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STUDI VERSUM NUMMER 36 | 2010.12

LINKE GENIES? 09 YB -SPIELER « WUSCHU» ERZÄHLT 24 MASTER – EIN DESASTER? 28

Es war einmal...


Gemeinsam durchstarten – mit einem Traineeprogramm, das begeistert. Ab November 2011 bieten wir spannende EinstiegsmÜglichkeiten in den Bereichen Marketing und Finanzen. Wir suchen motivierte Einsteigerinnen und Einsteiger, die offen sind fßr Neues. Menschen, die sich und andere herausfordern, um gemeinsame Erfolge zu erzielen. Wir freuen uns auf Ihre Bewerbung. www.postfinance.ch/jobs


EDITORIAL | INHALT

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Liebe Leserinnen und Leser,

Es war einmal die Weihnachtszeit. Sie beginnt bereits anfangs November mit dem Verkauf von Festtagsschmuck. Euphorie kommt auf beim Fall der ersten Schneeflocken. Leider kreuzt sich die Vorfreude auf die Adventszeit mit dem Lernstress wegen den kommenden Examen. Die StudiVersum-Redaktion bietet euch süsse Ablenkung: Fussball oder Wirtschaft? – Ein Interview mit Fussballer Christoph Spycher. Viel musste «Wuschu» in seiner Laufbahn entscheiden. Er war einer der erfolgreichsten Nationalspieler und spielt heute für die Young Boys. Studieren vor 50 Jahren – damals gab es noch kein OLAT oder iPhone. Vom ins Reine schreiben bekamen Studierende Sehnenscheidenentzündungen. Was sonst noch aussergewöhnlich war, weiss Redaktorin Nora Lipp, die mit ehemaligen Studierenden – vom Professor über den Journalisten bis hin zum Pfarrer – gesprochen hat. Märchenhaft – Heinrich, der im Märchen «Froschkönig» nur eine Nebenrolle hat, bekommt von Martina Zimmermann eine Hauptrolle verschrieben. Ein einzigartiges, noch nie publiziertes Märchen. Lasst euch verzaubern. Erinnerungen – Auch wir waren mal klein. Wie klein, zeigen die alten Freundschaftsbucheinträge, die Redaktor Dominic Illi von Studierenden gesammelt hat. Eine Gegenüberstellung von Primarschule und Hochschule. Was war euer Traumberuf? Weihnachten ist die Zeit der Familie, Wünsche und Träume. «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel» ist wohl der bekannteste Märchenfilm, der um die Festtage herum in ganz Europa ausgestrahlt wird. Es ist ein tschechisches Märchen, welches auf dem Grimm’schen «Aschenputtel» basiert. Unser Tipp für Heiligabend: Nach dem Abendessen und Geschenkeöffnen mit einer Tasse Tee ins Sofa kuscheln und sich kindlich drei Haselnüsse erhoffen, welche alle Wünsche erfüllen – zum Beispiel bestandene Examen. Und wenn ihr euer Studium noch nicht dieses Semester abschliesst, so erlebt ihr die nächste Ausgabe im März. Frohe und besinnliche Adventszeit und gutes Gelingen für die Prüfungen!

Eure Raffaela Angstmann

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04 LIEBLINGSDING WARUM ICH MEINE SKIS LIEBE 05 UMFRAGE WAS IST DEIN WEIHNACHTSWUNSCH? 06 AUS DEM LEBEN LEB WOHL, ALTER FREUND! 08 ATELIER AUS DAMALS WIRD MORGEN 09 WISSENSCHAFT ZWEIGETEILTES DENKEN? 10

Studieren im Zeitraffer 14

Der einst treue Heinrich 18

Erkennen wir uns wieder? 24

Sprachschule Fussball 27 DAS UNIKAT MACH MIT UND GEWINNE! 28 UNIPOLITIK GUTEN RUTSCH 30 REPORTAGE EXPERIMETHIK 32 UNTERHALTUNG IMPRESSUM, RÄTSEL 33 DIE FLOTTE 3ER-WG POWERPOINT FÜR ANFÄNGER 34 WIE ANNO DAZUMAL KALTES HÄNDCHEN


LIEBLINGSDING

WARUM ICH MEINE SKIS LIEBE

Silvia Princigalli, 21, studiert Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Uni Fribourg «Meine Skis sind am Wochenende meine besten Begleiter. Jeden Freitag reise ich von Fribourg nach Graubünden, um mich dort mit meinen Freunden auf und neben der Piste zu amüsieren. Die Zeit auf dem Schnee bietet mir den idealen Ausgleich zum Studium. Ausserdem sind sie die Einzigen, welche mich am Sonntagmorgen aus dem Bett bringen.»

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UMFRAGE

WAS IST DEIN WEIHNACHTSWUNSCH? Weihnachtszeit – besinnliche Zeit, Geschenkezeit und für viele auch Prüfungszeit. Kein Wunder also, dass sich so mancher eine bestandene Prüfung unter den Weihnachtsbaum wünscht. Aber Vernunft beiseite – auch mit ganz anderen Sachen könnte man die Studierenden der Universität Basel glücklich machen. r Text und Bilder Claudia Piwecki Céline, 19, Psychologie «Ich wünsche mir Schokolade und eine Million!» Manuel, 20, Wirtschaft «Eine Reise nach Rom mit all meinen Freunden.» Sandro, 24, Psychologie «Ich wünsche mir, dass die Menschen merken würden, dass Glück nichts mit materiellen Dingen zu tun hat. Sie sollen realisieren, dass Respekt, Toleranz und Liebe wichtiger sind als Geld, Autos und solche Sachen.» Sarah, 22, Wirtschaft «Ein Mini!» Suleika, 26, Englisch, Spanisch und Wirtschaft «Das Christkind soll mir eine Eingebung schenken, damit ich weiss, was ich beruflich machen soll.» Olivier, 21, Wirtschaft «Ich wünsche mir eine bestandene Autoprüfung.» Bastian, 24, Geowissenschaften «Ich wünsche mir ein Fixie.» Ivan, 22, Wirtschaft «Ein neues Motorrad.» Oliver, 24, Geowissenschaften «Eine Küchenfee wäre super, damit ich nie wieder abwaschen muss.» Renato, 22, Wirtschaft «Ich wünsche mir, dass Bayern München die Champions League gewinnt.» Diana und Olga, beide 22, Medienwissenschaften und Osteuropakulturen «Ferien in der Karibik! Es ist noch viel zu lange kalt hier.» Charlotte, 25, Spanisch und Geografie «Ein Plüschtier von jemand bestimmten... und Frieden auf Erden.» Max, 22, Geografie und Geschichte «Eine gescheite und lustige Antwort auf diese Frage.»

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AUS DEM LEBEN

LEB WOHL, ALTER FREUND! Klammheimlich ist er verschwunden, der Begleiter unserer jungen Jahre, der Erste seiner Art. Die Produktion des Oldtimers unter den tragbaren Musikgeräten wurde dieses Jahr eingestellt – eine Hommage an den Walkman. Text Claudia Piwecki

Da sitze ich frühmorgens verschlafen im Zug, blättere durch die News dieser Welt und es trifft mich wie aus dem Nichts: Sony hat die Produktion des Walkmans eingestellt! Mir nichts, dir nichts verschwindet ein Meilenstein der Musikgeschichte aus unser aller Leben. Ein Fest hätte er verdient, ein Orden sollte ihm verliehen werden und einen Stern auf dem Walk of Fame der Elektrogeräte müsste er bekommen! Zumindest eine Gedenkminute sind wir ihm schuldig . Ich blicke mich um und sehe weisse Kopfhörer. Man könnte sie fast schon als Wahrzeichen des 21. Jahrhunderts sehen. Was heute aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken ist, war vor gut 30 Jahren eine Sensation: Musik für unterwegs. Eigentlich ist «Walkman» der Name, den Sony dem portablen Kassettenrekorder gab. Mit dem durchschlagenden Erfolg hat er sich dann durchgesetzt als Synonym für seine Geräteklasse. Und wirklich: Damals hat er das Lebensgefühl verändert. Wer in den Achtzigern was auf sich hielt, besass einen Walkman. Lasst uns einen Moment nostalgisch sein. Das Spulen, bis man beim richtigen Lied war, das Umdrehen der Kassette, die Entscheidung, welche Kassette man überhaupt mitnimmt oder das Sitzen vor dem Radio mit dem Finger auf der Rec-Taste, um ja nicht den Anfang des Lieblingsliedes zu verpassen... welches Kind der Achtzigerjahre kennt das nicht? Es gab der Musik etwas Exklusives, etwas Unberechenbares. Lieder konnten nicht einfach auf Knopfdruck abgerufen werden. Die Kassette musste zuerst gekauft werden oder man überspielte die Musik von Freunden. Nicht mehr vorstellbar die Tragödie, wenn eine Kassette zulange in der Sonne lag oder das Band sich im Rekorder verfangen hatte – alles verloren. Die Digitalisierung hat in vieler Hinsicht unser Leben erleichtert, hat aber der Musik auch ein wenig ihren Zauber und ihre Mystik genommen. Heute kann man auf dem Gerät (das jetzt ein Zehntel so gross ist wie ein Walkman) einen ganzen Plattenladen speichern und steht immer und über-

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all vor der Qual der Wahl. Nichts dagegen einzuwenden, doch ab und zu sollte man sich an die Grossväter der modernen Herrscher erinnern, ohne die sie jetzt so nicht

hier wären. Machs gut, alter Freund, ohne dich würden wir die Vorzüge des abgebissenen Apfels bestimmt nicht so zu schätzen wissen!

«SPARTAN CHALLENGE» – WEIHNACHTEN MIT SIXPACK? Sechs Wochen Training, drei Tage die Woche – bis Weihnachten. Und sie alle wollen es: Aussehen wie Spartaner! Ein Fitnessexperiment. Text Stephanie Renner

6.30 Uhr. Mittwoch. Mir schlägt ein kalter Wind entgegen, als ich das Haus verlasse. Die Kälte frisst sich augenblicklich durch meine Kleidung. Warum muss ich ausgerechnet heute so früh einen Termin an der Uni haben? Zum Glück ist der Weg zum Bahnhof nicht weit und die eineinhalb Stunden Zugfahrt kann ich dösend im warmen Abteil verbringen. Schlaftrunken gehe ich an einem Fitnesscenter vorbei – und bleibe abrupt stehen. «Das gibt’s doch nicht», denke ich. «Wie kann man bereits so früh Liegestützen aneinanderreihen?» Verwundert gehe ich weiter und habe ein schlechtes Gewissen, weil ich einmal früh raus musste und bereits Selbstmitleid habe. «Wow, was für eine Disziplin, Jungs», denke ich. 18 Uhr. Sonntag. Schon wieder habe ich dieselben(!) Personen wie am Fliessband Klimmzüge machen sehen. Was haben die wohl vor? Den ganzen Abend lässt mich das Gesehene nicht in Ruhe – und ich beginne zu recherchieren. Ich bin mir sicher, dass die Trainierenden ein bestimmtes Ziel vor Augen haben müssen. Und tatsächlich – das haben sie. Die «Spartan Challenge» der D&R Performance in Luzern verspricht ihren Teilnehmern einen Spartaner-Body bis Weihnachten. Innerhalb von

sechs Wochen trainieren sie drei Mal wöchentlich und sollen dafür mit einem Sixpack belohnt werden. Doch ist das in dieser kurzen Zeit überhaupt möglich? Remo Flecklin, Personaltrainer dieses Fitnessexperiments, meint dazu: «Wir bieten den Teilnehmern die Möglichkeit, eigene Grenzen zu sprengen und Resultate zu erzwingen – ist es möglich in sechs Wochen ein Sixpack zu haben? Let’s find out. Ganz nach dem Motto: Make the impossible happen.» Während die Fast-Spartaner für das nächste Training, beziehungsweise den nächsten Kampf gegen die Perser, motiviert werden – «die eine Schlacht haben wir überstanden, der Krieg ist aber noch nicht vorbei» – überdenke ich meine eigenen Ziele. Alles ist möglich. PS: Wenn ihr herausfinden wollt, ob die Teilnehmer der Challenge ihr Ziel bis Weihnachten erreicht, beziehungsweise ob sie nun tatsächlich einen Spartaner-Body antrainiert haben, könnt ihr im Teilnehmer-Blog unter dnr-performance.ch nachlesen. PPS: Ich frage ich mich, ob bei allen Teilnehmern – Entschuldigung, Spartanern – bis Neujahr der Sixpack nach «Guetzli», Eierpunsch und Co. immer noch zu sehen ist.


