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Juni 2010

Garten+

Landschaft Zeitschrift f端r Landschaftsarchitektur

Landesgartenschauen 2010


Inhalt 6/2010

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Verlag: Callwey Verlag Streitfeldstraße 35 D-81673 München Fon +49 89 /43 60 05-0 Fax +49 89/43 60 05-113 www.garten-landschaft.de

120. Jahrgang

Für die Zukunft gestalten.

Garten + Landschaft

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Eulen nach Athen tragen Robert Schäfer

Journal

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Grün.Kultur.Metropole: Ruhr 2010 Robert Schäfer Kongress der grünen Verbände inmitten der Industriekultur und -landschaft

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Ein Skulpturengarten für die Museumsinsel Thomas Jakob Eröffnung des Kolonnadenhofs um die Alte Nationalgalerie in Berlin

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Eine bespielbare Landschaftsskulptur Thomas Jakob Eröffnung des Quartiersplatzes „Bahndeckel Theresienhöhe“ in München

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Was ist der Garten? Robert Schäfer Zwei Neuerscheinungen zum Themenkreis Garten, Politik und Kultur

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Wo ist der Garten? Robert Schäfer Ausstellung „atelier le balto” im Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen

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Wenn’s ums Geld geht Interview mit Hubert Wendler Der Paragraf 35 HOAI im Kontext der HOAI-Novellierung 2009

4 Die Zeche Zollverein ist zu einer der bekanntesten Landmarken des Ruhrgebiets geworden. Anlässlich der Ruhr.2010 ist sie in diesem Jahr zudem Magnet für Besucher aus aller Welt.

Herausgeber: Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur e.V. (DGGL) Wartburgstraße 42 10823 Berlin www.dggl.org

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Editorial

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5 Seit 6. Juni ist der vom Berliner Büro Levin Monsigny gestaltete Kolonnadenhof auf der Museumsinsel in Berlin für die Öffentlichkeit zugänglich.

10 In Aschersleben richtete das Berliner Büro sinai. Faust. Schroll. Schwarz die Landesgartenschau ganz an dem Universalgelehrten Adam Olearius aus. Im Bild: die Phytothek im Stadtpark.


Landesgartenschauen 2010

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Sonne, Mond und Erde in Aschersleben Bettina Krause Die Landesgartenschau in Aschersleben

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Zwei Orte – eine Gartenschau Anette Kolkau Die Landesgartenschau in Bad Essen

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Erneuerung eines traditionsreichen Kurortes Thomas Armonat Die Landesgartenschau in Bad Nauheim

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Konversion am Fuße des Jübergs Juliane Schneegans Die Landesgartenschau in Hemer

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Neue Parks am Wasser für Rosenheim Peter Zöch Die Landesgartenschau in Rosenheim

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Ein Grünzug für die Doppelstadt Thomas Jakob Die Landesgartenschau in Villingen-Schwenningen

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Wann Gartenschauen für Kleinstädte nützlich sind Christoph Hauser Kriterien für die Messung des Nutzens von Gartenschauen

14 Das im Hintergrund erkennbare Schloss Ippenburg mit seinem umgebenden Park ist einer von zwei Teilbereichen der Landesgartenschau Bad Essen.

19 Als neues Gestaltungselement fügten k1 Landschaftsarchitekten aus Berlin ein großes Holzdeck in den historischen Kurpark in Bad Nauheim ein.

Urban Design Projekt Produkte

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GaLaBau Praxis Bewegungsfugen Recht

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Nachrichten Tagungen Campus Personen Wettbewerbe DGGL Nachrichten Termine Autoren, Vorschau, Nachtrag, Impressum

40 42 43 54 54 58 60 64 64

24 Vom Jüberg aus bietet sich den Besuchern ein Blick auf die vom Berliner Büro geskes. hack geplante Landesgartenschau Hemer und die Himmelsleiter.

