Issuu on Google+

Zugestellt durch Post.at

spektrum bregenzerwald

#5.10

ansichten zwischen bes t채ndigkeit und neul and

fortgehen Vom Aussiedeln, Pendeln, Urlauben, Ausgehen und nat체rlich fest im Wirtshaus Sitzen


Editorial Urs Schwarz, Geschäftsführer Regionalplanungsgemeinschaft Bregenzerwald

Zeawas!

Ein Wort, das als Begrüßung und zur Verabschiedung dient. Genau davon handelt die fünfte Ausgabe des „Bregenzerwald Spektrum“. Fortgehen – etwas hinter sich lassen. Die Heimat, Freunde, Familie. Nur auf ein Getränk, um zu arbeiten, für zwei Wochen Urlaub, für fünf Jahre Auslandserfahrung oder ein Leben lang? Dieses Thema wird aus den verschiedensten Blickwinkeln der Region betrachtet. Es gibt viele Gründe fürs Fortgehen: eine kurze Auszeit, die Arbeitsmarktsituation, um Erfahrungen zu sammeln, die Welt kennen zu lernen oder einfach um anonym irgendwo zu leben und seinen Weg zu gehen. Mit den Gedanken an die Heimat, an die Region, das Dorf, die Menschen? Genauso schön wie die Neugier und die Ungewissheit beim Fortgehen ist das Gefühl des Heimkommens. Neues gesehen zu haben, andere Sichtweisen entdeckt zu haben und zu wissen, welchen Stellenwert die eigene Heimat, das Zuhause hat. Neben Personen können auch Institutionen durch einen Blick über den „Tälerrand“ neue Sichtweisen in die Region bringen und den Horizont erweitern. KäseStrasse, Offene Jugendarbeit, Werkraum, Bregenzerwald Tourismus und die Regio begeben sich in dieser Ausgabe des Spektrums auf die gemeinsame Reise. Pendler, Gäste, Lehrlinge, Jugendliche und sogar der Käse gehen fort. Franz Michael Felder hat auch noch etwas dazu zu sagen. Viel Spaß beim Lesen des „Bregenzerwald Spektrum“, daheim oder anderswo. Auf ein Wiedersehen! Zeawas …

2

B re g e n z e r w a l d S p e k t r um


Inhalt

Aus dem Wald

4

Titelstory Einfach weg!

6

REGIO Bregenzerwald Pendlerbewegung

10

Bregenzerwald Tourismus Gäste finden schon das Besondere!

Seite 27

16

Werkraum Bregenzerwald Zwischen Mailand und Melbourne

18

Käsestrasse Bregenzerwald Geht‘s dem Käse gut ...

20

Offene Jugendarbeit Bregenzerwald „Ein wenig langweilig im Wald“

22

Grad heraus Waldflucht statt Weltflucht, Wälder!

26

Will weiterkommen!

28

Wirtshäuslich Trink, Brüderlein, aber trink beim Wirt!

30

Vision Wohin, Wald?

32

Jugend Unbezwingbare nehmen den Nachtbus

34

Alter Zwischen Egg und Estepona – ja, genau!

36

Impressum

38

Seite

23

Erklärung zu den Bildern, die sich an den ­Rändern der Seiten durch das Heft ziehen Wir haben Wälderinnen und Wälder gebeten, uns Bilder von ihren Auslandsaufenthalten für dieses Heft zu überlassen. Es sind nicht einfach Urlaubsfotos, sondern sie zeigen die Aufenthaltsorte von Auswanderern (auch wenn manche wieder glücklich in den Wald zurückgekehrt sind). Betrachten Sie diese also als Grüße von Wälderinnen und Wäldern aus der Ferne an ihre unvergessliche Heimat.

Bregenzer wald Spekt r um

3


Aus dem Wald Was wir wirklich gern empfehlen Literaturtipps: „Fuchsgesicht“ von Doris Rüdisser Winter 1890/91, Schwarzenberg im Vorarlberger Bregenzerwald: Peter Paul Adametz begeht einen Mord. Er wird bald gefasst und im März 1891 zusammen mit Anna Katharina Metzler und Anna Katharina Greber, die ihn angestiftet haben, zum Tode verurteilt – so weit die Fakten. Aber wie werden Menschen zu Mördern? Wie lebten Frauen im ausgehenden 19. Jahrhundert ihren harten Alltag in einer harten Gesellschaft? Wie überlebten sie in einer patriarchalen Dorfgemeinschaft, in der lediglich Arbeitskraft und Grundbesitz zählten und der Leumund über Leben und Tod entschied? Limbus Verlag 2010 (Reihe zeitgenossen), 112 Seiten, ISBN 978-3-902-53436-1, € 13,90

„Die Axt im Wald. Eine Erzählung aus dem Bregenzerwald“ von Peter Natter Was als Mordgeschichte und kriminalistisches Rätsel beginnt, entpuppt sich bald als zutiefst menschliche Komödie. Der Bregenzerwald ist mehr als nur die mehr oder weniger malerische Kulisse für ein ebenso stilles wie schrilles Drama. Ein toter Senn im Sennkessel, ein gemeuchelter Käsemanager, jede Menge Eitelkeiten, Eifersüchteleien, fragwürdige Ehrgeizler und ein Schaf im Wolfspelz beleben die Szene. Kriminalchefinspektor Isidor Ibele von der Kripo Bregenz führt einen nervenaufreibenden Kampf gegen Trunkenbolde und schwatzhafte Society-Damen. Er ringt mit schlichten Gemütern und effekthascherischen Vorgesetzten. Bucher Verlag, Hohenems – Wien, 120 Seiten, ISBN 978-3-902-67985-7, € 18,50

„Innenleben Vorarlberg“ – Ansichten und Einblicke von Rita Bertolini Innenleben Vorarlberg – das ist der fotografische Blick ins Innere von 116 Häusern dieses Landes. Ein Blick, der sonst nur den Besitzern und ihrem freundschaftlichen Umfeld vorbehalten ist. Neugier? Ja, natürlich – Neugier auf das, was sich durch Zeiten und Stilepochen hindurch in Gebäuden verbirgt, von denen gerade die neueren zum internationalen Ruf des Architekturlandes Vorarlberg beigetragen haben. Es wohnt sich gut in Vorarlberg, manchmal auch außergewöhnlich. Und keineswegs immer muss es hochherrschaftlich und teuer sein. Was in erster Linie zählt, sind Wohnleidenschaft und Schönheitssinn der Bewohnerinnen und Bewohner. Rund 650 noch nie veröffentlichte Farbfotos berichten von einer ganz und gar nicht alltäglichen Reise ins Innere Vorarlbergs. Bertolini Verlag, Bregenz 2009, 532 Seiten, ca. 700 Farbabbildungen, ISBN 978-3-950-27060-0 Birgit Rietzler

ber ber itzen

Eine lyrische Wanderung

4

„Berberitzen“ – Eine lyrische Rundwanderung von Birgit Rietzler mit Bildern von Edith Rinner In diesem Gedichtezyklus lädt Birgit Rietzler den Leser ein, sie auf eine l­yrische Wanderung durch die Natur zu begleiten. Im Wechsel zwischen kurzen p ­ oetischen Wegbeschreibungen und Gedichten wechseln auch die Stimmungen. Naturmystik und beschwingte Leichtigkeit, tiefe Nachdenklichkeit und sachte, humorvolle Anspielungen. Leuchtende Beeren und spitze Dornen … edition bahnhof, Kulturverein Bahnhof Andelsbuch 2010, 72 Seiten, ISBN 978-3-950-17471-7, € 18,-

B re g e n z e r w a l d S p e k t r um


Ausstellungen im Egg-Museum:

Do, 20. Mai 2010, 20 Uhr „Das Wälderhaus“ Filmvorführung einer Produktion des ORF Vorarlberg mit Erläuterungen der Co-Autoren des Buches „Innenleben Vorarlberg. Ansichten und Einblicke“ Thomas Mennel, Architekt, Klaus Pfeifer, Dendrochronologe und Bauforscher, und Markus Berchtold, Raumplaner – in Zusammenarbeit mit dem Kulturforum Bregenzerwald Do, 17. Juni 2010, 20 Uhr „Vom Innenleben erzählen – Zeitzeugen im Gespräch“ Moderation: Katrin Netter – in Zusammenarbeit mit dem Bregenzerwald Archiv

CD-Tipps:

28 strings Neue CD, neuer Sound, neue Band ... Christoph Eberle, Franz Kohler, Charly Bonat, Reinhard Franz und Dominik Neunteufel spielen Songs aus den 50er-, 60er- und 70er-Jahren von Johny Cash, Elvis, Kris Kristofferson, Willi Nelson u.a. in neuem Sound.

Unsere Wälderlieder (2010), 2. Auflage Eine repräsentative Auswahl bekannter und weniger bekannter „Wälderlieder“, in 2. Auflage auf einer CD versammelt. Zusammengestellt und neu eingesungen von Anton und Philipp Lingg mit Texten von Evelyn Fink-Mennel und sehr gelungenen „Übersetzungen“ von Peter Natter.

Web-Tipps:

Offene Jugendarbeit Bregenzerwald, OJB www.ojb.at Alle Informationen zu Aktionen, Jugendräumen und dem Projekt „Im Wold nix los?“ Aha – Tipps und Infos für junge Leute www.aha.or.at Studium im Ausland Ein Auslandsstudium bedeutet einen Gewinn an persönlichen und kulturellen Erfahrungen, an beruflichen Chancen sowie an Fremdsprachenkenntnissen. www.aha.or.at/bildung/StudiumAusland Au-pair im Ausland Au-pair bezeichnet Jugendliche, die gegen Verpflegung, Unterkunft und Taschengeld bei einer Gastfamilie im In- oder Ausland tätig sind. www.aha.or.at/arbeit/aupair/aupair_all Lehrlingsvermittlung ins Ausland www.xchange-info.net Bregenzer wald Spekt r um

5


Titelstory Georg Sutterlüty

Einfach weg! Die Geschichte der Auswanderung aus dem Wald – einst und jetzt Der Sport war das Sprungbrett in die Welt. Marianne Greber hatte früh begonnen, sich für den Langlaufsport zu begeistern. Sie ging als 14-Jährige nach Stams ins Skigymnasium und lernte dort erst recht, für den Sport alles zu geben. Dann kam der Moment, als sie sich fragte, wofür das alles gut sein sollte. Sie gehörte zur österreichischen Spitze, doch die Weltspitze lag in weiter Ferne. Also machte sie die Matura, verkaufte ihre Skiausrüstung und löste ein One-WayTicket nach Peru. Das war Anfang der Achtzigerjahre. Südamerika war das andere Extrem, sagt die Andelsbucherin. Sie habe ihre eigene Kultur und Vergangenheit ablegen müssen, um die ganze Intensität der Kulturen aufnehmen zu können. Zwei Jahre lang streifte sie allein durch den Subkontinent, kehrte schließlich nach Österreich zurück und begann in Wien das Studium der Romanistik und Ethnologie. 1988 bereiste Greber noch einmal Brasilien, zog sich in die Urwälder zurück, um das Leben der Indigenen zu beobachten und zu dokumentieren. Hier entdeckte sie ihre besondere Neigung zur Fotografie. In der Folge studierte sie bei Friedl Kubelka künstlerische Fotografie und werkte fortan in Wien als Fotokünstlerin und Dokumentarfilmerin. Es war eine versteckte Unruhe, die die Andelsbucherin zu einer Weltreisenden machte. Und es ist die künstlerische Inspiration, die sie im Tal nicht kriegt und die sie daher daran hindert, hier zu leben. Das Tal sei von tiefen Wurzeln umrankt, könne sich daher nur schwer bewegen, sei wie eine „Kuah, dia nüt nohegot“. Doch sie suche die Veränderung im Leben, die Kräfte, die von dieser ausgingen, und auch die Randbilder, die sich in ländlichen Gegenden nicht so sehr entfalteten.

Nambikwara-Frauen mit Kind vor ihrem Haus. Aufnahme von Marianne Greber in Brasilien 1988. Das Foto zeigt das Kind der 1. Frau (re) auf dem Schoß der 2. Frau (li), der die Erziehung des Kindes obliegt.

