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Bern Berne

Nr. 1 / 2014

Nachbarn

Trotz Arbeit kaum Perspektiven Eine Mutter erz채hlt, warum sie trotz Arbeit in Armut lebt. Sie ist eine von rund 130 000 Working Poor in der Schweiz.


Inhalt

Inhalt Editorial

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von Claudia Babst

Geschäftsleiterin Caritas Bern Kurz & bündig

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News aus dem Caritas-Netz 1961

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Feierabend in der neuen Fabrik

Wie eine Faser das Arbeitsleben verändert. Persönlich

Mutter Livia arbeitet 70 Prozent. «Auch wenn Luca nun schon zwölf ist, möchte ich ihn am Abend nicht alleine daheim lassen.»

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Sechs Antworten

Schwerpunkt

Trotz Arbeit kaum Perspektiven Erwerbstätig und arm – für rund 130 000 Working Poor harte Realität. Das Budget reicht nur fürs Nötigste, bei unvorhergesehenen Kosten ist guter Rat teuer. Eine alleinerziehende Mutter und ihr Sohn geben Einblick in ihren Alltag, der von Geldknappheit, aber auch von grossen kleinen Freuden geprägt ist. Wie hilft Caritas? Direkt mit Beratung und Projekten, aber auch mit Forderungen an die Politik.

«Auf was könnten Sie verzichten, wenn Sie deutlich weniger verdienen würden?»

Caritas Bern

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«Luxus war mir nie wichtig»

Die Theater- und Filmschauspielerin Heidi Maria Glössner (70) engagiert sich für Menschen, die nicht im Rampenlicht stehen.

Trotz Arbeit auf keinen grünen Zweig kommen

Caritas-Bern-Präsidentin Dorothee Guggisberg beschreibt, wie Menschen leben, die arm sind, und was der Kanton für sie tut.

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ab Seite 6

Jahr der Jubiläen – Jahr der Bildung

Im letzten Jahr feierten vier Projekte Geburtstag: der Caritas-Markt Bern, die Fachstelle Wohnen, das Patenschaftsprojekt «mit mir» und das FlicFlac-Stellennetz. Kiosk

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Ihre Frage an uns Gedankenstrich

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Kolumne von Paul Steinmann

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Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser Was antworten Menschen, wenn man ihnen die Frage nach Working Poor stellt? Welche Assoziationen ruft der Ausdruck hervor? «Es sind Menschen, die sehr viel arbeiten und trotzdem sehr wenig Geld haben. Es ist ein Dasein im Hamsterrad und eine beengende, stressige Lebenssituation, die sich auf Beziehungen und das Umfeld negativ auswirkt.» Wohl hat jede und jeder schon mit einem knappen Budget haushalten müssen, sei dies während der Ausbildung oder während eines Teils der Familienphase. In diesem Magazin beschreibt die Caritas-Bern-Botschafterin «Es sind Menschen, und Schauspielerin Heidi Maria Glössner, in welchen Lebensdie sehr viel arbeiten phasen sie mit wenig Geld leben und trotzdem wenig musste. Was aber macht den Unterschied aus zu den Working Geld haben.» Poor? Wie lebt es sich mit Perspektivenlosigkeit, der Aussicht, trotz viel Anstrengung auf keinen grünen Zweig zu kommen? Wir sind diesen und weiteren Fragen auf die Spur gekommen und laden Sie ein, sich darüber ein Bild zu machen.

Claudia Babst Geschäftsleiterin Caritas Bern

«Nachbarn», das Magazin der regionalen Caritas-Organisationen, erscheint zweimal jährlich. Gesamtauflage: 36 740 Ex. Auflage BE: 3 300 Ex.

Im Kanton Bern mussten 2 500 Menschen, die Vollzeit arbeiteten, 2012 teilunterstützt werden. Mittlerweile sind 12 Prozent oder 40 000 Haushalte arm oder armutsgefährdet, was rund 75 500 Menschen entspricht.

Redaktion: Franziska Herren (Caritas Bern) Ariel Leuenberger (national)

Was Armut im Kanton Bern für die betroffenen Menschen bedeutet und wo Handlungsbedarf besteht, lesen Sie im Interview mit der Präsidentin der Caritas Bern, Dorothee Guggisberg, auf Seite 16. Wenn Sie sich für die Bekämpfung der Armut im Kanton Bern einsetzen wollen, beachten Sie bitte die «Petition für ein soziales Existenzminimum» auf Seite 18. Vielen Dank für Ihre Unterschrift und Unterstützung!

Druck: Stämpfli Publikationen AG, Bern

Gestaltung und Produktion: Urs Odermatt, Milena Würth

Caritas Bern Eigerplatz 5, Postfach 3000 Bern Tel.: 031 378 60 00 www.caritas-bern.ch PC 30–24794–2

Herzlich

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Kurz & bündig

Neue Patientenverfügung

Im Alter gut vorsorgen Caritas bietet seit vielen Jahren eine Patientenverfügung an. Nun hat sie diese neu aufgelegt und mit dem Vorsorgeauftrag ergänzt. Mit der Einführung des neuen Erwachsenenschutzgesetzes Anfang 2013 ist die Patientenverfügung rechtsverbindlich geworden. Für Caritas war dies Anlass, ihr Angebot zu überarbeiten. Gleichzeitig bietet Caritas neu einen Vorsorgeauftrag an. Denn viele Menschen wollen selber bestimmen, was mit ihnen geschieht, wenn sie nicht mehr in der Lage sind, zu entscheiden. Aus Rücksicht auf die ihnen Nahestehenden werden sie aktiv und füllen Vorsorgedokumente aus.

