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P.b.b. — 11Z038861 M — 1040 Wien www.facebook.com/Biorama

KOSTENLOS — ABER ABONNIERBAR

ausgabe 65 — Februar / März 2020. www.biorama.eu

E BE N J ETZT DIG IT AL

Unlimitiertes Datenvolumen Weltweit Eine Menschheit mit dem Kopf in der Cloud: Die Klimakosten unseres digitalen Lebens. Kleiderschatz: Wir feiern Mode aus zweiter Hand.  Rezeptfundus: So mancheR kocht für sich allein. Messebiotop: Eine Typenlehre von der Leitmesse des Biobusiness. 

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23 40 54


Aus dem CLAUDIUS SCHULZE Programm BIOSPHÄRE X

2020

30.01. — 13.04.20

TREE AND SOIL ROBERT KNOTH & ANTOINETTE DE JONG 23.04. — 14.06.20 NOÉMI GOUDAL 25.06. — 27.09.20 NACH UNS DIE SINTFLUT 16.09.20 — 28.02.21

© Claudia Märzendorfer, 1QM Land, 2017 / Bildrecht, Wien 2020

DAS GRÜNE MUSEUM Das Museum ist seit 2018 als erstes Museum mit dem österreichischen Umweltzeichen zertifiziert. Es ist Wiens Ausstellungshaus, das sich heute mit Ökologiefragen aus Sicht der Kunst auseinander­ setzt und konsequent nachhaltig agiert.

Kultur


Bio r a m a 65 

 E d i t o r i al, Im p r essu m

3

Unlimitiertes Datenvolumen weltweit

W

ir kennen das: Die automatische Erinnerung ans Update unserer Computerprogramme stellt uns vor die Wahl. Die Optionen: gleich jetzt die neue Version herunterladen, morgen noch einmal an die nötige Aktualisierung erinnern oder nachts updaten. Letzteres bedeutet nichts anderes, als dass die (vom Menschen gemachte) Technik davon ausgeht, dass wir – beziehungsweise unsere Gerätschaft – immer online sind. Selbst dann, wenn wir schlafen. Und das IoT (Internet of Things), in dem die Dinge laufend und automatisiert miteinander kommunizieren, steht ­ohnehin für die totale Kommunikation. Nein, wir schwenken mit dieser Ausgabe von biorama nicht um auf Kulturpessimismus. Die von Yasmin Vihaus recherchierte Coverstory über die Schattenseiten unseres digitalen Lebensstils verdeutlicht bloß, was viele – den Kopf in der Cloud – verdrängen: Houston, wir haben ein Problem. Oder, besser gesagt: eines mehr. Denn auch wenn »Technologie häufig als etwas Reines betrachtet wird«, wie der Soziologe Felix Sühlmann-Faul in unserer Coverstory zitiert wird: Wenn wir global betrachtet netto allein auf Youtube täglich Videos von bald 120.000 Jahren Länge ansehen, dann bedeutet das einen immensen Energieverbrauch. Immer öfter wird vor Blackouts und Energieengpässen gewarnt. Die Wende hin zu grüner Energie schaffen wir nur, wenn der Energieverbrauch der Menschheit nicht gleichzeitig exponentiell steigt. Weshalb mittlerweile – früher undenkbar – selbst ranghohe Grün-Politi­kerInnen laut über eine Renaissance der Atomkraft nachdenken. Selbstverständlich ohne eine Lösung für die Endlagerung zu haben. Das ­exzessive Binge-Watching auf anderen Kanälen ist da noch gar nicht mit­gerechnet (manche aus unserer Redaktion sollen alle fünf Folgen von »Chernobyl« am Stück gestreamt haben). Ihr seht: Wir sitzen selbst im wärmer werdenden Glashaus, werfen aber trotzdem den ersten Stein: Digital geht besser! Wir wünschen gute Lektüre!

Bilder  Michael mickl

Thomas Weber, Herausgeber weber@biorama.eu @th_weber

Irina Zelewitz, Chefredakteurin zelewitz@biorama.eu

impressum HERAUSGEBER Thomas Weber CHEFREDAKTEURIN Irina Zelewitz AUTORINNEN Nina Ainz, Valentina Dirmaier, Ursel Nendzig, Jürgen Schmücking, Anika Suck, Yasmin Vihaus GESTALTUNG Michael Mickl, Selina Alge Lektorat Mattias Feldner COVER­ BILD Michael Mickl ANZEIGENVERKAUF Herwig Bauer, Micky Klemsch (Leitung), Bernadette Schmatzer, Thomas Weber, Norbert Windpassinger DRUCK Walstead NP Druck GmbH, Gutenbergstraße 12, 3100 St. Pölten PRODUKTION & MEDIENINHABERIN Biorama GmbH, Wohllebengasse 16 / 6, 1040 Wien GESCHÄFTSFÜHRUNG Martin Mühl KONTAKT Biorama GmbH, Wohllebengasse 16 / 6, 1040 Wien; www.biorama.eu, redaktion@biorama.eu BANKVERBINDUNG Biorama GmbH, Bank Austria, IBAN AT44 12000 10005177968, BIC BKAUATWW ABON­ NEMENT siehe Website: www.biorama.eu ERSCHEINUNGSWEISE 6 Ausgaben pro Jahr ERSCHEINUNGSORT Wien. BLATTLINIE biorama ist ein unabhängiges, kritisches Magazin, das sich einem nachhaltigen Lebensstil verschreibt. Die Reportagen, Interviews, Essays und Kolumnen sind in Deutschland, Österreich und der ganzen Welt angesiedelt. Sie zeigen Möglichkeiten für ein Leben mit Qualität für den Menschen und den Planeten Erde. Ohne dabei den Zeigefinger zu erheben. biorama erscheint sechs Mal im Jahr.


B io r a m a 6 5  

  au f tak t

65 Inhalt 03 Editorial 06 Bild der Ausgabe 09 LeserInnenmeinung 12 Global Village 14 Dunkle Cloud am Klimahimmel Der CO2-Ausstoß der Digitalisierung 20 Sechs Tipps für

digitales Überleben Hinweise zum informierteren Umgang mit Strom und Ressourcen

23 Fotostrecke: Kleidertausch Vintage-Schatz-Suche 32 From Grass to Grill Die Bisons von Siebenbürgen 40 Rezepte fürs Alleinsein Kochen als Single

48 Best of Bio: Austria & Bavaria Preisgekrönte Bioprodukte 50 Teurer Biozucker Was erklärt den Preisunterschied zwischen konventionell und bio? 54 BioFach – Die stets andere

Messe und ihre Menschen

14 immer unter strom

Pro Tag konsumiert die Menschheit Youtube-Videos mit einer Abspieldauer von umgerechnet 114.155 Jahren. Tendenz steigend. Das und andere unserer digitalen Handlungen nehmen eine Menge Speicherplatz und Energie in Anspruch.

Fünf Prototypen im Biobusiness 58 Gute Reise, langes Leben! Vier langlebige Gepäckstücke 62 Aus dem biorama Universum

Marktplatz 56 Marktplatz Food Best of BioFach Messe 2020 60 Marktplatz Kosmetik Bunte Pasta fürs Badezimmer

Kolumnen 66 Elternalltag

Bilder Istock.co m/Eni s-Aks oy, jürge n schmü cki ng , istoc k.c om/jastrijebpho to, Qwsti on Weksag

43 Alter Käse, neue Wege Trends am Käsemarkt


32 from grass to grill

Bisons auf der Weide: Leben und Sterben in Freiheit. Bei Tierwohl, Hygiene und Fleischqualität scheiden sich die Geister.

56

50 teurer biozucker

Bei regionalem Rübenzucker gibt es einen erheblichen Preisunterschied zwischen Bio- und konventionellem Zucker.

58

die stände der dinge

reisegepäck

Neue Bioprodukte von den Labstellen des Nürnberger Hallenmarathons.

Es muss nicht immer der klassische Hartschalen­koffer aus Plastik sein.


B io r a m a 6 5  

  Bi l d d e r Au sga be

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chur davos

filisur

ospizio bernina

tirano

Kulturerbe befahren Wenn im Gestalten Verlag ein Band zur Kunst des Zugreisens erscheint, erwartet man, dass man beim Schmökern einerseits von der schieren Reiselust gepackt wird, andererseits auch fast zufrieden mit dem Betrachten der Bilder genau da bleiben kann, wo man gerade ist. Nebenbei wird ein bisschen Geschichte erzählt. Das ausgewählte Bild zeigt die Berninabahn, die – mit bis zu sieben Prozent Neigung – das Rheintal durch steiles Gelände mit dem schon italienischen Tirano verbindet. unesco-Kulturerbe, das auch mit der Bahn zu erreichen ist.  Irina Zelewitz

The Journey The Fine ArT oF TrAveling by TrAin

gestalten.com The Journey. The fine Art of Traveling by Train. Gestalten, 2019.

Bilder R hB / Tibert K elle r, The Jou rney, g estalten 20 15

lugano


7


9 GiGabite Co2?

9 tonnen co – auf vierzehn 2 tagen Kreuzfahrt in klusive flug verursacht m an mitunter so viel c0 -e 2 miss wie im restlic ionen hen Jahr zuhause.

– Magazin für nachhaltigen lebensstil. 6 ausgaben bioraMa uM € 25,— biorama.eu/abo

issuu.com/biorama

Bilder Istock.co m/Pi xe lfi t

KlimafaKten in PersPeKtive Gesetzt.


Bio r a m a 65 

 Le se r i nnen m e in u n g

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Wir müssen reden … LeserInnen an und über uns – Mails, Tweets und hoffentlich Liebesbriefe an die Redaktion – und unsere Antworten. Betrifft:

Betrifft:

BIORAMA Niederösterreich #4

BIORAMA #62 »Spitze Recherchearbeit zu Green Producing! Vielen Dank für den spannenden und sehr gut recherchierten Artikel zum Thema Green Producing in Film und Fernsehen im letzten biorama! Wir hatten ja gedacht, dass wir für die Vorarbeiten zu unserem neuen Österreichischen Umweltzeichen für Green Producing schon sehr ausführlich recherchiert hatten. Der Artikel des ­biorama Teams hat aber auch für uns noch viele spannende Aspekte und Details herausgearbeitet. Gut, wenn ein Thema durch solche Anregungen lebt und sich immer weiter entwickeln kann! Das ist auch eines der Prinzipien des ­Österreichischen Umweltzeichen in den letzten 30 Jahren: sich immer weiterentwickeln, mit den KonsumentInnen und ProduzentInnen in Kontakt bleiben und Anregungen für ein nachhaltigeres Leben bieten. Wir freuen uns jedenfalls, dass auch der Kunstund Kulturbereich in Österreich immer mehr die Nachhaltigkeit für sich entdeckt und Zeichen setzen will bzw. einen Beitrag zu Umweltund Klimaschutz leisten will. In diesem Sinne sind wir schon gespannt auf viele weitere grün produzierte Filme und Fernsehsendungen und spannende Artikel von biorama – vor allem in ­unserem Jubiläumsjahr.«

Douglasie, Palme, sukkulente:

Die Neuen in Niederösterreichs Flora

Wir stellen uns den Fragen der Zeit. Wir stellen uns den Fragen der Zeit. Wirstellen stellenuns unsden denFragen Fragender derZeit. Zeit. Wir

Gegenwind: Was den Ausbau der Windkraft hemmt. Offensive: Wie das Land den Wohnbau weiterdenkt. Luftballons: Warum der Spaß verboten gehört.

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14 44 54

– Renate Brandner-WeiSS, per Mail

In der vorliegenden Ausgabe beschäftigt uns Strom vor allem verbrauchsseitig. Wir haben uns mit regionaler Stromversorgung schon vielfach auseinandergesetzt, nehmen die konkrete Anregung aber gerne an und versuchen, dem Wunsch in einer der kommenden (Regional)ausgaben nachzukommen und bedanken uns für das wertvolle Feedback!

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INVESTITIONEN VERSORGUNGSSICHERHEIT LOKALE WERTSCHÖPFUNG VERÄNDERTES LANDSCHAFTSBILD STEIGENDER ENERGIEHUNGER INVESTITIONEN VERSORGUNGSSICHERHEIT LOKALEWERTSCHÖPFUNG WERTSCHÖPFUNG INVESTITIONEN VERSORGUNGSSICHERHEIT LOKALE ZIELKONFLIKTE VERÄNDERTES LANDSCHAFTSBILD STEIGENDER ENERGIEHUNGER UNABHÄNGIGKEITVERÄNDERTES UMWELTSCHUTZ VERÄNDERTESLANDSCHAFTSBILD LANDSCHAFTSBILD ZIELKONFLIKTE STEIGENDER ENERGIEHUNGER STEIGENDER ENERGIEHUNGER UNABHÄNGIGKEIT UMWELTSCHUTZ ZIELKONFLIKTE UNABHÄNGIGKEITUMWELTSCHUTZ UMWELTSCHUTZZIELKONFLIKTE UNABHÄNGIGKEIT

P.B.B. — 11Z038861 M — 1040 WIEN WWW.FACEBOOK.COM/BIORAMA

BIORAMA NIedeRösteRReIch AusgABe 4 — NOVeMBeR 2019. www.BIORAMA.eu

KOsteNLOs — ABeR NIcht uMsONst

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Die NieDer öst err ausgabeich e #4

AUSGABE 62 — AUGUST /SEPTEMBER 2019. WWW.BIORAMA.EU

»Danke für den News­letter, in dem eine Vielzahl von spannend und sachlich aufbereiteten Infos zu finden sind. Zu folgendem Artikel bzw. der Thematik Strombedarf und –erzeugung möchte ich eine Anregung geben: »Vom Kampf gegen Windmühlen«: Die generelle Situation im Bereich Strom, aber auch bei Energie für Wärme und Mobilität ist wenig bekannt. Was den Strombereich betrifft, denken viele ÖsterreicherInnen, dass wir zu viel Strom in Österreich haben und nicht seit 2001 NettoimporteurIn von Strom sind. Da die Importe vor allem im Winter aus cz und de kommen, kommt – jedenfalls Atom- und Kohle­strom in relativ großem Ausmaß nach Österreich. Es wäre schön, wenn biorama, die Chance einer bilanziellen Stromversorgung aus regionalen Quellen in Österreich mal thematisiert, inklusive der Chance auf mehr Wertschöpfung, Reduktion der Treibhausgasemissionen, … Für viele, die wenig mit Energie befasst sind, entsteht aufgrund mehrdeutiger Formulierungen im Strombereich, immer wieder der falsche Eindruck, dass hier nichts zu tun ist. Und dabei ist das Gegenteil der Fall …«

Impressum: Medieninhaber: Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien AG, F.-W.-Raiffeisen-Platz 1, 1020 Wien.

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UNTER UNS:

Der Boden ist der zweitgrößte CO2 -Speicher der Welt.

Ohne Grund: Ein Besuch in der äthiopischen Austernpilzzucht. Tabu Tod: Denkanstöße für den Umgang mit der eigenen Endlichkeit. Upcycling-Design: Nähanleitung für Hemd-und-Hosen-Tasche.

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28 42 46

06.08.19 18:31

06.08.19 14:58

– Regina Preslmair, per Mail

Wir bedanken und freuen uns. Das war unsere erste größere Recherche zum Thema Green Producing – wir bleiben dran und hoffen, wir können bald berichten, dass sich Standards im Bereich Green Producing etablieren und auch den Mainstream der Branche zum Umdenken anregen.