6

B re g e n z e r w a l d S p e k t r um


Veränderung ist eine der Haupttriebkräfte der Wanderung. Die einen gehen, weil sie mit den Veränderungen nicht Schritt halten können und an den Rand gedrängt werden, die anderen, weil sich zu wenig bewegt, sie sich ausbreiten möchten, doch die Umstände dies nicht erlauben. Die Historie kennt viele Geschichten darüber. Schriftliche Quellen weisen uns zurück ins 16. Jahrhundert. Damals verließen einige Bregenzerwälder das Tal, weil sie kein wirtschaftliches Auslangen mehr fanden und hungern mussten. Das Klima war im Wandel begriffen, der Getreideanbau ging zurück, die Viehzucht wurde intensiviert. Diese war weniger arbeitsintensiv, daher wurden Arbeitskräfte frei. Da sich nun aufgrund des Erbrechts (Realteilung) die Güter nach und nach zersplitterten, verfügte manche Familie nicht mehr über genügend Fläche, um ertragreich wirtschaften zu können. So setzte die Saisonwanderung ein. Noch bevor die berühmten Barockbaumeister mit ihren geschickten Handwerkern um die Mitte des 17. Jahrhunderts in die Fremde drangen, zogen verarmte Bauern, Knechte und junge Frauen durch die Gegend, um sich als Aushilfskraft, Söldner oder auch als Bettler zu verdingen. Dornbirn war damals eine wichtige Anlaufstelle. Vor gut sieben Jahren ist auch die Bezauerin Maria Greußing (31) in die Messestadt gezogen. Sie hatte in Innsbruck Pädagogik studiert, kam zurück, bevorzugte es aber, sich im Rheintal niederzulassen. Im Bregenzerwald hatte sie keine adäquate Stelle bekommen, zudem bot sich ihr gerade die Möglichkeit, in Dornbirn preisgünstig ein Haus zu erwerben. Heute arbeitet sie in Liechtenstein. Auch wenn es die Bezauerin nicht direkt sagt, so ist ihren Worten doch zu entnehmen, dass ihr das Dorfleben ein wenig zu eng und einseitig geworden ist. Dornbirn habe sowohl eine urbane als auch eine dörfliche Seite zu bieten, meint sie. Architektonisch wirke die Stadt wie ein Dorf mit vielen Frei- und Grünflächen, auch das soziale Leben habe gewissen Dorfcharakter. Von der Infrastruktur her sei Dornbirn hingegen städtisch. Sie könne zu Fuß ins Kino gehen und an

Janine Bereuter, Studentin, Alberschwende – Philadelphia Die ehemalige Jugendkoordinatorin der OJB hat ihren Freund Joshua während ihres Au-pair-Aufenthalts in New Jersey kennen gelernt. Seit Herbst 2008 lebt sie in Philadelphia und studiert Soziologie am Burlington County College. Sie genießt es, als Ansprechperson für Bregenzerwälder im Reisefieber zu fungieren.

Bregenzer wald Spekt r um

7


Titelstory: Einfach weg! Georg Sutterlüty

Wochentagen Konzerte besuchen. Dies habe der Bregenzerwald nicht zu bieten.

wesentlich einfacher geworden. Die schriftlichen Quellen über Auswanderungen werden vielfältiger. Auch erfährt man bedeutend mehr über Von Enge spricht auch Elmar Baldauf (49), doch das Innenleben des Tales und seiner Bewohner. war diese für ihn nicht so drückend, dass er ihr Pfarrer wüteten von der Kanzel herab gegen unbedingt hätte entfliehen müssen. Der Sulzberger Saisonarbeiter, die, im Ausland von liberalen ist vor über 20 Jahren ins Rheintal gezogen. Er hat Gedanken infiltriert, lieber im Wirtshaus als in der Sport und Mathematik studiert und unterrichtet Kirche Platz nahmen. Frauen und Kinder warteten nun in Bregenz an einem Gymnasium. Baldauf war im Herbst sehnsüchtig auf Väter, die nicht komin das Sulzberger Dorfleben fest integriert, war eine men wollten, da sie sich in der Fremde auf eine wichtige Stütze des hiesigen Fußballclubs. Er hätte neue Liebschaft eingelassen hatten. Franz Michael zu seiner Arbeitsstelle mühelos pendeln können, Felder erzählt von seinem Vetter Seppel, der es bei hatte auch schon Pläne geschmiedet, in Sulzberg seinem engstirnigen Vater nicht mehr aushielt. ein Haus zu bauen. Doch war seine Frau, aus Schoppernau war ihm zu klein, doch die Welt, in Kennelbach stammend, weniger davon begeistert, die er zog, sollte ihm auch nicht gefallen. Nach sich im Bregenzerwald niederzulassen. So ergab einer mehrjährigen Irrfahrt durch die Schweiz, sich unverhofft die Gelegenheit – der Lehrer selbst Frankreich und England kehrte Seppel wieder nennt es schlicht und einfach Zufall –, dass er in heim in den hinteren Bregenzerwald. Kennelbach zu einem vernünftigen Preis Grund erwerben konnte. Mittlerweile ist er Vater von vier In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte Kindern und Kennelbach ist seine neue Heimat die Überseewanderung ein. Ganze Familien geworden. Er ist dort in der Gemeindepolitik tätig verließen damals das Tal und bauten sich in den und auch in der Pfarre aktiv. USA eine neue Heimat auf. Das soziale Profil der Auswanderer war recht einheitlich: Die meisten Das 19. Jahrhundert war die Zeit der großen waren mittellose Kleinbauern und Handwerker Umbrüche. Die geistige sowie die industrielle ohne eigenen Betrieb, die sich einen sozialen Revolution erfassten auch den Bregenzerwald. Die Aufstieg erhofften. Aber die Wege in den USA Wanderbewegung nahm merklich zu, das Reisen konnten sehr holprig sein. Der Mellauer Franz war durch die Eisenbahn und das Dampfschiff Josef Wüstner brachte als Metzgermeister in der

Bild links: Franz Josef Wüstner mit zwei Enkelkindern. Das Foto wurde um 1930 geschossen; Wüstner starb 1933.

Bild rechts: Hermann Berchtold in seinem Feinkostenladen in Lech

8

B re g e n z e r w a l d S p e k t r um


Wildnis von Illinois eine beachtliche Summe auf die Seite, stürzte dann in eine Krise und starb bettelarm. Eine Erfolgsstory ist hingegen die von Johann Michael Kohler, der in den 1870er-Jahren in Wisconsin Eisenwaren zu produzieren begann. Als Kohler 1900 starb, beschäftigte der Betrieb über 4.000 Mitarbeiter. Die „Kohler-Company“ ist heute noch in Familienbesitz. Auch Monika Winder (39) überlegte, nach Wisconsin zu gehen. Dann gab sie Seattle aus beruflichen Gründen den Vorzug. Die Biologin aus Alberschwende ist auf aquatische Ökologie spezialisiert. Sie forscht in Gewässern über Plankton, meist Mikroorganismen, die sich mit der Wasserströmung fortbewegen. Nach dem Studium in Innsbruck und dem Doktorat an der ETH Zürich übersiedelte sie 2002 an die Westküste der USA, um am Lake Washington Untersuchungen vorzunehmen. Später zog sie weiter nach Kalifornien, forschte am Lake Tahoe und am San Francisco Delta; zwischenzeitlich unternahm sie immer wieder Reisen, um in Kenia Brunnen zu bauen, in Alaska Lachse zu zählen oder in Chile Bergseen zu erkunden. Winder ist vor Kurzem nach Europa zurückgekehrt – sie wolle dem Alten Kontinent eine Chance geben. Einfach sei der Wechsel nicht gewesen, weil hier die Stellenangebote in ihrem Bereich dünn gesät seien. Sie hat ihr

Metier erweitert, macht nun auch Untersuchungen im Meer. Sie wohnt in Kiel und fühlt sich wieder in der Heimat. Wer auf weiter Distanz in Übersee gelebt habe, spanne automatisch einen weiteren Bogen um den Begriff Heimat, sagt Winder. Auch wenn sich das Reisen durch die mobile Revolution in den letzten fünfzig Jahren stark verändert hat, gibt es noch immer die alte Form der Saisonwanderung – vor allem im Handwerk und im Tourismus. Einer, der diese praktiziert, ist der Schwarzenberger Hermann Berchtold. Vor dreizehn Jahren begann er, im süddeutschen Raum auf der Alpe produzierten Bergkäse feilzubieten, zog von Markt zu Markt, übernachtete oft im Auto. Heute kennt er jeden Ort in Süddeutschland. Er verkauft jährlich gut 100.000 Tonnen Käse aus der Region in ganz Europa und führt zudem mit den Familienmitgliedern drei Feinkostläden in Riezlern, Brand und Lech. Er selbst betreut das Geschäft am Arlberg, ist fast den ganzen Winter über dort. Berchtold nutzt jede Gelegenheit, um in sein Heimatdorf Schwarzenberg zu fahren. Die Abwanderung aus dem Wald hat in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts mit dem Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft andere Konturen angenommen: Früher waren es die Armen und Unterprivilegierten, die den Wald verließen; heute sind es die Spitzenköpfe und Kreativen, die hier und in der Umgebung keine oder nur wenige berufliche Entfaltungsmöglichkeiten haben und auf ein polyglottes Leben eingestellt sind. Noch bedarf es aber genauerer Untersuchungen. Auffallend ist auch, dass die Bande zur alten Heimat nie ganz reißen und dass es talspezifische Eigenheiten zu geben scheint, welche die Wälderinnen und Wälder in der Ferne einen: Greber arbeitet eng mit Tone Fink zusammen, nennt ihn ihren Lehrmeister, Greußing erwirbt noch immer jedes Jahr den Drei-Täler-Skipass, Baldauf griff beim Hausbau auf Bregenzerwälder Handwerker zurück und Winder ist aus dem Grund nach Europa zurückgekehrt, um näher bei ihrer Familie in Alberschwende sein zu können. Bregenzer wald Spekt r um

9


Bregenzerwald

Regionalplanungsgemeinsa

Pendlerbewegungen Hin und her für Schule und Arbeit Es wird mächtig ein- und ausgependelt im Bregenzerwald. Tendenz steigend. Das bewegte Leben des mobilen „Waldbe­wohners“ wirkt sich unterdessen auch auf seine Heimatgemeinde aus: Entwickelt sich das Dorf vom funktionierenden sozialen Gefüge mit persönlichem Anspruch zur perfekten Wohnkulisse für Kind, Hund und Wochenende? Text: Carina Jielg

Urs Schwarz, Geschäftsführer der REGIO B ­ regenzerwald www.regiobregenzerwald.at

29/03/1876 Lieber Herr Professor! Wir werden doch noch am Dienstag Abends nach Schwarzach abdampfen müssen, weil die Post in Schwarzach schon um 7 Uhr nach Bezau fährt u. dann erst wieder gegen Abend. Kleber hat sich diesbezüglich bereits erkundigt u. auch darüber, was ein eigenes Fuhrwerk von Schwarzach nach Bezau kosten würde. Dieß würde wohl weniger als 9 fl kosten, während die Post auf 1 fl 50 Xr pro Person zu stehen kommt. Wir können also noch nach Alberschwende, wo wir in der Taube gut bekannte Hinterwälder-Wirtsleute hätten. Am Donnerstag könnten wir mit der Post bis Mittag nach Bezau u. nachher fährt die Auer Post hinein (nach Schoppernau; Anm. d. V.), die uns also noch mitnehmen könnte. Müssen Sie am Ostermontag schon wieder zurück? Das sollten wir auch wissen, sowohl wegen unserer Urlaube als auch wegen der Rückfahrt, auf die wir bei der Hineinfahrt schon denken müssen, weil dort hinten die Post nicht regelmäßig fährt u. sich vielfach nach den Umständen, Passagieren richtet. Die Wälder haben auch da ihr Apartes wie bei allen Dingen. Der ergebenste K. Moosbrugger

10

B re g e n z e r w a l d S p e k t r um


Diese Zeilen schrieb Kaspar Moosbrugger (bekannter Freigeist, Gesinnungsgenosse, Schwager und Parteimitbegründer Franz-Michael Felders) an Hermann Sander (Herausgeber der Felder’schen Schriften und Bücher) im März 1876. Die Nachricht gibt Auskunft über die damaligen Reisebedingungen in den Bregenzerwald – immerhin konnte man wählen zwischen der Postkutsche und einer privaten oder aber man entschied sich für einen Nachtmarsch zu Fuß, wie weitere Briefe zwischen den beiden angesprochenen Herren belegen können. Egal. Eine „Reise“ vom Rheintal in den hinteren Bregenzerwald oder umgekehrt dauerte mindes­ tens ein bis zwei Tage – kaum verwunderlich also, dass sie nur „all heilig Zieta“ unternommen wurde. Manch einer, der vor 135 Jahren lebte, unternahm sie nie. Inzwischen hat sich einiges geändert. Die Strecke Egg – Dornbirn erledigt man in knapp 20 Minuten und das, was einst beschwerliche Reise war und gut organisiert sein wollte, gehört heute zum Alltag, ist sozusagen Bestandteil eines aktuellen Berufsbildes – und somit keine Reise mehr. Man pendelt zwischen Wohnort und Arbeitsplatz, schwingt sich morgens aus und in der Regel abends wieder ein. Wochentags verlassen 8.500 Personen den Bregenzerwald, um (in den häufigsten Fällen) im Rheintal zu arbeiten.

