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Für eine Kirche, die Platz macht … Das Programm einer raumgebenden Pastoral

Alle wichtigsten Thesen auf einen Blick

Drei Jahre ZAP Bochum


Sehr geehrte Damen und Herren, danke für das gemeinsame Nachdenken über das Programm einer raumgebenden Pastoral. Heute, am ersten Tag unseres großen Bochumer Kongresses, haben Sie dieses Programm anhand eines Panels Ihrer Wahl spezifisch vertieft. Diese Broschüre gibt Ihnen nun die Gelegenheit, auch die wichtigsten Thesen der jeweils anderen acht Panels kennenzulernen und aufmerksam zu prüfen. Wenn Sie diese Prüfung sofort vornehmen, kann die Lektüre Sie orientieren, welchen Panel Sie morgen, am zweiten Kongresstag, intensiver besuchen werden. Sollten Sie bereits heute abreisen müssen, können Sie den gesamten Wissensbestand komfortabel mit nach Hause nehmen. Für uns als ZAP ist es wichtig, im Diskurs mit Ihnen zu sein und zu bleiben. Die in dieser Broschüre präsentierten Thesen sind eine Frucht unserer letzten drei Jahre intensiver Forschungs- und Feldarbeit. Und wir vertreten sie als ein Programm, das unserer Meinung nach die Professionalität pastoralen Planens und Arbeitens prägen sollte. Unsere Großthese lautet: Diese neun Diskurse und Kompetenzen gehören definitiv zum konzeptionellen und operativen Rüstzeug pastoraler Berufe von morgen. An ihnen vorbei lässt sich eine Kirche nicht bauen, die sich auf religiöse Selbstbestimmung offensiv verpflichtet und von hierher ihre Wachstumsenergie und -richtung erhält. Aber auch wenn wir das behaupten, und auch wenn wir unsere künftige Arbeit daran ausrichten werden, müssen Sie als Leser/Leserin das erstens ja nicht auch so sehen. Und zweitens ist es das Schöne von Erkenntnisprozessen, dass sie nie am Ende sind. Daher freuen wir uns, wenn der Kongress weitergeht: in Diskursen, Debatten und Projekten, im Kritisieren und im Experimentieren.

Ihr Team vom „Zentrum für angewandte Pastoralforschung“

Prof. Dr. Matthias Sellmann ZAP-Bochum

02

Prof. Dr. Bernhard Spielberg ZAP-Freiburg


Wie aktiviert man eine raumgebende Pastoral? Panel

Panel

1

Panel

2

führen Wie eröffnet kirchliche Hierarchie Handlungs- und Freiheitsräume?

3

Urbanes Performing Wie wird die City zum Erfolgsraum kirchlicher Präsenz?

S. 06

Pastoral planen und evaluieren

Wie können Steuerungsund Messinstrumente kirchl. Lernprozesse befördern?

S. 10

S. 14

Panel

Panel

Panel

Netzwerke modellieren

Charismen entdecken

Start-ups gründen

4

5

Wie organisiert man Netzwerkbeziehungen im großen pastoralen Raum?

Wie wird Kirche zum Entfaltungsraum für ehrenamtlich Engagierte?

S. 18

Panel

7

6

S. 22

Panel

Virtuos Kommunizieren

LEBENSSTIle präzise erfassen

9

Wie eröffnet man Kommunikationsräume in digitalen Kulturwelten?

Wie erzählt man den Glauben so, dass es jede/r hören will?

S. 30

S. 26

Panel

8

Storytelling

Wie wird eine pastorale Vision zu einer erfolgreichen Realität?

S. 34

Welche Bedeutung hat die gegenwärtige Lebensstilforschung für die Seelsorge?

S. 38

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Für eine Kirche, die Platz macht...

Das Programm einer raumgebenden Pastoral

Thesen 1.

Es ist unübersehbar, dass die verfasste Kirche Platz machen muss. Nicht nur oberflächlich betrachtet verliert sie gegenwärtig personelle, ökonomische, juristische und prestigeförmige Ressourcen. Von der Platzmetapher her betrachtet, wird vieles schlicht leerer: Kirchen, Seminare und andere Ausbildungsstätten, Pfarrhäuser und Dienstwohnungen, Gemeindeheime, Gremien, Jugend- und Sozialverbände.

2. Eines der offensichtlichsten Kennzeichen

der gegenwärtigen Pastoralplanung ist das Handeln in der Raumdimension, etwa durch: Vergrößerung der Pfarreiterritorien; Umnutzung oder Abriss von Kirchengebäuden; Abschied von der Einteilung in ‚territoriale‘ und ‚kategoriale‘ Pastoral; Nutzung sog. ‚Zwischenräume‘ bzw. sog. ‚Orte und Gelegenheiten‘; Erprobung von Netzwerkstrukturen u.a.

3.

Die Raummetapher dominiert auch viele aktuelle diözesane Leitdokumente. In Auswahl: Hildesheim („Lokale Kirchenentwicklung“); Berlin („Wo Glaube Raum gewinnt“); Magdeburg (VOLK= „Vor Ort lebt Kirche“); Rottenburg-Stuttgart („kirche-am-ort.de“); Essen („nah“ als prominentes Adjektiv im Zukunftsbild); Aachen („Kirche in Rufweite“); Trier („Netzwerkartige Kooperationsformen verankern“); Münster („Missionarische Kirche vor Ort“); Paderborn („Das Neue des pastoralen Raums“) u.a.

4. Auch theologisch kommt das ganze Asso-

ziationsfeld des Räumlichen neu in den Blick. Neben die Kairologie tritt die Topologie; neben die geschichtlichen werden nun auch die räumlichen Kontexte der Gottesrede deutlicher problematisiert. Beachte: Im Vat II entschied man sich, die Pastoralkonstitution Gaudium et spes nicht mit „Die Kirche und die Welt von heute“ zu betiteln. Es heißt: „Kirche in der Welt von heute“. Hat man früher mehr das „heute“ (= Zeit- und Geschichtsdimension) beachtet, fokussiert man jetzt das „in der Welt“ (= Raumdimension).

5.

Die pastoralen und theologischen Entwicklungen sind synchron zu sehen mit den allgegenwärtigen gesellschaftlichen Trends. Zeitdiagnosen identifizieren den „spatial turn“, also die These einer Dominanz des Räumlichen in der Wahrnehmung des Sozialen. Auslöser ist die enorme Veränderung der Raumerfahrung, etwa durch die rasant gestiegene physische Mobilität, die Nutzungsmöglichkeit digitaler Räume oder die sich intensivierende globale Faktorenverkettung (z.B. als Klimawandel, Migration, Welthandel usw.). Systemtheoretiker wie Dirk Baecker sprechen von der „nächsten Gesellschaft“ als von einem labyrinthischen Netzwerk, in dem das Individuum dauernd seinen Platz neu sucht. Dies ist Freiheit, die aber je lebbarer ist, je mehr sie sich selbst positiv deuten kann.

LITERATUR Dirk Baecker: Studien zur nächsten Gesellschaft, Frankfurt aM 2007. Knut Wenzel: Gott in der Stadt. Zu einer Theologie der Säkularität, in ders./Michael Sievernich (Hg.): Aufbruch in die Urbanität. Theologische Reflexionen kirchlichen Handelns in der Stadt, Freiburg iB 2013, 330-389. Henri J.M. Nouwen: Von der Feindseligkeit zur Gastfreundschaft, in ders., Der dreifache Weg, Freiburg iB 1984, 58-105.

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Prof. Dr. Matthias Sellmann ZAP-Bochum

6.

Für eine offensive und zukunftserschließende Deutung des „Platzmachens“ muss die (Pastoral)Theologie den „langen Schatten des 19. Jahrhunderts“ überwinden. Hier wurde ein Verständnis grundgelegt, das den säkularen Raum auf den kirchlichen bezieht und von hierher normiert, kontrolliert und sanktioniert (= Verkirchlichung des Christseins). Dieser Schatten kann über das Lernen des „spatial turns“ überwunden werden: Auch der pastorale Raum ist keine geografische Plangröße, sondern eine soziale Konstruktion. Eine „Kirche, die Platz macht“ baut, entdeckt und nutzt den ihr gegebenen Raum als Gelegenheit (opportunity). Sie bezieht sich auf ihn statt ihn auf sich. Sie hat kein Kontroll-, sondern ein Gestaltungsinteresse. Sie verwandelt Allzuständigkeit in Neugier. Sie differenziert deutlich zwischen „Kirche“ und „Reich Gottes“.

7. Eine „Kirche, die Platz macht“ ist damit aus

theologischen Gründen (Stichwort: Irreduzible Freiheit menschlicher Entscheidungen) darauf verwiesen, sich nicht zuerst um den religiösen Raum, sondern um die „Sphäre der Säkularität“ (Knut Wenzel), also den allgemeinen gesellschaftlichen Raum, zu sorgen und diesen zu beschützen.

8.

