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Zeitpfeil ››

Kinder- und Jugendpartizipation ›› im Quartier Weiße Siedlung/Dammweg Erarbeitet von Tita Kaisari, Christian Ernst, Annika Frattini

Diese Handreichung wurde im Projekt „Jugend aktiv für die Weiße Siedlung. Förderung von Beteiligungsperspektiven für Jungen und Mädchen“ erarbeitet und vom Quartiersfonds 3 der Zukunftsinitative Stadtteil gefördert.


Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung

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2. Kinder- und Jugendpartizipation auf Stadtteilebene

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2.1 Partizipation – ein Zauberwort? 2.2 Kinder- und Jugendpartizipation 2.3 Ansätze von Jugendpartizipation auf Stadtteilebene in Berlin

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3. Jugendpartizipation in der Weißen Siedlung

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3.1 Schulische und außerschulische Infrastruktur 3.2 Ergebnisse der Befragung von Jugendlichen der Siedlung 3.3 Die Geschäftsordnung des Jugendbeirats 3.4 Entwicklung des Jugendbeirats von 2009-2012 3.5 Ergebnisse des Auswertungsworkshops mit dem Jugendbeirat 3.6 Erfahrungen mit dem Versuch einer Jugendjury in der Weißen Siedlung 3.7 SWOT-Analyse „Jugendpartizipation in der Weißen Siedlung“

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4. Handlungsempfehlungen zur Förderung der Kinder- und Jugendpartizipation in der Weißen Siedlung

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4.1 Konsolidierung des Jugendbeirats 4.2 Zentrale Rolle des „Sunshine Inn“ 4.3 Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses von Kinder und Jugendpartizipation 4.4 Förderung der Partizipation von Kindern 4.5 Partizipation von Mädchen 4.6 Mikroprojekte 4.7 Die Rolle der politischen Bildung 4.8 Förderstrategie

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1. Einleitung Partizipation ist zu einem Schlüsselbegriff im politischen Diskurs, in der politischen Bildung, der Sozialarbeit und der Stadtentwicklung geworden. Gerade die Beteiligung benachteiligter Zielgruppen und von Kindern- und Jugendlichen sind Themen, über die sich Experten und Praktiker vermehrt Gedanken machen und die für das Fördergebiet Weiße Siedlung/Dammweg der Zukunftsinitiative Stadtteil besondere Relevanz besitzen: Das Quartier weist besonders komplexe soziale Problemlagen auf, Kinder- und Jugendliche machen einen besonders hohen Anteil der Bewohnerschaft aus. Seit 2008 gibt es in der Weißen Siedlung einen Jugendbeirat, der seit 2010 kontinuierlich von Zeitpfeil e.V. in Kooperation mit dem Jugendtreff Sunshine Inn pädagogisch begleitet wird. Zeitpfeil e.V. ist ein Träger der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung und hat in seinem zehnjährigen Bestehen umfassende Erfahrungen im Bereich der Jugendpartizipation gesammelt. Das zuständige Team im Verein vereint Erfahrungen aus der politischen Jugendbildung, der interkulturellen Bildung und der Entwicklungszusammenarbeit. Der Verein führt, u.a. gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung und dem EU Programm Jugend in Aktion, Partizipationstrainings und Begleitmaßnahmen für Schülervertretungen und Jugendinitiativen durch. In der Begleitung des Jugendbeirats der Weißen Siedlung und im Rahmen lokaler Projekte von Grundtvig-Lernpartnerschaften hat das Team Kenntnis der Strukturen des Quartiers sowie der Funktionsweise des Quartiersmanagements und des Programms Soziale Stadt gewonnen. Der Jugendbeirat hat 2010 und 2011 erfolgreich Projekte umgesetzt und seine Präsenz und Position im Quartiersrat gestärkt. Der gewaltsame Tod von Jussef El-Abed, der Mitglied des Jugendbeirats war, stellte einen Einschnitt dar und nahm Einfluss auf die Stimmung und Motivation der Mitglieder der bestehenden Gruppe, die ohnehin aufgrund ihres Alters und zunehmender Arbeitsverpflichtungen nach und nach aus dem Jugendbeirat ausscheiden werden und sich nur teilweise eine Kandidatur für die nächste Wahlperiode vorstellen können. Die Ereignisse führten indirekt auch zu einer Umstrukturierung des Teams und der Angebote des Jugendtreffs „Sunshine Inn“. Im Rahmen des QF3-Projekts „Jugend aktiv für die Weiße Siedlung“ sollten neue Jugendliche und insbesondere junge Frauen und Mädchen für die Arbeit im Jugendbeirat motiviert werden.

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In einem umfassenderen Konzept wurde versucht, mehr Jugendliche zu erreichen und zu aktivieren. Hierzu wurde die Zusammenarbeit mit allen lokalen Einrichtungen der Jugendarbeit gesucht und die Umsetzung einer Jugendjury geplant. Die Erfahrungen zeigen, dass die Jugendpartizipation in der „Weißen Siedlung“ nachhaltig nur durch einen kontinuierlichen Prozess und die Kooperation zwischen Einrichtungen der Sozial- und Jugendarbeit, der politischen Bildung und dem Quartiersmanagement gestärkt werden kann. Hierzu ist eine Strategie nötig, die über einzelne Maßnahmen und die Begleitung des Jugendbeirats hinausgeht. Hierfür Anregungen zu geben, ist das Ziel der hier vorgelegten Überlegungen und Empfehlungen. Diese basieren auf den Lernerfahrungen, die das Projektteam von Zeitpfeil e.V. mit dem Jugendbeirat und den Akteuren der Weißen Siedlung in den letzten drei Jahren gemacht hat, der Reflexion dieser Erfahrungen in zwei EU-GrundtvigLernpartnerschaften „Tool Kit Participation“ und „InterContexts“, einer Recherche zu Ansätzen von Jugendpartizipation auf Stadtteilebene in Berlin, der Befragung von 20 Jugendlichen der Weißen Siedlung im Februar 2013 und den Erkenntnissen aus Gesprächen und Workshops mit den beteiligten Jugendlichen und lokalen Akteuren.

2. Kinder- und Jugendpartizipation auf Stadtteilebene 2.1 Partizipation – ein Zauberwort? Partizipation lässt sich vielfältig ins Deutsche übersetzen: Teilnahme, Beteiligung, Mitwirkung, Mitbestimmung sind nur einige der möglichen Übersetzungen. Politische Partizipation bezieht sich auf die Einflussnahme auf Entscheidungsprozesse, die es Bürger/-innen ermöglicht, Bedürfnisse und Probleme zu formulieren und Interessen wahrzunehmen. Dies können sie direkt durch die Teilnahme an Wahlen, Demonstrationen oder Volksbegehren tun, oder sie überlassen es Vertreter/-innen, die sie als Sprecherinnen und Sprecher wählen, akzeptieren, dulden – oder gar nicht kennen. Die Einflussnahme auf Entscheidungen kann also direkt oder mittelbar geschehen; sie kann rechtlich vorgeschrieben und formal geregelt sein – oder ohne rechtliche Grundlage eingeräumt und relativ frei gestaltet werden. Solche weniger formalisierten und rechtlich nicht verbindlich vorgeschriebenen Prozesse werden allgemein als Partizipationsverfahren bezeichnet.

