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ALPINE FASHION    JENNY’S ST. MORITZ    BUILT 1919, BORN 2019    SUSCH-VISIONÄRIN


«Langeweile ist ein Verbrechen. Wenn man sich langweilt, heisst das nur, dass man selber langweilig ist»

KARL L AGERFELD MODESCHÖPFER, DESIGNER, FOTOGRAF, KOSTÜMBILDNER (1933–2019)


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EIN BILD

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1000 WORTE

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rkennen Sie, wo dieses Bild aufgenommen wurde? Falls ja, besitzen Sie ein schärferes Auge als unsereins. Im schwammigen Schwarz des Hintergrundes lässt sich nur schwer eine Landschaft erkennen. Das ist keine Kritik, schliesslich wäre eine solche Aufnahme bei Tageslicht gar nicht erst möglich. Könnte das Foto demnach an jedem x-beliebigen Ort geschossen worden sein, Hauptsache hübsch, Hauptsache, die violett-blauen Lichtstreifen behalten ihre Dynamik bei? Und wenn wir gerade von den Lichtstreifen sprechen: Was genau sehen wir denn überhaupt auf dem Foto und, fast noch wichtiger, was sehen wir nicht? Gehen wir am besten schön der Reihe nach. Das, was wir als leuchtende Bahnen wahrnehmen, sind Langzeitbelichtungen von Drohnen, die nach dem Eindunkeln mit bis zu 160 Kilometern pro Stunde ihre Runden auf dem Crap Sogn Gion drehen, fotografisch festgehalten von der Zürcherin Annick Ramp im Rahmen des im März 2019 dort ausgetragenen internationalen Drone Grand Prix. Laax als Veranstaltungsort der Champions League des Drohnenwettkampfes scheint auf den ersten Blick wie eine seltsame Wahl, ergibt auf den zweiten Blick jedoch sehr viel Sinn. Schliesslich steht das Bündner Skigebiet wie kein anderes für Freestyle, Technologie sowie eine junge, fortschrittliche Community und passt nach der Chinesischen Mauer und den Champs-Elysées perfekt in die Reihe spektakulärer Locations für den Event. Aber zurück zur Frage, ob der Ort in diesem Falle für die Aufnahme irrelevant ist. Immerhin sieht man ja nichts vom Crap Sogn Gion. Die vorbeiflitzenden Drohnen gäben vor einem abgedunkelten Maisfeld oder über einem in Schwarz gekleideten See ein bestimmt genauso pittoreskes Bild ab. Wenn man aber weiss, dass die angetretenen Teams – die acht besten aus der ganzen Welt – ihre Quadrokopter selber bauen mussten, und zwar so, dass deren Technik den extremen Temperaturen standhielt und mit der geringen Luftdichte sowie den wechselhaften Windverhältnissen zurechtkam, wird das Abgebildete gleich noch beeindruckender. Das Relevanzdiktat dominiert die Kunst eben seit je. Oder anders ausgedrückt: In den meisten Fällen macht der inhaltliche Hintergrund das Werk erst zur Kunst. Die jüngst vom türkischen Grafikdesigner und Künstler Vahit Tuna an die Fassade

Fo t o g ra f i e : A nni c k Ra m p /N Z Z Te x t : Li nd a S o l a nk i

eines Istanbuler Hochhauses geklebten Damenschuhe beispielsweise – 440 Paar an der Zahl – würden höchstens von Modefans diskutiert werden, stünden sie nicht für die (offizielle) Anzahl in der Türkei im Jahr 2018 begangener Morde an Frauen. Ramps Fotografie ist im Gegenzug dazu zwar kein politisches Statement, dafür aber ein Zeugnis des unaufhaltsamen Fortschrittes. Apropos unaufhaltsamer Fortschritt: Dieser stösst nicht überall auf Gefallen. Glaubt man einer Umfrage der Axa-Versicherung, so sind Drohnen unserer Bevölkerung ein Dorn im Auge. 62 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer stören sich an den ferngesteuerten Luftfahrzeugen, stufen sie gar als gefährlich ein. Auch bei Tierschützern kommen die Quadrokopter nicht unbedingt gut an, weil sie bei Vögeln und anderen Wildtieren Stress auslösen und damit deren Fortpflanzungserfolg beeinträchtigen. In extremen Fällen kann das bei den Tieren sogar zum Tod führen. Dabei können Drohnen durchaus nützlich sein. Hollywood etwa hat sie längst für sich entdeckt. Als kostengünstigere Alternative zum Hubschrauber kommen sie immer häufiger bei Luftaufnahmen zum Einsatz. Und auch in anderen Wirtschaftssektoren gewinnen sie stetig an Beliebtheit. Beim Bau beispielsweise überzeugen sie durch Effizienz und einen klaren Preisvorteil – Geländeausschnitte lassen sich aus der Luft schneller, genauer und günstiger ausmessen, Baufortschritte exakter dokumentieren. Ähnliches gilt für die Aufforstung. Dort schaffen es hochentwickelte Geräte, innerhalb von 18 Minuten eine Hektare Land zu bepflanzen. Ja Drohnen können sogar Leben retten. Stellen Sie sich vor, Sie befänden sich auf dem Crap Sogn Gion. Nicht zur Hauptsaison, sondern an einem rauen Herbsttag – einem von jenen Tagen, an denen sich nicht einmal die Regenwürmer aus ihren Löchern wagen. Sie aber lassen sich von den dunklen Wolken und der kalten Luft die Wanderlaune nicht vermiesen. Im Gegenteil. Sie fühlen sich jetzt, wo Sie den Berg endlich für sich alleine haben, eins mit der Natur, schlagen vielleicht einen abgelegenen Weg ein, verlieren sich dabei ein bisschen in der endlosen Pracht, die Ihnen zu Füssen liegt. Doch gerade als Sie innehalten, um sich zu orientieren, passiert es: ein starker, ziehender Schmerz fährt in Ihre Brust und strahlt von dort aus weiter in

Ihren linken Arm aus. Ein Herzinfarkt, ausgerechnet jetzt, ausgerechnet hier. Bis der Einsatzwagen Sie erreicht hätte, wäre es womöglich schon zu spät. Wird der lebensrettende Defibrillator hingegen per Drohne gesandt, stünden die Chancen gleich viel besser, dass Sie ihn rechtzeitig erhalten. Je nach Route und Konditionen treffen Drohnen nämlich bis zu viermal schneller ein als Rettungswagen. Praktisch in Situationen, in denen jede Sekunde zählt. Nicht ganz so dramatisch, aber dennoch hoch spannend ging es beim Grand Prix in Laax zu und her, als die Drohnen auf über 2000 Metern Höhe zwischen Eis und Schnee durch den Snowpark mit der längsten Halfpipe der Welt flitzten. Dank First-PersonView-Brillen konnten die Piloten die Flugbahn ihrer Drohne genau mitverfolgen, während sie diese über ein Pad fernsteuerten. Auf diese Art gewinnt das Rennen etwas von einem ins reelle Leben versetzten Videospiel. Vielleicht sind Drohnenwettkämpfe deshalb im Bereich der E-Sports angesiedelt, obschon sie, wie das Beispiel Laax mit seinem herausfordernden Parcours zeigt, die Umwelt mit einbeziehen. Nach drei adrenalingefüllten Tagen gingen übrigens die Teilnehmer aus Südkorea als Sieger hervor, das Schweizer Wildcard-Team landete auf Platz drei. Annick Ramp verfolgte die Action vom Rand aus durch die Linse, den Finger dabei immer über dem Auslöser schwebend, bereit, im richtigen Moment abzudrücken. Die Arbeit der jungen Fotografin ( Jahrgang 1987) wurde schon mit diversen Preisen gewürdigt. Unter anderem gewann sie im Jahr 2015 Gold in der Kategorie Sport beim Swiss Press Award für ihre Aufnahme von den Special Olympics. Zudem wurden ihre Werke schon an zahlreichen Ausstellungen gezeigt. Talent hat Ramp also zweifellos, ein waches Auge ebenfalls und ein Händchen für die visuelle Darstellung von Emotionen. Dennoch lässt sich darüber streiten, ob es sich bei diesem Foto tatsächlich um Kunst handelt oder einfach um ein besonders gelungenes Festhalten der aufgeladenen Stimmung in Laax, zumal das Bild für kommerzielle Zwecke geschossen wurde. Andererseits: Ist Ramps Aufnahme nicht der perfekte Beweis dafür, dass bei der Verbindung von Digitalem und Analogem, hier konkret der Verbindung von Drohnen und dem Crap Sogn Gion, Kunst entsteht?

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EDITORIAL

Einfach tun Wem gehören meine Gedanken? In nicht allzu ferner Zukunft nicht mehr mir alleine. Dann wird es Geräte geben, die Gedanken lesen können. Dann werden wir sie wie unsere Gefühle per App steuern. Dann werden wir per Brain-Chat Worte mit unserem Vis-à-vis wechseln, ohne zu sprechen. Dann werden wir während des Fahrens ein SMS im Auto schreiben, ohne die Hand vom Steuer zu nehmen. Elon Musk, der Beteiligungen an PayPal, Tesla und dem Raum­ fahrtunternehmen SpaceX hält, wird gern als der Visionär des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Er meint, dass im Jahr 2050 die Menschen mit Implantaten in einer Brain-Cloud vernetzt sein werden. Die Optimierung des Gehirns scheint grundsätzlich positiv zu sein. Sie kann ja eine Verbesserung des aktuellen Zustandes bedeuten. Und etwas schlauer zu werden, etwas effizienter zu sein, kann ja nicht schaden. «Hinter dem Ehrgeiz, unser Denken zu verbessern, steckt bereits eine ganze Industrie», schreibt die «Süddeutsche Zeitung». «Aktuell arbeiten etwa dreissig Unternehmen weltweit an der neurotechno­ logischen Eroberung des Gehirns, vor allem im Silicon Valley.» Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel, die sich mit Neuro-Enhancement beschäftigt, zudem das Buch «Mein Kopf gehört mir: Eine Reise durch die schöne neue Welt des Brainhacking» (Piper) geschrieben hat, glaubt, dass die Privatheit der Gedanken eine unverzichtbare Voraussetzung für die menschliche Zivilisa­t ion sei. «Unsere Fähigkeit, sozial zusammenzuleben, beruht ja auch darauf, dass wir uns eben nicht permanent sagen, was wir gerade denken.» Eine wichtige Rolle spiele auch das Vergessen. «Wir brauchen es, um Dinge auszublenden, die uns sonst keine Chance lassen, irgendetwas Neues anzufangen.» Wir berichten in dieser Ausgabe über einige Menschen, die etwas Neues angefangen haben: Kesang Soghatsang und Christian Jott Jenny. Oder Gražyna Kulczyk, eine Visionärin, die mit ihrem privaten Museum in Susch weltweit Furore macht. Und in einem Gespräch ihre Gedanken mit uns teilt: «Ich weiss, wann etwas richtig ist. Und dann muss ich es einfach tun. Nicht andere fragen und lange warten. Einfach tun und keinen Plan B haben.» Viel Vergnügen beim Blättern und Lesen in unseren winterlichen «Alpen auf Papier».

WOLFRAM MEISTER HERAUSGEBER UND CHEFREDAKTOR

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14 APROPOS Ausrangierte Seilbahn-Gondeln. Holzhocker. Länderschals. Parkas. Bergkristall-Schmuck

22 B U I LT 1 9 1 9 , B O R N 2 0 1 9 Die pure Art des Fliegens hat Falten: Auf Jungfernflug mit einer 100-Jährigen, der Junkers F13 am Piz Palü 32 B L A U D I S T E L , A L P E N R O S E , E D E LW E I S S Alpen-Blumen als Schmuck in Szene gesetzt 36 KUNSTSAMMLERIN, UNTERNEHMERIN, MUSEUMS-GRÜNDERIN Susch im Engadin ist zum Mekka für Architekturund Kunst-Aficionados geworden. Dank Gražyna Kulczyk

46 A L P I N E S T Y L E , A L P I N E FA S H I O N Silsersee, Fextal, Sofie D’Hoore, Frauenschuh and some friends BIANCO 

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VIVANDA DA PRADA ALPINA


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56 KONZERT DER MOTOREN Helge Jepsen ist Illustrator. Er mag Autos. Erstens: fahren. Zweitens: fahren. Drittens: zeichnen 68 E R D E G U T, A L L E S G U T Warum The Klosters Forum in Sachen Umweltfragen international zum Begriff geworden ist

RUBRIKEN 9 Editorial 84 Kurz & Knapp 90 Impressum 93 Comic 98 Letzte Seite

70 CHRISTIAN JOTT JENNY Die neue Bühne des Entertainers, Kulturmanagers und Operntenors ist das Rathaus St. Moritz. Der Gemeindepräsident, das tägliche Theater und die Zwischenstunden 96 ÜBER ALLE BERGE MIT… Das Weltruhm geniessende «Caféhaus Hanselmann» hat zum 125-Jahr-Jubiläum mit dem Tibeter Kesang Soghatsang einen neuen Geschäftsführer bekommen

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APROPOS PRODUKTE, TIPPS UND MEHR

Breithorn (1983)

Coca-Cola (1956)

Bettmeralp (1977)

Ricola (1978)

Pizol (1975)

Savognin (1969)

AUSGEGONDELT

Flumserberg (1986)

Les Diablerets (1974)

Altgediente Seilbahn-Gondeln fahren irgendwann nicht mehr auf den Berg. Werden durch neue, grössere ersetzt. Durch Sechsersessel, durch eine neue Bahn mit riesigen Kabinen. Die kleinen, ausrangierten Gondeln werden verschrottet, für viele sind sie Kult. Wie die 4er-Kabine auf den Männlichen (1978), 180 Kilogramm schwer, aus Aluminium und mit Lattenrost-Sitzbänken. Oder jene auf den Pizol (1975), 30 Kilogramm leichter, eine Open-Air-Variante. Erhalten sind Gondeln aus Savognin (1969), Les Diablerets (1974), Braunwald (1973) und Melchsee-Frutt (1976), auf die Bettmeralp (1977) und aufs Breithorn (1983). Gross ist die Leidenschaft für die in die Jahre gekommenen Gondeln beim Sammler Luis Weber aus Utting am Ammersee – er hatte dazu auch eine Geschäftsidee. Anfänglich trennte er sich noch von den Kabinen, verkaufte sie weiter. Inzwischen vermietet er die Gondeln nur noch. Für Events, als Dekoration an Firmenfeiern, für Messen, auf Weihnachtsmärkte. Es befinden sich weit über 100 Kabinen in seinem Fundus. Aus der Schweiz, aus Österreich, aus Frankreich, aus Italien und aus Deutschland. Das älteste Exemplar hat Jahrgang 1956. www.berggondel.com

Braunwald (1973)

Melchsee-Frutt (1976)

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VERSPIELTE HOLZHOCKER

Der AK-Ski für Dorothee Vogel.

GO CRAZY Dorothee Vogel ist die vielleicht bekannteste Modedesignerin der Schweiz, «eine der wenigen mit internationaler Ausstrahlung», schrieb die «NZZ am Sonntag». Ihr Lieblingssport: Skifahren, seit eh und je. Sie begann mit drei Jahren, fuhr später Rennen und wurde im Laufe der Zeit vom Virus des Freestyle-Skiing befallen. Dass sie eines Tages mit den Wunderski von Aldo Kuonen über die Pisten fegen würde, war nur eine Frage der Zeit. Für nicht Eingeweihte: Aldo Kuonen, ehemaliger Leiter des Rossignol-Racing-Teams, startete 1996 mit seiner Firma AK-Ski in Stansstaad. Mit dem Wunsch, sein Engagement für technologische Perfektion und seine Passion für das Skifahren mit anderen Menschen zu teilen, begeisterte Skifahrer aus der ganzen Welt zusammenzubringen – mit seinen Ski als Bindeglied. 1997 brachte er den Carving-Ski «Number One» auf den Markt, seine ersten 600 Paar Ski. Aldo Kuonen starb viel zu jung, aber seine Tochter und sein Sohn, Francesca und Marco Kuonen, führten AK-Ski in seinem Sinne weiter. Für die Wintersaison sind die Geschwister mit Dorothee Vogel eine Zusammenarbeit eingegangen. Das Ergebnis: die überraschende Ski- und Bekleidungs-Collection «Go Crazy». Exklusives Ski-Design (Limited Edition) mit Outfits im gleichen Stil, Daunenjacke (Tea) und Schal (Teamwork). www.dorotheevogel.com www.ak-ski.ch

Die riesige Hocker-Kollektion des auf Holz spezialisierten Traditionsunternehmens RIVA 1920 ist fantastisch. Diverse Designer, vornehmlich aus Italien, nahmen sich in spielerischer Art des schlichten Themas an, interpretierten den Holzhocker neu. Alessandra Mantovani und Eleonora Barbareschi (AMEBE) wählten als Motiv eine Tasche aus massivem, duftendem Zedernholz und nannten sie «Mondana». Alessandro Guidolin aus Treviso vergrösserte einen Bleistiftspitzer zu Hockergrösse («Temperino»), einen Champagnerkorken die Designerin und Innenarchitektin Isabelle Rigal, die am Design-Institut IDEA in Paris lehrt («Miss Champagne»). www.riva1920.it


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APROPOS PRODUKTE, TIPPS UND MEHR

EIN WALD VOLLER LICHT Vor dem Fenster, in der guten Stube, auf dem Esstisch. Die Silhouettes-Windlichter der dänischen Designerin Pia Lund, jedes ein handgefertigtes Unikat, sorgen für eine angenehme Stimmung dank dem durchs Porzellan schimmernden Licht brennender Kerzen. www.pia-lund.dk

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EINE ZAHL & IHRE GESCHICHTE

Extremen Draufgängern kann die Piste nicht tiefschwarz genug sein. «Hau di runter» heisst es auf einem Schild, bevor es in Mayrhofen senkrecht die «Harakiri»-Piste hinuntergeht. Das Gefälle liegt bei maximal 78 Prozent, damit zählt der Hang in Österreich zu den steilsten Pisten der Alpen. Schwärzer als schwarz sind sie alle. Etwa die Streif am Hahnenkamm in Kitzbühel mit der «Mausefalle», einem extremen Steilhang von 85 Prozent Gefälle. Ebenso furchterregend: die Abfahrt am 3330 Meter hohen Mont-Fort in Verbier mit einem Gefälle von durchschnittlich 77 Prozent (Spitze: über 80 %). Das «Grand Couloir» und das «GoPro Couloir» (80 %) im französischen Skigebiet Les 3 Vallées werden ebenso zu den Nervenkitzel-Pisten gezählt wie die «Mur Suisse» im Skigebiet Portes du Soleil, das 12 Alpendörfer in Frankreich und der Schweiz verbindet (75 % Gefälle).

