorien Oboe, Schlagzeug, Posaune und Klaviertrio, mit Konzerten und Entscheiausschalten lässt. Doch kaum etwas ist billiger, als die Entscheidungen dungen vom . bis . September . Zum ersten Mal fand er  statt und zählt der Jury im Rückblick zu kritisieren. Im Nachhinein sind sowieso alle inzwischen zu den bedeutendsten Klassik-Wettbewerben der Welt. Für viele heute schlauer. Was zählt, ist gerade die Unsicherheit – oder, positiv ausgeweltberühmte Künstler/innen war die Auszeichnung beim ARD-Musikwettbewerb in München das Sprungbrett für ihre Karriere. Informationen unter: www.br-online.de drückt: die Bereitschaft, eine Wette auf die Zukunft einzugehen.


crescendo 05 2007 | 39 premium

geworden: Hier debattieren Publikum, Künstler und Prominente über aktuelle Ereignisse der Musik. Schauen Sie doch mal vorbei.

Abonnieren Sie noch heute! ����������

����������� �����

����������

��������������

Unsere neue Internetseite ist zum Treffpunkt der Klassik

��������������

Diskutieren Sie mit: www.crescendo-magazin.de

M U S I K Z U J E D E M H E F T U N D B EG R Ü SSU NG S- CD

Werden Sie crescendo premium-Abonnent!

����������������������������

Sie haben nur Vorteile: das Heft kommt zu Ihnen nach Hause, Sie erhalten mit

����������������

die Musik zu unseren Artikeln hören können. Außerdem erhalten Sie

���

������ ���� �������� � ����������� ������� �� �������������� �������������������� ����������������

������� ������

����������

�����

�������������������

�����

��������

����������

� ������� ������� ������� ������

������� �������������� � ������������� ������� ���������������

��������� C04_06_ Titel_sue

d_U2_U3

����������������� ������������������������������

������ ������ ��������������� ��������� ������ ����� ������ ����� �������� ������������ �������� ���� ����������� ��� ����������������

_U4.indd

1

����������������������������� ���������������������������� � 20.06.200 6 10:31:47

� ��� ��� ���� ����� � �� ��� ���� ����� �� �� ����� ���������������

Auf der aktuellen premium-CD hören Sie erstmals Highlights aus der Welt � ���������������� des Jazz. Mit dabei die Legende Ella Fitzgerald, Rolf Römer mit Jazz-Kinder��������������� liedern, Lisa Wahlandt mit Bossa Nova, � Harry Allen, das radio.string.quartet, � ����������� � ������������� Chris Botti, Mark Wyand, Knut Rössler �� ����������� ���������� und Jean-Marie Londeix, um nur einige der ���������� Künstler zu nennen, die Sie auf der aktuel���������� ������ � len CD für crescendo premium-Abonnenten ������� hören können – auf Seite 35 stellen wir Ihnen die CDs dieser und weiterer Künstler vor. ����� ������������������������

���

���������� ���������� � ����������� ���������� ������ ����������� ����������

��������������� ��� ������������� ������������

��� ������������ ��������� ������������

���� ���������

����������

����������

��������

���

��������

����� ������� ���� ��������� ����� ������� ��������� ���� ������� �� ������ �������������� �� ���� ��� ����������������������������� �

�������������

�������

ein Willkommensgeschenk.

����������������

����������������

���� ������������������������

jeder Ausgabe eine CD, in der Sie

����� � �������� ���������� ���� � ���

�������

���������������������������������������������

����������� �����������

�� ��� ��� �������� �������������������� ��������� ������������������������ ����� ������ ������� ��������������������� ������� ��������������� ����� ��� �����������������������������

�������� �������� �� ��������� �� ������� �������� ���� ������ ����

����

��

C05_06_Titel_sued_2.indd 1

20.06.2006 10:40:43

���� � ����

���� �������� ����������

�� ����� �� ������ ����������� ���� ���������� ������ � ������� ������������� ��� ���� ���������������� ������ ��� ��������������

04.09.2006

������ ������������

������ ������� ������� ����� ��������� ���������������� ���� ������ ������� ������������������ ������ ����������������� ����� � �� ����� ����� �� ��������������� ����������������������������� � ����������� �������� ���� ������� ����������� ���������������� ��������� ����� ��� � ������� ��������������������������� ������������ ������� ������ ������������������� ��� ����������� ���� ������ ��� �������� ����� ��� ����������� ��� ���� ��������� ��������� ��� ���� ��� ��� �������� ���������� �� �������� �������� �������� ����� ������ ��� ��� ���������� �������� �� ����� ��� ������� ������������ �� ����� �� �� ���� �������� �� ������� ������ ���� ������ �� �� ������ ����� ��������� ��� �����������

17:22:03

1

������������������������

�����

4_mw.indd sued_U2_U3_U C06_06_Titel_

������

�������������

8

07.11.2

006 17:51:1

�������� ������ ����� �������

�������� ����� ������� �������������������������������������������������������� �������������� ������ ���� ��������� ������ �������������� 1

�����������������������������

4.indd _U3_U �������������� ord_U2 _Titel_n C07_06 ����� ��������

�������� �������������������� ����� ����������������� ��������������������

���������������� �������������

����������������

�������������

���������������

�������������������������

��������� ������� �������� ������������ ������ ����������� ������� ���������������� ������� ������ ������������������ ���������� �����������������

���������������������� � ����� ���������������������� �����

������ ��������������� ����������������������������� ��������������� �������� ��������������

25.01.2007

17:53:23

�����

C01_07_Titel_

sued_U2_U3_U

� � �� � � � � � �� �� � � �

4.indd 1

� ������������� �������������� ������ �������������

�� ������ ����������� �������������

����������� � ���������� ���������������������� ������������� ������������ ����� ������������������ ������������� ��������������� �����������

C02_07_Titel_nord_U

������������������������� ��������������� �������������������������� ����������������������� �������������

����������������

2_U3_U4_mw.indd

1

������������������������������

������������������

08.03.2007 17:24:40

��������������������������

����������������� ������������������������

��������� ���������������� ��������� ���������������� ���������� ��������������� ���������� ����������������

��������� ��������������������� �������������������

������������� ����������� ������������������������� ����������������������������

Und so geht‘s

����� ����������������������������� ���������������������

02.05.2007

20:25:23

d.indd 1

U2_U3_U4nor C04_07_Titel_

������������ � �����������

������������������������������������� ��������������������������������������

Für 34,- Euro bekommen Sie sieben crescendoAusgaben, inklusive festspiel-guide und die CDs. Wenn Sie sich bis zum 05. September 2007 entscheiden, erhalten Sie zusätzlich die CD La Belle Époque der Deutschen Grammophon. Noch bis 07. Oktober 2007 werden in der Neuen Nationalgalerie in Berlin Leihgaben aus dem Metropolitan Museum of Arts, New York, gezeigt. Zur großen Ausstellung Französischer Meisterwerke des 19. Jahrhunderts beleuchtet diese CD die musikalische Seite der Epoche. C05_07_Titel_U2_U3_U4.indd 1

Die aktuellsten Nachrichten Täglich neue Nachrichten aus der Welt der Klassik. Wer wird Intendant in Wien? Zuerst stand es auf der crescendo-Homepage. Welches Gerücht kursiert über wen? Lesen Sie, was unsere Ohren hören.

