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Breitkopf & Härtel 300 Jahre europäische Musik- und Kulturgeschichte Herausgegeben und kommentiert von Thomas Frenzel


Breitkopf & Härtel 300 Jahre europäische Musikund Kulturgeschichte


Breitkopf & Härtel 300 Jahre europäische Musik- und Kulturgeschichte Herausgegeben und kommentiert von Thomas Frenzel


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.

BV 485 ISBN 978-3-7651-0485-1 © 2019 by Breitkopf & Härtel, Wiesbaden Alle Rechte vorbehalten Gestaltung/Satz: RAUM ZWEI, Leipzig Druck/Weiterverarbeitung: Beltz Bad Langensalza GmbH Printed in Germany


Begrüßung

Liebe Leserinnen und Leser!

Erlauben Sie uns, zur Beschreibung der Vorgehensweise eine Analogie zu bemühen: Unter „Korrepetition“ – der Klavierbegleitung beim Einstudieren von musikalischen Werken aller Art – versteht man, salopp gesagt, „die Kunst des Weglassens“, dank derer man, ohne das Wesentliche, das musikalisch Wichtige außer Acht zu lassen, den Klaviersatz dennoch spielbar für zehn Finger hält. In etwa so sollte dieser Band verstanden werden: Er versucht, eine Essenz zu bieten aus den Ereignissen der vergangenen 300 Jahre mit allen Höhen und Tiefen, mit den maßgeblichen Erfolgen und gravierendsten Rückschlägen, mit Momenten der höchsten Erfüllung und Einschnitten von größter Tragik.

Unser aufrichtiger und nachdrücklicher Dank geht an unseren langjährigen Verlagslektor und Autor dieser Chronik, Thomas Frenzel. Warum in der Ferne (nach einem Autor) suchen, wo das Gute so nah liegt? Wir bedanken uns von Herzen dafür, dass Sie sich für die Lektüre dieses Buches entschieden haben, und wir wünschen Ihnen, dass Sie genauso viel Freude am Lesen und Betrachten, beim Stöbern und Entdecken haben mögen wie wir während des Entstehungsprozesses.

Wiesbaden und Leipzig im September 2019

Nick Pfefferkorn

Sebastian Mohr

300 Jahre Breitkopf & Härtel Begrüßung: Nick Pfefferkorn

Kaum ein Unternehmen ist so unmittelbar an der Entwicklung der europäischen Musik- und Kulturgeschichte der vergangenen 300 Jahre beteiligt gewesen und so untrennbar mit ihr verbunden wie der Verlag von Breitkopf & Härtel. Mit über 300 Regalmetern stellt sein Verlagsarchiv heute den mit Abstand größten Firmenbestand im Sächsischen Staatsarchiv in Leipzig. Allein, was gilt es daraus und aus den vielen anderswo überlieferten historischen Zeugnissen auszuwählen? Wie wägt man ab zwischen Dingen, die unbedingt gesagt werden müssen, die von allgemeinem Interesse sein könnten, und weniger Wichtigem, das gleichwohl einen signifikanten Aspekt zum Verständnis des Ganzen beizubringen vermag? Wer soll die Fülle an Material ordnen und wie ist dabei vorzugehen? Mit großem Stolz und großer Dankbarkeit präsentieren wir Ihnen mit der vorliegenden Jubiläumschronik des Verlages Breitkopf & Härtel unser Ergebnis der Bewältigung dieser nicht leicht zu lösenden Aufgabe.

Deshalb stehen 300 Jahre Breitkopf & Härtel nicht nur für die Geschichte eines Unternehmens, sondern in gleicher Weise für 300 Jahre im Dienst eines der schönsten Dinge, die uns gegeben sind: der Musik.

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300 Jahre Unternehmensgeschichte aufzuarbeiten, um sie anschließend stil- und vor allem sinnvoll zwischen zwei Buchdeckel zu bringen, scheint Herausforderung genug zu sein. Im Falle von Breitkopf & Härtel, einem Unternehmen, das einen der bedeutendsten Industriezweige der westlichen (Musik-)Kultur geschaffen und nachhaltig geprägt hat, gestaltet sich diese Aufgabe sogar noch etwas schwieriger.


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300 Jahre Breitkopf & Härtel Das 1. Jahrhundert: 1719 – 1818

1. Jh

1719 — 1818


Hochzeit von Bernhard Christoph Breitkopf und Maria Sophia Müller

19

1723/25

Veröffentlichung einer hebräischen Bibel bei Bernhard Christoph Breitkopf

25

1719–1818

1726

Beginn der Freundschaft und Zusammenarbeit mit Johann Christoph Gottsched

33

1736/38

Einzug in das neu errichtete Haus „Zum goldenen Bären“

37

1736/40

Veröffentlichungen von Schemellis „Musicalischem Gesang-Buch“ und Sperontes’ „Singender Muse an der Pleisse“

41

1745

Übernahme der Druckerei durch Johann Gottlob Immanuel Breitkopf

65

12

300 Jahre Breitkopf & Härtel Das 1. Jahrhundert: 1719 – 1818

1719

1. Jahrhundert

Chronik des 1. Jahrhunderts

1754/55/56 Erste Notendrucke mit beweglichen Lettern

71


Neubau des Hauses „Zum silbernen Bären“

87

1784–87

Veröffentlichung der „Vierstimmigen Choralgesänge“ von Johann Sebastian Bach

97

1794

Übernahme der Verlagsleitung durch Christoph Gottlob Breitkopf

105

1795

Sozietätsvertrag mit Gottfried Christoph Härtel

113

1798

Beginn des Erscheinens der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“ und der „Oeuvres complettes“ von Wolfgang Amadeus Mozart

117

1806

Beginn der firmeneigenen Pianoforte-Produktion 131

1810

Verlagsvertrag mit Ludwig van Beethoven

137

1719–1818

1765/67

1. Jahrhundert

79

300 Jahre Breitkopf & Härtel Das 1. Jahrhundert: 1719 – 1818

Erste Ausgabe des „Wöchentlichen Musikalischen Zeitvertreibs“ von Johann Adam Hiller

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1759


Zur Geschichte des Geschäftes

Johann Gottlob Immanuel Breitkopf, des Vorigen Sohn, geboren 23. Nov. 1719[,] übernahm 1745 die Druckerei, welche er außerordentlich hob, indem er zugleich durch seine praktische Thätigkeit sowie durch theoretische und historische Schriften dem Verfall der deutschen Buchdruckerkunst wirksam entgegentrat. 1754 gelang ihm der Wurf, den Satz von theilbaren und beweglichen Notentypen in solcher Einfachheit herzustellen, daß es möglich ward, gedruckte Musikalien mit Erfolg zum Gegenstande eines umfassenden Verlages zu machen. Durch diese Erfindung, die Anlage eines großen Musiklagers geschriebener und gedruckter Werke, erstmalige Veranstaltung thematischer Kataloge und vor Allem durch einen bedeutsamen Musikverlag ward er der moderne Begründer des deutschen Musikalienhandels. Den wissenschaftlichen und schönlitterarischen Bücherverlag führte er nebenbei rüstig weiter. Er starb am 29. Januar 1794.

Gottfried Christoph Härtel, Sohn des Bürgermeisters Dr. Christoph H. in Schneeberg, ward als Jüngster von mehr als 12 Geschwistern am 27. Januar 1763 geboren, studirte seit 1780 in Leipzig die Rechte, war 1789–94 als Hauslehrer und Privatsekretär auch litterarisch thätig; er trat 1795 in die Breitkopf’sche Handlung ein und hob in rascher, wohlgeordneter und großartiger Thätigkeit das nun Breitkopf & Härtel firmirende Geschäft, indem er die Allgemeine musikalische Zeitung begründete und autorisirte, sorgfältig veranstaltete „Oeuvres complètes“ von Mozart, Haydn, Clementi und Dussek veranstaltete [sic], welche als würdige Vorläufer sowohl der modernen Volksausgaben als der kritischen Gesammtausgaben zu betrachten sind. Ferner förderte er den wissenschaftlichen Bücherverlag und erweiterte die technischen Zweige des Geschäfts. Er starb am 25. Juli 1827 auf seinem Rittergute Cotta. Leipzig, den 27. Januar 1881

300 Jahre Breitkopf & Härtel Historischer Text: Zur Geschichte des Geschäftes

Von seinen beiden, als Jugendfreunde Goethes bekannten Söhnen verließ der ältere Mag. Bernhard Breitkopf (geb. 20. März 1749) 1777 Leipzig, betrieb seit 1781 in Petersburg eine Druckerei, ging dann zur Lehrthätigkeit über und starb dort hochbetagt; der jüngere Christoph Gottlob Breitkopf (geb. 22. Sept. 1750) stand dem Vater getreulich bei, gab aber ein Jahr nach dem 1794 erfolgten Tode des Vaters die Leitung des Geschäftes an seinen Freund C. G. Härtel, den er zum Universalerben einsetzte; am 7. April 1800 starb der jüngste Sproß des tüchtigen Geschlechtes.

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Unser Geschäft ward 1719 in Leipzig von Bernhard Christoph Breitkopf aus Clausthal durch Übernahme der J. C. Müller’schen Buchdruckerei, Stempelschneiderei und Schriftgießerei, welche ihrerseits aus einer 1664 von Joh. Georgi errichteten Druckerei hervorgegangen war, begründet. Neben der Druckerei, welche unter seiner Führung sich zur ersten Deutschlands aufschwang, ward bald ein umfassender Bücherverlag begründet, für dessen schönlitterarisches Gebiet Gottsched Berather und Hauptautor war. Bernhard Christoph B. ward geboren am 2. März 1695, starb am 26. März 1777.

1. Jahrhundert

1719–1818

Die Firma im 18.  /19. Jahrhundert


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300 Jahre Breitkopf & Härtel Bildwelten: Plan der Stadt Leipzig

1. Jahrhundert

1719–1818


1719–1818 1. Jahrhundert

Plan der Stadt Leipzig im 18. Jahrhundert

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Der Plan der „florisante[n], auch befestigte[n] Handels=Stadt und weitberühmte[n] Universitaet“ wird ergänzt von einer unter ihm angefügten Stadtansicht Leipzigs von Osten, die von zwei allegorischen Darstellungen flankiert ist: links Minerva, Göttin der Weisheit, mit dem Spruch „Literatorum scientiis“ und umgeben von einem Gelehrten und Attributen der Wissenschaften, rechts Merkur, Gott des Handels, mit dem Spruch „Negotiatorum divitiis“ und beschützt vom Kriegsgott Mars, während im Hintergrund Waren abgeladen werden. Das Quartier mit dem Grundstück Breitkopfs ist im oberen rechten Teil des hellrot markierten „Grimmischen (Grimmaischen) Viertels“ gut zu erkennen; es wird begrenzt von der Stadtbefestigung sowie dem „Alten Marck (Markt)“ bzw. „Sperlingsberg“ und der „Grimmischen Gasse“. Auf demselben Quartier liegen die Gebäude der Universität („S. Pauli Kirche und Collegium“), in unmittelbarer Nähe die Stadtkirche „S. Nicolai“ und der „Große Marck“ mit dem Rathaus. In dem zwischen „Gewand Gässichen“ und „Küpfer Gässichen“ eingezeichneten Gewandhaus wurde 1781 der neue Konzertsaal der Leipziger Bürgerschaft eingeweiht; bis dahin fanden die „Großen Concerte“ im Gasthaus „Drey Schwanen“ am Brühl im „Ranschen Viertel“ statt.

300 Jahre Breitkopf & Härtel Bildwelten: Plan der Stadt Leipzig

Kolorierter Kupferstich, verlegt von Matthäus Seutter, Augsburg 1720


300 Jahre Breitkopf & Härtel Chronik: Das Jahr 1719

1. Jahrhundert

1719–1818

Hochzeit von Bernhard Christoph Breitkopf und Maria Sophia Müller

19

1719


Bernhard Christoph B., einer harzischen Bergmannsfamilie entsprossen, deren Traditionen auf hussitische Einwanderung aus Böhmen zurückweisen, hat zuerst den Breitkopfischen Namen in der litterarischen Welt bekannt gemacht. Er ward am 2. März 1695 in Clausthal geboren, trat in Goslar beim Buchdrucker G. Dunker 1709 in die Lehre, verschenkte dort nach ehrlich überstandener Lehrzeit sein Postulat und wanderte ein Jahr später am 6. Oct. 1714 nach Leipzig, blieb jedoch dort, wo man ein neues Postulat ihm abnöthigte, nur ein Jahr in der König’schen Druckerei, arbeitete dann mehrere Monate in Jena bei Erich und fast 3 Jahre in Halle bei Zeitler und Orban. Am 3. Oct. 1718 zog er von neuem in Leipzig ein, nahm zunächst bei Tietz Arbeit und vermählte sich am 24. Jan. 1719 „mit Frau Maria Sophia Müllerin, geb. Hermannin, weyland sehl. Herrn Johann Caspar Müller Vornehmen Bürger und Buchdrucker, so auch weitberühmten Schriftschneiders und Schriftgießers in Leipzig Wittwe“ [...]. Das Müller’sche Geschäft [...], 1701–1717 von J. C. Müller betrieben, dann von Nic. Spindler verwaltet, war arg in Verfall gerathen. In redlicher Arbeit suchte B. die Druckerei zu heben, sein Bemühen wäre aber trotz Energie und Geschicklichkeit seiner geringen Mittel wegen gescheitert, hätte nicht seine Rechtschaffenheit und Tüchtigkeit ihm Freunde geworben [...].1 Die belegbare Vorgeschichte des „Müller’schen Geschäftes“ reichte bis ins Jahr 1542 zurück, und zwar bis zur ersten urkundlichen Erwähnung des Buchdruckers Heinrich Eichbuchler, der das Haus des bereits seit 1519 in Leipzig wirkenden Buchbinders und Buchhändlers Georg Ficker

20

300 Jahre Breitkopf & Härtel 1719: Hochzeit von Bernhard Christoph Breitkopf und Maria Sophia Müller

1. Jahrhundert

1719–1818

erwarb. Die Druckerei wurde sodann gemäß der Zunfttradition jeweils durch erneute Heirat des hinterbliebenen Ehepartners weitergegeben: „Übrigens unterlag der erste Drucker-Breitkopf bei der Freite einem Usus, an dem niemand Anstoß nahm, weil jeder der Beteiligten, freilich zu verschiedenen Zeiten, aber schließlich doch auf seine Kosten kam.


1

Oskar von Hase, ADB 1876

Starb die Frau eines Druckers mit eigener Offizin, so nahm er nach sorg-

2

Helmut Zeraschi 1968

fältiger Wahl eine zweite, die ihn an Jahren energisch unterbot. Das

3

Ebda.

dass sie bei der notwendigen Wiederverheiratung einen wesentlich jüngeren Buchdrucker, der die Offizin weiterzuführen imstande war, ehe-

Kupferstich von Johanna Dorothea Sysang aus dem Gedicht zu Breitkopfs zweiter Eheschließung 1739

lichte. Das nun konnte ihr wohl nur recht sein. Er durfte wiederum damit rechnen, zu späterer Zeit eine Jungfrau in der Blüte ihrer Jahre heimzuführen. Diese aber wiederum ...“2 Die Trauung der Eheleute fand am 24. Januar 1719 in der nahe gelegenen Nikolaikirche statt. „Da die Hochzeitsfeierlichkeiten im Hause der Braut unter drei Tagen nicht abzumachen waren, ihn selbst dabei möglicher- und verständlicherweise einige Unpäßlichkeiten betroffen haben mögen, ging der neue Druckherr erst drei Tage später, am 27. Januar, an die Arbeit. Und diesen Tag haben dann die arbeitsamen und nüchternen Nachfahren als das gewichtige Datum des Beginns eines großen Unternehmens ausgewählt.“3 Im selben Jahr wurde der einzige Sohn Johann Gottlob Immanuel geboren sowie 1724 eine Tochter, die im Alter von 14 Jahren verstarb; zur Familie gehörten außerdem die drei Töchter von Maria Sophia Breitkopf aus deren Ehe mit Johann Caspar Müller. Als Bernhard Christoph Breitkopf 1738 auch die „vom Tode der Tochbis dato gepflegtem Brauch, „mit Theodora Sophia Kayser eine neue 33

1. Jahrhundert

Jahre währende glückliche Ehe“ ein.

1719–1818

ter niedergebeugte Frau“ verlor, ging er am 2. Februar 1739, ganz nach

A

B

300 Jahre Breitkopf & Härtel 1719: Hochzeit von Bernhard Christoph Breitkopf und Maria Sophia Müller

B

Geburtsbrief von Bernhard Christoph Breitkopf

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A

konnte ihm wohl nur recht sein. Mit ziemlicher Sicherheit überlebte sie ihn, und dann revanchierte sie sich ihrerseits beim Schicksal dadurch,


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300 Jahre Breitkopf & Härtel 1719: Hochzeit von Bernhard Christoph Breitkopf und Maria Sophia Müller

1. Jahrhundert

1719–1818

Die Firma Breitkopf kam sehr bald zu hoher Blüthe. Fünf Jahre nach der Übernahme [...] war die Offizin der Größe nach die dreizehnte am Orte, 1744 die dritte, und bald darauf galt Breitkopf als der erste Drucker Deutschlands. Neben der Druckerei war eine Verlagsbuchhandlung entstanden, zu der 1723 mit der Ausgabe einer hebräischen Handbibel der Grund gelegt wurde [...].4

C

4

Biographisches Lexikon 1889

C

Stich von Gustav Georg Endner, 1777


1719–1818 1. Jahrhundert

Wussten Sie, dass ...

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300 Jahre Breitkopf & Härtel Wussten Sie, dass ...?

... der Bär als Verlagssignet im Dezember 1720 auch in Italien auftauchte?


Knapp zwei Jahre nach Gründung der „Firma Breitkopf“ in Leipzig erschien in Venedig die Theater- und Opernsatire Il teatro alla moda als anonyme Veröffentlichung des Komponisten Benedetto Marcello (1686–1739), „gewidmet dem Verfasser des Buches vom Autor desselben“, wie auf der Titelseite vermerkt ist. Das Werk hält dem dekadenten italienischen Opernwesen der Zeit den Spiegel vor und löste weitere Schriften und vor allem eine Welle von Bühnenwerken aus, die sich demselben Thema zuwandten – bekannte späte Beispiele sind Antonio Salieris Prima la musica poi le parole und Wolfgang Amadeus Mozarts Der Schauspieldirektor, die im Auftrag Kaiser Josephs II. entstanden und 1786 gemeinsam im Schloss Schönbrunn in Wien aufgeführt wurden. Bei Marcello enthalten die fiktiven Verlegerangaben am Ende der ausführlichen Titelformulierung zahlreiche teils anagrammatische Anspielungen auf Personen des zeitgenössischen venezianischen Opernlebens: „Stampato ne Borghi di Belisania per Aldiviva Licante, all’Insegna dell’Orso in Peata. Si vende nella Strada del Corallo alla Porta del Pa-

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Stich von Giannantonio Zuliani, 1803

B

Breitkopf-Firmenzeichen 1742

1. Jahrhundert

1719–1818

Wussten Sie, dass der Bär als Verlagssignet im Dezember 1720 auch in Italien auftauchte?

24

300 Jahre Breitkopf & Härtel Wussten Sie, dass ...?

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B

lazzo d’Orlando.“ Mit Borghi, Belisani, Canteli (= Licante), Strada und Laurenti (gen. Coralli) waren samt und sonders Sängerinnen und Sänger gemeint, mit Orlandini (= Orlando), Porta und Palazzi (Palazzo) zwei Komponisten und ein Librettist, und mit Aldiviva natürlich ebenfalls ein Komponist, Antonio Vivaldi, der zudem als Violine spielender Engel mit Priesterhut auf der Titelabbildung erscheint. Die Drucklegung „all’insegna dell’Orso in Peata“ (beim Firmenschild des Bären in der Barke) schließlich nimmt Bezug auf zwei Impresarii Venedigs, auf Giovanni Orsatto, den Intendanten des Teatro San Moisè (ital. orso = Bär), und Modotto, den Leiter des Teatro Sant’ Angelo und ehemaligen Besitzer einer Barkenflotte (ital. peata = Barke), auch dies also – wie der Rest – erfundene Angaben. So konnte der venezianische Bär mit Banner und Allongeperücke, auf Geldsäcken hockend, kein ernsthafter Konkurrent für das junge Leipziger Unternehmen werden. Vermutlich erst 1738 erschien eine zweite Auflage des Teatro alla moda, und Breitkopf benutzte den Bären als Firmenzeichen erst seit den 1740er Jahren.


