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Schweizer Illustrierte GRUEN #X/ 2017

GRUEN

#4 12. Oktober 2018 www.si-gruen.ch CHF 7.–

100% Grün. 100% Lifestyle.

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Schauspieler & Designer

JOEL BASMAN «Nähen? Eine Hose krieg ich hin!»

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6 Seiten Wallis GenussWeekend im Binntal

Snowboard-Pionier Jake Burton Wie seine Weltmarke immer grüner wird


Für umweltbewusstes Renovieren. Auch der WWF empfiehlt unsere besonders umweltschonenden Produkte für grosse und kleine Renovationsarbeiten. Setzen auch Sie sich für eine intakte Natur ein, indem Sie bei Ihrem nächsten Einkauf auf das Oecoplan Logo achten. Es bürgt für eine umweltgerechte Produktion und eine ökologisch einwandfreie Verwendung. Entdecken Sie die grosse Auswahl an Oecoplan Produkten – jetzt in Ihrem Coop Bau+Hobby. www.bauundhobby.ch

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GRUEN Fotos: Geri Born, Markus Burke, Nina Siegrist, Susanne Märki

EDITORIAL HOCH HINAUS Es ist wieder Kinowetter! Diesen Herbst empfehlen wir ganz besonders die Ver­ filmung von Thomas Meyers Bestseller «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» mit Joel Basman in der Hauptrolle. Der 28-jährige Schauspieler lebt im Zürcher Niederdorf, dreht aber auf der ganzen Welt – und das so erfolgreich wie noch nie. Wir inszenierten ihn für unsere Titelgeschichte unter anderem in seiner ­Heimat, dem «Chreis Cheib». Beim Shooting erlebten wir einen selbstbewussten jungen Mann, der genau weiss, wie er sich zeigen will. Attitude und Mimik sitzen bei jedem Bild so perfekt wie die massge­ schneiderten Anzüge aus dem Modegeschäft seiner Eltern. Unsere Coverstory ab Seite 12 Herr und Frau Carpenter? Muss man die kennen? Nicht wirklich. Ihr Sportlabel hin­ gegen schon. Jake Burton Car­ penter – sein zweiter Vorname wurde zur Marke – begann Ende der Siebzigerjahre, in einer Garage Snowboards zu bauen. Heute besitzt der gebürtige New Yorker einen Weltkonzern. Seine Frau Donna

führt Burton als CEO in eine ökologischere Zukunft. Wir trafen die beiden in München zum Interview und sprachen über den Klimawandel, ihre Fabriken in China, aber auch über Persönliches wie Jakes Genesung von einer schweren Autoimmunerkrankung. Das Paar gab sich entspannt, unkompliziert und etwas «crazy» – ganz Snowboarder eben. Am Schluss des Gesprächs über­ reichte Jake noch ein Präsentli: eine Rolle Klopapier mit dem aufgedruckten Konterfei von Donald Trump. Der amerika­ nische Präsident ist einer der Gründe, wieso die Carpenters im Januar in die Schweiz zie­ hen. Das Interview ab Seite 26 «Wir haben aber nur ganz wenig Zeit», warnten die Zobo-Getränkeproduzenten unsere Autorin Lisa Merz im Vorfeld. Nach dem Besuch in der Zürcher Manufaktur war ihr dann auch klar, wieso Ysa Yaheya und Fabian Brunner so beschäftigt sind: Das Paar verbringt den ganzen Tag mit Rüsten, Aufkochen, Mixen und Abfüllen. Jede Flasche geht durch ihre Hände. In der winzigen Produktion zaubern sie aus Ingwer, Hibiskus oder

ZÜRICH, MÜNCHEN, BINNTAL

Street-Style: Joel Basman und Hair & Make-up Artist Gabriel de Fries. Die «Burtons»: Jake und Donna Carpenter mit Autorin Barbara Halter (Mitte). Geschafft! Anne Gabriel-­ Jürgens fotografiert Strahler Ewald Gorsatt.

Muskat würzige Limonaden für Erwachsene. Das Porträt zweier Idealisten ab Seite 42 Fotografin Anne GabrielJürgens, ursprünglich ein «Küstenkind» aus Deutsch­ lands Norden, lernte auf der Mineralienexkursion im Wal­ liser Binntal ein wichtiges Wort: embrüf – hinauf! Bis auf 2700 Meter gings, Edelstein­ suchen ist kein Zuckerlecken! Doch die Anstrengungen konn­ ten die Freude nicht trüben: Die Region ist einfach atem­berau­ bend schön! Unsere WeekendReportage ab Seite 64 Barbara Halter und Nina Siegrist, Redaktionsleiterinnen SI GRUEN

„Die Region ums Binntal ist atemberaubend schön!“

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GRUEN 4/18

COVER

Foto: Mirjam Kluka Styling: Caroline Ziegler, Style Council Grooming: Gabriel de Fries, Style Council Assistenz: Anina Lehmann Outfit: Anzug und Hemd, Basman

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STREET-ART Die Tessiner Künstlerin Mona Caron malt riesige Pflanzen.

Starter

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6 Pipilotti Rist: Die Videokünstlerin und ihre Performance gegen das Korallensterben 8 Stricken statt surfen: Der Finne Janne Rauhansuu macht Mützen aus Bio-Wolle

Storys 12 Joel Basman: Der Zürcher Schauspieler spricht über Velofahren, Landleben und Mode aus der Schweiz 20 Mona Caron: Die Schweizer Street-ArtKünstlerin bringt weltweit Städte zum B ­ lühen 26 Jake Burton: Der Snowboard-Pionier engagiert sich für die Umwelt – und zieht nächstes Jahr nach Zürich 32 Mühleberg geht vom Netz: Wie das erste Kernkraftwerk der Schweiz seine Schliessung vorbereitet 42 Ingwer und Hibiskus: Die Getränke­ manufaktur Zobo füllt Würziges in Flaschen 48 Wellness in Thailand: Ein Retreat im «Chiva-Som» hilft gegen Stress 54 Fashion: Der Mode-Herbst bringt Karos, lässige Mäntel und XXL-Strick 64 Weekend-Trip ins Wallis: Rund ums Binntal schlemmen und Bergkristalle suchen 72 «Alpenblick Adelboden»: Koch Björn ­Inniger ist ein Meister im Einmachen

SNOWBOARDER Donna und Jake Burton Carpenter im Interview.

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SCHLUSS JETZT Das Kernkraftwerk Mühleberg wird abgeschaltet.

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Money 80 Elektromüll: Zwei junge Basler bringen alte Smartphones auf Vordermann 82 Swiss Design: May-Britt Wehrli schafft mit ihrem Label Flot Schönes für zu Hause 86 Ich fahre «GRUEN»: Triathletin Nicola ­Spirig testet den Elektro-Jaguar I-Pace

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PROST! Die Zürcher Manufaktur Zobo kreiert Limonaden für Erwachsene.


Fotos: Mirjam Kluka (2), Sara Merz, Markus Burke, Manuel Stettler, Anja Wille, zvg, Lauretta Suter, Anne Gabriel-Jürgens

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ER IST AUCH DESIGNER Schauspieler Joel Basman entwirft Männer-Mode.

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TIEF DURCHATMEN Eine Kur im ­Wellness-Resort Chiva-Som in Hua Hin.

LÄSSIG UND RELAXT Hot Pink heisst die Trendfarbe dieses Herbstes.

RAUS IN DIE NATUR Mit dem Strahler auf Exkursion im Walliser Feldbachtal.

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GRUEN

Die Schweizer ­Videokünstlerin ­Pipilotti Rist ­ver­anstaltete im Berner Hallenbad Hirschengraben die Performance Toi comme le corail symbiotique.

PIPILOTTI RIST

Im Rausch der Korallen KUNST FÜRS KLIMA Eine Reise ans Meer rüttelte Pipilotti Rist auf: Sie wollte schnorcheln gehen, doch statt einer ­farbenfrohen Unterwasserwelt sah sie nur graue, leblose Gerippe. «Unter dem Meeresspiegel findet eine Katastrophe statt. Die Korallen sterben ab», sagt sie. Das Erlebnis beschäftigte die Künstlerin so sehr, dass sie sich entschloss, zusam­ men mit dem WWF eine Performance gegen das Korallensterben zu lancieren.

Im Berner Hallenbad Hirschengraben schuf sie eine bunt erleuchtete Welt, in der Besucher planschen und tauchen konnten. Solche Aktionen sind dringend nötig: Weltweit werden drei Viertel aller Riffe durch die Klimaerwärmung bedroht. Wegen der höheren Wassertempera­ turen bleichen Korallen aus und sterben ab, ein einzigartiger Lebensraum für Fische und andere Tiere geht verloren. www.wwf.ch/save-the-corals

UPCYCLING

HIPP, HIPP, HURRA! Miley Cyrus, Meghan Markle, Stella McCartney – sie alle lieben die pflanzlichen Burger von «by Chloe». Die vegane Fast-Food-Kette wurde in New York gegründet und eröffnete dieses Jahr zwei Filialen in London. Neben Burgern gibt es Pasta, Salate, Säfte und Süsses. Das Restaurant ist hell und hip eingerichtet. Und: Hier essen vor allem auch alle Nichtveganer gern! www.eatbychloe.com

Mal brechen sie, dann wieder ist die Spannung raus: Skate­boarder haben einen grossen V ­ erschleiss an Brettern. Die beiden Solothurner David Zuber und Aron Gaspar von Wärchi Nr. 8 ­verarbeiten die alten Skateboards aus ihrem Freundes­ kreis zu Tischen, Flaschenöffnern oder Regalen. www.waerchi.com

«Ich bin bequem wie alle, versuche es aber mit Veränderungen im Kleinen. Ans Set bringe ich zum Beispiel eine eigene Tasse mit, weil ich nicht für jeden Kaffee einen neuen Pappbecher verbrauchen will.» Milan Peschel, deutscher Schauspieler

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Fotos: Dukas, © Pipilotti Rist/Foto: Amanda Camenisch, zvg (2), 360° Editorial

VEGAN IN LONDON


VERRÜCKT NACH PFLANZEN GRÜNZEUGS Seinen Spitznamen nimmt er mit Humor – und die Sticheleien seiner Freunde ebenfalls. Denn der Spanier Carlos Magdalena (alias der Pflanzen-Messias) hat eine Mission: «Ich möchte Ihnen alles über Pflanzen erzählen und was sie für uns tun, wie wichtig sie für unser Überleben sind.» Er kam als junger Mann an die Royal Botanic Gardens in Kew, England, und widmet sich der Vermehrung von seltenen, fast ausgestorbenen Pflanzen. Faszinierend! www.kew.org

BOYAN SLAT

Fotos: Piper Verlag, zvg (2), Getty Images, Ocean Cleanup

Putzaktion für die Ozeane PLASTIK-PLAGE «Warum r­ äumen wir nicht einfach auf?», findet der Niederländer Boyan Slat und meint damit die riesigen Mengen von Plastikmüll im Meer. Als er als 16-Jähriger beim Tauchen in Griechenland mehr Plastiktüten als Fische sieht, lässt ihn dieses Problem nicht mehr los. Er beginnt mit ein­fa­ chen Versuchen, zieht Schleppnetze durchs Wasser, um Plastikpartikel auszufiltern. 2013 gründet Boyan Slat das Projekt The Ocean Cleanup. Er sammelt über 27 Millionen Euro und entwickelte mithilfe von Ingenieuren und Wissenschaftlern das «System 001», einen riesigen Meeresstaubsauger in U-Form. Dieser soll auf den fünf grossen Wirbeln in den Ozeanen eingesetzt werden, wo sich immense

STOFF FÜR DIE ZUKUNFT ALLES BANANE Die Suche nach neuen, ökologischen Mate­ rialien geht im Textilbereich voran. Mit dabei: das Schweizer Taschen-Label Qwstion. Es entwickelte ein Gewebe aus Bananenpflanzen-Fasern, die im philippinischen Hochland biologisch angebaut werden. Daraus entstanden zwei Modelle, eine grosse und eine kleine Tasche, in Schwarz oder Weiss. Qwstion feiert damit auch sein Zehn-Jahre-Jubiläum. www.qwstion.com

«Man nimmt ein Schiff, ein Netz und fischt nach Plastik», so die Grundidee des Erfinders ­Boyan Slat, 24.

Teppiche von Plastikabfällen gebildet haben. Diesen September hat die Testphase begonnen. Ein Schiff hat den ersten Meeresstaubsauger von San Francisco aus in Richtung offenes Meer gezogen. «Es wird eine der grössten Rettungsmissionen für die Umwelt, aber wir haben diesen Mist verursacht», sagt Boyan Slat. www.theoceancleanup.com

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GRUEN

1 Firmengründer Janne Rauhansuu. 2 Finnschafe haben eine sehr weiche Wolle in grauen, weissen, schwarzen und braunen Farbtönen. 3 Pensionierte Damen ­stricken für Myssy.

STRICKMÜTZEN

Auf der Bio-Welle MANN STRICKT AUCH Die erste Mütze strickte Janne Rauhansuu vor über zehn Jahren in Davos. Er lebte damals dort, hatte eine Schweizer Freundin und war Windsurf-Profi. Nach der Sportlerkarriere zog er zurück in seine Heimat Finnland und übernahm den Bio-Bauernhof seiner Eltern. Neben vielen Wäldern gibt es dort auch eine besondere Schafrasse, die Finnschafe – womit wir wieder beim Stricken wären. Janne ist nicht nur Bauer geworden, sondern hat auch seine Mützen weiterentwickelt. Mit seiner Frau Anna gründete er das Label Myssy, zu Deutsch Mütze. Die

beiden haben auf ihrem Hof fünf eigene Schafe, den grössten Teil der Wolle liefern aber die Tiere einer nahen Bio-Farm. Die Wolle wird naturbelassen oder von Hand und mit natürlichen Mitteln gefärbt. Beim Stricken hat Janne inzwischen Hilfe bekommen: Pensionierte Damen aus der Nachbarschaft erledigen den Job. Er selbst hat das Handwerk aber nicht verlernt: Kürzlich war er zu einer Hochzeit in Südafrika ein­ geladen und merkte am Abend davor, dass er die Krawatte zu Hause vergessen hatte. Kurzerhand stellte er ein Exemplar aus Wolle her. www.myssyfarmi.fi

«Mein Fokus liegt auf meinem Job, meinen Freunden, den ­Hunden. Und der Frage, wie wir die Welt zu einem besseren Ort machen können.» Jennifer Aniston, Schauspielerin

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Fotos: 360° Editorial, zvg (3)

Früher war Janne Rauhansuu professioneller Windsurfer, heute ist er Bio-Bauer und stellt Mützen her. ­Stricken gelernt hat der Finne übrigens in der Schweiz.


Blättern Sie die Hektik weg.

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GRUEN FOOTPRINT

SELBST IST DIE FRAU

«Reparieren statt wegwerfen» heisst die Devise! Dabei spart man Geld und tut etwas gegen die wachsenden Abfallberge.

DER GRUEN-FOOTPRINT

Es gibt viel zu tun … Do it yourself liegt im Trend und ist auch sinnvoll für die Umwelt. Denn wer zum Beispiel defekte Geräte repariert statt wegwirft, schont Rohstoffe. Wie gut sind Sie im Kochen, Flicken und Gärtnern? Testen Sie sich!

1 Essen 2 Kleider & Möbel 3 Garten 4 Heimwerken 5 Deko & Geschenke 6 Gesellschaft 7 Politik

TOTAL PUNKTE

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2 IN IHREM HAUSHALT GEHEN ALLTAGSGEGENSTÄNDE WIE MÖBEL ODER KLEIDER KAPUTT. WAS TUN SIE? O Wenn ein Bein am Stuhl wackelt oder ein Loch im Kleid ist, flicke ich das selbst. O Ich lasse meine langlebigen Möbel und Kleider durch eine Fachperson flicken. O Ich hole mir Unterstützung in einem Repair Café und teile meine Erkenntnisse danach mit anderen. O Kaputte Kleider und Möbel werfe ich in den Abfall. O Flicken wozu? Möbel und Kleider verleiden mir meist, lange bevor sie kaputtgehen.

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Werkstätten zum Flicken und Kreativsein www.repair-cafe.ch www.fablab.ch Umwelt-Rating www.umweltrating.ch Freiwilligenarbeit

Foto: Shutterstock, Illustration: Pirmin Beeler

IHR PERSÖNLICHER GRUEN-FOOTPRINT

1 WENNS UMS ESSEN GEHT, SIND DIE GESCHMÄCKER VERSCHIEDEN … WELCHE AUSSAGE PASST ZU IHNEN? O Ich koche mit einheimisch-saisonalen, vorwiegend pflanzlichen Zutaten. O Ich koche gerne deftige Fleischgerichte. O Kochen ist nicht so mein Ding. Ich esse lieber auswärts, im gehobenen Restaurant. O Ich bin fürs Praktische. Mein liebstes Kochgerät ist die Mikrowelle. Dazu habe ich auf meinem Handy die Nummer des Take-aways um die Ecke gespeichert.


3 HABEN SIE EINEN GRÜNEN DAUMEN? O Ich liebe die Arbeit im Grünen und bin Mitglied in einem Gemeinschaftsgarten. 0 O Ja, sehr! Mein Garten/Balkon ist stets ordentlich und ein- heitlich. Das schaffe ich mit Pestiziden und Kunstdünger. 8 O Mein Garten soll leben und Abwechslung bieten, ich pflege meine Pflanzen nach Bio-Richtlinien. 1 O Nein, Gärtnern sagt mir gar nichts. Ich kaufe mein Gemüse und meine Früchte im Laden. 4 O Anstatt selbst anzubauen, kaufe ich Bio-Produkte. 1 4 WIE GUT SIND SIE ALS HEIMWERKER? O Ärmel hoch und los: Ich ersetze sogar meine Toilettenschüssel selbst und habe für alle Fälle die passende Ausrüstung. 6 O Was sich mit Schraubenzieher und Hammer erledigen lässt, mache ich selbst. Schwierige Arbeiten erledigt der Profi. 4 O Ich hab zwei linke Hände und rufe bei jedem Problem den Servicemann. 8 5 WOHNUNGSDEKORATIONEN UND GESCHENKE: ZU WELCHEM TYP GEHÖREN SIE? O Deko-Artikel und Geschenke kaufe ich immer neu. O Ich liebe Upcycling! Aus gebrauchten, ausgedienten Gegenständen kreiere ich neue stylische oder praktische Geschenke und Dekorationen. O Mein Näh- und Bastelatelier zu Hause ist gut gefüllt mit Materialien aus Bastelläden. Damit arbeite ich gern. 6 ENGAGIEREN SIE SICH FÜR DIE GESELLSCHAFT? O Ich engagiere mich für bedürftige Menschen im Verein oder in der Nachbarschaft. O Ich spende für wohltätige Zwecke. O Für ein gesellschaftliches Engagement fehlen mir Zeit und Interesse. O Ich habe bewusst einen Beruf gewählt, in dem ich etwas für die Allgemeinheit tun kann.

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7 SIND SIE POLITISCH AKTIV? O Ich interessiere mich nicht besonders für Politik, unterstütze aber gelegentlich ökologische Belange. 12 O Ich bin Mitglied in einer Partei, die sich für Klima- und Umweltschutz starkmacht oder bin dafür aktiv in Gemeinde oder Kanton. 2 O Ich wähle grüne Politiker und Politikerinnen und unterstütze umweltfreundliche Initiativen und Petitionen. 6 O Ökologie und Klimaschutz interessieren mich nicht. 30

AUSWERTUNG O Bis 40 Punkte

O 41 bis 70 Punkte

O Mehr als 70 Punkte

Sie sind der Hammer! Mit Ihrem ­vielseitigen Engagement entlasten Sie die Umwelt. Zur Bestwertung fehlt nicht viel. Schlagen Sie einen Nagel für die ­Umwelt ein, und packen Sie mit an. Vielleicht haben Sie es noch nicht ­bemerkt, aber die Ressourcen unserer Erde sind nicht endlos. Ziehen Sie die Arbeitshosen an, jetzt!

DIE ZAHL

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Repair Cafés gibt es derzeit* in der Schweiz.

BESSER LEBEN Wer hat sich nicht schon über Geräte geärgert, die noch fast neu sind, aber nicht mehr richtig funktionieren? Ab ­ damit ins Repair Café! Diese Veranstaltungen finden weltweit statt, auch in der Schweiz. Zusammen mit einem Profi kann man defekte Dinge von zu Hause kostenlos reparieren, nur für die Ersatzteile bezahlt

man. Wer selber Hand anlegt, bekommt ein besseres Gespür für Qualität und spart Geld. Gleichzeitig reduziert man den Ressourcenverschleiss und die wachsenden Abfallberge. Übrigens: Am Samstag, 27. Oktober, ist Schweizer Reparaturtag. Im letzten Jahr wurden dabei fast 1500 Gegenstände geflickt.

WEITERE TIPPS O Verleihen Sie selten gebrauchte Gegenstände an Nachbarn und Bekannte, und präsentieren Sie Ihr Angebot zum Beispiel mit Stickern von www.pumpipumpe.ch auf Ihrem Briefkasten. O Nutzen Sie technisch gut ausgestattete Werkstätten, s­ ogenannte FabLabs. O Leihen Sie selten benötigte Gegenstände wie Leitern, Musik­ instrumente, Outdoor-Ausrüstung aus, anstatt sich diese selbst zu kaufen. O Sind Sie handwerklich begabt? Die ehrenamtlich geführten Repair Cafés sind in der Regel froh um weitere Hilfe. Der WWF unterstützt Menschen dabei, ihren ökologischen Fussabdruck zu verringern. Für eine Standortbestimmung bietet der WWF den Footprint-Rechner im Internet und in der WWF Ratgeber-App an. Kon­krete Tipps und Tricks gibts eben­falls. Swisscom unterstützt als Part­nerin den WWF Footprint-Rechner und die WWF Rat­geber-App. www.wwf.ch/footprint * Stand Ende September 2018

www.benevol-jobs.ch/de Gemeinschaftsgärten www.interkulturelle-gaerten.ch Professionelle Reparaturen www.reparaturfuehrer.ch

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GRUEN COVER


JOEL BASMAN Im Zürcher «Chreis Cheib» ist er auf­ gewachsen, auf der Leinwand wird er nun gross: Der Schauspieler über seine Familie, Besitz und die Angst, sich zu verlieren.

Selbstbewusst nach oben Interview: Barbara Halter,  Fotos: Mirjam Kluka, Styling: Caroline Ziegler / Style Council, Grooming: ­Gabriel De Fries / Style Council

Am Zurich Film Festival war Premiere, ab dem 25. Oktober kommt «Wolkenbruch» in die Kinos. Joel Basman, 28, spielt darin Motti, die Hauptrolle.