Die vierteilige Vorsorgemappe kostet

28 Franken

Patientenverfügung und Vorsorgeauftrag sind gute Instrumente, mit denen man sich für alle Fälle wappnen kann. Sie sind bei Caritas einzeln erhältlich, können aber auch in einer Vorsorgemappe zusammen mit einer Broschüre zur «Regelung der letzten Dinge» sowie einem Testaments-Schreibheft bezogen werden. www.caritas.ch/vorsorge

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Neues Angebot zur Schuldenprävention

Budget auf dem Handy Damit Jugendliche und junge Erwachsene ihr Budget besser im Griff haben, hat Caritas die Smartphone-App «Caritas My Money» entwickelt. Unsere Gesellschaft ist heute stärker auf Konsum ausgerichtet. Die Anforderungen an einen kompetenten Umgang mit Geld, Konsum und Schulden sind höher als früher. Dies gilt insbesondere für Jugendliche und junge Erwachsene, weil sie häufig noch wenig Erfahrungen im Umgang mit Geld haben. Mit unserer neuen App «Caritas My Money» für Smartphones haben Jugendliche und junge Erwachsene jederzeit den Überblick über ihre Finanzen und wissen, was noch möglich ist und was nicht. Eltern, Lehrpersonen, Berufsbildende, Jugend- und Sozialarbeitende sollen die jungen Leute über die App informieren. Die App wurde gemeinsam mit Personen aus den Bereichen Bildung und Schuldenprävention sowie Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Unterstützung der Julius Bär Foundation, des Vereins Plan B und der Fabware GmbH entwickelt. Seit März 2014 steht die App kostenlos zum Download bereit, für iOS und Android. www.caritas.ch/app

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Kurz & bündig

Armutsbetroffene erzählen

Wohnen ohne Geld

NEWS Mobiler Caritas-Markt in Basel

Leute, die mit wenig Geld eine Wohnung suchen, erzählten ihre eindrücklichen Geschichten in einer Schreibwerkstatt von Caritas Zürich. Alle Menschen haben ihre ganz eigenen Erfahrungen mit dem Wohnen, doch darüber schreiben tun nur wenige. Meistens sind es jene, die finanziell abgesichert sind. Die Caritas Zürich hat Anfang Jahr Armutsbetroffene eingeladen, über das Thema «Wohnen ohne Geld» zu schreiben. «Ich habe mir angewöhnt, die Enttäuschung vorwegzunehmen. Es ist dann leichter zu ertragen, wenn es wieder nichts wird mit einem Dach über dem Kopf», berichtet Anita. Und ein Zugezügelter erzählt: «In den ersten sechs Monaten hier im Kanton bin ich fünfmal umgezogen. Auch mein nächstes Zimmer ist nur für acht Wochen zur Untermiete.» Eine Zürcherin muss sich verstecken: «Für das Mietzinsdepot habe ich mich verschuldet. Mein Vermieter weiss nicht, dass ich ergänzend vom Sozialamt unterstützt werde. Meine Nachbarn auch nicht. Ich führe ein Doppelleben.» Die Geschichten, eingebettet in Hintergrundtexte zum Wohnen und zum Schreiben in schwierigen Situationen, können Sie jetzt bei uns bestellen. www.caritas-zuerich.ch/schreibwerkstatt

Mit zwei mobilen Caritas-Märkten bedient die Caritas beider Basel neu auch Armutsbetroffene auf dem Land. Die beiden rollenden Läden stehen jeweils für einen Tag in den Gemeinden rund um Basel. Das Pilotprojekt kam nur dank der Unterstützung von zahlreichen Partnern zustande und startet im Frühling in Allschwil.

20 Jahre Caritas-Markt St. Gallen Der Caritas-Markt St. Gallen feiert dieses Jahr das 20-jährige Bestehen. Am Samstag, 10. Mai, wird deshalb ein Tag der offenen Tür mit einigen Attraktionen durchgeführt. Der Laden wird seit fünf Jahren von Karina Barp mit gegen 30 Freiwilligen geführt. Täglich kaufen durchschnittlich 160 Menschen mit wenig Einkommen ein. Etwa die Hälfte der Kunden sind Schweizer.

KulturLegi im Aargau gratis Auch im Aargau ist die KulturLegi gratis – seit dem 1. April 2014. Bis anhin war die Karte nur im ersten Jahr kostenlos. Damit mehr Menschen mit wenig Einkommen von stark vergünstigten Kultur-, Bildungsund Sportangeboten profitieren können, verzichtet Caritas Aargau auf die Erhebung einer Nutzungsgebühr. Schweizweit gibt es weit über 1 500 Angebotspartner, die Vergünstigungen gewähren.

Neu in Burgdorf und Zollikofen Auch in der Stadt Burgdorf und in der Gemeinde Zollikofen können Menschen mit wenig Geld nun die KulturLegi beantragen. Damit führen im Kanton Bern 18 Gemeinden die KulturLegi. Bis 2015 sollen mindestens zehn weitere Gemeinden dazukommen – damit möglichst viele Einwohnerinnen und Einwohner am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.

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Rubrik

Haben das Tr채umen nicht verlernt, auch wenn sie schon lange in ihrer eigenen Welt leben: Mutter Livia mit Sohn Luca.

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Schwerpunkt

«Was wir wirklich brauchen und was nicht» Erwerbstätig und arm – für viele Alleinerziehende harte Realität. Das Budget reicht nur fürs Nötigste, bei unvorhergesehenen Kosten ist guter Rat teuer. Livia Roth* und ihr Sohn Luca* geben Einblick in ihren Alltag, der von Geldknappheit, aber auch von grossen kleinen Freuden geprägt ist. Text: Ursula Binggeli Bilder: Conradin Frei

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n Monaten, in denen sich die Geldprobleme zuspitzen, ist Livia Roth* jeweils froh, dass ihr Sohn am Schüler-Mittagstisch täglich eine warme Mahlzeit bekommt. Denn so reicht am Abend hin und wieder auch ein Teller Cornflakes. In solchen Phasen sagt sie sich jeweils: «Nichts währt ewig» – auch die harten Zeiten nicht. Selbst der schlimmste Monat hat höchstens 31 Tage, und wenn Ende Monat der Lohn eintrifft, ist der aktuelle Engpass vorbei.

Die Kunst, mit wenig Geld auszukommen Rechnen muss Livia Roth aber rund ums Jahr: Ihr monatliches Einkommen beträgt knapp 3 500 Franken. Seit zehn Jahren lebt sie mit ihrem Sohn Luca* alleine. Die 32-Jährige hat neben der Kinderbetreuung immer gearbeitet, zuerst 30 Prozent, dann mehr. Die ersten Jahre stockte die Sozialhilfe das Einkommen aufs Existenzminimum auf.

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Vor längerer Zeit hat Livia Roth, die heute 70 Prozent arbeitet, sich von der staatlichen Unterstützung ablösen können. Sie beherrscht die Kunst, mit wenig Geld auszukommen, mittlerweile so gut, dass sie ihre wirtschaftliche Situation im Alltag manchmal einfach ausblenden kann. Im Normalfall, wenn nichts Aussergewöhnliches eintrete, funktioniere ihr Budget, sagt sie. Livia Roth hat ein gutes Auge für Aktionen und Schnäppchen – sei es im Lebensmittelgeschäft oder im Kleiderladen. Und wenn sie unbedingt etwas haben möchte, das nicht wirklich notwendig ist, wartet sie mit Kaufen jeweils noch ein bisschen zu. «Denn ich habe gemerkt, dass manche Wünsche schon zwei Wochen später nicht mehr relevant sind.»