Bilder: Robert Schäfer, Levin Monsigny Landschaftsarchitekten, Hilmar Stehr, Landesgartenschau Bad Essen 2010 GmbH, Thomas Armonat, Hanns Joosten Titel: SoleArena Bad Essen, Landesgartenschau Bad Essen 2010 GmbH

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Journal Grün.Kultur.Metropole: Ruhr 2010

Zum diesjährigen Kongress der Verbände GALK-DST, BDLA, BGL und FLL lud die Emschergenossenschaft vom 6. bis 9. Mai nach Essen. Die Kulturhauptstadt 2010 lockte in den Emscher Landschaftspark, das weltbekannte Projekt eines umfassenden Strukturwandels. In der Tat pilgern Planer und Politiker aus aller Welt ins Ruhrgebiet um Honig zu saugen, sprich Know-how mitzunehmen. Regionalverband Ruhr und Emschergenossenschaft können wie andere Organisationen ein Lied davon singen. Fachlich inspirieren ließen sich jetzt auf der Tagung deutsche Gartenamtsleiter in großer Zahl, wenige Landschaftsarchitekten und etliche Gartenkünstler bei Vorträgen vor Ort, im Grugapark sowie in der Kokerei der Zeche Zollverein und auf Exkursionen durch den Emscherpark. Thomas Neiss, ehemals im nordrhein-westfälischen Umweltministerium tätig und intimer Kenner der Transformationsprozesse in der Region, skizzierte engagiert die Entwicklung und brach eine Lanze für die Landschaftsgeschichte des Ruhrgebiets, von der die meisten ja nur eine vage Ahnung haben. Neiss wetterte gegen die Zwischenstadt-Ideologie, die ungeplantes Wachsen nahelege. Tatsächlich sei jedoch das Ruhrgebiet eine Folge intelligenter und rationaler städtebaulicher Organisation, die dem wirtschaftlichen Diktat des Bergbaus folgte. Bei der Umwandlung von der Industriekultur zum Landschaftspark sei es eine Aufgabe gewesen, die gebaute Landschaft nicht zur Idylle verkommen zu lassen. Vielmehr sei es wichtig, den Park als identitätsstiftende Ordnung für die Region zu begreifen. Die Marke Emscherpark Auch Michael Schwarze-Rodrian von der Metropole Ruhr betonte die Aufgabe der Landschaftsgestaltung für die Strukturpolitik. Mit der Marke Emscherpark sei viel getan worden für die Wirtschaftsförderung. Andreas Kipar, Landschaftsarchitekt aus Gelsenkirchen und Mailand, zi-

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Robert Schäfer

Kongress der grünen Verbände inmitten der Industriekultur und -landschaft

Sehr weit gespannt ist der Bogen der kulturellen Veranstaltung im Rahmen der Kulturhauptstadt 2010. Die Biennale Lichtkunst im östlichen Ruhrgebiet um Unna herum bot Lichtinstallationen in privater Umgebung. Das Foto zeigt BIT.FALL von Julius Popp, ein Wasserfall von Worten aus dem Internet. www.biennale-lichtkunst.de www.ruhr2010.de

Zwischen Kappes und Zypressen. Gartenkunst an Emscher und Ruhr. Herausgegeben von Martina Oldengott und Christine Vogt. 228 Seiten. Klartext Verlag, Essen 2010. ISBN 978-3-8375-0284-8

tierte nochmals Karl Ganser, den wesentlichen Motor der impulsgebenden IBA. „Wir brauchen Bilder.“ Diese sind entstanden, augenfällig als Landmarken auf den Deponien, alltagstauglich mit all den Parks auf Industriestandorten, allen voran natürlich Duisburg Nord. Und die Geschichte geht weiter, Kipar verbindet mit dem Krupp-Park neben dem neuen Krupp-Campus über eine Hügellandschaft die Essener City mit dem lange vernachlässigten Stadtteil Altdorf. Mit dem Phoenix-See in Dortmund ist ein riesiges Projekt im Entstehen, um nur eines der vorgestellten Beispiele für den Wandel an Ruhr und Emscher hervorzuheben. Kappes und Zypressen In Bochum soll zum Jahresende ein Platz des europäischen Versprechens entstehen, nach einer künstlerischen Idee von Jochen Gerz – ein aktuelles Thema. Ebenso wie Emscherkunst.2010

