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Informelle Kommunikationswerkzeuge und Fallbeispiele Erfahrungen aus der InterContexts- Lernpartnerschaft

2013

Gemeinschafts- und Stadtteilentwicklung:


Herausgeber: Zeitpfeil.e.V Autorinnen: Tita Kaisari-Ernst Jekaterina Lavrinec Katja Niggemeier Design: Rūta Baradinskaitė Übersetzung: Jakob Quirin

Dieses Projekt wird mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Mitteilung trägt allein der Verfasser; die Kommission haftet nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben. 2013 Copyright © Partner der InterContexts-Lernpartnerschaft Alle Rechte vorbehalten ISBN 978-609-95560-0-0


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Wer wir sind und was wir gemeinsam unternommen haben

Geteilte Prinzipien der InterContexts-Partner

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Warum sind Kommunikationswerkzeuge von Bedeutung?

Typen von Kommunikationswerkzeugen

Kommunikationswerkzeuge:

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Wie man funktionierende Kommunikationswerkzeuge konzipiert

Nutzer eines Kommunikationswerkzeugs in einer lokalen Gemeinschaft

InterContextsPartner und Projekte

Vorwort

Fallbeispiele


Vorwort Dieser kurze Ratgeber zu informellen Kommunikationswerkzeugen für lokale Gemeinschaften und Stadtteile ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit im Rahmen der InterContexts Lernpartnerschaft*, unter deren Dach Praktiker aus den Feldern Stadtteilmanagement sowie politische und kulturelle Bildung zusammenkamen. Fünf Einrichtungen aus Portugal, Lettland, Deutschland, Litauen und Frankreich teilten ihre Erfahrungen in der Entwicklung und Anwendung von Kommunikationswerkzeugen, die Bürgerbeteilligung, soziale Teilhabe und Zusammenhalt unterstützen und Wandel ermöglichen. Wir hoffen, dass dieser kurze Ratgeber Sozialarbeiter, Stadtteilmanager, Fachkräfte und Engagierte aus dem Bereich politische und (inter)kulturelle Bildung anregt, nach kreativen Lösungen in ihrer lokalen Gemeinschaft und in der Stadtteilentwicklung zu suchen.

* „InterContexts – Der Beitrag politischer und kultureller Bildung in benachteiligten lokalen Kontexten” ist eine von der EU im Rahmen des Bildungsprogramms für lebenslanges Lernen ‘Grundtvig’ im Zeitraum August 2011 – Juli 2013 finanzierte Lernpartnerschaft.


Wer wir sind und was wir gemeinsam unternommen haben

Schlagworte: Kooperation, Partizipation, Stadtteilarbeit, politische und kulturelle Bildung, sozialer Zusammenhalt, lokale Entwicklung, informelle Kommunikation

InterContexts Partnerschaft Entwicklungsarbeit in benachteiligten Gegenden und die Bekämpfung sozialer Ausgrenzung waren Themen, die uns verbanden. Wir wollten gemeinsam einen Schritt weitergehen und untersuchen, wie politische und kulturelle Bildung zu sozialem Zusammenhalt und lokaler Entwicklung in benachteiligten Lokalkontexten beitragen können. Die Lernpartnerschaft InterContexts* wurde eingerichtet mit dem Ziel, unsere verschiedenen Arbeitskontexte, Austauscherfahrungen und unser Know-How zu analysieren und zu vergleichen, um Ansätze zu finden für eine Stärkung von Teilhabe und Kooperation und mit dem Ziel Schlüsselkompetenzen der Teilhabe zu fördern. In der InterContexts - Partnerschaft haben wir lokale Projekte entwickelt, die sich durch einen raumbezogenen und parti-

zipativen Ansatz auszeichnen. Diese Projekte zielen ab auf eine Stärkung der Teilhabe und bewirken Wandel unter Einbeziehung der Bevölkerung. Das örtliche Projekt der französischen Partner fokussierte z.B. auf Teilhabe am Sammeln und Teilen lokaler Andenken im Stadtteil. Die litauischen Partner entwickelten Gemeinschaftskunst-Projekte mit dem Ziel der Revitalisierung eines mit Holzhäusern bebauten Stadtteils, der dem Druck einer schnellen Gebietssanierung ausgesetzt ist. Dieser kurze Ratgeber zu informellen Kommunikationswerkzeugen in lokalen Gemeinschaften ist das Ergebnis der InterContexts Partnerschaft, die – trotz der örtlichen Unterschiede – einen systematischen Austausch und die Entwicklung gemeinsamer Sichtweisen ermöglichte.