Norbert Hiller, Koch, Egg – Miami Seit 2003 ist der gebürtige Egger Norbert Hiller im Ausland. Zuerst in New Mexico bei der Hotelkette Hyatt angestellt, dann für zwei Jahre in Aruba (Karibik) und seit 2006 in Miami, wo er mittlerweile mit Frau und Sohn lebt.

Aber es wären nicht Wälder, täten sie „es“ – das Pendeln – nicht auf ihre Art: „Die Wälder haben auch da ihr Apartes wie bei allen Dingen ...“

Pendeln auf wälderische Art Da wäre etwa Gerhard Berlinger. Er legt die Pendlerstrecke zwischen seinem Wohnort Alberschwende und seinem Arbeitsplatz in Wolfurt ausschließlich mit dem Rad, einem Elektrorad, zurück. Sommers wie winters. Tagein, tagaus. „Das ist alles eine Frage der Bekleidung.“ Auch private Bregenzer wald Spekt r um

11


Bregenzerwald

Regionalplanungsgemeinsa

„Sonderfahrten“ werden mit dem E-Rad erledigt und so kann es schon einmal vorkommen, dass der Kiki (Fahrradanhänger für Kinder) zum Transportwagen für Bienenvölker umfunktioniert wird. Bienenzüchter ist Berlinger nämlich auch noch und „mobilitätsbewusst“. „Ich bin vor etwa einem Jahr vom Bus auf das Rad ,umgesattelt‘ und ich genieße die tägliche Fahrt zur Arbeit von etwa einer Viertelstunde. Das macht mich wach und außerdem habe ich die Schwarzach-Tobel-Straße seit dem Tunnelbau so gut wie für mich allein. Nach Hause dauert es meist etwas länger – je nach Laune und Kondition –, durchschnittlich aber 25 Minuten. Das bringt den nötigen Abstand zur Arbeit.“

Region, müssen darauf reagieren, dass täglich fast ein Drittel der Bevölkerung auspendelt. Die öffentlichen Verkehrsmittel – die Landbusse – werden den neuen Bedürfnissen angepasst, mit offensichtlichem Erfolg: Der Bregenzerwald ist die Region mit dem höchsten Anteil an Jahreskarten. Und das auch noch nach Abzug jener Pendler, die Werksbusse ihrer Arbeitgeber-Unternehmen nutzen.

Fahr ma no a kläle mit dem Wälder Isabä – AUS!

Und wenn er wählen könnte – welche Variante würde Gerhard Berlinger selbst dem Fahrrad noch vorziehen? „Wenn ich und die Welt genug Zeit hätten, dann wäre das Wälderbähnle meine Alternative.“

Es gibt auch die „Gegenbewegung“ – schlicht Einpendler genannt. Knappe 3.900 Personen, davon vorwiegend Schüler des BORG Egg und der Bezauer Wirtschaftsschulen, fahren morgens in den Bregenzerwald, gehen hier ihrer Arbeit nach oder besuchen den Unterricht und verlassen die Region gegen Abend wieder.

In der Statistik gelten Pendler als Begleiterscheinung der zunehmenden Mobilität der Bevölkerung. Neue Arbeitsstätten entstehen vermehrt in der Nähe von Ballungszentren – in Vorarlberg ist der Ballungsraum das Rheintal. Die Kommunen, im vorliegenden Fall die der Bregenzerwald-

Eine Arbeits-Einpendlerin ist Renate Breuss. Sie legt jeden Morgen die Strecke Rankweil – Andelsbuch zurück. In etwas mehr oder weniger als 45 Minuten. „Für mich ist das nichts. Als ich während meines Studiums in London lebte, benötigte ich mindestens eine Stunde, um irgendwohin

Mehrere Firmen im Bregenzerwald, vor allem im Bau- und Baunebengewerbe, bieten ihren Arbeitnehmern einen Werkverkehr, der sie nicht nur vom Wohn- zum Arbeitsort bringt, sondern auch zur Baustelle.

12

B re g e n z e r w a l d S p e k t r um


zu kommen. Vielleicht ist das eine Frage der Gewohnheit und im speziellen Bregenzerwald-Fall vielleicht auch eine Frage der Sichtweise: Wenn ich einmal einen Autostopper mitnehme und die Rede darauf kommt, woher ich komme und wohin ich fahre, dann macht sich beim Gegenüber erst einmal erstauntes Unverständnis breit. So als ob mein täglicher Weg ein unvorstellbar langer wäre. Frage ich dann zurück und kriege als Antwort eine Strecke von Alberschwende bis nach Schoppernau genannt, dann lächle ich. Mein Weg und sein Weg unterscheiden sich zeitmäßig nur marginal, aber mein Weg liegt halt nicht nur innerhalb des Waldes.“

gefahren, zu toppen wäre das nur noch durch die Wiedereinführung des Wälderbähnles ...“ Das Pendeln wird vom Pendler also offensichtlich nicht als störend empfunden – ganz im Gegenteil. „Ich bin eine Stunde unterwegs, die Zeit nütze ich für Hausaufgaben oder zum Lesen“, sagt der Schüler, der täglich von Hard nach Egg und zurück fährt. Und die Angestellte, die seit zwölf Jahren wochentags die Strecke AndelsbuchDornbirn-Andelsbuch zurücklegt, findet „die Fahrzeit sogar richtiggehend angenehm, da kann ich herunterkommen und abschalten. Früher im Schulbus habe ich Schlaf nachgeholt – die Zeit war jedenfalls nie vergeudet“.

Leben und Arbeit ganz nach „innerhalb“ verlegt hat Martin Künzler. Er hat seine langjährige „Pendlerkarriere“ vor Kurzem an den Nagel gehängt, wie er mit fast so etwas wie Wehmut in der Stimme erzählt. „Ich hab die morgendliche Fahrt zur Arbeit genossen, auch als ich ein Jahr lang die Strecke Egg – Hard mit dem Moped zurücklegen musste. Ob Mofa oder klappriger VW-Bus, das war einfach Zeit für mich, da konnte ich denken oder eben nicht, Musik hören, aufwachen. Und was sind schon 30 bis 40 Minuten Fahrzeit – im Osten Österreichs ist man bis zu zwei Stunden unterwegs. Ich bin gern

Mehr Pendler – neue Herausforderungen Auch die anderen, die Buspendler, zeigten sich bei einer Befragung, die 2007 im Rahmen einer Fachbereichsarbeit des BORG Egg durchgeführt wurde, hochzufrieden. Den Pendlern geht es also gut. So gut, dass es noch mehr von ihnen geben wird. Laut einer Studie zur Zukunft des Bregenzerwaldes, verfasst vom Österreichischen Ökologie Institut, wird es

Bregenzer wald Spekt r um

13


Bregenzerwald

Regionalplanungsgemeinsa

bis zum Jahr 2020 um 60 Prozent mehr Pendler geben – die steigende Tendenz zeichnet sich jetzt schon ab. So meint etwa Urs Schwarz von der Regio Bregenzerwald: „Der Bau des Achrain-Tunnels hatte ohne Zweifel enorme Auswirkungen auf den Pendlerverkehr, vor allem auch auf den Individualverkehr. Man ist jetzt de facto etwa zehn Minuten schneller in Bregenz, von der – nutzt man die Autobahn – ,gefühlten Zeit‘ gar nicht zu reden. Jedenfalls wurden durch den Tunnel offensichtlich auch Barrieren für Zuzügler abgebaut. Vor allem junge Familien wollen noch die relativ günstigeren Baugründe hier nutzen und ihre Kinder auf dem Land aufwachsen sehen. Sie haben zwar ihre Wurzeln draußen, auch ihre Arbeitsstelle, aber der Bregenzerwald als Wohnort wird immer attraktiver.“ Schwarz will nicht schwarzmalen, aber: „Ich sehe da neue Herausforderungen auf die Gemeinden zukommen. Schon heute macht sich der eine oder andere Bürgermeister – wie ich meine: zu Recht! – Sorgen. Man denke etwa an die freiwillige Feuerwehr: Was passiert, wenn eines Tages um 10 Uhr Vormittag die Sirene losgeht und keiner im Dorf ist, der das Feuerwehrauto fahren

kann? Was passiert mit all den anderen Institutionen, Vereinen, mit dem Ehrenamt?“ Ein Dorf, ein soziales Gefüge, ändert sich, passt sich den Gewohnheiten seiner Bewohner an, wächst oder schrumpft, die Wirtschaft blüht oder steckt in der Krise. Nehmen wir das Beispiel Einkaufen: Wer braucht noch die Nahversorgung vor der Haustür? Den kleinen Dorfladen? Wer pendelt, kauft in der Regel auf der Fahrt nach Hause ein. Das hat noch andere Folgen: Wird im Dorfladen nicht mehr eingekauft, dann trifft man sich dort auch nicht mehr. Der Lebensmittelladen hat die einstigen Aufgaben des Dorfplatzes übernommen. Doch was passiert, wenn sich die Dorfbewohner nicht mehr austauschen? „Da gibt es jetzt schon konkrete Befürchtungen einiger Bürgermeister, denn Gemeinden funktionieren bekanntlich nur, wenn sich die Leute im Dorf auch persönlich hin und wieder über den Weg laufen.“ Es gibt offensichtlich einiges zu überdenken, so Urs Schwarz. „Noch fehlen praktikable Gegenstrategien. Es gibt nur Fragen: Wie können neue Anreize für die persönliche Begegnung geschaffen werden? Kann das überhaupt ,von oben‘ institutionalisiert werden?“

Der Bregenzerwald ist die Region mit dem höchsten Anteil an Jahreskarten.

14

B re g e n z e r w a l d S p e k t r um


Wie kann man verhindern, dass durch die Pendlerbewegung der Zusammenhalt in den Dörfern sinkt? „Wir haben keine Antworten – noch nicht. So wie ich die Sache sehe, befinden wir uns jetzt in der Phase des Jammerns und somit Feststellens. Und ohne das geht bekanntlich gar nichts – das ist geradezu notwendig. Danach wird man weiter­ sehen“, sagt Urs Schwarz.

Zurück zum Zug? Weitersehen wird man auch in puncto öffentlicher Verkehr. Fast alle der für diesen Artikel Befragten wünschen sich, obwohl sie es für utopisch halten, einen Zug. Vielleicht könnte ja der Zug ein „Ort“ sein, an dem man sich treffen, sich austauschen kann und mit dem es sich vortrefflich pendeln ließe. In der bereits zitierten Fachbereichsarbeit des BORG Egg meint Armin Berchtold, ­Schwarzenberger Bürgermeister und Verkehrs­ sprecher der Regio, zur Bahnverbindung Dornbirn – Bezau, die im Verkehrskonzept des Landes als visionäres Projekt aufscheint:

Maria Relinde Kleber, Missionarin, Bersbuch – Vikundu Maria Relinde Kleber aus Bersbuch leitet seit 1982 die Missionsstation im Kloster der Barmherzigen Schwestern in Vikundu, Tansania. Besucht wurde sie von vielen tatkräftig unterstützenden Wäldern, unter anderem von ihrem Neffen Alois Fetz und seinem Kollegen Helmut Kohler.