Die schnellsten Kritiken Nur auf www.crescendo-magazin.de: Die Nachtkritik. Gleich nach den wichtigsten Aufführungen schreiben wir die erste Rezension. So dass sie schon am nächsten Morgen mitreden können. crescendo schrieb die Live-Kritik zu Lang Langs Internetkonzert und die besprochenen CDs können Sie zum Teil bei uns hören.

Die prominentesten Gäste Schon in der ersten Woche hat sich die crescendo-Seite herumgesprochen: Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt, Paul Gulda, Sohn der Piano-Legende, Musikmanager und -Macher sind unsere Stammkunden und kommentieren unsere Berichte. //

10.06.2007 18:19:49

Ja, ich möchte für 34,- EUR pro Jahr die Vorteile von crescendo premium nutzen und erhalte die Begrüßungs-CD: „La Belle Époque“ (DG). Ich kann jederzeit zum Ende des Kalenderjahres kündigen. (Im europ. Ausland zzgl. 10,– EUR Auslandsspesen)

Bitte buchen Sie den Betrag von diesem Konto ab: Kontoinhaber Konto-Nr. Bank/BLZ

Vorname/Name

Sollten Sie Bezahlung per Rechnung wünschen, fallen zusätzlich 5,– EUR Bearbeitungsgebühr an.

Tel./Fax email Straße PLZ/Ort Geburtsdatum

Ort, Datum

Unterschrift

Schicken Sie diesen Coupon an: Verlag Port Media, Team crescendo, Senefelderstr. 14, 80336 München, Fax: +49-89-741509-11 email: premium@crescendo-magazin.de


plus regional nord 40 | crescendo 05 2007

DAS MUSIKFEST BERLIN

Metropolen-Musik in Berlin Um die Jahrhundertwende zog es Künstler und Musiker in die großen Metropolen wie Berlin, Paris und allen voran New York. Es fand ein künstlerischer Austausch statt, der bis heute seine Spuren hinterlassen hat. VON DORIS MAHLKNECHT. In Berlin trifft sich dieses Jahr die Kunst der großen Metropolen: Das Haus der Kulturen der Welt, vor 50 Jahren ein Geschenk der US-amerikanischen Regierung an West-Berlin, wird nach einjährigem Umbau mit einem umfassenden New York-Programm wieder eröffnet. In der Neuen Nationalgalerie sind derzeit französische Meisterwerke aus New York ausgestellt. Auch musikalisch gesehen kommen die Metropolen Paris und New York im August nach Berlin, zum „musikfest berlin 07“.

Eines zeigt sich in diesem Jahr ganz deutlich: Der Kunsthandel und der Kunstaustausch boomen. Nicht nur in der plastischen Kunst, sondern – vielleich noch in viel größerem Ausmaße – in der Musik. Der Musiker an sich ist ein Reisender: immer auf der Suche nach dem guten Klang und immer auf dem Weg zu seinem Publikum. Festspiele, Gast-

spiele und Konzertreisen bieten dem geneigten Hörer die Möglichkeit, Musiker aus aller Welt in seiner unmittelbaren Umgebung kennen zu lernen. Auf diese Weise hat sich rund um die Musik ein ganz eigenes Netzwerk aufgebaut, in dem ein reger Austausch von Hardware (Musiker, Ensembles, Notenmaterial) aber auch Software wie Ideen und Einflüssen stattfindet. Auf dieses Netzwerk verweist das diesjährige „musikfest berlin“. Der Schwerpunkt liegt bei den drei Musikern Edgard Varèse, Charles Ives und Claude Debussy. Sie stehen beispielhaft für die Wechselbeziehungen der drei urbanen Zentren Paris – Berlin – New York, zu Beginn und während der ersten Hälfte des . Jahrhunderts. Schon zu dieser Zeit funktionierte der Ideenaustausch. Varèse, der US-amerikanische Dirigent und Komponist französischer Herkunft, wurde in Paris nachweislich von der Musik Debussys beeinflusst. Nach seinem Aufenthalt


���������������� ����

New York übte Anfang des 20. Jahrhunderts eine magische Anziehungskraft

in Berlin wurden bei einem Brand fast alle bisherigen Kompositionen zerstört, und schließlich übersiedelte er, wie so viele andere Musiker seiner Zeit, nach New York. Das waren die musikalischen Vernetzungen früher. Heute, genauer gesagt vom . August bis . September, treffen in Berlin  Spitzenorchester, Ensembles und Chöre des internationalen Musiklebens aufeinander. Aus Amsterdam wird das Concertgebouworkest unter der Leitung von Bernard Haitink erwartet. Aus Amerika kommt das Boston Symphony Orchestra mit James Levine und die San Francisco Symphony mit Michael Tilson Thomas. Aus der näheren Umgebung reist die Sächsische Staatskapelle Dresden mit Fabio Luisi in die kulturelle Hauptstadt Deutschlands. Auch die Liste der Solisten kann sich sehen lassen. Unter anderem mit dabei: Pierre-Laurent Aimard, Daniel Barenboim, András Schiff, Magdalena Kožena und Hélène Grimaud. Selbstverständlich sind auch die Berliner Haus und Hof-Orchester am umfangreichen und vielseitigen Programm des Festivals beteiligt: das Deutsche SymphonieOrchester Berlin mit Ingo Metzmacher, das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mir Marek Janowski, die Berliner Philharmoniker mit Sir Simon Rattle, die Staatskapelle mit Gustavo Dudamel und das Konzerthausorchester Berlin unter der Leitung von Lothar Zagrosek. Für Berliner und Nicht-Berliner, die zu dieser Zeit in der Stadt weilen, bietet dieses Musikfest ein abwechslungsreiches Progamm mit vielen Beispielen musikalischen Austausches. Für alle, die lieber auch einmal in anderen Metropolen Berliner Musikern lauschen wollen, hier die gute Nachricht: der Orchesteraustausch funktioniert auch andersherum. Die Berliner Philharmoniker sind im November zu Gast in New York. //

������� �������

�������� ������ �� ������������������ ���������������������������������������� ������������������������������������� � �� � � � �� � � � � � � � � � � � � � � � �� � � � � � � � � � � � � � � � � � � �� � � � �� � � � � � � � � � � � �� � � � � � � � � � � � � � � � � � � �� � � � � � � � � � � � �� � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � ��� � � � � � � � � � � � � � � � � ���������������������

