__MAIN_TEXT__

Page 1

Kritisches Magazin zur Architekturlehre und Praxis

N o1

l a c i t i r C

PERSPECTIVES


Cover: Magdalena Bรถttcher


Editorial

:(: Etwa 8.000 einsatzbereite Absolvent*innen produzieren die deutschen Hochschulen im Fach Architektur jedes Jahr, Tendenz steigend (im Vergleich: 2008 waren es noch 6.194 Absolvent*innen, im Jahr 2018 bereits 8.213). Zwar machen sie nur knapp 2 % der Hochschulabgänger*innen des ganzen Landes aus, dennoch stellt man sich nicht selten die Frage, ob die Welt denn wirklich noch mehr Architekt*innen braucht? * Die Disziplin des Planens und Bauens ist mal wieder in einer Krise, in der erneut ihre Identität, Legitimation und gesellschaftliche Relevanz hinterfragt werden. Kaum ein Beruf ist dermaßen anfällig und reagiert so empfindlich und direkt auf extreme wirtschaftliche, soziale und ökologische Veränderungen, wie sie die Welt derzeit ein weiteres Mal erlebt. Zunehmende Konflikte und Herausforderungen wie rasant schwindende Ressourcen, sozialräumliche Polarisierungen, eine Pandemie und der Klimawandel fordern eine Neuausrichtung der Disziplin, die sich nicht (mehr) vor der traurigen Realität verschließt, langfristige Alternativen aufzeigt und gesellschaftliche Werte und Normen berücksichtigt. Das oft schizophrene Wesen der Architektur, das gern große, auffällige Gesten hervorbringt, dabei aber an den realen Herausforderungen vorbeischaut, muss genesen. Ebenso das ichbezogene produktive Schaffen, welches viel zu oft nur dem reinen Selbstzweck dient. Architektur muss als eine gemeinschaftliche, soziale und kulturelle Praxis verstanden und als verlässliches Instrument zur Bewältigung von Konflikten und Krisen genutzt werden. Wir müssen uns Architekt*innen in die Pflicht nehmen! Will man das Übel bei der Wurzel packen, gerät unweigerlich die tradierte und nicht zuletzt infolge der Bologna-Reformen standardisierte und effizienzorientierte Architekturausbildung in den Fokus. Die Architekturhochschulen mit ihrer schwer von Wettbewerbsstimmung aufgeladenen und betreuungsintensiven Lernkultur nehmen eine Schlüsselrolle im Diskurs ein. Ebenso die normativ verdichteten Mythen, die um den Studiengang und die Disziplin Architektur kursieren, und Ursprung einer ungesunden Arbeitskultur sind. Eine

bedenkliche Leistungsethik steht in enger Verbindung zur kollektiven Identität von Architekturschaffenden und vereint alle Angehörigen der Disziplin. Bereits junge Studierende eignen sich so ungesunde Arbeitsmethoden und Normen an. Anstatt also leistungswillige, aber angepasste, vereinheitlichte und austauschbare Architekt*innen hervorzubringen, sollten Architekturschulen vielmehr Impulsgeber und Motor einer beruflichen Transformation sein und die nötige Diversität in Theorie und Praxis fördern. Die Frage ist erlaubt, ob sich das Berufsfeld Architektur vielleicht deshalb erneut in eine tiefe Krise manövriert hat, weil die Hochschulen ihren Abgänger*innen das falsche, untaugliches oder gar unvollständiges Handwerkzeug vermitteln? Gibt es einen Widerspruch zwischen der Welt innerhalb der Hochschulen und der Realität da draußen? Und da es wohl so ist: Wie kann man den Gegensätzen begegnen? Ausgelöst durch meinen persönlichen Weg durch das Architekturstudium, meine Beobachtungen und teils zutiefst frustrierenden, zuletzt aber sehr hoffnungsvollen Erfahrungen, möchte ich mit Critical Perspectives den dringend notwendigen Diskurs über die sich wandelnden Herausforderungen in der Architekturausbildung anstoßen und bereichern. In einer Zeit großer Umbrüche müssen Lehrende, Studierende und Praktizierende sich der Frage stellen, welchen Beitrag Architektur zur Lösung der Probleme liefern kann und inwiefern wir Architekt*innen uns selbst als Teil dieser Lösungen verstehen? Welche Forderungen sollen wir Studierenden an unsere Ausbildung stellen und wie radikal sollen wir sie herbeiführen? Wie können uns die Lehrenden dabei unterstützen und welche Inspiration und Motivation liegt der Wechselbeziehung Student*in – Lehrer*in dabei zugrunde? Wie werden wir als Studierende auf kommende Herausforderungen vorbereitet? Welche Kompetenzen für zukunftsorientiertes Handeln werden uns vermittelt? Lernen wir als künftige Architekt*innen, Sorge für unser Handeln zu tragen? Und geht es endlich einmal um das Warum, also den Inhalt von Architektur?


Wie viele Architekt*innen braucht das Land? * Würde man Deutschland auf alle hier frisch gebackenen Architekt*innen des letzten Jahres verteilen, so bekäme jede*r ein Stück, so groß wie Berlin Neukölln.

2016: 7.600 2000: 6.366

2007: 5.559 1993: 4.372

Entwicklung der Absolvent*innen im Fach Architektur in Deutschland von 1993 bis 2018 Quelle: Statistisches Bundesamt


Unsere Forderungen nach einem strukturellen und inhaltlichen Umdenken in der Architekturausbildung können nicht laut genug sein und führen zwangsläufig zu einer kritischen Analyse der Maschinerie Hochschule, deren starre Strukturen und Abläufe linear und hierarchisch angelegt sind und die sich inhaltlich lange Zeit auf die bloße Vermittlung von Musterlösungen konzentrierte. Um unsere Profession zu rehabilitieren, müssen besonders wir als angehende Architekt*innen das Aktive und Extreme wieder stärker forcieren. Ziel muss es sein, eine produktive Bewegung zu schaffen, weniger getragen durch bauliche Erzeugnisse, vielmehr durch das Hinterfragen des architektonischen Wertesystems, durch kritisches Reflektieren über das Selbstverständnis unserer Disziplin sowie das Verhältnis von Architektur und Gesellschaft – durch probieren, experimentieren und die Bereitschaft, Neues zu wagen. Wir alle müssen uns hierfür von ein paar Bequemlichkeiten und liebgewonnenen Gewohnheiten verabschieden: etwa dem bodenlosen Vertrauen in unreflektierte Vorgaben und Richtlinien, der narzisstisch motivierten Jagd nach Anerkennung und kurzweiligem Erfolg oder aber dem nächtelangen Sinnieren über gestalterische Nebensächlichkeiten. Vor den Bildschirmen der Laptops sitzend, in sicheren Blasen, fernab der herausfordernden Realität, werden wir einen Paradigmenwechsel mit Sicherheit verpassen. Veränderung muss von innen heraus gedacht und angestoßen werden! Die erste Ausgabe des kritischen Magazins zur Architekturlehre und Praxis ist ein Impuls, sich dem Dialog über die Bedeutung von Architektur in Zeiten großer Fragen anzuschließen und hierfür die Produktionsbedingungen von Architektur(schaffenden) an den Hochschulen kritisch zu erörtern. Das grundsätzliche Nachdenken über Lernen, Lehren und Praktizieren im Berufsfeld Architektur soll zukunftsfähige Inhalte und Methoden befördern und positive Veränderungen innerhalb der Ausbildungskultur herbeiführen, die nachwirken. Angeregt wird die Notwendigkeit zu einer solchen Diskussion auch von denkwürdigen Erfahrungen innerhalb unseres Architekturinstituts (Roundabout, Frage der Woche, 2019), beispielhaften Studierendenprotesten aufgrund katastrophaler Zustände innerhalb der Universitäten

(Studierendeninitiative TU Darmstadt „Liebe Architektur, wir müssen reden ... “, 2018), einer allgemeinen Politisierung junger wie alter Menschen (globale Bewegungen wie „Fridays for Future”) und dem kollektiven Bedürfnis zur Überwindung einer unproduktiven Ohnmacht. Der erste Teil des Magazins ist ein Exkurs in die allgemeine Wahrnehmung von Architektur und betrachtet kritisch die Verhältnisse in der Berufs- und Lebenswelt von Architekt*innen. Das zweite Kapitel dokumentiert Beobachtungen am Institut für Architektur der TU Berlin, die Auslöser einer Reihe teilweise politischer Fragestellungen sind und den bestehenden Rahmen der tradierten Architekturausbildung anzweifeln. In einem dritten Teil geht es vor allem um meine persönlichen Studioerfahrungen und die besonderen Herausforderungen als Architekturstudentin mit Kind am IfA. Der letzte Teil des Magazins will Studierenden und Lehrenden neue Möglichkeitsräume innerhalb der Architekturausbildung eröffnen und gibt gleichzeitig ein Stimmungsbild der aktuellen Situation sowie die Forderungen und Wünsche einiger Architekturstudierender am IfA wieder. Das Magazin gibt keine vollständigen und absoluten Antworten auf die Ausgangsfragen. Vielmehr ist es eine Sammlung von Beobachtungen, Ideen und Anregungen zu den aktuellen Anforderungen an die Architekturausbildung und das architektonische Schaffen. Auch Widersprüchliches und Subjektives finden hier Platz. Der sehr persönliche Charakter einiger Beiträge resultiert aus individuellen Erlebnissen der Autor*innen mit Architektur(lehre) und dem Wunsch, möglichst unverblümt heterogene Positionen und Erfahrungen einzubeziehen und deren Wert hervorzuheben. Critical Perspectives ist ein Plädoyer für eine neue Haltung in der Ausbildung und Praxis von Architekt*innen und verfolgt die Absicht, einen kontinuierlichen, bunten, demokratischen und fruchtbaren Dialog zwischen allen Beteiligten anzuregen. Das Magazin macht vor allem uns Studierenden Mut, kritische Perspektiven einzunehmen und somit aktiv zur Entwicklung eines gesunden und demokratischen Lernumfeldes beizutragen. Critical Perspectives ist voller Hoffnung und stärkt den Glauben, dass am Ende alles gut geht. Magdalena Böttcher


Inhalt 3 8 9 10 96

Editorial Kontributor*innen Literatur Impressum Dank

TENDENZEN IN DER PRAXIS 14

Kapitel 1

Nixklusion und jede Menge ... ismus Architektur ist in allen Kulturen, Geschlechtern und Altersgruppen anzutreffen. Architekt*in werden kann dennoch nicht jede*r! Ein Text über Gleichheit, Vielfalt und Inklusion in der Architektur. 24

„Ach, du hast Architektur studiert ... ” Über die Dimension von Architektur. Und darüber, warum wir nicht die Garage der Eltern von Freunden planen können.

Kapitel 2

AM IFA: UNTER UNS

44

30

Nach mir keine Sintflut!

24 / 7 Adrenalin, Entgrenzung, Tunnelblick – in den Entwurfsstudios am IfA ist meistens was los. Jedenfalls so lange es draußen noch dunkel ist. Bilder, die wir alle kennen.

Alles nur für das gute Gefühl? Ein Gespräch mit einem, der sich eifrig dafür einsetzt, das Studium für uns Architekturstudierende besser zu machen bzw. dafür kämpft, dass die Umstände zumindest nicht schlechter werden. 50

Die Architekt* innenschmiede Viele Studierende treten mit großen Erwartungen an das Architekturstudium heran. Zudem ranken zahlreiche Geschichten um die Disziplin und das Berufsfeld Architektur. Wir entzaubern einen Mythos.


Kapitel 3

AM EIGENEN LEIB 62

Ripple-Effekt Design for social impact and big change! Oder: Wie wir in Zeiten großer Fragen einen Fuß vor den anderen setzen? Ein Entwurfsstudio der ganz anderen Art entwickelt bewusst Gegenmaßnahmen zur gängigen (Ausbildungs-)Praxis und erntet damit so manches Kopfschütteln – auch unter den Teilnehmer*innen! 74

Heute war ich eine gute ... Mutter? Studentin? Person? Präsentationen mit Schwangerschaftsbauch, Stillen im Hörsaal – all das geht. Was dagegen gar nicht geht, ist der Wickelraum am IfA! Doch als Architekturstudentin mit Kind muss man eben Kompromisse machen.

RAUS AUS DER BLASE Kapitel 4 82

Offen gesagt Liebes IfA, es ist Zeit, einmal Tacheles zu reden! Darüber, wie sich das Architekturstudium und das Institut in Zukunft verändern sollen; über all die Dinge, die schief laufen; und darüber, wie es besser werden kann. 86

Stop Architorture! Einfach mal anders machen! Über eine nachhaltige Studiokultur, gesunde Studierende, Wertschätzung und Ressourcenmanagement.


Kontributor*innen

Magdalena Böttcher studiert seit einer gefühlten Ewigkeit Architektur an der TU Berlin. Dabei will sie eigentlich gar keine Architektin werden. Jedenfalls nicht so eine, die dem Titel zwingend nachjagt. Dem selbstbetitelten Methodenstudium Architektur kann sie dennoch viel Gutes abgewinnen. Und auch der frische Wind am IfA stimmt sie zuversichtlich. Ihre letzten Zweifel hat sie schließlich während der Arbeit an diesem Magazin ausgeräumt. Critical Perspectives wirkt wie eine Friedenspfeife.

Vera Burkhardt macht all das, wovon viele Architekturstudierende nur so träumen: Reisen in ferne Länder, immer viel frische Luft atmen, unzählige Sprachen lernen, sich als Jongleurin versuchen und ihre Zeit mit Menschen teilen, von und mit denen sie lernen will. Zur Zeit ist sie auf einer Baustelle in Ecuador im Einsatz und baut zusammen mit Pasos e. V. ein Kulturzentrum. Dabei hat sie die Architektur vor einiger Zeit an den Nagel gehangen. Jedenfalls das Masterstudium an der TU Berlin. Für Critical Perspectives schreibt sie über den Erfolg von Umwegen.

Julian Mönig ist eher einer von der ausgeglichenen Sorte. Selbst im größten Stress ist er der Fels in der Brandung. Dabei sind seine Ansprüche an sich selbst und seine Arbeit als Architekt verhältnismäßig groß. Julian macht immer viel. Und das meiste davon gleichzeitig: Studium, Bürojob, selbst Hand anlegen auf Baustellen. Außerdem ist er gleich in mehreren Kollektiven Mitglied. Auf die Disziplin Architektur mit ihren Höhen und Tiefen blickt er auf S. 28 ebenso spürbar gelassen.

Laila Kuchinke Palmarini könnte auch Geschichtslehrerin, Dolmetscherin oder gar Managerin eines sehr großen Unternehmens sein. Doch seit kurzem ist sie frisch gebackene Absolventin und trägt den schönen Titel M. Sc. Architektur. Glücklicherweise beschneidet diese Auszeichnung keineswegs ihre bunten Interessen oder Fähigkeiten, denn Laila ist für so vieles zu begeistern. In Critical Perspectives nimmt sie uns mit auf die Suche nach Antworten im Labyrinth der Möglichkeiten. 8


Abdullah N. A. G., Beh S. C., Che Ani A. I., Tahir M. M. & Tawil N. M. (2011). Architecture design studio culture and learning spaces: A holistic approach to the design and planning of learning facilities. Procedia Social and Behavioral Sciences, Vol. 15, S. 27-32. Unter: https://doi. org/10.1016/j.sbspro.2011.03.044 (abgerufen am 08.01.2020).

Braslavsky, P., Ihsen, S. & Kaufmann, H. Technische Universität München (2018). Frauen in der Architektur. Vorstudie zur Entwicklung eines drittmittelfinanzierten Forschungsprojektes über fachkulturell relevante geschlechtergerechte Veränderungen in der Architektur. Unter: https://mediatum.ub.tum.de/doc/1519783/1519783. pdf (abgerufen am 20.06.2020).

American Institute of Architecture Students (AIAS) (2002). The Redesign of Studio Culture. A Report of the AIAS Studio Culture Task Force. Washington, DC: American Institute of Architecture Students. Unter: http://www.aias.org/wp-content/uploads/2016/09/The_Redesign_of_ Studio_Culture_2002.pdf (abgerufen am 09.01.2020).

Bundesarchitektenkammer (2019). Struktur- und Gehaltsanalyse der Architekten und Planer 2018. Unter: https://www. bak.de/w/files/bak/07-daten-und-fakten/ architektenbefragungen/gehaltsumfrage/bak-broschuere-mitgliederbefragung2018endfassung.pdf (abgerufen am 26.04.2020).

Anthony, K. H. (2001). Designing for Diversity. Gender, race, and ethnicity in the architectural profession. Urbana and Chicago, USA: University of Illinois Press. Architecture Lobby (2016). Pamphlet 2. Unter: http://architecture-lobby.org/ wp-content/uploads/2016/11/2015_Tactics_Pamphlet_02.pdf (abgerufen am 25.02.2020). Association of Collegiate Schools of Architecture (ACSA) (2020). Where Are the Women? Unter: https://www. acsa-arch.org/resources/data-resources/ where-are-the-women-measuring-progress-on-gender-in-architecture-2/ (abgerufen am 09.07.2020). Böhm, B. & Hipp, A. (2019). Forschung in der Architekturausbildung. Sozialwissenschaftliche Methoden in der Entwurfslehre an zwei Architekturschulen in Großbritannien und der Schweiz. In E. M. Froschauer, C. Salge & C. Ebert (Hrsg.), Vom Baumeister zum Master. Formen der Architekturlehre vom 19. bis ins 21. Jahrhundert (Bd. 3, S. 70-87). Unter: https:// doi.org/10.14279/depositonce-7789 (abgerufen am 23.02.2020). Bosworth, K. (1994). Developing collaborative skills in college students. New Directions for Teaching and Learning, Vol. 1994 (59), S. 25–31. Unter: https://doi. org/10.1002/tl.37219945905 (abgerufen am 20.04.2020). Böttcher, M. (2020). Online-Befragung. Dein Blick auf unsere Ausbildung am IfA. TU Berlin. Unter: https://isis.tu-berlin.de/mod/questionnaire/report.php?instance=6067&group=0 (abgerufen am 14.07.2020). Boyer, E. & Mitgang, L. (1996). Building Community: A New Future for Architectural Education and Practice. Princeton: Carnegie Foundation for the Advancement of Teaching.

Bundesarchitektenkammer (2018). Wettbewerbsstatistik. Unter: https://www.bak. de/w/files/bak/03berufspraxis/wettbewerbswesen/wettbewerbsstatistik2018.pdf (abgerufen am 26.04.2020). Bundesarchitektenkammer (2020). Bundeskammerstatistik nach Geschlechtern, Stand 01.01.2020. Unter: https://www. bak.de/w/files/bak/07-daten-und-fakten/ architektenbefragungen/bundeskammerstatistik/bundeskammerstatistik-nach-geschlechtern-zum-01.01.2020.pdf (abgerufen am 28.04.2020). Deamer, P. & Langdon, D. (Gäste). (2018, 26 April). Can design education promote social justice? [Podcast]. In B. Zeichner (Produzent). Social Design Insights. Folge 70. Bend, Oregon/USA: Curry Stone Foundation. Dutton, T. A. (1987). Design and Studio Pedagogy. Journal of Architectural Education (1984-), Vol. 41, Nr. 1, S. 16-25. https://doi.org/10.2307/1424904 (abgerufen am 20.07.2007). Fisher, T. R. (2000). In the Scheme of Things: Alternative Thinking on the Practice of Architecture. Amsterdam: Amsterdam University Press. Fisher, T. R. (1991). Patterns of Exploitation. Progressive Architecture, Mai 1991, S. 9. Gribat, N., Misselwitz, P., & Görlich, M. (Hrsg.). (2017). Vergessene Schulen: Architekturlehre zwischen Reform und Revolte um 1968. Leipzig: Spector Books. Grützmacher, J., Gusy, B., Lesener, T., Sudheimer, S. & Willige, J. (2018). Gesundheit Studierender in Deutschland 2017. Ein Kooperationsprojekt zwischen dem Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, der Freien Universität Berlin und der Techniker Krankenkasse. Unter: https://www.ewi-psy.fu-berlin.de/einrichtungen/arbeitsbereiche/ppg/

Literatur bwb-2017/_inhaltselemente/faktenblaetter/Gesamtbericht-Gesundheit-Studierender-in-Deutschland-2017.pdf (abgerufen am 06.07.2020). Middendorff, E., Apolinarski, B., Becker, K., Bornkessel, P., Brandt, T., Heißenberg, S. & Poskowsky, J. (2017). Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland 2016. Zusammenfassung zur 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks – durchgeführt vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung. Berlin: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Unter: https://www.bmbf.de/upload_filestore/pub/21._Sozialerhebung_2016_Zusammenfassung.pdf (abgerufen am 18.12.2019). Nicol, D., & Pilling, S. (2000). Changing Architectural Education: Towards a New Professionalism. London: Spoon Press. Roundabout (2019). Frage der Woche – Umfrageergebnisse. TU Berlin. Schön, D. (1985). The Design Studio: An Exploration of its Traditions and Potentials (Architecture and the Higher Learning). London: RIBA Publications Limited. Statistik der Bundesagentur für Arbeit (2019). Berichte: Blickpunkt Arbeitsmarkt - Akademikerinnen und Akademiker. Unter: https://www.bak.de/w/files/ bak/07-daten-und-fakten/arbeitsmarkt/ broschuere-akademiker-2019.pdf (abgerufen am 26.04.2020). Statistisches Bundesamt (Destatis) (2018). Hochschulen auf einen Blick. Unter: https://www.destatis.de/DE/ T h e m e n / G e s e l l s c h a f t - U m w e l t / B i ldung-Forschung-Kultur/Hochschulen/Publikationen/Downloads-Hochschulen/broschuere-hochschulen-blick-0110010187004. pdf?__blob=publicationFile (abgerufen am 30.06.2020). Statistisches Bundesamt (Destatis) (2019). Studierende: Deutschland, Semester, Nationalität, Geschlecht, Studienfach. Unter: https://www-genesis.destatis.de/ genesis//online?operation=table&code=21311-0003&levelindex=0&levelid=1588052134928 (abgerufen am 04.12.2019). The Directory of African American Architects (2020). Database Summary. Unter: http://blackarch.uc.edu (abgerufen am 09.07.2020). Wikipedia-Autoren. (2001, Oktober 16). Macht. Unter: https://de.wikipedia.org/ wiki/Macht (abgerufen am 01.07.2020).

9


Magdalena Böttcher

Impressum

freies Lehrforschungsprojekt Sommersemester 2020 Technische Universität Berlin Natural Building Lab NATURAL BUILDING LAB

Herausgeberin Magdalena Böttcher magdalena-b@gmx.de Autor*innen Magdalena Böttcher Vera Burkhardt Julian Mönig Laila Palmarini Kuchinke Bildnachweise Cover Magdalena Böttcher; S. 6 Csilla Klenyánszki; Ann Lee; S. 7 Irby Pace; Delaney Allen; S.  8 (1) Magdalena Böttcher; (2) Vera Burkhardt; S.  8 (34) / 64-67 / 68 / 70 / 72-73 / 96-97 Action Village; S. 20 Katharina Cibulka; S.  30-43 Magdalena Böttcher und Veronika Montag; S. 51 Louis Hellman; S. 52 AStA TU Berlin – EB104; S. 57 Richtige Architekten; S.  58 François Beaurain; S. 59 / 95 Architecture Lobby; S. 63 / 71 Pink Mushroom Gang; S.  66 TU Berlin; S. 69 NBL; S. 11 / 77 Magdalena Böttcher; S.  82-83 Sérgio Valle Duarte Wikidata has entry Q16269994 with data related to this item., Crowd at Knebworth House - Rolling Stones 1976, Ausschnitt von M.B., CC BY 3.0; S. 86 lifeofanarchitecturestudent.net; S. 88 Pius E. Pahl - Bauhaus-Archiv Berlin; S. 91 Forrest Jessee; S. 92 Jan Kampshoff 10

Druck UNIKOPIE Berlin Online www.nbl.berlin Lob & Kritik magdalena-b@gmx.de Dies ist die erste Ausgabe des Magazins. Und noch dazu ein Einzelstück. Hoffentlich fühlen sich viele Architekturstudierende zu Ähnlichem inspiriert und setzen die Reihe der kritischen Überlegungen zur Lehre und Praxis in der Architektur(ausbildung) fort! Ein IfA-Magazin von Studierenden für Studierende, eine Veranstaltungsreihe, ein offener Brief ... Wichtig ist, dass wir Studierende überhaupt an der öffentlichen Diskussion über Form und Inhalt unserer Ausbildung teilnehmen, starke Meinungen entwickeln und uns Gehör verschaffen! Viele Stimmen sind außerdem lauter als eine!