Zwei Premieren am Zurich Film Festival, dazu Dreharbeiten für zwei neue Produk­ tionen – dem 28-jährigen Zürcher Joel Basman läuft es grad richtig gut! Dabei ist nicht nur die Anzahl, sondern auch die Bandbreite seiner Filme eindrücklich. Vergleichbares kann hierzulande zurzeit kein anderer Schauspieler vorweisen.

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GRUEN COVER Am Filmfestival war er im englischen Drama «Kursk» zu sehen und feierte die Welt­premiere von «Wolkenbruch». Die Verfilmung des Bestsellers von Thomas Mayer ist der Schweizer Film des Jahres. In der Komödie spielt Basman die Hauptrolle Motti, einen naiven orthodoxen Jüng­ling, der aus seiner engen Welt ausbricht, die Heiratspläne seiner eifrig-­ nervigen Mutter ignoriert und die freie Liebe ausprobiert. GRUEN: Joel Basman, in lustigen Rollen kennt man Sie bisher gar nicht! Für mich war das auch ein Experiment. Doch seit ich das Buch gelesen habe, wusste ich, dass ich bei einer Verfilmung alles daransetzen würde, um mitzuspielen. «Wolkenbruch» war ein Heimspiel. Sie drehten in Zürich, Regisseur Michael Steiner ist Ihr Freund. Sie beide boxen zusammen. Wieso ausgerechnet Boxen?

Zurück auf dem Pausenplatz: Joel Basman beim Schulhaus Feld im Kreis 4.

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Ich bin durch «Steini» zum Boxen gekommen. Als ich 19 war, hat er mich zum Training mitgenommen – jetzt haue ich ihn locker runter (lacht). Ich kann mich dabei körperlich auspowern, gleichzeitig braucht es Konzentration. Du musst leer im Kopf sein und dich auf das Jetzt, auf jeden Schlag, konzentrieren. Das Training kann einen schon fast in einen meditativen Zustand versetzen. Sie hatten die Idee, dass wir Sie beim Zürcher Schulhaus Feld fotografieren, wo Sie die Oberstufe besuchten. Welcher Pausenplatz-Typ waren Sie? Ich war bei denen, die hinter dem Schulhaus rauchten (grinst). Also eher der Bad Boy? Ich war ein anständiger Schüler – musste aber auch mal vor die Tür. Ich diskutierte gerne mit den Lehrern und übertrieb es dabei. Wenn du in der Pubertät bist und der Rest der Klasse mitlacht, ist das natür-

lich eine Blossstellung des Lehrers. Das verstehe ich heute. Wär ich ein Lehrer gewesen, ich hätte mir damals eine Ohrfeige gegeben. Sie sind im Kreis 4 aufgewachsen, einer der rausten Stadtteile. War der «Chreis Cheib» eine gute Schule, um sich später im Leben durchsetzen zu können? Das lernt man wahrscheinlich auch, wenn man am Zürichberg in die Schule geht. Aber geschadet hat das Umfeld sicher nicht! Das Filmbusiness ist eines der ­miesesten und härtesten Geschäfte. Macht die ständige Unsicherheit den Job so schwierig? Sicher. Ausserdem darfst du nichts persönlich nehmen, obwohl es um deine Fresse und um dein Spiel geht. Schwierig ist auch, sich treu zu bleiben. Haben Sie manchmal Angst, sich zu ­verlieren? Ja, das hat wohl jeder Schauspieler, denn es kann so leicht passieren. Kleines Beispiel: unser Fotoshooting von gestern und heute. Während zweier Tage steht man im Mittelpunkt, es geht nur um dich. Das ist wunderbar, aber auch gefährlich. Man vergisst so schnell, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht um einen selbst. Wie bleiben Sie auf dem Boden? Meine Familie und meine Freunde sind essenziell für mich. Sie haben nichts mit meinem Beruf zu tun und sind ehrlich zu mir. Ihre Eltern führen das Modegeschäft Basman in Zürich. Auf der Homepage sieht man ein Foto von den beiden aus den 70er-Jahren. Ihr Vater ist Israeli und sieht lustigerweise auf dem Bild ein bisschen aus wie Sie als Motti in «Wolkenbruch». Ihre Mutter trägt ein langes, wallendes Kleid. Sind Sie in einem Hippie-Haushalt aufgewachsen? Nein. Aber in einer sehr menschen­freund­ li­chen, toleranten Umgebung mit viel Liebe und Zuneigung. Wie wichtig war Umweltschutz? Es war wichtig, nicht verschwenderisch zu leben. Wir hatten einen Kompost, was damals eher krass war. Im Gegensatz zu heute, wo alle in der Stadt finden: «Was? Du hast keinen Kompost!?

Der Zürcher Schauspieler Joel Basman www.joelbasman.ch Sein aktuellster Film www.wolkenbruch-film.ch


«Man vergisst so schnell, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht um einen selbst.»

Seine erste Rolle hatte Joel Basman als Teenager in der Serie «Lüthi und Blanc». Danach setzte er voll auf die Schauspielerei.

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GRUEN COVER

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Der Roman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» www.thomasmeyer.ch www.salisverlag.com www.diogenes.ch


Der Escher-WyssPlatz ist Schauplatz in «Wolkenbruch». In einer Szene radelt Motti alias Joel der «Schickse» hinterher und schaut ihr auf den «tuches».

«Die Natur hat mir gutgetan. Eigentlich ist der Mensch doch gar nicht für die Stadt gemacht.»

Und auch nicht so ein Wurm-Dings für den Grün­abfall!?» Unsere Familie hatte nie, nie, nie ein Auto. Alle fahren Velo. Ich habe nicht mal einen Führerschein. Haben Sie als Stadtkind auch einen Bezug zur Natur? Früher verbrachten wir die Ferien in den Bergen, etwas anderes wäre für unsere Familie finanziell gar nicht möglich gewesen. Kürzlich durfte ich ein Weilchen im Haus eines Bekannten in den Bergen wohnen. Die Natur hat mir gutgetan. Eigentlich ist der Mensch doch gar nicht für die Stadt gemacht! Gingen Sie dort wandern? Wandern ist der falsche Begriff, ich nenne es lieber anstrengendes Spazieren. Sie zogen mit 18 Jahren nach Berlin, heute leben Sie im Zürcher Niederdorf. Hatten Sie Sehnsucht nach der Idylle? Berlin war eine Zweckbeziehung. Ich habe immer gewusst, dass ich dort nicht mein ganzes Leben verbringen möchte. Die Wahl aufs Dörfli fiel zufällig. Wenn man in Zürich eine günstige Wohnung sucht, kann man nicht gross aussuchen. Wie umweltfreundlich leben Sie? Die Heizung in meinem denkmal­ge­schütz­ ten Haus ist leider das Hinterletzte. Alte Gasöfen, zwar mit Biogas, aber trotzdem! Meine Wohnung ist klein und ohne Balkon, einen Kompost kann ich nicht haben – das geht nicht, wenn man plötzlich einen Anruf bekommt und für eine Woche wegmuss. Ich habe ja keine Lust, beim Heimkommen ein Biotop anzutreffen. Können Sie kochen? Ja, gesunde Ernährung ist mir wichtig, und es ist geil, gleich grosse Mengen zu kochen und dann mehrmals davon zu essen. Achten Sie darauf, woher Ihre Nahrungsmittel kommen? Sehr! Erst kürzlich habe ich realisiert, wie schnell man zum Beispiel, ohne zu überlegen, Fleisch isst. Ich versuche nun, nicht mehr als zweimal wöchentlich Fleisch zu essen. Und wenn, dann solches von guter Qualität. Im Dörfli hat es noch Metzger, da gehe ich gerne rein und kaufe mir eine Wurst. Das ist so viel besser als ein Supermarkt! Dort ist das Angebot meiner Meinung nach viel zu gross.

Das Zurich Film Festival www.zff.com Joel Basmans Start als Schauspieler www.srf.ch/sendungen/luethi-und-blanc

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GRUEN COVER Wer braucht schon Aufschnitt mit einem Smiley-Muster? Niemand! Wie shoppen Sie sonst? Ich kaufe nur Mode, die in der Schweiz produziert wurde. Ausser meine Turnschuhe – ich liebe Nike. Aber ich habe keine Kleider von H & M, Zara und Co. Ich trage unifarbene T-Shirts aus unserem Laden. Meine Bettwäsche ist selbst gemacht, die nähen meine Eltern für die ganze Familie. Auch meine Vorhänge sind handgemacht, das Sofa ebenfalls. Das Sofa? Können Sie polstern? Nein, ich habe Schaumstoff-Matten zuschneiden lassen und diese bezogen. Im Dörfli bringt man eh nichts ins Haus, das länger als einen Meter ist. Also musste ich mir halt selber helfen. Sie entwerfen bei Basman die MännerKollektion. Nähen Sie auch? Eine Hose oder eine Jeans krieg ich hin. Wie wird bei Ihnen produziert? Wir haben zwei Kollektionen im Jahr, jedes Stück wird in Zürich von Heimschneiderinnen massgeschneidert. Unsere Einstellung war schon immer Fair Trade, von den Materialien bis zu den Löhnen. Wir wollen wissen, woher die Stoffe

k­ ommen und wie sie hergestellt werden. Darum arbeiten wir zum Beispiel nicht mehr mit Gore-Tex, die Produktions­be­ dingungen sind zu umweltverseuchend. Kann ein solches Geschäft in der ­heutigen Zeit überhaupt überleben? Reich wird man dabei sicher nicht. Unser Ziel ist es, die Löhne der dreizehn Mitarbeiter zahlen zu können. Besitz bedeutet Ihnen wenig? Ja, alles, was man besitzt, besitzt dich. Kaufst du dir ein Auto, ein Boot, ein Haus, dann musst du dich darum kümmern. Es macht dich abhängig, das hat für mich keinen Reiz. Aber klar, einen geschenkten Porsche würde ich nehmen. Wirklich? Aber Sie haben doch keinen Führerschein! Den würde ich sofort machen. Ich sage immer: Wenn du ein Auto hast, dann darf es nicht höher sein als du. Ein kleiner, alter Porsche, das wäre was Schönes! Sie haben in Hollywood-Produktionen mitgespielt, jüngst im Remake «Papillon». Ein grüner Lifestyle ist bei vielen Stars in. Spürten Sie das beim Drehen? Ich war erst auf wenigen HollywoodFilmsets, aber ökologisch ist das nicht, sondern voll verschwen­ derisch. Da werden teils Automotoren heiss gelaufen, und eine Woche lang hört Wie gut schlägt sich Joel Basman als Mr. Do it yourself? man wrumm-wrummwrumm. Das ist so dumm 1 Essen 5 wie Formel 1, wo sich die 2 Kleider & Möbel 3 Autos im Kreis drehen … 3 Garten 1 Sagt der Ferrari-Freund. 4 Heimwerken 4 Porsche! Porsche! Das ist was anderes! Ich würde 5 Deko & Geschenke 2 ­leugnen, wenn Autos nicht 6 Gesellschaft 27 auch eine Faszination hätten. 6 7 Politik Aber ich habe bisher 28 Jahre lange gut ohne sie gelebt. 
 Total Punkte 48 Was das Velo angeht, sind Sie bescheiden. Zum Inter48 Punkte = Es fehlt nicht viel zum besten Resultat! view sind Sie mit einem Viel zu meckern gibt es nicht, einen Garten oder soziales unscheinbaren Damenrad ­Engagement lassen sich schwer vereinbaren mit einem unbeständigen Schauspieler-Leben. gekommen … Der GRUEN-Footprint wurde vom WWF Schweiz für Das alte Velo von meinem SI GRUEN entwickelt. Der Test soll für den Alltag sensibilisieren Mami – das sind immer die und Spass bereiten. Berechnen Sie Ihren eigenen Footprint auf den Seiten 10 und 11. besten! Und die werden auch garantiert nicht geklaut.

«Ich kaufe nur Mode, die in der Schweiz produziert wurde – ausser meine Turnschuhe.»

DER GRUEN-FOOTPRINT

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Das Modegeschäft Basman gibt es seit den 70erJahren. Auf den Fotos trägt Joel ausschliesslich Kleider aus dieser Kollektion.

Modedesign Basman www.basman.ch Von diesem Atelier ist Joel Basmans Siegelring www.lesunja.ch Hier hat er die Oberstufe besucht


www.schulefeld.ch Sein Boxklub in ZĂźrich www.ringside-gym.ch Hier hat er als Kind gespielt www.baeckeranlage.ch

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GRUEN STREET-ART

MONA CARON

1 + 2 Am liebsten arbeitet Künstlerin Mona Caron mit dem Pinsel. Nur wenn es bei ­einem Wandbild sehr schnell gehen muss, greift sie zur Spraydose. «Ich mag die Qua­lität von gesprayten Flächen nicht besonders.»

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Revolution mit Farben

Die Schweizer Künstlerin bringt karge Betonwände auf der ganzen Welt zum Blühen. Ihre Wandbilder sind Utopien einer besseren Zukunft. Text: Barbara Halter / Fotos: Sara Merz

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Die Künstlerin Mona Caron www.monacaron.com Ihre Schwester Meret Bissegger www.meretbissegger.ch


Mona Caron vor einer Betonienblättrigen Rapunzel. Mit dieser hat sie den Eingang zur Villa Merogusto in Malvaglia TI verschÜnert.

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GRUEN STREET-ART

Das Schmalblättrige Weidenröschen aus der «Weeds»-Serie steht in ­Portland, USA.

Das Wort klingt schon unschön: Unkraut. Unbeliebt und unerwünscht ist es, das Kraut, das überall wächst, wo es nicht soll. Der tüchtige Gärtner versucht, ihm mit Hacke, Gift und Gewalt beizukommen. ­ Die Schweizer Künstlerin Mona Caron tut genau das Gegenteil: Sie verneigt sich vor dem Unkraut und bringt es gross raus. Ihre «Weeds» sind starke, überdimensio­ nale Schönheiten. Mit Pinsel, Acrylfarbe und unendlich viel Sorgfalt malt sie diese auf riesige Betonwände. Wir treffen die Künstlerin in ihrer Heimat, dem Tessin. Sie begrüsst uns vor der Casa Merogusto, gleich neben einem ihrer ­Werke: einer riesigen Rapunzel, die neben der Treppe aus der Wand spriesst und im oberen Stock blau blüht. Mona Caron spricht Deutsch mit leichtem Akzent, im Gespräch sucht sie ab und zu nach Worten. Italienisch fällt ihr leichter – und Englisch sowieso. Seit über zwanzig Jahren lebt sie in San Francisco und kommt meist nur im Sommer zu Besuch in die Schweiz. Die Casa Merogusto in Malvaglia gehört ihrer älteren Schwester, der bekannten Natur­ köchin Meret Bissegger. In der Villa führt Bissegger ein Bed and Breakfast, lädt am Wochenende zu Tischrunden mit saisonaler Küche und gibt Wildpflanzen-Kochkurse.

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Die Liebe zur Natur und zu ihrer Vielfalt ist bei den Schwestern gleichermassen ausgeprägt. «Im Kern machen wir das Gleiche», sagt Mona Caron. «Wir sind bei­ de auf unsere Art Aktivistinnen.»

Mona Carons Arbeitsplätze sind laut und dreckig, sie hat mit ­Abgasen und Smog zu kämpfen Ein weiteres, noch unfertiges Wandbild findet sich am Garagentor. Zum Arrange­ ment aus Kürbis, Krautstiel und Auber­gine fehlen noch Wildkräuter – diesen Sommer soll das Werk endlich abgeschlossen wer­ den. Es ist vor allem in Sepia-Tönen ge­­ halten, eine untypische Farbwahl für die Künstlerin, doch die Schweizer Vorschrif­ ten lassen an diesem Ort keine bunten Ex­ plosionen zu. Noch ungewöhnlicher ist ­allerdings der Arbeitsplatz hier im Tessin. Es ist grün, Vögel zwitschern, und bei ei­ nem Espresso im idyllischen Bio-Garten fühlt man sich schon fast wie im Urlaub. Normalerweise steht sie nämlich mit Klet­ tergurt und abgesichert auf einem Gerüst, malt zwanzig, dreissig Meter über dem Boden. Es ist laut, sie hat mit Abgasen und Smog zu kämpfen oder kann nur in der Dämmerung arbeiten, weil die Hitze sonst unerträglich wäre. Viele ihrer Wandmale­ reien stehen in Grossstädten wie San Fran­ cisco, Kaohsiung (Taiwan), Cochabamba

(Bolivien) oder Quito (Ecuador). Mitten in Strassenschluchten und zwischen unwirt­ lichen Betonwüsten, wo blühende Pflan­ zen nicht existieren. Auf den ersten Blick jedenfalls. Doch die Natur ist zäh. Die meisten «Weeds» findet Mona Caron ganz in der Nähe ihrer Wände. «Man muss nur genau hinschauen», sagt sie. «Beton und Zement sind nicht so endgültig, wie man denkt. Ein kleiner Spalt, ein Samen – und es wächst etwas.» Mit ihrer Arbeit lenkt Mona Caron die Aufmerksamkeit des Betrachters aufs ­Verschmähte. Wie schön Löwenzahn oder eine Brennnessel-Pflanze doch sind! Bloss dekorative Wände herstellen will die Künstlerin nicht. Und botanisch korrekt abgebildet sind die Pflanzen ebenfalls nicht. «Ich will vor allem ihre Power ­zeigen, sie müssen die richtige Attitude ­haben!» Die Schönheit der «Weeds» dient ihr als Blickfang. Auf ihrem Wandbild in Taiwan beispielsweise entdeckt man unter einer riesigen Echinacea-Pflanze winzige Menschen, die sich in einer tristen, von der Industrialisierung verwüsteten Welt gruppieren. Die Pflanzen hingegen streben ­einer lichten, hellen Welt entgegen. Am Himmel fliegt ein blauer Schmetterling. Jedes ihrer Werke ist auch immer eine ­Utopie. «Als Künstlerin drücke ich meine Wünsche aus. Wie unsere Welt besser sein könnte, wenn wir Menschen zusam­

Mona Carons Götti www.clowndimitri.ch Ihr Bruder Mario Bissegger, ein Möbeldesigner www.xilobis.net

Fotos: zvg (2)

«Beton und Zement sind nicht so endgültig, wie man denkt. Ein kleiner Spalt, ein Samen – und es wächst etwas.»


Für das Wandbild «Outgrowing» hat Mona Caron Heilpflanzen aus­gewählt. Es entstand 2017 in der Stadt Kaohsiung, im Süden von Taiwan.

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menkommen würden und aus dem Kleinen heraus die Dinge selber ändern. Nicht plötzlich, sondern durch eine sanfte Revo­ lution. Das ist meine Botschaft.» Eine tolerante, vibrierende, offene Welt entdeckte Mona Caron, als sie mit 19 Jah­ ren nach San Francisco kam, um Englisch zu lernen. «Die Stadt war wie ein leben­ diger Regenwald mit tausend verschie­ denen Arten.» Bisher hatte sie in Intragna gelebt. Ein Dörfchen neben Verscio, in dem Dimitri seine Theaterschule gründete – der Clown war Monas Götti. Auch ihre Eltern hatten kreative Berufe, der Vater arbeitete als Bühnenbildner. «Aber ein ­ Künstlerdörfchen war Intragna nicht, es war vielmehr streng katholisch.»

Die Wandbilder sind ein Werkzeug, um Menschen in einem Quartier zusammenzubringen Nach ihrem ersten Aufenthalt in den Staaten begann Mona in Zürich ein Literaturstu­ dium. Ein Jahr hielt sie durch, dann reiste sie wieder nach San Francisco – und blieb. Sie heiratete einen Amerikaner, entdeckte per Zufall eine Kunstakademie, an der sie dann Illustration studierte. «Ich erzähle gern Geschichten, daher mein ­Interesse an der Literatur. In San Francisco habe ich ge­ merkt, dass man dies auch mit Bildern ma­ chen kann.» Ihr erstes Wandbild ergab sich

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durch einen weiteren Zufall, noch während ihrer Ausbildung wurde sie dafür ange­ fragt, obwohl sie noch nie ­etwas Vergleich­ bares gemacht hatte. Es veränderte alles. «Es gibt wie ein Vorher und ein Nachher», erinnert sie sich. Sie sei eine Perfektio­ nistin gewesen, scheu und habe winzige Zeichnungen gemacht. Das alles musste sie komplett ablegen. «Wenn du an einer Wand stehst und malst, bist du wie nackt. Die Metro fährt vorbei, Tausende Men­ schen schauen dir beim Arbeiten zu.» Wie befürchtet, lief beim ersten Bild vieles schief. Sie hatte keine Ahnung, wie man ein Werk von diesen Dimensionen angeht. «Ich machte Fehler, doch sie waren nicht schlimm, denn am Ende kam alles gut ­heraus.» Und es passierte noch mehr. An­ wohner kamen auf Mona zu, aus den Ge­ sprächen entstanden neue Ideen. Und die Leute sprachen nicht nur mit ihr, sondern auch miteinander. Das Bild brachte die Menschen in einem Quartier zusammen. «Nach diesem Erlebnis konnte ich fast nicht mehr alleine in einem Zimmer sitzen und für mich zeichnen.» Aufträge erhält Mona Caron oft von Nach­ barschaften, die über Fonds öffentliche Gel­der erhalten, um ihr Quartier zu ver­ schönern. In San Francisco haben «Mu­ rals», Wandbilder, einen wichtigeren Stel­ lenwert als bei uns. Sie sind weitverbreitet und prägen das Gesicht der Stadt. Auch

1 Über vierzig Meter hoch und vierzehn Meter breit ist die Fassade in Taiwan. ­Höhenangst kennt die Künstlerin nicht, «aber ich muss mich oft durchsetzen, damit die Sicherheits­ normen auch wirklich eingehalten werden». 2 Im Tessin verschönert ein Gemüse-Ensemble die Garage der Casa ­Merogusto von Natur­ köchin Meret Biss­ egger, Mona Carons ­älterer Schwester.

aus Protestbewegungen heraus entstehen «Murals». An der Pariser Klimakonferenz 2015 lernte sie bei Demonstrationen indi­ gene Frauen aus dem Amazonasgebiet und den Anden kennen, deren traditioneller ­Lebensstil von Erdöl- und Saatgutfirmen bedroht wird. In Ecuadors Hauptstadt ­Quito entstand drei Jahre später zusammen mit dem einheimischen Künstler Raúl Ayala ein fünfzig Meter hohes Gemein­ schaftswerk, das die Geschichte dieser Frauen und ihrer Familien wiedergibt. Zurzeit beschäftigt Mona Caron die Situa­ tion in ihrer Wahlheimat: «Ihr» buntes­ San Francisco wurde in den letzten Jahren immer einheitlicher und teurer. Die Men­ schen, die sich einst für die Aufwertung der Quartiere einsetzten, können sich ­heute das Leben in der Stadt nicht mehr leisten. Hinzu kommt die politische Lage in den USA. «Wir befinden uns auf einem Tiefpunkt», sagt sie. In Pessimismus ver­ fällt sie jedoch nicht. «Als Künstlerin ist es meine Aufgabe, zu inspirieren, durch­ zuhalten und immer wieder zu zeigen, wie wir eine schönere Realität schaffen können.» Vielleicht wächst gerade aus dem Desaster etwas Gutes, so wie das Mona Caron in ­ihren Utopien zeigt. Wenn eine Regierung nichts tut, müssen die Menschen die Dinge selber ändern, sich im Kleinen organisie­ ren und die Ritze im Beton suchen.