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Geteilte Prinzipien der InterContexts Partner Die InterContexts-Partner sind der Überzeugung, dass:

Lokale Entwicklung und sozialer Zusammenhalt nur durch die Beteiligung aller BewohnerInnen erreicht werden können. Politische und (inter)kulturelle Bildung zum sozialen Zusammenhalt und zur lokalen Entwicklung in benachteiligten lokalen Kontexten beitragen. Kommunikation bei der Entwicklung jeder Art von sozialen Projekten in benachteiligten Gegenden ein entscheidender Faktor ist und hier oft eines der Hauptdefizite lokaler Entwicklung und sozialen Zusammenhalts liegt. „Entwicklung“ Wege bedeutet, auf denen eine lokale Gemeinschaft, ein Stadtteil, eine Gegend ihr Potential besser nutzen kann, immer mit Blick auf den sozialen Zusammenhalt. Kooperation zwischen BewohnerInnen, Fachkräften, örtlichen Akteuren und der Verwaltung eine Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung ist.

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Warum informelle Kommunikationswerkzeuge von Bedeutung sind Eine entscheidende Voraussetzung für den Erfolg von Projekten ist die Kommunikation mit und zwischen den Menschen vor Ort sowie mit Politik und Verwaltung. Auf der einen Seite stellt Kommunikation die größte Herausforderung dar, wenn es um die Beteiligung von Menschen, ihre Motivation und die Verbreitung von Ergebnissen auf lokaler Ebene geht. Kooperation mit der Verwaltung ist, auf der anderen Seite, wichtig um nachhaltige Ergebnisse sicherzustellen.

Lokale Gemeinschaft

Im Folgenden fokussieren wir auf die Kommunikation auf lokaler Ebene und auf die Beantwortung der Fragen: Welche Schritte sind notwendig und was sind Voraussetzungen für die Erstellung von Kommunikationswerkzeugen in der Gemeinschafts- und Stadteilentwicklungsarbeit? Die Kommunikation mit Politik und Verwaltung ist eine wichtige Frage, die auf nationaler und europäischer Ebene als eigenes Thema bearbeitet werden muss.

Bürger

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Verwaltung


Informations- und Ideenaustausch, Dialog, lokale Teilhabe, sozialer Wandel

Das Wort Kommunikation leitet sich vom Verb communicare - ‘teilen’ ab. Im Kontext dieses Projekts ist Kommunikation die Art und Weise, in der wir teilen und uns untereinander austauschen unter Verwendung verschiedener Medien. Aus unserer Perspektive ist das Ziel von Kommunikationswerkzeugen in der Gemeinschafts- und Stadtteilentwicklungsarbeit:

Unabhängig von ihrem endgültigen Schicksal, gelingt es solchen Kommunikationswerkzeugen Diskussionen auszulösen und den Dialog in der Bevölkerung zu stärken. Solche Werkzeuge könnten genutzt werden von Sozialarbeitern, Stadtteilmanagern, Organisatoren der lokalen Gemeinschaft, Stadtplanern, Berufstätigen im Bereich politische Bildung/kulturelle und interkulturelle Bildung und von Aktivisten.

- die Förderung des Informations- und Ideenaustauschs;

Ohne die Bedeutung klassischer Kommunikationswerkzeuge, Methoden und Strategien (zum Beispiel Internetseiten, Leaflets und Poster, Pressemitteilungen) unterschätzen zu wollen, sind in der Gemeinschafts- und Stadtteilentwicklungsarbeit kontextbezogene Ansätze notwendig.

- die Stärkung des Dialogs auf lokaler Ebene; die Stärkung lokaler Teilhabe; - die Motivation von Veränderungsprozessen; Wir richten unseren Blick auf in Stadtteilen und lokalen Gemeinschaften verwendete Kommunikationswerkzeuge, die nicht nur informieren, sondern vielmehr die Kommunikation zwischen den BewohnerInnen vorantreiben. Für uns ist es interessant herauszufinden, wie Kommunikationswerkzeuge erstellt werden können, die angeeignet oder verändert werden können von den Menschen vor Ort.