300 Jahre Breitkopf & Härtel Chronik: Die Jahre 1723/25

1. Jahrhundert

1719–1818

Veröffentlichung einer hebräischen Bibel bei Bernhard Christoph Breitkopf

25

1723/25


26

300 Jahre Breitkopf & Härtel 1723/25: Veröffentlichung einer hebräischen Bibel bei Bernhard Christoph Breitkopf

1. Jahrhundert

1719–1818

Tatsächlich war die Verlagstätigkeit bereits 1723, wo er eine hebräische Handbibel auf Subskription druckte, im Gange, doch ist diese Biblia hebraica [...] erst 1725 fertig erschienen. Die Meßkataloge, in denen Breitkopfs Name zuerst 1725 auftritt, weisen von 1725 bis 1761 unter seinem Namen 656 Verlagswerke hauptsächlich sach- und schönwissenschaftlicher Natur auf; der geistige Gehalt dieser Werke steht zumeist auf der Höhe jener Zeit, in der freilich die deutsche Wissenschaft und Dichtkunst der Selbständigkeit ermangelte. Geßner 1 berichtet über ihn im Jubeljahre der Druckkunst [das Gutenberg-Jubiläum 1740]: „Dieser Mann hat das Glück, vielen Gelehrten durch seinen Druck zu gefallen, und weil er auch in seinem eigenen Verlag manches nützliches und nöthiges Buch [...] herausgedruckt; so ist er dadurch so wohl bekannt geworden, daß ein mehres von ihm zu erwehnen überflüssig seyn wird.2

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Christian Friedrich Geßner (1701–1756), Autor der Abhandlung Die so nöthig als nützliche Buchdruckerkunst und Schriftgießerey [...], Leipzig 1740

Der „apud Bernhard. Christoph. Breitkopffium.“ veröffentlichte Bibel-

2

Oskar von Hase, Gedenkschrift I

(von vorn und von hinten) zu lesenden Teilen zusammengebunden: dem

3

Karl Gustav Adolf Siegfried, ADB 1889

Neuen Testament (griechisch) und dem Alten Testament (hebräisch), er-

A

Stich von Johann Martin Bernigeroth, 1753

Übersetzungen ins Lateinische für den griechischen und den hebräischen

B

Seiten des hebräischen Teils

druck ist der erste unter dem Namen Breitkopf überlieferte Buchtitel. Das im Verlagsarchiv aufbewahrte Exemplar ist aus zwei gegeneinander

gänzt sind ein Register für den griechischen und Wortverzeichnisse mit Teil. Herausgeber ist der zu jener Zeit als Rektor des Gymnasium illustre Augusteum in Weißenfels tätige Theologe Christian Reineccius, der zusammen mit dem Universitätsprofessor „v. Mascow“ (vermutlich Johann Jakob Mascov, 1689–1761, Staatsrechtler und Historiker, in Leipzig als Dozent, Ratsherr, Stadtrichter und später als Leiter der Ratsbibliothek tätig) den jungen Verleger in seinen Anfangsjahren „mit hinreichenden Mitteln“ unterstützte. Christian Reineccius (1668–1752), deutscher Hebraist, Theologe und Pädagoge, studierte in Helmstedt und Rostock, ab 1694 war er an der Universität Leipzig und in Halle tätig. 1700 wurde er Privatdozent an der Universität Leipzig. „Seine wissenschaftliche Thätigkeit concentrirte sich um die Bibel, vorzugsweise das alte Testament, dessen Text und Sprache er festzustellen und besser zu verstehen suchte. Danach lassen sich seine Arbeiten gruppiren in Bibelausgaben, Concordanzen und Le-

fehler. Die dritte Ausgabe in 4° ebenfalls von 1739 ist eine unglaubliche Verballhornisirung der beiden früheren, indem die Bücher in derselben nach der Reihenfolge in der deutschen Bibel geordnet sind, die Paginirung nach der Manier deutscher Bücher gegeben ist, also dem hebräischen Text beständig zuwiderläuft und der Druck ohne Zeilenabsätze fortläuft.“3

B

1. Jahrhundert

marien, die über jedem Capitel standen. Die zweite Ausgabe von 1739 in 8° ist ein genauer Abdruck der ersten, einschließlich sämmtlicher Druck-

300 Jahre Breitkopf & Härtel 1723/25: Veröffentlichung einer hebräischen Bibel bei Bernhard Christoph Breitkopf

solche erschien zuerst 1725. Sie gab den Text der Antwerpener Polyglotte [...]. Seine eigne Zuthat bestand in kurzgefaßten lateinischen Sum-

1719–1818

xika. – Wir betrachten 1) die Ausgaben: a) der hebräischen Bibel. Eine

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1


B

C

1719–1818

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1. Jahrhundert

Das erste Verlagswerk: Biblia hebraica von 1723 A – C Griechischer Teil mit Wortverzeichnis D + E Hebräischer Teil mit Wortverzeichnis F + G Griechischer und hebräischer Text

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300 Jahre Breitkopf & Härtel Bildwelten: Das erste Verlagswerk

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Ueber Buchdruckerey und Buchhandel in Leipzig

1. Jahrhundert 300 Jahre Breitkopf & Härtel Historischer Text: Ueber Buchdruckerey und Buchhandel

Zum Vortheile der zu Anfange des 15ten Jahrhunderts in Leipzig eingezogenen Musen ward in der Mitte desselben Jahrhunderts die Buchdruckerey erfunden, und schon ums Jahr 1479 oder 1480 erhielt Leipzig die erste Buchdruckerey, mit dem aus Nürnberg zum Professor beruffenen Andreas Friesner, welcher als Corrector und Gesellschafter des Buchdruckers Sensenschmid in Nürnberg, seinen Druckerey=Antheil mit nach Leipzig brachte, den Leipziger Studien hülfreiche Hand bot, die Ausbreitung der Wissenschaften ihnen zu erleichtern. Die Anzahl der Buchdrucker vermehrte sich, wie ihre Pressen, in wenigen Jahren, und eine Menge von Büchern kamen durch sie in Leipzig zum Vorschein, die für die Studien so vortheilhaft gedruckt waren, daß sie die Lehrer zu ihren Vorlesungen, und die Zuhörer, die Anmerkungen ihrer Lehrer zwischen den Zeilen zu bemerken, anwenden konnten. Eine Reihe von 19 Buchdruckern trieben neben und nach einander in Leipzig ihre Geschäfte und benutzten die Produkte ihrer Kunst selbst, wie sie konnten, bis in die Mitte des 16ten Jahrhunderts. Erst um das Jahr 1545 fanden sich die beyden ersten Buchhändler, Steiger und Boskopf in Leipzig ein, die neben den damals nun schon starken Buchhandel treibenden berühmten Buchdruckern, Wolrab, Papa, Vögelin, Beyer und Lamberg, sich zu Mittelsmännern bey dem Debite der gelehrten Produkte machten, und dabey auch anfiengen, die Buchdrucke­ reyen in Leipzig selbst etwas zu beschäftigen. Die Bücher wurden

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Der jetzt in Leipzig sich befindende Flor der Buchdruckerey und der Stapel des Buchhandels sind nicht durch Zufall, nicht durch Gelegenheit der Waarenmesse entstanden, sondern sie sind ein Werk von 300 Jahren, und eine Folge des nach und nach zugenommenen Flors der Wissenschaften in Sachsen: und die Anzahl der Druckereyen und das Uebergewicht des Buchhandels, wuchs in eben dem Verhältnisse in Leipzig, als Sachsen überhaupt das Uebergewicht über den vormals im Vorderdeutschlande gewesenen Sitz der Wissenschaften erhielt.

1719–1818

Johann Gottlob Immanuel Breitkopf


nach Frankfurt zur Messe geführt, wohin bereits der Faustische Eydam, Peter Schoiffer, seine Bücher zum Verkauf brachte, und wohin bey der Ausbreitung der Druckerey auch die Bücher aus dem Unterdeutschlande, vom Rhein, aus der Schweiz, aus Schwaben und Franken, gebraucht wurden, wodurch sich die Buchhändlermesse vollends ausbildete, welche nachher bis in die Mitte des jetzigen 18ten Jahrhunderts, wo nicht in dem alleinigen, doch in dem wichtigsten Besitze derselben sich erhielt.

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300 Jahre Breitkopf & Härtel Historischer Text: Ueber Buchdruckerey und Buchhandel

1. Jahrhundert

1719–1818

Die beständigen Kriege im 16ten und 17ten Jahrhunderte, welche für Sachsen so schädlich waren, und besonders Leipzig sehr mitnahmen, mussten notwendig auch den Wissenschaften, und denen, die ihnen dienten, schädlich werden. Die bisher blühenden Buchdruckereyen wurden dadurch so sehr entkräftet, daß bey dem Buchdrucker=Jubiläo in Leipzig 1640, nicht mehr als 5 schwache Buchdruckereyen übrig waren, welche überhaupt nicht mehr als 14 Arbeiter förderten; und es haben volle hundert Jahre dazu gehört, ehe sich die Buchdruckerey von ihrem damaligen Verfalle wieder hat erholen können. Der Buchhandel hatte dabey unstreitig eben so sehr gelitten; so wie die Kaufleute aber überhaupt leichter Mittel finden, ihre Geschäfte wieder zu betreiben: so war dieß auch der Fall bey den Buchhändlern, und es ist sehr deutlich, daß die Umstände der Zeit eben so viel dazu für sie beytrugen, als solche der Buchdruckerey zu ihrer Erholung zu gleicher Zeit hinderlich waren. Die Buchdruckerey ward in eine Innung gleich andern Professionen vereiniget und die Buchdrucker erhielten um 1623 eine Taxordnung, nach welcher sie die damals gewöhnlichen Arbeiten liefern sollten; aber nach welcher sie, nur bey voller Beschäftigung, gleichwohl nur kümmerlich leben konnten. Um 1666 war eben dergleichen Büchertaxe auch für die Buchhändler, nach der Art, wie sie in Spanien noch in diesem Jahrhunderte gewöhnlich war, im Werke; aber diese Taxe, und auch das Vorhaben der Buchhändler, sich nach dem Muster der Kramer und Tuchhändler in eine Innung zu vereinigen, kamen zu Stande. Hierzu kam, zu noch größerm Verfalle der Druckerei in Leipzig, daß sich die Druckereyen in den benachbarten Städten vermehrten, und ihnen einen Theil der Nahrung entzogen. Die Reichs=Abschiede hatten zwar bestimmt, daß keine Buchdruckerey an einem andern Orte seyn sollte, als in Residenzen, Akademien und großen Handelsstädten: aber die damalige noch gewöhnliche Zertheilung der Länder unter die fürstlichen Kinder veranlaßte, daß in allen abgetheilten Residenzen derselben, bis auf die Gräflichen, Buchdruckereyen entstanden, deren Besitzer ohne Steuer und andere Abgaben, bey freyen Wohnungen und zugestandnen Besoldungen, immer noch wohlfeiler drucken konnten, als die Leipziger es thun mußten. Diese Buchdruckereyen, in den nunmehrigen Landstädten, bestehen noch immer, und sind noch jetzt ein Nahrungshinderniß für die Leipziger Buchdruckereyen. Der Buchhändler ist ein Kaufmann, wie andere, und es ist ihm nicht zu verdenken, daß er dahin gehe, wo er seine nöthigen Waaren=Artikel am wohlfeilsten gearbeitet bekommen kann, wenn ihm weniger an der Güte der Waaren, als an dem mehrern Gewinnste gelegen, und so lange die Gelegenheit dazu für ihn noch vorhanden ist.

Die kummervollen Umstände der Leipziger Buchdrucker dauerten bis in das erste Drittheil dieses 17ten Jahrhunderts, und nur etliche von ihnen, Nehrlich, Am Ende und Ritzsch erholten sich in etwas, da sie wieder eigenen Verlag zu unternehmen wagten, deren dadurch angewachsene Verlags=Handlungen theils wieder durch ihre Töchter, theils durch Kauf in ansehnliche Buchhandlungen damaliger Zeit übergiengen. Der Selbstverlag der übrigen Buchdrucker schränkte sich auf einige kleine Schulbücher, alte Volks=Romane und den Handel mit Disputationen ein, welcher in den Leipziger Messen durch 50 und mehrere Buchdrucker aus den Akademien in Deutschland, bis in die Mitte dieses 18ten Jahrhunderts mit den jährlichen neuen Disputationen getrieben wurde; der aber nunmehr, da der ehemalige Werth der Disputationen gefallen, und sie durch wichtigere Werke aus den Bibliotheken verdränget worden sind, auch ganz eingegangen ist. Indessen hatte die Cultur der Litteratur aller Art in Ober= und Niedersachsen, Schlesien und Preußen sehr zugenommen, und wie die Bücher in allen Wissenschaften sich gemehrt hatten: so übertrafen sie die aus dem Vorderndeutschlande auch an innern und äußern Werthe. Die Leipziger und einige andere Sächsische Buchhändler besuchten zwar, ihrer Verbindung halber mit den Buchhändlern der dasigen Gegend, die Frankfurter Messe: es hatte sich aber auch schon die Buchhändlermesse in Leipzig damit angefangen, daß sogar die Neujahrmesse nicht ganz ausgeschlossen und von nahen Buchhändlern ebenfalls besucht wurde, so, daß in der Neujahrmesse 1667 eine Privilegien=Insinuation der Büchercommission von 29 Leipziger und fremden Buchhändlern unterschrieben wurde; und in der Ostermesse desselben Jahrs unterschrieben nun allein schon 19 fremde Buchhändler. Aber bey der Vermehrung der fremden, nach Leipzig kommenden Meß=Buchhändler, hörte in der Mitte des jetzigen Jahrhunderts die Besuchung der Frankfurter Messe von den hiesigen Buchhändlern völlig auf. Die weiter entfernten Dänischen und Schwedischen Buchhändler waren nur sehr selten dahin gegangen: sie hatten aber schon angefangen, ihres nöthigen Umsatzes wegen, nach Leipzig zu kommen, oder auch von Leipzig aus, sich mit den neuen Büchern sortiren zu lassen; und die Frankfurter und andere, bisher nach Frankfurt gegangenen Meß=Buchhändler, wurden daher genöthiget, nach vollbrachten Frankfurter Meßgeschäften, ebenfalls nach Leipzig zu kommen, um ihre Bücherlager auch mit den Büchern der Leipziger Messe zu versehen. Dieß erweckte den Leipziger Buchdruckern den Gedanken, von dieser sich nahenden Veränderung in dem Buchhandel Nutzen zu ziehen. Einige von ihnen hatten wieder angefangen, einige kleine Verlagsbücher für sich selbst zu drucken, um ihre wenigen Arbeiter dadurch sicherer zu erhalten. Unter diesen that sich besonders der ältere Breitkopf hervor, der mit Unterstützung einiger Gelehrten etliche Werke vom Werthe druckte, die sowohl ihrer innern, als äußerlichen Beschaffenheit wegen, Beyfall erhielten. Dieß zog ihm Arbeit von auswärtigen Buchhändlern zu; es wurde nun der Anfang gemacht, Niederlagen und Läden in


[...] Der Vortheil, welchen Leipzig besonders durch den ungestörten Umtrieb seiner Druckereyen und der damit verbundenen bisherigen Lage des Buchhandels hat, ist ebenfalls wichtig. Wenn 350 Mitarbeiter bey den Druckereyen erhalten werden, wovon gegen 2/3 verheirathet sind: so erlangt die Stadt dadurch auf 80 Familien; an Miethzinsen und andern Abgaben eine beträchtliche Summe Geld; die verschiedenen Gewerbe der Stadt einen stärkern Zugang; und die Stadt selbst eine sich vermehrende Anzahl Einwohner. Der Vortheil aber, welchen die Stadt von 300 Buchhändlern hat, die aus allen Gegenden Deutschlands, aus der Schweiz, Dännemark, Schweden, Liefland, Böhmen und Ungarn des Buchhandels wegen nach Leipzig kommen, ist es nicht geringer, und beträgt für eben so viele Wohnungen, Läden und Niederlagen, zum niedrigsten gerechnet, jährlich eine Summe von etlichen tausend Thalern; die andern Nahrungszweige, an Frachten, Zehrungen, Einkaufe mancherley Waaren=Artikel umgerechnet, so daß alle Arten von Gewerbe davon Nutzen und Nahrung erhalten; zumal da keine anderen Meßfremde der Geschäfte wegen so lange in Leipzig sich aufhalten, als es die Buchhändler, ihrer sich verzögernden Geschäfte halber, zu thun mehrentheils

[...] Die Breitkopfische Schriftgießerey in Leipzig hat sich dadurch, so viel es ihr nur immer möglich gewesen ist, in eine Verfassung gesetzt, die Gießerey zum Vortheil für Sachsen zu erhalten, und besonders bey allen Vorfällen den Leipziger Buchdruckereyen Beystand leisten zu können. Ohne Uebertreibung ist sie jetzt für die Einzige in Europa zu halten, welche alles das zusammen besitzt, was in andern Ländern zerstückt zu finden ist. Nicht nur alle Europäische veraltete, und gegenwärtige Sprachen in mehr als einer Schriftgröße besitzt sie; sondern auch alle die Sprachen, welcher sich Afrika und Asien, zu ihren gelehrten Arbeiten bedienen, von Griechenland bis nach China. Rußland, Liefland, Schweden, Dännemark, Pohlen, auch Böhmen und Ungarn haben Schriften aus dieser Schriftgießerey erhalten, sogar nach Amerika sind aus derselben Schriften geholt worden, und sie beschäftigt dermalen bey 2 Gießöfen etliche 40 Arbeiter von allerley dazu nöthigen Arten. Die Menge ihrer Schriftsorten, die eine Bemühung von 70 Jahren sind, übersteigt schon jetzt die Zahl von 400, und sie vermehrt solche jährlich mit Neuen. Ein einziger Artikel dieser Schriftgießerey, hat durch die in solcher zuerst entstandenen neuen musikalischen Typen, einen so fruchtbaren Nahrungszweig hervorgebracht, daß dadurch nur in Leipzig auf ein Viertelhundert Arbeiten erhalten werden. [...]

1719–1818 1. Jahrhundert

Ein wichtiger Punkt zur nützlichen Förderung dieser Fabrike und dieses Handels ist eine gute und diesen Absichten angemessene Schriftgießerey, die alle das für den Gebrauch der Buchdruckerey zu liefern im Stande ist, was nur dabey vorfallen möge. Deutschland hat in diesem Stücke mehr nöthig, als kein anderes Land, da in solchem mehr als in keinem andern Künste und Wissenschaften getrieben werden, und dabey nicht bloß für Deutschland allein, sondern für ganz Europa gearbeitet wird. Eben deswegen muß eine Schriftgießerey, besonders in Leipzig, bey dem Zusammenflusse aller gelehrten Geschäfte, viel reicher und viel completer an Schriften und Sprachcharaktern seyn, als keine andere in Europa, wenn solche etwas zu dem Flore ihrer Druckerey und des Buchhandels beytragen, oder vielmehr denselben fest gründen soll. Frankreich, England und Holland bedienen sich zu ihren gelehrten Arbeiten allein der Lateinischen Schriftarten; nur zu ihren Schul= und Kirchen=Büchern für den gemeinen Mann, brauchen sie auch noch die alte Gothische Schrift, welche die Engländer Blackschrift die Holländer Duitsch nennen; andere Europäische Schriftarten brauchen sie nicht, und Orientalische kommen nur wenig bey den Studien ihrer Länder vor. Italien allein hat einige Ähnlichkeit mit Deutschland in diesem Stücke.

300 Jahre Breitkopf & Härtel Historischer Text: Ueber Buchdruckerey und Buchhandel

Wie vortheilhaft diese Lage des Buchhandels und der Buchdruckerey in Leipzig für das Land überhaupt seyn müsse, ist daraus leicht zu berechnen, daß zum Umtriebe dieser Geschäfte, nur allein für Leipzig, jährlich gegen 6000 Ballen Papier nöthig sind, wodurch wenigstens 30 Papiermühlen im Lande in Arbeit und Nahrung gesetzt werden. Den Mittelpreis dieser in so mancherley an Größe und Werthe verschiedenen Sorten Papiere nur zu 12 Rthlr. gerechnet: so bringen sie dem Lande wenigstens 72000 Rthlr., und durch die darunter befindlichen Schreibpapiere, mit einiger Erhöhung dieses Preises, 80000 Rthlr. und mehr ein, davon 2/3 sicher vom Auslande gezogen werden. Oel, Ruß und andere Produkte des Landes nicht gerechnet, die bey so einer Anzahl von Pressen immer etwas Beträchtliches ausmachen dürften.

gezwungen sind. Nicht weniger sind die Arbeiten der Correctoren, der Zeichner, Formschreiber, Kupferschmidte, Kupferstecher, Kupferdrucker, beträchtlich, welche alle das Ihrige, zu dem Einkommen für Leipzig beytragen, das allein aus dem hier sich eingerichteten Bücherdruck und Bücherhandel fließt.

31

Leipzig zu suchen, um dadurch künftig die Frachten zu ersparen, die sie bisher zum Transport ihrer Bücher zum Meßdebit hatten aufwenden müssen; wozu besonders die entferntesten den ersten Schritt thaten. Diesen folgten bald andere, und Breitkopf konnte nun nicht nur seine eigenen fünf Pressen mit seiner eigenen und fremden Arbeit unterhalten: sondern er unterhielt noch drey andere Durckereyen von dem, was er selbst nicht bestreiten konnte. Die Druckereyen hatten durch diese Gründung des Buchhändler=Stapels in Leipzig so sehr zugenommen, daß bey dem zweyten Jubelfeyer der Buchdrucker 1740, 18 Druckereyen daselbst vorhanden waren, welche 160 Arbeiter förderten. Der ältere Jacobäer, der nachher aus der Breitkopfischen Schule, in die Werkstätte des verstorbenen Schniebes versetzt wurde, ahmte seinen Lehrer im Umtriebe der Druckerey und in eigenem Verlage eben so fleißig nach; und seit dieser Zeit ist die Anzahl der Pressen in Leipzig bis auf 78 gestiegen, welche auf 350 Arbeiter unterhalten können, wenn sie gehörig mit Arbeit unterstützt werden.


1. Jahrhundert 300 Jahre Breitkopf & Härtel Chronik: Das Jahr 1726

33

Beginn der Freundschaft und Zusammenarbeit mit Johann Christoph Gottsched

1719–1818

1726


Johann Christoph Gottsched hatte sich 1714 im Alter von 14 Jahren an der

1

Johann Christoph Gottsched

Universität Königsberg in Theologie, später in Philosophie immatriku-

2

Biographisches Lexikon 1889

A

Stich von Johann Jakob Haid nach Elias Gottlob Haussmann, o. J.