Street-Art-Festivals auf der ganzen Welt www.streetartfestival.ch www.streetart-festival.com www.montana-cans.blog/wallriors/

Fotos: Sara Merz, zvg (1)

GRUEN STREET-ART

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«Als Künstlerin ist es meine Aufgabe, zu inspirieren, durchzuhalten und immer wieder zu zeigen, wie wir eine schönere Realität schaffen können.»

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GRUEN INTERVIEW

Ein Brett für zwei SNOWBOARDEN Er gründete Burton, seine Frau führt die Firma als CEO in eine grünere Zukunft: Donna und Jake Burton Carpenter haben genug von Amerika – und ziehen bald in die Schweiz. Interview: Barbara Halter / Fotos: Markus Burke Jake Burton Carpenter war einer der Ersten, die sich im Winter auf ein Brett stellten und sich «surfend» die verschneiten Hänge hinunterbewegten. Als Tüftler baute er in den Siebzigerjahren die ersten BurtonSnowboards und schuf schliesslich eine millionenschwere Weltmarke. Heute führt seine Frau Donna Carpenter als CEO Burton in eine grünere Zukunft. Der Hauptsitz befindet sich in Vermont, doch im nächsten Januar zieht das Paar von Amerika nach Zürich. Wir treffen die Carpenters in München, wo sie für eine Shop-Eröffnung ange-

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Die Firma Burton und ihr Nachhaltigkeits-Programm www.burton.com/ch/de/sustainability-people

reist sind. In einer Hotelsuite setzt sich Donna für das Gespräch auf ein schwarzes Sofa. Jake soll später dazukommen. GRUEN: Donna, Ihr Mann hat in einem Interview gesagt, dass Sie das NachhaltigkeitsProgramm bei Burton initiiert haben. Wirtschaften Frauen umweltfreundlicher? Well, ich weiss nicht, ob das vom Geschlecht abhängt. Meine Motivation, etwas zu ändern, kam von meinen Kindern. Als sie Teenager wurden, merkte ich, wie viel umwelt­bewusster diese Generation ist. Sie haben mich als Mum gepuscht. Nachhaltigkeit galt bei Burton lange nur im Sportbereich, in der


An Silvester 1981 sprach Jake Donna an einer Party in Vermont an, sie war damals 18 Jahre alt. Kurz darauf heirateten die beiden. Ihre drei Sรถhne sind heute zwischen 22 und 29 Jahre alt.

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GRUEN INTERVIEW

«Ich liebe die Schweiz und ihre Neutralität, und ich boarde gern auf den Bergen rund um St. Moritz.» 1

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Jake Burton Carpenters Lieblingsorte in der Schweiz www.stmoritz.ch www.diavolezza.ch www.corvatsch.ch www.laax.com Sein Wohnort


1 Burton ist der zweite Vorname von Jake ­Carpenter. Nach diesem benannte er seine Snowboard-Marke. 2 Jeden Winter hundert Tage auf dem Snowboard zu stehen, ist sein Ziel. 3 Jake begann als Tüftler Snowboards zu bauen und gründete 1977 die Firma Burton. Dieses Bild ist von 1981.

2

Fotos: Markus Burke, Burton (2)

3

Nachwuchsförderung. Das war stets viel wichtiger, als kurz­ fristig Profit zu schlagen. Doch im Umweltbereich hinkten wir der Entwicklung hinterher. Wir kannten auch die Chemika­ lien in unseren Produkten nicht und hatten keine Ahnung, was in unseren Fabriken bezüglich Menschenrechte abging.

Die Schweizer Organisation Public Eye beurteilte im Jahr 2010 Kleiderfirmen aufgrund ihrer Produktion. Bei Burton steht: «Verweigerer, gibt keine Auskunft.» Ja, das stimmt. Und der Bericht hat uns motiviert. Die euro­ päischen NGOs, darunter auch die Clean Clothes Kampagne,

machten Druck auf alle Sport­ firmen, was gut war. Auf Ihrer Homepage kann man nun eine Liste anschauen, auf der all Ihre Fa­briken aufgeführt sind. Viele befinden sich in China oder Bangladesch. Wie kann man dort umweltfreundlich und fair produzieren? Die Realität unserer Welt ist, dass gewisse Produkte an gewissen Orten produziert wer­ den. Auch wenn ich möchte, ich kann keine Outdoor-Klei­ dung in den Staaten herstellen, es fehlt an Know-how. In unserem Prozess haben wir die Zahl der Fabriken praktisch halbiert, wir stellten Ultima­ ten: Entweder behebt ihr die Missstände, oder wir arbeiten nicht mehr mit euch. Ein gros­ ser Teil der jetzigen Fabriken ist Bluesign-zertifiziert, ein Siegel, das bezüglich Schad­ stoffe sehr restriktiv ist. Bis 2020 soll unser ganzes Kleider­ sortiment so zertifiziert sein. Ausserdem haben wir soziale Standards und regen zu Ver­ besserungen an. Wie können sich die Kon­su­ menten auf diese guten Absichten verlassen? Wir haben ein sehr vehementes Auditprogramm. Es gibt unangekündigte Kontrollen von unabhängigen Instanzen. Nachhaltige Produktion kostet mehr. Werden die Produkte teurer? Nein. Die Kunden wären nicht bereit, die benötigten zehn Prozent mehr zu zahlen. Man muss als Firma bereit sein zu sagen: Okay, wir machen weniger Profit, dieses Jahr, im

nächsten Jahr – aber länger­fris­ tig tun wir das Richtige. Wir können als privat geführtes Unternehmen solche Entscheidun­ gen fällen, ohne Aktionäre um Erlaubnis zu bitten, es braucht dafür nur Jake und mich. Wie macht man umwelt­ freundliche Snowboards? Der schlimmste Umweltsünder ist der Leim, der alles zusam­ menhält. Wir haben nun einen, der zu dreissig Prozent biolo­ gisch ist. Zudem haben wir einen Weg gefunden, wie man die Resten auseinandernehmen und recyceln kann, die beim Zuschneiden der Boards anfallen. All diese Innovationen machen Nachhaltigkeit sehr aufregend! Wir haben einen Chemiker im Team. 2020 wol­ len wir komplett auf schädliches PFC verzichten und gewisse Plastiksorten ver­bannen, dafür brauchen wir Alternativen. Sie fördern auch sehr aktiv Frauen in Führungspositionen. Haben Sie eine Quote? Nein, aber die Männer hatten anfangs Angst, dass ich eine einführen werde. Als sehr gut erwies sich die Vorgabe, dass bei der Neubesetzung einer Führungsposition neben jedem Mann eine gleich gut qualifi­ zierte Frau zur Wahl stehen muss. Das erfordert sehr viel mehr Arbeit. Doch wenn man keine Frauen rekrutiert, nutzt man nur die Hälfte der Talente dieser Welt! Sie ergreifen als Firma auch Position zu politischen Themen wie dem Women’s March oder dem Klima­ wandel. Ist Burton politisch? Ja. Und ich glaube auch, dass dies die Kunden verlangen – speziell in den Vereinigten Staaten. Bei Klimawandel übernehmen zurzeit Firmen die Führung. Das WintersportBusiness hat mehr Kraft, als es denkt. In den USA ist die Outdoor-Branche grösser als die Öl-Industrie. Inzwischen ist Jake Burton in die Suite gekommen, er setzt sich auch aufs Sofa.

ab Januar www.zuerich.com Hier absolvierte Jake Burton Carpenter 2018 seinen 100. Snowboard-Tag www.zermatt.ch

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GRUEN INTERVIEW

1 Seit zwei Jahren ist Donna Carpenter, 55, CEO von Burton. 2 Die Suche nach einem ökologischen Leim für die Herstellung der Snowboards ist ein grosses Thema in der Firma.

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«Wir stellten Fabriken Ultimaten: Entwe­der, ihr behebt eure Missstände, oder wir arbeiten nicht mehr mit euch zusammen.» Jake, was ist Ihre Rolle in der Firma? Sie gehört mir! (Lacht laut.) Ich arbeite an meiner Produkt­ linie, bin sehr involviert im Marketing. Wie funktioniert die Arbeit zwischen Ihnen beiden? Jake: Wir sind sehr unter­ schiedliche Persönlichkeiten und versuchen, einander nicht auf die Füsse zu treten. Donna: Jake hat mich bei jedem Karriereschritt gepusht. Wir sind einander die besten Cheerleader! Snowboarden ist Ihr Leben, Jake. Durch den Klimawan-

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del werden weisse Winter ungewisser … Nur schon daran zu denken, bringt mich zum Weinen. Was werden wir in dreissig Jahren im Winter in den Bergen tun? Ich glaube, es wird schlimmer, bevor es wieder besser wird. Aber … (Er hält die Hände vors Gesicht.) Tut mir leid, wenn diese Frage zu viel war. Wir haben schon so viel Schlimmes überstanden! Kriege, die Nazis, ich habe einen Bruder in Vietnam verloren, doch nun töten

wir uns alle mit der Umwelt­ verschmutzung. Der Klima­ wandel ist eine riesige Heraus­ forderung. Wie lange dauert es noch, bis Trump an die ­globale Erwärmung glaubt? Wie umweltfreundlich leben Sie beide privat? Donna: Ich gärtnere, das ist meine Therapie. Und wir haben immer eine Wasserfla­ sche dabei, um Plastik zu ver­ meiden. Das haben unsere drei Kinder uns so beigebracht. Jake, Sie stehen jeden Winter hundert Tage auf dem Snowboard. Ein kleines Wunder, wenn man bedenkt, dass Sie

64 sind und vor drei Jahren am Miller-Fisher-Syndrom litten, einer schweren Auto­ immunkrankheit. Wie geht es Ihnen heute gesundheitlich? Great! Wollen wir Arm­ drücken? (Lacht laut.) Mein Hals klingt so schlecht, weil ich gestern Abend geraucht habe, was ich sonst nicht tue. Ich diskutierte mit zwei Frauen aus dem Team bis vier Uhr morgens über das Geschäft – hier auf dieser Couch, auf der wir nun sitzen. Denken Sie oft an die Erkrankung zurück? Es war eine schlimme Zeit, ich habe gegenüber meinen Kin­ dern von Suizid gesprochen. Aber jetzt … Es ist, wie wenn man sich das Knie aufschlägt und den Schmerz kurz darauf nicht mehr spürt: Man vergisst. Aber für mich ist das einfacher als für meine Familie. Hat die Krankheit die Familie Carpenter verändert? Donna: Wir waren uns schon immer sehr nah. Aber bei einer Krankheit wie dieser stoppt die Zeit. All die kleinen BullshitSorgen verschwinden, man merkt, was wirklich wichtig ist im Leben. Unsere drei Söhne wurden eine Zeitlang Vater und der Vater wurde zum Kind. Jake lebt nun sehr viel mehr im

Die Organisation Protect Our Winters www.protectourwinters.org Das Siegel Bluesign www.bluesign.com

Fotos: Markus Burke, Burton (1)

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Moment. Das Snowboarden hat ihn bei der Genesung sehr unterstützt. Jake: Wenn ich nicht hundert Tage im Jahr snowboarden

kann, dann kann ich auch meinen Job nicht mehr ausüben! Im Januar ziehen Sie nach Zürich. Wieso die Schweiz? Jake: Ich liebe die Schweiz und ihre Neutralität, und ich boarde gern auf den Bergen rund um St. Moritz. Dazu hatte ich das Gefühl, dass wir in Europa mehr Präsenz brauchen. In den Staaten kommt das Snowboarden wieder zurück, auf der ganzen Welt sind wir erfolgreich, doch dann kommt man in die Alpen … Und sieht vielleicht noch zehn Prozent Snowboarder. Und wie lang bleiben Sie? Donna: Das hängt von Trump ab … Geplant ist mal ein Jahr, aber man weiss nie. Jake: Er ist auch ein Grund für unseren Umzug. Ich habe übrigens noch ein Geschenk für Sie (Er überreicht eine Rolle Klopapier mit Trump-Konterfei). Kommt von Herzen!

pen 5 Rap r ü f ac al PostP maneutr n kli e end vers

DER GRUEN-FOOTPRINT Wie gut schlägt sich Donna Carpenter als Mrs. Do it yourself?

1 Essen

5

2 Kleider & Möbel

3

3 Garten

1

4 Heimwerken

8

5 Deko & Geschenke

4

6 Gesellschaft

9

7 Politik

2

Total Punkte

32

32 Punkte = Very good, Donna! Bei ihrem politischen Engagement hat sie Protect Our Winters notiert. Die Organisation schickt in den USA zum Beispiel Wintersportler in den Kongress, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Der GRUEN-Footprint wurde vom WWF Schweiz für SI GRUEN entwickelt. Der Test soll für den Alltag sensibilisieren und Spass bereiten. Berechnen Sie Ihren eigenen Footprint auf den Seiten 10 und 11.

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GRUEN REPORTAGE

KKW MÜHLEBERG

Die Pioniere von Bern

Noch ein Jahr, dann ist Schluss: Das Kernkraftwerk Mühleberg geht als erstes Schweizer Werk am 20. Dezember 2019 vom Netz. Text: Monique Ryser / Fotos: Manuel Stettler

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Instandhaltungs­ arbeiten am geöffneten Reaktor. Im KKW Mühleberg fand im August und September die letzte Revision statt.

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GRUEN REPORTAGE 1

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Seit 23 Jahren arbeitet An­dreas Herren, 52, bereits hier. Der gelernte Techniker TS, Fachrichtung Reaktortechnik, hat in seinem Berufsleben jahrelang ­ gelernt, sich weitergebildet und verschiedene Arbeiten im Kernkraftwerk Mühleberg (KKM) verrichtet, bevor er vor elf Jahren zum Schichtleiter befördert wurde. Und die fachliche Entwicklung geht weiter: Er wird als einer der rund 300 Angestellten des KKW Mühleberg in den nächsten Jahren Pionier­ arbeit leisten, denn das Werk, das 1972 ans Netz ging, wird als erstes der fünf Kernkraftwerke der Schweiz stillgelegt. Herrens Arbeitsplatz ist der Kommandoraum. Dort, wo das KKM gesteuert und überwacht wird. «Das Wichtigste für uns alle hier ist die Sicherheit», sagt er. «Uns darf kein Fehler unterlaufen.» In der Nacht auf den 19. August wurde der Sie­ de­wasserreaktor für die letzte Revision heruntergefahren. 46 der 240 Brennelemente wurden ­ersetzt, der Kernmantel untersucht, ein zusätzlicher Erdbebenschutz eingebaut. «Dadurch erreicht das KKM im letzten Betriebszyklus den höchsten Stand der Technik seit der Inbetriebnahme», schreibt die BKW dazu. Am 13. September wurde der Reaktor wieder hochgefahren, um die letzten 15 Monate Betriebszeit aufzunehmen.

Die Mitarbeitenden werden auf den Rückbau vorbereitet 2013 hatte die Leitung der BKW beschlossen, Mühleberg abzuschalten. Also begann die sechsjährige Planung für die Stilllegung. «Wir wollen den Rück-

1 Schichtleiter Andreas ­Herren im Kommandoraum. Nach der Abschaltung wird die Anlage weiter ­überwacht. 2 Sicherheitssysteme im ­Reaktorgebäude. 3 Instandhaltungsarbeiten am ­pri­mären Sicherheitsbehälter. 4 Fachkräfte des Strahlen­ schutzes legen die Schutz­aus­ rüstung für die kon­trollierte Zone fest. 5 Inspektion von neuen Brenn­elementen. 6 Kraftwerkleiter Martin ­Saxer, der als Elektro­ingenieur im KKM startete, in einem Kabel­ raum des Notstandsgebäudes.

bau mit unserem Personal machen», sagt Philipp Hänggi, Leiter der Geschäftseinheit Nuklear der BKW und Vorsitzender des Steu­erungsausschusses für die Stilllegung. «Die oft langjäh­rigen Mitarbeitenden kennen das Werk in- und auswendig, was uns vor Überraschungen schützt.» Zusätzliche Fachkräfte werden situativ re­ krutiert. Vor allem Spezialisten für den Strahlenschutz werden in grosser Zahl benötigt, sie sind dafür verantwortlich, dass die Mitarbeitenden jederzeit vor Strahlung geschützt sind. Die BKW musste einen genauen Plan zum Ausstieg vorlegen. Hänggi: «Wir haben zwar Erfahrungswerte und Expertisen aus anderen Ländern, in der Schweiz machen wir das aber das erste Mal.» Das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation hat diesen Sommer die Still­ legungsverfügung erlassen, das Eidgenössische Nuklear­sicher­ heitsinspektorat (ENSI) wird diese begleiten und kon­ trol­ lieren. «Im Gegensatz zu ­einer konventionellen Anlage dauert die Stilllegung eines KKW knapp 15 Jahre», erklärt Martin Saxer, Kraftwerkleiter in

«Wir wollen den Rückbau mit unserem Personal machen. Die oft langjährigen Mitarbeitenden kennen das Werk, was uns vor Überraschungen schützt.» Philipp Hänggi 34

Das Kernkraftwerk Mühleberg www.bkw.ch/kkm Die Stilllegung www.bkw.ch/stilllegung


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GRUEN REPORTAGE

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1 Um radioaktiven Abfall zu vermeiden, werden ­Bekleidung und Schuhe in der kon­trollierten Zone ­gewaschen und getrocknet. 2 Miguel Morales Gutiérrez prüft die Dichtheit eines ­Fasses mit radioaktivem ­Abfall. 3 Jahresrevision im KKM: Schritt für Schritt öffnen Mit­ arbeitende den ab­gestellten Reaktor für Brenn­stoff­aus­ tausch und Instand­haltungs­ arbeiten.

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Philipp Hänggi, Leiter Nuklear der BKW, bei einem Vortrag im KKM.

«Wir haben Erfahrungs­ werte aus anderen Ländern. In der Schweiz machen wir das aber zum ersten Mal.» Philipp Hänggi

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Mühleberg. 2031 will er das Areal freigeben können. Bis es so weit ist, läuft die ­Anlage nach der Abschaltung noch bis 2024 im sogenannten Nachbetrieb. Die Brennelemen­ te werden Anfang 2020 vom Reaktor ins Lagerbecken trans­ portiert, wo sie einige Jahre ab­ klingen werden. Gegen Ende 2020 wird dann das Lagerbecken autark betrieben. «Dafür ergänzen wir die Kühl­ systeme um ein Sicherheits­sys­ tem», sagt Philipp Hänggi.

«Die Radioaktivität ist nach drei Monaten ums 1000-Fache reduziert» Unfallszenarien seien schwer vorstellbar, so Hänggi. «Ist der Reaktor abgeschaltet, ist das, wie wenn ein Rennauto nur noch mit 1 km/h fährt. Zudem reduziert sich die Radioaktivität der Brennelemente bereits nach drei Monaten um das 1000-Fache.» Zwischen 2021 und 2024 werden die Brennele­ mente ins zentrale Zwischenla­

ger Würenlingen (Zwilag) ab­ transportiert. Gemäss BKW sind dann 98 Prozent der Radio­ aktivität aus dem KKM ent­ fernt. Dann beginnt der nukleare Rückbau, der bis 2030 dauern soll. Aus diesem Grund hat sich der 28-jährige Miguel Morales Gutiérrez vor einem Jahr bei der BKW beworben. Er hat Ma­ schinenbau studiert und einen Masterabschluss als Nuklear­ ingenieur. «Im Rückbau gibt es grosse Mengen radioaktiven Abfall. In meinem Team verant­ worten wir die Qualität der ver­ packten Abfälle, der Dokumen­ tation und der Entsorgung.» Denn: Der Abfall muss jahr­ hundertelang sicher gelagert werden. Das Kernenergiegesetz schreibt vor, dass die in der Schweiz ­anfallenden radioaktiven Abfäl­ le im Inland sicher gelagert werden müssen. Der Bund und alle Produzenten radioaktiver Ab­fälle haben dafür die Nationale Genossenschaft für die ­Lagerung radioaktiver Abfälle (Na­gra) beauftragt, einen si­ cheren Standort zu finden. Im August hat der Bundesrat die Bewil­ ligung für Sondierboh­ rungen im Gebiet Nördlich Lä­ gern und zwei Sondierbohrun­ gen im ­Gebiet Zürich Nordost erteilt. ­Weitere Sondierungen sind im Gebiet Jura Ost geplant. Wie ­ Patrick Studer, Presse­ sprecher der Nagra, erklärt, sind für alle fünf Kernkraftwerke mit insgesamt­92 000 Kubik­ metern Abfall inklusive Verpa­ ckung zu rechnen. «Davon

Zwischenlagerung radioaktiver Abfälle in Würenlingen www.zwilag.ch Endlagerung radioaktiver Abfälle www.nagra.ch


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Aus Mühleberg fallen 600 Kubikmeter hochradioaktiver und 12 300 Kubikmeter schwach- und mittel­ radioaktiver Abfall an. 37


GRUEN REPORTAGE

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1 Ein Mitarbeiter tauscht eine Ventilspindel im primären ­Sicherheitsbehälter. 2 Die Betonabschirmung des Reaktors wird zu ­Beginn der Jahresrevision entfernt und am Schluss wieder aufgesetzt. 3 Heinz Egli, Leiter ­Leittechnik, überprüft eine Brandmeldeanlage.

sind 9000 Kubikmeter ver­ brauchte Brenn­ elemente und 400 Kubikmeter verglaste Ab­ fälle aus der Wiederaufberei­ tung.» Der Rest sind schwachund mittelradioaktive Abfälle. «Nach 200 000 Jahren strahlt hochaktiver Abfall noch etwa gleich stark wie natürlich vorkommendes Uranerz», so Studer. «Wir planen ein Tiefen­ lager, das den Abfall sicher ein­schliesst, und betrachten ei­ nen Zeitraum von einer Million Jahre. Das ist für menschliche Massstäbe sehr lange, für geolo­gische nicht: Das Gestein, in dem das Lager geplant ist, ist bereits 173 Millionen Jahre alt.» Aus Mühleberg fallen aus

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der Stilllegung und dem Betrieb inklusive Verpackung 600 Ku­ bikmeter hochradio­aktiver und 12  300 Kubikmeter schwachund mittelradioaktiver Abfall fürs Tiefenlager an. Für die Entsorgung radioak­ti­ ver Abfälle gilt das Verur­ sa­ cherprinzip. Deshalb müssen die Kernkraftwerkbetreiber für die gesamte Betriebsdauer oder aber mindestens während fünf­ zig Jahren in den Stilllegungsund Entsorgungsfonds einzah­ len. Das KKM ist das erste Werk, das dort einbezahltes Geld für die Stilllegung rück­ fordern kann. «Die Rückforde­ rung wird, wie der ganze Pro­ zess, erstmals auf allen Ebenen

durchgespielt. Kostet es mehr, als was wir einbezahlt haben, müssen wir das ebenfalls selber berappen», betont Hänggi. Für die Mitarbeitenden habe der Entscheid der Stilllegung Emotionen ausgelöst. «Wir sind wie eine Familie», so Kraft­ werk­leiter Saxer. Das bestätigt Heinz Egli, 40. Als Leiter Leit­ technik wird er während der Stilllegung mit seinen Mitarbei­ tenden weiterhin dafür sorgen, elektrotechnische Systeme in­ stand zu halten. Eine wichtige Aufgabe ist jedoch im Moment, sein Team an die Gegebenhei­ ten der Stilllegung heranzu­ führen. Kraftwerkleiter Saxer formuliert es so: «Die grössten

SO VERLÄUFT DIE STILLLEGUNG Fast 20 Jahre Arbeit bis zur Rückgabe des Areals

Endgültige Endgültige Einstellung AusserLeistungsbetrieb betriebnahme

Illustration: BKW

Einreichung Stilllegungsprojekt

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2019

2015 Leistungsbetrieb und Stilllegungsplanung

Brennelementfreiheit

2020 Vorbereitung Rückbau

Areal frei vonradioaktivem Material

2024 Nuklearer Rückbau und Abtransport Brennelemente

2030 Nuklearer Rückbau

Behörde gibt Areal frei: keine radiologische Gefahrenquelle mehr 2031

Freigabe des Areals

Kernenergiegesetz www.admin.ch (Bundesrecht) Die Aufsichtsbehörde über die Kernanlagen in der Schweiz www.ensi.ch Bundesamt für


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«EINE ÄRA GEHT ZU ENDE» 5 Fragen an Benoît Revaz, Direktor Bundesamt für Energie.