Eine „Kirche, die Platz macht“ will also (mit anderen Kräften zusammen) Lebens- und Sozialräume freiheitlich weiten und fundieren. Hierzu gehört ihrer Überzeugung nach konstitutiv die Möglichkeit, religiöse Deutungen kennenzulernen und aus ihnen zu leben. Darum sieht sie ihren Beitrag darin, das Angebot jüdisch-christlicher Lebensklugheit in hoher Qualität vorzuhalten. Zu dieser Qualität gehören Merkmale wie Robustheit, Attraktivität, Zugänglichkeit, Verständlichkeit, Echtheit, Kreativität, biografische Präzision, zivilgesellschaftliche und politische Übersetzbarkeit. Das Angebot dieser religiösen Qualität hängt ebenfalls ab von guter Organisation und ausgebildeter Professionalität.

9.

Das Grundmodul und die Grundkompetenz von Christinnen und Christen in einer „Kirche, die Platz macht“, ist ihre Gastfreundschaft. Ihre weltbezogene Raumspiritualität motiviert sie zu Höflichkeit (wörtlich: den Hof lassen = Raum geben) und Großzügigkeit. Sie leben aus der Beziehung zu einem höflichen Gott („cortesia Dei“).

10.

Als Kompetenzen einer „Kirche, die Platz macht“ kommen in den Blick: Freiheitsfördernd führen (Panel 1); Säkulare und digitale Räume als Gelegenheiten nutzen (Panel 2, Panel 8); Veränderungsorientiert planen und sich kontrollieren lassen (Panel 3); Pastorale Räume als Netzwerke modellieren (Panel 4); Entfaltungsräume schaffen und die Potenziale der Leute starkmachen (Panel 5); Neue Pastorale Gelegenheiten kreieren (Panel 6); Faszinierend von Gott erzählen (Panel 7); Von den Lebensklugheiten der Leute her die eigene Tradition neu lernen (Panel 9).

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Panel

führen Wie eröffnet kirchliche Hierarchie Handlungs- und Freiheitsräume?

1

Thesen 1.

Aktuelle Entwicklungen auf welt- und teilkirchlicher Ebene sprechen dafür, dass es auch unter den vorgegebenen Rahmenbedingungen der hierarchischen Ordnung der katholischen Kirche Handlungs- und Freiheitsräume gibt. So fordert Papst Franziskus u.a. in seinem Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Amoris laetitia die „Hirten“ auf, Entscheidungen aufgrund einer sorgfältigen Analyse des Einzelfalls und der konkreten Situation zu fällen. Die Revision der Grundordnung des kirchlichen Dienstes im Rahmen kirchlicher Arbeitsverhältnisse der Deutschen Bischofskonferenz schreibt ebenfalls vor, Einzelfallumstände sorgfältig abzuwägen. Dass die Bischöfe verschiedene Gesprächsformate vom „Gesprächsprozess“ über „Dialogprozesse“ bis hin zur Synode zur Aufarbeitung der krisenhaften Situation der katholischen Kirche in Deutschland nutzen, zeigt schließlich, dass es einen Handlungs- und Freiheitsraum bei der Gestaltung von Beratung gibt, der von den Bischöfen auch genutzt wird.

2.

Die Kooperationsprojekte der Arbeitsstelle für kirchliche Führungsforschung mit den Generalvikariaten der Bistümer Essen und Aachen sowie dem Erzbistum Hamburg zeigen, dass die Verantwortlichen kirchlicher Verwaltungen Reformbedarf sehen und nach Analyse der konkreten Anforderungen moderne Führungsinstrumente wie Feedback, Strategieplanung- und -entwicklung sowie Qualitätsmanagement nutzen, um ihre Behörden zu modernen Dienstleistungsorganisationen weiter zu entwickeln.

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3. Der Vergleich mit den Führungs- und Ma-

nagementstandards in säkularen Organisationen in Wirtschaft, Verwaltung und im Non-Profit-Bereich zeigt, dass die Kirche trotz aller erfreulichen Entwicklungen dennoch einen großen Nachholbedarf hat. Bei der Einführung und Nutzung moderner Führungsinstrumente ist immer noch mit erheblichem Widerstand zu rechnen, selbst wenn sie sich bereits langjährig bewährt haben. Hinzu kommt, dass Führungskräfte kirchlicher Organisationen im Vergleich zum säkularen Bereich kaum auf ihre anspruchsvollen Aufgaben vorbereitet sind.

4. Der katholischen Kirche im deutschsprachi-

gen Raum fehlt ein wissenschaftlich fundiertes Qualifizierungsangebot, in dem Führungskräfte der obersten Führungsebene auf ihre anspruchsvolle Aufgabe vorbereitet werden. Ihre Ausbildung benötigt eine universitäre Anbindung, die allein eine wissenschaftliche Erforschung und Reflexion sicherstellt und die im säkularen Bereich längst selbstverständlich ist. Zielgruppenspezifische Qualifizierungsprogramme sollten auf einer wissenschaftlichen Grundlage entwickelt und kontinuierlich evaluiert werden.

5. Führungskräfte der obersten Ebene müssen

auf drei Kernaufgaben vorbereitet werden: die Bearbeitung des Verhältnisses zur Transzendenz und zur kirchlichen Sendung (deuten), die Bearbeitung des Verhältnisses zum gesellschaftlichen Umfeld (positionieren) und die Bearbeitung des Verhältnisses zur jeweiligen Organisationsform (steuern).


Umdenken bei Führung: Vom Erlauben zum Ermöglichen.

6. Neben der inhaltlichen Vorbereitung sollte

das Angebot auch der Vernetzung der (angehenden) Führungskräfte und der Institutionalisierung des Führungsthemas dienen. Das Ge-präch über kirchliche Führung braucht einen festen Ort, an dem die Führungskräfte der unterschiedlichen kirchlichen Organisationen (Verwaltungen, Caritas, Krankenhäuser, Trägergesellschaften Verbände, Vereine und Stiftungen) von ihren unterschiedlichen Erfahrungen profitieren und ein kohärentes kirchliches Führungsverständnis ausprägen.

7. Aufgrund der Bindung zentraler kirchlicher

Leitungsfunktionen (Bischof, Generalvikar, Offizial, Pfarrer) an die Weihe und des Priestermangels stehen immer weniger Priester für Lei-tungsaufgaben zur Verfügung. Um so wichtiger ist ihre sorgfältige Vorbereitung vor allem auf die kommunikativen und organisatorischen Führungsaufgaben. Viele der Priester mit Führungsaufgaben empfinden zudem eine Spannung zwischen Seelsorge und Führung. Priester in Führungsfunktion benötigen deshalb Angebote, um Führung in ihre priesterliche Identität integrieren zu können.

8.

Die Bindung kirchlicher Leitungsfunktionen an die Weihe stößt in der modernen westlichen Gesellschaft auf Akzeptanzprobleme. Die Besetzung kirchlicher Führungspositionen mit kompetenten Laien (Frauen und Männern) ist deshalb aufgrund des Priestermangels nicht nur ein notwendiges Übel, sondern sogar notwendig, um die gesellschaftliche Anschlussfähigkeit kirchlicher Organisationen zu gewährleisten. Theologisch nicht vorgebildete Führungskräfte sollten sorgfältig darauf vorbereitet werden, auch den Transzendenzbezug der Kirche bearbeiten zu können.

Dr. Benedikt Jürgens

Leiter der Arbeitsstelle für kirchliche Führungsforschung am ZAP

9.

Die Besetzung von Führungspositionen in kirchlichen Organisationen mit Nicht-Priestern ist außerhalb der verfassten Kirche (z.B. in Krankenhäusern, der Caritas, in Verbänden und Vereinen) in der Regel kein Problem. Innerhalb der verfassten Kirche können Teilaufgaben an Laien delegiert werden (z.B. an Hauptabteilungs- oder Ressortleiter, Verwaltungsleiter). Hier ist darauf zu achten, dass die delegierten Befugnisse genau beschrieben und festgelegt werden. Es empfiehlt sich eine Geschäftsordnung, die für Transparenz und Verlässlichkeit in organisatorischen Prozessen sorgt.

10.

Partizipation beschränkt sich innerhalb der verfassten Kirche weitgehend auf Beratung. Ent-scheidungen sind dem Bischof bzw. dem Pfarrer vorbehalten. Dennoch sollte so viel Partizipation wie eben möglich durch die Kirchenmitglieder ermöglicht werden. Dabei ist es ein Gebot der Fairness gegenüber denen, die sich in kirchlichen Räten engagieren, die Möglichkeiten, aber eben insbesondere vor allem die Begrenzungen transparent zu machen und diese nicht rhetorisch zu verschleiern. Der Zusammenhang getroffener Entscheidungen mit vorangehenden Beratungen sollte erkennbar sein und offengelegt werden. Entscheidungen müssen begründet werden.