Wir konzentrieren uns auf Kommunikationswerkzeuge, die Auswirkungen auf Ebene der lokalen Gemeinschaft des Stadtteils haben. Eines der Ziele dieser Kommunikationswerkzeuge ist die Stimulation und Intensivierung informeller Kommunikation.

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Typen von Kommunikationswerkzeugen Wir sehen im Kontext der Gemeinschaftsund Stadtteilarbeit die folgenden Arten von Kommunikationswerkzeugen:

Informationswerkzeuge: Kommunikationswerkzeuge, deren Hauptzweck die Information der Menschen vor Ort ist.

Interaktionswerkzeuge: Kommunikationswerkzeuge zum Zwecke der Verst채rkung der Kommunikation zwischen den Menschen vor Ort. Ein Treffen ist ein klassisches Format der Zusammenkunft und Diskussion 체ber ein Thema von gemeinsamem Interesse.Ereignisse sind Momente der Zusammenkunft und Teilens

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Aktivitäten, bei denen die Gemeinschaft als Ganzes einbezogen wird (siehe Fallbeispiel Nr. 4 - Portugal).

Symbolische Werkzeuge: Kommunikationswerkzeuge, die das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gegend, einer lokalen Gemeinschaft stärken oder den positiven Charakter einer Gegend betonen. Ausstellungen oder andere Kommunikationsformen, deren Schwerpunkt auf der Identifikation mit einem Raum, einer Gruppe liegt

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Kommunikationswerkzeuge: F채lle

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Burbuliatorius Zeitraum: 2009 – bis heute Ort: Öffentl. Räume in litauischen Städten Ziel: Öffentl. Räume zu revitalisieren durch Ermutigung von Bürgern zur Teilnahme an nicht-kommer ziellen Veranstaltungen Zielgruppe: Bewohner von Städten mit un genutzten, inaktiven öffentl. Räumen Format: Regelmäßige Bürgerversammlungen Werkzeugs: Interaktive Kommunikation

Funktionsweise: Burbuliatorius ist ein regelmäßiges Treffen von Bürgern in öffentlichen Räumen. Der Kern des Projekts besteht aus: Seifenblasen. Die Bürger sind eingeladen, deaktivierte öffentliche Räume zu entdecken, die einen guten Erholungswert haben und einen Ort auszuwählen (einen Platz, einen Park, ein Feld), an dem sie sich an jedem zweiten Montag während des Sommers gerne treffen möchten. Die Teilnehmer bringen Seifenblasen mit, um den ausgewählten Ort damit zu bespielen („to bubble a place“). Die Bürger sind eingeladen alle Arten nichtkommerz-ieller Aktivitäten zu entwickeln, Picknicks und Kunst-Improvisationen zu arrangieren, Spiele zu spielen und offene Workshops einzurichten. Im Ergebnis werden öffentliche Räume in mehr als 9 litauischen Städten re-gelmäßig durch die Bewohner revitalisiert.

Initiiert von: Laimikis.lt, laimikis@laimikis.lt

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Die Straßenkommode Zeitraum: Ort: Ziel: Zielgruppe: Format: Werkzeug:

2012-bis heute Stadtteile von Vilnius Ermutigung zum Teilen und zum Aufbau von Netzwerken gegenseitiger Hilfe Stadtteilbewohner und Passanten jeden Alters Künstlerische Intervention Interaktive Kommunikation

Funktionsweise: Die Straßenkommode ist ein urbanes Möbelstück, das gestaltet wurde, um kleine Gegenstände und Bücher zu teilen. Sie kann an ganz unterschiedlichen Orten aufgestellt werden, entlang der Alltagswege von BürgerInnen. Sie kann von allen genutzt werden, die sich Gegenständen entledigen möchten, die noch brauchbar sind genauso wie von allen, die nach Gegenständen suchen oder einfach das Spiel anonymen Teilens genießen. Die Nutzer entwickeln ihre eigenen Regeln betreffend die Benutzung der Kommode, indem sie Bücher und Stifte, Süßigkeiten, Abzeichen und Musikalben hineinlegen und Postkarten mit Nachrichten füreinander hinterlassen. Im Ergebnis entsteht innerhalb von wenigen Tagen eine temporäre Gemeinschaft von Nutzern der Straßenkommode.