Hohes Armutsrisiko für alleinerziehende Mütter Livia Roths Einkommen bewegt sich an der vom Bundesamt für Statistik definierten Armutsgren-

ze. Damit ist sie bei weitem nicht alleine. Mehr als ein Drittel der Armutsbetroffenen in der Schweiz sind Familien, wobei Alleinerziehende überdurchschnittlich vertreten sind. Mehr als vier Fünftel von Letzteren sind Frauen. Insgesamt müssen rund 130 000 Personen in der Schweiz trotz Erwerbsarbeit mit so wenig Geld über die Runden kommen, dass sie als arm gelten. Das Bundesamt für Statistik hält auf seiner Website dazu fest: «Ein grosser Teil der Alleinerziehenden gerät in wirtschaftliche Schwierigkeiten, weil Erwerbsarbeit und Betreuung der Kinder die Kräfte und Möglichkeiten einer Person übersteigen.» Auch Livia Roth hat sich schon überlegt, ihr 70-Prozent-Pensum aufzustocken oder einen Zusatzjob zu suchen, dem sie abends nachgehen könnte. Aber: «Auch wenn Luca nun schon zwölf ist, möchte ich doch weiterhin Zeit für ihn haben und ihn am Abend nicht alleine daheim lassen. Zudem fehlt mir

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Schwerpunkt

«Es ist manchmal schon etwas doof, wenn man nicht so viel machen kann, wie man möchte», meint Luca. Er freut sich aber, dass er ab Sommer in die Kanti gehen kann.

ganz einfach die Energie, um mehr zu arbeiten als bisher, auch weil die Arbeitszeiten bei meinem aktuellen Job sehr unregelmässig sind.»

Lösungen finden Das vergangene Jahr war schwierig und zehrte an Livia Roths Kräften. Sie musste sich notfallmässig operieren lassen, und eine aufwendige zahnärztliche Behandlung liess sich nicht länger aufschieben. Aber wie diese finanzieren? Bislang hatte sie immer alle Rechnungen bezahlen können, sie lebte betreibungsund schuldenfrei. Aber nun wusste sie weder ein noch aus. Schliesslich wandte sie sich mit ihrem Problem an die Caritas, die daraufhin zwei Drittel der Zahnarztkosten übernahm – eine riesige Erleichterung für Livia Roth. Dennoch: Das letzte Jahr hinterliess Spuren. «Ich fühle mich nach wie vor reduziert. Nun suche ich meinen Weg zurück in die Normalität.»

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Freuden geniessen können Zur Normalität gehört neben dem knappen Budget auch viel Schönes. Da sind Verwandte und Freundinnen, die ein tragfähiges Unterstützungsnetz bilden. «Sie greifen mir nicht finanziell unter die Arme – Geld und Freundschaft, das muss man trennen –, sondern indem sie uns regelmässig zum Essen einladen oder Kleider, aus denen ihre Kinder herausgewachsen sind, an Luca weitergeben. Auch viele unserer Möbel standen früher in den Wohnungen von Bekannten.» Freude machen Mutter und Sohn auch gemeinsame Unternehmungen. Livia Roth ist gerne in Bewegung und neugierig auf ihr unbekannte Orte und Landschaften. Luca ist jeweils gerne dabei. Auf Wanderungen machen sie beim Picknick ein Feuer und braten Würste. «Da sitzen wir dann zu zweit im Wald und sind rundum zufrieden.» Manchmal machen sie

Reisen in die nähere Umgebung. Denn: «Man kann auch mit dem Regionalbus schöne Orte erkunden.» Sie sind auch schon zwei Tage mit den Velos dem Ufer des nahen Sees entlanggefahren, verbunden mit Übernachten im Stroh.

Über Geld reden Ihrem Sohn hat Livia Roth lange nicht von der finanziellen Lage erzählt. «Mir war es wichtig, ihn nicht zu früh damit zu belasten.» Wenn er in einem Laden etwas sah, das ihm gefiel, aber zu teuer war, sagte sie nie: «Das können wir uns nicht leisten», sondern immer: «Ich möchte nicht, dass wir das kaufen.» Erst seit zwei Jahren spricht Livia Roth mit Luca über Budgetfragen, auch damit er sich erklären kann, weshalb er in materiellen Dingen nicht immer mit seinen Schulkollegen mithalten kann. Er selber sagt zum Thema Geld: «Es ist manchmal schon etwas doof, wenn man

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nicht so viel machen kann, wie man möchte. Aber meine Mutter und ich reden dann zusammen und überlegen uns, wie wir es besser machen könnten – und was wir wirklich brauchen und was nicht.» Momentan freut er sich gerade riesig, dass er ab dem neuen Schuljahr die Kanti besuchen kann. Auch für Livia Roth ist das eine grosse Genugtuung. «So ein Schulerfolg ist etwas, was die Öffentlichkeit Kindern von Alleinerziehenden oft weniger zutraut.»

Das Träumen nicht verlernen Wenn Livia Roth aufzählt, was sie sich für die Zukunft wünscht, stehen keine Konsumgüter auf der Liste. Gesundheit rangiert zuoberst, gefolgt von einer Wohnung, in der ihre beiden Katzen selbständig ein und aus gehen können. Träumen sei etwas Wichtiges, das man nicht aufgeben dürfe, sagt sie. Deshalb denkt sie manchmal auch daran, wie es wäre, wenn wieder ein Mann in ihr Leben treten würde. «Ich lebe nun schon lange mit Luca in unserer eigenen Welt und habe mit der Alltagsbewältigung so viel zu tun, dass ich gar nicht dazu komme, mich gross mit dem Thema zu beschäftigen.» Aber schön wäre es schon, wieder einen Partner zu haben. Neben den grossen gibt es jedoch auch die kleinen Träume, die sich einfacher realisieren lassen. Livia Roth, die so gerne unterwegs ist und es geniesst, Fahrtwind um die Ohren zu haben, schafft sich im Alltag bewusst immer wieder solche Momente. So fährt sie wenn immer möglich mit dem Velo zur Arbeit. Sie radelt dann frühmorgens durch die Gegend, guckt in die Welt und geniesst jede Sekunde davon. «Wenn ich dann am Arbeitsort ankomme, geht es mir immer richtig gut.» * Namen geändert