AUS DEM LEBEN

VORTER DEM HAUS Manche Gespräche führe ich mit meiner Familie immer und immer wieder. Obwohl dabei gar nichts Neues rauskommt. TEXT JULIA KRÄTTLI

Durch langjährige Gesprächsarbeit haben sich die Fronten derart verhärtet und die Argumente sich so oft wiederholt, dass sie eigentlich gar nicht mehr ausgesprochen werden müssten. Wenn ich so darüber nachdenke, würde ein Stichwort für den Auftakt genügen – danach könnten alle schweigen und die zwangsläufig darauf folgende Unterhaltung innerlich geniessen. Aber nein! Viel zu schade wäre das! Schöne Eigenschaft des chronisch geführten Gesprächs ist ja gerade dessen Absehbarkeit. Kaum sagt bei uns ein Familienmitglied «Vor dem Haus...etc.», stellen sich bei den restlichen drei wohl wissende Gesichter ein. Im vollen Bewusstsein, dass der kurze Einwurf «Wo meinst du? Ach so, hinter dem Haus» eine Lawine von bereitstehenden Sätzen, Sticheleien, Überzeugungsversuchen und vielleicht, ja vielleicht sogar neuen Argumenten (oder wenigstens neuen Teilargumenten) auslösen könnte, die den ursprünglichen Gesprächszusammenhang von «Vor dem Haus...etc.» gnadenlos überrollen würde. Wohl wissend also, dass ein unbekanntes Gespräch ruck, zuck durch ein altbekanntes dahingemäht werden könnte, steigt die Spannung am Tisch (Dieses Gespräch wird meistens am Esstisch geführt. Wenn nicht dort, dann in der Küche. Küchen sind sowieso tolle Orte für Gespräche). Belustigung macht sich breit. Ein Kribbeln. «Ach so, hinter dem Haus.» – «Nein, vor dem Haus. Im Garten.» – «Ja, aber wir haben vor dem Haus keinen Garten, nur hinter dem Haus», (der Part meiner Mutter und mir). «Vorne ist dort, wo es schön ist, wohin das Haus ausgerichtet ist. Sowieso ist vorne immer im Süden und unser Garten ist im Süden, also vorne. Im Norden ist immer hinten», (der Part meines Vaters und meiner Schwester) – «Besucher kommen aber vorne durch die Eingangstüre hinein, gehen durch das Haus und kommen hinten in den Garten.» – «Ausser dem Briefträger hält sich doch eh niemand beim Eingang hinter dem Haus auf. Wir kommen ja auch immer von der Garage her durch den Garten ins Haus.» – «Schon, aber der Briefträger kann schliesslich nicht durch die Garage zum Hintereingang. Würde ihm auch nichts nützen, dort steht bekanntlich kein Briefkasten. Unser

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Briefkasten ist vor dem Haus…» Neulich führten wir dieses Gespräch im Haus einer Verwandten. Nach längeren Ausschweifungen meines Vaters über Nor-

den und Süden bei Grundstücken und Häusern, sowie Aussenaufenthaltsräumen im Süden, fragte er: «Ja, wo ist denn bei dir der Eingang?» – «Neben dem Haus.»

MEINE SOMMER-SONGS DES JAHRES UND WIESO In der Wirtschaftspolitik heisst es ja oft, man solle antizyklisch handeln. Was bietet sich für den anstehenden Winter also Besseres an als eine Liste mit dopen Sommersongs? Text Christoph Lutz

Broken Social Scene – Art House Director Keine Ahnung, worum sich dieses Lied dreht, nur soviel weiss ich: Es handelt sich um ausgezeichnete Trainings-Mucke. Sei es zum Krafttraining, Schach, Fallschirmspringen oder Dart: Mit «Art House Director» kann man nichts falsch machen. Mit «Art House Director» kann man natürlich auch nichts richtig machen. Denn wenn «Art House Director» läuft, läuft alles wie von selbst. Und das ist dann weder richtig noch falsch. Flying Lotus – Galaxy in Janaki Sonst steh ich zwar nicht auf psychotische und fricklige Sounds, aber hier passt das Getobe und Getöse wie die Faust aufs Auge: eine ratternde Mischung aus Dschungel, Disneyland und Stanzfabrik. Okkervil River – Westfall Auf dieses Lied bin ich zufällig gestossen. In der Bibliothek hat es mich von hinten gepackt, vom Stuhl geworfen und am Boden zertreten wie eine lästige Schabe. Und da liege ich nun, unfähig mich zu erheben. Der Song dreht sich um einen unmotivierten Mord aus Sicht des Mörders selbst. Er schildert seine Festnahme, wie all die Hausgänge gesichert sind, mindestens 20 Bullen, die ihn ins Gefängnis werfen werden. Und die Kamerablitze suchen das Böse im Gesicht, fahnden nach einer diabolischen Re-

gung in den schuldigen Zügen. Aber da gibt es nichts zu sehen, denn «evil don’t look like anything». Best Coast - Bratty B – When I’m with You Der Text ist scheisse, das Geschrammel unerträglich, die Stimme pennälerisch, das Schlagzeug auf billig getrimmt, alles auf den Effekt ausgerichtet... Und verdammt, ich liebe es! Wie man diese Songs findet? Man schreibt sich folgende Zeilen auf, einfach so, weil sie einem einfallen, nach einem langen Tag im Freibad: «Pick up the phone, I wanna talk about my day, it really sucked.» Dann googelt man danach, stösst auf diese Songs und liebt sie. Oder man schaut sich die last.fm-Profile 19-jähriger Indie-Girls an und sieht dort «Best Coast». Oder man stolpert darüber wie über einen abgefallenen Ast nach einem Sommersturm. Joanna Newsom – In California Das Gegenstück zum vorigen Eintrag: 5 Mal länger, 15 Mal komplexer und 55 Mal heavier-listening. Irgendwann ist es aber auf die gleiche Stufe runtergeschmolzen und das Mitsingen gestaltet sich genauso schwerelos. Bis dahin hat man einen langen Weg vor sich, aber keinen steinigen, und gelegentlich stösst man dabei auf einen im Sommersturm abgefallenen Ast, den man mit Leichtigkeit überhüpft.


ATELIER

AUS DAMALS WIRD MORGEN PROJEKT VON JEANETTE BESMER

AUFMERKSAME GÄSTE BEWUNDERN IN EINER KÜCHE VERSTRICHENE UND BEVORSTEHENDE MONATE DES FARBIGEN JAHRES VON JEANETTE BESMER. Angefangen hat es an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Dort lehrte 2003 eine Koryphäe des Holzschnittes. Jeanette übte sich ein halbes Jahr in diesem Handwerk und kreierte ihren ersten Kalender – mit Ausblick aufs Jahr 2004. Mit grossem Aufwand gestaltete sie wenige Exemplare für ihre Familie und Freunde. Ein Jahr später ergab sich mit einer Freundin ein Dialog, beide zeichneten zum Thema Wasser, und wanderten daraufhin mit dem Stift über die Bilder der Kollegin. Diejenigen, welche den Kalender schon besassen, wollten das neue Jahr nicht ohne ihn beginnen, und etliche, welche bei Freunden das Prachtexemplar entdeckt hatten, bestellten ihn für sich. Diese Nachfrage verlangte eine neue Technik und Jeanette und deren Freundin gingen zum Siebdruck über. Seit 2007 ist Jeanette wieder alleinige Produzentin ihres Werks, 2010 hat sie 140 Exemplare verschenkt und verkauft, sechs Jahre zuvor waren es um die 40. Sie sei jedes Jahr ein wenig zu spät dran, gesteht Jeanette. Auch befürchte sie immer, auf den Exemplaren sitzen zu bleiben und schwöre sich im Dezember, nie wieder einen Kalender herauszugeben. Glücklicherweise verflüchtigt sich in den kommenden zwölf Monaten die Vehemenz dieser Absicht. Zurzeit befasst sich Jeanette eifrig mit dem Kalender fürs Jahr 2011. Sie verrät, in der Verwandtschaft alte Fotoalben nach Schnappschüssen von damals durchforstet zu haben. r Text Martina Zimmermann, Bilder Jeanette Besmer

In der Vergangenheit blättern und den Kalender bestellen kann man auf www.jeanettebesmer.ch Jeanette Besmer lebt und arbeitet in Bern und illustriert unter anderem für die WOZ.

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WISSENSCHAFT

ZWEIGETEILTES DENKEN? PAUL KLEE, ALBERT EINSTEIN, FRIEDRICH NIETZSCHE – DIE LISTE BERÜHMTER LINKSHÄNDER IST LANG. IST DAS ZUFALL ODER BESTEHT DA EINE VERBINDUNG ZWISCHEN LINKER HAND UND GENIALEM KOPF? Kulturell verankert ist diese Zuschreibung von Genialität sicher nicht. Schon Pythagoras assoziierte links mit dunkel, schlecht, kalt, krumm und weiblich. Die Vorstellung, von Links- oder Rechtshändigkeit auf den Charakter schliessen zu können, ist in dieser Assoziationskette aber bereits angelegt. Und mit ihr das Rätsel, wie Hirn und Hand verbunden sind. Dass unsere linken Gliedmassen von der rechten Hirnhälfte und die rechten Gliedmassen von der linken Hirnhälfte gesteuert werden, ist bekannt. Seit rund 100 Jahren weiss die Wissenschaft auch, dass sich die beiden Gehirnhälften in ihrer Funktion unterscheiden. Die linke Hemisphäre rechnet, plant, ordnet und ist für die Sprache zuständig. Die rechte Hemisphäre dagegen in-

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terpretiert Bilder, verknüpft Informationen, erkennt Melodien und ist für die Orientierung zuständig. Verlockend, von einer analytischen linken Seite und einer emotionalen rechten Seite zu sprechen. Noch verlockender: So die Verbindung zwischen Hirn und Hand zu erklären. Wer links schreibt, denkt rechts: Linkshänder wären demnach eher künstlerisch, musikalisch und emotional veranlagt. Während die linke Hirnhälfte die Rechtshänder zum analytisch exakten Wissenschaftler macht. Vereinfachungen führen so zur Idee, die Persönlichkeit des Menschen werde von der dominanten Hälfte des Gehirns bestimmt.

Ungeklärter Ursprung der Händigkeit

Durchkreuzt wird diese Idee vom Gehirn höchstpersönlich. Es gibt sein Geheimnis nicht preis – wir wissen nicht wie die beiden Gehirnhälften miteinander interagieren. Auf die Frage, welche sensomotorischen Funktionen jeweils nur von einer und welche von beiden Gehirnhälften gesteuert werden, gibt es sehr widersprüchliche Antworten: Bruno Preilowski argumentiert in seinem Buch für die Lernfähigkeit des Gehirns. Er sieht keinen kausalen Zusammenhang zwischen der Händigkeit und den geistigen Fähigkeiten. Die Händigkeit gibt es seiner Meinung nach nicht, unser Verhalten basiert immer auf den Funktionen beider Hirnhälften.

Durcheinander im Kopf

Dagegen zeigt sich Dr. Johanna Barbara Sattler überzeugt: «Linkshänder gehen anders an die Dinge heran und denken anders als Rechtshänder.» Grundsätzlich unterschied-

liche Charaktereigenschaften schreibt auch sie nicht der Händigkeit zu. Genaue Beobachtung und persönliche Schilderungen lassen die Leiterin der ersten Beratungsstelle für Linkshänder aber die Verbindung zwischen dominanter Hirnhälfte und Hand betonen. «Wenn Sie plötzlich mit der rechten anstatt der linken Hand schreiben müssen, passiert im Gehirn folgendes: Die motorisch nicht dominante Hirnhälfte reagiert und die eigentlich Dominante darf nicht. Es kommt zu einer Überforderung im Gehirn.» Die Gehirnhälften kommen sich also in die Quere. Auf die Hand sitzen, Schläge oder das Einbinden in ein Tuch – das waren bis in die 80er-Jahre Methoden, um Kinder vom Benutzen der linken Hand abzuhalten. «Diese Überlastung im Gehirn hat dann oft intellektuelle Konsequenzen. Die Kinder können das, was sie wissen, nicht ausdrücken.» Die demütigenden Verfahren und die Verwirrung im Kopf können zu psychischen Problemen, Sprachstörungen und Leistungsschwäche führen.

Handvorliebe bleibt

Ist es unser Denken in Dualismen, das uns überhaupt zu Links- oder Rechtshändern macht? Hat die Sprache in gewisser Weise also doch Recht, wenn sie von den linkischen Linkshändern und den rechtschaffenen Rechtshändern spricht – nur kommen die nicht so auf die Welt, sondern werden durch unser zweiteiliges Denken erst dazu gemacht? Dr. Sattler plädiert für einen offenen Umgang mit der Händigkeit, indem den Menschen die Möglichkeit zur Entwicklung in beide Richtungen gegeben wird. Auf bis zu 30 Prozent schätzt sie den Anteil verkappter Linkshänder an der Bevölkerung. Durch kulturelle Anpassung und Nachahmung werden die Rechtshänder bevorzugt und die Unentschiedenen passen sich an. Der Linkshänder Leonardo Da Vinci hat alle Kämpfer mit dem Schwert in der rechten Hand gezeichnet. Die Industrie aber glaubt nicht an die Händigkeit: In England schalten zwar alle mit links – Kartoffelschäler, Schere, Büchsenöffner sind aber überall für Rechtshänder gemacht. Die alltäglichen Anpassungsleistungen der Linkshänder erachtet Dr. Sattler als enorm: «Kaum ein Linkshänder beklagt sich mehr darüber, dass es in den Bibliotheken nur diese ergonomisch geformten Mäuse für Rechtshänder hat.» Anpassen können sich die Linkshänder – ihre Handvorliebe aber bleibt, und mit ihr das Rätsel, woher sie kommt. Und übrigens: Auch Jack the Ripper war Linkshänder. r Text Nora Lipp, Illustration Melanie Imfeld


STUDIEREN IM ZEITRAFFER VORLESUNGEN ZUM HERUNTERLADEN UND EIN STRÖMEN DER MASSEN AN DIE UNIVERSITÄTEN – DASS DIES NICHT SCHON IMMER SO WAR, WEISS JEDER. WIE ABER WAR ES? DAS WÜHLEN IN ERINNERUNGEN UND ARCHIVEN LIEFERT ANTWORTEN. ABER NICHT NUR.