Bitte mehr davon an redaktion@­ biorama.eu!


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street talk Wir fragen, 5 sparsame Antworten.

»Ist Stromsparen altmodisch?« interview und Bild Anika Suck und Irina Zelewitz

Kirsten und Franzl

29 und 24, Studierende Bauingenieurwesen kirsten: Wir achten darauf, dass nur in den Räumen Licht brennt, in denen wir auch sind – um Energie zu sparen. Langes Duschen passiert trotzdem. Also Stromsparen finde ich nicht altmodisch. Youtube benutze ich eh selten, aber das gehört auch noch dazu. franzl: Ich glaube, dass man da immer noch teilweise an die falschen Sachen denkt. Dass man eher ans Lichtabdrehen denkt, aber nicht daran, dass man mit jeder Google­-Anfrage auch ordentlich Strom verbraucht. Das ist wohl die Prägung von früher. Ich denke, einige Leute wissen das eigentlich, aber sie sind sich dessen noch nicht ganz bewusst. Da gibt es ja einen Unterschied.

Agnieszka

33, Office-Managerin Ich finde nicht das Stromsparen altmodisch, aber ich kenne altmodische Methoden, Strom zu sparen, etwa das Licht bei den Steckerleisten auszuschalten und den Fernseher nicht laufen zu lassen, wenn man nicht davor sitzt. Die moderne Variante wäre vielleicht: ein bisschen nachzudenken, ob man es grade braucht, und dann insgesamt einfach weniger zu streamen.

Mustapha

34, Chemieingenieur Ich sehe ein Generationenproblem der Jugend. Die Eltern sollten ihren Kindern beibringen, wie wichtig es ist, nicht permanent elektrische Geräte nebenbei laufen zu lassen, wenn man nicht einmal im selben Raum ist. Ich sage es meinen Kindern pausenlos: Elektrische Geräte sollten ausgeschaltet und auch ausgesteckt werden, wenn sie nicht benützt werden.


FOLIE AUS HOLZFASER

ENDLICH MAL

EINE

Carlo

46, Mediziner Der Strom kommt zwar aus der Steckdose, aber er muss irgendwo gewonnen werden. Je weniger Strom man verbraucht, desto weniger muss produziert werden. Deswegen ist Stromsparen in der heutigen Zeit überhaupt nicht altmodisch, im Gegenteil.

WEISSBLECHDOSE 100 % RECYCELBAR

FADEN AUS BIOBAUMWOLLE

SINNVOLLE

SCHMUTZ-

KÜBEL

KAMPAGNE AROMASCHUTZ AUS ERNEUERBAREN ROHSTOFFEN

Mirza

23, Student der Technischen Informatik Es ist nicht altmodisch, Energie zu sparen. Wichtig ist, zu verstehen: Selbst wenn wir auf erneuerbare Energien umsteigen, müssen wir Energie sparen. Und wir müssen jetzt tun, was in unserer Macht steht.

NACHHALTIG VOM FELD BIS IN DIE TONNE Unsere biologischen Tees und Gewürze hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Ihre Verpackung aber nicht. Wir setzen schon seit 2008 auf nachwachsende Rohstoffe und suchen laufend nach Möglichkeiten, Material zu reduzieren. Unsere neueste Enthüllung: Dank verbessertem Aromaschutz unserer Teebeutel verzichten wir bei den Schachteln auf die Hülle aus Holzfolie. HIER FINDEST DU MEHR INFOS

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Biorama 65 

 Global Village

Umweltfreundlich heizen: Ja, bitte!

Mit dem rot-heiß-roten Online-Heizungsplaner Seit 2018 können sich umweltbewusste Häuslbauer und Heizungssanierer über ein neues, cleveres Onlinetool freuen. Der Heizungsplaner auf www.rot-heiss-rot.at sticht aus der Masse der bisherigen Heizungsrechner erfrischend positiv hervor. Er liefert nämlich nicht nur eine realistische Einschätzung der Investitions- und Betriebskosten für ein neues Heizsystem. Er spricht auch Empfehlungen für das am besten geeignete Heizsystem aus. Außerdem begründet er das Ergebnis. Benutzerfreundlich ist das Tool obendrein und funktioniert in der PC-Variante genauso gut wie auf mobilen Endgeräten. Ohne Registrierung oder ähnliches Pipapo. Die neue rot-heiß-rote Onlineplattform ist übrigens eine Eigenproduktion der HSH-Installatöre. Fazit: Der neu entwickelte Online-Heizungsplaner auf www.rot-heiss-rot.at ist ein cleveres, benutzerfreundliches Tool. Man bekommt einen sehr guten Überblick über Möglichkeiten, Investitionsrahmen, Betriebskosten und Umweltfreundlichkeit von Heizsystemen für sein Haus. Wir sagen: Am besten gleich ausprobieren!

www.rot-heiss-rot.at

Europa

Greenwashing bei der Pelzzucht NGOs kritisieren niedrige Standards der Pelzzertifizierung. Oft halten sich Pelzfarmen nicht an die ohnehin niedrigen Tierschutzstandards der EU. Zu kleine Käfige, kranke und zwangsgemästete Tiere werden immer wieder auf Pelzfarmen in Europa entdeckt. Einige Staaten gehen in ihren Tierschutzgesetzen über EU-Recht hinaus. Laut der Tierschutzorganisation Fur Free Alliance sind Pelzfarmen derzeit in zwölf Staaten – darunter Österreich – verboten. Pelz hat ein schlechtes Image. Das Tierschutz-Zertifizierungsprogramm WelFur soll es KonsumentInnen einfacher machen, Fuchs- und Nerzpelz von artgerecht gehaltenen Tieren zu finden. Allerdings hat der Tierschutzverein Vier Pfoten dem Europäischen Parlament nun einen Bericht vorgelegt, in dem er WelFur als zynische PR-Kampagne bezeichnet. Die WelFur-­ Kriterien seien sogar lascher als jene der EU, kritisiert Vier Pfoten. Das von der Pelzbranche ins Leben gerufene WelFur vergleicht PelzproduzentInnen lediglich miteinander und stellt diese in einem Tierschutzranking dar. Dieser Vergleich an sich ändert an den Tierhaltungsbedingungen der ProduzentInnen allerdings höchstwahrscheinlich nichts. Daher: Wenn es schon Pelz sein muss, zumindest auf Second­hand setzen. Anika Suck furfreealliance.com


Überblick behalten.

© Melissa/Fotolia

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Europa

B ilder istock.co m/G eorgy _Golo vin, Euro pe an Co mmiss io n

150.000 Euro für drei Ideen, die die Art und Weise verändern, wie wir Mode produzieren, kaufen, verwenden und recyceln. Der Europäische Wettbewerb für soziale Innovation, 2020 zum achten Mal ausgeschrieben, widmet sich dieses Jahr der Eco Fashion. Denn, so Slawomir Tokarski, Direktor der Generaldirektion für Innovation und fortschrittliche Produktion – kurz dg grow: »Die europäischen Verbraucher werden sich zunehmend der Umweltauswirkungen ihrer Konsumgewohnheiten bewusst.« Das Thema lautet »Mode neu definieren: Verhaltensänderung für nachhaltige Mode«. Die Detailbeschreibung des Bewerbs wirkt ein bisschen so, als würde sich die Kommission erst zunehmend der Umweltrelevanz der Modebranche bewusst – die Zielsetzung ermöglicht jedoch ein breites Spektrum an Einreichungen von BürgerInnen, die ihrer Kommission in diesem Bereich womöglich voraus sind: Ziel des Wettbewerbs ist es, »die ökologischen und sozialen Auswirkungen der Mode zu verbessern« – angedeutet sind CO2-Emissionen und Wasserverbrauch in der Produktion, Überkonsumation und Entsorgung über Hausmüll und Verbrennungsanlagen statt Recycling – immer mit einem Fokus auf einer Veränderung des VerbraucherInnenverhaltens. Die drei SiegerInnenprojekte erwarten 50.000 Euro Preisgeld. Bewerbung bis 4. März. Ein Blick auf die Website lohnt sich schon jetzt. Irina zelewitz  eusic.challenges.org

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Sauberes Wasser? Nitrat? Pestizide? Saubere Luft? Kohleausstieg? Müllvermeidung? Meeresschutz? Ja, ich interessiere mich für die Umwelt- und

Verbraucherschutzthemen der Deutschen Umwelthilfe. Bitte informiert mich kostenlos

per E-Mail: mit dem regelmäßigen DUH-Newsletter. per Post: mit dem vierteljährlichen Umweltmagazin DUHwelt sowie aktuellen Sonderthemen. Vor- und Zuname

geb. am

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Straße AZ 2020 biorama 65

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Datenschutz ist uns wichtig: Die Deutsche Umwelthilfe e.V. verarbeitet Ihre in dem Bestellformular angegebenen Daten gem. Art. 6 (1) a) und b) DSGVO für die Zusendung der gewünschten Informationen. Die Nutzung Ihrer Adressdaten und ggf. Ihrer Interessen für postalische, werbliche Zwecke erfolgt gem. Art. 6 (1) f) DSGVO. Einer zukünftigen, werblichen Nutzung Ihrer Daten können Sie jederzeit widersprechen. Weitere Infos zum Datenschutz: www.duh.de/datenschutz

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umwelthilfe

umwelthilfe

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B io r a m a 6 5  

  k l i mako sten der dig ita l isier u n g

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Dunkle Cloud am Klimahimmel Die Nutzung von Internetdiensten verbraucht immer mehr Energie und verursacht damit einen erheblichen CO2-Ausstoß, Tendenz steigend. Text Yasmin Vihaus

illustration Andrea Bauernfeind


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weit aufwendiger gestaltet sind und alleine der Aufruf einer Seite vielfach datenintensiver ist als früher. Aufwendige Bannerwerbung, diverse Tracking-Tools im Hintergrund und multimediale Inhalte führen zu einem weit größeren Datenaufkommen. Laut dem Browser-Add-on »Carbonalyser« des französischen Thinktanks »The Shift Project« habe ich bei meiner Recherche allein durch Google-Suchen und das Aufrufen von Artikeln mehr als zehn Gigabyte verbraucht. Das Tool misst allerdings nicht nur den Datenverbrauch, sondern auch den Energieverbrauch und die damit einhergehenden Treibhausgasemissionen. Meine Onlinerecherche entspricht 2,8 Kilowattstunden und damit 167 aufgeladenen Handys oder rund 1,4 Kilogramm CO2 an Emissionen.

V

or rund 15 Jahren hatte ich das erste Mal Zugang zu einem Breitbandanschluss. Ich war zwölf Jahre alt, meine Familie teilte sich das damals als »aonSpeed« beworbene Paket um 19,90 Euro, zur Verfügung standen 400 Megabyte Downloadvolumen bei einer Bandbreite von bis zu 256 kbit/s. Dies ist keine Geschichte über Armut oder Digital Divide, dies ist eine Geschichte über die rasante Entwicklung des Internets – und über die Folgen. Für die Onlinerecherche zu diesem Artikel wäre ich mit dem damaligen Downloadvolumen pro Monat bei Weitem nicht ausgekommen. Das liegt nicht nur an meinem Nutzungsverhalten, sondern auch daran, dass ­Websites heute

Immer schneller, immer mehr Der Stromverbrauch von Internetanwendungen ist enorm und steigt exponentiell an. Der Mathematiker Cédric Villani rechnet in einem Strategiepapier für die französische Regierung mit einem Anstieg des Energieverbrauchs um 20 bis 50 Prozent bis 2030. Damit könnte sich der Energieverbrauch von Internetanwendungen innerhalb von 20 Jahren verzehnfachen. Dazu kommt, dass digitale Hardware eine große Menge an schwer abbaubaren und kritischen Rohstoffen benötigt, die nur schwer recyclebar und begrenzt verfügbar sind. Dennoch wird in der allgemeinen Wahrnehmung oft automatisch davon ausgegangen, ­Digitalisierung


Ja! Natürlich, Merlicek & Partner

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Der Großteil unseres Ja! Natürlich BIO-Obst- und Gemüsesortiments kommt bereits ohne Plastik aus. Durch umweltfreundliche oder gar keine Verpackung. In Kartontassen aus Graspapier, unverpackt mit Laserbranding, in Netzen aus nachwachsenden Rohstoffen oder im biologisch abbaubaren Beutel. Damit haben wir der Umwelt und dem Meer bereits rund 1.000 Tonnen Plastik erspart. Gut für uns. Und die Natur natürlich. #rausausplastik janatuerlich.at

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BEREIT

S

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K PLASTI S PA RT E G N I E


Bio r a m a 65 

  k l i mako sten der dig ita l isie r u n g

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»Effizienz und Materialein­ sparung sind Faktoren, die Nachhaltigkeit mit sich bringen, aber empirisch findet das nicht statt.« – Felix Sühlmann-Faul, Techniksoziologe

sei nachhaltig. Als Beispiel wird dabei oft Dematerialisierung, etwa das Einsparen von Papier, oder aber Effizienzsteigerung, also Einsparung von Zeit, genannt. »Es wird häufig davon ausgegangen, dass Digitalisierung automatisch Nachhaltigkeit mit sich bringt, aber empirisch findet das nicht statt«, erklärt Felix Sühlmann-Faul, Experte für nachhaltige Digitalisierung. Der Grund: Digitalisierung macht viele Prozesse zwar schneller und nachhaltiger, das so gewonnene Plus an Nachhaltigkeit wird allerdings durch vermehrte Nutzung beziehungsweise vermehrten Konsum wieder aufgehoben. »Digitalisierung selbst ist eines der besten Beispiele dafür, dass Effizienzsteigerung ganz schlecht funktioniert. Die Digitalisierung basiert ja im Endeffekt auf der exponentiellen Entwicklung von Computerpower. Unsere Ansprüche und Bedürfnisse passen sich aber im Grunde immer daran an, was gerade möglich ist«, sagt Sühlmann-Faul weiter. Während vor 15 Jahren ein ganzer Haushalt mit einem Downloadvolumen von 400 Megabyte auskam, ist es heute ganz selbstverständlich, einen Smartphone-Tarif mit einem 20 oder sogar 50 Mal höheren Volumen zu besitzen.

Bild Ro man Bro de l

Katzenvideos sind nicht nur süSS Einen besonders großen Faktor in Bezug auf Daten- und Energieverbrauch spielt Videostrea­ ming. »The Shift Project« hat berechnet, dass Onlinevideos 60 Prozent des gesamten Onlinedatenverbrauchs ausmachen. Die Dimensionen sind dabei kaum vorstellbar: Die tägliche Wiedergabezeit von Videos auf Youtube liegt laut Betreibern bei rund einer Milliarde Stunden, das wiederum entspricht 114.155 Jahren

an Videomaterial, das jeden Tag auf Youtube konsumiert wird. Pro Minute werden zudem 500 Stunden an neuem Material hochgeladen. Das Problem liegt allerdings nicht nur in der Quantität, sondern auch in der Qualität. Videodateien sind um ein Vielfaches größer als Textdateien, zehn Stunden Videomaterial mit hoher Auflösung haben eine höhere Dateigröße als der gesamte Inhalt der englischsprachigen Wikipedia im Textformat. Im Jahr 2018 kam es durch das Streamen von Onlinevideos zu Emissionen von mehr als 300 Millionen Tonnen CO2, davon entfallen 21 Prozent auf Plattformen mit User-generated-Inhalt wie Youtube und 34 Prozent auf Video-on-Demand-Dienste wie Netflix oder Amazon Prime. Auf Plattformen wie Netflix wird eine große Anzahl an Videos – in Österreich aktuell 2600 Filme und 1000 Serien – 24 Stunden am Tag zu einem verhältnismäßig geringen Beitrag angeboten. Das breite und flexibel nutzbare Angebot führt auch zu einer höheren Nachfrage und weniger Reflexion. »Ein Abo-Angebot funktioniert wie ein All-you-can-eat-Buffet, wo man mit einem relativ geringen Betrag Zugang zu einer großen Menge an Konsum hat. Solche Strukturen führen grundsätzlich immer zu Überkonsum«, so Sühlmann-Faul. Den Konsum solcher Angebote im Sinne der Nachhaltigkeit zu verteufeln, hält der Experte allerdings für falsch. Es geht nicht um die Nutzung von einzelnen Angeboten, sondern um die Gesamtbilanz. Setzt ein Unternehmen beispielsweise auf Videokonferenzen und spart dadurch Flüge der Konferenzmitglieder ein, ist das durchaus positiv. Entscheidend ist letztendlich, ob tatsächlich eine Einsparung erfolgt.