LÄNDERSCHALS Die Westschweizer Designerin Luna Ribes spielt in ihrer Foulard-Kollektion mit Ländern und Städten. Sie sind von Paris und New York inspiriert, haben Thailand, Mexiko, Japan, Russland oder Holland als Thema. Jener der Schweiz gewidmete Seidenschal (70 × 200 cm) hat den Namen «Ski Suisse» bekommen und kostet 366 Franken. www.lunaribes.ch

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Junghans: Itten-Uhr

WEMPE: Grönemeyer-Uhr

Fotos: Danzinelli Dario/ www.look-this-way.com

Sein: Jagduhr 3006

Deutsche Uhren? Musiker und J­äger fühlen sich angesprochen. Ebenfalls ­Oldtimersammler und Kunstliebhaber. Eine Hommage an den Farbkreis von Johannes Itten ist die «Form A 100 Jahre Bauhaus» von Junghans. Der Schweizer Maler und Kunstpädagoge entwickelte während seiner Lehrtätigkeit im Bauhaus Weimar (1919 – 1923) eine Farbtheorie mit einem Farbkreis von zwölf Farben. Drei Grundfarben: Blau, Gelb, Rot. D ­ rei Sekundärfarben, welche aus der ­Misch­ung der drei Grundfarben entstehen: Grün (Gelb und Blau), Violett (Blau und Rot), Orange (Rot und Gelb). Sechs Tertiärfarben, bei denen je eine Sekundärfarbe mit einer Grundfarbe gemischt wird: Blaugrün, Blauviolett, Purpurrot, Orangerot, Dunkelgelb, Hellgrün. Zwölf ­bunte Stundenquadrate ersetzen die Ziffern bei der zum 100-jährigen Jubiläum des ­Bauhauses lancierten Uhr mit 39-Millimeter-Edelstahlgehäuse, Datumsanzeige und Milanaiseband. Die Auflage ist auf 1000 Stück limitiert. Wie ein neuer Oldtimer wirkt die «Meister Driver Automatic», ebenfalls von

Junghans: Meister Driver

UHREN TICKEN DEUTSCH

mit dem «Excellent Product Design 2020» beim German Design Award, wartet der Chronograph mit einer Anzeige zur Helligkeit des Mondlichts auf. Diese Zusatzfunktion gibt Auskunft zu den Lichtverhältnissen, ob die natürlich bedingte Nachthelligkeit durch Mondlicht ausreichend ist. Die Uhr hat ein dunkelgrünes Zifferblatt mit elfenbeinfarbener Nachtleuchtfarbe. Racing Green und Stahlblau sind die Farben des Zifferblatts des recht­ eckigen Automatic-Chronometers «Zeitmeister Stahl 1», die Herbert Grönemeyer für WEMPE entworfen hat. Der Sänger, Komponist und Schauspieler sammelt Stahluhren (über 200 sind es) und hat ein Faible für Oldtimer (ein Jaguar Mark II in Dunkelgrün war der erste). Die Uhr mit Schweizer ETA-Werk 2000 gibt es mit schwarzem Lederband, dessen Nähte die Farbe des Zifferblattes haben. Jede Version ist auf 250 Exemplare limitiert.

Junghans. Von den Armaturen historischer Automobile liessen sich die Uhrendesigner inspirieren, typisch das Zifferblatt mit den markanten Stundenzahlen, in Erinnerung auch an die 1950er-Jahre, als sich der Traum vom eigenen Automobil für viele Menschen erfüllte. Junghans, 1861 im Schwarzwald gegründet, war einst der grösste Uhrenhersteller der Welt: Anfang des 20. Jahrhunderts wurden jährlich mehr als drei Millionen Uhren gefertigt. Auf die Pirsch gehen designaffine­ www.junghans.de Jäger mit der «Jagduhr 3006» der Frank- www.sinn.de furter Uhrenmarke Sinn. Ausgezeichnet www.wempe.com


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WIE WIRD

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MISERABEL. ABER FÜR SOFA-NACHMITTAGE ZIEMLICH PERFEKT. ODER WOLKENLOS? DOCH SELBST AN DER SONNE SAUKALT?

1 / PBI EXPEDITION PARKA Fusion Fit. Ursprünglich für Antarktika-Forscher entwickelt. www.canadagoose.com

WETTER?

2 / ERICKSON PARKA Abnehmbare Kapuze mit Kunstfellbesatz, Daunen gefüttert. Rucksackgurten im Innern, um die Jacke über die Schulter zu tragen. www.canadagoose.com 3 / SCHWALBENSCHWANZ-PARKA Für Experimente mit Hightechmaterialien bekanntes Label. Widerstandsfähiges, federleichtes, transparentes Gewebe. In Säuregrün oder Schwarz. www.stoneisland.com 4 / WINDBREAKER MIT PATCHES DSQUARED2 in Kooperation mit Jackenhersteller K-Way. Innen: Wolle: Aussen: Nylon. Bleigrau mit bunten DSQUARED2-Labels. www.dsquared2.com

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5 / PARKA FÜR DIE EWIGKEIT Paul Harvey und Alessandro Pungetti, bekannte Designer von C.P. Company und Stone Island, nennen ihre Ten-C-Kollektion «The Forever Collection». Robustes, japanisches Funktionsmaterial, in Italien verarbeitet, alle Stücke mit herausnehmbarem Daunenfutter. www.ten-c.it 6 / ARMANI IM SCHNEE Weisser, winterfester Schuh mit bunten Schnürsenkeln aus der Neve-Kollektion mit Outfits für die Piste und das Après-Ski. www.armani.com 7 / WOLKEN KLAR Wolkiger Oversized-Pullover in Himmelblau. www.mansurgavriel.com –9–

8 / LAMFELL-BESATZ Ski-Daunenjacke mit einem hochwertigen Besatz aus softem Lammfell und Kapuze. Auch in Weiss. www.bogner.com 9 / SMARTES DESIGN Phoebe-Skijacke der japanischen Marke Goldwin. Auch in Lila und Weiss, Rot und Grau sowie Grau und Weiss. www.goldwin-sports.com 10 / WHITE CHRISTMAS Weisse Daunenjacke namens Noël, macht in der Stadt wie in den Bergen eine gute Figur. www.annettegoertz.net

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11 / GENIUS PROJECT Craig Green, englischer Designer, und seine futuristischen Kreationen in 15 Varianten: seit 3. Dezember erhältlich. www.moncler.com 12 / «MAX» UND «TILDA» Fein gestrickte Schals aus 100 Prozent Merinowolle. www.beige.ch 13 / VIELE BUNTE POMPONS Farbige Bommel verzieren die Tumppu-Kinderhandschuhe aus finnischer Schafwolle. www.myssyfarmi.fi

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14 / KUSCHELIGE WOLLMÜTZE Handgestrickt von Omas aus Finnland, Wolle von Finnschafen aus Pyötyä. www.myssyfarmi.fi

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15 / SNOW BOOTS Gefütterter, weisser Schneestiefel mit breiten, leuchtend grünen Schnürsenkeln. www.dsquared2.com 16 / WIFI SNEAKERS Bunte High-Top-Sneakers von Jean-Charles de Castelbajac. Mit Kunstfell gefüttert. www.rossignol.com


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APROPOS PRODUKTE, TIPPS UND MEHR

GOLDIGE DOSEN Als «Wohltat für Hals und Stimme» werden die in der Schweiz und der Welt berühmten «Grether’s Pastilles» angepriesen. Nun sind sie das zusätzlich auch fürs Auge. Mit vier speziellen Golddosen, je 10 000 Stück, die in Zusammenarbeit mit der Basler Illustratorin Patrizia Stalder entstanden sind. Und vier sehr schweizerischen Sujets: drei Alphorn blasende Sennen vor dem Matterhorn, Alp­abzug mit Geissen und Kühen, Skifahrer auf der Piste vor dem Piz Bernina, Frau im rosa Kleid, bei

untergehender Sonne einem Schiff auf dem Vierwaldstättersee nachwinkend. Inhalt der vier Dosen ist der gleiche, der zuckerfreie Klassiker Blackcurrant (Schwarze Johannisbeere). Das Nachsehen hatten die drei anderen Geschmäcker im «Grether’s Pastilles»-Sortiment: Redcurrant (Rote Johannisbeere), Blueberry (Heidelbeere) und Elderflower (Holunderblüte). www.grethers-pastilles.ch

LE SAC MOUTON Entworfen im Atelier «Label 17» in Zürich, handgefertigt in einer Sattlerei im Münstertal: die reversiblen Lammfell-Handtaschen mit dunkelbraunen Lederhenkeln sind schlichte, aber lässige Unikate, die hell ihr Lammfell zeigen. Andersherum ist das Lammfell die Fütterung einer Ledertasche in Oliv, Schwarz, Grau, Weiss oder Navy. Jedes Lammfellstück wird einzeln ausgesucht, ist ein Wegwerfprodukt der Nahrungskette. www.labelseventeen.com

GLASKLARER BERGKRISTALL Eine edle Ethnokollektion mit Collier, Ohrhängern und Ring hat Carlo Mutschler Schmuck-Atelier vom Beyer entworfen. Erstmals verwendete der Desiger reinen Bergkristall aus den Schweizer Alpen. Die einfachen, reduzierten Formen erinnern an folkloristische Gebrauchsgegenstände – eine Milchschale, einen Blumentrog oder einen Futternapf. Die filigranen Verzierungen rund um die Objekte zitieren bäuerliche Kunst oder nehmen mal eine Struktur von St. Galler Spitzen auf.

www.beyer-ch.com

Reversible Lammfell-Tasche.

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whitemarmot.ch whitemarmot.ch

THE CULINARY EXPERIENCE

MODERNER STYLE, SPORT UND GEHOBENE KÜCHE WERDEN IM WHITE MARMOT HOCH ÜBER ST. MORITZ MITEINANDER KOMBINIERT.

Where glamour meets #whitemarmot


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JUNKERS F13 B U I LT 1 9 1 9 , B O R N 2 0 1 9

Die pure Art des Fliegens hat Falten: Auf Jungfernflug mit einer 100-Jährigen, der Junkers F13 am Piz Palü Die Junkers F13, eine frühe Legende der Aviatik, in der Gletscherwelt des Oberengadins.

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FLUG IN DIE Te x t : Wo l f ra m Me i s t e r

Fo t o g ra f i e : Rob ert B รถs ch

VERGANGENHEIT

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Mercedes-Benz W 198 Typisch Junkers F13: die Wellblech-Aussenhaut, das offene Cockpit der im Freien sitzenden Piloten. BIANCO 

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Evendit, cusape porest, sequiandis sus eium faccate niho odipae maxim es eium quis essita


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Die Junkers F13, ein Ganzmetallflugzeug mit Sternmotor, bestehend aus 2600 Einzelteilen, zusammengehalten von über 35 000 Nieten.

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s begann mit einem Reisekoffer. Aus Aluminium, dem ersten mit Falten. Nein, aus Duraluminium, mit Rillenstruktur. Im Jahr 1950. Als der Vater von Dieter Morszeck jenen Koffer-Klassiker erfand, mit dem die Familie Weltgeltung erlangen sollte: Richard Morszeck, Namensgeber der Firma – «Rimowa» steht für «Richard Morszeck Warenzeichen». Duraluminium ist eine Legierung, die im Vergleich zum reinen Aluminium dank Härte und Festig­ keit ein neues Zeitalter für das silbrig-weisse Leichtmetall eröffnete. Auf Anhieb und weit früher wurde die Bedeutung der harten, widerstandsfähigen Legierung von Hugo Junkers erkannt, einem weitsichtigen Flugzeugbauer, der sie für die Fertigung der Junkers F13 mit ihrer charakteristischen Wellblech-Aussenhaut verwendete. Das in einer Zeit, als Flugzeuge noch aus Holz bestanden und mit Stoff bespannt waren. Im Juni 1919 ging die erste Junkers F13 in die Luft, hob zu ihrem Jungfernflug ab. 348 Exemplare sind bis 1931 bei Junkers gebaut worden. Die F13 gilt in der Aviatik als Urahn der modernen Passagierluftfahrt. Die Gäste sassen bequem wie in einer Kutsche an der Wärme und im Trockenen, vom offenen Cockpit getrennt, über ein Schiebefenster, falls nötig, konnten sie Kontakt mit den Piloten aufnehmen, die Wind und Wetter ausgesetzt waren, ziemlich ungeschützt im Freien froren. Die Junkers F13 war seinerzeit Teil der Flotte der Swiss-Vorgängerin Ad Astra Aero und flog Dübendorf an, damals der internationale Flughafen von Zürich. Heute ist Dübendorf Sitz der neu gegründeten Junkers Flugzeugwerke AG. Mit im Verwaltungsrat: Dieter Morszeck. Hier lässt der Unternehmer die Junkers F13 von 1919 als Nachbau neu erstehen – Junkers hat ihm für die Produktion die Namensrechte übertragen. Letztes Jahr kam vom Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) die offizielle Zulassung für Flüge nach Sichtflugregeln am Tag. Als er 16 Jahre alt war, träumte Dieter Morszeck davon, Flugingenieur oder Berufspilot zu werden. Nur waren da noch ein paar Koffer in Köln. Bereits sein Grossvater Paul Morszeck, der 1898 eine Sattlerei, später eine Kofferfabrik betrieb, fertigte feines mit Rinds-


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Blick nach vorne in der Junkers F13: das spartanische, offene Cockpit mit sportlich-kompliziertem Einstieg und das davon abgetrennte, fein ausgestattete Passagierabteil.