Who wants change?

Who wants to change?

Who wants to lead the change?


Tendenzen in der Praxis Kapitel 1


Der erste Teil des Magazins ist ein Exkurs in die allgemeine Wahrnehmung von Architektur und betrachtet kritisch die Verhältnisse in der Berufs- und Lebenswelt von Architekt*innen. Als eine Disziplin, die sich zu jeder Zeit und in enger Wechselwirkung mit ihrer Umwelt und der Gesellschaft entwickelt und verändert, ist umstritten, was genau das Wesen von Architektur ausmacht und welche grundlegenden Kompetenzen und Eigenschaften die Angehörigen der Fachrichtung eint. Architekturschaffende des 21. Jahrhunderts müssen ihre individuelle Rolle innerhalb der Gesellschaft und somit eine ganz eigene Definition vom Berufsbild Architekt*in finden. Ihr Selbstbild ist demnach ein Zusammenspiel von einer allgemeinen Wahrheit, der individuellen Haltung und dem professionellen Wirkungsbereich und muss kontinuierlich hinterfragt werden. Architekt*in ist folglich nicht gleich Architekt*in. Architekturschaffende bewegen sich heute irgendwo zwischen Selbstreferenzialität und sozialer Verantwortung, Männerdomäne und Gleichberechtigung, Diskriminierung und Inklusion, Tradition und Zukunft und zwischen Bauboom und Nachhaltigkeitsstreben.

13


S U M S I X U E S IERISM R S R U KA BLEISM S A SISMU S U A R IMISM S S S U PE ZISSM S R U A N GOISM IS E VATIV R E M S S I N T KO OGMA M D ACHIS M MeToo, Black Lives Matter oder Fridays for Future: das System, in dem wir Menschen uns eingerichtet haben, wird aktuell durch zahlreiche Bewegungen infrage gestellt. Weltweit schließen sich Menschen aller Altersstufen und unabhängig von Herkunft und Geschlecht zusammen, um gegen starre, veraltete und unfaire Verhältnisse und Konventionen aufzubegehren. Soziale Strukturen werden ebenso kritisiert wie ökologische und ökonomische Gefüge. Verglichen mit anderen Disziplinen, muss sich das Tätigkeitsfeld Architektur in diesem Zusammenhang gleich mehreren Vorwürfen stellen. Architektur soll nicht nur geschlechterspezifische, rassistische und wirtschaftliche Ungleichheiten sowie die bereits andauernde ökologische Katastrophe lösen, Architektur wird oft auch für die Entstehung und das Andauern der Probleme verantwortlich gemacht. Dass Architekt*innen allein all diese komplexen Herausforderungen lösen können, ist unwahrscheinlich. Doch indem wir anerkennen, dass das architektonische Schaffen aus vielen verschiedenen Wissensbeständen schöpft und in allen Kulturen, Geschlechtern und Altersgruppen anzutreffen ist, wird ein Abbau defizitärer Strukturen und das Etablieren einer Kultur der Gleichheit, Vielfalt und Inklusion in der Architektur möglich.


Nixklusion und jede Menge ... ismus

US

S US S S US SM S U M S U M Text und Grafik: Magdalena Böttcher

Schließlich ist am Geschlechter-Missverhältnis im Architekturberuf wohl etwas dran. Obwohl an den Architekturfakultäten dieses Landes inzwischen mehr Frauen als Männer erfolgreich ein Studium absolvieren, sind Frauen in dem öffentlichen Diskurs über Architektur immer noch deutlich unterrepräsentiert. Nur gut ein Drittel aller in den Kammern eingetragenen Architekt*innen sind weiblich. Im europäischen Ländervergleich befindet sich Deutschland hinsichtlich des Frauenanteils unter Architekturschaffenden sogar nur auf Platz 15 von 25 (TU München, Frauen in der Architektur, 2018). Laut einer Gehaltsanalyse der Bundesarchitektenkammer verdienen Architekten außerdem nach wie vor mehr als ihre Kolleginnen, und zwar im Mittel 20 % mehr (bezogen auf eine Vollzeittätigkeit). Ebenso ungleich ist das Ergebnis bei der Betrachtung des zeitlichen Umfangs der angestellt tätigen Kammermitglieder. Nur 9 % der männlichen arbeiten gegenüber 44 % der weiblichen angestellt Tätigen in Teilzeit. Zudem verzichten meist Frauen (90 %) „freiwillig” auf die Ausübung des Architekturberufs um bspw. eine Familie zu gründen und zu managen (Bundesarchitektenkammer, Struktur- und Gehaltsanalyse der Architekten und Planer, 2018). Es hat schwerwiegende Folgen für die Zukunft der Disziplin, wenn hoch qualifizierte Planerinnen, die ein langes und arbeitsintensives Studium erfolgreich

abgeschlossen haben, aufgrund einer diskriminierenden Kultur und Praxis innerhalb des Berufsfeldes nicht als Architektinnen arbeiten und diese Fachkräfte fehlen. Sobald man den Beruf Architekt*in erwägt, gibt es neben dem Frausein allerdings noch weitere Merkmale, die ein Hindernis darstellen können. In den USA erleben das vor allem People of Color und hier besonders Schwarze Frauen und Frauen mit afroamerikanischer Herkunft. Im Vergleich zu vielen anderen Ländern präsentiert sich die amerikanische Kultur zwar als ein buntes Mosaik von ethnischen Gruppen, doch lediglich 2 % aller lizenzierten Architekt*innen in den USA sind Schwarz oder afroamerikanischer Herkunft, darunter 0,3 % Frauen (The Directory of African American Architects, Database Summary, 2020). Die Frauenquote insgesamt in den USA steigt seit einigen Jahren zwar kontinuierlich an, allerdings sind heute nur zwei von fünf Architekt*innen weiblich (bei 48 % weiblichen Studierenden) (ACSA, Where Are the Women?, 2020). Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welchen Weg Architektinnen und Architektinnen of Color nach Abschluss ihres Studiums einschlagen. Weder in den Führungspositionen namhafter Büros, noch im wissenschaftlichen Bereich sind Frauen und People of Color mehrheitlich sichtbar. Gibt es einen strukturellen Drop-out, der durch fachkulturell begründete Exklusionsmechanismen dazu führt, dass diese Menschen nicht in ihrem Beruf bzw. auf den oberen Sprossen der Karriereleiter ankommen? Die Diskussion um Gleichheit, Vielfalt und Inklusion unter Architekturschaffenden übergeht oft die wesentlichen, bereits in der Ausbildung institutionalisierten Praktiken und Dynamiken. Schon an den Architekturschulen existieren unzählige Hürden, die Studierende mit bestimmten Merkmalen oder fehlenden Ressourcen ausschließen. Zum Zeitpunkt der Bewerbung zählen hierzu u. a. eine besonders künstlerisch aufgearbeitete Projektmappe oder ein hoher Numerus Clausus. Ohne Zugang zu technischen Hilfsmitteln (Layoutprogramme) oder finanzielle Unterstützung (bereits entscheidend für die Schulwahl und somit die Art des Abschlusses) werden sich 15


diese Kandidat*innen – trotz fachlicher Eignung – sicherlich nicht oder nur selten für ein Architekturstudium entscheiden. Außerdem stellen sich junge Menschen diesen Herausforderungen wohl kaum ohne das Vorhandensein von glaubhaften Vorbildern. Doch im akademischen Mittelbau sowie in der Praxis findet man trotz zunehmender Internationalisierung vorwiegend männliche Architekten aus der Mittelschicht und längst nicht alle ethnischen Gruppen wieder (Anmerkung: Am IfA der TU Berlin gibt es Stand Juli 2020 nur eine Professorin für die Entwurfslehre und alle Professor*innen kommen aus Europa). Aufgrund extrem hoher Ausgaben für Material und Drucke werden ökonomisch weniger leistungsfähige Studierende auch im späteren Verlauf des Studiums oft benachteiligt. Das kosten- und arbeitsintensive Architekturstudium können zudem nur diejenigen in Regelstudienzeit absolvieren, die neben dem Studium nicht für ihren eigenen Lebensunterhalt zusätzlich arbeiten müssen. Finanzielle Unsicherheit durch ein einkommensschwaches Elternhaus, fehlende Ersparnisse oder Studienkredite limitiert die Vielfalt unter den Studierenden. Außerdem finden sich unter den Architekturstudierenden deutlich weniger Studierende mit Kindern und Familienaufgaben wieder (siehe Heute war ich S. 74), so wie Studierende mit physischen oder psychischen Erkrankungen (siehe Gesundheit S. 54). Die Ausbildungssituation ahmt also das nach, was auch der Berufswelt um die Disziplin Architektur zugeschrieben wird: ein von Vitalität, Präsenzkultur und 100-prozentiger Verfügbarkeit geprägter Berufshabitus und wenig flexible bzw. innovative Arbeitszeitmodelle. Außerdem eine männlich geprägte Fachkultur, die traditionellen Rollenbildern folgt und festgeschriebene Geschlechterstereotype reproduziert (Bsp. Frau – Wärme – Kindererziehung). Was sich bereits während der Ausbildung manifestiert, wird im späteren Berufsleben wenig Irritation und Veränderungsmotivation erzeugen. Was können also die Hochschulen tun, damit Gleichheit, Vielfalt und Inklusion bereits innerhalb der Ausbildung gelingen? Wie können sie ganz konkret dazu beitragen, Studienbedingungen zu verbessern und Studienabbrüche zu vermeiden? Angesichts einer weitgehend heterogenen Studierendenschaft bedarf es einer umfassenden 16

Strategie und zielgruppenspezifischer Angebote, um den vielfältigen Facetten kultureller und sozialer Herkunft, des individuellen Bildungs- und Erfahrungshintergrundes und der jeweiligen Lebensumstände der Studierenden gerecht zu werden. Beratungs- und Anlaufstellen für Studierende, Lehrende und Angestellte, die u. a. rassistischen, frauenfeindlichen, queer- und / oder transphoben Gewalterfahrungen ausgesetzt sind, können nicht nur die Betroffenen unterstützen, sondern müssen auch in Entscheidungsprozesse an den Hochschulen eingebunden werden (Zulassungsvoraussetzungen, Berufungskommissionen etc.). Zusätzliche Vernetzungsangebote für unterrepräsentierte Gruppen fördern zudem das Selbstbewusstsein der Personen, die sich sonst ausgeschlossen fühlen. Für Lehrende und Hochschulangestellte gilt: „Only when a critical mass of underrepresented faculty is hired will problems begin to be remedied. But it is not enough to simply hire a diverse faculty […] Many individuals need special support and networking systems to enable them to excel. They crave friendship and support from among their white male colleagues. Many require career guidance to navigate the precarious route to tenure.” (Kathryn H. Anthony, Designing for Diversity, 2001). Gelebte Vielfalt und Wertschätzung dieser muss sich auch inhaltlich an den Architekturschulen widerspiegeln. Projekte im Ausland können z. B. das soziale und kulturelle Engagement von Studierenden fördern. Der Erfolg dieser Projekte ist jedoch davon abhängig, ob die Studierenden auch zusammen mit lokalen Partner*innen und Studierenden arbeiten, eine längere Zeit im Land leben oder die interkulturelle Erfahrung sich nur auf einen kurzzeitigen Austausch der professionellen Expertise beschränkt. Um empathische und glaubwürdige Architekt*innen auszubilden, die auf die Bedürfnisse aller Menschen – unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Kontostand – angemessen reagieren können, erfordert das Berufsfeld besondere Talente, die so vielfältig sind wie die Anforderungen an Architektur selbst. Beim Nachdenken über Vielfalt in der Architekturausbildung sind wir alle aufgefordert, die eigene Position innerhalb der verschiedenen Hierarchien zu reflektieren und den eigenen Habitus zu hinterfragen, der die strukturellen Ungleichheiten mit aufrechterhält.


Architekt*innen sind … ? #Selbstwahrnehmung selbstausbeuterisch!

an der Schnittstelle gesellschaftlicher, gestalterischer, künstlerischer und konstruktiver Aufgaben!

naive Expert*innen!

ehrgeizig!

transdisziplinär!

Mediator*innen der dynamischen Umwelt und des gebauten Raumes!

Gestalter*innen!

Selbstdarsteller* innen!

verantwortlich für die gebaute Umwelt, in der wir Leben!

Künstler* innen und Ingenieur* innen!

kreative Problemlöser*innen!

leidenschaftlich!

arrogant!

vielseitig!

fleißig und narzisstisch!

Dienstleister* innen!

Generalist*innen!

Vermittler*innen und Koordinator*innen!

Idealisten? relevant!

auch nur Menschen!

lebenslange Lerner*innen!

arme Schweine!

Im Rahmen der Online-Befragung (2020) „Dein Blick auf unsere Ausbildung am IfA” wurden Architekturstudierende gebeten, den Satz „Architekt*innen sind … ?” zu vervollständigen. Heraus kam ein Potpourri an Zuschreibungen.

17


18


Wo sind all die Absolventinnen? #schwererAufstieg

Pritzker Preis Deutscher Architekturpreis Professor*innen alleinige Büroinhaber*innen Büroinhaber*innen wiss. Personal an Hochschulen freischaffende Architekt*innen (Hochbau) angestellte Architekt*innen (Hochbau) Kammermitglieder (Hochbau) Architekturschaffende Absolvent*innen Architektur Architekturstudierende Bevölkerung 100

50

0

Anteil an Frauen in der Architektur in Deutschland im Jahr 2018 in % Quelle: Bundesarchitektenkammer, Statistisches Bundesamt, TU München


20


Architektin, Hausfrau und Mutter? #Fachkultur

26

9

74

44

91

56

Gesamt Vollzeit (ab 38 h)

Teilzeit (< 38 h)

Anteil der in Vollzeit und Teilzeit angestellt tätigen Kammermitglieder in Deutschland im Jahr 2017 in % Quelle: Bundesarchitektenkammer

6.000 5.000 4.000

5.290

5.081

4.891 3.488

3.589

3.737

3.000 2.000 1.000 0

2015

2016

2017

Höhe des durchschnittlichen Bruttomonatsverdienst von Vollzeit-Arbeitnehmer*innen nach Geschlecht in € Quelle: Bundesarchitektenkammer


22


Teil einer Minderheit ? #itsallaboutnetworking

von 10 aller Studierenden in Deutschland haben eine physische oder psychische Beeinträchtigung

wie viele von 10 aller Studierenden in Deutschland AngehĂśrige pflegen, ist statistisch nicht erfasst

weniger als

1

von 10 aller Studierenden in Deutschland haben Kinder

Quelle: DZHW, FU Berlin & TK; Studierendenwerk Deutschland

23


Warum wir nicht die Garage der Eltern von Freunden planen können

„Ach, du hast Architektur studiert ... ” Die drei Autor*innen haben Architektur an der TU Berlin studiert und ihr Studium bereits beendet. Hier schreiben sie über ihre individuelle Sicht auf den Beruf Architekt*in und über all das, wofür sich das lange Architekturstudium so lohnt.

24

Wer Architektur studiert, ist danach Architekt*in - denken zumindest die meisten. Das ist auch das Schöne am Architekturstudium, man muss niemandem erklären, was man hinterher damit machen will. Architektur, das kennen alle. Und so kommen schnell die ersten Anfragen von Freunden und Familie: Carport, Gartenlaube, Dachgeschossausbau. Kann Architekt*in ja schließlich alles. Leider wird hierbei gern ignoriert, wie vielseitig Architektur ist und dass die Hochschulen (zum Glück) keine Standard-Architekt*innen hervorbringen.


A

Text: Laila Palmarini Kuchinke

Teil 1: Vom Suchen und Finden

The first year of architecture school is like being in a giant maze, you can only see a couple meters (or in this case: weeks) in front of you and have no clue what awaits when you turn around the corner. Curiosity and stubbornness is what kept me going, what made me turn all the corners and eventually got me to the middle part. Only to find there was no treasure (or in this case: a clear picture of what I would actually do with / in my professional future)! Like most people, my picture of architects was that they design houses. Even though it interested me, I wrote architecture off as a career choice on the belief that a good understanding of physics was essential, which needless to say, I did not have in high school. Then, as an adult, I met architects in positions like curator, writer, artist, graphic designer, conservationist, teacher etc and suddenly I realised it might be something for me after all. So I applied to architecture school well aware that I might not fit the clean cut picture most people have of the profession but hoped it would make my own clearer. The biggest surprise (except the maze) was that it didn’t. Instead, a new world of possibilities blew wide open. Architecture is deeply rooted in many areas of our society and it has so many facets and niches; from engineering to art through sociology, history, materials, conservation, drawing, structure, graphic design, urbanism, writing, people skills, presentation skills, estimating distances accurately, talking about whether a font is too thick or round … it never ends. You can place yourself anywhere on the scale between the big picture and the minimal detail, it’s your choice. So what do you do when you have no clear picture of where on that scale you want to be professionally, when there are no visionary buildings in your head or drive to become the next star architect? It took me some time but I ended up having to change my perception. Studies in architecture is not (as most other studies) a preparation for a profession but instead it is education in perspective, a new angle and as a good friend of mine said; methodology. A way to see your surroundings and the built environment differently. All the questions are still there but now I see them as part of the profession. The constant development, the ever finding of new niches and the luring future might be exhausting at times but it’s what makes the field of architecture so interesting, exciting and very seldom boring. I often wonder if I would have made it through that maze if I wasn’t so stubborn and determined to see what is around that next corner. What other dimension, what new skill and what new challenge could this profession (and the training in it) bring. Now, as I exit the maze, I am still open and curious to learn the many facets and corners of this insanely wide field. Bring it on.

… oder wie ich im ArchitekturLabyrinth den wahren Umfang der Disziplin erkannte

25


Teil 2: Von einer, die ausstieg … oder wie ich über die Architektur zum Veganismus fand

26

N Text: Vera Burkhardt

Es lohnt sich! Es lohnt sich, Dinge manchmal einfach auszuprobieren. Was soll‘s, zur Not war es am Ende eben nur die Erfahrung wert. Ich habe sieben Jahre lang Architektur studiert. Zwar weiß ich kaum noch etwas über Baugeschichte oder Baurecht, dafür kann ich jetzt Konzepte entwickeln, ein Gebäude vom Entwurf bis zur Realisierung begleiten, habe Spanisch, Portugiesisch und jonglieren gelernt, bald drei Gebäude in fremden Ländern gebaut, viele interessante Menschen getroffen und festgestellt, dass ich nicht unbedingt Architektin werden will! Zu Beginn meines Studiums hatte ich keine Ahnung, was auf mich zukommen würde: Jahre voller Recherchen, Nachtschichten, Diskussionen, Rauchpausen, Präsentationen, außerdem Auslandsstudium, Gruppenarbeit, Bauprojekte, Freuden und Krisen. Ich habe viel gelernt. Zum Beispiel beim Zeichnen von Plänen gaaanz weit hineinzuzoomen, um sicherzugehen, dass sich alle Linien genau treffen. Zeitverschwendung? Sicher. Masochismus? Bestimmt. Denn wer schaut bei Präsentationen so genau auf die Pläne? Ist es wichtig, sich derart im Detail zu verlieren? Stundenlang Textfelder auf dem Layout zu verschieben und dann dreimal Probe zu drucken? Es scheint wohl wichtig zu sein, denn das Visuelle ist es, was oft zählt. Schöne Pläne und Modelle sind die halbe Miete. Leider wird das alles aber manchmal viel zu weit getrieben: Nachtschichten, ganze Wochenenden vor dem Bildschirm … Muss das wirklich sein? Warum gehört es in der Architektur zum guten Ton, Tag und Nacht zu arbeiten? Ich persönlich strebe nicht nach diesem Lebensstil. Ich will auch Zeit haben für andere Dinge, solche, die mir Spaß machen und die meinen Horizont erweitern. Heute weiß ich außerdem, dass für mich vielmehr der Inhalt zählt. Eine soziale, nachhaltige Herangehensweise, ein sinnvolles Konzept, Innovation. Doch soziale, ressourcenschonende Architektur wird von manchen Lehrenden eher als Hippietum abgetan. Wird nur für Publikationen gebaut? Für schöne Fotos? Für Preise und Fame? Leider immer noch oft der Fall. Für mich neben den hierarchischen, schulischen Strukturen an der Uni, Machtspielchen und respektlosen Studiobetreuer*innen ein guter Grund, mein Masterstudium an den Nagel zu hängen. Obwohl bis zum Abschluss des Masterstudiums gar nicht mehr viel fehlte. Ach, und wie ich letztendlich zum Veganismus fand? Nun, nach einem Design Build Projekt in Bolivien bin ich in Südamerika geblieben und weiter Richtung Norden gereist. Irgendwann lernte ich Lucía kennen, mit der ich einige Monate durch Mexiko und die USA trampte. Sie ist vegane Aktivistin und hat mir die Augen geöffnet. Ohne mein Architekturstudium, welches mich schließlich nach Südamerika führte, hätte ich sie wahrscheinlich nie getroffen. Es hat sich also gelohnt.


Text: Julian Mönig

Teil 3: Von Kompromissen

Erzählt man, dass man Architektur studiert, sind die Reaktionen der Menschen darauf oft sehr ähnlich. Es scheint sich im kollektiven Gedächtnis ein Bild des Berufes Architekt*in gefunden zu haben, welches in solchen Situationen einfach abgerufen wird. Entweder kennt jemand über drei Ecken Menschen, die ebenfalls Architektur studieren (auch in anderen Gesprächen eine sehr „nützliche” Information) oder man bekommt ernüchternde Reaktionen wie: „Toll, ein schöner Beruf. Willst du dich dann später irgendwie spezialisieren oder baust du dann normale Häuser?“ Bei Gehalts-Rankings taucht der Beruf Architekt*in weit oben in der Liste der am schlechtesten bezahlten Akademikerjobs auf. Es wirkt absurd, wenn man bedenkt, für was Architekt*innen alles verantwortlich gemacht werden können. Zum Vergleich: Ein*e Immobilienmakler*in verkauft ein Haus und bekommt eine frei verhandelbare Provision für die Vermittlungsleistung. Das Honorar von Architekt*innen für den Bau eines Hauses dagegen ergibt sich aus einem niedrigen prozentualen Anteil der Baukosten. Diese fallen meist sehr viel niedriger aus als der spätere Verkaufswert (dass Planung und Ausführung ein jahrelanger Prozess werden können, sei hier unerwähnt). Ist die Entscheidung versehentlich trotzdem auf das Architekturstudium gefallen, und ist man selbst nach einem kosten- und zeitintensiven Studium endlich im Büro angekommen, muss man schließlich auch noch die eigene künstlerische und architektonische Haltung an der Garderobe abgeben und wird zur*m Dienstleister*in des Architektur-Machens degradiert. Wieso ist der Beruf trotzdem toll? Viele meiner Freunde, die in anderen Jobs arbeiten, belächeln mich aufgrund meines niedrigen Jahreseinkommens. Doch wenn eben diese Freunde dann erzählen, was sie in ihren besser bezahlten Berufen so machen, wird meist klar, dass ich derjenige bin, der mehr Spaß an der Arbeit hat. Wir Menschen beschweren uns im Allgemeinen gerne darüber, wie schlecht es uns geht. Einige sind besonders gut darin, sich selbst immer benachteiligt zu fühlen. Auch in der Architektur ist das so. Auslöser hierfür sind u. a. die schlechte Entlohnung und die langen Arbeitszeiten. Aber seien wir mal ehrlich: Wir haben einen tollen Beruf gewählt. In unserem Job gibt es neun Leistungsphasen, die alle unterschiedlich sind. Wir bewegen uns zwischen Aquarellskizzen und Excel Tabellen, zwischen Konstruktionszeichnungen und Terminplänen, zwischen Amtsschreiben und Wettbewerbsträumereien. Wir können Projekte initiieren, Ausstellungen konzipieren, Bauwerke bauen lassen und selbst mit anpacken. Wir haben uns nicht nur einen der am schlechtesten bezahlten Akademikerjobs ausgesucht, sondern auch den vielseitigsten. Hört also auf, unzufrieden zu sein, und sucht euch eine Nische. Und wenn ihr keine findet, dann baut sie euch doch einfach selbst!