Felix Sühlmann-Faul ist Techniksoziologe mit Spezialisierung auf Digitalisierung und Nachhaltigkeit, Autor des Buches »Der blinde Fleck der Digitalisierung« sowie Berater des Deutschen Nachhaltigkeitspreises für den Sonderpreis Digitalisierung.


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B io r a m a 6 5  

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Computer (Produktion) Terminals (Verbrauch)

Fernsehgeräte (Produktion) Smartphones (Produktion)

Datenzentren (Verbrauch)

Anderes (Produktion) Netzwerke (Verbrauch)

1 Milliarde Stunden an Videomaterial werden täglich auf Youtube wieder­ gegeben. Pro Tag schaut die ganze Welt also Videos mit einer Abspieldauer von um­ gerechnet 114.155 Jahren.

205 Milliarden E-Mails pro Tag Pro Tag werden weltweit 205 Milliarden Mails ver­ schickt. Laut Berechnungen der französische Umwelt­ agentur Ademe produziert ein mittelständischer Betrieb mit 100 Mitarbeitern allein durch E-Mails pro Jahr 13,6 ­Tonnen CO2. Das ent­ spricht 13 ­Flügen zwischen New York und Paris.

Von der elektrischen Fee zur schwerelosen Wolke In der medialen Debatte zum Thema Nachhaltigkeit und Klimaschutz spielt Digitalisierung eine vergleichsweise untergeordnete Rolle. Während darüber diskutiert wird, ob Flüge in Urlaubsdestinationen zu rechtfertigen sind, bleibt unser Internetkonsum von Aufrufen zum Verzicht weitgehend verschont. Das liegt nicht zuletzt daran, dass technische Neuerungen im Allgemeinen und Digitalisierung im Speziellen für die meisten Menschen nur schwer fassbar sind. Wir können uns vorstellen, wie bei der Verbrennung von fossilen Brennstoffen im Auto oder im Flugzeug CO2 entsteht, die Cloud, die schier Unmengen an Daten fasst, klingt dagegen leicht, fluffig und rein. Dass der Mensch neue Technologien über-idealisiert und verbildlicht, ist nicht neu. Was heute die Cloud ist,

Verteilung des Energieverbrauchs für die Produktion und die Nutzung von digitalen Geräten 2017 Quelle: Lean ICT, The Shift Project

war zum Zeitpunkt der Elektrifizierung »die elektrische Fee«. Als Verbildlichung der damals neuen, nicht greifbaren modernen Technologie verwandelte die anmutige gute Fee mühelos alles, was sie durchdringt. »Technologie wird häufig als etwas Reines betrachtet. Die Elektrizität wurde ebenso als reine, saubere, transzendente und unsichtbare Energieform dargestellt und deswegen hat man damals die Fee erschaffen«, erklärt Felix Sühlmann-Faul.

Smartphone reparieren statt neu kaufen Hinter der heutigen Cloud steckt wenig, was mit Sauberkeit assoziiert werden kann. Die Hardware, die in den Datenzentren steht, macht neben dem Energieaufwand für die Kühlung einen Großteil der Gesamtemissionen aus. Für die Herstellung müssen Konflikt­ rohstoffe abgebaut und transportiert werden.


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nicht videobasierte Inhalte

Video-onDemand

Pornografie Video­ plattformen Andere Videos

Andere Onlinevideos Verteilung der Datenströme zwischen unterschiedlicher Nutzung weltweit, 2018 Quelle: The Shift Project 2019 (Sandvine 2018, Cisco 2018, SimilarWeb 2019)

In diesem Bereich gibt es teilweise irrwitzige Wechselzyklen. Um die Lauffähigkeit zu gewährleisten, wird die Hardware unheimlich früh ausgetauscht – das erzeugt wiederum jede Menge Elektroschrott. Über den Abbau von kritischen Rohstoffen, die sowohl für Hardware in Serverfarmen als auch für Consumer-Hardware wie Smartphones und Computer benötigt werden, wird weitestgehend geschwiegen. Die immer größere Nachfrage nach technischen Produkten in den Industrieländern fordert immer mehr Rohstoffe, die sehr häufig aufgrund ihres erhöhten Vorkommens im globalen Süden abgebaut werden. Der Abbau von Coltan im Kongo führt beispielsweise zu Trinkwasserund Luftverschmutzung und verseuchten Böden. Bäuerinnen und Bauern vor Ort wird damit die Lebensgrundlage entzogen. Während auf AnbieterInnenseite Fairphone etwa eine

»Technologie wird häufig als etwas Reines betrachtet.« – Felix Sühlmann-Faul

The Shift Project Die ganze Studie der französischen NGO »The Shift Project« zum Thema Videostreaming: theshiftproject.org

vergleichsweise nachhaltige Lösung anbietet, sind in diesem Fall auch die KonsumentInnen und die Politik gefragt, so Sühlmann-Faul. Ein seltenerer Wechsel von einem Gerät auf das nächste sei beispielsweise eine gute Möglichkeit, nachhaltiger zu agieren. Auf politischer Ebene könnten Richtlinien hinsichtlich der Reparaturfähigkeit, eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Reparaturen und gebrauchte Geräte sowie die Verpflichtung von Unternehmen zur fairen Abgeltung der durch Rohstoffabbau verursachten Schäden helfen.

Wie viel CO2 verbraucht Google? Die spanische Aktivistin Joana Moll berechnet im Rahmen ihres Projekts CO2GLE den CO2-Verbrauch von Google pro Minute: janavirgin.com/CO2


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  k l i mako sten der dig ita l isier u n g

Tipps für digitales überleben Text Yasmin Vihaus

1. Ein altes Smartphone ist ein nachhaltiges Smartphone Die Herstellung von Smartphones, PCs und Laptops ist extrem ressourcenintensiv. Laut einer Studie des European Environmental Bureau sind Smart­phones im Vergleich zu allen anderen elektronischen Geräten in der Herstellung am emissionsintensivsten. Zudem hat der Abbau von kritischen Rohstoffen wie Tantal oder Kobalt verheerende Auswirkungen auf die Umwelt und die in den Abbaugebieten lebende Bevölkerung. Würden alle EU-BürgerInnen ihre Smartphones um ein Jahr länger nutzen, könnten laut der Studie EU-weit zwei Millionen Tonnen CO2 pro Jahr eingespart werden.

2. Reparieren statt neu kaufen Die meisten gängigen Schäden an Smartphones lassen sich gut reparieren. Das spart nicht nur Geld, sondern kommt auch der Umwelt zugute. Wer ein bisschen diy-Spirit in sich hat, kann das dank diverser Reparatur-Kits inklusive Videoanleitung sogar selbst machen. Großes technisches Geschick braucht es dafür in den meisten Fällen nicht. Weniger Experimentierfreudige können das Gerät natürlich auch beim Hersteller reparieren lassen.

3. Gebrauchte und/oder faire Geräte kaufen Plattformen wie Refurbed oder Rebuy bieten generalüberholte Geräte mit mindestens zwölfmonatiger Garantie an. Unter den angebotenen Smart­phones sind meist auch aktuelle Modelle. Wer also nicht auf das neueste iPhone verzichten möchte, kann oft schon ein halbes Jahr nach Erscheinen ein gebrauchtes Gerät erwerben. Eine Alternative bietet zudem

der Hersteller Fairphone, der bei der Herstellung seiner Geräte nicht nur auf faire Arbeitsbedingungen, sondern auch auf einen fairen Umgang mit den ZulieferInnen achtet. Zudem ist das Fair­phone durch seine Modularität einfacher zu reparieren.

4. Bewusstsein schärfen Das Internet bietet ein schier unbegrenztes Angebot an Unterhaltungs- und Konsummöglichkeiten. Sich darüber bewusst zu werden, dass hinter diesem Angebot eine große Industrie, ein enormer Datenverbrauch und damit verbunden ein enormer Energieverbrauch stecken, ist der erste Schritt in die richtige Richtung. Um einen Eindruck davon zu bekommen, kann man sich beispielsweise das kostenlose Plugin »Carbonalyser« von The Shift Project im Browser installieren. Das Add-on trackt, wie viele Daten verbraucht werden, und ermöglicht einen besseren Überblick.

5. Auf nachhaltig denkende AnbieterInnen setzen Suchmaschinenanfragen verbrauchen nicht nur Energie, sie bringen den AnbieterInnen auch Geld. Die deutsche Suchmaschine Ecosia verwendet einen Teil ihres Gewinns dafür, Bäume im Rahmen von Aufforstungsprojekten zu pflanzen. Die Nutzung der Suchmaschine ist kostenlos, zudem trackt Ecosia auch keine Daten. Ebenfalls auf Datenschutz spezialisiert ist der deutsche E-Mail-Provider Posteo, der zu hundert Prozent auf Ökostrom setzt. Auch hier werden keine Daten getrackt, dafür kostet der Service einen Euro im Monat.

6. Streaming überdenken Netflix, Youtube, Spotify und Amazon Prime sind längst fixer Bestandteil der Freizeitgestaltung von vielen Menschen weltweit. Dabei laden die Plattformen durch ihr schier unendliches Angebot förmlich zum Überkonsum ein. Niemand will dir deinen Netflix-Abend mit FreundInnen verbieten, allerdings ist es durchaus sinnvoll, den eigenen Konsum zu überdenken und im Kopf zu behalten, dass Streaming nicht nur viele Daten verbraucht, sondern auch sehr energieaufwendig ist.  Bild Istock.co m/Arkadivna

B io r a m a 6 5  


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VintageSchatzSuche Models: Mael Blau Isabelle v. Spreckelsen Isabelle ist Schauspielerin, Performing Artist und Stylist. Sie hat eine Leidenschaft fürs Kleidertauschen, das kann man auf isabellevonspreckelsen mitverfolgen.

Vintageblazer von Mael Vintage-Tuch 1976 Hèrmes: Kleidertauschfeier Top: Kleidertauschfeier Vintage-Karo-Hose: Burggasse24 Samtpantoletten: Kostümfundus Socken: Schwester

Hose mit Gürtel: willhaben Schuhe: beyond retro Hemd: Kleidertauschparty Tuch: von Isabelle Cape: Erbstück


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 Eco fas h io n

Text Isabelle von Spreckelsen und Irina Zelewitz

8 Tipps, um eine Kleider­ tauschfeier zu geben Im kleinen oder im groSSen Stil? Abhängig davon, welchen Umfang die Sause ­haben soll, braucht es unterschiedliche Vorbereitung – das beginnt bei der Terminfindung und endet bei der Wahl des Kommunikationsmittels. Für eine kleine feine Runde zuhause reicht wohl ein Gruppenchat – für eine g­ rößere, in einer großen Wohnung oder öffentlich in einem Café braucht es schon eine andere Anlaufstelle für Informationen.

Schlachtplan Sobald mehr Leute als nur die Handvoll FreundInnen erwartet werden, sollten vorab Kategorien gebildet werden. Diesen entsprechend werden die Stücke aufgelegt und aufgehängt. Je mehr, desto differenzierter. Accessoires, Schals, Gürtel am besten in Boxen mitbringen.

Was kommt und was geht Je größer die Party, umso nützlicher können ein paar Grundregeln sein. Was darf gebracht werden: Nur Kleidung oder auch Bücher und Deko­ ration? Kleidung in einem bestimmten Stil? Auch Kindersachen? Auch Stücke, bei denen ein Knopf fehlt? Denk bei kleinen Feiern ­daran, dein eigenes Hab und Gut soweit möglich wegzuräumen – damit keine Missverständnisse aufkommen und dein Haushalt davongeht …

Tauschbedingungen festlegen Gibt es ein klares Tauschverhältnis innerhalb einer Kategorie (Kleid gegen Kleid) oder darf sich jedeR, der/die etwas bringt, nehmen, was er oder sie möchte? Oder wird nach anderen Einheiten getauscht – etwa Kilogramm oder Stückzahl? Daunenjacke: Kleidertauschfeier gelber Plisseerock: Kleidertauschfeier Vintage Karo-Blazer: willhaben Orange Samttasche von Mael aus VintageHenkel und Samt handgemacht weiße Sneaker: Shpock


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Hose: Pfarrflohmarkt Shirt und Tasche: willhaben Blazer von einem Freund Schuhe: Ăźbrig geblieben bei einem Kleidertausch

Fake-Velourleder-Mantel: Flohmarkt Rollkragenpullover: Polyklamott Culotte-Hose getauscht mit einem Freund Hobbs Stiefeletten: Designer Second Hand Brick Lane limonenfarbener Rucksack: Weekday Flohmarkt Silberschmuck: Brick Turnhallen Flohmarkt, WienÂ


B io r a m a 6 5  

 Eco fas h io n

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Timeline und Fragen Einfacher macht man es allen, wenn man den Ablauf vorher festlegt und ausschickt. Legen die Gäste ihre mitgebrachten Stücke selbst auf und beschriften sie – oder übernimmst du das für sie? Ab 30 Leuten solltest du am besten ­jemanden dabeihaben, der/die dir hilft.

Licht! Beleuchtung nicht vergessen! Die Örtlichkeit sollte hell sein, es haben schon Kleidertauschfeiern in dunklen Bars stattgefunden. Das ist aber nur empfehlenswert, wenn man gar nicht so genau wissen will, was man mit nachhause nimmt.

Die Vertikale nützen Übersichtlicher ist eine Kleidertauschparty, wenn nicht alles liegt, sondern vieles hängt. Wenn man mit Haken an der Wand und Schnüren arbeitet, sollte man das Gewicht der Kleidung nicht unterschätzen. Solide Kleiderstangen kann man unter Einhaltung eines bestimmten Planungshorizonts secondhand kaufen – auf den üblichen verdächtigen Onlineplattformen beispielsweise. Wenn im Baumarkt oder beim Onlinehandelsriesen hier ­Produkte angeboten werden, deren Preise zu niedrig sind, um wahr zu sein: Finger weg! Sie fallen schnell in sich zusammen und werden dadurch zum Wegwerfgegenstand.

Im Kreislauf denken Im Vorhinein festlegen, was mit den R ­ esten passiert. Üblicherweise nimmt entweder ­jedeR das, was niemand wollte, oder es wird gespendet. Fröhliches Tauschen!

