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Mediendienst 12 5. September 2013

Die Folgen von illegaler Migration und von Schwarzarbeit

Sozialwaisen in Osteuropa Peter Staudacher

Der Mediendienst der Caritas Schweiz ist ein Angebot mit Hintergrundtexten zur freien Verwendung. F端r R端ckfragen stehen die Autorinnen und Autoren gerne zur Verf端gung.


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Die Folgen von illegaler Migration und von Schwarzarbeit

Sozialwaisen in Osteuropa Tausende Kinder aus sozial schwachen Familien in Osteuropa leben zwischen Vernachlässigung und Kinderheim. Die einen wurden von ihren Eltern, die im Ausland arbeiten, zurückgelassen, die anderen leiden unter Armut und Gewalt in der Familie. Die Sozialsysteme in den osteuropäischen Ländern ausserhalb der Europäischen Union sind mit der Situation überfordert. Hilfswerke bemühen sich um moderne Lösungen für die betroffenen Kinder und Jugendlichen und unterstützen diese beim Einstieg in ein selbstbestimmtes Leben. «Land ohne Mütter» nennt der österreichische Filmemacher Ed Moschitz seinen Dokumentarfilm Mama Illegal (2011), der das Leben moldauischer Frauen in der illegalen Migration in Österreich und das ihrer zu Hause gebliebenen Kinder beschreibt. Über weite Passagen des Films fühlen sich die Zuschauer versucht, vor allem wegen der berührenden Szenen, Erklärungen und auch Schuldzuweisungen zu formulieren, um das Unglaubliche zu verstehen. Da lassen Frauen ihre Familien zurück und gehen nach Wien, um zu putzen, kommen wieder zurück und nehmen Anstoss an der mangelnden Sauberkeit ihrer einstigen Behausungen, wie schlecht und geschmacklos diese eingerichtet sind und so weiter. Irritiert muss man mit ansehen, wie sich hier Familien über Jahre hin fremd geworden sind; wie Kinder gelernt haben, mit dem Foto der Mutter und ihrer Telefonstimme zu leben; wie zurückbleibende Ehemänner depressiv werden, in einer konservativen, an alten Wertbildern ausgerichteten Gesellschaft, jeglicher Identität als Familienernährer beraubt. Kinder feiern alleine Muttertag, Mama ist dabei via Skype oder Telefon. Mama Illegal ist kein rührender Film, viel eher eine nüchterne Bilanz, die zeigt, wohin eine Gesellschaft (die moldauische) geht, wenn sie als Personalpool einer anderen (der westeuropäischen) funktioniert.

Westeuropa braucht Putzfrauen und Alterspflegerinnen Eine Million Moldauer lebt und arbeitet im Ausland: in Italien, Spanien, Portugal, Rumänien, im Vereinigten Königreich, in Deutschland, Österreich, in der Schweiz und in vielen anderen Gastländern. Diesen Ländern ist gemeinsam dass sie einen hohen Bedarf an Putzfrauen, Kindermädchen sowie an Alten- und Krankenpflegerinnen haben. Die staatlichen Regelsysteme und die innenpolitische Grosswetterlage machen aber den geregelten Zuzug von ausländischen Arbeitskräften von ausserhalb der EU fast unmöglich. Der unvermeidliche Umweg läuft über die illegale Migration, Schlepperei und organisierte Kriminalität. Die Vielzahl der Auswandernden, die ihre Familien zurücklassen, sind Frauen. Frauen sind auf dem westeuropäischen Arbeitsmarkt willkommener, vor allem in den Pflegeberufen gibt es in den überalterten Gesellschaften Westeuropas einen stetig steigenden Bedarf. Eine Krankenschwester aus Chisinau verdient zu Hause umgerechnet 200 Franken, im Ausland dagegen 1‘000 Franken, wenn sie «inoffiziell» eine pflegebedürftige Person in Österreich, Italien oder Deutschland betreut. Solche Engagements sind Dauerstellen, denn gute Pflegerinnen sind in Westeuropa gesucht und werden gerne weiterempfohlen. Selten dagegen gibt es ein Happy End und eine «Mama Illegal» kann Mann und Kinder nachziehen.