92x136_Anzeige_crescendo.indd 1

06.06.2007 10:13:23 Uhr

AUFTAKT 2007 28. August bis 1. Oktober

Unter der Schirmherrschaft von Petra Roth, Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt am Main

ALTE OPER FRANKFURT

Daten und Fakten: musikfest berlin 07 Das „musikfest berlin 07“ findet vom 31. August bis zum 16. September statt. Die Highlights: 1.9. Koninklijk Concertgebouworkest mit Bernard Haitink, 3.9. Boston Symphony Orchestra unter der Leitung von James Levine, am Klavier Pierre-Laurent Aimard, 9.9. Deutsches Symphonie-Orchester Berlin unter Ingo Metzmacher, 12.9. Philharmonic Orchestra London unter Charles Dutoit, 14.-16.9. Berliner Philharmoniker mit Sir Simon Rattle. Karten: Tel. 030-254 89-100, www.musikfest-berlin.de

KOMPONISTENPORTRÄT

ERKKI-SVEN TÜÜR � INTERPRETENPORTRÄT

STEVEN ISSERLIS

Foto: Musikfest Berlin, K. Schirmer

Foto: Detroit Photographic Co.

aus (Mulberry Street, 1900).

SIMON BOLIVAR YOUTH ORCHESTRA OF VENEZUELA hr-SINFONIEORCHESTER SAN FRANCISCO SYMPHONY ENSEMBLE MODERN DEUTSCHE STREICHERPHILHARMONIE CAROLIN WIDMANN VIOLINE SYMPOSIUM FRANKFURTER MUSEUMSORCHESTER JUNGE DEUTSCHE PHILHARMONIE KAMMERMUSIK MIT STEVEN ISSERLIS ORCHESTRE NATIONAL DE FRANCE CHAMBER ORCHESTRA OF EUROPE ENSEMBLE MODERN ORCHESTRA

GESELLSCHAFT DER FREUNDE DER ALTEN OPER FRANKFURT

Medienpartner

Tickets 069 1340 400 und an allen bekannten Vorverkaufsstellen · www.alteoper.de


plus regional sued 42 | crescendo 05 2007

RICH ARD STRAUSS FESTIVAL GARMISC H

„Die meisten sind keine Künstler mehr“ In seinem Roman „Mara“ beschreibt Wolf Wondratschek die Geschichte eines Cellos. Ein Gespräch über Virtuosität, Musik und darüber, warum er eine Lang Lang Karte nicht einmal geschenkt haben möchte. INTERVIEW VON VALERY VOIGT

allerdings nicht enthüllen werde, während eines Flugs von Minsk nach München. Ein nervöser, beim Richard-Strauss-Festival seelisch geplagter, aber fasziniehalten. Der Bestseller-Autor render Mensch. Ich traf ihn noch hat sich in Büchern wie „Mara“ einmal zu langen Gesprächen in immer wieder mit der Klassik Südfrankreich, wohin er sich zuauseinandergesetzt. Und er rückgezogen hatte – und hörte hat einige sehr eigenwillige dort Studio-Einspielungen mit Ansichten. Die Musik ist ein Geschäft mit Stars geworden, ein Wettbeihm. Er konnte spielen wie Paganini, atemberaubend brillant. crescendo : Das diesjährige werb um Schallplattenverträge und Höchstgagen. Wer sich crescendo: Schädigt der KulturRichard-Strauss-Festival steht darauf nicht einlässt, verzichtet auf viel Geld. betrieb die Seelen der Künstler? unter dem Motto „Tanz und Wondratschek: Das fragen Sie? Virtuosität“. Mit Virtuosen haNatürlich. Die meisten haben längst aufgehört, Künstler zu sein. Es ben Sie sich in Ihrem Erzählband „Die große Beleidigung“ beschäftigt. sind Maschinen. Oder, wenn Sie so wollen, Verräter an der Sache der Da beschreiben Sie einen Geiger, der daran zerbricht, dass sein Spiel, Kunst. Und sie wissen das auch. Und leiden darunter. Die Musik ist unter dem Druck des Publikums, zur Mittelmäßigkeit verdammt ist. ein Geschäft mit Stars geworden, ein Wettbewerb um SchallplattenGibt es für diesen Victor Auermann ein lebendes Vorbild? verträge und Höchstgagen. Wer sich darauf nicht einlässt, verzichtet Wondratschek: Der Geigenvirtuose Victor Auermann wird das Opfer auf viel Geld. seines Lampenfiebers, was ihn die Karriere kostet, mehr und mehr crescendo: Der Virtuose Lang Lang wirkt allerdings nicht gerade zerseine Gesundheit, am Ende sogar seinen Verstand. Nun glauben Sie brechlich, oder? bitte nicht, dass sich so etwas nur Schriftsteller ausdenken können, Wondratschek: Sie könnten mir eine Karte schenken für ein Konzert die ohnehin im Verdacht stehen, ihre Einfälle immer ein wenig mit mit ihm – und ich würde dankend ablehnen. Mir tun die KomponisÜbertreibungen auszupolstern. Nein. Meine Erzählung ist sehr genau recherchiert, was nicht einfach war, weil es sich dabei um etwas handelt, das kaum je öffentlich wird. Auermann ist ja alles andere „Es war immer ein Problem für uns Fotografen. als ein Einzelfall. Er war, wie viele in diesem knallharten Geschäft, dem Druck nicht gewachsen, dem seiner Anforderungen an sich Man durfte nie mit einer Kamera in die selbst, seinem Ehrgeiz, unter die besten und bestbezahltesten Geiger Nähe der Bühne kommen. Doch auf einmal zu kommen. Es halfen ihm nicht einmal die allseits beliebten und nur scheinbar harmlosen Betablocker, die er konsumierte. Ob es für waren wir vor der Bühne – ihn ein Vorbild gibt? Ja. Ich traf diesen Mann, dessen Namen ich Wolf Wondratschek wird die-