– eine Insel für die Kunst. Zwischen Emscher und Rhein-Herne-Kanal, zwischen Oberhausen und Castrop-Rauxel erstreckt sich auf 34 Kilometern Länge das größte Renaturierungsprojekt der Welt: der EmscherUmbau. 40 Künstler inszenieren diese Emscher-Insel bis September mit ihren Werken und Inszenierungen. Diese Aktion lenkt den Blick auf die erstaunliche Ästhetik der Ruhrgebietslandschaft, die immer für Überraschungen gut ist. Und wer die Region nur als Stahl- und Zechenstandort gespeichert hat, dem wäre ein Besuch im Schloss Oberhausen in der Ludwiggalerie dringend geraten gewesen. „Zwischen Kappes und Zypressen. Gartenkunst an Emscher und Ruhr“ nannten Martina Oldengott von der Emschergenossenschaft und Christine Vogt von der Ludwiggalerie die bis Ende Mai gezeigte Ausstellung. Ein sehr informativer, opulenter Katalog ist noch er-

hältlich. So wird eine Lücke geschlossen in der Betrachtung der Gartenkunst der Gründerzeit. Private und öffentliche Gärten belegen den gesellschaftlichen Wandel in der Zeit der Industrialisierung und des explosiven Städtewachstums. An der Ruhr geht alles Gerade an der Ruhr lässt sich der Wandel vom repräsentativen zum sanitären Grün Anfang des 20. Jahrhunderts exzellent verfolgen. Es ist gut, auch bei den aktuellen Debatten über die adäquate Landschaftsgestaltung, über Stadtnatur und Wildnis, Brachen und sträflich vernachlässigte Innenstädte, vergangene Epochen und deren Lösungsansätze zu kennen. Das belegen neue Krautgärten ebenso wie die von Andreas Kipar auf die Hügel des KruppParks gesetzten Säuleneichen. „Wo das geht, geht alles“ lautet ein Slogan von Ruhr.2010. Treffend. Robert Schäfer


Ein Skulpturengarten für die Museumsinsel

in der Folge die wesentlichen Grundzüge der alten Gartenanlage: Sie finden sich wieder in der Planung von 1874, in der realisierten Form von 1880 sowie in den Vereinfachungen aller folgenden Jahrzehnte. Levin Monsigny setzten sich in ihrem Entwurf mit dem Grundriss des alten Hofs auseinander: mit der Symmetrie, der Gliederung von befestigten Flächen zu Grünflächen sowie dem Bezug zur Nationalgalerie und zum Neuen Museum. Der Vierpaßbrunnen hat seinen alten Standort schon gefunden – seit 2002 wieder mit schmückenden Mosaik. Die „Amazone“ steht wieder an ihrer hervorgehobenen Position westlich der Freitreppe, alle weiteren Skulpturen entsprechend ihrer Bedeutung in den Grünflächen. Wie vom Landesdenkmalamt gefordert, befestigten Levin Monsigny die Geh-

Die Spree-Insel in Berlin mit ihren Sammlungen entwickelt sich zu einer Freistätte für Kunst und Wissenschaften. Ihre Freiräume – große Höfe und schmale Gassen – werden öffentlich begehbar. Seit 6. Juni ist nun der vom Berliner Landschaftsarchitekturbüro Levin Monsigny gestaltete Kolonnadenhof um die Alte Nationalgalerie öffentlich zugänglich. Neun Jahre nach dem Wettbewerb wird somit der erste Baustein auf der Museumsinsel Realität. 2013 folgt am Kupfergraben der öffentliche Raum der James Simon-Galerie, 2025 der des Pergamonmuseums. Wie kaum einen anderen Freiraum prägt die Architektur den Kolonnadenhof. Nicht nur die Raumkanten werden von Bauwerken definiert, auch im Zentrum steht ein Gebäude. Fast zwangsläufig ergaben sich mit der Entstehung dieses Ensembles

Levin Monsigny Landschaftsarchitekten

Eröffnung des Kolonnadenhofs um die Alte Nationalgalerie in Berlin

wege im Hof mit Granit. Allerdings hoben sie die ursprüngliche Höhendifferenzierung zwischen Fahrbahn und Gehweg auf und verlegten sie zwischen Gehweg und Vegetation. So widmen Levin Monsigny die befestigten Flächen vollständig dem „Flanieren und Lustwandeln“. tj

Am 6. Juni wurde der vom Berliner Landschaftsarchitekturbüro Levin Monsigny geplante Kolonnadenhof auf der Museumsinsel in Berlin eröffnet.