… oder warum ich trotz schlechter Bezahlung gern Architekt bin

27


Am Ifa: Unter uns Kapitel 2


Der zweite Teil des Magazins dokumentiert Beobachtungen am Institut für Architektur der TU Berlin, die Auslöser einer Reihe teilweise politischer Fragestellungen sind und den bestehenden Rahmen der tradierten Architekturausbildung anzweifeln. Hierbei geht es immer um das große Ganze, nämlich um die Frage, inwiefern das Architekturstudium uns Studierenden zukunftsfähige Inhalte, Methoden und arbeitskulturelle Aspekte vermittelt, die uns für die herausfordernde Welt außerhalb der Hochschule wappnen und sich hierfür als geeignetes Handwerkzeug erweisen. Da sich diese Frage nicht pauschal für alle Hochschulen beantworten lässt, steht das IfA im Mittelpunkt der Beobachtungen. Doch auch Berichte aus anderen Architekturschulen fließen in die Betrachtungen ein. Besonderes Augenmerk liegt im folgenden Kapitel auf den Themen Selbstsorge / Fürsorge, hochschulpolitische Strukturen, Beteiligung, Klischees und Mythen. Etwas Ironie ist auch dabei.

29


Adrenalin, Entgrenzung, Tunnelblick – in den Entwurfsstudios am IfA ist meistens was los. Jedenfalls so lange es draußen noch dunkel ist. Bilder, die wir alle kennen. Fotos: Magdalena Böttcher & Veronika Montag

24 / 7

30


„Alles andere – wie das Privatleben oder die Arbeit – bleibt links liegen. Dort bekommt man dann zusätzlichen Druck.”

Im Rahmen der Online-Befragung (2020) „Dein Blick auf unsere Ausbildung am IfA” wurden Architekturstudierende am IfA der TU Berlin gefragt, ob und wie viele Nächte sie bereits im Studium durchgemacht haben und wie es ihnen dabei erging. Nur eine Person hat bisher jede Nacht schlafend verbracht.

31


„Am Ende fühlt man diese toxische Mischung aus grundfalschem Stolz und der Frage, wie viel Sinn es eigentlich ergibt, so zu arbeiten bzw. zu leben.”

32


33


34


„Es war eine Achterbahnfahrt, die rückblickend ineffizient und überflüssig war.”

35


36


„In den ersten Semestern hat es noch Spaß gemacht, weil alle in einem Boot saßen. Nach ein paar Semestern merkt man aber, wie sehr das Wachbleiben an den Nerven zieht und wie wenig man eigentlich schafft.”

37


„Es gab wohl selten eine gute Präsentation nach einer durchgemachten Nacht.”

38


39


„Wer ist am längsten da? Wer steckt am meisten rein? Es gab fast Konkurrenz im Studio.”

40


41


42


„Wenn der Druck nachlässt, fällt man in ein tiefes Loch!”

43


Alles nur für das gute Gefühl? Ein Gespräch mit einem, der sich eifrig dafür einsetzt, das Studium für uns Architekturstudierende besser zu machen bzw. dafür kämpft, dass die Umstände zumindest nicht schlechter werden. Interview: Magdalena Böttcher

Nach mir keine Sintflut! M: Leo, du hast durch deine diversen Ämter einen guten Überblick über alle Entwicklungen rund um das Architekturstudium am IfA. Denkst du, es ist notwendig, dass Studierende und Lehrende endlich gemeinsam und laut über unsere Ausbildung diskutieren? L: Wir brauchen auf jeden Fall mehr Diskussion! Durch die Entwurfsprojekte und Seminare haben wir ja durchaus diskursive Formate, doch an vielen Stellen scheitert der Diskurs am herrschenden Personalmangel. Es kommen zu viele Studierende auf zu wenig Lehrende und das kann sich perspektivisch nicht wirklich verändern. Selbst wenn die Universität neue Professor*innen einwirbt, müssen wiederum mehr Studierende zugelassen werden. Das sieht die Kapazitätsverordnung des Landes Berlin so vor. Der schlechte 44

Betreuungsschlüssel ist daher eines der zentralen Probleme. M: Die Bereitschaft der Studierenden, sich für positive Veränderungen einzusetzen, ist auch entscheidend. Es gibt sehr viele Studierende, die unzufrieden mit ihrem Studium sind, sich aufgrund mangelnder Kapazitäten allerdings nicht oder nur wenig engagieren. Mir begegnet oft: Veränderung ja bitte, aber ich hab dafür keine Zeit! L: Ja, das ist sicherlich ein Teil des Problems. Die Studierenden haben einfach wahnsinnig wenig Zeit bzw. ist es durchaus auch eine bewusste Entscheidung der Fachgebiete, die Studierenden gerade in den ersten Semestern mit sehr viel Arbeit zu beschäftigen und somit zu überfordern. In der Vergangenheit haben einige Studierende bereits


selbst die Initiative ergriffen und sich mit direkter Kritik an bestimmte Fachgebiete gerichtet. Im ersten Jahr z. B. haben meine Kommiliton*innen der Grundlehre und ich einen offenen Brief an das betreffende Fachgebiet geschrieben und gesagt, dass die wöchentlichen Übungen mit immer neuen Modellen eine wahnsinnige Herausforderung für uns Studierende darstellen und nicht mehr viel Zeit für andere Fächer lassen. Genützt hat es nichts. M: Wir müssen also unsere Stimme erheben, denn Professor*in xy kommt sicher nicht auf die Idee, freiwillig etwas vom Lehrplan zu streichen. Doch wie können wir uns gut organisieren, um keine zusätzliche Belastung im Arbeitsalltag zu schaffen? L: Ich glaube, es sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Zum einen ist die Frage, inwieweit die Studierenden überhaupt ein Mitspracherecht haben und Ernst genommen werden? Zum anderen dann die Frage, wie gut sich die Studierenden organisieren und anhand welcher Themen? Themen, die die Strukturen von Studium und Lehre betreffen, machen den Studierenden nicht besonders viel Spaß. Außerdem haben wir an dieser Stelle ein strukturelles Problem, denn wir können die Dinge ja immer nur für unsere nachfolgenden Generationen verändern. Das hat auf viele eine abschreckende Wirkung, denn man selbst hat eher wenig davon. Außer das gute Gefühl vielleicht. M:

Welches ja reichen könnte!

L: Ja, welches reichen könnte! Aber tatsächlich sehen das viele anders. Dabei gibt es eigentlich jede Menge studentisches Engagement am IfA. Das zeigt sich nur nicht auf der strukturellen, also Instituts-politischen Ebene, sondern in freien Projekten und in inhaltlicher Arbeit. Hierzu zählen u. a. die häufig von Studierenden initiierten Design Build Projekte, die Arbeit vom Roundabout, die IfA Jahresausstellung und das Café A. Aber ich habe das Gefühl, dass sich die Studierenden am ehesten engagieren, wenn es ihnen persönlich etwas bringt. Und das tut inhaltliche Arbeit meistens eher als strukturell politische Arbeit. Zudem sind

die Universitätsgremien, in denen es eine formelle Mitbestimmung gibt, relativ starr und unflexibel. Die Beteiligung hierüber ist sehr limitiert. M: Auf der Suche nach Mitstreiter*innen für mein Magazin wurde ich auch öfter nach einer Entlohnung in Form von Leistungspunkten gefragt. Für unentgeltliche Mitarbeit waren nicht alle offen. Das kann man den Mitstudierenden aufgrund des allgemein geforderten Arbeitspensums nicht übel nehmen. Dabei ist die politische Dimension ja ein entscheidender Teil unserer Arbeit als angehende Architekt*innen. In den Entwurfsstudios sind wir durchaus bereit, starke Positionen zu entwickeln und großes Engagement aufzubringen. Aber es bleibt eben in den Studioräumen und Unigemäuern hängen. Es fehlt oft der Weitblick in die Welt nach dem Studium und in das Arbeitsleben. Wenn wir uns schon in der Uni nicht aufraffen können, um uns für gute Lehre und eine gesunde Arbeitskultur einzusetzen, sind wir später wohl noch weniger bereit etwas bewegen zu wollen. L: Da hast du einen guten Punkt. So richtig gesellschaftlich gewollt ist es ja nicht unbedingt, dass sich Leute in ihrem Job für bessere Verhältnisse einsetzen. Außer vielleicht bei Lohnverhandlungen. Und das am besten unorganisiert und alle nur für sich selbst. Das ist auch das Ideal, das uns gerade in der Bildungspolitik vermittelt wird. Es fängt in der Schule an und hat mit der Bachelor-Master-Reform auch an der Uni Einzug gehalten. Es gibt den permanenten Leistungsdruck und die Gewissheit, dass man mit dem Bachelor im Fach Architektur – zumindest so wie er bei uns am IfA organisiert ist – nicht als Architekt*in arbeiten kann. Dadurch sind wir gezwungen, auch noch ein Masterstudium zu machen, für das wir noch einmal ein Auswahlverfahren durchlaufen müssen. An anderen Unis gibt es da andere Lösungen. An der UDK gibt es bspw. einen 4-jährigen Bachelor, der formal ausreicht, um sofort mit den notwendigen Workshops zu beginnen, welche Voraussetzung für die Kammereintragung sind. M: Die lange Ausbildungszeit hat demnach auch einen Einfluss darauf, wie fähig und stark wir 45


uns fühlen, Veränderungsprozesse anzustoßen. Ich habe außerdem das Gefühl, dass wir Studierende gelegentlich wie Schüler*innen behandelt werden. L: Stimmt, aber die Studierenden kommen auch immer früher bei uns an der Uni an. Mittlerweile ist es normal, dass bereits 17-Jährige anfangen zu studieren. Und die sind natürlich irgendwie noch Schüler. Einige sind persönlich auch noch nicht so weit gereift, dass sie in der Lage sind, sich gegen die Meinung von Professor*innen zu stellen oder eine starke, eigene Haltung zu entwickeln. Die halten sich ganz klar an den Regelstudienplan und der wird dann zum Stundenplan, so wie in der Schule. Erst wenn die Studierenden Kurse im freien Wahlbereich belegen müssen, also im 3. oder 4. Semester, fangen viele an, den Regelstudienplan zu verlassen. Hier erhalten wir bei der Studienfachberatung dann regelmäßig Fragen wie: Wo finde ich denn Freie Wahl Kurse, die stehen gar nicht im KVV? Daran sieht man, wie unselbstständig einige Studierende trotz ihres Studiums sind. M: Der Bereich Freie Wahl sollte ja auch dazu dienen, mal etwas über den Tellerrand hinaus schauen und vielleicht sogar die architektonische Blase verlassen zu können. L: Die Architekturstudierenden bekommen leider teilweise gar nicht mit, was an der Uni sonst noch so los ist. Das KVV ist hierfür ein gutes Beispiel. Es ist natürlich super, dass unser gesamtes Lehrangebot semesterweise gebündelt aufgeführt wird, aber die Studierenden blenden dann den Rest der Uni aus. Ein Teil des Problems ist auch die Luxussituation, dass wir fast nie das Gebäude wechseln müssen und fast alle Lehrveranstaltungen im Haus statt- finden. Alle anderen Studis rennen über den ganzen Campus und kriegen viel mehr von der Uni als Ganzes mit. Wir dage- gen versauern hier im Archi- 46

tekturgebäude. Auch deswegen funktionieren Interdisziplinarität und die Verbindung zu anderen Instituten schlecht. Die Bauingenieure sitzen z. B. am anderen Ende der Stadt. Wenn wir nicht mal etwas von den Disziplinen mitbekommen, die uns fachlich am nächsten sind, dann ist es schwierig. M: Wenn wir nicht aufgefordert werden unsere Blase zu verlassen, dann passiert das in der Regel eher selten bis gar nicht. Ich selbst habe vor Kurzem an einem recht ungewöhnlichen Entwurfsstudio teilgenommen, das verstärkt den Austausch mit anderen Disziplinen und Fachbereichen der TU gesucht hat und gängige Strukturen umkrempeln wollte. Heraus kam dann allerdings kein Standard-Entwurf, sondern ein sehr freies Projekt. Ich persönlich fand das toll. Aber es gab auch viele Probleme, allein im Haus. Beispielsweise war es unfassbar schwierig, den PIV mit dem Projekt zu kombinieren. Wenn es also schon IfA-intern nicht funktioniert, wie soll man dann angeregt werden, auch mal auf die andere Straßenseite zu gehen? Wie können wir dieses Problem lösen? Und wessen Aufgabe ist es? L: Für so etwas fehlt den Lehrenden wohl die Zeit. Aber alles nur mit mangelnder Zeit und Kapazitäten zu begründen, ist zu einfach. Die Idee mit den PIV‘s in Gebäudetechnik und Tragwerkslehre ist eigentlich voll gut. Aber sie funktioniert seit Jahren relativ schlecht. Weil sich die Lehrenden inhaltlich untereinander nicht gut abstimmen. GTE und TWL machen jedes Semester ungefähr das Gleiche. Aber die Entwurfsstudios schaffen es nicht, diese Bereiche vernünftig einzubinden. Das liegt auch an den verschiedenen Rhythmen der Lehrenden. Die Studiobetreuer*innen sind oft nur donnerstags und freitags an der Uni und ansonsten im Büro.


„Die Uni ist wie ein alter Öltanker! Sie braucht viel Zeit, um ihre Richtung zu ändern. Dadurch muss sie aber nicht jede neoliberale Welle mitnehmen.” Zitat eines Langzeit-Studenten


Andere Fachgebiete sind wiederum von Montag bis Mittwoch im Haus. So entstehen Parallelwelten. Und es wird einfach zu wenig kommuniziert unter den Fachgebieten. Es ist schön, dass bei fast allen Neuberufungen immer mitgedacht wird, mit welchen existierenden Fachgebieten Themenüberschneidungen auftauchen und wo Kooperationsmöglichkeiten liegen. Aber diese Möglichkeiten werden letztlich kaum wahrgenommen. Das NBL ist als Entwurfsfachgebiet hier allerdings ein sehr positives Beispiel, das aktiv die Kommunikation und Kooperation mit anderen sucht. Aber oft ist das anders. Solche Kooperationen sind außerdem nur dann erfolgreich, wenn sie mittel- und langfristig angelegt werden. Aufgrund der vielen Gastprofessuren ist das aber gar nicht richtig möglich. Und es ist natürlich stark personenabhängig.

L: Der Entwurf ist sehr, sehr mächtig. Und tatsächlich hat die Wahl der Projekte am Ende einen erheblichen Einfluss darauf, wie wir ausgebildet werden. Beispielsweise führt das sogenannte Berliner Modell, also die gemeinsame Lehre von Entwurf und Baukonstruktion, dazu, dass die Studierenden im Wesentlichen am Entwurf arbeiten und alles andere, auch die konstruktive Arbeit, irgendwie nebenbei machen. An anderen Schulen wird das anders gelöst. Dort sind Entwurf und Baukonstruktion zwei getrennte Fächer. Ich weiß nicht, ob das unbedingt besser ist? Durch die Trennung wird zumindest die Macht des Entwurfs ein wenig reduziert. Auch wenn die Studierenden dann häufig zwei Entwürfe, also einen konzeptionelleren und einen konstruktiven, parallel machen. Der Berliner Weg ist dagegen vielleicht ein wenig realitätsnaher, aber auch nur dann, wenn beides gleichwertig betrachtet wird. Und ich glaube, dass dies bei vielen Studierenden und auch Lehrstühlen nicht immer so ist.

„Es herrscht eine veränderte Atmosphäre am IfA und die Möglichkeitsräume haben sich deutlich erweitert.” M: Hinzu kommen bestimmte Mythen, die im und um den Studiengang kursieren, sowie eine ungesunde und negative Arbeitskultur, die alle Angehörigen der Disziplin zu vereinen scheint. Denken wir nur mal an den Irrglauben, dass Architekt*innen immer viel und auch nachts arbeiten müssen. Diese Mythen werden von Generation zu Generation weitergegeben. Das haben auch schon unsere Lehrenden während ihrer Ausbildung erlernt. Um so etwas zu durchbrechen, müssen wir unsere Selbstwahrnehmung ändern. Erst dann kann ein Umdenken bezüglich der Inhalte und Formate unserer Ausbildung folgen. Der Entwurf bspw. gilt seit jeher als Herzstück der Architekturausbildung. Nichts scheint wichtiger und oft bleibt kaum Zeit für andere Fächer. Wir identifizieren uns sehr stark über die Entwurfsarbeit. Und wenn wir ehrlich sind, charakterisieren wir unsere Mitstudierenden anhand ihrer gewählten Entwurfsprojekte. Ein Projekt beim Fachgebiet xy lässt auf diese und jene Vorliebe und Art von Architekt*in schließen usw. – zack, rein in die Schubladen! 48

M: Begegnen dir durch deine Arbeit noch weitere Probleme im Architekturstudium am IfA? L: Das Ausgangsproblem ist meist gleich. Viele Studierende bekommen dann Fragen, wenn sie sich von der normalen StuPO, also vom Regelstudienplan, entfernen. Sobald sie sich von den Vorgaben lösen, fangen sie an zu schwimmen. Unter anderem, weil sie noch nie eine StuPO gelesen haben oder weil sie die Modulbeschreibungen nicht kennen. Sie wissen nicht über die rechtlichen Grundlagen Bescheid, die ihr Studium bestimmen. Das ist ein Problem. Die StuPO ist nicht so lang, die kann man ruhig mal lesen. M: Solche Fragen tauchen sicher auch bei anderen Gruppen auf, die nicht ins Schema F passen: Austauschstudierende, Studierende mit Kind etc.? L: Ja, es geht oft um die Organisation des Studiums. Vor allem bei Studierenden, die nicht die Möglichkeit haben, die viele Zeit aufzubringen.


Das Thema Teilzeitstudium tritt dagegen verhältnismäßig selten auf. Eigentlich nur bei Studierenden mit Kind und das sind am Institut sehr wenige. Ich glaube, dass ein wirkliches Teilzeitstudium nach unserer StuPO auch eher schwierig ist. Das merke ich bei mir selbst. Es sieht so aus, dass man ein Semester einen Entwurf macht und im nächsten dann eben keinen. Das Teilzeitstudium an sich wird auch aus Sicht der Uni ein wenig belächelt und wenig Ernst genommen. Das fiel mir auch bei der Arbeit an der aktuellen BA-StuPO auf. Ein Teilzeitstudium ist immer der Sonderfall, der in der Planung so gut wie gar nicht berücksichtigt wird. Kein Wunder also, dass es auch so selten von Studierenden wahrgenommen wird. Ich denke, daran wird sich so schnell auch nichts ändern. M: Welche Auswirkungen hat das auf das studentische Engagement bezüglich strukturellen Themen, also hochschulpolitischer Arbeit? L: In den höheren Universitätsgremien findet man relativ wenige Studierende. Aber die, die man da findet, sind langjährig dabei und Überzeugungstäter*innen. Sie studieren deswegen auch länger. Man muss allerdings auch sagen, dass es fast gar nicht anders geht. Das universitäre System von demokratischer Mitbestimmung setzt ein hohes Maß an informellem Wissen voraus um sinnvoll mitdiskutieren zu können. Ich selbst habe auch 2 bis 3 Jahre gebraucht, bis ich überhaupt dahinter gestiegen bin, welches Gremium für was zuständig ist. Dieses Wissen wird innerhalb des Systems auch nur mühsam ausgetauscht und weitergegeben. M: Was ist für dich der Anreiz, weiterhin dabei zu sein? Überwiegt die Hoffnung darauf, dass sich am IfA etwas bewegt oder bist du eher resigniert? L: Ich war lange Zeit resigniert. Doch dann haben wir Ende letzten Jahres (2019) einen sehr großen Erfolg gehabt und konnten mit Geld der Fakultät neue Technik für das IfA kaufen. Das hat mich wieder motiviert weiter zu machen und mir gezeigt, dass ich etwas verändern kann. Als Teil der Studienfachberatung bekomme ich auch das Gefühl, dass ich Studierenden dabei helfen kann,

ihre Probleme zu lösen. Insgesamt bewegt sich jetzt auch viel. Aktuell in puncto Digitalisierung durch Corona. Das war und ist zwar für alle anstrengend, aber für die Professor*innen ist es gut zu sehen, dass sie auch digitale Instrumente haben, die sie einsetzen können. Ich hoffe, dass diese Erfahrung langfristig Früchte trägt und zukünftige Lehre, sobald sie wieder physisch stattfinden kann, durch digitale Angebote unterstützt wird. Das wird sich positiv auswirken. So wie die guten Ideen einiger anderer Leute im Haus, die etwas verändern wollen. Die Prozesse dauern eben nur sehr lange. Das ist Vor- und Nachteil zugleich. Ein befreundeter Langzeit-Student hat die Uni mal mit einem alten Öltanker verglichen. Sie braucht viel Zeit, um ihre Richtung zu ändern. Dadurch muss sie aber nicht jede neoliberale Welle mitnehmen. M: Ja, es liegt Veränderung in der Luft. Am IfA wurden endlich die Fenster aufgemacht. L: Es herrscht eine veränderte Atmosphäre am IfA und die Möglichkeitsräume haben sich deutlich erweitert, nicht zuletzt durch den Wechsel der geschäftsführenden Direktoren. Wenn wir es nun auch noch schaffen, die traurige Quote der Professorinnen zu verbessern und gute und fähige Leute für künftige Neuberufungen zu finden, die sich auch mal den Zukunftsthemen annehmen, kann das Institut insgesamt einen guten Sprung nach vorne machen. Leonardo Freitag ist Teil der Sorgenzentrale für Architekturstudierende am IfA. Seit 2018 berät er Studierende und Studieninteressierte gemeinsam mit Nilhan Tezer bei Fragen zum Studienverlauf und Problemen mit der Unibürokratie. Anfang 2017 hat er mit anderen Studierenden die Fachschaft Team IfA gegründet und setzt sich für positive Veränderungen im Architekturstudium am IfA ein. Etwa genauso lange sitzt er schon im Institutsund Fakultätsrat. Den Schwerpunkt seines Engagements hat er somit von der Arbeit im AStA ins Institut verlagert. Nebenbei studiert er selbst seit 14 Semestern BA-Architektur (seit 2015 in Teilzeit). Für dieses Gespräch hat er sich im vollen Corona-Home-Office viel Zeit genommen. 49


Viele Studierende treten mit großen Erwartungen an das Architekturstudium heran. Zudem ranken zahlreiche Geschichten um die Disziplin und das Berufsfeld Architektur. Wir entzaubern einen Mythos.