Foto: Lilo Rinkens

ses Jahr die Eröffnungsrede

und die Beleuchtung stimmte!“


crescendo 05 2007 | 43 jazz

0 7. 0 7. 1 9 9 7 R AY C H A R L E S JAZZFEST WIEN, S TA AT S O P E R


plus regional sued 44 | crescendo 05 2007

Vielleicht vergeht den Leuten

von Frauen und Liebe ist die Kunst getreten? Was ten leid, die er spielt. Ich hoffe, er lässt wenigsdie Lust zu klatschen. Für eine soll das heißen? Am liebsten würde ich Sie diesen tens Schubert in Ruhe. Aber warum aufregen, Festansprache der üblichen Satz so oft wiederholen lassen, bis ihre Zunge solange es unter den lebenden Pianisten Leute anfängt zu faulen. Wie hat man sich das denn wie Anatol Ugorski, Valery Afanassiev oder akademischen Art bin ich nicht vorzustellen? Drei Grazien auf einer Hühnerleieinen wie den jungen Till Fellner gibt. zuständig. crescendo: Im Ihrem Buch beschreiben Sie auch ter? Mal die eine obenauf, mal die zweite – und einen Schriftsteller, der an seiner Kunst leidet, die Kunst als Herr und Hahn? der vergeblich nach dem vollkommenen Satz sucht. Ein Selbstporträt? crescendo: Schriftsteller lieben „die Geschundenen und Erledigten“, haben Sie mal gesagt. Weil sie die besseren Geschichten abgeben? Wondratschek: Was immer ich tue als Schriftsteller, das Erstellen von Selbstporträts gehört nicht dazu. Da und dort mag ein Teilchen, das Wondratschek: Ja, tun sie. Ohne Zweifel. Stellen Sie sich vor, der alte Mann bei Hemingway hätte seinen Fisch nach Hause gebracht. mit meinem Fingerabdruck übereinstimmt, in das Mosaik eines gröStellen Sie sich Anna Karenina als glückliche Frau vor. Und Emma ßeren Zusammenhangs eingefügt sein, mehr aber nicht. Ich interessiere mich beim Schreiben für meine Tagesform, meine Belastbarkeit, Bovary als treuloses Luder, glücklich über jede Gelegenheit, außeresprich: Kondition, natürlich auch für die Verfügbarkeit eines ausreihelichen Sex zu praktizieren. Es sind die Glücklosen, die die glühende Sprache der Liebe sprechen, die Fremden, die lächeln, die Toten, die chend reichen Wortschatzes, um ausdrücken zu können, was ich sagen will, nicht im geringsten aber für mich als Person. uns hoffen lassen. crescendo: Quälen Sie sich mit dem Schreiben? crescendo: In den „Kelly-Briefen“ haben Sie geschrieben: „Ich bin der Zertrümmerung durch jede Art von Ehrgeiz entgangen“. Ehrlich? Wondratschek: Lassen Sie mich Nabokov zitieren. „Das Schreiben ist Wondratschek: In meinem Buch „Kelly-Briefe“ wechseln ein noch für mich seit eh und je eine Mischung von Schwermut und Hochstimmung, eine Tortur und ein Amüsement.“ Das trifft es, denke ich. In ziemlich junger Mann, der sich in New York herumtreibt, und seine Geliebte, die in Europa auf ihn wartet, Briefe. Liebesbriefe. Ich selbst jedem Fall ist es Schwerarbeit. Aber das ist das Schönste, Schwerarbeit. war bei der Niederschrift dieses kleinen Romans in Briefform allerUnd nichts gleicht dem Gefühl, sie hinter sich gebracht zu haben. crescendo: Noch einmal zurück zu Ihrem Erzählband „Die große Bedings ein Mann jenseits der fünfzig, also alles andere als ein ziemlich leidigung“. Mit ihm haben Sie eine neue Werkphase eingeleitet. An junger Mann. Ich sage das, um ihnen zu versichern, dass Sie völlig falsch liegen, mir die Ansichten, die der Kerl hat, in die Schuhe zu die Stelle von Frauen und Liebe ist die Kunst getreten. Auch Ihre Titelheldin „Mara“ ist ein Cello. Wie kam es zum Interessenwandel? schieben. Allerdings gönnen Sie mir die Hoffnung, ich könnte meinen, das gebe ich gern zu, mir sehr sympathischen Helden auf dem Wondratschek: Ich höre das Papier rascheln, von dem Sie ablesen. ZeiSterbebett eines Tages zitieren – und recht damit haben. Wenn ich tungspapier, auf dem sich Leute mit Deutungen über meine Person die Sache vereinfachen darf, würde ich sagen: Ich bin umgeben von verausgabt haben, die dann gern Begriffe benutzen wie: Comeback, Menschen, deren Ehrgeiz größer ist als ihr Talent. Was mit ein Grund neue Werkphase etc. Und Sie, entschuldigen Sie, wiederholen es. Wie ist, sich von Künstlern aller Art fernzuhalten. Nur hin und wieder hat alle. Interessenwandel? Quatsch. Es gibt nur ein Interesse, und das man das Glück und begegnet einem Heiligen, dessen Talent größer ist heißt: zu jedem Zeitpunkt meines Berufslebens als Schriftsteller so als sein Ehrgeiz. Übrigens zählt zu diesen Menschen jene junge Frau, gut zu schreiben wie es mir möglich ist. Und bestimmte Themen lässt die ich im Buch Kelly nenne, und ich verstehe den jungen Kerl gut, sie man eben lange liegen, so lange, bis die eigene Begabung reif dafür so sehr zu lieben, wie er das, wie man lesen kann, ohne Zweifel tut. ist, sie in Angriff zu nehmen. An die Stelle Er betet sie an, ohne es allerdings allzu eilig zu haben, die Distanz zu verringern, die beide trennt immerhin eine Fläche von der PA US EN GE FL ÜS TE R 4 . T E I L : GA R M IS CH- PA Größe des Atlantiks. RT EN KI RC H EN crescendo: Sie halten die Festrede beim diesjährigen Richard... dass Richard St Strauss-Festival. Wie kamen Sie dazu – und was erwarten Sie in rauss der Gründe rvater der GEM A musikalische Auffü (Gesellschaft für der eher konservativen Klassik-Hochburg? hrungsrechte) wa r? Er wollte den Be in der bürgerlichen ruf des Musikers Wondratschek: Ich wurde, was mich selbst am meisten überGesellschaft etabli eren und dafür so siker von ihrer Ar raschte, eingeladen, das Festival mit einer Rede zu eröffnen und errg en , da ss Mubeit leben können . Und wussten Sie Bernd Gellerman warte mir weiter nichts als eine wenigstens höfliche Aufmerksam, da ss Intendant n früher Geiger bei den Berliner war? Und wussten Philhar moni kern keit und Interesse für die Sache, über die ich spreche. Und die Sache Sie, so emotional wie Richard Strau ist der Virtuose, sein Können und sein Versagen, seine Größe und ss einerseits war, so diszipliniert wa r er in seiner Arbe sein Elend. Aber gut möglich, dass den Leuten in den ersten Reihen itsweise. Er begann früh am Morgen ein wenig die Lust vergeht, mir am Ende applaudieren zu wollen. und arbeitete genau bis Wer weiß. Für eine Festansprache der üblichen akademischen Art zum Mittagessen – keine Minute län bin ich nicht zuständig. ger. Und wussten Sie , da ss Ga rmisch-Pa crescendo: Vor zwei Jahren haben Sie mal über Rossini nachrtenk irchen Hoc hburg der CSU ist gedacht, stellten sich vor, wie der Italiener für sie kocht, weil : seit  haben sie immer die absolut Beethoven kurzfristig abgesagt hat... Was fällt Ihnen spontan zu e Mehrheit. Richard Strauss ein?

