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ABENTEUER

Auf leisen Pfoten durch die Heide

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Gelungenes Comeback für Canis lupus! Laut Beobachtungen von 2017 leben in Deutschland 61 Wolfsrudel und 13 Paare, die meisten davon in Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Das ist erstaunlich: Wölfe fühlen sich wohl bei uns. Sie benötigen keine Wildnis, sondern sind anpassungsfähig und kommen auch in einer kultivierten Landschaft zurecht – solange diese genügend Beutetiere und Rückzugsräume für die Jungenaufzucht bietet. Beides ist in vielen Bundesländern der Fall. Ein Wolfsrudel, besser eine Wolfsfamilie, besteht aus zwei Elterntieren und meist zwei bis zehn Jungtieren. Insgesamt schätzt man die Zahl der Wölfe auf nicht mehr als 600. Allerdings: Wölfe bleiben unsichtbar, sie sind scheu und meiden die Menschen. Ihre Anwesenheit und Verbreitung lässt sich nur anhand von Spuren dokumentieren. Die entweder zufällig gefunden werden oder, besser, systematisch im Rahmen eines sogenannten Monitoring gesammelt werden.

1 | Schräger Wolfstrab: Die kleinere Hinterpfote tritt dabei versetzt vor die Vorderpfote 2 | So werden Spuren dokumentiert: Erst fotografieren, dann genau vermessen und wichtige Daten schriftlich festhalten 3 | Proben frischer Wolfslosung werden für die spätere Analyse in Behältern mit Alkohol aufbewahrt

FREIWILLIGE SIND GEFRAGT!

„Ohne freiwillige Helfer wäre das überhaupt nicht zu machen, wir sind auf ihre Hilfe angewiesen“, erklärt Wolfsberater Peter Schütte. Für die gemeinnützige Naturschutzorganisation Biosphere Expeditions organisieren er und sein Team Monitoring-Events in Niedersachsen. Standort ist Gut Sunder, das dem Naturschutzbund Deutschland NABU gehört. Das 2 1

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historische Herrenhaus liegt ruhig und idyllisch, umgeben von Teichen, Mooren und Wiesen, im Landkreis Celle nahe der Lüneburger Heide. Jeder Naturfreund, der einigermaßen gut zu Fuß ist und über ein wenig Kondition verfügt, kann mitmachen, es sind keine Vorkenntnisse erforderlich. In dieser Woche Ende Juni haben sich neben dem Reporter zwölf Natur- und Wolfbegeisterte aus verschiedenen Nationen eingefunden, begleitet werden sie von vier Experten. DIE NUGGETS DER WOLFSUCHER: LOSUNG

Jeden Abend werden die Funde des Tages besprochen und die Fundorte in eine Karte eingetragen. Claire aus Australien öffnet gerade eine durchsichtige Plastiktüte, schnuppert am Inhalt. Ein undefinierbares, graubräunliches, haariges Etwas. „Oh, das riecht ja wie ein Steak!“, ruft sie erstaunt in Runde. Erschrockene Aufschreie – die Volunteer-Kollegen protestieren mit entsetzter Miene oder sich entfärbendem Gesicht ...


ABENTEUER

Großes Gelächter. Denn das „Etwas“ entpuppt sich als das, was von einem tüchtigen Wolfshunger zurückbleibt: Losung. Obwohl bestimmt älter als eine Woche, verströmt das „Etwas“ noch immer einen intensivdurchdringenden „Geruch“, der einen empfindlichen Menschenmagen leicht in Aufruhr versetzen kann. Steak? Höchstens ein sehr vergammeltes ... Außer dem Geruch sind auch Beschaffenheit und Aussehen einer Wolfslosung – der wichtigste und häufigste Wolfsindikator in der freien Wildbahn – typisch. Neben stattlichem Volumen sind das viele Haare und Knochenreste der verspeisten Beutetiere. Ganz oben auf dem Menüplan: Rehe, Rotwild und Wildschweine. Pro Tag verputzt ein Wolf zwei bis fünf Kilogramm reines Fleisch (Fastentage zwischendurch sind normal). Aufs Jahr gerechnet sind das 65 Rehe, 9 Stück Rotwild und 16 Wildschweine. JE FRISCHER, DESTO BESSER!

