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Urban II wird von der Europäischen Union kofinanziert

Gefördert von:

2. Auflage 2009 Antje Lange Verlag, Berlin 2004 © Martin Wiebel, Berlin Alle Rechte vorbehalten Layout und Satz: Ludger Jansen Bildbearbeitung: Sebastian Lechler Druck und Bindung: Oktoberdruck Auslieferung: mwwiebel@aol.com ISBN 3-928974-02-5


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David Clay Large hat 2000 seine vielbeachtete Biographie der Stadt Berlin vorgelegt, in der er die Geschichte zwischen den beiden Vereinigungen in Deutschland 1871 und 1990 mit ihren Trends und Leitmotiven nachzuerzählen versuchte. Für diese Geschichte des Stadtquartiers Rudolfplatz ist mir seine Technik eines roten Fadens, der poltische, gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Fäden verknüpft, ein Vorbild und Beispiel, ergänzt um meine Familiengeschichte, die ein wesentlichen Teil der Erschließungsund Baugeschichte darstellt. Die Biographie meines Stadtteils spiegelt wie die Geschichte Berlins von Jahrhundertwende zu Jahrhundertwende das deutsche Schicksal: Bis 1933 ein Symbol für die Moderne, die schöpferisch, unternehmerisch und mutig mit Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft umgeht. Danach für „Tausend Jahre“ bis 1945 ein Symbol für Unrecht und Terror. Die „Stunde Null“, die in Wahrheit ein „Ausgangspunkt Chaos“ war, veränderte die Menschen und mit ihnen das Bild ihres Viertels. Die vierzig folgenden sozialistischen Jahre als ehrgeiziger Versuch, „Auferstanden aus Ruinen“ aus den Trümmern des Faschismus einen Arbeiterstaat zu errichten mit allen Startnachteilen, unterliegen heute einer freundlichen selektiven Vergesslichkeit, die sich aber gern der Segnungen des sozialistischen Gemeinsinns erinnert, das Klima von Kontrolle, Angst und Misstrauen und die Verwaltung des Mangels aber vergisst. Ob das Viertel seine Biographie 1989 verloren hat, als in der Folge in den frühen Neunziger Jahren, in einem Akt beispielloser Inkompetenz und Spekulationswut, das Narva-Kombinat verscherbelt wurde, oder ob es in Wahrheit seine Biographie nicht erst zurückerhalten hat, muss die Zukunft entscheiden. Die Berliner Upper East Side ist zufällig kein geschichtsträchtiges Konzentrum des Geistes der Gründerjahre und der Tradition mit dem Glühlampenwerk und der U-B ahn an einem Ende und des Geistes der „Corrigenden“-Anstalt, aus der ein Waisenhaus, eine Kaserne und schließlich von 1951 bis 1989 die Stasi-Strafvollzugsanstalt wurde am Rummelsburger Rand. Auch der Geist der Kaufmannschaft, die einst auf den Osthafen drängte, wird im Zeichen der Konversion neu erstrahlen, wenn der Standortfaktor für die Musik- und Medienindustrie, die einzige Zuwachsindustrie, die höchste Kopf-, aber keine Umweltverschmutzung nach sich zieht, wirksam wird. Die ersten hoffnungsvollen Blüten sind zwar mit den Träumen der New Economy zunächst geplatzt, aber der neue Lifestyle drängt weiter. Wie auch immer entscheidet sich die Zukunft des Quartiers durch die Menschen, die neuen Familien, die für sich und ihre Kinder entscheiden, hierher zu ziehen in eine stadtnahe, verkehrsberuhigte, umweltfreundliche Insel mittendrin, die eine einhundertjährige Geschichte ausweist und Lust auf Erneuerung, Wandel und Zukunft hat.


Jeder kann seine Geschichte der Stadt erzählen. Sie durchdringt die Stadt mit unsichtbarer Schrift. Michael Rutschky


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Mit gesteigerter Zeitfühligkeit Dieter Hoffman-Axthelm, der renommierte Kreuzberger Stadt-Bewahrer, gab 1980 die Richtung vor: Authentizität. Wo die Bauten allein nicht ausreichen, unsere gesteigerte Zeitfühligkeit und die größere Zeiterfahrenheit unserer Generation zu befriedigen, müssen wir die Rißlinien deutscher

Tradition, die nachwirkt

Geschichtsschreibung zwischen östlicher und westlicher Lesart

Die Biographie dieses Stadtteils soll im essayistischen Stil einer

selbst überschreiten, indem wir uns in Zeitzeugen-Gesprächen

Collage Zeugen Zeugnis ablegen lassen. Ihre Bearbeitung

suchen, was wir zum Verständnis eines Jahrhunderts brauchen.

erfährt aber die subjektive Handschrift des Biographen, der

Die Absicht einer Verortung meiner Familiengeschichte

durch die persönliche, familiäre und emotionale Beziehung zu

stand am Anfang meiner Erinnerungsarbeit an das Heimat-

seiner Heimat in diesem Viertel schon die Suche, vor allem die

Viertel am Rudolfplatz. Bei der Erarbeitung der städtebaulichen

Auswahl und die Montage bestimmt.

Entstehungsgeschichte aber drängte sich dann eine enge Ver-

So sehr es scheint, so wenig soll die Biographie der Lichter-

knüpfung von Bau- und Sozialgeschichte immer mehr auf.

stadt nur einen retro-affinen Charakter haben, sondern sich

Nicht nur meine Familie, sondern ganze Osram/Narva-Arbeiter-

mit dem Blick auf die Geschichte vielmehr als Leitfaden für die

Dynastien über drei, vier Generationen lebten hier und haben

Gestaltung und das Verständnis des Lebens im 21. Jahrhundert

das Gesicht des Stadtteils geprägt. Über meine und ihre Zeug-

nutzen lassen.

nisse konnte ich die Authentizität des Quartiers sehen und verstehen lernen. Natürlich entspricht die vergangene Wirklichkeit nicht ein-

Wie in jeder Biographie geht es auch bei dieser um die unverwechselbare Identität, die sich aus Historie und Entwicklung, Profil und Beispiel ergibt. Der wechselnden Identität und ihrer

fach der zusammengetragenen Menge aller Dokumente, Daten,

Interdependenzen mit den politischen und wirtschaftlichen

Fakten und Ereignisse. Wenn es mir gelänge, diese in einen Zu-

Koordinaten der Entwicklung wird eine besondere Aufmerksam-

sammenhang zu bringen durch eine Erzählung, die den Fakten

keit gehören. Zwei Entwicklungslinien werden sich zu einem

einen Sinn geben, würde aus dem Material eine Geschichte.

Erzählfaden verknüpfen lassen: die Geschichte der Glühlampe

Das ist der Grundgestus meines Verstehens: Die vergangene und gegenwärtige Wirklichkeit erzählend verstehen zu wollen, in Erinnerung rufen, was alle angeht, was allen gemeinsam

als eine Ikone der Industrialisierung und die Geschichte der damit verbundenen Familien. Emil Rathenaus weitsichtige Vision der Elektrifizierung

bleibt im Rückblick, auch zum Verständnis der Gegenwart und

Berlins am Anfang des 20. Jahrhunderts folgte, dass das Osram-

der Zukunft, um eine wahrnehmbare Realität zu ermöglichen.

Werk inmitten des Viertels schnell wuchs und wie unausweich-

Meine Sicht auf das Quartier Rudolfplatz als einer Lichterstadt am oberen Spreeufer, die von Anfang an mit unternehm-

lich zu einem Nazi-Vorzeige-Betrieb wurde, von der Roten Armee bei der Eroberung Berlins teilweise zerstört, auch demontiert,

erischen Visionen von den Segnungen neuer Technik, vor allem

aber schnell mit einer sowjetischen Lizenz wieder aufgebaut

im 20. Jahrhundert der Elekritizität verbunden war und dieses

wurde, die den Betrieb 1969 zu einem sozialistischen Muster-

Selbstbewußtsein auch ausstrahlte – im doppelten Sinne,

werk mit dem Ehrentitel Kombinat Rosa Luxemburg machte, dem

nämlich auch vom Lichtturm demonstrativ weit sichtbar, früher

nach dem Mauerfall 1989 ein besonders tiefer Fall durch die

Osram, später BGW oder Narva – erklärt sich aus der Tradition

Treuhand-Sanierung widerfuhr, bis er 2000 als Oberbaum-City

und den Auf brüchen nach 1945 und nach 1989.

zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder auferstand.


Ein Stecknadelkopf im Stadtplan

Kollektives Gedächtnis

Der Stadtteil, dessen Biographie hier versucht wird, liegt einge-

Erinnerung ist die Fähigkeit, das gelebte Leben nach Kriterien

schlossen zwischen den Bahngleisen der ehemaligen Nieder-

des Erzählbaren gestaltend zu ordnen. Das kollektive Gedächtnis

schlesischen Eisenbahn und dem Stralauer Anger, der 1913 zum

der Menschen, die einem spezifischen Stadtteil sein eigenes

Osthafen wird. Zwei Brücken verbinden das handtuchartige

Bild gaben, liefert als Material die Bruchstücke, die Scherben

schmale Siedlungsgebiet frühzeitig mit dem Treptower Ufer, die

und Splitter der je eigenen Erinnerung. Das Widersprüchliche

1896 errichtete Oberbaumbrücke und die heutige, erst 1965/69

und Eigene in den Vergangenheiten, Geschichten und

errichtete Auto-Elsenbrücke. Direkt vom Rudolfplatz verband

Un-Glücksmomenten läßt sich sammeln und ordnen mit der

die Hohenlohebrücke, die heutige Modersohnbrücke das Quartier

Absicht, die Biographie eines spezifischen Lebensraumes in

seit seiner Besiedlung mit dem größeren Teil des Bezirks Fried-

einem Stadtteil einer Großstadt herzustellen, so dass dessen

richshain zwischen Frankfurter Allee und Boxhagener Platz.

Geheimnis zu Tage tritt.

In der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts lebten fast 20 000 Menschen hier, heute ist es nur noch ein Drittel. Der Stadtteil ist identisch mit dem statistischen Gebiet 118, Blöcke 001–028, mit der alten Postleitzahl Berlin O17, heute

Es entsteht in einer Collage hoffentlich ein tiefenscharfes Bild einer Lebenswirklichkeit, die die 100 Jahre des 20. Jahrhunderts umfasst. Die Menschen waren bei diesem Versuch einer Biographie

10245 Berlin: ein Stecknadelkopf im Stadtplan Berlins, nur

eines Stadtteils oft meine Kamera, mit der ich in die Vergangen-

ca. 87 ha groß.

heit hinein blickte, in dem ich sie zum sprechenden Erinnern brachte. Dadurch wurden Bilder, Szenen und Geschichten aus

Aufstieg eines Wohnviertels Der Mietshausbebauung durch meinen Urgroßvater Maximilian Koch und seinen Architektenbruder Sigismund Koch folgte ein Aufstieg des Wohnviertels mit beispielhaften architektonischen

der Tiefe des Gedächtnisses ans heutige Licht geholt. Dieser Stadtteil, der so sehr mit der Geschichte des Lichtes verknüpft ist, wurde aus dem Schatten zurück ins Licht geführt. Viele Spuren liegen offen, von denen ein kollektiver Chor der Erinnerungsstimmen aus dem vergangenen 20. Jahrhundert

Lösungen, wie sie typisch für die zweite Gründerjahrewelle um

erzählen kann. Diese Stimmen machen den Zusammenhang von

die Jahrhundertwende wurde. Eben keine Mietskasernen, son-

individueller Geschichte mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts

dern das Konzept der sozialen Durchmischung: Vorderhäuser

kenntlich, vermitteln subjektive Erfahrung mit dem objektiven

und Fassaden, einladend für den Mittelstand, Beamte und tech-

Gang der Historie, Chancen und Möglichkeiten und den Verlus-

nische Intelligenz, Seitenf lügel und Hinterhäuser für Handwer-

ten der Identität vor den politischen Hintergründen der Zeit, den

ker und Arbeiter. Die Familiengeschichten des Viertels ergeben

Widersprüchen und Abhängigkeiten zwischen Einst und Jetzt.

ein Bild des sozialen und politischen Wandels. Die Verknüpfung der Industrie-, Bau- und Familiengeschichten, die sich bei einer

Verlorenes muß nicht verloren gehen, solange das Gedächtnis es festhält und eine Neugier sich der Geschichte des 20. Jahr-

Betrachtung dieses Viertels herstellen läßt, bietet die Vorausset-

hunderts zuwendet, weil sie Teil der höchsteigenen Geschichte

zung für eine paradigmatische Biographie eines Stadtteils im

ist. Diese Neugier kann die Wirklichkeit untergraben und nach

20. Jahrhundert, der jetzt seinen 100. Geburtstag feiern kann.

etwas suchen, das die Wirklichkeit selbst verschüttet hat. Erst

Wenn das Viertel heute noch, nach 100 Jahren eine optimale Verkehrsanbindung vorweist, hat das seinen Grund in diesem Zusammenhang, auch wenn er zwischen 1961 und 1995 aus dem Leben und dem Bewußtsein der Mauer-Berliner verschwunden war, als die U-Bahn-Linie 1 am Schlesischen Tor in Westberlin endete. Wenn das Viertel heute den ersten, schnellen Aufschwung im World Wide Web mit der Dot-Com-Industrie und ihren beispiellosen Wachstumsraten schon wieder hinter sich hat, ist es dennoch beispielhaft zukunftsorientiert. Wenn die alte Glühlampen-Fabrik heute als ein Musterbeispiel der Konversion für die Bedürfnisse der zukünftigen Dienstleistungswirtschaft nach wertsteigernder und -erhaltender Maßnahmen der HVB dasteht, hebt sie im doppelten Sinn auf, was die Osram-Gründer und selbst die BGW- und Narva-Funktionäre wollten, nämlich Arbeitsplätze mit Zukunft schaffen. Das Werk zeigt in seiner hier nur bedingt darstellbaren Geschichte mehr als die Wohn- und Mietshäuser welche Einwirkungen Politik und Gesellschaft hatten.

die Genauigkeit und die Beharrlichkeit des Erinnerns stellt die wahre Dimension der Wirklichkeit wieder her.


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Wahrlich hat Proust alles Wesentliche zur wertvollen Sentimental-Sphäre gesagt. Zum Beispiel, daß sie wie ein Blitz über einen kommt und nichts mit Gedächtnisleistung zu tun hat. Jede heftige Entrückung ist ein Zufallstreffer. Memoria würfelt. Zum Gewesenen gibt es nur den random access. Botho Strauss


Erinnerungsspaziergang 1920 mit Gerda S. Als am 28. April 1913 und in Anwesenheit des Kronprinzenpaares der vom Regierungsbaurat Krause vollendete Osthafen feierlich eingeweiht wurde, wurde in der Mühlenstraße 8, in der Salomonschen Mühle, Gerda S. geboren, in der vierten Etage, ihr Großvater war Polier, besser so eine Art Hausmaurer bei Salomon. Jahre später gehörten ihre Eltern und sie zu den ersten Mietern des neuerrichteten Hauses Rotherstraße 26 / Ecke Beymestraße 20, dem Haus, in dem als Eckladen die Buchhandlung Locke Platz fand. Noch mit 90 Jahren kann die feingliedrige alte Dame mit geschlossenen Augen ihrem Gedächtnis einen beeindruckenden Spaziergang durch die Straßen ihrer Kindheit nacherzählen: „Im Nebenhaus war das Milchgeschäft Schönwald, und eigentlich war in jedem Haus irgendein Ladengeschäft, denn man kaufte nie auf Vorrat, sondern immer nur was man brauchte und was man sich leisten konnte. Und Kühlschränke hatte ja noch niemand. Im Sommer kamen Butter und Fleisch mit einem nassen Tuch in die Ofenröhre der riesigen Kachelöfen. Das war der kühlste Platz. Gleich daneben gab es bei Torteck Konfitüren und es war eine kleine Konditorei mit Leckereien. Der Grünkramladen von Rohrsdorf ging uns später verloren, der zog über die Modersohnbrücke in die Knorrpromenade oder vielleicht nur in die Hohenlohestraße, ich weiß es nicht mehr genau. Zwischen dem Friseur und dem Schlächter gab es eins von den vielen Kohlengeschäften und daneben Richtung Stralauer Allee war der Photographieladen Vaterlos, zu dem ging man zwar nicht um Hochzeitsphotos oder so etwas zu machen, dafür fuhr man in die Skalitzerstraße zu Roth. Bäcker Richter war in der Beymestraße 26, und den gabs ja noch bis lange nach dem Krieg. Und erst ein Jahr nach dem Mauerbau soll er schließlich aufgegeben haben. Auf der Ecke war, wie überall auf jeder Ecke in unserem Quartier, eine Bierkneipe, und auf der anderen Ecke das Café Wittwer


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mit Blick auf die Gebäude des Osthafens. In der Beymestraße 3 war

Direktoren-Autos, die da standen, und ich weiß heute noch ihre

eine Meyer-Filiale, die von Frau Adler geleitet wurde, Käthe Adler, mit

Nummern: 1 A 2495 und 1 A 3333.

der meine Mutter befreundet war. Mein Onkel, Töpfermeister Fitze,

Aber zwischen Mai und August waren wir als Kinder meistens

hatte seinen Laden in der Beymestraße 7, neben dem Schuhmacher

in der Kleingartenkolonie ‚Alte Linde‘, die lag auf dem ehemaligen

Heinrich, der so wunderschöne Geschichten erzählen konnte. Früher

Gelände der Weltausstellung in Treptow und da hatte mein Groß-

war er bei der Bahn, aber er hat im Ersten Weltkrieg beide Beine

vater altes Holz aus den Prachtbauten und ein paar Quadratme-

verloren. Jetzt saß er auf seinem Schemel und erzählte uns Kindern

ter gepachtet und dort verbrachten wir den Sommer und gingen im

Geschichten aus aller Welt und seine Frau nähte im Hinterzimmer

Kaiserbadgarten schwimmen, es gab ja noch in der Spree richtige

Mäntel, für 3 Mark das Stück. Die große Eckkneipe Beyme / Ecke

Schwimmbäder. Ich ging in der Naglerstraße in die Mädchenschule

Rotherstraße 27 war für Familienfeiern jeder Art geeignet. Gastwirt

später dann aufs Lyzeum am Mariannenplatz, zu Fuß über die Ober-

Pokrifke hat zum Beispiel meine Hochzeit ausgestattet, da gab es

baumbrücke, und meine Freundin und ich waren bei Flörchen Kraut

sechs Sorten Fleisch und das bei 35 Grad Hitze mitten im Juli 1940.

in der Caprivistraße in der Klavierstunde. Wie eigentlich alle Kinder

Der 6. Juli 1940 ist überhaupt ein Tag, den ich nicht vergessen werde:

in unserer Gegend gingen wir Evangelischen zu Pfarrer Lehmpfuhl in

überall läuteten die Glocken und ich mit meinen 27 Jahren hab in

den Konfirmandenunterricht in der Zwingli-Kirche, die den Rudolf-

meiner Hochzeitskutsche, die von der Zwingli-Kirche zum Photo-

platz beherrschte, und deren Glocken für uns Kinder immer das

termin über die Oberbaumbrücke führte und dann zurück in Pokrifkes

Zeichen waren, das Spielen zu beenden und nach Hause gehen zu

Ecklokal, geglaubt, die läuten für uns. Das war aber, weil Hitler gerade

müssen. Wir hatten einen jüdischen Arzt, nicht Dr. Wohlfsohn aus

Österreich erobert hatte und nicht wegen der schönen Schimmel an

der Stralauer Allee, sondern unseren Doktor Kiwi, der ist 1938 schließ-

meiner Kutsche und weil ich so eine schöne Braut war.

lich emigriert. Der hatte seine Praxis Stralauer Alleee 35 oder 37, in

Mein Vater hat bei Nordstern gelernt und später dann bei der

dem Haus, in dem die Post war, und sein Sohn war schon mit 24

Deutschen Arbeiterzentrale als Korrespondent gearbeitet. Wir waren

Jahren Assistenzarzt im Friedrichsainer Krankenhaus. Meine Eltern

eigentlich typische Bewohner der Gegend, mindestens in den Vorder-

haben sogar noch Briefkontakt mit ihm gehabt, daher weiß ich, daß

häusern der Beymestraße wohnten viele Beamte und Angestellte,

seine Tochter in Kairo geheiratet hat und daß sie nach dem Krieg

Mittelstandsmenschen, Lehrer, Polizisten, Leute von der Post, von

sogar nach Deutschland, ich glaube nach Hamburg, zurückgekehrt

der Bahn und Selbständige, ein Goldschmied oder so. So war das

ist. Woran es lag, kann ich nicht sagen, aber in unserem Stadtviertel,

auch in der Rotherstraße, mindestens im dem Koch‘schen Karree. In

das ja erst Anfang des Jahrhunderts errichtet und bewohnt wurde,

der Caprivistraße gab es viel mehr Handwerker, wie überhaupt in den

schien es nicht sehr viel jüdische Bewohner zu geben, die auch hier

Hinterhäusern, die auch kleinere Wohnungen hatten, ganz andere

wohnten. Jedenfalls ist mir das als Schulkind nie aufgefallen. Die

Berufe lebten.

evangelische Zwingli-Kirche dominierte das Viertel und wer nicht

Aber in unserem neuen Stadtviertel wohnten vor allem wahnsinnig viele Kinder, 28 allein in unserem Eckhaus und unsere Portiersfrau, die eine Polin war, hatte mit uns ihre liebe Mühe und Not. Meine Schulfreundin Käthe Meier und ich spielten dann einfach vor den Gebäuden der Auer-Glühstrumpffabrik, immer rund um die beiden

evangelisch war, hatte einen weiten Schulweg und auch keine Kirche oder Synagoge. Die nächste war in der Frankfurter Allee, glaube ich.“


Über die Geschichte als kollektive Fiktion Die Lebensgeschichten, die ich gehört habe, haben Besitz von mir ergriffen und machen mich zum Nacherzähler. Ich fuße auf einem Stimmengewirr, einem gesellschaftlichen Produkt: Unbekannte, Namenlose sprechen hier: ein kollektiver Mund. Das Ensemble dieser widersprüchlichen Äußerungen schließt sich zusammen und gewinnt eine neue Qualität: aus den Geschichten wird Geschichte, die Geschichte als ein Bündel von Geschichten. Sie ist das, was man sich merken kann und was dazu taugt, weitererzählt zu werden: eine Nacherzählung. Dabei schreckt die Überlieferung vor keiner Legende, keiner Trivialität und keinem Irrtum zurück: die Geschichte ist eine Erfindung, zu der die Wirklichkeit ihre Materialien liefert. Das berühmteste Buch über Narva trägt den Titel Arbeiter machen Geschichte. Geschichte aber ist keine beliebige Erfindung. Das Interesse, das sie erweckt, gründet auf den Interessen derer, die sie erzählen; und sie erlaubt es denen, die ihr zuhören, ihre eigenen Interessen wiederzuerkennen und genauer zu bestimmen. Einen Schatten wirft erst das wahre Subjekt der Geschichte. Es wirft ihn voraus als kollektive Fiktion.