Wussten Sie eigentlic h,

...


crescendo 05 2007 | 45 plus regional sued

Wolf Wondratschek und die Musik Wondratschek: Nicht mit ihm essen müssen. Er gehört nicht zu jenen

Menschen, mit denen ich einen Abend verbringen möchte. Ich bin, was seine Musik angeht, im Konflikt. Einerseits hohe Bewunderung, andererseits Misstrauen. Seine Musik hat unerhörte Einfälle und eine unnachahmliche, erfinderische Radikalität, aber zugleich hört man, dass sie gefallen will. Sie will sich bewundern lassen. Dann klingt sie mitunter künstlich, zu sehr gekonnt, ihrer Mittel zu sicher. Man hört, dass da ein Alleskönner am Werk war, was die Orchestrierung angeht. Andererseits gibt es im „Rosenkavalier“ Stellen, die mir für immer verbieten, ihn nicht zu bewundern. crescendo: Zum ersten Mal steht beim Strauss-Festival Ballett auf dem Programm. Zum Beispiel Salomes Tanz, eine traurige Geschichte, weil sie dafür einen Kopf fordert. Ist die männermordende Salome Ihr Typ? Wondratschek: Sie scherzen. crescendo: Mit „Salome“ wagte sich Strauss an die Grenzen der Tonalität. Wenig später ruderte er mit dem „Rosenkavalier“ zurück, Richtung Konvention. Welcher Strauss steht Ihnen näher, der Revolutionär oder der Traditionalist? Wondratschek: Mich interessiert am meisten der Zusammenprall der beiden, die Gischt der Klänge, wenn Wasser auf Stein trifft, und das mit beachtlicher Wucht. Eine Welle kann dir das Genick brechen – und erzeugt doch in ihrer Zerstäubung ein Farbenspiel, klingender Tau von fernen Planeten. crescendo: In diesem Jahr kredenzt Sterne-Koch Josef Lafer zum Richard-Strauss-Festival in Garmisch ein Strauss-Menu, nach Rezepten der Strauss-Gattin Pauline. Speisen Sie mit? Wondratschek: Nein. //

••

UBER 50 GUTE GRUNDE FUR EIN ABO: ••

Abo-Hotline: (089)5900 - 4090 BRticket- Service: (089)5900 - 4545 www.br-klassik.de

••

Wolf Wondratschek wuchs in Karlsruhe auf. Von 1962 bis 1967 studierte er Literaturwissenschaft, Philosophie und Soziologie und war Redakteur der Literaturzeitschrift „Text und Kritik“. Seit 1967 lebt er als freier Schriftsteller in München. Er begann als Verfasser von Gedichten und Kurztexten, die seine radikale Opposition zu herkömmlicher Lyrik und Prosa dokumentieren. Themen seiner Bücher sind Geschlechterbeziehungen sowie die Welt des Showbusiness. Wondratschek ist auch Verfasser von Hörspielen und Filmdrehbüchern, von denen zwei von Werner Schroeter verfilmt wurden. Über Musik schreibt der Autor besonders in zwei, sehr lesenswerten Büchern. Der Roman „Mara“ (dtv) handelt von einem alten Cello – Wondratschek erzählt die Geschichte aus der Sicht des Instruments, auf dem unterschiedliche Künstler brillieren, oder sich abmühen, davon, wie die Schweißtropfen auf das Holz fallen – und davon, wie schwierig es ist, ein Virtuose zu sein. Um Virtuosentum geht es auch in seiner Erzählung „Die große Beleidigung“. In dieser sehr gut recherchierten Kurzgeschichte, schreibt er sich mit Sarkasmus, Augenzwinkern und gleichzeitig abgrundtiefer Ernsthaftigkeit durch die Psychologie eines Geigers. Wondratschek entführt den Leser auf die Couch des Musikbetriebes, berichtet von Aufführungsängsten, Jugendqualen und der Enttäuschung über die Mittelmäßigkeit.


plus regional nord | 46 crescendo 05 2007 Sonderveröffentlichung/Anzeigen

Diese Termine sollten Sie Eutin: Festspiele

Weitere Termine

Drei Neuinszenierungen stehen dieses Jahr an: Verdis „Aida“, Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ und Strauß‘ „Eine Nacht in Venedig“. 11.7.-26.8., Tel. 04521-80010, www.eutiner-festspiele.de

23.6. Berlin, Waldbühne: Lang Lang www.deag.de 28.6. Berlin, Kesselhaus: e.poesie – elektronische Musik trifft Dichtkunst www.literaturwerkstatt.org

Husum

Husum: Klavier-Raritäten

29.6. Schwerin, Schloss Schwerin: Der Troubadour (Verdi) www.theater-schwerin.de

Ein Festival der ganz besonderen Art, denn der Name ist hier Programm. Auf dem wunderschönen Gelände des Schlosses Husum treffen sich seit über 20 Jahren in den letzten Augustwochen Pianisten aus aller Welt, um sich weitgehend unbekannten Werken der Klaviermusik zu widmen. Auf diese Weise gibt es hier alljährlich einige musikalische Kostbarkeiten zu entdecken. 17.-25.8., Tel. 04841-2163 www.piano-festival-husum.de

29.6. Dresden, Frauenkirche: Eröffnung MDR Musiksommer www.mdr.de/musiksommer 1.7. Hamburg, Staatsoper: Die kleine Meerjungfrau – Ballett von John Neumeier www.hamburgische-staatsoper.de 1.7. Berlin, Philharmonie: Droben im Licht – Weltliche Chor- und Orchesterwerke der Romantik www.consortium-musicum-berlin.de 3.-15.7. Köln, Philharmonie: STOMP! www.koelnersommerfestival.de

Der niederländische Organist und Dirigent Ton Koopman widmet sich nach seiner Gesamtaufnahme der Bach-Kantaten nun den Werken des Komponisten Dieterich Buxtehude. 4.9., Tel. 0421-336699, www.musikfest-bremen.de

10.7. Berlin, Gendarmenmarkt: Roger Cicero & Friends www.classicopenair.de

Hankensbüttel

Nicht zum ersten, aber sicher auch nicht zum letzten Mal ist dieser Ausnahme-Pianist beim Klavierfestival Ruhr zu hören. Galt er früher unter Kennern noch als Geheimtipp, ist er mittlerweile in großen Konzerthallen zu Gast. In seinem diesjährigen Konzert in Essen widmet er sich nach der Sonate c-Moll von Franz Schubert dem russischen Komponisten Alexander Skrjabin. 5.7., Tel. 0180-5353700 (14 Ct/Min) , www.klavierfestival.de

20.+21.7. Wittenberge: Elblandfestspiele in Wittenberge www.elblandfestspiele.com 27.7. Eutin, Schloss: Eine Nacht in Venedig (Strauß) www.eutiner-festspiele.de