Eine Pilot-Straßenkommode wurde gemein sam mit einer internationalen Gruppe Studierender entwickelt, die an einem von Laimikis veranstalteten Workshop teilgenommen haben. Der Workshop fand statt im Rahmen der LitPro Sommerschule. Initiiert von: Laimikis.lt, laimikis@laimikis.lt

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Berlins längster handgefertigter Schal Zeitraum: März 2013 - bis heute Ort:  Weiße Siedlung - Neukölln/Berlin Ziel:  Ermutigung zum Teilen und zur Kommunikation untereinander Zielgruppe: BewohnerInnen der Weißen Siedlung, Neukölln und am Stricken Interessierte in ganz Berlin Format: Sozialprojekt “An die Wolle, fertig los!” Werkzeugs: Interaktive Kommunikation

sichtbar ist, hat das Projekt bereits die Aufmerksamkeit der Menschen vor Ort, der Medien und der örtlichen Behörden auf sich gezogen, inklusive des Bürgermeisters von Berlin-Neukölln. Man kann sich auf verschiedene Art und Weise beteiligen: Die Teilnehmer stricken, sie bieten Wolle an oder motivieren ihre Freunde und Verwandten zur Teilnahme. Im Ergebnis hat das Projekt bereits Menschen von außerhalb des Gebiets angezogen.

Funktionsweise:

Menschen sind zusammengekommen und informelle Netzwerke wurden gestärkt.

Berlins längster handgefertigter Schal ist ein Instrument zur Mobilisierung von Bewohnern, insbesondere Frauen, um Teilen und Kommunikation zu stärken und um das Bild einer benachteiligten Gegend zu verbessern. Jeder der gerne strickt, kann mit einem in einer bestimmten Länge gefertigten Schal einen Beitrag leisten oder kann in den örtlichen Stadtteiltreff (Nachbarschaftstreff Sonnenblick) kommen, um dort gemeinsam mit anderen zu stricken. Das Ziel ist gemeinsam mit anderen einen Schal von mehr als 500 Metern Länge zu stricken. Nach einer offiziellen Messung wird der Schal in Stücken verkauft werden und der Erlös wird an die NRO, “Ein Herz für Kinder” gespendet. Weil es einfach und zugleich

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Initiiert von: Kubus GmbH, sonnenblick@kubus-berlin.com


Das Museum von Alpalhao Zeitraum: 1996 - bis heute Ort: Nord-Alentejo Nisa/Portalegre, Portugal Ziel: Ermutigung zum Austausch, insbesondere zwischen den Generationen Zielgruppe: Dorfbewohner, Studenten, Beruf stätige im Bereich Bildung, die ört liche Verwaltung, Sozialarbeiter Format: Aktivitäten in der lokalen Gemeinschaft Werkzeug: Interaktive Kommunikation/ symbolische Repräsentation Funktionsweise: Das Museum von Alpalhao ist das Ergebnis von Spenden der Bevölkerung. Das Projekt wurde von einem multidisziplinären Team während seiner Entstehung begleitet. Das Haus und alle Ausstellungsgegenstände wurden gespendet. Die Restaurierung des Gebäudes wurde durchgeführt von Spezialisten der örtlichen Verwaltung in Nisa und das Museum wurde gestaltet unter Teilnahme und mit der Hilfe von Dorfbewohnern. Die Ausstellungsstücke des Museums sind in verschiedenen Räumen organisiert, die zusammen ein Haus repräsentieren: Küche, Schlafzimmer eines reiches Haushalts, Schlafzimmer eines armen Haushalts, das Wohnzimmer eines reichen Haushalts, etc.). Das Museum sieht wie ein ethnologisches Museum aus, mit dem Unterschied,

dass die Ausstellungsstücke nicht ausgewählt/kuratiert wurden. Alle Spenden der Bewohner haben einen Platz in einem bestimmten Raum des Museums. Außerdem sind die zu den Ausstellungsstücken gehörigen Texte verfasst worden von Kindern, basierend auf Erzählungen der älteren Generation, unter Anleitung von Lehrern und einem Museumskurator. Deshalb repräsentiert das Museum nicht nur Lebensweisen, sondern ist auch auf Partizipation angelegt. Alle sind an seiner Verwirklichung beteiligt. Eine ältere Frau kümmert sich heute auf freiwilliger Basis um das Museum. Die Museumsführer sind Kinder der örtlichen Grundschule. Als Kommunikationswerkzeug stärkt das Museum insbesondere die intergenerationelle Kommunikation und die Identität des Dorfes. Initiiert von: ICE Institut für Bildungsgemeinschaften, ESEP Schule Portalegre, den Gemeinden Nisa und Alpalhao; und lokalen Grundschulen