LITERATUR Gabriel, Karl 1999. Modernisierung als Organisierung von Religion. In: Institution Organisation Bewegung. Sozialformen der Religion im Wandel, hg. von Michael Krüggeler, Karl Gabriel und Winfried Gebhardt (Veröffentlichungen der Sektion ‚Religionssoziologie‘ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Band 2). Opladen: Leske + Budrich, 19-37. Hünermann, Peter 2012. Theologischer Kommentar zur dogmatischen Konstitution über die Kirche. Lumen gentium. In: Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Band 2, hg. von Bernd-Jochen Hilberath und Peter Hünermann (Freiburg: Herder), 263-563. Kieser, Alfred; Walgenbach, Peter 2010. Organisation. Stuttgart: Schäffer-Poeschel Verlag (6., überarbeitete Auflage).

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Urbanes Performing Wie wird die City zum Erfolgsraum kirchlicher Präsenz?

Thesen 1. Kirchengebäude stellen ikonische Zeichen

dar, die über eine stabile religiöse Semantik verfügen. Ihr religiöser Sinn entsteht nicht aus ihnen heraus, sondern ist Produkt sozialer und kommunikativer Prozesse (Krech 2016). Religiöse Bauwerke machen in scheinbar säkularen Metropolen Transzendenz erfahrbar. Ihre Gebäude werden als Markierungen im Stadtraum wahrgenommen, aber sie stehen in Konkurrenz mit anderen Räumen und Religionsgemeinschaften und werden zunehmend für andere Zwecke genutzt – selbst dann schwingt ihre „sakrale Atmosphäre“ immer noch mit und wird manchmal sogar bewusst genutzt (Meyer 2016).

2. Martin Radermacher benennt drei Merkmale,

welche religiöse Orte der europäischen Großstädte verbinden und sich im Rahmen des Iconic Religion Projekts gezeigt haben: Sie vereinen den Kontrast zwischen Unauffälligkeit in bestehender Profanarchitektur und Sichtbarkeit von Religion; sie repräsentieren die Ansprüche der Religionsgemeinschaften, Menschen anzuziehen und sich aus dem Alltag der Stadt hervorzuheben. Sie werden sichtbar im öffentlichen Raum. Religiöse Orte sind in die Textur des Urbanen eingewoben. Sie stehen in Verbindung mit diversen Nachbarschaften, die sich stetig ändern. Auch religiöse Orte entstehen und vergehen im urbanen Kontext schneller als anderswo; sie gehen auf die Bedürfnisse großstädtischer Bevölkerungen ein. Religiöse Orte haben dichte Geschichten. Sie sind verknüpft mit der Sozialgeschichte der Städte und unterliegen historisch vielfachen Änderungen der Nutzung und Rezeption.

Panel

2

Diskurs 3. Veronika Eufinger definiert Citykirchenpro-

jekte als kirchliche Sozialform, die der Urbanität durch spezifische Strategien Rechnung trägt. Diese Strategien manifestieren sich etwa in der architektonischen, organisatorischen und ästhetischen Umsetzung religiöser Kommunikation und ihrer Kanalisierung.

4. Citykirchliche Einrichtungen greifen in vielen

Fällen auf säkulare Formate, etwa Cafés oder Ausstellungen zurück, um möglichen BesucherInnen eine klare Verhaltensanleitung zu bieten, die ohne religiöses Wissen umsetzbar ist. Die Multifunktionalität oder Unbestimmtheit citykirchlicher Einrichtungen kommt zustande, weil diffuse Raumstrukturen ohne eindeutige Handlungsanleitung angeboten werden.

5. Religiöse Symbole können durch Platzie-

rung, Kontext und Gestaltung als Dekoration ohne Signifikanz erscheinen. Sie markieren eine kulturelle Zugehörigkeit, setzen jedoch keine Anreize religiöser Art, wie etwa die Aktivierung einer Disposition spezifischer Emotionen oder Kognitionen. Mit der Intention eines „niedrigschwelligen Zugangs“ geht mitunter der vollständige Verzicht auf christliche Ikone (s.o.) einher, der im Gegensatz zur Absicht einer christlichen Präsenz in der Stadt steht. An anderen Orten ist die Semantik der Symbole auf einer Abstraktionsebene angesiedelt, die nur ExpertInnen der christlichen Sinnenklave zugänglich ist. Citykirchliche Räume können auf diese Weise zwei unvermittelte Lesarten besitzen.

LITERATUR Eufinger, Veronika & Sellmann, Matthias (2016): DER VERLORENE RAUM? Citypastoral als urbane Strategie der Kirche in soziologischer und pastoraltheologischer Perspektive. In: Communio 45, S. 125-135. Eufinger, Veronika (2016): „‚Diese Stadt ist nicht groß genug für uns beide!?‘ Werbestrategien christlicher Kirchen für den urbanen Raum“, In: Clemens Wustmans (Hg.): Sozialethische Materialien Heft 4 Öffentlicher Raum. Kamen: Hartmut Spenner, S. 9-24.

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In der City positiv und überraschend auffallen!

Veronika Eufinger, M.A.

Wiss. Mitarbeiterin am ZAP

Kompetenz 6. Kirche muss die Frage beantworten kön-

nen, was eigentlich die Aufgabe von Religion und Theologie in der Stadt ist, welche sinnvollen Beiträge sie leisten kann und wie diese ästhetisch und architektonisch verpackt sein müssen, um wirksam zu werden. Sigurd Bergmann gibt die folgenden Anregungen für eine Theologie der gebauten Umwelt.

7. Religion trägt zur Beheimatung der Men-

schen in der Stadt bei und bietet eine Gegenbewegung zur „urbanen Amnesie“: Orte der Erinnerung, Kommunikation und spirituellen Atmosphäre inspirieren Visionen einer Stadt, die vor allem menschlicher Lebensraum ist und befördern auf diese Weise urbane Lebensqualität (Bergmann 2008)

8. Gebäude sind nicht nur loci theologici

sondern selbstständige theologische Handlungsträger. Die Wahrnehmung eines Raums wirkt unmittelbar auf Gefühle und Gedanken seiner Besucher, seine bewusste Gestaltung ist daher eine theologische Aufgabe, die gemeinsam mit Künstlern, Architekten usw. bewältigt werden muss: Der spatial turn der Theologie lädt zu einer experimentellen Verwendung von (Sakral-) Architektur ein (Bergmann 2009).

9. Im Dialog mit dem Designbüro PrinzTräger

wurden die folgenden räumlichen Konstellationen identifiziert, in denen Kirche als „urban church“ inhaltlich, konzeptionell und ästhetisch präsent sein muss, sowie mögliche Lösungen erarbeitet:

Mutige Präsenz und Performanz im öffentlichen Raum, also in Fußgängerzonen, Einkaufszentren usw., welche die Möglichkeiten des urbanen Raums nutzen. Niedrigschwelliger Zugang zum Citykirchenprojekt, der Stadtkirche usw., Gestaltung der Eingangssituation unter den Maßgaben, Schwellenängste abzubauen, attraktiv zu sein und einen klaren Einblick in die gebotenen Inhalte zu vermitteln. Strukturierung des Citykirchenprojekts evtl. als multifunktionaler Ort mit klaren Angeboten, Botschaften und Inhalten, die sich in der Aufteilung und Präsentation des Raumes wiederspiegeln. Angebot eines Raumes spiritueller Inspiration, der dem Zeitgeist entspricht.

10.

Die räumlichen Lösungen müssen den vier folgenden Maximen Rechnung tragen: Bewusste Gestaltung: nichts steht/ hängt/liegt irgendwo zufällig rum, weil es günstig/verfügbar/gespendet ist, alles ist durchdacht und geplant! Einheitlichkeit: die vier genannten räumlichen Situationen bilden eine Einheit, folgen einem gemeinsamen inhaltlichen Konzept, das in Form eines wiedererkennbaren Designs umgesetzt ist! Inhaltliche Rückbindung: die Optik ist nicht beliebig, sondern weist eine sinnvolle Verbindung zu Botschaft, Vermittlungskonzept und Zielgruppe auf! Ästhetische und professionelle Umsetzung: tolle Inhalte und durchdachte Konzepte verdienen eine passende ästhetische Umsetzung, diese lässt sich nur durch den Rückgriff auf professionelle Dienstleister garantieren!

• • • •

Bergmann, Sigurd (2008): Making Oneself at Home in Environments of Urban Amnesia. In: International Journal of Public Theology 2 (1), S. 70–97. Bergmann, Sigurd (2009): God’s here and now in built environments. In: Sigurd Bergmann (Hg.) Theology in Built Environments, New Brunswick: Transaction Publishers, S. 9-22. Krech, Volkhard (2016): What is a „Religious Icon“? In: Susanne Lanwerd (Hg.): The Urban Sacred. How Religion Makes and Takes Place in Amsterdam, Berlin and London. Berlin: Metropol, S. 92–95. Meyer, Birgit (2016): Tangible Transcendence and the Presence of Religion in Urban Space. In: Susanne Lanwerd (Hg.): The Urban Sacred. How Religion Makes and Takes Place in Amsterdam, Berlin and London. Berlin: Metropol, S. 148–151.