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fAirE LöhNE ZAhLEN Arm trotz Arbeit – warum gibt es das in der Schweiz? Noch immer haben wir in der reichen Schweiz zu viele Working Poor. Sie arbeiten, aber sie können nicht von ihrer Erwerbsarbeit leben – sie sind arm. Zusammen mit ihren Angehörigen sind 278 000 Personen betroffen. Erst seit einem Jahrzehnt ist diese Gruppe ins Zentrum von Untersuchungen gerückt. Eine Studie des Bundesamts für Statistik zeigte im Jahr 2004 deutlich auf: Als arm gelten nicht mehr nur Arbeitslose und Erwerbsunfähige. Es gibt keine Gewissheit mehr, dass Arbeit vor Armut schützt. Prekäre Arbeitsverhältnisse, befristete Verträge, Arbeit auf Abruf und Tieflöhne zwingen zu mehreren Tätigkeiten oder zum Gang aufs Sozialamt. Dies darf nicht sein. Was müsste getan werden, dass alle Menschen von ihrer Arbeit auch leben können? Auch wenn die Zahl der Working Poor gegenüber dem Jahr 2004 abgenommen hat, dürfen wir nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Zwar haben wir heute weniger Working Poor als vor zehn Jahren, vergleicht man die letzten Jahre, so steigt die Zahl jedoch wieder. Dass dies in einer Zeit des wirtschaftlichen Wachstums geschieht, ist ein Alarmzeichen. Im Kampf gegen das Phänomen Working Poor müssen wir auf verschiedenen Ebenen ansetzen. Arbeitgeber müssen faire Arbeitsbedingungen bieten, existenzsichernde Löhne zahlen und ihren Arbeitnehmenden regelmässig Weiterbildungen gewähren. Zu den Working Poor zählen überdurchschnittlich viele Arbeitnehmende mit geringer Bildung. Dass bei den Arbeitsbedingungen zurzeit viel Spielraum besteht, haben jüngst einige Grossverteiler gezeigt, die dem Druck nach Mindestlöhnen nachgegeben und ihre Bedingungen beträchtlich verbessert haben. Damit ein existenzsicherndes Einkommen erzielt werden kann, muss das Angebot an familienexterner Betreuung weiter ausgebaut werden. Der Ausbau der frühen Förderung für die Kleinen ist ein gesetztes Steinchen auf dem weiteren Bildungsweg: Auf diese Weise sollen es die Kinder schaffen, nicht in die gleiche prekäre Situation zu geraten wie die Eltern.

«Es gibt keine Gewissheit mehr, dass Arbeit vor Armut schützt.»

Marianne Hochuli Leiterin des Bereichs Grundlagen bei Caritas Schweiz

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Schwerpunkt

Arm trotz Erwerbsarbeit Rund 130 000 Personen in der Schweiz zählen zu den Working Poor. Caritas hilft direkt und setzt sich für bessere Bedingungen ein. Text: Marianne Hochuli Illustration: Anna Sommer

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ls Working Poor gilt, wer trotz Erwerbstätigkeit seine Existenz nicht sichern kann: Menschen, die arbeiten und trotzdem unter der Armutsgrenze leben. Die Armutsgrenze orientiert sich an den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe: Im gesamtschweizerischen Durchschnitt gelten Einzelpersonen als arm, wenn sie weniger als 2 450 Franken pro Monat zur Verfügung haben. Für Alleinerziehende mit einem Kind liegt die Grenze bei 3 450 und für eine Familie mit zwei Kindern bei 4 600 Franken.

Prekäre Bedingungen Wer zu den Working Poor zählt, arbeitet oft unter prekären Bedingungen. Caritas hilft betroffenen Personen direkt mit Sozial- und Schuldenberatung. Gemeinsam wird die persönliche Situation analysiert, um Wege zur Verbes-

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serung zu entwickeln. Das kann beispielsweise heissen, bestehende Schulden – teilweise über mehrere Jahre – zurückzuzahlen. Ausserdem bietet Caritas mit der KulturLegi vergünstigte Angebote im Bereich «Bildung, Kultur und Freizeit» sowie günstige Einkaufsmöglichkeiten für Lebensmittel im Caritas-Markt.

Die Politik ist gefordert Doch um das Problem prekärer Lebenslagen wirkungsvoll angehen zu können, braucht es neben existenzsichernden Löhnen auch arbeitsmarktpolitische sowie familien- und gleichstellungspolitische Massnahmen. Dazu zählen ein besserer Schutz vor Arbeit auf Abruf, die Steuerbefreiung des Existenzminimums oder Familienergänzungsleistungen. Auch dafür setzt sich Caritas ein.

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Schwerpunkt

Zahlen und Entwicklungen Seit wenigen Jahren erst publiziert das Bundesamt für Statistik die SILC-Statistik («Statistics on income and living conditions»). Diese beinhaltet auch Analysen zur Situation der Working Poor. Gemäss neusten Zahlen waren im Jahr 2011 3,7 Prozent der Erwerbsbevölkerung oder rund 130 000 Personen in der Schweiz von Armut betroffen. Das ist fast ein Viertel der insgesamt 580 000 Armutsbetroffenen. Besonders gefährdet sind Erwerbstätige ohne nachobligatorische Ausbildung, Alleinerziehende, nicht ganzjährig Erwerbstätige sowie Personen, die im Gastgewerbe arbeiten. Keine Entwarnung Zwischen 2007 und 2010 ist die Zahl der Working Poor stetig gesunken – wegen der guten Wirtschaftslage, Erfolgen der Gewerkschaften bei der Festlegung von Mindestlöhnen sowie Massnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die neuste Statistik zeigt allerdings wieder einen Anstieg. Verantwortlich hierfür sind unter anderem Kostensteigerungen beim Wohnen, bei der Mobilität und der Gesundheit. Die nach wie vor hohe Quote von Working Poor ist auch deshalb so beunruhigend, weil viele nicht nur zu Tieflöhnen arbeiten, sondern auch in prekären Arbeitsbedingungen angestellt sind. Arbeit auf Abruf und befristete Arbeitsverhältnisse sind im Tieflohnbereich keine Seltenheit. Von Entwarnung kann deshalb keine Rede sein.