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Partizipation ist keinesfalls unumstritten: Was die einen mit Bürgernähe und Bedarfsgerechtigkeit verbinden, ist für andere Manipulation oder Befriedung. Wer partizipiert tatsächlich, auf welcher Grundlage und mit welchen Interessen? Welches Wissen und welche Kompetenzen sind notwendig, um sich zu beteiligen? Wie können sozial benachteiligte Gruppen auf Augenhöhe in Entscheidungsprozesse eingebunden werden? Partizipation ist nicht automatisch gut oder schlecht. Die Frage ist, mit welchen Zielen sie wie gestaltet wird. Gerade die Partizipation von Jugendlichen beinhaltet Chancen und Risiken: Augenhöhe und gegenseitiges Verständnis zwischen Jugendlichen und Erwachsenen sind überhaupt nicht selbstverständlich. Und: erfolgreiches Handeln in Partizipationskontexten kann Jugendliche bestärken und begeistern; Mißerfolge oder das Gefühl instrumentalisiert zu werden Stigmatisierung und Frustration verstärken.

2.2 Kinder- und Jugendpartizipation Kinder und Jugendliche sind – wie alle Gruppen in Partizipationsprozessen – als Experten in eigener Sache gefragt. Das Recht auf Beteiligung von Kindern und Jugendlichen ist mittlerweile international und national anerkannt. Hier einige Beispiele:

„Die Regierungen räumen jedem Kind das Recht ein, dass es angehört werden muss, wenn es um seine Belange geht. Die Meinung eines Kindes soll bei allen Entscheidungen, die das Kind betreffen, angehört und berücksichtigt werden“. (Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen, Artikel 12, Kinder sind alle unter 18, 1989) „Es ist zwingend erforderlich, dass Jugendliche aus allen Teilen der Welt auf allen für sie relevanten Ebenen aktiv an den Entscheidungsprozessen beteiligt werden, weil dies ihr heutiges Leben beeinflusst und Auswirkungen auf ihre Zukunft hat. Zusätzlich zu ihrem intellektuellen Beitrag und ihrer Fähigkeit, unterstützende Kräfte zu mobilisieren, bringen sie einzigartige Ansichten ein, die in Betracht gezogen werden müssen“ (Agenda 21, Kapitel 25, Kinder und Jugendliche und nachhaltige Entwicklung, 1992). „Kinder und Jugendliche sind entsprechend ihrem Entwicklungsstand an allen sie betreffenden Entscheidungen der öffentlichen Jugendhilfe zu beteiligen [...]. Jungen Menschen sind die zur Förderung ihrer Entwicklung erforderlichen Angebote der Jugendarbeit zur Verfügung zu stellen. Sie sollen an den Interessen junger Menschen anknüpfen und von ihnen mitbestimmt und gestaltet werden, sie zur Selbstbestim-

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mung befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement anregen und hinführen“ (Kinder- und Jugendhilfegesetz Deutschland 1991 § 8+11) „Die Gemeinde soll bei Planungen und Vorhaben, die die Interessen von Kindern und Jugendlichen berühren, diese in angemessener Weise beteiligen“ (Rheinland-pfälzische Gemeindeordnung §16c).

Richtlinien zur Beteiligung von Kindern und Jugendlichen sind aber oft unklar. Was heißt z.B. genau „angemessen zu beteiligen“ oder eine „Meinung berücksichtigen“? Und wer bestimmt eigentlich, wann ein Kind oder Jugendlicher von irgendetwas betroffen ist? Unterschiedlich sind auch die Aussagen zur angestrebten Stärke der Beteiligung. Es ist etwas anderes, wenn man bloß angehört oder berücksichtigt oder aber aktiv an Entscheidungsprozessen beteiligt wird. Die unterschiedlichen Grade von Partizipation veranschaulicht die sog. Partizipationsleiter – hier angepasst auf die Partizipation von Kindern und Jugendlichen. Stufe 1. Manipulation: Jugendliche werden z.B. vor den Karren von Erwachsenen (oder auch anderen Jugendlichen) gespannt ohne zu wissen, wohin der Karren fährt.

Stufe 2. Alibi / Dekoration: Jugendliche haben nur scheinbar eine Stimme, sie sind z.B. nur deswegen bei einer Veranstaltung anwesend, weil es gut aussieht oder Jugendvertreter organisieren einen Tag der offenen Tür oder belanglose Partys.

Stufe 3. Information: Jugendliche werden informiert, haben aber kein Mitspracherecht bei den anstehenden Entscheidungen bzw. können bereits getroffene Entscheidungen nicht in Frage stellen.

Stufe 4. Informiert und befragt: Die Jugendlichen wurden über eine anstehende Entscheidung informiert und ihre Meinung wurde eingeholt. Diese kann berücksichtigt werden, muss es aber nicht. Jugendliche können versuchen zu überzeugen, es besteht aber keine Verbindlichkeit.

Stufe 5. Mitbestimmung: Jugendliche werden vor allen Entscheidungen einbezogen und können die Entscheidungen, z.B. über ein Stimmrecht, beeinflussen.

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Stufe 6. Gemeinsame Entscheidungsfindung: Alle Betroffenen entscheiden auf Augenhöhe und gleichberechtigt über anstehende Probleme und suchen gemeinsam nach Lösungen.

Stufe 7. Selbstbestimmung: Jugendliche entscheiden allein über ein Projekt oder treffen allein Entscheidungen zur Lösung eines sie betreffendes Problems (durchaus auch mit Unterstützung anderer). Abb. 1: Jugendpartizipationsleiter, frei adaptiert nach Sherry Arnstein

Partizipation im eigentlichen Sinne beginnt erst ab der Stufe 4, da erst hier überhaupt die Möglichkeit einer Einflussnahme besteht. Zu beachten ist, dass Menschen oft erst in die Lage versetzt oder befähigt werden müssen, ihren Einfluss geltend machen zu können. Gerade Kinder- und Jugendpartizipation beinhaltet zwei Arten von Prozessen: Beteiligungs- und Lernprozesse.

2.3 Ansätze von Jugendpartizipation auf Stadtteilebene in Berlin Im Rahmen des Grundtvig-Projekts „InterContexts“ hat Zeitpfeil e.V. eine Recherche zu Modellen und Formen der Jugendbeteiligung in Berliner QM-Gebieten durchgeführt. Wie auf Bezirksebene wird Kinder- und Jugendpartizipation unterschiedlich aufgefasst und umgesetzt: 1. Jugendräte / Jugendbeiräte Seit 2008 gibt es in mindestens 7 Quartieren Projekte für den Aufbau und die Begleitung von Jugendräten. Die meisten haben sich nicht als nachhaltig erwiesen. Der Jugendrat Nord-Schöneberg ist der Älteste und sein Erfolg hängt von der Unterstützung des Quartiersmanagements, der Zusammenarbeit mit einer Einrichtung der Jugendsozialarbeit, dem Engagement einer Sozialarbeiterin und der Persönlichkeit der Sprecherin des Beirats zusammen, die sich seit 2008 im Jugendrat engagiert. Jugendräte werden von den meisten QMs nicht als jugendgerechte Methode eingeschätzt. Sie werden aber als Möglichkeit gesehen, die Perspektive von Jugendlichen in die Sozialraumentwicklung einzubringen und sie an Entscheidungen zu beteiligen.

2. Jugendjurys Derzeit gibt es in Berlin Jugendjurys auf QM- und Bezirksebene. Es handelt sich dabei um eine Methode, die häufig von den Quartiersfonds und den Lokalen Aktionsplänen

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gefördert wird. Sie wird als kinder- und jugendgerecht eingeschätzt und ihr wird ein großes Potential für Lernprozesse zugeschrieben. Die Besonderheit ist, dass das Ziel nicht in der Beteiligung an Entscheidungsprozessen besteht, die Jugendliche nicht direkt betreffen, sondern in der Selbstorganisation von eigenen Projekten liegt. Stolperstein ist die Verwaltung dieser Projekte, deren Abrechnung am Ende den Förderrichtlinien und Verwaltungsvorschriften genügen muss, was eine Begleitung notwendig macht. Jugendjurys werden als Möglichkeit gesehen, Kompetenzen zu trainieren und Jugendliche für Engagement zu motivieren.