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Verbatim Urbane ethnographische Studie und öffentliche Ausstellung der Projektergebnisse in Form von Postern, Postkarten, Stöcken, Schablonendrucken, etc. Zeitraum: Ort:  Ziel:  Zielgruppe:  Format: Werkzeug:

2013 17. Bezirk von Paris (Porte Pouchet) Clichy la Garenne, Saint Ouen, Frankreich Äußerungen von Einwohnern betreffend verschiedener städ- tische Themen (z.B. Paris und Vororte, urbane Erinnerungen auf beiden Seiten des Verkehrsrings -, Veränderungen urbaner Gebiete, etc.) zu unterstützen und soziale Verbindungen zu stärken, Aneignung von urbanen Räumen und Ermutigung zur Teilnahme an urbanen Projekten. Bewohner der drei Städte und Passanten. Poster, Postkarten, Stöcke, Schablonendrucke mit gedruck- ten Äußerungen der Bewohner. Drucke.

Funktionsweise: Sechs Personen, die einen Frewilligendienst absolvierten, wurden von Sozialanthropologen dazu ausgebildet, Interviews zu speziellen Fragen zu führen, welche die drei Städte Paris 17, Clichy, Saint Ouen betreffen, die durch den Verkehrsring voneinander getrennt sind und ähnliche Wandlungen ihres Gebiet erleben (Abriss von Gebäuden,

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neue Gebäude, neue Verkehrsmittel, etc.). Die Interviewer sammelten die Äußerungen der Einwohner und wählten diejenigen aus, die besonders geeignet waren, um mit anderen Einwohnern geteilt zu werden und Gefühle, Erinnerungen und Erwartungen betreffend spezielle städtische Fragen zum Ausdruck brachten. Poster, Postkarten und Schablonendrucke wurden mit den Freiwilligen gemeinsam so gestaltet, dass die unterschiedlichen Meinungen der Bewohner prägnant ausgedrückt wurden. Mehrere Ausstellungen, Postkartenverteilaktionen und andere “Kampagnen” wurden innerhalb eines Jahres organisiert, um den Austausch zu stärken, auch mittels einer Internetseite, öffentlichen Treffen, usw. Initiiert von: Metropop!, ch.deltenre@gmail.com


Wie man funktionierende Kommunikationswerkzeuge konzipiert Schritte und Schlüsselfragen zur Entwicklung von Kommunikationswerkzeugen:

1. Sehen, beobachten und auffinden bereits bestehender Kommunikationspraktiken. Wann und wo kommen Menschen zusammen und sprechen ungezwungen miteinander? - Verwende alle Sinne, um den örtlichen Kommunikationsmodus zu verstehen. - Schau’ Dir die Örtlichkeiten an. Beobachte, wie die Menschen sich bewegen, wo sie sich treffen. - Hör’ den Menschen zu, ihren Geschichten, wie und worüber sie sprechen. - Finde heraus, welche Fragen und Themen wichtig in der Gegend sind. - Definiere die lokalen Kanäle der Kommunikation. - Identifiziere die lokalen Akteure und die Beziehungen zwischen ihnen. - Mach’ Dich mit der Geschichte der lokalen Gemeinschaft vertraut. - Verstehe und finde die lokal brisanten Themen, die Spannungen und Konflikte.

2. Kontaktaufnahme mit den Anwohnern - Miss’ der Art und Weise, in der Du mit den Anwohnern Kontakt aufnimmst Bedeutung zu. - Der Erfolg der Kommunikation hängt zu einem großen Teil davon ab. - Denk’ Dir Anlässe aus, um in Kontakt zu treten. - Sei Dir der Konflikte und Spannungen bewusst sowie der Geschichte der lokalen Gemeinschaft. - Verwende bestehende Netzwerke und Kommunikationskanäle. Bei der Entwicklung informeller Kommunikationswerkzeuge sind Kenntnisse der Gegend, der lokalen Debatten und Konflikte sowie Respekt für die vor Ort existierenden Differenzen besonders wichtig. Eine besondere Herausforderung besteht darin, die Verstetigung oder Entstehung von Stereotypen zu vermeiden. Vor diesem Hintergrund ist es von hoher Bedeutung, ob und wieviel Offenheit bei den Adressaten für Anregungen von außenstehenden Akteuren besteht.