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Eulalia, mach Licht, oder ick sterbe sonst im Dustern! Alfred D. „Aus der Tatsache heraus, det ick een Kind dieser Jejend bin, denke ick oft an die Zeit um die Jahrhundertwende zurück, wo ick am Mäuseturm und im Mäusetunnel jespielt habe. Eenen Warschauer Platz jab et damals noch nich, und det Turmjebäude jab et ooch nich, aber die Warschauer Brücke, die vorher eene Holzbrücke war, wurde umjebaut und jepflastert. Der Bahnhof ist im Laufe der Zeit ooch mehrmals im Standort verändert worden. Denn wurden die Häuser entlang der Beymestraße und denn erst wurde det Jebäude der Auergesellschaft jebaut und am Rudolfplatz stand einsam eene kleene Holzkirche. Ansonsten rechts und links der Bahn von der Warschauer Brücke bis Rummelsburg Lauben, Schuttplätze, Bretterplätze duchzogen von Feldwegen und bloß mit Petroleumlampen beleuchtet. Det war ja noch die Zeit der Laternenanzünder, die mit langen Stangen und Spiritusflammen hantierten. Als det Turmjebäude jebaut wurde war det für die Berliner eene Sensation. Die ‚Mottenpost‘ schrieb: Der erste Wolkenkratzer von Berlin! Unten im Parterre war een jroßet Restaurant namens ‚Oberbayern‘ mit Bayernkapelle und weiter runter jabs det ‚WeltbioskopTheater‘, een Kintopp mit Orchestrion, wo man die Filmjrößen von damals wie Max Linder, Asta Nielsen und Pola Negri uff der zappelnden Leinwand und vor derselben den Erzähler ‚Kintopp-Karl‘ bewundern konnte, der immer dann, wenn der Film riß, pathetisch ausrief: ‚Eulalia, mach Licht, oder ick sterbe sonst im Dustern!‘“

Viertel mit Legende Uwe Johnson verdanken wir nicht nur den wichtigsten deutschen Nachkriegsroman Jahrestage, sondern auch die ungemein genaue Beschreibung jenes Stadtteils von New York in dem er selbst und seine Hauptfigur Gesine Cresspahl in diesem Roman der zwei Deutschländer gelebt haben: Die Upper West Side. Genau wie diese Gegend ist das Quartier Rudolfplatz, dieses Ausnahme-Viertel von Berlin-Friedrichshain, kein Viertel mit einem Begriff, nicht wie Montmartre in Paris, Greenwich Village in New York oder Pöseldorf in Hamburg, die gleich ihren Mythos, zumindest eine Legende mit einer Ansicht aus Erinnerung und Phantasie in Erinnerung rufen. Dazu muss ein Viertel nicht unbedingt berühmt sein. Es reicht, dass es einen charakteristischen Leumund bekommt, einen Hinweis auf sein gesellschaftliches Klima. Den hätte es eigentlich haben können, denn es war immer mehr als eine Ansammlung von Häusern, eine Gegend aus Unterschieden. Signifikant ist, dass es in 100 Jahren seiner Existenz noch immer keinen Namen verliehen bekam, weder durch die Einwohner noch durch die, eher für Touristen geschwätzige, sogenannte Berliner Schnauze.


Kie(t)z? Laut etymologischem Wörterbuch, eine armselige, vorstädtische Fischersiedlung, in Brandenburg und Mecklenburg seit 1249 bezeugt, wahrscheinlich slawischer Sprachabkunft, von chyza oder chyzz. In den Kindertagen des Viertels war nicht nur den Kindern klar: „Wir wohnen am Rudolfplatz“ oder berlinisch liebkosend „Am Rudi“. Auch die Neubewohner nach der Zerstörung des Viertels und des dominanten Osram-Werkes lebten noch – wie die Bewohner auf der anderen Seite der Warschauer Brücke am Boxi – selbstverständlich am Rudi, und so nannte sich folgerichtig auch der Bürgertreff des Quartiers: RuDis Kiezladen. Im April 1998 ist von diesem Treff eine Bürgerbefragung durchgeführt worden, an der aber nur 201 Person aktiv teilnahmen. Gefragt wurde auch nach einer Namensgebung. Die Bürgerbefragung spiegelte bei den Namensvorschlägen die Stimmung der Umbruchzeit: Stralauer Ghetto, Kulti Stralau, Neu-Stralau, Finsterhain, Osthafenareal, Die grüne Oase, Freetimepark, Kiez der Hoffnung, Powercity, Durchfahrtszone, Grau an Grau, Das schwarze Loch, Berlin-Bronx. Verrückterweise hat irgendwer irgendwann geglaubt, nur weil die Stralauer Allee das Viertel zur Spree- und Sonnenseite hin begrenzt, es Stralauer Kiez nennen zu müssen. Das ist stadthistorisch irreführend und falsch, spielt lediglich damit, sich eine Identität zu adaptieren, denn Stralau als unabhängiges Fischerdorf vor der Stadt hat einen langen, guten alten Ruf und das im vorigen Jahrhundert und früher beliebte Sommerfest des Stralauer Fischzugs, immer am 24. August beginnend, war Legende. Dabei wäre es so naheliegend gewesen entweder aus der Wachstumseinheit mit der Glühlampen-Fabrik sich den Namen Lichterstadt oder gar Osram-Stadt zu geben oder aus dem größten städtebaulichen Vorkriegs-Kapital, den in die Südsonne strahlenden Bürgerhäusern entlang der prächtigen Stralauer Allee direkt am Spreeufer, unmittelbar außerhalb der Kernstadt, selbstbewusst einen Namen abzuleiten, wie ihn die New Yorker für ihre Upper West Side schließlich fanden: Upper East Side.


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Eine Berliner Upper East Side Ein Berliner Upper East Side, das ist das Viertel am oberen

Sogar der alte Traditionsbezug zum stadtteilbestimmenden Osram-Werk wird hier auf einem Flyer wieder hergestellt. Wie am Boxi auf der anderen Seite des Bahngeländes gibt

Spree-lauf im Osten der Stadt zwischen Brücken gelegen, von

der Altbaubestand des Quartiers Rudolfplatz der Gegend den

denen eine, noch dazu die schönste von allen, in Berlin ist, am

Nimbus des Auf bruchs, den der Stutti in den Sechziger Jahren

Hafen, an den Verkehrsnetzen der U- und S-Bahn. Heute mehr

und der Nolli in den Achtziger Jahren beanspruchte. Für die An-

als in den ersten fünfzig Jahren des 20.Jahrhundertes verletzt von

wohner ist die Chance der Ausdifferenzierung der ehemalig

seiner Geschichte durch Krieg und Nachkrieg, durch Zerstörung

homogenen Lebenswelt reizvoll. Heinrich Mann nannte einen

und Wiederauf bau, der seinerseits alte gewachsene Strukturen beseitigte, versammelt es die dichteste Ansammlung von Baudenkmälern in Berlin in einem Stadtteil mit exzellenten Schulbau-Beispielen von Messel und Hoffmann, Industriearchitektur von Kampffmeyer und Grenander. Heute zeigt das Quartier eine Zeitreise-Architektur, ungleichmäßige Mietshaus-Bebauung aus restaurierten Altbauten von Max Koch aus den Anfängen des Jahrhunderts neben Q3A-

derartigen kulturellen Umbauprozess in den Zwanziger Jahren „Menschenwerkstatt“. Genau dazu ist diese Gegend heute disponiert. Wenn die Stralauer Allee heute noch als Auto-Rennstrecke aus der Innenstadt heraus nach Dresden und zum Flughafen ein Ärgernis ist, darf man nicht verdrängen, dass sie das erst durch einen wahrhaftigen „Ausbruch von Geschichte“ wurde, als die „Zweite Geburtsstunde der DDR“ am 13. August 1961 schlug und

Bauten aus den Sechziger Jahren, Plattenbau nach Rostocker

als mit dem Mauerbau die Politik tief in das private Leben der

Hafenvorbild entlang der Stralauer Allee, BGW-Wohnungsbau aus

Menschen eindrang, um für lange Zeit Arbeit, Leben und Han-

den Fünfzigern und vor allem die frühen Werksgebäude in

deln neu zu definieren. Es zeugt von einem masochistischen

mustergültiger Konversion zu einer modernen Bürolandschaft.

Buß-Zwang, die Reste dieser Mauer an dieser Stelle als East-Side-

Diese Berliner Upper East Side ist keineswegs der vergessene

Gallery unter Denkmalschutz zu stellen und kein Verkehrs-

Arbeiterkiez zwischen Hafen, Verkehr und Industrie, keine ver-

konzept verwirklicht zu haben, das dem Viertel zurückgibt, was

lassene Gegend, die höchstens zur Filmkulisse taugt, sondern

es 1961 verloren hat. Alle Hoffnung stützt sich da auf die Konse-

ein geschichtsträchtig, vitaler und auskömmlicher Grenz-Erfah-

quenzen der Investitionen am Osthafen, die Hoffnungsträger

rungsbereich mit Entfaltungsmöglichkeiten gerade für Kinder,

der Senats-Wirtschaftspolitik, auf Universal und MTV, die sich

denn die Kitaplätze in dieser Menge und Auswahl scheinen kon-

den Rücken frei machen werden.

kurrenzlos. Diese Berliner Upper East Side ist kein Rentner-Kiez, hier

Der Osthafen stellt nach der Aufgabe seiner Hafenfunktion 2006 ein großes Potential für zukünftige gewerbliche Nutzun-

wird gelernt und gearbeitet und nächtens dröhnt unter der U-Bahn

gen dar. Die Berliner Hafen- und Lagerhausgesellschaft (Behala)

Warschauer Straße der Matrix-Techno-Beat. In der alten Schicht-

hat von dem Architekturbüro nps einen Masterplan für die

wechsel- und Abhängkneipe Glühlampe in der Rudolfstraße /

künftige Bebauung des Gebietes entwickeln lassen. So ist für

Ecke Lehmbruckstraße, die es seit Gründung des Quartiers gibt

den Standort eine Mischnutzung für Büro, Gewerbe, Wohnen

und in der früher Narva-Mitarbeiter ihren Frust wegspülten oder

gedacht, die sich aus den Bereichen Gastronomie, Kultur,

auf Material warteten, gibt es täglich wechselnd DJ-Angebote

Unterhaltung zusammensetzt.

(siehe www.glühlampe.de) von Indie bis Rockabilly alles.


» 1893

Die Stadtverordnetenversammlung hatte zudem 1895 beschlossen „behufs zweckmäßiger Bebauung im öffentlichen Interesse zwischen Platz L und der Straße 46, zwischen der Stralauer Allee und Rudolfstraße belegene Baublocks – zirka 390∑320 Meter – durch Anlegen von Querstraßen aufzuteilen.“ Im „Situationsplan, betreffend die Festsetzung der Hausnummern der Bauparzellen an der Rotherstraße (Abtheilung XIV des Bebauungsplans)“ meines Urgroßvaters Maximilian Koch, liest man noch, dass die Naglerstraße und die Ehrenbergstraße noch mit den Nummern 46a und 46e bezeichnet sind, die zum Rudolfplatz hinführende Rotherstraße aber schon als solche benannt war. Erst am 15. August 1898 erfolgt die namentliche Straßenbezeichnung aller geplanten Straßen des Stadtquartiers Rudolfplatz. Die Stadtväter ehrten bei der Namensgebung der Straßen des neuen Stadtquartiers an der Nordseite der Stralauer Allee Würdenträger des preußischen Staates , die sich große Verdienste um dessen Entwicklung erworben hatten: Christian von Rother, Leiter der Preußischen Seehandlung, Finanzminister und Ehrenbürger der Stadt wegen seiner

Berlin-Lichterstadt Die Gründungs-Geschichte im heutigen Bezirk FriedrichshainKreuzberg geht bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück: Auf dem Gelände vor der entlang der heutigen Warschauer

Verdienste um den Eisenbahnbau, Carl Ferdinand Friedrich von Nagler, Generalpostmeister, Begründer des modernen Postwesens, General Georg Leo Graf von Caprivi, Reichskanzler 1890 –1894, Nachfolger Bismarcks, Chlodwig Fürst zu Hohenlohe, Reichskanzler 1894–1900, Heinrich von Goss-

Straße verlaufenden Akzisemauer im Bereich des ehemaligen

ler, Preussischer Kultusminister 1818 –1891, Robert Bosse,

Stralauer Tors, die bis 1867 existierte, erstreckte sich der Stralauer

Preussischer Kultusminister, Karl Friedrich Graf von Beyme,

Anger mit Weiden und Einzelgehöften, durch die ein Sandweg

Staatsminister, der 1807 die Errichtung der Berliner Universität

nach Alt-Stralau führte.

organisierte, Eduard von Rochow, Pädagoge, Verdienste um

Die Engländer Thomas Russel Crampton und Charles

das Volksschulwesen, Tonio Bödicker, Präsident der Reichsver-

Fox erwarben hier 1853 ein zehn Hektar großes Gelände und

sicherungskammer, Ludwig Paul Persius, Präsident des Ober-

errichteten für die Berlin Waterworks Company das erste Berliner

verwaltungsgerichts.

Wasserwerk, zwischen Spree und der seit 1841/42 bestehenden Bahnlinie der Niederschlesischen Eisenbahn: vier ausgedehnte

Beyme, Caprivi, Hohenlohe wurden von der DDR-Regierung in den 50er Jahren aus dem Gedächtnis verbannt. Dafür

Kiesfilteranlagen, Reinwasser- und Vorratsreservoire, dazu

kamen Lembruck, Dannecker und Corinth ins Viertel. Nie-

Maschinen-, Kessel- und Beamtenwohn-Häuser. Man muss sich

mand hat bisher die Rückbenennung der Straßen verlangt.

vorstellen, dass mit einem Saugrüssel Spreewasser direkt aus dem Fluss durch Pumpen über Filter in die Bassins gelangten und von dort nach Berlin (Behälter am Windmühlenweg, heute Knaakstraße) geleitet wurden. Die Bevölkerung Berlin verdreifachte sich aber in den Jahren danach derart rasant, dass auch nach dem Erwerb durch die Stadt 1873 und die Errichtung weiterer zwei Filter in den 80er Jahren die Suche nach einer neuen Wasserquelle unabwendbar wurde, die schließlich am Müggelsee gefunden wurde. Im Oktober 1893 ging das Wasserwerk Friedrichshagen in Betrieb und das alte am Stralauer Tor konnte stillgelegt werden. Kurzzeitig wurde auf dem Gelände 1894/95 der zunehmende städtische Müll in einer Müllverbrennungs-Versuchsanlage englischer Provenienz beseitigt. Die mit 100000 Mark subventionierte Anlage enttäuschte aber die Stadtväter und so wurde das inzwischen städtische Gelände bis auf den Uferstreifen an die Gesellschaft für elektrische Hoch- und Untergrundbahnen und der größere Teil an die Industriestätte Warschauer Brücke GmbH verkauft.


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Unter dem Gras drüber Die Idee dieser Stadtteilgeschichte ist, einen Stadtteil wie eine

Berliner Kindheit 1928 Ingrid B.

besondere Person zu verstehen und seine eigene Geschichte in

„Geboren bin ich am 1. November 1928 im Krankenhaus in Berlin-

Erinnerung zu bringen, das heißt nach ihren Spuren zu suchen,

Neukölln. Ich war ein 8 Monatskind und sehr klein. Es war fraglich ob

ihre nachwirksamen Zeichen zu finden und davon zu erzählen.

ich durchkommen würde. Nun fingen im November 1928 schon die

Steine können sich nicht erinnern, aber Menschen, deren

kältesten Winter des Jahrhunderts an. Die Wohnungen waren nicht

Lebensraum dieser Stadtteil gewesen war oder geworden ist. Erst

warm zu kriegen. Nachts ging das Thermometer auf Minus 30 Grad

wenn man die lebensnahen Gesichter und Namen und deren

zurück. Wir hatten ganz liebe Nachbarn, die Familie Genzmer. Herr

Geschichten kennt, wird die Geschichte eines Ortes wirklich

Genzmer war Polizist auf der Wache an der Ecke. Auf dem Revier

begreif bar. Unter dem Gras drüber soll hervorgeholt werden, wie

war es immer schön warm. Da hat Herr Genzmer, von mir später nur

ein Stadtteil wurde, was er wurde, welche Identität er erwarb,

liebevoll ‚Ompo‘ (Abkürzung für Onkel Polizei) genannt die ganze

verlor und wiedergewonnen hat zwischen der Geburt am Anfang

Frostperiode, die bis in den Februar ging, jede Nacht Nachtdienst

des 20. Jahrhunderts und der Wiedergeburt am Anfang des

gemacht. Wie meine Mutter erzählte, hat er mich jeden Abend um

21. Jahrhunderts – zwischen Tradition und Neuanfang.

10 Uhr geholt, unter seiner Pelerine an seiner warmen Brust, damit

Berlin-Upper East Side und das Glühlampenwerk in seiner

ich nicht die kalte Luft atmete, mit zur Wache genommen. Dort hat-

Mitte kann man als einen Mikrokosmos deutscher Geschichte

ten sie einen Wäschekorb als Bett für mich stehen. So war ich sicher

betrachten. Dort geschah alles, was das 20. Jahrhundert, seine

und warm bis zum Dienstende um 6 Uhr morgens aufgehoben.

Träume und Alpträume ausmacht. Zeitzeugen, deren große Mehrheit keine berühmten Per-

Mein ‚Ompo‘ hat vielen Menschen, wenn er konnte, geholfen. 1933 hat er viel riskiert. Damals wurden alle jungen Menschen, die

sönlichkeiten sind, und die auch kaum Einblicke in politische

sich offen zur KPD oder SPD bekannten von den Nazis verhaftet.