3. Partizipation bei Spielplatzgestaltung und -sanierung Die Partizipation von Kindern und Jugendlichen bei Spielplatzgestaltung wird in Berlin je nach Bezirk und QM unterschiedlich gestaltet. Es handelt sich um anlassbezogene und in sich abgeschlossene Beteiligungsprozesse. Wichtige Erfolgsfaktoren sind die Kooperation mit Einrichtungen und Schulen sowie die Transparenz über Ablauf und Ergebnisse des Prozesses.

Neben den o.g. drei Formen der Jugendpartizipation lässt sich beobachten, dass an die QMs zahlreiche Projektideen im Themenfeld Partizipation von außen herangetragen werden, die an Einrichtungen der Jugendarbeit weitervermittelt werden. Jugendpartizipation realisiert sich meistens projekt- und anlassbezogen. Selten gelingt eine Verstetigung von Engagement oder die Vernetzung von Jugendlichen unterschiedlicher Hintergründe. Kinder- und Jugendpartizipation wird selten in Konzepte der Sozialraum-entwicklung einbezogen, die an lokalen Voraussetzungen und der Situation der Jugendlichen ansetzen.

Zusammenfassung Ziel von Jugendpartizipation auf Stadtteilebene sollte die Beteiligung von Jugendlichen an Entscheidungsprozessen sein. Dies beinhaltet Lernprozesse und setzt Kompetenzen und Kenntnisse voraus. Jugendpartizipation realisiert sich meistens anlass- und projektbezogen, selten als integraler Bestandteil der Stadtteilentwicklung. Stetiges Interesse und Engagement von Jugendlichen kann aber nur längerfristig unter Beachtung lokaler Bedingungen und gemäß der sozialen Situation und den Voraussetzungen der Jugendlichen entwickelt werden.

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3. Jugendpartizipation in der Weißen Siedlung 3.1 Schulische und außerschulische Infrastruktur

Abb. 2: Schulen und Einrichtungen, die von Kindern und Jugendlichen der Weißen Siedlung besucht werden.

Bis zum Ende der Grundschulzeit besuchen die meisten Kinder der Weißen Siedlung lokale Bildungseinrichtungen: die Kita Debora und die Sonnengrundschule; viele besuchen in der Freizeit das Kinderklubhaus Dammweg. Nach der Grundschulzeit gehen die Jugendlichen mehrheitlich auf Schulen außerhalb des Quartiers. Nur wenige besuchen die lokale Johannes-Kepler-Oberschule, deren Schülerschaft sich vor allem aus anderen Quartieren rekrutiert. Die lokalen außerschulischen Einrichtungen sind der Jugendtreff Sunshine Inn und das JKW Grenzallee. Letzteres befindet sich außerhalb der Wohnsiedlung und wird von Jugendlichen der Siedlung weniger als Aufenthaltsort, sondern vorwiegend zur Wahrnehmung bestimmter Kultur- und Freizeitangebote genutzt. Das Sunshine Inn hatte lange die Funktion eines Treffpunkts und Aufenthaltsorts für die Jugendlichen der Siedlung, wurde allerdings kaum von Mädchen und jungen Frauen besucht. 2012 kam es hier zu strukturellen Änderungen: Eine Mädchengruppe befindet sich im Aufbau und derzeit wird versucht eine neue Generation von männlichen Jugendlichen an die Einrichtung zu binden. Während zur Ansprache von Kindern und Jugendlichen bis 14 Jahre eine klare Struktur von Ansprechpartnern besteht, scheint

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es komplizierter, ältere Jugendliche zu erreichen. Eine zentrale Rolle für eine kontinuierliche und nicht nur punktuelle Ansprache und Aktivierung von Jugendlichen ab 14 Jahren spielt der Jugendtreff Sunshine Inn als „zweites Wohnzimmer“ für die Jugendlichen. Das Funktionieren dieser Einrichtung ist somit zentrale Voraussetzung für Jugendpartizipation in der Weißen Siedlung.

3.2 Ergebnisse der Befragung von Jugendlichen der Siedlung In Februar / März 2013 wurde vom Projektteam eine Umfrage mit Thema „Jugendbeteiligung in der Weißen Siedlung“ durchgeführt. An zwei Tagen wurden 5 Jugendliche unter 14 Jahre und 13 Jugendliche im Alter von 14-20 Jahren über ihre Meinung zur Siedlung und zu Engagement und Beteiligung im Quartier befragt. Ziel war es, die Perspektive von Jugendlichen zu gewinnen, mit denen bisher noch kein Kontakt bestand. Die Ergebnisse bestätigten Beobachtungen, die in der bisherigen Arbeit gemacht wurden: •• Die Jugendlichen sind es nicht gewohnt, an Entscheidungen in der Familie, Schule oder in Einrichtungen beteiligt zu werden oder Ideen selbstständig umzusetzen. Sie kennen eher autoritäre Strukturen, nehmen Erwachsene in ihrem Umfeld nicht als Partner wahr. •• Die Jugendlichen bewegen sich in verschiedenen Freundeskreisen. Freundschaften in der Nachbarschaft und Schulfreundschaften sind oft getrennte Sphären. Eine positive Identifikation mit der Siedlung ist insbesondere bei den Jungen und jungen Männern stark an diese Freundschaftsbindungen gekoppelt. •• Als dominierendes Problem wird Langeweile und der Mangel an attraktiven Freizeitangeboten beschrieben. Aktivitäten im Freien interessieren die Jugendlichen besonders. Die Gestaltung der Freiflächen ist ein Thema, zu dem alle Jugendlichen eine Meinung besitzen. •• Der Wunsch nach Angeboten im Freien erklärt auch den Erfolg von Fußball – auch bei Mädchen – und auch, warum die Siedlung im Sommer viel positiver wahrgenommen wird als im Winter.

Interessant war insbesondere die Sichtweise der Jugendlichen auf die für Jugendpartizipation relevanten Akteure:

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•• Das Quartiersmanagement ist zwar vielen Jugendlichen ein Begriff, seine Rolle und Arbeit den Jugendlichen jedoch nicht klar. Sie verbinden Quartiersmanagement mit Hausverwaltung und Kiezstreife. •• Das Sunshine Inn wird zum Zeitpunkt der Umfrage als weniger präsent oder attraktiv wahrgenommen. •• Der Jugendbeirat ist den meisten unbekannt. Die wenigen, die ihn kennen, verbinden ihn richtigerweise mit der Vertretung ihrer Interessen bezüglich jugendgerechter Freizeitangebote.

Aufschlussreich auch, was sich Jugendliche unter Beteiligung vorstellen können (und was nicht) und was sie zu Engagement motivieren kann:

Abb. 3: Beteiligungsverständnisse von Jugendlichen in der Weißen Siedlung

Die Vorstellungen der Jugendlichen zu Engagement und Partizipation lassen sich wie folgt gruppieren •• Etwas gestalten •• Etwas in der Freizeit zusammen mit Freunden machen •• Gegen etwas protestieren

Kaum ausgeprägt ist die Vorstellung, über das eigene Lebensumfeld mitbestimmen oder mitentscheiden zu können.