„Ganz so visionär ist dieses Projekt auch wieder nicht, denn es ist immerhin schon zwanzig Jahre alt. Damals hatten sich die Gemeinden im Bereich des Tunnelportals – Schwarzenberg, Reuthe und Bezau – negativ dazu geäußert. Ob das jetzt auch so wäre? Ich gehe davon aus, dass sich die Gemeindevertretung heute anders entscheiden würde, wenn dieses Projekt weiterverfolgt würde. Ich persönlich bin davon fast überzeugt, dass, wenn die Verkehrszunahme so weitergeht, auch im Rheintal neue Formen des ÖPNV angedacht werden müssen, wie zum Beispiel eine Straßenbahn. Dann würde sich automatisch auch für uns die Frage stellen, ob eine neue Verkehrsverbindung in den Bregenzerwald – eine Bahnverbindung beispielsweise oder ein Straßenbahntunnel – ­sinnvoll wäre.“ Bregenzer wald Spekt r um

15


bregenzerwald

Gäste finden schon das Besondere! Es könnte sich als fataler Fehler erweisen, wenn wir glauben, in unseren Gästen irgendwelche Bedürfnisse wecken zu müssen. Text: Peter Natter „Was wir hier bekommen, ist mehr als Unterkunft und Verpflegung. Es ist ein ganzes Paket und vieles davon lässt sich gar nicht einzeln auflisten. Es ist die ganz besondere Stimmung, die sich aus der Tradition, der Kultur, der Architektur und natürlich dem gastronomischen Angebot zusammensetzende Atmosphäre, die uns hierher bringt.“ So beschreiben es die eloquenteren unter unseren Gästen. Die anderen kommen einfach Jahr für Jahr wieder oder auch mehrmals im Jahr, um Urlaub zu machen, um Geburtstage zu feiern, um ihren Freunden den Bregenzerwald zu zeigen. Damit sind wir beim Thema. Was tun die Gäste bei uns? Was suchen und was finden sie? Da gibt es einmal die Klassiker. Wanderer und Skifahrer. Mountainbiker und Langläufer. Die zum Ausgleich kommen und außerdem Wellnesser und Genießer sind. Die Golfer nicht zu vergessen! Und die Schubertianer nicht, mon Dieu! Da haben wir Gäste mit einem eindeutigen Interessenschwerpunkt. Wenn wir denen noch ein wenig Luxus bieten und viel Bodenständiges in sympathischer Verpackung, sind sie glücklich und zufrieden. Gerade die altgedienten Urlauber fahren total ab auf Abwechslung. Oder noch mehr darauf, am wirklichen Leben der Einheimischen teilhaben zu können. „Da muss sich die Schubertiade aber anstrengen! So ein tolles Programm! Und mit welcher Freude die Musiker ihrem Publikum begegnet sind!“, resümiert ein langjähriger Schubertiade-Gast nach einem Pforte-Konzert im Frauenmuseum.

Bodo und Renate aus H ­ olland sind schon lange Gäste im G ­ ästehaus Barbara in Andelsbuch.

16

B re g e n z e r w a l d S p e k t r um


Eigentlich logisch! So ist es wahrscheinlich ein schwerer Marketing­ fehler, die über Jahre und Jahrzehnte hinweg treuen Gäste als Selbstläufer zu behandeln! Vor allem sie suchen das Neue im Alten, das Besondere, das noch Unentdeckte! „Wir kommen schon über zwanzig Jahre her, aber diese Wanderung (Anm.: Mit dem Chef des Hauses!) war etwas ganz Besonderes!“ Und eine Kirchenführung mit Orgelkonzert setzt auch dem dreißigsten Aufenthalt im Stammhotel noch die Krone auf. Ein feines G’spür haben unsere Gäste für die Unterscheidung zwischen echter Bregenzerwälder Lebensart und Lebenskunst und dem reinen Touristenspektakel. Das Platzkonzert wird nur zum Erlebnis, wenn man es mit den Einheimischen teilen kann. Eine Trachtenträgerin auf dem Weg zur Sonntagsmesse fasziniert die Urlauber mehr als jeder Heimatabend: „Die Selbstverständlichkeit, mit der die Frauen ihre wunderschöne Tracht tragen, erhöht für mich die Glaubwürdigkeit der gesamten Bregenzerwälder Tourismusphilosophie, von der regionalen Küche bis zur Ehrlichkeit der Mitarbeiter in den Hotels und Gasthöfen. Ich habe das Gefühl, hier etwas Echtes zu erleben!“ Ein Thema für sich sind die in den letzten Jahren eingeführten Käse-Klatsch-Kultur-Firobad-Dorfhock-usw.-Wochenteiler. Die sind nämlich in dem Maß, wie sie zu einer Angelegenheit für Polizei, Werkhof und Jugendschutz werden, ein Schuss, der nach hinten losgeht. Zumindest im Hinblick auf die Erweiterung des touristischen Angebots. Und auch dort, wo sie diesen Anspruch sowieso nicht stellen, laufen sie Gefahr, dem Bild, das sich die Gäste vom Bregenzerwald machen, eine wenig schmeichelhafte Facette hinzuzufügen. Denn unseren Gästen sind ihre Urlaubswochen nicht so lang, dass sie sie zwanghaft teilen müssten! Im Gegenteil: Die Zeit ist ihnen viel zu kurz – und zu schade für Kinderschminken, Ponyreiten, schlechte Musik und Pseudounterhaltung samt drittklassigem Essen. So könnte es sich als fataler Fehler erweisen, wenn wir glauben, in unseren Gästen irgendwelche Bedürfnisse wecken zu müssen! Sie kommen nämlich mit klaren Bedürfnissen. Wir müssen also nur hinhören und hinschauen und ernst nehmen. Und ihre Interessen nicht mit unseren verwechseln und umgekehrt. Eher schon den gemeinsamen Nenner suchen. Wenn kein Wälder mehr wandert im Wald, werden das bald auch keine Gäste mehr tun. Wenn keine Wälderin mehr wälderisch kocht (oder jodelt), werden keine Gäste mehr wälderisch essen (oder jodeln). Wer Ohren hat, der höre.

Herlinde Moosbrugger, Geschäftsführerin des ­Bregenzerwald Tourismus www.bregenzerwald.at

Gäste kriegen alles gratis? Falsch! - Bregenzerwald Gäste-Card: Erhält ein Gast automatisch, wenn er drei oder mehr Nächte in einer Partnergemeinde bei einem Partnervermieter übernachtet. Mit der Gäste-Card kann er Bergbahnen, Schwimmbäder und Busse der Region nutzen, so oft er will. Ausgegeben wird die Card vom 1. Mai bis 31. Oktober und über die Gäste­taxen der Gemeinden finanziert. Jeder Gast zahlt pro Nacht eine Gästetaxe. Daraus zahlen die Gemeinden in den Bregenzerwald-Card-Topf ein. Dieses Geld wird zwischen Bergbahnen, Bussen und Schwimmbädern für ihre Leistungen aufgeteilt. So zahlt also jeder Gast seinen Anteil – halt nur auf Umwegen. - Bregenzerwald Saison-Card: Dies ist eine Kaufkarte und vor allem für Einheimische interessant. Man kann damit eine ganze Saison lang die Bergbahnen und Schwimmbäder (keine Busse!) zu einem attraktiven Preis benutzen. ­Familienkarte (Eltern und Kinder Jg. 1994 und jünger): 146 € Erwachsene: 59 € Kinder (Jg. 1994 – 2003): 39 € Kleinkinder (Jg. 2004 und jünger): frei Paragleiter-Sommer-Saisoncard: 176 € Gilt von 1. Mai bis 31. Oktober 2010.

Bregenzer wald Spekt r um

17


Zwischen Mailand und Melbourne Xchange – offriamo esperienze all’estero per apprendisti. Kapiert? Nein? Dann ist vielleicht der folgende Text hilfreich. Text: Peter Natter Natürlich kann eine/r auch nach Australien auswandern für drei Monate, so wie Bernhard Moosbrugger aus Au. Aber es ist eben doch nicht egal, ob sie nach Australien, Amerika oder ins Allgäu aufbrechen, unsere Lehrlinge! Obwohl: Fort ist fort und so oder so kann sie/er einen Monat lang am Abend nicht nach Hause fahren zur Mama oder zu den – alten – Freunden. Xchange bringt Lehrlinge für einen Monat ins Ausland, irgendwohin zwischen Mailand und Nürnberg, zwischen Linz und Straßburg, Bozen und Grenoble. Ganz unbürokratisch und formlos. Heimweh inklusive. Das von der internationalen Bodenseekonferenz und der Arbeitsgemeinschaft Alpenländer getragene Projekt wendet sich an Lehrlinge aus Industrie, Handwerk, Handel, Geldinstituten und sonstigen Dienstleistungsunternehmen. Man kümmert sich um so ziemlich alles – von der Unterkunft und Versicherung bis zum Taschengeld und Abschlusszertifikat. Im Bregenzerwald ist es wieder einmal der Werkraum, der unsere Lehrlinge pusht.

Renate Breuss, Geschäftsführerin des Werkraum Bregenzerwald www.werkraum.at

Anzahl der Lehrlinge in Werkraum-Mitgliedsbetrieben: Tischlerei/Innenausbau Zimmerei Holzverarbeitung Baugewerbe/Bauhandwerk Dienstleistung Bau Garten-/Landschaftsbau Metall-/Glasbau Öfen, Herde, Kamine Malerei Küferei Raumausstatter/Polsterer Elektro/Elektrotechnik Sanitär-/Heizungstechnik Bekleidung/Schuhe/Schmuck Dienstleister Bäcker/Metzger Bodenleger Seilerei

18

B re g e n z e r w a l d S p e k t r um

45 17 15 2 22 1 3 3 23 8 1 8 1 1 -

Für Michael Beer aus Hittisau, Lehrling in einem Werkraum-Betrieb, ist diese Erfahrung nun schon wieder sechs Jahre alt. Zwar möchte er im Moment nicht weg – allzu rund läuft es in der Tischlerei seines Lehrherrn Markus Faißt in Hittisau –, aber die Lehrlinge schickt er bedenkenlos in die Weite: „Es war eine heilsame und fruchtbare Erfahrung. Wie ticken die dort? Was können sie (nicht!)? Da war ein Monat schon fast zu kurz!“ Es tut gut, kulturelle Selbstverständlichkeiten der eigenen Arbeitsund Alltagswelt zu hinterfragen: Wer geht wie an welche Aufgabe heran? Dass die Schwarzwälder Tischler in der Vormittagspause Bier trinken, war (und ist!) auch dem Bregenzerwälder Michael Beer befremdlich. Dafür bringt der Austausch mit der Cheffamilie neue Kontakte, neue Eindrücke und neue Freundschaften, die über Jahre halten und auch Eltern und Geschwister einschließen. „Nach dem Austauschmonat kommen die Lehrlinge mit neuen Ideen, mit frischer Motivation und auch mit Erleichterung wieder in ihren Stammbetrieb“, ergänzt Lehrherr Markus Faißt. „Sie sind gern wieder ,daheim‘ und sie sind reifer, erfahrener, irgendwie erwachsener geworden!“ Dass Xchange meist ein echter Lehrlingsaustausch ist, macht die Sache noch spannender und nicht selten auch noch prickelnder.


Bernhard Moosbrugger ­arbeitete 2004 als Malergeselle in Australien. Den Kontakt konnte er als Gewinner der Berufsweltmeisterschaft 2003 in St. Gallen knüpfen.

Zum Beispiel, wenn eine gar so schneidige junge Tischlerin daherkommt wie Gwen aus Tübingen – und die Männerwirtschaft in der Tischlerwerkstatt neu aufmischt! Alexander Bechter aus Hittisau darf im heurigen Frühjahr einen Monat zu ihr nach Stuttgart. Oh, wie werden da die Späne fliegen! Kein Austausch, dafür aber ein Weltmeistertitel gab für Bernhard Moosbrugger aus Au den Anstoß zur Reise nach Australien. 2003 qualifizierte sich der Fetzcolor-Lehrling für die Berufsweltmeisterschaft in St. Gallen (CH) und kehrte zusammen mit seinem Meister und Ausbildner Michael Fetz prompt als gefeierter Sieger zurück in den Bregenzerwald. Bei den Wettkämpfen in der Schweiz lernte er Dirk Balthasar aus Melbourne kennen. Der lud ihn ein, bei ihm zu arbeiten. Am Neujahrstag 2004 landeten Bernhard und sein Freund Stefan, ein Maurer, mitten im australischen Sommer. „Ich hatte das Glück, in Australien in einer außerordentlich guten Firma zu arbeiten. Aber so verbissen und genau, so kritisch und streng wie bei uns arbeitet dort niemand“, äußert Bernhard, der mittlerweile ins väterliche Unternehmen eingestiegen ist, deutliche Kritik an der australischen Arbeitsmoral. „Außerdem hat es mir nicht gefallen, dass sich dort jeder ohne irgendwelche Prüfungen selbstständig machen kann.“ Umso mehr freut es ihn, im eigenen Betrieb immer wieder jungen Leuten eine ausgezeichnete Lehrstelle anbieten zu können. Obwohl es, und das betont Bernhard, „zur Zeit im Handwerk sehr schwer ist, jemanden zu finden!“ Dem könnten durchaus die von Xchange gebotenen Möglichkeiten abhelfen. Voraussetzung dafür sind aufgeschlossene und engagierte Lehrbetriebe. In den Mitgliedsbetrieben im Werkraum Bregenzerwald durchlaufen aktuell 150 Lehrlinge eine qualifizierte Ausbildung. Das sind 30 Prozent der im Bregenzerwald in der Sparte Handwerk und Gewerbe insgesamt in Ausbildung stehenden Lehrlinge. Wer eine attraktive Lehrstelle im Handwerk sucht, findet unter www.werkraum.at eine aktuelle Lehrstellenbörse. Bregenzer wald Spekt r um

19


Geht‘s dem Käse gut ... … geht‘s uns allen gut, besagt ein berühmtes Sprichwort im Wald. Also sagen wir: Auf geht’s! Mit dem Alpabtrieb kommt der Käse in Gang. Text: Peter Natter Juchzende Älplerinnen und Älpler, die sich gewaschen haben (das darf schon einmal nicht unterschätzt werden!), mit bunten Bändern und Tannenreisig mehr oder wenig kunst- und geschmackvoll geschmücktes Vieh, vielstimmiges Kuh- und Geißen-Glockengeläut, volksfestartige Viehscheidveranstaltungen, Älplerbälle und Krämermärkte in den Dörfern. Ein Alpsommer ist zu Ende. Das Heu ist im Tenn, der Alpkäse im Keller. Dort sollte er jetzt auch bleiben, ein halbes Jahr oder mehr. Sollte! Tut er’s? Dann aber ab die Post: auf den Teller, in die Schüsseln, Töpfe und Pfannen.