Hose: Humana Mantel: Kleiderkreisel Pulli von Oma gestrickt in den 80ern Schuhe: Naschmarkt Flohmarkt Rolli: Carla Laden der Caritas Tasche: Volkshilfe Shop


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Unverbaute, naturnahe Wasserlandschaften sind für Mensch und Tier Orte der Erholung – der gute, ökologische Zustand von Gewässern soll in Zukunft erhalten oder wieder hergestellt werden.

DIE ZUKUNFT UNSERER GEWÄSSER W

asser ist Österreichs wichtigste Ressource: Wir trinken es, erzeugen damit Strom und brauchen es in der Landwirtschaft und in der Industrie. Im Jahr 2000 unterzeichneten alle Mitgliedsstaaten der europäischen Union die EU-Wasserrahmenrichtlinie (eu-wrrl), damit der gute chemische und ökologische Zustand der Gewässer erhalten und erreicht wird. Die Umsetzung der eu-wrrl geschieht im nationalen Gewässerbewirtschaftungsplan (ngp), der alle sechs Jahre evaluiert und neu erarbeitet wird. Dort werden Gewässernutzungen, Erhaltungs- und Sanierungsziele sowie die dafür notwendigen Maßnahmen festgelegt. 

Renaturierung bedeutet Wiederherstellung von naturnahen Lebensräumen. So werden Erholungsorte für Mensch, Tier und Pflanzen geschaffen, welche gleichzeitig Überschwemmungsflächen bei Starkregenereignissen sind.

ENTGELTLICHE EINSCHALTUNG DES BMNT

BILDER BMLRT Alexander Haiden, Karl Strauch

Seit jeher siedeln sich Menschen am Wasser an, denn Wasser bedeutet Erholung, Landwirtschaft und natürliche Transportwege. Doch Flüsse brachten auch immer die Gefahr von Hochwasser mit – im Laufe der Zeit lernten die Menschen mit dem Risiko umzugehen.


JEDE UND JEDER KANN WASSER SCHÜTZEN

Jede und jeder Einzelne kann mit kleinen und großen Taten dazu beitragen, die Gewässer zu schützen: Das bedeutet zum Beispiel Chemikalien und Hygienyprodukte wie Tampons, Binden & Feuchttücher nicht in der Toilette zu entsorgen, im eigenen Garten auf giftige Pflanzenschutzmittel zu verzichten oder auch sich bei der Erarbeitung der nötigen Maßnahmen im nationalen Gewässerbewirtschaftungsplan einzubringen! Bis zum 22. Juni 2020 werden alle öffentlichen Meinungen gesammelt und in die Maßnahmenplanung miteinbezogen. Sind alle wichtigen Themen der Wasserwirtschaft behandelt? Gibt es Aspekte, die noch nicht erfasst sind? Fragen, Anregungen, Wünsche?

WASSER-TERMINE 2020 • WELTWASSERTAG 22. MÄRZ 2020 Der Weltwassertag findet seit 1993 jedes Jahr am 22. März statt und wird seit 2003 von UN-Water  organisiert. Das Motto 2020 lautet: Wasser & Klimawandel. Denn Wasser ist der wichtigste Schlüssel zur Anpassung an den Klimawandel. bmnt.gv.at/wasser/wasser-oeffentlich/ weltwassertag-2020.html

• DANUBE DAY 2020 (ÖSTERREICH) DISCOVER THE DANUBE Heuer wird der Danube Day erstmals direkt an der Donau stattfinden. An zahlreichen interaktiven Informationsständen auf der Donauinsel am Gelände der Inselinfo können wissbegierige 8- bis 12-Jährige viel Interessantes über die Donau, ihren Schutz, die Bewohner im und um das Wasser sowie die vielfältigen Einsatzgebiete der Donau erfahren. 18. Juni 2020, Donauinsel

DU BIST GEFRAGT! wasserrahmenrichtlinie@bmnt.gv.at

Rede mit, wie in Zukunft unsere Gewässer genutzt und geschützt werden sollen! Die gesamte Broschüre und alle Informationen zum nationalen Gewässerbewirtschaftungsplan mit den notwendigen Maßnahmen findet man online: wasseraktiv.at

Fischaufstieghilfen sind wichtige Maßnahmen zur Erreichung der Durchgängigkeit unterbrochener Gewässer. Über solche Kanäle können Gewässerlebewesen Staustufen oder andere Querverbauungen umgehen. Seit dem ersten ngp im Jahr 2009 sind in Österreich mehr als 1.000 Fischaufstiegshilfen entstanden, viele weitere sind aber noch notwendig.

danubeday.at

BILDER Istock.com / Amin Yusifov, Istock.com / johnwoodcock, BMLRT/Alexander Haiden, BMLRT/Paul Gruber

Gewässer sind die Lebensadern unserer Landschaft. Damit wir sie erhalten und sie auch für Flora und Fauna lebenswert bleiben, sind alle Österreicherinnen und Österreicher gefragt. Nicht nur die Landwirtschaft, die Wasserkraft oder die Industrie sind angesprochen, auch die Finanzierung wichtiger ökologische Sanierungen hilft dabei unsere Flüsse, Seen, Quellen und Grundwasserkörper zu schützen. Der Zustand unserer Gewässer betrifft uns alle.


ÖSTERREICHS WASSERLANDSCHAFT Das österreichische Netz an Flüssen und Bächen ist über

lang und reicht somit fast 2,5 Mal um die Erde.

Etwa

30 %

der Fließgewässer mit Einzugsgebiet >10km² gelten als signifikant strukturell verändert

Es gibt

62

138 Fast

große Seen mit einer Fläche über 50 ha.

Grundwasserkörper speichern wertvolles Trinkwasser in Österreich.

100%

des österreichischen Trinkwassers stammt aus Grund- und Quellwasser.

WASSER: EINE INTERNATIONALE ANGELEGENHEIT Robert Fenz ist Leiter der Abteilung Nationale und internationale Wasserwirtschaft und kümmert sich im Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus (BMLRT) um die fachliche nationale Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie. Der nationale Gewässerbewirtschaftungsplan (ngp) ist die nationale Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie. Warum ist dieser Plan so wichtig? Unsere Flüsse sind durch den Menschen in erheblichem Umfang verändert worden und einem massiven Nutzungsdruck ausgesetzt. Wir müssen Maßnahmen setzen zur Verbesserung des ökologischen Zustands ,damit unsere Gewässer auch in Zukunft ökologisch funktionsfähige Lebensräume für Tiere und Pflanzen sein können, während gleichzeitig unterschiedliche Nutzungsansprüche der Menschen erfüllt werden können. Wirkt sich der Klimawandel bereits auf Österreich und die Wasserwirtschaft aus? Ja. Die Situation hinsichtlich des Grundwasserdargebots zum Beispiel, ist regional durch lange Trockenperioden in den vergangenen Jahren bereits kritischer geworden. Deswegen werden zukünftig die Auswirkungen des Klimawandels auf unsere Gewässer stärker zu berücksichtigen sein. Worauf muss man bei der Erarbeitung von Maßnahmen achten? Durch den 3. ngp soll sichergestellt werden, dass die wichtigen wasserwirtschaftlichen Themen aufgegriffen und die richtigen Schwerpunkte im Maßnahmenprogramm gesetzt werden. Dabei gilt es kosteneffiziente und wirkungsvolle Maßnahmen zur Verbesserung der Gewässer und des Grundwassers zu finden.

ENTGELTLICHE EINSCHALTUNG DES BMNT

100.000 KM


B io r a m a 6X 5X  

   Bi E rso len nd Lo r em ip su m

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Text und Bild Jürgen Schmücking

From Grass to Grill Die Bisons von Siebenbürgen.


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W

enn Hans Kilger von seinen Bisons spricht, verwendet er oft die Worte »artgerecht« und »Freilandhaltung«. Das ist erst einmal verdächtig, weil es niemanden, wirklich niemanden gibt, der seine Farm oder seine Zucht nicht genau so bezeichnet. Alle Tiere auf allen Höfen und in der Werbung leben »artgerecht«, »nachhaltig« und in »Freilandhaltung«. Gähn. Aber die Art – das Amerikanische Bison – ruft Bilder hervor. Wilde Prärie, archaische Rinder. Buffalo Bill. Das weckt Interesse. Jürgen Schmücking wollte es genau wissen. Für biorama ist er nach Siebenbürgen gereist und sah, wie sie leben und wie sie sterben. Und damit das Bild vollständig ist, fuhr er auch gleich im Kühllaster mit, der die Schlachtkörper von Cluj nach Eibiswald in der Steiermark bringt.


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  Bi so n

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E

s geht frühmorgens los. Etwa zwei Stunden vor Sonnenaufgang. An diesem Ort und an diesem Tag bedeutet das, dass der Wecker kurz nach 3 Uhr läutet. Die Fahrt von Cluj (Klausenburg) nach Recea-Cristur ist holprig. Sie führt, sobald man das Stadtgebiet von Cluj verlassen hat, über leidlich befestigte Straßen und durch dunkle Wälder. Rudolf Karner, Jäger, Wildhüter und vor allem Betriebsleiter der Domaines Kilger, erzählt von den Anfängen der Bisonzucht. Über Rückschläge und Krankheiten. Von Lösungen und neuen Gefahren. Apropos. Bei Fahrtpausen bitte aufzupassen und tunlichst nicht zu weit vom Wagen weg. Wegen der Bären. Nur für den Fall des Falles. Rudolf Karner hatte nämlich bereits das Vergnügen und erzählt gern von seiner Begegnung.

Die Weide: Freie Bahn für freie Tiere Der Grund für die frühe Ausfahrt ist der Sonnenaufgang über den Hügeln Siebenbürgens. Die aufgehende Sonne taucht die Karpaten (in sicherer Distanz im Hintergrund) in ein zauberhaftes Licht. Auf den ausgedehnten Land-

gütern der Domaines Kilger in Siebenbürgen wachsen und grasen nicht nur Bisons. Hier leben auch Büffel, Rothirsche und ausgefallene Arten wie tibetanische Yaks, Hima­ laya-Tahrs oder auch Watussi-Rinder beinahe wie in freier Wildbahn. Alle mit hervorragender Fleischqualität und außerordentlichem Geschmack. Irgendwann, wenn das Licht langsam die Oberhand über die Dunkelheit der Nacht gewinnt, tauchen sie auf. Plötzlich, fast unvermittelt stehen sie da und grasen. Für die Wildrinder ist konsequente Freilandhaltung

Kurz nach Sonnenaufgang in den Hügeln von Recea-Cristur. Langsam setzt sich die Herde in Bewegung.


das wunder, das wir TÄGLIch essen…

Zwischen dem Schuss und dem Entbluten in der Mobilen Schlachtbox vergehen nur Sekunden. Der Weg zum Schlachthof dauert dann (noch) um einiges länger.

Ein Film von Harald Friedl

Alle Tiere auf allen Höfen und in der Werbung leben »artgerecht«, »nachhaltig« und in »Freilandhaltung«. Gähn.

ein absolutes Muss. Bisons brauchen enorm viel Platz zum Toben sowie eine Vielzahl an Kräutern, Gräsern und Mineralien, um gesund aufzuwachsen. Wobei die Bandbreite der Maßzahl »Weidefläche/ Rind« sehr groß ist. In den weiten Ausläufern der Karpaten leben die Familienverbände der Bisons mit durchschnittlich zwei Hektar Land pro Tier. Das ist beachtlich und deutlich mehr als auf vielen Farmen in Kanada, den usa oder anderswo in Europa, wo diese Zahl (im Schnitt) zwischen 0,5 und 3,5 Hektar pro Rind liegt. Geschlachtet wird mit Weideschuss. Das garantiert eine stressfreie Betäubung und der stressauslösende Transport zum Schlachthof reduziert sich auf null Kilometer.

PREMIERENTERMINE 11.2.

18:30

Graz

KIZ

12.2.

19:30

Wels

Programmkino

13.2.

19:30

Steyr

Citykino

17.2.

20:00

Citykino

Linz

18.2.

19:30

Salzburg

Das Kino

20.2.

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St.Pölten

Cinema Paradiso

26.2.

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  Bi so n

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Der Schuss: Distanz und Vertrauen

Räumt man dem Tierwohl die höchste Priorität in diesem Prozess ein, dreht sich das Bild sehr schnell.

Der Schuss selbst unterscheidet sich allerdings signifikant von anderen Varianten des Kugelschusses. Durchgeführt wird der Schuss direkt auf der Weide. Der Abstand zwischen dem Schützen und dem Bison beträgt oft mehr als 30 Meter. Der Schütze, meist der erfahrene Rudolf Karner oder einer seiner Jäger oder Jagdaufseher, nähert sich dem Tier von der Seite und zielt in kniendem Anschlag. Sein Zielpunkt liegt unterhalb, leicht hinter dem Ohr, wodurch – bei einem präzisen Treffer – das Stammhirn zerstört wird und Betäubung bzw. Hirntod unmittelbar eintritt. Danach wird der Bison mithilfe eines Vorderladers zur Mobilen Schlachtbox gebracht, wo ihm mit einem beherzten Schnitt durch die Kehle die Schlagader geöffnet wird. Nach etwa zehn Minuten ist der Bisonstier ausgeblutet und zum Transport bereit. 60 Minuten sind vorgeschrieben, um den Schlachtkörper von der Weide in den nach EU-Hygienerichtlinien zertifizierten Schlachthof zur Weiterverarbeitung zu bringen. Das geht sich aufgrund der Distanz zwischen Weide und Vertragsschlachthof zwar aus, aber nur äußerst knapp. Im Schlachthof wird das Fell abgezogen und die Ausweidung durchgeführt. Riesige hydraulische Scheren trennen die Gliedmaßen ab, und um den Schlachtkörper in zwei Hälften zu teilen, werden gigantische Motorsägen verwendet. Die rumänischen SchlachthausarbeiterInnen sind konzentriert und arbeiten schnell. Trotzdem dauert es über zwei Stunden, bis die Bisonhälften am Kettenband in den Kühlraum geschoben werden. Für Hans Kilger und Rudolf Karner ist der Schlachthof eine Notlösung. Das hat vor allem logistische Gründe. Der Weg von der Weide ist weit, die Abhängigkeit vom Part-

ner groß. Aber wie gesagt: Die Partnerschaft mit Agro Invest, dem Schlachthausbetreiber, hat ein Ablaufdatum. Längst ist das Projekt des eigenen Schlachthofs in Recea-Cristur mehr als nur ein Wunsch­ traum. Die Pläne dafür, und zwar sowohl die Bau- wie auch die Finanzierungs- und Zeitpläne, liegen längst bereit. Dann muss Karner nicht mehr auf freie Slots im Fließbandschlachthaus warten; dann kommt alles aus einer Hand.

Die Fahrt: Entlang der Balkone des Balkan Am nächsten Tag wird das Fleisch in einen Kühllaster der Domaines Kilger verladen und auf den Weg nach Eibiswald geschickt. Nach einer Fahrt durch den Westen Rumäniens und durch Ungarn nimmt Hermann Kassler, der Fleischermeister, die wertvolle Fracht in Empfang, wetzt seine Messer und beginnt sofort mit der Zerlegung in verkaufsfähige Cuts und Stücke. Also zu Wurst, Steaks und Braten. Man kann natürlich argumentieren, dass es wenig »regional« ist, Frischfleisch aus Rumänien zu importieren. Aber das Argument greift zu kurz. Räumt man dem Tierwohl die höchste Priorität in diesem Prozess ein, dreht sich das Bild sehr schnell. Das beginnt bei der Fütterung (weil für die Bisons in Siebenbürgen nirgendwo Futtergetreide angebaut werden muss). Die LandwirtInnen nennen das grassfed, und es funktioniert, weil die Physiognomie der Bisons dafür geschaffen ist, kurzes, karges und trockenes Gras zu fressen. Und weil sie (aufgrund des Weideschusses im Herdenverband) völlig stressfrei geschlachtet werden. Der eingangs erwähnte Hans Kilger ist Unternehmer und Investor aus München. Eigentlich ist er Steuerprüfer. Wenn er auf seiner Wei-


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Damit der Laster nicht nur mit einem Schlachtkörper nach Österreich unterwegs ist, kommen auch gleich ein paar Wasserbüffel mit.