Arch(i)e(tek)typen

Zahlreiche Mythen und Legenden, in denen Verhaltensweisen, Erfahrungen und Träume zu Personen geronnen sind, ranken sich um den Beruf Architekt*in. Die überlieferten Geschichten bringen SteText: Magdalena Böttcher reotype hervor, die wohl etwas unscharf und undifferenziert sind, aber bis heute wenig von ihrer Bedeutung verloren haben und Bologna noch immer benutzt werden, um die großen und die kleiReformen erfordern Ausdauer. Als die europäischen Bildungsminen Namen in fein säuberliche nister*innen 1999 die europaweite Vereinheitlichung von StudienSchubladen einzusortieren. gängen beschließen, haben sie optimistische Ziele: Das Studium soll Schubladen wie: Generalist*in, internationaler und kürzer werden und besser auf den Arbeitsmarkt Philosoph*in, Techniker*in, vorbereiten. Bologna ist eine Absage an Elfenbeinturm und Provinz, Designer*in, Unternehmer*in, eine Hinwendung zu Dynamik und Globalisierung. In zahllosen DeBaumeister*in, Bastler*in, Rebatten wird daraufhin die Einführung des Bachelor-Master-Systems volutionär*in, Starchitekt*in kritisiert und der Untergang der Universitäten beschworen. „Verund und und. Ist man ihnen gut schulung, Bulimie-Lernen, Schmalspur-Studium!” rügen Bolognas gesonnen, so erzählt man sich Gegner. Vielleicht haben sie hierbei nicht ganz Unrecht. Auch im von pfiffigen Alleskönner*inanwendungsorientierten Architekturstudium werden alte Studiennen, die für jede noch so komund Lehrformen in neue Module gepresst und ECTS als Instrument plexe Situation eine kreative zur Gewichtung innerhalb des Curriculums eingeführt. UnterstütLösung parat haben und von zung von der Bildungspolitik erhalten die Universitäten kaum. Und Ästhet*innen, die zu Recht dazu die Studierenden? Die klammern sich auch nach 20 Jahren Bologna berufen sind, ihren nachfolgennoch an ihre vollgestopften Studienverlaufspläne und liefern sich den Generationen ein Stück geein Wettrennen mit der Zeit. Diesbezüglich kommt jedoch vor allem baute Umwelt zu hinterlassen. von den Architektenkammern und Architekturbüros Kritik, die durch Die Beschreibungen im Comic die kurze Studienzeit die Qualität der Lehre bedroht sehen. Ohnehin „The Image of the Architect” qualifiziert ein 3-jähriger Bachelor-Abschluss allein nicht für eine (1990) vom britischen CartooEintragung in die Kammerlisten und gilt somit – entgegen den Zielen nist Louis Hellman (bekannt für der Reform – unter Architekt*innen nicht als berufsqualifizierend. seine Archi-têtes Zeichnungen, Trotz der allgemeinen Meinung vieler Hochschulen bieten die TU in denen er bekannte ArchitekDresden und TU Kaiserslautern parallel weiterhin bzw. wieder Dipten im Stil ihrer Bauwerke kalomstudiengänge im Fach Architektur an. Dort wird die Reform also rikiert) sind dagegen weitaus reformiert. weniger heroisch. Anmerkung: Unter dem Direktzugang 147150 findet man auf der FaAnmerkung: Hellman ist auch kultätsseite der TU noch Studien- und Prüfungsordnungen von 1986. Architekt. Ein Insider also! 51


Chancen Die Wettbewerbsstatistik der Bundesarchitektenkammer verrät, dass es 2018 insgesamt 514 Wettbewerbe in Deutschland gab. Nur drei weniger als im Jahr zuvor, dagegen deutlich mehr als noch in den Jahren vor dem Bauboom (Vgl. 2011: 318 Wettbewerbe). Die Zahl der offenen Wettbewerbe wiederum hat sich seit vielen Jahren nur gering verändert und ist konstant niedrig. Waren es 2011 gerade einmal 39 offene Wettbewerbe, gab es 2018 nur 48 für Architekt*innen und Ingenieur*innen offen zugängliche Auslobungen. Die Zahlen stehen stellvertretend für die Chancen von jungen Architekt*innen, heutzutage über einen Wettbewerb Aufträge zu erhalten. Sie sind gering! Dabei gehören Wettbewerbe zum Karriereplan vieler Absolvent*innen. Doch heute dürfen sich oft nur noch diejenigen an einem Wettbewerb beteiligen, die eine lange Liste vergleichbarer Projekte und viele Jahre Berufserfahrung vorweisen. Auslober wollen Sicherheit, Renommee, geringe Kosten und ein Ergebnis, das ihnen gefällt. Ohne Referenzen keine Wettbewerbsteilnahme – junge Architekt*innen werden in Deutschland oftmals auf ihre nicht gerechtfertigten Demokratie Plätze verwiesen. Nur wie an Referenzen gelangen, wenn Demokratische Mitbestimmung der Studierenden an Hochschulen man ohne sie nicht zu Wettbeist wichtig. Die politische Rolle der Studierendenschaft hat großen werben eingeladen wird? Einfluss auf die Atmosphäre und das Leben aller Studierenden auf Anmerkung: Die wettbewerbsdem Campus. Studierendenparlament (StuPa), Allgemeiner Studieinitiative engagiert sich für rendenausschuss (AStA), Vertreter*innen im Institutsrat & Co. füheine gerechtere Planungs- und ren z. B. die Semesterticketverhandlungen mit dem Verkehrsbund (an Vergabekultur in Deutschland der TU Berlin: Fachausschuss Verkehrskonzept und Semesterticket und hat eine Beschwerde an die des StuPa), setzen sich für die Belange bestimmter Gruppen ein (an EU-Kommission verfasst. Leider TU Berlin: Queer-Referat des AStA) oder tragen die Anliegen der wurde die Beschwerde 2019 der Studierenden bestimmter Fachrichtungen in den Institutsrat (am abgewiesen. IfA der TU Berlin tagt dieser einmal im Monat). Außerdem können Studierende neben akademischen und sonstigen Mitarbeiter*innen der Hochschule sowie Professor*innen als Mitglieder in Berufungskommissionen fungieren und so maßgeblich das wissenschaftliche Profil im Allgemeinen und die Lehre im Besonderen mitgestalten. Doch die hochschulinternen demokratischen Strukturen sind für viele Studierende nur schwer nachvollziehbar und der politische Bewegungsspielraum ohnehin eingeschränkt (z. B. findet die Wahl der studentischen Vertreter*innen im Institutsrat der TU Berlin nur alle 2 Jahre statt). Die Folge: das Interesse der Studierenden an hochschulpolitischer Arbeit ist dementsprechend gering, ebenso die Wahlbeteiligung bei der Wahl neuer Vertreter*innen für studentische Gremien. Die strukturelle Arbeit leisten somit oft nur wenige aktive und engagierte Studierende. Meist studieren 52


sie auch deshalb länger oder in Teilzeit. Was folgt daraus für eine demokratische Gesellschaft, wenn schon diese Form der Beteiligung nicht genutzt wird? Wenn Studierende schon an Hochschulen nicht wählen gehen und sich nicht für die Studierendenschaft engagieren? Anmerkung: Wer keinen Schimmer von StuPa & Co. hat, wird vielleicht durch die kleine Gremienkunde des AStA der TU Berlin schlauer: Übersicht auf der linken Seite.

Erfolg

ist ein Prozent Inspiration und neunundneunzig Prozent Transpiration (frei nach einem Zitat von Thomas Alva Edison) und heißt zunächst: Von dem, was man tut, anständig leben zu können. Erfolg im Sinne von berufsinternem Ansehen, etwa dank Wettbewerbserfolgen, hat damit nur bedingt zu tun. Dennoch ist der Mythos vom Ruhm und Reichtum verheißenden Architekturstudium nicht totzukriegen. Junge Architekt*innen verdienen im Vergleich zu anderen Akademiker*innen trotz des anspruchsvollen Studiums allerdings eher wenig. Das mittlere Jahresgehalt beim Berufseinstieg mit Masterabschluss und bis zu drei Jahren Berufserfahrung liegt in Deutschland bei rund 32.000 € (Bundesarchitektenkammer, Struktur- und Gehaltsanalyse, 2017). Nachwuchsingenieur*innen in der Automobilindustrie beispielsweise erhalten beim Einstieg bereits bis zu 50.000 €. Es ist anzunehmen, dass dieser Forschung Abstand auch mit wachsender Architektur ist eine berufspraktisch orientierte Disziplin und wird Berufserfahrung nur selten aufgeholt werden kann. Ein Grund als solche an deutschen Hochschulen unterrichtet. Ziel des projektfür das vergleichsweise geringe basierten Studiums ist es, dass die Studierenden nach einem erfolgGehalt der Architekt*innen ist reichen Abschluss in die berufliche Praxis einsteigen und primär anwendungsorientiert arbeiten. Seit einiger Zeit kann man an verdie Tatsache, dass die Mehrzahl schiedenen europäischen Hochschulen nun eine Orientierung hin zur in kleineren Architekturbüros tätig ist, wo die Umsätze entForschung beobachten, die u. a. durch hochschulpolitische Reformen wie Bologna bedingt ist (Einführung des dreistufigen Bachelor-, Massprechend gering ausfallen. Das sorgt für wenig Spielraum beim ter- und Promotionsstudiums). Seitdem stellt sich für die Architekturschulen verstärkt die Frage, wie Forschung im Entwurfsunterricht Gehalt. praktiziert werden kann und welchen Stellenwert sie im Curriculum Anmerkung: Es gibt durchaus auch positive Entwicklungen. einnimmt (Böhm & Hipp, Forschung in der Architekturausbildung, 2019). An der TU Berlin wird den Masterstudierenden durch das Die Zahl der arbeitssuchenden Architekt*innen befindet sich Lehrforschungsprojekt die Möglichkeit gegeben, einen vollständigen empirischen Forschungsprozess zu durchlaufen. Es gibt somit derzeit auf einem Tiefststand eine Tendenz Richtung Forschung im Architekturstudium, diese ist (2018 jahresdurchschnittlich 1.900 erwerbslose Architekt*inaber noch wenig institutionalisiert und hauptsächlich abhängig von nen laut Statistik der Bundesden individuellen Interessen der Studierenden und Lehrenden. Daragentur für Arbeit). über hinaus ist ungewiss, ob architektonische Entwurfsarbeit im Allgemeinen selbst als Forschungstätigkeit verstanden wird, oder ob nur Forschungspraktiken anderer Disziplinen (z. B. Sozialwissenschaften: Interviews) Forschungswissen generieren, welches dann im Entwurf angewandt werden kann? Ist Entwerfen gleich Forschen? Anmerkung: Unter dem Direktzugang 2606 können alle Forschungsvorhaben der Fakultät VI an der TU Berlin verfolgt werden. 53


Ich finde es sinnvoll, Entwürfen so viel Zeit einzuräumen, um innerhalb eines Semesters wirklich tief in verschiedene Themen einsteigen zu können.

Die Studioarbeit ist oft selbstgewählt sehr aufwendig.

Pausen sind genauso wichtig wie Arbeit. Ohne Pause keine Kreativität.

Gesundheit Probleme im Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit von Architekturstudierenden werden generell eher selten besprochen. Überhaupt ist die Einsicht, dass unsere Arbeitskultur Ursache für körperliche und seelische Leiden ist, innerhalb des gesamten Berufsstandes wenig verbreitet. Dabei ist allgemein bekannt, dass Stress, emotionale Belastung, ein gestörter Wach-Schlaf-Rhythmus und ungesunde Lebensmittel Auslöser für Krankheiten sind. Laut einer Studie klagt jede*r vierte Studierende über ein hohes Stresserleben (25,3 %) und Erschöpfung (24,4 %) – mögliche Vorboten eines Burnouts (DZHW, TK & FU, Gesundheit Studierender in Deutschland, 2017). Bei Architekturstudierenden geschieht all das unter dem Deckmantel der Leidenschaft. Das Maß der Leidensfähigkeit wird an der Anzahl der durchgemachten Nächte gemessen. Die Folgen für Studierende sind enorm. Wenn die Belastung zu hoch ist, können einige ihren Studienalltag nicht mehr bewältigen, brechen eventuell ihr Studium ab oder erleiden womöglich eine existenzielle Krise. Anmerkung: Im Rahmen der Online-Befragung (2020) „Dein Blick auf unsere Ausbildung am IfA” gaben mehr als 85 % der Befragten an, bereits mehr als eine Nacht im Semester wach geblieben zu sein.

Inspiration

Haushalten Ressourcenmangel ist unter Architekturstudierenden ein bekanntes Problem. Gemeint ist vor allem das Fehlen von Zeit. Anmerkung: Im Rahmen der Online-Befragung (2020) „Dein Blick auf unsere Ausbildung am IfA” wurden die Studierenden gebeten, Stellung zu folgender Aussage zu beziehen: „Ein Semester ohne Entwurfsprojekt (um z. B. andere Kurse zu belegen) fühlt sich an wie eine Pause vom Studium!”.

Ich habe ein „Pausensemester” für Vorlesungen genommen. Durch die volle Konzentration auf den Entwurf wird die Theorie leider viel zu oft vernachlässigt. Das kann im späteren Berufsleben zu Wissenslücken führen.

Jargon

Schon sehr früh wird Architekturstudierenden beigebracht: hat so viele Gesichter! Die Zeichnung sei die Sprache Anmerkung: Der Podcast Social Design Insights auf currystonefounder Architekt*innen! Das gilt dation.org ist etwas, das ich bei Mangel an solcher wärmstens empund mag wohl auch genügen, fehlen kann! Während der Arbeit an diesem Magazin hat er mich solange man unter Gleichgeimmer wieder beflügelt. sinnten ist. Denn Architekt*innen kommunizieren vor allem durch die Produkte ihrer Tätigkeit, also durch Pläne, Zeichnungen, Modelle und letztlich auch durch das realisierte Gebäude. Hinzu kommt allerdings das gesprochene Wort, um die visuellen Produkte zu beschreiben und sie auch Menschen außerhalb verwandter Disziplinen zu präsentieren. Und hierbei ist nichts hemmender und schädlicher, als die eigenen Aussagen durch das mehrfache Verwenden abstrakter oder komplizierter Begriffe unverständlich zu machen. Das Erlernen von sogenanntem Architekt*innendeutsch (z. B. Konstruktionsbegriffe) ist einerseits zwar unerlässlich, nicht zuletzt um Anerkennung und Vertrauen unter Kolleg*innen zu erlangen. Will man seine Ideen jedoch realisieren, muss man auch jene überzeugen können, die für gewöhnlich eine andere Sprache sprechen (z. B. die Sprache des Geldes der Investor*innen). Anmerkung: Auf archdaily.com wurden 2015 150 seltsame Wörter gesammelt, die nur Architekt*innen benutzen. Viel Spaß beim Stöbern! 54


Kammer Die Berufsbezeichnung Architekt*in ist in Deutschland durch die Architekten- und Baukammergesetze (ABKG) geschützt. Heißt: Wer diesen Titel führt, hat dokumentiert, über das entsprechende Wissen, die notwendigen Fähigkeiten, ausreichende Praxiserfahrung sowie eine Berufshaftpflichtversicherung zu verfügen. Ein abgeschlossenes Architekturstudium allein reicht in Deutschland also längst nicht aus. Um den Nachwuchs kümmern sich die Kammern in Deutschland also vergleichsweise wenig bzw. spät. In den USA dagegen gibt es das American Institute of ArchitecLast ture Students (AIAS), eine unabhängige, gemeinnützige und Man könnte verzweifeln an den traurigen Tatsachen und Herausforvon Architekturstudierenden geführte Organisation, die landerungen, die uns Architekt*innen bevorstehen: rasant schwindende desweit die Interessen der StuRessourcen, Landflucht und bedrohte Kulturen, Wohnungsknappdierenden vertritt. Das AIAS heit, soziale Ungleichheit, Segregation, Luftverschmutzung, Berge übernimmt ähnliche Aufgaben von Müll, Klimakollaps. Es sieht nicht besonders rosig aus in der wie eine Kammer. Die OrganiWelt da draußen! Für viele von uns ist der enorme Druck, der auf uns sation vernetzt junge ArchitekArchitekt*innen des 21. Jahrhunderts lastet, bereits während des Stuturstudierende untereinander, diums unerträglich. Eine Frage scheint somit unausweichlich: Leiste organisiert Exkursionen und ich durch meine Arbeit wirklich einen Beitrag für die soziale GerechFortbildungen und unterstützt tigkeit oder das Klima? Wahrscheinlich jein. Es ist eben kompliziert. ihre Mitglieder auf dem Weg Anmerkung: Zukunftsangst? Zur Linderung lies auch den Rest des in die Kammer. Vergleichbare Magazins! Interessenverbände sind unter deutschen ArchitekturstudieMacht renden quasi nicht vorhanden. Doch die Fachschaften einiger „bezeichnet die Fähigkeit einer Person oder Gruppe, auf das Dendeutscher Architekturinstitute ken und Verhalten einzelner Personen, sozialer Gruppen oder Bearbeiten daran. völkerungsteile so einzuwirken, dass diese sich ihren Ansichten oder Anmerkung: Laut BundeskamWünschen unterordnen und entsprechend verhalten.” (Wikipedia, merstatistik sind bei den insMacht, 2001). gesamt 16 LänderarchitektenAnmerkung: Im Rahmen der Online-Befragung (2020) „Dein Blick kammern derzeit rund 117.547 auf unsere Ausbildung am IfA” wurden Architekturstudierende der Hochbauarchitekt*innen eingeTU Berlin nach persönlichen Geschichten über Horror-Präsentatiotragen (Stand 1.1.2020). nen, unfaire Kritik oder fehlende Wertschätzung durch Lehrende gefragt. Hier einige Erfahrungen. Was ist deine? Während einer Präsentation klingelt laut das Handy des Professors. Er nimmt ab, fängt an lautstark zu telefonieren und geht dann den Gang runter. Bis zum Ende der Präsentation kehrt er nicht zurück.

Ich musste mich rechtfertigen, weil ich einen Entwurf nicht in Beton realisieren wollte.

Während unserer Bachelorpräsentation hat sich ein Professor an die Wand gelehnt, sprich an unsere Pläne.

Konkurrenz unter Studierenden

Keine wirkliche „Kritik”, sondern irgendwelche Worte mit denen man nicht weiter arbeiten kann.

Aus unbeschreiblichen Gründen habe ich keine.

„Das ist nichts” Kommentar vom wissenschaftlichen Mitarbeiter.

55

Sexismus gegenüber Frauen


Obsession

normal hat unter (angehenden) Architekt*innen keinen sehr positiven Klang! Anmerkung: Interessanter wären wohl Worte wie Nächte, Nachhaltigkeit, Neid, Norm, Neigung, Neufert, Nische, Nutzung, Neo-irgendwas und so weiter.

Architektur ist kein Beruf, sondern Berufung!(?) Und das macht es zweifellos verführerisch: immer auf der Suche nach Inspiration, nach innovativen Ideen für die Welt von morgen. Architekt*innen machen schließlich nicht nur irgendeinen Job, sie gestalten unsere Umwelt. Was ist da naheliegender, als die Disziplin mit dem Mythos der Berufung zu verbinden. Und nebenbei liefert dieser Mythos auch genügend emotionale und ideologische Gründe, um uns für die Strapazen des arbeitsintensiven Architekturstudiums zu entschädigen. Das Annehmen der Berufung hilft, die jahrelangen physischen und psychischen Belastungen zu rationalisieren und einer Sinnhaftigkeit unterzuordnen, mit der sich all das deutlich besser verdauen lässt. Anmerkung: Da dieser Eintrag ja Obsession heißt und nicht Berufung, hier die Gedankenkette: Zur Berufung gehört die Fähigkeit zum Rausch und von da ist es nur noch ein sehr kleiner Sprung zur Obsession.

Praxiserfahrung Qualität, architektonische

ist ein schönes Wort. Die Verhältnisse für Praktikant*innen sind in vielen europäischen Architekturbüros jedoch noch immer prekär: lange Arbeitstage voller Zeichenarbeit, unbezahlte Überstunden, kein Anspruch auf Gehalt bei einem Pflichtpraktikum, mangelnde Wertschätzung. Auf so manche Praxiserfahrung kann man also gern verzichten! Gefunden: Online bei Wirth Architekten, 2016

lässt sich nicht nach Rezept herstellen. Zu groß ist die Vielfalt im Hinblick auf die individuelle Wahrnehmung und das ästhetische Empfinden der Betrachter*innen. Zu mächtig der Einfluss des Verstandes und der Konventionen, denen sich das zu bewertende Objekt unterordnet (oder auch nicht). Und so erstreckt sich die Beurteilung architektonischer Qualität scheinbar oftmals auf dem Niveau der Beliebigkeit. An den Architekturschulen zeigt sich dieses Problem vor allem während Präsentationen und Tischgesprächen: ein scheinbar endloses Diskutieren von Entwurfsdetails, unklare Bewertungskriterien, gefühlte Willkür. Während Studierende versuchen, eigene Kriterien für architektonische Qualität zu entwickeln, sind sie auch immer wieder gewillt, sich denen der Lehrenden anzunähern. Nicht immer nur aufgrund ähnlicher Neigungen oder um Vorbildern nachzueifern. Auch, weil gute Noten im Architekturstudium für den weiteren Berufsweg entscheidend sind (z. B. für das Auswahlverfahren zum Masterstudium, wo die Projekte erneut von einem Komitee bewertet werden. Und spätestens hier beißt sich die Katze in den Schwanz!). Da eine allgemeine Klärung des Begriffs denkbar schwierig, allerdings nicht unmöglich ist, sollten Hochschulen nachvollziehbare Kriterien für architektonische Qualität festlegen, die als Hilfestellung sowohl bei Entwurfsentscheidungen als auch bei Bewertungsprozessen und Auswahlverfahren dienen und Fachgebiet-übergreifend gelten. Zudem können sich die Hochschulen hierdurch ihr eigenes Aushängeschild basteln. Anmerkung: In Berufungskommissionen an Architekturhochschulen werden die Bewerber*innen u. a. im Hinblick auf eine hervorragende fachliche Eignung bewertet. Noch so ein Definitionsproblem! 56


schwarz

Rankings

ist die Farbe der Rollkragenpullis, die (angehende) Architekt*innen tragen. Schenkt man diesem und weiteren Klischees Glauben, so sind Architekturstudierende eigenwillig gestylte und Apple-fanatische Ästhet*innen, die den ganzen Tag nur malen und basteln und sich um ihr Erscheinungsbild mindestens genauso viele Sorgen machen wie um die Wirkung ihrer Entwürfe. Die Architektenkammern sorgen sich inzwischen um das öffentliche Bild ihrer Mitglieder und dem nachfolgender Generationen. Durch zielgerichtete Öffentlichkeitsarbeit räumen sie mit einigen Vorurteilen auf und beeinflussen so hoffentlich die Wahrnehmung des gesamten Berufsstandes in Politik, Wirtschaft, Verwaltung und bei Bauherr*innen. Und ganz nebenbei werben sie damit auch noch auf amüsante Art für die Kammer. Online: www.richtige-architekten.de

Das QS World University Ranking platziert das Institut für Architektur der TU Berlin 2019 auf Platz 12 unter den e­ uropäischen Architekturschulen und Platz 32 im weltweiten Vergleich. Die ETH Zürich dagegen belegt im selben Jahr den dritten Platz unter allen Architekturschulen in Europa und Platz vier unter allen Hochschulen weltweit. Natürlich sagen solche Rankings wenig über die tatsächlichen Kompetenzen und Fähigkeiten der Absolvent*innen und die Qualität der Lehre aus, dennoch sorgen die oft wirtschaftlich orientierten Ranglisten unter Hochschullehrenden und potenziellen Arbeitgeber*innen für große Furore. Dass etwa 50 % der Gewichtung dem Kriterium Reputation zuzuordnen ist – wobei ausgewählte Expert*innen hierzu befragt werden – und nur 20 % der Lehre – genauer dem Betreuungsverhältnis von Studierenden zu Lehrenden – wissen nur wenige. Hier nachzulesen: Internationale Hochschulrankings - Hintergründe, Methodik und die Platzierungen der deutschen Hochschulen, 2018

Tradition

An den meisten Architekturschulen weltweit stützt sich das Studiomodell auf eine lange Tradition innerhalb der Architekturausbildung. Seit der Renaissance hat die Architekturlehre eine ganze Reihe von Organisationsformen wie das Meisteratelier (u.  a. École de Beaux-Arts in Paris, frühes 19. Jahrhundert), die Werkstatt (u. a. Bauhaus in Weimar, 1919) und das heutige Designstudio hervorgebracht, die jeweils mit bestimmten didaktischen Vorgehensweisen, Unterrichtsmethoden und Machtverhältnissen zwischen Lehrenden und Auszubildenden einhergehen. Sie alle sind ein besonderes Resultat ihrer Zeit und somit Ausdruck bestimmter politischer und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. Während die Idee der Meisterlehre, also die Ausbildung durch außergewöhnliche Meister, die gleichermaßen handwerkliches und formales Können auszeichnet, historisch diese besondere Rolle fast ausschließlich Männern und vor allem einzelnen Personen zusprach, sind heute meist mehrere Dozent*innen für die Betreuung der Designstudios zuständig. Geschlechterunabhängige Meinungspluralität ist also glücklicherweise ein fester Bestandteil der Architekturausbildung im 21. Jahrhundert. Anmerkung: Prägend für den Begriff Designstudio ist u. a. der amerikanische Philosoph und Stadtplaner Donald A. Schön (The Reflective Practitioner, 1983). 57


Unvermögen Zugegeben: Architekt*in zu sein, ist kein einfacher Job. Fehler sind unvermeidlich. Manchmal jedoch auch unverzeihlich! Anmerkung: You had one job!