B

Stich von Johann Jakob Haid nach Anna Maria Werner, o. J.

liert und war 1724 nach erfolgtem Abschluss als Magister Artium vor den Werbern der preußischen Armee nach Leipzig geflüchtet. Dort habilitierte er sich noch im selben Jahr und entfaltete eine rastlose Tätigkeit als Lehrer, Publizist, Dramatiker und Organisator des akademischen und künstlerischen Lebens, auch in Zusammenarbeit mit seiner Frau, der hochbegabten und -gebildeten Luise Adelgunde Victorie geb. Kulmus, die als „Gottschedin“ oder, wie in Gottscheds Schriften genannt, „geschickte Freundin“ eine ebenso wichtige Rolle im literarischen Leben einnahm. Als ein führender Vertreter der deutschen Frühaufklärung war Gottsched bald maßgeblich an zahlreichen philosophischen, sprachkundlichen und literaturtheoretischen Debatten beteiligt. 1739 wurde er

1. Jahrhundert

1719–1818

erstmals zum Rektor der Leipziger Universität gewählt.

Ich wandte mich an den verständigen Herrn Breitkopf, bey dem ich bereits etliche Bogen Verse hatte drucken lassen, der aber noch kein Buch auf eigenen Verlag zu drucken gewaget hatte. Hier kam also ein neuer Schriftsteller und ein neuer Verleger zusammen: und sie wurden eins, ihr Heil zu versuchen. Herr B. las meine Uebersetzung und meine Anmerkungen durch, und fand so viel Vergnügen dran, daß er sich entschloß, selbst eine Probe damit zu machen: ob er künftig einen glücklichen Verleger abgeben könnte. Er druckete auch in der That diesen fontenellischen Tractat so sauber, daß dieß Büchlein, so zu reden, den Anfang der Epoche von schön gedruckten deutschen Büchern in diesem Jahrhundert abgab. Dies geschah 1726.1 1736 war Gottsched einer der ersten Mieter im neu errichteten Haus „Zum goldenen Bären“ und wohnte dort im ersten Stock bis zu seinem Tod 1766. Bernhard Christoph Breitkopf druckte seine wichtigen theoretischen Schriften und Zeitschriften. Ebenfalls im Verlag erschienen 1741–45 die Belustigungen des Verstandes und des Witzes des Gottsched-Schülers Johann Joachim Schwabe, die als „das erste belletristische Journal Deutschlands“ zu einem Spiegel des literarischen Lebens in Deutschland um die Mitte des 18. Jahrhunderts avancierten und wiederum Christian Fürchtegott Gellert berühmt machten, dessen Tierfabeln darin erschienen. Nach 1900 fand eine moderne Ausgabe der Werke Gottscheds ihren Weg in den Verlag Breitkopf & Härtel: „Der ersten Anfänge des Buchver-

34

300 Jahre Breitkopf & Härtel 1726: Freundschaft und Zusammenarbeit mit Johann Christoph Gottsched

lags eingedenk wurde der neugegründete ‚Gottsched-Verlag‘ übernom-


men: Die von Eugen Reichel herausgegebenen Gesammelten Schriften in der sechsbändigen Ausgabe der ‚Gottsched-Gesellschaft‘, in je zwei Bänden Die vernünftigen Tadlerinnen, Der Biedermann, die Gedichte und Gesammelten Reden enthaltend [...].“ Der Herausgeber (und Autor verschiedener Arbeiten über Gottsched), der „bekannte Gottsched-Prophet, Herr Reichel“, verfolgte mit seinem Engagement allerdings vor allem die „nationalpädagogische Mission“ einer Errettung und Neubewertung der Theorien Gottscheds „zum Heile“ von deutscher Sprache und deutschem Volk, was dazu geführt hat, dass seine propagandistischen Bemühungen aus moderner Sicht als „äußerst problematisch“ eingeschätzt werden. Seit dem Jahr 2000 verfolgt die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig das Projekt einer historisch-kritischen Ausgabe des Briefwechsels von Johann Christoph Gottsched „unter Einschluss des Briefwechsels von Luise Adelgunde Victorie Gottsched“.

B

35

A

300 Jahre Breitkopf & Härtel 1726: Freundschaft und Zusammenarbeit mit Johann Christoph Gottsched

1. Jahrhundert

1719–1818

Einen besonderen literarischen Charakterzug verliehen der Breitkopf’schen Firma die Beziehungen zu J. Ch. Gottsched und dessen Frau Luise geb. Kulmus. Der damals als Reformator der Literatur und des Geschmackes gepriesene Dichter, Aesthetiker und Universitätslehrer verkehrte mit seiner geistreichen Gemahlin als Hausfreund bei Breitkopf und verlegte bei ihm verschiedene seiner Produkte.2


36

300 Jahre Breitkopf & Härtel Bildwelten: Schriften von Johann Christoph Gottsched

1. Jahrhundert

1719–1818

Schriften von Johann Christoph Gottsched


300 Jahre Breitkopf & Härtel Chronik: Die Jahre 1736/38

1. Jahrhundert

1719–1818

Einzug in das neu errichtete Haus „Zum goldenen Bären“

37

1736/38


Der ehemalige Gasthof (erstmals erwähnt 1506) war 1732 erworben und

1

Einer der „Professoren der hiesigen Universität“, die Bernhard Christoph Breitkopf finanziell unterstützten

2

Adam Heinrich Holle, Buchdrucker und Stiefschwiegersohn, fand mit seiner Druckerei ebenfalls Platz in dem Neubau; 1746 wurde diese von Breitkopf Vater für den Sohn erworben.

3

Bernhard Christoph Breitkopf

A

Ein Grundriss des neu erbauten Goldenen Bären, unten das Vorderhaus

B

Treppenaufgang im Goldenen Bären mit den Medaillons von Gottsched und Immanuel Breitkopf zu Anfang des 20. Jahrhunderts

C

Goldener und Silberner Bär, Lithographie von Adolph Werl, o. J.

dann abgerissen worden, damit an seiner Stelle ein mehrstöckiges Wohnund Gewerbehaus errichtet werden konnte. Die Immobilie lag neben der bis dato genutzten kleinen Müllerschen Druckerei „auf dem alten Neumarkte“, der späteren Universitätsstraße. Der Enkel Christoph Gottlob Breitkopf notierte am Ende seines Lebens nach den Erzählungen des Großvaters: „Weil nun in dem kleinen Hause der Platz die Druckerey zu vergrößern durchaus zu klein war, so handelte mein Großvater mit Mascows1 Genehmigung um den Goldenen Bär, welcher damals ein alter verfallener Gasthof mit Ausspannung [Einkehr der Fuhrleute], Bierbrau, Bier- und Weinschanks Gerechtigkeit war, und zwei alten hinterlassenen Jungfern des verstorbenen Advokaten Kaysers gehörte. Obgleich das alte Haus schon verfallen war, vorn heraus nur eine Etage in elendem Geschmack gebaut hatte, 2. Tr. vorn heraus Heuboden und ein Schindeldach war und weder ein Seiten- noch Hofgebäude, sondern nur mit Schindel bedeckte Pferdeställe hatte, und dieser Gasthof größtentheils blos von Fuhrleuten seine Nahrung hatte, und demnach mein Großvater einem großen Baue entgegensahe, so konnte er dieses alte verfallene

38

300 Jahre Breitkopf & Härtel 1736/38: Einzug in das neu errichtete Haus „Zum goldenen Bären“

1. Jahrhundert

1719–1818

Hauß doch nicht anders als um den Preis von 6000 rthl. erhandeln.“

Ich hatte mich eben damals auf den Kauf des Hauses zum Goldenen Bären eingelassen, brachte solchen aber erst das folgende Jahr 1732 in der Ostermesse zu Stande, fing alsbald an zum Hintergebäute Raum zu machen, und zu bauen, dergestalt, daß ich noch zu Michaelis desselben Jahres die Buchdruckerey, auf Neujahr aber die Schriftgießerey und meine Schreibstube bezog. Hiernach ruhete ich mit dem Bau bis ich mit Gott 1735 die vielen Beschwerlichkeiten von Processen, worin die Verkäufer unter sich selbst, zum Theil auch mit andern verwickelt waren, sowohl verschiedene Appellationes, sonderlich des Bärs der ein Erbe davon seyn wollte, überwunden hatte. Da fing ich gleich nach der Ostermesse 1737 an, vorne an der Gasse hernieder zu reißen, mithin das Vorder- und Seitengebäude aus dem Grund aufzuführen, und vollendete dasselbe unter göttlichem Beystandt dergestalt, daß Michaelis desselben Jahrs der Anfang zur Etablierung der Hollischen Buchdruckerey 2 in diesem Seiten-Gebäute gemacht wurde. Es konnte auch schon die Wirtschaft in der neuen Gaststube verrichtet werden, und nach Ostern 1738 wurde alles völlig bewohnt und bezogen. Gott sey Dank davor der seinen Segen während des Baues reichlich über mir gehalten, und es mir nicht an einem Manne fehlen ließ, der mir seinen Beystand noch eher anbieten müssen als ich dessen bedurft habe.3 Freund! Da Dein neues Haus zu seinem Gipfel steigt, Und so der ganzen Stadt ein herrlich Beyspiel zeigt, Daß Klugheit, Fleiß, Verstand und Redlichkeit noch blühen, Und dem, der sie besitzt, auch Vortheil nach sich ziehen: So freut sich sonderlich ein alter Freund dabey, Der Dich ins zwölfte Jahr, ohn alle Heucheley; Vor andern hochgeschätzt. [...] Und wünscht dir, alt und grau die Freude zu erleben, Daß deines Sohnes Glück sich noch mag höher heben. Johann Christoph Gottsched, An Se. Wohledlen Hn. Bernhard Christoph Breitkopf. Im Jahre 1736 Bey Vollführung seines schönen Baues Der Goldene Bär wurde 1867 an die Universität verkauft und im Dezember 1943 beim Luftangriff der Royal Air Force zerstört.


C

300 Jahre Breitkopf & Härtel 1736/38: Einzug in das neu errichtete Haus „Zum goldenen Bären“

1. Jahrhundert

B

39

1719–1818

A


40

300 Jahre Breitkopf & Härtel Bildwelten: Ansichten des Hauses „Zum goldenen Bären“

1. Jahrhundert

Ansichten des Hauses „Zum goldenen Bären“

1719–1818


1. Jahrhundert 300 Jahre Breitkopf & Härtel Chronik: Die Jahre 1736/40

41

Veröffentlichungen von Schemellis „Musicalischem Gesang-Buch“ und Sperontes’ „Singender Muse an der Pleisse“

1719–1818

1736/40


Georg Christian Schemelli (1676/78/80–1762) hatte von 1727 bis zu sei-

1

Aus der Vorrede

nem Tode die Schlosskantorenstelle in Zeitz inne. 1695–1700 war der in Herzberg Geborene Thomasschüler in Leipzig und anschließend Kantor in Treuenbrietzen gewesen. Das Musicalische Gesang-Buch ist seine einzige bekannte Veröffentlichung und enthält 954 geistliche Lieder und Arien, davon 69 „mit wohlgesetzten Melodien, in Discant und Bass“.

Die in diesem Musicalischen Gesangbuche befindlichen Melodien, sind von Sr. Hochedl. Herrn Johann Sebastian Bach, Hochfürstl. Sächß. Capellmeister und Directore Chor. Musici in Leipzig, theils ganz neu componiret, theils auch von Ihm im General-Baß verbessert, und beym Anfange eines jeden Liedes gleich eingedrucket worden. Man hätte deren noch mehrere beyfügen können, wenn man nicht bedencken müssen, daß hiedurch manchem das Buch zu theuer werden mögen.1 Die Klärung der Frage, welche der Lieder von J. S. Bach „neu componiret“, welche „im General-Baß verbessert“ sein mögen, hat bis heute zu unterschiedlichen Resultaten geführt. Als erster beschäftigte sich Philipp Spitta 1880 in Band II seiner Bach-Biographie mit dem Problem und ordnete dem Komponisten 29 Melodien zu. Der 1892 erschienene Band 39 der Werkausgabe reduzierte deren Zahl bereits auf 24, und während das Bach-Werke-Verzeichnis in der Erstausgabe von 1950 mit der Be-

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300 Jahre Breitkopf & Härtel 1736/38: Veröffentlichungen von Schemelli und Sperontes

1. Jahrhundert

1719–1818

gründung, dass zumindest die Generalbass-Bezifferung durchgängig von


Bach stammen könnte, noch einmal alle mit Noten abgedruckten Stücke aufführt (BWV 439–507), gilt in der heutigen Forschung Bachs vollständige Autorschaft lediglich noch für BWV 452, 478 und 505 als gesichert. Dass der Kontakt zwischen Schemelli und Bach durch den Sohn des ersteren zustande gekommen sein mochte, der sich in den 1730er Jahren als Thomasschüler und Student in Leipzig aufhielt, hatte schon Spitta vermutet. Das Gesangbuch war letztlich wenig erfolgreich: Eine weitere, in der Vorrede 1736 angekündigte (und sogar „bey 200 Melodien, die zum Stechen bereits fertig liegen“, vermehrte) Auflage kam nicht zustande. Johann Sigismund Scholze alias Sperontes (1705–1750) stammte aus Schlesien und lebte vermutlich ab 1729, zunächst als „Studiosus“ und „candidatus iuris“, in Leipzig. Seine Liedersammlung Singende Muse an der Pleisse in zwei mal 50 Oden, [...] zu beliebter Klavierübung und Gemütsergötzung war ein deutlich erfolgreicherer Titel als das Schemellische Gesangbuch – es erlebte bis 1751, eventuell auch 1761 zahlreiche Auflagen bzw. (erweiterte) Fortsetzungen. Während die erste Ausgabe 1736 „auf Kosten der lustigen Gesellschaft“ gedruckt wurde, einer Studentenvereinigung, der auch der im Titel genannte (und gleichfalls aus Schlesien gebürtige) Dichter Johann Christian Günther nahe stand oder angehörte, erschien schon die nächstfolgende Auflage 1740 (noch mit unveränder-

1. Jahrhundert 300 Jahre Breitkopf & Härtel 1736/38: Veröffentlichungen von Schemelli und Sperontes

43

Jacob Korn in Breslau.

1719–1818

tem Titelblatt) bei Breitkopf; weitere Ausgaben veröffentlichte Johann


Scholze scheint – ähnlich wie der mit ihm befreundete Günther – ein etwas leichteres Leben geführt zu haben. Da er eine Traiteurswitwe (Gastwirtin) geschwängert hatte, heiratete er sie auf Geheiß des Konsistoriums der Stadt am 3. Januar 1729; sie starb bereits am 12.2.1738. Scholze stand als Autor in Kontakt mit dem Leipziger Buch- und Musikverlag Breitkopf, der verschiedene Werke von ihm herausbrachte. [...] Einzelne Lieder seiner „Singenden Muse“ waren bis Anfang des 19. Jahrhunderts beliebt und in Gebrauch. Die erhebliche Wirkung seiner Lieder lässt sich kaum erklären oder gar begründen; vielleicht liegt dies an der Unbekümmertheit und Schlichtheit des musikalischen Satzes und seiner Gedichttexte.2 Scholze trat in Leipzig zudem als Dichter dreier Schäferspiele und Mit-

2

Hubert Unverricht

autor (Komponist) zweier Singspiele in Erscheinung. Die Auflösung von

3

Reinhard Kade, ADB 1891

A

Singende Muse an der Pleisse, Inhaltsverzeichnis

Scholzes Pseudonym gelang dem Bach-Biographen Philipp Spitta, der 1885 eine grundlegende Arbeit zu Sperontes veröffentlichte; mit der nicht unkomplizierten Veröffentlichungsgeschichte der „Singenden Muse“ beschäftigte sich ausführlich Hermann von Hase 1913 in der Zeitschrift der Internationalen Musikgesellschaft. Die Liedersammlung hat zeitgenössische und spätere Komponisten durchaus beeinflusst: „Es bleibt die Singende Muse in der gesammten Liedlitteratur des 18. Jahrhunderts eine

44

300 Jahre Breitkopf & Härtel 1736/38: Veröffentlichungen von Schemelli und Sperontes

1. Jahrhundert

1719–1818

dem Forscher wie dem Künstler wohlthuende Erscheinung.“3

A


153

300 Jahre Breitkopf & Härtel Das 2. Jahrhundert: 1819 – 1918

2. Jh

1819 — 1918


154

300 Jahre Breitkopf & Härtel Das 2. Jahrhundert: 1819 – 1918

2. Jahrhundert

1819–1918

Chronik des 2. Jahrhunderts 1819

Hundertstes Geschäftsjubiläum

161

1828

Veröffentlichung der ersten Komponisten-Monographie: Georg Nikolaus von Nissen über W. A. Mozart

167

1832/35

Eintritt der Brüder Raymund und Hermann Härtel in den Verlag

181

1833

Erste Werke einer neuen Komponisten193 generation: Mendelssohn, Chopin, Schumann, Liszt

1850/51

Gründung der Bach-Gesellschaft und Beginn der Bach-Gesamtausgabe

199

1851/53

Richard Wagner und Johannes Brahms als zeitweilige Verlagskomponisten

215

1856/62

Veröffentlichung von Biographie und Werkverzeichnis zu Wolfgang Amadeus Mozart

221

1858

Fortsetzung der Gesamtausgaben: Händel, Palestrina, Beethoven und andere

227


1867

Einzug in den Neubau an der Nürnberger Straße

1877–1913

Neue Wege: Von der „Ausgabe Breitkopf & Härtel“ 259 zur „Edition Breitkopf“

1880

Eintritt von Oskar von Hase und Wilhelm Volkmann in den Verlag

263

1883 ff.

Gründung von Niederlassungen des Musikverlags im Ausland

267

1884 ff.

Einführung neuer musikwissenschaftlicher Periodika und Denkmäler-Ausgaben

285

1888/1905

Ferruccio Busoni und Jean Sibelius als neue Verlagskomponisten

289

1900

Eine neue Bach-Gesellschaft

301

1903/08

Die „Breitkopf-Bibel“ und ein Buch über „J. S. Bachs musikalische Poetik“

307

1913

Inbetriebnahme des Neubaus für die technischen Abteilungen

315

155

300 Jahre Breitkopf & Härtel Das 2. Jahrhundert: 1819 – 1918

2. Jahrhundert

1819–1918

241


Zur Geschichte des Geschäftes Das Unternehmen im 19./20. Jahrhundert

Das Geschäft, welches 400 Arbeiter beschäftigt, betreibt Buchund Musikhandel, sowie mit 30 Schnell- und 30 Handpressen Buch-[,] Noten- und Steindruck, nebst den dazu gehörigen, mit mannigfachen Maschinen geförderten Hilfsgewerben der Schriftgießerei, Stereotypie, Galvanoplastik, Notenstecherei, Lithographie und Buchbinderei. Alle Verlagswerke werden in den eigenen technischen Anstalten des Geschäftes hergestellt. Leipzig, den 27. Januar 1881

Nachtrag vom 27. Januar 1903:

Am 2. Februar 1883 ist ein Zweiggeschäft in Brüssel begründet worden, am 1. September 1890 ein gleiches in London, am 1. Juli 1891 in New York. Seit dem Jahre 1883 ist eine Kommissionsbuchhandlung erwachsen, die gegenwärtig 138 Kommittenten zählt, im Jahre 1894 wurde ein Kunstverlag begründet.

1819–1918 2. Jahrhundert

Dem 1896 verstorbenen Wilhelm Volkmann folgte in der Geschäftsleitung dessen am 9. Januar 1870 geborener Sohn Ludwig Volkmann – gelernter Buchhändler, studierter Kunstwissenschaftler, Hauptmann der Reserve nach dem Dienst als Einjährig-Freiwilliger beim Jägerbataillon in Dresden, ab 1914 Geheimer Hofrat –, der 1893 in den Verlag eintrat und sich besondere Verdienste als Initiator und Leiter der Internationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik (Bugra) 1914 in Leipzig erwarb. Im Verlag setzte er die Arbeit seines Vaters hinsichtlich des Ausbaus der druckgewerblichen Zweige besonders in den Veröffentlichungen des Kunstverlags fort. Ein tragischer Unfall lähmte ihn in den letzten Lebensjahren bis zu seinem 1947 in Leipzig erfolgten Tod fast vollständig. Oskar von Hase (dessen Vater, der als knapp 90-Jähriger starb, war 1883 kurz nach dem 83. Geburtstag erblich geadelt worden) leitete die Geschicke des Verlages als „der ältere Teilhaber“ über mehr als 50 Jahre, förderte die musikwissenschaftlichen und -publizistischen Bereiche und nahm sich als geborener Historiker der Verlagsgeschichte und des Verlagsarchivs an: Frucht dieser unermüdlichen Beschäftigung war vor allem die zum 200. Jubi­ läum des Hauses in zwei umfangreichen Bänden veröffentlichte Verlagsgeschichte mit dem durchaus unscheinbaren Titel „Gedenkschrift und Arbeitsbericht“. Oskar von Hase starb hochverehrt 1921 in Leipzig und wurde als letzter Hasescher Verlagsgeschäftsführer im Familiengrab auf dem dortigen Südfriedhof beigesetzt.

300 Jahre Breitkopf & Härtel Historischer Text: Zur Geschichte des Geschäftes

Gegenwärtig wird das Geschäft von zwei Enkeln Gottfried Härtel’s, Wilhelm Volkmann aus Halle und Dr. Oskar Hase aus Jena, geleitet; dieselben gehören dem Hause seit 1860, beziehungsweise 1869 an.