Sehnenscheidenentzündung. Diese Geschichte über das Studieren zu Zeiten unserer Eltern, Grosseltern und Urgrosseltern beginnt mit dieser Diagnose. Tagelang hatte meine Grossmutter tippend an der Schreibmaschine gesessen: Die Doktorarbeit meines Onkels musste rechtzeitig aufs Papier gebracht werden. Heute hämmert man alles in den Computer – die Generation vor uns musste ihre Gedanken ordnen, von Hand notieren und erst dann abtippen. «Unglaublich, was das für ein Puff war!», erinnert sich Christine Nöthiger-Strahm lachend an den «berühmten Karteikasten». Handschriftliche Zitate und Literaturangaben wurden auf A6-formatigen Kärtchen notiert und alphabetisch in eine Holzkiste eingeordnet. Gegliedert hat Christine Nöthiger-Strahm ihren Text jeweils durch das Verteilen der handschriftlichen Notizen in Mäppchen. Für jedes Kapitel war ein Mäppchen reserviert. «Und dann musste man sich vorher halt genau überlegen, was man schreiben wollte.» Einmal von Hand aufgesetzt, konnten Korrekturen zwar noch am Rand der Arbeit angefügt werden – das Verschieben, Löschen und Umstrukturieren ganzer Textteile war aber undenkbar. Die Arbeit ins Reine zu schreiben, war die nächste Hürde. Schmun-

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zelnd erinnert sich Rudolf Stichweh: «Ich hatte noch vierzehn Tage Zeit, um 275 Seiten abzutippen. Da kriegte ich Probleme mit den Handgelenken. Wenn man kein Profi ist, kriegt man schnell eine Sehnenscheidenentzündung. Aber ich habs gerade noch so hingekriegt.» Mit der Schreibmaschine schlug sich auch schon Hans Würgler eine Generation früher herum. Tipp-Ex gab es da noch nicht – dieses wurde erst 1959 erfunden. Das Manuskript seiner Dissertation lagerte er denn auch in einem Banksafe ein – auch Festplatten werden erst rund dreissig Jahre später massentauglich.

Abstecher ins Archiv

Die elektronische Revolution dämmerte noch nicht mal am Horizont. Dafür gab es: Matrizendrucker, Rechenmaschinen und Epidiaskope. Dies zeigt ein Besuch im Archiv des Schulmuseums Köniz. Material von sechshundert Spendern hat Kurt Hofer hier seit 1961 angesammelt. Schulbücher in Schachteln und Coopsäcken, alte Pulte, Schreibwerkzeuge und viele noch unentdeckte Raritäten stehen, liegen und schieben sich auf den sechshundert Quadratmetern übereinander. Kurt Hofer kniet sich auf den wachsweissen Boden und dreht an der Kurbel eines Geräts. «Wahnsinnig zeitaufwändig war dieses Drucken. Und dann sind die Matrizen immer hängen geblieben und zerrissen.» Die Matrize ist die Druckvorlage, welche auf die Walze gespannt wird. Alkohol löst dann Teilchen des Farbwachses und so entsteht eine Kopie. Daran erinnert sich auch Regula Würgler: «Diesen Geruch nach Alkohol beim Kopieren habe ich noch in der Nase.» Fünfzehn Jahre später konnte Richard Frey bereits Fotokopien aus medizinischen Büchern machen – für den Preis von zu dieser Zeit teuren 30 Rappen pro Blatt. Frey er-


«Wir haben schon sehr zu den Professoren aufgeschaut»

innert sich auch noch an die Rechenschieber und Rechenscheiben, welche erst Ende der 60er-Jahre durch den elektronischen Taschenrechner abgelöst wurden. Logarithmen, Wurzeln und Potenzen konnten damit berechnet werden. Eher unscheinbar liegen die Rechenhilfen, die ähnlich aussehen wie ein Lineal, zwischen anderem

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Archivgut. Die Curta ist da schon aufregender. Über 1000 Franken hat die Rechenmühle – sie erinnert an einen grossen Bleistiftspitzer – heute Wert. Und sie hat Geschichte: Der Vater ihres späteren Erfinders ist Gründer der ersten österreichischen Rechenmaschinenfabrik. Die Idee zur kleinen Rechenmühle hat Curt Herzstark bereits

1938. Als 1943 zwei seiner Arbeiter verhaftet werden, interveniert er bei der Gestapo und wird als Halbjude selber ins Konzentrationslager Buchenwald gesperrt. Dort zeichnet er Abend für Abend an den Plänen für seine Curta. Die Nazis wollen sie Adolf Hitler als «Siegergeschenk» überreichen. Curt Herzstark überlebt das Konzentrationslager und hält 1948 seine erste eigene Curta aus Serienproduktion in den Händen. Nebst solchen geschichtsträchtigen technischen Studierhilfen finden sich im Archiv auch alltagstauglichere Gegenstände. Der Vorläufer des heutigen Bostitchs tummelt sich da, oder die grossen schwarzen Ungetüme, welche sich als Vorgänger des Diaprojektors entpuppen und Epidiaskope heissen.


teren Berufsfeld und studentische Hilfskraft, solchen Arbeiten gehen die Studierenden nach. Dass der Anspruch an den Lebensstandard geringer war, darin gehen sich alle einig. «Technisch gesehen waren wir arm, aber wir haben das selbst nicht als Problem gesehen», blickt Rudolf Stichweh zurück. Bewusst wurde diese Übergangszeit zwischen Schule und Beruf in Kauf genommen. Der Fokus lag auf dem Studium: Stichweh selbst besuchte pro Tag nur eine Veranstaltung. Die Studierenden verbrachten viel Zeit an der Uni – auch Freizeit. «Das Seminar war der Ort, an dem man sich traf.» Die Erinnerungen von Christine Nöthiger-Strahm teilt Stichweh: «Die Bibliothek war bis vier Uhr nachts geöffnet, da haben wir dann oft nächtelang Kaffee getrunken.» Heute arbeiten rund 80 Prozent der Studierenden bis zu zwei Tage pro Woche. Rudolf Stichweh sieht darin die fehlende Bereitschaft mehrere Lebensjahre ausschliesslich der Universität anzuvertrauen – Risikoverteilung nennt er dieses Verhalten. Wenn das Studium nicht klappt, wird der Nebenjob zur Lebensversicherung.

Die Professoren

«Eigentlich waren wir arm»

Wieder am Tageslicht taucht die Frage auf: Wie anders studieren wir heute? All die technischen Geräte mögen den Eindruck wecken: Alles ist anders. Und dann noch Bologna ins Feld geführt und der Fall ist klar. Das Gespräch mit Studierenden aus der Zeit von 1950 bis 1980 zeigt aber: Die Veränderungen sind subtiler und betreffen das gesamte Studentenleben. Bonbons in der Fabrik einzufüllen, war für Regula Würgler ein willkommener Zusatzverdienst für die Ferien, während das Servieren gegen herrschende Normen der fünfziger Jahre verstossen hätte. Reisefinanzierung wird auch eine Generation später oft als Grund für das Arbeiten in den Semesterferien angeführt. Pakete ausliefern, Strassenbau, Stellvertretungen im spä-

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Vorlesungen auf den iPod laden und der Universität den Rücken kehren – an diese Entwicklung glaubt Rudolf Stichweh nicht. Er ist überzeugt, dass der Kern des universitären Lernens immer die Interaktion bleiben wird. «Seit 500 Jahren gibt es Prognosen dazu, dass die Universität als Interaktionszusammenhang überholt ist. Bis jetzt hat die Universität aber alle technischen Revolutionen in ihren Betrieb integriert.» Neue interaktionsunabhängige Lernformen – wie die MP3-Vorlesung – würden nur genutzt, wenn die Möglichkeit des persönlichen Kontaktes verwehrt bleibe. Der Kontakt mit den Professoren spielt in fast allen Erinnerungen eine wichtige Rolle. «Hören Sie auf, Sie können gleich gehen», mit solchen Machtworten wurden zur Studienzeit Hans Würglers schon mal wissenschaftliche Karrieren beendet. Generosität ist das Wort, mit dem sich Helmut Scheben an seinen Professor erinnert. In einem Brief forderte dieser ihn auf, anstatt sein Konzept für die Doktorarbeit in der Abgeschiedenheit der peruanischen Nationalbibliothek zu perfektionieren, erstmal das Leben Perus in sich aufzusaugen. Von Professoren, die zu offenen Abenden mit Essen, Trinken und Diskussionen einluden, erzählt Richard Nöthiger. Rückblickend meint er aber auch: «Wir haben schon sehr zu den Professoren aufgeschaut.» An diese soziale Distanz erinnert sich auch Rudolf Stichweh. Das Duzen der Professoren, das während den 68er aufgekommen sei, habe sich rasch wieder ver-


flüchtigt. Bei einem Professorentermin habe eine Kollegin sich vor lauter Sorgen über den Gesprächsverlauf sogar einen Merkzettel mit den Worten «Guten Tag» gemacht, um ja nichts Falsches zu sagen. Heute habe die Begegnung zwischen Studenten und Professoren eher Dienstleistungscharakter.

Ein Zuhause ist nie unproblematisch.» Was mit unseren MacBooks, unseren Punkten und unseren Zweifeln geschehen wird, wissen wir nicht. Die Raffung der Zeit zeigt aber: Seine Uni macht nebst der Zeit, sich jeder auch selbst. r Text Nora Lipp, Bilder Nora Lipp und Selin Bourquin

Revolution: Wissen für alle

Die soziologische Erklärung Rudolf Stichwehs für all die Veränderungen lautet: Immer mehr Menschen erhalten Zugang zu höherer Bildung und dies führt zu einer allmählichen und revolutionären Umstrukturierung des universitären Lebens. Dass ein Freiheitsideal, welches das Verderben von Studierenden auf Universitäten mit einschliesst, nicht mehr hochgehalten werden kann, wenn plötzlich nicht mehr fünf – wie vor fünfzig Jahren – sondern 30 Prozent eines Jahrgangs studieren, ist einleuchtend. Das Ausufernde des Studiums haben viele der Interviewten noch in lebendiger Erinnerung. Die Unsicherheit, wenn nach fünf Jahren die erste Prüfung oder wichtige Arbeit anstand, war vollkommen. Und doch: Die Freiheit, die sich Helmut Scheben dank Stipendien und loser Studienstruktur nahm, verbieten sich heute die meisten wohl mit wehmütigem Blick auf die Punkte: «Ich dachte einfach, ich geh jetzt mal ein Semester nach Spanien. Und dann lerne ich dieses Spanien kennen und ein bisschen besser sprechen. Und wenn ich das Semester verliere, ist es auch nicht so tragisch.»

Gezweifelt wird immer

Sehnenscheidenentzündung kriegen die heutigen Studierenden eher vom Pingpong mit Punkten als vom Schreiben. Was von unserer Geschichte bleibt, wird sich erst im Rückblick zeigen. Als Student von Unsicherheiten geplagt, ob er nicht doch besser Wirtschaft anstatt Literatur studiert hätte, meint Helmut Scheben heute: «Natürlich, an der Uni hab ich auch viel Schrott und Zeug gelernt, das mir nichts gebracht hat. Vor ein paar Wochen hab ich den Keller aufgeräumt und all das Zeug entsorgt – das meiste hab ich längst schon vergessen. Aber die Literaturseminare und die Erfahrungen in Peru haben mir fürs ganze Leben was gebracht.» Lange denkt Rudolf Stichweh nach, bevor er antwortet auf die Frage, was er an der Universität gelernt habe: «Ich habe im Grunde in der Universität den Ort gefunden, der zu mir passt – ich fühle mich irgendwie zu Hause in der Universität. Hier kann ich das machen, was ich schon vorher immer machen wollte. Das heisst nicht, dass man nicht enttäuscht wird. Das ist eine sehr anspruchsvolle Vorstellung von Universität und die realen Unis genügen dem oft nicht.