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3. Interagiere mit den Menschen und finde lokale Partner Diskutiere mit den Anwohnern und den lokalen Akteuren (stakeholdern) über ihre Kommunikationspraxis im Alltagsleben. Vertrauensaufbau braucht Zeit, ist aber eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg jedes Kommunikationswerkzeuges, das in einer lokalen Gemeinschaft des Stadtteils zum Einsatz kommen soll. Sei Dir bewusst, dass es unterschiedliche Arten von Vertrauen gibt. Wenn Du Mit-Akteur in der lokalen Gemeinschaft bist, dauert es kürzer Vertrauen aufzubauen, als

wenn Du von außen kommst. Denk’ darüber nach, ob es möglich ist, ein bestimmtes Kommunikationswerkzeug in diesem Kontext einzusetzen. Manchmal kann die Situation in der lokalen Gemeinschaft / im Stadtteil so kompliziert sein, dass zunächst kein Kommunikationswerkzeug etwas bewirken kann. Entwickle ein Netzwerk interessierter Menschen und Akteure, die Kommunikationswerkzeuge mitentwickeln möchten oder ihre Verwendung unterstützen möchten.

4. Schlag’ der Gegend und den Menschen dort ein neues Kommunikationswerkzeug vor Identifiziere die Voraussetzungen für das Werkzeug anhand der Ergebnisse von Schritt 1; Synergien bauen auf dem Schritt 2 auf. Gib’ der Entwicklung der Kommunikation Zeit. Verwende die lokalen Kommunikationskanäle und -netzwerke.

Es ist wichtig, die Adressaten einzubeziehen und so die Aneignung des Kommunikationswerkzeugs zu ermöglichen. Beachte, dass Werkzeuge manchmal Gebrauchsanweisung benötigen.

5. Evaluiere die Effektivität und die Wirkungen des Werkzeugs. Wie findet die Aneignung des Werkzeuges statt, wie wird es benutzt? Welche Wirkungen hat es? Hat das Kommunikationswerkzeug etwas bewirkt? Hat es Nebeneffekte produziert? Wer unterstützt das Kommunikationswerkzeug? Ist die Nutzung des Werkzeugs nachhaltig? Hat es eine Kettenreaktion in der lokalen Gemeinschaft verursacht?

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Nutzer eines Kommunikationswerkzeugs in einem Stadtteil oder einer lokalen Gemeinschaft Es ist empfehlenswert die lokale Gemeinschaft bei der Entwicklung eines Kommunikationswerkzeugs bereits in einem sehr frühen Stadium einzubinden. Die aktivsten Mit-Nutzer eines Kommunikationswerkzeugs sind regelmäßig diejenigen, die in ihrem Alltagsleben Zeit haben und mit Gleichaltrigen Zeit verbringen. Unserer Erfahrung nach ist es einfacher, junge Menschen anzusprechen, Eltern mit kleinen Kindern und ältere Menschen. Es ist vergleichsweise schwierig Menschen einzubinden, die arbeiten, hauptsächlich, da es ihnen an Zeit mangelt. Andererseits sind sie natürlich die wichtigste Gruppe bei der Bewirkung von Veränderungen.

Jugendliche

Ältere

Initiative

Fall: Im Zuge der Gemeinschaftskunst-Initiative “Straßenmosaik-Workshop” im Stadtteil Šnipiškės (Vilnius, Litauen) erhielten die litauischen Partner Unterstützung von älteren Menschen, die keramische Ziegeln für das Gemeinschafts-Mosaik spendeten und von kleinen Kindern, die Mitschöpfer der Straßenmosaik-Kunstwerke wurden. Lokale Gemeinschaften

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Familien


Die idealen Wirkungen eines Kommunikationswerkzeuges Die idealen Wirkungen könnten sein, dass das Kommunikationswerkzeug, seine Botschaft von den BewohnerInnen übernommen oder einige seiner Elemente oder Nebeneffekte verstetigt oder angepasst werden, so dass im Ergebnis Kommunikation im lokalen Kontext entsteht oder verstärkt wird. Im Idealfall könnte das Werkzeug neue

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Kommunikationspraktiken inspirieren oder die Schaffung eines Netzwerks oder einer Initiative bewirken. Die Wirkungen eines Werkzeugs sind nicht notwendigerweise messbar. Wichtig ist die qualitative Verbesserung der Kommunikation, im Sinne eines Austauschs und Teilens in der lokalen Gemeinschaft / im Stadtteil.


