Bi o r a m a 61
J e nse i t s vo n Eden -R efo rmbu tter
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Die Kräuterfresser der Kaiserzeit Die Kolonie »Eden« in Oranienburg existiert heute noch.
Bilder eden GE no ss ensc haft, Dirk Enge lhar dt
Text Dirk Engelhardt
Rainer Gödde lebt seit seiner Geburt in der Kolonie Eden.
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aradiesische Früchte aus dem Garten Eden? Auf den ersten Blick wirkt die verwinkelte Siedlungsanlage mit den vielen kleinen Einfamilienhäuschen unterschiedlichen Alters wie eine Schrebergartenanlage, nur in groß. Hier soll also vor über 125 Jahren die vegetarische Bewegung in Deutschland ihren Anfang genommen haben? »Sind wir wirklich überzeugte Vegetarier, so wissen wir, dass die vegetarische Kultur sehr viel einbringt, nicht nur Gesundheit und frohen Mut, nein, auch Wohlstand, Geld und Gut«, dichtete der Vorstand der Kolonie Eden in einem Werbebrief anno 1894. Und weiter: »Zeigen wir doch, welchen erziehlichen Einfluss der Vegetarismus hat, indem wir alle miteinander für unsere Überzeugung eintreten und ein dauerndes Werk schaffen, welches ein Hort und ein Segen für alle ist.« Das waren fromme Wünsche. Im Jahr 2019 ist man in der Kolonie Eden schon etwas nüchterner. Rainer Gödde wurde in der Kolonie Eden geboren und lebt heute noch hier. »Es waren 18 Menschen, hauptsächlich aus Berlin, die damals die Kolonie gründeten«, berichtet er aus der Koloniegeschichte. Der Vorsitzende war der Lebensreformer Bruno Wilhelmi. Von Obstanbau hätten die meisten allerdings keine
Ahnung gehabt; »das konnte man schon daran erkennen, dass sie Land kauften, dessen Erde kaum fruchtbar war und das auch noch morastig war«, sagt Gödde. So karrte man damals Tonnen von Pferdeäpfeln aus der Hauptstadt nach Oranienburg und verteilte sie als Dung auf dem Kolonieboden. Außerdem zog man Entwässerungsgräben. Den Namen Eden wählten die GründerInnen bewusst als Anspielung auf den biblischen Garten Eden. Die Illusion eines großstadtfernen, natürlichen Lebens lag in der Luft. Eine Genossenschaft sollte allen Mitgliedern ein Auskommen ermöglichen. Die NachbarInnen aus Oranienburg hatten schnell einen neckischen Namen für die Edener Kinder gefunden: »Kräuterfresser«. 1893 war Berlin gerade dabei, zu einer riesigen Industriemetropole zu wachsen. Überall qualmten Schornsteine, ArbeiterInnen hausten in dunklen Hinterhofwohnungen mit miserablen sanitären Anlagen. Da kam ein alternatives Lebensmodell, das nicht nur gesunde Ernährung umfasste, sondern auch neue, selbstbestimmte Formen des Arbeitens, gerade recht, sollte man meinen. Dinge, die heute mit den Stichwörtern vegane Ernährung und Sharing Economy wieder in aller Munde sind. Den Boden bereitete, im doppelten Sinne, in den 1860er-Jahren ein gewisser Eduard Balt-