Hintergründe hatten, nähren einen Erzählf luß, der von Wehmut

Sie kamen ins Zuchthaus oder in ein Konzentrationslager. Öffentlich

und Glück, von Eigensinn und Fremdbestimmung zeugt.

durfte die Verhaftungswelle nicht werden. Man sagte nur, sie würden in anderen Regionen zur Arbeit herangezogen. Die einzige Möglichkeit für die Angehörigen, sie frei zu bekommen, war, wenn sie wußten, wohin sie verbracht wurden, immer wieder da aufzutauchen, um ihre Freilassung zu fordern. Das mußte aber schnell nach der Verhaftung geschehen, bevor die Nazis sie so zugerichtet hatten, daß sie es nicht mehr wagen konnte sie frei zu lassen. Ompo hat immer wieder Zettel bei den Angehörigen unter der Tür durchgeschoben mit Hinweisen auf den Verbleib. Ompo, als Polizist, konnte in Erfahrung bringen, wo die jungen Leute abgeblieben waren. Ompo ist im Kampf um Berlin vermißt. Er war über 60 und die Polizeibeamten mußten Berlin mit der Waffe verteidigen.“


Zwei Höhepunkte ganz anderer Art Adeltraut K. „Der erste war Hitlers 50. Geburtstag. Das war also der 20. April 1939. Hitlers 50. Geburtstag wurde ganz groß gefeiert. Am Rudolfplatz wurde eine Riesen-Leinwand aufgespannt. Unsere Wohnung war ja nun so wunderbar gelegen, wir hatten also den Balkon im dritten Stock, wir konnten erstmal direkt den Rudolfplatz vor uns sehen. Wir hatten also Logenplätze in diesem Sinne, während die anderen sich unten hinstellten. Werde ich nie vergessen, schon den ganzen Vormittag war SA marschiert durch die Nebenstraßen und man sammelte sich dann abends auf dem Rudolfplatz und als es dann dunkel wurde, wurden also auf der Leinwand Ausschnitte aus dem Leben des Führers gezeigt. Hitler auf dem Obersalzberg mit seinem Hunden. Es war gerade die neue Reichskanzlei eröffnet worden. Das war vor dem Krieg. Das große Erlebnis nach dem Krieg 1947 war Camilla Meyer, eine der berühmtesten Hochseilartisten, die war hier am Rudolfplatz. Sie hatten am Rudolfplatz ihre hohen Masten aufgebaut und die Sensation war, daß eine mit ihrem Motorrad vom Rudolfplatz, da von der Bedürfnisanstalt im Schriftseil zur Zwingli-Kirche, zum Glockenstuhl der Zwingli-Kirche hochfuhr. Wir hatten natürlich wieder dann sehr schöne Logenplätze.“

Die Erinnerung lädt die Sehnsucht auf, sie formatiert die Zukunftserwartung. Natürlich ist jede Erinnerung Teil und Baustein einer tradierten, überpersönlichen Kultur des Erinnerns, aber sie ist klar zu unterscheiden vom Gedenken und dem Gedächtnis, von der durchaus sentimentlosen Bearbeitung von Vergangenheit, wie Politiker oder Historiker sie betreiben. Botho Strauss


17

Warum Biographie? Natürlich ist ein Stadtquartier keine Person, aber es kann auch 100 Jahre alt werden, sozusagen Geburtstag haben. Oft sind Jubiläen dieser Art ausreichend Anlass, sich würdigend der Aufgabe zu stellen, zu zeigen, wie die Zeit und die Welt im Leben eines Menschen Gestalt angenommen hat. Die Biographie muss vielmehr ihren Erzähler finden, der aus Passion und Mitgefühl und mit Neugier und Phantasie das Leben auffächert, seine Widersprüche bewahrt wie seine Geheimnisse umkreist, aber nicht zuschüttet oder einebnet. Walter Benjamin, dessen Buch Berliner Kindheit im 19. Jahrhundert immer Pate steht bei solchen Versuchen, wollte erreichen, dass „Schatten entstehen aus den Trümmern einer verschwundenen Welt“. Dies nun auf einen kleinen Stadtteil im Berliner Osten anzuwenden, mag kühn erscheinen, denn seine Biographie ist die einer gespaltenen Persönlichkeit, vielstimmig und gegensätzlicher kaum vorstellbar. Oral History und Alltagskultur-Beschreibungen eignen sich besonders und helfen dem Biographen, mehr als seine eigene

Aufstieg und Fall Aufstieg und Fall und die Wiederbelebung des Stadtteils spiegeln

Autorensicht zuzulassen. Ohne sie aber wäre diese Biographie auch nicht vorstellbar. Als Urenkel des „Stadtteilvaters“ Maximilian Koch bin ich

paradigmatisch die Kontinuität der Entwicklung eines von der

hier 1943 geboren und aufgewachsen. Rotherstraße 3 ist nicht

industriellen Moderne bestimmten Alltagslebens. Berlin-Upper

nur meines Urgroßvaters prächtigster Hausbau, sondern auch

East Side war ursprünglich der spätbesiedelte bürgerliche

die Geburtsadresse meiner Mutter und meine eigene.

Appendix des Industriearbeiter-Wohnbezirks Friedrichshain, in

Ich habe meine Kindheit bis zum zehnten Lebensjahr im

dem – anders als sonst im Berliner Osten – eine soziale Durch-

kriegsinvaliden Trümmerviertel um den Rudolfplatz verbracht,

mischung die vorherrschende Bewohnung darstellte. Neben dem

bin mit den anderen Kindern zur sogenannten „Schwedenspei-

schnell wachsenden Glühlampenwerk, das seine Prosperität

sung“ in die Eckkneipe Stralauer Allee/Bödeckerstraße gegan-

Emil Rathenau, dem Vater Walter Rathenaus verdankte, weil

gen, einer Hilfsaktion des Schwedischen Roten Kreuzes für die

er die Industriepolitik der AEG, Siemens & Halske und des spä-

unterernährten Berliner Kinder. Wie sie habe ich mich vor dem

teren Osram-Werks koordinierte, entwickelte das Wohnquartier

Dorschlebertran-Löffel der ungewöhnlich dicken Schwester

eine davon unabhängige mittelständisch, bürgerliche Identität.

gefürchtet, die in der Tür stand und niemand entkommen ließ,

Die für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts jedoch typi-

ohne diese hilfreiche Schrecklichkeit heruntergeschluckt zu

sche, eng mit dem Wiederauf bau des stark zerstörten Osram-

haben. Meine Spielplätze waren vor allem natürlich der Rudolf-

Werks als Berliner Glühlampenwerk, BGW, später Narva-Kombinat

platz, aber auch unser Hof mit Spielkameraden aus dem Seiten-

Rosa Luxemburg verknüpfte proletarische Identität änderte den

f lügel, mit der Straßenclique in den Loren der Trümmerbahn

Wohncharakter, begründete aber auch den Abstieg des Viertels,

und auf dem Reichsbahnausbesserungslager die zerstörten Bun-

nachdem das Narva-Werk 1993 endgültig geschlossen wurde,

keranlagen, als Kindergartengruppe das Sportgelände hinter der

was den Verlust von mehr als 5000 Arbeitsplätzen bedeutete.

Schule, aber auch alle Trümmergrundstücke der damals noch

Durch das Ende des industriellen Standorts wurde aller-

Beymestraße und Caprivistraße genannten Wohnhäuser, auch

dings auch die Rekonstruktion als Dienstleistungszentrum der

wenn das gefährlich war und man gerade deshalb darauf

Medien- und Internetbranche unter dem Namen „Oberbaum-

so scharf war.

City“ erst möglich. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat der Stadt-

Im Aushilfskrankenhaus im Gemeindesaal der Zwingli-

teil mit seinen wechselnden Populationen die Industrie- und

Kirche hatte ich meinen ersten Schauspiel-Auftritt mit einem

Wirtschaftsgeschichte der Stadt nachgerade beispielhaft durch-

Weihnachtsgedicht, nachdem ich vorher mein Debut im

lebt, von Hoffnung zu Hoffnung durch Niederlagen und Zusam-

Krippenspiel gegeben hatte, noch stumm aber stolz in der Rolle

menbrüche.

als „Vorhang“.

Nicht wenige Familien sind über mehrere Generationen mit dem Werk verbunden, vom Urgroßvater bis zum Enkel. Den

Im September 1949 wurde ich in der 17. Grundschule am Rudolfplatz eingeschult. bei Fräulein Lesser, deren schöne Vor-

bürgerlichen Familiengeschichten des Stadtteils entsprechen die

kriegsbrosche am hochgeschlossenen Kleid ich sehr bewunderte,

proletarischen: unten und oben sind durch den Standort aufein-

besonders wenn ich sie von meiner schlechten Schrift ablenken

ander bezogen und auf die Entwicklung der Zeit.

wollte.


Sehr geehrte Damen und Herren, als Sprecher der IG Eigentümer und Verwaltungen Quartier Rudolfplatz wende ich mich an Sie namens und im Auftrag meiner Eigentümer-Kollegen um gegen die stadtplanerisch uneinsichtige und nach Art und Weise unverständliche Änderung des FNP für das Quartier Rudolfplatz im Teilbereich Spreeraum – Warschauer Brücke Einspruch einzulegen. [...] Anders als die bisher als Gewerbegebiet ausgewiesene Fläche (nahe U-Bhf. Warschauer Brücke) würde das neu ausgewiesene, erweiterte Gewerbegebiet direkt an Wohnhäuser in der Rudolfstraße angrenzen.

Rückkehr zu sich selbst

Außerdem grenzt das neue Gewerbegebiet unmittelbar an den Rudolfplatz an – weit und breit der größte, ruhigste und

Intensivste Erinnerungen habe ich an die Weltjugendfestspiele

grünste Platz, der von der Wohnbevölkerung gerade im Sommer

1951. Alle Wohnhäuser mussten ihre Dachböden räumen und

intensiv genutzt wird (hier herrscht eine Atmosphäre vergleich-

als Gruppenlager zur Verfügung stellen. Auf allen Hängeböden

bar dem Tiergarten).

lagen also Strohballen und darauf kampierten Gruppen aus allen

Der eigentliche Skandal aber besteht darin, daß sich durch

Teilen der DDR. Eine wilde Jugendaktivität prägte das Geschehen

die Änderung des Flächennutzungsplans eine im Wohngebiet

im Viertel und im Hausf lur war der Teufel los. Das BGW an der

gelegene Kindertagesstätte, die sich bisher auf einer gemäß

Ecke des Quartiers war Gastgeber großer Demonstrations-

Flächennutzungsplan als „Wohnbauf läche, GFZ über 1,5“ ausge-

Veranstaltungen und auf dem Rudolfplatz fanden Unterhaltungs-

wiesenen Fläche, also auch in stadtplanerischer Sicht „im Wohn-

und Musikveranstaltungen statt, dazu Bockwurst, so viel man

gebiet“ befindet, plötzlich im Gewerbegebiet liegt. Ein Vorgang

essen konnte.

von erheblicher juristischer und stadtplanerischer Tragweite, da

Als sich mir nach dem Fall der Mauer zwischen den beiden

die Kindertagesstätte sich bisher – ganz bewußt und der beste-

Deutschländern wirklich unerwartet (und zunächst auch eher

henden Art und Weise der baulichen Nutzung entsprechend

ängstlich wahrgenommen) die Gelegenheit bot, meine Heimat,

– auf einer „Ausbuchtung“ des Wohngebiets befand und so stadt-

die Gegend meiner Herkunft, sozusagen meine Wurzeln wieder

planerisch und juristisch das unmittelbar anliegende Wohn-

zu entdecken, war es gar nicht einfach und klar, sich dieser

gebiet, zu dem die Kindertagesstätte gehört, gegen jegliche

Herausforderung wirklich stellen zu wollen.

gewerbliche Nutzung „abschirmte“, die sich mit der unmittelbar

Die Konfrontation mit den Zeugnissen der Geschichte erzwingt auch, sich die Verwundungen und Verletzungen zuzumuten, die am Körper der Heimat in den Jahrzehnten entstanden

angrenzenden Wohnbebauung nicht verträgt. Die betroffene Kindertagesstätte wurde im übrigen vor einiger Zeit dazu ausersehen, als eine der wenigen städtischen Kinder-

waren. Zu sich selbst zurückzukehren bedeutet auch gleich-

tagesstätten in Friedrichshain-Kreuzberg erhalten zu bleiben

zeitig, sich im Spiegel zu erkennen, d.h. selbst hinschauen und

– eine weise und richtige Entscheidung, weil diese Kindertages-

sein Gesicht zeigen Seitdem habe ich mich im und für das Viertel engagiert,

stätte sich nicht nur im Innen- und Außenbereich durch enorme Platzfülle auszeichnet, sondern auch direkt an der „grünen

habe mit den anderen Hausverwaltungen beschlossen, Rotdorn-

Lunge“ Rudolfplatz liegt, der auch von den Kindergartengruppen

Bäume in der Rotherstraße zu pflanzen in durchaus symbolischer

gern und intensiv frequentiert wird.

Absicht an einem durchaus symbolischen Tag, dem 8.Mai 1999, habe eine IG Eigentümer und Verwaltungen gegründet, die sich aktiv in Fragen der Kommunalpolitik einmischt, von der Grundschul-Schließung bis zum Kampf gegen eine Schnapsidee der

6. März 2003 Die jüngste Initiative ist die Anbringung einer Gedenktafel für die Gebrüder Max Koch und Sigismund Koch am

BSR , hinter der Kita am Rudolfplatz eine Sondermüll-Anlage zu

Gebäude Rotherstr. 3 aus Anlass des 100jährigen Bestehens des

errichten, bis zur Änderung des Flächennutzungsplans.

Koch’schen Erb-Karrees.


19

Es entsteht Platz für einen Schmerz, der bisher nicht ertragen werden konnte. Es bildet sich biographischer Raum, in dem Gegenwart und Vergangenheit neu bearbeitet werden können. Es ist ein Raum, der durch affektive Bewegung entsteht und neue Bewegungsmöglichkeiten eröffnet. Christian Schneider


Hohlraum identitätsstiftender Erfahrung

Herzstück Rudolfplatz

Die Schwierigkeit beginnt bei der Biographie eines Stadtteils

Der Rudolfplatz ist das stadtplanerische und tatsächliche Herz-

schon mit der Geburt, also der Festlegung auf einen Anfang,

stück des Stadtquartiers, das richtigerweise mit seinem Namen

auf Vorfahren und Vorbilder. Die Ahnen und ihre Absichten

verknüpft wird. Wenn das Quartier Rudolfplatz heute oft

und Pläne sind im Dunkel des Vergessens verschwunden, von

Stralauer Kiez genannt wird, kann man – wie gesagt – zum Ver-

den Wendungen und Windungen der Geschichte überwuchert.

ständnis dieser Bezeichnung lediglich historisch argumentie-

Manchmal blieb nur ein dunkles Loch oder das Gras und

ren, dass es sich um ein Gelände vor dem Stralauer Tor handelt,

Gebüsch der Historie ist darüber gewachsen, so wie ich es auf

also zwischen Berlin und dem Fischerdorf Alt-Stralau entlang

dem Georgen-Parochial-Friedhof erlebte auf der Suche nach dem

der Stralauer Allee gelegen, die einst ein Sandweg war.

Erbbegräbnis meines Urgroßvaters Maximilian Koch, zugewuchert aber noch vorhanden, inzwischen restauriert wie die Gebäude in der Rotherstraße. Das ist zugleich tröstlich und herausfordernd, denn es bedeutet auch, die Freiheit zu haben, eine Interpretation der biographischen Entwicklung zu wagen. Diese Biographie ist zu lesen als geordnete Materialsammlung aus einer betroffenen Sicht. Allein die völlig verschiedene Vor- und Nachkriegs-Identität des Viertels ohne hilf lose Schuldzuweisungen darzustellen, war dem Biographen eine Herausforderung. Aber er wollte auch die Geister, die ihn riefen, zum Tanzen bringen, und sich weder fürchten, die Deformationen in der Biographie, die Verluste und Selbstlügen zu benennen, die die politische Achterbahnfahrt der Deutschen durch Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialisches Drittes Reich, Viermächte Welt, DDR und BRD bis in die neue Berliner Republik hinterlassen hat, noch den ganzen „Hallraum identitätsstiftender Erfahrungen“, in Sprache, Lebensläufen und Weltsicht wie vergessenes Gepäck unbeachtet stehen lassen. Zwischen den Zeilen und den Fundstücken, die mit Sammlerlust und Leidenschaft über Jahre zusammengestellt wurden, wird der Leser hoffentlich die wieder erwachte Liebe des Autors zum Wohnquartier seiner Vorfahren mitempfinden, und sein Vertrauen in die Zukunft dieser kleinen Welt im 21. Jahrhundert.

Kindheit am Rudolfplatz Dieter O. „Mein Vater war also Beamter, in der geologischen Landesanstalt. Meine Mutter hat selbstverständlich nicht gearbeitet, das kam nicht in Frage, im Verständnis der damaligen Zeit, die hat sich also um die Kinder gekümmert. Ich hatte noch eine Schwester, die ist ein Jahr jünger als ich. Ich hatte eine sehr unbeschwerte und schöne Jugend. Der Rudolfplatz hat von jeher einen großen Reiz auf mich ausgeübt, dem ich heute nachtrauere, möchte ich fast sagen, in den Träumen manchmal vor meinen Augen sehe. Der Rudolfplatz war zweigeteilt, das war insofern sehr schön, der hatte also einen vorderen Teil, der heute also noch den eigentlichen Platz ausmacht. Das war eine sehr gepflegte Anlange mit (schönen) Schlangenwegen, einem RiesenRosenbeet, hatte einen sehr schönen Rasen. Der Rasen war eingezäunt und hatte wunderbare, schöne Bäume. Das ging so weit, daß wir als Kinder, wir sollten ja auf diesem Platz möglichst nicht Ball


21

» 1913

spielen, aber wenn es dann doch mal vorkam und wir doch Ball spiel-

ihren Müttern betreut wurden, die waren dann meistens in den klei-

ten und der Ball fiel auf den Rasen, dann also haben wir gestanden

neren, so daß sich schon ganz automatisch die Altersgruppen trenn-

und haben gezögert. Dann haben wir geguckt. Denn es gab einen

ten und es dann nie so zu Schwierigkeiten kam. Und dann gab es zwei

Wärter, den nannte man ‚Pupe‘. ‚Pupe‘ gab es wahrscheinlich auch

Baumstämme, auf denen man wunderbar balancieren konnte. Das

woanders, das waren meistens Rentiers, die sich damit noch ein

war ganz primitiv, einfach zwei riesige Baumstämme, die waren also

bißchen Geld verdienten, ein strenger Mensch mit Stock. Also wenn

aufgebockt und man konnte also herrlich darauf balancieren und

‚Pupe‘ in der Nähe war, gingen wir nicht auf den Rasen und haben

zum Schluß sprang man dann eben runter.“

also lieber den Ball liegen lassen. Sonst führte der sich auf. Und so was wie heute, wo man auf den Rasen latscht und so, das war also nicht möglich. Und der hintere Teil zur Bahn, der war im gewissen Sinne auch wieder zweigeteilt, indem er einen schönen Umweg hatte, also einen halbkreisförmigen oder u-förmigen Umweg mit wunderschönen Rotbuchen. Ganz lauschigen Plätzen mit vielen, vielen Bänken. In der Mitte war also eine Spielmöglichkeit für die Kinder gegeben, in dem zwei Buddelkästen waren, ein riesengroßer und ein etwas kleinerer. Das machte sich auch dadurch bemerkbar, daß in dem großen eben die größeren Kinder waren und die kleinen, die noch von


An jeder Ecke eine Destille Fast alle alten Postkarten-Ansichten zeigen, dass die klassische Nutzung eines Eckhauses im Parterre eine Groß-Destille war. Im zweiten Verwaltungsbericht des königlichen Polizei-Präsidiums kann man dazu finden, dass die Zahl der Gastwirtschaften von 1885 bis 1905 um 145 %, für die „gebildeten Stände“ um 86,3%, für „niedere Stände“ um 216,6 % gestiegen ist. 1905 kam auf 125 Einwohner eine Kneipe. In Steglitz – warum auch immer, vielleicht nur, weil dort ein Eiferer das Verhältnis von Einwohnerzahl zur Zahl der Schankstätten zwischen 1897 und 1908 ermittelt hat – war alles noch eindeutiger: Die „Seelenzahl, welche auf eine dieser Schankstätten entfällt, lag 1887 bei 750, 1908 bei 358.“

Grenzerfahrungsbereich Weil die Erschließung des Areals erst Ende des 19. Jahrhunderts realisiert wird, zeigt sich die Bebauung sozialpolitisch schon deutlich von den Tendenzen der neuen Zeit beeinf lusst. Auch wenn die Gebrüder Koch kaum als Sozialisten anzusehen sind und sicher auch nicht so gewählt haben, ist ihr Konzept der Wohn- und Mietshausbebauung der Idee einer Durchmischung sozialer Schichten verbunden. Die Wohnungssuche war in der rapide wachsenden Stadt Berlin nicht nur ein Problem der Handwerker, Industriearbeiter, Handlanger und des Dienstpersonals, sondern es zogen auch mittelständische Familien zu. Beamte der mittleren Lauf bahn mit ihren Familien und Wohnansprüchen suchten Wohnraum, sodass neue Wohnviertel mit großem Interesse und Zulauf und deshalb auch mit dem Interesse von Investoren rechnen konnten. Wenn heute soziale Durchmischung als Ziel des Stadtteilmanagements propagiert wird, fühlt man sich an die planerische und kaufmännische Weisheit zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht zu Unrecht erinnert. Ohnehin ist das Quartier Rudolfplatz als Grenzland an der Spree zwischen den alten Bezirken Kreuzberg und dem erst 1920 gebildeten Bezirk Friedrichshain auch historisch und politisch, sozial und kulturell, ökonomisch und verkehrs- wie bautechnisch ein Grenzerfahrungsbereich. Das 20. Jahrhundert schlägt seine Lichter im doppelten Sinne in das Viertel und wirft auch seine Schatten über die Jahrzehnte. Die enge Verbindung des Wohnviertels mit der Geschichte des Lichtes neben dem bedeutenden Industriestandort der Glühlampenfabrik, die in den zehn Dekaden allein fünf verschiedene Namen hatte – Auerglühlicht, Osram, BGW, Narva, OberbaumCity – war immer Chance und Risiko zugleich, auch wenn die ersten Jahrzehnte viel weniger Verbindung zwischen Werksangehörigen und Stadtteilbewohnern ausweisen. Erst die Wiederauf bauzeit nach dem Krieg, nach der Zerstörung, der Flucht aus den ausgebombten oder in Brand gesetzten Häusern, bringt eine neue, teilweise andere Mieter- und Bewohnerschicht in das Viertel und damit eine über alle Jahre der DDR-Zeit enge Verbundenheit zwischen Glühlampenwerk und Hausbewohnern.