Eine bespielbare Landschaftsskulptur

Sieben Jahre sind vergangen, seit das Berliner Landschaftsarchitekturbüro Topotek 1 und die Kölner Künstlerin Rosemarie Trockel sowie Catherine Venart aus Berlin den Realisierungswettbewerb für die Freiflächen des Bahndeckels Theresienhöhe in München gewannen. Anfang Juni soll der Quartiersplatz „Bahndeckel Theresienhöhe“ öffentlich zugänglich sein. Konzipiert als bespielbare Landschaftsskulptur, spiegeln eine Folge von Spielkisten die unter dem Betondeckel fahrenden Züge wider. Die Landschaftsskulptur besteht aus drei Teilen: eine Sport- und Spielfläche aus Tartan im Norden, eine Rasenmoräne im Süden und dazwischen eine große Sand- und Kieslandschaft mit zwei großen Seilspielgeräten. Kiefern akzentuieren den leicht gebogenen nördlichen Rand der Spielbahn. An den Längsseiten entstanden grüne Vorgartenbereiche zu den angrenzenden Wohnhäusern. tj

Boris Storz (2)

Eröffnung des Quartiersplatzes „Bahndeckel Theresienhöhe“ in München

Inmitten eines Neubaugebietes im Münchner Stadtteil Westend liegt der Quartierspark „Bahndeckel Theresienhöhe“.

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Zwei Orte – eine Gartenschau Bad Essen entschied sich sehr kurzfristig, als Ausrichter der Landesgartenschau 2010 in Niedersachsen für Wiesmoor einzuspringen. Nicht zuletzt durch die Kooperation mit Viktoria von dem Bussche, der Eigentümerin von Schloss Ippenburg, war es möglich, trotz der Planungs- und Bauzeit von nur einem Jahr eine vollwertige Gartenschau auf

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die Beine zu stellen.

Über den Serpentinengarten (großes Foto) erreicht man den Landschaftsbalkon „Himmelsterrasse“. Dort bietet sich ein Blick auf Bad Essen.

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Das sechs Meter hohe Gradierwerk, die SoleArena, ist das Herzstück des Kurparks Bad Essen. Im Inneren strömt die Sole über Dampfdüsen in Richtung Atemwege.

Anette Kolkau Die Luft ist frisch, kalt und feucht in der hölzernen Skulptur. Zu hören ist nur das Wasser: plätschernd, tropfend, zischelnd. Fensterlöcher in dem Gradierwerk, Mittelpunkt und Blickfang im neuen Kurpark Bad Essen geben den Blick frei auf eine geordnete, frische Anlage, die sich komplett neu und doch völlig selbstverständlich ihren Besuchern präsentiert. Gerade so als hätte sie schon immer so ausgesehen. Kaum zu glauben, dass die Planungen für die Landesgartenschau Bad Essen erst vor gut einem Jahr begannen. Bad Essen liegt nahe Osnabrück auf dem platten Land, zwischen fruchtbaren Äckern, dem Mittellandkanal, Biodieseltankstellen und aufgeräumten kleinen Ortschaften in Niedersachsen. Dort ist die Tradition der Landesgartenschauen gerade mal vier Jahre alt. Die vierte Gartenschau war für 2010 bereits an Wiesmoor vergeben. Doch auf Grund von finanziellen Problemen sprang Bad Essen nach einstimmigem Beschluss des Gemeinderats ein: Mit einer Machbarkeitsstudie wurde die Bewerbung hinterlegt, und das Niedersächsische Landeskabinett erteilte am 31. März 2009 den Zuschlag. Ab diesem Zeitpunkt lief der Countdown: Gerade mal zwölf Monate bis zur Eröffnung des Garten-