Nachtrag vom 27. Januar 2019:

157

Die beiden Söhne Gottfried Härtel’s, Hermann Härtel, geb. 27. April 1803, und Raymund Härtel, geb. 9. Juni 1810, führten das Geschäft weiter; unter ihrer Leitung gelangte namentlich der Musikverlag und die Buchdruckerei zu größter Blüthe, der wissenschaftliche Bücherverlag zu gedeihlicher Fortentwickelung. [...] Am 4. August 1875 ward der ältere Bruder Dr. jur. Hermann Härtel durch den Tod abgerufen, am 1. Januar 1880 trat der jüngere Bruder Stadtältester Raymund Härtel von der Geschäftsthätigkeit zurück [gestorben am 10. November 1888].


158

300 Jahre Breitkopf & Härtel Bildwelten: Plan der Stadt Leipzig

2. Jahrhundert

1819–1918


1819–1918 2. Jahrhundert

Plan der Stadt Leipzig am Ende des 18. Jahrhunderts

159

Als Legende des Plans befinden sich rechtsseitig Listen der 1793 von der Stadt vergebenen Häusernummern sowie von namentlich benannten Straßen, Plätzen und Baulichkeiten mit den zugehörigen Kartenkoordinaten. Das Quartier zwischen Grimmaischer Gasse, Altem Neumarkt und ehemaliger Stadtbefestigung (zwischen Grimmaischem Tor und Moritzbastei) mit Gebäuden der Universität (Paulinum, „S. Pauls Kirche“) ist unten rechts gut zu erkennen, das Haus „Zum goldenen Bären“ ist unter der Nummer 674 (Koordinaten: e.2.) verzeichnet. Das Leipziger Stadtadressbuch verzeichnet zu dieser Zeit rund 50 Antiquariats-, Kommissions-, Sortiments- und Verlagsbuchhändler; in unmittelbarer Nähe von Breitkopf & Härtel befinden sich z. B. Johann Ambrosius Barth, Dyck’sche Buchhandlung, Johann Caspar Fritsch, J. F. Gleditschens Erben, Kleefeldische Buchhandlung, Salomon Linke und Weidmanns Erben (Grimmaische Gasse), Siegfried Leberecht Crusius, Georg Joachim Göschen, J. G. August Grieshammer, Johann Samuel Heinsius, Antiquariat W. Keck und Leosche Buch- und Kunsthandlung (Alter und Neuer Neumarkt) sowie Johann Gottlob Hahmann (Gewandgäßchen). In der Weygandischen Buchhandlung im Roten Kolleg (Koordinaten: g.4.) fand 1795 die Versteigerung der Bibliothek von Johann Gottlob Immanuel Breitkopf statt.

300 Jahre Breitkopf & Härtel Bildwelten: Plan der Stadt Leipzig

„Karte von Leipzig inner der Stadtmauer“, Stich von Wenzel Engelmann, Wien 1795


300 Jahre Breitkopf & Härtel Chronik: Das Jahr 1819

2. Jahrhundert

1819–1918

Hundertstes Geschäftsjubiläum

161

1819


Nur 32 Arbeitsjahre waren Gottfried Christoph Härtel als Eigentümer gegeben. Am Tag des 100. Verlagsjubiläums, dem 27. Januar 1819, wurde zugleich sein 56. Geburtstag gefeiert. Seit Anfang des Jahrhunderts galt es, sich im Notenverlag angesichts neu entwickelter Druckverfahren durch Abwägen von Vor- und Nachteilen für eine optimale, zukunftsweisende Technik zu entscheiden. („Resultat: Die Hauptsache ist, keine Maculatur zu drucken.“) 1805 setzte Härtel sich dafür direkt mit Alois Senefelder, dem in München ansässigen Erfinder der Lithographie, in Verbindung und stellte bald darauf zwei Mitarbeiter ein, „die er als Steinschreiber einrichtete“. Am Ende seiner Tätigkeit, Mitte der 1820er Jahre, war der Typendruck in der Notenherstellung gänzlich zurück- und der Steindruck an die Spitze getreten, während der Zinndruck (Notenstich unter Verwendung entsprechender Platten) lediglich „für schwerwiegendere und weniger gangbare Werke“ Verwendung fand; 1822 standen die jeweils aufgewendeten Kosten für Typen-, Zinn- und Steindruck im

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300 Jahre Breitkopf & Härtel 1819: Hundertstes Geschäftsjubiläum

2. Jahrhundert

1819–1918

Verhältnis 1 : 3,5 : 5.

Gottfried Härtel hatte als literarisch gerichteter Mann [...] Grundsätze des Buchwesens auf den Musikalienbetrieb angewandt. Die Mozart- und Haydnausgabe in geschlossenen Bänden, als Gesamtausgaben nach Art von Bucherscheinungen, dazu von vornherein in großen Auflagen von Lettern gedruckt. Als weitblickender Geschäftsmann hatte er aber bald darauf, die Wichtigkeit neuer Herstellungsmöglichkeiten erkennend, selbst Zinnplattenstich und Steindruck als eigene Geschäftzweige eingeführt. Nun erlebte er bald den Kampf der Notendruckverfahren der alten und der neuen Zeit um den Musikverlag im eigenen Hause. Was der Stolz der Breitkopfischen Notendruckerei und eine Quelle regen Geschäftsbetriebes gewesen war, die glänzende Neuerung eines höchst beweglichen und doch vereinfachten Notensatzes und Typendrucks, wurde nun vom Zinndruck und vom Steindruck bekriegt. [...] Die ganze Zeit seiner Musikverlagstätigkeit ist von diesem Widerstreit erfüllt, der ihn zu immer neuen scharfsinnigen Berechnungen treibt.1

A


B

Huldigungsgedicht, „unserem würdigen Principal Herrn G. C. Härtel bey seinem Geburtstagsfeste hochachtungsvoll überreicht“

weise schwer unter den Napoleonischen Kriegen zu leiden hatte (insbesondere von der Kontinentalsperre 1806 bis zum Wiener Kongress 1815), kann man die Statistiken der Verlagskataloge und sonstigen Verzeichnisse jener Zeit werten: Im verlagsinternen handschriftlichen „Verzeichniß der jetzt lebenden Componisten. Sommer 1826“ tragen von 393 insgesamt erfassten Namen 291, also nahezu drei Viertel, den Vermerk „B. & H.“, haben also Werke bei Breitkopf & Härtel veröffentlicht. Die hohen Lagerbestände nach Kriegsschluss veranlassten Härtel zu Beginn der 1820er Jahre freilich, das Druckaufkommen insbesondere der Musikalienproduktion merkbar zu reduzieren. „Nach dem allem“, schreibt Oskar von Hase, „möchte man fast fragen, welche bedeutenden Komponisten seiner Zeit hat Gottfried Härtel nicht verlegt? Die Antwort ist rasch gegeben: die beiden jungen Romantiker, die das Werk der Klassiker fortgesetzt haben, den 1786 geborenen Karl Maria von Weber und den 1797 ins Leben getretenen Franz Schubert.“ Und: „Gottfried Härtel konnte sich gegen Abschluß seiner Verlagsarbeit sagen, daß er im Verlaufe seiner Tätigkeit mit der großen Mehrzahl der zeitgenössischen Tonsetzer, soweit sie für seine ernsten Bestrebungen in Betracht kamen, die Verbindung hergestellt hatte, daß sein Verlag

1819–1918

Gottfried Christoph Härtel, Lithographie (um 1850) nach einem Gemälde von Ferdinand Georg Waldmüller

2. Jahrhundert

A

Als Erfolgsbilanz des Verlages im ersten Jahrhundertviertel, das zeit-

B

300 Jahre Breitkopf & Härtel 1819: Hundertstes Geschäftsjubiläum

Oskar von Hase, Gedenkschrift I

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1


der führende im deutschen Musikalienhandel geworden war.“ Neben

2

Von dem (anonymen) Jugendbildnis Härtels haben sich drei Fassungen erhalten; zwei befinden sich in Verlagsbesitz (Leipzig und Wiesbaden), eine Version ist im Bestand des Museums der bildenden Künste Leipzig. Die Gemälde von Tischbein(?) und Waldmüller haben sich nur über Lithographien bzw. Fotografien überliefert.

3

Johann Friedrich Tischbein, Cousin von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, dem „Goethe-Tischbein“ („Goethe in der Campagna“), Nachfolger Oesers als Leiter der Leipziger Kunstakademie

4

Ferdinand Georg Waldmüller, Maler des 1823 von Breitkopf & Härtel bestellten Beethoven-Porträts

5

Oskar von Hase, Gedenkschrift I

Notenausgaben erschienen weiterhin wissenschaftliche und literarische Titel im Buchverlag sowie verschiedene Periodika – neben der Allgemeinen musikalischen Zeitung beispielsweise ab 1812 die angesehene Leipziger Literaturzeitung (Nachfolger des schon 1800–1803 bei Breitkopf & Härtel verlegten Leipziger Jahrbuchs der neuesten Literatur). Gottfried Christoph Härtel starb 1827 auf dem Rittergut Cotta bei Pirna, das er 1821 bei einer Versteigerung erworben hatte und wohin er sich fortan jährlich für einige Wochen zurückzog, um „in der Mitte einer großartigen und reichen Natur [...] der ländlichen Ruhe nach fortgesetzter rastloser Tätigkeit“ zu genießen. Ein von G. W. Becker unterzeichneter Nachruf im „Leipziger Tageblatt“ vermerkt: „Solange Deutschlands Literatur und Musik und die in seiner Mitte erblühte Buchdruckerkunst mit allen ihren Zweigen etwas gilt, wird auch der Name Härtel immer mit hoher Achtung neben dem von Breitkopf genannt werden. Was dieser

C

Firmenpersonal im Jubiläumsjahr 1819

gründete, hat er mit Einsicht erhalten, erweitert und mit neuen Zweigen

D

Grabstein Gottfried Christoph Härtels in Cotta, undatiertes Foto (nach 1945)

bereichert!“

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300 Jahre Breitkopf & Härtel 1819: Hundertstes Geschäftsjubiläum

2. Jahrhundert

1819–1918

Drei gute Ölbildnisse haben sich in der Familie erhalten. Ein großes, flott gemaltes Jugendbild stellt ihn als edlen, klar zum Himmel aufblickenden Jüngling dar.2 Ein ausgeführtes Brustbild aus der Zeit bester Mannesjahre zeigt ihn in den mittleren Jahren, das braune Haar schon leicht ergrauend, in gesunder Vollkraft; dies Bild ist nach Annahme eines Sachverständigen vielleicht dem jüngeren Tischbein3 zuzuschreiben, der dem Härtelschen Kreis zugehörte. Waldmüller 4, ein damals junger Maler, der jetzt als einer der hervorragendsten Maler des alten Wiens gilt, hat Härtel in höherem Alter gemalt, ein sorgfältig ausgeführtes Bild, des würdigen, gescheiten Mannes. Man möchte an das Jahr 1827 denken, wo Waldmüller in Dresden war.5

C

D


1819–1918

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... der Ort, an dem im Juni 1821 Johann Christian Woyzeck die Chirurgenwitwe Johanna Christiane Woost erstach, in unmittelbarer Nähe der ab 1867 erworbenen neuen Verlagsgrundstücke an der Nürnberger Straße lag?

300 Jahre Breitkopf & Härtel Wussten Sie, dass ...?

2. Jahrhundert

Wussten Sie, dass ...


1819–1918 2. Jahrhundert

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300 Jahre Breitkopf & Härtel Wussten Sie, dass ...?

Die Tat geschah vor einem Haus in der Sandgasse, dem seinerzeit vom Rossmarkt abgehenden westlichen Teil der Ulrichsgasse, der „durchgehends mit unansehnlichen Häusern, die Gartenhäuser abgerechnet, besetzt“ war. Der Fall erregte Aufsehen, da dem verwahrlosten, gelegentlich arbeits- und obdachlosen Woyzeck nachgesagt wurde, „des Sommers stets an Verstandesverirrungen“ zu leiden. Der Verhaftung mit dem Tateingeständnis folgte ein längerer Prozess, während dem versucht wurde, durch zwei Gutachten des Stadtphysikus und Professors der Medizin Johann Christian August Clarus die Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten zu untermauern, wenngleich durchaus „Kennzeichen von moralischer Verwilderung, von Abstumpfung gegen natürliche Gefühle und von Gleichgültigkeit in Rücksicht der Gegenwart und Zukunft“ ins Feld geführt wurden. Ein erstes Todesurteil wurde im Februar 1822 ausgesprochen, die Hinrichtung auf Oktober desselben Jahres festgesetzt; zum endgültigen (gleichlautenden) Urteilsspruch kam es schließlich im Oktober 1823, zur Vollstreckung im August 1824. „Aus den im Vorhergehenden dargestellten Thatsachen und erörterten Gründen schließe ich: daß Woyzecks angebliche Erscheinungen und übrigen ungewöhnlichen Begegnisse als Sinnestäuschungen, welche durch Unordnungen des Blutumlaufes erregt und durch seinen Aberglauben und Vorurtheile zu Vorstellungen von einer objektiven und übersinnlichen Veranlassung gesteigert worden sind, betrachtet werden müssen, und daß ein Grund, um anzunehmen, daß derselbe zu irgend einer Zeit in seinem Leben und namentlich unmittelbar vor, bei und nach der von ihm verübten Mordthat sich im Zustande ei-

Wussten Sie, dass der Ort, an dem im Juni 1821 Johann Christian Woyzeck die Chirurgenwitwe Johanna Christiane Woost erstach, in unmittelbarer Nähe der ab 1867 erworbenen neuen Verlagsgrundstücke an der Nürnberger Straße lag? 1

J. C. A. Clarus, zweites Gutachten vom Februar 1823

2

Tagebuch von Ernst Anschütz, dem Umdichter des Liedes „O Tannenbaum“

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Blick in die Sandgasse, Postkarte von Max Nierth, 1904

B

Kreidelithographie, anonym, um 1822

C

„I. C. Woyzeck geht seinem Tode als reuevoller Christ entgegen“, Radierung, eventuell von Christian Gottfried Heinrich Geißler, 1824

ner Seelenstörung befunden, oder dabei nach einem nothwendigen, blinden und instinktartigen Antriebe und überhaupt anders, als nach gewöhnlichen leidenschaftlichen Anreizungen gehandelt habe, nicht vorhanden sey.“1 Die Enthauptung Woyzecks auf dem Leipziger Marktplatz war nicht nur die letzte öffentliche Hinrichtung innerhalb der Stadtgrenzen, das Procedere der Verurteilung wurde auch zu einem Präzedenzfall der zeitgenössischen forensischen Psychiatrie. Sechzehn Jahre nach der Tat machte Georg Büchner den Fall zur Grundlage seines Dramenentwurfs Woyzeck, der durch den frühen Tod des Dichters (1837 mit 23 Jahren) unvollendet blieb; von 1915 bis 1921 arbeitete Alban Berg an der Opernversion des Stoffes Wozzeck. Die Uraufführung von Bergs Oper fand 1925 in Berlin statt, eine gleichnamige Oper von Manfred Gurlitt hatte 1826 in Bremen Premiere. „Kurz vor halb 11 Uhr war der Stab gebrochen, dann kam gleich der Delinquent aus dem Rathause [...]; die Geistlichen blieben unten am Schafott; der Delinquent ging mit viel Ruhe allein auf das Schafott, kniete nieder und betete laut mit viel Umstand, band sich das Halstuch selbst ab, setzte sich auf den Stuhl und rückte ihn zurecht, und schnell mit großer Geschicklichkeit hieb ihm der Scharfrichter den Kopf ab, so daß er noch auf dem breiten Schwerdte saß, bis der Scharfrichter das Schwerdt wendete und er herabfiel. Das Blut strömte nicht hoch empor; sogleich öffnete sich eine Fallthür, wo der Körper, der noch ohne eine Bewegung gemacht zu haben auf dem Stuhl saß, hinabgestürzt wurde; sogleich war er unten in einen Sarg gelegt und mit Wache auf die Anatomie getragen.“2

B

C

A


2. Jahrhundert 300 Jahre Breitkopf & Härtel Chronik: Das Jahr 1828

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Veröffentlichung der ersten Komponisten-Monographie: Georg Nikolaus von Nissen über   W. A. Mozart

1819–1918

1828


Genaugenommen stammt das erste „Verzeichniß Musikalischer Bücher, sowohl zur Theorie als Praxis, und für alle Instrumente [...]; welche bey Johann Gottlob Immanuel Breitkopf in Leipzig zu bekommen sind“, aus dem Jahre 1760. Es enthält Schriften zur „Historie der Musik“, „Schriften, die Musik und deren Critik insgemein betreffend“, Schriften über die „Anfangsgründe der Musik“, „Anweisung[en] zum General-Baß“, Schriften zur „Setzkunst“, über das Singen und die gebräuchlichen Instrumente sowie „Sammlungen [i. e. Noten] für allerley Instrumente“. Es tauchen zahlreiche Namen bekannter älterer und neuerer Autoren auf (d’Alembert, Fux, Kirnberger, Mattheson, Marpurg, Mizler, Rameau, Rousseau, Scheibe, Tosi, Werckmeister), doch sind viele Ausgaben in diesem Katalog lediglich Vertriebs- und keine Originaltitel. „Musikbücher“ waren zudem eine Kategorie innerhalb des Verlagsprogramms, die sich erst parallel mit der Entwicklung der Musikalienproduktion herausbilden konnte und fortan an die Seite der allgemeinen Buchproduktion trat. Letztere hatte sich in ihren Ursprüngen – planvoll oder absichtslos – an den vier Fakultäten der akademischen Forschung und Lehre orientiert (Facultas artium resp. „Artistenfakultät“, Theologie, Jurisprudenz, Medizin) und behielt diese Ordnung, mit entsprechenden Ausdifferenzierungen und Erweiterungen (Naturwissenschaft und Technik, Geschichte, literarischer Verlag, Kunstverlag u. a.), in Grundzügen bis ins

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300 Jahre Breitkopf & Härtel 1828: Veröffentlichung der ersten Komponisten-Monographie

2. Jahrhundert

1819–1918

20. Jahrhundert bei.


Carsten Erich Carstens, ADB 1886

Eine erste Komponistendarstellung erschien 1810 mit den Biographischen Notizen über Joseph Haydn von Georg August Griesinger als Sammlung von Artikeln in Buchform, „ursprünglich für die Allgemeine Musikalische Zeitung bestimmt, wo sie in die Blätter No. 41. bis 49. [...] 1809. eingerückt sind [...], weil der Mann, von dem die Rede ist, für viele Personen Interesse hat, welche die obige Musikalische Zeitschrift vielleicht nicht lesen“. 1828 wurde in Kommission Georg Nikolaus von Nissens MozartBiographie herausgegeben.

300 Jahre Breitkopf & Härtel 1828: Veröffentlichung der ersten Komponisten-Monographie

2. Jahrhundert

1819–1918

Nissen, Nicolaus: [...] trat [...] später in die diplomatische Carrière ein. 1791 ward er Legationssecretär bei dem deutschen Reichstage, 1793 bei der dänischen Gesandtschaft in Wien. 1802 erhielt er den Titel Legationsrath, 1805 Chargé d’affaires daselbst, 1810 königl. dänischer wirklicher Etatsrath. In diesem Jahre ward er nach Kopenhagen zurückberufen und ihm das Amt eines Censors übertragen. 1820 ward er emeritirt und kehrte dann nach Oesterreich zurück, wo er in den Adelsstand erhoben ward und am 24. März 1826 in Salzburg verstorben ist. Er war [ab 1809] verheirathet mit der Wittwe Mozart’s, Constanze, geb. Weber [...], die ihn überlebte. Durch seine Heirath in den Besitz der Mozart’schen Familienpapiere gekommen, verfaßte er eine ausführliche Biographie seines Vorgängers in der Ehe, die jedoch erst nach seinem Tode von seiner Wittwe herausgegeben worden ist.1

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1


Die Darstellung Nissens war der erste Versuch, eine Lebensbeschreibung des Komponisten auf der Grundlage aller seinerzeit zugänglichen Quellen, d. h. der von Constanze Mozart aufbewahrten Familienkorrespondenz, aber auch der von Zeitzeugen bereitgestellten Dokumente, zu verfassen. Das Manuskript wurde nach dem Tod Nissens von dem Arzt Johann Heinrich Feuerstein aus Pirna bei Dresden vollendet. Obgleich unter den Augen Constanze Mozarts entstanden (die u. a. zahlreiche Briefe Leopold Mozarts vernichtet hatte), ist die Arbeit bis heute ein unbezweifeltes Quellenwerk geblieben: „Gebildet, stets korrekt, von umständlicher, etwas pedantischer Wesensart, kommt N[issen]. das Verdienst zu, Ordnung in den Nachlaß Mozarts gebracht zu haben.“2 Die nächste Musikerbiographie des Hauses, eine Abhandlung über Giovanni Pierluigi da Palestrina, hat wiederum mehrere Urheber: Giuseppe Baini als Autor des italienischen Originaltextes, Franz Sales Kandler als Übersetzer und Bearbeiter von Auszügen desselben, Raphael Georg R. G. Kiesewetter wiederum als Herausgeber und Kommentator des nachgelassenen Manuskripts Kandlers. Ueber das Leben und die Werke des Palestrina [...] von R. G. Kiesewetter erschien 1834. Kiesewetter, Carl von Winterfeld und Gottlieb von Tucher waren die Autoren weiterer ausgreifender Arbeiten zur Musikgeschichte, aus denen das 1843–47 in drei Bänden gedruckte Quellenwerk Der evangelische Kirchengesang und

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300 Jahre Breitkopf & Härtel 1828: Veröffentlichung der ersten Komponisten-Monographie

2. Jahrhundert

1819–1918

sein Verhältnis zur Kunst des Tonsatzes von Carl von Winterfeld besonders herausragt.