23

Der Stiefvater hat Verbindungen zum Leiter einer medizi-

Der Arsch hing voller Tränen Die Arno S.-Story

nischen Gerätefabrik in der Chausseestraße und da kann Herr S.

Jeden Morgen geht er mit seinem Hund, der etwa so schwer

Betrieb, das Berliner Glühlampenwerk BGW, am Kopf des Kiez, in

als Dreher bis 1956 sein. Dann aber endlich kommt er in seinen

atmet wie er, der starke Raucher, im und um das Quartier, die

dem er heute noch als Rentner lebt. Papa Sittel, einer der alten

DDR -Version der Prinz Heinrich Mütze auf dem Kopf tragend,

Osram-Hasen und ein Aktivist der ersten Stunde, ist sein Zieh-

mal beim Bäcker Böttcher vorbei, mal beim neuen Blumenladen

vater in der Produktionsplanung nun, nicht mehr als Dreher.

über die „Politik von denen jetzt“ mit den Rentnern räsonierend:

Aber der entscheidende Sprung war, dass er Ende 1958/Anfang

Herr S., der Vorzeige-Navarist.

1959 Geschäftsführer der AWG, der Arbeiterwohnungsbaugenos-

Geboren 1931 am Wedding, Malplaquetstraße, seit Kriegsende 1945 Lehrling zuerst als Schreibmaschinentechniker bei der Firma W. Feiler, die später VEB Secura wird, in der Sophienstraße/

senschaft wird. Bis 1964 bleibt er das. Diese AWG baut 1000 Wohnungen für die jungen wohnungssuchenden Familien auch im Quartier. Der Paradebau ist

Mitte. Dort organisiert er den ersten Lehrlingsstreik, worüber

am Rudolfplatz 2 und 2A, mit eigener Hände Arbeit errichtet,

die Zeitungen berichten. Aber so leicht bleibt das alles auch

finanziert und heute ein preisgünstiger Alterssitz. Aber dann

nicht in den Knochen hängen. Die große Familie, Schwester und

gab es Schwierigkeiten, einen Prozess und der streitbare Herr

Bruder helfen, aber Arno wird krank, Lungenentzündung und

S. ist wieder Handwerksmeister im Narva-Werk bis ihn die

die heilt er in Zittau aus, bei Familie Mödicke.

Betriebsparteileitung zum Ersten Vorsitzenden der Konf likt-

1949 jedenfalls tritt Herr S. in die SED ein und wird schnell hauptamtlicher Jugendsekretär. Bevor er 1956 zum BGW

kommission macht, 1969. Zwanzig Jahre wird er diesen Posten innehaben und hat für die Kollegen „die Scheibe gespielt“. Als

kommt, überrascht ihn der 17. Juni 1953 voll. Er konnte heulen,

die Lichter bei Narva ausgingen, empfand er das als Zusammen-

als er die Russenpanzer sah, und aus war es mit der SED für ihn.

bruch: „Als alles zu Bruch ging, hing der Arsch voller Tränen“

Er lässt sich krank schreiben für den Protest, ruft zum Streik

und als er als Letzter aus der Abteilung Grundlagenforschung

auf, nun schon zum zweiten Mal im Leben, und tritt aus der SED

1991 ging, hatte er gerade die 60 Jahre voll.

aus. Dass er dann noch durch den Teltowkanal nach Westberlin abhaut, ist fast zuviel für die Familie, die ihn aber raushaut, weil

Natürlich hat Herr S. eine Navaristen-Familie. Seine Frau war von 1972 auch bis 1991 erst in der Wickelei, dann Versand,

er doch nur zu seiner Westberliner Liebsten wollte, die er bei

dann in der DIN-Abteilung. Bruder und Schwester und Neffen

Secura schon kennengelernt hatte, die Westbraut. 1954 wird

und Nichten, die Schwiegertochter, alle bei Narva – wie auf

geheiratet und sogar eine Schwarzwaldreise mit Interzonenpass

dem Dorf, wo alle bei der gleichen Firma lernen, leben, arbeiten

ist drin. „Wenn die Russen abhauen, komme ich wieder“, sagte

und gemeinsam gegangen werden, wie es für Herrn S. nie

er, aber die Genossen machen ihm klar, dass man nicht einfach

vorstellbar war.

austreten kann aus der Partei. Hutzeputz, der Schmied, ein alter

Geblieben ist der Narva Anglerverein, draußen am Zernsee,

Genosse, macht das erfolgreich. Aber wohin mit diesem bunten

wo die ganze alte Truppe auf dem Grundstück den Sommer lieber

anarchischen Vorleben?

verbringt als im Kiez, 16 000 qm, inzwischen alles gerettet, schwer bedroht von Inverstoren, die ihnen das Gelände streitig machen wollen.


Ikone des Arbeitersports Die Rita R.-Story Schon ihr Großvater, der vor 100 Jahren aus Ostpreußen nach Berlin kam, um Arbeit zu finden war bei Osram genau wie ihre Mutter Ulla , die als 14jährige am 1.September 1935 dort anfing, im Werk ihren Ehemann fand, der fast sechzig Jahre mit der Glühlampe lebte und der zu den Helden der ersten Stunde nach dem Krieg gehörte. Frau R., geboren 1936, konnte gar nicht anders, als 1952 mit 16 eine Lehre beim BGW anzufangen, schließlich war der Industriestandort, so wie das in manchen ländlichen Gegenden ist, der Lebensbezugspunkt, so etwas wie die zweite Heimat, in der man mehrere Generationen einer Familie trifft und keiner sich recht vorstellen kann, woanders zu arbeiten. Und natürlich trifft auch sie im Werk den Mann ihres Lebens, Herrn R., natürlich aus dem Friedrichshain, aber zuerst Seemann und dann erst 1958 zum BGW „konvertiert“, 1958 ist auch das Hochzeitsjahr und als Sohn

Dirk 1961 geboren wurde, nahm sie Schwangeren-Urlaub aus der Abteilung Betriebsabrechnung, um danach wiederzukehren.

Im Schatten der Fabrik

Frau R. ist der Star in der 1978 zum 3o. Jahrestag der DDR herausgegebenen Portraitsammlung Menschen aus unserer Mitte,

Während die Vorkriegsjahre einen kleinbürgerlich, mittelständi-

die verdiente Narva-Mitarbeiter in individuellen Würdigungen

schen, in sich geschlossenen, wenn nicht sogar abgeschlossenen

vorstellt. Dem Sekretär der Betriebsparteiorganisation der SED

stillen Wohnbereich zeigen, der mit einer Vielzahl kleiner Läden

ging es bei dem Buch um die „Verbundenheit zum Betrieb, zu

sich autonom versorgen konnte, von einer grandiosen Schule

unserem sozialistischen Staat und deutete das Gefühl der Gebor-

und Kirche optisch dominiert, erwächst nach dem Zusammen-

genheit an, füreinander da zu sein“. Ein Mitglied des Zirkels

bruch des „Dritten Reiches“ 1945, dem Verlust fast der Hälfte der

schreibender Arbeits-Kollegen, widmet Frau R. folgendes:

Häuser und ihrer Bewohner mit dem Auf bau des DDR-Staates

„Bekannt ist sie in den Direktionsbereichen Ö, H und V, nicht

nach seinen ökonomischen und politischen Bedingungen eine

zuletzt durch ihre gute gewerkschaftliche Arbeit. Geht es um

engste Verknüpfung mit Aufstieg und Schicksal des BGW/Narva

ihre persönlichen Belange, ist sie bescheiden und zurückhal-

Kombinats, positiv wie negativ.

tend – ja man muß sagen, sie ist sogar schüchtern. Geht es aber

Die Narva-Poliklinik an der Rudolfstraße / Ecke Lehmbruck-

darum, Interessen ihrer Kollegen zu wahren, kann Frau R. ganz

straße sichert eine Gesundheitsversorgung auch für die Bewoh-

schön die Zähne zeigen, und das tut sie denn ja auch. Im Sport

ner des Viertels, die nicht bei Narva arbeiten, wie sie sonst nicht

ist sie ebenfalls ständig am Ball. Hier wohl besonders gern.

gegeben war. Das gilt auch für das Waren-Angebot, selbst wenn

Seit vielen Jahren ist Frau R. Sportfunktionär ihrer Abteilung.

später eine Verkaufsstelle im Werk das änderte und Engpässe

Durch ihre sprichwörtliche Kameradschaftlichkeit im Betrieb

zum Beispiel bei Schrippen vom Bäcker Böttcher gerade durch

wie in der BSG Narva hat sie sich viele Freunde erworben. Frü-

den enormen Bedarf des Werks erst entstanden. Aber Narva als

her spielte sie jahrelang aktiv Handball. Vor nunmehr fast zehn

das „Zweite Zuhause“ war schon anders als Osram vor dem Krieg

Jahren hat sie den aktiven Sport an den Nagel gehängt und wirkt

Kern-Zentrum des privaten und gesellschaftlichen Lebens, von

seitdem als aktiver Sportfunktionär, als Finanzgewaltige der

den stadtweit berühmten Faschingsfeiern bis zum Sport, von

größten Sektion, der Sektion Handball.“

der Bedeutung der Eckkneipe Glühlampe ganz abgesehen. Narva war, mehr als Osram, auch ein Liebes- und Heiratsmarkt. Man lernte einander dort kennen. Die Eltern oder manchmal sogar schon die Großeltern hatten dort gelernt und gearbeitet. Ganze Arbeiter-Dynastien entstanden so wie in manchen frühindustriellen Gegenden, wo alle Bewohner irgendwie mit ihrem Werk verbunden waren und ganze Familien in doppelter Hinsicht abhängig vom Wohl und Schicksal der Firma waren.

Frau R. wirkt wie eine Ikone des Arbeitersport-Gedankens. Sie und der Sport in der BSG Narva sind eine Lebenseinheit.


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Zweite Heimat Die Nachkriegswohnungsnot, die durch strenge Wohnraumbewirtschaftung geregelt (und nur politisch beeinf lusst) werden konnte, führte dazu, dass Familien lange zusammenwohnen blieben, erwachsene Kinder bei den Eltern wohnten bis sie eigene Familien gründeten und Anspruch auf die Zuteilung einer Wohnung hatten und eine Einweisung bekamen. Die detaillierte Kenntnis des vorhandenen Wohnraums im Viertel und dessen Fluktuationen durch Tod oder gar durch „Republikf lucht“ sowie die Bekanntschaft und gelegentlich auch die politisch-gesellschaftliche Verbindung zu den Einf lussreichen, führten häufig zu Wohnungswechseln vom Hinterhaus zum Vorderhaus, von Straßenseite zu Straßenseite, aber immer im Kiez. Die Treue zum Wohnquartier hatte viel mehr mit diesen, erst in späteren Jahren der DDR und dem dann wirksamen Wohnungsbauprogramm mit den Plattenbausiedlungen in Hohenschönhausen und Marzahn beseitigten Problemen, als mit emotionaler Verbundenheit zu tun.

Kieztreue Dieter O. „Ich bin ja erst ‘33 geboren, 1933 in dem Schicksalsjahr des deutschen Volkes kann man sagen, und wir haben auch alles komplett mitgemacht. ’33 im Juli geboren, meine Eltern, d.h. meine Mutter, die hatte schon eine längere Beziehung zu dem Kiez, die wohnte quasi seit ihrem zweiten Lebensjahr in der damaligen Caprivistraße. Mein Vater, der ja aus dem Westteil der Stadt kam, aus Friedenau, dann aber hierher heiratete, weil mein Großvater umzog von der Caprivistraße um die Ecke quasi direkt an den Rudolfplatz, in das Haus Nummer 5. Er hatte dort eine Vier-Zimmer-Wohnung im ersten Stock bezogen, weil er einen Büroraum brauchte, er hatte nämlich sich selbständig gemacht, er war Dampfmaschinenvertreter. Zum gleichen Zeitraum wurde im dritten Stock eine Wohnung frei und wie es ja meistens so ist, wenn dann die Kinder bzw. die Tochter heiratet oder groß wurde, wollten sie die nicht gerne weit weg lassen und haben gesagt, zieh doch hierher und dadurch kamen wir also in dieses Haus. Das weitete sich nachher noch so aus, daß dann ein Bruder von meiner Mutter, also mein Onkel jemanden heiratete im zweiten Stock, also daß in dem Haus im ersten, zweiten und dritten Stock die Familie gewohnt hat. Das Vorderhaus also quasi wie unser Einfamilienhaus.“ Wenn man auf die einhundertjährige Geschichte des Wohnquartiers zurückschaut, dann wird man parallel zur deutschen Geschichte Brüche und Einf lüsse festhalten müssen, sehen, wie politische Windungen und Wendungen sich ausgewirkt haben: Zunächst schwemmte der Boom des ausgehenden Industriezeitalters aus allen Gegenden des Reichs kinderreiche Familien in das neu entstandene Viertel.


Für einen Groschen Sauerkraut Ingrid B.

Zwischen den einzelnen Pappen war Holzwolle gelegt, damit die Eier nicht kaputt gingen. Der Deckel wurde mit einem Vorhängeschloß geschlossen. Per Bahnfracht ging die Kiste immer zwischen Achim

„Die Wohnung der Beymestraße 7 kann ich noch genau schildern. Im

und Berlin hin und her. Im Herbst kamen große Kiepen mit Äpfeln

Herbst 1932 sind wir da ausgezogen also als ich vier Jahre alt wurde.

aus Achim. Im Herbst 1927, als es meinen Eltern finanziell sehr dreckig

Meine Mutter hatte den kleinen Gemüseladen. Mein Vater hatte

ging, ist einmal mein Großvater aus Pritzwalk mit dem Pferdefuhr-

1929 endlich Arbeit gefunden. Trotzdem behielt sie den Laden bis

werk (120 Kilometer) nach Berlin gekommen mit der ganzen Wagen-

1932, denn es war nicht sicher, ob mein Vater seine Stelle in der Bau-

ladung voll Kartoffeln.

sparkasse behielte. An den Laden grenzte die Wohnung. Vom Hausflur aus betrat man die Wohnung. Vom Korridor (Flur) aus lag rechts

Wenn frische Eier angekommen waren, waren sie bald ausverkauft. Auch die gut sortierten Kartoffeln waren gut zu verkaufen. Es

das Schlafzimmer. Es war schmal, die Betten standen rechts hinter-

gab drei Sorten; eine für Zusammengekochtes, eine für Salat und

einander. Auf der linken Seite, neben dem Fenster stand der Kleider-

eine für Braten und Fleisch.

schrank, vorne der Waschtisch. Dazwischen stand mein Bett. Das

Morgens um 5 Uhr fuhr mein Vater zum Großmarkt und holte

waren zwei Korbsessel die gegeneinander standen und deren Beine

frisches Obst und Gemüse. An der linken Seite im Laden, direkt neben

zusammengebunden waren. Neben meinem Bett war eine große Tür

der Tür zum Korridor stand eine Theke, darauf stand der weiße Porzel-

die eigentlich in den Laden ging. In Höhe des Türgriffs waren in bei-

lantopf mit dem Senf. Vorne war ein Hahn, den man drücken mußte

den Türflügeln kleine Fensterscheiben mit weißen Gardinen davor.

damit der Senf in das mitgebrachte Glas gedrückt werden konnte.

Da konnte meine Mutter mich beobachten, wenn ich schlief, wenn

Senf – in Berlin Mostrich (von Moutarde, franz.) – wurde nur lose

sie im Laden war. Ich konnte aber auch im Bett stehend durch die

verkauft. Aus der Riesen-Maggiflasche wurde Maggi abgefüllt. Butter

Scheibe sehen.

und Margarine wurden in kleinen Holzbottichen angeboten. Das

Der Laden ging nicht besonders gut. Meine Großeltern aus

Meiste war lose zu bekommen. Sauerkraut wurde in Pergamenttüten

Achim versorgten meine Eltern mit frischen Eiern zum Verkauf. Mein

verkauft. Es gab viele Kinder, die für einen Groschen Sauerkraut

Großvater hatte Kisten gebaut, in die mehrere Eierpappen paßten.

kauften, um es dann sofort roh aus der Tüte zu essen.“


27

Butterkrawalle 1915 Als Generalfeldmarschall von Hindenburg, dessen entschlossenes Portrait die Kriegsanleihen-Werbung zierte, in der mit dem Satz „Die Zeit ist hart, aber der Sieg ist sicher“ für die Finanzierung des Weltkrieges geworben wurde, am 15.Oktober 1915 seinen 67. Geburtstag feierte, kam es in Friedrichshain und Lichtenberg zu regelrechten Straßenkrawallen vor den Kolonialwarenläden. Frauen protestierten gegen die steigenden Butterpreise – mit Erfolg. Vierzehn Tage später verfügte der Stadtkommandant von Kessel die Senkung um 20 bis 60 Pfennig pro Pfund: Höchstpreis nun 2,80 pro Pfund. Was als spontaner Widerstand gegen Spekulanten erschien, die seit Mai 1915 die Nahrungsmittel um 65 % verteuert hatten, entwickelte sich zur Abkehr von der Regierung, die die Ernährungskrise nicht bewältigte. Walter Rathenau hatte nicht nur eine zentrale Kriegsrohstoff-Verwaltung, sondern auch eine Nahrungsmittel-Verwaltung vorgeschlagen. Den Kaiser interessierte aber nur die militärische Konzeption. So begann der Kampf in den Küchen gegen das Kaiserreich. „Die Küchenfrage ist zur Bewaffnungsfrage geworden“, stand in einem Kriegskochbuch. Der Erste Weltkrieg und die Revolution mit der nachfolgenden Wirtschafts- und Finanzkrise geht nicht spurlos an dem im Windschatten des Lichtturms von Osram liegenden Stadtteil vorbei.

Generalstreik 1919 Gustav G.

gebracht und ich hab noch gesehen, wie er ‚Martha‘ rief, so hieß seine junge Frau und vor kurzem hatten sie geheiratet. Die beiden Brüder wurden an der Friedhofsmauer erschossen. Der Friedhof war voller

Mit dem Generalstreik 1919, der am 3. März von der Vollver-

Noske-Polizei. Als ich meine Brüder holen wollte, waren sie bereits

sammlung der Groß-Berliner Arbeiter- und Soldatenräte

auf einen anderen Friedhof verschleppt worden.“

beschlossen und von den Gewerkschaften unterstützt wurde, sollte eine Änderung der Regierungspolitik im Sinne der revo-

Wie in allen Gemeinden des Reiches findet sich auch ein Art Denkmal innerhalb der Zwingli-Kirche am Rudolfplatz für die

lutionären Forderungen erreicht werden. Es kam zu bürger-

Gefallenen des Ersten Weltkriegs eine Ehrentafel mit über 100

kriegs-ähnlichen Kämpfen in Berlin, die 1200 Tote forderten.

Namen von Karl Alsleben bis Karl Zukale.

Die KPD -Zelle umfaßte ein relativ großes Gebiet, auch die Stralauer Allee östlich der Warschauer Straße nebst Neben-

Die politischen Kämpfe der Weimarer Republik zwischen SA und Rotfront jedoch durchziehen im wahrsten Sinne des Wortes

straßen sowei den Ortsteil Stralau. Nur 23 Genossen waren in

die Gegend. Vom heftig umkämpften politischen Zentrum des

der KPD organisiert., aber sie hatte einen großen Einf luß in der

roten Bezirks Friedrichshain, der von den Nationalsozialisten in

Arbeiterschaft.