und Pflanzenevents blieben für Planung und Bauarbeiten der zweiteiligen Gartenschau, bestehend aus der Neuordnung und Erweiterung des alten Kurparks und der Inwertsetzung der Gartenanlagen rund um Schloss Ippenburg. Bei letzterem bestand Dank einer mittlerweile zehnjährigen Geschichte von Gartenfestivals dann doch schon „Vorarbeit“ aus privater Initiative: Die Eigentümerin Viktoria Freifrau von dem Bussche hat Festivals in ihrem privaten Schlosspark etabliert und damit die Gemeinde Bad Essen überregional ins Gespräch bei Gartenliebhabern gebracht. Die außergewöhnliche Kooperation zwischen Kommune und Schlossherrin sowie die Verteilung der Mittel auf beide Gartenschauteile ist vor dem Hintergrund des langjährigen Engagements der Freifrau zu verstehen. SoleArena als Herzstück des Kurparks Am 7. April 2009 erhielten in einem Workshopverfahren zwei LandschaftsarchitektenTeams den Auftrag, mit den Vorentwürfen für Kur- und Schlosspark zu beginnen. Für ein Wettbewerbsverfahren gab es nicht ausreichend Zeit. Im Frühjahr 2009 begannen die erste Bauarbeiten, im Dezember wurden 100 000 Blumenzwiebeln gesetzt.

Die Arbeitsgemeinschaft Lützow 7 aus Berlin und JKL Landschaftsarchitektur aus Bramsche planten gemeinsam den sieben Hektar großen Kurpark, dessen Herzstück und Blickfang das Gradierwerk, die sogenannte SoleArena ist. Schon im Jahr 1200 wurde die erste Saline als abgabepflichtig erwähnt, 1977 bekam die 16 000 Einwohner zählende Gemeinde mit 17 Ortschaften die Anerkennung als staatliches Heilbad. Die kreisförmige SoleArena, mit einem Umfang von 45 und 6 Metern Höhe ist begehbar, hat Skulpturqualität und taugt zum neuen Merkzeichen der Stadtbotschaft. Im Inneren wird die Sole über Dampfdüsen in Richtung Atemwege geschickt. Die Arena liegt am Hang, erschlossen durch schwungvoll angelegte Wege, immer begleitet von Wechselflor, in dem die Farben Blau, Violett und Weiß dominieren – eine Anspielung auf die Themen Wasser und Sole. Hornveilchen und Kugellauch werden im Sommer dann von Lavendel, Salbei und Steppenkerzen abgelöst. Das Gradierwerk selbst ist eingefasst durch Pflanzen, die Salznähe suchen: stahlblaue Gräser, Strandhafer, wollige Zwergweiden. Im Sommer entsteht dort eine Salzwiese. Alte Bäume bilden über weite Abschnitte ein Dach und geben den Besuchern das

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Konversion am Fuße des Jübergs Die Kleinstadt Hemer im Sauerland rückt ein ehemaliges Militärgelände wieder ins Bewusstsein der Menschen. Ein zentraler Erschließungsweg verbindet die Gärten während der Gartenschau und verknüpft zugleich ein Erholungsgebiet mit der Stadt.

Juliane Schneegans Die nordrhein-westfälische Stadt Hemer im Südosten des Ruhrgebiets erhielt vor drei Jahren den Zuschlag für die Landesgartenschau 2010. Der zeitgleiche Abzug der Bundeswehr und die damit verbundene Schließung der Blücherkaserne stellten die Organisatoren vor die Herausforderung, ein 30 Hektar großes Areal militärischer Liegenschaften umzunutzen und zu beleben. Die Region um Hemer verfügt über Eisenerz- und Metallvorkommen und wurde vor allem durch die Metallverarbeitung und die daraus folgende Industrialisierung geprägt. Dies verhalf dem Ort im 19. Jahrhundert zu wirtschaftlichem Aufschwung, der durch die Einrichtung eines Militärstandorts noch zusätzlich gestärkt werden sollte. „Große Tristesse“, so der Bauleiter Yves Boschoos, „umgab beim Abzug der Bundeswehr den Ort“. Die vielen leerstehenden Gebäude und das Gelände, das die Bundeswehr seit 1956 zu Übungen nutzte, erzeugten eine ernüchternde Atmosphäre. Im ersten Bauabschnitt brachen die Planer deshalb auch die metertief verdichteten Fahr-