Bonn: Eröffnungskonzert Das Beethovenfest Bonn wird dieses Jahr mit dem Philharmonia Orchestra unter der Leitung von Sir Andrew Davis eröffnet. Solist an der Violine ist Leonidas Kavakos. 24.8., Tel. 0180-5001812 (14 Ct/Min) www.beethovenfest.de

Essen

23.-25.8. Xanten, Amphitheater: Les Misérables www.sommerfestspiele.de

9.+10.9. Kiel, Schloss: Erstes Philharmonisches Konzert www.theater-kiel.de

Hitzacker

Essen: Grigory Sokolov

10.-22.7. Berlin, Staatsoper Unter den Linden: Tanguera www.staatsoper-berlin.de

2.9. Braunschweig, Theaterpark: Klazz Brothers, Cuba Percussion & Edson Cordeiro www.classixfestival.de

Mit Helmut Lachenmann und Wolfgang Rihm werden zwei der renommiertesten Komponisten unserer Zeit bei den Sommerlichen Musiktagen gegenübergestellt. 1.8., Tel. 05862-941430 www.musiktage-hitzacker.de

Bremen: Buxtehude und Bach

9.-11.7. Schwerin, Staatstheater: Sinfoniekonzert www.theater-schwerin.de

17.8. Pulheim, Abtei Brauweiler / Marienhof: Unvergängliches Wien www.classic-nights.de

Hitzacker: Kammerkonzert

Bremen

8.7. Oldenburg, Staatstheater: Moskau, Tscherjomuschki (Schostakowitsch) www.staatstheater.de

12.8. Brühl, Schloss Augustusburg: Die Wiener Klassiker, mit Haydn Sinfonietta Wien www.schlosskonzerte.de

Eutin

Monschau: Open Air Monschau

Bonn

Im „Verona der Eifel“ werden auch in diesem Sommer international gefeierte Solisten und das Ensemble der Bolschoi Oper Minsk – unter der künstlerischen Leitung von Wilhelm Keitel – populäre Werke auf höchstem Niveau darbieten. 27.7.-5.8., Tel. 02472–804828, www.monschau-klassik.de www.koelnerkammerorchester.de

Wernigerode


crescendo 05 2007 47 | plus regional nord Sonderveröffentlichung/Anzeigen

�� ����� ���

Rostock: Sommercampus Zum dritten Mal arbeitet die Hochschule für Musik und Theater Rostock bei ihren Meisterkursen eng mit den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern zusammen. Die Teilnehmer profitieren von den international renommierten Künstlern und Professoren wie Elisabeth Leonskaya aus Wien und dem Tokyo String Quartet aus New York. Der Zuhörer gewinnt durch die erstrangigen Konzerte dieser Spitzenmusiker. 23.-31.8., Tel. 0385-5918585 www.festspiele-mv.de, www.hmt-rostock.de

Rostock

Rheinsberg: Aris Argiris Die Karriere des griechischen Sängers begann hier mit der Titelpartie des Don Giovanni. Nun kehrt er mit einem Benefizkonzert zugunsten der Kammeroper Schloss Rheinsberg zurück. 8.7., Tel. 033931-39296 www.kammeroper-rheinsberg.de

Rheinsberg

Das Streichquartett widmet sich in seinem Konzert geistlicher Musik aus Polen und Deutschland. Ganz nach dem Motto der Niedersächsischen Musiktage: „Zwischen Himmel und Erde.“ 8.9., Tel. 01805-627837 (14 Ct/Min) www.musiktage.de

Berlin

Wörlitz

Berlin: James Levine Wörlitz: „Dido und Aeneas“ Das Anhaltische Theater Dessau geht mit der Premiere von Henr y Purcells Oper „Dido und Aeneas“ zurück zu den Wurzeln der Oper. Nach vielen Jahren nun wieder eine Barockoper. 6.7., Tel. 0340–2400258 www.anhaltischestheater.de

Das Boston Symphony Orchestra ist zusammen mit seinem Dirigenten James Levine zu Gast in Berlin. Sie widmen sich in ihrem Konzert Ravel, Bartók, Carter und Ives. Alle Werke des Programms, ausgenommen „Three Places in New England“ von Charles Ives, sind Auftragswerke für das Bostoner Orchester. Am Klavier sitzt der Franzose Pierre-Laurent Aimard. 3.9., Tel. 030-25489100 www.musikfest-berlin.de

Wernigerode: „Die Zauberflöte“ Die Wernigeröder Schlossfestspiele inszenieren Mozarts tiefsinniges Singspiel. Dazu gibt es erstmals auch ein Kinder- und Familienprogramm 10.8., Tel. 03943-625493, www.www.kammerorchester-wr.de

������������ ��������� ���������

���������������

������������������������������� ��������������������

���������������������������� ������������������������������������������

������������������� ������������������������������������ ������������������� ������������������������������� ������������������������ ���������������������� ��������������������

������� � � �� � � � ����� ��� � ��� ���������������� �

Fotos: Michael J. Lutch, F. Willnauer, Marco Borggreve, Sokolov, Christian Ducasse, Niedersächsische Musiktage, Henry Mundt, Monschau Klassik Open Air, Klavierfestival Ruhr, Anhaltisches Theater Dessau

Hankensbüttel: Szymanowski Quartett

�� � � � � � � �

����

nicht versäumen:


plus regional süd | 48 crescendo 05 2007

Sonderveröffentlichung/Anzeigen

Diese Termine sollten Sie Weitere Termine 1.7. Trier, Amphitheater: Samson und Dalila (Saint-Saëns) www.antikenfestspiele.de 1.7. Gut Immling, Chiemgau: Pinocchios Abenteuer www.gut-immling.de 6.7. Zürich, Opernhaus: Nabucco (Verdi) www.zuercher-festspiele.ch

Neuwied: Open Air The Nigel Kennedy Quintet mit dem Jazzprogramm „Blue Note Sessions“ auf dem Schlosshof in Neuwied-Engers: das perfekte Vergnügen für einen lauen Sommerabend. Weitere Konzerte u.a. mit Jan Garbarek, Bobby McFerrin und der SWR Big Band.

11.7. München, Muffathalle: Helga Pogatschar: Peep! www.muffathalle.de

25.7. Erlangen, Dechsendorfer Weiher: Klassik am See www.erlanger-klassik.de 25.7. Sondershausen, Schlosshof: Italienische Nacht www.schlossfestspiele-sondershausen.de 27.7. Andechs, Florianstadl: Die Bernauerin (Orff) www.orff-in-andechs.de 3.8. Wörgl, Schloss Lipperheide: Lied und Oper www.academia-vocalis.com 4./11./16.8. Zwingenberg, Schloss: Die Zauberflöte (Mozart) www.schlossfestspiele-zwingenberg.de

Schwabach: Il Giardino Armonico

Neuwied

19.7. München, Brunnenhof der Residenz: Lyambiko www.musikerlebnis.de

21.7. Wiltz, Amphitheater: Dee Dee Bridgewater‘s Malian Project www.festivalwiltz.lu

Bad Kissingen

Weißenburg: Nostradamus

Maulbronn: East meets west Mit viel Phantasie zeigen Peter Sadlo und die Via Nova Percussion Group wie viel Rhythmus sowohl in Trommeln als auch in Blechbüchsen, Bürsten und Leitern steckt.