«Mit der gleichen Profes­ sionalität, wie wir das Werk betrieben haben, wollen wir es auch stilllegen.» Martin Saxer Vorbereitungen laufen nicht im Bereich Technik und Handwerk ab, sondern in der persönlichen Entwicklung. Flexibilität und Eigenverantwortung sind gefragt, damit eine sich täglich ändernde Anlage nicht zu einem Stressfaktor wird.» In der Zwischenzeit sei die Still­

legung Normalität geworden, alle seien darauf fokussiert. ­Saxer: «Mit der gleichen Professionalität, wie wir das Werk betrieben haben, wollen wir es auch stilllegen.» Dieser Beitrag entstand in Zusammen­arbeit mit BKW.

FOLGEN SIE DER BKWVIDEOSERIE

Nachnutzung des Areals 2034 Konventioneller Rückbau

2018 präsentiert die BKW Geschichten von Menschen, die sich täglich für eine lebenswerte Zukunft einsetzen. Das Video mit Stefan Klute, Gesamtprojektleiter Stilllegung Kernkraftwerk Mühleberg, und anderen: www.bkw.ch/vernetzt

Das Kernkraftwerk Mühleberg an der Aare westlich von Bern liefert rund fünf Prozent des schweizerischen Stroms.

GRUEN: Benoît Revaz, mit Mühleberg wird das erste KKW in der Schweiz still­gelegt. Ein historischer Moment? Absolut. Damit startet der schrittweise Ausstieg aus der Kernenergie, dem die Schweizer Stimmbevölkerung im Mai 2017 zugestimmt hat. Die Ära der zentral organisierten Energieversorgung mit wenigen grossen Kraftwerken geht zu Ende, und wir bauen nun gemeinsam ein neues, nachhaltiges und vor allem lokal und regional organisiertes Energiesystem auf. Wann wird das letzte Kernkraftwerke in der Schweiz abgeschaltet? Wir haben keine fixen Abschaltdaten. Solange sie sicher sind, dürfen die Kernkraftwerke in Betrieb sein. Die weltweiten Betriebserfahrungen gehen von sechzig Jahren Laufzeit aus. Das würde bedeuten, dass Leibstadt als jüngstes Schweizer KKW, das 1984 in Betrieb ging, Mitte der 2040er-Jahre vom Netz gehen würde. Bis 2020 sollen die erneuerbaren Energien verdoppelt werden. Sind wir auf Kurs?

Energie www.bfe.admin.ch Branchenverband der Schweizer Kernkraftwerkbetreiber www.swissnuclear.ch

Das neue Energiegesetz ist neun Monate alt. Bis die neuen Massnahmen messbare Effekte zeigen, braucht es noch eine Weile. Insgesamt sind wir auf Kurs: Wir werden dies gegen Ende Jahr in einem speziellen Monitoring-Bericht aufzeigen. Mit Mühleberg fallen fünf Prozent der Strompro­ duktion weg. Wie wird das kompensiert? Ein guter Teil wird erstens durch Effizienzsteigerungen kompensiert. So benötigen allein die noch verbreiteten Elektrospeicherheizungen im Winter gegen fünfzehn Prozent des Stroms. Und die Beleuchtung ganze zwölf Prozent. Dieser Verbrauch kann in den nächsten Jahren durch effizientere Technologien und intelligente Steuerungen stark reduziert werden. Zweitens steht Strom aus anderen Landesteilen und aus den zunehmenden regionalen Produk­ tionen zur Verfügung sowie, falls nötig, auch aus Importen. Welche Energieträger werden sich in der Zukunft noch lohnen? In den nächsten Jahren werden in Europa einige grosse Kraftwerke vom Netz gehen, das Angebot verkleinert sich. Die Energieversorgung wird sich künftig auf viel effizientere elektrische Anwendungen stützen und fossile Energie­träger verdrängen. Die Wasserkraft bleibt in der Schweiz sicher am wichtigsten. Daneben werden aber die aus­geprägt dezentralen Energien wie Solarstrom eine bedeutende Rolle übernehmen, gerade auch bei der zunehmenden Zahl an Eigenverbrauchsgemein­ schaften, die ihren Strom vor Ort selbst produzieren.

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«Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg»

Der gesellschaftliche Wandel bringt Bedürfnisse nach Energie­ effizienz, Strom aus erneuer­ baren Quellen oder dezentraler Produktion mit sich. Die BKW hat sich zum Ziel gesetzt, einen wichtigen Beitrag zu diesen Themen zu leisten. Wir wandeln uns seit 2012 kontinuierlich von der Stromproduzentin zur umfassenden Anbieterin von Energie- und Infrastrukturdienstleistungen. Dazu gehört auch, Bisheriges zu überdenken und neue Wege zu gehen – wie zum Beispiel in der Energieproduktion. 2013 haben wir aus wirtschaftlichen Gründen entschieden, das mittlerweile über 46-jährige Kernkraftwerk Mühleberg (KKM) vor den Toren der Stadt Bern stillzulegen. Das KKM hat während all der Jahre sicher und zuver­ lässig seinen Dienst geleistet, und unsere Kolleginnen und Kollegen haben ihre Aufgabe mit Verantwortungsbewusstsein und Stolz erfüllt. Für den Langfristbetrieb jedoch hätte es mehr gekostet, das KKM

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nachzurüsten, als wir mit Erträgen aus der Produktion hätten erwirtschaften können. Mittlerweile ist die Stilllegung ein Zeichen dafür geworden, dass wir uns langfristig auf eine erneuerbare Zukunft ausrichten. International betrachtet ist dies nur ein kleiner Schritt. Es ist aber ein Meilenstein in der Geschichte der BKW. Und es ist eine Premiere – wir sind schweizweit das erste Unternehmen, das ein Kernkraftwerk stilllegt. Das Projekt zeigt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. In gut einem Jahr, am 20. Dezember 2019,

wird es so weit sein. Erfolgreich und im Plan verläuft ein solches Grossprojekt dann, wenn Firmen, Behörden, Gemeinden, Umweltverbände und die Politik gemeinsam lösungsorientiert arbeiten. Wir sind stolz und dankbar, dass sowohl das Projektteam als auch die zuständigen Behörden vollen Einsatz leisten und diesen Meilenstein in der Energiegeschichte möglich machen. Wir sind sowohl im Verfahren als auch mit der Planung und der Finanzierung auf Kurs. Das Verfahren für die Still­ legung und den Rückbau des

KKM ist schon weit fort­ geschritten. Mitte Juni 2018 haben wir vom Eidgenössischen Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) die Stilllegungsverfügung erhalten. Und dass es gegen die Verfügung keine Einsprachen gab, ist ein spezieller Vertrauensbeweis in uns als Unternehmen und für unsere bisherige Arbeit. Der Weg ist damit frei, dass wir das erste Kernkraftwerk der Schweiz vom Netz nehmen können – und Pionierarbeit leisten für künftige Generationen. Mit grossen Schritten brechen wir auf in die Zukunft und richten unsere eigenen Anlagen und unsere Dienstleistungen rund um die Infrastruktur darauf aus.

Suzanne Thoma ist CEO der BKW Gruppe, eines international ­tätigen Energie- und Infrastruktur­ unternehmens mit Sitz in Bern.

BKW Gruppe www.bkw.ch Energie für morgen www.blog.bkw.ch Kernkraftwerk Mühleberg www.bkw.ch/kkm

Foto: zvg

GRUEN KOLUMNE

SUZANNE THOMA


JETZT ABONNIEREN: online-kiosk.ch/si


GRUEN UNTERNEHMEN Vor sechs Jahren gründeten Ysa Yaheya und Fabian Brunner Zobo. Der Name ihrer Manufaktur stammt aus Nigeria und bedeutet Hibiskus. Das Paar produziert in Feldmeilen ZH ­Limonaden, Bier und Cider.

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ZOBO

Zisch! Ysa Yaheya und Fabian ­Brunner kreieren Limonade für Erwachsene. Alles ist selbst gemacht – sogar den Ingwer rüsten sie von Hand.

Text: Lisa Merz / Fotos: Anja Wille Schori

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GRUEN UNTERNEHMEN

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Hebel rauf, Deckel rein, Hebel runter – He­ bel rauf, Deckel rein, Hebel runter. Der Rhythmus des Verkorkers verschmilzt mit den übrigen Geräuschen: Es zischt, klirrt, brummt. Mittendrin steht Ysa Yaheya, ­verschliesst Flasche um Flasche. «Diese Arbeit mache ich am liebsten. Sie hat fast etwas Meditatives.» Zusammen mit ihrem Mann Fabian Brunner hat sie vor sechs Jahren die Getränkemanufaktur Zobo in Feld­meilen ZH gegründet. Das Label steht für hausgemachte Limonade. Das heisst: Jeder Arbeitsschritt wird von Hand aus­ geführt. Vom Rüsten übers Abfüllen bis zur Beschriftung der Kartonverpackungen. «Wir müssen immer wieder erklären, dass wir unsere Getränke wirklich selbst her­ stellen. Das glauben uns sonst die wenigs­ ten», sagt Fabian Brunner. Wer die beiden schon einmal in ihrer ­Manufaktur besucht hat, weiss, dass hier Idealisten am Werk sind. Der Ingwer steht gleich kistenweise parat. Ysa Yaheya und Fabian Brunner nehmen jede Wurzel in die Hand, untersuchen sie auf schlechte Stellen, schneiden weg, sortieren aus. Die Schale bleibt zum Aufkochen dran, die wertvollsten Aromen befinden sich gleich darunter. Um 30 Kilogramm Limetten aus­ zupressen, brauchen die beiden jeweils zwei Stunden. Der Ertrag: 15 Liter Saft. Angefangen hat alles vor sieben Jahren in Fabian Brunners Küche. Dort tüftelte der Profimusiker in seiner Freizeit an der ersten Rezeptur, füllte Glas um Glas. In welche Richtung es gehen sollte, war ihm klar. «Als ich für ein Jahr eine Musikschule in Jamaika besuchte, trank ich oft eine ­Limonade aus Hibiskus und Ingwer, die mir sehr gut schmeckte.» Zurück in Zürich, suchte er vergeblich nach einem Pendant. «Ich fand es schade, dass die Auswahl

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an nicht alkoholischen Getränken so klein war.» Zudem war ihm vieles zu süss, zu wenig raffiniert. «Auch Erwach­sene haben ab und zu Lust auf eine Limonade, die ­geschmacklich einen gewissen Anspruch hat.» Als Fabian im gleichen Sommer Ysa kennenlernte und sie sich verliebten, inte­ressierte sie sich sofort für seine Experi­ mente. Weil sie bereits Erfahrungen in der Lebensmittelbranche besass, entschieden sie sich, zusammen Zobo zu gründen.

«Limonaden sind im Trend. Eine lustige Etikette reicht aber nicht, die Qualität muss stimmen» «Sorrel» war die erste Geschmacksrich­ tung, die das Paar auf den Markt brachte. Fabian Brunner war es endlich gelungen, seine Karibik-Erinnerungen ins Glas abzu­ füllen. Das hibiskusrote Getränk ist weni­ ger süss als das jamaikanische Original

2 1 + 2 Geheime Mischung: Die Aromen für die Getränke setzt Fabian Brunner selber an. Alte Apothekerbücher dienen ihm als Inspiration. Sein liebstes Gewürz: Piment. 3 Das Zobo-Duo ist perfekt eingespielt: Er ist der Tüftler, sie das Organisationstalent.

und mit Kohlensäure versetzt. Sie arbei­ teten fast Tag und Nacht, um wöchentlich 1000 Flaschen abzufüllen. «Richtige Ma­ schinen hatten wir noch nicht. Von einer professionellen Herstellung waren wir noch weit entfernt», sagt sie. Die beiden hatten noch keine Möglichkeit, das Ge­ tränk selber mit Kohlensäure zu versetzen. Deshalb kauften sie kohlensäurehaltiges Mineralwasser und mischten damit ihre Limonaden an. Anstelle eines professio­ nellen Pasteurs reichte ein grosser Koch­ topf. Sie belieferten vier befreundete Gas­ tro­betriebe und warteten die Reaktionen der Gäste ab. Als die ersten begeisterten Rückmeldungen und schon bald die Nach­ bestellungen eintrafen, wussten sie, dass auch andere auf den Geschmack gekom­ men sind. Trotzdem gingen Ysa und Fabi­ an es behutsam an. «Limonaden sind im Trend. Viele hoffen auf den schnellen Er­ folg und möchten am Anfang zu viel. Eine lustige Etikette reicht aber nicht, die Qua­ lität muss schon stimmen. Und es braucht einen langen Atem.» Wenn die Maschinen am Abend still ste­ hen, geht Fabian Brunner in sein «Hexen­ kämmerchen». Dort lagern bauchige Glas­ behälter, gefüllt mit Kräutersud. Der Duft von Pfeffer, Hibiskus und Muskat steigt ei­ nem in die Nase. Gewürze sind neben

Zobo www.zobo-getraenke.ch Mit dem Verkauf jeder Flasche fliessen zehn Rappen in den Zobo Musik-Fonds. Alle zwei Jahre kürt eine


Anstatt die Aromen fertig ein­ zukaufen, entwickelt sie Fabian Brunner selber. «Er ist unser Alchemist», sagt Ysa Yaheya.

Einmal in der Woche wird im 150-Liter-Topf ­angerührt. Hier die Zutaten für die Sorrel-Limonade: ­Hibiskusblüten, ­Ingwer, Rohrzucker und eine geheime Gewürzmischung.

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GRUEN UNTERNEHMEN

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«Wir versuchen, einen kleinen Beitrag zu leisten, damit wir auch noch in 50 Jahren auf diesem Planeten leben können.» 3

Sogar die Ver­ packungen ­werden einzeln bestempelt – wenn möglich an der frischen Luft. Die Manu­ faktur in Feld­ meilen ZH ist nur 30 Quadrat­ meter gross.

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den vielen frischen Zutaten das eigentliche Herzstück der Zobo-Getränke, diese Aromen machen die Limonaden so einzigartig. Anstatt sie einzukaufen, werden auch diese selber hergestellt. «Fabian ist unser Alchemist», sagt Ysa Yaheya. Stundenlang blättert er in uralten Apothekerbüchern, um Rezepturen aufzuspüren. «So kam ich zum Beispiel auf die Idee, unserem Citro etwas Rosen beizumischen», sagt er. Bei Zobo stammt jede Zutat aus biologischem Anbau. «Für uns war das von Anfang an selbstverständlich», sagen beide. «Wir versuchen, einen kleinen Beitrag zu leisten, damit wir auch noch in 50 Jahren auf diesem Planeten leben können.» Auch die Qualität sei ausschlaggebend. Aus diesem Grund entschieden sie sich bis jetzt immer wieder gegen Halbfabrikate. «Gerade bei Zitrusfrüchten wie Limetten merkt man einfach, ob der Saft frisch gepresst wurde»,

Schweizweit online Zobo-Getränke bestellen www.farmy.ch www.biopartner.ch Die Knospe www.bio-suisse.ch Demeter www.demeter.ch


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1 Jährlich verkauft Zobo 20 000 Flaschen. 2 Der Zuckergehalt ­einer Limo entspricht etwa der einer Apfelschorle. 3 Im Pasteur werden die Getränke auf 75 Grad erhitzt, so bleiben sie jeweils ein Jahr haltbar.

Taten statt Worte Nr. 103

dem Pasteurisieren abgekühlt, auf dem da­ zugehörigen Mäuerchen stapeln sich schon die Kartonverpackungen. Stück um Stück drückt ­ihnen Ysa Yaheya den Stempel auf. Für jede Geschmacksrichtung lassen sie einen anfertigen. In sechs Jahren sieben Stück: Sorrel, Citro, Orange, Ginger und Bitter. Cider und Ginger Beer. «Ja, wir trinken und produzieren auch Alkohol», sagt ­Fabian Brunner und lacht. Für den ­Cider verwenden sie eine besonders aro­ matische alte Schweizer Apfelsorte von Hochstammbäumen, ins Bier kommen Bio-Gewürze, Bitterschalenorange und Koriander. Zobo ist bewusst langsam gewachsen. ­Waren es am Anfang noch 300 Flaschen am Tag, produzieren sie heute 2000. «Von unseren Maschinen her haben wir durch­ aus Kapazität für mehr. Wir müssen aber auch schauen, dass es nicht zu viel für uns wird.» Sicher ist, die beiden sind ein ein­ gespieltes Team. Fabian ist der Tüftler, der sich stundenlang in Details vertiefen kann. Ysa behält den grossen Überblick, schaut, dass alles am Laufen bleibt. Letzten Herbst sind die beiden Eltern geworden. «Unser Sohn Jim hilft uns, nach Feierabend besser abzuschalten», sagt Fabian Brunner. Ob­ wohl, ein bisschen Arbeit bringen sie im­ mer mit nach Hause – mal ist es der Duft von Hibiskusblüten, mal Limetten, mal Lavendel.

erklärt Fabian Brunner. Der Aufwand und auch die Kosten könnten durch Fertig­ produkte zwar deutlich verringert werden, der Geschmack wäre aber nicht mehr ­derselbe. «Wir haben uns schon überlegt, ob wir extern abfüllen lassen könnten. Aber auch da wird es schwie­ rig mit unserem Nischenpro­ dukt. Wir brauen alles frisch und wären auf einen Abfüll­ Wie gut schlägt sich das Zobo-Team als Mrs. und Mr. Do it yourself? betrieb mit Bio-Zertifikat an­ gewiesen», sagt Ysa Yaheya. 1 Essen 5 Zudem arbeitet Zobo als ein­ ziger Limonadenproduzent in 2 Kleider & Möbel 6 der Schweiz mit einer speziell 3 Garten 1 feinperligen Kohlensäure, wie man sie sonst eher von edlem 4 Heimwerken 4 Champagner kennt. 5 Deko & Geschenke 4 Ysa Yaheya zirkelt mit einem Palett voller leerer Flaschen 6 Gesellschaft 1 durch die Türen der Manufak­ 7 Politik 2 tur und stellt es in der Mitte des Raumes ab – sofort ist fast Total Punkte 23 die Hälfte des Platzes besetzt. Für Fabian kein Problem, er 23 Punkte = Wer seine Limonaden selbst herstellt, für den huscht von der einen Ecke in ist (fast) alles andere ein Klacks. Ein besseres Ergebnis die andere, schiebt, hievt, ver­ gäbe es nur, wenn das Zobo-Team sich noch einen ­Gemüsegarten zulegen würde. sorgt. «Wir haben uns auf den Der GRUEN-Footprint wurde vom WWF Schweiz für 30 Quadratmetern gut einge­ SI GRUEN entwickelt. Der Test soll für den Alltag sensibilisieren spielt», sagt er. Auf der Ram­ und Spass bereiten. Berechnen Sie Ihren eigenen Footprint auf den Seiten 10 und 11. pe der ehemaligen Molkerei werden die Flaschen nach

DER GRUEN-FOOTPRINT

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Zumindest ist die Herstellung des T-Shirts eine saubere Sache. Seit mehr als 20 Jahren setzen wir bei unseren Coop Naturaline Baumwolltextilien auf eine konsequent umwelt- und sozialverträgliche Produktion. Mittlerweile sind wir die weltweit grösste Anbieterin von fair gehandelten Bio-Baumwolltextilien. Dabei legen wir grossen Wert auf Transparenz. Deshalb sind immer mehr Produkte für Sie online rückverfolgbar. Das kommt auch bei Experten gut an, für unser Engagement wurden wir deshalb schon mehrfach ausgezeichnet.

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GRUEN REISE

«CHIVA-SOM»

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Einatmen … … ausatmen


Das «Chiva-Som» – der Begriff ist aus dem Sanskrit und bedeutet Oase des Lebens – liegt am Strand von Hua Hin. In der Stadt südwestlich von Bangkok hat die thailändische Königsfamilie ihren Sommersitz.

