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Thurgau

Nr. 1 / 2014

Nachbarn

Trotz Arbeit kaum Perspektiven Eine Mutter erz채hlt, warum sie trotz Arbeit in Armut lebt. Sie ist eine von rund 130 000 Working Poor in der Schweiz.


Inhalt

Inhalt Editorial

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von Judith Meier Inhelder

Geschäftsleiterin Caritas Thurgau Kurz & bündig

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News aus dem Caritas-Netz 1961

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Feierabend in der neuen Fabrik

Wie eine Faser das Arbeitsleben verändert. Persönlich

Mutter Livia arbeitet 70 Prozent. «Auch wenn Luca nun schon zwölf ist, möchte ich ihn am Abend nicht alleine daheim lassen.»

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Sechs Antworten

Schwerpunkt

Trotz Arbeit kaum Perspektiven Erwerbstätig und arm – für rund 130 000 Working Poor harte Realität. Das Budget reicht nur fürs Nötigste, bei unvorhergesehenen Kosten ist guter Rat teuer. Eine alleinerziehende Mutter und ihr Sohn geben Einblick in ihren Alltag, der von Geldknappheit, aber auch von grossen kleinen Freuden geprägt ist. Wie hilft Caritas? Direkt mit Beratung und Projekten, aber auch mit Forderungen an die Politik.

«Auf was könnten Sie verzichten, wenn Sie deutlich weniger verdienen würden?»

Caritas Thurgau

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Chlaustreff des regionalen Patenschaftsprojektes «mit mir»

Ein besonderes Erlebnis für Gross und Klein

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Verstärkung im Team der Schuldenberatung

Simone Rutishauser ist seit Dezember 2013 bei der Caritas Thurgau.

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50+ und Working Poor?

Arbeitsplätze der 50+ unter Druck

Sich für finanziell Benachteiligte einsetzen

In den Caritas-Märkten Wil und St. Gallen helfen je gegen 40 Freiwillige mit.

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Kiosk

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Ihre Frage an uns Gedankenstrich

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Kolumne von Paul Steinmann

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Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser Ich freue mich, Sie auf dieser Seite das erste Mal persönlich begrüssen zu dürfen. Bis anhin wurde das Editorial von der Präsidentin, Sabine Tiefenbacher, geschrieben. Bei dieser Gelegenheit bedanke ich mich ganz herzlich für den grossen Einsatz, den sie für die Caritas Thurgau leistet. Im Fokus der aktuellen Ausgabe stehen Menschen, die als «Working Poor» bezeichnet werden. Trotz Arbeitseinsatz reicht das Einkommen nicht, um ihre Existenz zu sichern. Betroffen von dieser Situation sind am häufigsten alleinerziehende Eltern – davon sind die meisten Mütter. Weitere Working Poor sind Arbeitende in einem Tieflohnsegment, die mit dem Einkommen mehr als eine Person versorgen müssen, oder Menschen, die eine zu geringe Erwerbsarbeit haben. Wie sieht die Realität von Working Poor aus? Mitte des Monats macht man sich bereits Sorgen darüber, ob das Geld genügen wird, um alle offenen Rechnun«Kein Ausgang, kein gen zu bezahlen. Wie oft soll man Kino und auch kein Spaghetti kochen, damit das Geld und nach wie vielen MonaMusikunterricht sind reicht, ten kann die Tochter die dringende möglich.» Zahnarztbehandlung machen lassen? Kein Ausgang, kein Kino und auch kein Musikunterricht sind möglich. Die Situation scheint ausweglos, denn der Beruf, den man erlernt hat, kennt kein höheres Lohnsegment. Die Konsequenzen sind breit gefächert. Es kann den totalen oder den teilweisen Ausschluss aus der Gesellschaft bedeuten. Dies besonders im Bereich von Bildung und Kultur. Hinzu kommt die psychische Belastung, wenn man es als Elternteil nicht schafft, der Familie die Existenz zu sichern. Die Caritas Thurgau kann in solchen Situationen finanzielle oder beratende Unterstützung bieten. Einige Angebote finden Sie auf den folgenden regionalen Seiten.

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Judith Meier Inhelder Geschäftsleiterin Caritas Thurgau

«Nachbarn», das Magazin der regionalen Caritas-Organisationen, erscheint zweimal jährlich. Gesamtauflage: 36 740 Ex. Auflage TG: 1 140 Ex. Redaktion: Judith Meier Inhelder (Caritas Thurgau) Ariel Leuenberger (national) Gestaltung und Produktion: Urs Odermatt, Milena Würth Druck: Stämpfli Publikationen AG, Bern Caritas Thurgau Freiestrasse 10 8570 Weinfelden Tel.: 071 626 80 00 www.caritas-thurgau.ch PC 85-1120-0

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Kurz & bündig

Neue Patientenverfügung

Im Alter gut vorsorgen Caritas bietet seit vielen Jahren eine Patientenverfügung an. Nun hat sie diese neu aufgelegt und mit dem Vorsorgeauftrag ergänzt. Mit der Einführung des neuen Erwachsenenschutzgesetzes Anfang 2013 ist die Patientenverfügung rechtsverbindlich geworden. Für Caritas war dies Anlass, ihr Angebot zu überarbeiten. Gleichzeitig bietet Caritas neu einen Vorsorgeauftrag an. Denn viele Menschen wollen selber bestimmen, was mit ihnen geschieht, wenn sie nicht mehr in der Lage sind, zu entscheiden. Aus Rücksicht auf die ihnen Nahestehenden werden sie aktiv und füllen Vorsorgedokumente aus.