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  Bi so n

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Zwei Tage unterwegs: Nachtfahrt durch die Pampa Rumäniens, Warteschlangen an der Grenze, acht Stunden Pflichtschlaf im Fernfahrerquartier und eine kurze Diskussion an der österreichischen Grenze.

seits sind die Weideflächen so groß, dass das de in Rumänien steht, kann es sein, dass sein gleiche Problem auftritt wie bei der Jagd. Man Mobiltelefon läutet und irgendeine Anwältin müsste großflächig forstwirtschaftliche Nutzoder irgendein Consulter irgendein Detail zu flächen zertifizieren, wofür das Kontrollre­gime irgendeinem Big Deal wissen möchte. Kilger der Biolandwirtschaft derzeit nicht ausgelegt jongliert mit Unternehmen und Millionen. Als ist. Andererseits fressen die Landwirt ist er QuerBisons, was der Boden hereinsteiger. Er hat sichtgibt, und die Hügel sind völlich Spaß daran, etwas lig unbearbeitet. In ökologefunden zu haben, bei gischer Hinsicht würde ein dem er nicht ausschließBiozertifikat hier keinen Unlich Papier produziert. terschied machen. »AngeIn der Steiermark und kommen« ist Hans Kilger alim Süden Burgenlands lerdings noch lange nicht. wird im Moment heftig Neue Flächen in Siebeninvestiert. Zwei Winzer, bürgen, weitere Arten, noch ein paar Gasthöfe, eine mehr Bisons. 2000 ist die Fleischerei. Und eben Herdengröße, die Hans Kildie Farm in Rumänien. ger erreichen will. Während Der biologischen Lander das sagt, lässt er seinen wirtschaft steht Kilger Blick – fast verträumt – über nicht ohne Skepsis gedie waldigen Hügel Siebengenüber. Im Fall dieser Das Herz des Bisons in Hermann Kasslers Hand. bürgens gleiten. Er wirkt entBisons würde sie allerZwei Tage später schmorte es in Olivenöl. schlossen und zuversichtlich. dings auch kaum NutFast genauso lange, wie es von Rumänien nach Österreich unterwegs war. Wie immer. zen generieren. Einer-


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  ko c h bü ch er

40 Text Irina Zelewitz

Bild Michael Mickl

MancheR kocht für sich allein Rezepte für eine alte Frau oder einen alten Mann. Oder mehrere jüngere.

SYBIL GRÄFIN SCHÖNFELDT arbeitete als Redakteurin und freie Journalistin. Seit den 1960er-Jahren veröffentlichte sie zahlreiche Kochbücher. Außerdem war sie Übersetzerin von Kinderliteratur, u. a. Ruyard Kiplings »Dschungelbuch« und von Lewis Carroll »Alice im Wunderland«. Sie lebt seit den 1950er-Jahren in Hamburg, hat zwei Söhne. Seit zehn Jahren ist sie Witwe.

F

ür einen kochen bedeutet andere Heraus­ forderungen als für zwei zu kochen, für eine Familie oder einen Freundeskreis. Und es bedeutet mitunter, weniger Lust zu haben, besonderen Aufwand zu betreiben. Oder irgendetwas, dass das Wort Aufwand ver­ dient. Sybil Gräfin Schönfeldt war klassisch – vor allem am Anfang Ihres Lebens und nun im Alter in dieser Situation – und hat zusammen­ getragen, was sich hier als nützlich erwiesen hat. Ein Mal, 2018, das »Kochbuch für die klei­ ne alte Frau«. Und sie hat, einerseits aufgrund des großen Erfolgs, ist anzunehmen, anderer­ tionsbedingt Großzügigkeit walten lassen und seits weil da ganz offensichtlich noch etwas den Speck und die Fleischbrühe einfach über­ fehlt, 2019 das »Kochbuch für den großen al­ lesen, überhören oder ersetzen. ten Mann« nachgelegt. »Aus Wer das kann und möch­ der Fülle der Gerichte, aus te, dem eröffnet sich in die­ »Für Vegetarier ist das Spinatméridon das Beste: 500 Gramm gekochter Blattspinat wird grob den Erfahrungen eines lan­ sen beiden Büchlein ein gehackt mit angedünsteten Zwiebel- und gen Lebens kann ich heu­ Sammelsurium an mitun­ Speckwürfeln gemischt, mit 2–3 Esslöffel saurer te das aussuchen, was mir ter einer Klasse und einer Sahne vermengt, gewürzt und wie oben zwischen im Alter, wieder ein Single, Zeit zuordenbaren Ge­ die beiden Reislagen gefüllt.« passt und schmeckt«, wie sie schichten und Hinweisen schreibt. Es findet sich eini­ zur guten GastgeberInnen­ ges an Inspiration für vegetarisches Gerichte, schaft, die durch kleine Rezepte zusammen­ dazu muss man mit der Wortwahl aber genera­ gehalten werden. »Jeder verfügt über einen


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Rezepte aus

Gefüllte Paprikaschoten

Schatz an Rezepten, die sich im Lauf des Le­ bens angesammelt haben, die man bei Freund­ Innen kennengelernt und vielleicht geschenkt bekommen hat«, schreibt Schönfeldt. Na Ja. Wer jedenfalls noch keinen hat, der könnte ein­ fach mit diesen beiden Schätzen beginnen. 

Schmelzkartoffeln Zwei frisch gepellte mehlige Kartoffeln mit der Gabel zerdrücken und mit 1 guten EL But­ ter und 1–2 Esslöffel Sahne und Salz verrüh­ ren, ohne dass die Masse weich wird. Daraus mit zwei Löffeln kleine, runde oder ovale Kar­ toffeln formen. In einer kleinen Pfanne Butter zerlassen, die Schmelzkartoffeln nebeneinan­ der hin- einsetzen, 1–2 Eier verklöppern und auf die Kartoffeln gießen, diese dann mit But­ terflöckchen besetzen und vorsichtig von bei­ den Seiten ausbacken. Die Schmelzkartoffeln kann man ganz nach Geschmack würzen, mit Pfeffer oder Paprika­ pulver, statt der Butterflöckchen mit Kräuter­ butter oder Speckwürfeln.

Für gefüllte Paprikaschoten mit Reis verwendet man am einfachsten einen Reisrest, etwa drei Tassen. Oder man kocht 200 g Reis in 15–20 Minuten in Salzwasser, wie Nudeln, und gießt ihn ab. Unterdessen hat man 375–500 g ge­ mischtes Hackfleisch mit 1 gewürfelten, in But­ ter gedünsteten Zwiebel, Salz, Pfeffer, Paprika­ pulver und fein geriebenem Oregano gemischt. Den Reis dazugeben und alles gut vermengen. Dann werden 4–5 gleich große Papri­ kaschoten am Stiel aufgeschnitten und entkernt und mit dem Reishack gefüllt. Das Fleisch von dem Paprikadeckel wird fein gewiegt. In einem großen Schmor­ topf 3 Esslöffel Würfelspeck auslassen, 2–3 in Scheiben geschnittene Zwiebeln darin andünsten, die Paprikaschoten hi­ nein- stellen und entweder mit Fleisch­ brühe oder mit gewürfelten frischen To­ maten oder mit dem Inhalt 1 Dose ge­ schälter Tomaten auffüllen, pfeffern und salzen. Die klein geschnittenen Paprika­ deckel kommen auch dazu, und wenn von der Fülle etwas übrig ist, kann man sie in kleinen Nocken in die Lücken füllen. Auf jede Schote ein paar Butterflöckchen setzen, den Schmortopf zudecken und das Gericht etwa 45 Minuten leise schmoren lassen.

»Kochbuch für die kleine alte Frau« von Sybil Gräfin Schönfeldt, edition momente, 2018.

»Kochbuch für den kleinen alten Mann« von Sybil Gräfin Schönfeldt, edition momente, 2019.


Geht’s den Kühen gut, schmeckt’s urgut: Die KUHWOHL-Initiative. Seit Urzeiten bekommen Heumilchkühe frische Gräser und Kräuter im Sommer sowie Heu im Winter. Als Ergänzung erhalten sie mineralstoffreichen Getreideschrot. Vergorene Futtermittel wie Silage sind strengstens verboten. Aber nicht nur mit artgemäßer Fütterung verwöhnen die Heumilchbauern ihre Tiere. Auch ausreichend Bewegung, gemütliche Ruheplätze und eine persönliche Betreuung sorgen für Wohlbefinden und lassen Kuhherzen höherschlagen. Entdecken Sie mehr über unsere Heumilch-KUHWOHL-Initiative auf www.heumilch.at. Ausgezeichnet als „garantiert traditionelle Spezialität“.

KUH WOHL Initiative

Mehr auf heumilch.at

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  NEUER K ÄS E

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Alter Käse, neue Wege Über Trends am Käsemarkt.

bild und Text Jürgen Schmücking

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r ist uralt. Genauer gesagt über 7000 Jahre alt. Erst kürzlich mussten sich die Schwei­ zerInnen eingestehen, dass sie den Käse nicht erfunden haben. Vielmehr wurden die ersten Hinweise auf – bewusst hergestell­ ten – Käse in Polen gefunden. Wobei die Ge­ gend zu jener Zeit klarerweise nicht Polen hieß. Anyway. Man könnte jedenfalls meinen, dass ein derart tief in unserer kulinarischen Seele verwurzeltes Kulturgut in seiner Entwicklung »angekommen« ist und sich nicht mehr wirk­ lich viel tut. Fehlanzeige. Es tut sich einiges. Hier ein paar Trends, die zeigen, dass der Kä­ semarkt gehörig in Bewegung ist.

Das ist der Grund, warum es seit einiger Zeit Käseklassiker in Grün und mit Wasabi-Geschmack gibt.

Trend

die Vielfalt blüht

Was sich im Bereich der Ange­ botsbreite im Käseregal tut, ist erstaunlich. Der Handel sagt uns, dass sich die VerbraucherInnen (ein hässli­ ches Wort, verwenden wir ab sofort »die Ge­ nießerInnen«) ständige Abwechslung und neue Geschmackserlebnisse wünschen. Das ist der Grund, warum es seit einiger Zeit Käseklassi­ ker in Grün und mit Wasabi-Geschmack gibt. Man könnte allerdings meinen, dass mit die­ ser Kombination eigentlich nur versucht wur­ de, einer an sich recht geschmacksneutralen Proteinpampe zumindest einen Hauch mehr Pep zu geben. Viel spannender sind da schon die Experimente, Käse zu affinieren. Damit ist die Methode gemeint, Käse zu pflegen und zu veredeln, indem man ihn während seiner Rei­ fephase (äußerlich) behandelt. Das Verfahren ist keinesfalls neu. Der Rote Mönch wurde

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  NEUER KÄ SE

44 immer schon mit feinem Birnenbrand, der Epoisses mit Tresterschnaps beträufelt. Neu ist, dass Käsereien erkannt haben, dass man sich da nicht nur auf Tradition berufen, sondern der Kreativität freien Lauf lassen kann. Capriz!, eine kleine Feinkäserei im Südtiroler Pustertal, verbindet Tradition und Moderne auf beson­ ders spannende Weise. »Hofers Alptraum« ist ein Weichkäse (ent­ weder aus Ziegen- oder Kuhmilch), der am Ende seiner Reife mit Südtiroler Schüttelbrot und französischem Cognac affiniert wird. Als geschmack­ Bas de Groot ist Holländer liche Komposition und Milchsommelier grandios, der Frei­ und schlägt tatsächlich heitskämpfer würde aber vermutlich im Milch aus Einzellagen Grab rotieren. Ähn­ vor. Die Idee ist extrem, lich spannend wer­ ken die Käserebel­ hat aber Potenzial. len. Der Bio Vulkan Rebell ist ein klei­ nes Meisterwerk der Affineurskunst. Ein lak­ tosefreier Schnittkäse, der seinen Namen dem chili- und pfefferscharfen orangen Teig und seiner schwarzkümmelschwarzen Rinde ver­ dankt. Magma. Einmal noch heiß und flüssig (innen), einmal erkaltet und verkrustet (außen). Auch andere Molkereien beschäftigen sich mit dem Thema der Affinage und bereichern den Markt mit spannenden Produkten. Schlierba­ cher tränkt seinen Bioweichkäse in Wein aus der Rebsorte Zweigelt. Andechser, eine Mol­ kerei in Oberbayern, hat zwei ziemlich köstli­ che Sorten im Programm: den rindengereiften Bergblumenkäse, der deshalb so grandios wür­ zig und floral schmeckt, weil die Rinde, in der er reifen durfte, mit einer Mischung aus Berg­ blumen und Gewürzen und einem Karamellsi­ rup affiniert wurde. Wer es weniger süß-har­ monisch haben will, greift lieber zum Allgäu­ er Zitronenpfeffer. Ein klassischer Bauernkäse. Heumilch, Salzbad, Reifekeller. Der Zitronen­ pfeffer kommt zum Schluss auf die Rinde. Im Süden Österreichs, bei der Kärntnermilch, geht man einen etwas anderen Weg und ver­ feinert den Bioemmentaler aus Wiesenmilch mit Bockshornkleesamen. Der schnittfeste und recht milde Emmentaler bekommt dadurch eine feinwürzige und filigran-elegante Note.

Trend

Herkunft. Eine Frage der Lage?

»Terroir« ist kein unumstrittener Begriff. Oberflächlich betrachtet ist damit der Boden gemeint, auf dem landwirtschaftliche Produkte wachsen. Das ist allerdings sehr oberflächlich. Mittlerweile ist der Begriff weit umfassender. Es geht auch um die Einflussfaktoren Klima, Mikroklima, Sorte, Herstellungsverfahren und Kulturgeschichte. Beim Wein gelten Einzellagen als das Nonplus­ultra der Weinherstellung. Österrei­ chische Weingärten wie der Singerriedel in der Wachau oder Zieregg in der Südsteiermark haben Weltruf. Im französischen Burgund wur­ de die Sache mit der Herkunft quasi erfunden. Bei der Milch, dem Rohstoff für Käse, ist die Diskussion noch eine sehr junge. Nicht ganz zu Recht, denn wenn Böden, auf denen Wein wächst, so einzigartig sind, warum nicht auch Böden, auf denen die Kräuter und Gräser wach­ sen, aus denen (zugegeben über den Umweg des Kuhmagens) unsere Milch wird. Bas de Groot ist Holländer und Milchsommelier und schlägt tatsächlich Milch aus Einzellagen vor. Die Idee ist extrem, hat aber Potenzial. Das zeigt auch der bereits bestehende Trend zu Käse mit Ur­ sprungs- oder Herkunftsbezeichnung. Vorge­ macht haben es wieder einmal die Franzosen. Ihre »Appellationen« waren Vorbild für den aktuellen Boom an Käsen mit geschützter Her­ kunft. Tiroler Graukäse, Vorarlberger Alpkäse oder Gailtaler Almkäse in Österreich, Allgäuer Sennalpkäse oder Altenburger Ziegenkäse aus Deutschland. Nur um ein paar Beispiele zu nen­ nen. Erst kürzlich, Anfang Jänner 2020, hat die EU-Kommission dem Arseniko Naxou, einem traditionellen griechischen Hartkäse aus Schafund Ziegenmilch, der nur auf Naxos und ein paar kleineren Inseln der Kykladen gekäst wird, den Status der geschützten Ursprungsbezeich­ nung zugesprochen. Dem Drang zum Regionalen geben auch gro­ ße Molkereien nach. Mit durchaus beachtli­ chen Ergebnissen. Pinzgau Milch stellt auf der BioFach drei Produkte aus der »KaiserwinklSerie« vor: Berg-, Senn- und Almkräuter­ käse. Die Milch kommt bei Pinzgau Milch von Biobäuerinnen und -bauern aus dem Pinzgau, dem Pongau und – weil Regiona­ lität keine Landesgrenzen kennt – aus dem Tiroler Kaiserwinkl.