Mitten in Bayern, umgeben von idyllischem Grün, präsentiert das Bergwaldtheater das Historienmusical um den Propheten und seine rätselvollen Vorhersagen. 30.6., Tel. 09141-907123 www.weissenburg.de

14.9., Tel. 07043-10311 www.klosterkonzerte.de

12.8. Gotha, Ekhof-Theater: Le Fate (Ristori) www.ekhof-festival.de 25.08.-02.09. Irsee, Kloster: Musikfestival Klang & Raum www.musikfestival-irsee.de 12.9. Frankfurt, Alte Oper: Ensemble Modern www.alteoper.de

Maulbronn

Stuttgart

Stuttgart: War Requiem Als krönenden Abschluss des Europäischen Musikfestes Stuttgart wird Brittens Requiem aufgeführt. Es singen Annette Dasch, James Taylor und Christian Gerhaher.

Die Spezialisten für Barockmusik zeigen, wie Kompositionen aus dem 17. und 18. Jahrhundert wirklich klingen können – ausschließlich auf Originalinstrumenten. 1.9., Tel. 0981-46645011 www.fraenkischer-sommer.de

Schwabach

Weißenburg

Augsburg: Mozart Ein Wochenende voller Mozart : In sechs Konzerten werden Ouvertüren, Arien und Sinfonien des großen Musikers in herrlicher Kulisse dargeboten. 13.-15.7., Tel.0821-30984 www.konzerte-im-fronhof.de Augsburg

9.9., Tel. 0711-6192161, www.bachakademie.de

München: Serenade im Park

5.8. Zwingenberg, Schloss: Singende Saiten www.schlossfestspiele-zwingenberg.de 11.8. Sonthofen, Allgäu Stern Hotel: Rastrelli Cello Quartett www.oberstdorfer-musiksommer.de

Der Geiger gründete aus hochtalentier ten baltischen Musikern das Kammerorchester Kremerata Baltica. Zusammen bilden sie ein außerordentlich harmonisches Team. 4.7., Tel.0971-8071110 www.kissingersommer.de

24.7.-15.8., Tel. 02622-9264117 www.schloss-engers.de

8.7. Wiesbaden, Kurhaus: Münchner Philharmoniker und Boris Berezovsky (Klavier) www.rheingau-musik-festival.de

19.7. München, Ludwig-Maximilians-Universität: Sinfonietta, Orchester der Münchener Universitäten mit Daniel Röhn (Violine) www.sinfonietta-muenchen.de

Bad Kissingen: Gidon Kremer

Gstaad: Amati Quartett Das etablierte Menuhin Festival in Gstaad wartet mit diversen musikalischen Kostbarkeiten auf. Unter anderem dem vielfach ausgezeichneten Amati Quartett. 7.8., Tel: +41-(0)33-7488333 www.menuhinfestivalgstaad.ch

Gstaad

Im einzigartigen Nymphenburger Schlosspark findet mit Camille Saint-Saëns „Karneval der Tiere“ ein ganz besonderes Kinderkonzert statt. Bevor das Ensemble Munich Festival Player musikalisch die verschiedensten Tiere zum Leben erweckt, gibt es am Nachmittag eine musikalische Rallye für Kinder. Bei freiem Eintritt eine tolle Gelegenheit für große und kleine Musikliebhaber – und das bei jedem Wetter! 21.7., Eintritt frei www.jugendkulturwerk.de


crescendo 05 2007 49 | plus regional süd Sonderveröffentlichung/Anzeigen

nicht versäumen: Moritzburg

Moritzburg/Dresden: From Fritz to Django

17.8., Tel. 0351-4866666, www.moritzburgfestival.de

Ingolstadt: Diana Damrau Die Sommerkonzerte in Ingolstadt warten, wie schon die letzten Jahre, mit einem erstklassigen Programm und hochkarätigen Künstlern auf. Neben Martin Stadtfeld, dem Royal Philharmonic Orchestra und Lang Lang, ist dieses Jahr auch die junge Sopranistin Diana Damrau im Festsaal zu hören. Unter der Leitung von Ariel Zuckermann, zusammen mit dem Georgischen Kammerorchester Ingolstadt. 13.7., Tel. 0800-0333033 (kostenfrei) , www.sommerkonzerte.de

Herrenchiemsee: „Marienvesper“

Ingolstadt

Die Festspiele Herrenchiemsee werden mit Monteverdis „Marienvesper“ auf Frauenchiemsee eröffnet. Der geeignete Auftakt für das diesjährige Motto: Maskulin-Feminin. 11.7., Tel.089-936093 www.herrenchiemsee-festspiele.de

München

München: Opernfestspiele Die ersten Festspiele des neuen Generalmusikdirektors Kent Nagano. Weniger Händel, dafür „Alice in Wonderland“ der Koreanerin Unsuk Chin. 30.6.-31.7. Tel. 089-21851920 www.muenchner-opernfestspiele.de

Herrenchiemsee

Erl

Erl: Wagner Die Tiroler Festspiele warten mit einem Mammutprojekt auf: alle WagnerOpern, die in den letzten Jahren erarbeitet wurden, kommen zum 10jährigen Jubiläum zur Aufführung. 5.-28.7., Tel. +43-(0)512-57888813 www.tiroler-festspiele.at

Fotos: Villa Musica, Freies Landestheater Bayern, Kissinger Sommer, Jan Gutzeit, Klosterkonzerte Maulbronn, Menuhin Festival Gstaad, Edith Wanninger, Tiroler Festspiele Erl/Rupert Larl, Fränkischer Sommer, Regine Körner, John Palmer

Das renommierte Kammermusikfestival macht sich auf zu neuen Ufern: Ziel des Festivals ist es, innerhalb der Klassik, Grenzen aufzubrechen und in neue Ausdrucksbereiche vorzustoßen. Einen besonderen Abend verspricht die Jazznacht: Ein musikalischer Grenzgang zwischen dem legendären österreichischen Geiger Fritz Kreisler und Django Reinhardt, seinem französischen Pendant.