Die vierteilige Vorsorgemappe kostet

28 Franken

Patientenverfügung und Vorsorgeauftrag sind gute Instrumente, mit denen man sich für alle Fälle wappnen kann. Sie sind bei Caritas einzeln erhältlich, können aber auch in einer Vorsorgemappe zusammen mit einer Broschüre zur «Regelung der letzten Dinge» sowie einem Testaments-Schreibheft bezogen werden. www.caritas.ch/vorsorge

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Neues Angebot zur Schuldenprävention

Budget auf dem Handy Damit Jugendliche und junge Erwachsene ihr Budget besser im Griff haben, hat Caritas die Smartphone-App «Caritas My Money» entwickelt. Unsere Gesellschaft ist heute stärker auf Konsum ausgerichtet. Die Anforderungen an einen kompetenten Umgang mit Geld, Konsum und Schulden sind höher als früher. Dies gilt insbesondere für Jugendliche und junge Erwachsene, weil sie häufig noch wenig Erfahrungen im Umgang mit Geld haben. Mit unserer neuen App «Caritas My Money» für Smartphones haben Jugendliche und junge Erwachsene jederzeit den Überblick über ihre Finanzen und wissen, was noch möglich ist und was nicht. Eltern, Lehrpersonen, Berufsbildende, Jugend- und Sozialarbeitende sollen die jungen Leute über die App informieren. Die App wurde gemeinsam mit Personen aus den Bereichen Bildung und Schuldenprävention sowie Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Unterstützung der Julius Bär Foundation, des Vereins Plan B und der Fabware GmbH entwickelt. Seit März 2014 steht die App kostenlos zum Download bereit, für iOS und Android. www.caritas.ch/app

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Kurz & bündig

Armutsbetroffene erzählen

Wohnen ohne Geld

NEWS Mobiler Caritas-Markt in Basel

Leute, die mit wenig Geld eine Wohnung suchen, erzählten ihre eindrücklichen Geschichten in einer Schreibwerkstatt von Caritas Zürich. Alle Menschen haben ihre ganz eigenen Erfahrungen mit dem Wohnen, doch darüber schreiben tun nur wenige. Meistens sind es jene, die finanziell abgesichert sind. Die Caritas Zürich hat Anfang Jahr Armutsbetroffene eingeladen, über das Thema «Wohnen ohne Geld» zu schreiben. «Ich habe mir angewöhnt, die Enttäuschung vorwegzunehmen. Es ist dann leichter zu ertragen, wenn es wieder nichts wird mit einem Dach über dem Kopf», berichtet Anita. Und ein Zugezügelter erzählt: «In den ersten sechs Monaten hier im Kanton bin ich fünfmal umgezogen. Auch mein nächstes Zimmer ist nur für acht Wochen zur Untermiete.» Eine Zürcherin muss sich verstecken: «Für das Mietzinsdepot habe ich mich verschuldet. Mein Vermieter weiss nicht, dass ich ergänzend vom Sozialamt unterstützt werde. Meine Nachbarn auch nicht. Ich führe ein Doppelleben.» Die Geschichten, eingebettet in Hintergrundtexte zum Wohnen und zum Schreiben in schwierigen Situationen, können Sie jetzt bei uns bestellen. www.caritas-zuerich.ch/schreibwerkstatt

Mit zwei mobilen Caritas-Märkten bedient die Caritas beider Basel neu auch Armutsbetroffene auf dem Land. Die beiden rollenden Läden stehen jeweils für einen Tag in den Gemeinden rund um Basel. Das Pilotprojekt kam nur dank der Unterstützung von zahlreichen Partnern zustande und startet im Frühling in Allschwil.

20 Jahre Caritas-Markt St. Gallen Der Caritas-Markt St. Gallen feiert dieses Jahr das 20-jährige Bestehen. Am Samstag, 10. Mai, wird deshalb ein Tag der offenen Tür mit einigen Attraktionen durchgeführt. Der Laden wird seit fünf Jahren von Karina Barp mit gegen 30 Freiwilligen geführt. Täglich kaufen durchschnittlich 160 Menschen mit wenig Einkommen ein. Etwa die Hälfte der Kunden sind Schweizer.

KulturLegi im Aargau gratis Auch im Aargau ist die KulturLegi gratis – seit dem 1. April 2014. Bis anhin war die Karte nur im ersten Jahr kostenlos. Damit mehr Menschen mit wenig Einkommen von stark vergünstigten Kultur-, Bildungsund Sportangeboten profitieren können, verzichtet Caritas Aargau auf die Erhebung einer Nutzungsgebühr. Schweizweit gibt es weit über 1 500 Angebotspartner, die Vergünstigungen gewähren.

Neu in Burgdorf und Zollikofen Auch in der Stadt Burgdorf und in der Gemeinde Zollikofen können Menschen mit wenig Geld nun die KulturLegi beantragen. Damit führen im Kanton Bern 18 Gemeinden die KulturLegi. Bis 2015 sollen mindestens zehn weitere Gemeinden dazukommen – damit möglichst viele Einwohnerinnen und Einwohner am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.

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Rubrik

Haben das Tr채umen nicht verlernt, auch wenn sie schon lange in ihrer eigenen Welt leben: Mutter Livia mit Sohn Luca.

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Schwerpunkt

«Was wir wirklich brauchen und was nicht» Erwerbstätig und arm – für viele Alleinerziehende harte Realität. Das Budget reicht nur fürs Nötigste, bei unvorhergesehenen Kosten ist guter Rat teuer. Livia Roth* und ihr Sohn Luca* geben Einblick in ihren Alltag, der von Geldknappheit, aber auch von grossen kleinen Freuden geprägt ist. Text: Ursula Binggeli Bilder: Conradin Frei

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n Monaten, in denen sich die Geldprobleme zuspitzen, ist Livia Roth* jeweils froh, dass ihr Sohn am Schüler-Mittagstisch täglich eine warme Mahlzeit bekommt. Denn so reicht am Abend hin und wieder auch ein Teller Cornflakes. In solchen Phasen sagt sie sich jeweils: «Nichts währt ewig» – auch die harten Zeiten nicht. Selbst der schlimmste Monat hat höchstens 31 Tage, und wenn Ende Monat der Lohn eintrifft, ist der aktuelle Engpass vorbei.

Die Kunst, mit wenig Geld auszukommen Rechnen muss Livia Roth aber rund ums Jahr: Ihr monatliches Einkommen beträgt knapp 3 500 Franken. Seit zehn Jahren lebt sie mit ihrem Sohn Luca* alleine. Die 32-Jährige hat neben der Kinderbetreuung immer gearbeitet, zuerst 30 Prozent, dann mehr. Die ersten Jahre stockte die Sozialhilfe das Einkommen aufs Existenzminimum auf.