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Pastoral planen und evaluieren

Panel

3

Wie können Steuerungs- und Messinstrumente kirchliche Lernprozesse befördern?

Thesen 1.

Kirchliche Planungsprozesse müssen von außen inspiriert werden. Die erziehungswissenschaftliche Disziplin „Organisationspädagogik“ bietet sich als eine mögliche Gesprächspartnerin an.

2.

Die Qualifizierung kirchlicher Veränderungsprozesse durch die Begriffe Anpassungs- und Veränderungslernen schärft die derzeitigen Diskussions- und Entscheidungsprozesse.

3.

Die Arbeit mit und an Pastoralkonzepten führt zumeist zu einem gelungenen Anpassungslernen. Veränderungslernen tritt bisher nur in wenigen Fällen ein. Anpassungslernen ist vor dem Hintergrund der aktuellen kirchlichen Herausforderungen jedoch nicht hinreichend.

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4. Pastoralkonzeptarbeit kann sich als wirk-

sames Instrument kirchlicher Planungsprozesse erweisen, wenn die Grundvoraussetzungen lernender Organisationen (Personal Mastery, mentale Modelle, gemeinsame Vision, TeamLernen, System-Denken) eingehalten und die Pastoralkonzepte in die organisationalen Strukturen eingebunden werden.

5. Sowohl die ehrenamtlich als auch die

hauptamtlich Engagierten müssen in Bezug auf die strukturierte Planung organisationaler und pastoraler Aufgaben geschult werden (Kompetenzaufbau). Es müssen zudem Anreize geschaffen werden, vorhandene Kompetenzen einzubringen. Ansonsten ist die Veränderung von Kirche im Sinne eines radikalen Veränderungslernens nicht zu leisten.


Dipl. Theol. Christine Zimmerhof

Dipl. Theol. Linda Dürrich

Wiss. Mitarbeiterin bei CrossingOver

Wiss. Mitarbeiterin am ZAP

Kann man messen, wie Pastoral wirkt? Es gibt mehr Ideen, als man glaubt!

6.

Die Evaluation pastoraler Maßnahmen wird im deutschsprachigen Raum bisher kaum systematisch durchgeführt. Es scheint sogar verrufen zu sein, den Erfolg einer pastoralen Aktivität benennen bzw. messen zu wollen.

7. Die deutschen Ortskirchen können von Er-

fahrungen der US-amerikanischen Kirche lernen. Besonders im Bereich der Pastoralevaluation sind US-amerikanische Akteure unbefangener und bieten Lernpotenziale für den praktischen Einsatz sozialwissenschaftlicher Instrumente.

9.

Die Erreichung der Organisationsziele ist anhand der Evaluationsergebnisse zu überprüfen und ggf. vor dem Hintergrund der Ergebnisse zu reformulieren.

10.

Die ehrenamtlich und hauptamtlich Engagierten sind aufgrund der Brisanz und Notwendigkeit einer konsequenten Evaluationspraxis in diesem Bereich zu schulen, um Evaluationskompetenz zu entwickeln.

8.

Eine konsequente Evaluationspraxis ist für den Aufbau und die Erhaltung einer lernenden Organisation unabdingbar. Systemisches Denken erfordert einen Evaluationsprozess, der gezielt neue Informationen in den Planungszyklus einspeist.

LITERATUR Argyris, Chris / Schön, Donald A.: Die lernende Organisation. Grundlagen, Methoden, Praxis. – Stuttgart: Schäffer-Poeschel 20083. Senge, Peter M.: Die fünfte Disziplin. Kunst und Praxis der lernenden Organisation. – Stuttgart: Schäffer-Poeschel 201111. Winesman, Albert L. (2006): Growing an Engaged Church. How to stop “Doing Church” and start BEING the Church again. New York, NY 10020Ki: Gallup Press.

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Netzwerke modellieren

Panel

4

Wie modelliert man Netzwerkbeziehungen im groSSen pastoralen Raum?

Thesen 1. Seitens der Pastoraltheologie wird der

Begriff der Netzwerke bislang vor allem metaphorisch verwendet. An ihn werden Hoffnungen einer neuen, veränderten Kirchenstruktur und Funktionsweise herangetragen: Dezentralität, flache Hierarchien, Innovation und Integration verschiedener Sozialformen.

2. Netzwerkforschung kann aber präziser

genutzt werden als im Sinne einer bloßen Metapher: Inzwischen liegen empirische Studien vor, die deutlich zeigen, dass konkrete Anwendungen netzwerksoziologischer Analyseinstrumente auf kirchensoziologische und sozialraumbezogene Fragestellungen möglich und fruchtbar sind.

3.

Netzwerkforschung kann Kirchen-/Gemeindeentwicklung sowohl fundieren wie motivieren, präzisieren und sogar katalysieren.

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6.

Quartiersbezogene Netzwerkarbeit kann Ausgangspunkt für verschiedene sozialräumliche Kooperationen sein, die sich in ihrer Formalität und Intensität unterscheiden.

4. Religiöse bzw. kirchliche Kommunikation ist

in allgemeine soziale Nähe eingebettet (Multiplexität), d.h. dass Austausch über religiöse Themen und Glauben vornehmlich mit den Menschen stattfindet, die Menschen auch sonst als nah und vertraut wahrnehmen.

5. Hauptamtliche kirchliche MitarbeiterInnen

sind zentrale Knoten in religiösen Kommunikationsnetzwerken und wichtige Schnittstellen für Kirche in (sozialräumlichen) Netzwerken. Sie sind sich ihrer damit verbundenen Rolle jedoch oft nicht bewusst.


Netzwerk ist mehr als eine Metapher – es ist ein Konzept!

7. Kirchengemeinden arbeiten und kommu-

nizieren struktur- und traditionsbedingt eng und häufig mit kirchlichen und konfessionellen Organisationen und Institutionen. Zu AkteurInnen außerhalb dieses „Dunstkreises“ gibt es wenige Verbindungen.

8. Kirche aus netzwerkanalytischer Sicht ist

„Kirche bei Gelegenheit“. Je nachdem, welche religiösen oder kirchlichen Beziehungen man untersucht, präsentiert sich ein anderes Netzwerkbild. „Die Kirchengemeinde bildet nicht ein Netzwerk, sondern innerhalb einer Kirchengemeinde sind vielfältige Netzwerke vorzustellen, die sich anlassbezogen formieren.“ (vgl. „Vernetzte Vielfalt“, S. 433)

Miriam Zimmer, M.A.

Wiss. Mitarbeiterin am ZAP

9.

Ego-Netzwerkstrukturen einzelner AkteurInnen in Netzwerken lassen sich als Rollenmuster systematisieren und beschreiben (z.B.: „MultitaskerIn im Nahraum“; „Organisationale Bezugsposition“; „Persönliche(r) BegleiterIn“). Diese können hinsichtlich der Funktion, Eignung und Modulation für spezifische Aufgaben ausgerichtet werden.

10. Soziale Netzwerke sind kein Entwick-

lungsziel, sondern Instrument zur Reflexion und Ausrichtung kirchlichen Denkens und Handelns.

LITERATUR Zimmer, Miriam; Sellmann, Matthias, Hucht, Barbara (2017) Netzwerke in Pastoralen Räumen. Wissenschaftliche Analysen – Fallstudien – Praktische Relevanz, Würzburg: Echter Verlag. Bedford-Strohm, Heinrich; Jung, Volker (Hrsg.) (2015) Vernetzte Vielfalt. Kirche angesichts von Individualisierung und Säkularisierung, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus. Stegbauer, Chrisitian; Häußling, Roger (Hrsg.) (2010) Handbuch Netzwerkforschung, Wiesbaden: Springer VS.

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Panel

Charismen 5 entdecken – Partizipation fördern Wie wird Kirche zum Entfaltungsraum ehrenamtlich Engagierter?

Thesen 1.