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Die Personen in der Reihenfolge ihres Erscheinens im Text: Christine Nöthiger-Strahm absolvierte von 1964 bis 1968 das Sekundarlehramt, von 1971 bis 1976 studierte sie Theologie an der Universität Bern. Ihr Nebenjob als Studentin: Marktbefragungen für Chocoletti – die Leute machten stets freudig mit. Rudolf Stichweh studierte von 1972 bis 1977 Soziologie und Philosophie an der FU Berlin und der Universität Bielefeld. Als Student erlebte er an der Universität Berlin den Versuch der Dauerrevolution mit – ein Semester lang wurde gestreikt. Nach zwei Semestern wechselte er die Universität. Heute ist Stichweh Professor für Soziologie an der Universität Luzern. Hans Würgler studierte von 1948 bis 1956 an der Universität Zürich Ökonomie. Heute emeritierter Professor für Ökonomie der ETH, tanzte Würgler schon als Student auf dem Polyball. Regula Würgler absolvierte 1952 das Oberseminar in Zürich. Gerne hätte sie später auch Germanistik studiert. Das Frauenstudium war aber zu jener Zeit immer noch eher unüblich, obwohl Bern, Genf und Zürich ab 1867, als weltweit erste Universitäten (nebst Paris), auch Frauen zugelassen haben. Richard Frey studierte von 1964 bis 1971 Medizin an der Universität Basel. Der Hausarzt erinnert sich noch gut, wie Studierende gegen überfüllte Hörsäle protestiert haben. In seinen Semesterferien verdiente er Geld für eine Skandinavienreise. Richard Nöthiger studierte von 1961 bis 1967 Theologie an den Universitäten Zürich, Berlin und Göttingen. Heute ist Richard Nöthiger Pfarrer im Ruhestand, als Student wohnte er bei einer Familie für 80 Franken pro Monat in einem Studentenzimmer. Helmut Scheben studierte von 1969 bis 1979 Romanistik in Mainz, Bonn, Salamanca und Lima. Heute ist Helmut Scheben Journalist bei der Tagesschau. Er erinnert sich daran, auch mal Vorlesungen geschwänzt und wirklich «zu viel gesoffen» zu haben. Die Literaturseminare aber besuchte er mit Begeisterung.


DER EINST TREUE HEINRICH WIE DER TREUE HEINRICH SEINE NEBENROLLE SATT HAT UND SICH ALS SCHREIBERLING VON MÄRCHEN BEHAUPTET. MIT KÖNIGEN UND FRÖSCHEN ALS DEKORATION ODER IN NEBENROLLEN. UND IHM SELBST IN DER HAUPTROLLE.

Der treue Heinrich hat die Nase gestrichen voll. Die mit Diamanten besetzte Wanduhr in der Eingangshalle des Palasts schlägt zwei Mal. 14 Uhr. Heinrich ist bereits seit acht Stunden auf den Beinen. Erst hat er, wie jeden Morgen, die Fransen des roten Teppichs vor dem Thronsaal in Reih und Glied gekämmt, daraufhin ist er die 279 Stufen zum Turm emporgestiegen, um die Porzellantässchen für den heutigen Tag – das Königspaar besitzt 365 Kaffeeservices – zu holen und dabei die gestern benutzten zu verstauen. Im Stall hat Heinrich danach dem Schimmel der Königin die gelben Stellen weggebürstet und einen Franzosenzopf geflochten, nicht ohne mehrmals unterbrechen zu müssen, da das Pferd seinen Schwanz unwillig zwischen den Backen einklemmte. Um 13.50 Uhr hat Heinrich die Briefe an den König auf dessen Schreibtisch – in alphabetischer Folge nach den Absendeorten – gestapelt. Um 14 Uhr tut Heinrich, was er noch nie getan hat. Er setzt sich auf den Sessel des Königs, zieht Pergamentblätter aus der Schublade mit den geschnitzten Rosetten und greift zur Feder. Es war einmal ein Mann namens Heinrich. Er lebte alleine in einem kleinen Häuschen inmitten eines grossen Gartens. Darin befand sich ein kleiner Teich, an dessen Ufer sich Heinrich am Abend niederliess, um den Seerosen beim Einschlafen zuzuse-

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hen und dem Geplauder der Frösche zu lauschen. Am Ende eines wunderbaren Tages, als Heinrich es sich auf einem flachen Stein gemütlich gemacht hatte, hüpfte ein ihm fremder Frosch auf ihn zu. Mit seinen Kulleraugen guckte er Heinrich an und quakte: «Bei Tagesanbruch wirst du in der hellblauen Seerose ein silbernes Löffelchen finden.» Der Frosch hinterliess Ringe im Teich und einen verwirrten Heinrich. Weil dieser viel von den grünen Hopsern hielt und sich um sie sorgte, als wären sie seine Kinder, tat er, wie ihm geheissen wurde. Noch schlaftrunken erhob er sich vor Sonnenaufgang und wartete fröstelnd, bis sich die Kronblätter der hellblauen Seerose nach und nach entfalteten. Tatsächlich lag da ein silbernes Löffelchen. Geschickt holte es Heinrich zu sich, wickelte es behutsam in eine Stoffserviette und legte es in die Holzkiste zu den Schachfiguren. Er lebte zufrieden und dachte bald nicht mehr an die merkwürdige Begebenheit. Eines Abends jedoch, als er wie gewohnt am Teich sass und den Fröschen zuhörte, hopste der fremde Frosch auf seinen Oberschenkel und quakte: «Heinrich, heute Nacht wird ein böser Wirbelwind übers Land toben, er wird alle Magnolien köpfen und sämtlichen Teichen die Frösche rauben. Wenn du dich aber mit dem silbernen Löffel in der Hand dem bösen Wind entgegenstellst, wird deinen Fröschen hier im Teich nichts geschehen.» Heinrich erstarrte vor Angst. Wie konnte er mithilfe eines winzigen Löffelchens aus Silber den bösen Wirbelwind bezwingen? Trotz Zweifeln tat er, wie ihm geheissen, und wartete mit bangem Herzen auf den Sturm. Von Weitem hörte er den Wind brüllen und wüten, Heinrich schloss die Augen, hielt aber das Löffelchen mit ausgestreckten Armen gegen den Himmel. Der Wind tobte über ihm, gab aber nach einem letzten ohrenbetäubenden Schrei klein bei und zog


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«Bei Tagesanbruch wirst du in der hellblauen Seerose ein silbernes Löffelchen finden»

sich zurück, bis Heinrich ihn bloss in der Ferne noch leise fauchen hörte. Einige Tage später sass der fremde Frosch auf einem Seerosenblatt im Teich und quakte aufgeregt: «Heinrich, du hast als Einziger den bösen Wind besiegt. Heute Nacht wird ein Gewitter aufkommen, es werden anstelle von Tropfen Magnolienblüten und Frösche vom Himmel fallen.» Heinrich sorgte sich und erwiderte: «Lieber Frosch, mein Teich ist klein, hier ist kein Platz für tausend Frösche.» «Nimm dein silbernes Löffelchen und lauf zum See. Du musst dort einen Löffel Seewasser schöpfen und zu deinem Teich balancieren, ohne einen Tropfen zu verschütten.» Heinrich tat, wie ihm geheissen. Er lief, so schnell ihn seine Beine trugen, zum See, schöpfte daraus einen Löffel Wasser und balancierte zu seinem Häuschen. Als er das Seewasser dem Teich zugefügte hatte, trug sich etwas gar Sonderbares zu. Eine Mulde tat sich in Heinrichs Garten auf, wurde immer grösser, bis sie schliesslich mit dem See zusammenwuchs, aus dem Heinrich Wasser geschöpft hatte. Wenige Augenblicke später zogen dunkle Wolken am Himmel auf und Heinrich sah, was er bisher noch nie gesehen hatte. Tausende Magnolienblüten schwebten vom Himmel und Frösche fielen hinterher. Heinrich umklammerte das Löffelchen und schaute in den Himmel. Als dieser sich wieder blau färbte, zog er seine Schuhe aus und liess seine nackten Füsse im See baumeln. Der fremde Frosch setzte sich zu ihm ans Ufer und quakte: «Lieber Heinrich, du hast uns Frösche vor dem Tod bewahrt, ab heute werden wir dich Froschkönig nennen und dir dienen.» Drei Frösche sprangen auf Heinrichs Haupt und setzten ihm einen Kranz aus Magnolienblüten auf. Noch am selben Abend wurde ein grosses Fest gefeiert. Der Froschkönig und die Frösche lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Heinrich legt die Feder zur Seite und betrachtet seinen Zeigefinger, auf welchem sich unschwer eine Blase ausmachen lässt. Er seufzt, verschränkt die Arme und ordnet die voll gekritzelten Bögen. Nachdem er sich geräuspert hat, liest er sein Märchen laut vor, als hätte er ein Publikum

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zu seinen Füssen. Dann greift er erneut zur Feder, lässt nach «Lebensende» einige Zeilen frei und notiert: Gnädige Königin, gnädiger König, in den Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, sind schöne Geschichten wahr geworden. Ich wünsche mir ein Häuschen mit Garten. Noch heute werde ich mich aufmachen, um einen geeigneten Fleck Er-

de zu finden und meinen Wunsch zu verwirklichen. Ihr einst treuer Heinrich. Heinrich steht auf, rückt den Stuhl zurecht und schreitet ein letztes Mal über den Marmorboden, auf welchem die Schritte bis in die zweite Etage hallen, und verlässt den Palast, um seine Hauptrolle einzunehmen. r Text Martina Zimmermann, Illustration Milena Gsteiger

Zur Erinnerung: Der Froschkönig oder der treue Heinrich (Gebrüder Grimm) Die jüngste von drei Königstöchtern, deren ausserordentliche Schönheit selbst die Sonne, welche schon so vieles gesehen hatte, immer wieder staunen liess, spielte oft mit einer goldenen Kugel am Brunnenrand unter einer alten Linde. Eines Tages fiel ihr die Kugel statt in die Hand auf die Erde und rollte ins Wasser. In ihrer Verzweiflung versprach sie einem Frosch, ihn liebzuhaben, sein Geselle und Spielkamerad zu sein, ihn an ihrem Tischlein neben sich sitzen, von ihrem goldenen Tellerlein essen, aus ihrem Becherlein trinken, ja sogar in ihrem Bettchen schlafen zu lassen, wenn er ihr die goldene Kugel heraufholen würde. Die Königstochter freute sich riesig, als sie ihr liebstes Spielzeug wieder hatte, und kehrte glücklich zum Schloss zurück, ohne sich weiter um den Frosch zu kümmern. Am nächsten Tag sass dieser jedoch vor der Tür und erinnerte sie an ihre Abmachung. Der König befahl ihr, ihr Versprechen einzulösen, und widerwillig liess die Tochter das Tier von ihrem Tellerchen essen und aus ihrem Becherlein trinken. Als er sie jedoch in ihrem Kämmerlein darum bat, sich zu ihr ins Bettchen legen zu dürfen, wurde sie böse und warf ihn gegen die Wand, worauf er sich in einen Königssohn verwandelte. Dieser wurde ihr Gemahl, er war von einer Hexe verwünscht worden. Bereits am anderen Tag wurden sie vom Diener des jungen Königs, dem treuen Heinrich, samt Pferdewagen abgeholt. Dieser hatte sich drei eiserne Bänder ums Herz legen lassen, als sein Herr in einen Frosch verwandelt worden war, damit es ihm nicht vor Weh und Traurigkeit zerspränge. Auf der Fahrt ins Reich des jungen Königs krachte es auf dem Weg drei Mal, und der Königssohn meinte immer, der Wagen bräche. Doch es waren nur die Bänder, die vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein Herr nun erlöst und glücklich war.


Sophie Rois

Sebastian Schipper

Tom Tykwer

ARTWORK: CHRISTIANE JÄGER

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XAVIER DOLAN

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ERKENNEN WIR UNS WIEDER? DIE STUDIENZEIT IST DIE ZEIT, IN DER GEWISSE TRÄUME NOCH BESTEHEN, ANDERE VERBLASSEN UND NEUE AUFKEIMEN. UND SIE IST DIE ZEIT, IN DER WIR DIE FREUNDSCHAFTSBÜCHER VON FRÜHER NOCHMALS IN DIE HAND NEHMEN SOLLTEN, BEVOR SIE BEIM NÄCHSTEN AUS- ODER UMZUG ENDGÜLTIG VERSCHWINDEN.

Ein Blick in die verstaubten, kartonierten Freundschaftsbücher lohnt sich. Und das nicht nur der Frisuren der ehemaligen Schulkolleginnen oder der Sportklub-Kumpanen wegen. Nach den ersten Lachern über die Frisur, die direkt aus einer Dokumentation über den Mauerfall zu entstammen scheint, bieten die alten Freundschaftsbücher viel mehr. Der Eintritt ins Studienalter verlangt vielen Gymnasiasten die erste Entscheidung überhaupt ab. Während die Wahl der Schwerpunkte in der Mittelschule eher kosmetischer denn funktioneller Natur war, werden nun also erstmals wirkliche Weichen gestellt. Weichen, die den Weg ins Berufsleben ebnen sollen und die in einem Zwischenjahr erst einmal überdacht sein wollen. Aber was, wenn der Road Trip in Down Under oder die Rekrutenschule in Payerne nicht die gewünschte Klärung bringt? Vielleicht hilft ein Blick ins Freundschaftsbuch von damals. Wer in der zweiten Klasse schon eine Antwort auf die Frage «Was ich später mal werden möchte» bereit hatte, kann sich bei der Berufs- oder Studienwahl eigentlich nicht ernsthaft schwer tun, oder? Eingang in die Freundschaftsbü-

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cher finden nämlich nicht etwa die Prinzessin oder der Cowboy von der Kinderfasnacht. Beliebt sind vielmehr lebensnahe Berufe. Zu den Polizisten und Automechanikern gesellt sich die Gruppe der Maler oder Fussballer. Wer hat nicht schon davon geträumt, mit dem liebsten Hobby seine Brötchen zu verdienen?