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spuren der Panzer auf und bauten das Gelände teilweise zurück. Das beklemmende Gefühl, welches die Bewohner Hemers mit dem Ort verbanden, resultiert aus der Nutzung der Kaserne, die ursprünglich für die Wehrmacht konzipiert war. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges diente sie jedoch als Gefangenenlager; zeitweise waren dort über 100 000 Zwangsarbeiter unter katastrophalen Bedingungen untergebracht. Konversion in drei Themenbereichen Ziel des Wettbewerbs zur Landesgartenschau war es, das jahrzehntelang abgeriegelte Gelände der Blücherkaserne wieder in die Stadt zu integrieren und in das Bewusstsein der Hemeraner zu rücken. Gewünscht war ein „Dreiklang aus Entdeckungsräumen, Sport und Kultur“. Diesen Ansatz griffen geskes.hack Landschaftsarchitekten aus Berlin auf und gliederten das Gelände in drei Teile: das Zentrum, das zugleich Haupteingang der Gartenschau ist, die Übergangszone am Hang des Jübergs, die zwischen Landschaft und Stadt vermittelt sowie das

nahegelegene Erholungs- und Naturschutzgebiet Felsenmeer. Diese bizarre, 35 Hektar große Felslandschaft entstand als Folge des Erzabbaus und gilt als einer der bedeutendsten Geotypen Deutschlands. Eine aufgeständerte Aussichtsplattform schiebt sich in den geschützten Buchenwald – Wege und Brücken machen das Felsenmeer erfahrbar. Somit löst sich das Gartenschaugelände mit dem strengen Kasernenareal an den Rändern auf und verwebt sich mit der Kulturlandschaft der Umgebung. Der Besucher betritt die Gartenschau über die Haupterschließungsachse, die von der Innenstadt über das Kasernengelände hinauf auf den Jüberg führt und von einem Teppich aus rotem Wechselflor und Stauden begleitet wird. Beachtlich ist die äußerst strenge, funktionale Geradlinigkeit der fast 500 Meter langen Achse, die als sogenannte Himmelstreppe mit 343 Betonstufen auf den 92 Meter hohen Hügel führt. Dort steht ein von den Stuttgarter Architekten Birk und Heilmeyer geplanter Aussichtsturm. In regelmäßigen Abständen unterbrechen Plattfor-


men mit Cortenstahlbrüstungen die Treppe. Die mit grasartigen Mustern versehenen Cortenstahlwände sind mit indirekter Beleuchtung versehen, die die Blockstufen in ein warmes Licht taucht. Zudem lassen Mastleuchten bei Dunkelheit die Treppenanlage weithin als weiße Linie erscheinen. Neben der Hauptachse führt ein rampenartiger Zickzackweg aus Betonplatten mit beidseitig verlaufendem Kleinsteinpflaster auf den Jüberg. Kurz unterhalb des Gipfels kontrastiert der dichte Mischwald mit den weiten Ausblicken in die Landschaft. Skateanlage zwischen Natursteinfelsen Auf halber Höhe des Jübergs, zwischen Himalaya-Birken hindurch, ziehen sich mehrere rote Spielinseln mit den typischen, generationsübergreifenden Fitnessgeräten und münden am 4 500 Quadratmeter großen Skatepark. Die Skateanlage besteht aus 24 Betonfertigteilen mit Rampen, Treppen und Sprungelementen, die mit landschaftlichen Kontrastelementen wie Natursteinfelsen, Lärchen und Salbeistauden kombi-

Juliane Schneegans (5)

Hanns Joosten

Die Himmelstreppe führt vom Eingang der Gartenschau über das Kasernengelände auf den Jüberg mit seinem Aussichtsturm. Ebenfalls auf den Jüberg führt ein Zick-Zack-Weg.