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Entscheidend ist für viele, sich zusammen mit anderen Jugendlichen zu betätigen. Die Bezugsgruppe (bzw. Clique) ist wichtig in diesem Alter. Allerdings wurde bei der Befragung deutlich, dass es starke Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen gibt, die es erschweren, Jugendliche aus unterschiedlichen Freundeskreisen zu erreichen. Dies zeigt, dass ein politischer Begriff von Partizipation im Sinne von Mitbestimmen, Mitentscheiden nicht zur Grundlage der Aktivierung von Jugendlichen genommen werden, sondern nur in einem längeren Prozess entwickelt werden kann. Zentrale Voraussetzung ist die Etablierung einer Partizipationskultur in den Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit.

3.3 Die Geschäftsordnung des Jugendbeirats Aufgaben, Zusammensetzung und Funktionsweise des Jugendbeirats sind in einer 2008 in Kraft getretenen Geschäftsordnung (GO) geregelt, die mit den Jugendlichen diskutiert und von ihnen beschlossen wurde. Nicht geregelt ist, welche Instanz befugt ist, sie zu ändern.

Abb. 4: Die erste Seite der Geschäftsordnung des Jugendbeirats

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Der GO zufolge ist der Jugendbeirat ein Gremium, das „der Diskussion und Prioritätensetzung von Belangen der jugendlichen Bewohnerschaft in der Weißen Siedlung Dammweg“ dient und „beratende Funktion“ und „als Akteur eine Stimme im Quartiersbeirat“ besitzt. Worüber der Jugendbeirat als Gremium beschließt, ist nicht näher geregelt. Der Zugang zum Jugendbeirat ist in der GO relativ offen gehalten: „Der Jugendbeirat besteht aus mindestens 7 Mitgliedern zwischen 15 und 25 Jahren, die in der Weißen Siedlung wohnen oder den überwiegenden Teil ihrer Freizeit in der Siedlung verbringen.“ Die Mindestzahl 7 ist realistisch; sinnvoll ist auch die relativ breite Altersspanne von 15 bis 25 Jahren. Optimalerweise würde der Jugendbeirat diese Altersspanne abbilden. Die Öffnung hin zu Jugendlichen, die nicht in der Siedlung gemeldet sind, trägt der Tatsache Rechnung, dass viele Jugendliche in andere Quartiere umziehen, aber weiterhin die Freizeit mit ihren Freunden aus und in der Weißen Siedlung verbringen. Völlig unklar ist aber, wie der Jugendbeirat zustande kommt und Legitimität erhält. Die GO sieht dazu vor: „Die dem Jugendbeirat angehörenden Mitglieder sind für zwei Jahre berufen bzw. gewählt. Eine erneute Berufung bzw. Wahl ist grundsätzlich möglich.“ Hier stellt sich die Fragen, welche Instanz überhaupt legitimiert ist, Mitglieder des Jugendbeirats zu berufen, wer wahlberechtigt ist, und wie die Wahl angekündigt werden kann. Die zweijährige Periode erscheint sinnvoll, um Kontinuität zu sichern, jedoch sollte dann eine Aufnahme von neuen Mitgliedern während dieser zwei Jahre etwa durch Kooptierung möglich sein. Die Mitglieder des Jugendbeirats wählen aus ihrem Kreis mit 2/3-Mehrheit eine Sprecherin oder einen Sprecher sowie eine Stellvertretung. Die Sprecherin oder der Sprecher vertritt den Jugendbeirat im Quartiersbeirat und übt dort das Stimmrecht des Jugendbeirats aus. Nicht vorgesehen ist die Bindung der Sprecherin bzw. des Sprechers an Beschlüsse sowie die Berichtspflicht gegenüber dem Jugendbeirat. Laut GO tagt der Jugendbeirat viermal im Jahr. Eine Kopplung der Termine an den Sitzungsrhythmus des Quartiersbeirats wäre sinnvoll, wenn man die Logik einer Interessensvertretung zugrunde legt.

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Wenig Aussagen werden über Aufgaben und Rechte des Jugendbeirats über die Stimme im Quartiersbeirat hinaus gemacht: Kann der Jugendbeirat z.B. auf Infrastruktur des QMs zurückgreifen? Kann er ein Budget zur Öffentlichkeitsarbeit oder für Projekte beantragen? Laut GO sind die Sitzungen des Jugendbeirats nicht öffentlich, jedoch können die „Mitarbeiter des Quartiersmanagements, die Vertreter der mit der Steuerung des Quartiersmanagementverfahrens betrauten Verwaltungsbehörden sowie weitere auf Antrag hinzugezogene Fachexperten und Personen an den Sitzungen ganz oder teilweise teilnehmen.“ In diesem Passus ist nicht klar geregelt, ob die Jugendlichen der Teilnahme dieser Personen zustimmen müssen oder nicht. Hier bietet sich auch an, einen Passus zu einer evtl. Begleitung / Beratung des Jugendbeirats durch Erwachsene zu platzieren, wie sie in den letzten Jahren praktiziert wurde und der die Jugendlichen formal zustimmen bzw. sie ablehnen können sollten.

3.4 Entwicklung des Jugendbeirats von 2009-2012 Die Gruppe rekrutierte sich 2008 überwiegend aus Jugendlichen des Jugendtreffs „Sunshine Inn“ – fast alle junge Männer aus bildungsbenachteiligten Familien mit Migrationshintergrund, die meisten miteinander befreundet. Der Jugendbeirat erhielt eine Geschäftsordnung, eine Stimme im Quartiersrat und feierlich Urkunden aus der Hand des Bezirksbürgermeisters. Eine Sozialpädagogin des Sunshine Inn-Teams sah in der politischen Beteiligung dieser Jugendlichen besonderes Lernpotenzial und suchte Kontakt zu Einrichtungen politischer Jugendbildung, um die Jugendlichen für ihre Aufgabe besser vorzubereiten. So kam der Kontakt zu Zeitpfeil e.V. und dem Politischen Arbeitskreis Schulen e.V. zustande, mit denen im September 2009 eine erste Seminarfahrt umgesetzt wurde. Auf dem Seminar zeigte sich, dass die Jugendlichen viele interessante Ideen zur Gestaltung ihrer Siedlung hatten – und durchaus mit Spaß über politische Grundsatzfragen diskutieren konnten. Allerdings waren ihnen die eigenen Aufgaben als Jugendbeirat, ein Verständnis als Gremium, die Funktion des Quartiersmanagements und des Quartiersrats und auch die Möglichkeiten, eigene Projekte durch den Quartiersfonds fördern zu lassen gänzlich unbekannt. Das Seminar beinhaltete Informationen über das Quartiersmanagement und Fördermöglichkeiten, eine Einführung ins Projektmanagement und die Planung

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eigener Projekte. In der Nachbereitung zeigte sich, dass die Jugendlichen sich engagieren wollten, es sich aber nicht zutrauten, selbstständig aktiv zu werden.