Horst Wessel-Stadt umbenannt wird, bis nach Stralau, entlang

„Ich hatte zwei Brüder, die gewerkschaftlich organisiert waren, einer hat 1919 an den Kämpfen in Lichtenberg teilgenommen. In den frühen Morgenstunden des 12. März kamen Polizisten und wollten

der Stralauer Allee und des Markgrafendamms, in dem es ein Rotfront-Lokal gab. Das Ende des Krieges und Hitlers „Drittem Reich“ lässt die

meinen jüngeren Bruder Albert, 23 Jahre, abholen. Der bat meinen

Anwohner und die Beschäftigten des stramm als Nazibetrieb

älteren Bruder Fritz, 28 Jahre, mitzukommen. Im Schwarzen Adler

geführten, ausschließlich auf Kriegsproduktion ausgerichteten

wurden sie für fünf Minuten verhört. Fritz war Matrose und gehörte

Osram-Werks, das Zwangsarbeiter in großer Zahl beschäftigt hat,

zu der Emden-Besatzung. Wegen Verweigerung des Kriegsdienstes

hart für ihre Haltung in den Jahren des Faschismus büßen. Was

hatte er bereits zwei Jahre in Köln gesessen. Als die Polizisten zu

nicht zwischen 1943 und 1945 durch alliierte Bomben schon

Hause bei der Durchsuchung sogar Schreiben fanden, sagten sie

in Schutt und Asche gefallen war, wurde nun im Endkampf um

‚Du Lump, Dich suchen wir gerade‘. Mein Bruder verlangte, vor ein

Berlin, entweder von marodierenden SS -Einheiten oder Wer-

Gericht gestellt zu werden. ‚Das werden wir Dir schon geben‘. Die

wölfen gesprengt oder angezündet oder von der vorrückenden

Brüder wurden dann auf den Friedhof in der Möllendorfstraße

Roten Armee in Brand gesetzt oder geschossen.


Trümmerbahn fuhr „auf Sicht“ Die Jahre des Wiederauf baus, denen lange Jahre der Schutt- und Trümmerbeseitigung vorausgingen, reichen bis weit in die Fünfziger Jahre. Noch bis 1953/54 fuhr die Trümmerbahn mit ihren Kipploren über die Hohenlohe/Modersohn-Brücke durch die Rotherstraße zum Osthafen. Die LOK 18 fuhr mit 2o Kipploren ohne Zugsicherung „auf Sicht“ von den Trümmergrundstücken der Frankfurter Allee über Straßenkreuzungen, die durch Posten gesichert wurden, auf der Grünberger Straße sogar doppelgleisig, über die Hohenlohebrücke, eingleisig zum Ost-Hafen. Die Weichen wurden vom Heizer bedient , nur an großen Ausweichstellen gab es Weichenstellerinnen. Als der Bau der Stalinallee begann, Anfang der 50 Jahre wurde die alte LOK 18 durch die LOWA-Lok 40 ersetzt, die aber auch noch mit Petroleumlampen beleuchtet wurden.

Sturm auf das Eierkühlhaus am 22.April 1945 Margot G.

Einfach ausgeräuchert – Mai 1945 Dieter O.

„Wann war es? Einen Tag nach Hitlers Geburtstag und einen Tag vor

„Und bin dann erst ’45 so im Mai, eine Woche oder vierzehn Tage nach

dem Einmarsch der Russen in unsere Wohngegend? Sehr weit konnten

Kriegsende zurückgekommen, nicht wissend, ob unser Haus steht,

die Russen nicht sein. Ihre Stalinorgeln kamen immer näher. Aber

ob unsere Familie noch lebt, mein Vater, meine Großmutter. Das war

die Menschen wollten essen und so bedienten sie sich der Bestände im

auch so ein schlimmes Erlebnis, das werde ich nie vergessen. Wir

großen Kühlhaus am Osthafen. Die Speicher wurden aufgebrochen

waren also den ganzen Tag unterwegs, sind gelaufen, abends war Sperr-

und jeder, der laufen konnte, holte sich, was er tragen konnte, Fleisch ,

stunde, 18 oder 19 Uhr mußte man von der Straße sein, wir mußten

Butter, Mehl, eben alles. Aber wieviel Tonnen wertvollster Nahrungs-

uns beeilen, wir kamen also vom damaligen Schlesischen Bahnhof,

mittel rollten aus den Fenstern und Speicherluken des Kühlhauses

die Stralauer Allee lang, oben um die Ecke hier in die Caprivistraße,

nicht auf die Laderampe, sondern direkt in die Spree. Und über allem

wir hatten noch ein fremdes Mädchen bei uns, die stammte allerdings

näherte sich der Beschuß.

nicht vom Rudolfplatz, ich habe zu ihr gesagt, geh ein Stück weiter,

Ich wollte also auch meinen Teil zum Essen im Haus beitragen.

ich traue mich nicht, gehst du bitte und guck, ob unser Haus noch

Die Sonne schien, es war herrliches Wetter, ein sogenannter schöner

steht. Dann kamen wir also durch die Caprivistraße, die war ja fast nur

Tag. Als ich zur Stralauer Allee wollte stand kurz vor dem Tunnel zum

Trümmer, da stand ja die eine Seite, wo meine Mutter gewohnt hatte,

Warschauer Platz einfach so auf der Straße ein Faß Butter. Tragen

die stand ja überhaupt nicht mehr, da war alles aus, nur leere Fenster.

konnte ich es nicht, also rollte ich es in Richtung Warschauer Brücke.

Ich konnte mir also beim besten Willen nicht vorstellen, daß unser

Aber was nun? In der Zwischenzeit war die gesprengt worden und

Haus noch steht. Aber wir hatten Glück, das Haus stand, mein Vater

lag mit der Mitte ihrer beiden Teile auf den Eisenbahnschienen. Nun

lebte, meine Großmutter lebte, wir hatten unsere Wohnung. Übri-

rollte ich das Faß zurück und hoffte über die Hohenlohe-Brücke

gens Bombenschäden: also wie zum Beispiel in der Caprivistraße

nach Hause zu kommen. Doch der Beschuß nahm so zu, daß ich kurz

sind ja damals Häuser ’45 von den Russen angezündet worden, weil

entschlossen ohne meine Butter den Rückzug antrat. Mein Vater

da jemand da oben vom Dach geschossen hat. Da haben sie sich das

schimpfte, und dann versuchte er das Faß nach Hause zu schaffen.

bequem gemacht, haben die Leute einfach ausgeräuchert.“

Aus der Butter war in der Zwischenzeit eine Stange Schmalz geworden. So überlebten die Menschen in dieser Gegend von der Plünderung des Kühlhauses. Mancher spätere Schieber hat mit diesen Gütern seinen Grundstock für seine Schwarzmarktgeschäfte gelegt. Im Haus wurde später, im Mai ein großes Pfannkuchenessen veranstaltet mitten im Chaos! Glauben sie mir, nie hat vordem und auch nachher je etwas so gut geschmeckt, wie diese Pfannkuchen.“


29

Mauerbau / Mauerfall Der Mauerbau 1961 hatte wieder einschneidende Auswirkungen auf das Leben und Treiben im Viertel. Westberliner kamen nicht mehr über die Brücken, um im Ost-Viertel billig einzukaufen und Ostberliner erreichten nicht mehr die Budenstadt auf Kreuzberger Seite, mit Wechselstuben, Mangelartikeln und verbotenen „Druckerzeugnissen“, nach denen an der Grenze gefahndet wurde.

Schillerlocken im Ost-West-Verkehr Ingrid S. „Wenn ich rüber gefahren bin mit der U-Bahn ein Paar Schuhe drüben kaufen, na da haben sie doch Angst gehabt, wenn wir dann Warschauer Straße ausstiegen, da standen sie doch schon und haben kontrolliert. Ich bin mal kontrolliert worden, das war so ein Junger, der war nicht aus Berlin: ‚Was haben sie da drin in ihrer Tasche?‘ Ich sage: ‚Schillerlocken‘. Der hat mich entgeistert angeguckt. Schillerlocken, der kannte bloß die vom Bäcker, wissen Sie, mit der Schlagsahne da innen drin. Ich hatte aber die Räucher-Schillerlocken gemeint. Und nun sah ich sein Gesicht. Der hat gedacht, ist die blöd, wegen Schillerlocken, fährt die nach Westen rüber, die hätte sie auch bei uns kaufen können. Und da habe ich die dann rausgeholt und habe die unter die Nase gehalten, ich sage hier, die Räucher-Schillerlocken. Also das war für den. Naja. Und da habe ich zu ihm gesagt: ‚Wissen sie, ich bin in anderen Umständen und da hat man eben Gelüste.‘ Das haben wir uns alles einfallen lassen.“


Jeder Abbruch ist ein Aufbruch Wer Arbeit suchte und fand ging weg. Zurück blieben die Alten und die Armen und durch den Leerstand, der zudem durch den Wegzug auch der Familien mit Kindern ins Umland und durch die nun mögliche freie Wohnungswahl überall in und um die Stadt sich ergab, drohte die Gefahr, dass das Viertel „umkippte“ – ein soziales oder gar ethnisches Ghetto würde. Die Bevölkerung im Quartier Rudolfsplatz ist nach Verlusten in der Nachwendezeit seit nunmehr sechs Jahren stabil. Die Verteilung der Altersgruppen entspricht nicht ganz der allgemeinen Verteilung im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Die Bevölkerungsanzahl ist nur im Bereich der 15 – 65-jährigen mit 79% an-nähernd gleich (76%). Fast identisch ist der Anteil der über 65-jährigen mit 9,6 bzw. 9,9%. Die 6 –15-jährigen sind mit 4,9 % nur halb so stark vertreten wie im gesamten Bezirk. Auch der Ausländeranteil ist im Quartier Rudolfsplatz nur halb so groß wie in ganz Friedrichshain-Kreuzberg. Auffallend ist zudem, dass knapp 2/3 der 65und-mehr-jährigen sich auf zwei Blöcke (16, 11) verteilen.

Geschichte verläuft von hinten nach vorn Entlang der Spree verlief die „Staatsgrenze“. Der U-Bahnhof Warschauer Brücke wurde geschlossen, weil die U-Bahn nicht mehr über die Spree fuhr. Die Oberbaumbrücke wurde zum bewachten Grenzkontrollpunkt. Im Eierkühlhaus saßen die

Bevölkerung szahlen im Verlauf: 12 / 1900: 1 682 Einwohner 12 / 1905: 3 546 Einwohner 06 / 1910: 4 127 Einwohner 12 / 1916: 4 790 Einwohner

Grenztruppen, wovon auf beeindruckend dokumentarische

Außerdem war durch die unverständliche Restitutionspraxis

Weise der schnell nach dem Mauerbau entstandene DEFA-Spiel-

des LAROV (Landesamt zur Regelung offener Vermögensfragen)

film ... und deine Liebe auch mit Armin Mueller-Stahl in der

gerade dieses Viertel bis 1997 ohne Bescheide, sodass dringend

Hauptrolle erzählt.

notwendige Rekonstruktionsmaßnahmen und Renovierungen

Erst der Mauerfall 1989 hat dann noch einmal eine derart

durch investitionsbereite Erben und Käufer lange verzögert wur-

tiefgreifende Auswirkung auf das Stadtquartier Rudolfplatz, die

den. Die denkmalgerechte Total-Restaurierung des gesamten

allerdings ohne die vorherigen weder möglich, noch vorher-

Narva-Komplexes zur beeindruckenden Bürostadt Oberbaum-

sehbar gewesen ist.

City, sowie die nach und nach erfolgte, leider nur teilweise noch

Der Zusammenbruch des Narva-Werks und seine Liquidie-

mögliche, Rekonstruktion des ehemaligen Koch’schen Haus-

rung, verbunden mit den für DDR-Bürger nachgerade unvor-

bau-Bestandes rund um den Rudolfplatz, lassen ihn wieder zum

stellbaren Entlassungen im Jahr 1993, gehören zur insgesamten

Anziehungspunkt neuen Lebens am alten Platz werden.

Nachkriegsgeschichte, der durch den Angriffskrieg Hitlers

Das Quartier Rudolfplatz ist nicht nur als Bereich der Grenz-

verschuldeten Teilung Deutschlands in zwei unabhängig vonei-

erfahrung besonders, sondern auch mit seinem politischen und

nander agierende Staaten, die nach 40 Jahren mit dem Segen der

sozialen Schicksal, ein Modellquartier für das Gesetz der

vier Alliierten und nach dem Willen der Bürger wieder „zusam-

Konversion, das die Verwandlung des Industriezeitalters an der

menwachsen“, wie Willy Brandt sagte. Der durch nichts auf-

Schwelle zum 21. Jahrhundert prägt. An diesem Quartier lässt

zuhaltende Verlust der Produktionsstätte Narva, die nur durch

sich ablesen, dass jeder Abbruch – einer Entwicklung oder eines

beherztes Agieren der Belegschaft und einiger Wirtschafts- und

Gebäudes – im wortwörtlichen Sinne auch immer ein Auf bruch

Politikvertreter nicht zur Beute von Spekulanten wurde, traf das

ist, lebendiger Wandel.

Quartier ins Herz.

Tradition im Schatten des Lichtes als dem Signet der Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts und Auf bruch im Zeichen von Internet, Design und Medien zu Beginn des 21. Jahrhunderts als den Schlüssel-Wirtschaftsbereichen der Dienstleistungsgesellschaft verheißen nach 100 Jahren die Chance einer Zukunft.


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» 1857

Vom alten zum neuen Berlin

Schwebezustand zwischen Stadt und Land

Otto Janke veröffentlichte 1927 unter dem Titel Vom alten zum

„Die Jahre zwischen 1701 und 1709 markierten die Herausbil-

neuen Berlin: „Noch im 13. Jahrhundert führte durch das Stromtal dieses

dung der Stralauer Vorstadt, allerdings immer noch im wesentlichen auf dem Territorium des heutigen Bezirks Mitte. Nur

Viertels der Weg nach Stralow (Stralau) und Cöpenic (Köpenick),

in dieser Periode waren gewisse stadtplanerische Ansätze

von Kieferngruppen und Erlengebüsch begleitet. Zur Rechten

erkennbar. Davor und danach blieb die Stralauer Vorstadt eher

des Weges erstreckten sich bis zur Spree niedrige Flußwiesen,

dem Wildwuchs überlassen. Lediglich der Stadtgrenze galt ein

zur Linken lagen Ackerfelder, die in einiger Entfernung zu

besonders fiskalisches Augenmerk. Nach etwa zwei Jahrzehnten

mäßiger Höhe anstiegen. Wer nach Stralow wollte,, mußte meh-

wurden im Jahr 1723 die Außengrenzen der Stralauer Vorstadt

rere Gräben, die sich nach der Spree hinzogen, überschreiten.

durch einen neuen Palisadenzaun, der Deserteure zurückhalten

Dann traf man auf eine Landwehr an einem breiten Graben. An

und den Akzisezoll durchsetzen sollte, umschlossen. Ein Jahr

der über ihn führenden Brücke erhob sich an der Seite nach

darauf wurde der Oberbaum, eine Flußsperre mit Brücke,

Stralow ein großer Rundturm aus Feldsteinen. Auf der den Turm

vorverlegt und die Vorstadt bis dahin ausgedehnt. Bezeichnen-

umgebenden Galerie standen mehrere städtische Bogenschützen,

derweise stellten die Palisaden kein Hindernis für eine über sie

denn die Befestigungsanlage diente zum Schutze Berlins gegen

hinausreichende bauliche Ausdehnung dar. Die Stralauer Vor-

Angriffe von Osten her.“ Stadtchronist Wanja Abramowski hat im Berliner Stadtbuch

stadt bewahrte einen eigentümlichen Charakter. Anders als andere Berliner Vorstädte, die sich schneller eine städtische

von 1397 nur 10 Familien erwähnt, die im östlichen Vorland

Fassade zulegten, blieb ihr ein Schwebezustand zwischen Stadt

Berlins lebten. 1567 werden auch nicht mehr als abgabenpflichtig

und Land bis etwa 1840/50 erhalten.“

erwähnt. Die Gegend war sumpfig und wenn überhaupt für landwirtschaftliche Nutzung gedacht. Dass der Galgenplatz am heutigen Straußberger Platz außerhalb der Stadt und ein Seuchenhospital in der Nähe lag, machte die Gegend nicht attraktiv, so dass der vorstädtische Osten Berlins zunächst kaum Bebauung oder Ansiedlung anlockte. Zur weiteren Entwicklung schreibt Abramowski:


Die Kolonisten im 18. Jahrhundert

Friedrichshain – Rückständigkeit der Idylle

„Unter Friedrich II. erhielten dann hugenottische, böhmische

„Die f lächenhafte Bebauung des Stralauer Viertels mit Miets-

und deutsche Gärtner die Gelegenheit, auf den Brachen und

häusern setzte in den Jahren 1863 bis 1881 ein. Eine dichte

Sandstellen sich als Kolonisten niederzulassen. Denn es war

Bebauung vorrangig mit Mietskasernen für die ärmsten Bevöl-

Friedrichs Absicht, die Versorgung Berlins durch Gemüse und

kerungskreise war die Folge und führte zu einer dementspre-

Obst durch diese Fachleute sicherzustellen. Von den einheimi-

chenden sozialen Mischung, die nach 1850 die Gegend und den

schen Bauern wurden die Kolonisten als Konkurrenten angese-

späteren Bezirk Friedrichshain in seiner Mentalität, sozialen

hen. Man gab ihnen die ertragsarmen Sandböden Boxhagen und

Zusammensetzung, politischen Orientierung und nicht zuletzt

Friedrichsberg oder sumpfige Niederungen wie den Lichten-

in den Fassaden der Häuser prägten. Eine hohe Bevölkerungs-

berger Kiez.“

dichte ist schon im 19. Jahrhundert nachweisbar.

Abramowski vermutet eine planmäße „von den preußischen

1864 gab es 1252 Kellerwohnungen, ein Viertel der Einwohner

Behörden und dem Berliner Magistrat kontrollierte Ansied-

lebte in oftmals engen und lichtarmen Hofgebäuden. Soziale

lungs-politik“ für die fünf friederizianischen Kolonien: Klein-

Probleme verschärften sich unter diesen Wohnbedingungen

Frankfurt, Boxhagen, Rummelsburg, Friedrichsberg und Kietz.

und entluden sich in politischen und sozialen Unruhen. Beson-

All diese zwischen 1750 und 1783 gegründeten Kolonien aber

ders schwere Kämpfe sah die Große Frankfurter Straße am

liegen nördlich der späteren Bahnlinie der niederschlesischen

18. März 1848 während der Revolution. Mehrere Tage dauerte der

Eisenbahn, südlich zur Spree hin gab es nicht mal diese Art der

am 25. Juli 1872 wegen einer Wohnungsexmittierung ausgelöste

Kolonien-Gründung.

‚Blumenstraßenkrawall‘ eines ganzen Kiezes. Keinesfalls zufällig kam es bei dem folgenden tradionellen 18. März-Gedenken

Einfallstor in Hyazinthengärten „Das Stralauer Viertel blieb bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts der Stadtteil Berlins mit der f lächenmäßig stärksten landwirtschaftlichen Nutzung (Hyazinthengärten). Ende des 19. Jahrhunderts hatte die Stadtbevölkerung Berlins

1873 für die Revolutionsopfer am Friedrichshain zu großen Ausschreitungen. Die überwiegende Zustimmung in der Arbeiterbevölkerung verschafften der Sozialdemokratie schon im 19. Jahrhundert ein Reichstagsmandat im Berliner Osten. Im Reichtags-Wahlkreis IV. (Berliner Osten: östl. Luisenstadt, Stralauer Viertel, östl. Königsviertel) errang am 10.01.1877 der Sozialde-

sich dramatisch vervielfacht. Und auch das Stralauer Viertel, in

mokrat Friedrich Wilhem Frietzsche mit 55,9 % das Mandat,

dem noch 1834 etwa 13000 Menschen wohnten, vorrangig

1884 dann Paul Singer. Das Stralauer Viertel wurde in den

Weber, Holzverarbeiter, Melker, Fleischer und die beginnende

Gründerjahren nach der Luisenstadt (Kreuzberg) zum einwoh-

Metallbearbeitung. Aber zwischen 1861 und 1900 versiebenfacht

nerstärksten Stadtteil Berlins. Typischerweise waren 1880 aber

sich die Einwohnerzahl von 43 302 auf 241697 Einwohner.

nur 45 % seiner Einwohner geborene Berliner, ein Fingerzeig,

Dazu kam, daß durch das größte Berliner Verkehrsprojekt, der

woher der Wind wehte, denn der Hauptzustrom kam aus den

Bau des Frankfurter Bahnhofs 1842, die Gegend zum „Einfalls-

östlichen Provinzen Preußens.

tor“ für die aus Schlesien, Ostpreußen, dem Warthegau in die Stadt strömenden Arbeiter wurde.“

Die Gründerjahre nach 1870 vollendeten lediglich die städtebauliche Bestimmung des Stralauer Viertels durch eine f lächendeckende Fabrik- und Mietskasernenbebauung. Eine andere Baualternative war hier nicht mehr realisierbar. Die Idylle entlarvte sich als Rückständigkeit. Die städtische Bürokratie vernachlässigte die Stralauer Vorstadt in der Stadtentwicklung weit vor 1870. Sie schuf jene Voraussetzungen, die alles ins Gegenteil verkehrten. Wo sich vorher eine beschaulich weite Naturlandschaft mitten in der Stadt ausbreitete, wurde es nun eng. So entstand mit Spekulationsgewinnen und Mietausbeutung das am dichtesten bebaute und bewohnte Quartier der Stadt“, schreibt Abramowski abschließend in seiner Siedlungsgeschichte Friedrichshains, die sich dem um 1900 am Spreeufer entstehenden Stadtquartier Rudolfplatz allerdings nicht widmet.