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Vor längerer Zeit hat Livia Roth, die heute 70 Prozent arbeitet, sich von der staatlichen Unterstützung ablösen können. Sie beherrscht die Kunst, mit wenig Geld auszukommen, mittlerweile so gut, dass sie ihre wirtschaftliche Situation im Alltag manchmal einfach ausblenden kann. Im Normalfall, wenn nichts Aussergewöhnliches eintrete, funktioniere ihr Budget, sagt sie. Livia Roth hat ein gutes Auge für Aktionen und Schnäppchen – sei es im Lebensmittelgeschäft oder im Kleiderladen. Und wenn sie unbedingt etwas haben möchte, das nicht wirklich notwendig ist, wartet sie mit Kaufen jeweils noch ein bisschen zu. «Denn ich habe gemerkt, dass manche Wünsche schon zwei Wochen später nicht mehr relevant sind.»

Hohes Armutsrisiko für alleinerziehende Mütter Livia Roths Einkommen bewegt sich an der vom Bundesamt für Statistik definierten Armutsgren-

ze. Damit ist sie bei weitem nicht alleine. Mehr als ein Drittel der Armutsbetroffenen in der Schweiz sind Familien, wobei Alleinerziehende überdurchschnittlich vertreten sind. Mehr als vier Fünftel von Letzteren sind Frauen. Insgesamt müssen rund 130 000 Personen in der Schweiz trotz Erwerbsarbeit mit so wenig Geld über die Runden kommen, dass sie als arm gelten. Das Bundesamt für Statistik hält auf seiner Website dazu fest: «Ein grosser Teil der Alleinerziehenden gerät in wirtschaftliche Schwierigkeiten, weil Erwerbsarbeit und Betreuung der Kinder die Kräfte und Möglichkeiten einer Person übersteigen.» Auch Livia Roth hat sich schon überlegt, ihr 70-Prozent-Pensum aufzustocken oder einen Zusatzjob zu suchen, dem sie abends nachgehen könnte. Aber: «Auch wenn Luca nun schon zwölf ist, möchte ich doch weiterhin Zeit für ihn haben und ihn am Abend nicht alleine daheim lassen. Zudem fehlt mir

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Schwerpunkt

«Es ist manchmal schon etwas doof, wenn man nicht so viel machen kann, wie man möchte», meint Luca. Er freut sich aber, dass er ab Sommer in die Kanti gehen kann.

ganz einfach die Energie, um mehr zu arbeiten als bisher, auch weil die Arbeitszeiten bei meinem aktuellen Job sehr unregelmässig sind.»

Lösungen finden Das vergangene Jahr war schwierig und zehrte an Livia Roths Kräften. Sie musste sich notfallmässig operieren lassen, und eine aufwendige zahnärztliche Behandlung liess sich nicht länger aufschieben. Aber wie diese finanzieren? Bislang hatte sie immer alle Rechnungen bezahlen können, sie lebte betreibungsund schuldenfrei. Aber nun wusste sie weder ein noch aus. Schliesslich wandte sie sich mit ihrem Problem an die Caritas, die daraufhin zwei Drittel der Zahnarztkosten übernahm – eine riesige Erleichterung für Livia Roth. Dennoch: Das letzte Jahr hinterliess Spuren. «Ich fühle mich nach wie vor reduziert. Nun suche ich meinen Weg zurück in die Normalität.»

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Freuden geniessen können Zur Normalität gehört neben dem knappen Budget auch viel Schönes. Da sind Verwandte und Freundinnen, die ein tragfähiges Unterstützungsnetz bilden. «Sie greifen mir nicht finanziell unter die Arme – Geld und Freundschaft, das muss man trennen –, sondern indem sie uns regelmässig zum Essen einladen oder Kleider, aus denen ihre Kinder herausgewachsen sind, an Luca weitergeben. Auch viele unserer Möbel standen früher in den Wohnungen von Bekannten.» Freude machen Mutter und Sohn auch gemeinsame Unternehmungen. Livia Roth ist gerne in Bewegung und neugierig auf ihr unbekannte Orte und Landschaften. Luca ist jeweils gerne dabei. Auf Wanderungen machen sie beim Picknick ein Feuer und braten Würste. «Da sitzen wir dann zu zweit im Wald und sind rundum zufrieden.» Manchmal machen sie

Reisen in die nähere Umgebung. Denn: «Man kann auch mit dem Regionalbus schöne Orte erkunden.» Sie sind auch schon zwei Tage mit den Velos dem Ufer des nahen Sees entlanggefahren, verbunden mit Übernachten im Stroh.

Über Geld reden Ihrem Sohn hat Livia Roth lange nicht von der finanziellen Lage erzählt. «Mir war es wichtig, ihn nicht zu früh damit zu belasten.» Wenn er in einem Laden etwas sah, das ihm gefiel, aber zu teuer war, sagte sie nie: «Das können wir uns nicht leisten», sondern immer: «Ich möchte nicht, dass wir das kaufen.» Erst seit zwei Jahren spricht Livia Roth mit Luca über Budgetfragen, auch damit er sich erklären kann, weshalb er in materiellen Dingen nicht immer mit seinen Schulkollegen mithalten kann. Er selber sagt zum Thema Geld: «Es ist manchmal schon etwas doof, wenn man

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nicht so viel machen kann, wie man möchte. Aber meine Mutter und ich reden dann zusammen und überlegen uns, wie wir es besser machen könnten – und was wir wirklich brauchen und was nicht.» Momentan freut er sich gerade riesig, dass er ab dem neuen Schuljahr die Kanti besuchen kann. Auch für Livia Roth ist das eine grosse Genugtuung. «So ein Schulerfolg ist etwas, was die Öffentlichkeit Kindern von Alleinerziehenden oft weniger zutraut.»