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leder ausgeschlagenes Reisegepäck – aus Fichtenholz. Dieter Morszeck, der es auf 130 bis 150 FlugAuf ihn folgte Richard Morszeck, der erfolgreich mit stunden im Jahr bringt, wollte seit vielen Jahren die besagtem Flugzeugaluminium zu experimentieren beJunkers F13, die als kleine Schwester der JU 52 gilt, gann. 1972 trat Dieter Morszeck in die Firma ein, mit wiederbeleben. Erst dachte er an die paar erhaltenen, 19 Jahren, und wie sein Vater und Grossvater erfand originalen Exemplare, doch das zerschlug sich reauch er das gleiche Produkt noch einmal entscheidend lativ rasch. Fünf F13 fanden sich zwar in Museen, in neu. Er liess die Rillen nicht mehr in Metall stanzen, Paris, in Stockholm, allerdings waren sie nicht in aussondern in einen Kunststoff, Polycarbonat, ein noch reichend gutem Zustand, flugtüchtig keine einzige. schlagfesteres Material als Duraluminium, zudem Als Lösung blieb alleine ein Nachbau. Was die Gebesser zu färben. Es sollte eine der besten Ideen im schichte nochmals komplizierte. Zahlreiche Archive Berufsleben des Dieter Morszeck sein. Polycarbonat galt es zu durchstöbern, auf der Suche nach Bildern, wurde rasch zum Standard in der Gepäck-Branche Skizzen und Originalplänen. In den Museen wurde und für Rimowa zur Erfolgsgeschichte. 2008 verkaufte die Junkers F13 ganz oder teilweise mit LaserscanRimowa rund 400 000 Koffer im Jahr, fünf Jahre nern vermessen, welche die Basisdaten für eine 3-Dspäter stellte der Betrieb täglich 5800 Koffer her, im Konstruktionssoftware lieferten. Flugzeugbauer der Dreischichtbetrieb. Kaelin Aero Tech im Schwarzwald nahmen sich der Gegen Ende des Jahres 2016 wurde bekannt, Entwicklungsarbeit, des Rebuilding an, fertigten Kondass Rimowa französisch werden wird, dass der Luxusgüterkonzern LVMH (Louis Vuitton, Moët Hennessy) ein Auge auf das fast 120 Jahre alte Kölner Familienunternehmen geworfen hatte und zum Januar 2017 übernehmen werde. Neuer CEO: Alexandre Arnault, Jahrgang 1992. Er ist der jüngste Sohn des LVMH-Konzernchefs Bernhard Arnault, des reichsten Mannes Frankreichs. Rimowa ist heute vornehmlich in Paris zu Hause, wobei nach wie vor in Deutschland produziert wird. Der «New York Times» sagte Alexan­ dre Arnault in einem Interview vor einem Jahr: «I think I can double the business in a few years. The potential is enormous.» Alpen-Jungfernflug einer 100-Jährigen: Fliegen blieb die grosse Leidie Junkers F13 vor dem Biancograt. denschaft des Dieter Morszeck. Die Caravelle, ein französischer Jet, sorgte bei ihm im Kindesalter struktionszeichnungen, bauten einen Prototyp des für grosse Augen, an Flüge mit einer Super ConstellaGanzmetallflugzeugs. Bestehend aus 2600 Einzel­ tion erinnert er sich noch genau. 1982 machte er den teilen, zusammengehalten von über 35000 Nieten. Pilotenschein und sass als Konzernchef, wenn immer Die Endfertigung geschah danach in Dübendorf. möglich, selber im Cockpit des Firmenflugzeugs. Pilot Das Ergebnis ist ein perfekter Nachbau von Beruf ist Morszeck nicht geworden, «aber Privat(Rumpflänge: 9,60 m, Spannweite: knapp 15 m, Gepilot», was grundsätzlich schöner sei, da man selber wicht leer: 1556 kg), sehr nahe dem Original, mit ein bestimmen könne, wohin man fliegen wolle. Beispielspaar Kompromissen, die zwingend waren. Beispielsweise in die Berge, nach Samedan im Engadin. Mit weise beim Motor. Neu ist das ein Neunzylinderder eigenen Phenom 300, einem siebenplätzigen Sternmotor mit 16 Liter Hubraum und 450 PS (Pratt Flieger des brasilianischen Herstellers Embraer (Rei& Whitney, P&W R985 Wasp junior). Und statt des segeschwindigkeit: über 800 km/h, Reichweite: gut damals üblichen Schleifsporns ist als weiteres Zuge3500 km). Zum ersten Alpenflug der neu in Kleinserie ständnis an heutige Zeiten die Maschine mit Bremsen gebauten Junkers F13. Ein sehr emotionales Erlebnis.


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JUNKERS F13 B U I LT 1 9 1 9 , B O R N 2 0 1 9

und einem Heckrad ausgestattet worden. Das Cockpit ist nach wie vor spartanisch ausgerüstet, jetzt sind aber Funkgerät und Transponder zur Übertragung von Positionssignalen an die Flugsicherung dazugekommen, ausserdem ein Messgerät zur Kontrolle der Triebwerksdaten.

Dieter Morszeck vor seiner Junkers F13 auf dem Flugplatz Samedan: Von der Idee bis zur Verwirklichung und Zulassung dauerte das F13-Projekt neun Jahre.

Von der Idee bis zur Verwirklichung und Zulassung dauerte das F13-Projekt neun Jahre. Dieter Morszecks Engagement hat viel Zeit gebraucht und Hartnäckigkeit erfordert, entsprechend hoch waren die Kosten. Stationiert ist seine Junkers F13 mit dem eidgenössischen Kennzeichen HB–RIM in Dübendorf. Am liebsten steuert er sie selbst. Mit der originalgetreuen

Maschine flog er vor wenigen Monaten zu den Jubiläumsfeierlichkeiten «100 Jahre Erstflug» nach Dessau. Wie viele weitere Exemplare von der Junkers F13 gebaut werden, wird sich zeigen. 2,5 Millionen kostet der fabrikneue Flieger mit den Flugeigenschaften eines Oldtimers. Interesse zeigen bislang vor allem Kunden aus den Vereinigten Staaten. Wohin Dieter Morszeck mit seiner Frau Lily, mit der er seit 37 Jahren verheiratet ist, in seiner Embraer Phenom 300 von Samedan aus geflogen ist? Weitere Lebensmittelpunkte sind Portugal, dort hat er im Alentejo mit der Quinta do Paral ein 100-Hektaren-Weingut übernommen, sowie Brasilien. Mit seiner Stiftung unterstützt er im Heimatland seiner Frau ein nach seinen Vorstellungen entstandenes Hilfsprojekt. Mit Hospitalschiffen und speziellen Wasserflugzeugen für Rettungseinsätze in einem schwer zugänglichen Gebiet am Amazonas. Mit eigenen Ärzten, Krankenpflegern und Piloten. Wichtig ist ihm, beim Aufbau der medizinischen Infrastruktur unabhängig von den Behörden vor Ort arbeiten zu können, dass alles eins zu eins bei den Menschen ankommt, ohne Abzug von Verwaltungskosten. Mit seiner Stiftung gehört Dieter Morszeck auch zu den grosszügigen Förderern des Deutschen Krebsforschungszentrums. Mit seinem Nachbau der Junkers F13 hat sich der passionierte Dieter Morszeck ein kleines Denkmal in der Fliegerei verdient. Aber das ist nur die eine Seite dieses interessanten Mannes von 66 Jahren.

ENGLISH SUMMARY

JUNK E RS F13 B UILT 1 919, BORN 2019 The story begins with a suitcase with a grooved structure made of duralumin, which is harder and stronger than aluminum. Dieter Morszeck‘s father Richard had developed the suitcase in Cologne in 1950 which led to the company Rimowa (Richard Morszeck Warenmuster). The aircraft manufacturer Hugo Junkers early on recognized the importance of the material for its Junkers F13 with its corrugated outer skin, at a time when aircraft were still built from wood. Today, Dieter Morszeck sits on the supervisory board of the newly founded Junkerswerke in Dübendorf. He rebuilds the F13 from 1919 as a replica. The naming rights had been given to him by Hugo Junkers, the approval for flights by the Federal Office of Civil Aviation (FOCA). Aircraft manufacturers of the Kaelin Aero Tech in the Black Forest helped with the development work. The result is a perfect replica, very close to the original. A few compromises were needed on the engine and the brakes. From idea to realization and approval, the project took nine years and led to high costs. The F13 with the federal mark HB-RIM is stationed in Dübendorf. How many more copies of the Junkers F13 will be built, is still unclear. The brand new aircraft with the flight characteristics of an oldtimer costs 2.5 million francs.

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17–20 SEPTEMBER 2020


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«FLURINA» BLÜHENDE SOUVENIRS

Sie heissen auf Romanisch Chardun Blov (Blaudistel), Grusaida (Alpenrose) und Alvetern (Edelweiss). Blumen die unter Schutz stehen und als Schmuck in Szene gesetzt wurden.

Alpenblumen: Schmuck der Berge H a i r & Ma ke - u p : C ha nt a l Re né Bl u m e n- St yl i ng : Ma d l a i na G i o va no l i Fo t o g ra f i e & Ko nz e p t : G i a n G i o va no l i

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DIE BLAUDISTEL

Auffällig blauviolett die Blüten, gezackt und stechend die Hüllblätter: Die geschützte Blaudistel (Eryngium alpinum) heisst eigentlich Alpen-Mannstreu, wächst in Höhenlagen von 1200 bis 1400 Metern und blüht Juli und August. Botanisch gesehen ist die Blaudistel keine Distel, aber sehr distelähnlich.


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«FLURINA» BLÜHENDE SOUVENIRS

DIE ALPENROSE

Wintergrün der Strauch, der bis zu 100 Jahre alt werden kann, rosa-purpurrot die Blüten: Die geschützte Alpenrose (Rhododendron ferrugineum) blüht im Juni und Juli und soll gut gegen Gicht und Rheuma sein. Ein Aberglaube besagt, dass vom Blitz erschlagen wird, wer eine dieser Blüten mit sich trägt.

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DAS EDELWEISS

Sternförmig und wollig behaart die Blüten, der Stengel bis 20 cm lang: Das geschützte Edelweiss (Leontopodium alpinum) ist die bekannteste Blume der Alpen, wächst in Fels und Geröll bis in Höhen von über 3000 Metern und blüht zwischen Juli und September. Laut Legende ruft Edelweiss gute Geister herbei.


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MUZEUM SUSCH GRAŻYNA KULCZYK

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DAS DORF. Foto: Claudio Von Planta courtesy Muzeum Susch,Art Stations Foundation CH

Susch im Engadin: 200 Einwohner, ein Durchgangsort, nicht viel bis gar nichts los. Dank einem grossartigen, weiss gekalkten Museums-Ensemble ist das Dorf nun zum Ziel fĂźr die Architektur- und Kunstwelt geworden.


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MUZEUM SUSCH GRAŻYNA KULCZYK

DIE VISIONÄ Ein kleiner Durchgangsort am Fusse des Flüelapasses im Kanton Graubünden ist zu einem Mekka für Architekturund Kunst-Aficionados geworden. Wer ist Gražyna Kulczyk, die Frau, die mit ihrem privaten Museum in Susch weltweit Furore macht und deren Stiftung gerade den Europäischen Kulturinvestor-Award 2019 gewonnen hat?

Tex t: Susan n e von M eiss

Grażyna Kulczyk, Kunstsammlerin, Unternehmerin, Museumsgründerin: «Ich weiss, wann etwas richtig ist. Und dann muss ich es einfach tun. Nicht andere fragen und lange warten. Einfach tun und keinen Plan B haben.»

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Foto: Anoush Abrar fĂźr Muzeum Susch/Art Stations Foundation CH

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RIN.


MUZEUM SUSCH GRAŻYNA KULCZYK

musst du selbst stark sein, denn man weiss nie, was die Zukunft bringt. Ganz nach dem Motto: Selbst ist die Frau. Daran habe ich mich immer gehalten. f__ Also sind Sie auch eine strenge Mutter gewesen?

Ja, eher schon. Heute bin ich sehr stolz auf meine Kinder. Beide sind in zahlreiche Projekte involviert, die sich beispielsweise für benachteiligte Mütter und Kinder einsetzen, den Bau von Schulen und Spitälern, für Sportanlässe für Benachteiligte. Und beide haben einen guten Geschäftssinn. Sie sind nicht direkt in unsere Stiftung Art Stations Foundation CH hier in Susch eingebunden, aber am Rande immer mit dabei.

a__

S

ie ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau und Unternehmerin, sie gehört zu den 200 wichtigsten Sammlern und Sammlerinnen zeitgenössischer Kunst weltweit, und vor einem Jahr hat sie ihren in höchsten Tönen gepriesenen Museumskomplex im Engadin eröffnet. f__ Was bedeutet Grażyna Kulczyk Erfolg? a__ Dass die Menschen akzeptieren, was ich tue. Dass es ihnen Freude macht. Das Muzeum Susch habe ich nicht geschaffen, um meine persönliche Eitelkeit zu befriedigen, es ist kein Monument, das ich für mich kreiert habe, ich habe es für die Öffentlichkeit gemacht, für die Einheimischen und für internationale Besucher sowie, nicht zu vergessen, die Hauptakteure, Künstlerinnen und Kuratorinnen.

Jung verheiratet mit ihrem polnischen Kommilitonen Jan Jerzy Kulczyk – der Unternehmer und Grossinvestor galt bei seinem Tode 2015 als reichster Mann des Landes –, war Gražyna zunächst vor allem «Mutter, Ehefrau, Geschäftspartnerin – aber immer in der zweiten Reihe». Während das Ehepaar mit einem florierenden Autohandel gemeinsam immer vermögender wurde, entwickelte sich die in Posen geborene Juristin zur erfolgreichen eigenständigen Unternehmerin, die auch allein Geschäfte vorantrieb. Landesweit bekannt wurde Gražyna Kulczyk, als sie in ihrer Heimatstadt einen 8 Hektaren umfassenden, historischen Brauereikomplex erwarb und diesen ihrer 50:50-Philosophie folgend entwickelte, so dass dort nicht nur ein Einkaufszentrum mit über 200 Geschäften und 15 Restaurants entstand, sondern auch ein kulturelles Zentrum mit einem Museum, Theater, Tanz sowie Performances. «Stary Browar», die alte Brauerei, wurde zu einem weltweiten Vorbild, das ausgezeichnet wurde als «best shopping mall in the world». Alles was ich tue, tue ich für Menschen. Das war bereits damals so. Das Einkaufs- und Kulturzentrum, das ich konzipierte, war ebenfalls ein Projekt für die Stadt und für ihre Bewohner, nicht für mich selbst. Viele Kulturveranstaltungen fanden in unserem Zentrum auf öffentlichen Plätzen statt, so dass möglichst viele Zuschauer kostenlos teilnehmen konnten. Dass das Ganze aber auch finanziell stimmen musste, versteht sich von selbst. Ja, ich glaube an Erfolg, aber für den Erfolg musst du hart arbeiten können. Und es vor allem immer wieder neu versuchen, wenn es einmal nicht geklappt hat.

a__

f__ Haben Sie diesen eisernen Willen und Ihre Arbeitsmoral

von zu Hause mitbekommen?

Sicher auch. Meine Grossmutter war mir schon ein Vorbild, wie auch meine Mutter, die Ärztin war und bis zu ihrem 80. Geburtstag gearbeitet hat. Du musst unabhängig leben können, hat meine Mutter immer gepredigt … auch wenn dein Mann dir ein gutes Leben bieten kann,

a__

Diesen Winter wird der Muzeum-Susch-Komplex um ein renoviertes historisches Engadinerhaus mit fünf Studios und zwei Suiten für «Artists in Residence» erweitert und im Frühling kommt auch noch die «Chasa Falcunieri» dazu, ein Gästehaus für Besucher und Freunde des Museums aus aller Welt. Im Zentrum des Geschehens stehen die Kunst von Frauen und die Verbindungen zwischen internationaler und mittel- und osteuropäischer Kunst, zwischen Ideen und Bewegungen, mit der Mission, übersehene oder zu wenig beachtete Positionen vorzustellen und den Kanon zu erweitern. Ich bin nicht in einem kunstaffinen Haushalt aufgewachsen, doch als ich mein Jurastudium begann, im Jahr 1968, war in Polen – wie in vielen Ländern Europas – Rebellion angesagt, ein Sich-Aufbäumen gegen die Gesellschaftsordnung und die politischen Zustände. Die wichtigsten Vorkämpfer waren die Intellektuellen und die Kunstschaffenden. Und so kam ich schon ganz früh in Berührung mit Künstlern und Künstlerinnen, die später über die Grenzen hinaus berühmt wurden. Diese Zeit in der Künstler-Aktivisten-Szene war ein Geschenk, es war, wie wenn ich zum zweiten Mal geboren worden wäre. Heute kann ich sagen: Ich habe Kunst in meinem Herzen und in meinem Kopf. Ich lebe mit und für die Kunst, aber ich will sie stets teilen, sie unbedingt öffentlich zugänglich machen.

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Gražyna Kulczyks Sammlung zeitgenössischer Kunst ist mittlerweile weltbekannt geworden. Gezeigt werden im Muzeum Susch jedoch stets nur ein paar Exponate daraus. Im Fokus der Museumsgründerin und ihres Teams steht das Schaffen von Künstlerinnen, die noch nicht entdeckt wurden oder erst seit kurzer Zeit für Aufsehen sorgen, so wie zum Beispiel das Werk der Schweizer Künstlerin, Heilpraktikerin und Forscherin Emma Kunz. Die nächste Austellung im Muzeum Susch ist der amerikanischen Multimedia-Künstlerin Carolee Schneemann gewidmet, deren nachhaltiger Einfluss auf viele Künstlerinnen der letzten 40 Jahre erst nach ihrem Tod im März dieses Jahres evident wurde. a__ Als ich erfahren habe, dass ein grosses Auktionshaus erst vor ein paar Jahren weibliche Kunstschaffende in seine begehrten Abendauktionen aufgenommen hat, war ich schockiert. Es gibt auf der Welt bis heute nur wenige weibliche Kunstsammler und Museumsgründerinnen, und das Schaffen grosser Künstlerinnen wird auch erst seit Kurzem anerkannt. Ich bin daher überzeugt, dass wir auch heute noch für die Gleichberechtigung kämpfen müssen.