Abb. 5: Foto von der ersten Seminarfahrt nach Wandlitz: Distanz vom Alltag

In der Auswertung des Seminars entstand die Idee, die Arbeit des Jugendbeirats von Zeitpfeil e.V. in Kooperation mit dem Outreach-Jugendtreff „Sunshine Inn“ pädagogisch begleiten zu lassen. Dazu konnten Projektmittel im Programm STÄRKEN vor Ort akquiriert werden. In Interviews wurde deutlich, wie tief Stigmatisierung wirkt und wie niedrig der Glaube in die eigene Selbstwirksamkeit ist. Und es wurde auch klar: die Erfahrung, selbstständig als Gruppe zu diskutieren, Entscheidungen zu treffen, nicht zu vergessen und umzusetzen war für fast alle neu. In Seminaren wurden Projekte geplant, aber auch – auf Wunsch der Jugendlichen – politische Grundlagen diskutiert: Was heißt eigentlich Integration? Was bedeutet Demokratie? Wie funktioniert Wirtschaft? Besonderen Zuspruch fand dabei die Zusammenarbeit mit Referentinnen und Referenten aus wenig vertrauten Millieus (Studierende, Akademikerinnen und Akademiker), die auch außerhalb der Seminararbeit informellen Kontakt zu den Jugendlichen suchten und sich für ihre Meinungen interessierten. Desweiteren wurden Initiativen anderer Jugendlicher besucht. Diese Kontakte gaben dem Beirat Anregungen, aber auch Anerkennung für die eigene Arbeit

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Abb. 6: Von den Jugendlichen entwickeltes Logo des Jugendbeirats Abb. 7: Flyer des Videowettbewerbs 2010

Abb. 8: Vom Jugendbeirat in Zusammenarbeit mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung ausgerichtetes World Café für ein Nutzungskonzept des ehem. Jobcenters

2010 und 2011 hat der Jugendbeirat erfolgreich Projekte umgesetzt, seine Präsenz und Position im Quartiersrat gestärkt und wurde auch über das Quartier hinaus als aktives Gremium wahrgenommen. Höhepunkte waren die Veranstaltung eines Videowettbewerbs zum Thema Integration und die Mitarbeit für ein Nutzungskonzept im Sinne sozialen Unternehmertums für das ehemalige JobCenter in Zusammenarbeit mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. In diesen Prozessen zeigte sich: die Jugendlichen hatten gelernt, dass sich eigene Projekte umsetzen lassen, aber vor allem: ihre eigenen Interessen zu formulieren, kritischer gegenüber den Zielen der erwachsenen Akteure zu sein, ihre Meinung auch in formalen Zusammenhängen zu äußern und ihre Arbeit selbstbewusst zu präsentieren.

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Allerdings kamen bei den Neuwahlen 2011 nur wenige Jugendliche außerhalb des bestehenden Kreises hinzu – und keine jungen Frauen. Dies führte auch zur Kritik der Gleichstellungsbeauftragten, der Jugendbeirat sei nicht repräsentativ. Die Gruppe war motiviert und engagierte sich kontinuierlich. Die Jugendlichen äußerte ihre Meinung im Quartiersbeirat und engagierte sich in Initiativen und Veranstaltungen des QMs. 2012 war ein schwieriges Jahr für den Jugendbeirat. Im März 2012 kam ein Mitglied des Jugendbeirats in einer gewalttätigen Auseinandersetzung ums Leben. Dies hat alle Jugendlichen der Siedlung, aber insbesondere auch die bestehende Gruppe des Jugendbeirats schwer erschüttert. Im Internet begannen Racheaufrufe zu kursieren. Der Jugendbeirat war nun in den Medien präsent, verfasste eine Stellungnahme, die auch in überregionalen Zeitungen zitiert wurde und trug so zu Beruhigung der Situation bei. Zeitpfeil e.V. begleitete die Gruppe in dieser Phase ehrenamtlich. Es wurde in dieser Zeit auch klar, dass durch die Ereignisse und die zum Teil negative Darstellung ihres getöteten Freundes und des Jugendbeirats in den Medien Motivation und Energie für Engagement verloren gegangen war – und dass die Gruppe nach drei Jahren Engagement eher aus jungen Erwachsenen bestand, die nach neuen Perspektiven Ausschau hielten und ihre Erfahrungen gerne an Jüngere weitergeben wollen. Ein Teil der Gruppe konzentrierte sich vermehrt auf Beruf oder andere Ziele – ein ehemaliges Mitglied des Jugendbeirats sitzt inzwischen für die Piratenpartei in der Bezirksverordnetenversammlung.

3.5 Ergebnisse des Auswertungsworkshops mit dem Jugendbeirat Die Mitglieder des Jugendbeirats werten die Erfahrungen im Rahmen ihres Engagements uneingeschränkt positiv. Besonders wird die Teilnahme an den insgesamt vier durchgeführten Wochenendseminaren erinnert: Diese boten ihnen zufolge eine seltene Möglichkeit, Distanz von ihrem Alltag zu nehmen und über ihre Situation und Interessen zu reflektieren. Die Jugendlichen hoben hervor, dass sie die Themen selbst ausgewählt hatten. Gerade die Seminare stellten für sie eine ungewohnte Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Erwachsenen dar. Sie fühlten sich ernst genommen, schätzten, dass ihnen vertraut wurde und ihnen Freiheiten gelassen wurden, gaben aber auch zu, dass sie mit diesen nicht immer umgehen konnten. Die Umsetzung eigener Projektideen wurde als zweitwichtigste Erfahrung betrachtet: etwas für die Siedlung und gegen deren schlechtes Image zu tun, zu merken, dass man gemeinsam etwas bewegen kann und Anerkennung für das Engage-

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ment zu erfahren und von Erwachsenen respektiert zu werden, zählten die Jugendlichen als zentrale Punkte auf. Sie schränkten aber ein, dass sie die Projekte ohne Begleitung wohl nicht geschafft hätten. Sie sind sehr stolz auf die Ergebnisse, sehen Selbstorganisation jedoch weiterhin als große Herausforderung. Das Kennenlernen anderer Jugendlicher und der Kontakt zu den Referent/-innen von Workshops und Seminaren wurde als weiterer positiver Effekt des Engagements im Jugendbeirat erwähnt. Die Jugendlichen würden gerne einen Austausch mit Jugendlichen aus einem anderen europäischen Land organisieren, sehen dies jedoch als eine (zu) große Herausforderung.

3.6 Erfahrungen mit dem Versuch einer Jugendjury in der Weißen Siedlung Zur Aktivierung von bisher nicht erreichten Jugendlichen wurde das Format einer Jugendjury in der Weißen Siedlung erprobt. Die Jugendjury ermöglicht Selbstwirksamkeitserfahrungen durch ein hohes Maß an Selbstorganisation in einem mitbestimmten Rahmen: 1. Entwicklung eigener Projektideen 2. Aushandlung der Förderkriterien in einem dialogischen Prozess 3. Entscheidung der Jugendlichen in der Jurysitzung über die Verteilung der Projektgelder 4. Umsetzung der Projekte 5. Abrechnung der Projekte 6. Austausch und Auswertung der Erfahrungen Dazu wurden Jugendliche direkt und Einrichtungen für Kinder und Jugendliche in der Siedlung (Freizeiteinrichtungen, Schulen, Vereine, etc.) angesprochen, insbesondere Jugendliche des „JKW Grenzallee“ und der Kindergruppe „Kinderklubhaus Dammweg“. Alle Jugendlichen der Siedlung konnten bis Mitte Dezember 2012 ihre eigenen Projekte im Bereich Kunst, Musik, Sport, Soziales, Politik, Freizeit etc. einreichen.