„Innerhalb der EU werden nur mehr etwa zwei Prozent silofrei produziert!“

Mit dem Alpabtrieb fängt’s an. Es kommt Bewegung in die Käserei. Übrigens, wenn wir schon dabei sind: Dass der Alpab- und -auftrieb mehr und mehr zur Alpauf- und -abfahrt (zur AlpwirtschaftsBerg-und-Talfahrt sozusagen) wird, sei nur nebenbei, quasi am Güter-Wegrand, erwähnt. Über die Gründe dafür soll(te) andernorts reflektiert werden.

Michael Moosbrugger, Geschäftsführer der KäseStrasse Bregenzerwald www.kaesestrasse.at

Alpabzug im September 1955 von der Alpe H ­ interüntschen in Schoppernau

20

B re g e n z e r w a l d S p e k t r um

Da und dort geht’s ja bedenklich abwärts. Aber noch geht’s aufwärts mit dem Käse. Er marschiert schnurstracks hinein in eine neue Sortenvielfalt, präsentiert sich auf neuen Märkten und marschiert hinaus ins vereinte Europa. Wohin geht der Käse? Welche Absatz­märkte hat er im Visier und welche schon (und wie gut?) ­erschlossen? Michael Moosbrugger, Geschäftsführer der KäseStrasse,


Der Alpsommer ist zu Ende: Alpabtrieb von der Alpe Falz

erklärt: „Im Bregenzerwald werden jährlich rund 6.000 Tonnen Käse produziert und über verschiedene Vermarkter vertrieben – größter Abnehmer von Berg- und Alpkäse ist die Firma Rupp.“ Natürlich geht das nicht ohne eigene – und vor allem zündende – Ideen: „In diesem Kontext ist es wichtig, Alleinstellungsmerkmale für ein Produkt zu haben. Hier ist die Silofreiheit (Heumilch) ein essenzielles, wenngleich nicht ganz einfaches Thema. Wir müssen jedoch alle Anstrengungen unternehmen, um in diesem Punkt am Ball zu bleiben. Innerhalb der EU werden nur mehr etwa zwei Prozent silofrei produziert!“ Wann also ist ein Bergkäse ein Bergkäse? Welche Sorten und Qualitätsmerkmale sollen forciert werden? Welche Marken gibt es, welche sind noch geplant? Das Leitprodukt im Bregenzerwald ist und bleibt der Alp- und Bergkäse. Vermehrt kommen innovative Produkte zum Zug, die Kuh bekommt Gesellschaft, auf dem Käsebrett macht sich Abwechslung breit, z.B. in Form von Ziegen-, Schafs- und Molkeprodukten. Michael Moosbrugger zeigt, wo’s langgeht in der Vermarktung: „Es ist unser Ziel, Regional­ marken zu bündeln, z.B. GenussRegion, Ländle, KäseStrasse etc.“ So lange sich das Marketing nach dem Produkt richtet, sind wir zufrieden. Apropos Silofreiheit: Wie steht es, realistisch und ehrlich betrachtet, um die Zukunft der 3-­Stufen­-Wirtschaft? Die 3-StufenLandwirtschaft ist – auch nach der gescheiterten

Weltkulturerbe-Bewerbung – ein wichtiger Teil der Bregenzerwälder Milchwirtschaft und Kulturlandschaft. „Sie steht für die Kultur unserer Region. Ich persönlich sehe es so, dass diese Bewirtschaftungsform essenziell für uns ist“, so der Geschäftsführer der KäseStrasse. Möge der Vordenker nicht das Nachsehen haben! Bei aller Marktorientierung und mehr oder weniger berechtigter Globalisierungseuphorie muss mindestens ein Auge immer über den eigenen Teller wachen. Wenn wir Wälder keinen Käse mehr essen, werden wir auch keinen ordentlichen mehr produzieren und bald keinen mehr verkaufen. Die beste Qualitätssicherungsmaßnahme ist immer noch der kritische und bewusste Eigenkonsum. So lange sind die Zeiten nicht her, dass sich richtige Käser das beste Stück und Eck für sich selbst reserviert haben. Dass das, was da im FastFood-Hamburger schmilzt, wenn überhaupt einer, so sicher kein Käse ist, über den sich regionale Identität herstellen lässt, muss uns so klar sein, dass wir auch danach handeln. Das heißt, ihn nicht essen. Unser Käse muss so gut, so typisch, so silofrei, so alpkräutergschmackig und bergwiesenkräftig und so alt sein, dass wir ihn auch selber lieber essen als alle importierten Büffelkäseimitate, Goudagummischeibchen oder Pseudokäse aus der Billigabteilung. Schmeckt der Käse gut, geht’s uns allen gut. Bregenzer wald Spekt r um

21


„Ein wenig langweilig ist es im Wald“ Über das nächtliche Fortgehen von jungen Wälderinnen und Wäldern „Was soll man jetzt noch im Bregenzerwald machen?“, postete ein junger Wälder, als vor gut einem Jahr im Internetforum von egg-news.at bekannt gegeben worden war, dass das „Tritsch“ in Egg im Mai 2009 schließen würde. Text: Georg Sutterlüty Das Thema hatte Brisanz: Über hundert Personen meldeten sich im Forum zu Wort und die Mehrzahl von ihnen äußerte ihren Unmut über die Schließung. Das Abendlokal war beliebt, vor allem bei Studenten sowie bei Schülern des Gymnasiums und der Handelsakademie.

„Heutzutage ist es nicht mehr so einfach, mit einer Veranstaltung das Gros der Jugendlichen anzulocken.“ Sarah Berchtold, Jugendkoordinatorin der Offenen Jugendarbeit Bregenzerwald www.ojb.at

Bewerte die Ausgehmöglichkeiten

„Es ist schon ein wenig langweilig im Wald“, meint der 19-­jährige Bizauer Daniel Meusburger, „wenn nicht gerade ein Zeltfest oder ein anderes Event wie das Bockbiertrinken im ,E-Werk‘ stattfindet.“ Meusburger hat vor einem Jahr die Tischlerlehre abgeschlossen und leistet gerade seinen Präsenzdienst beim Bundesheer. Früher war er am Wochenende öfter in Mellau unterwegs, bis die „Tenne“ zugesperrt hat. Jetzt fährt er mit seinen Freunden, fast allesamt aus Bizau, regelmäßig nach Damüls, beispielsweise ins „Scharfe Eck“. Das sei eine Bar nach seinem Geschmack, was die Besucher und die Musik angehe, so der Bizauer. Hier werde „von allem etwas gespielt“.

im Bregenzerwald

Diese Umfrage wurde von Marcel Maldoner (19), Patrik Metzler (19) und Juliane Rützler (19) der 5. Klasse HAK der Handelsakademie Bezau durchgeführt. Es wurden 178 Jugendliche im Alter von 16 – 18 Jahren befragt. Sehr gut Gut Zufriedenstellend Nicht zufriedenstellend

22

B re g e n z e r w a l d S p e k t r um

„am Land“ 1,2%

8,2%

41,2%

1,2% 9,8%

49,4% 63,8%

25,2%


Die Wünsche der Jungen Spricht man mit Jugendlichen, aber auch mit Eltern über die Abend- und Nachtszene im Bregenzerwald, ist der Tenor fast immer derselbe: Es ist wenig los im Tal, die Wahlmöglichkeiten sind gering. In dieselbe Kerbe schlägt auch eine vor Kurzem von HAK-Bezau-Schülern durchgeführte Umfrage, bei der 178 Jugendliche im Alter zwischen 16 und 18 Jahren nach den Ausgehmöglichkeiten im Wald befragt wurden. Gut die Hälfte bewerteten das hiesige Angebot als „zufriedenstellend“, 41 Prozent als „wenig zufriedenstellend“ und nur 1,2 Prozent als „sehr gut“. Hingegen beurteilten fast 90 Prozent der Befragten die Ausgehszene im Rheintal mit „sehr gut“ oder „gut“. Allerdings war das Angebot an nächtlicher Unterhaltung noch nie so groß wie heute. Auch die Mobilität der Jugendlichen ist gemäß einer 2006 publizierten Jugendstudie der Offenen Jugendarbeit Bregenzerwald (OJB) wesentlich größer als noch in den Neunzigerjahren. Nur haben sich die Ansprüche und Wünsche verändert. Sie seien individueller und vielseitiger geworden, sagen die Jugendkoordinatoren der

Ilse Schneider, Kindergartenpädagogin, Egg – Sønderborgs Sie kam im August 2001 als Au-pair nach Dänemark. Der Grund: Sie wollte einfach noch einmal ins Ausland gehen. Dort lernte sie ihren Mann kennen. Und blieb. Mittlerweile hat sie zwei kleine Kinder, den vierjährigen Theo und die zweijährige Isabell, und arbeitet in einem deutschsprachigen Kindergarten.

Jugendräume im Bregenzerwald: s’Firaubod Bizau papalapub Bezau BARfuaß Schwarzenberg Cappuccino Egg brennpunkt Alberschwende Kiba Lingenau Jugendraum Hittisau s’Gmuondshus Doren Mountain Pub Sulzberg SIXteen Langen

Bregenzer wald Spekt r um

23


OJB, Günter Meusburger und Sarah Berchtold. Heute sei es nicht mehr so einfach, mit einer Veranstaltung das Gros der Jugendlichen anzulocken. Ähnlich sieht dies Jürgen Ratz, Miteigentümer des „E-Werk“, das Jugendliche zwischen 16 und 22 anspricht. Er müsse eine breite Palette an Unterhaltungsprogrammen anbieten, mit so genannten „Motto-Partys“ wolle er eine breite Schicht bedienen. Vor allem für 14- bis 18-Jährige gibt es einige Angebote an Ausgehmöglichkeiten. Im Wald gibt es derzeit zehn aktive Jugendräume, die von Freiwilligen betrieben werden und meist freitagabends geöffnet haben. „Doch ist es da oft fad“, sagt die 16-jährige Schülerin Jacqueline Schneider aus Hittisau. In manchen werde kein Alkohol ausgeschenkt, die würden dann von den über 16-Jährigen gemieden. Ohne Alk sei ein Jugendraum rasch als „Kindergarten“ verrufen.

Ins Rheintal zum Ausgehen Während viele der 16- bis 18-Jährigen in andere Lokale aufbrechen, so beispielsweise ins „­Twinny“ nach Doren oder ins E-Werk, gibt es für die über 20-Jährigen im Wald vergleichsweise wenige Angebote. Es werden daher immer mehr, die dem Nachtleben im Rheintal den Vorzug geben (auch Teenager zieht es immer öfter dorthin, wie der oben genannten Umfrage zu entnehmen ist). Ein 21-jähriger Mittelwälder, der anonym bleiben möchte, schätzt, dass etwa 60 bis 70 Prozent der Jugendlichen in seinem Alter einmal wöchentlich

Bild oben: Jugendbegegnung in Finnland, ­Sommer 2009 Bild mitte: „Verbal statt brutal“ Party im papalapub Bezau, Herbst 2009 Bild unten: Snowballwar-Afterparty im E-Werk, Winter 2008

24

B re g e n z e r w a l d S p e k t r um


ins Rheintal fahren, um dort auszugehen. Bevorzugte Destination sei Dornbirn, sehr beliebt sei auch die Diskothek „A14“ in Lauterach. Dort gebe es sogar schon eine Art Stammtisch für Wälder, so die Jugendkoordinatoren.