2

Robert Münster, NDB 1999


2 12

300 Jahre Breitkopf & Härtel Bildwelten: Leipzig aus der Vogelschau

2. Jahrhundert

1819–1918

I

II

III


1819–1918 2. Jahrhundert

Leipzig aus der Vogelschau im 19. Jahrhundert

II III

Die ersten Verlagsgebäude in der Innenstadt: Goldener Bär (1738–1943) und Silberner Bär (1767–1894) Das Römische Haus am Peterssteinweg (1834–1904) Das künftige Verlagsgrundstück zwischen Nürnberger Straße, Bauhof-, Turner- und Sternwartenstraße (bebaut ab 1867, zerstört 1943, enteignet 1952, rückübertragen 1991, verkauft 2014)

Erkennbar sind mit ihren Turmbauten (im Uhrzeigersinn, über I beginnend, in der Innenstadt): Matthäikirche, Rathaus, Kirche im Zucht- und Waisenhaus St. Georg (rechts außen), Kirche St. Nikolai, Universitätskirche St. Pauli (östlich davon Johanniskirche), Turm der Pleißenburg (links daneben Römisch-katholische Propsteikirche), Kirche St. Thomas.

2 13

I

300 Jahre Breitkopf & Härtel Bildwelten: Leipzig aus der Vogelschau

Lavierte Federzeichnung von Christian Adolf Eltzner, 1848, Ausschnitt mit Innenstadt und östlicher und südlicher Vorstadt


Von der Musikstadt  

1

2. Jahrhundert

1819–1918

Doris Mundus

In der Mitte des 19. Jahrhunderts stand Leipzig als europäisches Musikzentrum gleichberechtigt neben Wien. „Wenn Wien von jeher das Herz der Musik war, so konnte damals Leipzig für deren Kopf gelten“, urteilte Max Kalbeck in seiner Brahms-Biographie über Leipzigs Musikleben in der Mitte des 19. Jahrhunderts.2 1844 hatte Robert Schumann einem Freund geschrieben: „Doch bleibt Leipzig für Musik noch immer die bedeutendste Stadt, und ich würde jedem jungen Talente raten, dahin zu gehen, wo man so viel und so gute Musik hört.“3 In der Tat gab es zu dieser Zeit in Deutschland keine andere Stadt, die musikalisch so viel bieten konnte wie Leipzig. Das 1843 von Mendelssohn begründete Konservatorium war eine der begehrtesten musikalischen Schulen Europas, wenn nicht die begehrteste überhaupt. Das „Große Concert“ des Gewandhausorchesters blickte auf eine annähernd hundertjährige Tradition zurück und besaß mit Mendelssohn seit 1853 einen genialen Kapellmeister. Das erste feste Opernhaus Leipzigs datiert von 1693; in der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die Leipziger Oper nationale Bedeutung. Zahlreiche Musikvereinigungen boten denjenigen die Möglichkeit des Musikgenusses, denen das „Große Concert“ zu teuer war. Und nicht nur das, auch die aktive Musikausübung war in dessen Chören und Orchestervereinigungen möglich und wurde rege praktiziert. Die in der Stadt arbeitenden Instrumentenbauer und die Weltgeltung erlangenden Musikverlage trugen Leipzigs Ruhm als Musikstadt in die Welt. Zu all dem kam das nicht nur musikliebende, sondern regelrecht musikhungrige, dabei aber sachkundige Leipziger Publikum, für das Musik zu allen Zeiten wichtig war.

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300 Jahre Breitkopf & Härtel Neuer Text: Von der Musikstadt

[...] Dabei hatten die Notendrucke aus Leipziger Verlagen zweifellos einen außerordentlich großen Anteil an Leipzigs beginnendem Weltruhm als Musikstadt. Der bekannteste und berühmteste Leipziger Musikverlag, der Weltverlag Breitkopf & Härtel, Hauptverlag Mendelssohns, in dessen Werkstatt von 1807 bis 1872 auch Klaviere gebaut wurden, verlegte die Werke Mozarts, Liszts, Beethovens, Brahms’, Wagners und wagte sich an die erste Gesamtausgabe Bachscher Werke. Der Verlag C. F. Peters druckte Klavierwerke Bachs, verlegte Weber und Spohr und er-

langte weltweites Ansehen durch seine Edition Peters, den Druck von Noten zu billigen Preisen. Die Verlage Friedrich Hofmeister, C. F. Kahnt, Ernst Wilhelm Fritzsch, C. F. W. Siegels Musikalienhandlung und andere genossen europaweit hohes Ansehen. Die Bindung zwischen Verlegern und Musikern war in Leipzig eng. In Carl Friedrich Kistners Verlag und Musikalienhandlung, die in der Nähe des Gewandhauses lag, wurden Eintrittskarten für die Konzerte verkauft; Kistner selbst gehörte, wie auch Hermann Härtel, der Gewandhausdirektion an. Wie eng diese Bindung tatsächlich auch persönlich war, läßt ein Brief Mendelssohns an seinen Freund Ferdinand David erahnen. David hatte ihm nach Frankfurt von Kistners Tod am 21. Dezember 1844 berichtet. Am 26. Dezember 1844 antwortete Mendelssohn: „Und sonderbar, wir waren mit Kistner doch nicht eigentlich nahe Freunde und man sollte denken, neben einem Verlust wie dem der Mutter [auch Davids Mutter war Weihnachten 1844 gestorben], könne kein anderer Gedanke als höchstens an den allernächsten Freund aufkommen, und dennoch kann ich es mir nicht aus dem Sinn schlagen, wie Dir die Lücke, die durch das Scheiden dieses grundfreundlichen, wohlmeinenden, guten Mannes gerissen wird, so sehr schmerzlich sein muß. Es geht mir gar nicht aus dem Sinn“.4 Carl Friedrich Kistners Nachfolger im Verlag wurde sein Bruder Julius; auch er war Mitglied des Gewandhaus-Direktoriums. Diese enge Verbindung der Musiker zu „ihren“ Verlegern und umgekehrt war eine Leipziger Eigentümlichkeit, die unmittelbar mit dem Nimbus der Musikstadt zu tun hatte und diesen wiederum mit prägte. Sie hatte aber auch mit der familiären Atmosphäre zu tun, die in Leipzig herrschte und herrscht, die für einen Außenstehenden nicht erklärbar ist, die aber jeder Leipziger kennt. 1

Überschrift hinzugefügt.

2

Max Kalbeck: Johannes Brahms. Berlin 1921. [Anm. der Autorin.]

3

F. Gustav Jansen: Schumanns Briefe. N. F. [= Neue Folge] Leipzig 1900, S. 244. [Anm. der Autorin; die 1. Auflage erschien 1886 bei Breitkopf & Härtel.]

4

Zit. nach Felix Mendelssohn Bartholdy: Briefe aus Leipziger Archiven. Leipzig 1972, S. 202–203. [Anm. der Autorin; der Titel erschien, hg. von Hans-Joachim Rothe und Reinhard Szeskus, 1972 in 1. Auflage im Deutschen Verlag für Musik.]


300 Jahre Breitkopf & Härtel Chronik: Die Jahre 1851/53

2. Jahrhundert

1819–1918

Richard Wagner und Johannes Brahms als zeitweilige Verlagskomponisten

215

1851/53


Sowohl Richard Wagner als auch Johannes Brahms kamen auf Empfehlung ihrer Lehrer bzw. Förderer zu Breitkopf & Härtel. Nachdem der Verlag 1831 das Angebot Richard Wagners, Korrekturarbeiten und Klavierarrangements zu übernehmen, abgelehnt hatte (Anfragen gingen gleichfalls an C. F. Peters in Leipzig und Schott in Mainz), vermittelte im Folgejahr Wagners Lehrer Theodor Weinlig die ersten Publikationen seines Schülers: die Klaviersonate B-Dur und eine Polonäse zu vier Händen, veröffentlicht als opp. 1 und 2. Zwischenzeitlich (1844) nahm der Verlag dann die Chorkantate Das Liebesmahl der Apostel in Klavierauszug und Partitur ins Programm, doch erst 1850 ergab sich mit der Uraufführung des Lohengrin in Weimar, die Hermann Härtel besucht hatte, wieder eine erneute Verbindung: Brieflich bot der Verlag dem

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300 Jahre Breitkopf & Härtel 1851/53: Richard Wagner und Johannes Brahms als zeitweilige Verlagskomponisten

2. Jahrhundert

1819–1918

Komponisten, der sich in Zürich im Exil befand und demzufolge nicht

A


nach Weimar fahren konnte, die Inverlagnahme der Oper an, die daraufhin Ende 1851 im Klavierauszug von Theodor Uhlig erschien. „Neben der

A

„Isolden’s Liebes-Tod“, Korrekturexemplar der Klavierfassung von Franz Liszt mit Einträgen des Bearbeiters

‚Faust-Ouvertüre‘ und einigen kleineren Werken, die erworben wurden,

B

Schriften von Richard Wagner, Anzeige von 1914

gen‘ zu keiner Einigung, vor allem wegen der z. T. maßlosen Geldfor-

kam es in der Korrespondenz über den angebotenen ‚Ring des Nibelunderungen des Meisters. Aber über ‚Tristan und Isolde‘ konnte man sich nach einem geradezu aufregenden Briefwechsel einigen; im Januar 1860 kam die Partitur heraus.“1 Der Ring des Nibelungen, Die Meistersinger von Nürnberg und Parsifal konnte Wagner schließlich bei B. Schott’s Söhnen in Mainz unterbringen, wobei die Aufführungsrechte seiner letzten Oper bis zum Ablauf der Schutzfrist bis 1913 auf Bayreuth beschränkt blieben. Noch bevor der Komponist in König Ludwig II. von Bayern einen schwärmerischen Mäzen fand, hatte 1862 der Verleger Franz Schott geäußert: „Den gewünschten größeren Betrag kann ich Ihnen nicht zur Verfügung stellen. Überhaupt kann ein Musikverleger Ihre Bedürfnisse nicht bestreiten; dies kann nur ein enorm reicher Bankier oder ein Fürst,

2. Jahrhundert

1819–1918

der über Millionen zu verfügen hat.“

B

300 Jahre Breitkopf & Härtel 1851/53: Richard Wagner und Johannes Brahms als zeitweilige Verlagskomponisten

Rudolf Elvers 1968

2 17

1


„Dr. Schumann betreibt meine Sachen bei Breitkopf & Härtel so ernst-

2

25. Oktober 1853

lich und so dringend, daß mir schwindlig wird. Er meint, ich müsse viel-

3

Signale für die musikalische Welt

leicht in sechs Tagen die ersten Werke hinschicken. [...] Ich weiß mich gar nicht zu fassen“, schrieb Johannes Brahms am 17. Oktober 1853, sechs Wochen nach der ersten Begegnung mit dem Ehepaar Schumann in Düsseldorf, an seinen Freund Joseph Joachim. Brahms entschloss sich zu einem Besuch in Leipzig und zur Einreichung von vier Werken (2 Klaviersonaten, Sechs Gesänge, Scherzo für Klavier), die umgehend mit den Opusnummern 1–4 im Verlag publiziert wurden – die beiden folgenden Opera (eine Klaviersonate, weitere sechs Lieder mit Klavierbegleitung) druckte 1853/54 der Leipziger Bartholf Senff –, sodass er bereits im Dezember Schumann mit opp. 1, 3 und 6 dessen „erste Pflegekinder (die Ihnen ihr Weltbürgerrecht verdanken) [...] übersenden“ konnte. Inzwischen war Robert Schumanns Aufsatz „Neue Bahnen“ in dessen Neuer Zeitschrift für Musik erschienen: „Und er ist gekommen, ein junges Blut, an dessen Wiege Grazien und Helden Wache hielten. Er heißt Johannes Brahms, kam von Hamburg, dort in dunkler Stille schaffend [...]. Er trug, auch im Äußeren, alle Anzeichen an sich, die uns ankündigen: Das ist ein Berufener.“2 Die Verlagsbeziehung sollte, mit längerer Unterbrechung, bis 1865 fortdauern und insgesamt 13 Werke (zuletzt op. 31) an die Öffentlichkeit bringen; dann wechselte Brahms zu N. Simrock in Bonn,

2. Jahrhundert

1819–1918

nachdem man sich über die Inverlagnahme etlicher Werke nicht hatte einigen können, sonderlich nach dem Misserfolg des ersten Klavierkonzerts bei dessen Aufführung im Leipziger Gewandhaus im Januar 1859 („in dem eine neue Composition zu Grabe getragen wurde – das Concert des Herrn Johannes Brahms“3). Brahms blieb Breitkopf & Härtel als Herausgeber weiter verbunden; postum kam es 1922 bis 1927 zur späten Edition einer Brahms-Gesamtausgabe (gefolgt von praktischen Ausgaben seiner Werke) sowie 1938 zur Erstveröffentlichung eines Klaviertrios A-Dur (datiert auf 1853, das Jahr vor der Komposition des Klaviertrios op. 8), dessen Echtheit jedoch bis heute umstritten ist. Mit der Trennung von Richard Wagner und dem Weggang von Johannes Brahms waren dem Verlag quasi auf einen Schlag die beiden großen Antipoden der deutschen Musik in der zweiten Hälfte des

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300 Jahre Breitkopf & Härtel 1851/53: Richard Wagner und Johannes Brahms als zeitweilige Verlagskomponisten

19. Jahrhunderts abhanden gekommen.


1819–1918 2. Jahrhundert

Wussten Sie, dass ...

2 19

300 Jahre Breitkopf & Härtel Wussten Sie, dass ...?

... die Redensart „Mein Name ist Hase“ auf Karl Victor Hase (1834–1860) zurückgeht?


2. Jahrhundert

1819–1918

Wussten Sie, dass die Redensart „Mein Name ist Hase“ auf Karl Victor Hase (1834–1860) zurückgeht?

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Karl Alfred von Hase, Hauschronik 1898

2

Ebda.

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Hasesches Familienwappen

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„Familientag in Meiningen 1897“: Die Geschwister von Victor Hase in späteren Jahren, jeweils von links die älteren Schwestern Adele und Helene sowie die jüngeren Brüder Karl, Oskar und Paul

220

300 Jahre Breitkopf & Härtel Wussten Sie, dass ...?

A

Karl Victor Hase, der Sohn des evangelischen Theologen und Kirchenhistorikers Karl August von Hase (1800–1890, nobilitiert 1883), studierte Rechtswissenschaften in Jena, Leipzig und Heidelberg; seine Brüder waren, neben dem einjährig verstorbenen Günther Oskar, der Mediziner und Oberstabsarzt Paul Erwin von Hase (1840–1918), der Theologe Karl Alfred von Hase (1842–1914) sowie der Buchhändler und Verleger Georg Oskar Immanuel von Hase (1846–1921; Eintritt bei B&H: 1871). Victor Hase starb als 25-Jähriger an einer Abfolge mehrerer Infektionen. „Ende des vorigen Semesters [1854 in Heidelberg] hatte er einem fremden Studenten einen Dienst erwiesen, der ihn selbst in eine mißliche Lage bringen konnte. Dieser hatte das Unglück gehabt, im Duell einen anderen zu erschießen, war auf der Flucht nach Heidelberg gekommen, von wo er in Straßburg über die französische Grenze und dann bei der Fremdenlegion sich anwerben lassen wollte. Dazu aber brauchte er einen Paß oder sonst ein Legitimationspapier. Dieser Student wandte sich an Victor um Zuflucht und Hilfe. Nun war jeder Mißbrauch der StudentenLegitimationskarte streng verboten; aber das ließ sich nicht verbieten, die Karte zu verlieren. Victor verlor sie, jener fand sie, kam glücklich über die Grenze und ließ dann die Karte wieder fallen. Sie wurde gefunden und als verdächtig dem Universitätsgericht übersandt. Zur Untersuchung gezogen äußerte sich der junge Jurist sofort: ‚Mein Name ist Hase, ich verneine die General-

B

fragen, ich weiß von nichts.‘ Aus dieser Aussage, die damals in Heidelberg rasch bekannt wurde und bald die Runde durch deutsche Universitäten machte, ist mit Weglassung des juristischen Charakters die bekannte unverständliche Redensart geworden: ‚Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts.‘ Die Sache hatte für ihn keine üble Folge. Er schreibt darüber, nachdem er inzwischen die Osterferien in Jena zugebracht hatte und nach Heidelberg zurückgekehrt war: ‚Meine Legitimationskarte habe ich ohne alle Fährlichkeit wieder bekommen, nicht einmal daß ein Protokoll aufgenommen worden wäre. Ich wurde dem Universitätsrichter gleich als ›der Herr aus der französischen Fremdenlegion‹ vorgestellt.‘ Dem Freund [Max] Wedekind meldete er am 8. Mai: ‚Pseudo-Hase ist glücklich in der Fremdenlegion – und ich hier.‘“1 Schon vor dieser Heidelberger Begebenheit hatte Victor Hase Konflikte nicht gescheut: Als Sekun­ daner in Eisenach wurde er verhaftet und zur Wache gebracht, weil er „mit einigen Genossen einer verehrten Schönen unter dem Fenster bei später Stunde ein Ständchen“ gebracht hatte („... aber ich verrieth Niemand, seitdem bin ich der Held des Kaffee- und Theeklatsches“). Während seiner Leipziger Studentenzeit missfiel ihm, als er einen Onkel in Oschatz besuchte, eine Bibelunterweisung an der dortigen Kirche, woraufhin er „auf eine vom Geistlichen an ihn gerichtete Frage laut seine entgegengesetzte Meinung äußerte. Die Folge war Strafantrag beim Akademischen Senat, Stadtarrest und Karzer.“2


3 21

300 Jahre Breitkopf & Härtel Das 3. Jahrhundert: 1919 – 2019

3. Jh

1919 — 2019


Chronik des 3. Jahrhunderts 329

1919

Wechsel in der Geschäftsführung: Ludwig Volkmann und Hellmuth von Hase

343 351

1933/37

Neue Komponisten und ein erneuertes Werkverzeichnis

357

1939/42

Letzte Zwischenkriegsbilanz und Gründung der ersten Sibelius-Gesellschaft

365

1943

Weitgehende Zerstörung der Verlagsgebäude beim Luftangriff der Royal Airforce

379

1945

Umzug der Familie von Hase und weniger Mitarbeiter nach Wiesbaden

395

1950

Das Bach-Werke-Verzeichnis von W. Schmieder und 403 die Veränderungen in den ersten Nachkriegsjahren

1951/52

Verkauf von Archivalien an das Land Hessen und Enteignungsprozess in Leipzig

322

300 Jahre Breitkopf & Härtel Das 3. Jahrhundert: 1919 – 2019

1922–1930 Brahms-Verlag und Jahrbücher 1919–2019

Zweihundertstes Geschäftsjubiläum

3. Jahrhundert

1919

409


1953ff.

W

Reger-Gesamtausgabe, Sibelius-Gesellschaft und Neueres

441

1967/71

W

Neue Namen, neue Räume

445

250. Verlagsjubiläum in Wiesbaden und Leipzig

449

1969

W L

1970ff.

L

Ausbau der Programmbereiche und Annäherung der Häuser

453

1976ff.

W

Konsolidierung trotz Krise: Ausweitung der Verlagsbereiche

459

1991ff.

W L

Restitution, Aufbauarbeit und vorübergehende Schließung in Leipzig

463

1997–2009 Deutsche und internationale Wissenschaft: Gesamtausgaben und Werkverzeichnisse

473

2019

493

Dreihundertstes Geschäftsjubiläum L Standort Leipzig

W Standort Wiesbaden

1919–2019

425

3. Jahrhundert

Der neue volkseigene Betrieb und seine Programmgestaltung

300 Jahre Breitkopf & Härtel Das 3. Jahrhundert: 1919 – 2019

L

32 3

1952–54


Zur Geschichte des Geschäftes

Unter den neuen Eigentümern des Verlages, nämlich Wilhelm und Joachim Volkmann auf der einen, Hellmuth von Hase (1891– 1979) auf der anderen Familienseite, war es zuvörderst letzterer, dem es gelang, durch ansatzweisen Wiederaufbau in Leipzig, sodann durch Umsiedelung und Neuaufbau der Firma in Wies-

baden den privat geführten Betrieb am Leben zu erhalten. Alle in Leipzig verbliebenen materiellen und immateriellen Bestandteile des Hauses hingegen wurden enteignet und zum „Volkseigentum“ erklärt. Der Doppelverlag Breitkopf & Härtel bestand bis zur Rückund Zusammenführung 1991; in der Zwischenzeit waren 1962 Lieselotte Sievers (geb. 1928) als Tochter Hellmuth von Hases und, nach dem Ausscheiden Joachim Volkmanns, 1979 Gottfried Möckel (1926–2009) an die Unternehmensspitze getreten. Seither behauptet sich der Verlag – wiederum, mit einer etwa zweieinhalbjährigen Unterbrechung, als eine Art Doppelverlag mit Hauptsitz in Wiesbaden und Büro in Leipzig – als Unternehmen mit ehrwürdiger Tradition und mannigfachen Zukunftsperspektiven. Mit dem 2015 vollzogenen Eintritt des aus Leipzig gebürtigen Nick Pfefferkorn (seit 2017 Geschäftsführender Gesellschafter) ist zudem ein weiterer Generationswechsel und ein Zuwachs erfolgt, der – erst zum zweiten Mal in der Geschichte – nicht aus dem Stammbaum einer der beiden namengebenden Eigentümerfamilien hervorgegangen ist; als Nachfahre Gottfried Christoph Härtels in sechster Generation ist hingegen seit 1991 Sebastian Mohr in der Geschäftsleitung tätig. Leipzig, den 27. Januar 2019

3 25

Die Kriegsfolgen nach 1918 und die Krisen der 1920er Jahre brachten die ersten wirtschaftlichen Einschränkungen – gleichwohl wurden etliche der Verlagsvorhaben wie die großangelegten Musiker-Gesamtausgaben weitergeführt –, in den 1930er Jahren traten dann zunehmend noch die Herausforderungen politisch-ideologischer Indoktrinierung hinzu: Unter diesen Bedingungen konnte in der Förderung zeitgenössischer Musik zwar mancherlei Bewährtes stillschweigend fortgeführt werden, doch rissen die vom Regime erwarteten „Säuberungen“ auch schmerzhafte Lücken im Katalog, etwa durch den Wegfall aller Werke Felix Mendelssohn Bartholdys, eines einstmaligen Hauptkomponisten des Verlags. Die weitgehende Zerstörung der Verlagsgebäude und des umfänglichen Maschinenparks im Dezember 1943 setzte den Geschäften, die unter Kriegsbedingungen ohnehin immer schwerer zu betreiben gewesen waren, ein, wie es schien, unwiderrufliches Ende.