donaueschinger

19. bis 21. Oktober 2007

musiktage

Orchesterwerke Mark Andre, Klaus Huber, Makiko Nishikaze, Helmut Oehring, Younghi Pagh-Paan, Enno Poppe und Hans Zender Ensemble modern Alex Buess, Arnulf Herrmann, Edgar Reitz/Johannes Kalitzke, Philippe Manoury, James Saunders und Hans Thomalla, Michael Lentz/Ullrich Winters ensemble recherche Francesco Filidei, Pär Frid, Michael Pelzel, François Sarhan und Simon Steen-Andersen Klangkunst Stefan Fricke, Kristof Georgen, Marc Sabat/Lorenzo Pompa, Erwin Stache, Trimpin und Mario Verandi NowJazz Bernhard Lang, Elliott Sharp, Hans Koch, Fredy Studer, Philip Jeck, DJ Todd, LaTasha Diggs, Burkhard Beins, Boris Baltschun, Serge Baghdassarians Info: Amt für Kultur, Tourismus und Marketing Tel: +49 (0)771 857 266 www.swr2.de/donaueschingen


lieto fine 50 | crescendo 05 2007

Das Haus

Nun gut, das ist nicht die Version für den Normal-Wüstenrot-Kunden. Aber wer die Oper reich macht, sollte auch nicht im Reihenhaus hausen.

Auf diese Stimmen können Sie bauen

Anna Netrebko und Rolando Villazón sind endlich beim gleichen Label. Aber das verkauft die beiden wie in einer Werbung für einen Bausparvertrag. Was will uns dieses Bild sagen?

Die Hände

Der geneigte Kopf

Vollkommenes Vertrauen: Er hält sie. Auf der Bühne und in der Werbung.

Der Winkel sagt, so bekomme ich alles: „Schatz, das ist schon alles ganz schön, aber nun können wir auch den Swimming-Pool bestellen, oder?“

Bloß nicht loslassen. So wie Villazón sich ins Zeug legt, würde er ohne Annas Gegengewicht auf dem Rasen landen.

Der Busch

Was hier hinter steckt, überlassen die Werber und wir Ihrer Phantasie.

Der Petticoat

Modernes Retro: Seit den 50er Jahren hatte die Oper nicht mehr so viel Erfolg wie mit diesen beiden.

Chinesisch für Anfänger

Foto: KASSKARA / Deutsche Grammophon

Das Hohlkreuz

Klassik-Klatsch

+ + + Neulich in Boston hat mich Lang Lang zu seinem Lieblings-

Chinesen eingeladen und mir eine Unterrichtsstunde im Stäbchenessen gegeben. Plötzlich stand der Tisch voll mit kleinen Dingen. Aber wie kommen die in den Mund? + + + „Schau, so geht das!“

„Wie, so...?“

... zu spät!

Impressum Verlag:

Port Media GmbH Senefelderstraße 14, 80336 München Telefon: +49-89-741509-0, Fax: -11 info@portmedia.de www.portmedia.de Herausgeber: Winfried Hanuschik hanuschik@portmedia.de Chefredakteur: Axel Brüggemann (verantwortlich) brueggemann@portmedia.de Artdirector: Stefan Steitz (verantwortlich) crescendo-layout@portmedia.de Redaktion: Doris Mahlknecht crescendo-regional@portmedia.de Michaela Wurstbauer

plus regional:

Projektleitung: Liselotte Richter-Lux richter-lux@portmedia.de Schlussredaktion: Michaela Wurstbauer Autoren dieser Ausgabe: Axel Brüggemann, Felix von Freuden, Wolfgang Gonaus, Philipp Himmelmann, Doris Mahlknecht, Franziska Müller, Bernd Neuhoff, Klemnens Renoldner, Uwe Schneider, Valery Voigt, Katharina Wagner. Grafik und Zeichnungen: Titelseite: Stefan Steitz, basierend auf einem Katharina Wagner-Porträt von Enrico Nawrath Produktionsmanagement: Michaela Wurstbauer

Auftragsmanagement: Petra Lettenmeier (verantwortlich) lettenmeier@portmedia.de Michaela Wurstbauer wurstbauer@portmedia.de Verlagsrepräsentanten: Petra Lettenmeier lettenmeier@portmedia.de Kulturbetriebe & Markenartikel: L. Richter-Lux richter-lux@portmedia.de Nicola Kremer, kremer@portmedia.de Horst Kibbel, kibbel@portmedia.de Gültige Anzeigenpreisliste: Nr. 10 vom 01.02.2007 Druck: Westermann Druck Georg-Westermann-Allee 66 38104 Braunschweig

Das nächste crescendo erscheint am 11. September 2007.

Erscheinungsweise: crescendo erscheint mit sieben Ausgaben pro Jahr und zusätzlichen crescendo-themenspecials. crescendo ist bei Opern- und Konzerthäusern, im Kartenvorkauf und im Hifiund Tonträgerhandel erhältlich. Copyright für alle Beiträge bei Port Media GmbH. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht unbedingt die der Redaktion wieder. Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags. Für unverlangt eingesandte Manuskripte und Fotos wird keine Gewähr übernommen. Angabe d. Beteiligungsverhältnisse: Gesellschafter der Port Media GmbH: 100 % Winfried Hanuschik (Werbekaufmann), München

Beilagen Diese Ausgabe enthält eine Teilbeilage des Kissinger Winterzaubers. Abonnement-Preis: crescendo premium inklusive sechs premium-CDs: Inland: EUR 34,- pro Jahr inkl. 7% MwSt. Bei Zahlung per Rechnung fallen zusätzlich EUR 5,- Bearbeitungsgebühr an. Europäisches Ausland: zzgl. EUR 10,- Bank-/ Portospesen Kündigung: vier Wochen zum Ende des Kalenderjahres Verbreitete Auflage: 80.779 (laut IVW-Meldung I/07) ISSN: 1436-5529 geprüfte Auflage


��������������������� � ����������� ��������������������������������� ����


n cˇ a a r a G Elina

ill V o d n a Rol

azón

e s s ay D e i l a Nat

ˇ NATALIE DESSAY, ROBERTO Künstler wie ROLANDO VILLAZÓN, ELINA GARANCA, ALAGNA, DAVID DANIELS, ANNE SOFIE VON OTTER, SUSAN GRAHAM, VIVICA GENAUX, PHILIPPE JAROUSSKY oder IAN BOSTRIDGE feiern Triumphe auf den Opernbühnen der Welt. Sie alle vereint The Opera Project – Arias mit 17 betörenden und mitreißenden Arien – von Mozart über Rossini bis hin zu Verdi und Offenbach.

Das Who’s Who der jungen neuen Opernstars – auf The Opera Project CD 3 97813 2 Bestellen Sie unseren kostenlosen Newsletter unter www.emiclassics.de Der KlassikPodcast auf www.klassik-podcast.de

http://www.crescendo.de/html/de/02archiv/2007/crescendo-2007-05/crescendo-2007-05  

http://www.crescendo.de/html/de/02archiv/2007/crescendo-2007-05/crescendo-2007-05.pdf

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you