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Vorrausetzungen für einen Projektantrag waren minimal: • Die Idee stammt von den Jugendlichen selbst, • das Projekt kommt nicht nur einer Person, sondern mehreren zugute, • ein Antragsformular ist ausgefüllt und rechtzeitig abgegeben. Das Antragsformular beinhaltete eine kurze Beschreibung der Projektidee, ebenso Angaben zu benötigtem Material, Räumlichkeiten, entstehenden Kosten und Ansprechpartner/innen des Projekts. Jedes Projekt konnte bis zu 500 Euro für die Umsetzung beantragen. In der Sitzung der Jugendjury am 05.01.2013 konnten 1-2 Vertreter/innen jedes Projekts als Jury unter Verwendung selbstentwickelter Jurykriterien über die Geldverteilung entscheiden. Die Umsetzung der Projekte erfolgte im Anschluss bis spätestens Ende Mai. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der verschiedenen Einrichtungen wurden über die Jugendjury informiert, wobei ihnen Sinn und Nutzen sowie die Möglichkeiten des Instruments erklärt wurden. Das Verfahren wurde dann Jugendlichen in den Einrichtungen persönlich vorgestellt und auch durch Handzettel erklärt. Drei Projektideen wurden am Ende der Antragsphase bei Zeitpfeil eingereicht: Das Projekt Fußballturnier: Ismail als Vertreter des Jugendbeirats der Weißen Siedlung beantragte Gelder für die Durchführung eines Fußballturniers auf dem Fußballplatz innerhalb der weißen Siedlung. Ziel des Projekts: allen Kindern und Jugendlichen der Siedlung eine offene Fußballveranstaltung zu bieten, den Bekanntheitsgrad des Jugendbeirats zu erhöhen und neue Mitglieder zu werben und auch weitere Kinder, Familien und Anwohner/innen durch ein begleitendes Programm (Musik und Grillen) als Zuschauer/ innen zu gewinnen.  Das Geld wurde beantragt für: Essen, Getränke, Bälle, Pokale, Flyer und Plakate. Unterstützt wurde das Projekt durch andere Mitglieder des Jugendbeirats, durch Mitarbeiter/innen der Jugendeinrichtung „Sunshine Inn“ und durch Mitarbeiterinnen von Zeitpfeil e.V. Das Projekt Drogenaufklärung: Önder und Vural, ebenfalls Vertreter des Jugendbeirats vertraten das Projekt zur Drogenaufklärung.

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Das Projekt richtete sich an Jugendliche der Siedlung, die von Fachpersonen gezielte Informationen zum Thema Risiken von Drogen erhalten möchten. Die Gelder wurden beantragt für: Honorar Drogenexperte, Flyer und Plakate, Snacks und Getränke. Das Projekt wurde von weiteren Mitgliedern des Jugendbeirats und von Mitarbeiter/innen von Zeitpfeil e.V. begleitet. Das Projekt Inline-Hockey-Turnier: Burak und Jeremy reichten einen Antrag für die Durchführung eines Inline-HockeyTurniers ein mit dem Ziel, den Sport mittels eines Turniers unter Kindern und Jugendlichen bekannter zu machen. Der Sport ist in Berlin bisher nur wenig vertreten. Geld wurde beantragt für: Flyer und Poster, Essen und Getränke, eine Bande für den Platz zum Schutz des Publikums, Honorar Schiedsrichter. Unterstützt wurde das Projekt durch einen Mitarbeiter der Jugendeinrichtung Grenzallee, der die Jungen trainiert. Am Samstag, den 05.01.2102 traf sich die Jugendjury „Weiße Siedlung“ zum ersten Mal in den Räumlichkeiten des Quartiersmanagements Weiße Siedlung-Dammweg. Vier Vertreter von drei unterschiedlichen Projekten kamen als Jugendjury zusammen. Nach einem ersten Kennenlernen und Vorstellen der diversen Projekte, verständigten sie sich auf Eigenschaften eines guten Projekts. Sie entwickelten gemeinsam 10 eigene Auswahlkriterien für die Überprüfung und Bewertung der Projekte, die im Anschluss für die Vergabe der zur Verfügung stehenden Projektgelder (max. 500 Euro pro Projekt) dienten. Sie wählten Kriterien wie z.B. Machbarkeit, Gemeinnutzen, Zeit- und Finanzplan, Spaßfaktor, neue Erfahrungen, etc. Erwachsene hatten im gesamten Aushandlungs- und Entscheidungsprozess keinerlei Mitsprache; sie standen beratend und begleitend zur Seite. Aufgrund einer geringen Anzahl von Projektanträgen fand unter den Jugendlichen kein Aushandlungsprozess zur Verteilung der Projektgelder statt. Die Bewertung der Projekte diente daher nur einer grundsätzlichen Überprüfung und Reflektion der Projektideen. Obwohl sich das Format Jugendjury insgesamt bewährte und die Jugendlichen die Idee, selber Förderkriterien festzulegen und über die Vergabe von Fördermitteln zu entscheiden, gut fanden, gelang es nicht in dem erhofften Maße, bisher unbekannte Jugendliche zu motivieren.

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Kriterien/Projekt

Inline-Hockey-Turnier  Fußballturnier (2 Projektvertreter) (1 Projektvertreter)

Workshop zur Drogenaufklärung (1 Projektvertreter)

Spaßfaktor hoch?

2 Punkte (P); 3 P

3 Punkte (P); 3 P; 3 P

1 Punkt (P); 2 P; 2 P

Machbar/umsetzbar?

2 P; 2 P

2 P; 2 P; 2 P

3 P; 3 P; 3 P

Erfolgsversprechend?

1 P; 1P

1 P; 1 P; 1 P

3 P; 3 P; 2 P

Teamarbeit möglich? 2P; 3P

3 P; 2 P; 3 P

2 P; 2 P; 3 P

Nutzen für viele Personen?

2 P; 2 P

2 P; 3 P; 2 P

3 P; 3 P; 3 P

Kostenplan/Zeitplan 2 P; 2 P realistisch?

3 P; 2 P; 2 P

3 P; 3 P; 2 P

Neue Idee?

3 P; 3 P

1 P; 1 P; 1 P

3 P; 2 P; 2 P

Interessant für jugendliche?

2 P; 2 P

3 P; 3 P; 2 P

1 P; 3 P; 3 P

Neue Erfahrungen möglich?

3 P; 2 P

3 P; 1 P; 1 P

3 P; 3 P; 3 P

Insgesamt 39 Punkte geteilt durch zwei Personen ergibt ein Endergebnis von 19,5 Punkten

Insgesamt 55 Punkte geteilt durch drei Personen ergibt ein Endergebnis von 18,3 Punkten

Insgesamt 68 Punkte geteilt durch drei Personen ergibt ein Endergebnis von 22,6 Punkten

Abb. 9: Bewertung der Projekte durch die Jugendjury

Bewertungsregeln: Pro Projekt gab es eine Stimme, das eigene Projekt konnte jeweils nicht bewertet werden.

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Aus Sicht der verantwortlichen Mitarbeiterinnen sind folgende Punkte zu beachten: •• Das Interesse an der Unterstützung einer Jugendjury scheint im Allgemeinen bei Erwachsenen Multiplikatoren nicht stark genug ausgeprägt zu sein. Dies zeigte sich in der Notwendigkeit, sie verstärkt für die Bewerbung der Jury motivieren und erinnern zu müssen. So wurden beispielsweise Plakate für die Jury-Anwerbung in Einrichtungen nicht immer zeitnah aufgehängt. Nicht alle Mitarbeiter/innen der Einrichtungen scheinen den Sinn und Wert einer Jury für ihre Jugendlichen erkannt zu haben und sehen einen für sich hohen Aufwand, da sie den Jugendlichen ein selbstständig durchgeführtes Projekt nicht zutrauen. •• Es wurde noch einmal deutlich, wie wichtig die Funktion der Erwachsenen als Multiplikatoren ist: geben sie die entsprechenden Informationen innerhalb ihres Wirkungsrahmens nicht weiter, werden viele Jugendliche nicht erreicht. Das Aufhängen von Plakaten und Verteilen von Flyern innerhalb der Siedlung reicht in der Regel nicht aus; es braucht auch eine persönliche Ansprache der Jugendlichen oder gar eine vertrauensvolle Beziehung mit dem Jugendlichen. •• Die beste „Werbung“/Motivation für Beteiligung bzw. die Teilnahme an einer Jugendjury erfolgt durch die Jugendlichen selbst („peer-to-peer“). Jugendliche, die selbst bereits positive Erfahrungen gemacht haben, sind gute Motivatoren für andere. Sie besitzen unter Jugendlichen eine andere Glaubwürdigkeit und finden ein besseres Gehör als Erwachsene. Beteiligungsformate benötigen evtl. mehrere Anläufe, bis das Interesse an ihnen wächst. •• Ohne das Vorhandensein einer Partizipationskultur ist die Durchführung von Beteiligungsverfahren wie der Jugendjury erschwert. Haben Jugendliche das generelle Gefühl, von Erwachsenen im Alltag kaum gesehen und gehört zu werden, stehen sie ihnen bzw. den von Erwachsenen initiierten Projekten möglicherweise skeptisch gegenüber und beteiligen sich nicht. •• Beteiligungsverfahren wie die Jury erfordern reflektierte Erwachsene. Als Begleiterin der Jugendjury stellten sich viele Fragen, die überdacht werden mussten: Sollte ein Erwachsener bei der Projektumsetzung selbst aktiv werden und Aufgaben übernehmen, wenn die Jugendlichen diese schleifen lassen? Wann und wie sehr sollte ein Erwachsener sich einmischen, damit das Projekt am Ende nicht scheitert? Darf ein Projekt auch scheitern? Wann ist Scheitern eine Lernaufgabe, wann erhöht es dagegen nur den Frust von Jugendlichen, die sich bereits benachteiligt fühlen?