Links und Publikationen Sozialalmanach 2014: «Unter einem Dach» Der Sozialalmanach nimmt jährlich die soziale und wirtschaftliche Entwicklung in der Schweiz unter die Lupe. Der Schwerpunktteil «Unter einem Dach» widmet sich in der neuesten Ausgabe der schweizerischen Raum- und Wohnpolitik. Die Beiträge in diesem Teil beleuchten die Mechanismen des Immobilienmarktes und analysieren sie darauf hin, inwiefern sie die soziale Gerechtigkeit untergraben. www.caritas.ch/sozialalmanach

Neues Handbuch «Armut in der Schweiz»: Anfang Sommer 2014 veröffentlicht Caritas Schweiz das neue Handbuch «Armut in der Schweiz». Dieses gibt einen aktuellen Gesamtüberblick über die Armut in der Schweiz: aktuelle Zahlen sowie neue Entwicklungen wie das nationale Programm zur Prävention und Bekämpfung von Armut oder die Diskussionen um ein Rahmengesetz zur Sozialhilfe. www.caritas.ch/handbuch-armut

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Armutsquote Gesamtbevölkerung

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Armutsquoten in Prozent der Gesamtbevölkerung, Quelle: Bundesamt für Statistik (BFS).

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Feierabend in der neuen Fabrik In den 50er-Jahren entstand in Emmenbrücke eine neue Fabrik für Nylon. Die Produktion der neuen Faser revolutionierte die Textilbranche; sie war sauber und verlangte andere Arbeitsabläufe, aber immer noch viele arbeitende Hände. An den Maschinen der Textilfabrik standen auch viele Frauen. Nach Betriebsschluss freuen sie sich auf den Feierabend, die neuen Hemden waren schliesslich bügelfrei und erschwinglich. Bild: Staatsarchiv Luzern, Rhodia


Persönlich

«Auf was könnten Sie verzichten, wenn Sie deutlich weniger verdienen würden?» Antworten von Passantinnen und Passanten aus der Deutschschweiz.

Anja Eggenberger, Praktikantin, Oberriet: Ich muss mit meinem Praktikantinnenlohn schon einteilen und kann mir nicht sehr viel leisten. Mein Glück ist, dass ich noch zuhause wohnen kann und nichts abgeben muss. Wenn ich auf die Hälfte meines Lohns verzichten müsste, lägen Kleider, Ausgang und sonstiges nicht mehr drin.

Josef Kamber, Physiotherapeut, Ennetbürgen: Als Erstes würde ich mein Motorrad verkaufen. Weiter könnte ich Ferien kürzen oder gar streichen, ganz besonders die Skiferien. Bedenkt man, wie viel so ein Skitag kostet mit Ausrüstung, Billett und Verpflegung. Wenn es dann immer noch nicht reicht, könnte ich auch aufs Auto verzichten. Das wäre aber eine ziemlich grosse Umstellung.

Katarzyna Landis, Molekularbiologin, Aarau: Ich habe jetzt weniger Geld zur Verfügung als vorher. Darum spare ich beim Kleiderkauf. Die Einkaufsbummel mit einer Freundin machten zwar Spass, gingen aber auch schnell ins Geld. Ich habe gemerkt, dass mir nichts fehlt, wenn ich die Kleider länger trage. Worauf ich nicht verzichten möchte, sind gute, gesunde Lebensmittel, am liebsten in Bio-Qualität. Die sind mir wichtig.

Hanuar Lopez, Sportlehrer, Zürich: «Ich wohne mit meiner Familie in der Stadt. Das könnte ich mir wohl nicht mehr leisten, denn die Mieten hier sind hoch. Auch die jährliche Reise zu meinen Verwandten in Costa Rica würde nicht mehr drinliegen. Meine Kindheit war geprägt von der Sorge ums Geld, denn meine Eltern sind arm. Darum würde ich bei meinen Kindern sicher nicht sparen.»

Linus Murbach, Primarlehrer, Kreuzlingen: Ich bin erst vor kurzem ins Berufsleben eingestiegen und lebte bis dahin nur mit einem Bruchteil meines jetzigen Gehalts. Um die Frage umzudrehen: Wofür ich jetzt mehr Geld ausgebe – das sind Kleinigkeiten und Servicedienstleistungen, ein Brezel am Bahnhof, ein feines Mittagessen im Restaurant. Auch geniesse ich die Freiheit, vor einem grösseren Einkauf nicht zuerst meinen Kontostand abfragen zu müssen. Das würde sich wieder ändern, wenn ich weniger Geld hätte.

Verena Steiner, pensionierte Sozialarbeiterin, Ittigen: Ich würde eine kleinere und billigere Wohnung suchen. Auch würde ich auf einige meiner Hobbys verzichten wie teure Tai-ChiSeminare. Ferner würde ich von Theaterbesuchen absehen und nur noch die allernötigsten Kleider kaufen. Im Garten würde ich die Bäume und Sträucher selber schneiden, um die Kosten des Gärtners einzusparen.

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Caritas Bern

«Luxus war mir nie wichtig» Die bekannte Theater- und Filmschauspielerin Heidi Maria Glössner (70) engagiert sich als Caritas-Bern-Botschafterin für Menschen, die nicht im Rampenlicht stehen. Denn sie weiss, was es bedeutet, mit wenig Geld zu leben. Text: Franziska Herren Bild: Christoph Wider

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ch fand mein Glück im Beruf. Schon als Kind habe ich leidenschaftlich gerne Theater gespielt, und noch heute spiele ich mit dem gleichen Enthusiasmus wie in jungen Jahren. Am Stadttheater Bern bin ich mit 64 Jahren pensioniert worden, arbeite dort aber weiterhin als Gast. Mir wäre wohl entsetzlich langweilig, wenn ich keine Auftritte mehr hätte. In den 45 Jahren, die ich beim Theater bin, haben mich viele Rollen sehr bewegt, zum Beispiel am Anfang die Rosalinde in ‹Wie es euch gefällt› und andere ShakespeareFrauen, die Iphigenie von Goethe oder später all die Tschechow-Frauengestalten. Innerlich am meisten aufgewühlt hat mich aber in den letzten Jahren die Rolle als Maria Callas. Es hat mich sehr bewegt, dieser Frau in ihrer verzweifelten Einsamkeit und ihrer Todessehnsucht nach der Trennung von Onassis in ihrem Perfektionismus und