Das Träumen nicht verlernen Wenn Livia Roth aufzählt, was sie sich für die Zukunft wünscht, stehen keine Konsumgüter auf der Liste. Gesundheit rangiert zuoberst, gefolgt von einer Wohnung, in der ihre beiden Katzen selbständig ein und aus gehen können. Träumen sei etwas Wichtiges, das man nicht aufgeben dürfe, sagt sie. Deshalb denkt sie manchmal auch daran, wie es wäre, wenn wieder ein Mann in ihr Leben treten würde. «Ich lebe nun schon lange mit Luca in unserer eigenen Welt und habe mit der Alltagsbewältigung so viel zu tun, dass ich gar nicht dazu komme, mich gross mit dem Thema zu beschäftigen.» Aber schön wäre es schon, wieder einen Partner zu haben. Neben den grossen gibt es jedoch auch die kleinen Träume, die sich einfacher realisieren lassen. Livia Roth, die so gerne unterwegs ist und es geniesst, Fahrtwind um die Ohren zu haben, schafft sich im Alltag bewusst immer wieder solche Momente. So fährt sie wenn immer möglich mit dem Velo zur Arbeit. Sie radelt dann frühmorgens durch die Gegend, guckt in die Welt und geniesst jede Sekunde davon. «Wenn ich dann am Arbeitsort ankomme, geht es mir immer richtig gut.» * Namen geändert

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fAirE LöhNE ZAhLEN Arm trotz Arbeit – warum gibt es das in der Schweiz? Noch immer haben wir in der reichen Schweiz zu viele Working Poor. Sie arbeiten, aber sie können nicht von ihrer Erwerbsarbeit leben – sie sind arm. Zusammen mit ihren Angehörigen sind 278 000 Personen betroffen. Erst seit einem Jahrzehnt ist diese Gruppe ins Zentrum von Untersuchungen gerückt. Eine Studie des Bundesamts für Statistik zeigte im Jahr 2004 deutlich auf: Als arm gelten nicht mehr nur Arbeitslose und Erwerbsunfähige. Es gibt keine Gewissheit mehr, dass Arbeit vor Armut schützt. Prekäre Arbeitsverhältnisse, befristete Verträge, Arbeit auf Abruf und Tieflöhne zwingen zu mehreren Tätigkeiten oder zum Gang aufs Sozialamt. Dies darf nicht sein. Was müsste getan werden, dass alle Menschen von ihrer Arbeit auch leben können? Auch wenn die Zahl der Working Poor gegenüber dem Jahr 2004 abgenommen hat, dürfen wir nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Zwar haben wir heute weniger Working Poor als vor zehn Jahren, vergleicht man die letzten Jahre, so steigt die Zahl jedoch wieder. Dass dies in einer Zeit des wirtschaftlichen Wachstums geschieht, ist ein Alarmzeichen. Im Kampf gegen das Phänomen Working Poor müssen wir auf verschiedenen Ebenen ansetzen. Arbeitgeber müssen faire Arbeitsbedingungen bieten, existenzsichernde Löhne zahlen und ihren Arbeitnehmenden regelmässig Weiterbildungen gewähren. Zu den Working Poor zählen überdurchschnittlich viele Arbeitnehmende mit geringer Bildung. Dass bei den Arbeitsbedingungen zurzeit viel Spielraum besteht, haben jüngst einige Grossverteiler gezeigt, die dem Druck nach Mindestlöhnen nachgegeben und ihre Bedingungen beträchtlich verbessert haben. Damit ein existenzsicherndes Einkommen erzielt werden kann, muss das Angebot an familienexterner Betreuung weiter ausgebaut werden. Der Ausbau der frühen Förderung für die Kleinen ist ein gesetztes Steinchen auf dem weiteren Bildungsweg: Auf diese Weise sollen es die Kinder schaffen, nicht in die gleiche prekäre Situation zu geraten wie die Eltern.

«Es gibt keine Gewissheit mehr, dass Arbeit vor Armut schützt.»

Marianne Hochuli Leiterin des Bereichs Grundlagen bei Caritas Schweiz

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Schwerpunkt

Arm trotz Erwerbsarbeit Rund 130 000 Personen in der Schweiz zählen zu den Working Poor. Caritas hilft direkt und setzt sich für bessere Bedingungen ein. Text: Marianne Hochuli Illustration: Anna Sommer

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ls Working Poor gilt, wer trotz Erwerbstätigkeit seine Existenz nicht sichern kann: Menschen, die arbeiten und trotzdem unter der Armutsgrenze leben. Die Armutsgrenze orientiert sich an den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe: Im gesamtschweizerischen Durchschnitt gelten Einzelpersonen als arm, wenn sie weniger als 2 450 Franken pro Monat zur Verfügung haben. Für Alleinerziehende mit einem Kind liegt die Grenze bei 3 450 und für eine Familie mit zwei Kindern bei 4 600 Franken.

Prekäre Bedingungen Wer zu den Working Poor zählt, arbeitet oft unter prekären Bedingungen. Caritas hilft betroffenen Personen direkt mit Sozial- und Schuldenberatung. Gemeinsam wird die persönliche Situation analysiert, um Wege zur Verbes-

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serung zu entwickeln. Das kann beispielsweise heissen, bestehende Schulden – teilweise über mehrere Jahre – zurückzuzahlen. Ausserdem bietet Caritas mit der KulturLegi vergünstigte Angebote im Bereich «Bildung, Kultur und Freizeit» sowie günstige Einkaufsmöglichkeiten für Lebensmittel im Caritas-Markt.

Die Politik ist gefordert Doch um das Problem prekärer Lebenslagen wirkungsvoll angehen zu können, braucht es neben existenzsichernden Löhnen auch arbeitsmarktpolitische sowie familien- und gleichstellungspolitische Massnahmen. Dazu zählen ein besserer Schutz vor Arbeit auf Abruf, die Steuerbefreiung des Existenzminimums oder Familienergänzungsleistungen. Auch dafür setzt sich Caritas ein.

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Schwerpunkt

Zahlen und Entwicklungen Seit wenigen Jahren erst publiziert das Bundesamt für Statistik die SILC-Statistik («Statistics on income and living conditions»). Diese beinhaltet auch Analysen zur Situation der Working Poor. Gemäss neusten Zahlen waren im Jahr 2011 3,7 Prozent der Erwerbsbevölkerung oder rund 130 000 Personen in der Schweiz von Armut betroffen. Das ist fast ein Viertel der insgesamt 580 000 Armutsbetroffenen. Besonders gefährdet sind Erwerbstätige ohne nachobligatorische Ausbildung, Alleinerziehende, nicht ganzjährig Erwerbstätige sowie Personen, die im Gastgewerbe arbeiten. Keine Entwarnung Zwischen 2007 und 2010 ist die Zahl der Working Poor stetig gesunken – wegen der guten Wirtschaftslage, Erfolgen der Gewerkschaften bei der Festlegung von Mindestlöhnen sowie Massnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die neuste Statistik zeigt allerdings wieder einen Anstieg. Verantwortlich hierfür sind unter anderem Kostensteigerungen beim Wohnen, bei der Mobilität und der Gesundheit. Die nach wie vor hohe Quote von Working Poor ist auch deshalb so beunruhigend, weil viele nicht nur zu Tieflöhnen arbeiten, sondern auch in prekären Arbeitsbedingungen angestellt sind. Arbeit auf Abruf und befristete Arbeitsverhältnisse sind im Tieflohnbereich keine Seltenheit. Von Entwarnung kann deshalb keine Rede sein.