3. Charismenorientierte Pastoral bedeutet

2. In der Pastoralentwicklung ist der Charis-

4. Ausgehend von der Frage, was die sich aktu-

Die Thematik kirchlicher Charismenorientierung und Partizipationsförderung steht in einem mehrfachen Spannungsfeld: Für die Zukunft der Kirche stellt die Partizipation ihrer Mitglieder sowohl faktisch als auch theologisch eine entscheidende Ressource dar. Um das Engagement der Gläubigen zu fördern, kann ein charismenorientierter Ansatz einen motivationalen und sinnstiftenden Beitrag leisten. Zugleich weitet eine Charismenorientierung jedoch das Feld, da es um das Einbringen eigener Begabungen und Talente zu einem gelingenden und sinnstiftenden Leben – auch außerhalb kirchlicher Strukturen – geht.

men-Begriff in den letzten Jahren stark in Mode gekommen, da er aus verschiedenen Gründen viele Erwartungen und Hoffnungen weckt. Zugleich fällt auf, dass die Formulierungen und inhaltlichen Eckpunkte sich in den Bistümern durchaus unterscheiden. Anstatt sich an definitorischen Unklarheiten aufzuhalten, erscheint es jedoch zunehmend wichtiger, die Funktion und Ziele, die mit dem Begriff verbunden werden, in den Blick zunehmen. Ernstgemeinte Charismenorientierung und Partizipationsförderung erfordern einen Mentalitäts- und Strategiewechsel und dienen nicht dazu, bisherige gemeindliche Strukturen aufrecht zu erhalten.

vielmehr, dass Kirche sich in den Dienst der Berufungen und Begabungen der Menschen stellt. Es geht darum, das gottgeschenkte Potenzial in jeder und jedem Einzelnen zu entdecken und zu heben. Dazu gilt es, die Menschen dabei zu unterstützen, ihre Talente zu entdecken und Raum für deren Einsatz zu eröffnen. Zugleich bedarf es der Offenheit dafür, dass Menschen sich auch außerhalb der gemeindlichen Strukturen gemäß Auftrag und Sendung der Kirche einbringen und dass dieses innerkirchlich sehr wohl als christliches Engagement in der Welt anerkannt wird.

ell in der Kirche ehrenamtlich Engagierenden bewegt und kennzeichnet, lassen sich verschiedene Typen voneinander abgrenzen, die sich als sehr unterschiedlich hinsichtlich ihrer Motivationsmuster, der Orte, Merkmale und Rahmenbedingungen ihres Engagements sowie ihrer Ansprüche an die jeweiligen Tätigkeiten darstellen. Als Gemeinsamkeit zwischen den Typen zeigt sich, dass ihre jeweiligen eigenen, tradierten Bilder von Kirche – geprägt von den eigenen Erfahrungen und religiösen Einstellungen – maßgeblichen Einfluss darauf haben, warum und in welcher Form sie sich im kirchlichen Kontext engagieren.

LITERATUR Kellner, Dirk: Charisma als Grundbegriff der Praktischen Theologie. Die Bedeutung der Charismenlehre für die Pastoraltheologie und die Lehre vom Gemeindeaufbau. Zürich 2011. Kröger, Elisa (Hg.): Wie lernt Kirche Partizipation? Theologische Reflexion und praktische Erfahrungen. (= Angewandte Pastoralforschung Bd. 2). – Würzburg: Echter 2016. Reinke, Theresa / Zimmerhof, Christine: Ehrenamtliches Engagement im Bistum Speyer. Eine Typologie zu Motivation, Merkmalen und Rahmenbedingungen. Hg. v. Zentrum für angewandte Pastoralforschung in Bochum (= ZAP-Workingpaper 6). – Bochum 2016. Online verfügbar unter URL: http://www.zap-bochum.de/content/ZAP_Workingpaper_6_Reinke_Zimmerhof.pdf

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Kathrin Speckenheuer, M.A.

Dipl. Theol. Theresa Reinke

Wiss. Mitarbeiterin am ZAP

Charismenorientierung ist mehr als eine nette Formel!

5.

Um in dieser heterogenen Ausgangssituation ein zukunftsweisendes Ehrenamtsmanagement zur Förderung des kirchlichen Engagements zu etablieren, muss dieses auf die jeweiligen Typen zugeschnitten sein. Typenspezifisch können so die je unterschiedlichen Anforderungen – bspw. an Begleitung und Fortbildung – und auch die verschiedenen mentalen Kirchenbilder Berücksichtigung finden, um die Engagierten bestmöglich in ihrem Einsatz zu fördern. Einen zunehmend wichtigen Einflussfaktor auf die Motivation und Bereitschaft zum Engagement in der Kirche sowie zur Qualität ehrenamtlicher Arbeit im Kontext der Pfarreien und Einrichtungen stellt dabei die Zusammenarbeit mit den Hauptamtlichen dar. Diese werden zwar in je unterschiedlichen Rollen angefragt, gestalten aber für alle Typen von Engagierten die Strukturen und Rahmenbedingungen des Engagements maßgeblich mit.

6.

Damit Menschen ihre Charismen und Berufungen entdecken können, helfen verständliche und einfach anwendbare Tools, die die je eigene Sprach- und Reflexionsfähigkeit der Menschen fördern und eine Deutung ihrer Lebenserfahrungen ermöglichen. Ziel ist es dabei, dass sie ein ganzheitliches biografisches Profil ihrer Fähigkeiten und Interessen entwickeln, um einen Tätigkeitsbereich zu finden, der zu ihnen passt und in dem sie sich selbst für andere als wirksam erleben. Von zentraler Bedeutung ist ebenso, dass die organisatorisch und pastoral Verantwortlichen den Prozess einer ernstgemeinten Charismenorientierten Pastoral mit allen Konsequenzen wollen und entsprechend fördern. Dies erfordert eine Bewusstseins-, Rollen- und Strukturveränderung, die dazu herausfordert, sich auf die Biografien der Menschen einzulassen sowie ihre Ressourcen wahr- und ernst zu nehmen. Reinke, Theresa / Zimmerhof, Christine: Ein Kompetenzmodell für Hauptamtliche als Beitrag zur Förderung ehrenamtlichen Engagements in der Gemeindepastoral im Bistum Speyer. Hg. v. Zentrum für angewandte Pastoralforschung in Bochum (= ZAP-Workingpaper 7). – Bochum 2016. Online verfügbar unter URL: http://www.zap-bochum.de/content/ ZAP_Workingpaper_7_Reinke_Zimmerhof.pdf

Wiss. Mitarbeiterin am ZAP

7. Um in diesem Sinne das freiwillige Enga-

gement auch im kirchlichen Kontext zu fördern, kann und muss die Kirche an den für ihre Engagementfreundlichkeit entscheidenden Stellschrauben Haltung, Kultur und Zusammenarbeit innerhalb der Organisation arbeiten. Strukturell muss dazu zunächst bei den hauptamtlich Tätigen angesetzt werden. Gerade in den laufenden und anstehenden Veränderungsprozessen bedarf es einer zukunftsweisenden Ausrichtung ihrer professionellen Zusammenarbeit mit ehrenamtlich Engagierten, die sowohl konkrete Instrumente und Strategien zur Engagementförderung als auch veränderte berufliche Rollen betrifft. Mit Blick auf diese Herausforderungen gilt es bei den Kompetenzen der Mitarbeitenden anzusetzen.

8. Im Kontext der aktuellen und anstehenden

Veränderungsprozessen in der Pastoral hin zu einer stärkeren Bedeutung ehrenamtlich Engagierter für die kirchlichen Vollzüge vor Ort lassen sich die Fähigkeiten und Fertigkeiten, welche die hauptamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorger für eine gelingende Zusammenarbeit mit ehrenamtlich Engagierten in der Gemeindepastoral benötigen, in fünf zentralen Kompetenzbereichen als Professions-, Leitungs-, Engagementmanagement-, Charismenentdeckungs- und Diversitätskompetenzen beschreiben.

9.

Ausgehend von der hohen Bedeutung des Engagements der Gläubigen für Auftrag und Sendung der Kirche sowie für die zukünftige Präsenz der Kirche vor Ort wird eine „Ehrenamtsentwicklung“ zur Kirchenentwicklung. Zielend auf eine partizipative Kirche, die Engagement, Beteiligung, Mitwirkung und Mitbestimmung vieler fordert und fördert, werden Anliegen und Umsetzung von Maßnahmen zur Engagementförderung jedoch umso komplexer, da das Thema „Ehrenamt“ bzw. Engagement nicht abgesondert von anderen pastoralentwicklerischen Aufgaben bearbeitet werden kann und sowohl massive strukturelle als auch kulturelle Weichenstellungen bedeutet.

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Start-ups gründen

Panel

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Start-Up’s gründen: Wie wird eine pastorale Vision zu einer erfolgreichen Realität?

Thesen 1. Kirche lebt hierzulande in Gründerzeiten in

dem Sinne, dass die Vielzahl und die wechselseitige Dynamik der verschiedenen Krisensymptome eine so anspruchsvolle Herausforderung darstellen, dass rein inkrementelle Innovationen im Sinne der Optimierung bestehender Strategien nicht ausreichen (Gründung als Notwendigkeit).

2. Kirche lebt in Gründerzeiten zugleich in dem

Sinne, dass mit den wachsenden Ungewissheiten einer scheinbar nur immer unübersichtlicheren und bedürfnisheterogeneren Umwelt enorme Chancen verbunden sind, Kirche in teils ungeahnt innovativer Weise evangeliumsgemäß zu entwickeln (Gründung als Chance).

3. Auch wenn Kirche nicht wie eine Firma oder ein Verein im Ganzen neu gegründet werden kann, so ist doch unverkennbar, dass die Kompetenz pastoralen Neugründens im Sinne einer umfassenden Innovationskompetenz angesichts disruptiver Veränderungen zum notwendigen Rüstzeug einer zukunftsfähigen Kirche gehört.