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ihrer Leidenschaft für ihren Beruf nachzuspüren. In all den Jahren kam es einige wenige Male vor, dass ich darum bat, man möge mich von einer Rolle befreien, die mir zu fremd war – was natürlich nicht immer gelang. Und erstaunlicherweise wurden gerade diese zunächst von mir abgelehnten Rollen meist zu Lieblingsfiguren. Vor zwei Jahren zum Beispiel spielte ich die Mariedl im Stück ‹Die Präsidentinnen›, eine Wiener Klofrau, die stolz darauf war, die Toiletten ‹mit blossen Händen› zu reinigen. Ihre Welt war mir so fremd, dass ich mir wünschte, diese Rolle nicht spielen zu müssen. Aber schon bei der ersten Probe, als ich das abstrakte Konzept des Regisseurs kennenlernte, wuchs mein Interesse, und am Schluss habe ich mich in diese einfache Frau mit ihrer verqueren, merkwürdigen Sprache direkt verliebt! Kurz vor einer Premiere bin ich immer sehr aufgeregt. Früher rief

ich meine Tante Ida an und bat sie, am Premierenabend an mich zu denken. Sie war eine fromme Frau und betete bei Vorstellungsbeginn einen Rosenkranz für mich. Der Gedanke daran half mir, mit einem positiven Impuls auf die Bühne zu gehen. Seit Tante Ida nicht mehr da ist, schicke ich selber ein kleines Stossgebet gen Himmel. Ich wurde noch während des Krieges in Deutschland geboren. Meine Mutter brachte mich gleich nach der Geburt zu ihrer Freundin ins sankt-gallische Uzwil in der Hoffnung, danach mit meinem älteren Bruder auch dorthin zu kommen. Aber dann ging die Grenze zu und ein Rüberkommen war lange nicht mehr möglich. So wuchs ich bei ihrer Freundin und ihrer Familie auf. Das waren unglaublich liebe, einfache und gütige Menschen, und obwohl sie nur ganz wenig Geld hatten, strömten sie eine grosse Würde aus. Meine Pflegemutter, die Mama, musste jeden Rappen umdrehen. Sie war aber eine Künstle-

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Die Film- und Theaterschauspielerin Heidi Maria Glössner bekundet als Caritas-Bern-Botschafterin ihre Solidarität mit benachteiligten Menschen im Kanton Bern.

rin im Umgang mit Geld, und da sie Schneiderin war, nähte sie mir auch immer sehr schöne Kleider. Trotz einfacher Verhältnisse war ich ein glückliches Kind und litt nie Mangel. Wir waren zufrieden. Auch später als junge Schauspielerin führte ich ein bescheidenes Leben. Ich verdiente in Norddeutschland anfangs nur 650 Mark im Monat. Aber es reichte immer. Auch in meiner Ehe lebten wir in den ersten Jahren mit sehr wenig Geld. Luxus war mir nie wichtig, denn ich fand mein Glück im Beruf. Und das Glück kann man bekanntlich nicht mit Geld kaufen! Als mein Sohn in die erste Klas-

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se kam, trennten sich mein Mann und ich. Mein Sohn, der fortan bei mir lebte, sagte zu mir: ‹Mami, du kannst mit deinem Beruf den ganzen Tag unterwegs sein, aber am Abend musst du bei mir sein.› Aber genau das konnte ich oft nicht und hatte deswegen immer ein schlechtes Gewissen. Wenn ich höre, dass in der Schweiz 260 000 Kinder in Armut leben, empört mich das sehr. Es ist schlimm, dass auf unserer ‹Insel der Glücklichen› – verglichen mit vielen anderen Ländern – diesem Problem nicht abgeholfen werden kann. Ich engagiere mich als Botschafterin der Caritas Bern auch,

um auf solche Missstände aufmerksam zu machen. In Bern lebe ich nun schon seit bald 27 Jahren. In der ersten Zeit fühlte ich mich einsam. Die Berner sind sehr zurückhaltend, und es ist schwierig, Menschen kennenzulernen. Aber das hat sich bald geändert, und seit langem bin ich hier überaus wohl. Ich wohne an einem wunderschönen Ort. Vor meinen Fenstern wird mir die traumhaft schöne Altstadt wie auf einem Tablett serviert. Manchmal stehe ich nachts auf dem Balkon, betrachte den Mond und die Sterne und geniesse die magische Stimmung über dieser einzigartigen Stadt.»

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Trotz Arbeit auf keinen grünen Zweig kommen Im Kanton Bern sind rund 75 500 Menschen arm oder armutsgefährdet. Ein Teil davon arbeitet Vollzeit oder sogar mehr und kommt finanziell trotzdem nicht über die Runden. Dorothee Guggisberg, Präsidentin der Caritas Bern, beschreibt, wie diese Menschen leben und was der Kanton für sie tut. Interview: Franziska Herren Bild: zvg

Mit dem Thema Armut setzt sich keine Gesellschaft gerne auseinander. In dem Sinn war die Sozialhilfe schon immer ein ungeliebtes Kind. Tendenziell schauen Menschen in wirtschaftlich guten Zeiten weniger auf diejenigen, die an der Konjunktur nicht teilhaben können. Wenn hingegen der Druck in einer Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt wächst, wird dieser nach unten weitergegeben. Diese Situation erleben wir gegenwärtig mit dem finanziellen Druck auf die kantonalen und kommunalen Budgets. So zum Beispiel im Kanton Bern, wo 400 Millionen Franken gespart werden müssen. Dorothee Guggisberg äussert sich zur Situation armutsbetroffener Menschen im Kanton Bern.

Entgegen der weit verbreiteten Vorstellung, dass Sozialhilfebezügerinnen und -bezüger nichts leisten, gehen viele von ihnen einem Erwerb nach oder sind in einer Ausbildung. Mehr als 2 500 Sozialhilfebezügerinnen und -bezüger im Kanton Bern arbeiten Vollzeit oder sogar mehr und verdienen trotzdem nicht genug, um über die Runden zu kommen. Was führen diese Menschen für ein Leben? Sie müssen oft jeden Rappen zweimal umdrehen, obwohl sie viel arbeiten. Diese Situation ist frustrierend. Ausserdem arbeiten viele dieser Personen in prekären Verhältnissen. Sie haben befristete Verträge oder gar keine Verträge, oder sie arbeiten auf Abruf und wissen vielleicht nicht, ob sie in der Woche darauf noch eine Stelle haben. Mit dieser Unsicherheit zu leben, ist sehr schwer. Nun will der Kanton durch die Annahme der «Motion Studer» im Grossen Rat die Sozialhilfe kürzen und so bei den Ärmsten sparen. Ist das Klima für Armutsbetroffene rauer geworden?