Links und Publikationen Sozialalmanach 2014: «Unter einem Dach» Der Sozialalmanach nimmt jährlich die soziale und wirtschaftliche Entwicklung in der Schweiz unter die Lupe. Der Schwerpunktteil «Unter einem Dach» widmet sich in der neuesten Ausgabe der schweizerischen Raum- und Wohnpolitik. Die Beiträge in diesem Teil beleuchten die Mechanismen des Immobilienmarktes und analysieren sie darauf hin, inwiefern sie die soziale Gerechtigkeit untergraben. www.caritas.ch/sozialalmanach

Neues Handbuch «Armut in der Schweiz»: Anfang Sommer 2014 veröffentlicht Caritas Schweiz das neue Handbuch «Armut in der Schweiz». Dieses gibt einen aktuellen Gesamtüberblick über die Armut in der Schweiz: aktuelle Zahlen sowie neue Entwicklungen wie das nationale Programm zur Prävention und Bekämpfung von Armut oder die Diskussionen um ein Rahmengesetz zur Sozialhilfe. www.caritas.ch/handbuch-armut

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Armutsquote Gesamtbevölkerung

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Armutsquoten in Prozent der Gesamtbevölkerung, Quelle: Bundesamt für Statistik (BFS).

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Feierabend in der neuen Fabrik In den 50er-Jahren entstand in Emmenbrücke eine neue Fabrik für Nylon. Die Produktion der neuen Faser revolutionierte die Textilbranche; sie war sauber und verlangte andere Arbeitsabläufe, aber immer noch viele arbeitende Hände. An den Maschinen der Textilfabrik standen auch viele Frauen. Nach Betriebsschluss freuen sie sich auf den Feierabend, die neuen Hemden waren schliesslich bügelfrei und erschwinglich. Bild: Staatsarchiv Luzern, Rhodia


Persönlich

«Auf was könnten Sie verzichten, wenn Sie deutlich weniger verdienen würden?» Antworten von Passantinnen und Passanten aus der Deutschschweiz.

Anja Eggenberger, Praktikantin, Oberriet: Ich muss mit meinem Praktikantinnenlohn schon einteilen und kann mir nicht sehr viel leisten. Mein Glück ist, dass ich noch zuhause wohnen kann und nichts abgeben muss. Wenn ich auf die Hälfte meines Lohns verzichten müsste, lägen Kleider, Ausgang und sonstiges nicht mehr drin.

Josef Kamber, Physiotherapeut, Ennetbürgen: Als Erstes würde ich mein Motorrad verkaufen. Weiter könnte ich Ferien kürzen oder gar streichen, ganz besonders die Skiferien. Bedenkt man, wie viel so ein Skitag kostet mit Ausrüstung, Billett und Verpflegung. Wenn es dann immer noch nicht reicht, könnte ich auch aufs Auto verzichten. Das wäre aber eine ziemlich grosse Umstellung.

Katarzyna Landis, Molekularbiologin, Aarau: Ich habe jetzt weniger Geld zur Verfügung als vorher. Darum spare ich beim Kleiderkauf. Die Einkaufsbummel mit einer Freundin machten zwar Spass, gingen aber auch schnell ins Geld. Ich habe gemerkt, dass mir nichts fehlt, wenn ich die Kleider länger trage. Worauf ich nicht verzichten möchte, sind gute, gesunde Lebensmittel, am liebsten in Bio-Qualität. Die sind mir wichtig.

Hanuar Lopez, Sportlehrer, Zürich: «Ich wohne mit meiner Familie in der Stadt. Das könnte ich mir wohl nicht mehr leisten, denn die Mieten hier sind hoch. Auch die jährliche Reise zu meinen Verwandten in Costa Rica würde nicht mehr drinliegen. Meine Kindheit war geprägt von der Sorge ums Geld, denn meine Eltern sind arm. Darum würde ich bei meinen Kindern sicher nicht sparen.»

Linus Murbach, Primarlehrer, Kreuzlingen: Ich bin erst vor kurzem ins Berufsleben eingestiegen und lebte bis dahin nur mit einem Bruchteil meines jetzigen Gehalts. Um die Frage umzudrehen: Wofür ich jetzt mehr Geld ausgebe – das sind Kleinigkeiten und Servicedienstleistungen, ein Brezel am Bahnhof, ein feines Mittagessen im Restaurant. Auch geniesse ich die Freiheit, vor einem grösseren Einkauf nicht zuerst meinen Kontostand abfragen zu müssen. Das würde sich wieder ändern, wenn ich weniger Geld hätte.

Verena Steiner, pensionierte Sozialarbeiterin, Ittigen: Ich würde eine kleinere und billigere Wohnung suchen. Auch würde ich auf einige meiner Hobbys verzichten wie teure Tai-ChiSeminare. Ferner würde ich von Theaterbesuchen absehen und nur noch die allernötigsten Kleider kaufen. Im Garten würde ich die Bäume und Sträucher selber schneiden, um die Kosten des Gärtners einzusparen.

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Caritas Thurgau

Chlaustreff des regionalen Patenschaftsprojektes «mit mir» Alle Jahre wieder besucht der Chlaus der St.-Nikolaus-Gesellschaft Weinfelden die Kinder, die im Rahmen des Patenschaftsprojekts «mit mir» eine Patin oder einen Paten zur Seite haben. Text: Judtih Meier Inhelder Bild: Fredi Müller

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m zweiten Sonntagnachmittag im Dezember hatten wir uns voller Erwartung auf den Samichlaus im Kirchgemeindehaus Märstetten versammelt. Die Tische waren von Annalis, der regionalen Vertreterin, ihrem Mann Fredi und ihrem Patenkind Vlera liebevoll dekoriert worden. Die Eingeladenen konnten Mandarinen, Nüssli und Schöggeli schlemmen. Ausserdem sorgten flammende Kerzen für eine wohlige Atmosphäre.