4. Diese Innovationsbedarfe sind nicht nur

Symptom akuter Not einer im Übrigen eigentlich der Tradition verpflichteten Kirche, sondern es handelt sich ekklesiologisch um kirchliches Standardprogramm im Sinne von GS 21: Kirche erneuert und läutert sich kontinuierlich unter der Führung des Heiligen Geistes (Innovation und Exnovation).

5. Konkrete Kompetenzbedarfe pastoraler

AkteurInnen sind insbesondere erkennbar in den drei untrennbaren Bestandteilen von Innovationen als Handlungsfeldern der Innovationsentwicklung: Invention bzw. Ideation: Kompetenz zur Innovationerkennung bzw. kokreativen Ideenentwicklung in offenen Innovationsprozessen Applikation: Prototypische Anwendung einer vielversprechenden Idee in die konkrete Anwendung auf Nutzerbedürfnisse bzw. Nutzerprobleme zur Entwicklung bzw. Adaption funktionierender pastoraler Geschäftsmodelle Innovationsdiffusion: sorgfältig geplante und professionell durchgeführte Einführung und Umsetzung funktionierender Prototypen mit dem Ziel der erfolgreichen Durchdringung / Skalierung erfolgreicher Konzepte (nicht alles überall neu erfinden).

• •

6. Konkrete Kompetenzbedarfe kirchlicher Ent-

scheiderInnen und StrategieentwicklerInnen sind – neben einer fundierten Kenntnis o.g. Innovationsgrundlagen – vor allem in Herausforderungslagen innovationsgerichteter Führung erkennbar: Pastorales Innovationsmanagement als Teil des strategischen Managements, hier insbesondere mit dem Blick auch auf Exnovation (Abkündigung) zur Reduktion von Kannibalisierungseffekten Konkrete Elemente kirchlich-organisationaler Innovationskultur als Entstehungsvoraussetzung kirchlicher Innovation auf Prozess- und Produktebene Theologisch, spirituell und vor allem auch sprachlich anschlussfähige Führungskonzeption

• •

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Von „irgendwie originell und neuartig“ zu „wirklich brauchbar und erfolgreich“

7.

Auf der Suche nach in diesem Sinne geeigneten Strategien lernt es sich überraschend aufschlussreich bei den ExpertInnen für unternehmerisches Gründen, bei EntrepreneurInnen und EntrepreneurshipforscherInnen. Denn egal ob es sich um renditegetriebene UnternehmerInnen und InvestorInnen handelt oder um die große Vielfalt von Familienunternehmen, KleinunternehmerInnen, SozialunternehmerInnen, NachhaltigkeitsunternehmerInnen, Kreativunternehmen oder andere – die Herausforderungslagen und Erfahrungen sehen mit offenem Visier erstaunlich ähnlich aus wie bei Kirche, und die Instrumentarien sind erstaunlich anschlussfähig an pastoralentwicklerische Aufgabenfelder.

8. Auf pastoraltheologischer Ebene beson-

ders anschlussfähig fällt dabei der ökonomische Diskurs unterschiedlicher Sichtweisen der sog. Opportunity (unternehmerische Gelegenheit) auf, der zu kairologischen Reflexionen über Erkennen, Entdecken und Erschaffen auch pastoraler Gelegenheiten einlädt.

Dipl. Theol. Florian Sobetzko

Referent für Innovationsprozesse und Personalentwicklung im Bistum Aachen, freier Mitarbeiter am ZAP

9.

Die in der Regel als herausfordernd und problematisch wahrgenommene Ungewissheit wird in einer opportunity-logischen Perspektive nicht nur zur Chance, sondern mithin zur Bedingung der Möglichkeit pastoraler Innovation.

10.

Dieser Bereich angewandter Pastoralforschung bewegt sich unschwer erkennbar in gleich mehreren durchaus kontrovers diskutierten Problemfeldern, denn er betrifft zentrale Aspekte der sogenannten Kirchenkrise im deutschen Sprachraum, er bespielt theologisch wagnisbereit die traditionell als brisant bis riskant befürchtete Schnittstelle zwischen Theologie und Ökonomie, und er belässt es praktisch-theologisch nicht bei Kairologie und Kriteriologie, sondern liefert sehr konkrete praxeologische Vorschläge und Empfehlungen zur Entwicklung einer Kirche der Zukunft.

LITERATUR Sobetzko, Florian; Sellmann, Matthias (u.a.): Innovations- und Gründerhandbuch für Seelsorger/innen, Echter Verlag, erscheint Mai 2017: https:// www.amazon.de/Gr%C3%BCnderhandbuch-f%C3%BCr-pastorale-Startups-Innovationsprojekte/dp/3429043409 Sobetzko, Florian, Ursula Hahmann, and Matthias Sellmann. „Die Ecclesiopreneurship Canvas. Die Gründerleinwand Für Pastorale Innovationen.“ futur2. Zeitschrift für Strategie und Entwicklung in Gesellschaft und Kirche 01/2016 (2016). http://www.futur2.org/article/die-ecclesiopreneurship-canvas/. Hahmann, Ursula. „Bitte Weitersagen: Fürchtet Euch Nicht. .“ futur2. Zeitschrift für Strategie und Entwicklung in Gesellschaft und Kirche 01/2016 (2016). http://www.futur2.org/article/bitte-weitersagen-fuerchtet-euch-nicht/. Grichnik, Dietmar, Malte Brettel, Christian Koropp, and René Mauer. Entrepreneurship: Unternehmerisches Denken, Entscheiden Und Handeln in Innovativen Und Technologieorientierten Unternehmungen. Schäffer-Poeschel Stuttgart, 2010. (https://www.amazon.de/EntrepreneurshipUnternehmerisches-Entscheiden-technologieorientierten-Unternehmungen/dp/3791028855/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1484501933& sr=1-1&keywords=rene+mauer)

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Story-Telling Wie erzählt man den Glauben so, dass jede/r es hören will?

Panel

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Thesen 1.

Die Kirche insgesamt und ihre Gemeinden im einzelnen geraten in westlichen Zivilisationen immer stärker unter Rechtfertigungsdruck. Für große Teile der Bevölkerung, aber auch der eigenen Mitglieder ist es nicht selbstverständlich, warum es sie gibt, was ihr Zweck ist und wieso das relevant für die Einzelnen und die Gesellschaft ist. Warum gibt es in jedem Stadtteil und jedem Dorf das gesamte Portfolio kirchlicher Einrichtungen? Und was verbindet die miteinander? Es fehlt an starken Geschichten, die nach innen und außen deutlich machen, wozu Kirche da ist und wieso das wichtig ist.

2. In den westlichen Gesellschaften der Gegenwart wird häufig eine Krise der Überinformation konstatiert. Viele Menschen sind mit Informationen übersättigt, sodass Information nicht in erster Linie das ist, wonach sie suchen. Eine überzeugende Geschichte, die Hoffnung gibt, ist dagegen in hohem Maße attraktiv. Das Kriterium der Wahrheit wird dadurch keineswegs obsolet, aber die reinen Fakten führen noch nicht dazu, dass jemand z.B. Hoffnung für oder Glauben an etwas entwickelt. Glauben entsteht durch eine sinnvolle Geschichte, die hilft, zu vertrauen.

3. Insbesondere in der religiösen Szene der

USA lässt sich beobachten, dass Gemeinden dann neue Menschen vom Glauben überzeugen, wenn sie mit erzählerischen Mitteln vom Glauben spricht, von der Veränderung, die er bedeuten kann und für die konkreten Erfahrungen, die mit ihm verbunden sind. Ein Schwerpunkt auf Verkündigung ist ein erfolgversprechender Faktor für Gemeinden und Kirchen, die wachsen wollen.

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4. Für die Kirche in Deutschland ist es eine

zentrale Aufgabe, an ihrer Verkündigungskompetenz zu arbeiten. Zeugnis geben vom eigenen Glauben und der christlichen Hoffnung sollte dabei in erster Linie narrativen Mustern folgen, d.h. in der Artikulation von Glaubensaussagen gibt es immer grundlegende Erzählelemente wie etwa einen Charakter, der zu etwas herausgefordert wird, eine Entscheidung treffen muss und dadurch eine neue Erfahrung macht.

5. Eine auf Storytelling basierende Artikulation von Glaubenserfahrungen kann sowohl in Form kollektiver Erzählungen geschehen, indem z.B. eine Gemeinde oder ein Bistum in einem mission statement über sich selbst spricht, als auch als Methode in Katechese und Liturgie, wenn z.B. Menschen lernen, zu erzählen, warum sie beispielsweise kirchlich heiraten wollen oder sich für ein diakonisches Projekt engagieren.