Gražyna Kulczyk weiss genau, wovon sie spricht, hat sie sich als Unternehmerin doch selbst in einer von Männern dominierten Welt durchsetzen müssen. Und zwar schon sehr früh.

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Fotos: Mirosław Bałka, NARCISSUSSUSCH (2018) (c) Studio Stefano Graziani, courtesy Muzeum Susch, Art Stations Foundation CH. . Studio Stefano Graziani, courtesy Muzeum Susch, Art Stations Foundation CH, Conradin Frei.

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Von aussen ist dem mehrteiligen Gebäude-Ensemble nicht anzusehen, wie weit die Ausstellungsräume in den Berg vordringen. Uraltes Gemäuer, ein Kapuzinerkloster aus dem 12. Jahrhundert und die benachbarte, stillgelegte Brauerei aus dem 19. Jahrhundert, wurde von den Architekten Chasper Schmidlin und Lukas Voellmy aufwendig restauriert und erweitert. Eine Haupttreppe verbindet zwei Gebäudeteile (rechts), der höchstgelegene Raum mit Blick übers Kirchendach ins Unterengadin. Die Felsgrotte, einst Lager- und Kühlraum, von Hand herausgemeisselt und nun erweitert, wird von der Installation «Narcissus Susch» des polnischen Bildhauers Mirosław Bałka bespielt: ein sich langsam gegen den Uhrzeigersinn drehender, polierter Zylinder aus Edelstahlblech.


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Genügend vertikaler Raum im Kühlturm der einstigen Brauerei für die sich 14 Meter himmelwärts reckende Skulptur «Stairs» von Monika Sosnowska: eine massive, dekonstruierte Treppe, fast eine Tonne schwer.

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Die Felswand hinter dem Haus wurde in den Bau integriert, der Aushub, 9000 Tonnen Gestein, in der Betonmischung des Museumsbodens verarbeitet. Ein sich verjüngender Tunnel unter der Strasse (oben) führt vom ersten Gebäude zu vielen weiteren, kleinen, völlig unterschiedlichen Ausstellungsräumen vis-à vis (Längsschnitt).

Fotos: Studio Stefano Graziani, courtesy Muzeum Susch, Art Stations Foundation CH.

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Das Muzeum (das z ist kein Schreibfehler, sondern Referenz an die polnische Visionärin Grażyna Kulczyk) bietet Kunst auf 1500 Quadratmetern. Zu den permanenten Installationen gehören «Ethnic Wars» von Zofia Kulik (unten), «From the Series The Theater of Disappearance» von Adrián Villar Rojas (links) und «Flock I» von Magdalena Abakanowicz (rechts).

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a__ Ich bin als junge blonde Frau ohne grosse Englischkenntnisse ganz allein nach Taiwan geflogen, weil ich eine eigene Fahrradfirma aufbauen wollte und gehört hatte, dass dort ein möglicher Produktionspartner zu finden sei. Nach einem 36-Stunden-Flug – auf dem mein Gepäck verloren ging – habe ich dann in Taipeh mit meinem potenziellen neuen Partner in Zeichensprache den bestmöglichen Deal ausgehandelt. Ganz ohne Blatt Papier. Auf eine Zigarettenschachtel schrieb ich den Preis, den ich mir für die Herstellung meines Mountainbikes vorstellte, mein Gegenüber strich den Preis durch und schrieb darunter seine Preisvorstellung, dann strich ich wieder … bis wir unten an der Schachtel ankamen und das Geschäft besiegelt war. Auch als ich später – die Produktionsstätte in Taiwan wurde zu klein – in China produzieren liess, war ich immer die einzige Frau unter unzähligen Männern: One Girl in a Boys Club. Darum ist klar: ohne aktive Feministin zu sein, stehe ich bewusst für die Frauen ein und mache mich stark für ihre Belange. f__ Wenn Sie sich mit drei Adjektiven beschreiben

müssten …

Fotos: Adrián Villar Rojas, From the Series The Theater of Disappearance XXXI (2018). Courtesy Muzeum Susch, Art Stations Foundation CH. Magdalena Abakanowicz, Flock I (1990). (c) Studio Stefano Graziani, courtesy Muzeum Susch, Art Stations Foundation CH. Zofia Kulik, Ethnic Wars. Large Vanitas Still Life (1995/2017) (c) Studio Stefano Graziani, courtesy Muzeum Susch, Art Stations Foundation CH.

a__ … fleissig, verantwortungsbewusst, visionär … und darf

ich noch etwas Viertes nennen? Dann: Ich habe eine gute Intuition und fälle daher meine Entscheidungen schnell und bestimmt. Ganz schnell entschieden habe ich mich auch für das Engadin. Vor Jahren, an der ART BASEL, traf ich den Basler Galeristen Miki von Bartha. Der lud mich in sein Haus nach S-chanf ein. Und das wars: Ich habe mich vom ersten Augenblick an in dieses Tal verliebt und suchte sofort nach einem kleinen Haus in einem kleinen Ort. In Tschlin im Unterengadin habe ich dann vor elf Jahren meinen Traum gefunden. Wie gesagt, ich entscheide mich schnell. Das war so mit der Brauerei-Ruine in Posen und ebenso mit der Brauerei-Ruine in Susch. Ich weiss, wann etwas richtig ist. Und dann muss ich es einfach tun. Nicht andere fragen und lange warten. Einfach tun und keinen Plan B haben. In Graubünden lebt Gražyna Kulczyk mit ihrem Partner einen grossen Teil des Jahres. Wenn sie nicht Museen und Künstlerateliers in den wichtigen Kunstmetropolen der Welt besucht oder in ihrem Haus in Polen weilt, geniesst sie die Stille und die «wunderbar kontemplative Stimmung» des Engadins. Das Engadin ist meine Heimat geworden, nicht nur mein Zuhause, es ist «my home, not my house». Sobald ich abgefahren bin, vermisse ich die Natur, das Museum, die lokalen Menschen, die meine Freunde geworden sind, ihr Lachen, ihr Bun di und ihr A revair. Ich denke, dass das Engadin ein riesengrosses Potenzial, hat und ich glaube, wir können viel für die Gegend tun, nicht zu viel, ja nichts zerstören, die historischen Begebenheiten belassen, aber den Menschen Neues zeigen aus der Welt der Technik, der

a__

künstlichen Intelligenz, der Welt der Kunst und Kultur und vieles mehr. Ein wunderbarer Schreiner hier in Susch hat mir während der Bauzeit des Museums auf ein Blatt Papier die Zahl 400 geschrieben und gelächelt. Ich habe verstanden: 400 Jahre ist hier nichts passiert … bis wir mit unserem Museum kamen. Heute wird im 200-Seelen-Dorf Susch auf insgesamt 1500 Quadratmetern Fläche inmitten jahrhundertealter Gemäuer aufregende Kunst gezeigt. Der Museumskomplex, der aus unterirdisch verbundenen Häusern besteht – einem Kloster aus dem 12. und einer benachbarten Brauerei aus dem 19. Jahrhundert –, wurde von den Architekten Chasper Schmidlin und Lukas Voellmy aufwendig und mit viel Einfallsreichtum und Liebe zum Detail restauriert. Alle Räume sind verschieden, einmal neu, einmal alt, einmal getäfert, einmal weiss verputzt, in Fels gehauen oder einfach belassen. Das Ergebnis ist raffiniert einfach und schlicht betörend. Vier Foren bietet das Muzeum Susch neben den permanenten Installationen und den Wechselausstellungen: «Disputaziuns», ein jährliches Symposium zu gesellschaftsrelevanten Themen, «Instituto», das zu Gender-Fragen in Kunst und Wissenschaft forscht, «Temporas», das «Artist in Residenz»-Programm für Künstler-innen, Autoren-innen und Choreografen-innen, und «Akziun», das Performanceprogramm, eine Plattform für Recherche, Kreation und choreografische (Selbst-)Reflexion. f__ Was war für Sie die grösste Herausforderung?

Oh, von denen gab es sehr viele in meinem Leben. Mein Leben war nicht einfach. Es war voller Hindernisse. Und voller Aufgaben. Mein Leben ist auch heute nicht gemütlich und einfach. Aber es ist ein erfülltes und äusserst spannendes Leben. Ich führe heute genau das Leben, das mich glücklich macht.

a__

MUZEUM SUSCH S u r p u n t 78, C H - 7542 S u s ch w w w. m u z e u m s u s ch . ch E r ö ffn u n g : 2019 Ö ffn u n g s z e i t e n : Do n n e rst a g 12–18 U h r Fr e i t a g 12–21 U h r S a m st a g 11–21 U h r S o n n t a g 12–18 U h r A r ch i t e kt e n : C h a s p e r S ch m i d l i n / S C H M I DLI N AR C H ITEKTEN w w w. s ch m i d l i n a r ch i t e kt e n . ch Lu k a s Vo e l l m y / LU VO A RC H I T E K TEN w w w. l u vo . ch

ENGLISH SUMMARY

MUZEUM S USCH Gražyna Kulczyk has just won the European Cultural Investor Award with her private museum in Susch in the Engadine (Muzeum Susch). Who is this woman who is among the world’s top 200 art collectors? During her marriage to a rich Polish businessman as a «mother, wife, business partner», the graduate in law became a successful entrepreneur herself. She was known in her home country by a historic brewery complex, she not only turned into a shopping center but also a cultural center («Stary Browar», old brewery). The museum in Susch consists of a 19th century brewery and an old monastery from the 12th century. Swiss architects Chasper Schmidlin and Lukas Voellmy have lavishly and imaginatively renovated and connected the two buildings to create a breathtaking ensemble. In addition to permanent installations and temporary exhibitions, the museum offers four forums. It has always been important to Gražyna Kulczyk to be financially independent as a woman, and so today she is keen to promote female artists. Also she doesn’t collect art for herself, but above all makes it accessible to the public.

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MODE A L P I N E S T Y L E , A L P I N E FA S H I O N

Silsersee Fextal, Sofie D’Hoore, Frauenschuh and some friends Fo t o gr a f ie _ Jul e s D enne r   St y l in g _ A nnin g a G iovan ol i     M o de _ G iovan ol i M o da , Sil s

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Grüne O versize -Steppjacke, mit Daunen gefüt ter t _Sofie D’Hoore R e x k a n i n c h e n - K a p u z e , b e i d s e i t i g t r a g b a r_ Fr a u e n s c h u h S c h w a r z e s k n ö c h e l l a n g e s C o o l w o o l- K l e i d m i t f l i e s s e n d e n L i n i e n _ S o f i e D ’ H o o r e B l a u e r F i s c h g r a t- M a n t e l , a u s S e i d e u n d C a s h m e r e g e m i s c h t , a u c h a l s K l e i d t r a g b a r_G i u l i v a H e r i t a g e H a n d g e m a c h t e , r a h m e n g e n ä h t e L e d e r s c h u h e a u s I t a l i e n _ S i lv a n o S a s s e t t i


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MODE A L P I N E S T Y L E , A L P I N E FA S H I O N

Schwarze Daunenjacke aus der Ukraine, durchgehender Reissverschluss, R i p p s t o p - M a t e r i a l z u r Ve r m e i d u n g v o n R i s s e n , w a s s e r - u n d w i n d a b w e i s e n d _ I e n k i I e n k i B a s i c -T- S h i r t , B a u m w o l l e , a u s d e n U S A _ J a m e s P e r s e S p o r t l i c h e N a t u r a l- P o w e r s t r e c h - L e g g i n s , w e i c h e s a u f g e r a u t e s F l e e c e - I n n e n f u t t e r, s t r a p a z i e r f ä h i g e s , e l a s t i s c h e s M a t e r i a l , o p t i m a l e B e w e g u n g s f r e i h e i t b e i m a x i m a l e m Tr a g k o m f o r t _ Fr a u e n s c h u h R a h m e n g e n ä h t e L e d e r s c h u h e , H a n d a r b e i t a u s I t a l i e n _ S i lv a n o S a s s e t t i Handgemachter Wollhut aus Florenz _ Reinhard Plank

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Was hat der Alphirt von der Alp Prasüra ob Sils mit einem Kameramann und Fotografen aus Berlin zu tun? Sie sind ein und dieselbe Person: Jules Denner. Der sass an einem sommerlich warmen Abend im Garten einer Silser Bar und kam mit Reto Hungerbühler vom Geschäft vis-à-vis ins Gespräch. Das führte zu einer Zusammenarbeit, die Mitte September in einem Fotoshooting in herbstlicher Stimmung gipfelte. Am Ufer des Silsersees und im Fextal. Wo Annigna Giovanoli und Reto Hungerbühler mit ihren Kindern Nannigna und Menduri leben. Model Mascha aus Köln erlebte erstmals die Sonne des Engadins und wie kalt es hier bei Wind und Nebel bereits im Herbst werden kann. Da war die mit Daunen gefütterte Oversize-Steppjacke von Sofie D’Hoore gerade recht. Das belgische Label gehört genauso zur Winterkollektion wie Frauenschuh aus Kitzbühel oder Ryan Roche aus New York. Wie der eigens kreierte «Troost»-Mantel. Die Alonpi-Produkte von Alfredo Magliola und Gian Pietro Tonel aus Biella, der Hauptstadt des Cashmere. Die handgemachten Hemden von Salvatore Piccolo aus Neapel oder die Schuhe von Silvano Sassetti, handmade in Monte San Pietrangeli, Italien. Die Mäntel der Giuliva Heritage Collection von Gerardo Cavaliere und Margherita Cardelli. Die Jacken, Pullover, Hosen und Kleider von James Perse. Oder die Pufferjacken und -westen des 2016 von Dmitriy Ievenko aus Kiew ins Leben gerufenen Labels Ienki Ienki (ausgesprochen «Yenki Yenki»). www.giovanoli-sport.ch

ENGLISH SUMMARY

FOTOS H OOTING AT SILSERSEE AN D FEXTAL When Jules Denner, former alpine herdsman from Alp Prasüra above Sils and now cameraman/photographer in Berlin accidentally meets Reto Hungerbühler from Giovanoli Sport in Davos, it leads to a stunning photo shooting in autumnal sunny Engadin. Mascha from Cologne is here for the first time presenting high-quality outdoor fashion made from the best and warm materials like cashmere, silk, down, wool, leather, not only from Sofie D’Hoore, Belgium, Salvatore Piccoli and Silvano Sassetti, Italy, but also Dmitriy Ievenko («Ienki Ienki»), Kiew, and many more.


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R o t e r L a m m f e l l- S c h a l _ S o f i e D ’ H o o r e R o t e s , l a n g ä r m l i g e s K l e i d a u s W o l l- G a b a r d i n e m i t S c h l i t z a m A u s s c h n i t t _ S o f i e D ’ H o o r e E l e g a n t e r b e i g e r M a n t e l a u s W o l l-Tw i l l , i n I t a l i e n g e f e r t i g t , k l a s s i s c h e s F i s c h g r ä t m u s t e r, ß b e r g r o s s e R e v e r s , s c h r ä g e L e i s t e n t a s c h e n , g l ä n z e n d e s b r a u n e s S a t i n - F u t t e r_G i u l i v a H e r i t a g e H o c h s i t z e n d e B a u m w o l l- H o s e , w e i t e s B e i n , G ß r t e l s c h l a u f e n , R e i s s v e r s c h l u s s m i t K n o p f _ S o f i e D ’ H o o r e H a n d g e m a c h t e L e d e r s c h u h e m i t A b s a t z u n d s e i t l i c h e m R e i s s v e r s c h l u s s _ S i lv a n o S a s s e t t i


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MODE A L P I N E S T Y L E , A L P I N E FA S H I O N

Nannigna im Annigna-Mantel Was ist ein «Troost»-Mantel? Das weiss nur Annigna Giovanoli aus Sils. Sie trägt ihn seit 25 Jahren. Regelmässig. Der einzigartige Wollmantel in warmem Grau ist von hoher Qualität und so gut geschnitten, dass Annigna Giovanoli immer wieder auf ihn angesprochen worden ist. Andere modebewusste Frauen dachten, der Mantel gehöre zum Sortiment ihres Geschäftes. Nein, Annigna Giovanoli hat ihn mit 20 von ihrer Mutter zu Weihnachten geschenkt bekommen. Und seither heisst er «Troost»-Mantel. Ihre Mutter, in Holland geboren, in Australien aufgewachsen und mit dem Suvretta-Skilehrer Noldi Giovanoli im Engadin gelandet, hiess Annemarie und mit Nachnamen Troost. Seit diesem Winter gibt es bei Giovanoli Moda das gute Stück. Und Tochter Nannigna hat den Annigna-Mantel schon mal probiert. Sie war mit Vater Reto Hungerbühler mit in Paris – im Gepäck: der originale «Troost»-Mantel –, um bei Monsieur Alexandre Sprung, einem begnadeten Mantelmacher, die Aufwartung zu machen. Es war quasi ihr erster Tag als «Einkäuferin» für das Modegeschäft der Familie – gut, etwas Disneyland und «Hardrock Café» waren auf dem Business-Trip auch noch dabei. Bei «32 Paradis Sprung Frères» an der Rue de Paradis im 10. Arrondissement wurde ziemlich rasch gewählt: ein schwarzer Cashmere mit schönem Glanz, ein Futter aus dunkelblauem Seidenleinen. Monsieur Sprung nahm für den Schnitt am ursprünglichen «Troost»-Mantel Mass, ohne ihn dabei zu zerstören. 13 Mäntel in Grössen von XS bis XXL wurden gemacht, so viel gab der Stoff her. Typisch für den Annigna-Mantel sind die drei vertikalen Linien am Rücken, die drei Knöpfe vorne, die A-Form. Er schwinge beim Gehen mit, meint Annigna Giovanoli. «Er geht mit einem durchs Leben.»