Mit Eltern und Geschwistern Eingeladen waren alle Kinder mit ihren Paten oder Patinnen, die im Rahmen des Projekts «mit mir» von der Caritas begleitet werden. Dieses Jahr durften neu auch die Geschwister, Mütter oder Väter an diesem Anlass teilnehmen. Um 14 Uhr war es so weit, der Chlaus und sein Schmutzli stampften am Fenster vorbei und baten um Einlass. Natürlich liessen wir sie nicht lange warten, denn wir wollten zu gerne wissen, was in dem

dicken Buch, welches der Chlaus auf seinem Arm trug, geschrieben stand. Die Kinder brauchten keine Angst zu haben, denn der Samichlaus brachte nur lobende Worte mit und er nahm sich für jedes Kind viel Zeit. Der Schmutzli half dem Samichlaus, indem er den Sack voller Köstlichkeiten mitbrachte. Spannende Geschichte Nachdem die Spannung vorbei war und uns der Samichlaus mit seinem Gefährten wieder verlassen hatte, las Luzia, eine andere regionale Vertreterin, den Kindern eine spannende Geschichte vor. Wir haben einen gemütlichen Nachmittag zusammen verbracht, der nicht nur für die Kinder ein Erlebnis war, sondern auch den Erwachsenen die Gelegenheit bot, zusammen zu plaudern und zu diskutieren. Wir freuen uns jetzt schon auf den nächsten Chlaustreff.

Die Kinder lauschten gespannt, als der Samichlaus sein Buch aufschlug.

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Caritas Thurgau

Verstärkung im Team der Schuldenberatung Das Team der Caritas Thurgau hat Verstärkung erhalten. Am 1. Dezember 2013 hat Simone Rutishauser ihre 60-Prozent-Stelle angetreten. Sie ist Sozialpädagogin mit Weiterbildung in Coaching und Beratung. Interview: Judtih Meier Inhelder Bild: Lukas Fleischer

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imone Rutishauser ist seit dem 1. Dezember letzten Jahres zu 60 Prozent bei der Caritas Thurgau tätig. Sie übernimmt bis Ende April die Beratungen und weitere Arbeiten von Carmen Kern, welche im Mutterschaftsurlaub ist. Danach wird sie einerseits weiterhin bei der Schuldenberatung und zusätzlich als Sozialberaterin tätig sein. Wir sind sehr froh um die tatkräftige Unterstützung und danken Simone Rutishauser für ihr Engagement. Ein paar Fragen an sie: Welche Ausbildung bringen Sie mit? Ich bin Kindergärtnerin und Sozialpädagogin mit Weiterbildung in Coaching und Beratung. Simone Rutishauser, seit 1. Dezember 2013 bei der Caritas Thurgau.

Welche Erfahrungen haben Sie im Sozialbereich gemacht? Ich habe bis anhin als gesetzliche Vertreterin beim gesetzlichen Betreuungsdienst Kreuzlingen gearbeitet. Da habe ich die Menschen oft als sehr ungeduldig und fordernd empfunden, was ich zum Teil auch verstehe. Es musste immer alles sofort sein; der Termin, das Geld, der Besuchstag. Das machte die Arbeit oft konfliktreich und unangenehm. Alles, was mit Sozialversicherungen zu tun hat, ist aber sehr komplex und langwierig, was natürlich Wartezeiten mit sich bringt. Zum anderen habe ich jedoch auch viel Dankbarkeit erlebt, weil ich mich ehrlich für einen Menschen interessiere und ihm Wertschätzung entgegenbringe. Wie haben Sie die ersten Wochen bei der Caritas Thurgau erlebt? Ich habe es als sehr interessant, lehrreich, aber auch als anstrengend empfunden. Ernüchternd empfinde

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ich die Tatsache, dass auch viele einsichtige Menschen Schulden haben, diese aber nicht tilgen können, da sie zu wenig Einnahmen haben. Sie müssen einfach mit ihrem Schuldenrucksack leben. Was gefällt Ihnen besonders an Ihrer neuen Stelle? An der Schuldenberatung finde ich besonders schön, dass die Klienten aus freien Stücken kommen und somit meistens eine gute, einvernehmliche Zusammenarbeit entsteht. Ebenfalls bemerkenswert finde ich, wie viele Menschen sich mit sozialen Fragen an die Caritas wenden, sich wagen, ihr Leid mitzuteilen, und sich einfach einen Tipp oder eine Antwort auf ihre Frage wünschen. Natürlich empfinde ich auch die Zusammenarbeit mit meinen Arbeitskolleginnen als sehr angenehm.

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Caritas Thurgau

der, in denen überdurchschnittlich viele ältere Angestellte in Büros und Fabriken arbeiten, auch eine geringere Jugendarbeitslosigkeit. Beispiele sind Dänemark und Norwegen, aber auch Australien.

Der Hauswart, Roli Burkhart, ist ein geschätzter Allrounder im Dienst der Sekundarschule Affeltrangen.

50+ und Working Poor? Die Situation auf dem Arbeitsmarkt hat sich verschärft. Es gibt Jobs, die so schlecht bezahlt sind, dass der Lohn nicht ausreicht. Zudem sind die Arbeitsplätze der Generation 50+ zusätzlich unter Druck geraten. Text und Bild: Regula Bartholdi

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ie Jobsuche für Ältere ist keine einfache Sache. Neu ist auch der Anteil an Kündigungen bei den über 50-Jährigen überdurchschnittlich hoch. Das sind keine rosigen Aussichten, zumal die arbeitslosen älteren Menschen im Durchschnitt länger arbeitslos sind. Der Trend, dass Menschen über 50 häufiger entlassen werden, fliesst laut Bericht der Fachstelle Sozialpolitik der Caritas Schweiz bereits in die Statistiken ein. In der Schweiz betreffen momentan mehr als 40 Prozent der Kündigungen Personen, die über fünfzig sind. Bei den Ausgesteu-

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erten gehört knapp ein Drittel zur Altersgruppe 50+. Zudem steigt die Zahl der Sozialhilfebeziehenden.