Zitronengrastee trinken und Kalorien zählen: Ein Aufenthalt im Resort Chiva-Som in Thailand ist kein Beachurlaub – obwohl der Strand gleich vor der Tür liegt. Die Tage in der «Oase des Lebens» sind ausgefüllt mit Yoga, Massagen und Arztterminen. Text: Barbara Halter

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GRUEN REISE

Das Kofferpacken bereitet Kopf­zerbrechen. In den Unterlagen steht «Dresscode Smart Casual», dazu kommt das Ausfüllen eines achtseitigen Formulars. «Wollen Sie abnehmen während des Aufenthalts? Wie viele Stunden arbeiten Sie wöchentlich? Was für Krankheiten gibt es in Ihrer Familie?», steht da zum Beispiel. Auf einem zusätzlichen Blatt kann man die gewünschte Kissenart ankreuzen (Baumwolle? Synthetisch? Japanisches Buchweizenkissen?) und das ätherische Öl bestimmen, das abends das Zimmer beduften soll. Luxus, lernt man, kann ganz schön anstrengend sein. In der Hektik der Abreise bleibt das freundliche Mail des Hotel-Managements, man habe im Fragebogen einige Sachen übersehen und solle die Antworten doch bitte nachreichen, unbeantwortet, und so fühlt man sich leicht schuldig –

wie früher in der Schule, wenn man die Hausaufgaben nur schludrig gemacht hat. Das schlechte Gewissen verfliegt sofort nach der Ankunft im «Chiva-Som» in Hua Hin, einem Badeort drei Stunden südwestlich von Bangkok. Ein Schwarm von netten, beflissenen Menschen reicht gekühlte, duftende Erfrischungstücher und erkundigt sich nach dem Befinden. Im weissen Elektromobil gehts fast lautlos über eine kleine Brücke und in den tropischen Garten mit traditio-

nellen Thai-Pavillons, wo ein Teil der Zimmer untergebracht ist. Auf der Anlage stehen alte Banyanbäume, die ihre Wurzeln bis auf den akkurat gestutzten grünen Rasen hängen lassen. Von der Stadt hört man ein leichtes Verkehrsrauschen, sonst ist man in einer eigenen Welt – und es gibt absolut keinen Grund, wieso man diesen Kokon bis zur Abreise verlassen sollte. Kurz nach Ankunft steht die erste Konsultation an. Das Behandlungsprogramm für die nächsten drei Tage soll festge-

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1 Melonen aus ­eigenem Anbau. 2 Blick aufs Meer und auf das «Taste of Siam», eines der beiden Restaurants im Resort. 3 Ein Drittel des ­Gemüses bezieht die Küche aus den zwei eigenen Bio-­ Farmen. Die Schnittblumen im Hotel sind alle selbst gezogen. 4 Seebarsch und Sprossen auf Betelblättern. 5 Küchenchefin ­Kanyarat Thanom­ saeng arbeitet seit zehn Jahren im «Chiva-Som».

«Wollen Sie abnehmen während des Aufenthalts? Wie viele Stunden arbeiten Sie wöchentlich?» 50

legt werden. Das Ambiente im Health & Wellness Centre erinnert an eine Klinik. Beim Warten verflüchtigen sich die Sorgen, was den Dresscode betrifft. Ein beleibter älterer Herr in Shorts und mit nacktem Oberkörper schlurft in Adiletten vorbei. Zwei junge Frauen, die langen Haare zu einem Knoten aufgetürmt, tragen die Bademäntel aus dem Zimmer. Im Spa-Bereich gilt offensichtlich vor allem «Cosy Casual».

Der bürogeplagte Körper soll gedehnt und verwöhnt werden Als noch gemütlicher als der Morgenmantel stellt sich später das weiche, beige Pyjama heraus, das im Schrank des Zimmers hängt – Shirt und Hoch­wasser­hosen, wie man sie zur Thai-Massage trägt. Passen­ de Flipflops stehen ebenfalls zur Verfügung. Und eine weisse ­Tasche mit Hotel-Emblem. «Die dürfen Sie am Ende behalten», flüsterte die Mitarbeiterin beim Beziehen des Zimmers. Die Beraterin empfiehlt das Programm «A Taste of ChivaSom». Neben täglichen Massagen steht die Reduktion von Stress im Mittelpunkt. Der meist sitzende, bürogeplagte Körper soll gestreckt und verwöhnt werden. Abends liegt der persönliche Plan mit allen Terminen im Zimmer, dazu ein Faltblatt mit Aktivitäten – praktisch den ganzen Tag über gibt es im Resort Fitnessstunden oder Kurse. Scheint nicht so, als bliebe daneben viel Zeit, um im Pool am Meer zu liegen! Der Tag beginnt um acht Uhr mit Hatha-Yoga im Pavillon. Lehrer Singh – grüner Turban, weisse Kleidung – erzählt in seinem indischen Englisch der Klasse, wie er als Kind erst wochenlang den Yoga-Raum seines Meisters wischen musste, bevor er seine erste Lektion erhielt. Dann singen wir «Om». Beziehungsweise Singh singt «Oooommm». Seine Stim-

Das Hotel www.chivasom.com Seine Ausbildungsstätte www.chivasomacademy.com Yoga-Lehrer Singh www.touchofsoul.eu


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Mit einem Clip am Ohr sitzt man beim Arzt und tut einfach mal nichts

me hat ein solches Volumen, dass einem jedes Tönchen im Hals stecken bleibt. In der Stunde richtet er das Bewusstsein auf den Atem. Darauf, die Kapazität seiner Lunge voll auszuschöpfen. Wie gut es tut, so richtig durchzuatmen! Fürs leibliche Wohl gibt es danach Buchweizen-Pancakes mit Beerenkompott. Die Frühstücks­ karte ist umfangreich, sogar Eggs Benedict finden sich. Auf dem Buffet ist jedes Vollkorngipfeli, jedes Glas Saft, jeder Papayaschnitz mit der genauen Kalorienzahl versehen – viele Gäste wollen abnehmen. «Kalorien sind die einfachste Art zu überprüfen, was man isst», sagt Küchen­chefin Kanyarat Thanomsaeng. Die Portionen sind klein, es werden kein weisser ­Zucker und nur gesunde Fette verwendet. «Unser Pad Thai zum ­Beispiel wird mit braunen

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Reis­nudeln zubereitet, es enthält keine Fischsauce, und statt Erdnüsse verwenden wir Mandeln», erklärt die Küchenchefin. Die Gerichte kann man übrigens zu Hause nachkochen: Auf Anfrage erhält jeder Gast eine Aus­ wahl an Rezepten zugeschickt. Der «Signature Drink» des Hauses heisst Zitronengrastee, wahlweise gekühlt oder heiss. Er wird nach der Massage ge1 reicht, man kann ihn im Zimmer zu­ bereiten – sogar beim Abendessen scheinen auf allen Tischen die graugrünen Teekannen zu stehen – bloss ein Glas Weisswein lässt sich erspähen. Einen Tag später im Pilates-­ Studio beim «Super Stretch»: Während man auf einer Gym­ nastikmatte liegt und von der Physiotherapeutin den Körper gedehnt kriegt, plaudern in Hörweite zwei Gäste. «Sie sehe

Die täglichen Massagen wechseln zwischen entspannend und anregend. Alle Behandlungen werden exzellent ausgeführt, Gesundheitsfragen ausführlich beantwortet. Spontan zeichnet die Physiotherapeutin ein paar Beinübungen für zu Hause auf ein Blatt. Teil des Programms ist auch eine Gesichtsanalyse: Die streng dreinblickende Kosmetikerin empfiehlt den täglichen Gebrauch von Sonnen-

creme (klingt vernünftig) und Skinbooster gegen Trockenfältchen für 800 Dollar pro Auge. Als sehr wirkungsvoll gegen Stress erweist sich das HandyVerbot in den öffentlichen Bereichen des Resorts sowie der Termin bei Naturheilarzt Jason Culp. Verkabelt mit einem Clip am Ohr, sitzt man in seinem Büro – und tut für zwei Minuten einfach nichts. Ein Gerät misst anhand des Pulsschlags die sogenannte Herzratenvaribilität, ein Indikator für den Zustand des vegetativen Nervensystems und der allgemeinen Gesundheit. Das Resultat auf dem Bildschirm zeigt nach dem Test eine Kurve wie eine zerklüftete Bergkette: Der Atem ist flach, stockt zeitweise. Culp sieht darin Zeichen von Stress, längerfristig könne dieses Muster die Gesundheit schädigen. Er rät zu Atemübungen: fünf Sekunden einatmen, fünf Sekunden aus­atmen. Zehn Minuten lang, dreimal täglich. «Das kann man auch während eines Meetings machen», sagt er. «Ganz unauffällig.» Und so verlässt man das «Chiva-Som» nach drei Tagen mit der Erkenntnis, dass Luxus auch so einfach sein kann: Tief einatmen … und langsam aus­ atmen.

WELLNESS-PIONIER FÜR DIE GESUNDHEIT Das «Chiva-Som» in Hua Hin wurde 1992 von Boonchu Rojanastien gegründet, einem Banker und Finanzminister von Thailand. Er errichtete das Health Resort auf dem Grundstück seines Ferien­ domizils. Heute führt sein Sohn Krip das Haus. Dieser ist begeisterter Marathon-Läufer und spielt E-Gitarre in einer Band. Unter seiner Leitung entstanden Gesundheitsund Sportprogramme für die Angestellten, ökologische Projekte wie die Minimierung von Energie und Abfall im Hotel­betrieb (das Resort hat das Green-Globe-Zerti­ fikat) oder ein öffentlicher Park mit neu aufgeforsteten Mangroven in Hua Hin. Ein Retreat im «Chiva-Som» (Minimum drei Tage) mit Übernachtungen, Mahlzeiten, Beratungen, Massagen und Fitnesskursen gibts ab CHF 2850.– pro Person.

Projekte von Krip Rojanastien in der Stadt Hua Hin www.preservehuahin.com www.huahinmarathon.com

Fotos: zvg, Barbara Halter (5)

GRUEN REISE

«Kalorien sind die einfachste Art zu überprüfen, was man isst.» Küchenchefin Kanyarat Thanomsaeng

ich doch auch jedes Jahr wieder hier», sagt eine Deutsche erfreut zu einem Mann. «Wir sind jeweils im Frühling und im Herbst vor der Skisaison hier», antwortet er mit schweizerdeutschem Akzent. «Ich komme schon seit zwanzig Jahren hierher», erwidert sie und schwärmt vom tollen Service und den zuvorkommenden Mitarbeitern. Darauf wird es still im Raum. Kurz darauf hört man die Frau am Pilates-Reformer laut durch den Mund atmen und konzen­ triert sich auf die Stretchübungen, die bis an die Schmerzgrenze gehen. Einschlafen wie beim orientalischen Fussritual geht hier definitiv nicht.


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1 Behandlung unter ­einem Banyanbaum. 2 Die Lotusblume ist in Thailand ein Symbol für den Lauf der Zeit. 3 Die traditionellen ­Thai-Pavillons im Garten. Am Meer hat es weitere Hotelzimmer. 4 Yoga-Lehrer Singh. 5 Das Health & Wellness Centre mit den ­Behandlungsräumen.


GRUEN FASHION

New Kid on the Block MODE

Sie ist überall zu Hause und doch nirgends daheim. Die Stadt-Nomadin setzt modische Statements mit Karo, Mänteln und XXL-Strick. Fotos: Lauretta Suter, Styling: Victoria Steiner / Style Council Hair & Make-up: Nicola Fischer, Model: Violet T. / Premier Model Management

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Mantel, H&M CONSCIOUS COLLECTION. T-Shirt, =INFERENCE. Hose, COLLECTIVE SWALLOW. Boots, H&M CONSCIOUS COLLECTION. Tasche, LAURA MARGNA.

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Linke Seite: pinkfarbener Pullover, JACQUELINE LOEKITO. Jeans aus Orga­ nic Cotton, WEEKDAY. Diese Seite: Jacke, Strick­ jacke und Tasche, AKRIS. Boots, H&M CONSCIOUS COLLECTION. Halskette, STUDIO MASON.

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GRUEN FASHION


Bezugsquellen: AKRIS www.akris.ch, COLLECTIVE SWALLOW www.collectiveswallow.it, ENSOIE www.ensoie.com, H & M www.hm.com, HANNA RUECKERT www.studiohannarueckert.com, JACQUELINE LOEKITO www.jacquelineloekito.com, JUNGLE FOLK www.junglefolk.com, LAURA MARGNA www.lauramargna.com, LUCILE DRAI www.instagram.com/luciledrai/, SANIKAI www.sanikai.com, STUDIO MASON www.studio-mason.com, WEEKDAY www.weekday.com, =INFERENCE www.making-inferences.ch

Linke Seite: Jacke, LUCILE DRAI. Jeans, SANIKAI. Boots, H&M CONSCIOUS COLLECTION. Diese Seite: Mantel, ENSOIE. Pinkfarbener Pullover, JACQUELINE LOEKITO. Dunkler Pullover, AKRIS. Hose, JUNGLE FOLK.

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GRUEN FASHION


Fotos: Lauretta Suter / René Hauser, Fotoassistenz: Lea Della Zassa Wir danken dem James für die freundliche Unterstützung, Produktion Anna-Greta Colby, Susanne Märki

Linke Seite: Pullover, Bluse und Hose, HANNA RUECKERT. Boots, H&M CONSCIOUS COLLECTION. Halskette, STUDIO MASON. Diese Seite: Hoodie und Hose, COLLECTIVE SWALLOW. Mantel, ­JUNGLE FOLK. Schuhe, JACQUELINE LOEKITO.

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GRUEN FASHION

TEMPERAMENT UND TIEFGANG

In ihrem aktuellen Film «Everybody Knows» spielt Penélope Cruz wieder an der Seite ihres Ehemanns Javier Bardem, mit dem sie zwei Kinder hat.

JEDER EIN UNIKAT Handgemachter Strohhut von WayuuIndigenen für die Schweizer Non-­ Profit-Organisation Mama Tierra. www.mama-tierra.ch CHF 109.–

ACHTSAMER LUXUS Ring Luna aus Weissgold und weissen Topas-­ Steinen (beides Fair Trade) sowie 14 Diamanten aus der PenélopeCruz-Kollektion von Atelier S ­ warovski Fine Jewelry. Exklusiv bei www.atelier­ swarovski.com CHF 5100.–

Penélope Cruz kommt nächstens mit einem neuen Film in die Kinos. Zur Premiere von «Everybody Knows» trug sie selbst designte Schmuckstücke aus korrekter Produktion. Redaktion: Kristina A. Köhler In Cannes war Premiere, am 15. Novem­ ber kommt «Everybody Knows» mit Penélope Cruz in die Schweizer Kinos. Sie spielt im Psychothriller eine Mutter, deren Tochter spurlos verschwindet. An ihrer Seite: Ehemann Javier Bardem. Daneben hat sich Cruz wieder mal als Designerin betätigt. In Zusammen­ arbeit mit Atelier Swarovski entwickelte sie eine fair produzierte, 14-teilige Schmuck­kollektion. Die verwendeten Diamanten, Rubine und Saphire sind aus dem Labor, das 18-karätige Gold und der Topas stam­ men aus fairem Handel.

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COOLNESS FÜR DEN HERBST

Stiefelette von Hess Natur aus chromfrei gebleichtem und Ecopell-zertifiziertem Leder aus Deutschland. In zwei verschiedenen Brauntönen und in Schwarz erhältlich. Bei www. hessnatur.com CHF 299.–

Strick-Poncho aus Bio-Baumwolle und Alpaka-Wolle, sozial und fair gefertigt in Peru; GOTSzertifiziert. In Mahagoni und mit lässig-asym­ metrischer Form, One Size. www. grueneerde.com CHF 129.–

FROM NEPAL WITH LOVE

XL-Schal aus C ­ ashmere und M ­ erinowolle mit der Aufschrift «Inhale Love, exhale Gratitude». Von Hand und fair ­produziert in Nepal. 200 × 100 cm. Zu bestellen bei www.karmalove.com, ca. CHF 340.–

Penélope Cruz engagiert sich für www.peta.de Öko-Zertifikate für Mode www.ecopell.de www.global-standard.org

Fotos: Nico Bustos/Artlist, zvg (5)

Faires Funkeln

ZUM REINKUSCHELN


Schon den ersten Herbst­ spaziergang bei Wind und Wetter gemacht? Für das wärmende Wohlfühlprogramm danach haben wir ein paar hübsche Ideen. Redaktion: Kristina A. Köhler

BROKKOLIPOWER

Wirkstoffe aus dem Brokkoli sollen das Haar glanzvoll und geschmeidig machen. Brokkoli Silky Shampoo und Conditioner von Rivelles, hergestellt im Wienerwald in Österreich. Bei www.ohyouprettythings.ch, ab CHF 30.–

ÜBER NACHT GEPFLEGT

Die Straffende Nachtpflege Green Lift von Lavera mit Karanjaöl und natürlicher Hyaluronsäure soll wie eine revitalisierende Kur wirken. www.lavera.de, ca. CHF 22.95

Essential Makeup Palette von Ilia Beauty, die den Sommer zurück aufs Gesicht zaubert. Mit zwei Multi-Stick-­ Farben und zwei Highlightern. Bei www. greenlane.ch, ca. CHF 50.–

GRUEN BEAUTY

Für Haut und Haar

INSELTRÄUME

WETTERFEST

An ihrem Wohnort Toronto ist Schauspielerin Rachel McAdams («Midnight in Paris», «True Detective») oft mit dem Rad unterwegs. Ihre Haut pflegt sie mit Naturkosmetik von Dr. Hauschka.

FRISCHER DUFT

Das Bio-Cologne Bedtime Stories von Less is More duftet nach Kardamom und zarten Oran­genblüten. Direkt auf den Körper oder aufs Kopfkissen sprühen. Bei www. grenglam.de CHF 85.–

Fotos: Trunk Archive, zvg (5)

ICH BEHÜTE DICH Die leicht getönte Regeneration Tagescreme Balance von Dr. Hauschka soll s­ ensibler, reiferer Haut zu Widerstandskraft verhelfen. Mit Heilpflanzenauszügen aus Rotklee. www.dr. hauschka.com CHF 72.–

Naturkosmetik www.lessismore.at www.rivelles.com www.iliabeauty.com Onlineshops www.amazingy.com www.ordiri.net

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GRUEN WEEKEND-TRIP

EIN WOCHENENDE RUND UMS BINNTAL

Kristalle, Kunst und Kochstars Im Musikdorf Ernen, dem Mineralien-Mekka Binn und in der rauen Natur drumrum finden Gourmets, Geschichtsliebhaber und Abenteurer ihr Glück.

Text: Nina Siegrist Fotos: Anne Gabriel-Jürgens

Postkarten-Idyll! Das Mineraliendorf Binn mit der historischen Steinbogen­ brücke (Baujahr 1564) über die Binna.

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Wie das so ist bei den Wallisern: Sie nehmen es genau mit ihren Territorien! Das Binntal liege nicht wirklich im Goms, erklären die Locals (auch wenn es in einem Seitental davon angesiedelt ist) – und Ernen gehöre genau genommen nicht zum Binntal. Egal! Wir lassen die geografischen Feinheiten beiseite und beschliessen, das «Weekend» in dieser atemberaubend schönen Gegend rund ums Binntal einfach zu geniessen. Der Plan: Eine Nacht verbringen wir im Mineraliendorf Binn, begeben uns von dort mit einem Strahler in ent­ legene Berglandschaften. Davor ­logieren wir am anderen Ende der Twingi-Schlucht, in ­Ernen. Hier steigen wir zu B ­ eginn unseres Trips aus dem Postauto, spazieren im Abendlicht zwischen denkmalgeschützten Spychern und Holzhäuschen hindurch und erreichen unterhalb der Kirche unser Ziel: das Hüs üf der Flüe, ein Heidenhaus aus dem 15. Jahrhundert. Besitzerin Diana Pavlicek pflückt im Garten gerade letzte Zwetschgen von den Hoch­ stammbäumen. Normalerweise wohnt sie in Zürich, kommt aber immer mal wie-

Tourismusregion Landschaftspark Binntal (Aktivitäten, Übernachtungsmöglichkeiten) www.landschaftspark-binntal.ch Erlebnisreicher


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1–3 Die Zürcher Kunsthistorikerin Diana Pavlicek hat das Hüs üf der Flüe mit viel ­Liebe zum Detail umgebaut. Im Badezimmer kamen alte Zugfahrpläne von 1890 zum ­Vorschein – diese hat sie bewusst belassen. 4–6 Klaus Leuenberger kochte im «Gstaad Palace», auf Kreuzfahrtschiffen und zuletzt für den Emir von Katar. 2012 hat er in Ernen sein Zuhause gefunden, seit Kurzem zaubert der Chef im «Erner Garten». Neben Gemüse und Früchten aus dem Berglandhof-Garten kommen Wildtiere und Innereien (Bild 6: Leuen­bergers «Kalbereien») auf den Tisch. Sein Dessert-Hit: Tannspitzen-Glace. 7 Der Dorfplatz von Ernen. 1979 erhielt das Örtchen den Wakkerpreis.

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8 Willkommen in der Bergbrauerei! In der «Chäserstatt», einer Seminar-Lodge mit Geissli und Ponys oberhalb Ernens, produziert Janos Schweizer mit seiner Crew Bier: Rappental (untergärig), Galen-Amber (dunkel, obergärig) und Weizen (hell, leicht). Dazu werden selbst gemachte Chips serviert.

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Zauberwald für Kinder www.zauberwaldernen.ch Grube für kleine Steinforscher www.myswitzerland.com/de/grube-lengenbach.html

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GRUEN WEEKEND-TRIP

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der ein paar Tage hierher, um nach dem Rechten zu sehen. Die junge Kunsthisto­ rikerin – sie war lange bei der Swiss Re für das Kultursponsoring und die FirmenKunst­sammlung zuständig – hatte schon immer ein Faible für historische Bauten. 2015, sie hatte gerade einen Bündner Stall in eine Art rustikales Loft verwandelt und war kurz davor, Mami zu werden, rief ein befreundeter Architekt an: «Du, ich hätte da ein Haus für dich …» Pavlicek zögerte. Doch dann sah sie das Gebäude, lernte die Besitzerfamilie kennen – und es war um sie geschehen: «Ich konnte nicht anders», sagt sie heute. Der Umbau war enorm ­aufwendig. Jedes Detail musste stimmen: Originalböden, Originallichtschalter, so­ ­ gar eine Tür von 1641 und der Ofen von 1576 wurden reintegriert. Die Möbel sind grösstenteils massgefertigt, Accessoires sammelte Pavlicek bei Antiquitäten­ händlern, in Brockis und auf Flohmärkten. Anfang 2017 war das Hüs üf der Flüe ­bereit für seine Gäste, die zwei 3½-Zim­ mer-Apartments mit fantastischem Blick (vom Bett aus!) auf Tal und Finsteraarhorn ­können sogar verbunden werden. Unseren ersten Morgen in Ernen starten wir mit einem Frühstück auf dem Berglandhof. Vier Familien betreiben hier ei­ nen biodynamischen Demeter-Bauernhof mit fünfzig Hektaren Land, ein Lädeli im Dorf (Waren aller Art) sowie ein Gene­ rationenhaus mit festen Bewohnern und mehreren Hotelzimmern und Apartments. Spannender Ansatz gegen «kalte Betten»: Familien können sich beteiligen und in der stets gleichen Wohnung zu vereinbarten Terminen ihr Guthaben «abwohnen». In der restlichen Zeit wird das Apartment ver­ mietet, die Habseligkeiten in Schränken des Generationenhauses verstaut. Das Restaurant im Berglandhof, der «Erner Garten», wird von einem Original geführt: Klaus Leuenberger, bekannt für seine «Ur­ küche von Berg und Tal» (15 GaultMillauPunkte), die auch in der «Mühle» in Ge­ schinen auf den Tisch kommt (dort kocht sein Schwager Marko Merker). Leuenber­ ger liebt das Abenteuer: Als renommierter «Chef» bereiste er die Welt, war zuletzt Leibkoch des Emirs von Katar. 1997 – er hatte die Wüste satt und fuhr in seinen ­Ferien mit dem Töff durch die regnerische Schweiz – blieb der gebürtige Emmenta-

Auf den Teller kommt Gemüse aus dem Garten, beim Fleisch hat sich Klaus Leuenberger auf die kunst­ volle Verwertung von Innereien spezialisiert.