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Hofleben Otto von Leixner schrieb 1894 Soziale Briefe aus Berlin mit besonderer Berücksichtigung sozialdemokratischer Strömungen, in denen er die neuen Bewohner der neuen Stadtviertel beschrieb: „Die Bewohner setzen sich aus verschiedenen Schichten zusammen, nur die obersten und untersten fehlen. Die bessern Wohnungen haben mittlere und kleine Beamte der Post, der Steuer oder der Stadt inne; daneben finden sich einige Offiziere im Ruhestand. Den größten Teil der Bewohner bilden aber besser gestellte Arbeiter aller Zweige, Werkmeister, Monteure, Former. Hier herrscht schon stark die Sozialdemokratie. Länger als auf der Straße dauert zuweilen das Leben auf dem Hofe. Eine bekannte und beliebte Erscheinung ist der Leiermann, der zuweilen auch Sänger ist. Mir fallen beide seine Künste gleich schwer auf die Nerven, doch befinde ich mich entschieden mit meinem schlechten Geschmack in der Minderheit. An Werktagen beginnt der Edle stets mit einem Tanzstück. ... Leider taucht der Leiermann auch an Sonntagen auf. Dann nimmt er auf die Feststimmung Rücksicht, denn er beginnt (zwischen 7 und 7.30 Uhr morgens!) mit einem Choral und geht dann zu einem ernstern Lied über, das den Übergang zu Schottisch und Walzer bildet. Zu den musikalischen Genüssen gehören auch die verschiedensten Ausrufe der Händler, die hier in den Höfen ertönen. Am Schlichtsten wirkt der ‚Kohlenfritze‘, der seine ‚Kohlen‘ dreimal ruft und ‚Preßkohlen, Koks, Holz‘ hinzufügt, alles auf einen Ton gestimmt. Auch der Lumpenmann, der oft ein Weib ist, und der Scherenschleifer verraten nur geringe musikalische Bildung. Dagegen leistet der Gemüsehändler meistens vortreff liches, da er die verschiedenen Waren mit wechselnder Stimme anzeigt.

Das Dunkle Berlin

Zuerst sendet er ‚Gemüse, Gemüse, Gemüse‘ voraus, wovon man nur ‚MüseMüseMüs‘ hört und dann springt er um eine Oktave

„Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genauso töten

höher. Besonders das Wort ‚Salat‘ mit langgezogenem zweiten

wie mit einer Axt!“ sagte eine sprichwörtliche Gründerjahre-Kla-

‚a‘ wird mit Liebe gesungen.“

ge, denn viele Wohnungen im „kaiserlichen Reichsberlin“, wie Rathenau es nannte, waren vor der Jahrhundertwende überteuerte Löcher, Stube und Küche, überbelegt, „... nicht zu groß zum Wohnen, aber zum Bezahlen“, wie der Schriftsteller Ludwig Turek in seiner Autobiographie schrieb. Die Wohnungsbebauung mußte dringend verbessert werden, nachdem die Stadt 1905 die Zwei-Millionen-Grenze überschritten hatte. Aber erst 1919 wurde der Bauspekulation ein Riegel durch neue Gesetze vorgeschoben. Nun reichte nicht mehr der Wendekreis der Feuerspritze von 28,52 Quadratmeter als Hoff läche aus. Der neue Stadtteil vor dem Stralauer Tor sollte dagegen nach den Vorstellungen meines Urgroßvaters Maximilian Koch und seines Bruders Sigismund ein Beispiel progressiver Wohnraumpolitik werden. Sicher hätte er das nicht soziologisch ausdrücken wollen, dass sein Ziel die soziale Durchmischung war und er dennoch lohnend für investitionsbereite Rentiers der Jahrhundertwende plante.


Stadtteil-Vater Maximilian Koch 70 Wohnhäuser der Gegend soll er gebaut haben auf dem in den Neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts erworbenen Bauland östlich vom ehemaligen englischen Wasserwerk vor dem Stralauer Tor, zwischen Beymestraße (heute: Lembruckstraße), Caprivistraße (heute: Danneckerstraße) bis hin zur Rudolfstraße, die Stralauer Allee und Rotherstraße entlang bis zur Hohenlohe straße (heute: Modersohnstraße): Mein Urgroßvater Maximilian Carl Theodor Koch, geboren am 2. April 1844 in Rheinsberg, Ziegeleibesitzer, Steinhändler und schließlich Bauunternehmer, gestorben am 29. Februar 1908 in Berlin. Er hat sein Werk größtenteils nicht allein, sondern mit Hilfe seiner Brüder, dem Architekten Sigismund Carl Gustav Koch, geboren am 2. Mai 1856, und dem Stukkateurmeister Emil Carl Heinrich Koch, geboren am 10. Dezember 1848, ebenfalls in Rheinsberg, vollbracht. Mein Urgroßvater war Besitzer einer Ziegelei in Schöneiche bei Berlin. Das war eine ideale Voraussetzung zum Aufstieg in der zweiten Gründerphase des Deutschen Reiches nach der Reichsgründung 1871. Das rasante Wachstum der Industriestadt Berlin erzwang geradezu eine unvorstellbare Bautätigkeit, um der schnell wachsenden Bevölkerung Wohnraum zu verschaffen. Hoffmanns Erfindung der Ziegelringöfen ermöglichte es, aus dem im Urstromtal liegenden natürlichen roten und gelben Tonvorkommen Baustoffmaterialien in jeder Menge herzustellen und auf dem kürzesten, nämlich dem Wasserwege, genau wie das Bauholz auf der Dahme und Spree, in die Stadt zu bringen. Maximilian Kochs Steinlieferungen kamen auf breiten Kähnen auf der Spree stadteinwärts und naheliegender Weise mietete er in den neunziger Jahren einen Ziegellagerplatz: Max Koch – Baumaterialien-Handlung, Berlin O 17, Stralauer Allee 1 und 2 (an der Oberbaumbrücke), Fernsprecher: Amt VII, No 5 161. Das war die erste Parzelle direkt an der Oberbaumbrücke hinter dem Stralauer Tor, unmittelbar an der späteren U-Bahnstation gleichen Namens. Es ist das Gelände auf dem später Oskar Puschs sogenanntes Eierkühlhaus errichtet wurde, in dem heute Universal seinen Firmensitz hat. Auf diesem Lagerplatz stand auch sein Comptoir und entsprechend dem zwischen der Gemeinde Stralau, zu der das gesamte Gelände vor dem Stralauer Tor gehörte, und dem Magistrat der Stadt Berlin erarbeiteten Bebauungsplan vom 13. Februar 1894, erwarb mein Urgroßvater all jene Parzellen auf dem sogenannten Stralauer Anger, mit denen die Bebauung des Stadtquartiers Rudolfplatz ihren Anfang nahm. Vorrangig vom Gärtnereibesitzer Hermann Karl Albert Götze, aber auch von dem Fischer und Caffetier Julius Tübbecke, vom Holzhändler Strassburg und vom Fischermeistern Parzald und Brüning stammte das Bauland, unmittelbar gegenüber dem Lagerplatz des Steinhändlers. Der Bauherr ist sein eigener Lieferant, sein Bruder ist sein Architekt und von der Stralauer Allee 34a als der ersten Baustelle errichten sie sukzessive von Süden bis zum Gelände der Niederschlesischen Eisenbahn zwischen 1888 und 1908 die Häuser in den Straßenzügen, die ihre Benennung alle erst am 15. Mai 1895 erhalten.


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Das Koch’sche Erb-Ensemble

Eine Art Musterhaus-Siedlung

Für die Mietsbebauung rund um den Rudolfplatz, meist fünf-

In der Denkmalliste (Stand Januar 1997) kann man heute lesen:

geschossig, wurden die ersten Bauanträge Mitte der Neunziger

„Der gesamte Häuserblock am Rudolfplatz gibt in seiner

Jahre gestellt, von denen einige aber auch zunächst verfielen,

Geschlossenheit Aufschluß über die stadthistorische Entwick-

weil das beabsichtigte Bauvolumen die eigenen finanziellen

lung in diesem Bereich von Friedrichshain. Der Platz hat eine

Mittel des Bauherrn übertrafen. Die Suche nach Investoren,

städtebaulich dominante Funktion innerhalb des Wohnviertels,

für die Wohnhäuser in der beabsichtigten Grundrissgestaltung

was durch den Kirchenbau, die Schule und die Ladenzonen

errichtet werden konnten, verzögerten die Fertigstellung, so

sowie die dekorative Ausgestaltung der Wohnhäuser erkennbar

dass die ersten fertig gestellten Häuser, laut Bauakten, erst

ist. Die unterschiedlichen Bauaufgaben und Funktionen führten

auf 1898/99 datieren. Fast alle Mietshäuser ordnen sich zum

zu verschiedenen Architekturformen. Da der Bezirk Friedrichs-

Großteil paarweise zu Einhof-Anlagen. In ihrer geschlossenen

hain ansonsten im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde, bietet

Bauweise bezeugen sie die damalige Wohnsituation in einem

der Häuserblock die einzigartige Möglichkeit, das Zusammen-

Stadtquartier, in dem es nicht mehr alleine um maximale Aus-

wirken der verschiedenen Gestaltungsweisen zu untersuchen.

nutzung der Grundf lächen ging, wie in den sogenannten Miets-

[...] Die Fassadengestaltungen dienten als Musterkatalog für

kasernen, die große Teile des Bezirks Friedrichshain bestimm-

andere Bauherren.

ten. Vielmehr sind die Bauten dadurch bestimmt, im Vorderhaus

Im Vergleich der Miethäuser Rotherstraße 1 / Dannecker-

repräsentative Wohnungen mit bis zu 100 qm und aufwendig

straße 7 mit den Mietshäusern Lehmbruckstraße 3 und 5 wird

gestalteten Fassaden, kleinere Wohnungen im Seitenf lügel und

die Weiterentwicklung eines Baustils und die zunehmende Sou-

Hinterhaus zu haben. Deswegen sind zwei Drittel aller Wohnun-

veränität des Architekten sichtbar. Der gute Erhaltungszustand

gen, die anfangs auch nicht mit Bad und Toilette ausgestattet

auch im Inneren erhöht die Aussagekraft der Bauten.“

waren, die berühmte Stube-und-Küche-Wohnungen. Die Gebrüder Koch, Architekt und Bauunternehmer, bedie-

Das Mietshaus Rotherstraße 1 entstand 1903/1904 und wurde 2000 sachkundig und liebevoll restauriert und denkmal-

nen sich bei der Fassadengestaltung hauptsächlich des Formen-

gerecht im Dachausbau modernisiert. Die Fassadengestaltung

vokabulars des Neo-Barock. Krönung ihres unternehmerischen

unterscheidet sich durch den Wechsel von Putz- und Klinker-

und gestalterischen Ehrgeizes ist das Karrée Rotherstraße-

f lächen. Die grün lasierten Konsolbänke bieten einen weiteren

Lehmbruckstraße-Danneckerstraße-Rudolfstraße: eine Art

Farbkontrast zum Rot des Klinkers. Mietshäuser wie dieses

stilisiertes Musterbuch gestalterischer Möglichkeiten, gedacht

bezeugen das soziale Reformbewußtsein von Bauherr und

um Investoren vor Ort vorzuführen, was mit welchen Mitteln

Architekt. Sie demonstrieren ihre Informiertheit über aktuelle

erreichbar und gestaltbar ist.

Bauprojekte und ihre progressive Gesinnung. Die Bebauungsdichte allerdings ist im Vergleich zum Reform-Wohnungsbau noch immer hoch, denn nur die Wohnungen im Vorderhaus sind großzügig geschnitten.


Repräsentative Wirkung

Im Innern weisen die Marmorvertäfelung an den Treppenhauswänden, die reich ornamentierten Kachelböden und die Bema-

In der oben genannten Denkmalliste werden die auffälligen

lungen im Treppenhaus ebenfalls auf die gehobenen Ansprüche

Mietshäuser Rotherstraße 2 und 3 folgendermaßen beschrieben:

des Bauherrn hin. Typisch für die Sozialstruktur des gesamten

„Während die meisten Mietshäuser in diesem Wohnbereich aufgrund von Kriegsschäden und späteren Baumaßnahmen keinen bauplastischen Schmuck an der Fassade mehr aufweisen, sind die für das Wohngebiet typischen Gestaltungsmittel der

Gebiets sind auch die vereinfachten Dekorationselemente im Seitenf lügel.“ Ebenso typisch für Wohnhaus-Bebauung zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Mischung des repräsentativen Wohnens

Entstehungszeit um 1904 hier ablesbar. Die Dekorationselemente

an der Straßenfront und landwirtschaftlichen Strukturen im

des Wohnhauses Rotherstraße 3 sind daher von exemplarischem

Hof bereich, wie im Gebäude Rotherstraße 3 heute noch erkenn-

Wert für die Wohngegend um den Rudolfplatz. [...] Die repräsen-

bar und von hohem sozialhistorischem Wert. Es gibt eine

tative Wirkung läßt Rückschlüsse auf die soziale Stellung der

Wagen-Remise und den dazugehörigen Pferdestall. Man betritt

Erstbewohner zu. Wie den Bauakten zu entnehmen ist, hat der

den Hof durch eine Einfahrt mit original erhaltener Pflasterung

Bauunternehmer Koch, dem die meisten Grundstücke um den

und Fahrrinne und direkt an den Seitenf lügel angrenzend

Rudolfplatz gehörten, für die Familie seiner Tochter (Margarethe

befindet sich ein kleines Gebäude, das heute als Müllhaus dient,

Schaal) eine 11-Zimmer-Wohnung im ersten Stock des Hauses

ursprünglich aber ein Hühnerstall war. Die Gartenanlage im

bauen lassen. Es handelte sich daher um ein Haus, das von den

Innern des Gebäude-Karrées zeugt von der innerfamiliären Auf-

späteren Eigentümern mitbewohnt und entsprechend ausgestattet

teilung der zur Verfügung stehenden Hoff läche. Da lediglich

wurde. Durch die erhaltenen Details wie die Fenster der Fassade

eine Tochter von Maximilian Koch dort auch mit ihrer Familie

und die Haustür gewinnt das Gebäude an Aussagekraft.

lebte, wurde nur für das Haus Rotherstraße 3 der größte Teil des Innenhofs zu einem Garten mit Springbrunnen gestaltet.


37 Koch, die in Ravensburg/Württemberg verheiratet lebte, wurden im Rudolfquartier nicht bedacht. Am 20. April 1905, einem Osterfeiertag, schrieb er einen seiner vielen langen Briefe an die Tochter Klara: „Was ist in den letzten vier Wochen nicht alles vorgekommen. Das Allerneuste aber ist, worüber Du wohl noch nichts erfahren hast, daß ich heute auf dem Gericht Häuser an Deine Geschwister aufgelassen habe. Grete hat zwei bekommen, Rotherstraße 2, das genauso gebaut ist wie Nr. 3 und das rückwärts von Nr. 3 hinter ihrem Garten gelegene schöne Haus in der Rudolfstraße 13. Trude hat das schöne Eckhaus in der Rotherstraße 1, Ecke Caprivistraße 14 am Rudolfplatz erhalten, wo jetzt daneben die Gustav-Adolf-Kirche gebaut wird. In dem Haus kann sie später mal eine hübsche 6-Zimmer-Wohnung, welche sich auch nach Bedarf noch vergrößern läßt, im 1. Stock beziehen, und zwar nach dem Rudolfplatz heraus. Hans hat das Eckhaus neben Grete Rotherstraße 4 / Ecke Beymestraße 12 erhalten. Lotte soll später, wenn sie die Großjährigkeit erlangt hat, die beiden kleinen, ebenfalls sehr gelungenen hübschen Häuser Beymestraße 13 und 14 erhalten, Otto das Eckhaus zur Rudolfstraße. Der Beweggrund für mich, so zu handeln, war einmal der, daß die Häuser im Ausbau so teuer geworden sind, daß mir

Maximilian Kochs Vermächtnis

bei deren Verkauf an Andere kein großer Nutzen verblieben wäre und deshalb wollte ich diesen Vorteil lieber meinen Kindern

Als Maximilian Koch Ende Februar 1908 von einem Zucker-

zuwenden. Allerdings haben dieselben den selben Kaufpreis

schlag getroffen vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche auf

zahlen müssen, wie andere Käufer, nur daß dieselben die zweite

der Straße plötzlich starb, waren die meisten der 70 Wohnmiets-

Hypothek statt mit 5 Prozent nur mit 4,5 Prozent verzinsen müs-

häuser des neuen Stadtquartiers am Rudolfplatz fertiggestellt

sen und haben die Verpf lichtung, auch die zweite Hypothek

und hatten neue Besitzer gefunden. Entlang der heutigen Lehm-

abzuzahlen, so war dies mein zweiter Beweggrund, daß sie

bruckstraße (damals Beymestraße 1 – 31) und der Danneckerstraße

nämlich ihr Geld anlegen und keine Dummheiten machen. Bei

(damals Caprivistraße 1 – 11 und 14 – 25), Stralauer Allee 31 – 37

Wilhelm und Grete war diese Vorsicht meinerseits nicht

und Rotherstraße 1 – 4 und 27 – 30.

nötig. Dagegen bei Trude und Hans ist sie ganz angebracht. Ich

Eigentlich ist es unverständlich, warum der Bezirk Fried-

komme soeben vom Gericht heim, wo auch die Männer erschei-

richshain nicht längst eine Straße, einen Platz oder ähnliches

nen mußten. Man wollte mich verleiten, wie dies bei solchen

nach diesem Baumeister benannt hat. Die Viktoriastadt hat dem

Geschäften üblich ist, mit frühstücken zu gehen. Ich lehnte

prägenden Baumeister Türrschmidt schon in den 20er Jahren

aber ab, denn sonst hätte ich Dir diesen Osterbrief nicht schreiben

eine Straße gewidmet. Am Rudolfplatz fehlt eine an Maximilian

können. Sie sind allein gegangen und werden blau nach Hause

Koch erinnernde Ehrung dieser Art. Vielleicht schlägt eines

kommen.“

Tages jemand erfolgreich vor, die kleine namenlose Passage unter dem U-Bahn-Viadukt, der erst durch heftige Intervention der Stadtväter bei der Hochbahn-Gesellschaft als einziger Zugang durchgesetzt wurde, und durch den man von der Warschauer Straße direkt in das Quartier gelangt, nach Maximilian Koch zu benennen. Schon 1905 hatte er sich entschlossen, das heute unter Ensembleschutz stehende Baudenkmal-Karrée, das für Investoren zur lebendigen Anschauung für Stil- und Bauvielfalt wie eine Musterhaus-Siedlung mit bester Ausstattung errichtet worden war, an fünf seiner sieben Kinder zu überschreiben: den Zwillingen Hans Koch und Margarethe Schaal, geb. Koch, seiner zweitältesten Tochter Gertrud Schmidt, geb. Koch, der jüngsten Tochter Charlotte Koch, später verheiratete Abel, sowie seinem Sohn Otto Koch. Nur der Pennäler Max Koch, sein jüngster Sohn und die älteste Tochter Klara Schaal, geb.


Meine Großeltern Meine Großeltern Wilhelm und Margarethe Schaal haben am 4. Juli 1900 zusammen mit Wilhelms Bruder Eugen Schaal

beigesetzt, allerdings auf dem gleichen evangelischen Friedhof der Georgen-Parochial-Gemeinde in der Greifswalder Straße, nur eine Reihe weiter. Meine Großmutter folgte, wie viele, der Aufforderung

und Margarethes Schwester Klara in einer Doppelhochzeit in

Goebbels 1943, sich aus Berlin evakuieren zu lassen, und kam

Berlin geheiratet. Sie wohnten aber als einzige der Koch‘schen

in den Warthegau zu Verwandten meines Vaters, wo auch meine

Kinder mit ihrer Familie auch im Quartier Rudolfplatz, zuerst in

Mutter und ich untergekommen waren. Für zwei Jahre sah sie

den ersten fertiggestellten Häusern Beymestraße / Ecke Stralauer

ihre Wohnung nicht wieder, in der zeitweise der Direktor des Ost-

Allee. Aber 1904 zogen sie (übrigens kostengünstig mit den

hafens, sozusagen als Zwischennutzer wohnte. Nach seiner

kräftigen Männern der freiwilligen Feuerwehr) um die Ecke in

Ausbombung wohnte dann auch Großmutters jüngster Bruder,

die Rotherstraße 3. Mein Großvater betrieb zunächst aus einem

der Hals-, Nasen- und Ohrenarzt, Dr. Max Koch, dort und prak-

Parterre-Büro im Eckhaus Rotherstraße 4 die Baustoff handlung

tizierte im Wohnzimmer. In den letzten Kriegstagen schrieb

Max Koch nach dessen Tod weiter. Städtische Aufträge, wie z.B.

er mit kyrillischen Buchstaben Arzt an die Hoftür und operierte

bei den U-Bahn-Erweiterungsbauten, und die Generalvertretung

Furunkel der Rotarmisten – so wurde er zum Schutzpatron des

für Kunstziegelei der Ullersdorfer-Werke, waren die wichtigsten

Hauses.