Globalisierter Markt Grund für die steigenden Zahlen bei den Entlassungen in der Altersgruppe 50+ sind sinkende Hemmungen der Schweizer Unternehmen, ältere Mitarbeiter durch jüngere zu ersetzen. Sie sprächen Englisch, seien IT-affin, mobil, flexibel und hochmotiviert. Dahinter steckt die Idee, dass die Alten den Jungen Platz machen müssen, um die Arbeitslosenzahlen in den Griff zu bekommen. Dabei zeigen Län-

Leistungsfähigkeit Studien zeigen, dass die älteren Arbeitnehmer nicht weniger leistungsfähig sind. Der Unterschied in der Leistungsfähigkeit ist innerhalb der Altersgruppen weitaus grösser als zwischen Generationen. Wissen und Können der Älteren frühzeitig stillzulegen, ist wirtschaftlich unsinnig. Nicht nur die Lebensjahre sind also entscheidend, sondern auch Branche, Geschlecht und Ausbildung, wenn jemand ausgemustert wird. Eine Chance? Ältere Menschen können ihren Wert in der Arbeitswelt verbessern, indem sie sich ständig weiterbilden. Eine grosse soziale und emotionale Intelligenz sowie Zuverlässigkeit sind weitere Aspekte. Da älteren Menschen weniger Flexibilität zugetraut wird, ist es wichtig, diese Eigenschaften selbstbewusst zu vertreten. Im reiferen Alter eine Anstellung zu finden, braucht viel Ausdauer. Ältere Menschen sollen sich dafür Zeit nehmen. Während jüngere Arbeitsuchende schnell wieder Geld verdienen wollen und müssen, können ältere beweglicher sein, sofern sie genügend Ersparnisse haben. Sparen ist deshalb aktueller denn je. Es ermöglicht sogar, in einem Verlust der Arbeitsstelle eine Chance zu sehen, eine neue, altersgerechte Arbeit zu finden. Und doch, wer mit 50+ zwar wieder eine Anstellung gefunden hat, aber mit weniger Lohn zurechtkommen muss, könnte sich trotz Ausbildung in der Gruppe der Working Poor wiederfinden.

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Caritas Thurgau

Sich für finanziell Benachteiligte einsetzen In den Caritas-Märkten Wil und St. Gallen helfen je gegen 40 Freiwillige mit. Sie engagieren sich für Armutsbetroffene und Working Poor. Text: Rita Bolt Bild: Hannes Thalmann

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uf einem farbigen Kärtli ist ein Foto von einer Familie aufgeklebt. Der Vater, die Mutter und sieben Kinder lächeln freundlich. «Diese Grossfamilie kauft regelmässig bei uns ein», weiss Rita Borner, Leiterin des Caritas-Marktes in Wil, zeigt auf das Foto und ergänzt: «Die Mutter legt Wert auf qualitativ gute Produkte und ist dankbar, dass sie diese bei uns findet.» Dieses Dankeskärtli mit Foto hat die kinderreiche Familie geschrieben, weil sie an Weihnachten von der Christbaumaktion profitieren konnte. In der Aufbauphase Der Wiler Caritas-Markt wurde vor zwei Jahren eröffnet und befindet sich noch in der Aufbauphase. Täglich kaufen 60 Kundinnen und Kunden ein – Tendenz steigend. «Wir rechnen damit, dass es in drei Jahren täglich 120 Kunden sein werden», prognostiziert Rita Borner und ergänzt: «Es werden bestimmt vermehrt Working Poor bei uns einkaufen.» Als Working Poor wird bezeichnet, wer voll erwerbstätig ist und trotzdem am Existenzminimum lebt; Working Poor haben keinen Anspruch auf staatliche Hilfe. Um sie zu erreichen und auf das Hilfsangebot aufmerksam zu machen, schlägt Rita Borner kräftig die Werbetrommel: «Unser Laden ist von der Strasse zurückversetzt und deshalb nicht ganz leicht zu finden», sagt die Ladenleiterin. Sie hofft, dass die Werbung viele Menschen erreicht. Direkt an der Strasse liegt hingegen der St. Galler Caritas-Markt. Die Ladenleiterin Karina Barp arbeitet ebenfalls mit einem grossen Freiwilligenteam. «Ohne sie wäre ein Betrieb nicht möglich», windet sie ihren 37 Helferinnen und Helfern ein Kränzchen. Stolz auf den Markt Rita Borner und das Freiwilligenteam sind natürlich – wie die St. Galler – stolz auf «ihren» Caritas-Markt. «Der Laden ist hell und freundlich. Diese Rückmeldung bekommen wir sehr oft von unseren Kunden», sagt Kapuzinerbruder Karl. Er ist einer von 40 Frei-

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Die freiwilligen Helferinnen und Helfer halten den Caritas-Markt in Schuss. Sie leisten monatlich etwa 100 Einsätze.

willigen, die sich im Caritas-Markt Wil engagieren. Sie räumen Gestelle ein, bedienen an der Kasse, bewirtschaften das Lager und vieles mehr. Ob Wil oder St. Gallen: Im Sortiment sind gegen 400 Produkte des täglichen Bedarfs, auch Hygieneartikel und Körperpflegeprodukte zu günstigen Preisen. «Zu den Rennern gehören nebst Salz, Mehl oder Zucker Ovomaltine oder Caotina, Gemüse und Bananen», weiss Rita Borner. Karina Barp erzählt, dass viele ihrer Kunden Schokolade mögen. Anspruch auf Caritas-Markt-Karte? Einkaufsberechtigt im Caritas-Markt sind finanziell benachteiligte Menschen, die am oder unter dem Existenzminimum leben, oder Personen, die wirtschaftlich Sozialhilfe oder Ergänzungsleistungen zur AHV/IV beziehen. Die Caritas-Markt-Karten werden ausgestellt von Sozialdiensten, kirchlichen und anderen Beratungsstellen, der Caritas und im Caritas-Markt Wil. www.caritas-thurgau.ch www.caritas-stgallen.ch

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Ihre Frage an uns

AGENDA

Armut in der Schweiz – ist das nicht einfach nur Jammern auf hohem Niveau?