Verhältnisse, reale beschreiben all das, was wirklich der Fall ist. Also auch die harte Realität nach dem Architekturstudium. Dass Architekt*innen nicht nur entwerfen, gehört auch dazu. Dennoch gilt der Entwurf den Architekt*innen als Königsdisziplin. Der Berufsalltag hingegen besteht für gewöhnlich nur zu höchstens 10 % aus Gestaltung und Design. Den Rest füllen Termine, Kosten und Kommunikation. Beratung, Ausführungsplanung, Ausschreibung und Vergabeverfahren, Bau- und Kostenüberwachung sind jedoch Tätigkeiten, die an den Hochschulen kaum oder nur begrenzt eine Rolle spielen (an der TU Berlin z. B. in Form von Wahlpflichtfächern). Natürlich kann man nicht alles davon durch Übungsaufgaben und theoretische Seminare vermitteln, doch die Lücke zwischen Vorstellung und Realität durch Praktika nach dem Studium schließen zu müssen, kann nicht die beste Option für die Studierenden bleiben. DesignBuild als fester Bestandteil im Curriculum könnte einen vielschichtigen Lernprozess unterstützen. Anmerkung: Bis dahin ist es allerdings ratsam, den klassischen Traum vom Architekt*in sein mit der Realität abzustimmen. Die Wahl eines Bauökonomie-Seminars wäre hier schon ein Anfang.

Wertschätzung Wer berufliche Ziele erreichen möchte, sollte den Wert der eigenen Arbeit kennen und schätzen! Doch viel zu oft werden Erfolge in der Architektur vor allem in großen und angesagten Büros ohne Nennung der eigentlichen Akteure gefeiert. Schlechte Bezahlung und mangelnde Anerkennung sind leider oft Standard. Die 2013 von Peggy Deamer gegründete Architecture Lobby ist eine amerikanische Organisation, die sich für den Wert architektonischer Arbeit innerhalb und außerhalb des Berufsstandes einsetzt. Heute hat die Gruppe ca. 450 Mitglieder, die 0,2 % ihres Gesamteinkommens als Beitrag zahlen (Stand Januar 2020), und ist in weiten Teilen der USA aktiv. In ihrem Pamphlet 2 schreiben sie: „In order to reprogram our own identity, those of us in the discipline of architecture need to admit that we are workers. We are part of a global labor force fighting for and deserving fair pay, legal benefits, regulated hours, and termination policies. We need to stop giving away free labor.” (Architecture Lobby, Pamphlet 2, 2016). Anmerkung: Die Arbeit der Architecture Lobby ist großartig und unverzichtbar! Deshalb taucht sie in diesem Magazin auch öfter auf! 58


X - Chromosom Im Jahr 2006 überstieg die Zahl der Absolventinnen im Studienfach Architektur in Deutschland erstmals – wenn auch nur knapp – die Anzahl der männlichen Hochschulabgänger (Frauen: 2.883, Männer: 2.801). Seitdem werden jährlich ungefähr 1.000 Studentinnen mehr als Studenten gezählt (Statistisches Bundesamt) – ein deutlicher Zuwachs an Abgängerinnen also. Die aktuelle Bundeskammerstatistik lässt dagegen verlauten, dass nur 33,9 % der in den Kammerlisten eingetragenen Hochbauarchitekt*innen in Deutschland Frauen sind. Somit studieren heute zwar mehr Frauen als Männer Architektur, im Berufsalltag werden sie aber noch immer als Minderheit wahrgenommen (Auch weil die hier zitierten Zahlen ein verfälschtes Bild vermitteln: der hohe Männeranteil der 1970er bis 1990er Jahre wird in den aktuellen Mitgliederzahlen der Architektenkammern abgebildet.). Trotzdem: je höher man die Karriereleiter hinauf blickt, desto weniger Frauen sind dort zu finden. Obschon inzwischen einige renommierte Architekturlehrstühle an deutschen Hochschulen in weiblicher Hand sind (Das gilt derzeit nicht unbedingt für das IfA der TU Berlin!), Frauen, die eigene Büros leiten, sind heute weiterhin die Ausnahme. Wen wundert da also das Vorurteil, Architektur sei noch immer eine männerdominierte Disziplin, in deren öffentlichem Y - Chromosom Bewusstsein die Frauen weiterhin ihren männlichen Kollegen „Man darf wohl sagen: Er hat fünf Kinder und ist ein berühmter Arzurückstehen? chitekt – sie hat fünf Kinder und ist, genau: eine Architektin. Er hat Rätsel: Wo sind all die Absolsich um das Büro gekümmert (und um die Familie), sie hat sich um ventinnen? Aufklärung liefert die Familie gekümmert (und um das Büro). Und jetzt? Jetzt sind sie S. 19 des Magazins. getrennt und haben jeweils ihre Büros. Er ein sehr großes. Sie eines mit großer Frauenquote, das eher klein ist. Und nein, keiner der beiden Ingenhovens würde über den anderen Ingenhoven ein böses Wort sagen. Sie sagt vielmehr: „Wir hatten eine klassische Arbeitsteilung, von Anfang an. Und ich habe das auch so gewollt. Als Mutter habe ich andere Prioritäten gesetzt. Für mich war und ist die Erziehung meiner Kinder eben auch eine sehr schöne und wichtige Form der Selbstverwirklichung.” Zeit Also alles gut? Fast. Wie lange es dauert, bis man Architekt*in ist? Lange! Als durchHier gelesen: sueddeutsche.de schnittliche reale Studiendauer sind seit der Umstellung auf BaFrauen in der Architektur – Die chelor und Master 10 bis 14 Semester zu erwarten. Laut des StatisGattin des Genies vom 17. Juni tischen Bundesamtes schafften 2016 nur 37 % aller Absolvent*innen 2016 ihren Abschluss in der Regelstudienzeit. Rechnet man zu der Regelstudienzeit noch zwei zusätzliche Semester hinzu, sind es bereits 79 %. Hier ist natürlich nicht nur das eigene Engagement entscheidend, sondern auch, wie viel Zeit man für das Studium aufwenden kann. Muss man sich neben dem Studium den Lebensunterhalt durch Nebenjobs erarbeiten oder betreut zusätzlich noch Angehörige oder Kinder, dauert es schnell mal ein paar Semester länger. Doch egal ob Turbo- oder Langzeitstudium, eigentlich geht es doch immer nur um die verbleibende Zeit bis zur nächsten Präsentation. Anmerkung: „The concept of time is not forward, but a countdown from the time a project is due.” (lifeofanarchitecturestudent.net) 59


Am eigenen Leib Kapitel 3


Im dritten Teil des Magazins geht es vor allem um meine persönlichen Studioerfahrungen und die besonderen Herausforderungen als Architekturstudentin mit Kind am IfA. Seit Beginn meines Bachelorstudiums an der TU Berlin vor nun fast zehn Jahren, haben sich nicht nur meine persönlichen Lebensumstände, sondern auch mein Blick auf unsere Ausbildung und das Berufsfeld Architektur stark verändert. Lange Zeit glaubte ich, nicht in die professionelle Welt der Architektur zu passen. Heute weiß ich, dass dies vor allem dem Mangel an sinnvollen Perspektiven und guten Vorbildern geschuldet war. Zwar erlebe ich das Architekturstudium auch heute noch als ein extremes Spannungsfeld zwischen einerseits außergewöhnlich positiven und bereichernden Erfahrungen sowie andererseits sehr kräftezehrenden und demotivierenden Erlebnissen. In ihrer Summe empfinde ich heute aber alle Erfahrungen als Gewinn für meine persönliche Entwicklung und kann mich besser in diesem Kräftefeld positionieren. Zudem kann ich beobachten, wie sich das IfA mehr und mehr zu einem offenen, liberalen und experimentierfreudigen Ort entwickelt und wie besonnen hier meist mit der Verantwortung gegenüber angehenden Architekt*innen umgegangen wird. Im folgenden Kapitel möchte ich zwei besondere Erfahrungen mit allen Leser*innen teilen. Zum einen wird ein inspirierendes und optimistisches Beispiel vorgestellt, wie selbstorganisiertes und politisches Lernen im Entwurfsstudio gestaltet werden kann. Zum anderen möchte ich Studierende mit Familien- oder weiteren besonderen Lebensaufgaben und -umständen darin bestärken, sich von scheinbaren Hemmnissen nicht entmutigen zu lassen. Es gibt für alle einen Platz in der Welt der Architektur. Jedenfalls für die, die ihn wollen.

61


RippleDesign for social impact and big change! Oder: Wie wir in Zeiten großer Fragen einen Fuß vor den anderen setzen? Ein Entwurfsstudio der ganz anderen Art entwickelt bewusst Gegenmaßnahmen zur gängigen (Ausbildungs-) Praxis und erntet damit so manches Kopfschütteln – auch unter den Teilnehmer*innen! 62

„Our society is increasingly built on the consumption and commodification of resources, goods and knowledge […] Human induced climate change and resource scarcity are unavoidable realities in a post-fossil future [which] will require us to radically reconsider the way we live, work and interact with each other and our environment on all scales. We will need to work together to co-produce new knowledge and will need new institutions of the commons to safeguard it. […] Our project scenario assumes that in order for the TU Berlin to pursue a credible future orientated sustainability policy, it will no longer be able to reserve parking spaces for staff and students on the campus. The Research Village will occupy one of the most visible of these new fields of experimentation: Straße des 17. Juni […] What kind of programme, facilities and architecture could promote these kind of trans-disciplinary encounters and collaborations? How can we encourage a spirit of collaboration between staff and students of different disciplines? What kind of spaces do we need for this kind of mutual learning and co-production? […] What will our Research Village look like?” (Natural Building Lab, Research Village, WS 2018/19).

The more you know the world, the more you can engage! 20 internationale Master-Studierende nehmen im WS 2018/19 am Designstudio Research Village (RV) des Natural Building Labs (NBL) am Institut für Architektur (IfA) der TU Berlin teil. Für einige ist die Wahl eines Hochbau-Studios sicher eine strategische. Andere dagegen haben bereits vom experimentellen Charakter der NBL-Studios gehört, und finden eine Teilnahme deshalb reizvoll. Wieder andere sind völlig frei von konkreten Erwartungen, aber neugierig. Wie sehr sich das RV schließlich von einem traditionellen Entwurfsstudio unterscheidet, lässt bereits die außergewöhnliche Semester-Auftaktveranstaltung erahnen: Eine vom NBL organisierte Critical Mass führt die Studierenden einen Tag lang auf Rädern durch Berlin. Die Tour lässt sie einander kennenlernen und macht einige


Effekt grundlegende Themen des kommenden Semesters erfahrbar: Mobilität, Flächengerechtigkeit, nachwachsende Stadt sowie individuelle und institutionelle Verantwortung. Das Designstudio RV adressiert Herausforderungen einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Und zwar in einer Weite, die längst nicht mehr nur in architektonischen Entwürfen beantwortet werden kann. Denn wie die Projektbeschreibung zum RV demonstriert, sind diese Nachhaltigkeitsprobleme wertgeladen, sozial relevant, dringlich, langfristig und vor allem vielfältig in ihrer Zieldimension. Nachhaltige Entwicklung lässt sich nicht abschließend definieren, sondern beinhaltet einen ständigen Suchund Lernprozess, der die Grenzen der eigenen Disziplin aufweicht. Was also können Studierende von einem Designstudio wie dem RV erwarten, dass komplexe lebensweltliche Fragen aufwirft und die Grenzen eines reinen Hochbauentwurfs verlässt?

Entwurfsstudio als Denkschule Für viele Studierende liegt die Attraktivität des Architekturstudiums gerade darin, sich in den Designstudios monothematischen, hochbauspezifischen Problemen zu stellen, die zwar hypothetisch, zugleich aber konkret und vorstellbar sind. Durch die entwurfliche Arbeit versuchen sie, sich diesen Problemen anzunähern und anhand einer erlernten Routine (Analyse – Konzept – Entwurf) zu lösen. Das eigene Wissen und die Fähigkeiten sollen sich so im Bezug auf Architektur erweitern. Architektur ist hierbei also gleichermaßen Instrument um die Welt zu erforschen und das Medium um mit ihr in Dialog zu treten. In diesem Fall ist Architektur fast immer das Ziel. Das NBL dagegen priorisiert die Arbeit an komplexeren, disziplinübergreifenden Frage-

Text: Magdalena Böttcher Grafik: Action Village & Pink Mushroom Gang

stellungen, die neben praktischen Kenntnissen verstärkt auch emotionales und soziales Lernen begünstigen. Es „begleitet Studierende auf ihrem Lernweg in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs, befähigt sie zu dialogischem Arbeiten in inter- und transdisziplinären Teams, führt sie an wissenschaftliches Arbeiten heran und vernetzt sie international.” (NBL, About, 2020). Auf diese Weise wird immer auch die gesamtgesellschaftliche Verantwortung von Architekt*innen allgemein und den Studioteilnehmer*innen im Besonderen untersucht. Das individuelle Handeln – auch in nicht architekturbezogenen Bereichen – die Architekturausbildung, die Studio- und Lernkultur werden gleichermaßen untersucht. Studierende werden ermutigt, starke Positionen zu entwickeln und sie in ihre Arbeit als Architekturschaffende einzuflechten. Der architektonische Entwurf ist somit eine Komponente, um die Problemstellung zu bearbeiten, nicht aber alleinige Lösung. Die NBL-Studios streben nach einer klaren Haltung, sowie politischer und persönlicher Atmosphäre. 63


RV: Grundsteinlegung

alle Beteiligten aktiv mitgestalten und zu einem „playground to experiment with solutions and knowledge for a post-fossil future. […] Where students and the public can come together and learn, exchange knowledge and create new ways of learning and living.” (RV, The RV Way of Life, 2018). In einer ersten intensiven Recherchephase untersuchen die Studioteilnehmer*innen anschließend die Dringlichkeit markierter Schwerpunkte auch auf dem TU Campus und befragen Mitstudierende und Mitarbeiter*innen der TU Berlin nach ihren Erwartungen und Wünschen für den nachhaltigen Campus der Zukunft. Längst wird das RV auch über seine architektonische Gestalt und Funktion hinaus gedacht und überwindet den inhaltlichen Rahmen konventioneller Entwurfsprojekte im Studiengang Architektur. Es geht hier um Strategien statt um Entwürfe, um Anleitungen und nicht um Pläne. Bereits nach wenigen Wochen

Auch das Entwurfsstudio RV beginnt mit einer ganz persönlichen Frage: „Consider what conflicts confront you personally when you consider your own post-fossil lifestyle?” (NBL, RV - Aufgabe 0, 2018). Das Nachdenken über persönliche Konflikte soll den Teilnehmenden den individuellen Einflussbereich innerhalb der Gesellschaft bewusst machen und ermutigen, diesen aktiv zu nutzen. Gleichzeitig bringt die Aufgabe erste Visionen für das bis dahin recht unspezifische Programm des RV hervor. Anhand der 20 vorgetragenen Standpunkte werden die Diversität der Gruppe und die Bandbreite der Ideen für das zukünftige Dorf deutlich: ethische Fragen zu Konsum, Mobilität und Ernährung werden ebenso diskutiert wie lokaler Wohnraummangel und drängende globale Nöte. Das RV wird durch die individuellen Geschichten zu einem vorstellbaren Ort, den

cr

A

nk

New semester, new group, a complete new mix. To counteract the general stirr, to find someone to work with and let us get to know each other, the department took us on a critical mass through Berlin. 60 people on bikes makes for a bunch of fun, unexpected situations and some excitement. Turns out everyone is pretty cool and we reconvened with so much muscle pain to start this very different semester.

e

rt

Ma

yna

e

Ma

r

iek

itical mass

Nic o

epr

research pt. ii

Alternative learning methods, alternative building methods, sustainability ... What does it all mean? In five groups we focused on different themes to find projects that could help us in our own process.

case studies

Slowly but in the large all excited a different work in a we make d way witho could we u first decisio er groups. different a the proces

We also looked at what is needed and wanted on the TU Berlin Campus. What does our fellow students want and how can we connect the two islands, the different institutions and research fields. This was the point we decided to work as a whole group and create one project with common goals and aims.

le

ian

J

ul

S ol il a La

ECO-PIONEERING INFRASTRUCTURES

an

strategies

Il

a

a

M as

M

ag

traditional institutions

da Can

base

th

Jo na

yda

u

s

ine Ma

ri

TRANSDISCIPLINARY COLLABORATIONS

L

e

uk

SURVEY

as

on

Ya s

m

INFORMAL KNOWLEDGE PRODUCTION

Ti m

e

NBL

st

şa

l

URBAN SPACES FOR EXPERIMENTATION

A

h

ya

ka Rus

st

l

an

ad

M ou ha

m

lecture no. 4 lecture no. 1

lecture no. 2

lecture no. 3

THINK DESIGN BUILD

NBL Intro

Building with Timber

Building with Earth

Symposium

19/10/2018

64

26/10/2018

2/11/2018

Circular Construction, Design & Economies with Andrea Klinge from ZRS

lecture no. 5

Working Methods Change: Agile Proce Formats & Tool PIV Task 1

23/


Traditionelles vs. kollaboratives Studio

erörtert die Gruppe schließlich die Frage, ob das Lösen komplexer Probleme dieser Art nicht auch ein methodisches Umdenken innerhalb der Hochschulausbildung erfordert und stellt schließlich die bisherige Ausbildungstradition u. a. im Fach Architektur am IfA in Frage. „Universities are cumbersome and slow machines built on traditional hierarchies and structure. Using with a classical learning system based on teachers telling a class of students what they know. As an institution, they tend to be wrapped up in their own bubble, very elitist and shut off (both in its organisation and in its architecture) to large parts of society. We believe this is changing and these antiquated structures are part of the old world. […] Within our team we work as horizontal as possible, we decide what we want to learn and always try and reflect on the process we are in and creating.” (RV, The RV Way of Life, 2018).

e-designs pr Slowly but surely the discussions in the large group start and we are all excited to work on a project in a different way. But how do you work in a big group and how can we make decisions in a horizontal way without a leader, what tools could we use? Funnily enough our first decision was to split in smaller groups. We split according to different approaches and started the process.

Die methodische Antwort liefert ein kollaboratives Studiomodell, das über die klassische Studioarbeit in parallel arbeitenden, zwei bis vier Personen starken Projektgruppen hinaus geht. Das kollaborative Lernen im RV definiert sich durch “bringing previously separated organizations into a new structure with full commitment to a common mission. Such relationships require comprehensive planning and well defined communication channels operating on many levels. Authority is determined by collaborative structure. Risk is much greater because each member of the collaboration contributes its own resources and reputation. Resources are pooled or jointly secured and the products are shared.” (Mattessich, Murray-Close & Monsey, Collaboration: What Makes It Work, 2001).

... We separated in groups working on the far future plan, one looking at what we could build within a year and some on actions we could do today to create awareness about a post-fossil future. We also had a team working with organisation and communications and one researching materials. Everyone got to choose what they wanted to work on.

Oh the complicated process we got ourselves into! We talked and discussed. How to organise? How to join the designs? We regrouped again but differently, trying to figure out how to distribute tasks and make it as interconnected as possible. We decided to use the Spotify’s organisation model with a complete horizontal organisation with different groups responsible for different parts of the project.

UNIFICATION

first pixel

base e on

To help us support the process and to be able to make decisions in a constructive way, we instituted the ‘Kitchen Table’. This is a place where the full group met at least once a week to discuss developments and made decisions. With different voting and decisions systems (show of fingers for scale) etc. we pushed on and created groups focusing on different parts.

MASTERPLAN

SMALL SCALE

research village

SMALL SCALE

MATERIAL

ACTION UNIT

mega structure

exh bitio

ACTORS ACTIVISM PR mega structure

lecture no. 4

lecture no. 5

Circular Construction, Design & Economies

Working Methods for Change: Agile Processes, Formats & Tools

with Andrea Klinge from ZRS

WEEKLY KITCHEN TABLE

PIV Task 1

actions pr

Building with Natural Fibres

Mobility

We started planning the Cargobike Driving School together with Michael.

We attended a workshop and met CURE .

with Michael Hüllenkrämer from TU, a cargobike fanatic

We met Dina and Isabel from CURE.

lecture no. 6

lecture no. 7

23/11/2018

20/12

65


o be able to y, we instilace where eek to disions. With ems (show on and crearts.

base

modell

g2 g3

final exhibition

e on

LL STI

LL STI

exhibition

g1

m

Since this w ter and pro not just en on our pr workshop we chatted in a little m sure every produced the digital a started pro the things cussed/bik acted/discu

base

EKLY ABLE

c

Our four design proposals are showing four potential developments for the future, how they can slowly grow from today on. Starting from a parking lot and then growing to the whole campus and maybe even to the city and the world (lets stay positive ant think big). With them we wish to show that there are plenty of possibilities for the future and we can change, change habits, change building practices, change consumption and change our ways of transportation, all for our planet and the people on it.

e

Midterm presentation and nerves were high! In the form of an exhibition we tried to show our very special process and project, show our vision for 2050 and the steps we could take already today (the elevator blockade wasn’t so popular with our fellow students). The day culminated in a kitchen table resembling something like a soap opera, spirits and discussions changed mood within seconds. The highs and lows resulted in a very straight forward vote, to continue with one large group or not. If, then how, if not, then make sure to not loose the feeling of unity. The vote counted to separate into different design approaches, each group working with the whole span: 2018 - future.

oposals pr

We split into four design groups but each person also had a second task, like building a model or planning an action. We wanted to make sure that the overall group and project didn’t get lost in the design process and we still stayed one group. We kept our kitchen table rounds to discuss and decide on general tasks. Designing a masterplan in five weeks was somewhat of a challenge!

final spRINT

ACTIONS

on

RNING TU POINT

g4

PIV Task 2

20/12/2018

7/1/2019

Kollaboratives Lernen bezieht sich auf ein studierendenzentriertes anstatt eines dozierendenzentrierten Lernmodells. Die Studiobetreuer*innen sind somit nicht mehr einzige Quelle für Autorität und Wissen, sondern begegnen den Studierenden auf Augenhöhe. Studierende sind so meist aktiver, verantwortungsbewusster und engagierter. Das hohe Maß an gemeinsamem Interesse aller Teilnehmer*innen unterscheidet die Zusammenarbeit von anderen Formen der Teamarbeit. (Barkley, Collaborative Learning Techniques: A Handbook for College Faculty, 2004). Im RV speist sich die Relevanz der kollaborativen Methode aus zwei Begründungen: Zum einen verspricht das Bündeln aller Problemlösungskompetenzen und -fähigkeiten zufriedenstellendere Antworten auf die komplexen Ausgangsfragen. Zum anderen stellt die gemeinschaftliche Bearbeitung in einer Großgruppe einen klaren Kontrast zum kritisierten aber gängigen Lernmodell innerhalb der Ausbildung am IfA dar. 66

PIV tower presentation

14/2/2019

Prozess Den Dörflern, also den Teilnehmer*innen am Designstudio RV, geht es vor allem darum, alle Studierenden und Lehrenden am IfA zu ermutigen, übliche Formen der Wissensvermittlung und Lernkultur in den Entwurfsstudios im Hinblick auf deren Wirksamkeit und Angemessenheit zu beleuchten und bewusste und wirksame Gegenmaßnahmen zur gängigen Lehrpraxis aufzuzeigen. Dies bezieht alle Bereiche ein: von der Anwendung bspw. sozialwissenschaftlicher – also disziplinübergreifender – Forschungspraktiken (z. B. Interviews), über das Implementieren innovativer pädagogischer Praktiken (z. B. von Studierenden moderierte Tischbesprechungen in der Großgruppe), bis hin zum Entwurf neuer curricularer Inhalte (z. B. Festlegen der Studioinhalte und Lernziele durch die Studierenden).


camp out. review. magazine. Since this was a very different semester and project we find it important to not just end today but to reflect back on our process. In some intensive workshop days out in Brandenburg we chatted and reflected and hang out in a little more relaxed way. To make sure everything we´ve learned and produced would not just get lost in the digital and physical black holes we started producing a magazine with all the things we designed/thought/discussed/biked/researched/discussed/ acted/discussed/reflected/discussed.

cargo bike school.actions One of the larger actions we started planning was a Cargobike School. We think it’s a great way to show not only alternative ways of transportation, but also to manifest what all those parking spaces can be used for, how much space they take up. In April students and passer-by’s had a go on a cargobike, got aquatinted with the different types and models. The events was happening on the Straße des 17. Juni and was a great success!