Aktivitäten. Mein Großvater war Mitglied von 35 Vereinen und Gesell-

Als meine Großmutter 1945 zu Fuß nach Berlin zurückkehrte, beschrieb sie den Moment der angstvollen Ansicht des

schaften, vom Steinhändlerverband bis zum Bummer-Club,

stark zerstörten Quartiers in einem Brief an ihre Schwester

vom Offiziers-Fecht- und Reitverein bis zum Verein der Württ-

Klara in Ravensburg. Darin schildert sie auch die traumatische

emberger in Berlin, allerdings nie Mitglied einer Partei, auch

Vertreibungsszene vom 20. Juli 1945, als alle Bewohner des

nicht der NSDAP. Regelmäßige Reisen zur Verwandtschaft in

Hauses Rotherstraße 3 innerhalb von sechs Stunden das gesamte

Süddeutschland und Teilnahme an Reserveübungen, vor allem

Vorderhaus räumen mußten, weil die Rote Armee beschlossen

aber Wochendausf lüge auf die gepachtete Jagd mit Schwager

hatte, das Haus zum Sitz der Unter-Kommandatur, zuständig

Dr. Max Koch, dem Bruder seiner Frau, und mit dem Cousin

für Wasserstraßen, zu machen. Diese hatte schon Büro- und

Max Koch, der auf der anderen Spreeseite Groebenufer 5 wohnte

Diensträume im Eckhaus Rotherstraße 5 requiriert, brauchte nun

und dem die Gross-Wäscherei Franz Wagner an der Holzmarkt-

aber Wohnraum für den Kommandanten und anderes russisches

straße gehörte, bestimmten das alltägliche Familienleben aus-

Fachpersonal der SMAD und dazu war das prächtigste Gebäude

serhalb der Arbeit. Als mein Großvater 1941 starb, wurde er

des Quartiers ausgewählt worden.

merkwürdigerweise nicht auf dem Koch’schen Familienerbgrab


39

Wie bitter ist das alles Berlin, 4.November 1945, Meine liebe, gute Cläre, Ich kam am 7. Juli, drei Tage nach meinem 65. Geburtstag, recht elend heim, schleppte mich nur so, glaubte nicht mehr, die Rotherstaße 3 lebend zu erreichen. Die große Wanderung 100 km, von denen ich wohl 60 km lief und dabei schweren Durchfall hatte, brachte mich herunter und trotzdem mußte ich für 13 Personen aus dem Altersheim sorgen und 3mal am Tage unter schlechten Gelegenheiten kochen. Max, der in unserer Wohnung wohnte, nahm sich rührend meiner an. Die Ruhr packte mich aber nochmals. Ich habe Schweres mitgemacht in Bombst, war auch dabei, ein Ende zu machen durch die häufige Schmach der R., aber der Schnitt ins Handgelenk war zu wenig tief. Dann fand ich Unterkunft im Bombster Altersheim , wo üich für Hilfe bei den Siechen und Kranken doch Essen hatte, aber elend wurde. Am Ende war ich allein die Pf legerin aller Kranken. Verloren haben wir alles in Bombst. Der Absturz war zu groß und nagt an mir. Am 20 Juli mussten wir innerhalb von 6 Stunden unser Heim verlassen und ich kam zunächst bei Trude unter. Derweilen wurden wir nun in ein Zimmer als Untermieter bei Frau Stolz in Rotherstraße 2 eingewiesen. Man muß ja zufrieden sein, aber man lebt wie die Zigeuner eng zusammengepfercht und aus dem Koffer. Immer das Heim sehen und nicht mehr rein können ist sehr hart und wer weiß was von allem darin noch übrig bleibt? Ich werde wohl nie mehr in unsere frühere Wohnung zurückkommen und ich will dann auch nicht mehr, denn man würde ja bestimmt 4 oder 5 andere Parteien reinbekommen. Viel wird auch nicht drin bleiben, schon manche meiner Schränke und Möbel stehen im Garten, verkommen und werden dann anderen zum Verbrennen gegeben. Letzthin wurde alles aus den Kellern und dem Stallgebäude geräumt, demoliert und den Hilsfrauen gegeben wie all meine Gardinen, sämtliches Geschirr vom Tafel- und Zwiebelmuster Service, alle schönen Spielsachen, der Kauf laden, Eisenbahn, Verkaufsstand, die schöne Kinderhütte, was ich so gern den Enkelkindern gegeben hätte. Auch der Projektionsapparat mit allem Zubehör und Bildern. Keiner der noch dort wohnenden Mieter des Seitenflügels benachrichtigte mich, die Volksgenossen sind heute leider so geworden, ramschen wo sie können. Mein großes Buffet steht schon lange im Stallgebäude, wurde von 10 Personen aus dem Treppenhausfenster heruntergelassen. Die Kredenz wurde beim Einzug der R. so zerstört, daß Max sie in den Keller bringen ließ und andere verheizen sie jetzt. Wie bitter ist das alles.


Man wird sich nicht mehr auf die Suche nach der verlorenen Zeit begeben, sondern allenfalls auf die Suche nach dem verlorenen Sinn fĂźr die verlorene Zeit Botho Strauss


41


Was nicht zu tragen war, blieb zurück Ruth W.

Meine Mutter

„Ich sehe noch eine alte Frau auf einem Küchenstuhl mitten auf der

„Friedensengel“, geboren 1918, elf Jahre nach ihren Brüdern

Straße sitzen und hilflos unseren Haufen Hausrat bewachen, den

Eberhard (geb. 1902), Wilhelm (geb. 1905, schon 1911 als Kind

unser hilfreicher Herr Mauruszat nach und nach in den Kirchenkeller

verstorben) und Herbert (geb. 1907). Sie starb wenige Wochen

von Zwingli tragen wollte. Der Befehl zur Totalräumung binnen sechs

vor der Geburt meines ersten Enkelkindes Anna im Februar 2001.

Stunden kam im Morgengrauen, weil die sowjetische Administration,

Der Schulweg meiner Mutter führte in die Naglerstraße,

zuständig für Wasserstraßen die Wohnungen beansprucht. Ein

Meine Mutter, war das letzte der Enkelkinder von Max Koch, ein

vorbei an den „Auer-Hühnern“, wie die Glühstrumpf-Arbeiter-

verzweifelter Wettlauf gegen die Zeit begann, denn alle versuchten,

innen in ihrer Arbeitskleidung genannt wurden, wenn sie in den

ihre Habe irgendwie irgendwohin zu bringen. Was nicht zu tragen war,

Pausen vor den Türen saßen oder standen. Später fuhr sie mit

blieb zurück und was als fahrbarer Untersatz dienen konnte, kam

der Eisenbahn ins Lyceum nach Baumschulenweg, während ihre

zum Einsatz, Hand-, Kinder- wie Teewagen. Das ganze Ausmaß der

Freundin Ulla, die Tochter der Portiersleute Mauruszat, aus

Zwangsräumung wurde vielen Familien erst bewußt, als sie später

der Rotherstraße 3, weil ihre aus Ostpreußen zugewanderten

erkennen mußten, was vergessen oder zurückgelassen worden war,

Eltern katholisch waren, leider auf eine ganz andere Schule

was Krieg und Bombardement überdauert hatte. Irgendwie war es

musste. Aber Lieselotte aus der Beymestraße, ihre beste Freun-

lächerlich: Nippes blieb erhalten ,das gute Geschirr und Vaters

din, ging mit ihr zur Schule und warwie Ulla Spielkameradin

Briefmarkensammlung, von deren Verkauf wir später sorgenfrei durch

im Garten oder gar im Salon, jedenfalls wenn Großvater im Eck-

den Nachkrieg gekommen wären, blieben vergessen. Man half sich

Kontor der Zement- und Kieshandlung Max Koch war, um mit

gegenseitig einerseits, andererseits war es auch die Gelegenheit, sich

Onkel Krüger, dem Prokuristen, der ebenfalls in der Rother-

im Chaos zu bedienen. Jedenfalls, manches Wäschestück und

straße 3 wohnte, zu arbeiten.

Porzellan fand sich nicht da wieder, wohin es sollte. Manche alte Neidrechnung konnte beglichen werden.“


43

Symbiose von Tradition und Zukunft 1906 beginnt die Deutsche Gasglühlicht AG (Auer-Gesellschaft) mit dem Bau eines ersten Werkes, nachdem parallel zur Warschauer Straße der erste Bahnviadukt mit der Endstation Warschauer Brücke der ersten Berliner Hoch-/U-Bahn Strecke, der sogenannten Stammbahn am 18. Februar 1902 eingeweiht, 1905 nach einem Entwurf von Ludwig Hoffmann außerdem eine Gemeindeschule mit Lehrerwohnhaus und Volkslesehalle errichtet worden war. Ab 1909 beginnt mit dem Umzug der Auer- Gesellschaft in die neuen Gebäude ein Kapitel Berliner Industriegeschichte, mit der das Wohnquartier fast das ganze 20. Jahrhundert schicksalhaft verknüpft bleibt. Nachdem Auer 1918 eine neue Gesellschaft zur Glühlampenherstellung – die Osram Werke GmbH – gegründet hatte, kamen am 1.Juli 1919 die Glühlampenwerke der AEG und Siemens & Halske hinzu. Für die nächsten 26 Jahre ist das Werk D an der Warschauer Brücke der Stammsitz der Osram-GmbH-AG, bis 1945, vor allem in den unübersichtlichen Tagen der Eroberung Berlins durch die Rote Armee, das Werk zu großen Teilen zerstört wird. Der Maschinenpark in den Trümmern ist zu 90 % zerstört und was übrig blieb, fiel der Demontage zum Opfer.

Ergötzliches aus der Zeit der Kämpfe um das Warenzeichen Osram Ein Fabrikant hatte sich 1924 das Wort Osram für Füllfederhalter eintragen lassen, wogegen Osram erfolgreich Einspruch einlegen und eine Löschung erreichen konnte. In vier weiteren Fällen führten gütliche Verhandlungen zum gleichen Ziel. Die schönste Geschichte war, dass Osram dem Inhaber eines dieser adaptierten Warenzeichen, das für Tabakwaren geschützt worden war, dadurch zur Löschung bewegen konnte, dass ihm 70 000 Zigaretten abgekauft wurden, die dann an die Belegschaft zum Einkaufspreis abgegeben wurden. In dem während der Verhandlungen geführten Briefwechsel appellierte der Unternehmer übrigens an die Gutmütigkeit des „sehr geehrten Herrn Kommerzienrates Osram“.


Fremd- und Zwangsarbeiter bei Osram 1940–1945

Unternehmerische Beschäftigungspolitik

Ein Briefwechsel aus der Zeit von 1946, der im Landesarchiv

1993 hat sich Jana Reiher in einer brillianten Magisterarbeit

Berlin in den BGW-Akten liegt, gibt einen Hinweis auf das Nach-

an der Humboldt-Universität diesem ganzen Komplex gewidmet

kriegsschicksal des Glühlampenwerkes:

und herausgefunden, dass schon 1940/41 die ersten Fremdar-

„An das Bezirksamt, Abt. Wirtschaft,

beiter im Werk D arbeiteten, deren Verpf legung den Lebensmit-

z.Hd. Herrn Bez.rat Stabe, Warschauer Platz 6 – 8

telsätzen der deutschen Arbeiter entsprachen und die in Sälen

In Ausführung des Befehls 124 der Sowjetischen Militärverwal-

von Hotels bzw. im Café Resi untergebracht waren.

tung v. 30.10.1945 (durch Marschall der Sowjetunion G. Shukow,

„Ende Mai 1942 trafen die ersten zugewiesenen Ostarbeiter-

Oberbefehlshaber der Gruppe der Sowjetischen Besatzungstrup-

innen im Werk D ein. Sie wurden in einer Baracke auf dem Werks-

pen in Deutschland) wurde das Werk D der Osram G.m.b.H. K.G.,

gelände untergebracht, da das ihnen zugedachte Lager in Karls-

Berlin O17, durch Schreiben des Militärkommandanten des Be-

horst noch nicht fertig war“ schreibt Reiher. Ab Herbst 1943

zirks Friedrichshain vom 26.12.1945 für beschlagnahmt erklärt.“ Die Osram G.m.b.H. K.G. erhob per Einschreiben vom

forderte Osram auch KZ -Häftlinge an, für die das Werk an die SS pro Tag und Häftling 4 RM entrichten musste, für Facharbeiter

16.7.1946 Einspruch an das Bezirksamt Friedrichshain mit der

6 – 8 RM , Verpf legung extra. Es lassen sich offenbar aus allen

Bitte der Aushändigung der Abschrift des Befehls 124, um die

Akten keine genauen Zahlen ermitteln. Auf einer Besprechung

Gründe der Beschlagnahmung zu erfahren. Voraus ging ein

im Herbst 1944 ging es um 1 750 Häftlinge. Zusammenfassend

Schreiben v. 26.6.46, in dem gegen den Beschlagnahmebescheid

schreibt Reiher: „Die Osram GmbH ist nicht unter behördlichem

vom. 29.5.46 Beschwerde erhoben wurde. Es ging um die Nazi-

Druck zu einem Einsatz von KZ -Häftlingen gezwungen worden.

Ausrichtung des Werkes und seinen Umgang mit Fremd- und

Sie war der SS zu großem Dank verpf lichtet und bis kurz vor

Zwangsarbeitern.

Kriegsende an einem Häftlingseinsatz sehr interessiert [...] Den Einsatz der KZ -Häftlinge bei der Osram-Gesellschaft kennzeichnen daher neben einer Aufnahme faschistischen Gedankengutes die Auswüchse einer unternehmerischen Beschäftigungspolitik, die keine Skrupel hinsichtlich einer uneingeschränkten Ausnutzung menschlicher Arbeitskraft hatte.“ In der Nachkriegszeit bemühte sich die Deutsche Treuhandverwaltung des BGW um Klärung. In den Akten findet sich das folgende Dokument: Aktennotiz vom 3. Juli 1948 / Buchh. Ba./We. Am 30. Juni 1948 der Deutschen Treuhandverwaltung, Frl. Henze, telefonisch durchgesagt. Betr. Konzernentf lechtung „Der 1. Vors. der Firma Osram GmbH, Kom.Ges., Werk D, war Parteimitglied. Fremdarbeiter wurden ca. 1 000 Personen beschäftigt. Die Behandlung der ausländischen Arbeiter war unterschiedlich. Besonders streng wurden die Arbeiter russ. u. poln. Nation behandelt. Der Betrieb war 70– 80% auf Rüstung eingestellt. Es wurden in der Hauptsache, in der Abt. Hartmetall, Teile für Panzer, Panzerabwehr und Flugzeuge hergestellt.“

Schwer war der Anfang Die Kriegsmaschine hatte ausgetobt. Rauch und Flammen standen noch über der Hauptstadt. Der letzte Schuß war verhallt. Da kamen bereits die ersten aus den Kellern, um sich in ihrem herrenlos gewordenen Werk umzuschauen. Hier sah es nicht besser aus als überall. Ausgebrannte Werkhallen und Trümmerhaufen, das war die Begrüßung für die ersten. Unsagbar schwer und mühevoll war der Anfang.


45

Erst arbeiten, dann essen Heizungsbrigadier Bruno I.

Sechs Mann und 25 Zentner Willi M.

„Wie wir ins Werk kamen fanden wir nur Trümmer. Wir haben uns

„Als ich hier den ersten Tag anfing und die Maschinen im Dreck zwi-

Sonntag für Sonntag beigemacht, u.a. Max Strek und Kurt Wanisch,

schen den Trümmern sah, habe ich bei mir gedacht: ‚ Junge, Junge,

die Trümmer zu beseitigen. (Im Geb. 4 war der erste Aufgang völlig

die Dinger sollen noch mal laufen?‘ Dann haben wir sie ausgebuddelt.

zerstört). Im Juni 1944 war ein schwerer Kriegsangriff, durch den das

Die etwas 25 Zentner schwere Einschmelze wurde mit Brechstangen

BGW erhebliche Zerstörungen erlitt. Das Turmgebäude wurde von

auf einen Wagen geladen und mit dem einzigen Außenfahrstuhl ins

deutschen Flack-Soldaten zersprengt. Die Leitung des Werkes hatten

dritte Stockwerk geschafft. Aber wie, das ist kaum zu beschreiben,

nach dem Zusammenbruch Direktor Neugebauer und Dr. Sporn. Es

denn sie füllte nicht nur den Fahrstuhl vollständig, sondern hing noch

waren keine Kessel mehr ganz. Ein Teil der guten Maschinen wurde

darüber hinaus. Wir mußten sie mit Seilen festbinden. Soweit ging

nach Werk S herübergeholt. An den Aufräumungsarbeiten im BGW

alles gut. Aber wie das Ding wieder rauskriegen? Wir konnten doch

nach 1945 beteiligten sich ca. 150 Kollegen, die schon früher einmal

nur von einer Seite arbeiten. Ich weiß noch, wie Kollegen Jaeckel oben

im Werk gearbeitet hatten.

‘raufkroch und es von oben versuchte. Irgendwie haben wir sie dann

Als wir die ersten Kesselanlagen mühevoll zusammengestoppelt

doch rausgeholt. Das war im Juli 1946. Im November wurden bereits

hatten, gab es noch keine Vorfeuerungsrost. Deshalb waren wir froh,

die ersten Lampen mit ihr gefertigt. Fünf bis sechs Mann waren wir

wenn wir mal auf 4 Atü kamen. Erst zwei Jahre später bekamen wir

damals. Nach einem Feierabend haben wir nie gefragt. Den einzigen

die so notwendigen Roste. Aber es gibt wohl keine stärke Erinnerung

kleinen Eisenofen hatten wir aufgestellt, vom Heizer haben wir die

von damals, als den verdammten Hunger. Mit trockenem Brot oder

Kohlen geklaut und dann saßen wir bei unseren Röstbrot-Mahlzeiten

mit ein paar Kartoffeln begannen wir morgens die Arbeit. Vergleicht

ein paar Minuten warm, um uns dann wieder in die Arbeit zu stürzen.“

das mal mit heute, Kollegen. Wo gibt’s denn heute noch jemanden, der nicht Wurstschnitten zum Frühstück mit hat? Für uns hieß es 1946: Erst arbeiten, dann essen. Meine einzigen Schuhe waren Gum-

Kottikow-Essen

miüberschuhe. Damit mußte ich auf der Straße rumlaufen, aber

Laut Befehl 243 wurden unserem Betrieb 1 270 Essensportionen

auch meine Arbeit im Betrieb verrichten. Nein, leicht war der Anfang

genehmigt. Der Befehl Nr. 112 sieht außerdem eine genehmigte

wirklich nicht.“

Erhöhung von 10 Prozent vor, d.h. von 1 270 auf 1 297. In Anbetracht der Tatsache, daß unsere Belegschaft von Tag zu Tag steigt, wir bereits einen Essenstand von 1 380 Teilnehmern erreicht haben. Daher ist eine Erhöhung der Quote in absehbarer Zeit erforderlich. Wie das Ernährungsamt Friedrichshain uns mitteilte, braucht diese Erhöhung ihre Genehmigung. Wir bitten Sie, unseren Antrag auf Erhöhung der Essensquote zu prüfen und nach Möglichkeit demselben stattzugeben.


Ich war einer von 250 000 Heimkehrern Hans-Eberhard S.