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Unser Bio. Unsere Qualität.

Natürlich lassen wir Kühe im Regen stehen.

Wir lassen sie in der Sonne wiederkäuen, im Wind herumliegen und ganz egal, was der Wetterfrosch sagt, wir lassen die Kühe auf der Weide nach Lust und Laune Gras fressen. Die Kühe wissen das sehr zu schätzen. Die Bio-Verordnung schreibt den Auslauf verpflichtend vor. Für alle Nutztiere.

Von Wetter steht in der Verordnung nichts. Auch nicht, dass sie raus müssen, wenn Unwetter den Himmel pflügen. Das ist Bio. Kontrollierte Qualität. Garantiert durch das EU-Biologo und das AMA-Biosiegel. bioinfo.at

ec.europa.eu/info/food-farming-fisheries/farming/organic-farming_de

Der Inhalt dieser Veröffentlichung gibt allein die Meinung des Autors wieder, der allein für den Inhalt verantwortlich ist. Die Europäische Kommission haftet nicht für die etwaige Verwendung der darin enthaltenen Informationen.

DIE EUROPÄISCHE UNION UNTERSTÜTZT KAMPAGNEN ZUR FÖRDERUNG DES ABSATZES LANDWIRTSCHAFTLICHER QUALITÄTSERZEUGNISSE.


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  NEUER KÄ SE

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Trend

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Profil haben nur die Reifen. Beide Käse verdanken das ausgeprägte und extravagante Aroma ihrer Reife. Der eine (Seite 43) etwa ein Jahr, der andere (unten) deutlich länger.

Frei von Milch

Wer entscheidet, sich vegan zu ernähren, hat mittlerweile eine stattliche Auswahl an milchlos hergestelltem Käse, und die Auswahl wird stetig größer. Das bestätigt auch eine Studie, die Ende vergangenen Jahres veröffentlicht wurde. Auf den Punkt gebracht sagt die Stu­ die, dass der pflanzenbasierte Käsemarkt vo­ raussichtlich der größte aufstrebende Wachs­ tumsmarkt sei. Jedenfalls ein Markt mit »er­ heblichem Wachstumspotenzial«. Ein Trend also, der hier nicht unberücksich­ tigt bleiben darf. Neben diversen Fleischalter­ nativen hat auch veganer Käse längst einen festen Platz in den Regalen des Lebensmittel­ handels. Veganer Käse besteht hauptsächlich aus pflanzlichen Inhaltsstoffen. Aufgrund der aktuell großen Vielfalt lohnt es jedoch, genau auf die Liste der Inhaltsstoffe zu achten. Am besten darauf schauen, dass das Produkt bio­ zertifiziert ist und dass auf der Zutatenliste keine synthetischen Zusatzstoffe auftauchen. Je kürzer die Liste, desto besser. Aus sensori­ scher und kulinarischer Sicht empfehlenswert sind auf jeden Fall die veganen Frischkäse von Soyananda und Wilmersburger. Letztere sind quasi die PionierInnen der veganen Käsezunft.

Trend

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Craft Cheese – oder Handwerk extrem

Große Molkereien haben große Vorteile. Lebensmittelsicherheit, effiziente Kostenstruktur, gleichbleibender Ge­ schmack, Kontinuität und vieles mehr. Was sie nicht können, ist, zu jedem Käselaib, der die Molkerei verlässt, eine Geschichte zu erzäh­ len. Das vermögen nur leidenschaftliche Hand­ werkerInnen, die die Schafe, Ziegen, Kühe oder Büffel persönlich kennen, die die Milch für den Käse liefern. Sie kennen in der Regel auch jeden einzelnen Käselaib und entscheiden, wo er wie lange und zu welchen Bedingungen reifen darf. Günther Naynar ist so ein Nerd – ein Biopionier. Der Salzburger ist auch felsenfest in der SlowFood-Szene verankert. Ihm verdanken wir au­ ßergewöhnlichen Rohmilchkäse, bei dem kein Laib dem anderen gleicht. Oder – weiter östlich – im Kärntner Mittertrixen, wo die Familie Nuart (vulgo Hafner) grandiose Raritäten aus Bioschaf­ milch käst. Das »Schwarze Schaf«, ein in Asche gereifter Schaffrischkäse, der immer besser wird, je reifer er wird, ist eine Zierde seiner Art. Und dementsprechend schnell ausverkauft. Die Beispiele zeigen, dass Tradition und solides Handwerk auch in dynamischen Märkten ihren Platz haben. 


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  bi o p r o du kte de s ja h r e s

Text Thomas Weber

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best of bio: austria & bavaria Bio in voller Blüte: In Berlin wie in Wieselburg wurden die Bioprodukte des Jahres präsentiert – jene Bayerns und jene Österreichs.

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»Grüne Woche« in Berlin. Ausgezeichnet wurden die Bioprodukte des Jahres – im No­ vember jene aus Österreich und im Jänner jene aus Bayern. Ziel der Auszeichnung ist

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Bereits zum zweiten Mal zeichneten biorama und die Messe Wieselburg im Rahmen der »Bio Österreich« das Bioprodukt des Jahres aus.

chauplätze waren die Messe Wieselburg und die igw in Berlin. Den Rahmen bil­ dete da die niederösterreichische Bio­ messe »Bio Österreich« und dort die

Bewertet wurden Innovation, Design, Nachhaltigkeit und NomNom/Spaßfaktor.

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Würziges Tofu: hofeigenes Soja, handwerklich veredelt – u. a. mit der »Wiener Würze« (»Saft’l«) auf Lupinenbasis.

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es da wie dort, auf die Vielfalt der Biolandwirtschaft und regional veredelter Biozutaten hinzuweisen, Produzen­ tInnen und VermarkterInnen zu stärken – und ihnen eine überregionale Bühne zu bieten. Nominiert gewesen waren 95 (Österreich) bzw. 40 (Bayern) Alljährlich kürt die Produkte. biorama präsentiert Landesvereinigung für den die gekürten österreichischen ökologischen Landbau in Produkte sowie alle drei nach dem Bayern (als Dachverband bayerischen »Gold«-Standard der Bioverbände Bioland, Naturland, Biokreis und ausgezeichneten.

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  Zu c k e r

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Warum ist Biozucker so viel teurer als konventioneller Zucker? Text Thomas Weber

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raditionell war Ökozucker in Europa stets importierter Rohrzucker, konventioneller Zucker hingegen europäischer Rübenzu­ cker. Das lag vor allem an der – inzwischen aufgehobenen – Regulierung des Zuckermarkts in der Europäischen Union und den Verarbei­ tungsmonopolen (in Deutschland etwa Nordund Südzucker). Für konventionelle Betriebe, die über eines der sogenannten Rübenkontin­ gente verfügten, war es wirtschaftlich schlicht uninteressant, die Erzeugung zu ökologisieren und auf Bio umzustellen. Das ändert sich – und inzwischen gibt es ein steigendes Angebot und auch eine verstärkte Nachfrage nach Rübenzu­ cker in Bioqualität. Während sich die Preise von konventionel­ lem und biozertifiziertem Rohrzucker – mitt­ lerweile – kaum unterscheiden, gibt es bei Rü­ benzucker teils erhebliche Preisunterschiede. Was manch KonsumentIn irritiert, hat gleich mehrere Hintergründe, unter anderem histo­ rische. Denn Bio hat bei Rohrzucker eine lan­ ge Tradition und der Hauptunterschied in der Anbauweise besteht darin, dass auf Bioplan­ tagen zur Schädlingsbekämpfung auf synthe­ tische Spritzmittel verzichtet wird und man

stattdessen mit Nützlingen arbeitet, die das in den usa, Südamerika, Australien, auf den Phi­ lippinen und in Südafrika angebaute dickstän­ gelige Zuckerrohrgras schützen. Strategien und Methoden dafür wurden in den vergange­ nen Jahrzehnten erprobt, haben sich bewährt – und sorgten dafür, »dass die Erträge im Öko­ anbau inzwischen mit den konventionellen Er­ trägen recht gut mithalten können«, wie Mar­ kus Fadl vom deutschen Naturland-Verband ausführt. Zwar ist die Ernte auf Biorohrplan­ tagen ungleich aufwendiger. Denn das Rohr­ gras wird dort von Hand mit der Machete ge­ erntet, während konventionelle Plantagen ein­ fach zur Gänze niedergebrannt werden, bis nur noch die zuckerhaltigen Stängel stehen, die sich maschinell ernten lassen. Für den Preis im Laden macht das allerdings kaum einen Unterschied, erläutert Jörg Schultheiss, der bei Pfeifer Langen, einem der größten euro­ päischen Zuckerhersteller mit Sitz in Köln, für die Bereiche VerbraucherIn­ nenschutz, Ernährungs­ politik und Nachhaltigkeit

BilD Natur land

Bei regionalem Rübenzucker gibt es einen erheblichen Preisunterschied zwischen Bio- und konventionellem Zucker. Warum ist das so? Und: Warum gibt es ihn bei Rohrzucker nicht?


Zucker ist nicht essenziell. Aber wie viel Zucker ist schädlich? Ob und welche schädlichen Auswirkungen ein hoher Zuckerkonsum hat, ist Gegenstand lau­ fender wissenschaftlicher Diskussionen. Fix ist: Das Kohlenhydrat Zucker (= Saccharose) ist nicht essenziell. Das heißt: »Aus gesundheit­ lichen Gründen braucht kein Mensch Zucker. Dass uns die Vorliebe für ›süß‹ angeboren ist, hat uralte Gründe«, weiß Ernährungswissen­ schafterin Theres Rathmanner: »Für JägerIn­ nen und SammlerInnen war süßer Geschmack, also das Vorhandensein von Zucker, ein Indika­ tor dafür, dass etwas reif und bekömmlich ist.« Die Dosis macht das Gift Die Weltgesundheitsorganisation WHO emp­ fiehlt seit Langem: Höchstens zehn Prozent der Gesamtkalorien sollen aus »freien Zuckern« kommen, das sind zirka 50 Gramm oder zehn Teelöffel pro Tag. Vor einigen Jahren ergänz­ te die WHO, dass es noch besser wäre, nur die Hälfte der oben genannten Menge freier Zu­ cker – also 25 Gramm – zu konsumieren. Was aber sind sogenannte freie Zucker? »Freie Zucker« sind die, »die in Form von Saccharose, Fruktose, Glukose oder Sirupen Lebensmitteln zugesetzt werden sowie in Honig, Ahornsirup, Dicksäften und auch Fruchtsäften natürlicher­ weise vorkommen. Zucker aus frischem Obst, Gemüse und Laktose (der Milchzucker) in Milchprodukten sind damit nicht gemeint«, erklärt Rathmanner. Trotzdem ­schätzen laut jüngsten Umfragen der SPAR-­ Gruppe in Österreich 92% aller ­Befragten ­ihren Zuckerkonsum zu niedrig ein.

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  Zu c k e r

»Rübenrüssler« als Schädling In den vergangenen Jahren machte der Rübenrüsselkäfer den Rübenbäuerinnen und -bauern zu schaffen. Das 8 bis 12 mm große Tier ist wärmeliebend und profitiert vom Klimawandel sowie von landwirtschaft­ lichen Monokulturen. Dort frisst es abends und nachts die Blätter von Gemüse, Rüben und Wein bis auf die Rippen kahl. Bekämpft wurde der Rübenrüssler im kon­ ventionellen Landbau lange mit den für Bienen und andere Insekten verheeren­ den und als Nervengift wirksamen Neonico­ tinoiden. Zuletzt hat man die in südlichen Ländern bewährte Regulierung durch Pheromonfallen importiert.

zuständig ist: »Biorohrzucker wird in erster Li­ nie in tropischen Ländern wie Brasilien und Pa­ raguay von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern produziert, wo die Lohnkosten nicht so ins Ge­ wicht fallen.« Pfeifer Langen vermarktet Bio­ zucker aus Zuckerrohr, setzt als Hersteller in Europa derzeit aber vor allem auf konventio­ nellen Rübenzucker. Wobei Biorübenzucker auch bei Pfeifer Langen an Bedeutung gewinnt.

Viel Handarbeit, geringerer Ertrag, zeitigere Ernte Warum aber ist in Europa erzeugter Rübenzu­ cker um so viel teurer, wenn es sich um Biozu­ cker handelt? »Die Preisdifferenz ist den spezi­ fischen Anbau- und Produktionsbedingungen in der ökologischen Landwirtschaft geschul­ det«, so Schultheiss. Den Hintergrund dafür bilden die speziellen botanischen Bedürfnis­ se der Zuckerrübe. Zuckerrüben mögen am Acker keine Konkurrenz. Weshalb Unkrautbe­ kämpfung im Rübenanbau eine große Bedeu­ tung hat. »Im konventionellen Anbau wird das mit Pestiziden gemacht, weshalb Zuckerrüben eine der pestizidintensivsten Kulturen sind«, erklärt Naturland-Sprecher Fadl. »Im Bioan­ bau ersetzt die Hacke die Spritze. Dabei ist al­ lerdings noch sehr viel Handarbeit nötig, zwi­ schen 120 und 200 Stunden pro Hektar.« Trotz gps und Kamerasteuerung sei die Hacktechnik