Früher war es besser Eine 23-jährige Frau aus Egg, die ebenfalls nicht namentlich genannt werden will, meint, dass sie von den Ausgehmöglichkeiten weder im Wald noch im Rheintal besonders angetan sei. Sie bleibe immer öfter zu Hause. Ähnlich geht es dem 24-jährigen Paul Wachter aus Lingenau, der an der Universität für Bodenkultur in Wien studiert. In den Ferien habe er sich früher mit Freunden im „Tritsch“ getroffen. Nach dessen Schließung seien seine nächtlichen Ausflüge weniger geworden. „Wenn man aber in Wien studiert“, so Wachter spitzbübisch, „schadet es nicht, ab und an eine Auszeit zu nehmen.“ Günter Meusburger findet es schade, dass so viele Jugendliche nächtens ins Rheintal pendeln. Ihm schwebt eine zentrale Lokalität im Wald vor, eine Diskothek wie einst die „Tenne“, die die Geschmäcker der Jugendlichen wieder zu vereinen vermag.

Eva Nicola Rinner, Egg – Salamanca, Spanien „In Salamanca ein Auslandssemester zu verbringen war wie ein Stück Geschichte zu leben. Die Uni ist bald 800 Jahre alt und auch sonst spürt und sieht man immer den Reichtum einer lange vergangenen Zeit.“

Dies hat auch die junge ÖVP im Wahlkampf um die Landtagswahlen 2009 in Zusammenarbeit mit der Regio und der OJB vorgeschlagen. Doch hat sich die Ansage als Wahlkampfgag herausgestellt – Günter Meusburger hat seitdem nichts mehr von der jungen ÖVP gehört. Verena Dünser aus Andelsbuch, Mutter dreier Töchter zwischen 14 und 21, ist davon überzeugt, das schon viel getan wäre, wenn es wenigstens eine Eisdiele oder ein Kino im Tal gäbe. Sie fragt sich überhaupt, warum das Ausgehen so sehr auf Party und Spaß ausgelegt sei – der kulturelle Part komme leider viel zu kurz.

Bregenzer wald Spekt r um

25


Grad heraus Peter Natter

Waldflucht statt Weltflucht, Wälder! Was zuerst auffällt: Es gibt alles im Wald – jede Menge Rechtsanwälte, Doppelstockbusse, Supermärkte, Apotheken, Steuerberater, ein Frauen- und viele andere Museen, Haubenlokale, Wellness noch und nöcher, Mode und Bücher, Shops und Solöner, Barock und Moderne, Festivals und Autochthones. Aber ein Reisebüro gibt es nicht. Was ist los? Fahren Wälder nicht auf Urlaub? Bleiben sie zu Hause? Im Schatten der Kanis- und auf den Pfaden der Nagelfluh? An den Gestaden der Bregenzer-, Subers-, Weiß- und Rotach? Haben sie genug mit Adler, Krone, Schiff, Gams, Sonne, Post, Löwen, Schwanen, Hirschen? – Aber nein doch! Es zieht sie talauswärts. Und wohin fahren sie? Überallhin! Die einen zum Wasalauf nach Schweden, die anderen zum Surfen nach Hawaii. Wandern auf Madeira und Relaxen auf den Seychellen. Törggelen in Südtirol und Schlemmen im Elsass. Ruinen in Griechenland und Golf bei den Schotten. Oper in Glyndebourne und Jazz in Montreux. Shoppen in London und reich werden in Monaco. Nichts lassen sie aus, die Wälder.

„Auf die Schiffe, Ihr Philosophen!“ Friedrich Nietzsche Andererseits – kommen sie von überallher in den Wald, die Gäste, die Fremden, die Touristen, die Urlauber, zu allen Jahreszeiten und Gelegenheiten. Weil’s so schön und einmalig ist im Wald. Wir selbst haben ihnen das eingeredet! Warum also um alles in der Welt treibt es die Wälder selber fort aus diesem Urlaubsparadies? Doch nicht etwa der Urlauber wegen? Oder noch undenkbarer: Der Wälder wegen? Was treibt die Wälderinnen und Wälder in den Urlaub? Was treibt sie zum Wald hinaus? Hinunter nach Afrika? Hinauf zum Nordkap? Hinüber nach Amerika? Hinweg von Dahoam? Ist es das pure, unverdächtige Fernweh? Neugier? Wissensdurst? Neapel sehen und sterben? Oder ist es der unsagbare Schmerz, den ihnen das Nahe zufügt? Der Verdruss, den sie sich selbst bereiten? Haben sie überhaupt andere Gründe als andere Urlauber? Die alte Frage: Sind Wälderinnen und Wälder tatsächlich anders als andere? Lassen wir die Frage offen, denn sie sind es und sie sind es nicht, weil alle anders sind als die anderen. Und ob dann die Wälder und vor allem die Wälderinnen ein bisschen mehr anders sind als die anderen, ist eine derart knifflige Frage, dass sie sogar unser so subtiles Drei-Stufen-Denken überfordert. Sei’s drum! 26

B re g e n z e r w a l d S p e k t r um


Das alte Spiel: Die, die’s haben, wollen’s nicht. Und die, die’s nicht haben, wollen’s. Egal, was. Wer die Berge hat, will – einmal im Leben, einmal im Jahr – ans Meer. Wer den Schatten hat, will die Sonne. Wer das ganze Jahr arbeitet, will zwischendurch faulenzen. Wer das ganze Jahr faulenzt – aber das ist nun wirklich nicht unser Problem ... Die einen suchen also die große Abwechslung. Andere gehen dem nach, was sie zu Hause auch haben. Volkskultur zum Beispiel. Aber sie fahren dann in eine Gegend, wo sie das Gesuchte noch unverfälschter und intensiver, unbehelligter erleben können als daheim. Das kann ein Volksmusikfestival irgendwo im Weinviertel sein. Aber lassen wir sie selber reden: „Abschalten kann ich nur, wenn ich weg bin. Im Dorf kennt dich jeder und so lange ich im Dorf herumlaufe, bin ich der, in dem alle den Zimmermann sehen, der eh nur auf Arbeit aus ist. Dort, wo mich niemand kennt, kann ich ein ganz anderer sein, einer, der ich auch bin, der aber zu Hause nicht gefragt ist.“ Also Flucht. Waldflucht statt Weltflucht. Außerdem gibt es Dinge, die im Wald einfach nicht gehen, die nicht gespielt werden im wahrsten Sinne des Wortes. Den Opernfan zieht es nach Venedig, ins La Fenice. Der Theaternarr fährt nach Weimar. Und wenn du das ganze Jahr über fleißig einkehrst im Dorfwirtshaus, möchtest du einmal im „Elefanten“ tafeln. Der Stadtfreak jettet nach Tokio. Der Ischia-Bus aus Hittisau trifft den Urlaubsnerv der Wälderinnen so genau, dass davon noch die Wälder profitieren! Schweigen will ich von den Thailand-Fahrern. Zahlreicher werden jene, die ganz banal des schnöden Mammons wegen reisen: Geschäftsleute. Denn der Wald ernährt nicht alle.

Bernhard Böhler, Kurator, Bizau – Wien 1972 in Bregenz geboren und in Bizau aufgewachsen, studierte Bernhard Böhler nach der Matura am BORG Egg Kunstgeschichte in Wien. Seit 2007 ist er Direktor des Dom- und Diözesanmuseums Wien sowie Kurator zahlreicher Ausstellungen österreichischer und europäischer Kunst.

Fassen wir zusammen. Wohin Wälder reisen: überallhin. Warum Wälder reisen: aus allen möglichen Gründen – wegen der Lust, der Kultur, dem Genuss, dem Geld, der Abwechslung, dem Besonderen, der Natur, der Verwandtschaft, der Nachbarschaft und sich selbst zuliebe. Bregenzer wald Spekt r um

27


Silke Ritter

Will weiterkommen! Warum es Wälder ins Ausland treibt

Martin Huber aus Alberschwende studierte in Wien Genetik und Biochemie. Mittlerweile lebt er mit seiner Familie in San Francisco.

„Einige Zeit nach dem Studium gab es ein Angebot aus den USA und da haben wir kurzerhand zugeschlagen. Wir leben seit sieben Jahren in den USA, davon fünf in Chicago und die letzten zwei in San Francisco. Das Fortgehen war nicht geplant, doch nach zehn Jahren Wien war es einfach hoch an der Zeit, einen Tapetenwechsel vorzunehmen, und da kam Chicago genau recht.“

Gibt es noch eine Verbindung zum Wald?

„Er ist und bleibt Heimat, ich glaube, das ist die stärkste Verbindung, die uns auch über die letzten Jahre immer mehr bewusst geworden ist. Obwohl man auch mit den anderen Plätzen zusammenwächst – und ich möchte keine der Städte missen, in denen wir gelebt haben –, sind die Wurzeln im Wald am tiefsten. Im Ausland ist man ja zum Flachwurzlerdasein verdammt. Das hängt mit einer unüberbrückbaren Sprach- und Kulturschwelle zusammen. Famos im Wald ist das Skifahren, obwohl der Pulver hier auch nicht schlecht ist. Auch Käsknöpfle und Kuhzunge, nicht zu vergessen das Silvesterfeuerwerk Hoell gegen Mark Groeninger und natürlich die Kanisfluh. Das ursprüngliche, tunnelfreie Schwarzach­ tobel bei Nacht zu befahren war und ist einfach herrlich.“

Andrea Dorner studierte ­Germanistik mit Schwerpunkt „Deutsch als Fremdsprache“ und verbrachte mit ihrer Familie drei Jahre als Deutschlektorin an der Universität in Podgorica, ­Montenegro. Derzeit lebt und arbeitet sie in Wien.

„Das Fortgehen fängt damit an, dass man in Wien studiert. Man ist woanders ein unbeschriebenes Blatt, lässt vieles hinter sich und kann sich uneingeschränkter entwickeln. Montenegro ist ein Land, das mit Familie ein ideales Zuhause war und in mir in vielerlei Hinsicht Erinnerungen an den Wald geweckt hat. Es gibt Berge und kleinbäuerliche Strukturen, die das Leben und Denken der Menschen prägen. Die negativen Seiten der Provinz konnte ich in Montenegro belustigt als Schrullen abtun, da ich sie aus der Distanz des Fremden wahrgenommen habe. Im Wald rege ich mich darüber auf. Also zeichnet vielleicht diese emotionale Verbundenheit im Guten und im weniger Angenehmen die eigentliche Heimat aus. Auch gibt es Heimat nicht im Plural – es gibt nur eine, die man sich nicht aussucht, auch wenn man überall heimisch werden kann.“

Kommen Sie noch in den Wald?

„Wenn ich heute in den Wald komme, suche ich, was ich als Heranwachsende erlebt habe, möchte meinen Kindern mitteilen, worin meine Kindheit bestand. Das bedeutet vor allem Natur, Skifahren und Baden in Ach und Subers, viele Erinnerungen, reich an Gerüchen, Farben und Menschen. Da hat sich ein teilweise sentimentales Bild des Waldes konserviert, das oft nicht mehr existiert. Ich glaube, der Bregenzerwald als Heimat vermittelt eine starke Identität, weil er bodenständig ist und viel Reibungsfläche bietet – eine gute Basis, um in die Welt zu ziehen.“

28

B re g e n z e r w a l d S p e k t r um


Nach seinem Musik- und ­Philosophiestudium lebt ­Alexander Moosbrugger seit 2001 als freischaffender Komponist und Organist in Berlin.

„Beweggrund für einen produktiven Ortswechsel mag sein, wenn das Wegwollen in ein Hinwollen umschlägt. Wiens Lust, in der (musikalischen) Vergangenheit zu leben, seine Zentralfriedhof-Mentalität im Alltäglichen waren etwas geisttötend. Und Berlin schien mir seit Wim Wenders’ ,Himmel‘ – der Film gab mir, seinerzeit fünfzehnjährig, schöne Rätsel auf – eine Wunderkammer zu sein, ein unbeleuchteter Ort, an dem man fündig werden sollte. Ein Fortkommen nicht allein im Geografischen, sondern ein Heraustreten auch aus bestimmten Verhältnissen, in der Sprache wie im Denken. Urbanität erleichtert dies, eine Stadt verlangt anderes ab, garantiert jedoch nicht, dass der Radius in der Sache erweitert wird. Eine Öffnung, eine Erschließung leistet herausragend die Kunst. Musik, bildende Kunst, Literatur. Das waren Charles Ives, ­ Manfred Egender, Texte von Wittgenstein, ein Abend mit Benedetti ­Michelangeli im Festspielhaus Bregenz vor Ewigkeiten – räumlich ungebundene Reisen.“

Was gefällt Ihnen am Wald?