6. Um diese Kompetenz auszubilden, ist es

zunächst wichtig, zu verstehen, wie gute Geschichten funktionieren. Neben der Erlernung grundlegender dramaturgischer Strukturen gehört dazu auch die genaue Beobachtung popkulturell wirksamer Erzählungen. In welchen Formaten und mit welchen Inhalten werden gegenwärtig starke Geschichten erzählt, z.B. im Kino, NetflixSerien oder youtube-Kanälen.


Nie mehr langweilig von Gott und seiner Sache sprechen!

7.

Dann geht es darum, herauszufinden, welche Erzählformen das Potential haben, überzeugend über religiöse Erfahrungen zu sprechen. In guten Geschichten geht es immer um Leben und Tod – und sei es metaphorisch. Bestimmte Erzählstrukturen wie etwa die klassische „Heldenreise“ sind auch tief in der christlichen Tradition verankert, bewegen aber auch heute Menschen im Gewand populärer Geschichten im Kino oder in Romanen.

8.

Eine Kirche, die ihre Storytelling-Qualitäten verbessern will, sollte dringend nach Menschen suchen, die solche Fähigkeiten schon entwickelt haben. PoetrySlammer, Songwriter oder Youtuber zum Beispiel. Auch unter denen gibt es Christen. Aber unsere Standard-Ehrenämter z.B. in der Sakramentenkatechese sind für sie eher nicht geeignet. Charismenorientierte Pastoral ist die Mastervokabel so vieler Strukturpläne in der deutschen Kirche. Aber wo richtet sich Pastoral nach Menschen aus, deren Leidenschaft es ist, Geschichten zu inszenieren, und damit eine grundlegende Kompetenz für die Weitergabe des Glaubens vorhanden ist?

Dr. Christian Schröder Pastoralreferent im Bistum Aachen. Schwerpunkte: Jugendpastoral/Berufungspastoral; freier Mitarbeiter am ZAP

10. Wie religiöses Erzählen in der Zukunft

funktioniert, lässt sich schwer voraussagen. Eine Annäherung kann wohl nur durch die mittlerweile in pastoralen Gründungsprozessen bewährten Methoden geschehen: Testen mitgeringem Risiko, Prototyping, Korrigieren und Verbessern – und dadurch Herausfinden, welche Stories und Formate zu wem passen. Diese Empfehlung bezieht sich ausdrücklich nicht nur auf Hauptberufliche in der Pastoral. Könnte die Fähigkeit, unterhaltsam vom eigenen Glauben erzählen zu können, nicht eine Grundlage etwa der Firm- oder Ehekatechese werden?

9.

Professionelle Verkündiger*innen sollten intensiv darin aus- und fortgebildet werden, spannend, unterhaltsam und gewinnend vom Glauben erzählen zu können. Das Know-How dazu wird sich nur zu einem kleinen Teil bereits innerhalb kirchlicher Systeme finden lassen. Es ist empfehlenswert, Techniken und Kompetenzen hier gezielt aus der säkularen Erzählszene zu lernen, z.B. von Filmproduzenten, Regisseuren, Poetry Slammern oder Sportreportern.

LITERATUR Christian Schröder: We lost the story. Oder: Wie die Kirche lernt, wieder gute Geschichten zu erzählen, in: Lebendige Seelsorge 5/2016, 339343. spacejunkie / photocase.com

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Virtuos Kommunizieren

Panel

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Wie eröffnet man Kommunikationsräume in digitalen Kulturwelten?

Thesen 1. Die Frage, wen wir überhaupt erreichen

wollen, gehört zu den zentralen Leitfragen unserer strategischen Kommunikation überhaupt. Differenzierten und dialogisch aufgebauten Interaktionen gilt eine besondere Gewichtung. Hierbei erzwingen sowohl die limitierten Ressourcen als auch die Vielfalt der möglichen Interaktionspartner eine notwendige Gewichtung innerhalb der Zielgruppenansprache. Ein Lösungsansatz liegt hierbei in der Fokussierung auf Multiplikatoren und der Gewinnung von Influencern, die als Bindeglied zwischen Organisation und Mitgliedern fungieren.

2.

Die Digitalisierung und Pluralität sämtlicher Lebensbereiche forciert das Antrainieren einer völlig neuen Lese- und sequenziellen Aneignungskompetenz. Lebensentwürfe wollen multipel und selbstständig kombiniert werden. Konzepte, in denen ganzheitliche Komplettangebote bei vollkommener Ignoranz gegenüber den Kommunikationsregeln und -gewohnheiten „zur Abholung“ digital bereitgestellt werden, können nicht erfolgreich sein, da sie im wahrsten Sinne des Wortes an der Lebenswirklichkeit - vor allem junger Menschen vorbeireden.

3. Authentizität ist die derzeit global gängige

‚Leit-Währung‘ für soziales Prestige. Sie ist normativ positiv aufgeladen und wird stufenweise zugeschrieben. Eine absolut gesetzte Meinung zu haben, reicht daher nicht aus. Kirche braucht vielmehr authentische Stimmen, die ihre Meinung zielgruppenspezifisch in ihren jeweiligen Peergroups verbreiten (MultiplikatorInnen und Influencer) können.

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4. Die gewohnten Strukturen müssen

kontinuierlich hinterfragt werden, jedoch nicht ausgehend von einer scheinbaren Ausweglosigkeit, sondern auf Grund der inneren Überzeugung und organischen Aufbruchsstimmung. Wie in der Start Up Kultur geschieht Veränderung durch mutiges Querdenken und kreatives Neukombinieren. Mehr Aktionen und Projektarbeit wagen, muss – wie im allgemeinen NPO-Kontext – Selbstverständlichkeit werden. Es sind genau diese Maßnahmen, die die Innovation fördern und die Organisationsentwicklung anregen. Ihr Ablauf muss allerdings klare Ziel- und Zeitvorgaben umsetzen und die klar definierten Rollen der unterschiedlichen Beteiligten wertschätzend einsetzen.

5.

MitarbeiterInnen, die Initiative ergreifen, sind von unschätzbarem Wert. Aber es ist gleichzeitig die Aufgabe der Organisationsstruktur, alle MitarbeiterInnen zu dieser Haltung immer neu zu befähigen. Umfassende Qualifizierungsangebote für den Einsatz neuer Medien und moderner Management-Methoden, die die Charismen der MitarbeiterInnen fördern und ihre Begeisterung entfachen, sind unabdingbar. Ihr Erfolg hängt unmittelbar von der Durchführung von Strategieund Zielvereinbarungsgesprächen ab.

6. Digitale Kommunikationsräume regen religiöse Zeugnisgabe nicht nur an, sie multiplizieren diese quantitativ und bieten eine gegenüber analoger Kommunikation andersartige, qualitative Anteilnahme.


Jan Kuhn M.A.,

.wiss. Mitarbeiter am ZAP

Dipl. Theol. Michael Swiatkowski

wiss. Mitarbeiter am ZAP

Virtuos verkündigen und konsequent kommunizieren

7. Die dezentralen Strukturen innerhalb

der kirchlichen Organisationen bieten immer noch viel Potenzial und ungenutzte Einsatzmöglichkeiten. Allerdings fehlt es hier an heterogenen Vernetzungen und produktivem Austausch. Diese Aufgabe können binnenstrukturübergreifende Katalysatoren wie z.B. Kompetenzzentren fördern, die eine Synthese der Entwicklungen und zugespitzte Diagnosen an die kooperierenden Bistümer und andere kirchliche Akteure liefern. Dabei wird die Effizienz, die Sichtbarkeit und die Nachhaltigkeit der Angebote signifikant gesteigert.

8. Neue Aufgaben und Herausforderungen

bedeuten nicht, dass Organisation und Akteure diese selbst meistern müssen. Es gibt eine Fülle von kirchen-externen Dienstleistern. Die Identifizierung der Stärken und Schwächen sowie die Definition der eigenen Kernkompetenzen bieten einen guten Ausgangspunkt für das Auswahlverfahren der externen Dienstleister. Die Zusammenarbeit muss verbindlich geregelt sein und dem Prinzip der Kosten-Nutzen-Optimierung entsprechen. Ebenso entscheidend ist es, diese angestoßenen Kommunikationsprozesse mit externen Dienstleistern zu dokumentieren, und zwar von Empfehlungen über Kontakte bis hin den konkreten Erfahrungen.

9. Gute Vernetzung und Wissensaustausch

über die Grenzen der eigenen Organisationszelle/ Einheit hinaus sind in der vernetzten Welt unabdinglich. Ein funktionierendes Wissensmanagement muss das täglich neu generierte Wissen der Organisation zur Verfügung stellen können und das in einer Form, die die MitarbeiterInnen dazu befähigt, die Learnings im eigenen Kontext zu reproduzieren. Dieser Austausch muss über die diözesanen Strukturen hinausgehen und sich auch organisch aus den Erfahrungen und dem Wissen der außerkirchlichen Fachdiskurse speisen. Die vermittelten Kompetenzen sowie Zuständigkeiten müssen dabei zu jeder Zeit überprüfbar und transparent bleiben.

10.