Caritas Schweiz, Mediendienst 12, 5. September 2013


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Republik Moldau und Ukraine als Brennpunkte Meist leben sich Familien auseinander, ergeben sich jeweils neue Partnerschaften, diesseits und jenseits der Grenzen. Viele enden aber auch im Alkoholismus, in Kinderheimen, im sozialen Abseits. Nicht alle Pflegeeltern sowie freiwilligen und bezahlten Aufsichtspersonen kommen mit der Situation und den zurückgelassenen Kindern zurecht. Überforderte, alleinerziehende Väter greifen vermehrt zur Flasche und vergehen sich häufig an den Kindern. Immer wieder kommt es zu schweren Misshandlungen. Was für die Republik Moldau Gültigkeit hat, ist ebenso in der Ukraine zu beobachten, wo rund drei Millionen Bürgerinnen und Bürger im Ausland leben und arbeiten. Die Kinder bleiben meist daheim, das bedingt die illegale Migration. Caritas Ukraine ist das Problem der Ziel- und Antriebslosigkeit der Kinder von Eltern, die im Ausland arbeiten, längst bekannt. Sie betreibt in fünf Kleinstädten in der Westukraine Drop-In-Centers für diese Kinder, weil diese häufiger Lernprobleme haben, öfter auffällig werden und schwerer in Ausbildung und Beruf finden als ihre Altersgenossen, die in regulären Familienstrukturen mit positiven Rollenbildern aufwachsen.

Sozialsysteme am Bedarf ausrichten Das Problem der Sozialwaisen in Osteuropa lässt sich nicht allein im Westen lösen, etwa durch breiteren Familiennachzug, geregelte Austauschdienste für Pflegepersonal aus osteuropäischen Ländern oder noch restriktiveren Zugang zum Arbeitsmarkt der EU- oder der EFTA-Länder. Es braucht auch einen Umbau der osteuropäischen Wirtschafts- und Sozialsysteme. An erster Stellen sind reelle Arbeitsmöglichkeiten in den betroffenen Ländern gefragt, die den Menschen ein Einkommen verschaffen, das zur Existenzsicherung ausreicht. Insgesamt braucht es Reformen, weniger Korruption und mehr Effizienz, damit auch ausländische Unternehmen in Osteuropa investieren und Jobs schaffen. Gleichzeitig müssen das Sozialsystem (in der Republik Moldau gibt es Ansätze) am Bedarf ausgerichtet werden, moderne Sozialarbeit gefördert und ineffektive staatliche Unterstützungszahlungen nach dem Giesskannenprinzip aufgegeben werden. So leistet sich die Ukraine noch immer Kinderheime, in denen ein Kind dem Staat pro Monat rund 500 Franken kostet, sie schafft es aber nicht, eine moderne Sozialarbeit und Modelle für zeitlich befristete Aussenplatzierungen umzusetzen und so die Situation sozial schwacher Familien durch gezielte Massnahmen zu verbessern. In einem Projekt von Caritas Schweiz in der Republik Moldau werden für solche Kinder Gastfamilien gesucht, aufgebaut und die Qualität der Leistungen kontrolliert. So bleibt hunderten Kindern das staatliche Kinderheim erspart. Es ginge relativ einfach. Es mangelt vielfach aber am politischen Willen, die alten Systeme zu demontieren. Gerade in Bildung und Sozialem besteht in der Ukraine, in der Republik Moldau aber auch in Weissrussland und in der Russischen Föderation der bürokratische Sozialismus weiter. Die Kader sind zwar jünger, das Denken aber vielfach wie ehedem.

Gemeinsam mit den Behörden die Sozialarbeit reformieren Caritas Schweiz setzt mit ihre Programmen für die Republik Moldau und für die Ukraine auf die Reform der sozialen Arbeit und auf praktikable, effektive Projektarbeit, die bereits mittelfristig Resultate

Caritas Schweiz, Mediendienst 12, 5. September 2013


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zeigt. Dabei arbeitet Caritas nicht gegen die Behörden, sondern versucht, die staatlichen Stellen von der Sinnhaftigkeit dieser Reform-Arbeit im Sozialbereich zu überzeugen. Die positiven Erfahrungen dieses Engagements sehen auch die staatlichen Stellen und respektieren die Ergebnisse. Dass eine gute Gastfamilie besser ist als ein Heim, leuchtet fast jedem ein. Eine zeitlich begrenzte Aussenplazierung nach pädagogischen und sozialen Qualitätsgrundsätzen, eine Entziehungskur drogen- oder alkoholabhängiger Erziehungsberechtigter sowie eine enge Begleitung und intensive Beratung der Familien bringen den betroffenen Kindern mehr als ein Dauer-Heimplatz. Vielfach mangelt es aber auch am methodischen Rüstzeug, damit der Staat diese Art der sozialen Arbeit angehen kann. Bei der Vermittlung von Analyse-Fähigkeiten und der Anwendung der passenden Interventionsmodelle können ausländische Akteure in Osteuropa eine wichtige Rolle spielen. Gerade Hilfswerke wie Caritas, die über langjährige Erfahrung in der sozialen Arbeit in der Schweiz verfügen, sind bei der Reform sozialer Arbeit in Osteuropa gefragt. Peter Staudacher, Programmverantwortlicher Moldau, Ukraine und Russland, Caritas Schweiz; EMail: pstaudacher@caritas.ch, Tel. 041419 22 13.

Caritas Schweiz, Mediendienst 12, 5. September 2013


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