Die Elefantenwärter

Wie entsteht so ein Freundschaftsbucheintrag überhaupt? Zuerst wird das Buch geöffnet und die erste unbeschriebene Seite herausgesucht. Diese unbeschriebene Seite aber ist gähnend leer und allerspätestens nach dem Eintragen der Pflichtfelder «Körpergrösse» oder «Sternzeichen» ist es mit der Kreativität zu Ende. Schnell laden die vorangehenden Seiten, die allesamt bunt bemalt und beschrieben sind, zum Blättern und zur Inspiration ein. Es mag noch einleuchten, dass der grösste Wunsch mehrerer Kameradinnen die faire Ernährung der gesamten Menschheit ist. Dass aber zwei Kollegen im selben Freundschaftsbuch unbedingt «Elefantenwärter» werden wollen, ist kaum nur auf den Zoobesuch zurückzuführen. Ein verwandtes Phänomen: Je weiter hinten im Freundschaftsbuch, desto länger die Liste der Hobbys. Zwar steigt mit fortschreitendem Alter oft tatsächlich die Anzahl der Aktivitäten, aber die eine oder der andere wird sich vielleicht auch am reichen Fundus der vorherigen Einträge bedient haben. Mit der Zeit kommt schliesslich die Routine: Irgendwann ist es eben nicht mehr angesagt, mit Barbiepuppen zu spielen oder «Bäckschtreet Bois» zu hören und das hat dann auch so im Freundschaftsbuch zu stehen. Und dann, wenn im Laufe des Studiums einige Kumpels aus der Primarschule bereits mit beiden Beinen fest im Leben


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stehen, ist sie plötzlich wieder da: Die Frage nach der Orientierung: Weshalb drücke ich noch immer die Schulbank im etwas grösseren Klassenzimmer, während Kumpel X gerade seine Liebste geheiratet hat und wieder einmal in eine neue Wohnung zieht? Nun können Felder wie der Berufswunsch nicht mehr einfach beim nächsten Eintrag geändert werden. Vier Studierende haben den Blick ins Freundschaftsbuch gewagt und reflektieren ihre Einträge.

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Caroline, 19, Biologie

«Nein, ich erkenne mich überhaupt nicht in meinen Einträgen! Wobei. Doch, eigentlich schon. Beim grössten Wunsch hätte ich auch einfach ‹ich weiss nicht› hinschreiben können. Aber so bin ich nicht. Ich habe lieber noch einen drauf gegeben. Deshalb mochte ich wohl auch Barbies nicht. So à la ‹Ich bin nicht das typische DurchschnittsMädchen›. Dabei hatte ich die Barbie-Phase später schon auch noch. Ich hatte lange Zeit immer mehr Kollegen als Kolleginnen, vielleicht nicht zuletzt weil ich mit einem Bruder aufgewachsen bin. Dass ich Bäckerin werden wollte, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich mochte in der Schule immer alle Fächer, was die Entscheidung für den richtigen Studiengang nicht erleichtert hat. Weil ich eine Herausforderung suchte, etwas Neues ausprobieren wollte, habe ich mich zunächst für Informatik eingeschrieben. Mittlerweile studiere ich Biologie, wofür ich mich besser begeistern kann.


Laura, 21, Journalismus und Organisationskommunikation

«Ich habe noch immer Schuhgrösse 35! Aber sonst hat sich schon sehr viel geändert, vor allem bei den Hobbys . Damals war das Voltigieren [Akrobatik auf dem Rücken eines Pferdes, Anm. d. Red.] alles für mich. Später habe ich mich aber schnell an der Stadt orientiert und bin viel gereist, sicher prägende Elemente. Trotzdem würde ich meine Kindheit auf den Bauernhöfen um keinen Preis hergeben. Während eines Klassenlagers in einem abgelegenen Kaff in Graubünden sind die Stadtzürcher bei der Geburt eines Kälbleins fast ausgeflippt – für mich war das Ereignis nicht sehr speziell. Sollte ich einmal sesshaft werden, dann wohl kaum in der Stadt. Dafür habe ich das Land zu gerne, auch wenn ich schon lange keine Mistgabel mehr in den Händen hatte. Die Ruhe und das Grüne fehlen mir in der Stadt. Geschrieben habe ich bereits damals gerne und ich hatte viele Brieffreundinnen. Bis heute fasziniert mich bei Büchern – nebst dem Inhalt – vor allem eine fesselnde Sprache. Schon damals wollte ich eine kleine Weltverbesserin sein, war gegen Tierquälerei und wollte beim WWF arbeiten. Vielleicht mit ein Grund, weshalb ich jetzt in Richtung Journalismus gehe.»

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Mathis, 20, Wirtschaftsinformatik (siehe Eintrag auf Seite 19)

«Karate würde ich heute gerne wieder machen, doch leider fehlt dazu die Zeit. Das habe ich damals auch nur gemacht, weil meine Mutter fand, ich müsse etwas für die Selbstverteidigung machen. Dafür bin ich jetzt bei der Pfadi als Abteilungsleiter engagiert. Ich bin wohl kurz nach meinem Eintrag dort beigetreten. Für mich ist die Pfadi eine riesige Plattform, wo ich Dinge einfach mal anpacken kann. Es ist wie ein Virus: Wenn ich sehe, wie jemand ein Lager auf die Beine stellt, will ich das auch machen. Und wenn mal etwas schief läuft, ist das nicht so schlimm wie in der Arbeitswelt. Die meisten Kollegen aus meinem Freundschaftsbuch kenne ich nur noch flüchtig. Trotzdem ist für mich klar: Auch wenn ich vielleicht mal in der Stadt arbeite, werde ich ganz sicher nie vom Dorf wegziehen. Ich habe mir da bereits zu viel aufgebaut. Meinen damaligen Berufswunsch habe ich spätestens im Gymnasium aus den Augen verloren. Ich suchte etwas Konkreteres und bin bei der Wirtschaftsinformatik gelandet. Beim Blick in das Freundschaftsbuch ist vielleicht auch eine gewisse Genugtuung dabei: Klar, ich bin nicht das geworden, was ich da geschrieben habe. Aber ich bin doch auf dem rechten Weg.»


Cornelia, 20, Rechtswissenschaften

«Oh je, Dalmatiner! Damals war ich begeistert von diesen Tieren und das nur wegen des Films. Aber heute kann ich den Anblick der schwarzen Flecken auf dem weissen Fell kaum mehr ertragen. Kindergärtnerin dagegen wollte ich noch lange werden. Zwischenzeitlich habe ich mich etwas umorientiert und sogar eine Lehrstelle als Floristin gesucht. Bei den einen Menschen scheint der Weg irgendwie vorbestimmt. Das bewundere ich, da sie sich so weniger Gedanken machen müssen. Ich selber habe mich bei der Entscheidung schwer getan. Im Zwischenjahr konzentrierte ich mich auf die Studiengänge Biologie, Ethnologie und Recht. Den Entscheid habe ich so gefällt: Ich bin in je eine Vorlesung gesessen, deren Name mich absolut abgeschreckt hat. Am Ende hat mich die Vorlesung über Aktien- und Börsenrecht am meisten überzeugt, weshalb ich bei den Juristen gelandet bin. Und siehe da, mir gefällt es super! Ich möchte unbedingt die Anwaltsprüfung machen.» r Text Dominic Illi, Bilder Selin Bourquin

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Irgendwann ist es eben nicht mehr angesagt «Bäckschtreet Bois» zu hören.


EIN KINDHEITSAUFSATZ In einem Schulaufsatz von 1979 zum Thema «In zehn Jahren» schrieb Rosmarie B.: «Heute ist der 25. Oktober, ich spaziere mit meinen zwei Söhnen, Bernard und Jérome dem Rhein entlang. Es ist ein wunderschöner Herbsttag, die Blätter an den Bäumen sind schon bunt. Seit vier Jahren lebe ich mit meinem Mann Roger in Basel. Ich bin hier sehr glücklich, obschon ich anfangs Heimweh hatte. Mein Mann, die zwei Knaben und ich leben in einem Einfamilienhaus am Rande der Stadt, es ist sehr ruhig. Im Augenblick ist meine jüngere Schwester bei uns in den Ferien, sie hat sich anerboten, diesen Abend unsere Kinder zu hüten. Ich bin sehr froh, einmal einen Abend frei zu sein, man kann die Kinder ja nicht gut allein lassen, solange sie noch so klein sind. Roger und ich werden diesen Abend mit zwei befreundeten Ehepaaren verbringen. Jérome

kommt gerannt und will unbedingt getragen werden, er ist jetzt zwei Jahre alt und sehr lebendig. Sein Bruder Bernard ist vier Jahre alt und tollt gerade mit dem Schäferhund Kastor umher. Jetzt werde ich noch in die Stadt einkaufen gehen fürs Abendessen und für Morgen. Es ist ziemlich beschwerlich, mit den zwei Knaben in die Stadt zu gehen. Roger wird ungefähr um 18.15 Uhr heimkommen, danach werden wir essen, und nach dem Essen werden noch die zwei Buben ins Bett gebracht. Ungefähr um 20.00 Uhr werden wir zum Ausgehen fertig sein. Ich freue mich darauf.» Vieles, was Rosmarie damals voraussah, ist eingetroffen. Dass nun der Hund nicht Kastor heisst und eine Katze ist – ein Detail. Zudem: Rosmarie lebt nicht in Basel. Sie ist ins Zürcher Oberland gezogen und hat meinem Bruder und mir glücklicherweise etwas modernere Vornamen gegeben.

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SPRACHSCHULE FUSSBALL ENTSCHEIDUNGEN SIND WERTVOLL, ABER NICHT IMMER LEICHT. SIE FÜHREN UNS DAHIN, WO WIR HEUTE SIND UND HÄTTEN WIR SIE NICHT GEFÄLLT, WÄREN WIR HEUTE WOANDERS. WAS WÄRE WENN? STUDIVERSUM HAT SICH MIT DEM DEFENSIVALLROUNDER DER YOUNG BOYS UND EHEMALIGEN NATIONALSPIELER, CHRISTOPH SPYCHER, IM STADE DE SUISSE IN BERN GETROFFEN.

Lieber Wuschu [Übername von Christoph Spycher, Anm. d. Red.], nach der Matur stand dir alles offen. War es für dich eine schwierige Entscheidung, nicht zu studieren? Oder hast du gar ein Studium begonnen? Angefangen habe ich eigentlich nichts, aber ich war an der Uni Bern für Wirtschaft immatrikuliert, weil ich nicht wusste, wo mich mein Weg hinführen wird. Ich hatte einen Vertrag beim FC Luzern, aber dieser stand damals nahe am Konkurs. Es ging um Tage und Stunden, ob sie genug Geld auftreiben können und die Lizenz erhalten. Ohne diese hätte ich nicht in die Nati A wechseln können. Wenn das so gewesen wäre, hätte ich vermutlich für einen Nati-B-Verein gespielt, aber im Ungewissen, ob ich davon leben könnte. Deswegen war ich «präventiv» an der Uni eingeschrieben. Ich habe das Studium dann aber nie begonnen. Wäre Wirtschaft das Einzige gewesen, das du dir vorstellen konntest? Gab es keine anderen Optionen? Das Grundstudium in Wirtschaft hätte ich sicher durchgezogen. Das hab ich so im Ge-

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fühl, ausser es wäre ganz schrecklich gewesen (lacht). Das kann ich allerdings nicht beurteilen. Denkst du, du hättest auch auf diesem Weg im Bereich Fussball gearbeitet? Fussball und Wirtschaft zusammen bieten auch Möglichkeiten. Es hätte sicher verschiedene Optionen gegeben. Die Möglichkeit, nach dem Grundstudium noch in den Profibereich zu gehen, war sicher da. Ansonsten: Fussballspielen auf Halbprofibasis oder nur hobbymässig in der Erstliga, um mir mein Studium zu finanzieren. Das wäre sicher auch ein Weg gewesen. Das hätte ich mir auch gut vorstellen können, aber ich hatte dann die Chance in den Profibereich zu gehen und das wollte ich zumindest versuchen. Ich wusste allerdings nicht, wie das sein würde und so habe ich erst mal einen Einjahresvertrag mit dem FC Luzern vereinbart. So konnte ich bei den Profis reinschauen und herausfinden, ob ich da überhaupt bestehen und den Durchbruch schaffen kann. Ich wollte mir nichts verbauen. Das klingt alles so vernünftig. Gehst du gerne auf Nummer sicher? Schon ziemlich. Meine Karriere war auch immer so: Ein Schritt nach dem anderen. Ich habe nie etwas ganz Verrücktes gemacht. Es kam immer der nächstlogische Schritt. Zuerst habe ich zwei Jahre in Luzern gespielt, dann ging ich zu GC, dem damaligen Spitzenverein in der Schweiz, dann kam ich in die Nationalmannschaft und darauf folgte der Wechsel ins Ausland. Das Ganze ging step by step. Das habe ich auch nie bereut (lächelt). Wo hast du deine Matur gemacht? Warst du in einem Sportgymnasium? Im Gymi Lerbermatt in der Nähe von Bern.