Die Voraussetzung für eine Verbesserung jeglicher Kommunikationsmaßnahme ist eine effiziente Erfolgskontrolle. Kontinuierliche Medienresonanz- und Zeitreihenanalysen unterstützen die Verfolgung der gesetzten Ziele, genauso wie ein elektronisch gestütztes Medienarchiv, das gepflegt und jederzeit zugänglich ist.

LITERATUR Haberer, Johanna: Digitale Theologie. Gott und die Medienrevolution der Gegenwart, München 2015. Authentizität – Modewort, Leitbild, Konzept. Theologische und humanwissenschaftliche Erkundungen zu einer schillernden Kategorie (Schriften der Katholischen Privat-Universität Linz, Bd. 1), Regensburg 2016. Halmbach, M., Borgtest, S., Burchard, I., Thomas P.M., Flaig, B. (2016): Wie ticken Jugendliche 2016? Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland, Wiesbaden 2016.

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Lebensstile präzise erfassen

Panel

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Welche Bedeutung hat die gegenwärtige Lebensstilforschung für die Seelsorge?

Thesen setzt, wird am Ende nicht nur die Kompetenz der eigenen Milieusensibilität steigern, sondern eine äußerst handlungseffektive Kompetenz der Milieuresponsibilität entwickeln. Nach der Rezeptionskompetenz benötigt hauptamtliches Personal vermehrt eine Organisations- und Interaktionskompetenz.

1. Die Lebensführungstypologie ist ein inte-

3. Die Milieuverengung (die immer auch eine

Diskurs

Alltagsinszenierung der Menschen sind zwei Grunddimensionen: Die Struktur des Lebenslaufes im modernen Wohlfahrtsstaat und der vorbewusste Einsatz der eigenen Ressourcen (vor allem Einkommen und Bildung) im alltäglichen Handeln. Die grundsätzliche Lebensführungsstrategie durchzieht sämtliches Alltagshandeln; auch die Frage nach Religion und Spiritualität.

Kompetenz

2. Maßgeblich für die lebensstiltypische

In den einzelnen Etappen der individuellen Biografie sowie im Umgang mit den ökonomischen und kulturellen Ressourcen (Einkommen und Bildung) liegt eine theologische Dignität wie seelsorgliche Relevanz, weil wir es mit Lebensaufgaben als Entwicklungsaufgaben und mit Strategien der Kulturaneignung zu tun haben. Wer sich mit diesen Dynamiken als Grundbausteine der Lebensstilforschung auseinander-

2.

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Gottesverengung ist!) in den gegenwärtigen Sozialstrukturen von „Kirche und Gemeinden“ im deutschsprachigen Katholizismus nährt sich aus unterschiedlichen Quellen: sie hat u.a. eine kirchengeschichtliche Dimension (Kirchenbild der „Kriegsbischofs“-Generation), pastoralplanerische Gründe (Konzil und Synode) sowie pädagogische Ursachen (Gratifikation und Sanktion durch das kirchliche Amt).

Diskurs

gratives Milieumodell. Während viele Modelle hinsichtlich Erhebung und Auswertung äußerst komplex sind, bietet die Lebensführungstypologie eine einfach nachvollziehbare und effiziente Art und Weise der Sozialstrukturanalyse dar: Das Erheben, Generieren, Analysieren und Modellieren passt gewissermaßen auf einen Bierdeckel.

3. Qualitative Befunde in den Kirchengemein-

den zeigen gegenwärtig eine signifikante Engführung der sozialen Struktur von Gemeinde. Es existiert eine sonntägliche Ritengemeinde, temporäre Formen von Kausalgemeinden (Hochzeiten, Erstkommunion) und ein darum herum gelagerter Kranz professionalisierter, aber ausgelagerter Spezialdienste (Caritas, Schulpastoral etc.) (Rainer Bucher). Für eine zeitgenössische Kirche gilt das zu lernende Paradigma einer diakonalen „Ecclesio-Diversity“ (Marius Stelzer). Deren zentraler Gehalt liegt in der Entdeckung und Gründung pastoraler Orte und Gelegenheiten, an denen eine heilsame Konfrontation von menschlicher Existenz und Evangelium gelingt. Die Pflege volkskirchlicher Resterwartungen ist auf Dauer nicht zukunftsfähig.

Kompetenz

Kompetenz

Diskurs

1.

Die Sozialstrukturanalyse mit Lebensstilen (kurz: Lebensstilforschung) ist nach wir vor eine unverzichtbare Disziplin in der sozialen Ungleichheitsforschung. Die Erklärungskraft ist in vielen Fragestellungen deutlicher und differenzierter als die alleinige Analyse nach Alter, Bildungsgrad, berufliche Stellung oder Geschlecht.


Dr. Marius Stelzer

Wiss. Mitarbeiter am ZAP, Pastoralreferent in der Hauptabteilung Seelsorge-Personal des Bischöflichen Generalvikariats Münster

Dr. Marko Heyse

Wiss. Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Universität Münster Leiter der Forschungsgruppe BEMA am IfS Münster.

Lebensstilforschung ist ganz einfach!

4. Das Wissen um diese Diskurse hat perso-

nalplanerische Konsequenzen. Dieser Diskurs ist relevant für den Umgang mit Leitung, Macht und Partizipation, aber auch für die Sozialisations- und Selektionsprozesse in der personellen Wertschöpfungskette pastoralen Personals. Dies gilt in besonderer Weise für den gesamten Ausbildungsbereich von Seelsorgenden.

Wechselwirkungen von Wohnstandortwahl, sozialer Lage und Lebensstil. Stadtgeografische Erhebungen zeigen eine zunehmende Homogenisierung einzelner Quartiere in urbanen und ruralen Räumen und zunehmende Gentrifizierung in ursprünglich diversifizierten Stadtteilen auf. Eine Kirche, die Platz macht, reagiert auf und interagiert mit dieser raumgeografischen Dynamik.

Diskurs

5. Es gibt deutliche Zusammenhänge und

5. Hauptamtliches Personal in den

Planungsabteilungen der Diözesen als auch in den kirchlichen Handlungsräumen vor Ort muss zunehmend eine Kernkompetenz entwickeln hinsichtlich der Sensibilität und Responsibilität für Lebensstile im Kontext stadtgeografischer Effekte. Darüber hinaus geht es um die Ausbildung einer Interaktionskompetenz und einer Prognosefähigkeit an den Schnittstellen von pastoraler Schwerpunktbildung, Immobilienplanung (pastorale Orte und Gelegenheiten) und kommunaler Raumplanung.

Kompetenz

Kompetenz

Diskurs

4.

Der gesellschaftliche Wertewandel ist vom Verhältnis von Materialismus und Postmaterialismus gekennzeichnet (R. Inglehardt). Postmaterielle Lebensstile weisen dabei eine große Nähe zu Religion und Spiritualität in der gesamten Bandbreite auf. Diese Entwicklung ist auch für kirchliches Leben relevant, denn es ist empirisch erforscht, dass postmaterielle Werte einen erheblichen Effekt auf viele kirchliche Vitalitätsbereiche ausüben bzw. diese teilweise sogar dominieren (Gremienmitbestimmung, Öffentlichkeitsarbeit). Dies gilt vor allem in Bezug auf Milieuorientierungen und damit korrespondierende Kirchenverständnisse im Bereich des hauptamtlichen Personals.

LITERATUR Groß, Martin: Klassen, Schichten, Mobilität. Eine Einführung. Wiesbaden: Springer VS 2015 (2. Auflage) Rössel, Jörg, Sozialstrukturanalyse, Eine kompakte Einführung, Wiesbaden: VS 2009 Otte, Gunnar: Sozialstrukturanalysen mit Lebensstilen. Eine Studie zur theoretischen und methodischen Neuorientierung der Lebensstilforschung. Wiesbaden: VS 2008 (2. Auflage)

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ZENTRUM FÜR ANGEWANDTE PASTORALFORSCHUNG

Das ZAP ist eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich der Leitfrage nach einer zukunftsfähigen, innovativen, attraktiven und ambitionierten Entwicklung von Kirche stellen. Als Forschungscommunity ist das ZAP interdisziplinär aufgestellt: Es bietet kirchlichen KooperationspartnerInnen eine theologische, soziologische, pädagogische und religionswissenschaftliche Expertise in präzise formulierten Herausforderungsfeldern von Kirchenentwicklung an. Das ZAP setzt sich das Ziel, Planungswissen von kirchlichen EntscheiderInnen mit Reflexionswissen von ForschernInnen zu koppeln. Systematisch und ergebnisorientiert.

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Zentrum für angewandte Pastoralforschung Bonifatiusstraße 21c 44892 Bochum Prof. Dr. Matthias Sellmann Tel: 0234 32-25667 www.zap-bochum.de www.zap-kongress.de www.facebook.com/zapbochum


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Drei Jahre ZAP Bochum


ZAP-Kongress "Für eine Kirche, die Platz macht"