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53 L a m m f e l l- We s t e , b e i d s e i t i g t r a g b a r, F a r b e Q u a r z , h a n d g e m a c h t i n P a r i s _ 32 P a r a d i s K a r r i e r t e s B a u m w o l l h e m d , h a n d g e m a c h t , a u s N e a p e l _ S a lv a t o r e P i c c o l o H o c h s i t z e n d e s c h w a r z e S k i n n y - B a u m w o l l j e a n s _ 10 e l e v e n H a n d g e m a c h t e L e d e r s c h u h e m i t A b s a t z , a u s I t a l i e n _ S i lv a n o S a s s e t t i


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MODE A L P I N E S T Y L E , A L P I N E FA S H I O N

Handbemalter Cashmere-Seidenschal aus Italien_ Alonpi G r a u s c h w a r z m e l i e r t e r S t r i c k p u l l o v e r, a u s B e r g a m o , 10 0 % Cashmere « Cruz » - Mantel aus Wolle, fallendes Revers, l ange Ä rmel , tief a n g e s e t z t e S c h u l t e r, Vo r d e r t a s c h e n m i t K l a p p e u n d K n o p f v e r s c h l u s s vorne, hergestellt in It alien _Sofie D’Hoore H o c h s i t z e n d e H o s e , s c h ö n f a l l e n d e r B a u m w o l l s t o f f, G ü r t e l s c h l a u f e , Reissverschluss mit Knopf_Sofie D’Hoore « F a r o » - C h e l s e a - B o o t s a u s L e d e r, r u n d e K a p p e , S t r e t c h e i n s ä t z e a n den Seiten, flache Gummisohle, hergestellt in It alien _Sofie D’Hoore

Cashmere-Seidenrolli, figurnaher Schnit t, sehr feiner R i p p s t r i c k , v e r l ä n g e r t e F o r m b i s ü b e r d i e H ü f t e n _ Fr a u e n s c h u h L a n g e s , k a r i e r t e s W o l l h e m d , a u c h a l s K l e i d t r a g b a r, h a n d g e m a c h t i n N e a p e l _ S a lv a t o r e P i c c o l o Daunenmantel mit Kapuze aus Baumwolle, Knopfleiste mit ­v e r d e c k t e m R e i s s v e r s c h l u s s , s e i t l i c h e E i n g r i f f t a s c h e n , h e r g e s t e l l t i n I t a l i e n _Te n C Hoch sit zende Hose, schön fallender B aumwoll stof f, Gür tel schlaufe, Reissverschluss mit Knopf_Sofie D’Hoore « V i r g i n i a » - G ü r t e l a u s N a p p a l e d e r, s i l b e r f a r b e n e r Schnallenverschluss, hergestellt in Frankreich _Sofie D’Hoore « F a r o » - C h e l s e a - B o o t s a u s L e d e r, r u n d e K a p p e , S t r e t c h e i n s ä t z e a n den Seiten, flache Gummisohle, hergestellt in It alien _Sofie D’Hoore

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55 L a n g ä r m e l i g e s F a l t e n k l e i d a u s W o o l- G a b a r d i n e m i t U - B o o t- A u s s c h n i t t , e l a s t i s c h e r B u n d , den schl anken, femininen Look betonend _Sofie D’Hoore B l a u e r F i s c h g r ä t- M a n t e l , a u s S e i d e u n d C a s h m e r e g e m i s c h t , a u c h a l s K l e i d t r a g b a r_G i u l i v a H e r i t a g e H a n d g e m a c h t e L e d e r s c h u h e m i t A b s a t z , a u s I t a l i e n _ S i lv a n o S a s s e t t i


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HELGE JEPSEN KONZERT DER MOTOREN

Er lebt in einer stillgelegten Pillenfabrik und ist Illustrator Erstens: fahren. Zweitens: fahren. Drittens: zeichnen.

Text: Wolfram Mei st er

Mercedes-Benz 300 SL «Gullwing» BIANCO 

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von Beruf. Er mag Autos.


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Helge Jepsens jüngstes Werk: der Mercedes-Benz 300 SL «Gullwing» des IWC-Racing-Teams (Baujahr 1955, 215 PS, 250 km/h Höchstgeschwindigkeit), am Bergrennen der Arosa ClassiCar im September mit beflügeltem Auftritt (am Steuer: Rennfahrer Bernd Schneider).


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Delahaye 145


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HELGE JEPSEN KONZERT DER MOTOREN

elge Jepsen sitzt an seinem Bildschirm am Schreibtisch, beendet gerade ein Telefon­ gespräch. Ein geheimnisvoller Anruf, eine diskrete Anfrage. Ein allfälliger Auftrag, eine Arbeit, die ihn über Jahre beschäftigen, auslasten könnte. Es geht um die Illustrationen von weit über 100 Fahrzeugen eines bekannten Sammlers. Dessen Name? Ein Geheimnis. Aber es darf schon mal ein bisschen geträumt werden. Zwar braucht niemand zwingend mehr als zwei Autos. Aber ein Ferrari GTC4Lusso T mit V8-Turbo-Motor wäre schon was. Sportlich und elegant, sogar geräumig. Letzteres vor allem, im Vergleich zu den eigenen, aktuellen Fahrzeugen. Dem BMW Z3 Coupé, einer «Erstausgabe», also aus dem ersten Produktionsmonat (August) und ersten Produktionsjahr (1998), ganz in Schwarz, ohne zweite Sitzreihe. Und dem Reliant Scimitar GTE SE5a mit Ford-Essex-V6 3-Liter-Motor und der Chassis-Nummer 93X5398, ganz in Weiss, Jahrgang 1975. Helge Jepsen, 1966 in Flensburg geboren und in Nordfriesland aufgewachsen, hat Benzin im Blut. Sein Vater, der gerne Wagen aus französischer Produktion pilotierte, bis er sich einen BMW leistete, war daran nicht unschuldig. Als Helge Jepsen mit dem Zeichnen begann, war er 8 Jahre und das Thema vorgegeben: Autos. Bald gewann er erste

Illustrator Helge Jepsen: «Träumerisch-reale Zeichnungen»

Preise, das bei Malwettbewerben der örtlichen Volks- und Raiffeisenbank. Und so nahm alles seinen Lauf. Die exakte Berufsbezeichnung des Illustrators Helge Jepsen ist DiplomKommunikationsdesigner, abgeschlossen an der Folkwangschule in Essen, einer Stadt, mit der er sich bis heute eng verbunden fühlt. Auch wenn die Autowerkstatt mit dem Mechaniker seines Vertrauens («ich selber bin kein Schrauber») nahe Lüneburg liegt, also in etwa 300 Kilometern Entfernung. Jepsen lebt und arbeitet in einer ehemaligen Pillenfabrik (Sanostol). Beherrscht das handwerkliche Arbeiten mit Stiften und Pinseln und Acrylfarben aus dem Effeff, nur ist das eine Kunst aus alten Tagen, vergangenen Zeiten, die gerne verklärt

werden, die aber niemand wirklich zurückhaben will. Das Rad wurde inzwischen nicht gänzlich neu erfunden – ein bisschen aber schon. Auch wenn Jepsen allererste Skizzen, Vorzeichnungen noch immer gerne mit dem Bleistift zu Papier bringt, wird die schwarze Outline, eines der Markenzeichen von Helge Jepsen, am digitalen Zeichenbrett gezogen, danach Schicht gearbeitet. Das heisst: mit vielen einzelnen Ebenenen, Schicht um Schicht. Mit Schattierungen, Farben, Hintergründen, Ambiente. Was mit viel Liebe zum Detail verbunden ist. Alles im Photoshop – «ein herausragendes Programm auch zum Zeichnen», wie Helge Jepsen erläutert. Dank den einzelnen Ebenen, dem Verlauf, lässt sich leichter, auch schneller etwas verändern.

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Maserati Tipo 61 Birdcage


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HELGE JEPSEN KONZERT DER MOTOREN

Der blaue Delahaye (René Dreyfus siegte 1938 beim Million-FrancRennen mit dem sogenannten MillionFranc-Delahaye gegen die damals übermächtigen Mercedes-Benz W154, unter anderem pilotiert von Rudolf Carraciola) und der rote Ferrari 410 Sport (gefahren erst von Fangio, danach von Carrol Shelby, Phil Hill und Ritchie Ginther) auf diesen Seiten zählen zu Helge Jepsens liebsten Illustrationen. Auch sein jüngstes Werk: der MercedesBenz 300 SL «Gullwing» des IWC-RacingTeams (Baujahr 1955, 215 PS, 250 km/h Höchstgeschwindigkeit) am 7,3 Kilometer langen Bergrennen der Arosa ClassiCar im September mit beflügeltem Auftritt (am Steuer: Rennfahrer Bernd Schneider). Wobei Jepsen festgehalten haben will, dass er sich keineswegs als Künstler verstehe, vielmehr als ganz normaler Dienstleister, der Auftragsarbeiten zu einem gelungenen Ende führen will. «Meine Illustrationen sind auch keine Konstruktionszeichnungen», präzisiert er. Vieles sei stimmig und werde von ihm illustrativ zum Stimmen gebracht.

Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» beschrieb Jepsens Illustrationen treffenderweise mal als «träumerischreale Zeichnungen». An die 80 Prozent seiner Arbeitszeit schenkt Helge Jepsen inzwischen den Automobilen. Was nicht immer so war. Zu seinen Kunden gehören viele Zeitschriften wie «Playboy» oder «Stern», auch nam­ hafte Werbeagenturen. Er arbeitete für Shell, Aral, Toyota, Rotkäppchen Sekt, IWC oder Veltins und viele weitere bekannte Firmen. Veröffentlichte dazwischen aber immer wieder wunderbare Bücher, die, heissgeliebt von Leserinnen und Lesern, erst Bestseller, dann Longseller wurden. Mit Titeln wie «Männerspielzeug» (eine beinahe vollständige Sammlung lebensnotwendiger Dinge) oder «Männer­ spielplätze» (eine beinahe voll­­ständige Sammlung aufregender Aufenthaltsorte und der dazugehörigen Ausstattung). Je ein Buch widmete er auch den Spitznamen von 99 automobilen Klassikern und 99 automobilen Renn­klassikern. Gefragt sind seine Illustrationen von Fahrzeugen bei privaten Autoliebhabern (Kosten pro Zeichnung: knapp 3000 Euro). Und bei Zeitungen wie «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (Technik und Motor) und Zeitschriften wie «Auto, Motor und Sport» oder dem aussergewöhnlichen, schon mehrmals als «Bestes Automagazin Deutschlands» ausgezeichneten «Ramp». Für letzteres zeichnete Jepsen Titelbilder, Reisereportagen (USA, Island) oder auch mal die berühmtesten Felgen in der Porsche-History (Kronprinz, Hackmesser, Fuchs, Wählscheibe). Für die SCHWEIZERISCHE WEINZEITUNG ist er seit Mai 2010 um das Cover besorgt, was eine einzigartige Sammlung von bislang

97 weinaffinen Illustrationen entstehen liess. Was ist nun aus dem eingangs erwähnten Anruf geworden? Das fragt sich auch Helge Jepsen. Die Geschichte scheint sich im Sand verlaufen zu haben, wobei ihm das ganz recht zu sein scheint. Jepsen ist ein freier Geist, der gerne selber entscheidet. Und jetzt seinem BMW Z3 Coupé erst mal das geschenkt hat, was dieser sich über all die Jahre verdient hat: einen Garagenplatz. Wie er bislang nur dem Reliant Scimitar zustand. Wer Helge Jepsen kennt, wird einen Hinweis auf die «Dukes of Downtown» in Essen vermissen. Deshalb ein kleiner Nachtrag zum jährlichen Autotreffen, das im September Oldtimer aus der ganzen Welt und andere Fahrzeuge mit grossem «Coolness»-Faktor und Seltenheitswert vereint. Akustisches und olfaktorisches Highlight der Veranstaltung ist für die Besucher jeweils das «Konzert der Motoren: Um Punkt 18 Uhr geben alle teilnehmenden Fahrer gemeinsam im Leerlauf eine Minute lang Vollgas.

www.helgejepsen.de

ENGLISH SUMMARY

HELG E JE P SE N German illustrator Helge Jepsen spends about 80% of his working time on cars. That was not always the case. He has worked for Shell, Aral, Toyota, Rotkäppchen Sekt, IWC, Veltins and many other wellknown companies. Nowadays, his illustrations are in high demand with private car lovers (cost per drawing: just under 3000 Euros), and he regularly contributes to magazines like «Auto, Motor und Sport» or the extraordinary «Ramp», which has won several awards as Germany’s best car magazine.

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Ford GT 40

Kein Schrauber, auch kein Künstler: «Ich bin ein ganz normaler Dienstleister»

Ferrari 410 Sport

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THE KLOSTERS FORUM U M W E LT - G I P F E L

ERDE GUT, ALLES GUT Engagiert für die Umwelt: Die beiden Mitgründerinnen von The Klosters Forum, COO Stephanie von Meiss, Master in Business und Nachhaltigkeit, und Anwältin und CEO Camilla ter Haar.

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KLEINER ORT, GROSSE STRAHLKRAFT – KLEINER KREIS, GROSSE WIRKUNG. WARUM THE KLOSTERS FORUM BEREITS NACH DREI JAHREN IN SACHEN UMWELTFRAGEN INTERNATIONAL ZU EINEM BEGRIFF GEWORDEN IST, ERKL ÄREN DIE MITGRÜNDERINNEN, CEO CAMILL A TER HAAR UND COO STEPHANIE VON MEISS.

f__ Was macht The Klosters Forum eigentlich?

The Klosters Forum, kurz TKF genannt, ist ein Not-for-Profit-Umweltforum. Und zwar ein ungewöhnliches. Denn wir sind sehr klein, dafür aber global und wirkungsvoll. Wir bieten in den Bündner Bergen eine Plattform für nur 100 sorgfältig ausgewählte Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die sich während zweieinhalb Tagen mit jeweils einer grossen UmweltHerausforderung beschäftigen. Stephanie von Meiss__ Die letzten zwei Jahre lag unser Hauptfokus auf «Ocean Plastic Pollution», dieses und nächstes Jahr geht es zusätzlich um das neue TKF-Thema «Sustainable Food Supply Chains in the Context of Biodiversity Conservation and Regeneration». Kurz: Artenvielfalt und unser täglich Brot. Camilla ter Haar__

f__ Wer sind diese 100 Partizipanten? Wie werde ich

eingeladen?

Das klingt nun vielleicht etwas hoch­ trabend, aber entweder sind Sie ein disruptiv denkender Entscheidungsträger und gehören zur Gruppe der 80 ausgewählten TKF-Experten. Sie sind also Wissenschaftler-in, Akademiker-in an einer renommierten Universität, ein Unternehmer-in, NGO-Vorsitzender, Künstler-in, Designer-in, IT-Spezialist, Investor oder Innovator. Oder Sie gehören zur zweiten kleinen Gruppe der TKF-Friends und interessieren sich für das Thema und möchten mit den höchst interessanten Teilnehmern zweieinhalb spannende Tage in den Bergen verbringen. Stephanie von Meiss__

f__ Wer kam denn bisher ans The Klosters Forum?