300 Jahre Breitkopf & Härtel Neuer Text: Zur Geschichte des Geschäftes

3. Jahrhundert

1919–2019

Der Verlag im 20./21. Jahrhundert


32 6

300 Jahre Breitkopf & Härtel Bildwelten: Plan der Stadt Leipzig

3. Jahrhundert

1919–2019


1919–2019 3. Jahrhundert

Plan der Stadt Leipzig im 20. Jahrhundert

Paul Roth 1914

Das Leipziger Graphische Viertel nahm vor dem Ersten Weltkrieg ein Areal ein, das annähernd dem Doppelten der Innenstadtfläche entsprach; es erstreckte sich etwa vom Promenadenring im Westen über Tauchaer und Kohlgartenstraße (Norden) sowie Senefelder- und Göschenstraße mit Eilenburger Bahnhof (Osten) bis zur Brüderstraße mit Rossplatz im Süden. „Leipzig ist Mittelpunkt des Weltbuchhandels. 12.394 Buchhändlerfirmen verzeichnet das neueste Adreßbuch; 9.482 davon sind reichsdeutsche, 1.104 haben ihren Sitz in Österreich, 349 in der Schweiz. Die übrigen europäischen Länder stellen 1.123 Firmen, Amerika 234, Asien 49, Australien 14, Afrika 39. Das einst Leipzig überragende Frankfurt ist aus der Reihe der großen Buchhandelsplätze ganz ausgeschieden.“1 Zum Leipziger Buchhandel und -gewerbe wurden die folgenden acht Zweige gezählt: Buch- und Zeitschriftenverlag, Musikverlag, Kunstverlag und Kunsthandel, Kommissionsgeschäft und Barsortiment, Grossogeschäft, Sortiment, Antiquariat und Lehrmittelhandel.

300 Jahre Breitkopf & Härtel Bildwelten: Plan der Stadt Leipzig

1

327

Plan von Leipzig, mittlerer Teil, Druck: Geographische Anstalt C. Opitz, 1920er Jahre, Ausschnitt mit Innenstadt und Teilen der östlichen, südlichen und westlichen Vorstadt


1919–2019 3. Jahrhundert 300 Jahre Breitkopf & Härtel Wussten Sie, dass ...?

... Wolfgang Graeser bereits als 13-Jähriger begann, sich analytisch mit dem Spätwerk von J. S. Bach zu beschäftigen?

35 5

Wussten Sie, dass ...


1923, als Siebzehnjähriger, fühlte er sich reif für eine Auseinandersetzung mit der Kunst der Fuge, 1924 erschien erstmals seine diesbezügliche Studie im Bach-Jahrbuch, und 1926 folgte Graesers quellenkritische Edition des Werkes als spät nachgereichter Supplementband der Bach-Gesamtausgabe. Im Jahr darauf führte Karl Straube die Orchesterfassung der Kunst der Fuge in der Leipziger Thomaskirche zum ersten Mal auf, und 1928 beendete der hochbegabte Graeser, noch nicht 22-jährig, nach schweren Depressionen und nervösen Zusammenbrüchen sein Leben mit dem Freitod. Ihm gebührt das Verdienst, Bachs Schlüsselwerk, mehr als 175 Jahre nach der Veröffentlichung, erstmals für die musikalische Praxis erschlossen zu haben. „Graeser [Vater: Schiffsarzt, Leiter des Deutsch-Schweizerischen Hospitals in Neapel; Mutter: Geigerin] verbrachte seine Kindheit bis 1917 in Neapel, bis 1921 in München. Dann lebte er mit seinen Eltern in Berlin. Seine infolge der häufigen Aufenthaltswechsel mehrmals unterbrochene Schulbildung wurde durch Privatunterricht ergänzt. [...]

1

Rudolf Bockholdt, NDB 1964

A

Der von J. S. Bach initiierte Erstdruck von 1751

B

Graesers „Schematischer Plan“ der Sätze

3. Jahrhundert

1919–2019

Wussten Sie, dass Wolfgang Graeser bereits als 13-Jähriger begann, sich analytisch mit dem Spätwerk von J. S. Bach zu beschäftigen?

356

300 Jahre Breitkopf & Härtel Wussten Sie, dass ...?

A

B

Mit 10 Jahren fing er an zu malen; 1919 wurden die Arbeiten des 12jährigen in einer Münchener Ausstellung vorgeführt. Im gleichen Jahr begann er, sich mit Bach zu beschäftigen. 1922 nahm er Geigenunterricht bei Karl Klingler; 1 Jahr später gab er ihn wieder auf. Mit 16 Jahren machte er sein Abitur. Dann studierte er 6 Semester Mathematik und Physik sowie orientalische Sprachen (vor allem Chinesisch, das er sich intensiv zu eigen machte) – aber nicht Musikwissenschaft, obwohl der Berliner Fachvertreter Johannes Wolf sich für seine (schon 1923 entstandene) Arbeit über die ‚Kunst der Fuge‘ interessierte und ihn ermutigte. Im In- und Ausland referierte Graeser über diese und über weitere Arbeiten zur Musik, die er plante, aber nicht mehr hat ausführen können. Am 26.6.1927 fand in Leipzig unter Karl Straube die vielbeachtete erste Aufführung der ‚Kunst der Fuge‘ in Graesers Bearbeitung statt. Im gleichen Jahr erschien Graesers thematisch wieder völlig andersartiges Buch vom ‚Körpersinn‘ (Oswald Spengler gewidmet, mit dem Graeser befreundet war).“1


300 Jahre Breitkopf & Härtel Chronik: Die Jahre 1933/37

3. Jahrhundert

1919–2019

Neue Komponisten und ein erneuertes Werkverzeichnis

35 7

1933/37


Johann Nepomuk David ist bereits bekannt als eines der stärksten Talente und als ganz überragende künstlerische Persönlichkeit, die in ihren bisherigen Schöpfungen die gottesdienstliche Kunst mit Werken großgerichteteten Sinnes und vielgestaltiger Phantasie beschenkt hat und die noch Größeres erwarten läßt.1 Seit Max Reger hat das deutsche Volk über keinen ausgesprochenen Orgelkomponisten zu verfügen. Heute können wir unter den jungen deutschen Komponisten einen nennen, der das deutsche Orgelschaffen in einem Maße befruchtet, daß wir an die besten Zeiten erinnert werden. Der Mann heißt Johann Nepomuk David. [...] Der Stil Davids ist nicht zeitwendig, weil er ferne der Moden steht. Wie wir bei den Altmeistern unserer Orgelkunst die Musika perennis finden, so glauben wir diese auch bei David wieder zu erkennen. Seine Musik, weil vollständig zeitlos, eignet sich ganz hervorragend für den Gottesdienst. Es gibt nur ein Vergleichsmittel, den gregorianischen Choral. Die Quellen der gregorianischen Musik sind auch die Wesenheiten der Davidschen Orgelwerke.2 Der Österreicher Johann Nepomuk David (1895–1977) war schon 1931 mit Einzelveröffentlichungen, darunter den ersten zwei Heften seines exemplarischen Choralwerks, in das Programm des Verlags gekommen. Die restlichen Frühwerke waren beim Dr. Benno Filser Verlag in Augsburg erschienen, der seine Rechte 1933 vor seiner Liquidation an Breitkopf & Härtel verkaufte. Damit war es möglich, „die Beziehungen zu David auf eine feste Grundlage zu stellen. [...] Von da ab erschien Werk für Werk in

3. Jahrhundert

1919–2019

ununterbrochener Kette. Ein ‚Generalvertrag‘ wurde damals angesichts der beiderseitigen festen Absicht, weiter miteinander zu gehen, nicht für erforderlich erachtet; ein solcher kam viel später in Wiesbaden aus mehr technischen Gründen zustande.“3 Im November 1934 wurde David zudem als Lehrer für Theorie und Komposition von Wels in Oberösterreich ans Leipziger Konservatorium berufen, wo er 1944 über die im Mai nach Crimmitschau erfolgte Evakuierung hinaus noch bis zum Sommer als kommissarischer Direktor den Studienbetrieb aufrechterhielt. Im August 1944 erfolgte seine Aufnahme in die von Joseph Goebbels und Adolf Hitler zusammengestellte „Gottbegnadeten-Liste“; die Diskussion über seine Tätigkeit während der Jahre des Nationalsozialismus hält bis heute an. Zum Leipziger Schülerkreis Davids gehörten Helmut Bräutigam, Johann Cilenšek, Herbert Collum, Carlernst Ortwein (Conny Odd), Ruth Oschatz (verh. Zechlin) und Amadeus Webersinke. Von 1933 bis zum Kriegsausbruch wurden lediglich Stücke von Gottfried Müller (Februar 1933), Lilo Martin (März 1935) und Wilhelm Furtwängler (September 1937) neu in den Verlag genommen und nachdrücklich beworben; Müller und Furtwängler waren 1944 neben David die zwei

3 58

300 Jahre Breitkopf & Härtel 1933/37: Neue Komponisten und ein erneuertes Werkverzeichnis

restlichen Breitkopf-Komponisten auf der staatlichen Liste der „Unersetzlichen Künstler“. In den 1940er Jahren erschienen noch Einzelwerke neuer Autoren wie von Max Haager, Georg Pirckmayer, Karl Sczuka und Franz Anton Wolpert. Im gesamten Zeitraum bis zum Kriegsende verstarben u. a. Arnold Mendelssohn, Sigfrid Karg-Elert, Julius Klengel (alle 1933), Helmut Bräutigam (gefallen 1942) und Hugo Distler (Freitod 1942); es emigrierten Hans Gál, Paul Kletzki (beide 1933), Karl Weigl (1938) und Adolf Busch (1939). Nachgewiesene NSDAP-Mitglieder unter den Verlagskomponisten waren Hugo Distler, Hugo Herrmann, Rudolf Kattnig, Gottfried Müller, Sigfrid Walther Müller, Kurt Thomas und Hermann Zilcher.


1

Mitteilungen Nr. 167, März 1933

2

Der Chorbote, September/Oktober 1933, zitiert in Mitteilungen Nr. 171, Februar 1934

3

Hellmuth von Hase

A

Johann Nepomuk David

B

Hugo Distler

C

Alfred Einstein

Im März 1937 wurde die dritte Auflage des Verzeichnisses sämtlicher Tonwerke Wolfgang Amade Mozarts angekündigt: „Die zweite Auflage ist seit vielen Jahren vergriffen. Ihr wundester Punkt war der Mangel an Angaben über die alten Erstausgaben und wichtigen Neudrucke; fortschreitende Erkenntnisse der Mozart-Forschung vollends machten es deutlich, daß bei einer Neuauflage das Werk in der bisherigen Form nicht zu halten wäre. [...] So stellt denn dieser neue ‚Köchel‘ die [...] bibliographische Zusammenfassung der gesamten ernsthaften Mozart-Forschung dar.“ Mit der grundlegenden Revision der vormaligen Fassung von 1905 war 1929 Alfred Einstein (1880–1952) betraut worden, der die Arbeit nach 1933 an wechselnden Exilstationen in Europa – 1939 übersiedelte er endgültig nach den USA – absolvierte, wobei er seine letzten wichtigen Quellensichtungen noch früh genug vor dem „Anschluss“ Österreichs 1935/36 in Wien vornehmen konnte. Die Veröffentlichung seiner Arbeit in Deutschland erfolgte mit einer Sondergenehmigung der Reichsmusikkammer auf Fürsprache von dessen Präsident Peter Raabe; der Name des Bearbeiters und sein ausführliches Vorwort erschienen in der Ausgabe, und auch in der Verlagsanzeige (nicht jedoch im dreiseitigen Einführungstext) in den Mitteilungen des Verlages wurde der Herausgeber vermerkt. Einstein kehrte nach 1945 nicht nach Europa zurück und publizierte auch nicht

B

C

3 59

A

300 Jahre Breitkopf & Härtel 1933/37: Neue Komponisten und ein erneuertes Werkverzeichnis

3. Jahrhundert

1919–2019

mehr in Deutschland.


Gelöst werden konnte die Aufgabe nicht vom bloßen Kenner der Autographe und Ausgaben, sondern nur vom Kenner des Werkes. Auf dieser Kenntnis vornehmlich beruht die neue Ordnung des neuen „Köchel“, und es sei zum Schluß die Hoffnung ausgesprochen, daß in ihr Mozarts Schaffen in seiner ganzen kristallenen Klarheit aufleuchte – eine Klarheit, kaum getrübt durch so viele Nebenwerke des Lernens, der Not, des bitteren Lebenswegs. Den Lesern oder Benützern, die Sinn und Witterung haben für diesen herrlichen Zusammenhang der Werke des größten, reinsten und wunderbarsten Ingeniums in der Musik, ist der neue „Köchel“ gewidmet. Die Arbeit war eine Arbeit der Entsagung, aber auch tiefster Freudigkeit. Sie trägt ihren Dank und ihren Lohn in sich selbst.4 Im Jahr der Publikation des neuen „Köchel“ begann der seinerzeitige Archivar von Breitkopf & Härtel, Wolfgang Schmieder (Nachfolger von Wilhelm Hitzig), mit der Erstellung eines „thematisch-systematischen

360

300 Jahre Breitkopf & Härtel 1933/37: Neue Komponisten und ein erneuertes Werkverzeichnis

3. Jahrhundert

1919–2019

Verzeichnisses“ der Werke von J. S. Bach.

C

D

4

Alfred Einstein, Vorwort, datiert 1936

C

Anzeige in den Mitteilungen Nr. 185, Mai 1937

D

Schreiben von Einstein an den Verlag vom 22. November 1935


Über Gottfried Müller

3. Jahrhundert

Fritz Busch (1890–1951) verließ Deutschland im Frühsommer 1933, nachdem er sich als Generalmusikdirektor der Dresdner Oper massiven Angriffen auf seine Person und seine Position ausgesetzt sah. Die Uraufführung des 90. Psalms von Gottfried Müller erfolgte im Februar 1932. Donald Francis Tovey (1875–1940) hatte seit 1914 die Reid-Professur an der Universität Edinburgh inne und war ein enger Freund der Familie Busch. Als weitere Werke von Gottfried Müller erschienen bei Breitkopf & Härtel: Variationen und Fuge über ein deutsches Volkslied („Morgenrot, Morgenrot“) für großes Orchester op. 2, Acht Orgelchoräle op. 3, Deutsches Heldenrequiem op. 4, Konzert für großes Orchester op. 5, Abschied von Innsbruck (Kleine Musik für Kammerorchester) op. 6, Führerworte (Symphonisches Chorwerk) op. 7 sowie Neue Gesänge für die deutsche evangelische Christenheit.

300 Jahre Breitkopf & Härtel Historischer Text: Über Gottfried Müller

Aus so geistlich-musikalischer Atmosphäre herstammend, fand der junge Gottfried Müller den Weg seiner großen kompositorischen Begabung vorgezeichnet. Es bedurfte nur eines Mentors, der ihm die ersten Schritte zeigte. Den bekam er in Fritz Busch. Was der siebzehnjährige Junge ihm vorlegte, war nichts Geringeres als der 90. Psalm. Fritz Busch brachte die auffallende Partitur, wo es daran fehlte, in konzertreife Form und führte den Psalm mit der Dresdner Staatskapelle auf. Darüber hinaus verschaffte er Gottfried ein Studium bei Tovey und freute sich, seinen Schützling schon mit achtzehn Jahren als Professor am Leipziger Konservatorium zu sehen.

Gottfried Müller (1914–1993) nahm weiteren Unterricht bei Bernhard Pfannstiehl (Dresden) und Karl Straube. 1933 trat er der NSDAP bei, leistete 1935 Wehrdienst, war 1942 bis 1945, berufen von Johann Nepomuk David, Dozent für Tonsatz an der Musikhochschule Leipzig und arbeitete anschließend, nach einem Intermezzo als Kantor in Glaubitz bei Riesa, als Kirchenmusiker bzw. Kompositionslehrer in Berlin-Hermsdorf und in Nürnberg. 1934 wurde ihm ein Ehrensold der Stadt Dresden, 1942 ein Staatszuschuss des RMVP bewilligt.

361

Ein anderes großes Talent begegnete uns im eigenen Lande. Bei einem Schülerkonzert der Kreuzschule fiel mir ein Junge, der die musikalischen Taten seiner Mitschüler am Klavier zu begleiten hatte, dadurch auf, daß er bei der Ausübung seines Amtes heftig Gesichter schnitt. Das drückte lebhaftes Leiden aus; ich teilte es. Als man den jungen Menschen danach einmal allein zu hören bekam, fand ich sein Spiel so ausgesprochen musikalisch, daß ich nicht zögerte, ihn zu Fritz Busch zu bringen, der mir recht gab: das sei zweifellos ein Musiker. Gottfried war ein Sohn des in Dresden wohlbekannten Pastors, der den Namen „Posaunenmüller“ führte. Neben seinem geistlichen Amt führte er eine Bläsergruppe, die auf dem Turm der Kreuzkirche an Feiertagen Abendmusiken veranstaltete. Sie waren einer der gemütvollen Reize des alten Dresden. Es ging einem jedes Mal nah, wenn man um die Weihnachtszeit auf dem Altmarkt aus dem Stadttrubel heimkehrend, am Fuße der Kirche vorüberging, und von oben her die schönen Weihnachtschoräle erklingen hörte.

1919–2019

Grete Busch


B

C

D

362

300 Jahre Breitkopf & Härtel Bildwelten: Ansichten aus dem Technischen Bericht und Druckereiwerbung

3. Jahrhundert

1919–2019

A

Ansichten aus dem Technischen Bericht 1927 und Druckereiwerbung aus den 1920er und 1930er Jahren Einige der historischen Innenansichten wurden für den im Januar 2019 zum 300. Jubiläum veröffentlichten Imagefilm first in music szenisch nachgestellt.

A

Geschäftsarchiv

B

Saal für den Handsatz

C

Monotype-Setzmaschinen

D

Notenstecher auf der Musikausstellung in Genf


Unterhaltungsliteratur in den 1930er Jahren: Grünspecht wird ein Flieger

3 63

300 Jahre Breitkopf & Härtel Bildwelten: Grünspecht wird ein Flieger

3. Jahrhundert

1919–2019

Elly Beinhorn (1907–2007), vollständiger Name Elly Maria Frida Rosemeyer-Beinhorn, wurde mit Beginn der 1930er Jahre zu einer populären Fliegerin, die zunächst als Kunstfliegerin, bald darauf mit Langstreckenflügen (Afrikaflug 1931, Weltumrundung im Alleinflug 1932, Afrika­ und Amerikaflüge 1933/34) und verschiedenen Rekorden von sich reden machte. Sie verfasste ab 1932 mehrere, überwiegend autobiographisch geprägte Bücher; ihre umfassende Autobiographie erschien 1977. Aus der Verlagswerbung: „Ein Buch zum Verschenken: die reizende Ausstattung und die dem praktischen Flugleben abgelauschten heiteren Zeichnungen von Hanns Poeppel sorgen dafür, daß auch äußerlich diese Neuheit auf dem Buchmarkt alt u. jung begehrenswert erscheint!“


1919–2019

A

364

300 Jahre Breitkopf & Härtel Bildwelten: Pläne der Verlagsgebäude aus den 1920er und 1930er Jahren

3. Jahrhundert

Pläne der Verlagsgebäude aus den 1920er und 1930er Jahren Aus der Zwischenkriegszeit sind verschiedene Pläne – Grundund Aufrisse, Gebäudeschnitte in Original und/oder Kopie – der Verlagsgebäude überliefert. Die Kopien enthalten in der Regel Zusatzinformationen, etwa zur jeweiligen Elektro-, Wasser- oder Heizungsinstallation. Der undatierte Gesamt-Übersichtsplan aller Geschosse verzeichnet beispielsweise für den Erweiterungsbau auf dem hinteren Grundstücksteil folgende Räumlichkeiten:

B

Kellergeschoss: Papier- und Bücherstube (zentraler Bereich im Mitteltrakt zwischen den Treppenhäusern), dazu Keller und Kohlenkeller Erdgeschoss: Druckerei (zentral), dazu Lager (4 Räume, südöstlicher Anbau) und Faktor Erste Etage (A): Steindruckerei/Maschinensaal (zentral), dazu Lager sowie 3 Zimmer, Küche, Flur, Kammer (südöstlicher Anbau) und Faktor Zweite Etage: Überdruckerei (zentral), dazu Bodenräume und Lager (südöstlicher Anbau) und Faktor sowie Laugebehälter und Schleiferei Dritte Etage: Buchbinderei (zentral), dazu Faktor Dachgeschoss: Lager A + B Gesamt­Übersichtsplan der I. Etage und Lageplan, undatiert, zusammen 8 Blätter

C

C

Zwei Gebäudeschnitte von Norden, 1936


300 Jahre Breitkopf & Härtel Chronik: Die Jahre 1939/42

3. Jahrhundert

1919–2019

Letzte Zwischenkriegsbilanz und Gründung der ersten Sibelius-Gesellschaft

365

1939/42


Mancherlei große Aufgaben ergaben sich in den ersten Nachkriegsjahren mit ihrer staatlichen und wirtschaftlichen Zerrüttung von selbst: hatte der Originalverlag Haydns, Beethovens, Schumanns, Chopins, Liszts und Wagners vordem einem Jahrhundert verlegerisch die Richtung gewiesen, als Veranstalter der Kritischen Gesamtausgaben der großen Meister der Musik die wissenschaftlichen Grundlagen für Musikpflege und -forschung geschaffen, mit den Bibliotheken für den praktischen Gebrauch ihren Werken aus allen Gebieten und Zeiten dem Musikleben der ganzen Welt das Handwerkszeug geliefert, so galt es jetzt zunächst, in der Beschränkung auf das Wesentliche das Vorhandene zu erhalten und, wo es erforderlich war, zu ergänzen und aufzufüllen. [...] Wir wären dankbar, wenn der Leser die fast hundert Seiten dieses Verzeichnisses recht genau in ihren Einzelheiten in Augenschein nähme, und wären froh, wenn er daraus das Bild gewönne, daß in dem mehr als zweihundert Jahre alten Musikverlagshaus bis auf den heutigen Tag trotz mancher Unbill der Zeit die Liebe zum deutschen Musikleben und der Wille zum Fortschritt unverändert lebendig geblieben ist.1 Zu Anfang des Jahres 1939 – und damit nicht lange vor dem Ausbruch eines neuen Krieges am 1. September des Jahres – veröffentlichte Breitkopf & Härtel in seinen Mitteilungen des Hauses ein umfängliches Ver-

1

Neuerscheinungen des Musikverlages 1919–1938

2

Hellmuth von Hase, Jahrbuch 1943, Vorwort

A

Günter Raphael und Kurt Thomas, 1926

zeichnis ausgewählter Neuerscheinungen als „Rechenschaftsbericht über den Ausbau des Musikverlages [...] in zwanzig Nachkriegsjahren“ und als „Bild von der Aufbauarbeit, die in diesen beiden bewegten [...]

