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Bregenzerwald Spektrum V

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Alter Carina Jielg

Zwischen Egg und Estepona – ja, genau! Er kennt die ganze Welt, hat „sine Hoamat“ aber seit jeher in Egg. Und verbringt die Winter nun in Südspanien – ein weltmännischer Wälder. Auf dem Kühlergrill seines Autos, dort, wo normalerweise das Emblem angebracht ist, klebt ein Abziehbild mit der Aufschrift „legalize cannabis“. Das Bild mit grüner Pflanze und weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund unterscheidet sich kaum vom einst tschechischen, heute deutschen Markenlogo. „Das haben sie mir in Spanien geklaut. Der Sticker klebt dort ohne besonderen Grund – Cannabis ist mir egal. Denn, mal ehrlich, ich bin 71.“ Friedemann Volkart lacht. Es ist das Lachen eines Mannes, der das in verschiedenen Sprachen kann, von einem, der sich auskennt in der weiten Welt. Und dabei sieht er gar nicht so aus. Als wir uns vor einem Gasthaus treffen und er aus besagtem Auto steigt, denke ich zuallererst an Mitterers „Piefke Saga“: Volkart trägt einen grauen Filzhut und eine graue Multifunktions-Wanderhose. Dazu ein kariertes Hemd in Beige und eine Strickjacke in hellem Weinrot. Das und der alles andere als vorarlbergisch, geschweige denn wälderisch klingende Name, lassen mich kurz zweifeln. Als Volkart aber zu erzählen beginnt – zuerst in lupenreinem Bregenzerwälder Idiom Egg’scher Prägung, dann in schwäbisch gefärbtem Hochdeutsch – und sich allmählich seine Lebensgeschichte vor mir auftut, wird mir klar: Mir gegenüber sitzt ein waschechter Wälder weltmännischen Zuschnitts. Geboren wurde Friedemann Volkart 1938 in Stuttgart als Sohn eines Architekten. Dessen schweizerische Herkunft, eine Wiener Mutter und die Sehnsucht nach Bergen veranlasste die fünfköpfige Familie dazu, ein altes Bauernhaus in Egg zu kaufen. „Anfang 1941 wurde die Bevölkerung aus Stuttgart evakuiert, wir Kinder siedelten ganz in den Bregenzerwald nach Egg. Meine Schwestern wurden eingeschult, was dazu führte, dass man mich – den Fünfjährigen – ab Herbst 1944 einfach mitschickte. Also lernte auch ich den Hitlergruß – jeden Morgen in der Schule. Mein Vater war ein kompromissloser Anti-Nazi und er hat sich geärgert – damals war Ewald Sommer NSDAP-Ortsgruppenleiter und Hans Felder Bürgermeister. Nach dem Krieg war plötzlich keiner mehr ein Nazi, alle sprangen wieder in die Kirche und umgekehrt waren wir plötzlich die Reichsdeutschen ...“ Ab 1948 besuchte Volkart die wiedereröffnete Mutter aller Waldorfschulen in Stuttgart. „Dennoch, ich blieb ein Wälder. Der Wald – das sind meine Kindheit, meine Freunde, meine Sprache.“

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B re g e n z e r w a l d S p e k t r um


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