Zum Beispiel Laura Tuck, Vice President von The World Bank, oder Andrew Sharpless, der CEO von Oceana, der grössten Meeresschutz-Organisation der Welt, sowie der bekannte Designer und «Parley for the Oceans»-Gründer Cyrill Gutsch oder der renommierte Doku-Filmproducer Craig Leeson. Dazu kommen die TopSustainability-Verantwortlichen grosser globaler Konzerne wie Coca-Cola, Dow Chemical, Microsoft oder HP. Es sind alles Menschen, die zwar an den selben Problemen arbeiten, sich aber normalerweise nicht treffen würden. Camilla ter Haar__

f__ Wann findet das nächste Forum statt? Camilla ter Haar__ Vom

23. bis 25. Juni 2020. Sollten Sie sich dafür interessieren, müssten Sie sich bald bewerben oder als TKF-Friend anmelden.

f__ Mittlerweile ist Nachhaltigkeit auch zu einem Modewort

geworden und jede Organisation oder Firma schmückt sich damit. Was machen Sie anders als andere? Stephanie von Meiss__Unser

Ziel sind sektorenübergreifende Kollaborationen unserer Partizipanten. Denn nur mit vereinten Kräften können wir die drängendsten UmweltENGLISH SUMMARY

probleme angehen. Und dies ist beim The Klosters Forum möglich, weil wir so klein, international und exklusiv sind. Deshalb gibt es bei uns auch kein Corporate Setting, sondern unser Forum findet auf einem Bauernhof und in einem Bergchalet statt, die Teilnehmer-innen können sich auf einer Wanderung oder beim Kegeln nach dem Abendessen persönlich austauschen, aber auch in themenspezifischen Workshops am nächsten Tag gemeinsame Lösungen erarbeiten. f__ Auf Ihrer Website erwähnen Sie eine Reihe von TKF-Talks Camilla ter Haar__ Richtig, diese TKF-Talks – es sind Podiumsdiskussionen zu bestimmten Umweltthemen – finden aber nicht in Klosters, sondern auf der ganzen Welt statt; zum Beispiel in London, Davos, Istanbul, Hongkong, aber auch in Gstaad oder Amsterdam. Sind wir für das Hauptforum in Klosters sehr wählerisch und suchen sehr gewissenhaft die passendsten 100 Teilnehmer-innen aus, ist es hingegen das Ziel der TKF-Talks, das gemeinsame Wissen unserer Experten in die ganze Welt hinauszutragen. Stephanie von Meiss__Dazu möchte ich erwähnen, dass eines unserer TKF-Talks-Themen «Art and Environment» heisst. Und so freuen wir uns, dass The Klosters Forum zusammen mit unserem neuen Strategic Alliance Partner ART BASEL INSIDE im Januar während der WEF-Woche in Davos sowie während ART BASEL in Hongkong eine Podiumsdiskussion zum Thema «Role and Responsability of Art to Tackle Plastic Pollution» organisieren wird. f__ Sollte ich weder am Forum noch an den Talks teilnehmen

können, wo erfahre ich denn, was die Partizipanten des TKFs erarbeitet haben? Camilla ter Haar__ Die Berichte zu den letzten drei Foren sind auf unserer Website zu finden. Zusätzlich haben wir dieses Jahr begonnen, unsere Experten von einer bekannten englischen Journalistin interviewen zu lassen. Die Podcasts dazu gibts auf Spotify, iTunes und auf unserer Website. Jeden Monat veröffentlichen wir drei neue Interviews. f__ Zum Schluss: Warum haben Sie gerade Klosters als

Forumsort gewählt? Stephanie von Meiss__Weil

alle internationalen Gründer-innen des Forums einen Bezug zu Klosters haben. Und weil die unberührte Natur der Berge uns stets daran erinnert, wie wichtig es ist, unser wertvolles Ökosystem zu pflegen und zu erhalten. Zudem erfrischt ja, wie wir wissen, die Bergluft unseren Geist und so heisst denn auch das TKF-Leitmotiv: «The Klosters Forum – Opening Minds». www.theklostersforum.com stephanie@theklostersforum.com www.artbaselinside.com

THE KLOST ERS FOR U M After 3 years, The Klosters Forum is already well-known. The 2 co-founders CEO Camilla ter Haar and COO Stephanie von Meiss explain why. The participants: a small circle of 100 outstanding decision-makers and «friends». They talk about environmental issues and plan for cooperation. 2019 the subject was «Plastic Pollution», from 2020 on it will be «Sustainable Food Supply». Equally important is the place: Klosters and its stunning nature. TKF Talks can be found on the website, also a reference to collaboration with ART BASEL.

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CHRISTIAN JOTT JENNY G E M E I N D E P R Ä S I D E N T S T. M O R I T Z

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Am liebsten in den Farben von St. Moritz: Christian Jott Jennys Garderobe in Gelb und Blau.

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Er scheint für alles zuständig zu sein, was mit St. Moritz zu tun hat: Christian Jott Jenny. Der Entertainer, Kulturmanager und Operntenor hat das Genre gewechselt, sich dem «politischen Kabarett» zugewendet. Seit dem Januar 2019 ist er Gemeindepräsident und seine neue Bühne das Rathaus von St. Moritz. Tex t: Wolfram M ei st er

Fo t o g ra f i e : G i a n Ma r c o Cas telberg

Schimmel ÷ Im Rathaus spielt die Musik. Am 7. Tag seiner Amtszeit ist Christian Jott Jenny das Schimmel-Klavier ins Arven-Oval-Office geliefert worden. Jenny, einst bei den Zürcher Sängerknaben, hat in Berlin an der Hochschule für Musik Hanns Eisler beim Heldentenor Reiner Goldberg studiert.

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Barfuss oder «Balthazar» ÷ Abgesehen davon: Es gibt den FDP-Politiker Christian Jenny, den Jeninser Winzer Christian Jenny, das Schwyzerörgeli-Trio Christian Jenny. Bei Christian Jott Jenny steht das phonetisch geschriebene J. für den zweiten Vornamen: Johannes. Und den Espresso morgens? Den gibts draussen barfuss in der Natur oder bei den Guccis für 2 Franken im «Balthazar» in St. Moritz.


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Aktionär ÷ In den Tiefen des «Badrutt’s Palace», im Labyrinth des verwinkelten Weinkellers, in einem gut versteckten Häuschen: Sich hier eine Flasche entkorken zu lassen, ist ein Privileg, das Minderheitsaktionär Christian Jott Jenny geniesst. Es war ein 2013er Brunello von Silvio Nardi, kein Château Lafite-Rothschild Jahrgang 1900.


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10 Minuten ÷ Das olympische Feuer brannte hier. Während der Winterspiele 1928 und 1948. Im Stadion St. Moritz, dem Herzstück der damaligen Wettkämpfe. Aussen original erhalten, seit ein paar Jahren das Privathaus von Rolf Sachs. Nachdem die Gemeinde in einer Abstimmung der Neunutzung des sporthistorischen Gebäudes zugestimmt hatte. Auch Christian Jott Jennys St. Moritzer Adresse. Ein Refugium von 12 Quadratmetern. Mit reichlich zusätzlichem Platz. Vom Rathaus sind es 10 Minuten zu Fuss. Spätabends ein letzter Zigarillo, im Aufgang, der zum Wohnbereich führt.

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Geburtstag ÷ In privilegierter Abgeschiedenheit am Lej da Staz begleiteten die Klänge des italienischen Pianisten Ludovico Einaudi den sommerlichen Sonnenuntergang vor beeindruckender Kulisse. Für Christian Jott Jenny, der 2007 das Festival da Jazz gründete, ist es eine winterliche Rückkehr an den Ort, wo er seinen 40. Geburtstag feierte und bekannt­ gab, als Gemeindepräsident von St. Moritz zu kandidieren.

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Rückseite des Rathauses: «Chesa Veglia», Christian Jott Jenny und sein alter Fiat Panda mit Körbchen als Gepäckträger.

AM 8. AUGUST 2018, seinem 40. Geburtstag, gibt Christian Jott Jenny bekannt, bei der Wahl zum Gemeindepräsidenten von St. Moritz anzutreten. Sein WahlkampfSlogan: «St. Moritz kann es besser.» Zwei Monate später, am 7. Oktober, wird CJJ im zweiten Wahlgang gewählt, mit 894 zu 822 Stimmen, 72 Stimmen geben den Ausschlag. Seit dem 1. Januar 2019 haben die St. Moritzer nun einen Aussenseiter als Gemeindepräsidenten, der von sich sagt: «Ich habe nicht vor, mich zu ändern.» Einen, der Dinge beim Namen nennt, dem es viel ernster ist, als es manchmal den Anschein macht. Einen, der auf die Leute zugehen kann wie kein Zweiter und voller Überzeugung sagt, dass St. Moritz und das Engadin die beste Zeit noch vor sich haben. Christian Jott Jenny wohnt in einer WG im Olympiastadion St. Moritz, seine Briefe beendet er immer gleich, mit einem «Stets höflich». Mal angenommen, Christian Jott Jenny hätte seine Eindrücke als Gemeindepräsident in einem Tagebuch notierend festgehalten … Dann hätte man am 1. Januar 2019 unter dem Titel «Mein erster Tag als Gemeindepräsident» lesen können: «Besichtigung des Gemeindehauses. Im obersten Stock denke ich: schöne Aussicht. Der Herr vom Bauamt, der mich durch die Etagen führt, klärt mich auf, dass das Haus früher mal ein Hotel gewesen sei. Kann er Gedanken lesen? Gerade ist mir durch den Kopf gegangen, dass die Lage für ein kleines, feines Hotel der 3- oder 4-Sterne-Klasse bes­ tens geeignet wäre. Eigentlich eine gescheitere Nutzung. Wir müssen ja nicht zwingend an bester Lage mitten im Zentrum von St. Moritz residieren. 17 Uhr: Glühwein. Der Neujahrs-Aperitif vor dem Gemeindehaus. Etwa 300 Leute. Viel Einheimische, wenig Gäste. Das kleine Inserat in der ‹Engadiner Post› haben die meisten St.-Moritz-Gäste wohl nicht gesehen. Eine vertane Chance, Bevölkerung und Gäste zusammenzubringen.» Würden wir den anfänglich erwähnten Gedanken fortspinnen, ginge es am 2. Januar 2019 folgendermassen weiter: «Die Gemeinde St. Moritz hat über 250 Angestellte. Mein Büro liegt im ersten Stock. Zwischen Trauzimmer und dem Büro des Gemeindeschreibers. Mit Aussicht auf die Konditorei und das Caféhaus ‹Hansel-

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mann›. Nach ersten fälligen Unterschriften wird verlangt. Drei Stapel, mehrheitlich Rechnungen. Warum die zu mir kommen? Finanzen gehören zwar zu den Verantwortlichkeiten eines Gemeindepräsidenten. Weshalb aber unterschreiben nicht die in der Sache zuständigen Abteilungen? Ein Rätsel. Fr. 68.50 für Pommes-Chips im Bistro des Hallenbades Ovaverva. Fr. 18.90 für die Swisscom …» Am späteren Abend des zweiten Tages im neuen Jahr hat Christian Jott Jenny einen Auftritt im ausverkauften Foyer des Hotels «Walther» in Pontresina – das traditionelle Neujahrskonzert bei Anne-Rose und Thomas Walther, welches der singende Entertainer seit elf Jahren gibt. Speziellen Applaus erntet Jenny, als er bei Ruedi Walters Lied aus der Niederdorfoper «Mir mag halt niemmert öppis gunne» in der einen Strophe seinen vor Amtsantritt gekürzten Lohn in einer leicht geänderten Passage besingt – «ganz früsch gwählt, es isch en Hohn, chürzets mir zallererscht de Lohn». Der 3. Januar 2019 des neuen Gemeindepräsidenten begann im Rathaus: «Abhängen von Bildern im Büro. Viel Historisches zu St. Moritz. Aufhängen von neuen Bildern. Unter anderem ein frisch gerahmtes Tourismus-Poster mit Zürcher Grossmünster, Limmat und Zürichsee. Die Fotos meiner beiden Kinder, Tosca und Emil. Plus eine Vergrösserung vom Festival da Jazz 2018 mit Meistergeiger Nigel Kennedy im Hallenbad des Hotels ‹Bären›. Draussen im Gang: ein St.-Moritz-Plakat aus dem Jahr 1950 von Gérard Courbouleix, auf dem ein Tiefschneefahrer seine Kurven über den Busen einer Frau zieht, im Hintergrund eine flatternde Schweizerfahne als Himmel hinter verschneiter Bergkulisse. Ein Geschenk von meinem Tenor-Freund Benedetto Rubini.» Es folgt die erste Sitzung. Zusammen mit den neuen Kolleginnen und Kollegen vom Gemeindevorstand. Eine Sache am Rand: sein Lohn, der Ende 2018 ziemlich stillos gekürzt worden war. Weitere Trak-

tanden: Baugesuche, KESB-Einsätze, eine indische Hochzeit Ende Februar. Christian Jott Jennys Büro nimmt langsam Formen an. Am 7. Januar lesen wir im imaginären Tagebuch vom Start in die zweite Woche: «Die USM-Gestelle sind weg, das grosse, verstellbare Stehpult ist installiert. Heute ist auch das Piano geliefert worden, das Klavier von Schimmel für den Amtsschimmel.» Was das Zeitmanagement anbelangt, hat sich Christian Jott Jenny ein Ziel gesetzt, gleich zu Beginn des Jahres, beim Amtsantritt: 20 Prozent will er im Büro verbringen, 80 Prozent bei den Leuten sein. «30 und 70 ginge auch noch, im schlimmsten Fall darf es auch 40 Prozent zu 60 Prozent sein.» Dass kleine Dinge besonders Freude bereiten können, zeigt sich beim Automobilisten Christian Jott Jenny, der im Sommer im sonnengelben Saab-Cabriolet seine Kreise zieht, meistens aber mit einem alten Fiat Panda mit Körbchen als Gepäckträger von A nach B unterwegs ist: Er ist nun, dank seinem Amt, glücklicher Besitzer eines Funk­­­senders, um Barrieren und Poller in St. Moritz per Knopfdruck zu öffnen. Noch zwei fiktive Einträge aus dem Tagebuch des Gemeindepräsidenten. 15. Januar: «Heute standen einige spontane Hotelbesuche an. ‹Kulm›,‹Hauser›, ‹Schweizerhof›. Ich wollte ein bisschen die Stimmung spüren bei den Gästen. Ich versuche auch, jeden Mittag in irgendeinem anderen Res­ taurant zu essen. Ich bin keiner, der mittags nach Hause geht. Mein Refugium zu Hause misst 12 Quadratmeter, wenn auch die Küche bei Rolf Sachs reichlich Platz bietet. Und vom 27. Januar: «In Zürich. Mit meiner sechsjährigen Tochter Tosca und meinem fünfjährigen Sohn Emil war ich heute auf der Dolder-Eisbahn Schlittschuh laufen. Meine Kinder kommen einmal bis zweimal im Monat nach St. Moritz.» Wie es weitergeht? Das wissen wir nicht. Vielleicht schreibt Gemeindepräsident Christian Jott Jenny heimlich ja tatsächlich Tagebuch. Wer weiss.

www.gemeinde-stmoritz.ch www.stmoritz.com www.chjj.ch

ENGLISH SUMMARY

ART IST AS MAYOR: C HR IST IA N JOT T JE NNY Since 1 January 2019 St. Moritz has a new, unusual mayor: Christian Jott Jenny, entertainer, cultural manager and opera tenor. Jenny, once with the Zurich Boys‘ Choir, studied in Berlin at the College of Music Hanns Eisler with Heldentenor Reiner Goldberg. In the fall of 2018, on his 40th birthday, he announced his candidacy, at the end of the year he was really elected with the slogan: St. Moritz can do better! So now his new stage is in the town hall of St. Moritz, with a view of the coffee house «Hanselmann». He is motorized just as stylishly: in the summer with a yellow Saab Cabriolet, usually with an old Fiat Panda with a basket as porter. As a mayor, it is his goal to spend only 20 percent of the time in the office, though it‘s equipped with a Schimmel piano, and instead be with people. Right in the beginning, Christian Jott Jenny made an appearance at the Hotel «Walther» in Pontresina. He was applauded when, in a slightly altered passage of a Ruedi Walter song, he sang about the lacking in style reduction of his salary just before he took office.