«Ich habe nie etwas ganz Verrücktes gemacht. Es kam immer der nächstlogische Schritt» es ihnen leichter fiel. In der Fussballmannschaft verliert man die Hemmungen Fehler zu machen. Man redet einfach. Das finde ich sehr positiv, da kann man profitieren und es immer wieder anwenden. Im FC hat man die Wahl: Entweder man versucht es oder spricht gar nicht miteinander.

31.10.2010, Young Boys - Grasshoppers 1:0 (0:0) – Christoph Spycher setzt sich gegen den Grasshopper Toko durch.

Es ist ein normales Gymnasium. Ich bin in Bern aufgewachsen. Früh zu YB zu gehen, wäre eine Alternative gewesen. YB hatte damals finanzielle Probleme und auch kein spezielles Angebot für den Nachwuchs. So spielte ich in der Erstliga beim SC Bümpliz und danach beim FC Münsingen. Von der Belastung her war das tiptop: drei bis vier Mal Training abends unter der Woche und am Wochenende ein Spiel. So harmonierte das gut mit dem normalen Gymi. Sportgymis wurden erst später populär. Ich kannte das noch nicht so. Gab es auch Zeiten der Selbstzweifel? Sicher war es immer ein Traum, Profifussballer zu werden, aber es war nicht das grosse Ziel über Jahre hinweg. Nicht wie eine Obsession: Das muss ich jetzt unbedingt erreichen. Ich habe einfach gerne «getschuutet». Und eines Tages kamen die ersten Angebote und dann habe ich auch daran geglaubt, dass das realistisch ist, dass ich diesen Weg gehen kann. Aber sicher gab es auch Zweifel. Kann ich das schaffen? Gefällt es mir? Ich hatte schon Selbstvertrauen, aber dieses ist nicht zu vergleichen mit dem Selbstverständnis, mit dem die Jungen heute in den Profisport gehen. Ich war manchmal zu selbstkritisch. Es ist allerdings ein schmaler Grat – einerseits ist ein positives Auftreten sehr gut, aber ein wenig Selbstkritik ist auch notwendig. Ich habe mich hinterfragt und versucht zu verbessern. In diesem Bereich muss man einen guten Weg finden. Am 20. Mai 2010 schrieb die NZZ unter dem Titel «Spycher wie Beckham», dass der Nationalmannschaft mit deinem Rücktritt eine Integrationsfigur verloren geht. Du und Cabanas hätten es den neuen Spielern dank eurem sozialen Denken und eurer Mehr-

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sprachigkeit einfacher gemacht, sich zu integrieren. Wie viele Sprachen sprichst du? Französisch, Italienisch, Englisch – und ein wenig Portugiesisch, aber darin kann ich mich nicht grossartig unterhalten. Mit meinen Kenntnissen könnte ich mich in Brasilien durchschlagen, aber perfekt beherrschen tue ich es nicht. Das Meiste habe ich im Gymi gelernt. Italienisch hatte ich im Freifach. Der Sport ist hier sehr dankbar, vor allem in der Schweiz. In der Schule ist es zu theoretisch und wird praktisch kaum angewendet. Als ich zum FC Luzern kam, habe ich mich mit einem Unterwalliser sehr gut verstanden, schlussendlich haben wir sogar eine WG gegründet. Da er nicht so gut Deutsch gesprochen hat, haben wir daheim immer Französisch geredet. Das war für mich natürlich der Sechser im Lotto. Ich habe grosse Fortschritte gemacht. Ich hatte auch viele Teamkollegen, die Italienisch und Französisch sprachen. Viele waren auch Südamerikaner, die dann Italienisch statt Deutsch gelernt haben, weil

Du bist früh in eine WG gezogen. Als ich zu Luzern ging, war ich 21. Erst habe ich ein Jahr alleine gelebt und dann mit meinem Mitspieler Sébastien Lipawsky gewohnt. Nach Luzern wurde er nach Locarno ausgeliehen, danach hat er ein Studium begonnen und seine Karriere abgebrochen. Was hältst du für deine grösste Stärke? Ich bin sicher sehr zuverlässig. Man kann sich auf mich verlassen. Die Menschen, die mir wichtig sind, sollen wissen, dass ich immer für sie da bin. Bei Eintracht Frankfurt warst du auch Captain. Würdest du dich als Leaderfigur bezeichnen? Leaderfunktionen hatte ich in jeder Mannschaft. Das hat sich einfach immer so ergeben. Bei Luzern war ich nach dem ersten Jahr Vize-Captain. Da war ich 22. Bei GC dasselbe und bei Eintracht dann auch noch Captain. Es hat sich dann herauskristallisiert, dass ich keine Angst hatte Verantwortung zu übernehmen. Die Trainer haben auch gespürt, dass ich kein Individualist bin und dass der Erfolg der Mannschaft für mich das Wichtigste ist. Ich habe alles aufmerksam beobachtet. Wenn es einem

Seit dieser Saison endlich bei YB: Christoph Spycher.


Mitspieler mal nicht gut ging, dann war ich für ihn da. Dein Vorbild war Zinédine Zidane. Ihm zuzuschauen war das Schönste. Alles sah so einfach aus. Fussball war bei ihm Kunst. Er hat mich auch als Person fasziniert. Ich durfte sogar gegen ihn spielen. Seine Aura ist ganz speziell – mal abgesehen davon, wie heissblütig er auf dem Platz sein konnte (lacht), auch am Ende seiner Karriere. Über ihn und seine Familie wurde nie etwas Skandalöses berichtet; er hat die Familie abgeschottet. Auch für mich ist die Familie das Wichtigste. Wir bleiben dem Rampenlicht fern. Du hast auch Kinder. Spielen sie schon Fussball? Sie sind halt noch sehr klein. Dominik wird drei. Mit ihm spiele ich manchmal, wenn er Lust hat und Claudio ist erst zwei Monate alt. War es eigentlich auch ein Traum von dir, in Deutschland zu spielen? Wenn man als Kind in der Deutschschweiz aufwächst, interessiert man sich schon immer für die Bundesliga. Sie wird genial ver-

marktet. «Sportschau» und «ran» habe ich oft geschaut. Auch als ich bei GC spielte, war das mein grosser Traum. Vor allem aber eine Herausforderung. Wollest du gezielt zurück in die Schweiz? Oder kam das mit dem Angebot von YB? Nein, aber das war ein Traum, den ich mir noch erfüllen wollte. Ich bin ja auch in Bern aufgewachsen. Als Kind habe ich das Schicksal von YB mitverfolgt. Privat sehen wir unsere Zukunft als Familie in der Region Bern. Unsere Eltern, Schwiegereltern und engsten Freunde leben auch hier, deswegen hat es uns zurück in die Heimat gezogen. Ist es dir schwer gefallen, dich nach der Verletzung ganz vom Nationalteam zu verabschieden? Ja, es war nicht leicht. Ich hatte bereits vorher die Idee, dass nach der WM 2010 Schluss sein wird – aus verschiedenen Gründen: altersmässig, um jungen talentierten Spielern Platz zu machen und privat wegen dem zweiten Kind, das wir erwarteten. Mit den Europa-League-Spielen von YB und den Spielen der Nati wäre ich nicht mehr oft daheim gewesen. Viele Gründe sprachen da-

für, aber ich kam auch noch ins Wanken, weil ich verletzt war und mir einen anderen Abgang gewünscht hätte. Aber nur weil ich einen anderen Abgang wollte, konnte ich nicht alle Gründe über den Haufen werfen. Auch wenn es nicht so schön war, man kann es sich nicht immer aussuchen. Die WM wäre ein schöner Abschluss gewesen. Was sind deine Interessen neben dem Fussball? Mich fasziniert Sport allgemein – Eishockey, Inlineskating. Ich bin ein grosser SkiFan. Jedes Ski-Rennen sehe ich mir an. Mit dem älteren Sohn gehe ich viel Fahrradfahren. Aber während der Karriere musste vieles zurückgestuft werden, wie Kinobesuche, Konzerte und so. Ich bin sonst schon noch viel weg und unternehme dann nur Dinge, bei denen die Kinder dabei sein können. Primär steht die Familie im Vordergrund, aber alles andere sind Dinge, auf die ich mich nach der Karriere freue. Zum Beispiel einmal spontan mit der Familie eine Städtereise zu unternehmen oder mit dem Camper durch die USA kurven. Der Vertrag als Spieler läuft noch bis 2013 und dann mal schauen, wo der Weg hinführt. r Text Raffaela Angstmann, Bilder zvg

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Foto: sint / photocase.com

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UNIPOLITIK

GUTEN RUTSCH NACH DEM BACHELOR KOMMT DER MASTER. WAS IN DER THEORIE SO EINFACH KLINGT, STELLT SICH IN DER PRAXIS OFT ALS SCHWIERIG HERAUS. DER ÜBERGANG VOM BACHELOR ZUM MASTER HAT SICH BEREITS FÜR SO MANCHEN STUDIERENDEN ALS KNACKNUSS ERWIESEN UND ZEIGT, DASS IN SACHEN BOLOGNA NOCH EINIGES ZU TUN IST. Im Rahmen der Bologna-Reform wurde in ganz Europa ein dreistufiger Studienaufbau eingeführt – Bachelor, Master, Doktorat. Nach einem Bachelor kann man also einen Master anhängen. Dabei bieten sich den Studierenden nach dem Bachlor drei Optionen: In der gleichen Fachrichtung an der gleichen Uni weiterzustudieren, in der gleichen Fachrichtung an einer anderen Uni weiterzustudieren oder aber die Fachrichtung zu wechseln, mit oder ohne gleichzeitigem Universitätswechsel. Dass hier Probleme auftreten könnten, antizipierte die Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten CRUS bereits im März 2006. Vor allem bei den beiden letzteren Möglichkeiten könne sich der administrative Aufwand stark erhöhen, können Kollisionen bei Prüfungsterminen auftreten und unterschiedliche fachliche Schwerpunkte der Universitäten zu Anrechnungsproblemen führen. Sie behielt Recht.

Bern - Zürich – nicht ganz so – einfach Etna Engeli studierte in Bern Psychologie, Psychopathologie und Ethik im Bachelorstudiengang. Nach Erhalt des BachelorZeugnisses, für das Etna eine nicht angekündigte Gebühr von 300 Franken bezahlte, wollte sie ihr Studium im Master an der

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Uni Zürich fortsetzen. Ihr wurde mitgeteilt, dass die Uni Zürich nachprüfen müsse, ob die Leistungen, die sie im Bachelor an der Uni Bern erbracht hatte, inhaltlich gleichwertig seien wie jene eines Zürcher Bachelorabschlusses. Die Psychologiestudentin musste dafür detaillierte Beschriebe jedes Kurses, den sie an der Uni Bern belegt hatte, sowie Leistungsnachweise (Semesterarbeiten oder andere Dokumente) in einem Dossier zusammenstellen und an der Uni Zürich einreichen. Ein enormer zeitlicher und administrativer Aufwand. «Sie machten es mir nicht einfach», erinnert sich Etna. Insbesondere die Detailbeschriebe der besuchten Kurse musste sie in mühsamer Kleinarbeit in Vorlesungsverzeichnissen und Archiven zusammensuchen. Dass die Universitäten sicher gehen wollen, dass ihre Masterstudenten über genügend Vorwissen verfügen, ist verständlich. Die unterschiedlichen fachlichen Schwerpunkte, die die Universitäten setzen, erschweren dabei eine solche Überprüfung. Diese Individualität der Unis soll auch erhalten bleiben, betont der StuRa Zürich in einem Positionspapier. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass ein Ziel der Bologna-Reform eine Verbesserung der Mobilität sei und Bachelor-Abschlüsse auch von anderen Unis als solche anerkannt werden müssen. In diesem Licht erscheint das drei Zentimeter dicke Dossier, das Etna bei der Uni Zürich einreichen musste, unerklärlich. Eine Woche vor Semesterbeginn wurde Etna mitgeteilt, dass sie ohne zusätzliche Auflagen ihren Master in Psychologie an der Uni Zürich beginnen kann. Die Unsicherheit, die sie den ganzen Sommer über geplagt hatte, hat ihre Freude darüber jedoch ziemlich getrübt.