3. Jahrhundert

1919–2019

Jahrzehnten geleistet worden ist“. Als Schwerpunkte des Programms sind neben der Weiterführung der Komponisten-Gesamt- und Denkmäler-Ausgaben die traditionellen, durch neue Namen ergänzten Bereiche der geistlichen und weltlichen Chormusik, der Orgel- und Kammermusik sowie als „Neuzugang“ die „Jugend- und Gemeinschaftsmusik“ (Lieder, Kantaten und Spielmusik, z. B. für Blockflöte) hervorgehoben. Das Register weist über 200 Autoren von Karl Friedrich Abel bis Heinrich Zöllner aus (etwa ein Viertel davon sind unmittelbare Zeitgenossen) und als „jüngste überragende Erfolge“ die Werke von Gottfried Müller und Johann Nepomuk David. Die größte Gruppe neuerer Komponisten bilden – nach den erfolgreichen Älteren Julius Klengel, Sigfrid KargElert, Othmar Schoeck u. a. – die Leipziger Musiker im Umfeld entsprechender städtischer Einrichtungen (Konservatorium, Thomanerchor, Universität; besonders enge Beziehungen bestanden zu dem von Karl

366

300 Jahre Breitkopf & Härtel 1939/42: Letzte Zwischenkriegsbilanz und Gründung der ersten Sibelius-Gesellschaft

Straube geleiteten Kirchenmusikalischen Institut am Konservatorium), darunter Helmut Bräutigam, Hugo Distler, Karl Hoyer, Sigfrid Walther Müller, Günther Ramin, Kurt Thomas und Johannes Weyrauch; nicht mehr aufgeführt ist Günter Raphael, der 1934 das Kirchenmusikalische Institut verlassen musste und 1939 mit Berufsverbot belegte wurde, dessen Werke allerdings noch bis 1937 beworben worden waren. Erwähnt werden der Erwerb einer allgemeinen und die Fortsetzung einer wissenschaftlichen Musikzeitschrift: Allgemeine Musikzeitung (1934–1943) bzw. Archiv für Musikforschung (1936–1943). Die Allgemeine Musikzeitung ging, zusammen mit den Publikationen Die Musik (Max Hesses Verlag), Zeitschrift für Musik (Gustav Bosse Verlag) und Neues Musikblatt (B. Schott’s Söhne), in der „Gemeinschaftszeitschrift“ Musik im Kriege auf („Organ des Amtes für Musik“), von der 1943/44 20 Hefte erschienen. Darüber hinaus kam es „im Auftrag der Abteilung Musik des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda“ zur Etablierung des Jahrbuchs der deutschen Musik (1943/44), herausgegeben von Hellmuth von Hase „im gemeinsamen Verlag“ von Breitkopf & Härtel und Max Hesses Verlag. Die Mitteilungen des Verlages Breitkopf & Härtel wurden mit der Nummer 197 vom November 1940 vorläufig eingestellt.


Das Jahrbuch soll [...] einen lebendigen Querschnitt durch das deutsche Musikleben in seiner vielgestaltigen Auswirkung bieten und das Wirken aller schaffenden Kräfte eindringlich schildern; Errungenes und Erreichtes soll mitgeteilt, Ziele, Hoffnungen und Zukunftspläne sollen dargelegt werden. [...] Im Wechsel der Jahrgänge soll alles an die Reihe kommen, was für den Bestand des deutschen Musiklebens von wirklicher Bedeutung ist.2 Mitten im Krieg, im April 1942, kam es zur Gründung der Deutschen Sibelius-Gesellschaft. Diese erste Gesellschaft zu Ehren des Komponisten in Deutschland – 1935 war ihm zum 70. Geburtstag die silberne Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft verliehen worden – verdankte sich rein politischen Erwägungen im Zusammenhang mit der seit Juni 1941 bestehenden „Waffenbrüderschaft“ zwischen Deutschland und Finnland im Kampf gegen die Sowjetunion, und sie war das (positive) Ergebnis der miteinander konkurrierenden Bestrebungen des Goebbelschen Propagandaministeriums und der Reichsleitung Rosenberg. Letztere stand in enger Verbindung mit der Nordischen Gesellschaft, bei der Alfred Rosenberg Schirmherr war und die es sich seit der „Gleichschaltung“ von 1933 zur Aufgabe gemacht hatte, die Ideologie der „Nordischen Rasse“ und den „Nordischen Gedanken“ zu verbreiten. (Die Finnen wurden, obgleich nicht der „nordischen“, sondern der „mongolischen Rasse“ zugeschlagen, großzügig dazugezählt.)

reichsten NS-Kulturfunktionäre, wurde zum Präsidenten bestimmt. Breitkopf & Härtel war nicht in den Vorstand berufen worden, doch trug sich Hellmuth von Hase 1942/43 mit dem Gedanken, eine Sibelius-Biographie zu veröffentlichen, als deren potentielle Autoren Herbert Gerigk, Günter Haußwald und Walter Niemann im Gespräch waren. Eine erste derartige Monographie erschien indes erst 1962 in Wiesbaden als Weiterführung der Sibelius-Dissertation von Ernst Tanzberger, welche wiederum 1943 von der Gesellschaft veröffentlicht worden war. Die Arbeit der Sibelius-Gesellschaft kam mit dem Kriegsaustritt Finnlands im

3. Jahrhundert

Musikabteilung sowie Reichskultursenator und damit einer der einfluss-

1919–2019

Die Oberhand in der Sibelius-Gesellschaft erlangte schließlich das Propagandaministerium; Heinz Drewes, seit 1937 Leiter der dortigen

September 1944 zum Erliegen, allerdings ohne eine formelle Auflösung, was die neuerliche Gründung einer solchen Vereinigung erschwerte, die

3 67

A

300 Jahre Breitkopf & Härtel 1939/42: Letzte Zwischenkriegsbilanz und Gründung der ersten Sibelius-Gesellschaft

1957 auf Initiative des Verlages erfolgte.


Richard Wagner

Das Judentum in der Musik

3 68

300 Jahre Breitkopf & Härtel Historischer Text: Das Judentum in der Musik

3. Jahrhundert

1919–2019

Einleitung zur Neuausgabe 1939   1

Richard Wagners Schrift „Das Judentum in der Musik“ gehört zu den Dokumenten seiner Feder, in denen uns der Kämpfer, Seher und Erzieher der Nation am unmittelbarsten gegenübertritt. Als der erste Teil im Jahre 1850 als Aufsatz unter dem Pseudonym K. Freigedank in der von Franz Brendel herausgegebenen „Neuen Zeitschrift für Musik“ erschien, wirkte das auf die Zeit wie ein Blitzschlag, der plötzlich den latenten Zustand einer allgemeinen kulturellen Entartung an einer bestimmten Stelle taghell erleuchtete und damit auch die Ursache dieser Entartung traf, den „plastischen Dämon des Verfalls“, das Judentum. Es war der erste Niederschlag einer Erkenntnis, die sich in Wagners späterem Leben immer mehr vertiefte und zu dem grundlegenden Bestandteil seiner auf eine artgemäße Erneuerung des deutschen Volkes zielenden Weltanschauung wurde. Die Pariser Leidenszeit und die Revolution von 1848 hatten dem früher unbewußten Antisemitismus Wagners die erfahrungsmäßige Grundlage gegeben. In den Händen jüdischer Ausbeuter hatte er nach der Enttäuschung, die ihm der kunstverderbende Erfolgskomponist des Tages, Meyerbeer, bereitete, im Dienst des jüdischen Verlages Moritz Schlesinger bei der Arbeit an seinen Klavierauszügen aus den überwiegend von seichten Modekomponisten stammenden Opern gelernt2, was es mit der Förderung musikalischer Talente durch die Juden auf sich hat. Über jede persönliche Erlebnissphäre hinaus jedoch dienten diese und die folgende Zeit der Klärung und Reife seiner ethischen und Willenskräfte, einer seelischen Läuterung, die sich im kommenden Jahrzehnt immer mehr zu einer den höchsten Idealen der deutschen Musik verpflichteten kulturpolitischen Haltung verdichtete, die notwendig auch die Judenfrage aus dem Persönlichen in das Allgemeine hob. Denn inzwischen war in Wagner auch der Kämpfer gegen den Zeitgeist erwacht, der nach dem tragischen Irrtum seiner Teilnahme an der liberalistischen Revolution von 1848 sich in seinem Züricher Asyl darüber klar geworden war, daß „all unser Liberalismus ein luxuriöses Geistesspiel war“ und daß die von

dem Liberalismus der Zeit geförderte Judenemanzipation ein durch die deutsche Wirklichkeitsferne hervorgerufenes Vergehen gegen den gesunden Instinkt des Volkes bedeutete. [...] Was Wagner mit dieser Veröffentlichung auf sich genommen hatte, sollte ihm bald klar werden. Der Haß des Judentums entlud sich, als der Verfasser bekannt geworden war – Wagner hatte mit dem Pseudonym lediglich die Ausschaltung alles Persönlichen bezweckt – in einer Flut von Angriffen, Bosheiten und Verfälschungen seines Lebens und Schaffens in jeder nur denkbaren Weise, so daß es schon des Genies, des Glaubens und der Tatkraft eines Richard Wagner bedurfte, um sein Werk trotzdem durchzusetzen. [...] Wagner hat dabei weniger der Lärm selbst gestört als die vielfach unsachliche Polemik, die aus einer ungenügenden Kenntnis seiner Schrift herrührte. Was er damals wieder und wieder forderte, das Lesen seiner Schriften, ist heute zu einer unabweisbaren Notwendigkeit geworden, denn sie sind wertvollste Dokumente der Nation. Unter ihnen steht „Das Judentum in der Musik“ als völkische Bekenntnisschrift und seherische Mahnung und Warnung in der vordersten Reihe.

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Autor dieses neuen Textes, der das Vorwort von R. Sternfeld in der Ausgabe von 1914 ersetzte, war Hermann Killer (1902–1990), Musikologe und Musikschriftsteller, zu jener Zeit „Reichshauptstellenleiter der Hauptstelle Kulturpolitisches Archiv, Amt Kunstpflege, beim Amt Reichsleiter Rosenberg“ (s. Prieberg 2005); er gehörte zu den Mitarbeitern am „Lexikon der Juden in der Musik“.

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Ausgaben dieser Opern von „seichten Modekomponisten“ bildeten während des 19. Jahrhunderts einen wichtigen Bestandteil des Programms von Breitkopf & Härtel, siehe S. 196 in diesem Band.


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... die erste, 1939 in den USA versenkte Zeitkapsel eine Aufnahme von Sibelius’ Finlandia enthält?

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Wussten Sie, dass die erste, 1939 in den USA versenkte Zeitkapsel eine Aufnahme von Sibelius’ „Finlandia“ enthält?

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Seiger 2018

In Vorbereitung der Weltausstellung 1939 in New York wurde von der Westinghouse Electric & Manufacturing Company am 23. September 1938 im Boden des dortigen Flushing-Meadow-Parks erstmals eine Zeitkapsel („Westinghouse Time Capsule I“) versenkt. Deren Umhüllung, ein raketenförmiges Gebilde von 2,30 Metern Länge und 20 Zentimetern Durchmesser, ist für eine Bergung nach 5.000 Jahren (September 6938) vorgesehen, entsprechend korrosionsbeständig konstruiert und dauerhaft in einer Tiefe von etwa 18 Metern stationiert. Die Kapsel enthält neben einer Auswahl von Alltagsgegenständen schriftliche Botschaften dreier berühmter Persönlichkeiten sowie wissenschaftliche, literarische, bildkünstlerische und musikalische Hervorbringungen der Zeit. Zu den hinterlegten Objekten gehören u. a. ein Wecker, ein Dosenöffner, eine Brille, eine Lampe, ein Baseball, ein Besteck, ein Damenhut, Camel-Zigaretten, Exemplare des Life-Magazins und Mickey-Mouse-Hefte, ferner Kosmetikutensilien wie Nagelfeile, Zahnbürste, Schminkset und Elektrorasierer, hinzu kommen diverse Stoff- und Materialproben (Plastik, Zement, Asbest usw.). Texte schrieben die Nobelpreisträger Albert Einstein, Robert Andrews Millikan (Physiker) und Thomas Mann, und auf der ebenfalls „archivierten“ Schallplatte befinden sich der Marsch Stars und Stripes Forever von Philipp

Sousa, der Flat Foot Floogie des Jazz-Duos Slim & Slam und schließlich die Tondichtung Finlandia von Jean Sibelius, also letztlich ein „1938er Konzentrat der – vorwiegend US-amerikanischen – Kultur, das späteren Generationen die Großartigkeit der Nation zeigen sollte“.1 Zum Gesamtarrangement gehörte schließlich noch ein Book of Record, enthaltend als Vermächtnis der Initiatoren eine Art Gebrauchsanweisung für die künftigen Entdecker (mit Standortbeschreibung und Bau-Anleitung für einen Metalldetektor), das in der Kapsel deponiert, aber auch in 3.000 Exemplaren weltweit an Tempel, Klöster und Bibliotheken verteilt wurde. 1964/65 versenkte, abermals zu einer Weltausstellung, dieselbe Firma in der Nähe noch eine zweite Kapsel, wie die Idee – ursprüngliche Bezeichnung: „time bomb“ – überhaupt etliche Nachahmer fand. Als „kosmisches“ Pendant zu den Time Capsules lassen sich übrigens die zwei 1977 von den USA gestarteten Raumsonden Voyager 1 und 2 betrachten, mit denen je eine „Voyager Golden Record“ in den interstellaren Raum geschickt wurde; unter den 27 Musikstücken, die auf diese Datenplatten aufgespielt wurden, befindet sich mit dem ersten Satz der 5. Sinfonie von Ludwig van Beethoven ebenfalls ein originäres Verlagswerk von Breitkopf & Härtel.


Kriegsaufgaben des Musikverlags und Musikalienhandels

Die Hauptschwierigkeit, mit der der deutsche Musikalienhandel heute zu kämpfen hat und der gegenüber alle anderen kriegsbedingten Hemmnisse vollständig zurücktreten, ist der Mangel an ausreichender Ware. Private und öffentliche Käufer, MusikSortimenter und Verleger begegnen sich in ihren Klagen darüber, daß der Bestand und die Produktion an Musikalien weit hinter dem gegenwärtigen Bedarf zurückbleibt. Während bei der Beschaffung von Aufführungsmaterialen immer noch in erträglichem Umfange Rat geschaffen werden kann, ist auf dem Ge-

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Es liegt im deutschen Wesen begründet, daß im Rahmen dieser seelischen Stützungsaktion der Musik eine besonders ausschlaggebende Rolle zufiel. War für den Musikgenuß im deutschen Volke schon immer ein besonders fruchtbarer Boden vorhanden, so wurde im Kriege die Musik in ungeahntem Maße ein Gemeingut aller, und wie ein roter Faden zieht sich das musikalische Geschehen heute durch Leben und Schicksal jedes einzelnen Deutschen.

Wurde somit die Musik unumstritten zu einem kriegswichtigen Faktor des täglichen Lebens, so rückten damit zugleich alle am Musikschaffen Beteiligten in den Kreis der kriegsnotwendigen Berufe ein, und da ein geregelter und zeitgemäßer Musikbetrieb ohne die Erzeuger und Verbreiter des durch den Druck vervielfältigten Musikgutes nicht denkbar ist, wird damit auch die Unentbehrlichkeit des Musikverlages und Musikalienhandels für den Fortbestand des deutschen Kulturlebens und seiner nutzbringenden Auswirkung auf die seelische Kraft des deutschen Menschen bewiesen. Wie alle kriegswichtigen und kriegsbetroffenen Berufe wurde auch das Musikaliengewerbe im Kriege vor besondere Aufgaben und kriegsbedingte Schwierigkeiten gestellt; sie zu meistern sind neben dem einzelnen Verleger und Musikalienhändler die beiden zugehörigen Fachschaften mit Erfolg bemüht; diese wiederum werden von der Abt. Musik des Reichs-Propaganda-Ministeriums und der Reichsmusikkammer gefördert und betreut.

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Über die Frage, ob die Pflege des deutschen Kulturlebens während des Krieges als kriegswichtige Aufgabe zu gelten habe, sind die Akten längst geschlossen; es hat wohl nicht einmal ernsthaft Meinungsverschiedenheiten darüber gegeben. Vom ersten Kriegswinter an setzte sich die Erkenntnis durch, daß das deutsche Herz als Quelle und Träger jedes Kampfes- und Widerstandswillens der geistigen Nahrung, der Erhebung und Entspannung durch kulturelle Güter niemals entraten könne, und mit der zunehmenden Härte des Krieges und seiner längeren Dauer wurde die Unabweisbarkeit dieses Bedürfnisses nur immer offensichtlicher. Kampffront und Heimatfront zeigten ein gleiches dringliches Verlangen nach Kunstgenuß im weitesten Sinne. Die Kriegsarbeit der Theater und Lichtspielhäuser, die Leistungen der bildenden Kunst, der tatkräftige Einsatz des deutschen Buches und die Darbietungen aller Arten guter Musik boten dem in den härtesten Schicksalskampf mitten hineingestellten deutschen Menschen den ersehnten seelischen Rückhalt, der ihn zu physischen Leistungen von unerhörter Größe befähigte.