Grenzüberschreitender BodenseeFriedensweg

Bettina Fredrich, Leiterin Fachstelle Sozialpolitik bei Caritas Schweiz: «Armut hat überall ein anderes Gesicht, mit unterschiedlichen Auswirkungen. In der Schweiz ist arm, wessen Lohn nicht ausreicht, um den Lebensunterhalt zu bewältigen: wer sich weder Krankenkasse noch angemessenen Wohnraum leisten kann, für wen Zahnarztbesuch und Ferien unerschwinglich sind. Rund 600 000 Menschen sind in der Schweiz von Armut betroffen. Konkret bedeutet dies für eine Einzelperson, dass sie mit 30 Franken täglich über die Runden kommen muss. Das Budget ist knapp und ermöglicht nur eine minimale Teilhabe an der Gesellschaft. Mangelnde Kontakte zu anderen, der Ausschluss aus der Gesellschaft und Perspektivenlosigkeit sind Auswirkungen von Armut in der Schweiz. Insbesondere für Familien und Alleinerziehende ist die Lage prekär. Die jüngsten kantonalen Sparmassnahmen betreffend Sozialhilfe und Krankenkassenprämienverbilligungen sind besonders hat. Caritas setzt sich dafür ein, dass Armut auf der politischen Agenda bleibt und dass Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger die Situation der Betroffenen berücksichtigen. Die Schweiz darf sich keine Armut leisten.»

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Haben Sie auch eine Frage an uns? Gerne beantworten wir diese in der nächsten Ausgabe von «Nachbarn». Senden Sie Ihre Frage per E-Mail an nachbarn@caritas-zuerich.ch.

Gerne laden wir Sie zum grenzüberschreitenden Bodensee-Friedensweg ein. Ostermontag, 21. 4. 2014, von 13 bis 17. 15 Uhr Treffpunkt: Westseite des Hafens Lindau, um 13 Uhr Genauere Infos finden Sie unter www.caritas-thurgau.ch

Jahresversammlung der Caritas Thurgau Gerne laden wir Sie zur diesjährigen Generalversammlung der Caritas Thurgau ein. Donnerstag, 19. 6. 2014 Katholisches Pfarreizentrum, Weinfelden

Dankes-Apéro des Patenschaftsprojektes «mit mir» Am 26. Juni 2014 findet ein DankesApéro des regionalen Patenschaftsprojektes «mit mir» statt. Alle Patinnen und Paten sind herzlich dazu eingeladen. Wir freuen uns auf Sie. Donnerstag, 26. 6. 2014, um 18.30 Uhr Katholisches Pfarreizentrum, Weinfelden

Hinterlassen Sie Hoffnung und Perspektiven Ein Legat an die Caritas Thurgau sichert einen wichtigen Teil der Finanzierung unserer Projekte. Es kann die Lebensperspektiven einer von Armut betroffenen Familie grundlegend verändern und hilft so, über das Leben hinaus Gutes zu tun. Bestimmen Sie noch zu Lebzeiten selber, wem Ihr Vermächtnis zugutekommt. Beim Regeln des Nachlasses steht Ihnen die Geschäftsführerin der Caritas Thurgau, Judith Meier Inhelder, gerne zur Verfügung. E-Mail: jmeier@caritas.ch, Telefon: 071 626 80 06

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Gedankenstrich

Das Geschäft

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paren! Wie oft hatte Gabriela dieses Wort gehört und gedacht, wie oft gelesen und wie oft war es ihr an den Kopf geworfen worden: «Du musst halt sparen!» Wo sollte sie noch sparen? Sie musste wohnen, essen, brauchte Kleider, Geld für die Bahn, den Kinderhort, die Krankenkasse. Immer und immer wieder drehten dieselben Gedanken in ihrem Kopf. Warum hatte sie so wenig Geld, obwohl sie genauso hart arbeitete wie andere? Gabriela sass in der frühlingsmilden Mittagssonne und überlegte, wie sie zu Geld kommen könnte. Sollte sie wieder einmal ein Los kaufen und auf einen «lucky punch» hoffen? Wieder einmal auf das Sozialamt gehen, wo man ihr zwar freundlich, aber auch mit leicht vorwurfsvollen Blicken begegnete? Sollte sie eine Bank ausrauben? Sie hatte schon daran gedacht, ihre Fantasie zu nutzen und ein Buch zu schreiben, und dann geträumt, dass sich ihr Buch tausendfach verkaufen würde. Dann hatte sie gelesen, dass die wenigsten Schriftstellerinnen von ihrem Schreiben gut leben konnten. Gabriela musste weiter. Die Wohnung, die sie putzte, gab noch Arbeit bis um fünf. Dann musste sie ihre Töchter abholen, dann stand noch ein Gespräch mit der Lehrerin an. Eliane, ihre ältere Tochter, verhielt sich in der Klasse offensichtlich daneben.

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Gabriela stand auf. Und im selben Moment kamen die Zahnschmerzen wieder. Sie waren diesmal noch etwas heftiger als am Wochenende. Aber Gabriela hatte keine Zeit, zum Zahnarzt zu gehen, und auch kein Geld, eine Behandlung zu bezahlen. Mit der Zunge versuchte sie die schmerzende Stelle im Mund zu beruhigen. Als sie den kranken Zahn berührte, schoss eine neue Welle von Schmerz durch ihren Kopf. Tränen traten ihr in die Augen. Gabriela setzte sich noch einmal auf die Bank. Sie versuchte sich zu beruhigen und suchte ein Taschentuch. Als sie es nicht fand, überkam sie ein so heftiges Gefühl von Einsamkeit und Verlorenheit, dass sie haltlos zu weinen begann. Gabriela hörte den Satz «Kann ich dir helfen!» erst beim zweiten Mal. Der Mann streckte ihr ein Taschentuch entgegen. Er lächelte Gabriela an, als sie es nahm und sich damit das nasse Gesicht trocknete. Sie bedankte sich.

«Liebeskummer?», fragte der Mann. Gabriela schüttelte den Kopf. «Dann sind es Geldsorgen!», sagte der Mann bestimmt. «Ja», flüsterte Gabriela. «Ich kann dir helfen!» Der Mann blickte sie mit kühlen Augen an. Sein Lächeln war verschwunden. Gabriela kannte diesen Blick. Der Mann witterte ein Geschäft.

Paul Steinmann wohnt in Rikon. Nach einem Theologiestudium ist er im Theater tätig, zuerst als Schauspieler, dann als Regisseur und jetzt vor allem als Autor. Er pendelt zwischen Freilichttheater und Kabarett, Musical und Kinderstücken. Aktuelles unter www.paulsteinmann.ch Illustration: Anna Sommer

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