Für die Biologen am wertvollsten ist frische Losung, denn sie enthält DNA. „Mit DNA-Analysen können

1 | Der Wald wird durch die Wolfrückkehr nicht gefährlicher, hüten sollte man sich vielmehr vor Wildschweinen! 2 | Von wegen Leitwolf! Die Elterntiere geben den Ton an, die Jungtiere folgen. Meistens ... 3 | GPS- und Funkgeräte gehören zur Standardausrüstung der Volunteers

wir die Territoriengrenzen der Rudel, einzelne Individuen oder auch ihre Reproduktion bestimmen“, so Projektleiter Peter Schütte. Weitere, wenn auch seltenere Spuren sind Pfotenabdrücke (nur auf sandigem Boden), Urin (nur im Schnee) oder Reste von Beutetieren. Sehr unwahrscheinlich hingegen, dass man in freier Wildbahn Wölfe heulen hört oder gar zu Gesicht bekommt! GROSSE REVIERE, WEITE WEGE

Am heutigen Expeditionstag haben wir, aufgeteilt in Zweier-Teams, insgesamt 13 Losungsproben gefunden. Eine gute Ausbeute! Dabei sind wir, konzentriert den Blick an den Boden geheftet, etwa 15 Kilometer überwiegend auf Forstwegen marschiert. Denn Wölfe sind clever und nutzen bei ihren Wanderungen die von Menschen geschaffenen Wege und Forststraßen. Das ist bequem und effektiv. So können sie weite Strecken in kurzer Zeit zurücklegen, bis zu 75 Kilometer am Tag oder in einer Nacht – sehr nützlich, wenn es gilt, 250 Quadratkilometer, so die Größe eines hiesigen Wolfsreviers, zu durchstreifen. Die Losungen nun, mit denen sie dabei ihr Revier markieren, setzen sie mit Vorliebe genau in die Mitte der Wege, gern auch auf einer Kreuzung oder erhöhten Stelle. Hauptsache exponiert, zur Warnung an die Wolfskonkurrenz – und zur Freude der Spurensammler. Die Freude über Wolfsspuren dürfte bei den Haltern von Herdentieren jedoch deutlich geringer sein. Zwar erfüllt der Wolf „als großer Beutegreifer eine wichtige Funktion im Ökosystem“, so Peter Schütte, „denn er frisst auch kranke und schwache Wildtiere und hält so den Bestand seiner Beutetiere ,gesund‘.“ Doch greifen Wölfe auch mal daneben und reißen Nutztiere wie Schafe oder Ziegen. Wenn auch nur in Ausnahmefällen, etwa wenn diese schlecht geschützt

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sind. (Nur ungefähr ein Prozent der erbeuteten Tiere sind Nutztiere!) Kein Wunder, dass viele Weidetierhalter verunsichert und skeptisch sind. Für sie bedeutet die dauerhafte Anwesenheit von Wölfen in ihrer Region einen erhöhten Aufwand. Elektrozäune müssen aufgestellt, am besten auch Herdenschutzhunde eingesetzt werden. Zwar gibt es im Fall der Fälle Schadensausgleich vom Staat. Nicht immer machen diese die emotionale Belastung der Herdenhalter und den Mehraufwand vollständig wieder gut.

Herdenschutzhunde und Elektrozäune halten Wölfe von Herden fern – beim Auf- und Abbauen der Zäune können auch Freiwillige Helfer mitarbeiten

GUT GEMACHT!

Eine Woche haben wir uns buchstäblich den Wolf gesucht. Haben 307 Kilometer zu Fuß und 69 per Rad zurückgelegt und, abgesehen vom gelegentlich steifen Nacken, viel Spaß gehabt. Gesammelt wurden 157 Losungen, elf frisch genug für DNA-Analysen. Mehr als im Vorjahr, so Projektleiter Schütte. Die Daten gehen auch an die Datenbank des Wolfsmonitoring und ans Umweltministerium Niedersachsens. Ein wichtiger Beitrag zum professionellen Wolfsmanagement!

KEINE GEFAHR FÜR MENSCHEN

Was die Gefahr für Menschen angeht, gibt der Biologe Entwarnung, entgegen gängiger Märchenweisheiten. „Seit dem Jahr 2000, seitdem es wieder Wölfe in Deutschland gibt, ist keine Situation bekannt, bei der sich frei lebende Wölfe aggressiv den Menschen gegenüber verhalten hätten“, so Peter Schütte. Eine Bilanz, von der sich Hunde eine Scheibe abschneiden können! Und wenn man doch mal Canis lupus in freier Wildbahn begegnet? Ruhig bleiben und Abstand halten. Im Zweifelsfall laut rufen oder klatschen. Dann sollte er eigentlich von dannen ziehen ... abenteuer und reisen 9 I 2018

INFOS Wolfsmonitoring (2019: 6. bis 12. Juli und 13. bis 19. Juli, 1.880 Euro/Woche) und andere Freiwilligen-Einsätze weltweit mit Biosphere Expeditions:

biosphere-expeditions.org

Mehr über Wölfe: tinyurl.com/der-wolf-in-niedersachsen Wolfsnachweise, Hintergrundwissen: wolfsmonitoring.com Wölfe live im Gehege erleben kann man im Wolfcenter Dörverden und im Freigelände im Nationalpark Bayerischer Wald: wolfcenter.de | nationalpark-bayerischer-wald.bayern.de

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Abenteuer & Reisen, Germany, September 2018  

Four page feature of Germany wolf expedition

Abenteuer & Reisen, Germany, September 2018  

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