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KURZ & KNAPP PA N O R A M A - K A R T E N

GIPFEL DER GEFÜHLE

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ie gefalteten Landkarten des Bundesamtes für Landestopografie gelten als sehr genau, als sehr informativ, als kartografisch von höchster Qualität. Im Gegensatz dazu geben die in den Alpen allgegen­wärtigen touristischen Panoramakart­en mit immerblauem Himmel nur scheinbar die Realität wieder. Es sind gemalte Darstellungen, die der schnellen Orientierung dienen sollen, dreidimensionale Interpretationen jenseits der Massstabstreue. Bildgewaltig, auch weil mit perspektivischen Tricks gearbeitet wird. Man kennt sie von Flyern und Prospekten, sie stehen als riesige Schautafeln auf Parkplätzen von Skiorten, geben grossformatig in Bergbahnstationen Auskunft über Liftanlagen, Pisten und Berghütten. Dem Kunst-Genre der Panoramakarten ist ein dicker Band des Prestel-Verlags mit 150 Kartenblättern gewidmet. In einem liebevollen wie informativen Essay schreibt eingangs Herausgeber Tom Dauer über die plakative Kunst, die in moderner Form in den 1930er-Jahren aufkam, und ihre Pioniere. «Bereits im 18. Jahrhundert wurde die Wortschöpfung ‹Panorama› – abgelei-

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KURZ & KNAPP SKI-KARTEN

Engelberg und Grächen im Winter: Handgezeichnete Panoramakarten üben im Zeitalter von Photoshop und GPS eine ganz besondere Anziehungskraft aus.

tet aus dem griechischen «pan» (alles) und «horame» (sehen) – verwendet. Vermutlich geht sie zurück auf den irischen Maler Robert Barker, der 1792 eine Serie von sechs Bildern anfertigte, die die Londoner Skyline im 360-Grad-Rundblick zeigten.» Als Begründer der modernen Panoramamalerei gilt Heinrich C. Berann (1915–1999) aus Innsbruck «und bis heute als unerreichter Meister seines Fachs». Der Österreicher schuf um die 650 Panoramen. Tom Dauer führt weiter aus, dass die Manipulation der Landschaft bei Panoramakarten nötig sei, die Kunst nicht in der Aufgabe liege, Natur und Landschaft möglichst exakt abzubilden: «Panoramen dürfen, nein sie müssen betonen, überhöhen, verzerren, vielleicht sogar weglassen. Nur so schaffen sie es, im Betrachter Empfindungen zu wecken. Und ein Gefühl für die Landschaft, der er sich gegenübersieht.»

«Alpen. Die Kunst der Panoramakarte» Prestel Verlag 192 Seiten, 40 Euro

Vom Pulverschnee in die Prunkräume der kaiserlichen Hofburg mit 27 Wohn- und Repräsentationsräumen.

PISTE UND KULTUR Mit den Skischuhen ins Museum? In die kaiserliche Hofburg Innsbruck mit 25 Prunkräumen aus der Zeit des 18. und 19. Jahrhunderts? Oder zur Sammlung des Anatomie-Museums mit Skeletten und Schädeln, Feuchtund Trockenpräparaten? Muss nicht sein. Wäre aber möglich, wenn auch ein bisschen unbequem. Denn wer mit dem neuen «Ski Plus City Pass» in der Region unterwegs ist, hat diesen Winter nicht nur die Wahl zwischen 13 Skigebieten, vom Axamer Lizum bis zum Stubaier Gletscher. Er profitiert

zusätzlich von 22 Kultur-, Lifestyleund Sightseeing-Angeboten rund um die Alpenmetropole Innsbruck. Dazu zählen diverse Museen. Aber auch der Besuch in den Swarovski-Kristallwelten oder im Alpenzoo, zudem das Eislaufen im Olympiaworld. Der 2-TagesPass für Erwachsene kostet 111 Euro, der für 14 Tage 466 Euro. Im Preis inbegriffen sind Skibus, selbst Hop-onHop-off in Innsbruck. www.skipluscity.com

PISTEN AUF ALLEN KONTINENTEN Mit einem einzigen Skipass Zugang zu den berühmtesten Skipisten der Welt? In 41 Skigebieten rund um den Erdball, auf allen fünf Kontinenten? In Aspen, Colorado, in den Rocky Mountains? Im Valle Nevado in den Anden von Chile? In Niseko in Japan, The Remarkables in Neuseeland oder Mt. Buller in Australien? Das ist möglich mit einem Skipass namens Ikon. Das

Vergnügen kostet zwischen 749 (Ikon Base Pass) und 1049 US-Dollar (Ikon Pass) und bietet Zugang zu 719 Liftanlagen und 4857 Pisten, was einer Fläche von gut 34 000 Hektaren entspricht. Jüngste Ikon-Destination ist seit diesem Winter Zermatt – als erstes Skigebiet in Europa. www.ikonpass.com

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KURZ & KNAPP BERGELLER PERLEN

Seit dem Bergsturz im Sommer 2017 kennt das Bergell kaum andere Schlagzeilen als die von der Katastrophe am Piz Cengalo. Höchste Zeit, sich ins malerische Tal frisch zu verlieben. Für Gäste wird allerbestens gesorgt.

AUF SOGLIOS SONNENTERRASSE Die Architekturzeitschrift «Hochparterre» hat den früheren Direktor von Dietiker (Stuhl- und Tischfabrik) im Bergell aufgespürt. Dort haben sich Ueli Weber und seine Frau Ludmilla mit dem «Bel Sulet» (Architekt: Teo Biert) einen Traum erfüllt, als Gastgeber eines besonderen Hauses in der Bergnatur zu leben. «Das an der schönsten Lage im Bergell», schwärmt Ueli Weber, nämlich an jenem Ort in Soglio, «wo Giovanni Segantini das erste Bild seines Triptychons ‹La Vita› gemalt hat.» Maximal vier Gäste beherbergen die Webers in ihrem Haus, in der Camera Blu oder der Suite Bel Sulet im Dachgeschoss. Vom Haus aus führen WanDie gemütliche Stüva mit gemauertem Ofen.

FERIEN IM VARLIN-HAUS Nach der Hochzeit mit der gebürtigen Bergellerin Franca Giovanoli zog Varlin 1963 nach Bondo. Der Kunstmaler, der eigentlich Willy Guggenheim hiess, nahm in der Schweizer Malerei des 20. Jahrhunderts eine Sonderstellung ein. Unbeeindruckt von den avantgardistischen und abstrakten Strömungen seiner Zeit, schuf er ein eigenständiges figuratives Werk, das die Fragilität des Alltäglichen ins Zentrum rückte. Die Zuneigung, die er für die Bewohner von Bondo fühlte, drückt sich in seinem monumentalen Gemälde «Leute meines Dorfes» von 1975 aus – das Werk ist im Talmuseum ausgestellt. Schriftsteller wie Max Frisch oder Friedrich Dürrenmatt sassen ihm Porträt. In der Zürcher «Kronenhalle» hängt seit Jahrzehnten Varlins Bild der legendären Wirtin Hulda Zumsteg. Mit dem Umzug ins Bergell erwarb Varlin 1964 die «Casa Palü» in Stampa, direkt am Ufer der Mera gelegen, zwischen grossen Felsen, mit Blick auf den Palazzo Castelmur. Es dient ihm als Ferien- und Gästehaus. In dem im 17. Jahrhundert erbauten Haus, arbeitete der Schriftsteller Hugo Lötscher an seinem Roman «Der Immune». Heute bietet das restaurierte Haus mit grosser, getäferter Stüva und gemauertem Ofen sechs Personen Platz und kann von der Stiftung Ferien im Baudenkmal gemietet werden. www.varlin.ch www.magnificasa.ch/objekt/casa-palue

Varlins «Casa Palü» am Ufer der Mera.

Das «Bel Sulet» bietet alles: für Bewegungsmuffel wie Fitnessliebhaber.

derwege zu kleinen und grösseren Touren. Auf der grossen Holzterrasse warten Deckchairs und Liegebetten zum Faulenzen. Das Segantini-Panorma lässt sich im Naturgarten (2300 m²) mit Teich geniessen. Bocciabahn, Schwimmbad und Sauna stehen zur Verfügung. Zudem bietet Ludmilla Weber massgeschneiderte Bewegungstrainings an, draussen oder im Fitnessraum. Ein fürstliches Frühstück und ein reichhaltiges Abendessen erwarten die Gäste. «Wir sind Ihre Gastgeber», sagen Ludmilla und Ueli Weber, um gleich zu ergänzen, «auch Concierge, Chauffeur, Koch, Chef de Service, Sommelier, Gärtner oder einfach Mädchen und Bursche für alles …» Via Lüder 10, 7610 Soglio, Fon +41 81 822 10 22 www.belsulet.swiss

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ROSMARIN, LAVENDEL, SALBEI UND THYMIAN Das «Pontisella» in Stampa ist ein grosses, altes Patrizierhaus mit vielen Räumen und reichlich Umschwung, gleich an der Hauptstrasse, die durch das Tal führt. «Casa Pontisella» heisst das 1849 erbaute Haus, weil es immer der Familie gleichen Namens gehörte und bis vor nicht allzu langer Zeit ab und zu als Zweitwohnsitz, meist kaum mehr benutzt worden war. Nun ist es, aus dem Dornröschenschlaf geweckt, in ein kleines, feines Gasthaus verwandelt worden, ohne seine Ursprünglichkeit zu verlieren. Einladender Speiseraum im «Puntinella» des winterlich verschneiten Bergells. Um den sorgfältigen Umbau kümmerten sich Daniel Erne und seine Familie mit dem Bündner Architekten Christoph Sauter. Im luxuriös-einfachen am Kultur-Programm: mit Open-Air-Konzerten (bei schlechtem Bed & Breakfast gibt es vier gemütliche Gästezimmer in den Haus­ Wetter im Heustall), Filmvorführungen oder Kunstausstellungen. ecken des zweiten Stocks (Fr. 160.– pro Nacht), mit Arvenholz Jetzt gerade werden die Fotografien von Sylvan Müller («Das kugetäfert, uralten Lärchenböden, stilsicher eingerichtet. Sie haben linarische Erbe der Alpen») bis Mitte Januar gezeigt. Im Haus der Namen wie die Kräuter im Garten: Rosmarin, Lavendel, Salbei Ernes findet sich auch eine zauberhafte Butéga mit ausgesuchten und Thymian. In der Küche werden die Gäste zum Zmorge mit Qualitätsprodukten von Künstlern, Handwerkern und Designern. frischen Produkten aus der Region verwöhnt, nachmittags gibts Alleine sie lohnt einen Besuch. am grossen Holztisch frisch gebackenen Kuchen, Kaffee und Tee. Manchmal knistert ein Feuer im Kamin, manchmal holt man sich Strada Cantonale 86, 7605 Stampa-Bregaglia für den Liegestuhl im Garten ein Buch aus der Bibliothek. Dass das Fon 081/852 30 56 «Pontisella» ein aussergewöhnliches Gasthaus ist, zeigt sich auch www.pontisella-stampa.ch


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KURZ & KNAPP JAGD, JÄGER UND GEJAGTE

Die Beschäftigung mit der Jagd birgt Risiken. Sagen die Herausgeber einer Publikation, bei der es um Passion und Bilder von der Jagd geht. Wo es nur ein hartes Dafür oder Dagegen gebe, gerate der differenzierende Blick rasch in Verdacht.

Wirkt merkwürdig antiquiert: das Posieren mit Jagdtrophäen.

VERLOREN ZWISCHEN TROPHÄEN

«Passion. Bilder von der Jagd» Herausgegeben von Peter Egloff und Stephan Kunz 328 Seiten, 105 farbige Abbildungen; 48 Euro/49 CHF www.scheidegger-spiess.ch www.buendner-kunstmuseum.ch www.davidchancellor.com

Nein, es gibt keine Eisbären in den Alpen. Das Bild des in Südafrika lebenden Fotografen David Chancellor stammt aus einer Serie namens «Trophy Room» des Jahres 2012 und trägt den Titel «Huntress» (Dallas, Texas). Die Arbeit des Engländers war Teil der Ausstellung «Passion. Bilder von der Jagd» im Bündner Kunstmuseum Chur. Dazu ist eine umfassende Publikation erschienen, die über die Jagd, Jäger und Gejagte nachdenkt. Mitherausgeber Peter Egloff, freier Publizist und Jäger seit 1975: «Wir haben keine Aneinanderreihung von Jagd-Bildern, wir haben keine ‹Trophäensammlung› zusammengestellt. Die präsentierten ‹Bilder von der Jagd› reflektieren ohne enzyklopädischen Anspruch, in einer Art Kaleidoscop, verschiedenste Vorstellungen und Erscheinungsformen von

Jagd.» Das Bündner Kunstmuseum Chur sei der richtige Ort, um die Jagd in einem grösseren Zusammenhang zu betrachten. Denn nirgends sonst in der Schweiz sei das Weidwerk in der Öffentlichkeit derart präsent und Gegenstand breiter, oft passionierter Debatten wie in Graubünden. «Der flächengrösste Kanton mit einem heute wieder reichen Wildbestand ist bekannt für seine Volksjagd, die seit ziemlich genau einem halben Jahrtausend kein Adelsoder Klassenprivileg mehr ist und allen erwachsenen Personen nach Absolvierung einer Prüfung im Rahmen der demokratisch legitimierten Gesetze und Verordnungen offensteht.» Von den rund 30 000 Schweizer Jägerinnen und Jägern geht ein Fünftel in Graubünden auf die Pirsch.

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KURZ & KNAPP JUWELEN

Schneeweisse Berge, kristallklare Seen, tiefgrüne Wälder. Mit Landschaften und Lichtstimmungen beschäftigt sich ein Fotografen-Duo. Natur-Juwelen. Architektur-Juwelen haben die Hartmanns geschaffen, über drei Generationen.

DIE DREI HARTMÄNNER Grossvater, Vater und Sohn trugen alle den gleichen Namen: Nicolaus Hartmann (1799–1882), Nicolaus Hartmann (1838–1903) und Nicolaus Hartmann (1880–1956). Alle drei Hartmänner hatten eindrückliche Bärte, waren Bürger von Schiers im Prättigau und übten den gleichen Beruf aus: Architekt und Baumeister. Viele bekannte Grandhotels haben die Hartmanns im Bündnerland gebaut, das «Castell» in Zuoz oder das «Waldhaus» in Vulpera. Die Baukultur des Kantons geprägt mit Museen (Segantini, St. Moritz) und Kirchen (Herz-Jesu-Kirche, Samedan; Französische Kirche, St. Moritz), mit Villen (von Planta, von Salis) und Schulhäusern (St. Moritz; Lyceum Alpinum, Zuoz), mit Bahnhöfen (Alp Grüm), Kraftwerken (Küblis) und Sportstätten (Olympiaschanze, St. Moritz). Im Engadin ist ihr vielfältiges Schaffen besonders gut sichtbar. In geraffter Form gerade im Museum Engiadinais in St. Moritz, ebenfalls ein Hartmann-Bau (1905/06), wo den drei Hartmännern bis zum Herbst 2020 eine Sonderausstellung gewidmet ist. Sie basiert auf dem Buch «Baumeister in Graubünden. Drei Generationen Nicolaus Hartmann 1850–1950» von Kristiana Hartmann, Bauhistorikerin und bis 2002 Professorin für Architektur- und Stadtbaugeschichte an der Technischen Hochschule in Braunschweig, die darin die Geschichte ihrer Vorfahren aufgearbeitet hat. Sowie auf der Ausstellung «Hartmann – Architektur einer Familie» im Rhätischen Museum Chur. Museum Engiadinais Via dal Bagn 39, 7500 St. Moritz www.museum-engiadinais.ch

Hartmann-Bau im Engadin: Hotel «Castell» in Zuoz (1912/13).

Erleuchtung im Gletschereis: Die beiden Naturfotografen Martin Mägli und Tobias Ryser.

MIT STIRNLAMPE UND SELBSTAUSLÖSER In der Eishöhle im verschneiten Val Roseg nahe Pontresina im Engadin: Martin Mägli und Tobias Ryser, zwei Fotografen, die seit Jahr und Tag zusammenarbeiten. Ihr Thema: die Natur der Schweiz. Schneeweisse Berge, kristallklare Seen, tiefgrüne Wälder. Festgehalten in Bildern, bei denen auf jegliche Bildmanipulation verzichtet wird. «Die Schweiz ist ein Land voller Naturjuwelen auf kleinem Raum», erklärt das vielfach ausgezeichnete Fotografen-Duo. «Innerhalb weniger Kilometer findet man die unterschiedlichsten Lebensräume, vom ewigen Eis bis zum immergrünen Dschungel.» Auf der Suche nach den schönsten Landschaften und Lichtstimmungen erleben Martin Mägli und Tobias Ryser immer wieder abenteuerliche Geschichten, vor allem entdecken sie neue, faszinierende Orte. Davon erzählen sie in ihrer Multivision «Naturwunder Schweiz», einer bildgewaltigen Hommage an die Schweizer Naturlandschaften samt den darin beheimateten Tier- und Pflanzenarten. An 22 Orten im Land, den ganzen Winter über. Die Show auf Grossleinwand dauert rund 100 Minuten, Bilder und Videosequenzen sind mit Musik untermalt und mit live gesprochenem Inhalt ergänzt. Start der Tour de Suisse war im November im Luzerner Verkehrshaus, Schluss wird am 26. März in Chur sein (Titthof, 19.30 Uhr). Tickets und den Tourplan gibt es auf der Webseite. www.naturwunder-schweiz.ch www.naturbild.ch www.tobias-ryser.ch

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KURZ & KNAPP HOTELS

Ein Klassiker: das «Chasellas» mit Sonnenterrasse, ein Pop-up mit Kitchen & Bar: das «R-Experience»

Gibt es als Augenschmaus: den neuen SUV DBX von Aston Martin.

BOXENSTOPP IN PONTRESINA Über die Terrasse gehts ins gemütliche Lokal neben der Sessellift-Station.