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Was tut der Kanton für Menschen, die in Armut leben? Der Kanton Bern betreibt eine aktive Sozialpolitik mit einem hohen Bewusstsein für die Armutspolitik und die Armutssituation der Bevölkerung. Es existiert eine Vielzahl von unterstützenden Angeboten. Beispiele dafür sind die vom Kanton finanzierten Angebote der Caritas Bern, welche anerkannte Flüchtlinge bei der Wohnungssuche unterstützen oder langzeiterwerbslose Sozialhilfebezügerinnen und -bezügern auf dem Weg zurück in den Arbeitsprozess zur Seite stehen. Auch die Kirche finanziert viele karitative Projekte und trägt damit massgebend zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Und was kann die Sozialpolitik tun, damit sich die Situation der Working Poor verbessert? Sichere Arbeitsbedingungen und existenzsichernde Löhne sind wichtige Massnahmen zur Armutsbekämpfung. Aber es braucht vorab auch Massnahmen zur Qualifizierung und Nachholbildung. Mit einem gefüllten Rucksack auf sicherem Terrain ist der Weg in die wirtschaftliche Eigenständigkeit für die betroffenen Menschen wesentlich leichter.

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Jahr der Jubiläen – Jahr der Bildung Im letzten Jahr feierten vier Projekte Geburtstag: der Caritas-Markt Bern, die Fachstelle Wohnen, das Patenschaftsprojekt «mit mir» und das FlicFlac-Stellennetz. Die Caritas Bern trat zudem mit der Kampagne «Bildung gegen Armut» an die Öffentlichkeit. Text: Franziska Herren Bild: Christoph Wider

tikerinnen und Politiker über die Parteigrenzen hinweg und die Theater- und Filmschauspielerin und Caritas-Botschafterin Heidi Maria Glössner zündeten Kerzen an oder brachten das 500 Klinkersteine umfassende Klangdomino vor dem Bundeshaus in Bewegung – als symbolischer Akt im Kampf gegen die Armut.

Prominente zeigen an der Aktion «Eine Million Sterne» ihre Solidarität mit Menschen in Not. Von links: Mariangela Wallimann-Bornatico, Edith Olibet, Christa Markwalder, Heidi Maria Glössner, Regula Rytz, Evi Allemann, Dorothee Guggisberg, Franziska Teuscher, Ursula Haller, Matthias Aebischer.

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ildung macht uns reich. Sie lehrt uns Neues, sie lässt uns Interessen entwickeln und intellektuell wachsen. Mit guter Bildung lässt sich meist bessere Arbeit finden. Bildung kostet aber auch. Darum können sich Menschen mit wenig Geld meist auch weniger Bildung leisten. Mit der Kampagne «Bildung gegen Armut» trat die Caritas 2013 dafür ein, dass der Zugang zu Bildung für alle Menschen gewährleistet ist. Als Abschluss des Kampagnenjahrs veranstaltete die Caritas Bern einen Benefiz-Filmabend zugunsten der KulturLegi Kanton Bern.

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Mit der Unterstützung von Quinnie Cinemas und Praesens Film wurde «On the Way to School» im cineMovie in Bern gezeigt. Der Dokumentarfilm handelt von vier Kindern, die einen ungewöhnlich langen oder gefährlichen Weg meistern müssen, um zur Schule zu gehen.

Symbolischer Akt gegen die Armut Den Schlusspunkt des Jahres bildete die Aktion «Eine Million Sterne» auf dem Bundesplatz in Bern. Prominenz aus Politik und Kultur bekundete ihre Solidarität mit benachteiligten Menschen. Poli-

Mit ihren Angeboten und Projekten setzt sich die Caritas Bern seit Jahren gegen die Armut ein und fördert die Integration. 2013 konnten vier Projekte ein Jubiläum feiern: Der Caritas-Markt Bern – der Laden für Armutsbetroffene, der in der Länggasse als «carisatt» startete – wurde 20 Jahre alt. Den 15. Geburtstag feierte das FlicFlac-Stellennetz im Kulturhof in Köniz zusammen mit Teilnehmenden aus dem Programm, Einsatzplatzleitenden, Zuweisenden, Partnern und Mitarbeitenden. Das Patenschaftsprojekt «mit mir» schaute auf sein 10-jähriges Bestehen zurück, indem es viele Kinder aus Familien in belastenden Situationen mit freiwilligen Patinnen und Patenpaaren zusammenbrachte. Das ebenfalls 10-jährige Jubiläum konnte die Fachstelle Wohnen mit einem Fest in der «Kinemathek Lichtspiel» feiern. Gezeigt wurden Filme zum Thema Wohnen.

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Kiosk

Ihre Frage an uns

AGENDA

Armut in der Schweiz – ist das nicht einfach nur Jammern auf hohem Niveau?

Tagung «Gesundheit & Armut – ungleich gesund»

Bettina Fredrich, Leiterin Fachstelle Sozialpolitik bei Caritas Schweiz: «Armut hat überall ein anderes Gesicht, mit unterschiedlichen Auswirkungen. In der Schweiz ist arm, wessen Lohn nicht ausreicht, um den Lebensunterhalt zu bewältigen: wer sich weder Krankenkasse noch angemessenen Wohnraum leisten kann, für wen Zahnarztbesuch und Ferien unerschwinglich sind. Rund 600 000 Menschen sind in der Schweiz von Armut betroffen. Konkret bedeutet dies für eine Einzelperson, dass sie mit 30 Franken täglich über die Runden kommen muss. Das Budget ist knapp und ermöglicht nur eine minimale Teilhabe an der Gesellschaft. Mangelnde Kontakte zu anderen, der Ausschluss aus der Gesellschaft und Perspektivenlosigkeit sind Auswirkungen von Armut in der Schweiz. Insbesondere für Familien und Alleinerziehende ist die Lage prekär. Die jüngsten kantonalen Sparmassnahmen betreffend Sozialhilfe und Krankenkassenprämienverbilligungen sind besonders hart. Caritas setzt sich dafür ein, dass Armut auf der politischen Agenda bleibt und dass Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger die Situation der Betroffenen berücksichtigen. Die Schweiz darf sich keine Armut leisten.»