Pia Heller führt «Waren aller Art», den Bioladen des Berglandhofs. Top: die Auswahl an Tees, Kräutern und Trockensuppen.

ler in Ernen hängen. Er übernahm das «St. Georg», die Dorfbeiz. Und wechselte 2017 von dort in den «Erner Garten» («hier habe ich mehr Platz und mehr Mög­ lichkeiten»). Seinem Stil ist er treu geblie­ ben. Auf den Teller kommt Gemüse aus dem Garten, beim Fleisch hat er sich auf die raffinierte Verwertung von Innereien spezialisiert. Und beim Wild wagt er eine kleine Provokation: Für sein «MurmeliGhackets», das man auch eingemacht in seinem eigenen Feinkost-Sortiment (Speisewerk) erhält, wird er schon mal an­ gefeindet. «Geschossen werden die Mur­ meltiere sowieso – wenn ich die nicht ver­ werte, landen sie auf der Kadaverstelle», erklärt er einleuchtend. Und so erhält er ab und an eine SMS vom Wildhüter, der ihm «was vor die Tür gelegt hat» … Leuenberger ist nicht der einzige «Star­ koch» der Region: In Binn sorgt der junge Mario Inderschmitten für Furore – im

Musikdorf Ernen – Festival der klassischen Musik und Literatur www.musikdorf.ch Urlaubsarchitektur – Homepage mit Liebhaberobjekten


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1 + 3 Blütentanz! So heisst die BerglandhofTeemischung, die Pia Heller im «Waren aller Art» gerade in Säckli abfüllt. Ebenfalls im Sortiment: die Speisewerk-Produkte. 2, 6 + 8 Belle-Époque-Bijou: Im Hotel Ofenhorn in Binn macht man eine Zeitreise. Die Zimmer wurden 2008 renoviert, der frühere Damen-Salon (Bild 8) dient heute als gemütliches Lesezimmer, und im grossen Garten unter den Vogelbeerbäumen kann man wunderbar Kaffee trinken und Kuchen essen. 4 + 5 Er ist der Starkoch der Region: Mario Inderschmitten vom «Albrun» (15 Gault­ Millau-Punkte). Sein Signature Dish: Black ­Forrest. Zum Angus-Rind kombiniert der ausgebildete Patissier die leicht uminterpre­ tierten Zutaten einer Schwarzwälder Torte.

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7 Strahler-Glück: Ein Bergkristall aus der stolzen Sammlung von Exkursionsleiter Ewald Gorsatt, ausgestellt in seinem Lädeli in Binn. Die eigenen Funde waren unspek­ takulärer, aber der Anfänger jauchzt schon beim winzigsten Granatsteinchen.

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wie dem Hüs üf der Flüe www.urlaubsarchitektur.de Mehr über Mario Inderschmitten und Klaus Leuenberger www.gaultmillau.ch

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GRUEN WEEKEND-TRIP

Ewald Gorsatt zeigt, wie man Steinbrocken abschlägt und – mit etwas Glück und «Gschpüri» – einen Granat oder einen Fuchsitglimmer findet.

von den Eltern übernommenen «Albrun». «Sie sind eigentlich zu gut, um sich hier zu verstecken», sagt bei unserem Besuch ein mondän gekleideter Gast mit reichlich Sterneküche-Erfahrung. Inderschmitten lächelt verlegen, bedankt sich und flüchtet wieder hinter den Herd. Er sei halt sehr hei­ mat- und naturverbunden, wird der wortkarge Kochkünstler später erklären. Eben diese einzigartige und raue Natur des Landschaftsparks Binntal wollen wir tags darauf erkunden. Vorher gilt es, ein Nachtlager zu finden: Das Grand Hotel Ofenhorn ist ausgebucht (kein Wunder, bei diesem Belle-Époque-Bijou!), also ziehen wir weiter in den «Bärgkristall», eine heimelige Herberge in einem Weiler oberhalb Binns – idealer Ausgangspunkt für Wanderungen.

MEIN TIPP ERNEN!

„ Im Sommer, wenn das Musikdorf Ernen ganz im Zeichen

der klassischen Musik und Literatur steht, leite ich hier jeweils einen Schreibkurs. Es lohnt sich, das Örtchen Strasse für Strasse zu erkunden! Ernen hat die Moder­ nisierungswelle zum Glück verpasst: Grosse Holzhäuser mit kleinen Fenstern und Schindeldächern sowie zahl­ reiche Scheunen auf Holzstützen sind immer noch intakt. Die Kirche, in der die Konzerte gegeben werden, ist ein Juwel des barocken Exzesses – mit vergoldeten Statuen, Kriegsheiligen und Engeln. Das Hotel Alpenblick und der «Erner Garten» bieten spannende Menüs und einen aufmerksamen Service. Donna Leon, 76, Krimiautorin. Ihr neuster Roman heisst «Heimliche Versuchung».

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Strahler Ewald Gorsatt holt uns in aller Früh ab für die Mineralienexkursion. Wirtin Ursula überreicht noch ein «Spiissäckli» (Walliserbrot, Randenwurst und Binner Alpkäse AOP). Dann gehts nur noch aufwärts, von der Alp Schinerewyssi (2300 m ü. M.) weitere 500 Höhenmeter hinauf und ins Feldbachtal, vorbei an stark zerklüfteten Gesteinen (der Grund dafür, dass es hier so viele Mineralien gibt). Ewald Gorsatt packt Hammer und Meissel aus, zeigt, wie man Steinbrocken abschlägt und – mit etwas Glück und «Gschpüri» – einen schwarz glänzenden Granat oder einen grün glitzernden Fuchsitglimmer ­ findet. Er spricht von den Steinen wie von seinen Freunden. Im früheren Leben war Gorsatt Maschineningenieur – heute entwickelt er nur noch Maschinen, um (Edel-) Steine zu säubern und zu schleifen. Die glitzerndsten Steine lassen wir hinter uns (wo viel Quarz, da wenig Bergkristall, lernen wir), dann packt unser Guide Haken und Löffel aus: Wir sind bei «seiner» Kluft angekommen, einer Spalte, die er in schweiss­treibender Arbeit freigelegt und dann mit einem Zettel «reserviert» hat (ja, das dürfen Strahler!). Wir lösen mit dem Haken einige lehmige Brocken, holen sie mit dem Löffel hoch. Und – hurra! – da sind sie: kleine, feine Bergkristalle. Zurück in Binn, reinigt Ewald Gorsatt die Fund­stücke mit seiner ausgetüftelten Sand­ strahl-Apparatur. Das in Zeitungspapier ein­gewickelte Souvenir packen wir in unseren Rucksack. Und kürveln glücklich und mit müden Beinen im Postauto hinunter nach Fiesch. Schön wars!

«Heimliche Versuchung» – Donna Leons neuster Krimi www.diogenes.ch Mineralien-Lexikon www.mineralienatlas.de/lexikon

Foto: Anne Gabriel-Jürgens, Roland Tännler, Illustration: Anna Haas

Ausgerüstet mit Strahlstock, Kluft­ haken, Hammer und Meissel, gehts mit ­Guide Ewald Gorsatt von der Schinerewyssi zu den Mineralien­ kluften im Feldbachtal.


EIN WOCHENENDE RUND UMS BINNTAL GENIESSEN

1 ERNER GARTEN Chef Klaus Leuen­ ber­ger kocht im Berglandhof, einem Ge­nera­tionenhaus mit Bio-Hof, Hotelbetrieb und Restaurant. Spezialitäten: Wildtiere, Innerei­en. Täglich geöffnet, Gourmet-Karte Do – Sa ab 18, So ab 11.30 Uhr. Leuenbergers eingemachte Speisewerk-Produkte erhält man auch online. Berglandhof, Bieuti­strasse 22, 3995 Ernen. www.ernergarten.ch, www.landschaftspark-binntal.ch 2 RESTAURANT PENSION ALBRUN GaultMillau-Shootingstar Mario Inder­ schmitten (15 GM-Punkte) überrascht mit Gewagtem («Black Forrest»: Angus-Rind in einer süsssalzigen Schwarzwälder-Torten-Interpretation), hat aber auch Walliser Klassiker wie Cholera auf der Karte. Fr – Di ab 9 Uhr, Betriebsferien 22. 10–5. 12. 2018. Binna 4, 3996 Binn. www.albrun.ch 3 CHÄSERSTATT Vier junge Gastro­no­ men betreiben auf 1777 Metern die etwas

andere Bergbeiz mit Tipizelt und Bierbraue­rei. Täglich bis 20 Uhr, ab 15.10.2018 Mo/Di geschlossen. Chäserstatt, 3995 ErnenMühlebach. www.chaeserstatt.ch

ERLEBEN 4 MINERALIEN-EXKURSION Tages­ ausflug in die einzigartige Natur des Land­ schaftsparks Binntal mit Strahler und Guide Ewald Gorsatt. Privat ab CHF 280.–, in der Gruppe ab CHF 90.–. In seiner Werkstatt in Binn gibt Gorsatt auch Steinschleifkurse. http://gorsatt.ch 5 KULTUR Die Tourismusregion Land­ schaftspark Binntal bietet viele Veran­stal­ tun­gen und Aktivitäten, darunter das Musik­ dorf Ernen (Klassik-Festival von Juni bis September, www.musikdorf.ch) sowie die Twingi LandArt, eine Outdoor-Kunst­ ausstellung entlang der historischen Strasse durch die Twingi-Schlucht. www.landschaftspark-binntal.ch

EINKAUFEN 6 WAREN ALLER ART Bio-Laden mit ­ rodukten vom Berglandhof (grosse Tee­ P auswahl) und von anderen Bio-Produzenten. Öffnungszeiten siehe Homepage. ­Bieu 2, 3995 Ernen. https://berglandhof.ch

ÜBERNACHTEN 7 HÜS ÜF DER FLÜE Behutsam reno­ viertes Heidenhaus. Zwei 3½-ZimmerApartments, die verbunden werden kön­ nen. Ab CHF 1050.– pro Wohnung und Woche (kürzere Dauer auf Anfrage). Üf der Flüe 6, Ernen. http://munts-pavlicek.ch 8 HOTEL OFENHORN Swiss Historic Hotel, DZ ab CHF 160.– pro Nacht. Ufem Acher, 3996 Binn. www.ofenhorn.ch 9 BÄRGKRISTALL Herberge und ­Restaurant auf dem winzigen Dorfplatz von Fäld, optimaler Ausgangspunkt für Wan­ derungen. DZ ab CHF 190.–. Bärgkristall, 3996 Fäld/Binn. www.baergkristall.ch

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GRUEN SELBERMACHEN

Hält die Ohren warm! Aus ein paar Stoffresten aus ­Jersey oder Strickstoff entsteht im Handumdrehen ein prak­ tisches und stylisches Stirnband – ganz ohne Schnittmuster! Die Breite des Stirnbandes kann beliebig bestimmt werden. Wir haben ein breites Band gewählt, das auch an kalten Tagen die Ohren gut verdeckt.

Das selbst genähte Stirnband ist ein idealer Begleiter in der Übergangszeit.

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DAS WIRD BENÖTIGT • Elastischer Stoff, zum Beispiel fester Jersey, Sweat- oder Strickstoff • Stoffschere • Faden • Stecknadeln • Nähmaschine • Nähnadel

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SCHRITT 1

Stirnband: Legen Sie die beiden Zuschnitte rechts auf rechts aufeinander und stecken Sie sie zusammen. Die langen Seiten knapp­kantig mit der Nähmaschine absteppen (Geradstich). Sie haben jetzt einen Schlauch mit zwei ­Öffnungen. Stülpen Sie den Schlauch wieder auf rechts, und bügeln Sie ihn – die Naht liegt in der Mitte.

SCHRITT 2 VORBEREITUNG

Erst den Umfang des Kopfes messen: Im Beispiel sind es 55 cm, dann rechnet man noch 2 cm hinzu. Für unser Haarband ergeben sich die Masse: 57 cm Länge und 20 cm Breite. Zusätzlich wird für die Schlaufe ein Rechteck aus Stoff benötigt. Unser Rechteck hat die Masse 10 × 2 cm. Stoff zuschneiden: zweimal das Haarband und einmal das Rechteck.

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Schlaufe: Falten Sie das kleine Rechteck längs in der Mitte zusammen, und stecken Sie es zusammen. Nähen Sie die lange Seite, und ­drehen Sie es wieder auf rechts. Falten Sie den Mini-Schlauch so in der Mitte, dass die offenen Kanten nach oben zeigen und die Naht mittig aussen liegt – wie auf dem Foto. Stecken Sie die beiden Seiten zusammen, und nähen Sie dann die offenen Kanten knappkantig zusammen. Drehen Sie danach die Schlaufe so um, dass alle unschönen Nähte innen liegen.

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SCHRITT 3

Ziehen Sie den langen Schlauch – das Haarband – durch die kleine Schlaufe. Zum Schluss ziehen Sie die Schlaufe über die geschlossene Wende­öffnung, sodass das Stirnband ganz ohne sichtbare Nähte daherkommt.

SCHRITT 4

Für den Abschluss müssen Sie das Haarband noch einmal auf links drehen. Dafür legen Sie die offenen Kanten bündig aufeinander (Naht auf Naht) und drehen den Schlauch auf links.

SCHRITT 5

Fixieren Sie die beiden Enden mit Stecknadeln. Achten Sie dabei darauf, dass die Nähte auf­ einander liegen, und steppen Sie die Öffnung rings­herum knappkantig ab – lassen Sie dabei eine kleine Öffnung zum Wenden. Drehen Sie das Haarband auf rechts. Nun verschliessen Sie die Wendeöffnung von Hand.

Schöne Stoffe www.pom-pon.ch www.stoff-und-so.ch www.makerist.de www.zickzackzuck.ch www.karlottapink.ch

Fotos: zvg

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Das Berliner Start-up Makerist bietet online Anleitungen, ­Videokurse und Zubehör rund ums Nähen, Stricken und H ­ äkeln.


Ilias liebt das Malen. Wenn er malt, vergisst er die Sorgen des Alltags und blüht auf. Wenn Ilias malt, ist er glücklich. Deshalb wünscht er sich sehnlichst einen Malkasten. Doch Ilias ist Vollwaise und auf staatliche Unterstützung angewiesen. Und ein Malkasten wird von den Sozialdiensten nicht finanziert. SOS Beobachter hilft.

Die Stiftung SOS Beobachter unterstützt notleidende Menschen in der Schweiz. Unbürokratisch, konkret, persönlich. Wir helfen, wo sonst niemand hilft. Helfen Sie mit: www.sosbeobachter.ch


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GRUEN GENUSS


«ALPENBLICK»

Sammler und Geniesser Björn Inniger ist eines der grössten Kochtalente des Berner Oberlands. Zurzeit macht er kistenweise Obst und Gemüse für den Winter ein.

Björn Inniger (links) begleitet seinen Vater Alfred auf die Pilzsuche. Im «Alpenblick Adelboden» stehen sie zusammen in der Küche.

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GRUEN GENUSS

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Text: Elsbeth Hobmeier Fotos: Fabian Häfeli Der «Alpenblick» an der Dorfstrasse von Adelboden fällt nicht sofort ins Auge. Man muss schon wissen, dass hier mit Björn In­ niger eines der grössten Talente des Berner Oberlands kocht. Mit fast traumwandle­ rischer Sicherheit kombiniert er Aromen und Texturen, er überrascht mit eigenen Kreationen und bleibt dabei immer mit beiden Füssen auf dem heimischen Boden, – wie man dies in einem Bergdorf erwartet und schätzt. Das Restaurant funktioniert als Familien­ betrieb. Der 32-jährige Koch steht zu­ sammen mit seinem Vater Alfred, einem gelernten Metzger, in der Küche. Im Ser­ vice wirken Mutter Hanni und seine Frau Marianne. 2014 übernahm Björn das ­ ­Restaurant von seinen Eltern. Er hatte bei grossen Köchen wie Robert Speth, Valère Braun, Urs Wandeler und Urs Messerli ge­ arbeitet und kam mit neuen Ideen zurück nach Adelboden. Etwa mit seiner Begeis­ terung für die Fusion von regionalen Pro­ dukten mit fremdartigen Gewürzen oder die Verschmelzung von unterschiedlichen Geschmacksrichtungen. Um sein Wissen einzubringen, entwickelte er ein neues Konzept und teilte den

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«Mit dem Einmachen können wir den Sommer in den Winter retten und die kalte Jahreszeit spannender machen, als sie eigentlich ist.» Björn Inniger

Das Restaurant www.alpenblick-adelboden.ch Der Gemüselieferant des «Alpenblicks» www.bio-baumann.ch


1 Vater und Sohn Inniger oberhalb von Adelboden mit Blick auf den Hausberg Wildstrubel. 2 Die Ernte eines Sommers im Glas: Gegen eine Tonne Gemüse und Früchte wird im «Alpenblick» eingemacht. 3 Holunderbeeren ver­arbei­ tet Björn Inniger zu ­Sirup und Kompott. 4 Der Sud aus Essig, Zucker und Rotwein kommt über die Zwetschen. Das Rezept für die Essigzwetschgen steht auf Seite 76.

vom Onkel, der auf der Metschalp sömmert. Oben auf den Alpweiden lebten auch die Alpsäuli und wurden mit der beim Käsen abfallenden Schottenmilch gefüttert. Wenn bei den Kühen kurz vor dem Alpabtrieb die Milch zurückgeht und die Sennen immer weniger zu käsen haben, werden die Säuli schon mal ins Tal und zum Metzger geschickt. Im «Alpenblick» gibt es daraus Braten und alle möglichen Gerichte, unter anderem Pulled Pork (siehe Rezept auf der nächsten Seite).

Im Herbst werden Obst und ­Gemüse zu Chutneys, Coulis oder Sirup verarbeitet

«­ Alpenblick» in zwei Bereiche. Im Bistro kann man sehr gemütlich und günstig essen. Auf der Schiefertafel stehen fast ­ immer die begehrten, lange geschmorten Saftplätzli, der lauwarme Kartoffelsalat, das Rindstatar nach Hausrezept oder das Thai-Curry mit Poulet, das Vater Alfred ­Inniger so meisterlich würzt, dass es sich zum grossen «Alpenblick»-Renner gemausert hat. In der hinteren, etwas eleganteren «Stuba» serviert Björn Inniger seine Gourmet­ küche. Der Gast kombiniert aus jeweils drei Vorspeisen, zwei Hauptgängen, dazu Käse und Dessert sein Menü. Eine Tomate

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überrascht zum Beispiel als Dreierlei mit Mousse, Flocken und Gelee. Beim Lammgericht kombiniert Inniger ein Kotelett, ein Stück geschmorter Rücken und einen kleinen Lammburger und legt alles auf braisierten Lattich mit einem Buttermilchschaum. Für Abwechslung ist stets gesorgt, jeden Monat setzt er drei bis vier neue Gerichte auf die Karte. Die Grundprodukte – und das ist essenziell für Björn Inniger – stammen wo immer möglich aus der engeren Region. Das Wild liefern die einheimischen Jäger, das Kaninchen und das Gitzi sind in der Nähe gross geworden. Der Bergkäse stammt

DEIN SUPERSNACK IN BIO-QUALITÄT! Erhältlich in grösseren Coop FIlialen

Zu den Fleischgerichten passen eingelegte Kirschen, Aprikosen, Holunderbeeren und Zwetschgen. Innigers sind Meister im Einmachen. Im Sommer stapeln sich in der Küche Kisten mit Obst und Gemüse und wollen gleich verarbeitet werden: zu Chutney, Coulis, Sirup, Sorbet, Kirsch­essig und Ratatouille. «Das Einmachen braucht viel Zeit, aber ich mache das gern», sagt Björn Inniger. Er spüre jeweils abends eine grosse Genugtuung, wenn ­alles säuberlich in Gläser abgefüllt ist. «So können wir den Sommer in den ­Winter retten und die kalte Jahreszeit kulinarisch spannender machen, als sie eigentlich ist», sagt er. «Wenn ich mal keine zündende Idee habe, gehe ich durch den Keller und schaue die Vorräte an – das ­inspiriert mich sofort.»


GRUEN GENUSS

Im Winter wird im «Alpenblick» viel mit Lagergemüse gearbeitet, welches Biobauer Baumann aus Kirchdorf anliefert. «Die ganze Ladung kommt im Dezember ungewaschen in den Keller, dort holen wir ­jeweils die Tagesration zum Verarbeiten», erzählt Inniger. Zur Auswahl stehen Sel­ lerie, Pastinaken, Topinambur, Schwarz­ wurzeln, Rettich, Kartoffeln und 15 verschiedene Sorten Rüebli. Doch bevor die Wintersaison startet, holen sich Björn Inniger und seine Frau Mari­ anne neue Ideen bei der internationalen Spitzengastronomie. Letztes Jahr reisten sie nach Kopenhagen und London, diesmal geht es nach Belgien. Die Restaurants sind seit Monaten reserviert, Björn freut sich besonders auf «The Jane» in Ant­ werpen, wo mit viel Kräutern und Gemüse gekocht wird.

Dinieren in der «Stuba»: Neu wurde Björn Innigers Küche mit 16 GaultMillau-Punkten ausgezeichnet.

PULLED PORK VOM ADELBODNER ALPSÄULI Pulled Pork vom Adelbodner Alpsäuli mit Essigzwetschgen, Weisskohl und eingelegten Senfkörnern Für 4 bis 6 Personen als Vorspeise Essigzwetschgen 3 kg Zwetschgen 1,8 kg brauner Zucker 6,5 l Rotwein 1,5 dl Rotweinessig 6 Nelken ½ Zimtstange 1 Vanillestängel Die Zwetschgen mit einem Tuch polieren, mit einer Stecknadel fünf- bis sechsmal ­einstechen und in einen hohen Topf geben.