Some of us are inseperable and do believe together we can encourage others to join us to work on different solutions and changes for the world of tomorrow. In the Action Village people can come together and learn, exchange knowledge and create new ways of learning and living. With actions we ignite the spark instead of waiting for someone else to do so. Because there is no planet B!

action

village

on

e

base

LL STI 16/2/2019

11/4/2019

Im RV steht das Erproben der kollaborativen Arbeitsmethode (Hier Gruppenarbeit extreme!) im Vordergrund. Doch „collaborative learning is a skill, and like any other skill, it must be learned.” (Bosworth, Developing Collaborative Skills in College Students, 1994). Erreicht wird dies häufig durch eine Reihe von angeleiteten gruppenbasierten Übungen, die dazu beitragen, Autorität und Verantwortung von den Dozierenden auf die Studierenden zu übertragen. Hierdurch können auch grundlegende Fähigkeiten entwickelt werden, die für ein effektives kollaboratives Engagement erforderlich sind: „interpersonal skills, group management skills, inquiry skills, conflict resolution skills, synthesis and presentation skills” (Bosworth). So die Idee. Im Falle des RV dagegen ist alles ein großes Experiment, denn die Entscheidung für diese Form der Studioarbeit fällt ungeplant und plötzlich und wird von den Studioteilnehmenden selbst forciert. Sowohl die Studierenden als

auch das Team vom NBL, das die Reise der Dorfgemeinschaft eng begleitet, betreten durch das andersartige Projekt Neuland. Zu Beginn zeigen sich alle maximal optimistisch und flexibel. Im Verlauf des Semesters loten die 20 Teilnehmenden immer wieder die Projektziele des RV neu aus und regulieren die Intensität und Organisation der kollaborativen Zusammenarbeit. Während sich die Kollaboration zu Beginn noch auf eine thematische beschränkt und die Arbeit in klassischen Entwurfsgruppen mit 5 Personen vorsieht (Pre-Designs: Gruppen erarbeiten parallel vergleichbare Konzepte), fällt bereits nach wenigen Wochen die Entscheidung in einer Großgruppe mit agilen themen- und aufgabenspezifischen Untergruppen zu arbeiten (Unification: Studioteilnehmer*innen erarbeiten in wechselnden / agilen Konstellationen einzelne Bausteine für ein Gesamtkonzept). Nach turbulenten Wochen und einem ungeahnt intensiven Austausch kehren die Dörfler in der letzten Projektphase schließlich 67


wieder zum anfänglichen Organisationsmodell zurück und arbeiten in 5 festen Kerngruppen, die als Resultat der vorangegangenen Zusammenarbeit aller, gemeinsamen Leitideen und Prinzipien folgen (Proposals: Gruppen erarbeiten parallel vergleichbare Konzepte basierend auf gemeinschaftlich akzeptierter Grundlage).

cher Moderation sowie neue Präsentationsformate (keine Frontal-Präsentation mit klassischer Jury, Ausstellungsformat). Zu den verwendeten sozialen und räumlichen Kollaborations-Werkzeugen zählen besonders Slack (webbasierte Kommunikationsplattform, koppelbar mit anderen Anwendungen wie Doodle etc.), der Kitchen Table (zentraler und physischer! Diskussionstisch für alle wichtigen Besprechungen), eine To-Do-Liste bzw. Pinnwand (u. a. Dokumentation aller Aufgaben und deren Dringlichkeit) sowie eine individuelle Studiogestaltung (gemeinsames Materiallager, Thementische, keine festen Sitzplätze etc.).

Auch das ist Architektur: Erfahrungen & Ergebnisse

Methoden & Werkzeuge Die zweite Phase des Projekts ist die eigentliche Kollaborationsphase im RV und hat maßgeblich Einfluss auf den Lernerfolg und die späteren Empfindungen einzelner Teilnehmer*innen gegenüber dem ungewöhnlichen Entwurfsstudio. Sie ist vor allem von einem horizontalen Wissenstransfer zwischen den Studierenden, einem demokratischen Miteinander, geteilter Verantwortung, klarer Aufgabenverteilung, Transparenz, gegenseitigem Vertrauen, Flexibilität und Spontanität gekennzeichnet. Kollaborative Werkzeuge und Arbeitsmethoden unterstützen eine strukturierte Zusammenarbeit der Dörfler und fördern Dialog und Gegenseitigkeit. Hierzu zählen u. a. verschiedene Konsens-Methoden (Daumen hoch – Daumen runter; 5-Finger-Methode von 1: keine Zustimmung bis 5: maximale Zustimmung), Blitzlicht-Runden (kurze Äußerung zu klar eingegrenztem Thema), gemeinsames Brainstorming, wöchentliche Besprechungen mit klarer Agenda, anschließender Dokumentation und kontinuierli68

Wer nicht bereits bei der 40 km langen Auftakt-Critical Mass stutzig wurde, hat spätestens nach wenigen Wochen im RV festgestellt: dieses Projekt ist kein Spaziergang sondern verlangt allen Beteiligten ungeheure Anstrengungen ab! Stunden- oder besser tagelanges Diskutieren am Kitchen Table, zähe Abstimmungen und Reflexionen, 20-fache Erwartungen und Wünsche – die persönliche Motivationskurve zeigt so manchen Knick. Dennoch gelingt es den Studierenden, einem roten Faden zu folgen, den sie selbst immer wieder neu spannen. Zu den herausfordernsten Aufgaben zählt das Formulieren einer konkreten Entwurfsaufgabe für das RV. Entsteht am Ende ein Masterplan für den TU Campus 2070? Wie sieht das erste Gebäude des Dorfes aus? Und warum sollen wir wieder nur für die Schublade planen? Lasst uns noch heute etwas bauen! Die Vielfalt und Anzahl der Wünsche und Möglichkeiten sind für die Dörfler überwältigend. Sie ist gleichzeitig Motivator und Hindernis für den (Entwurfs-) Prozess und kann von der Gruppe mal gut und mal weniger gut angenommen werden. Schließlich gelingt es den Studierenden, gemeinschaftlich drei Ziele zu formulieren, die das Projekt sodann in mehrere Phasen gliedern: Im Research Village wird mit Lösungen für den fossil-freien Campus der TU Berlin im Jahr 2070 experimentiert (u. a. Mobilitätskonzept, Wissensproduktion, Zirkularität). Die Action Unit markiert den ersten Baustein des späteren Dorfes. Der tem-


poräre Bau soll zeitnah als Design-Build realisiert werden und dient u. a. als Zentrale im weiteren Projektverlauf. Um unmittelbar agieren zu können, entsteht zudem das Action Village. „Through Actions, information and knowledge exchange we want to spread the idea of a circular and self sufficient campus, one built on knowledge and understanding of resources and materials. With actions like a Cargobike School, a 24h car parking squat and through general information we want to spread our knowledge, learn from others and create awareness.” (RV, The RV Way of Life, 2018). „Ihr habt eigentlich ein Büro gegründet!” urteilt die Gastjury anerkennend bei der finalen Präsentation der Ergebnisse zum Semesterabschluss im Februar 2019. Die Meinungen innerhalb der Gruppe sind dagegen gespalten. Einige sind überglücklich, dass das aufreibende Semester endlich zu Ende geht und sicher, demnächst lieber wieder ein Projekt zu wählen, das ihnen das Lernen in vertrauten Gruppengrößen und anhand einer zwar diktierten, aber eindeutigen und abgesteckten Aufgabe möglich macht. Andere haben Feuer gefangen und empfinden das Projekt als einen enormen Gewinn für ihre persönliche Entwicklung innerhalb der Architekturwelt sowie im Privaten. Für sie geht der Wert des RV-Studios weit über den, traditioneller Designstudios hinaus. Am Ende sind sich also alle einig: Das RV ist (k)ein Projekt für das Portfolio! STIMMUNGSBILD Place a mark on this scale:

#super relevant

MOTIVATION # best studio ever

#when will it be over

CONTENT

#learning nothing

Pädagogisches Experiment Kritik erhält das Studioprojekt auch von anderen

Fachgebieten am IfA. Ein Projekt, das sich spontan entwickelt und keinem festgelegten Fahrplan folgt, erschwert natürlicherweise eine reibungslose Kooperation mit anderen Fachbereichen, dennoch ist diese nicht unmöglich. Es bedarf allerdings größerer Flexibilität und der Bereitschaft, neue Wege in der Lehre zu beschreiten. Aktuelle Trends in und Anforderungen an die Architekturpraxis sowie die drängenden Probleme unserer (gebauten) Welt, erhöhen die Nachfrage an Fachleuten, die über Erfahrungen in multi- und transdisziplinärer Zusammenarbeit verfügen. Diesem Bedarf müssen sich die Hochschulen und die Lehrenden unweigerlich stellen. Studierende müssen bereits während ihrer Ausbildung die Möglichkeit erhalten, in fachinternen, sowie überfachlichen Kollaborationen zu arbeiten und hierfür notwendige Fähigkeiten und Kompetenzen erwerben. Das Aufzeigen hilfreicher Methoden und Werkzeuge sowie eine enge Begleitung und Anleitung solcher Projekte sind maßgeblich für den individuellen Lernerfolg der Studierenden und steigern die Offenheit gegenüber kollaborativen Projekten mit komplexen Fragestellungen. Das NBL sieht sich als Flaggschiff in dieser Entwicklung am IfA und betreibt durch die pädagogische Arbeit somit auch politische Arbeit. Seit Oktober 2017 agiert das NBL nun als Fachgebiet für konstruktives Entwerfen und klimagerechte Architektur an der TU Berlin. Es beschreibt sich selbst als „eine Werkstatt, in der Lehrende und Lernende zusammen im Team in Forschung, Lehre und Praxis zwischen Theorie und handwerklichem Handeln in unterschiedlichsten Maßstäben bis zum Maßstab 1:1 experimentieren und produzieren. ” (NBL, About, 2020). Das Studio RV ist eines der ersten Entwurfsstudios vom NBL am IfA. Sicher gab es innerhalb des Teams vom Fachgebiet zu Beginn des Semesters den Wunsch, dass am Ende konkrete Hochbau- bzw. Architekturentwürfe entstehen, die sozial, nachhaltig und ressourcenschonend sind. Doch auch die Studiobetreuer*innen passen ihre Erwartungen im Verlauf des Semesters an und bringen den Studierenden maximales Vertrauen und Unterstützung entgegen. Die Frage der Verantwortung von Architektur in ihrer Theorie und Praxis, aber auch in der Lehre hat das Projekt allemal wachgehalten. 69


Lessons learned 1. Kollaborative (bzw. alternative) Studiomodelle bedürfen guter Planung und Erklärung! In den frühen Phasen kollaborativen Lernens müssen die Lehrenden die Studierenden anleiten und ihnen entsprechende Werkzeuge und Arbeitsmethoden an die Hand geben, um die komplexe zwischenmenschliche Dimension zu bewältigen und gemeinsame Bemühungen zu koordinieren. Gleichzeitig müssen die pädagogischen Absichten der Lehrenden transparent und nachvollziehbar sein. 2. Projekte wie dieses erfordern viel Zeit und Engagement! Je komplexer ein Projekt, desto größer ist das Engagement und umso reger die Interaktion / Kommunikation. Gleichzeitig muss ein Teil der Studiozeit für (oft lange) Gruppenverhandlungen aufgewendet werden, wodurch die Beteiligung Einzelner wiederum sinken kann. Gutes Zeitmanagement führt zu schnelleren Entscheidungen und fördert die Zufriedenheit. Lehrende und Studierende können gemeinsam einen Zeitplan für

70

das Semester erstellen, der wichtige Etappenziele festlegt und zu einer guten Struktur verhilft. 3. Es ist nützlich, frühzeitig klar definierte Regeln, Prinzipien und Grenzen festzulegen, sowohl für den Prozess als auch für das Ergebnis! Klare Regeln wie Entwurfsparameter beschleunigen die Entscheidungsfindung innerhalb großer Gruppen und führen zu qualitativeren Ergebnissen. Hierbei sollen auch Schwerpunkte aus dem Curriculum durch die Lehrenden einfließen. Limitierende Faktoren müssen ebenso definiert werden wie Ziele. So können frühzeitig überflüssige Diskussionen verhindert werden, die große Motivationskiller sein können. Eine Vorgabe von z. B. Ort oder Programm durch die Lehrenden schenkt den Studierenden Zeit, sich auf die übrigen Variablen komplexer Aufgaben zu konzentrieren, ohne sie in ihrer Entwurfsfreiheit zu beschneiden. Lehrende sollen begleiten. 4. Eine Gruppe ist nur so stark, wie ihr schwächstes Glied! Die Gesamtleistung hängt von den


Beiträgen Einzelner ab, daher ist es sinnvoll, die Stärken und Schwächen der anderen Projektteilnehmer*innen zu kennen und diese offen in der Gruppe zu besprechen. Studierende können so anhand ihrer Kompetenzen Aufgaben wählen und die Gruppe bestmöglich unterstützen bzw. gezielt Aufgaben aussuchen, die einen persönlichen Lernund Kompetenzgewinn versprechen. Besondere Kennenlernspiele und Vorstellungsrunden (Steckbriefe anfertigen, sich selbst zeichnen, „Ich packe meinen Koffer” mit beschreibenden Eigenschaften spielen) helfen, das anfängliche Eis in großen Gruppen zu brechen und lassen das Vertrauen untereinander schneller wachsen. Auf introvertierte Personen ist besonders zu achten. Alle sollen von der Gruppe abgeholt und eingeladen werden. 5. Projektmanager sind nützlich, hierarchische Strukturen dagegen nicht! Jemand muss den Überblick be- und den ganzen Laden zusammen halten. Koordination und Dokumentation sind wesentliche Aufgaben in kollaborativen Gruppen. Machtdemonstration und Überheblichkeit sind hingegen extrem schädlich und kontraproduktiv. 6. Weder Egoismus noch Altruismus helfen weiter! Engstirnigkeit und mangelnde Kompromissbereitschaft sind für kollaborative Projekte ebenso Gift wie Selbstlosigkeit und konstantes Nachgeben. Auch in Großgruppen sind starke Meinungen gefragt. Sie sind der Motor solcher Projekte und dienen als Grundlage für produktive Diskussionen. Schweigen bedeutet Stillstand. Wie überall ist also auch hier das richtige Maß entscheidend. 7. Präsentieren geht auch anders! Alternative Studiomodelle brauchen offene Diskussionsplattformen. Klassische Präsentationsformate, bei denen Studierende ihre Arbeiten stehend vor einer sitzenden Jury und externen Gastkritiker*innen verteidigen, sind obsolet. Sie verkörpern hierarchische Strukturen und unterbinden konstruktive Diskussionen, an denen sich auch andere Mitstudierende beteiligen. Jede*r muss (an) gehört werden. 8. Kollaborative Projekte erfordern andere Bewertungsmodi! Hierbei besteht die Schwierigkeit, die individuelle Leistung zu berücksichtigen und gleichzeitig im Sinne der Gruppe zu bewerten.

Alternative Bewertungsinstrumente sind bspw. die Selbsteinschätzung der Te i l n e h mer*innen oder die Bewertung durch weitere Gruppenmitglieder (Peer-Bewertung). Die Bewertungskriterien müssen transparent und nachvollziehbar für alle sein. Außerdem führt das Mitteilen der Bewertung / Note innerhalb eines persönlichen Gesprächs zu größerer Akzeptanz, da die Möglichkeit zur Diskussion eingeräumt wird. Bewertung kann auch in Form eines verschriftlichen Feedbacks der persönlichen Entwicklung geschehen anstatt nur durch eine Note oder sollte diese zumindest ergänzen. Studierende können so die Bewertung leichter nachvollziehen und den eigenen Wissens- und Kenntnisstand besser reflektieren. 9. Erfolg ist nicht nur durch sichtbare Ergebnisse messbar! Die Erfahrung, in einer Großgruppe zu arbeiten, gemeinsam Projektziele festzulegen, neue Arbeitsweisen zu implementieren und individuelle Anstrengungen in zusammengesetzte Ergebnisse einzuflechten, bereichert Studierende um wertvolle Kompetenzen und liefert einen großen Erkenntnisgewinn. Projekte dieser Art steigern immer die eigene Lernkurve (Selbst wenn man nur um eine Erkenntnis reicher wird: nämlich, dass diese Art der Studioarbeit nichts für einen ist!). Gemeinsame Reflexionen tragen zu einem positiven Fazit aller bei. Dennoch passt sicher nicht jedes Projekt in ein Standard-Portfolio. Ein Grund mehr, auch diese Form der Selbstdarstellung unter Architekturschaffenden einmal zu überdenken. 10. Nicht immer wollen alle das Gleiche und vor allem nicht gleich viel! Persönliche Enttäuschungen aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen und Erwartungen können in jeder Form von Miteinander oder Gruppenarbeit erfahren werden. Mit zunehmender Gruppengröße potenziert sich auch die Gefahr, dass weniger engagierte Teilnehmer*innen 71


sich vom Rest der Gruppe tragen lassen. Regelmäßige Reflexionen – allein und in der Gruppe – minimieren Enttäuschungen. Gleichzeitig müssen alle Studioteilnehmer*innen ihre eigene Rolle innerhalb der Gruppe kontinuierlich hinterfragen und wenn nötig akzeptieren, dass es überall auch Zugpferde gibt.

Was studiert man, wenn man Architektur studiert? – Fazit „To us, the spark has already been lit with our team and project, we are excited to work towards our goal and spread the word. With actions, information, creating a network of different actors, working on sustainable and circular projects as well as creating a space where all these people can come together. We believe we can encourage others to join us to together work on different solutions and changes for the world of tomorrow.” (RV, The RV Way of Life, 2018). In unserem digitalen Zeitalter, in dem Wissen so schnell zugänglich ist, sollte sich Lernen mehr auf unsere gemeinsamen Interessen und Werte beziehen. Nur so ist es möglich, das generierte Wissen auch in der sich schnell verändernden Gesellschaft anzuwenden. Selbstbestimmtes Lernen und miteinander Lernen und Arbeiten spielen hier eine zentrale Rolle. Sie fördern die Entwicklung von Autonomie und bündeln Kräfte, um nachhaltige Entwicklungsprozesse anzustoßen. Mich persönlich beeinflusst das Projekt

RV noch immer. Vielleicht sind die Eindrücke gerade deshalb so stark, weil ich zuvor eine lange Entwurfs- bzw. Architekturpause eingelegt hatte. Doch ich möchte meine Erlebnisse im Dorf hierdurch nicht schmälern. Trotz zahlreicher Tiefpunkte und einiger Enttäuschungen blicke ich positiv auf das außergewöhnliche Semester zurück. Das Projekt hat mich viel über mich selbst und meine Rolle in Gruppen lernen lassen. In keinem anderen Entwurfsstudio habe ich zudem so intensiven Kontakt zu allen anderen Studioteilnehmer*innen erlebt, nie zuvor war die Zusammenarbeit so emotional. Noch heute begleiten mich einige Dörfler, auch außerhalb der Uni. Auch für das Team vom NBL war das Projekt mit Sicherheit lehrreich. In jedem Semester räumen sie ihren Studierenden immer wieder aufs Neue viele Freiheiten bei der Ausgestaltung ihres Entwurfsstudios ein und zeigen sich offen für pädagogische Experimente, wenngleich auch mit mehr Vorsicht als im RV. Der persönliche Mehrwert alternativer Studiomodelle im Studiengang Architektur liegt für mich nicht unbedingt in einer enormen fachlichen Weiterentwicklung (Habe ich mit neuen Konstruktionsmöglichkeiten gearbeitet? Habe ich ein neues Programm gelernt? Etc.) sondern vielmehr im Erproben neuer Formate und Methoden, die auf alle Formen des Lernens und Arbeitens übertragen werden können. Und das passt dann doch irgendwie auch ins Portfolio! ☺ Um das Projekt möglichst objektiv und neutral zu beschreiben, erzähle ich die Geschichte vom RV in der 3. Person. Mit Ausnahme des Fazits natürlich. Action Village Wie bekommt man Ideen und Innovationen aus der Universität in die Gesellschaft, um dort nicht nur einen architektonischen, sondern auch einen ökologischen Mehrwert zu stiften? Auch nach dem offiziellen Ende des Semesterprojekts Research Village treibt diese Frage noch immer einige Studierende um. Bei einem gemeinsamen Review der vergangenen Monate in Brandenburg gründen sie im Frühjahr 2019 das Studierendenkollektiv Action Village, das sich fortan durch Aktionen und Projekte den Fragen und Ideen rund um die post-fossile Zukunft widmet. Im März 2019 hat das Action Village erfolgreich die erste Cargobike School Berlins veranstaltet (156 registrierte Teilnehmer*innen und jede Menge Polizei ☺). In diesem Zusammenhang entstand ein Forderungskatalog zur fahrradfreundlichen Umgestaltung des TU Campus, der bereits von mehreren Stellen der TU Berlin befürwortet wird. Im Action Village kann man die Zukunft gestalten!

72


Action Village is a TU Berlin student initiative for future questions on post-fossil urban development. It is a playground to experiment with solutions and knowledge and the challenges before us: alternative mobility, urban justice, sustainable and circular use of resources and energy in the building sector, new ways of learning and knowledge transfer. There is no Planet B!

Alternative tools for communication, agile groups, interdisciplinarity, participation and a open dialogue are fundamental principals in the Action Village.

actionvillageberlin Action.Village 73


Text und Bild: Magdalena Bรถttcher


Mutter? Studentin? Person? Präsentationen mit Schwangerschaftsbauch, Stillen im Hörsaal – all das geht. Was dagegen gar nicht geht, ist der Wickelraum am IfA! Doch als Architekturstudentin mit Kind muss man eben Kompromisse machen.

Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, was zuerst kam: der positive Schwangerschaftstest oder die positive Nachricht, dass ich einen der begehrten Studienplätze im Master Architektur an der TU Berlin erhalten hatte. Egal, denn inzwischen sind diese beiden freudigen Ereignisse in meinem Leben ohnehin fest miteinander verwoben und verwachsen. Das Eine ist ohne das Andere undenkbar. Der Start hingegen war alles andere als einfach. Voller Optimismus trat ich im Herbst vor drei Jahren mein Masterstudium an, für das ich mich ursprünglich mit der Motivation beworben hatte, es möglichst schnell hinter mich zu bringen – einfach Augen zu und durch! Ich wollte bis zum Geburtstermin meiner Tochter eine Superstudentin sein, mehr Punkte machen als möglich, schneller, höher, weiter. Schon nach sechs Wochen schlug mir der Stress so sehr auf das ohnehin völlig hormongeschwängerte Gemüt, dass ich meinen Namen nach und nach von den Kurslisten strich und mich nach weiteren unruhigen Nächten schließlich auch vom stressigen Entwurfsprojekt verabschiedete. Keine Superstudentin also, kein Superstart. Alles nur wegen meiner wachsenden Gebärmutter und dieser furchtbar unnachgiebigen Müdigkeit? Oder weil Architektur und Kinder einfach nicht zusammen passen? Im Sommersemester 2016 waren insgesamt etwa 135.000 Studierende mit Kind an einer deutschen Hochschule eingeschrieben, darunter 56 % (75.600) Frauen.1 Der Gesamtanteil der Studierenden mit Kind an allen Studierenden liegt bundesweit bei insgesamt 6 %. Während die Zahl der Studienanfänger*innen insgesamt steigt, bleibt der prozentuale Anteil an Studierenden mit Kind in Deutschland weitestgehend konstant. Durchschnittlich 35 Jahre alt und damit elf Jahre älter als ihre kinderlosen Kommiliton*innen, sind Studierende mit Kind im Erststudium. Die Kinderzahl bei studierenden Eltern liegt bei 1,6 im Mittel. Diese Zahlen sind Ergebnisse der 21. Sozialerhebung des Deutschen Studierendenwerks. Alle drei Jahre werden die Studierenden in Deutschland hierfür zu ihrer wirtschaftlichen und sozialen Lage befragt. Für 2020 ist die thematisch deutlich umfassendere Studierendenbefragung in Deutschland geplant, die im Mai 2020 startete.2 75


Den im Studienfach verankerten Hindernissen für außeruniversitäres Leben trotzend, es gibt uns: Architekturstudierende mit Kind

Gemäß den Zahlen der Studierendenwerke haben in Berlin etwa 9 % der Studierenden Kinder. Für die TU Berlin würde dies bedeuten, dass es hier etwa 3.000 eingeschriebene Studierende mit Nachwuchs gibt. Da aber nicht alle auf die allgemeinen Beratungsangebote zurückgreifen und es selbstverständlich keine Verpflichtung zur Angabe von Kindern etwa bei der Immatrikulation gibt, ist es schwierig, genauere Zahlen zu ermitteln. Vor allem, wenn es um Angaben für einzelne Fachbereiche oder Studiengänge geht, scheint dies unmöglich. Da hilft nur beobachten und selber zählen. Am Institut für Architektur der TU Berlin sind wir mit Sicherheit sehr viel weniger als 9 %. Doch, den im Studienfach verankerten Hindernissen für außeruniversitäres Leben trotzend, es gibt uns: Architekturstudierende mit Kind. Jedenfalls kenne ich außer mir noch drei weitere Kommiliton*innen mit Kindern im Kindergartenalter, darunter eine Frau. Immerhin – bringt doch der eng getaktete Zeitplan im Alltag von Studierenden mit Familienaufgaben bereits genügend Herausforderungen mit sich. Das Ganze dann noch mit dem irrsinnigen Arbeitspensum eines Architekturstudiums zu kombinieren, zwingt selbst die Organisiertesten unter uns gelegentlich dazu, an diesem wahnwitzigen Vorhaben zu zweifeln. Doch wen wundert‘s? Denn all die hilfreichen Maßnahmen und Unterstützungsangebote der sogenannten familiengerechten Hochschule TU Berlin3 haben das Architekturgebäude bisher nicht erreicht. Wer einmal einen Blick in den einzigen Wickelraum am Institut geworfen hat, weiß, wovon ich rede. Die seit 2008 als solche zertifizierte TU Berlin arbeitet zwar kontinuierlich an einer Weiterentwicklung ihrer familiengerechten Arbeits- und Studienbedingungen und der Verbesserung der Vereinbarkeit 76

Corona-Update die Erste

. Die Welt steht still di 20 sind e Kitas Seit dem 17.03.20 lin Pandemieund Schulen in Ber n. Und somit viele bedingt geschlosse ng für ihre Kinder. Eltern ohne Betreuu emrelevant ist, Wer jetzt nicht syst in Studium gehört hat Pech gehabt. E nicht zu den jedenfalls erst mal System Bereichen, die das am Laufen halten.

von Studium, Beruf und Familie. Im Architekturgebäude ist von dieser positiven Entwicklung eher wenig zu spüren. Stillmöglichkeiten auf den Fluren: aus Brandschutzgründen abgebaut. Rücksichtnahme bei Prüfungsterminen: abgewürgt („Wenn wir hier Ausnahmen machen, dann kann ja in Zukunft jede*r mit irgendetwas kommen!”). Wickeltisch im Erdgeschoss: bis vor kurzem noch ein nacktes Holzbrett mit Klappfunktion, Zutritt nur mit dem Schlüssel der Pförtner*innen. Erst kürzlich hat man das Holzbrett durch eine echte Wickelstation ersetzt und sich so zumindest dem TU-Standard angepasst. Im Erweiterungsbau auf der anderen Straßenseite dagegen heile Welt: Spielzimmer, Stillecke, Kummerkasten und Notfallbetreuung. Wohlverdientes Qualitätssiegel also. Durch die zahlreichen Beratungsangebote des Familienbüros erhält man Antwort auf viele allgemeine Fragen, außerdem gibt es ein TU-Tandem, das Studierende mit Familienaufgaben durch die Hilfe von Mentor*innen unterstützt. Wird man bei uns Architekt*innen dagegen als Mutter oder Vater entlarvt, sieht man überall nur Fragezeichen. Es fehlt an studiengangspezifischen Beratungsstellen, die uns angehende Architekt*innen und unseren Nachwuchs vernetzen und mit denen wir gemeinsam erfahrungsbasierte Leitlinien zu besonderen The-


men wie Präsenzzeit im Entwurfsstudio, Präsentationstermine oder Gruppenarbeit entwickeln können. Stattdessen verursachen wir Mütter und Väter augenscheinlich immer wieder einmalige Situationen, die von unseren Lehrenden und Kommiliton*innen besondere Rücksichtnahme und Ausnahmeregelungen abverlangen: „Wie, du musst um 15 Uhr gehen? Unsere Besprechung findet doch erst um 18 Uhr statt!” Stille. Unglaube. „Also Tschüss dann, bis morgen, mein anderes Leben ruft!” Das schlechte Gewissen und die Angst, nicht zu genügen, sind immer im Schlepptau. Dabei sind eine individuelle Organisation und Gestaltung des Studienverlaufs Voraussetzungen dafür, Architekturstudium und Kindererziehung unter einen Hut zu bringen. Zeit ist hierbei die wichtigste Ressource. Während wir also tagsüber wie unsere kinderlosen Kommiliton*innen im Studio über unseren Entwürfen sitzen, werden unsere Kinder bestenfalls von Partner*innen, anderen Vertrauenspersonen oder in der Kita betreut. Bundesweit betreiben 55 Studierendenwerke 220 Kindertagesstätten mit gut 8.850 Plätzen. In der Berliner Hochschullandschaft sieht die Versorgung mit Kitas, wie auch sonst in der Hauptstadt, eher dürftig aus: 8 Kitas mit ca. 600 Plätzen sollen aktuell den Bedarf an arbeitsplatznaher Ganztagsbetreuung für die etwa 3.000 studierenden Eltern, die Mitarbeiter*innen der Hochschulen und externe Familien decken. Doch vom Eltern sein hat man trotz adäquater Betreuung des Kindes nie wirklich Pause. Und so lauscht während der Studioarbeit mindestens ein Ohr stets etwas angespannt auf ein mögliches Vibrieren des Handys. Jederzeit könnte uns ein Notfall oder ein anderes völlig unplanbares

Im Architekturstudium bedeutet das, sich von den zielstrebigen Studienverlaufsplänen loszusagen und die Prioritäten einmal neu zu ordnen 1 Alle Zahlen entstammen der Befragung Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland 2016. Zusammenfassung zur 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks – durchgeführt vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung. Sie wurde im Jahr 2017 herausgegeben vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in Berlin unter der Mitarbeit von Middendorff, Apolinarski, Becker, Bornkessel, Brandt, Heißenberg & Poskowsky. 2 An der 21. Sozialerhebung nahmen von Mai bis August 2016 55.219 Studierende von 248 Hochschulen teil. Ca. 400.000 Studierende wurden vorab per Stichprobe zur Teilnahme an der Online-Befragung eingeladen (d. h. 17 % aller Studierenden der Grundgesamtheit). In Berlin haben sich 2.745 Studierende beteiligt, darunter 413 Studierende der TU Berlin. Die Ergebnisse der Sozialerhebung sind repräsentativ für Studierende im Bundesgebiet. Finanziert wird die Studie vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, wissenschaftlich durchgeführt vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung Hannover. 3 Das audit familiengerechte hochschule der berufundfamilie Service GmbH ist ein mehrstufiges Verfahren bestehend aus Auditierung, Optimierung, Konsolidierung und Dialogverfahren, welches 2008 an der TU Berlin begonnen hat. Seit 2008 trägt die TU Berlin nun das Qualitätssiegel „Logo audit familiengerechte hochschule“.

77


und in jedem Fall ziemlich ungünstiges Ereignis dazu zwingen, fluchtartig das Studio zu verlassen, um unser (im schlimmsten Fall fieberkrankes) Kind abzuholen. Mit Kindern ist – wie auch in der Architektur – immer zweifellos alles möglich! Zuhause wird es dann nicht leichter. Während unsere jungen und ungebundenen Projektpartner*innen aufgrund einer Sinnkrise gerade den ganzen Entwurf über den Haufen werfen, lesen wir zum dritten mal in Folge mit vorgetäuschter Seelenruhe den Grüffelo vor. Wenn unsere Kinder dann irgendwann schlafen – und wir es am liebsten auch sofort tun würden – fängt die Arbeit erst so richtig an: Wäsche, Haushalt, Kitabringund Abholdienst für den nächsten Tag mit der*m Partner*in verhandeln. Vorausgesetzt man gehört nicht zu den bewundernswerten 10 % alleinerziehender Studierender in Deutschland, die all das im Alleingang meistern. Und wenn man dann noch ein wenig Energie übrig hat, nochmal schnell den Laptop aufklappen, die Projektpartner*innen, die nun endlich beim Feierabendbier angekommen sind, nach einem Update fragen, um schließlich zu erkennen, dass der Tag bereits zu viele Stunden hatte. Also ab ins Bett, schon um 6 Uhr klingelt der Wecker wieder. Studierende mit Kind müssen und wollen Familie, Uni, Nebenjob und Haushalt unter einen Hut bekommen. Auch die Partnerschaft, soziale Kontakte zu Kommiliton*innen, anderen Eltern und der Kita, Freunden und der eigenen Herkunftsfamilie wollen gepflegt werden. Und ganz nebenbei hat man als Mensch ja noch ganz individuelle Bedürfnisse oder gar Hobbys. Bei so vielen Erwartungen kann man schon mal den Kopf in den Sand stecken. Es ist daher zwingend notwendig, das eigene Studium auf die individuelle Situation hin neu zu modellieren. Sowohl im Master-, vor allem aber im Bachelorstudium Architektur bedeutet das zwangsläufig, sich von den zielstrebigen Studienverlaufsplänen loszusagen, die Prioritäten einmal neu zu ordnen, den rechtlichen Rahmen auszukundschaften und sich freizumachen vom lähmenden Karriere- und Konkurrenzdruck, welcher der Disziplin anhaftet. Natürlich ist das viel leichter gesagt als getan. Bedeutet das Drosseln des Tempos im Architekturstudium doch meist, erst einmal 78

kein arbeits- und zeitintensives Entwurfsstudio zu belegen. Ein Semester Entwurfspause wiederum bedeutet insgesamt ein Semester Verzug im Studienverlauf. Schließlich ist es nicht nur menschlich unmöglich, sondern auch von der Studien- und Prüfungsordnung so gewollt, dass man nur ein Entwurfsprojekt pro Semester belegt. Aufholen ist somit faktisch unmöglich. Es wundert deshalb nicht, dass ein Großteil studierender Eltern u. a. auch aufgrund finanzieller Zwänge in Wirklichkeit ein Teilzeitstudium betreibt – das heißt, sie sind in einem Vollzeitstudium eingeschrieben, studieren aber mit geringeren Zeitkapazitäten.4 Die Hemmnisse durch ein unangepasstes Lehrangebot, eine unflexible Studien- und Prüfungsordnung (wie die im Studiengang Architektur), das Fehlen von sicheren sozialen Netzwerken und der Mangel an Standort-nahen Kitaplätzen durch den verpassten Ausbau der Betreuungslandschaft in Deutschland sind folglich die wahren Gründe für lange Verzögerungen im Studienverlauf.5 Wer soll das Kind schließlich versorgen, während man stunden-, vor Abgaben sogar oft nächtelang im Studio hockt und versucht, das enorme Arbeitspensum zu bewältigen? Die Notfallbetreuung der familiengerechten Hochschule hat dann längst Feierabend! Studienganginterne Beratungsstellen und eine starke Präsenz von Ar-

Corona-Update die Zweite

Nach und nach wer den die Maßnahm en „zur Eindämmung der Ausbreitung de s neuartigen Coronav irus SARS-CoV-2 ” des Berliner Senats gelockert. Seit dem 27.04.2020 dürfen Lehrende, die inte raktive Lehre für St udierende durchfüh re n, ihre Kinder wiede r in Kitas und Schu len bringen. Und was ist mit den studierenden Eltern , die an den Kursen teilnehmen ??


Alle im Raum hatten nur Augen für meinen riesigen Bauch und ich blickte in viele verstörte Gesichter

chitekturstudierenden mit Kind als Gemeinschaft sind unbedingt notwendig, um andere studierende Eltern bei diesen und ähnlichen Fragen zu motivieren und zu unterstützen, wenngleich es keine pauschale Gesamtlösung für Studierende mit Kind gibt. Das Gefühl, von einer Gruppe mit ähnlichen Interessen vertreten zu werden, ist jedoch eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg im Studium, vor allem für die Alleinerziehenden unter uns. Bis dahin ist gewiss: Das wunderbare Doppelleben als Architekturstudent*in mit Kind bringt täglich so viele Überraschungen mit sich, dass man sich irgendwann automatisch von den überflüssigen Zwängen wie dem Streben nach einem idealen Studienverlauf und dem ständigen Vergleichen mit kinderlosen, ungebundenen Kommiliton*innen freimacht. Man hat es sich ja auch so ausgesucht! Und spätestens nach einer erfolgreichen Präsentation des überstandenen Entwurfsprojekts kommt er dann auch, der wohl verdiente Stolz über das Geleistete. Wie ermutigend, dass ein solcher Moment also mindestens einmal im Semester lauert. Am Ende meines ersten Semesters habe ich es zwischen Nestbautrieb und Geburtsvorbereitung übrigens doch noch geschafft, ein paar Kurse abzuschließen. Meine letzte Abgabe reichte ich drei Wochen vor der Geburt meiner Tochter ein, die letzte Präsentation hielt ich fünf Wochen davor.6 Leider war zu diesem Zeitpunkt bereits völlig unwichtig, wie gut ich mich oder mein Projekt verkaufte, denn alle im Raum hatten nur Augen für meinen riesigen Bauch. Ich blickte in viele verstörte Gesichter, die nicht glauben konnten, was sie da sahen und mich besorgt und mit einer ordentlichen Portion Mitleid ansahen. Ich dagegen tat einfach so, als sei an der Situation rein gar nichts besonders, präsentierte gestärkt von aufkommendem Mutterstolz meine Arbeit, gab mich

nach außen allerdings gänzlich unbeeindruckt. Die ganze Zeit über dachte ich nur daran, dass ich all den fassungslosen Zuschauer*innen bereits eines voraus bin: Ich wusste scheinbar als Einzige im Raum, dass es neben dem Architekturstudium im Leben noch etwas anderes gibt, über das wir uns definieren können. Als meine Tochter und ich dann irgendwann dazu bereit waren, uns täglich für ein paar Stunden zu trennen, stieg ich nach drei Semestern Pause wieder in die Entwurfsarbeit ein. Mein Freund, der kurz zuvor sein Studium der Humanmedizin begonnen hatte, blieb dafür ein Semester lang mit unserer Tochter zu Hause – fairer Deal! Seitdem versuche ich jeden Tag aufs Neue, meine Mutterschaft und meine diversen Rollen als Studentin, (angehende) Architektin, als Frau, als Partnerin, Freundin, Tochter, Schwester und als Mensch miteinander zu verbinden. Dies impliziert auch mein tägliches Streben nach Gleichberechtigung, Anerkennung, Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung in- und außerhalb der architektonischen Blase. In Summe bin ich meist ganz zufrieden. Ich freue mich aber auf den Tag, an dem es die akademische Welt mir und anderen studierenden Eltern etwas leichter macht und das Private endlich Gegenstand eines universitätspolitischen Wandels wird. Weibliche Vorbilder, die die erfolgreiche Verknüpfung von Familienleben und Architekturberuf öffentlich sichtbar leben, könnten hierbei auch nicht schaden.

4 Laut Neufassung der Studien- und Prüfungsordnung für den Bachelorstudiengang Architektur an der TU Berlin (Fassung vom 24. Oktober 2018) kann der Studiengang „als Teilzeitstudium absolviert werden. Bei der Erstellung eines individuellen Studienverlaufsplanes ist die Studienfachberatung behilflich.” . In der StuPO für den Masterstudiengang dagegen (Fassung vom 26. Oktober 2011) taucht das Wort Teilzeitstudium nicht einmal auf. 5 Eine Förderung nach dem BAföG ist bei einem offiziellen Teilzeitstudium durch § 2 BAföG ausgeschlossen. Alternative Finanzierungsquellen sind leider oft die eigenen Eltern, Stipendien und Kredite oder familienpolitische Leistungen wie Kindergeld, Stiftungsmittel oder Wohngeld. 6 An deutschen Universitäten wurden endlich die rechtlichen Bedingungen für werdende studierende Mütter angepasst. Seit dem 1.1.2018 gilt das Mutterschutzgesetz auch für Studentinnen. Ab sechs Wochen vor der Geburt bzw. dem errechneten Geburtstermin und bis acht Wochen nach der Geburt sind (werdende) Mütter offiziell von ihrem Studium und daraus resultierenden Pflichten (Präsenz, Prüfungen o. Ä.) zu befreien.

79


Raus aus der Blase Kapitel 4


Der vierte und letzte Teil des Magazins will Studierenden und Lehrenden neue Möglichkeitsräume innerhalb der Architekturausbildung eröffnen und gibt gleichzeitig ein Stimmungsbild der aktuellen Situation sowie die Forderungen und Wünsche einiger Architekturstudierender am IfA wieder. Die Vorarbeit am Magazin im Allgemeinen und die Ergebnisse der Online-Befragung „Dein Blick auf unsere Ausbildung am IfA” im Besonderen machen einmal mehr deutlich, welch außergewöhnliche Rolle den Hochschulen bei der Entwicklung personaler Kompetenzen zufällt. Hochschulen sind verpflichtet, ihre Studierenden zu engagierten, aktiven und reflektierten Mitwirkenden unserer Gesellschaft auszubilden. Ein Dialog auf Augenhöhe zwischen Studierenden und Lehrenden über Formate und Inhalte, die diese Entwicklungsprozesse begünstigen, ist hierbei unverzichtbar. Dem IfA als eines der bekanntesten Architekturinstitute Deutschlands muss es somit gelingen, Möglichkeiten und Räume für Begegnungen, Austausch und Diskussion zur Verfügung zu stellen. Das direkte Gespräch über sinnvolle Neuerungen und Verbesserungen ist zudem ein befruchtendes Medium um individuelle Ideen zu reflektieren und die Dialogbereitschaft auch außerhalb des Instituts zu fördern.

81


Offen Die Lehrstühle müssen enger zusammenarbeiten, gemeinsame Projekte initiieren, Synergien nutzen (z. B. auch mit anderen Studiengängen)!

Mehr 1:1 Projekte!

Im Rahmen der Online-Befragung (2020) „Dein Blick auf unsere Ausbildung am IfA” wurden Architekturstudierende nach ihren Wünschen und Forderungen für das Architekturstudium am IfA der TU Berlin gefragt. Die Antworten reichen von A wie Adobe-Lizenz bis Z wie Zwischenmenschlichkeit.

82

Liebes IfA, es ist Zeit, einmal Tacheles zu reden! Darüber, wie sich das Architekturstudium und das Institut in Zukunft verändern sollen; über all die Dinge, die schief laufen; und darüber, wie es besser werden kann.


gesagt Her mit neuem Sanitär! Mehr Praxisorientierung! Der Studioalltag ist sehr weit entfernt von dem Berufsalltag.

Fallenlassen des elitären, egozentrischen Architekturschaffens!

Weniger Ausbildung als Architekt*in mehr studieren über Architektur!

Mehr Absprache und Kooperation zwischen den einzelnen Fachgebieten! Jedes Fachgebiet ist der Meinung, dass es am wichtigsten ist. Studierende werden zwischen diesem Machtkampf gelegentlich zerquetscht.

83


Es sollte ein Bewusstsein dafür entstehen, dass eine nachhaltige Umwelt / Gesellschaft (innerhalb des IfA und außerhalb) nicht auf einer Selbstausbeutung und ständigen Selbstüberforderung beruhen kann. Die Umwelt, die wir gestalten, beginnt bei uns!

Mehr Menschlichkeit, Humor, Mitgefühl, Lächeln! Weniger Rationalität, Hierarchie, Konkurrenz, Druck, Sturheit!

Stärkere und stetige Nachhaltigkeitsperspekitve in der Lehre

Ein Kurs über Präsentationstechniken (gerade als EU-Bürgerin waren Präsentationen für mich immer eine große Challenge)!

Keine Talks mehr, die sich abends überschneiden! Für die Architektur: mehr Dialog mit den Menschen! Für die Lehre: bessere Betreuungsschlüssel und mehr Austausch zwischen den Fachgebieten! Für die Studierenden: finanzielle Abhängigkeiten reduzieren und Abweichungen von der Regelstudienzeit ermöglichen!

Besetzt die vakanten Professuren mit innovativen Positionen! Gescheite Arbeitsräume! Es ist peinlich, dass nicht jede*r einen eigenen Schreibtisch als Arbeitsplatz hat! 84

Eine Lüftung im Vorlesungssaal (bin dort schon ohnmächtig geworden)!

Bewertungskriterien aller Fachgebiete angleichen und offen legen!

Es wäre schön, nicht mehr so viel Geld für Drucke und Materialen ausgeben zu müssen. Und wenn endlich Adobe-Lizensen ausgegeben werden!


Eine offene Bibliothek für Vektor-Staffagen, Planmaterial und 3D-Modelle, auf die alle Studierenden Zugriff haben!

Es sollte auf jeden Fall praxisorientierter sein! Mir fehlen Kurse, die uns mehr auf die höheren Leistungsphasen eines Projektes vorbereiten.

Mehr Möglichkeiten des gemeinsamen Lernens!

Öffentliche Drucker!

Mehr Interdisziplinarität, mehr Zusammenarbeit, ein breiteres Angebot und mehr vernetzen!

Vom IfA organisierte Praktikumsplätze und Praktika als Bestandteil des Studienverlaufs!

CAD- und Adobe-Programme müssen dringend als Kurse angeboten werden! Es kann nicht sein, dass wir uns das alles von heute auf morgen selbst beibringen müssen und davon ausgegangen wird, dass wir alles perfekt beherrschen (im Studio und im Job)!

Die Vorgaben der Lehrstühle müssen angepasst werden! Der Zeitaufwand für den Entwurf entspricht niemals 12 LP. Das ist viel zu wenig!

Ich wünsche mir einen breiteren Überblick in den Einstieg der Selbstständigkeit: Finanzen, Führungseigenschaften, Infrastruktur, ... !

Gerade vom ersten bis zum dritten Semester trauen sich Studierende kaum, Kritik zu äußern. Deshalb müssen gerade am Anfang die Professor*innen und wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen sensibel mit den geforderten Aufgaben umgehen. Regelmäßige Rücksprachen mit allen Studioteilnehmer*innen und Feedbackrunden sind sehr zu empfehlen! 85


life of an architecture student

The need to eat is annoying when you´d rather be working on a project.

A place for architecture students to humorously laugh about the glories of our daily lives.


Stop Archi -

Einfach mal anders machen!

Über eine nachhaltige Studiokultur, gesunde Studierende, Wertschätzung und Ressourcenmanagement.

torture! Text: Magdalena Böttcher linkes Bild: lifeofanarchitecturestudent.net 87


Seit Jahrzehnten bildet das Designstudio das Herzstück der Architekturausbildung. Kaum ein anderes Unterrichtsmodell bietet vergleichbare Möglichkeiten, Studierende anhand der Simulation realer Planungsvorhaben zu lösungsorientiertem und kritischem Denken zu befähigen und architektonisches Wissen zu vermitteln (siehe Tradition S. 60). Seite an Seite lernen angehende Architekt*innen hier, Ideen zu entwickeln, sie zu visualisieren und mit anderen darüber zu sprechen. Das Studio wird so zu einem aktiven und komplexen gesellschaftlich-sozialen Umfeld, geprägt von ständiger Interaktion zwischen Studierenden, Lehrenden und Architekturpraktizierenden. Das Prinzip des „learning by doing” bzw. „reflection in action” (Donald Schön, The Reflective Practioner: How Professionals Think in Action, 1983) macht Designstudios auch zu Orten höchster Kreativität, Individualität und Dynamik.