Ein spezieller Masterstudiengang

Von einem Masterstudium ohne zusätzliche Auflagen kann Anouk N’Guyen im Moment nur träumen. Sie hat an der Uni Basel einen Bachelor in Wirtschaft und Germanistik absolviert und hat mit zwei gleichwertigen Hauptfächern abgeschlossen. Als einzige Schweizer Uni bietet die Uni Basel die Möglichkeit, den Bachelor in zwei Hauptfächern abzuschliessen. Seit Be-

ginn des Herbstsemesters studiert Anouk nun an derselben Uni «Sustainable Development», einen spezialisierten Masterstudiengang. Diesen hat sie unter anderem deshalb gewählt, weil sie mit ihren zwei Hauptfächern, für die sie je 75 ECTS-Punkte sammeln musste, keinen regulären Master antreten kann. Der spezialisierte Masterstudiengang «Sustainable Development» setzt gemäss Studienordnung einige Kriterien voraus, die Anouk allesamt erfüllte. In einer Auflistung wird zudem festgehalten, welche Bachelor-Abschlüsse einen für den Master in «Sustainable Development» qualifizieren. Mit Wirtschaft verfügt Anouk über einen solchen Abschluss. Wie dieser auszuschauen hat, ist nicht geregelt und ihr wurde versichert, dass die Tatsache, dass sie «nur» 75 ECTS-Punkte in Wirtschaft gemacht hat, zu keinerlei Problemen führen würde. Umso überraschter war Anouk, als ihr vier Tage vor Semesterbeginn schriftlich mitgeteilt wurde, dass sie zusätzlich 24 ECTSPunkte in Wirtschaft erwerben müsse. Nie sei vorab kommuniziert worden, dass sie in Wirtschaft bestimmte Fächer hätte belegen müssen, so Anouk. Nur, dass ein Bachelor in Wirtschaft nötig sei. «Die Auflagen», fügt sie hinzu, «haben zudem inhaltlich kaum etwas mit meinem Masterstudiengang zu tun.» Dass sie Auflagen bekommen habe, sei nicht das Hauptproblem, betont Anouk. Was sie aber störe, sei die schlechte Kommunikation. Wer sich vorab informiert, erhält zwar Auskunft, die schlechten Absprachen zwischen den verschiedenen Stellen machen diese Auskünfte jedoch wertlos. Die zusätzlichen ECTS-Punkte wurden Anouk nicht von der Studiengangsleitung auferlegt, sondern von der Prüfungskommission der Uni Basel. Dort hat die junge Studentin nun Rekurs eingelegt, ein weiterer administrativer Aufwand. Sie wartet noch auf den Bescheid.

Bei den Bachelor-Zeugnissen muss mit Verspätungen gerechnet werden

Es kommt immer wieder vor, dass beim Übergang vom Bachelor zum Master Probleme auftreten. Lukas Kissling von der Studentischen Körperschaft der Universität

Basel (Skuba) ist zwar der Meinung, dass der normale Übergang vom Bachelor zum Master eigentlich problemlos sein sollte, räumt aber ein, dass ein Wechsel der Uni oder gar der Fachrichtung schon zu Komplikationen führen könne. Gerade die verspätete Ausstellung des Bachelor-Zeugnisses hat schon manchen verärgert. Wenn man im Sommer den Bachelor macht und sein Zeugnis nicht innerhalb von ein bis zwei Monaten erhält, kann man kaum im Herbst mit dem Master beginnen. Studierende, die dies betrifft, können sich offiziell noch nicht an der Uni einschreiben und haben somit oft keinen Zugang zu E-Learning-Angeboten oder E-Mail-Accounts. Insbesondere deutsche Studierende hätten hier Probleme, da ihre Semesterdaten nicht mit jenen der Schweizer Unis übereinstimmen. So ist die verspätete Ausstellung des Bachelor-Zeugnisses fast der Regelfall und deutsche Studierende können sich nicht für den Master an einer Schweizer Uni einschreiben. Sie müssen dann oft einen Schleichweg gehen, schreiben sich als Bachelorstudent ein, warten den Erhalt des Bachelor-Zeugnisses ab und schreiben sich dann für den Masterstudiengang ein. Auch das eine Verkomplizierung der Administration, mit der sich die Studierenden ohnehin schon herumschlagen müssen.

Alla Bolognese

Die Beispiele zeigen, dass in der Schweiz die Ziele der Bologna-Reform noch längst nicht erreicht sind. Dies liegt unter anderem daran, dass die Bildungslandschaft Schweiz kein einfaches Terrain für eine Harmonisierung ist. Zwar sind auf nationaler Ebene einige Punkte vorgegeben worden, in der Umsetzung der Reform haben die Hochschulen jedoch grosse Freiheiten. Die Ausarbeitung von Regelungen wird somit nach unten delegiert und gleichzeitig von einer Vielzahl von Akteuren ausgearbeitet. Dies führt zu Unstimmigkeiten und Inkompatibilitäten. Zu viele Köche verderben bekanntlich den Brei. Die Suppe auslöffeln müssen dann die Studierenden. r Text Karin Reinhardt, Illustration Melanie Imfeld

SURFEN Mehr zur Rubrik «Unipolitik» findest du unter www.semestra.ch

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REPORTAGE

EXPERIMETHIK ETHIK IST EIN LEIDIGES THEMA. NUR ALLZU OFT HANDELT MAN SICH DAMIT DAS ATTRIBUT DES BESSERWISSERS UND GUTMENSCHEN EIN. MANCHMAL MUSS MAN ABER ETHISCH ARGUMENTIEREN, WENN ES UM DEN SCHUTZ PERSÖNLICHER RECHTE GEHT. SO AUCH BEI EXPERIMENTEN MIT STUDIERENDEN? Dem unkundigen Beobachter kommen beim Stichwort «Menschenversuche» schnell Schreckensvorstellungen von Missbrauch, Wahnsinn oder tödlichem Forschungseifer in den Sinn, sicherlich genährt durch Filme wie «Frankenstein» oder «Das Experiment», aber auch durch geschichtliche Hintergründe und reale sozialpsychologische Experimente in den 1960er- und

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1970er-Jahren. Besonders berühmt geworden sind das Milgram-Experiment und das Stanford-Prison-Experiment (siehe Kasten). Bei beiden Studien handelt es sich um ethisch hinterfragbare, aber innovative Forschung, die das Dilemma zwischen dem Schutz grundlegender Rechte und dem Erzielen wissenschaftlichen Fortschritts beispielhaft auf den Punkt bringt. Und beide könnte man heute in dieser Form kaum mehr durchführen: Sie würden schon im Ansatz von einer Kommission geblockt oder die Sozialpsychologen trauten sich wohl gar nicht mehr, solche Experimente zu planen und durchzufühen.

Ein breites Angebot

Auch an Schweizer Hochschulen finden täglich Versuche mit Menschen statt. Die Palette der involvierten Wissenschaften ist breit und reicht von den klassischen klinischen Disziplinen Medizin und Pharmazie über die Psychologie und Wirtschaftswissenschaften bis hin zur Soziologie und Medienwissenschaften. Ein gezwungenermassen selektiver Überblick zeigt, in welchen Bereichen mutige Probanden die wissenschaftliche Erkenntnis derzeit vorantreiben: Bei einem Experiment am Institut für empirische Wirtschaftsforschung der Uni-

versität Zürich (IEW) wird der Einfluss von Testosteron auf das Entscheidungsverhalten von Frauen getestet. Wirkt sich ein Testosteronschub positiv auf die Risikobereitschaft aus? Um dieser Frage nachzugehen, bekommen die Testpersonen eine Testosterontablette verabreicht und können dann Entscheidungen treffen, die registriert und mit dem Normalzustand verglichen werden. An allen grossen Schweizer Spitälern finden laufend klinische Studien statt: Im Berner Inselspital konnten sich bereitwillige Versuchskaninchen melden, um im Rahmen einer Ernährungsstudie herauszufinden, ob Schweizer Milchprodukte gesund sind, und worin der Unterschied zwischen tierischen und industriellen Transfettsäuren besteht. In Zürich sucht man Probanden mit Zahnüberempfindlichkeit und Leute, die an Diabetes leiden und bereit sind, ein neues Medikament zu testen. Wer sein Studium schliesslich ganz an den Nagel hängen möchte und eine Karriere als Testobjekt anstrebt, findet auf clinlife.ch alle nötigen Infos und garantiert auch die passende Studie für das individuelle Krankheitsbild. Auch mit dem Magnetresonanztomographen – besser bekannt unter dem Spitznamen «die Röhre» – wird bei Humanexperimenten gern gearbeitet. Dieses Gerät er-


laubt die Darstellung der inneren Organe und die Messung der Durchblutung von Hirnarealen über Magnetströme, was einen indirekten Schluss auf die Hirnaktivitäten zulässt. So kann man herausfinden, welcher Hirnbereich bei welcher kognitiven Aktivität gebraucht wird und wie unser Verhalten neuronal gesteuert ist. Wer schon einmal in der Röhre lag, weiss, dass es da drin ziemlich eng und mitunter auch sehr laut ist – kein besonders prickelndes Erlebnis auf jeden Fall.

Wie weit kann man gehen?

Wie ethisch sind die Experimente, die an Schweizer Hochschulen gemacht werden? Ist es legitim, die Probanden für den wissenschaftlichen Fortschritt unangenehmen Situationen auszusetzen? Wie weit kann die neurologische und medizinsche Forschung gehen und wer bestimmt, ob ein Experiment die Grenzen des Ethischen einhält? Darüber entscheidet die jeweilige kantonale Ethikkommission, sofern «Arzneimittel und Medizinprodukte» zur Anwendung kommen. Für die Kommissionen arbeiten hauptsächlich Mediziner und Juristen, aber auch einige Naturwissenschaftler, Theologen und Philosophen. Zudem schufen die Schweizer Stimmbürger mit der Annahme der «Volksinitiative zu den Rahmebedingungen für die Forschung am Menschen» im März dieses Jahres die Grundlage für eine einheitliche Regelung: Laut dem neuen Verfassungsartikel 118 sind Versuche am Menschen an klare Bedingungen geknüpft. «Die Risiken und Belastungen für die teilnehmenden Personen dürfen nicht in einem Missverhältnis zum Nutzen des Forschungsvorhabens stehen», heisst es beispielsweise.

Entscheiden am PC...

International besonders bekannt geworden sind die ethisch bedenklosen und deshalb auch nicht von der Kommission überprüften PC-Studien, die am IEW-Lehrstuhl von Ernst Fehr durchgeführt werden. Um verschiedene Theorien zum menschlichen Verhalten – und selten hinterfragte ökonomische Grundannahmen – zu prüfen, laden Fehr und sein Team ständig Studierende in ihr Computerlabor ein. Dort werden am PC Entscheidungssituationen durchgespielt, die das Handeln im Alltag simulieren sollen. So untersucht man zum Beispiel, ob sich die Studierenden eher egoistisch oder altruistisch verhalten, ob sie Normabweichler bestrafen oder ob sie in öffentliche Güter investieren. Wer sich geschickt verhält, kann innerhalb von 90 Minuten einen angemessenen Studentenlohn verdienen, denn die gesammelten Punkte werden einem am Schluss bar ausgezahlt. Der exakte Ver-

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dienst ist zwar abhängig von den Entscheidungen, die am Computer getroffen werden, aber wenigstens geht man immer mit einem Mindestbetrag nach Hause.

...und im Tomographen

Claudia Paixão arbeitet an der Anmeldestelle für Studienteilnehmer der Uni Zürich und ETH. Sie rekrutiert Probanden für verschiedene Labore. Eines davon ist das SNS Lab (sns.uzh.ch), ein interdisziplinäres Labor zur Untersuchung sozialer und neuraler Systeme. Claudia ist für die Rekrutierung der Studienteilnehmer zuständig und sorgt dafür, dass alles reibungslos über die Bühne geht. Am SNS Lab lassen sich verschiedene Untersuchungsmethoden unterscheiden: einerseits die beschriebenen PC-Entscheidungsspiele, andererseits neuroökonomische Untersuchungen, welche beispielsweise im MRI-Tomographen durchgeführt werden oder auch Untersuchungen, bei denen mittels schwacher elektrischer Gleichströme die Nervenzellen im Gehirn auf ungefährliche Weise vorübergehend stimuliert werden. Claudia erläutert mir den Rekrutierungsprozess für die beiden letzten Formen: Wer an einem Neuroexperiment teilnimmt, muss bestimmte Kriterien erfüllen, die in einem Telefongespräch besprochen werden. Für den Tomographen sind zum Beispiel Platzangst, Piercings oder sonstiges Metall im Körper absolute No-Gos. Daneben sollte der Gesundheitszustand in Ordnung sein. Die Probanden wissen also, worauf sie sich einlassen, und im schlimmsten Fall können

sie auch während den Versuchen noch jederzeit «Stopp» sagen, zum Beispiel, wenn ihnen schlecht wird oder sonstige Komplikationen auftreten. Misstrauische, vorsichtige Probanden melden sich selten an und der Selbstselektion entsprechend kommen auch wenige Beschwerden nach den Experimenten.