STAMM-FERIEN -GÄSTE Wer über die Weihnachts- und Neujahrstage im rustikal-eleganten «Chasellas» einen Tisch ergattern möchte, muss weit voraus planen. Das Beizlein ist dann das Ess- und Wohnzimmer von Stamm-Ferien-­ Gäste. Bei der Speise­ karte – Küchenchef Marco Kind empfiehlt einen Viergänger mit hausgemachter Foie-grasTerrine und Rindsfilet – hat man das Gefühl, dass sie sich nie gross verändert. Das mag an den Klassikern liegen, ein paar Gerichten, die nie von der

Karte genommen werden. Wir lieben sie ja auch. Das original Wiener Backhendl, das im Butterschmalz gebackene Wienerschnitzel, beides begleitet von lauwarmem Kartoffelsalat, oder das Zürcher Kalbsgeschnetzelte mit knuspriger Rösti. Auf der Sonnenterrasse des zum «Suvretta House» gehörenden Bergrestaurants werden mittags auch einfache Gerichte serviert, wie Käseschnitte oder Engadiner Wurst. www.chasellas.ch

Von den internationalen Renn-­ strecken direkt in die Schweizer Berge: Der das AstonMartin-Racing-Team an den Rennen in Europa begleitende R-Experience-Truck legt nach Budapest, Monza, Silverstone, Le Castellet, Spa-Francorchamps und Nürburgring einen Boxenstopp in Pontresina ein. Wird dort mitten im Dorf, wo das Hotel «Post» abgerissen wurde, den ganzen Winter über als «R-Experience Pop-up Kitchen & Bar» mit den Köchen und Gastgebern Dario Cadonau und Ambros Notz für kulinarische Highlights sorgen. Neben einer erlebnisreichen Gastronomie in der ersten Etage des Trucks (bis zu 50 Gäste finden Platz) wird es in der Lounge des Res­taurants im Par-

terre einiges zu sehen geben: natürlich Fahrzeuge der Marke Aston Martin, auch den brandneuen SUV DBX. Ambros Notz: «Wir freuen uns, den Gäs­ten einen Einblick in unsere Welt des R-Motorsports bieten zu können und sie gleichzeitig durch unsere Leidenschaft für Kulinarik zu überzeugen. Das ‹R-Experience Pop-up Kitchen & Bar› soll als gastronomischer Hotspot in der Wintersaison gelten und die Öffentlichkeit mit dem Rennsport und darüber hinaus verbinden.»

ILLUSTRATIONEN Helge Jepsen COMIC Andrea Caprez PRODUKTEFOTOS mit freundlicher Genehmigung der Hersteller COVERFOTO Jules Denner ENGLISCHE TEXTE Marianne Sievert KORREKTORAT Marianne Sievert

Auflage Winter 2019/2020 20 000 Exemplare

DRUCK AVD Goldach, Sulzstrasse 10, CH-9403 Goldach

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«R-Experience Pop-up Kitchen & Bar» Hauptstrasse 160, 7504 Pontresina 18. Dezember 2019 bis März 2020 Öffnungszeiten: 9.30–24 Uhr www.pontresina.r-experience.com

IMPRESSUM BIANCO, 12. Jahrgang Ausgabe Winter 2019/2020 HERAUSGEBER UND CHEFREDAKTOR Wolfram Meister wolfram.meister@biancomag.ch BIANCO Grubenstrasse 11, CH-8045 Zürich Fon +41 44 450 44 10 BIANCO Via Brattas 2, CH-7500 St. Moritz www.biancomag.ch ART DIRECTOR Jürgen Kaffer GRAFIK Falk Heckelmann

VERLAG, ANZEIGEN BIANCO Verlag GmbH Brigitte Minder Grubenstrasse 11, CH-8045 Zürich Fon +41 44 450 44 12 brigitte.minder@biancomag.ch REDAKTION AUTOREN Dario Cantoni, Susanne von Meiss, Christoph Schuler, Linda Solanki FOTOGRAFEN Anoush Abrar, Robert Bösch, Gian Marco Castelberg, Jules Denner, Conradin Frei, Gian Givanoli, Stefano Graziani, Annick Ramp

PREIS Einzelheft CHF 20.– BIANCO erscheint 2x jährlich, im Sommer und Winter Alle Rechte vorbehalten www.biancomag.ch

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WINTER 2019/20


Aus Liebe zum Wein. Seit 126 Jahren.

Aus Liebe zum Wein. Seit 126 Jahren.

Aus Liebe zum Wein. Seit 126 Jahren.

Aus g a be 11 — N ov e m be r 2019

Aus g a be 03 — M ä r z 2019

Aus g a be 0 4 — A pr i l 2019

MÄRCHENHAFT Bordeaux 2009 ITALIEN Winzer des Jahres WEINHÄNDLER Top 100

MARC ALMERT Sommelier-Weltmeister ANGELO DELEA Tessiner Weinpionier SVEN FRÖHLICH Gantenbein-Schüler

Ein Wein voller Musik

L’Eroica

Gitarren-Riesling mit samtener Struktur und langem Abgang

FONTODI-DUELL Flaccianello gegen Vigna del Sorbo

STELLA DI CAMPALTO Pferdeliebhaberin, Quereinsteigerin und ein herausforderndes Brautgeschenk

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Wein-Frühling am Bielersee Lagen-Pinots von Gromann, Krebs und Steiner ch f 13.50

BIERLAND SCHWEIZ Was beim Wein Coop und Denner, sind beim Bier Carlsberg und Heineken

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Mit Vintage-Velos im Chianti Classico

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Aus Liebe zum Wein. Seit 126 Jahren.

Aus Liebe zum Wein. Seit 126 Jahren.

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Aus g a be 05 — M a i 2019

Aus g a be 10 — O k t obe r 2019

Aus g a be 09 — Se p t e m be r 2019

CARLO FERRINI Italiens bekanntester Flying Winemaker

GORGONA Weisswein von Italiens Gefangeneninsel

PATRICK THALMANN Der Ehrgeizige und sein Borstig’ Kerl

WINZERINNEN «Das Vertrauen von Vater musste ich mir schon erkämpfen»

WIENER WIRBELWIND Weisswein aus dem Weinviertel

VAN VOLXEM Der Winzer aus dem Bier-Imperium

GRIECHENLAND Die bezaubernde Weininsel Tinos

DOURO-TAL Top-10-Weissweine des Jahrgangs 2018

DOMAINE BOURGEOIS Sauvignon blanc von der Loire und aus Neuseeland

Die 10 Must-Haves des Jahrgangs

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Der Fussball-Präsident

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Winzer, Weinhändler, Geniesser mit Sterne-Restaurant

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JETZT KENNENLERNEN, JETZT ABONNIEREN WWW.SCHWEIZERISCHE-WEINZEITUNG.CH Aus Liebe zum Wein. Seit 125 Jahren.

Aus Liebe zum Wein. Seit 126 Jahren.

Aus Liebe zum Wein. Seit 126 Jahren.

Aus g a be 10 — O k t obe r 2018

Aus g a be 07/ 08 — Ju l i / Augus t 2019

Aus g a be 06 — Ju n i 2019

ROCCA DI FRASSINELLO Joint Venture von Castellare und Rothschild

MATHIAS BRUNNER Luzerner Qualitätsund Querdenker

DOMAINE DE L’A A wie Amour, Amitié und Aventure

CLOS MAÏA, MAS HAUT-BUIS Ein Terroir, eine Liebe, zwei Weingüter

SWISS MADE Eolis, feste Grösse der bulgarischen Weinszene

«HOHLE GASSE» Cru und Grand Cru, zwei Volltreffer

WEINTANKER ZONIN Benetton neu an Bord

Liu Bolin

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Ü B E R A L L E B E R G E M I T  … K E S A N G S O G H AT S A N G

«WIR HABEN 12 TONNEN MEHL AN LAGER» Das Hotelfach und die Gastronomie waren immer sein Ding. Kesang Soghatsang lernte und wirkte in zahlreichen grossen Hotels dieser Welt. Lebte in Peking und Lissabon. Arbeitete vielenorts in der Schweiz, im «Hilton» in Basel, im «Quellenhof» in Bad Ragaz, im «Saratz» in Pontresina. War Bankettleiter, F-&-B-Manager, Vizedirektor. In Zürich kennt man ihn von «Metropol», «Giesserei», «Schmuklerski», «Alice Choo», «Blue Monkey» und, zuletzt, vom chinesischen Restaurant «Hongxi».

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gearbeitet, war Vizedirektor im Hotel «Saratz» in Pontresina.

ganze geschmorte Kalbshaxe ab zwei Personen bei den Hauptgängen.

f__ Die Tibeter sind ein Bergvolk. Nun sind

f__ Was passiert abends im Café, im Erd­

Sie abermals in die Berge zurückgekehrt. Wurden als Geschäftsführer im traditionsreichen «Hanselmann» engagiert.

Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen.

a__

DAS «HA NSELMANN» IN ST. MORITZ KANN AUF EINE BIS 1894 ZURÜCKREICHENDE GESCHICHTE BLICKEN. DAS WELTRUHM GENIESSENDE CAFÉHAUS MIT KONDITOREI UND BÄCKEREI BEKAM MIT KESANG SOGHATSANG ZUM 125-JAHR-JUBIL ÄUM EINEN NEUEN GESCHÄFTSFÜHRER. NUN GIBTS AUCH ABENDS BETRIEB, MIT DEM NACH HANSELMANN-GRÜNDER BENANNTEN RESTAURANT «FRITZ». In tervi ew : Wo l fram M eist er Fotograf i e: G i an G io van o l i

f__ War es eine riesige Umstellung? a__ Schon. Man muss sich erst mal ein biss-

chen einleben, dann vor allem einarbeiten. Hier riecht es überall nach Tradition. Aber es ist herrlich, an einem Ort wie diesem eine solch interessante Aufgabe übernehmen zu dürfen. In einem Haus mitten im Dorf, das jeder kennt, auch wegen der wunderschönen Sgraffiti-Fassade. f__ Sie leben jetzt fest im Engadin?

mann» mit einem fantastischen Bumperfatscha in der Speisekarte.

Mir hat das Wort auf Anhieb gefallen, und es passt zu uns und hierher. Bumperfatscha heisst so viel wie «Guten Appetit» oder «Wohl bekomm’s». Auf Romanisch.

a__

f__ Sie sprechen Romanisch?

Nein. Ich weiss einfach noch ein paar Wörter. Meine Familie ist ins Engadin gekommen, als ich eineinhalb Jahre alt war. Später im Kindergarten bekam ich dann ein paar Brocken Romanisch mit. a__

f__ Sie sind Tibeter? a__ Ja. Geboren wurde ich aber in Dharam-

sala in Indien, wohin meine Eltern 1959 mit dem Dalai Lama geflüchtet waren. f__ Da waren Sie noch nicht auf der Welt?

Nein, ich habe Jahrgang 1965. Wir gehörten damals zu jenen Tibetern, die das Asyl-Angebot der Schweiz annahmen. So landeten wir 1966 im sogenannten Tibeterheim in Samedan. Später zogen wir ins Zürcher Oberland, kehrten aber immer wieder zum Skifahren ins Engadin zurück.

gekommen.

Hotel- und Restaurant-Leute sind halt ein bisschen Zigeuner. Ich hatte früh Angebote aus Macau und Peking. Habe zwischenzeitlich aber auch einmal im Engadin als Food-&-Beverage-Manager a__

f__ Erfolgreich scheint auch die «Hansel–

mann»-Terrasse vor dem Rathaus zu sein.

Im Sommer sowieso, aber auch im Winter. Dort bekommt man chinesische Bao, die wir «Mountain»-Bao nennen, gefüllt mit Schweinebauch oder Ente, es gibt sie auch in veganer Variante.

f__ Gastgeber zu sein und ein Restaurant zu

f__ Was ist weiter angedacht?

führen, ist das eine. Aber frisches Brot, eine Backstube, Engadiner Nusstorten, Truffes und Pralinen – das ist ein anderes Metier.

a__

Aber ein ausserordentlich faszinierendes. Bei «Hanselmann» arbeiten gut ausgebildete, erfahrene Leute, die ihr Fach aus dem Effeff beherrschen. Darauf beruht letztlich auch der Erfolg. Wir beliefern Kunden auf der ganzen Welt.

f__ Kurz zum Mehl und zum Bild unseres

a__

Ach, es fehlt uns nicht an Ideen. Aber es geht ja nicht darum, möglichst vieles auf den Kopf zu stellen. Sondern in erster Linie darum, unsere wunderbaren Räumlichkeiten auch abends unseren Gästen zur Verfügung zu stellen. Selbstverständlich könnte ich mir auch eine Modeschau vorstellen, beispielsweise mit «Jet Set». Oder ein Private Dining im Penthouse des Gebäudes.

Fotografen …

Ich war anfänglich einigermassen überrascht von der Grössenordnung. Wir haben 12 Tonnen Mehl an Lager und verarbeiten übers ganze Jahr etwa 40 bis 50 Tonnen Mehl. a__

f__ Was hat sich im «Hanselmann» ver-

ändert seit letztem Mai, nachdem Sie die Geschäftsführung übernommen haben? a__ Wir haben einen neuen Küchenchef engagiert. Was relativ viele Veränderungen zur Folge hatte, auch was die Speise- und Weinkarte anbelangt.

a__

f__ Sie sind viel gereist, in der Welt herum-

Es wird ab 18 Uhr 30 bis Mitternacht zur Lounge, warme Küche gibt es ebenfalls, wobei die Loungekarte etwas knapper gehalten ist als im «Fritz». Ausserdem wird im Eingangsbereich die Vitrine zur Tapas-Bar, wo man auch ein Gläschen Franciacorta oder Champagner bekommt. Freitags und samstags sorgen dann Musiker live für abwechslungsreiche Unterhaltung in gepflegter «Hanselmann»Ambiance. Feste Daten gibt es bereits mit Camen oder Huw Lewis.

bin mit meiner Lebenspartnerin hergezogen, sie arbeitet im Betrieb mit. Und ihr gefällt es ebenso wie mir.

a__ Ja, in St. Moritz. Ich

a__ f__ Sie überraschen die Gäste im «Hansel-

geschoss? a__

f__ Ist weiterhin um 19 Uhr Feierabend? a__ Nein. Das

ist Geschichte und vielleicht die grösste Veränderung. Neu wird im «Hanselmann» auch abends fürs leibliche Wohl gesorgt. In diesem Winter starten wir mit unserem Restaurant «Fritz» in der ersten Etage – es ist nach dem Gründer Fritz Hanselmann benannt.

f__ Worauf dürfen wir uns freuen?

Beispielsweise auf glasierten Schweinebauch mit gebratenem Oktopus bei den Vorspeisen. Auf Miso-Kabeljaufilet mit Shiitake-Salat und Kumquats oder die

a__

Via Maistra 8, 7500 St. Moritz Fon +41 81 833 38 64 www.hanselmann.ch Café Hanselmann: mo–so 7.30–18.30 Uhr «Fritz» by Hanselmann: Lounge 18.30–24 Uhr (warme Küche bis 22 Uhr) Restaurant 18.30–23.30 Uhr (warme Küche bis 22 Uhr)

ENGLISH SUMMARY

T HE NE W « HA NSE LM A N N » The traditional Café «Hanselmann» got a new managing director for its 125th anniversary: the internationally experienced chef Kesang Soghatsang («Metropol», «Giesserei» in Zurich). What has changed so far? He hired a new chef, which brought some changes to the menu and wine list, like a fantastic «Bumperfatscha» («Good Appetite» in Romanic). In the evening from 18.30 the café becomes a lounge with warm dishes, tapas, champagne and musical entertainment. This winter on the 1st floor the new restaurant «Fritz» (named after Fritz Hanselmann) opens with interesting hot dishes. Also the «Hanselmann» terrace is a big success with Chinese «Bao».

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BYE-BYE!

CHALANDAMARZ «Schellen-Ursli» aus dem Buch von Alois Carigiet und Selina Chönz (erschienen 1945) ist der bekannteste «Uorsin» mit grosser Treichel. Zum Chalandamarz machen im Engadin «Uorsins» jeden 1. März dem Winter den Garaus. Mit Schellengeläut, Geissen- und Kuhglocken wie der S-chella (links), Zampuogn (Mitte) und Talac (rechts). Von Dorf zu Dorf wird der Volksbrauch Chalandamarz (Chalanda: erster Monatstag, Marz: Monat März) etwas anders gefeiert. DAS NÄCHSTE HEFT ERSCHEINT IM JUNI 2020

Foto: Gian Giovanoli

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BIANCO 

WINTER 2019/20


BIANCO Alpine Lifestyle Magazine Winter 2020  

CHRISTIAN JOTT JENNY (ART, ST. MORITZ, GEMEINDEPRÄSIDENT), GRAŻYNA KULCZYK. DAS DORF. DIE VISIONÄRIN (ART, MUSEUM, SUSCH, ENGADIN), MODE (GI...

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