Die InterContexts – Partner & Projekte Frankreich: Metropop’! Ist eine 2010 gegründete Vereinigung von Sozialarbeitern, Forschern, Künstlern und Freiwilligen, die an Fragen der Repräsentation von Vorstädten und deren Verhältnis zum Zentrum interessiert sind. Metropop’ kooperiert mit „Ethnologue en Herbes“ für das Pariser Projekt: „Mein Stadtteil, unser Gedächtnis“. www.metropop.fr Deutschland: Zeitpfeil e.V. ist ein Verein für nonformale und informelle politische und (inter)kulturelle Bildung, der Seminare, Trainings, Studienreisen und europäische Austauschprojekte sowohl auf regionaler als auch nationaler Ebene durchführt. Zeitpfeil hat eine Studie durchgeführt zum Thema: „Die Partizipation junger Menschen im Kontext des Quartiersmanagements in Berlin“. www.zeitpfeil.org Lettland: Integracijas Centrs wurde 2010 von Sozialarbeitern, Psychologen und Pädagogen gegründet mit dem Ziel, pädagogische und methodenbasierte Gemeischaftsarbeit zu identifizieren und eine inklusive Gesellschaft auf nationaler und lokaler Ebene zu fördern. Dabei wird sowohl top-down als auch bottom-up gearbeitet, so dass alle gesellschaftlichen Ebenen erreicht werden können. In Kooperation mit dem „Urban Institute“ wurde das Projekt „Arbeit in lokalen Gemeinschaften und Partizipationsmethodologie - drei Fälle aus der angewandten Forschung zur öffentlichen Partizipation an

der Arbeit in lokalen Gemeinschaften“ in Riga, Tartu und Vilnius Litauen: Laimikis.lt ist eine in Vilnius basierte interdisziplinäre Plattform für Stadtforschung, gemeinschaftlicheund öffentliche Kunstinitiativen und urbanen Aktivismus. Gegründet 2007, 2010 als NRO registriert, konzentriert sich dieGruppe auf eine kreative Revitalisierung von öffentlichen Räumen und entwickelt alternative Kommunikationswerkzeuge für den Aufbau von Gemeinschaften unter Anwendung künstlerischer Techniken (KunstInterventionen, Performances, Happenings). “Bürger-Teilhabe an der Entwicklung öffentlicher Räume: Der Stadtteil Šnipiškės“ ist das örtliche Projekt von Laimikis. Seite: www.laimikis.lt” http://laimikis.lt Portugal: ICE ist eine 1992 gegründete Nichtregierungsorganisation, die sich der Förderung lokaler Entwicklung, der Animation lokaler Gemeinschaften durch Bildung widmet, um soziale, kulturelle, ethnische und ökonomische Exklusion und die Desertifizierung ländlicher Räume zu bekämpfen. Das lokale Projekt findet statt in Castelo de Vide: „Fenster – Sichtweisen und Geschichten von Castelo de Vide (Portugal) – ein bildender Ansatz im Bereich Erbe und Erinnerung“. www.iceweb.org Für mehr Informationen besuchen Sie bitte die Homepage der Lernpartnerschaft InterContexts: www.intercontexts.wordpress.com

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Das InterContexts Partner Manifest: Lokale Entwicklung und sozialer Zusammenhalt können durch die Beteiligung aller BewohnerInnen erreicht werden. Politische und (inter)kulturelle Bildung tragen zum sozialen Zusammenhalt und zur lokalen Entwicklung in benachteiligten lokalen Kontexten bei. Kommunikation ist ein entscheidender Faktor bei der Gestaltung eines jeden Projekts in benachteiligten Gegenden; oft liegt hier das Hauptdefizit lokaler Entwicklung. „Entwicklung“ bedeutet Wege, auf denen eine lokale Gemeinschaft, ein Stadtteil oder eine Gegend ihr Potential besser nutzen kann, und dabei sozial Zusammenhalt bewahrt. Kooperation zwischen BewohnerInnen, Fachkräften, örtlichen Akteuren und der Verwaltung ist eine Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung.

ISBN 978 - 609 - 95560 - 0 - 0

Gemeinschafts- und Stadtteilentwicklung: Informelle Kommunikationswerkzeuge und Fallbeispiele  

Erfahrungen aus der InterContexts-Lernpartnerschaft

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