Die restlichen Zutaten aufkochen und ca. 15 Minuten köcheln lassen. Den Sud über die Zwetschgen giessen und abgedeckt 24 Stunden ziehen lassen. Am nächsten Tag die Zwetschgen mit dem Sud aufkochen und köcheln, bis sie leicht platzen. Alles durch ein Sieb giessen. Den Fond ein­redu­zi­eren. Die Zwetschgen in ein Einmachglas geben und mit dem heissen Fond übergiessen.

 ulled Pork P 1 TL Paprikapulver 1 TL Kreuzkümmel, gemahlen 150 g Ketchup 5 EL Worcestersauce 3 EL Rotweinessig 40 g brauner Zucker 150 g Wasser wenig Salz und Pfeffer 800 g Schweineschulter 1 Zwiebel 2 Knoblauchzehen Alle Zutaten der Marinade von Paprika bis Pfeffer zusammen verrühren. Die Schweineschulter ringsum schön an­ braten. Zwiebel und Knoblauch fein hacken, zur Schulter geben und noch leicht mitbraten. Die Marinade dazugeben, einmal aufkochen und im Schmortopf mit dem Deckel drauf ca. 4½ Stunden bei 140 Grad schmoren, stündlich wenden. Sobald das Fleisch

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weich ist, aus der Sauce nehmen und mit der Gabel verzupfen. Das Fleisch in die Sauce zurückgeben und gut vermischen.

Weisskohlsalat ½ Bio-Weisskohl 1 EL weisser Balsamico 3 EL Rapsöl wenig Salz und Pfeffer Den Storzen vorsichtig entfernen und den Weisskohl mit einem Gemüsehobel in feine Streifen schneiden. Die übrigen Zutaten gut verrühren und ­abschmecken. Kurz vor dem Anrichten mit dem geschnittenen Weisskohl vermischen.

Eingelegte Senfkörner 75 g Senfkörner 250 ml weisser Balsamico 2 TL Salz 1 TL Zucker Die Senfkörner 30 Sekunden blanchieren, unter kaltem Wasser gut abspülen. In ein Einmachglas geben. Den Essig mit den Gewürzen aufkochen und heiss über die Senfkörner giessen. Anrichten: Pulled Pork auf die Teller ­ver­teilen, die Essigzwetschgen darauflegen und mit dem Weisskohlsalat decken. Die eingelegten Senfkörner darüberstreuen.

Der «Alpenblick» ist Mitglied bei www.club-prosper-montagne.ch www.jre.eu Die Region www.adelboden.ch


GRUEN GENUSS

Ein Feld voller Energie Sonnenblumen wachsen zwar problemlos in der Schweiz – ihre Kerne werden aber fast ausschliesslich importiert. Ein paar Biobauern ändern dies gerade.

Text: Barbara Halter Fotos: Stephan Rappo Noch stehen sie, die Sonnenblumen auf dem Feld des Biohofs Grumolo in Eggenwil AG. Ihre Köpfe fallen nach unten, schwer von den vielen Kernen, die noch am Ausreifen sind und immer fetter werden. In ein paar Wochen fährt dann der Mähdrescher übers Feld. Danach kommt die Ernte sofort in die Eichmühle Beinwil. Die Pflanzen werden gereinigt und getrocknet, die Sonnenblumenkerne geschält und gewonnen. Für Bauer Augustin Frei und seinen Schwiegersohn Lukas Walde ist dieses Feld eine Premiere. Sonnenblumen haben sie zwar schon früher angebaut, aber bisher wurden diese zu Öl verarbeitet – wie überall in der Schweiz. Kauft man Sonnenblumenkerne, kommen diese praktisch immer aus dem Ausland, häufig aus China. «Das Schälen der fettigen Kerne ist anspruchsvoll, da fehlt es den Schweizer ­Verarbeitern noch an Erfahrung und Einrichtungen. Sie sind mehr auf Getreide spezialisiert», sagt Hans-Georg Kessler von der Genossenschaft Biofarm, die das

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Die Bauern Augustin Frei (links) und Lukas Walde vom Biohof Grumolo in Eggenwil AG. Im Hintergrund ihr Sonnenblumenfeld.

Projekt begleitet und die Bauern beim Anbau berät. Auf dem Biohof Grumolo wurden dieses Jahr auch Leinsamen angebaut. Wie die Sonnenblumenkerne werden auch sie normalerweise importiert. «Solch spezielle Kulturen sind reizvoll und bieten eine gute Ergänzung zum Getreide», sagt Augustin Frei, der für den Ackerbau zuständig ist. Schwiegersohn Lukas Walde betreut auf dem Hof den Anbau des Ge­ müses, das sie an Restaurants, Bioläden, Genossenschaften und Food-Kooperativen

liefern und jeden Samstag auf dem Markt in Eggenwil verkaufen. Ihre Leinsamen und Sonnenblumenkerne findet man im Coop Supermarkt, in einer Mischung mit heimischen Raps- und Kürbiskernen. Sie alle sind reich an Eisen, Magnesium und Zink und kleine Powerpakete. 1 Die Leinsamen wurden auf dem Biohof Grumolo bereits im Juli geerntet. 2 Ende Sommer reifen die Sonnenblumenkerne aus und werden immer fetter. 3 Über Salat oder Müesli streuen: Bio Campiuns Kernenmix von Coop Naturaplan.

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Der Hof www.bio-grumolo.ch Biofarm www.biofarm.ch Eichmühle www.villiger-eichmuehle.ch Naturaplan www.coop.ch

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PUBLIREPORTAGE

‹ START-UP ›

Windenergie von dort, wo der Wind so richtig bläst Fast wie Drachen steigen lassen: Ultraleichte Drohnen fliegen, angetrieben durch den Wind, an einem Seil und liefern Strom.

Die Twings können Dieselgeneratoren in abgelegenen Regionen ersetzen «Mögliche Einsatzorte sind abgelegene Siedlungen, Höfe oder Ferienresorts auf einsamen Inseln. Der Nachhaltigkeit­s­ effekt dabei wäre gross: Denn an Orten, die an kein Stromnetz angeschlossen sind, werden Dieselgeneratoren verwendet, die damit ersetzt werden können», so Luchsinger. In einer ersten Phase wurden die Twings noch wie Drachen in die Luft gebracht. Mit der Drohnentechnologie startet und landet der Twing wie ein Multi­

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Rolf Luchsinger mit einem Twing in Dübendorf ZH, wo die Büros von TwingTec sind.

«Er startet und landet wie ein Multicopter und fliegt wie ein Lenkdrache.» Rolf Luchsinger

STARTUP@BKW Mit ihrer Start-up Initiative «Level-up» s­ etzt die BKW auf die Zusammenarbeit mit innovativen und umsetzungsstarken Start-ups, um Energielösungen für mor­ gen zu entwickeln. www.bkw.ch/startup

copter und fliegt wie ein Lenkdrache. Die Spannweite des neusten Modells beträgt drei Meter, das Seil ist 200 Meter lang, und die Leistung beträgt 2 kW. Damit kann der Jahresverbrauch einer vierköpfigen Familie produziert werden. Im nächsten Jahr wird TwingTec zusammen mit der BKW eine Pilotanlage auf dem Chasseral testen. «Dabei wollen wir die Einspeisung ins Stromnetz untersuchen», so Martin Bolliger, Leiter BKW Technology Center. Er streicht einen weiteren Vorteil des Systems heraus: «In der Schweiz ist es aus Naturschutz- und Landschaftsschutz­ gründen schwierig, Windanlagen zu instal­ lieren. Die Twings hingegen stören weder die Landschaft noch müssen mit viel Beton fixe und grosse Anlagen montiert werden.» Er ist überzeugt: «Der Strom der Zukunft kommt aus vielen verschiedenen und alter­ nativen Quellen.»

Foto: Nelly Rodriguez

Windenergie 2.0 nennt die Firma TwingTec ihre Erfindung, die das uralte Drachen­ steigen, die moderne Drohnentechnologie und die Möglichkeiten ultraleichter Bau­ stoffe verbindet. «Wir wollen das enorme Potenzial ungenutzter Windenergie ­nutzen», erklärt Rolf Luchsinger, CEO von TwingTec. Die Firma ist ein Start-up der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa und der Fachhoch­ schule Nordwestschweiz FHNW. «Ultra­ leichte Baustoffe ermöglichen uns, gefes­ selte Flügel oder Twings, wie wir sie nennen, in hohe Höhen zu befördern.» Die Erfindung ist unter verschiedenen Aspekten Neuland: Durch die Nutzung der starken und zuverlässigen Winde in mehreren hundert Metern Höhe wird die Energieproduktion maximiert und damit eine bessere Wirt­ schaftlichkeit erreicht. Die leichten Twings nutzen die Drohnentechnologie auf inno­ vative Art, und sie sind mobil. Die Zugkräfte am Seil werden in der Bodenstation mit einem Generator zu Strom umgewandelt.


Money GRUEN

DESIGN SHOPPING INNOVATION AUTO

Foto: zvg

LANDLEBEN DE LUXE PORTUGAL Wer im São Lourenço do Barrocal eincheckt, will nur noch eines: hierbleiben! Vierzehn Jahre lang renovierte der ehemalige Investmentbanker José António Uva die alte Familienfarm in Monsaraz, zwei Autostunden von Lissabon entfernt. Seine Perfektion zahlte sich aus: Neben 24 stilvoll eingerichteten Wohnräumen und Gästezimmern gibt es Selbstversorger-Cottages. Diniert wird sozusagen auf dem hoteleigenen Gemüsefeld. Von dort stammen die Zutaten, welche im Slow-Food-Restaurant auf den Teller kommen. www.barrocal.pt

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GRUEN INNOVATION

Laurenz Ginat (links), 24, und Aurel Greiner, 27, gründeten das UpcyclingStart-up ­Revendo vor fünf Jahren.

Mit Schrott zum Erfolg

Text: Maren Meyer

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Wenn die Massen für das neuste iPhone in die Apple Stores strömen, kaufen Aurel Greiner und Laurenz Ginat lieber die älteren Modelle. Die zwei Basler ­haben ihr Geschäftsmodell auf der Wegwerfgesellschaft auf­ gebaut: Mit ihrem Start-up Revendo verkaufen sie gebrauchte Smartphones und Laptops. Geräte, die ihre Besitzer nicht mehr haben wollten, upcyceln sie: Sie löschen die Festplatten, setzen die Software neu auf, reparieren kleine Schönheitsfehler. Dann geht das Gerät an einen neuen Besitzer – natürlich zu einem geringeren Preis als der eines ­ ungebrauchten Modells.

Revendo gründete der 27-jäh­ rige Greiner 2013 aus einem Hobby heraus: Weil er während der Schulzeit nie genug Geld für das neuste Smartphone hatte, kaufte er sich einfach günstig ein gebrauchtes und brachte es wieder auf Vordermann. Das Know-how eignete er sich mit Youtube-Tutorials an. Das Up­ cycling funktionierte gut, und er beschloss, die aufgerüsteten Geräte weiterzuverkaufen – mit Erfolg. Nach der Schule wollte Greiner eigentlich Energie und Umwelttechnik studieren. Doch dazu kam es bisher nicht. «Ich wollte immer etwas Nachhal­ tiges machen», sagt er. Dass er

mit seinem Hobby dies bereits tat, merkte er erst später.

Die beiden RevendoGründer finanzierten ihre Firma selber «Im Schnitt kaufen die Schweizer alle zwei Jahre ein neues Smartphone», erzählt Aurel Greiner. Die alten Modelle würden dann oft in Vergessenheit geraten. 130 Tonnen Elektroschrott haben Greiner und sein Team nach eigenen Angaben bis heute verhindert. Wobei diese Zahl ­ nicht so aussagekräftig sei, denn im Vergleich zu vor zehn oder fünfzehn Jahren würde der Elek-

Das Schweizer Start-up www.revendo.ch Wohin mit den defekten Elektrogeräten? https://bit.ly/2D0zrHP

Fotos: Revendo AG

Das Schweizer Start-up Revendo gibt Smartphones und Laptops ein zweites Leben. Das Geschäft blüht – und hilft gleichzeitig im Kampf gegen den wachsenden Berg von Elektroschrott.


troschrott nicht mehr so viel wiegen, die Materialien seien ­ leichter geworden. 2017 gaben die Schweizer über 129 000 Tonnen Elektro- und Elektronik-Altgeräte zur Entsorgung ab. Apple macht es den beiden Unternehmern schwer. Denn ­ Ori­ginal-Ersatzteile verkauft das US-Unternehmen nur an lizenzierte Partner. Revendo kauft seine Ersatzteile in China bei ­ Anbietern, die auch an Apple ­ liefern. «Unser Geschäft würde nicht funktionieren, wenn wir auf Apple angewiesen wären», erklärt Greiner. Bei Samsung und anderen Handyanbietern sei das hingegen alles kein Problem. Rund 120 Smartphones am Tag werden über die Onlineplattform und die sieben Reven­ do-Filialen verkauft. Ein achter Standort in Basel ist in Planung. Manche Geräte sind so gut wie neu. Da kann es schon mal sein, dass auch bei Revendo

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1 In der Werkstatt werden die gebrauchten Smartphones repariert. 2 Revendo beschäftigt sechzig Mitarbeiter und macht über zehn Millionen Franken Umsatz.

«Im Schnitt kaufen die Schweizer alle zwei Jahre ein neues Smartphone.» Aurel Greiner

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ein iPhone an die tausend Franken kostet. Wie das iPhone X: «Zwei Wochen nachdem es rauskam, hatten wir schon eines bei uns im Laden», erzählt Laurenz Ginat. Der 24-Jährige stieg drei Monate nach der Gründung von Revendo mit ein und ist nicht nur ein Schulfreund von Greiner, sondern auch Mitglied der Geschäftsleitung. Die beiden bauten das Unternehmen aus eigener Kraft auf. Investoren mit an Bord zu holen, war nie ein Thema. «Wir haben alles selber finanziert und jeden Rappen in den Aufbau der Firma gesteckt», sagt Ginat. Lohn hätten sie sich in den Anfängen kaum ausgezahlt. Ihr Ziel sei es immer gewesen, gesund zu wachsen. «Wir hatten ja beide keine unternehmerische Erfahrung. Hätten wir Hundert­ tausende Franken Startkapital gehabt, wären wir völlig überfordert gewesen», sagt er.

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GRUEN SWISS DESIGN

Nordische Leichtigkeit In ihrem Fabrikladen Flothus in Frauenfeld verkauft May-Britt Wehrli selbst designte Objekte. Sie entwirft Accessoires für den Alltag – inspiriert von der Schlichtheit Skandinaviens.

Text: Lisa Merz / Fotos: Zoe Tempest

Das muss ich haben! Oder frei übersetzt auf Dänisch: Flot! Kein Name wäre für das Label von May-Britt Wehrli passender. Schon beim Betreten des Fabrik­ ladens, der etwas versteckt in ­einer ehemaligen Frauenfelder Gerberei liegt, ist man umgeben von schönen Dingen. Gestrickte Kissen mit grafischen Mustern, Serviertabletts, die nur auf ihren Einsatz warten, oder bunt bedruckte Foulards, die sich sanft um den Hals legen. Die klaren Linien und passenden Farbkombinationen der Wohnaccessoires wirken beruhigend. «So geht es meinem Mann und mir jeweils, wenn wir in Skan­ dinavien Ferien machen», sagt die 48-Jährige. Das Design von Flot ist nordisch inspiriert. «Meine Mutter kommt aus Dänemark, und ich kann mich noch an die wunderbaren Möbel erinnern, die in unserem Wohnzimmer standen.» Design gehöre dort einfach zum Alltag, sagt sie. «Wie bei uns in der Schweiz ein Fondue-Caquelon zur Grundausstattung zählt, findet man in jeder skandinavischen Wohnung eine Louis-Poulsen-Lampe – egal ob bei der Grossmutter oder in der Studenten-WG.» Vor fünf Jahren gründete MayBritt Wehrli ihre Firma. Davor ­arbeitete sie bei verschiedenen Schweizer Unternehmen wie Créa­ tion Baumann und Fisch­

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bacher als Designerin. Ihr erstes eigenes Produkt für Flot waren Postkarten. Auf den feinen Aqua­rellzeichnungen feiern Tiere eine Dschungelparty, funkeln Sterne in zarten Farbtönen und ranken sich Blumen auf dem ­Papier. Zweimal im Jahr gibt es eine neue Serie. «Meistens entwickle ich eine Idee über meh­ rere Jahre weiter», sagt die di­ plomierte Textildesignerin. Am Aquarellieren gefällt ihr vor allem die meditative Machart und wie die Farben ineinanderfliessen. Steht ein Sujet, wird es in der Schweiz gedruckt. «Wenn es möglich ist, dann arbeite ich mit lokalen Herstellern. Das macht einfach ökologisch mehr Sinn und steht auch für Qualität.» Aber gerade im Textilbereich sei es sehr schwierig geworden. Fast alle grossen Schweizer Firmen wurden geschlossen. Trotzdem: Die Schals aus 100 Prozent Me­ rinowolle werden im Thurgau produziert, die Foulards im Appenzell handrouliert, und die Kis-

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1 Die Serviertabletts in verschiedenen ­Grössen haben einen Kern aus FSC-Birkenformsperrholz. 2 Jedes Jahr gibt es zwei neue Postkarten-Serien. Eines der beliebtesten Motive: die farbigen Punkte (oben rechts).

Flot www.flothus.ch Louis Poulsen www.louispoulsen.com Baiushki www.baiushki.com Martin Zimmermann www.martinzimmermann.ch


sen näht May-Britt Wehrli sogar selbst. «Das mache ich dann jeweils am Abend zu Hause», sagt sie und lacht. Die bedruckten Tabletts aus FSC-Birkenformsperrholz wurden hingegen in Schweden produziert. «Da schaue ich besonders genau, dass es sich um kleinere Betriebe handelt, die unter fairen Arbeitsbedingungen produzieren», sagt sie. Auch für Kinder gibt es Schönes bei Flot. Die Merinodecke mit Tintenfisch- oder Punktemuster ist das perfekte Geschenk zur Geburt. Gehts ein paar Jahre später in den Kindergarten, wartet schon ein Ledertäschchen in Form eines Eisbären oder einer Eule mit passendem Portemonnaie. «Das habe ich damals für meinen eigenen Sohn entworfen und war so begeistert, dass ich es ins Sortiment aufgenommen habe.» Ein grosser Wunsch von MayBritt Wehrli: «Vielleicht schaffen es mein Mann und ich, nach der Pensionierung nach Dänemark auszuwandern.» Bis dahin dauert es noch etwas – immerhin, die Poulsen-Lampe erhellt schon jetzt stilgerecht den Fabrik­laden.

1 May-Britt Wehrli liebt den schlichten nordischen Stil. Ihre Mutter kommt aus Dänemark. 2 Die Illustrationen für ihre Postkarten sind fein und verspielt – am liebsten ­arbeitet die Flot-­ Designerin mit Aquarellfarben. 3 + 4 Kissen gehören für die Textil­ designerin in jedes Zuhause – «ein spannendes Accessoire, mit dem man Akzente schaffen kann». Sie setzt sich intensiv mit Farben und Formen auseinander. 1

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MAY-BRITT WEHRLI MEIN SCHWEIZER DESIGN Schmuck «Baiushki macht wunderschönen Schmuck mit spannenden Formen. Spätestens an meinem Geburtstag werde ich ein Stück von Lea Good und Arnaud Pernet besitzen.» Kunst «Am Theaterspektakel in Zürich habe ich ‹Eins Zwei Drei› von Martin Zimmermann gesehen – was für eine Inspiration!» Textildesign «Die Teppichwerke von Christoph Hefti spielen gekonnt mit der Grenze von Kunst und Gebrauchsgegenstand.»

Zürcher Theater Spektakel www.theaterspektakel.ch Création Baumann www.creationbaumann.com Fischbacher www.fischbacher.com

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GRUEN SHOPPING

Kreativ zu Hause Die Tage werden kürzer und kälter – daheim auf dem Sofa ist es nun am gemütlichsten. Jetzt kommt auch die Zeit für kreative Projekte. Wie wäre es zum Beispiel mit Brotbacken oder Nähen? Redaktion: Barbara Halter

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WÄRMT DIE SEELE

KÖNIG DER SCHNEEMÄNNER

FÜR KLEINE BÄCKER

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BROTBACKEN WIE EIN PROFI

SUPERFOOD KAKAO

DEKORATIVER KÜCHENHELFER

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SUCHTPOTENZIAL

DO IT YOURSELF!