„Den Dialekt finde ich richtig schön. Die ersterlernte Sprache ist schon irreversibel, zeigt zunächst, wessen Geistes Kind man ist. Anderes: Allein die Tatsache, dass man Wälder unter Wäldern ist, mitermöglicht vieles, für eine Zeit lang, Dinge wie die ,Reihe 0‘ ... Etwas erstaunt mich immer wieder, wenn ich – nach längerer Zeit in Berlin – im hinteren Wald aussteige: Mit einem Mal verschwindet der Druck auf dem Trommelfell, die Absenz akustischer Aufgeregtheiten wird als Stille hörbar – sehr angenehm. Als Extremsportler und Naturkundler wäre mir der Wald auch aktive Spielwiese.“

Franz Michael Felder: „Mich drängte es fort aus diesem Tale ...“ Im 17. Kapitel von Felders Autobiografie „Aus meinem Leben“ ist der Ausflug nach Lindau beschrieben – es ist, wie der Erzähler zugibt, vielmehr eine Flucht: „Wie ein Flüchtling wanderte ich eines Morgens in aller Frühe durchs Achtal hinaus.“ Je weiter sich der Wandernde von den Bergen seiner Heimat entfernt, desto wohler ist ihm zu Mute: „Mich drängte es fort aus diesem Tale, und es war mir, als ob der Boden unter meinen Füßen brenne.“ Die Reise führt über Bregenz nach Lindau, wo Felder nicht nur zum ersten Mal in seinem Leben die Schienen der Eisenbahn erblickt, sondern wo er sich auch der sprachlichen Barrieren zwischen Dorf und Stadt so richtig bewusst wird. Nicht einmal hundert Kilometer von Felders Heimatdorf Schoppernau entfernt liegt die Grenze zu Deutschland, wo „sogar die kleinen Kinder [...] ein Deutsch [...] reden [...], wie ich’s nur einem Gelehrten zugetraut hätte“. Entsetzt erkennt Felder sein Unvermögen, sich in hochdeutscher Sprache auszudrücken: Als er in Lindau die „Rieger’sche Buchhandlung“ betritt, vermeidet er voller Selbstzweifel „[...] die Mundart meiner Heimat [...], so gut als es einer kann“. Der Ausflug in die Fremde – das Fortgehen – aber verändert Felder nachhaltig: Er kehrt in sein Dorf nicht nur mit einem neuen, langen „Städterröcklein“ zurück, sondern vor allem auch mit dem festen Entschluss, sich sprachlich und sozial zu emanzipieren. Bregenzer wald Spekt r um

29


Wirtshäuslich Guni Fetz

Trink, Brüderlein, aber trink beim Wirt! „Ein guter Wirt schluckt eh alles!“, heißt es im Volksmund. Und damit ist nicht unbedingt nur seine Trinkfestigkeit gemeint. Da ich zunehmend zu befürchten habe, dass die Kultur des Einkehrens verloren geht, wird es für mich höchste Zeit, hinter der Theke hervorzukommen und meine Blase zu leeren. Denn wer immer nur schluckt und nie leert, läuft Gefahr, zu platzen. Zu diesem Zweck muss ich aber etwas ausholen. Das Trinken mag als Akt mit dem Ziel, den Durst zu löschen, begonnen haben, es trug jedoch schon sehr früh bereits den Keim des sozialen Aktes in sich. Trinken wurde zur Sitte, als der Mensch erstmals eine Geste setzte, die das Trinken vom physiologischen zum gesellschaftlichen Bedürfnis machte. Man trank seinem Gegenüber zu. Zwei Menschen, die einander zutrinken, signalisieren Gemeinschaftlichkeit. Der dabei häufig verwendete Ausdruck „pro sit“ heißt im Grunde nichts anderes als „es nütze“. Dass so viel – zumal von Untergebenen – zur Schau gestelltes Gemeinschaftsbewusstsein den Herren allmählich suspekt wurde, war da nur die logische Konsequenz. Sie befürchteten einen Solidarisierungseffekt und witterten in der Kneipe – nicht zu Unrecht – Revolte. Schon im 16. Jahrhundert hatten sich in ganz Europa Vorschriften lokaler Landesherren gemehrt, die das Zutrinken als unmoralisch verboten. „Gott bewahre mich vor vier Häusern“, lautet ein

Gemütliches Beisammensein im Kässtadl in Egg

30

B re g e n z e r w a l d S p e k t r um


Sprichwort aus dieser Zeit, „der Pfandleihe, dem Hospiz, dem Gefängnis und der Taverne.“ Trotzdem hat sich die Kultur des Einkehrens bis heute behauptet. Langsam, aber sicher, sehe ich sie jedoch bedroht. Zum Ersten hat in einer globalen und schnellen Welt der Händler, sei es der Bäcker, der Fleischer oder eben der Wirt, kaum noch Überlebenschancen, da es den Konsumenten zunehmend in große Unterhaltungs- und Einkaufszentren zieht. Zum Zweiten wird es für die Wirte immer schwieriger, die vom Gesetzgeber verlangten Auflagen zu erfüllen. Jüngstes Beispiel dafür ist das im Juli in Kraft tretende Nichtraucherschutzgesetz. Und zum Dritten – und das betrifft insbesondere uns „Wirte auf dem Lande“ – ist auch bei uns eine Abwanderung vor allem der Jugend in die Städte zu verzeichnen. Trotz alledem hoffe ich, dass wir das Einkehren wieder für uns entdecken können. Sei es auf ein gutes Glas Wein, einen schottischen Single Malt oder einen Cocktail nach einem guten Essen mit Freunden oder einfach nur auf ein Feierabendbier an der Theke. Denn – und da bin ich mir sicher – die beste Therapie für einen gestressten Manager, für einen geschlauchten Arbeiter oder einen Burn-outKandidaten ist immer noch, sich ab und zu an den Tresen zu stellen, abzuschalten und sich mit anderen zu unterhalten.

David Mätzler, Pilot, Andelsbuch – Malawi „Motiviert von der unbeschreiblichen Schönheit der Landschaft Afrikas und der geheimnisvollen Kultur der Menschen auf dem alten Kontinent, habe ich mich aufgemacht, die Buschfliegerei kennen zu lernen. 2007/08 war ich ein Jahr als Buschpilot in Malawi stationiert.“

Denn in einer guten Bar sollte es keine Klassenunterschiede geben. Und somit ist sichergestellt, dass jeder zu Wort kommt und dass der Blickwinkel des Gegenübers vielleicht dazu beiträgt, die Dinge wieder einmal anders zu sehen. Übrigens ist es dabei auch erlaubt, mal einen über den Durst zu trinken, sagt der Wirt. Bregenzer wald Spekt r um

31


Vision Peter Natter

Wohin gehst du, o schöner Wald? Heute, da alles zusammenwächst, müssen wir uns öffnen. Und heute, da alles auseinanderfällt, müssen wir unseres beisammenhalten. Eine kleine prophetische Abhandlung soll ich vorlegen. Ausgehend von der Frage, was den Anlass und Grund zu einer künftigen Waldflucht der Wälderinnen und Wälder abzugeben vermag. Um künftig aus dem Wald fliehen zu können, muss es ihn erst einmal auch künftig noch geben. Davon also wollen wir ausgehen. Der Wald bleibt. Und der Wald bleibt Wald. Aber ist nicht genau das der Knackpunkt? Wenn der Wald Wald bleibt, werden wir WälderInnen ihn nicht fliehen. Oder aber die Bedingungen draußen verändern sich so drastisch in eine den Wald überflügelnde, in den Waldschatten stellende Richtung, dass wir ihrer Anziehungskraft nicht mehr zu widerstehen vermögen. Klima, Arbeitsmarkt, Freizeitangebot, ­Kultur – überall attraktiver als im Wald? Davon wollen und können wir nicht ausgehen. Ein Prophet ist ja kein Miesmacher! Um die Zukunft vorherzusagen, brauchen wir einen scharfen Blick auf die Gegenwart. Was dazu führen könnte, dass wir unseren Wald in Zukunft verlassen müssen oder noch schlimmer: wollen, wenn wir etwa in Ruhe leben oder unsere Familien ordentlich ernähren können wollen. Das zeichnet sich im Heute ab, und zwar nicht an einem fernen Horizont, sondern in Reich-, Sicht- und Hörweite unseres alltäglichen Tuns und Treibens. Betroffen sind natürlich vorwiegend jene Sphären, über die wir uns gerne vollmundig und selbstbewusst verbreiten: Landwirtschaft, Tourismus, Industrie/ Gewerbe/Handwerk, Kultur. Eines der Schlüsselwörter unserer globalisierten Welt, in der Raum und Zeit so sang- und klanglos ineinanderfallen, lautet: Konkurrenz. Das heißt nichts anderes als: Jeder gegen jeden. Es ist wie im Wilden Westen: Wer schneller zieht, lebt länger. Allerdings gibt es noch eine Steigerung des „Jeder gegen jeden“: Alle gegen einen. Wenn man die Dinge nüchtern betrachtet, die sich auf dem Erdball tun, ist dieses „Alle gegen einen“ genau die Wirklichkeit, die uns die allgegenwärtige Konkurrenz auferlegt. Noch dazu in zwei Richtungen: alle gegen uns und wir gegen alle. So, da haben wir die Bescherung. Und das soll dazu führen, dass wir WälderInnen aus unserem Waldparadies vertrieben werden?

32

B re g e n z e r w a l d S p e k t r um


Leicht könnte ich mich auf die beliebte und mit so schönem Pseudopsychologismus ausstaffierte Position zurückziehen, wo es heißt: Wir müssen uns der globalen oder auch nur der europäischen Konkurrenz eben bewusst stellen, mit allen Kräften den Kampf aufnehmen, uns auf die alten Stärken besinnen und nur gut aufpassen, dass nichts hereinkommt in den Wald, was nicht zu uns passt und nicht zu uns gehört! Oder anders gesagt: Abwehr des Fremden schützt das Eigene! Wenn es so einfach wäre, wäre das schlimm. Und wir würden heute noch auf der Bezegg herumkrabbeln und auf Galgenbühln Gerechtigkeit suchen und uns von Käsgrafen knechten lassen. Aber andererseits hätten wir gesundes Vieh auf intakten Alpen und unsere Traditionen wären nicht zu Spektakeln degradiert und ein Bergkäse wäre ein Bergkäse. Damit wir Wälderinnen und Wälder im Wald bleiben können – sofern wir das wollen –, braucht es weniger und mehr gleichzeitig. Heute, da alles zusammenwächst, müssen wir uns öffnen. Und heute, da alles auseinanderfällt, müssen wir unseres beisammenhalten. So einfach ist das. So schwer ist die Auflösung der so ungleichen Gleichung womöglich gar nicht. Es könnte darum gehen, uns darüber klar zu werden, wo wir WälderInnen sind und wo etwas anderes: Österreicher, Europäer, Weltbürger-Kosmopoliten oder was auch immer. Wahrscheinlich alles. Jedes zu seiner Zeit und an seinem Ort. Der Bregenzerwald als Insel, als kleines gallisches Dorf, als autonome Bauernrepublik: Dieses Spiel ist ausgespielt. Der Bregenzerwald mit den Bregenzerwälderinnen und Bregenzerwäldern als Teil des Ganzen: Diese Struktur verleiht, verliehe uns einen immensen ökonomischen, touristischen, kulturellen Wert. Längst haben wir Wälderinnen und Wälder die Welt für uns entdeckt: als Reiseziel und Absatzmarkt, eben als Teil von uns. Jetzt geht es darum, uns entdecken zu lassen von der Welt, ihr ein ebenso unverwechselbares wie eigenständiges Bild von uns zu liefern. Unsere Handwerker tun dies seit Jahrhunderten und mit ungebrochenem Elan und höchstem Können; unsere Touristiker arbeiten da und dort mit großem Aufwand und viel Idealismus mit; unsere Bauern ... ja, unsere Bauern tun, was sie können. Das könnte bald zu viel sein. Und dann wäre wieder einmal weniger mehr gewesen. Rette sich, wer kann! Bregenzer wald Spekt r um

33


Jugend Silke Ritter

Unbezwingbare ­nehmen den Nachtbus Warum es für die Jungen im Wald in der Nacht wirklich ganz finster ausschaut und warum das manchen Eltern nicht gefällt Es ist natürlich Strategie, jungen Menschen so gut wie keine Möglichkeit zum Fortgehen im Bregenzerwald anzubieten. So bleiben sie zumindest so lange zu Hause, bis sie alt genug für den Führerschein sind. Vielleicht fühlen sie sich dann auch schon „zu alt“, um mit den „Jungen“ fortzugehen. Sie sitzen im besten Fall bis zum 18. Geburtstag gut behütet vor dem Fernseher oder vor dem Computer und fragen einander via Facebook: „Was machst du gerade?“ Zumindest kommen sie so weder mit Alkohol noch mit dem anderen Geschlecht in Berührung. Auch ist die Gefahr sehr gering, sich mit anderen Meinungen auseinandersetzen zu müssen – außer der Däta will wieder einmal die Fernbedienung nicht aus der Hand geben. Es ist natürlich auch Strategie, wenn man den Jungen zusätzlich zu spärlichen Ausgehmöglichkeiten auch noch keine Fahrmöglichkeit bietet. Ein paar ganz Wilde versuchen es mit „Stoppen“. Nur ist das heutzutage nicht mehr so einfach. Früher musste man nur den Daumen in die gewünschte Richtung halten und das nächste Auto blieb stehen. Man konnte sich sogar entscheiden, ob man einsteigt oder nicht. Mittlerweile kann man nur noch stoppen, wenn man gutes Durchhaltevermögen, wetterfeste Kleidung und auch sonst eine dicke Haut hat. Gelegentlich kommt es vor, dass sich Stopper vor Verzweiflung auf die Straße werfen und Krämpfe vortäuschen.