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•• Es konnte die Tendenz beobachtet werden, dass Erwachsene den Jugendlichen zu wenig zutrauen und ihre Hilfe zu schnell anbieten, auch wenn diese gar nicht gefragt ist. Voraussetzung für die Begleitung von Jugendpartizipationsprozessen ist ein gemeinsames Verständnis der Erwachsenen, dass diese ein learning by doing darstellen. Es ist immer wieder daran zu erinnern, dass die Projekte den Jugendlichen gehören. Die damit verbundene Eigensinnigkeit und Ergebnisoffenheit müssen die erwachsenen Akteure mittragen. Genau darin besteht ihre Rolle. •• Im Rahmen der Jugendjury Weiße Siedlung wurden drei Mikroprojekte erfolgreich umgesetzt. Diese drei Projekte sind die beste Werbung für die Jugendpartizipation in der Weißen Siedlung. Gerade das Fußballturnier wurde als Projekt von und für Jugendliche wahrgenommen. Solche Mikroprojekte sind aber auch ohne den formalen Rahmen der Jugendjury möglich. Die Weiße Siedlung ist eines des kleineren QM-Gebiete und es ist unter den derzeitigen Bedingungen wenig realistisch, in einem kleinen Zeitfenster mehrere Gruppen Jugendlicher zu aktivieren, zumal es keine lokal verankerte weiterführende Schule gibt.

Abb. 10: Fotoimpressionen vom Fußballturnier

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Zusammenfassung Kinder und Jugendliche der Weißen Siedlung sind es meist nicht gewohnt, mitzuentscheiden und eigene Ideen umzusetzen. Ein politischeres Verständnis von Partizipation kann nur langfristig entwickelt werden. Die meisten Jugendlichen gehen nach der Grundschulzeit auf weiterführende Schulen außerhalb des Quartiers; die einzige außerschulische Einrichtung, über die ein kontinuierlicher Kontakt zu Jugendlichen in der Siedlung möglich ist, ist das Sunshine Inn, aus dem sich auch der bisherige Jugendbeirat rekrutierte. Dieser hat sich seit seiner Gründung bis 2012 stetig entwickelt. Wichtige Faktoren waren hierbei eine stabile Kerngruppe in einer Einrichtung, das Engagement einer Sozialarbeiterin und eine Kontinuität in der pädagogischen Begleitung. Der Jugendbeirat blieb aber in seiner Zusammensetzung nicht repräsentativ, ein Generationswechsel erweist sich als kompliziert. Für die Jugendlichen steht das Gestalten, Lernen und Umsetzen eigener Ideen im Vordergrund, weniger die Möglichkeit als Gremium im Quartier mitentscheiden zu können. Der Jugendbeirat ist formal als Gremium angelegt, wird aber von den Jugendlichen vor allem als Rahmen für Lernerfahrungen und die Realisierung eigener Ideen gesehen. In diesem Rahmen haben die Jugendlichen jedoch gelernt, ihre Interessen zu vertreten, Erwachsenen gegenüber selbstbewusst aufzutreten und brachten sich in Prozesse der Stadtteilentwicklung ein. Die Erfahrungen mit Mikroprojekten im Rahmen einer Jugendjury zeigen ebenfalls, dass es durch projektbezogene Arbeit gelingt, Jugendliche zu interessieren und zu aktivieren, dass jedoch ein gemeinsames Verständnis und die Zusammenarbeit der erwachsenen Akteure Voraussetzung für die Entwicklung von Jugendpartizipation ist.

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3.7 SWOT-Analyse „Jugendpartizipation in der Weißen Siedlung“ Stärken •• Jugendliche und junge Erwachsene stellen einen gewichtigen Teil der Bevölkerungsstruktur dar. •• Das Quartiersmanagement sieht Jugendpartizipation als wichtiges Handlungsfeld. •• Es gibt einen etablierten Jugendbeirat mit einer Stimme im Quartiersbeirat. •• Der Jugendbeirat hat bei den Erwachsenen Akteuren und auch den Jugendlichen an Bekanntheit und Anerkennung gewonnen..

Chancen •• Aufbau einer Mädchengruppe im Sunshine Inn. •• Stärkere Einbindung des Teams des Sunshine Inn in Partizipationsprojekte und die Arbeit des Jugendbeirats. •• Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses von Partizipation zwischen den verschiedenen Akteuren. •• Die bisherigen Mitglieder des Jugendbeirats unterstützen und begleiten die neue Generation.

Schwächen •• Eine Partizipationskultur ist im Quartier insgesamt wenig entwickelt, auch nicht in den Einrichtungen für Kinder- und Jugendliche wenig entwickelt. •• Sinn und Ziele von Jugendpartizipation sind den erwachsenen Akteuren nicht immer klar. •• Die Multiplikatoren geben nicht immer die Informationen an Jugendliche weiter. •• Die meisten Jugendlichen besuchen weiterführende Schulen außerhalb des Quartiers. •• Die Jugendlichen sind es nicht gewohnt, mitzuentscheiden. •• Die für die Jugendarbeit zentrale Einrichtung befindet sich in Restrukturierung. •• Partizipationsprojekte bedeuten aus Sicht vieler Mitarbeiter/-innen in Einrichtungen Mehrarbeit.

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Risiken •• Der Aufbau einer neuen Generation von Jugendlichen im Sunshine Inn gelingt nicht. •• Die Begleitung von Jugendpartizipationsprozessen kann nicht verstetigt werden. •• Konflikte zwischen verschiedenen Jugendlichen verschärfen sich. •• Der Jugendbeirat wird von erwachsenen Akteuren instrumentalisiert.