»In der konventionellen Landwirtschaft sind Zuckerrüben eine der pestizidintensivsten Kulturen. Im Bioanbau ersetzt die Hacke die Spritze. Da ist viel Handarbeit nötig.« – Markus Fadl, Naturland-Verband

noch nicht so weit, dass die maschinelle Ha­ cke auch in der Reihe zwischen den einzelnen Pflanzen zuverlässig Unkraut entfernen kön­ ne. Hier muss immer noch der Mensch mit der Handhacke ran. »Es muss mehrfach gestriegelt und gehackt und pro Hektar ein Vielfaches an Arbeitsstunden in Handarbeit aufgewendet werden«, sagt Jörg Schultheiss. Auch eine direkte Bekämpfung von tieri­ schen Schädlingen ist nicht möglich. »Aufwen­ dige Maßnahmen wie eine weite Fruchtfolge, Ablenkung durch Beikraut oder Fallrinnen am Feldrand sollen die Probleme mindern. Ebenso dürfen keine chemischen Pflanzenschutzmit­ tel gegen Blattkrankheiten eingesetzt werden. Diesen kann nur durch ausgewählte Frucht­ folgen, tolerante Sorten oder spezifische Pflan­ zenstärkungsmittel Einhalt geboten werden.« Unmittelbare Folge: Die Rübenpreise für Öko­ rüben sind rund drei Mal höher als bei konven­ tionellen Rüben. Konkret bedeutet das pro Ton­ ne frisch vom Feld 90 Euro statt 30 bis 35 Euro. Ins Gewicht fallen zusätzlich der geringere Ertrag – bei Rüben liegt der Biolandbau etwa 30 Prozent unter den Erträgen der konventi­ onellen Landwirtschaft – und Mindererträge, die sich aus dem Verarbeitungssystem begrün­ den. Zuckerwerke verarbeiten nämlich sowohl konventionelle als auch biozertifizierte Rü­ ben. Damit es beim Abfüllen und Weiterver­ arbeiten trotzdem zu keinen Verwechslungen kommt, werden Rüben in sogenannten Kam­ pagnen geerntet, die von der Planung und den Kapazitäten der Zuckerwerke vorgegeben wer­ den. Den Saisonanfang macht die Bio-Kampa­ gne – weil durch das Werk dann noch keine konventionellen Rüben gelaufen sind und die Produktion dadurch garantiert »sauber« ist. Diese zeitige Ernte bringt Einbußen mit sich: Denn wenn die Biorüben Mitte September ge­ erntet werden, könnten sie eigentlich noch

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gut zwei bis vier Wochen weiter auf dem Feld wach­ sen – und mehr Zucker einlagern. »Durch den frühen Erntetermin gehen so, bezogen auf die Bio-Erntemen­ ge, noch einmal zehn bis zwanzig Prozent Ertrag und Zucker verloren«, erklärt Markus Fadl. Auch ist beim Verarbeiten der Bio-Kampagnen der Einsatz von Ver­ arbeitungshilfsstoffen stark limitiert. »Ablagerungen auf den Produktionsanlagen beeinträchtigen die Ef­ fizienz der Zuckergewinnung und der eigentlich kon­ tinuierliche Produktionsprozess muss unterbrochen werden«, so Jörg Schultheiss von Pfeifer Langen. Das bedeutet einen zusätzlichen Reinigungs- und einen höheren Energieaufwand. Außerdem braucht es separa­ te Lagerstätten für konventionelle und Bioware. Damit in der Raffinerie deren Verwechslung garan­ tiert ausgeschlossen werden kann, gibt es im Zucker­ werk einen Sicherheitspuffer – welcher noch einmal zu Einbußen von bis zu zwanzig Prozent führt. Zwar nicht beim Ertrag, allerdings bei der Menge, die als Bio zer­ tifiziert werden kann. Denn ist ein Zuckerwerk einmal angelaufen, soll es möglichst »durchlaufen«. »Die Verar­ beitung von Ökorüben und konventionellen Rüben geht gewissermaßen ›nahtlos‹ ineinander über«, berichtet Naturland-Sprecher Markus Fadl. »Damit es dabei zu keiner Warenvermischung kommt, wird sicherheitshal­ ber ein Puffer eingebaut, sodass der letzte Teil der Öko­ rüben tatsächlich als konventioneller Zucker vermark­ tet wird.«

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Zucker, chemisch und biologisch betrachtet Nicht zuletzt wirkt sich auch die steigende Nachfrage – vor allem aus der Getränkeindustrie – auf den Bio­ zuckerpreis aus. Einerseits, weil die Unternehmen da­ mit dem Bedürfnis nach Regionalität nachkommen; also: regionale Rübe statt importiertem Rohrzucker. Anderer­ seits, weil Rübenzucker farbneutraler ist als Rohrzucker. Das ist praktischer beim Herstellen von Limonaden. Chemisch lässt sich die Saccharose ohnehin nicht unterscheiden – egal ob das reine Kristall ursprünglich von konventionellem Weißzucker, weißem Biorübenzu­ cker oder Biorohrzucker stammt. Biologisch betrachtet schützt, wer zu Biozucker statt zu konventioneller Ware greift, aber das Grundwasser, den Boden und bewahrt die Biodiversität.

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  bi o l e itme sse

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BioFach – Die stets andere Messe und ihre Menschen Die weltweit größte Biomesse findet jährlich in Nürnberg statt. Dort tummelt sich die Branche. Das kann man sich wie folgt vorstellen.

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Die zielstrebigen Bio-SchlüsselspielerInnen Während die meisten durch die Hallen flanieren, sich vom Angebotenen inspirieren las­ sen (oder eben nicht), wissen die Key Player genau, wohin sie wollen, zu wem und warum. Bei ihnen jagt ein Termin den anderen, sie verschwinden mit ihren Gesprächspartner­ Innen in abgetrennte Räume oder in ruhige (haha!) Verhandlungsecken. Am Vormittag sind sie noch frisch und unverbraucht, Mitte des Nachmittags dagegen in der Regel bereits vom Verhandlungsmarathon gezeichnet. Kei­ ne Rede davon, dass die Frisur sitzt. Aber sie sind es, die dafür sorgen, dass die Messe im nächsten Jahr wieder stattfinden wird. Ihre Aufträge motivieren die AusstellerInnen, er­ neut nach Nürnberg zu pilgern. Es ist die Weltleitmesse. Mit jeder Menge schräger Leit‘.

Bilder  istock.co m/O ks ana Latys heva, istock.co m/au rie laki

Text Jürgen Schmücking

s gibt viele Messen, um Lebensmittel zu vermarkten. Je nach Zielpublikum pen­ deln sie zwischen distinguierten Treffen von Edelgaumen (etwa die Slow-FoodMessen in Stuttgart oder Turin) und organi­ sierten Massenbusiness-Speed-Dates, bei de­ nen leere Verpackungen am Tisch hin- und hergeschoben werden. Und dann gibt es die BioFach. Diese Messe ist anders. Das war da­ mals schon so, bei der Müsli 83, der Vorläu­ fer-»Messe«. Das ist auch heute noch so, wo sich die BioFach als »Weltleitmesse« der Bioin­ dustrie positioniert. Nur ist sie jetzt anders, die BioFach. Der Au­ tor kennt die Messe eine Ewigkeit und vor al­ lem aus allen erdenklichen Perspektiven – als Aussteller, Subaussteller, Mitarbeiter eines Ausstellers, Vortragender, Besucher, Journalist, Verkoster und einmal sogar als Fotograf im Auf­ trag der Messe selbst unterwegs. Hier fasst er zusammen, welchen BesucherInnentypen man auf der Messe – immer wieder – begegnet.


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Die »irgendwas mit Medien«-Bio-ConsulterInnen Warum er oder sie auf der Messe ist, ist eigentlich niemandem wirklich klar. Vermutlich auch ihm/ihr selbst nicht. Zu erkennen ist der Typ relativ einfach. Schicker Business-Style, zwi­ schen Mitte 30 und Mitte 40 (hin und wieder auch älter), bewegt sich relativ schnellen Schrittes durch die ­Hallen und hat dabei – meist – ein Smart­phone am Ohr. Bekannte (und davon gibt es eindrucksvoll viele) werden im Vorbei­ flug begrüßt. Guten Bekannten wird, ebenfalls ohne stehen zu bleiben, versprochen, dass man später vorbeischaut. Wenn nichts daraus wird, sei’s drum. Man trifft sich ohnehin auf der Standparty in Halle 1. Oder 7. Oder 8? Egal.

Die Musterjäger Die BioFach ist, wie der Name schon sagt, eine Fachmesse. Das bedeutet, dass nichts an den Ständen verkauft wer­ den darf. Großteils halten sich auch alle daran. Was aber trotzdem abgestaubt wer­ den kann, sind Produktmuster. Kleine wie große. Begegnet man auf der Messe Besuchern (Hier wird bewusst nicht gegendert, weil 99,9 Prozent der Musterjäge­ rInnen Männer sind), die mit großen Taschen in der Halle unterwegs sind, in der die Biokos­ metik ausgestellt wird, kann man davon ausge­ hen, dass sie in fremdem Auftrag (der eigenen Frau) unterwegs sind.

Die geselligen GenieSSerInnen Ja, man kann die BioFach auch zur viertägigen Dauerparty machen. Der erste Abend im Barfüßer in der Nürnberger Innenstadt, seit Jahren zuverlässiger Treffpunkt aller aus­ stellenden WinzerInnen, dann der Abend mit den Standpartys (Bio Austria, Bioland) und das Clubbing in der Vivaness-Hal­ le sind die Burner. Tagsüber müssen eben die lukullisch interessanten AusstellerInnen her­ halten. Die Halle, in der sich Italien präsen­ tiert, ist ein sicherer Tipp. Oder die Biobiere in den Deutschland-Hallen. Zu erkennen sind diese BesucherInnen an ihrer ständig präsen­ ten Fröhlichkeit, ihrer Lautstärke und – etwa ab 14 Uhr – am nicht mehr ganz so standfesten Gang.

Die melancholischen 83er Als die BioFach noch »Müsli« bzw. »Pro Sanitas« hieß, war ihre Welt noch in Ordnung. Die Branche traf sich, und jedeR kannte jedeN. Auf der Messe wurde über die Zukunft geredet. Verkaufen war Nebensache. Die letzten Mohi­ kanerInnen dieser glorreichen Zeit sitzen noch vereinzelt an ihren kleinen Ständen und wir­ ken ein wenig verloren in den gewaltigen Hal­ len. Sie sitzen bei ihren Waren und beobach­ ten staunend, wie die Szene an ihnen vorbei­ zieht. Hin und wieder machen sie sich auf den Weg, um WeggefährtInnen zu treffen. Dann kann man sie laut lachen hören, und ihre Au­ gen strahlen. Wie damals, vor fast 40 Jahren.


Mar k t platz F o o d

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56 Text und bild Jürgen Schmücking

Die Stände der Dinge Neue Bioprodukte von den Labstellen des Nürnberger Hallenmarathons.

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ie hier vorgestellten Produkte haben in­ haltlich nichts gemeinsam, außer dass man sie bei einem Rundgang durch die Hallen der BioFach-Messe zu sehen be­ kommt. Vom Kuchen im Glas bis zur veganen Alternative zum Honigwein. Zu finden an den Ständen der AusstellerInnen– und demnach womöglich demnächst auch im Lebensmittel­ geschäft Ihres Vertrauens.

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Lebensbaum 5-Gewürze-China-Küche

Aus dem Hause Lebensbaum kommen seit jeher großartige Gewürzmischungen. In der Regel geben sie Gerichten den entsprechenden Spin. In diesem Fall in Richtung chinesischer Küche. Wobei »chinesische Küche« aufgrund der Vielfalt regionaler Küchenstile eigentlich recht unpräzise ist. Die neue Gewürzmischung lässt sich am besten dem Süden, der inten­ siv-aromatischen Chuan-Küche der Region Si­ chuan, zuordnen. Ceylon-Zimt, Sternanis und Gewürznelke, Fenchel und Pfeffer. Wobei Zimt und Nelke – naturgemäß – stark dominieren. Sehr gelungen.

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Bioreis ÖsterReis

Normalerweise steht auf der Reispackung ein Ablaufdatum. Nein, natürlich das mhd, das Mindesthaltbarkeitsdatum. Das findet man auf der ÖsterReis-Flasche (Flasche, genau) zwar auch, aber viel prominenter ist das Mahl­ datum. Weil frisch polierter Reis einfach um einiges aromatischer ist und dazu noch großar­ tige Kocheigenschaften hat. Überhaupt hat der Reis einiges, was andere nicht haben: umweltund ressourcenschonenden Anbau, regionale Wertschöpfung und die geballte Leidenschaft eines kleinen Familienunternehmens. Gutver­ gnüglich, das alles.

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»Bio-Barbecue-Sauce« frusano

Sie ist nicht nur bio, sondern auch noch glu­ ten- und lactosefrei. Allerdings nicht ge­ schmacksfrei. Ganz und gar nicht. Tiefdunkles Bordeaux­rot, weich und sämig, im Geschmack leicht süßlich und etwas scharf. Wobei die Schärfe fast elegant wirkt. Basis sind Tomaten, genauer gesagt Mark und Schältomaten. Aroma und Schärfe kommen von geräuchertem Pap­ rikapulver, Pfeffer und einem Schuss Ingwer. Ja, sie ist auch vegan. Passt perfekt zu mediumrare gebratenen Porterhouse-Steaks. Nein, das ist kein Widerspruch.

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Was immer die Motivation dahinter war, Torten in Marmeladegläser(n) zu backen/zu packen, die Idee ist eigentlich genial. Es ist nämlich so, dass Hanauer ganz hervorragende Torten macht, man aber oft in der Situation ist, dass eine ganze Torte einfach zu viel oder zu groß ist. Außerdem bröseln Tortenstücke und versauen den Schulranzen, wenn man sie dem Kind als Jause mitgibt. Die Löffelkuchen lösen das Problem ganz elegant. Sie werden einfach im Glas gebacken, schmecken großartig und haben das Potenzial, den Tag zu retten.

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Preussische Whiskydestillerie Preussischer Whisky

Die Farbe erinnert an dunkles Mahagoni. In der Nase komplex ohne Ende. Getrocknete Berberitzen und Zibeben, ein Hauch Rauch und eine dezente Vanillenote. Hier hat man eindeutig auch die Reifung gut im Griff. Jeder Preussische Whisky ist eine Einzelfassabfül­ lung, kommt in nummerierten Flaschen und in Fassstärke (55 % Vol.) auf den Markt. Auch die Ausstattung kann sich sehen lassen. Das Logo ist ein wildes, schwarzes Pferd. Auf den ersten Blick ein Einhorn. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass es den preußischen »Helm mit Spitz«, die gute alte Pickelhaube, trägt. Unbedingt probieren

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Hanauers Löffelkuchen (I love Sachertorte)

Veganer Elfentrunk Vegablum

Wenn man nicht wüsste, dass die Elben ein furchtloses Volk waren, es wäre durchaus vor­ stellbar, dass Legolas und seine Kämpfer sich am Abend vor der Schlacht in Helms Klamm mit dem Trunk ein wenig Mut angetrunken haben. Er ist süß und würzig. Klar, es soll­ te ja auch die vegane Alternative zu Met, dem Honigwein, sein. Weil man für Honigwein Honig und für Honig Bienen braucht. Geht aus veganer Sicht gar nicht. Also werden Blüten verwendet, nachdem sich die Bienen bedienen durften. Auf Apfelsaftbasis. Dieser »Wonig« wird – wie beim Met – vergoren, mit Gänse­ blümchenblüten- und Zimtextrakt verfeinert et voilà: der Elfentrunk.

Die BioFach findet als weltweit größte Messe für ökologische Konsumgüter jährlich im Februar in Nürnberg statt. Die Messe ist für FachbesucherInnen geöffnet – was sich dort so tut, ist aber deswegen noch lange nicht nur für diese interessant.


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  r e is e Ge päck

Text

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Irina Zelewitz

Robuste Begleitung

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Wenig überraschend ist es das fwf-Mitglied (Fair Wear Foundation) Vaude, das auch in diesem Bereich auf pvcund pfc-Freiheit (Fluorcarbone) setzt. Die wasserabwei­ sende Reisetasche Desna ist durch die Karabiner beim Tragegurt gut längenverstellbar. Wer kann, kann sich auch diese 90-Liter-Variante an den Rücken schnallen. 