34

B re g e n z e r w a l d S p e k t r um


Ganz Unbezwingbare nehmen den Nachtbus. So er denn fährt und nicht wieder einmal eingestellt werden musste. Etwa weil einige Fahrgäste ihr kurz zuvor genossenes Sammelsurium an alkoholischen Getränken im Bus nochmals anschauen wollten. Was die Busfahrer und die Verantwortlichen für die Busflotte verständlicherweise wenig begeistert. Es gibt auch Jugendliche, die ihre Eltern gut erzogen haben. So gut, dass sie nachts um drei anrufen können und Mama oder Däta steigt ins Auto, kurvt verschlafen durch den halben Wald und holt den Nachwuchs sicher nach Hause. Aber wie selten sind doch so gut erzogene Eltern!

Kurt Bischof, Catering Manager, Mellau – Sandsfjord, Norwegen „Als gelernter Koch bin ich 1979 aus Mellau weggezogen, bereiste auf Kreuzfahrtschiffen die Welt und seit 1995 bin ich als Catering Manager für die Firma ‚statoil’ tätig. Ich bin in Amerika verheiratet, habe zwei Töchter, aber der Bregenzerwald wird immer meine Heimat sein.“

Wir wollen hier nicht länger jammern, sondern vorschlagen, selbst etwas zu unternehmen. Die Jugend gilt als unsere Zukunft und die Zukunft – zumindest ihre bedrohlicheren Vorzeichen – rückt immer schneller immer näher. Da wäre es doch sicher keine so verkehrte Strategie, unseren Jugendlichen die Möglichkeit zu bieten, sich selbst daran zu beteiligen. Auch in politischer Hinsicht. Das hieße, sie zu fördern und zu fordern. Dann könnte womöglich einiges los sein im Wald.

Der Nachtbus bringt mit einer Fahrpreis­ pauschale von zwei Euro jeden Samstag mit zwei Linien (Vorderwald und Hinterwald) hauptsächlich Jugendliche sicher nach Hause.

Bregenzer wald Spekt r um

35


Alter Carina Jielg

Zwischen Egg und Estepona – ja, genau! Er kennt die ganze Welt, hat „sine Hoamat“ aber seit jeher in Egg. Und verbringt die Winter nun in Südspanien – ein weltmännischer Wälder. Auf dem Kühlergrill seines Autos, dort, wo normalerweise das Emblem angebracht ist, klebt ein Abziehbild mit der Aufschrift „legalize cannabis“. Das Bild mit grüner Pflanze und weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund unterscheidet sich kaum vom einst tschechischen, heute deutschen Markenlogo. „Das haben sie mir in Spanien geklaut. Der Sticker klebt dort ohne besonderen Grund – Cannabis ist mir egal. Denn, mal ehrlich, ich bin 71.“ Friedemann Volkart lacht. Es ist das Lachen eines Mannes, der das in verschiedenen Sprachen kann, von einem, der sich auskennt in der weiten Welt. Und dabei sieht er gar nicht so aus. Als wir uns vor einem Gasthaus treffen und er aus besagtem Auto steigt, denke ich zuallererst an Mitterers „Piefke Saga“: Volkart trägt einen grauen Filzhut und eine graue Multifunktions-Wanderhose. Dazu ein kariertes Hemd in Beige und eine Strickjacke in hellem Weinrot. Das und der alles andere als vorarlbergisch, geschweige denn wälderisch klingende Name, lassen mich kurz zweifeln. Als Volkart aber zu erzählen beginnt – zuerst in lupenreinem Bregenzerwälder Idiom Egg’scher Prägung, dann in schwäbisch gefärbtem Hochdeutsch – und sich allmählich seine Lebensgeschichte vor mir auftut, wird mir klar: Mir gegenüber sitzt ein waschechter Wälder weltmännischen Zuschnitts. Geboren wurde Friedemann Volkart 1938 in Stuttgart als Sohn eines Architekten. Dessen schweizerische Herkunft, eine Wiener Mutter und die Sehnsucht nach Bergen veranlasste die fünfköpfige Familie dazu, ein altes Bauernhaus in Egg zu kaufen. „Anfang 1941 wurde die Bevölkerung aus Stuttgart evakuiert, wir Kinder siedelten ganz in den Bregenzerwald nach Egg. Meine Schwestern wurden eingeschult, was dazu führte, dass man mich – den Fünfjährigen – ab Herbst 1944 einfach mitschickte. Also lernte auch ich den Hitlergruß – jeden Morgen in der Schule. Mein Vater war ein kompromissloser Anti-Nazi und er hat sich geärgert – damals war Ewald Sommer NSDAP-Ortsgruppenleiter und Hans Felder Bürgermeister. Nach dem Krieg war plötzlich keiner mehr ein Nazi, alle sprangen wieder in die Kirche und umgekehrt waren wir plötzlich die Reichsdeutschen ...“ Ab 1948 besuchte Volkart die wiedereröffnete Mutter aller Waldorfschulen in Stuttgart. „Dennoch, ich blieb ein Wälder. Der Wald – das sind meine Kindheit, meine Freunde, meine Sprache.“

36

B re g e n z e r w a l d S p e k t r um


Nach Rechts- und Wirtschaftsstudium Ende der 50er-Jahre in München, Nürnberg und den USA arbeitete Volkart in den Niederlanden, dann in den USA. „Mein Vater ist damals gestorben und ich wollte Geld verdienen.“ Ab Mitte der 70er-Jahre sollte der Nahe und Mittlere Osten folgen, wo er den Vertrieb deutscher Abfallanlagen leitete. „Dann holte mich ein Studienkollege in den Großkonzern VEBA in die Recyclingwirtschaft. Ich war permanent auf Achse. Es blieb keine Zeit zu heiraten, Beziehungen sind daran zerbrochen. Zumindest aber habe ich eines geschafft: mit 60 aufzuhören.“ Neben dem alten Bauernhaus in Egg baute er sich vor fast 30 Jahren ein eigenes. Volkart genießt die illustre Nachbarschaft – darunter der Olympionike Hubert Hammerer, Meisterschütze und einst berühmter Waffenexperte. „Als John F. Kennedy 1963 ermordet wurde, hat man Hammerer um eine Expertise gebeten. Ihm schienen große Zweifel angebracht, ob es für den Mord nur die eine angebliche Tatwaffe des beschuldigten Lee Harvey Oswald gegeben hat“, erinnert sich Volkart und lächelt. Seit er im Ruhestand ist, verbringt Volkart die Winter in Südspanien. Zwei Wohnorte sind seit zwölf Jahren gerade genug an Abwechslung – Egg und Estepona. „Ich bewohne dort die Wohnung eines schwäbischen Landwirts, der selbst nie Zeit hat, Urlaub zu machen. Ich schaue auf das Meer, gegenüber liegt Marokko. Es ist ein angenehmer Kontrast zum Winter im Wald, vor allem seit ich nicht mehr Ski fahre.“ Im Sommer, wenn er in Egg bleibt und alle anderen wegfahren, fragen die Leute: „Gosch nöd in Urloub?“ Seine Antwort lautet dann stets: „I muass net fuat – dahoam ischt as am schüonschta.“

„Ich war mein ganzes Leben lang unterwegs. Der Wald war dabei immer Heimat.“ Friedemann Volkart

Bregenzer wald Spekt r um

37


Bregenzerwald

Regionalplanungsgemeinsa

REGIOnalentwicklung Bregenzerwald GmbH Regionalplanungsgemeinschaft Bregenzerwald T +43 5512 26000 . F +43 5512 26000 4 E regio@bregenzerwald.at . H www.regio.bregenzerwald.at Geschäftsstelle Werkraum Bregenzerwald T +43 5512 26386 . F +43 5512 26387 E info@werkraum.at . H www.werkraum.at

Offene Jugendarbeit Bregenzerwald T +43 5512 26000 12 . T +43 5512 26000 4 E office@ojb.at . H www.ojb.at

KäseStrasse Bregenzerwald Verein zur Förderung der Bregenzerwälder Käsekultur T +43 5512 2365-23 . F +43 5512 2365-25 E info@kaesestrasse.at . H www.kaesestrasse.at

bregenzerwald

Bregenzerwald Tourismus GmbH T +43 5512 2365 . F +43 5512 3010 E info@bregenzerwald.at . H www.bregenzerwald.at Alle Institutionen haben ihren Sitz im Impulszentrum Bregenzerwald in Egg.

Das „Bregenzerwald Spektrum“ erscheint zweimal jährlich und kann unter regio@bregenzerwald.at oder telefonisch unter +43 5512 26000 a­ ngefordert werden. Falls nicht alle InhaberInnen von Urheberrechten ausfindig gemacht werden konnten, ist der Herausgeber bei ­entsprechender Benachrichtung gerne bereit, die Ansprüche im üblichen Rahmen abzugelten. Wir haben uns bei der Formulierung der Texte um leichte Lesbarkeit bemüht. Soweit personenbezogene Begriffe v­ erwendet werden, kommt ihnen keine geschlechtsspezifische Bedeutung zu. Berichtigung: In der Ausgabe #4.09 wurde fälschlicherweise Markus Berchtold als Autor des Artikels „Beim Schopf packen“ (Seite 12 – 15) genannt. Der besagte Text wurde von Peter Natter verfasst. Impressum Herausgeber und Medieninhaber: Regionalentwicklung Bregenzerwald GmbH, 6863 Egg Auflage: 13.000 Exemplare Für den Inhalt ­verantwortliche Projektleitung: Urs Schwarz; namentlich gekennzeichnete Beiträge müssen nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen redaktion: Fuchs & Partner, Wien autoren dieser ausgabe: Georg Sutterlütty, Peter Natter, Carina Jielg, Silke Ritter, Guni Fetz bildnachweis: Eva Nicola Rinner (Titel), Roswitha Natter (Porträts auf Seite 2, 10, 17, 18, 20, 22), Marianne Greber (Seite 6), Janine Bereuter (Seite 7), Gottfried Winkel (Seite 8), Hermann Berchtold (Seite 9), Norbert Hiller (Seite 11), Hubert Cernenschek (Seite 12, 13, 14, 16, 30), Alois Fetz (Seite 15), Adolf Bereuter (Seite 19), Oliver Benvenuti (Seite 20), Ludwig Berchtold (Seite 21), Ilse Schneider (Seite 3, 23), OJB (Seite 24, 34), Eva Nicola Rinner (Seite 25), Bernhard Böhler (Seite 3, 27), Martin Huber (Seite 28), Andrea Dorner (Seite 28), Alexander Moosbruger (Seite 29), David Mätzler (Seite 31), Kurt Bischof (Seite 35), Carina Jielg (Seite 37) ­Gestaltung: broger grafik, 6866 Andelsbuch, www.broger.at Druck: Druckhaus Gössler GmbH, 6870 Bezau Die bei der Erzeugung dieses Druckwerkes entstandenen Emissionen werden im Rahmen des Climate­ Partner-Prozesses für Druckerzeugnisse durch den Ankauf und die Stilllegung von ökologisch hochwertigen Emissionsminderungs­zertifikaten aus anerkannten Klimaschutzprojekten ausgeglichen.


Ich habe von der Welt viel gesehen und weiß, wie kompliziert sie ist. Und genau deshalb verlasse ich mich bei allen Geldfragen auf meine Bank zuhause. Wenn ’s um meine Vorsorge geht, ist nur eine Bank meine Bank. Gerade für etwas so Wichtiges wie die eigene Zukunft braucht man einen kompetenten Partner, der die persönlichen Wünsche versteht und dem man vertrauen kann. Sprechen Sie mit Ihrem Raiffeisenberater. www.raiba.at



Bregenzerwald Spektrum V