Kritik

Im besten Fall hat das Studiomodell viele Stärken. Es bietet enormes Potenzial für kreative Entdeckungen, die Erforschung von Ideen, kritische Diskussionen, Risikobereitschaft und intellektuelle sowie soziale Netzwerke. Doch zweifellos verbinden Architekturstudierende nicht nur positive Erfahrungen mit dem Studioalltag. Vielen sind Designstudios als Orte größter Arbeitsbelastung, ungesunder Lebensweise, persönlicher Opfer und verletzender Kritik in Erinnerung. Studierende und Ehemalige berichten von zahlreichen Nachtschichten, fachlicher sowie sozialer Isolation, hierarchischen Beziehungen und destruktiver Arbeitsmoral (Roundabout, Frage der Woche, 2019; Online-Befragung, Dein Blick auf unsere Ausbildung am IfA, 2020). Diese Erfahrungen sind weder Bestandteil des offiziellen Curriculums an Hochschulen, noch beabsichtigte Produkte der Architekturausbildung. Dennoch sind sie die einprägsamsten und einflussreichsten Aspekte, die Studierende fest mit ihrem Architekturstudium verbinden.

Studiokultur

Die Summe der positiven und negativen Erfahrungen, Muster und Gewohnheiten, die innerhalb der Designstudios auftauchen, sind das, was mit dem Phänomen „Studiokultur” beschrieben wird (AIAS Studio Culture Task Force, The Redesign of Studio Culture, 2002). Kultur wird allgemein als Lebensweise einer Gruppe von Menschen verstanden und auch die Profession Architektur bringt ihre eigene Lebensweise, Überzeugungen und Bräuche hervor. Sie werden in den Designstudios erlernt und beruhen auf der Interaktion von Studierenden untereinander sowie zwischen Studierenden und Lehren88

Studiokultur überdauert jeden Wandel. Doch Widerstand gegenüber Veränderungen ist heute – mehr als jemals zuvor – keine Option!


den. Es ist daher nur natürlich, dass so besondere Umgebungen eine eigene Kultur innerhalb der Hochschulen entwickeln. Obgleich jede Architekturschule in Abhängigkeit ihrer diversen Studierenden und Lehrenden eine ganz eigene Studiokultur entwickelt, ist das Auftreten des Phänomens in nahezu allen Hochschulen und Ausbildungsprogrammen gegeben. Die Studiokultur ist für die Studierenden ebenso prägend, wie die Projekte selbst, die sie im Laufe ihres Studiums erarbeiten, und trägt gleichermaßen zur persönlichen und fachlichen Entwicklung bei. Neben den gewollten Zielen der Architekturausbildung – beschrieben im formalen Curriculum – erzeugt das soziale Milieu in den Studios und Architekturschulen und seine thematische Einbettung eine Reihe von unausgesprochenen Werten und Normen, die als unbeabsichtigte Nebenprodukte der Ausbildung auftreten. Sie werden als „hidden curriculum / heimlicher Lehrplan” bezeichnet (Thomas A. Dutton, Design and Studio Pedagogy, 1987). Hochschulen sind somit keine neutralen Orte, sondern ein wesentlicher Bestandteil der sozialen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen innerhalb der Gesellschaft. Generationen von Studierenden, Lehrenden und Praktizierenden geben die aus der Studiokultur resultierenden Gewohnheiten und Werte innerhalb der Architekturschulen weiter. Studiokultur überdauert somit jeglichen Wandel innerhalb der Disziplin und Ausbildungstradition.

Die Architekturausbildung am Bauhaus beruhte auf der Idee der Meisterlehre. Nach einer einjährigen Grundausbildung und Experimentierphase mit Form, Farbe und Material, erhielten die begabtesten Lehrlinge Zutritt du den Werkstätten, in denen das praktische Arbeiten durch renommierte Künstler der Avantgarde, genannt Meister, gelehrt wurde. Das Bild zeigt eine Unterrichtsszene am Bauhaus Dessau von 1930/1931. Ludwig Mies van der Rohe korrigiert die Entwürfe seiner Studierenden (v.l. Annemarie Wilke, Heinrich Neuy, Hermann Klumpp).

Wandel

Doch dieser Widerstand gegenüber Veränderungen ist heute – mehr als jemals zuvor – keine Option! Die Welt von heute ist komplex, Grenzen erodieren, Informationen und Wissen fließen, alles ist in ständiger Bewegung. Wir befinden uns inmitten eines enormen sozialen und wirtschaftlichen Wandels, der auch nicht vor der Architekturpraxis Halt macht. Neue Technologien beeinflussen die Gestalt von Architektur und ihren Entstehungsprozess, die Anforderungen an Architektur in all ihren Facetten werden größer ebenso wie die Erwartungen an Architekturschaffende. „A world of flows respects no boundaries.” (Thomas R. Fisher, In the Scheme of Things, 2000). Um proaktiv mit den Veränderungen in der Welt umzugehen, muss unsere Disziplin sich ebenso verändern. Den Architekturschulen kommt folglich die entscheidende Aufgabe zu, engagierte, optimistische und gesunde Absolvent*innen hervorzubringen, die nicht nur die Kultur innerhalb der Hochschulen positiv verändern, sondern auch jene der Büros und Arbeitswelt. Nur so kann Architektur als Disziplin den Herausforderungen in der Welt standhalten und den Wandel aktiv mitgestalten.

Mythen

Doch wie können wir erwarten, dass zukünftige Architekt*innen 89


bestmöglich auf die Herausforderungen in unserer Welt reagieren, wenn sie sich bereits während der Ausbildung negative Verhaltensweisen und Muster aneignen, die auch über die eigene Lebenswelt hinaus nachteiligen Einfluss auf ihre Arbeit üben? Hierzu zählen bestimmte Mythen, die trotz der Diversität innerhalb der Architekturausbildung in allen Programmen zu finden sind und ebenso das Phänomen Studiokultur prägen wie auch die spätere Berufspraxis. Viele dieser Mythen entwickelten sich bereits an einflussreichen Architekturschulen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert und bestimmen seit jeher die Mentalität der Studierenden. Es hält sich beispielsweise der Glaube daran, dass die besten Ideen ein Produkt der Nacht sind und kreative Energie sich nur unter enormem Zeitdruck gut entfalten kann. Außerdem werden diejenigen, die die meisten Stunden im Studio verbringen, einmal die besten Architekt*innen sein und ohnehin sind alle anderen Themen und Kurse weniger wichtig als Entwurfsprojekte. Ferner sind für ein erfolgreiches Architekturstudium extreme Hingabe in Form persönlicher (Freizeit) und körperlicher Opfer (Schlaf) unerlässlich (AIAS). All diese Mythen führen zu emotionaler, physischer und kultureller Entbehrung und sollten unbedingt der Vergangenheit angehören! Doch immer wieder sind es die Studierenden selbst, die – wenn auch humorvoll – all die ungesunden Denk- und Verhaltensmuster proklamieren. Warum sind Architekturstudierende so stolz auf die negativen Aspekte der Studiokultur?

Spannungsfelder

Um eine positive und fruchtbare Studiokultur zu etablieren, müssen Architekturschulen, Lehrende und Studierende gemeinschaftlich langfristige und zukunftstaugliche Verhaltensweisen und Denkmuster entwickeln, die sich deutlich von den tradierten Mythen und ihren schädlichen Konsequenzen abheben. Folgende Spannungsfelder müssen neu ausgelotet werden:

von Aufopferung zu Hingabe Die Architekturausbildung soll herausfordernd, intensiv und umfassend sein. Dies darf allerdings nicht bedeuten, dass Studierende ihre Tage und Nächte in den Designstudios verbringen und ein ungesundes Leben führen. Auch wenn Studierende hierzu nicht gezwungen werden, müssen Faktoren, die eine solche Lebensweise fördern, verändert werden. Ein 24/7-Zugang zu den Studios und späte Besprechungstermine gehören auch dazu! „At issue is not the value or even the necessity of hard work, commitment or dedication. There has never been, and probably never will be, a lack of that among students and recent graduates who are serious about becoming architects. The question is: When do we cross the fine line between hard work and exploitation?” (Thomas R. Fisher, Patterns of Exploitation, 1991). 90

„The Sleep Suit” wurde 2006 von dem Architekten Forrest Jessee entwickelt und beruht auf der Idee des Dymaxion-Schlafs von Buckminster Fuller – einem Wach-Schlaf-Rhythmus, der ihm erlauben sollte, die maximale Zeit wach bleiben zu können und nur alle 6 Stunden für 30 Minuten zu schlafen (also insgesamt 2 von 24 Stunden). Inzwischen ist der Anzug in Amerika patentiert, erhält aber hoffentlich keinen weltweiten Einzug in die Designstudios.


Die besten Ideen sind ein Produkt der Nacht; extreme Hingabe in Form persönlicher (Freizeit) und körperlicher Opfer (Schlaf) ist unerlässlich

Ich fordere keine Besprechungstermine nach 18 Uhr und einen eingeschränkten Zugang zu den Studios. Die Zeiten können je nach Studio variieren und zu Semesterbeginn mit den Teilnehmer*innen in einer Abstimmung festgelegt werden!

von Zeitdruck zu Zeitmanagement Die Arbeit in den Designstudios ist von Natur aus zeitaufwendig (Recherche, Diskussion, Modellbau, Darstellungen etc.). Studierende müssen daher vor allem den Wert der Zeit schätzen lernen. Die Möglichkeit, jederzeit in den Studios arbeiten zu können, lässt die Zeit jedoch zu einer scheinbar endlosen Ressource werden. Dabei führt gutes Zeitmanagement meistens zu stärkeren Entwurfsprojekten und gelungeneren Präsentationen. Denn Studierende mit einem ausgewogenen Zeitplan finden Gelegenheiten, die eigene Arbeit kritisch zu reflektieren und Präsentationen gründlich vorzubereiten. Warum also nicht einfach mal das Licht zu einer angemessenen Feierabendzeit in den Studios abschalten? Ich fordere die Lehrenden auf, zusammen mit den Studioteilnehmer*innen einen zeitlichen Ablauf für das Semester aufzustellen, der u. a. wichtige Entwurfsentscheidungen terminiert und nicht allein auf Präsentationstermine hinweist!

von Isolation zu Partizipation Wenn Architekturstudierende einen großen Teil ihrer Zeit ausschließlich zusammen mit anderen Architekturstudierenden in einem Designstudio verbringen, abgeschottet vom Rest des Campus, verlieren sie schnell den Bezug zu dem, was Architektur erst lebendig macht: den Menschen und der Umwelt. Dabei hat jede Außen- bzw. Nicht-Architektur-Erfahrung einen unverzichtbaren Einfluss auf das produktive Schaffen und hilft, Unwissenheit und Ignoranz zu eliminieren. Architekturstudierende müssen aufgefordert werden, ihre Blase auch mal zu verlassen! Ich fordere mehr partizipative Projekte innerhalb der Universität (fakultätsübergreifend und mit Architektur-Laien) und mehr Projekte auf dem bzw. für den Campus der TU Berlin, um die Identifikation mit der Universität als Ganzes zu steigern!

von Designstudio zu Architekturstudio „Architecture, by nature and tradition, holds vast potential as a model for the integration and application of learning, largely because of its most distinctive feature – the design studio. The integrative possibilities of studio extend far beyond architecture.” (Boyer & Mitgang, Building Community: A New Future 91


for Architectural Education and Practice, 1996). Architektur ist komplex. Studios müssen Studierenden Zugang zu allen Dimensionen von Architektur ermöglichen! Ästhetische, kulturelle, praktische, historische, technische und soziale Aspekte müssen im Studio gleichermaßen berücksichtigt werden! Integrative Projekte multiplizieren den Wert eines Designstudios. Ich fordere die entwurfsorientierte Studioarbeit um theoretische Inhalte zu ergänzen, über die von allen Studioteilnehmer*innen abgestimmt wird! Diese sollen als Lernziele formuliert werden.

von Produkt zu Prozess Studierende sollen lernen, dass der Designprozess genauso wichtig ist wie das entworfene oder gebaute Produkt. Die Fähigkeit, Design als Prozess zu betrachten, ist Architekt*innen ein Leben lang nützlich und hält allen Veränderungen innerhalb des Berufsfeldes stand (Materialien, Konstruktionsformen, Baustile etc.). Design-thinking skills können auf unzählige Prozesse übertragen und über die Disziplin hinaus angewandt werden. Unsere Studiopraktiken und Projekte müssen erkennbar machen, dass die hohe Qualität von Ideen wichtiger ist als ihre hübsche Darstellung! Ein Wetteifern unter Studierenden, die den Fokus manchmal zu früh auf detaillierten Modellbau legen, muss enden. Lehrende sollten ihnen dabei helfen, das Modell als Werkzeug zu begreifen, um zu einem guten Entwurf zu kommen und in Präsentationen mehr über den Prozess anstatt das Produkt zu sprechen. Ich fordere innerhalb der Studios Konsensentscheidungen über das maximale Budget pro Person und Semester für Modellbau und Drucke (vorzugsweise recyceltes Material)! Und eine gemeinsame Reflexion über die Verhältnismäßigkeit von Darstellungsmitteln!

von Individualismus zu Kollaboration Der Erfolg von Architektur ist abhängig von der Einbindung diverser Perspektiven und Wissensstände. Viel zu oft arbeiten Studierende in den Studios bisweilen jedoch eher neben- als miteinander. Projekte, in denen die Fähigkeiten aller zusammenwirken und Inhalte und Ziele gemeinsam verhandelt werden, sind langwierig und mühsam, langfristig aber gewinnbringender. Natürlich sind individuelles Lernen und persönliche Entwicklung entscheidende Faktoren für erfolgreiche Designstudios. All das schließt kollaboratives Arbeiten jedoch nicht aus. Gebündelte Kraft schafft Vertrauen, Empathie und Teamfähigkeit und mindert Wettbewerbsdruck und Ich-Bezogenheit. Studierende müssen zur Arbeit in kollaborativen Gruppen angeregt und angeleitet werden! Zu lernen, wie man innerhalb diverser Gruppen gut kommuniziert, erfolgreich Entscheidungen fällt und 92

Einmal jährlich präsentieren die Architekturstudierenden der TU Berlin ihre Arbeiten im Rahmen der IfA Jahresausstellung. 2019 haben erstmals öffentliche Diskussionsformate die Ausstellung ergänzt. Im Rahmen des Roundabout Talks „ask about / think about / talk about” haben Studierende u. a. die Lern- und Arbeitskultur am Haus kritisch reflektiert.


ein produktives Lernklima schafft, ist langfristig nützlich! Ich fordere eine kollaborative Arbeitsweise in den Entwurfsstudios, die über das gewöhnliche Arbeiten in 2 bis 4 Personen starken Gruppen hinausgeht und das Bereitstellen geeigneter Werkzeuge und Methoden hierfür (siehe Ripple Effekt S. 65)!

von Betriebsblindheit zu Interdisziplinarität Architektur ist ein kultureller und sozialer Akt, der eine Vielzahl von Teilnehmer*innen in den Entwurf, die Entwicklung, Ausführung und Nutzung einbezieht. Doch vor allem an den Hochschulen werden viel zu selten Angehörige anderer Disziplinen in den Entstehungsprozess von Architektur einbezogen. Dabei gibt es auf einem traditionellen Campus zahlreiche Möglichkeiten für die Zusammenarbeit mit Soziolog*innen, Landschaftsarchitekt*innen, Sozialarbeiter*innen, Bauingenieur*innen etc. Studierende hätten so nicht nur die Möglichkeit, ihr Wissen zu erweitern, sondern könnten auch die Interaktion mit möglichen Nutzer*innen üben. Architekt*innen müssen die Sprache mehrerer Disziplinen verstehen und über verschiedene Arten von Wissen verfügen bzw. lernen, sich einen Zugang hierzu zu ermöglichen! Die komplexen Probleme unserer Zeit erfordern multidisziplinäre Antworten! Ich fordere mehr interdisziplinäre Projekte innerhalb der TU!

von Architekt*in zu Lehrer*in

Architekturstudierende müssen aufgefordert werden, ihre Blase auch mal zu verlassen!

Lehrende haben die Verantwortung, Studierende auf die Berufspraxis vorzubereiten. Dies schließt neben der Vermittlung von praktischem Wissen und Fähigkeiten auch das Vorleben gesunder Verhaltens- und Denkweisen ein. Da die meisten Lehrenden selbst ein Produkt der Designstudios sind und nur auf ihre eigenen Erfahrungen zurückgreifen können, erklärt sich, warum sich in der Studiokultur seit Generationen gleichbleibende Muster zeigen. Lehrende müssen ihre eigenen Studioerfahrungen reflektieren, um daraus sinnvolle und gewinnbringende Lehrmethoden für eine positive Studiokultur zu entwickeln! Ich fordere eine bessere Evaluation der Studios und Lehrmethoden rechtzeitig im Semester (z. B. anonym, bereits zur Zwischenpräsentation, Ergebnisse werden gemeinsam im Studio diskutiert)!

von Diktatur zu Demokratie Das Verhalten untereinander und der verbale Austausch von Studierenden und Lehrenden ist von größter Bedeutung in den Studios. Doch vertikale Beziehungen, eine Lehrer*innen-zentrierte Atmosphäre und übermäßiges Ausüben von Macht (u. a. bei Kritiken) verhindern oftmals einen konstruktiven Dialog. Designstudios müssen demokratisch organisiert sein! Konsensentscheidungen bezüglich Inhalt und Struktur der Projekte, ein 93


pädagogischer Rahmen und eine veränderte Rolle von Lehrenden, die den Lernprozess begleiten und nicht bestimmen, sind gefragt. Ich fordere die Lehrenden auf, Studierende in Entscheidungsprozesse einzubeziehen (Abgabeleistungen, Bewertung etc.) und somit gezielt ihre Dialogfähigkeit zu trainieren (Debattierübungen)!

von Benotung zu Bewertung Gute Noten sind der ersehnte und krönende Abschluss jedes Designstudios. Dabei widerspricht das Streben nach einer guten Benotung dem intrinsischen Interesse von Studierenden, zu lernen. Denn Noten sind Ausdruck externer Macht und Kontrolle. Der Lernerfolg von Studierenden darf nicht anhand von Noten bemessen werden! Warum schließt ein Studio anstatt mit einer Note nicht einfach mit „bestanden / nicht bestanden” ab? Ich fordere eine Bewertung, die nachvollziehbar und transparent ist und über die Vergabe einer Note hinaus geht (schriftliche Bewertung in Textform als Reflexion der individuellen Entwicklung)!

von Kritik zu Feedback Nicht der Wert von Kritik steht zur Diskussion, sondern vielmehr das Setting, in dem Kritik in den Studios geübt wird. Was sollen Studierende in diesem Setting lernen, wenn sie ihre Arbeit vor Juror*innen (v. a. Professor*innen und andere Lehrende), Gästen (v. a. Praktizierende) und anderen Studioteilnehmer*innen verteidigen müssen? „Too often, the proceedings seem almost Kafkaesque – a sleep-deprived student facing a panel of inquisitors, with the ‚right‘ answers so subjective as to be unknown.” (Boyer & Mitgang). Präsentationen im klassischen Sinne verhindern einen befruchtenden Austausch, einen Dialog auf Augenhöhe und eine demokratische Studiopraxis. Warum also nicht einfach mal alle im Kreis aufstellen (bewährte Methode am Natural Building Lab, TU Berlin)? Ich fordere die Lehrenden auf, das Präsentationsformat mit den Teilnehmer*innen gemeinsam und frühzeitig festzulegen!

von Ausgrenzung zu Inklusion Designstudios sind nicht frei von den Kräften und Beziehungen der weiteren Gesellschaft. Doch Fragen nach kultureller Identität, Geschlecht, Religion, Überzeugungen, Sexualität, sozio-ökonomischem Hintergrund oder physischer und psychischer Gesundheit fanden hier in der Vergangenheit wenig Beachtung. Studierende müssen für diese Fragen sensibilisiert werden! Designstudios müssen Orte der Akzeptanz aller Individuen sein! Ich fordere Studios, die nicht nur durch die Entwurfsarbeit auf Ungleichheiten innerhalb unserer Gesellschaft antworten (Nutzung, sozialer Wohnungsbau etc.), sondern auch die Diskriminierung innerhalb des Berufsstandes thematisieren (Frauenquote etc.)! 94

In der Nacht vor der Endpräsentation lud sie alle noch im Studio anwesenden Studierenden in eine Bar ein


Indem Universitäten ihren Studierenden die Möglichkeit einräumen (und sie hierdurch subtil dazu ermutigen) bis spät in die Nacht in den Studios zu arbeiten, wird angehenden Architekt*innen nicht beigebracht, die eigene Zeit wertzuschätzen. Hierin liegt auch ein Grund für eine unfaire Entlohnung der Arbeit von Berufseinsteiger*innen. Die Architecture Lobby macht durch ihre Arbeit darauf aufmerksam, wie wertvoll jede Stunde ist. Auf der Biennale in Venedig protestieren 2014 junge Architekt*innen der Architecture Lobby.

Um eine positive und nachhaltige Studiokultur zu etablieren, bedarf es gemeinsamer Werte als Grundlage. Diese sind: Optimismus, Respekt, Engagement, Gemeinschaft und Innovation (AIAS). Sie schaffen den Glauben an eine Architektur, die über ihre baulichen Grenzen hinaus positiv wirkt und daran, dass junge Architekt*innen einen wertvollen Beitrag hierzu leisten. Designstudios werden somit zu Möglichkeitsräumen für Wachstum und Austausch sowie gelebte Diversität und Akzeptanz. Gleichzeitig muss die Studiokultur einen kontinuierlichen Wandel erfahren. Das wiederholte Testen alternativer Methoden und Werkzeuge zur steten Verbesserung der Studiopraxis ist wesentlich, da ein Wandel der Kultur nur aus den Studios heraus vorangetrieben werden kann. „Rather than the conservative force they represent now, the schools should instead be the place where the critique of the design culture is most acute. That, I believe, is their cultural role.” (Fisher).

Anmerkung: Meine Forderungen sind weniger undifferenzierte Kritik an den Entwurfslehrenden der TU Berlin, sondern vielmehr ein Aufruf, durch neue Lehrmethoden und eine bessere Kommunikation und Reflexion die Qualität der Lehre und den Inhalt der Studios zu verbessern.

Werte

Aktivismus

Studierende haben das Recht, und die Verantwortung, die Ausbildungstradition zu hinterfragen und praktikable Alternativen hierfür aufzuzeigen. Dieser Macht sind sich Studierende allerdings oft nicht bewusst. In erster Linie ist es also die Aufgabe der Architekturschulen und im Besonderen der Lehrenden, eine Umgebung zu schaffen, in denen angehende Architekt*innen respektvoll mit sich, der eigenen Arbeit und anderen umgehen. Die Architektin und Architekturpädagogin Peggy Deamer ist Professorin für Architektur an der Yale University und Mitbegründerin der Architecture Lobby – einer aktivistischen Organisation, die sich für den Wert architektonischer Arbeit innerhalb und außerhalb des Berufs einsetzt. In ihrem Pamphlet 2 schreibt die Architecture Lobby: „Those of us who teach must stop being proud of our students’ all-nighters doing our pedagogical bidding.” Deamer ist dieser Aufforderung durch einen Vertrag nachgekommen, den sie zu Beginn des Semesters von ihren Studierenden unterzeichnen ließ. Die Studioteilnehmer*innen verpflichteten sich damit, keine Nachtschichten während des Semesters zu verüben. (Ich fordere Nachahmung!) In der Nacht vor der Endpräsentation lud Deamer schließlich alle noch im Studio anwesenden Studierenden in eine Bar ein, um sie an ihr Versprechen zu erinnern. Ein Hoch auf Designstudios, die auch mal Pause haben!

95


Dank


Dieses Magazin haben viele gute Menschen begleitet und bereichert: Julian, Laila und Vera Nina und Matt Leo Vroni Anne und Thea Luki Max Sina meine Kommiliton*innen am IfA Laura und das Team vom Roundabout e. V. Wanja und Ada und und und Ich möchte allen danken, die mir sehr persönliche Erfahrungen anvertraut und Hoffnung auf positive Veränderungen innerhalb unserer Ausbildungskultur gegeben haben!


Deine Entscheidung!

was du tust


was du tun mรถchtest


freies Lehrforschungsprojekt Magdalena Bรถttcher

Profile for boettmagda

Critical Perspectives  

Critical Perspectives ist ein Plädoyer für eine neue Haltung in der Ausbildung und Praxis von Architekt*innen und verfolgt die Absicht, eine...

Critical Perspectives  

Critical Perspectives ist ein Plädoyer für eine neue Haltung in der Ausbildung und Praxis von Architekt*innen und verfolgt die Absicht, eine...

Advertisement