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biete des Studien­ und Unterrichtsmaterials ein empfindlicher Mangel an lieferbaren Musikalien eingetreten. Welches sind nun die Ursachen dieser allgemein schmerzlich empfundenen Verknappung? Daß auf dem Papiermarkte ein fühlbarer Engpaß besteht, ist allgemein bekannt. Bei aller Anerkennung der Wichtigkeit des Musikbetriebes gibt es eben für das Papier kriegsentscheidendere Verwendungen als der Neudruck von Musikalien. So ist es verständlich, daß die Papiermenge, die den einzelnen Musikverlegern bzw. Notendruckereien zugeteilt werden kann, gegenüber dem Friedensverbrauch erheblich beschnitten werden mußte. Es sei dabei anerkannt, daß für die Förderung der Musikalienausfuhr, für eine Ergänzung der Bestände an Unterrichtsliteratur und für die Sonderaufgaben des Tags der deutschen Hausmusik ins Gewicht fallende Sondermengen an Notendruckpapier bewilligt worden sind. Aber im Ganzen ist doch die Produktion des deutschen Musikverlages infolge der Papierverknappung nicht unerheblich zurückgegangen. An dieser Einschränkung war freilich auch die geringere Lieferfähigkeit der Notendruckereien mit schuld, denen wesentliche Fachkräfte an Notenstechern und Druckern durch Einberufung zur Wehrmacht oder durch Dienstverpflichtung entzogen werden mußten. Neues Metall für die Anfertigung von Notenplatten konnte den Druckereien überhaupt nicht zugeführt werden; im Gegenteil fand eine Beschlagnahme und teilweise Einziehung der vorhandenen fertigen Notenplatten statt. Hierbei wurde jedoch in einer Weise vorgegangen, die den kulturellen Interessen weitestgehend Rechnung trug; in der Hauptsache wurde Überholtes oder minder Wertvolles ausgeschieden, und unersetzliche Werte blieben im vollen Umfange erhalten. Neben dem Rückgang der Produktion entstand überdies noch ein merklicher Verlust an fertiger Ware durch den Totalverlust von Verlagen, Musikalienhandlungen und Druckereien infolge feindlicher Luftangriffe. Dem geringeren Angebot an Ware stand aber ein merklich erhöhter Bedarf gegenüber. Es sind damit weniger die Hamsterkäufe vieler Unverbesserlicher gemeint, die die „Flucht in die Sachwerte“ antreten zu müssen glaubten. Ihnen ist verhältnismäßig rasch das Handwerk gelegt worden, da ja der tatsächliche Bedarf eines „Musikverbrauchers“ leicht zu übersehen ist. Es traten vielmehr zu dem alten Kreis der gewohnten Notenkäufer vollständig neue Bedarfsträger, und auch innerhalb des alten Kundenkreises entstand durch kriegsbedingte Umstände ein erhöhter Lieferungsbedarf. An der Spitze der größeren Anforderungen steht die Versorgung der Wehrmacht, die nicht nur zahlreiche neue Kapellen aufstellte, sondern im Rahmen der Truppenbetreuung ganz neue Aufgaben übernommen hat. Beschränkte sich die Wehrmacht­Musikpflege im Frieden im wesentlichen auf den üblichen Einsatz der ständigen Kapellen der Truppenteile, so trat nunmehr die Pflege des Chorliedes und der Kammermusik hinzu, und als Ausführende wurden zivile Orchester, Chöre, Kammermusik-Ensembles und einzelne Solisten in größerem Umfange verpflichtet. Die Notwendigkeit, die Spielfolgen auf den Bedarf der Truppen einzustellen, führte zu einer außerordentlichen Er-

weiterung des bisher üblichen Programms und damit zu einem Musikalienbedarf von außerordentlicher Höhe. Gleichgeartete Bestrebungen der Organisation „Kraft durch Freude“ verursachten ebenfalls ein lebhaftes Anwachsen des Notenbedarfs. Der kulturelle Neuaufbau in den Aufbaugebieten des Ostens sowie die musikalische Betreuung aller von den deutschen Truppen besetzten feindlichen und neutralen Gebiete stellten ebenfalls hohe Anforderungen an die Vorräte des Musikalienhandels. Die Neueinrichtung von Bibliotheken, der Aufbau der Notenarchive der neugegründeten Konzertinstitute und die Versorgung der neuerrichteten öffentlichen Lehranstalten mit Unterrichtsstoff nahmen die Leistungsfähigkeit des Musikverlages weitgehend in Anspruch. Daneben meldeten sich die bombengeschädigten öffentlichen und privaten Musikausübenden mit berechtigten Wünschen. Schließlich konnten auch die Musikerzieher und Studierenden auf die unerläßlichen Forderungen des Unterrichtsbetriebes, die einzelnen ausübenden Künstler auf die erhöhte Anzahl von Musikveranstaltungen hinweisen. Der Rundfunk verzeichnet trotz der Beschränkung auf zwei einheitliche Sendeprogramme einen gleichbleibend lebhaften Musikalienbedarf, zumal nachdem in den besetzten Gebieten eine große Anzahl neue Sender eingerichtet worden war. Auch dem Export war – nicht nur im Interesse der Devisenlage des Reiches, sondern auch im Hinblick auf die Notwendigkeit der kulturellen Einwirkung auf das Ausland – erhöhte Aufmerksamkeit und Berücksichtigung seitens des Musikaliengewerbes zu schenken. So ergab sich eine stattliche Zahl bevorzugter Gruppen, die sich mit gutem Grund berechtigt glaubten, im alten Umfange oder in erhöhtem Maße mit Musikalien beliefert zu werden, wobei es sich aber schnell herausstellte, daß schließlich jeder Notenkäufer zu einer dieser bevorzugten Gruppen gehörte. Ist nun der deutsche Musikalienhandel den erhöhten Anforderungen gerecht geworden? Die beweglichen Klagen der Notenkäufer aller Gruppen lassen darauf schließen, daß dies nicht im vollen Umfang gelungen sei. Tatsächlich beweist aber die von der Fachschaft Musikalienhändler geführte Statistik, daß der Umsatz im Kriege nicht zurückgegangen, sondern erheblich gestiegen ist und sich mit geringen Ausnahmen im weiteren Anwachsen befindet. Es folgt daraus, daß dem erhöhten Bedarf an Musikalien doch zu einem großen Teil Rechnung getragen werden konnte. Freilich wurden hierbei die Vorräte der deutschen Musikalienhandlungen so gut wie völlig geräumt, und das Musik-Sortiment lebt gegenwärtig hinsichtlich der Lieferungsmöglichkeiten von der Hand in den Mund, der deutsche Musikverlag aber zehrt bei diesem Verfahren ganz offen von der Substanz. Seine Produktion ist durchschnittlich nicht gestiegen, sondern in einschneidender Weise zurückgegangen. Wenn gleichwohl ein erhöhter Kaufbedarf gedeckt werden konnte, so beweist dies, daß sich im Musikverlag ein Totalausverkauf vorbereitet, vor dessen Folgen im Hinblick auf die kulturellen Notwendigkeiten einer kommenden Friedenszeit nicht eindringlich genug gewarnt werden kann. Von den für ausgesprochene Kriegszwecke gelieferten Musikalien ist der größte Teil einem weitgehenden Verschleiß ausgesetzt und kommt daher für die Verwendung in Friedenszeiten kaum


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Nicht weniger verantwortungsvoll ist die Tätigkeit, die der Musikalienhändler angesichts der Notenknappheit seiner Kundschaft gegenüber zu entfalten hat. An der Spitze steht hier die dauernde Aufklärungsarbeit, durch die der Notenkäufer darauf hingewiesen wird, daß Hamsterei unsinnig ist und die Allgemeinheit schädigt, daß infolge des Mißverhältnisses zwischen Herstellung und Notenbedarf die Ansprüche zurückgeschraubt werden müssen, daß die Verleger ihr Bestes tun, um trotz eingeschränkter Produktion die gesteigerten Wünsche zu erfüllen, daß vor allem der Musikalienhändler selbst kein Zauberer ist und nicht mehr Noten zum Verkauf bringen kann, als ihm zugeteilt werden, daß aber der Notenkäufer selbst wesentlich dazu beitragen kann, das Musikleben trotz der gegebenen Einschränkungen ungehemmt zur Entfaltung zu bringen. Dem Solisten, der sich unbedingt auf ein bestimmtes Werk versteift, muß der Weg zu gleichwertigen Werken gewiesen werden, dem Musiklehrer, der hartnäckig an seiner seit Jahrzehnten gebrauchten Klavierschule festhalten will, muß nahegebracht werden, dass auch andere Methoden zum Erfolg führen. Der Übergang von gut eingeführten, aber vergriffenen Werken auf vorrätige, aber weniger bekannte Ausgaben muß beharrlich angestrebt werden. Dazu ist es aber nötig, daß der Musikalienhändler sich auch solche Literatur tatsächlich verschafft, kennt und dem Käufer vorlegt. Statt der immer wieder verlangten Bandausgaben müssen mehr und mehr die Einzelausgaben geliefert werden, denn es ist offenbar unwirtschaftlich, wenn der Spieler, der eine einzige Sonate spielen will, den ganzen Sonatenband kauft und damit die übrigen, von ihm nicht gespielten Sonaten anderen Spielern vorenthält. Dem regsamen Musikalienhändler stehen auf diesem Gebiete viele Wege offen, um eine Lenkung des Bedarfs zu erzielen, die manche Lücken in der Notenlieferung leicht überbrücken hilft.

300 Jahre Breitkopf & Härtel Historischer Text: Kriegsaufgaben des Musikverlags und Musikalienhandels

Ein weiterer Weg, der Verknappung des Notenmaterials zu steuern, ist der Übergang vom Verkaufen zum Verleihen, insbesondere auf dem Gebiete des Aufführungsmaterials. Im Bereich der

urheberrechtlich geschützten Musik hat sich – teils aus Gründen einer vereinfachten Kontrolle, teils zum Zwecke der Ersparnis an Produktionsmitteln – schon seit Jahrzehnten ein festgefügtes System für das Verleihen von Konzert- und Bühnen-Aufführungsmaterialien entwickelt. Unter Mitwirkung der zuständigen Fachorganisationen ist die Handhabung dieses Verfahrens einschließlich der Preisbildung verbindlichen Richtlinien unterworfen worden. Es liegt nichts näher, als dieses bewährte Verfahren in Zeiten der Materialverknappung auch auf urheberrechtlich ungeschütztes Notenmaterial auszudehnen. Der Konzertveranstalter wird sich leichter damit abfinden, ein Aufführungsmaterial nur leihweise zu erhalten, als wenn er es überhaupt nicht geliefert bekäme. Er muß nur, wenn der Zweck des Verfahrens erreicht werden soll, das geliehene Material auch wirklich pfleglich behandeln, so daß es ohne erneute Instandsetzung sogleich vom nachfolgenden Entleiher in Benutzung genommen werden kann. Bei verständnisvoller Handhabung dieses Verfahrens durch alle Beteiligten kann der deutsche Orchesterverlag voraussichtlich auf Jahrzehnte den Programmbedarf der Konzertveranstalter sicherstellen und kann dafür das ihm zufließende Papierkontingent voll dazu benutzen, die leider bereits entstandenen Lücken wieder zu schließen.

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wesentlich in Betracht. Bei den in luftgefährdete Gebiete gelieferten Musikalien muß ebenfalls weiterhin mit Materialverlusten gerechnet werden. Es darf aber im Interesse der Fortführung des deutschen Musiklebens auf lange Sicht nicht dazu kommen, daß bei Rückkehr friedensmäßiger Verhältnisse die erforderliche Substanz zur Versorgung der Musiktreibenden einfach fehlt. Diese Erkenntnis erlegt dem deutschen Musikverlag eine große Verantwortung und eine Anzahl gewissenhaft zu wahrender Pflichten auf. Schon bei der Verwendung der ihm zugeteilten Papiermengen muß eine sehr sorgfältige Auswahl Platz greifen. Der Hauptteil des Kontingentes muß der Nachproduktion der unentbehrlichsten Brotartikel, d. h. der in der Musikpflege wie im Unterricht am dringendsten benötigten Werke vorbehalten bleiben. An die Neuproduktion ist der strengste Maßstab anzulegen; nur unzweifelhaft Wertvolles und in die Zukunft Weisendes darf angesichts des schmalen Rahmens, der für das Herausbringen neuer Werke verblieben ist, verlegt werden. Die mit der Zuteilung des Papiers an den Musikverlag betrauten Dienststellen haben ihm das Vertrauen geschenkt, in eigener Verantwortung seine Produktion zu bestimmen; diese Freiheit verpflichtet den Verleger zu pflichtbewußter strenger Auswahl seiner Nachdrucke und Neuigkeiten. Die nächste Aufgabe des Verlages ist eine möglichst gerechte Verteilung seiner Erzeugnisse auf seine Kunden im Musikalienhandel. Eine starre Kontingentierung etwa unter Festlegung auf einen festen Prozentsatz des Bezuges in Friedensjahren wird nicht immer möglich, oft auch nicht ratsam sein, da sich der Bedarf an Musikalien in den verschiedenen Gebieten des Reiches seit Kriegsbeginn stark verschoben hat. Überdies scheint es nicht tunlich, den rührigen Händler zu Gunsten des weniger aktiven in seinen Bezügen zu beschneiden. Auch kommen häufig genug Sonderfälle des Musikbetriebes vor, in denen es falsch wäre, eine Lieferung wegen Überschreitung des Kontingentes zu unterlassen. Eine bewegliche und den Bedürfnissen und Lieferungsmöglichkeiten des Tages angepaßte, möglichst gerechte Belieferung dürfte den rechten Ausweg darstellen. Viel kann der Verleger zur Streckung der verkäuflichen Ware beitragen, wenn er alte wertvolle Bestände aus seinen Verlagsvorräten ans Tageslicht zieht. Es soll damit nicht der Überschwemmung des Musikalienmarktes mit Ladenhütern das Wort geredet werden. Unzweifelhaft aber verfügen die deutschen Musikverlage über eine ungeheure Menge von Beständen solcher Werke, die wohl wert gewesen sind, veröffentlicht zu werden, die aber in einer Zeit der Überproduktion aus den oder jenen Gründen nicht die Beachtung gefunden haben, die sie verdient hätten, und die daher zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind. Hier bietet sich eine wahre Fundgrube brauchbaren und wertvollen Musikgutes, und bei zweckmäßiger Verwertung der dabei zu Tage geförderten Werke wird manche wertvolle und brauchbare Anregung für Unterricht und Musikpflege gegeben werden können, manches lebensfähige Werk wird der Musikliteratur damit auch für spätere Zeit wieder neu geschenkt werden.


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Es darf allerdings nicht verkannt werden, daß Verlegern wie Musikalienhändlern die Erfüllung dieser Aufgaben durch kriegsbedingte Verhältnisse reichlich erschwert wird. Verleger wie Musikalienhändler seufzen in gleicher Weise über die beinahe unerträgliche Belastung, die die vergeblichen Bestellungen mit sich bringen. Auf Zuteilungen allein kann sich das Musiksortiment zumal auf dem Gebiete der ernsten Musik nicht beschränken. Es muß aber naturgemäß außerordentlich entmutigen, wenn der größte Teil der Bestellungen des Musikalienhandels von dem Verleger mit dem lakonischen Vermerk „z. Zt. nicht lieferbar“ zurückkommt. Es ist bisher kein brauchbarer Weg gefunden worden, gegen diesen Leerlauf Abhilfe zu schaffen. Es ist den Verlegern völlig unmöglich, laufend bekanntzugeben, welche seiner Verlagswerke z. Zt. lieferbar sind und welche fehlen. Je nach den stattfindenden Verkäufen und den Eingängen aus der Nachproduktion ändert sich dieser Bestand mit jedem Tag. Der Musikalienhändler seinerseits kann aber auch nicht unterlassen, seinen Bedarf immer wieder zu bestellen, da er andernfalls außer mit Zuteilungen überhaupt nicht beliefert werden würde. Es ist den Verlegern auch nicht möglich, bei dem überall wesentlich eingeschränkten Personal die eingehenden Bestellzettel mit einem Vermerk, warum nicht geliefert werden kann oder wann das Werk wieder lieferbar sein wird, an den Besteller zurückzusenden. Aus diesem Mißstand kann leider kein gangbarer Weg zur Abhilfe empfohlen werden. Dem Notenkäufer kann nur immer wieder angeraten werden, auf diese außerordentliche Belastung des Musikalienhändlers wie des Verlegers verständnisvolle Rücksicht zu nehmen. Eine weitere Erschwerung ergibt sich aus dem immer fühlbarer werdenden Mangel an Fachkräften. War schon in Friedenszeiten der Zuzug der Jugend zum Buch- und Musikalienhandel zu Gunsten technischer Berufe stark zurückgegangen, so hat sich seit Kriegsbeginn die Sorge um die Gewinnung eines brauchbaren Nachwuchses außerordentlich verschärft. Wenn in späteren Jahrzehnten die Versorgung des deutschen Musiklebens mit Musikalien, darüber hinaus aber die Weltgeltung der deutschen Musik nicht ernstlich gefährdet werden soll, so muß heute schon eine schützende Hand über den Mitarbeiterbestand des deutschen Musikaliengewerbes gehalten werden, was um so leichter zu verantworten ist, als auf dem Arbeitsmarkt die Zahl der im Musikalienhandel tätigen Gefolgschaftsmitglieder so verschwindend klein ist, daß sie nicht einmal bei der so wichtigen Frage des Rüstungseinsatzes nennenswert ins Gewicht fällt. An dieser Stelle sei auch auf das Nachbargewerbe des deutschen Musikverlags, die Notendruckereien, hingewiesen. Der Stand der Notendrucker und Notenstecher, auf dem bis zum ersten Weltkriege die führende Weltstellung des deutschen Musikaliengewerbes ruhte, ist nahe am Aussterben, und wenn nicht durch Erhaltung des gegenwärtigen Restbestandes sowie durch Zuführung genügenden Nachwuchses Abhilfe geschaffen wird, muß damit gerechnet werden, daß die Führung auf diesem kulturell so wichtigen Gewerbezweig vollständig auf das Ausland übergeht. Der Musikalienhandel selbst hat die Fürsorge für die Bereitstellung seines Nachwuchses tatkräftig

in die Hand genommen. Auch während des Krieges finden an der Deutschen Buchhändler-Lehranstalt in Leipzig alljährlich die Reichsschulungskurse für Musikalienhändler statt, und in den einzelnen Gauen unterziehen sich die Lehrlinge regelmäßig den vorgeschriebenen Gehilfenprüfungen. Alle hier geschilderten Schwierigkeiten haben den deutschen Musikverlag nicht abhalten können, einer Pflicht zu gedenken, deren Erfüllung im Hinblick auf Gegenwart und Zukunft besonders dringlich erscheint, nämlich der Produktion zeitgenössischer Musik. Der Mangel an Metall, Papier und Arbeitskräften hat den Willen des deutschen Musikverlages, dem Schaffen der zeitgenössischen Tonsetzer den Weg zu ebnen, nicht aufzuhalten vermocht. Insbesondere wurden die Komponisten im Waffenrock berücksichtigt und ihnen trotz ihrer Inanspruchnahme durch den Wehrdienst die Veröffentlichung ihrer Werke ermöglicht. Trotz aller Erschwerungen ist die Zahl der Neuigkeiten auf dem Musikalienmarkt nicht zurückgegangen und der auf Seite 21 enthaltene Bericht über bedeutsame Neuerscheinungen weist sogar in mehreren Gattungen der Tonkunst auf eine erhöhte Tätigkeit hin. Auf dem Gebiete der katalogmäßigen Erfassung der musikalischen Neuerscheinungen ist insofern eine Änderung eingetreten, als anstelle der bekannten ,,Hofmeisterschen Monatsberichte“ die von der deutschen Bücherei betreute „Deutsche Musikbibliographie“ getreten ist. Der Bericht über die Kriegsaufgaben des deutschen Musikaliengewerbes sei mit einem Hinweis auf den Tag der deutschen Hausmusik beschlossen, der auf tatkräftigstes Betreiben des 1942 verstorbenen Musikverlegers Robert Ries alljährlich unter wechselnder Devise im November abgehalten wird. Die Bereitstellung des erforderlichen Musikalienmaterials und die Programmberatung für die aus Anlaß des Tages der deutschen Hausmusik gebotenen Veranstaltungen bilden in jedem Jahr eine ebenso verantwortungsvolle wie dankbare Aufgabe des deutschen Musikalienhandels.


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300 Jahre Breitkopf & Härtel Bildwelten: Verlagsanzeigen aus den Jahren 1943 und 1944

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Verlagsanzeigen aus dem „Jahrbuch der deutschen Musik“ und der Gemeinschaftszeitschrift „Musik im Kriege“ 1943 und 1944


„Um dieses alt- und weltberühmte Haus würdig zu schildern, müssen wir den Rahmen ... etwas weit fassen und die Aufmerksamkeit des freundlichen Lesers ziemlich lange in Anspruch nehmen. Denn ein Haus, das, nunmehr fast anderthalb hundert Jahre bestehend, sich an die Spitze des deutschen Musikalienhandels zu stellen, diese Stellung fort und fort zu behaupten gewußt, das sich ein solches Recht auf die Musikgeschichte erworben hat, wie Breitkopf und Härtel, das läßt sich nicht mit wenigen Zeilen in seiner ganzen Bedeutung kennzeichnen.“ Signale für die musikalische Welt 1867

Die Namen von Breitkopf und Härtel stehen für:  die Erfindung und Anwendung des Notentypendrucks,  den ersten Klavierauszug der Musikgeschichte,  die ersten Musikalienkataloge mit Werkincipits,  den ersten Verleger Johann Wolfgang Goethes,  die erste deutsche Musik-Fachzeitschrift,  die über anderthalb Jahrhunderte meistverwendete Frakturschrift in Deutschland,  die ersten postumen Drucke der Werke Johann Sebastian Bachs,  die Ausbildungsstätte zahlreicher Verleger von C. F. Peters über Giovanni Ricordi bis Ernst Rowohlt,  die ersten Komponisten-Werkausgaben,  die erste große Klavierbaufirma in Leipzig,  die erste wissenschaftliche Edition eines Komponisten-Gesamtwerks,  die ersten Urtext-Ausgaben klassischer Musikwerke,  den zeitweise größten verlagseigenen Druckereibetrieb weltweit,  das erste Musikalien-Barsortiment und  den ältesten Musikverlag der Welt.

„Was für eine Vergangenheit! Angesichts der Fülle der Daten und Fakten ... möchte man beinahe empfehlen, sie sich per negationem zu vergegenwärtigen anhand der weißen Flecken, welche sich auf der musikalischen Landkarte ... breitmachen würden, stellte man sie sich ohne diesen Verlag vor.“ „Erfolgreiche Unternehmer waren fast alle Inhaber des Verlages, waren es auch, weil ihre Interessen und Aktivitäten über ihre engere Zuständigkeit hinausreichten. Kein Wunder, daß sie sich immer wieder einließen auf Unternehmungen, welche für sie eher am Rande gelegen haben sollten ... Das hat mit verlegerischem Selbstverständnis mindestens ebensoviel zu tun wie mit Expansion des Geschäfts, Teil einer schwankenden, nie endgültig abschließbaren Definition des eigenen Verantwortungs- und Tätigkeitsbereiches, dank derer Breitkopf & Härtel stets ein traditionsbewußtes, nie aber im restriktiven Verständnis traditionelles Haus war.“ Peter Gülke 1994

ISBN 978-3-7651-0485-5

9 783765 104855 BV 485

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BV 485 – Breitkopf & Härtel. 300 Jahre.  

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