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Neue Parks am Wasser für Rosenheim Lange ignorierte die Stadt Rosenheim ihre Flächen an Inn und Mangfall.

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Die Landesgartenschau bringt nun die Stadt an die Flüsse heran.

Peter Zöch Viele Städte hadern mit ihrer Lage am Fluss. Lange Zeit schöpften sie das landschaftliche Potenzial nicht aus, da die Gefahren des Hochwassers das Verhältnis zum Fluss dominierten. Die Stadtzentren entstanden abseits des Wassers. Das gilt auch für Rosenheim. Ein Blick vom neuen Aussichtssteg, der vom Ufer Richtung Inn ragt, präsentiert den Besuchern seit Eröffnung der bayerischen Landesgartenschau die landschaftliche Schönheit, die sich nur wenige hundert Meter entfernt von der Altstadt findet und den meisten Rosenheimern bisher trotzdem verborgen blieb: der Flussraum des Inns und der Mangfall, dem an der Mündung der Mangfall in den Inn eingekeilten Innspitz, die angrenzenden Auwälder und Auwaldreste so-

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wie das Alpenpanorama in der Ferne. Mit dem Bau von Hochwasserschutzdämmen Mitte des 19. Jahrhunderts wurde zwar die Auenlandschaft erschlossen, aber der Fluss gleichzeitig von der Stadt abgeschnitten. Die ehemaligen Überschwemmungsflächen dienten als Gewerbestandort, etwa für Schlachthof, Müllverbrennungsanlage und Bauhof. Die Entscheidung, 2010 eine Landesgartenschau zu veranstalten, lieferte die Möglichkeit, eine Verbindung von der Stadt zum Fluss herzustellen und die Flächen am Fluss in die Stadt zu integrieren. Das Bewerbungskonzept und der städtebauliche Rahmenplan, den das Büro Meurer aus Frankfurt am Main 2004 in Kooperation mit SHK

Landschaftsarchitekten aus Giessen erstellte, lieferte die Grundlagen. Gewerbe und städtischer Bauhof sollten Wohnbau und Parkanlagen weichen und die Stadt näher ans Wasser rücken. 2005 gewannen a24_landschaft aus Berlin den Realisierungswettbewerb für die Gartenschau. Die Landschaftsarchitekten setzten die Grundidee konsequent fort, Rosenheim mit der Flusslandschaft zu verzahnen. Drei elegant-filigrane Stege verbinden die Stadt mit den neuen Grünflächen am Wasser. Ein Steg mündet in einer Aussichtsplattform, zwei führen als Brücken weiter über die Mangfall. Wo einst nur, wenn überhaupt, am schmalen Deichweg entlang der Wasserläufe flaniert wurde, können Besu-


cher auf den Stegen und Brücken nun auch die Abfolge von Gewässern sowie Dämmen queren und Mühlbach, Hammerbach, Mangfalldeich, Mangfall, Inndeich sowie Inn und Innspitz aus neuen Perspektiven erleben. Die Stege dienen nicht nur als Verbindungswege, sie bieten auch Aussicht und Überblick, laden zum Promenieren genauso wie zum Verweilen. Kleine Eingriffe inszenieren den Bestand und die Lage der Freiflächen am Wasser. Zum Beispiel führen Treppen und Rampen an einigen Orten die Besucher ans Wasser. Die Hauptteile der Schau finden sich in drei Bereichen: Mangfallpark Nord und Süd sowie Mühlbachbogen. Ein Rundparcours mit Stationen in der Stadt ergänzt diese Schauteile.

Landesgartenschau Rosenheim 2010 GmbH

Neue Brücken und Stege verbinden Rosenheim mit der Flusslandschaft an Inn und Mangfall. Betontreppen führen ans Wasser. Bachgärten bieten Rückzugsmöglichkeiten.

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Garten und Landschaft 06 2010  

Leseprobe Garten und Landschaft 06 2010