Auch der wasserabweisende Weekender in Organic Sage der Schweizer MaterialfetischistInnen qwstion kann mit Tragegurt über die Schulter oder als Rucksack getra­ gen werden. Beeindruckendes Innenleben – etwa ein gepolstertes Fach für Notebooks bis 17 Zoll. Der Stoff besteht zur Hälfte aus Biobaumwolle, zur Hälfte aus Recycling-Baumwolle, die Gurte sind aus Nylon.

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Die Black Hole Duffel Bag von Patagonia ist, wie seine KollegInnen der Serie, zu hundert Prozent aus Recyclingmaterial gefertigt. Gewebe und Futter aus aus Recycling-Polyester und Gurtbandgriffe aus Re­cyclingNylon. Zum Rucksack umfunktionierbar. Verstärkte Ösenbänder außen zur Befestigung von weiterem Gepäck. Abgebildet in der 55-Liter-Variante in Hammond Gold. Das Hauptgewebe ist bluesign®-zertifiziert.

Die Duffle RG von Ortlieb gibt’s in drei Größen – 34 Liter, 6o Liter (abgebildete Größe) und 85 Liter Fas­ sungsvermögen. Sie soll die Vorteile eines Ruck­ sacks mit denen des Roll­ koffers verbinden. Das tut sie und ist dabei auch noch ein Leichtgewicht. Das wasserfeste Gewebe ist aus pvc, Ortlieb argumen­ tiert das mit der unver­ gleichbaren Langlebigkeit des Materials. Die Imprä­ gnierung erfolgt pfoa-frei. Gibt’s auch in schwarz.

Bilder  Vau de , qwsti on, Patagonia, Ortlieb

Tragetaschen aus biofairer Baumwolle können viele. Widerstandsfähiges und nachhaltig produziertes Reisegepäck nicht so viele. Vier Gepäckstücke, die eine Weltreise mitmachen würden.


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RN FA MILIE

um die W elt.


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 mar k t p latz ko sm eti k

Und Pasta! Zahnpasta soll einfach nach Zahnpasta schmecken. Zahnpasta kann anders und ziemlich gut schmecken. Bei Zahncreme gibtes zwei Fraktionen. Eine Annäherungshilfe.

Die Neem & Pomegranate Toothpaste von Himalaya hin­ gegen schmeckt schon ungewöhnlicher. Den Extrakt der wirkmächtigen Neemwurzel schmeckt man und den muss man eben mögen – viele schwören drauf. Fluoridfrei und naturkosmetikzertifiziert nach ecocert-Standard, herge­ stellt in Indien.   himalayaherbals.com

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er, um in den Tag und in die Nacht zu starten, ex­ tra ultra minzfrisch Zahnpasta braucht, die durch alle Atemwege und Nervenbahnen zischt, wird mit den hier vorgestellten Zahncremen nicht glücklich werden, sich generell im Naturkosmetiksortiment schwertun. Allen anderen sei – bei speziellen Bedürfnissen unter zahn­ ärztlicher Konsultation etwa in der Frage: mit oder ohne Flu­ orid? – ans Herz gelegt, von den Putzgewohnheiten mal abzu­ weichen und sich durchzukosten. Es warten Überraschungen in der breit gefächerten schönen neuen Zahncremewelt. 

Im besten Sinne nahe heran an das, was man von un­ komplizierter Zahnpasta gewöhnt ist und erwar­ tet, kommt Complete Care von Lavera. Leicht min­ ziger Geschmack, cremig, schäumt gut – und ent­ hält Fluorid. In Deutschland produziert, vegan und naturkosmetikzertifiziert nach natrue-Standard.   lavera.de


Text Irina Zelewitz

Die Auromère Kräuter-Zahncreme von Apeiron ge­ hört zu den Klassikern der Naturkosmetik-Zahnpasten. Sie schmeckt intensiv nach Kräutern, und nicht »nur« nach Minze, sondern nach Zimt und Anis, irgendwie medizinisch – und schäumt gut. Das beruhigt nervöse PutzerInnen. Für die, denen das hilft: Die Zahncreme ist »homöopathieverträglich«. Apeirons Auromère Kräuter-Mundspülung Sensitiv enthält keinen Alkohol und ist somit auch für Kinder bestens geeignet, mit ayurvedischen Pflanze­ nextrakten, darunter auch Süßholz und Nelke. Durch diesen leicht winterlichen Geschmack ist es die An­ tithese zu den oft scharfen Mundspülungen der gro­ ßen konventionellen HerstellerInnen, und auch die versprochene Wirkweise ist eine andere: Es soll die Mundschleimhäute beruhigen und die Regeneration angegriffener Mundbereiche unterstützen. Wie die Zahncreme ist auch die Mundspülung vegan, nach dem bdih-Standard zertifizierte Naturkosmetik. Keine Flui­ de und Tenside zugesetzt. Hergestellt in Deutschland.   natur-apeiron.de

Bild Michael Mickl

Mit der Zahncreme aus Kokosöl hat Niyok eine ziemlich gute Antwort auf den Zahnpflegetrend DiY-Kokosöl-Zahn­ pasta gefunden, dessen offensichtlichster Nachteil in der hygienischen Abfüllung und Entnahme eines selbst­ gemachten Kokosbreis liegt: Denn die Niyok kommt in einer Tube, die nur zur Hälfte aus Polyethylen und zur anderen aus Kreide gefertigt ist, und mit einer Rückseite, die die Inhaltsstoffe nicht kryp­ tisch ins Kleingedruckte verbannt, sondern übersicht­ lich listet und sogar einordnen hilft. Außerdem sind die drei Geschmacksrichtungen (ohne künstliche Aromen) einfach mal was anderes: Zitronengras & Ingwer (Tipp!), Blut­orange & Basilikum (gewagt) und Pfefferminze & Zitrone (erfrischend) sind nach dem cosmos-Standard zertifizierte Naturkosmetik. Vegan. Hergestellt in Deutschland.   niyok.de


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UnD sonst so, im bioramaUniversum ...

team

BIORAMA kocht nach

Auf der BIORAMA Weihnachtsfeier wurde gekocht. Fünf Gänge. Einen möchten wir teilen. In Anlehnung an Sophia Hoffmanns vegane Krautfleckerl haben wir Blaukrautfleckerl ge­ macht – und die vermeintlich obligatorische Butter beim Kochen weggelassen. Das ging so:

pro BIORAMA-Teammitglied braucht man: • 150 Gramm Fleckerl (Falls vegane Fleckerl nicht zu bekommen sind, kann man auch Bandnudeln in ein Geschirrtuch wickeln und zerbrechen) • 1/4 eines Blaukrautkopfs (Rotkohl) • 1 kleine Zwiebel • 2 Esslöffel Sonnenblumenöl • 1 Teelöffel Zucker • 1 Prise Salz • 1 Prise Kümmel • 1 guter Schuss Weißwein • 1 Schöpflöffel voll Nudelwasser

»Zero Waste Küche« von Sophia Hoffmann ist 2019 im CS Verlag erschienen. biorama hat sich für seine Weihnachtsfeier von Sophias Rezept für vegane Krautfleckerl inspirieren lassen.

Begonnen wird mit dem Kraut (Kohl) – wir haben aus Verfügbarkeits­ gründen weiß und blau gemixt. Aus den Kohlköpfen wird der Strunk ent­ fernt, der Rest in rund 2 cm große Stücke geschnitten und in einer großen Schüssel eingesalzen. Die Zwiebeln werden fein gehackt. In einer Pfanne wird das Öl erhitzt (nicht zu heiß!) und das Kraut ge­ meinsam mit dem Zwiebeln, Zucker und den Gewürzen langsam bei nied­ riger Temperatur geschmort. Die Nudeln werden maximal bissfest gekocht, vor dem Abseihen landet noch ein Teil des Kochwassers der Nudeln bei den Fleckerln, gemeinsam mit einem Schuss Weißwein. Nun zusammenfügen, was zusammen ge­ hört! Krautfleckerl ohne Butter war für manche im Team kaum vorstell­ bar. Bis zu dieser Weihnachtsfeier.

Bilder Bio ra ma

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  u nd s o nst so


Gesellig gesessen, gut gegessen. Das war die BIORAMA Weihnachtsfeier. Ganz Links im Bild unten: Yasmin Vihaus, Autorin unserer diesmaligen Coverstory.


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  u nd s o nst so

64 Kooperation

Klassische Prozesse überspringen »Re:Post« ist ein Upcycling-Projekt von Poolbar Festival, Post und BIORAMA, in dessen Rahmen DesignerInnen neue Produkte entwerfen … und zwar aus alten den alten Uniformen der MitarbeiterInnen der Österreichischen Post AG, die derzeit in ganz Österreich eingesammelt werden.

Lisa Klingersberger leitet den Re:Post-Workshop in Wien.

biorama: Welche Möglichkeiten, aber auch

Einschränkungen bietet das Arbeiten mit alten Uniformen? Lisa Klingersberger: Bei klassischen Designpro­ jekten geht man von dem sauberen, unverar­ beiteten Material aus und denkt den gesamten Produktions- und Entsorgungsprozess mit. Wenn gebrauchte Uniformen das Ausgangsma­ terial sind, werden einige Schritte vom klas­ sischen Designprozess übersprungen, andere kommen dazu, wie etwa das Zerteilen der Uni­ formen, die Analyse der Materialität und der Innenschichten und die kreative neuartige An­ wendung von Einzelteilen.

Eine Anforderung an die Upcycling-Konzepte ist die künftige serielle Produktion. Welchen Einfluss hat das auf die Entwürfe? Um eine serielle Pro­ duktion zu gewährleis­ ten wird die Herstel­ lung schon früh im Designprozess mit ein­ gebunden. Angestrebt wird eine maschinelle Fertigung, mit logischem Aufbau aus weni­ gen Teilen und nachhaltigem Materialein­ satz. Durch Prototypen auf Papier und in den originalen Materialien werden Fertigung und Funktionen getestet und evaluiert. Dies führt zu einfach produzierbaren und sinnvollen Produkten. Im Rahmen von »Re:Post« findet von 17. bis 25. Februar der erste Workshop statt. Dessen ­Ergebnisse werden am 15. März nach einem Nachbearbeitungslabor präsentiert.

Bild Lewi s s cott

Gesucht werden Upcycling- und Recycling­ konzepte, damit diese Textilien nicht bloß ent­ sorgt werden. Studierende unterschiedlichster gestalterischer Disziplinen forschen nach Op­ tionen, wie die alten Kleidungsstücke sinnvoll weiterarbeitet werden können. Industrie- und Textildesignerin Lisa Klingersberger leitet den Workshop.


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BIORAMA BIOKÜCHE 2020

OUT NOW: Die zweite Ausgabe des BIORAMABookazines für alle ÖsterreicherInnen, die Wert auf biologische Küche legen! Wir zeigen die Vorzeigebetriebe der Biogastro­ nomie, Biomärkte und Biocatering genauso wie jene, die deren Grundlagenarbeit machen: Bio­ produzentInnen von Vorarlberg bis zum Neu­ siedler See. Ein Schwerpunkt widmet sich dem Comeback von Lamm & Ziege, Rezepte gibt’s obendrauf!

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Auch wenn biorama ein Gratis­ magazin ist, kannst du es abonnie­ ren. Für 25 EUR im Jahr bist du dabei und unterstützt unsere un­ abhängige redaktionelle Arbeit.   biorama.eu/abo

27. + 28. März

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  e lt e r n a lltag

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MC, das Versuchskind Ich habe da eine Idee, die ich gerne mit euch teilen möchte. Wobei ich mir sicher bin, also ziemlich, dass jeder von euch auch schon drüber nachgedacht hat.

Autorin Ursel Nendzig, Mutter zweier Söhne, berichtet live aus der Achterbahn.

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Es würde keinerlei erzieherische Ein­ lternsein ist im Grunde nichts weiter als ein groß griffe in MCs Entwicklung geben. Das angelegtes Experiment. Mit dem einzigen, aber Kind dürfte essen, was immer es woll­ gravierenden Nachteil: Man hat im Grunde nur te, jederzeit Süßkram, nur Softdrinks einen Versuch. Natürlich hat man vielleicht die zu sich nehmen, Nudeln mit Zucker, die Möglichkeit, mehr als ein Kind zu beeltern, aber ganze Show. Ich brauche nicht zu erwäh­ die Varianz, die das zulässt, ist doch bescheiden. So nen, dass MC keine Tischmanieren erler­ schnell kann man gar nicht schauen und die Kinder nen müsste, es dürfte sogar vor dem Fernse­ sprechen sich ab und tauschen sich aus – es ist daher her essen. Apropos: Ja, der Fernseher würde unmöglich, das eine völlig anders als das andere zu durchgehend laufen, wenn MC das möchte. behandeln. Was schade ist! Ach, und die Sprache. Ich würde gerne Wäre es nicht wahnsinnig lustig, die ganze ausprobieren, ob es wirklich lustig ist, dem Eltern­schaft noch mal von vorn zu starten, und die­ Kind falsche Begriffe beizubringen. Bei mei­ ses Mal alle Parameter verändern, dann schauen, nen Söhnen habe ich mich das nicht getraut. was rauskommt? Ich tagträume von dieser Idee Oder fast nicht. Wir haben ihnen gesagt, dass ehrlich gesagt schon länger. Und wir (ich schrei­ ein Erdmännchen »Servas«, mehrere »Serva­ be »wir«, um den Anschein zu erwecken, es gäbe sens« heißen. Sie verwenden diese Begriffe eine Gruppe Gleichgesinnter hinter diesem Plan, tatsächlich so, als wäre das völlig normal. Man was nicht stimmt. Trotzdem habe ich diese Idee einmal mit meinen Schwä­ gerinnen geteilt und sie haben »Das Kind dürfte essen, was nur leicht mit den ­Augen gerollt, weswegen ich annehme, es gibt immer es wollte, jederzeit noch mehr da draußen, die tags Süßkram, nur Softdrinks zu sich das Gleiche träumen wie ich) haben diesen Plan auch schon nehmen, Nudeln mit Zucker, recht weit ausgearbeitet. die ganze Show.« Zuallererst würde ich das Ver­ suchskind über sein Geschlecht muss aber zugeben, dass sie nur sehr selten in die im Unklaren lassen. Ich würde ihm in Verlegenheit kommen, Erdmännchen zu sehen. So­ wilder Abfolge Rüschenkleider, Leder­ wieso, seit sie lesen können, machen wir im Zoo ­einen hosen, SuperheldInnenkostüme und Bogen um das Gehege der Servasens. Aber bei MC wür­ Uniformen anziehen, ohne es zu kom­ de ich das ganz groß anlegen. mentieren. Dafür bräuchte es selbst­ Ach, ich hätte noch tausend Ideen. Und ja, ich weiß. verständlich einen neutralen N ­ amen. Man kann das nicht ernsthaft machen. In der Umsetzung Auch den habe ich mir bereits aus­ scheitert es schon an der Unwilligkeit, noch mal schwan­ gedacht, ein Doppelname sogar: ger zu sein. Weil ich das ja kenne: Kaum ist das Kind ge­ Mango-Chutney, »MC« genannt, boren, will man automatisch sein Bestes. Dann stillt man ­natürlich englisch ausgesprochen. es dreitausend Jahre lang, gibt ihm keine Süßigkeiten, bis MC dürfte sich freilich bereits im es hundert ist, übt sprechen und schön essen mit ihm. Aber Kinder­garten schminken, wenn es man darf ja wohl noch träumen.  das wollen würde.

ill ustrati on Nana Mandl

Text Ursel Nendzig


Profile for BIORAMA – Magazine for sustainable lifestyle

BIORAMA #65  

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