4. Handlungsempfehlungen zur Förderung der Kinder- und Jugendpartizipation in der Weißen Siedlung 4.1 Konsolidierung des Jugendbeirats In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass der Jugendbeirat einen großen Nutzen bringen und den Jugendlichen vielfältige Lernmöglichkeiten eröffnen kann. Er sollte als Gremium bestehen bleiben, wobei allen Beteiligten bewusst sein sollte, dass eine repräsentative Vertretungsfunktion schwer zu erreichen ist. Er sollte daher weniger als Gremium betrachtet werden; er kann als Lernplattform im Sinne politischer Bildung für die Jugendlichen und als ein Ansprechpartner bzw. eine Expertengruppe im Bereich Jugend für das Quartiersmanagement und andere Akteure funktionieren. Dies ist eine Rolle, die die Jugendlichen gerne annehmen und auch erfüllen können. Die Stimme und Funktion im Quartiersbeirat sollte dennoch erhalten bleiben, da sie Mitbestimmung, Kommunikation mit den anderen Akteuren und Lernerfahrungen ermöglicht. An den Sitzungen des Quartiersbeirats sollten nach Möglichkeit immer mindestens zwei Jugendliche teilnehmen. Die Geschäftsordnung sollte entsprechend flexibler gestaltet werden: Statt einer zweijährigen Wahlperiode sollte es jederzeit möglich sein, bei Interesse dem Jugendbeirat beizutreten. Nicht geregelt ist in der Geschäftsordnung t, wer offizielle Sitzungen des Jugendbeirats einberuft. Hier könnte explizit festgelegt werden, dass das Quartiersmanagement die Sitzungen einberuft, wie das bisher auch gehandhabt wurde .Je nach

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Situation können pro Jahr 2-4 Sitzungen sinnvoll sein. Aufgenommen werden sollte auch eine Möglichkeit, Arbeitsgruppen einzurichten. Dies könnte ermöglichen, dass Jungen und Mädchen abseits der offiziellen Sitzungen, zunächst auch geschlechtergetrennt arbeiten.

4.2 Zentrale Rolle des „Sunshine Inn“ Wichtige Voraussetzung für den Jugendbeirat und andere Projekte ist, dass die Jugendlichen regelmäßig an einem jugendgerechten Ort zusammenkommen können und von Erwachsenen, denen sie vertrauen, unterstützt und begleitet werden. Die derzeit einzige Einrichtung, die dies erfüllen kann, ist das Sunshine Inn. Die Trägerschaft für eine solche Begleitung sollte – verbunden mit entsprechender finanzieller Ausstattung – mittelfristig an das Sunshine Inn angebunden werden. Die Erfahrungen während des Restrukturierungsprozesses der letzten Monate haben gezeigt, welche zentrale Rolle diese Einrichtung für die Jugendarbeit spielt; Projekte wie der Jugendbeirat oder Mikroprojekte werden z.T. jedoch als zusätzliche Belastung wahrgenommen. Es ist wichtig, dass sich die Team- und Angebotsstrukturen weiter stabilisieren, die Partizipation der Jugendlichen in der Einrichtung gestärkt und die Anbindung von Partizipationsprojekten wie dem Jugendbeirat in das Profil der Einrichtung eingeht und aktiver vom Träger unterstützt wird.

4.3 Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses von Kinder- und Jugendpartizipation Kinder- und Jugendpartizipation setzt ein entsprechendes Verständnis und Haltungen bei den Erwachsenen voraus. Nicht allen ist klar, was mit dem Begriff gemeint ist, welchen Mehrwehrt Mitbestimmung und Mitgestaltung von Jugendlichen hat und was etwa der Nutzen eines Jugendbeirats oder selbstorganisierter Projekte ist. Die Veranstaltung einer Fortbildung und/oder die Entwicklung eines knappen Leitbildes für Kinder- und Jugendpartizipation in Workshops könnten hier wichtige Sensibilisierungs- und Austauschprozesse initiieren. Zentrale Punkte wären hier: Zielgruppenspezifische Voraussetzungen, Partizipation in den einzelnen Einrichtungen, Mitwirkung im Quartier und Beteiligung an Stadtentwicklungsprozessen. Wünschenswert wäre auch ein stärkerer bezirksübergreifender Austausch von Erfahrungen in verschiedenen QM-Gebieten und eine

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Verständigung zwischen Akteuren aus Politik, Verwaltung, QM-/Stadtteilentwicklung, Sozialarbeit und politischer Bildung über ihre Sicht- und Arbeitsweisen.

4.4 Förderung der Partizipation von Kindern Nur wenige Jugendliche sind es gewohnt, ihre Interessen und Meinungen zu artikulieren, an Entscheidungen mitzuwirken oder selbstständig etwas in einer Gruppe zu organisieren. Gemeinsam mit der Grundschule und dem Kinderklubhaus sollte überlegt werden, wie die Beteiligung von Kindern frühzeitig gefördert werden kann.

4.5 Partizipation von Mädchen Die Aktivierung von Mädchen und jungen Frauen hat sich als schwierig erwiesen. Zentrales Problem ist, dass es in der Weißen Siedlung bisher keine entsprechenden Gruppen gab und die Beteiligung einzelner Mädchen und jungen Frauen in männlich dominierten Kontexten wie dem Jugendbeirat schwierig ist. Sehr zu begrüßen sind daher die Fortschritte einer Mädchengruppe im Sunshine Inn. Ein Mädchen vorbehaltener Ort würde die Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen erleichtern.

4.6 Mikroprojekte Mikroprojekte haben sich als sehr gute Möglichkeit erwiesen, Jugendlichen wichtige Lernerfahrungen zu ermöglichen und sie für weiteres Engagement zu motivieren. Für das Format einer Jugendjury ist die Weiße Siedlung aber zu klein, um in einem kurzen Zeitrahmen mehrere Projekte von Jugendlichen zu realisieren. Hier können die Möglichkeiten des QF 1 noch stärker genutzt werden, indem die Jugendlichen darauf hingewiesen, zur Antragstellung ermutigt und dabei unterstützt werden.

4.7 Die Rolle der politischen Bildung In den letzten drei Jahren hat sich um die Projekte mit dem Jugendbeirat eine Kooperation zwischen QM, Jugendsozialarbeit und politischer Bildung entwickelt. Dies bedeutete Lernerfahrungen für alle Beteiligten. Partizipation ist Methode und Ziel in einem modernen Verständnis politischer Bildung. Die längerfristige Begleitung von partizipativen Prozessen ist im Feld der politischen Bildung aber ungewöhnlich. Sie bedingt eine enge Kooperation oder Integration in Strukturen der Jugendsozialarbeit. Der eigentliche Mehrwert der Kooperation mit Akteuren politischer Bildung liegt

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in der Kopplung solcher Prozesse mit klassischen Formate (Seminare und Workshops) und Themen (Institutionenkunde, politische Grundlagen, ...) der politischen Bildung. Gerade die Seminare stellen Distanz zum Alltag her, ermöglichen Begegnungen, klären Begriffe und vermitteln Grundlagenwissen wie die Gesellschaft funktioniert und wie Jugendliche an ihr teilhaben können.

4. Förderstrategie Die Entwicklung von Jugendpartizipation verlangt vor allem eins: Geduld und Kontinuität. Die bisherigen Förderungen für die Begleitung von Partizipationsprozessen hatten eine Höchstdauer von 9-10 Monaten. Die Form kurzfristiger Förderung verursacht für die Träger einen hohen Aufwand und einen Ergebnisdruck, dem die Realität der partizipativen Arbeit mit Jugendlichen nicht immer gerecht werden kann, da diese von viele Faktoren abhängt. Eine verstetigte oder längerfristige Förderung kann auch bei einem insgesamt niedrigeren Finanzvolumen effizienter und effektiver sein.

...

Projekt „Jugend aktiv für die Weiße Siedlung“ Projektleitung: Tita Kaisari Pädagogische Mitarbeit: Dilan Polat, Annika Frattini Konzeptionelle Begleitung: Christian Ernst Zeitpfeil e.V. Lindenstr. 34 14467 Potsdam Tel. 0331/2015532 buero@zeitpfeil.org

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Profile for Christian Ernst

Kinder- und Jugendpartizipation  

im Quartier Weiße Siedlung/Dammweg

Kinder- und Jugendpartizipation  

im Quartier Weiße Siedlung/Dammweg

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