Das ethische Argument

«Ethische Argumente spielen beim Design und der Planung der Studien eine Rolle und spätestens, wenn die Kommission ins Spiel kommt, ist es unvermeidbar sich mit ihnen auseinanderzusetzen», sagt Claudia. Jede Studie erhält eine Antragsnummer und wird in einem mehrstufigen Verfahren begutachtet, bevor es zur Bewilligung durch die Ethikkommission kommt. Am SNS Lab wurden bis jetzt keine Gutachten abgelehnt. Ein Grund für die vielen erfolgreichen Gesuche ist die eingehende Beschäftigung mit Ethikstandards im Vorfeld, die im internationalen Wissenschaftsbetrieb auch eingefordert werden. Zudem handelt es sich bei den eingesetzten Methoden um erprobte, weltweit gebrauchte Techniken. Was ist der Anreiz für die Studierenden an einer neurökonomischen Studie teilzunehmen? Neben der Vergütung spielt laut Claudia auch die Tatsache mit hinein, dass die Teilnehmer Forschung live miterleben können und Teil eines grossen Projekts seien, dass sie sehen, was dahinter steckt. r Text Christoph Lutz, Bild Selin Bour-

quin

Zu den bekanntesten sozialpsychologischen Experimenten gehört das Stanford-Prison-Experiment. Der Psychologieprofessor Philip Zombardo von der Stanford University wollte untersuchen, ob Gewaltbereitschaft und bösartiges Verhalten gegenüber Mitmenschen eine inhärente Persönlichkeitseigenschaft oder eher ein situationales, überindividuelles Muster ist. Dazu stellte er eine Gefängnissituation nach. Die Teilnehmenden waren emotional stabile Uni-Studenten, zumeist weisse Mittelschichtsangehörige. Zimbardo teilte die Gruppe zufällig in Gefangene und Gefängiswärter ein. Schnell entwickelten die Wärter eine spezifische Identität, zu der auch das Quälen der Gefangenen mit sadistischen Ritualen gehörte: Aufwecken mitten in der Nacht, Kollektivstrafen und stundenlange «Abzählspiele» waren noch die harmolesesten Exzesse. Das Experiment artete nach wenigen Tagen so aus, dass Zimbardo es abrechen musste. Eine spannende populärwissenschaftliche Rekonstruktion aus der Sicht von Zimbardo selbst findet sich in: «The Lucifer Effect – Understanding How Good People Turn Evil». SURFEN Interessiert? Dann schau mal auf www.expecon.uzh.ch vorbei.


IMPRESSUM | 2010.12

DENKSPIEL | Ideenreichtum

HERAUSGEBERIN:

Was ist das? Jeder bewundert es, jeder will es sein, aber kaum jemand ist es oder wird es sein. Es ist schlicht und einfach das Genie. Eines der grössten Genies war unbestritten Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716). Zur Freude der Juristen und zur Verblüffung der Mathematiker, die sich früher oder später im leibnizschen Ideenreichtum verlieren, war «der vollendete Meister des französischen Esprits» vorerst einmal ein hervorragender Jurist und Diplomat, glücklicherweise mit einem mässigen Gedächtnis! So pflegte Leibniz, alles Wesentliche zu notieren. Seine Schriften wiederum lud die Nachwelt ein zu rätseln, wo die Phantasie beginnt, wo das Genie durchdringt und wo ein glücklicher Fund den scharfen Verstand ergänzt. Leibniz drehte an allem, was ihm in die Finger kam, beispielsweise auch am Rad der Mechanik. Er analysierte aber auch gründlich Abwegiges und Seltsames wie die Zucht der Seidenraupen und war konsequenterweise Wegbereiter unter anderem für die Berliner Akademie der Wis-

Campus Lab AG Eschenring 2 6300 Zug CHEFREDAKTORIN:

Raffaela Angstmann REDAKTOREN DIESER AUSGABE:

Raffaela Angstmann, André Bähler Selin Bourquin, Mario Fuchs Dominic Illi, Julia Krättli Nora Lipp, Christoph Lutz Claudia Piwecki, Karin Reinhardt Stephanie Renner, Martina Zimmermann LAYOUT:

Aline Dallo DESIGN:

Céline Beyeler, Maike Hamacher BILDREDAKTION:

Selin Bourquin ILLUSTRATION:

Milena Gsteiger, Melanie Imfeld FOTOGRAFIE:

Jeanette Besmer, Selin Bourquin Durchzwei, Nora Lipp Claudia Piwecki LEKTORAT:

André Bähler DRUCK:

Vogt-Schild Druck AG KONTAKT:

Campus Lab AG Lavaterstr. 71 8002 Zürich Tel: +41 44 201 16 57 Fax: +41 44 201 16 50 www.campuslab.ch info@campuslab.ch

senschaften. Als mathematischer Meilenstein wird das Harmonische Dreieck betrachtet. Leibniz hatte als «Anerkennungs-Aufgabe» die Summe der reziproken Dreieckszahlen zu ermitteln. Hierbei stiess er auf die abgebildete Pyramide, wobei in den Zellen nur die Nenner der Stammbrüche stecken. Dies lädt uns ein, in unserem Rahmen genial zu sein, indem wir versuchen, mit Hilfe von zu erkennenden Gesetzmässigkeiten die leeren Zellen sinngemäss zu füllen. 1 2 3 4

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Lösung der letzten Ausgabe (System im System): Zuerst werden die ungeraden Zahlen (1 – 11) notiert. Danach die geraden in sinkender Reihenfolge hinzugefügt, dies ergibt die erste Runde. In jeder weiteren Runde wird die Zahl um eins erhöht, wobei die 13 zur 1 wird. r Text P.H. 1 1 – 12 2 – 1 3 – 2

3 3 – 10 4 – 11 5 – 12

5 5–8 6–9 7 – 10

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9 9–4 10 – 5 11 – 6

11 11 – 2 12 – 3 1–4

LESERBRIEFE:

leserbriefe@studiversum.ch StudiVersum erscheint sechs Mal jährlich in einer Auflage von 25 000 Exemplaren an allen Universitäten und Fachhochschulen der Deutschschweiz. Alle Rechte vorbehalten; Nachdruck, Aufnahme in OnlineDienste und Internet und Vervielfältigung auf Datenträgern wie CD-Roms etc. nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung der Herausgeberin.

Gib das Lösungswort jetzt ein auf www.studiversum.ch und gewinne mit etwas Glück das Electro-Pop-Album «Transformation F» von Play Patrik. Lösungswort der letzten Ausgabe: ADLER

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DIE FLOTTE 3 ER-WG

POWERPOINT FÜR ANFÄNGER Text: André Bähler

Die hellgrün glimmenden Zeiger des Weckers zeigen bereits halb drei, doch Rebekka findet einfach keinen Schlaf. Ihre Gedanken kreisen um den Vortrag von morgen. Das Sprechen vor vielen Leuten ist nicht das Problem. Auch das Thema (Wie Pawlow auf den Hund kam) hat sie im Griff. Was sie stresst und wach hält, ist etwas Anderes: Es wird die allererste PowerPoint-Präsentation ihres Lebens sein, denn bisher verwendete Rebekka als letzte Mohikanerin immer noch den Hellraumprojektor und Schwarz-Weiss-Folien, während ihre Mitstudenten längst mit wunderbar animierten Graphiken, Filmsequenzen und von links und rechts heranschwebenden Textbausteinen auftrumpften. Dass sich Rebekka solange gegen PowerPoint, Laptop und Beamer gesträubt hat, kommt nicht von ungefähr – sie hasst Computer, Automaten und die gesamte Palette moderner Haushaltselektronik aus tiefstem Herzen, weil die Dinger nie das tun, was sie will – ein Phänomen, das sich bereits in ihrer Kindheit bemerkbar machte. Die Bedienung des störrischen Videorekorders ihrer Eltern zum Beispiel, ist für Rebekka trotz intensiven Bemühungen ein Buch mit sieben Siegeln geblieben. Das Einzige, was sie jemals damit zustande brachte, war das unbeabsichtigte Überspielen des Hochzeitsvideos ihrer Tante mit einer Folge «Marienhof». Später dann, als Teenager, erlangte Rebekka zweifelhaften Ruhm als Verursacherin von unerklärlichen und meist irreparablen Computerabstürzen. So richtig traumatisiert wurde Rebekka allerdings erst bei ihrer Premiere am Touchscreen-Billetautomat der SBB, als in der immer länger werdenden Schlange hinter ihr die vorerst verhalten geäusserten Flüche in unverhohlene Morddrohungen umschlugen. Um bei ihrer PowerPoint-Präsentation-Premiere ein Fiasko zu vermeiden, hat sich Rebekka gut vorbereitet: Damian (ihre neueste, süsse Eroberung) hat ihr geduldig alles Notwendige gezeigt: wie man das Programm startet, eine Folie vor- und zurückspringt, wo man das Verbindungskabel zum Beamer einstecken muss, etc. Trotzdem hat sich Rebekka nach diesem Einführungskurs unsicher gefühlt. Auf die bange

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Frage, was sie machen soll, wenn der Beamer einfach das blaue Standbild statt den Bildschirm ihres Laptops zeigt, meinte Damian: «Nichts. Du wirst so hilflos aussehen, wie es sonst nur Frauen gelingt, die auf einer einsamen Landstrasse bei strömendem Regen einen platten Reifen wechseln sollten. Ich bin sicher, ein Assistent oder ein Student wird dir sofort zu Hilfe eilen.» Doch genau das Szenario, sich vor dem Professor, dem Assistenten und über hundert Stundenten lächerlich zu machen und auf Hilfe angewiesen zu sein, hat Rebekka bis jetzt wach gehalten. Um drei Uhr morgens fällt sie endlich in einen unruhigen Schlaf. Rebekka träumt, dass auf ihrem Rücken ein riesiger Hellraumprojektor festgebunden ist und sie sich den steilen Weg zur Uni hochschleppen muss, während ein Heer von johlenden Studenten Spalier steht. Lauter, immer lauter, bis es ohrenbetäubend ist, skandieren sie: «Ha ha ha, Rebekka! Der Beamer funktioniert nicht! Der Beamer funktioniert nicht! Ha ha ha, Rebekka…» Es ist halb neun als Rebekka mit ihrem Vortrag an der Reihe ist. Sie fühlt sich nach der schlechten Nacht richtig gerädert, die dunklen Augenringe sind trotz viel Make-up deutlich zu sehen. Wie in Trance geht Rebekka nach vorne ans Rednerpult, klappt ihren Laptop auf, steckt mit zittrigen Händen das Beamerkabel ein, drückt die Starttaste und wartet. Zu ihrer unendlichen Erleichterung wird nicht nur auf dem Laptopbildschirm, sondern auch auf der Leinwand hinter ihr, das Logo des aufstartenden Windows XP sichtbar. Kurze Zeit später erscheint der Desktop: Im Vordergrund das Symbol ihrer PowerPoint-Präsentation (pawlow_version12.ppt). Im Hintergrund ein herziges Foto von Damian, der ein grosses Plakat in die Kamera streckt, dessen Aufschrift man auch in der hintersten Reihe problemlos lesen kann: «Ich ha dich mega gärn, Schnüfeli. Di Kuschelbär.» Das Gejohle im Saal ist ohrenbetäubend. Weitere Geschichten der flotten 3er-WG findest du auf semestra.ch. Schau doch rein!


WIE ANNO DAZUMAL

ALLTAGSTIPP Kaltes Händchen Simone konnte kaum ihren Stift in den Fingern halten, so sehr schmerzten sie ihre roten, rissigen Hände. Sie war eben von draussen in den Hörsaal gekommen und hatte neben mir Platz genommen. Mir war sofort klar, dass die kalte Winterluft ihr zu schaffen machte und fragte sie, ob sie öfter solch geschundene Hände habe. «Ja, leider», sagte sie. «Ich habe schon manche Salbe ausprobiert, aber es nützt alles nichts. Ich bin mit meinem Latein am Ende.» Ich tröstete sie und sagte, sie sei nicht allein mit diesem Leiden. «Ich selber hatte früher, als die Winter noch härter waren und ich mir nur einfache Wollhandschuhe leisten konnte, immer aufgesprungene Hände.» Ob ich denn ein Hausmittel wisse, fragte mich Simone. Ich schmunzelte und fing an, von meiner Kindheit auf dem Land, den zugefrorenen Seen und meinem Schulweg an eisig kalten Tagen zu erzählen. Damals rieb ich meine rissigen Hände jeweils mit Butter ein. So wurden sie wieder glatt und fein. Später, als ich etwas älter war, gönnte ich mir hin und wieder ein Handbad in warmer Milch, in die ich vorher drei Tropfen Olivenöl gegeben hatte. Nachdem ich geheiratet hatte, empfahl mir meine Frau Martha Kamillenblütensud-Bäder. Einmal wöchentlich angewendet beugen die Kamillenblüten Entzündungen vor und wirken beruhigend auf die Haut. Simone bedankte sich. «Aber Horst», fügte sie an, «kennst du auch ein Mittel gegen rissige Lippen? Denn die Winterluft macht auch ihnen heftig zu schaffen.» Ich schmunzelte. «Regelmässiges Einfetten der Lippen ist zunächst das Wichtigste. Ich schwöre dabei auf Melkfett. Einmal pro Tag ordentlich eingefettet, sind die Lippen erst mal gut gerüstet. Springen sie auf, empfehle ich Weizenkeimöl oder Honig. Wenn man sie damit regelmässig einreibt, sollten die Risse bald zurückgehen.» Simone lächelte erfreut und drückte mir zum Dank einen Lebkuchen in die Hand. An diesem Tag ging ich frohgemut nach Hause und verschlang den Lebkuchen noch am selben Abend.

Horst

Horst, 75, ist allzeit bereit: Ob im Haushalt oder in der Garage, beim Einkaufen oder an der Uni, Horst hilft! Als Hörer besucht er regelmässig Vorlesungen und weiss daher bestens Bescheid, was den Jungen von heute unter den Nägeln brennt. Seine Tipps sind längst schon keine Geheimtipps mehr. Deshalb: Horst ausschneiden, an den Kühlschrank oder die Pinnwand heften, dann kann nichts mehr schiefgehen!

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StudiVersum #36  

StudiVersum Ausgabe 36 Dezember 2010

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