SORGT FÜR ORDNUNG

1001 Night Porridge mit getrockneten Datteln, Aprikosen und exotischen Gewürzen wie Zimt und Kardamom. Bei Migros CHF 5.30

Auch Chad Robertson bäckt sein Brot in der Gusseisenpfanne von Lodge. Für eine perfekte Kruste! www.besondersgut.ch CHF 149.–

Schweizer Bio-Milchschokolade mit carame­ lisierten gerösteten Haselnüssen, Fairtradezertifiziert. Coop Naturaplan CHF 3.95

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Die Kinder-Kollektion von Tarzan entsteht aus Restenstoffen. www.tarzan.ch, Langarmshirt Snowking CHF 45.–

Bio-Riegel aus Hafer-Vollkornflocken und Kakao, der für eine kräftige Schokonote sorgt. Im Alnatura Bio-Supermarkt CHF 1.80

Das Necessaire Cuboid ist zum Selbernähen, Anleitung und Material werden nach Hause geliefert. Von www.kreando.ch CHF 39.–

Spielküche von Flexa aus Holz. Wurde für das Design mit dem Red Dot Award ausgezeichnet. Erhältlich bei Micasa CHF 199.–

Set aus zwei Schneidebrettern, einer Keramikplatte und einem Messingwand­ haken. Bei www.goldenbiscotti.ch CHF 116.–

Die schwedische Mini-Garderobe Bill XS von Maze gibt es in Schwarz, Weiss und Grau. Bei www.walterwalter.ch CHF 68.–

Fotos: zvg, Paul Seewer (1)

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Produkte www.flexaworld.com/toys www.mazeinterior.se www.lodgemfg.com www.yinyogamats.com Projekte www.orangutan.coffee


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SCHÖNER SCHLAFEN

Schlicht und farbenfroh: Bettwäsche YU! by Schlossberg. Hergestellt in Europa. www.schlossberg.ch, Kissenbezug, ab CHF 49.–

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FÜR LANGE TV-ABENDE

Strickdecke von Storyfabrics, aus biologischen und Fairtrade-zertifizierten Restegarnen. www.storyfabrics.com CHF 185.–

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RACLETTE-WETTER

Traditioneller Bio-Raclettekäse Mazot, ­während elf Wochen gelagert. Von Coop Naturaplan, in Scheiben, 100 g 2.85 CHF

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BUNTES TRAINING

Yogamatte von Yin Yoga Sydney, umweltschonend hergestellt und eine Freude fürs Auge! Diverse Sujets. www.yogatanja.com CHF 130.–

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AROMATISCHES ROGGENBROT Sehr gut, um Sauerteigbrot zu backen: Bio-Roggenschrotmehl aus der Schweiz. Coop Naturaplan CHF 3.30

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CHARMANTE EINZELSTÜCKE

Christina Marthy verschönert altes Porzellan mit Siebdrucken. www.stadtrand-keramik.ch, Teller Dattelpalme CHF 32.–

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SIE KNACKT SOGAR NÜSSE

Unzerstörbar: Allzweckschere Burgvogel, gefertigt in Deutschland. Nachschleifbare Klingen. www.slowgoods.ch CHF 69.–

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GESCHENKIDEE FÜR PILZLER

Leder-Etui mit Messer und Halbleinen-Tasche von Ja\Und. Hergestellt von Menschen mit Behinderung. Bei Globus CHF 99.90

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GLAMOUR FÜR DEN ALLTAG

Shirt von Ioko aus Bio-Baumwolle und von Hand bemalt. Das Berner Label stellt nur Kleinserien her. www.ioko.ch CHF 129.–

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FAIRER KAFFEEGENUSS

Arabica-Kaffee aus Sumatra, hergestellt nach den Kriterien des Orang Utan Coffee Project. Bei www.claro.ch, Bohnen, 500 g CHF 18.50

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RAN AN DEN SAUERTEIG! Für dieses Buch braucht es eine Warnung: Das Backen von Sauerteigbrot kann leicht zur Obsession werden! Doch mit Chad Robertson ist man definitiv in bester Begleitung. Der Gründer der kultigen Tartine Bakery in San Francisco verrät Schritt für Schritt und ausführlich bebildert, wie aus Mehl, Wasser und Salz ein knuspriges, aromatisches Brot entsteht. Hat man das Grund­ rezept mal im Griff, gehts weiter mit Brioches, Pizza oder Croissants. www.at-verlag.ch, CHF 39.90

www.jaund.ch Der Bäcker Chad Robertson www.tartinebakery.com Labels www.maxhavelaar.ch www.bio-suisse.ch

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GRUEN AUTO

NICOLA SPIRIG

«Meine Tage sollten 25 Stunden haben» Nicola Spirig weiss als Triathletin genau, wie sie mit Energiereserven umgehen muss – im Wettkampf, aber auch auf der Strasse mit dem Elektro-SUV.

Text Jürg A. Stettler / Fotos Andreas Graber Wir treffen die Spitzentriathletin Nicola ­Spirig in St. Moritz GR, wo sie regelmässig trainiert und zeitweise mit ihrer Familie lebt. Diesen Sommer gewann sie in Glasgow über die olympische Distanz ihr sechstes EM-Gold im Triathlon und doppelte mit Silber im Mixed-Wettbewerb nach.

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«Ich hatte nicht mit Edelmetall im Mixed gerech­net, aber alle sind über sich hinausgewachsen», sagt die 36-Jährige. Der zweite Platz bringt die Schweiz momentan in die Top Seven des TeamRankings. Während Spirig fotografiert wird, fährt ihr Mann Reto Hug mit dem Rennrad vor. Er ist vom Jaguar E-SUV derart begeistert, dass er gleich ans Steuer wechselt und noch in den Velokleidern eine erste Runde dreht. «Reto ist ein absoluter Autofan», bemerkt sie. Bevor wir mit dem Gespräch beginnen, macht sich die Sportlerin kurz einige Notizen. GRUEN: Nicola Spirig, was notieren Sie da?

Ich führe seit Jahren Buch über meine ­Trainingseinheiten. Dieses ist schon mein einundzwanzigstes Tagebuch. Das machen Sie immer noch von Hand und nicht digital? Für mich ist es wie mit Digitalfotos und Fotoalben, das sind einfach zwei komplett verschiedene Welten. Wie bei den Foto­ alben nehme ich gern alte Trainingstagebücher wieder in die Hand und schmökere darin. Meine individuellen Kommentare und Zeichnungen rufen die Gefühle aus jener Zeit wieder wach – selbst Jahre danach. Ist dies der Grund, weshalb Sie ein ­Trainingsbuch für Kinder lancierten? Unter anderem. Ich wollte Kindern auf­ zeigen, wie wichtig Bewegung ist. Sport

Nicola Spirig www.nicolaspirig.ch Jaguar www.jaguar.ch Kinderstiftung www.nicolaspirigstiftung.ch Triathlon www.swisstriathlon.ch


Wofür würden Sie denn gern mehr Zeit haben? Fürs Training und vor allem für meine ­Kinder Yannis und Malea und meinen Mann. Es ist zum Teil schwierig, die Familie, meine Stiftung, die Kinder-Triathlons und all die sonstigen Termine unterzubringen. Sie sind normalerweise mit einem Land Rover Discovery unterwegs. Könnten Sie sich vorstellen, auf den kompakten E-Jaguar umzusteigen? Ja, er bietet doch recht viel Platz – auch im Kofferraum. Bei den vielen Velos, ­Neoprens und Kindersachen ist das für uns ein Hauptkriterium. Und was ist mit dem Elektroantrieb? Mein Velo hat sicher nie einen – aber ich mag Autos mit Elektromotor. Sie sind sehr ruhig und somit angenehm zu fahren, haben aber auch viel «Pfupf» beim Beschleunigen – das macht Spass! Wer sitzt bei Ihnen primär am Steuer? Wenn wir alle vier zusammen unterwegs sind, meist Reto – weil er einfach sehr gerne Auto fährt. Für mich ist es zudem eine Chance, etwas zu entspannen. Kann er ebenfalls entspannen, wenn er auf dem Beifahrersitz Platz nimmt? macht Spass und bringt einem coole (Lacht herzhaft.) Wenn ich am Steuer bin, ­Erlebnisse und neue Freunde. Die Kurz­ versucht er, entspannt zu bleiben! porträts im Buch zeigen ausserdem, Im Wettkampf und im E-SUV sollte man dass auch bekannte Sportler wie Giulia die Energie möglichst effizient nutzen – Steingruber oder Jolanda Neff einmal wie machen Sie das? klein angefangen haben. Ich teile meinen Wettkampf in kleinere Was haben Sie neben all Ihren Erfolgen Abschnitte ein. In die drei Disziplinen dem Sport zu verdanken? Schwimmen, Velofahren und Laufen, aber Mir hat er auch fürs normale Leben sehr auch noch in viel kleinere Stücke. Etwa viel gebracht. Ich habe dank dem Sport beim Schwimmen bis zur ersten Boje. gelernt, Probleme im Alltag zu lösen So muss ich im Kopf jeweils nur kurze und mit Siegen und vor allem Niederlagen Abschnitte bewältigen, das hilft. umzugehen. Das lernt man nirgendwo Um effizient zu sein, dürfen Sie kaum b ­ esser! jeden zermürbenden Zwischenspurt Was sind Ihre nächsten grossen sport­ einer Konkurrentin mitmachen … lichen Ziele? Wenn mein Körper mitspielt und alles Ich kann sehr gut abschätzen, wann ich wie viel Energie verbrauche. ­funktioniert, sind die So fahre ich beim VeloOlympischen Spiele 2020 in Tokio sicher Abschnitt lieber vorne. mein grosses Ziel. Mein Das braucht zwar mehr Trainer Brett Sutton Leistung und Energie, sieht ja immer noch aber das kann ich mir als Verbesserungspotenzial. gute Fahrerin im Vergleich SITZHEIZUNG AUS Wie viel Zeit investieren zur Konkurrenz eher leis­ Elektrische Verbraucher wie Sie dafür? ten. Beim Laufen kann ich Sitz- oder Heckscheiben­ Ich trainiere dreimal auch kurze Zeit über mein heizung brauchen Strom – täglich. Entweder ist Limit gehen und damit und den muss der Motor erst man zu hundert Prozent pokern, dass die Konkur­ herstellen. Das erhöht den Profiathletin oder nicht. renz danach wieder lang­ Verbrauch um bis zu sieben Meine Tage sollten samer wird. Meist versuche Prozent. Setzen Sie daher aber 25 oder am liebsten ich sowieso, den anderen diese Verbraucher nur ein, Athletinnen meine Taktik wenn nötig, und schalten sogar noch mehr Stunaufzuzwingen. Sie sie schnell wieder aus! den haben (lacht)!

«Ich habe dank dem Sport gelernt, Pro­ bleme im Alltag zu lösen und mit Siegen und vor allem Nieder­ lagen umzugehen.»

FACTS & FIGURES JAGUAR I-PACE

 Antrieb Zwei Elektromotoren (vorne und hinten), 400 PS, 696 Nm@0/min, Allrad  Fahrleistungen 0–100 km/h 4,8 s, Spitze 200 km/h, Reichweite (WLTP) 470 km  Verbrauch 21,2 kWh/100 km  = 0 g CO2/km, Energie A  Masse (L/B/H) 4,68/2,01/1,57 m, 2208 kg, Laderaum 656–1453 Liter  Preis Ab CHF 82 800.–

GRUEN FAHRTIPP

Die Schweizer Spitzentriathletin wurde vor dem Hallenbad, Spa & Sportzentrum St. Moritz GR fotografiert www.ovaverva.ch

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GRUEN AUTO

Öko-­ Pionier aus Korea Hyundai lanciert seinen stylischen Kompakt-SUV Kona als sportliche Elektro-Variante mit erstaunlich viel Platz und vor allem grosser Reichweite.

Text: Jürg A. Stettler

MARKANT Schmale Voll-LED-Leuchten, geschlossener Kühlergrill und Zwei-Farben-Lackierung verleihen dem Kona Electric viel Pep.

FACTS & FIGURES HYUNDAI KONA ELECTRIC

FLOTT FAHRBEREIT Der Kona Electric ist an der 100-kWSchnellladestation in 54 Minuten zu 80 Prozent geladen. Viel Stauraum hat er auch.

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 Antrieb Elektromotor, 204 PS, 395 Nm, Front, Shift-by-WireGetriebe  Fahrleistungen 0–100 km/h 7,6 s, Spitze 167 km/h, Lithium-IonenPolymer-Batterie (64 kWh), ­Reichweite (WLTP) 482 km  Verbrauch Unter 14,3 kWh/100 km = 0 g CO2/km  Masse (L/B/H) 4,18/1,80/1,57 m, 1818 kg, Laderaum 332–1114 Liter  Preis Ab CHF 44 990.–

viel Reichweite. Gemäss strengerer WLTPNorm liegen mit einer Batterieladung bis zu 482 Kilometer Reichweite drin – gemäss NEFZ wären es gar 546 Kilometer! Die Lithium-Ionen-Polymer-Akkus (64 kWh) sind an der 100-kW-Schnellladestation bereits nach 54 Minuten wieder zu 80 Prozent voll. An der heimischen Wallbox dauert es freilich länger, aber nach neun Stunden und 35 Minuten ist der Hyundai auch hier komplett geladen. Clever: Beim Elektro-SUV kann man über Lenk­ radpaddels zwischen vier Regenera­ tions­ stufen wählen. Hält man das MinusPaddel gedrückt, lässt sich das Fahrzeug gar von Hand bis zum Stillstand abbremsen. Weiterer Pluspunkt beim Kona Electric ist neben dem voll vernetzten Cockpit inklusive Head-up-Display vor allem sein erstaunlich grosses Platzangebot (Kofferraum 332 bis 1114 Liter). Damit wird der E-SUV zu einer spannenden Alternative, selbst wenn er nur über Frontantrieb verfügt. CLEVER Das Cockpit mit Digitalinstrumenten ist sehr übersichtlich. Praktisch: Über die Lenkradpaddels lässt sich die Rekuperation steuern.

Hyundai www.hyundai.ch Fachgesellschaft für E-Mobilität www.e-mobile.ch Schnellladenetz www.ionity.eu

Fotos: zvg

Still und heimlich hat sich der Hyundai-Konzern zum Öko-Vorreiter der Autobranche gemausert. Schon heute bieten die Koreaner 13 Modelle mit alternativen Antrieben an. Bis 2025 soll die grüne Flotte auf 38 Modelle anwachsen. Eines davon ist der Trendsetter unter den Elektromobilen, der Kona Electric. Als 4,18 Meter langer Kompakt-SUV und Stromer verbindet er die zwei momentan grössten Mobilitätstrends. Optisch ist der Fünfplätzer gegenüber den herkömmlich motorisierten Varianten an den schmalen Voll-LED-Leuchten und am geschlossenen Kühlergrill zu erkennen. Und natürlich an seinem vehementen Antritt! Mit 204 PS und 395 Nm surrt er zügig los und sprintet in 7,6 Sekunden auf 100 km/h. Dank tiefem Schwerpunkt und gutem Fahrwerk kann man mit ihm auch mal flotter durch Kurven räubern. Der Koreaner glänzt zudem mit sehr


SPRUNGHAFT EFFIZIENTER

Noch vielseitiger VW POLO 1.0 TGI Die fünfte Generation des 4,05 Meter langen Kleinwagens hat dank der neuen Plattform jetzt nicht nur einen grösseren Radstand und somit mehr Platz ­(Kofferraum: 251 bis 1025 Liter), sondern auch mehr Antriebsvarianten. Neben Benzinund Dieselmotoren fährt der VW Polo neu auch mit bivalentem 1,0-Liter-Naturgas-Benzin­ antrieb vor. Der Dreizylinder-Turbo bringt den VW dank 90 PS und 160 Nm flott voran, benötigt aber nur 3,2 kg Naturgas/100 km, was einem CO2-Ausstoss von 87 g/km ent­ spricht. Preis: ab CHF 24 350.–. www.volkswagen.ch

HONDA CIVIC 1.6 I-DTEC Der ­ vier- oder fünftürige Kompaktwagen ist nun auch mit umfassend über­ arbeitetem 1,6-Liter-Diesel (120 PS, 300 Nm) und Neunstufen-Auto­ma­tik­ getriebe erhältlich. Die Automatik hat für komfortables Anfahren einen sehr niedrig übersetzten ersten Gang. Und sie «überspringt» je nach Drehzahl und Gasbetätigung einzelne Stufen, was so einen Ver­ brauch von nur 3,5 l/100 km erlaubt. www.honda.ch

HARLEYS ELEKTRO-FAMILIE WÄCHST

Fotos: zvg

HARLEY-DAVIDSON LIVEWIRE Bereits 2014 hat die US-Kultmarke die Zeichen der Zeit erkannt und den ersten Elektro-Töff präsentiert. Kein Schütteln, kein Poltern, dafür dank 75 PS und 70 Nm in vier Sekunden auf 100 km/h! Nun ist die LiveWire serienreif, und bald legt Harley nach: Bis 2022 sollen zwei kleinere E-Bikes folgen, gar ein E-Scooter und ein E-Velo sind für die E-Familie angedacht! www.harley-davidson.ch

KECKER OFFROADER

RICHTIG SAUBER UNTERWEGS CITROËN C3 AIRCROSS 1.6 BLUEHDI 100 Der Franzose ­verfügt wie weitere CitroënModelle mit BlueHDi-Motoren über drei Verfahren zur Abgasreinigung. Ein Partikelfilter beseitigt bis zu 99,9 Prozent des Feinstaubs. Die selektive katalytische Reduktion (SCR) reduziert den Stickoxid-Ausstoss um 90 Prozent, ein Oxidationskataly­ sator verwandelt Kohlenwasserstoff und -monoxid in Wasser und Kohlendioxid. Und Diesel verbrauchen 20 Prozent weniger als Benziner. www.citroen.ch

SUZUKI JIMNY Dank Leiter­ rahmen-Chassis, starrer Multi-­ Lenker-Achse mit Federung und Allrad­antrieb samt Untersetzungs­ getriebe sowie hohen Böschungsund Rampenwinkeln ist der Japa­ ner trotz nur 3,58 Metern Länge ein waschechter Offroader. Ange­ trieben wird er von einem effizien­ ten 1,5-Liter-Benziner (102 PS und 130 Nm). Damit verbraucht der ausserdem nur 1,1 Tonnen leichte Suzuki Jimny noch 6,8 l/100 km. www.suzukiautomobile.ch

Automobil Club der Schweiz www.acs.ch Naturgas-Autos www.erdgasfahren.ch Auto-Schweiz www.auto.swiss

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GRUEN

Impressum Leitung GRUEN / Leiter Zeitschriften Urs Heller Redaktionsleitung Barbara Halter, Nina Siegrist Mitarbeit Elsbeth Hobmeier, Kristina A. Köhler, Anita Lehmeier, Lisa Merz, Maren Meyer, Monique Ryser, Jürg A. Stettler

ANITA LEHMEIER

Bildredaktion Susanne Märki (Leitung), Regula Revellado

DIE GRUEN-KOLUMNE

Schön oder gut essen?

Satztechnik Dominic Koch Design Beling Thoenen Design

Auf Alpwirtschaften war ich diesen heissen Sommer oft unterwegs – zum Abkühlen, zum Glückliche-Kühe-Kucken, zum Käsekaufen. Und weil ich im Bergkanton mit der grössten Kleinseilbahndichte weltweit daheim bin, ging das ganz ohne Schweiss­ perlen. Einen hochroten Kopf und eine Wut-Wallung bekam ich auf meiner letzten Alpfahrt trotzdem, wegen einer schlechten Nachricht. Es war am Abstimmungs-Wochenende, wo es gleich in zwei Vorlagen um Essen und unsere Ernährung ging. Ein Thema von generellem Interesse, ich rechnete mit einer Rekord-Stimmbeteiligung. Aber nur

Bildbearbeitung Ringier RedaktionsServices Korrektorat Irène Müller, Susan Winkler Verlag Ringier Axel Springer Schweiz AG, Flurstrasse 55, Postfach, 8021 Zürich, Tel. 058 269 20 00, gruen@schweizer-illustrierte.ch Leiter Content- & MarketingPartnerschaften Thomas Passen Marketing Verena Baumann, Patricia Heller Vermarktung Admeira SA, Flurstrasse 55, Postfach, 8021 Zürich, Tel. +41 58 909 99 62, salesservices@admeira.ch Anzeigenpreise und AGB www.admeira.ch Chief Executive Officer Bertrand Jungo Business Unit Director Print & Digital Beniamino Esposito Sales Director Roger Knabenhans Media Service Print Esther Staub

«Ich beisse lieber ins Gigot, wenn ich weiss, dass es als Ganzes mal Alois hiess.» 37 Prozent wollten an der Urne mitbestimmen über unser tägliches Essen. Seltsam, wo doch heute alle nur allzu gern ihre ­Meinung zu allem mitteilen. Aber Liken ist eben easyer als ein Urnengang. Bei vielen reicht das Interesse am Essen offenbar nicht über den Tellerrand des Insta-Fotos hinaus. Die gute Nachricht überbrachte mir der Jost, der Älpler der Musenalp: Er verkaufe, wie die meisten seiner zehn käsenden Kollegen, den Grossteil seiner Sommerproduktion direkt vor Ort. Und das sind allein im meinem kleinen Heimatkanton Nidwalden Tonnen. Und folglich Heer­scharen von Direkteinkäufern, die sich den Berg hochmühen und ihre Beute ins Tal buckeln. Geht ja!

Lehmeiers Favoriten www.natuerlichnidwalden.ch www.nidwaldner-alpkaesemarkt.ch

Druck Swissprinters AG, 4800 Zofingen, Tel. 058 787 30 00 Papier Inhalt: Furioso matt, FSC®zertifiziert, 80 g/m2; Umschlag: WFC, matt gestrichen, FSC-Mix, 200 g/m2

Foto: Christian Hug

Ich bin ein bekennendes Landei und lebe als solches artgerecht in einem Bauerndorf. Oder zumindest in einem Dorf, wo es (noch) ebenso viele Bauernhöfe hat wie Neubaubetonklötze, Malls und Gewerbezonen. Ich liebe die Aussicht, das Grün, die Wiesen, die Kühe und Bäume, die da rumstehen. Glocken­ gebimmel als Geräuschkulisse. Optik und Akustik sind aber nur Dreingaben, meine Liebe zum Land hat einen viel handfesteren Grund: das Essen. Ich bin auch ein bekennender Foodie. Ein enorm ­populäres Hobby, alle reden übers Essen, es ist das neue Yoga, der neue Sex – in Neudeutsch heisst das: Food sells. Die klassischen Medien sind voll damit, die sozialen sowieso. Foodporn auf allen Kanälen. Sieht ja auch superlecker aus, all das schöne Essen da in der Virtualität. Wie es in der Realität schmeckt – egal! Hauptsache, es schaut gut aus und die ­virtuellen Mit­esser, die Zuschauer, liken es. Hier ­trennen sich die Ansichten von TrendFoodies und altmodisch Verfressenen wie mir. Beim Essen interessiert mich in ­erster Linie, wies schmeckt, nicht, wies aussieht. Ich will gut, nicht schön essen. Und für gutes Essen ist man auf dem Land quasi hautnah an der Quelle. An Märkten oder in Hofläden. Als Gerngutesserin will ich mein Futter vom Hersteller kaufen. Ich beisse lieber in das Gigot, wenn ich weiss, dass es als Ganzes mal Alois hiess und ein gutes Leben hatte. Die Kuh, die in Teilen auf meinem Teller liegt, schmeckt mir ­besser, wenn ich ihren Boss, den Bauern, kenne und beim Einkaufen an der Wiese vorbeikomme, wo sie ihr Leben lang Gras frass und Methan in die Atmosphäre furzte. Ich will das Rindvieh, dessen Ragout ich dann mal verzehre, auf der Alp besuchen.

Grafik / Produktion Martina Mayer Müller (Leitung / Layout), Pirmin ­Beeler, Anna Haas (Illustration)


Schweizer Illustrierte GRUEN #X/ 2017

Peter Knogl Stefan Heilemann

Tanja Grandits Franck Giovannini

– Der neue– – GaultMillau– Wer ist GaultMillaus «Koch des Jahres»? Wer steigt auf? Wer zählt zu den grossen Entdeckungen? Was tut sich in Ihrer Region? Entdecken Sie jetzt im «GaultMillau Guide 2019» die Topliga der Schweizer Restaurants.

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SI GRUEN | #4 | 2018  

SI GRUEN – 100% grün. 100% Lifestyle. In Zusammenarbeit mit SI GRUEN, dem Nachhaltigkeitsmagazin der Schweizer Illustrierten, veröffentliche...

SI GRUEN | #4 | 2018  

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