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Haben Sie auch eine Frage an uns? Gerne beantworten wir diese in der nächsten Ausgabe von «Nachbarn». Senden Sie Ihre Frage per E-Mail an nachbarn@caritas-zuerich.ch.

Erste nationale Tagung zum Thema «Gesundheit und Armut in der Schweiz», organisiert von der Berner Fachhochschule, Stadt Bern, vom Bundesamt für Gesundheit, von der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe, vom Schweizerischen Roten Kreuz und von der Caritas. Freitag, 9. 5. 2014, 9 bis 16.30 Uhr Sorell Hotel Ador, Laupenstrasse 15, Bern

Delegiertenversammlung An der Delegiertenversammlung der Caritas Bern werden Rechenschaftsbericht und Jahresrechnung präsentiert. Dienstag, 3. 6. 2014, um 18.45 Uhr, Pfarrei St. Marien, Bern

Einführungskurs Freiwilligenarbeit Caritas Bern bietet interessierten Personen die Möglichkeit eines freiwilligen Engagements, zum Beispiel im CaritasMarkt, in der Begleitung anerkannter Flüchtlinge und in zwei Patenschaftsprojekten. Informationen unter www.caritas-bern.ch/freiwilligenarbeit Nächster Einführungskurs: Samstag, 25. 10. 2014, in Bern Auskünfte unter Tel. 031 378 60 33

Petition für ein soziales Existenzminimum Der Grosse Rat hat im September 2013 beschlossen, dass die heute schon knapp bemessene Hilfe für den Lebensunterhalt armutsbetroffener Menschen um 10 Prozent reduziert werden soll (Motion Studer). Davon würden zu einem grossen Teil Kinder und Jugendliche betroffen sein. Armut kann heute (fast) jede und jeden treffen. Für Betroffene ist die Sozialhilfe das letzte finanzielle Auffangnetz. Sozialhilfe soll das soziale Existenzminimum sichern. Caritas Bern unterstützt die «Petition für ein soziales Existenzminimum». Zusammen mit vielen anderen Organisationen bittet sie den Grossen Rat mit dieser Petition, auf die Kürzung der Sozialhilfe um 10 Prozent zu verzichten und so ein soziales Existenzminimum zu garantieren. Die Petition kann elektronisch und bis am 23. Mai 2014 auf folgender Website unterzeichnet werden: www.soziales-existenzminimum.ch

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«Eine Million Sterne» Kurz vor Weihnachten werden in der Stadt Bern und umliegenden Ortschaften wiederum Tausende von Kerzen auf öffentlichen Plätzen oder vor Gebäuden angezündet als Zeichen der Solidarität mit Menschen in Not. Samstag, 13. 12. 2014, 16 bis 21 Uhr Bundesplatz Bern und weitere Ortschaften im Kanton

www.caritas-bern.ch/veranstaltungen

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Gedankenstrich

Das Geschäft

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paren! Wie oft hatte Gabriela dieses Wort gehört und gedacht, wie oft gelesen und wie oft war es ihr an den Kopf geworfen worden: «Du musst halt sparen!» Wo sollte sie noch sparen? Sie musste wohnen, essen, brauchte Kleider, Geld für die Bahn, den Kinderhort, die Krankenkasse. Immer und immer wieder drehten dieselben Gedanken in ihrem Kopf. Warum hatte sie so wenig Geld, obwohl sie genauso hart arbeitete wie andere? Gabriela sass in der frühlingsmilden Mittagssonne und überlegte, wie sie zu Geld kommen könnte. Sollte sie wieder einmal ein Los kaufen und auf einen «lucky punch» hoffen? Wieder einmal auf das Sozialamt gehen, wo man ihr zwar freundlich, aber auch mit leicht vorwurfsvollen Blicken begegnete? Sollte sie eine Bank ausrauben? Sie hatte schon daran gedacht, ihre Fantasie zu nutzen und ein Buch zu schreiben, und dann geträumt, dass sich ihr Buch tausendfach verkaufen würde. Dann hatte sie gelesen, dass die wenigsten Schriftstellerinnen von ihrem Schreiben gut leben konnten. Gabriela musste weiter. Die Wohnung, die sie putzte, gab noch Arbeit bis um fünf. Dann musste sie ihre Töchter abholen, dann stand noch ein Gespräch mit der Lehrerin an. Eliane, ihre ältere Tochter, verhielt sich in der Klasse offensichtlich daneben.

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Gabriela stand auf. Und im selben Moment kamen die Zahnschmerzen wieder. Sie waren diesmal noch etwas heftiger als am Wochenende. Aber Gabriela hatte keine Zeit, zum Zahnarzt zu gehen, und auch kein Geld, eine Behandlung zu bezahlen. Mit der Zunge versuchte sie die schmerzende Stelle im Mund zu beruhigen. Als sie den kranken Zahn berührte, schoss eine neue Welle von Schmerz durch ihren Kopf. Tränen traten ihr in die Augen. Gabriela setzte sich noch einmal auf die Bank. Sie versuchte sich zu beruhigen und suchte ein Taschentuch. Als sie es nicht fand, überkam sie ein so heftiges Gefühl von Einsamkeit und Verlorenheit, dass sie haltlos zu weinen begann. Gabriela hörte den Satz «Kann ich dir helfen!» erst beim zweiten Mal. Der Mann streckte ihr ein Taschentuch entgegen. Er lächelte Gabriela an, als sie es nahm und sich damit das nasse Gesicht trocknete. Sie bedankte sich.

«Liebeskummer?», fragte der Mann. Gabriela schüttelte den Kopf. «Dann sind es Geldsorgen!», sagte der Mann bestimmt. «Ja», flüsterte Gabriela. «Ich kann dir helfen!» Der Mann blickte sie mit kühlen Augen an. Sein Lächeln war verschwunden. Gabriela kannte diesen Blick. Der Mann witterte ein Geschäft.

Paul Steinmann wohnt in Rikon. Nach einem Theologiestudium ist er im Theater tätig, zuerst als Schauspieler, dann als Regisseur und jetzt vor allem als Autor. Er pendelt zwischen Freilichttheater und Kabarett, Musical und Kinderstücken. Aktuelles unter www.paulsteinmann.ch Illustration: Anna Sommer

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Lara lacht wieder – dank Ihrer Spende

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Eine Mutter erzählt, warum sie trotz Arbeit in Armut lebt: Working Poor.

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