Bruch im Quartier Zweifelsohne sind die letzten Tage des April 45 auch für dieses

„Ich war als o damals so ziemlich am Ende. Die vielen Suppen hatten

Wohnquartier Berlins als Bruchstellen zwischen Gestern und

Ödeme bewirkt. Gerettet hat mich dann das Kottikow-Essen. Der

Morgen von radikaler Bedeutung. Als das NS -Kampf blatt für

sowjetische Stadtkommandant Generalmajor Kottikow hatte in sei-

die Verteidigung Groß-Berlins Der Panzerbär am 29.April noch

nem Befehl Nr. 20 u.a. angeordnet, daß in den Betrieben ein warmes

vom „längeren Atem“ schwafelte, waren die Brücken und das

Mittagessen ohne Marken ausgegeben werden sollte. Ich bekam das

Osram-Werk längst erobert, die Wohnhäuser angezündet und

Essen schon etwas früher, weil wir längere Zeit in dem Stemagwerk

zusammengefallen und die Menschen obdachlos geworden oder

Pankow, eine der damaligen sowjetischen Aktiengesellschaften, Bau-

nach irgendwo vertrieben. Das Oberkommando der Wehrmacht

arbeiten ausführten und am dortigen Betriebsessen teilnehmen

(OKW) gab nichts mehr bekannt.

konnten. Dieses Essen, für damalige Verhältnisse sehr gut gekocht,

Fast fünfzig Prozent der Häuser und der Bevölkerung verlor

hatte seine Wirkung auf meinen Körper nicht verfehlt. Eines Morgens,

die Gegend und diesen Aderlaß hat die ehemals stolze Gegend

als ich aufstand, fühlte ich eine wohltuende Leichtigkeit in den Glie-

entlang der Stralauer Allee, an der nurwenige Häuser stehen

dern, ich fühlte deutlich, nun bist du über den Berg bekommen.

geblieben waren, auch nie wieder wirklich aufgeholt. Auch wenn

Ein großer Teil der damaligen Zeit meines Lebens drehte sich ums

die Waffen nun schwiegen, war wohl niemandem klar, daß auf

Essen und all die anderen kleinen Bedürfnisse zum Leben. Vieles mußte

den heißen Krieg nun Jahrzehnte des Kalten Krieges folgen

unter großem Zeitaufwand bewältigt werden. Zusätzliches Brenn-

würden, in der sich West und Ost gefährlich gegenüberstehen

holz holte ich von Borgsdorf. Direkt von der Arbeit aus fuhr ich hinaus.

würden – auch an der Spree zwischen Kreuzberg und Friedrichs-

Dort war ein Holzeinschlag. Die aufgesammelten Äste in einem Sack

hain.

gestopft und diesen auf dem Rücken zur S-Bahn geschleppt, dort

Als die Berliner Zeitung am 21 Mai 1945 als eine der ersten

in die volle S-Bahn gezwängt, das war kein Vergnügen. Zu Hause

Zeitungen erschien titelte sie optimistisch „Berlin lebt auf!“ und

angekommen, mußte das Essen gekocht werden. Oft auf dem Herd.

das muß auch das Zeitgefühl gewesen sein, überlebt zu haben

Das Gas langte nicht hin und her.“

und von Stunde zu Stunde zu leben, trotz Ausgangssperre zwischen 22 Uhr 30 und 5 Uhr früh – nach Moskauer Zeit. Von den 3 000 Straßenbahnen waren bald schon 93 wieder in Betrieb und immerhin fuhren 19 Busse, um die Zeit der stun-


47 denlangen Fußmärsche zu verkürzen. Die U-Bahn allerdings blieb bis 1946/47 gesperrt. Alle Frauen zwischen 65 und 15 Jah-

Am 24. August 1946 erteilt die Industrieverwaltung der SMAD die Genehmigung zum Auf bau eines Glühlampenwerkes.

ren mußten sich seit 29. Mai für Aufräumarbeiten registrieren

Damit ist das „Berliner Glühlampenwerk vormals Osram-Werk D“

lassen. Es folgten Jahre der rationierten Versorgung, 40 Prozent

(BGW) gegründet. Ab November werden wieder Glühlampen

der Bewohner hatte die sogenannte „Hunger- und Friedhofs-

gefertigt. 1948 beginnt der Auf bau eines eigenen Drahtwerkes.

karte“ der Kategorie V und die Kinder hatten bis Oktober keine

Nachdem am 7. Februar 1949 die SMAD die Beschlagnahmever-

Schule, weil es weder Lehrmittel noch Lehrer gab. Die erste

fügung über die in Treuhandschaft befindlichen ehemaligen

Volkszählung fand schon am 12. August 1945 statt und zeigte

Konzernbetriebe auf hob, setzt der Magistrat von Groß-Berlin am

eine zerstörte Lebenspyramide: Vergreisung in allen Stadtteilen

8. Februar seine Beschlüsse vom 13. Februar und 27. März 1947

und ein Frauenüberschuß von 172 zu 100, der das soziale und

zur Enteignung der Kriegsverbrecher- und Nazibetriebe in Kraft.

kulturelle Leben der Nachkriegszeit prägen wird.

Das betrifft auch das Osram-Werk D, das am 8. Februar 1949 im

Ab 22. November 45 begann so etwas wie Schulspeisung, im Blechtopf zu essen: Kohlrüben mit Kartoffeleinlage, Roggenf locken mit Mehleinlage, Brühsuppe mit Mohrrübeneinlage für

Grundbuch des Amtsgerichts Berlin-Mitte, Bd. 53, Bl. 1566, als „VEB Berliner Glühlampenwerk“ eingetragen wird. Anfang der 50er Jahre sind die durch den Krieg stark in Mit-

15 000 Kinder in Berlin, wie in Akten des Landesarchivs Berlin

leidenschaft gezogenen Bauten weitgehend wieder hergestellt.

zu lesen ist.

Die Produktion von Glühlampen läuft auf vollen Touren. 2 000

Das Nachkriegsschicksal des großen Komplexes des Osram-

Beschäftigte zählt das BGW. Aufträge zur Beleuchtung der im

Werks vom zerstörten und enteigneten Nazi-Paradebetrieb zum

Bau befindlichen Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee) gehen ein.

sozialistischen Musterkombinat als größtem Glühlampenliefe-

Forschungsschwerpunkte sind die Erhöhung der Lichtausbeute

ranten des gesamten Ostblocks beschrieb die Technik-

bei sinkendem Stromverbrauch, die Entwicklung von Infrarot-

Historikerin Maria Curter:

strahlern und Strahlern für den wissenschaftlichen Gerätebau. Durch die Entwicklung der Quecksilberdampf-Hochdrucklampe

Osram wird zum volkseigenen Betrieb

und ihre Serienproduktion ab 1954 können bei der Außen- und Straßenbeleuchtung erhebliche Stromeinsparungen erfolgen.

„Aufgrund des Befehls Nr. 124 der sowjetischen Militäradminis-

1957 werden vier Hauptproduktionsbereiche geschaffen – Glüh-

tration (SMAD) beschlagnahmt das Bezirksamt Friedrichshain

lampenfertigung, Entladungslampenfertigung, Drahtfertigung

am 23. Mai 1946 den Firmensitz und Osram-Werk D und setzt

und Maschinenbau. Mitte der 60er Jahre zählt das BGW über

zwei Fachleute des Betriebes als Treuhänder ein. Teile des Wer-

5 000 Beschäftigte, davon mehr als die Hälfte Frauen.“

kes gehören vorübergehend dem „Lichttechnischen Büro des Ministeriums für Elektroindustrie der UdSSR “. Am 12. Juni 1946 werden sie ebenfalls der deutschen Treuhandverwaltung unterstellt. Die noch unter der alten Leitung stehende Firma Julius Pintsch (in Berlin-Friedrichshain, Andreasstraße 71 – 73) stellt am 29. April 1946 den Antrag auf Erteilung einer Genehmigung zur Wiederaufnahme der Glühlampenfertigung. Die Zentralverwaltung der Industrie in der sowjetischen Besatzungszone lehnt am 1. Juli 1946 diesen Antrag ab und verfügt die Übergabe der Maschinen dieser Firma an das Glühlampenwerk an der Warschauer Brücke. Nach und nach gelangen auch ausgelagerte Anlagen wieder ins Werk.


Ich bin doch wer – So war es Unter diesem Titel erschien 1987 in der Bundesrepublik als Lizenzausgabe ein ungewöhnliches Buch Dokumentarliteratur aus der DDR, dessen Titel dort allerdings So war es hieß. Wolfgang Herzberg hatte 1980 fünfundzwanzig Rentner aus der Veteranenkartei des BGW/Narva-Kombinats, die eine sehr emotionale Verbindung zu ihrem Arbeitsplatz hatten, bewegt, ihm ihr Leben zu erzählen, wobei ihn besonders die Kontraste interessierten. „Es war wohl vor allem jener epochale Wandel vom ‚Gelebtwerden‘ durch die gesellschaftlichen Verhältnisse vor 1945 zur selbstbewußteren Gestaltung des eigenen Lebens nach 1945, der mich insbesondere bei den Frauen sehr stark berührte“, schreibt der Autor. Herzbergs Buch, nur vergleichbar mit Maxi Wanders Frauenprotokollen, dient hier auszugsweise dazu, seine Sicht auf die Bedeutung der Dokumentarliteratur zu erinnern, von der auch diese Stadtteil-Biographie getragen ist: „Geschichte sollte nicht bloß in abstrakten Zusammenhängen und trockenen Statistiken dargeboten werden. Sie kann der jüngeren Generation glaubwürdiger nahegebracht werden, wenn sie so lebendig, farbig, spannend und widersprüchlich weitervermittelt wird, wie sie im Alltag von Millionen Menschen erlebt, erlitten und mitgestaltet wurde.“


49

Mich kennt doch jeder Gustav R. „Durch die Glühlampe haben wir eine schöne große Wohnung gehabt,

Guten Tag, liebe Nachbarn, am 7. Oktober 1964 Sie erlauben uns, daß wir Sie so begrüßen? Schließlich wohnen wir doch beinahe Haus an Haus. Außerdem verbindet uns eini-

drei Stuben und Küche, bis die Kinder groß waren, bis sie flügge

ges, was uns zu einer echten Gemeinschaft werden läßt.

wurden. Da sind wir dann ausgezogen. Da haben wir dann getauscht

Nehmen wir doch nur die Frage: Wie entwickelte sich Ihr Leben

gegen eine kleinere Wohnung. Was sollen wir mit so‘ner großen

in den letzten 15 Jahren? Erinnern Sie sich noch an die ersten

Wohnung? Außerdem war das vier Treppen oben, weißt du, mußtest

Nachkriegsjahre? In Ihrem Haus sah es doch gewiß nicht anders

du immer Kohlen raufschleppen. Wir konnten uns das aussuchen. Wir

aus, als bei Ihrem Nachbarn, dem Berliner Glühlampen-Werk.

haben die größere Wohnung für Kinderreiche abgegeben. Die Woh-

Ja, der Stadtbezirk, und das große Berlin, trugen die Spuren des

nungsverwaltung hat gleich gesagt: Na gut, wenn ihr so anständig

Krieges. Wir standen alle noch am Anfang. Sicher wissen Sie,

seid, könnt ihr euch ne anständige Wohnung aussuchen. Da haben

daß in Ihrer Nachbarschaft Glühlampen entstehen. Viele aus

wir eine genommen, eine Treppe, vorne, besser kannst du es gar nicht

der Umgebung des Werkes werden sogar als Werkangehörige un-

kriegen. Wir haben die ganze Zeit hier gelebt.

mittelbar oder mittelbar an der Herstellung von Glühlampen

In der Glühlampe haben sie mich auch gleich gut aufgenommen.

oder anderer Leuchtkörper beteiligt sein. Vielleicht ist Ihnen

Ich hab bei den Schleifern angefangen und hab gleich Lohngruppe 6

sogar bekannt, daß das BGW der größte Lichtquellen-Produzent

gekriegt, hab gleich gut verdient. Das nannte sich Hämmerbacken-

der DDR ist und innerhalb der sozialistischen Länder eine

schleifer. Die Wolframstäbe für die Lampen, die werden gepreßt, die

bedeutende Rolle spielt.

werden gesintert, die werden dann gehämmert und geschlagen. Haus 5, da unten, Parterre links, siehst du, wie sie die glühenden Dinger

Täglich, wenn der Abend einzieht und Dunkelheit Sie umgibt, betätigen Sie kurz entschlossen den Lichtschalter und ange-

immer reinschieben. Da werden die immer länger, immer länger, bis

nehme Helligkeit durchf lutet Ihre Wohnung. An Ihren Arbeits-

sie eben so dünn sind, daß sie als Wendel in die Lampe kommen. Das

plätzen, in den Fabrikhallen, in den Büros, in den Geschäften

ist der Wolfram. Und diese Backen, die den Wolfram schlagen, das ist

und Warenhäusern oder auf den Bauplätzen und im Straßen-

hochwertiger Stahl, der muß dann immer wieder fein geschliffen, auf

verkehr sorgen Lampen verschiedenster Art für ausreichende

Form gebracht werden, auf den Millimeter genau, damit er wieder

Beleuchtung. Glühlampen, Leuchtstoff lampen, Quecksilber-

hämmert. Und das hab ich acht Jahre gemacht.

Hochdrucklampen, die ebenfalls entweder im BGW entstehen

Ich hab so gesprochen, wie ich heute noch spreche: leutselig und

oder in denen Halbfabrikate, wie z.B. Drähte aus dem BGW

einfach. Größte Freude hab ich gehabt als Wohngebietssekretär. Da

verarbeitet werden. Das BGW besitzt nämlich das einzige Spezial-

bin ich abgestellt worden, ich hab hier das große Altersheim gehabt.

Drahtwerk in der DDR , in dem Wolfram- und Molybdändrähte

Ich hab so gesprochen mit den Leuten, wie sie sprechen. Hab gesagt,

entwickelt und hergestellt werden. Glimmen in Ihrem Rund-

na, was habt ihr nun gerne? Mal Tänzchen, haben sie gesagt. Hab

funkgeräte die Röhren auf oder schalten Sie Ihren Fernsehemp-

ich gesagt: Ist doch ganz einfach, da bestellten wir eben die Jugend-

fänger ein, so werden Erzeugnisse, die in Ihrer Nachbarschaft

lichen her, die haben Tanzmusik gemacht. Ich hab mich durchgesetzt,

entstanden, in Funkton gesetzt. Sie sehen schon, wie bedeu-

aber immer auf ne anständige Art. Ich bin heute noch in Erinnerung,

tungsvoll die Produktion des BGW ist, die auch für Sie außer-

wenn ich in der Abteilung durchkomme. Dann rufen sie: Gustav!

ordentlich wichtig ist, weil hier die notwendigen Dinge entstehen,

Mich kennt jeder, weißt du, na, Gustav, sagen sie, wie geht’s?

die das künstliche Licht schaffen. Was wäre die Menschheit

Den Anwohnern präsentierte sich das BGW Berliner Glüh-

ohne das künstliche Licht, ohne die Lichttechnik? Wir könnten

lampenwerk aus Anlass des 15. Jahrestages der DDR am 7. Oktober

uns nach getaner Arbeit weder den Abend gemütlich gestalten,

1964 in einer kleinen Schrift mit dem freundlichen Titel:

noch könnte z.B. der Arzt schwierige operative Eingriffe am menschlichen Körper vornehmen, um ihn von einem Krankheitsherd zu befreien oder das künstliche Licht für Heilzwecke verwenden. Ohne die Lichttechnik wäre unser modernes Zeitalter überhaupt nicht denkbar. Sie ist ein Bestandteil des Fortschritts. Nun wird Ihnen sicher auch verständlich sein, welche bedeutungsvolle Aufgaben das BGW zu lösen hat.“


Die Upper East Side – Stadtteil der Erleuchtung „Die Geschichte der elektrischen Beleuchtungskörper ist die Geschichte ihrer Industrien. Die Genealogie der Glühlampe schreibt sich weniger als eine technisch umzusetzende Idee, denn als Abfolge von technologischen Handeln und unternehmerisch angeleiteten Marketingstrategien“, schreibt Markus Krajewski 1998 in einem Aufsatz Vom Krieg des Lichtes zur Geschichte von Glühlampenkartellen. Er analysiert den wirtschaftlichen Lichtkrieg, der mit Thomas A. Edisons Auftritt auf der Pariser Weltausstellung 1879 und der Elekrizitätsausstellung 1881 begann. Der weitsichtige Unternehmer Emil Rathenau, der insgesamt für die wirtschaftliche Entwicklung des Berliner Ostens die Schlüsselfigur ist, erwarb das Edison Patent.

Die Sturheit war die Arbeit Frieda S. „Ich hab in diesem Betrieb angefangen, weil er nicht weit von mir zu

Gründung der DEG Im März 1883 verständigten sich das Bankenkonsortium der Studiengesellschaft und die französischen Edison-Gesellschaften

Hause weg war, vor allen Dingen, die Schwester meines Mannes hat

auf die Gründung der Deutschen Edison-Gesellschaft für angewandte

da auch gearbeitet, und die hat mir sozusagen die Arbeit vermittelt.

Elektricität (DEG). Zwischen Thomas Alva Edison, den ameri-

Ich bin dort nicht richtig warm geworden, bloß, daß ich mein Geld

kanischen und französischen Edison-Gesellschaften, dem deut-

hatte, daß ich auch mit verdiene, aber so? Ich hab auch kein Streben

schen Banken-Konsortium und der Firma Siemens & Halske wurde

gehabt, daß ich irgendwie was weiter machen wollte. Das war ja ’ne

außerdem ein „Lieferungsvertrag“ geschlossen. Danach erhielt

ganz andre Arbeit wie da in Magdeburg. Vor allen Dingen, wie ich

die DEG das Recht zur Fabrikation von Glühlampen, mußte aber

diese Sturheit der Kollegen gesehen hab! Das hat mir so viel zu denken

Bogenlampen, Dynamomaschinen, Motoren, Kabel und Drähte

gegeben. Einer beachtete den anderen nicht, jeder ging seiner Wege,

bei Siemens & Halske kaufen. Siemens verzichtete auf den Bau

kaum, daß sie sich begrüßt haben. Die Sturheit, das kannte ich von

kompletter Beleuchtungsanlagen. Dies garantierte das Überleben

Magdeburg nicht. Die Sturheit war die Arbeit selbst. Es war Bandarbeit.

der DEG, zugleich war das Fundament für den späteren furiosen

Jeder saß auf seinem Platz während der ganzen Zeit. Da kann ja nicht

Aufstieg der AEG gelegt.

einer mal zum anderen, sich zu unterhalten, weil sie ja ihre Arbeit

Am 19. April 1883 wurde die DEG von 15 Banken und Privat-

machen mußten. Da trieben ja die Maschinen und nicht der Mensch.

personen gegründet und am 5. Mai 1883 in das Berliner Handels-

Beim Drähteziehen, wenn wir uns manchmal unterhalten haben mit

register eingetragen.

der Kollegin, der man gegenüber saß, denn gab es nur noch Worte, die mir nicht gefallen haben: Du ziehst überhaupt keine Lampe, du kleckerst bloß rum! Andrahter gehen dich gar nichts an! Die Sockelmaschine geht dich auch nichts an! Und wir müssen für dich mitarbeiten! So ging das dann immer, es war keine Gelegenheit, mal so zusammenzukommen. Jeder war so zehn Meter auseinander. Jeder hat seinen Arbeitsgang gehabt, eintönig, muß man hier sagen. Ich war dann an der Fußmaschine, am Spanner war’s noch mehr eintönig. Die haben ihre Arbeit bald im Schlaf gemacht. Brigadenachmittage gab’s hier nicht, das gemütliche Beisammensein gab es auch nicht. Also, wenn die Zeit rum war: Nach mir die Sintflut! Nach Hause, und weg waren wir. Man ist wirklich mit Widerwillen zur Arbeit gegangen. Ich war dann so, ich hab manche Nacht nicht geschlafen, mußte aber in die Frühschicht. Erst mal die Verhältnisse hier zu Hause, und dann keine Freude an der Arbeit! Das hat mich mürbe gemacht. Den anderen Kollegen ging’s nicht viel anders. Dahinter stand nur das Muß. Der Springer hat dann seine Lieblinge gehabt. Die wurden andauernd abgelöst, und unsereins konnte kaum ’ne Tasse Kaffee trinken, was ich ja gar nicht tat, aber man hat ja die Allgemeinheit gesehen. Da hieß es auch: Wer gut schmiert, der gut fährt.“


51 Wer gezielt Bedürfnisse bei den Menschen wecken will, um sie anschließend zu befriedigen, benötigt dafür Geld, viel Geld. Die Banken fanden in Rathenau von Anfang an den richtigen Partner, der den nötigen Sachverstand in technischen Angelegenheiten besaß, so daß man in ihn investieren konnte. Doch Rathenau war in finanziellen Dingen ein vorsichtiger Mann, der in seiner Geldpolitik langfristig dachte. Die AEG stützte sich daher auf ein geschickt aufgebautes System. Rathenau gründete zahlreiche Betriebs-, Finanzierungs- und Beteiligungsgesellschaften vor allem für Elektrizitätswerke und Straßenbahnen. Sie sollten sicherstellen, daß die Produktion der elektrotechnischen Kerngeschäftsfelder entsprechende Absatzmärkte fand. Daneben verbuchte das Unternehmen überdies Aktienwerte wie Grundstücke, Gebäude und Wertpapiere. Dieses „System Rathenau“ bedeutete, wie Rathenau-Biograph Alois Riedler schreibt, die Vereinigung vieler Unter-

Das „System Rathenau“ Peter Strunk schreibt in seiner AEG-Biographie: Die AEG fand

nehmungen zu einem Wirtschaftsganzen, zur sogenannten Großwirtschaft: „Die Einzelwirtschaft will und kann nur soviel abschreiben, als dem wirklichen Verschleiß und der Entwertung

bei ihrer Gründung ein günstiges konjunkturelles Umfeld vor,

der Fabrikationseinrichtungen entspricht, die Großwirtschaft

sie präsentierte sich als ein für den damaligen Zeitgeist maß-

kann, wenn sie ohnedies reiche Dividenden verteilt, weit darüber

geschneidertes Unternehmen: aggressiv, innovativ und in hohem

hinaus gehen, kann Gewinne aus anderen Quellen für die

Maße risikobereit. Treibende Kraft war Emil Rathenau, der in

Verbilligung der Fabrikation verwenden, bis der Wettbewerb für

der AEG seine Lebenswerk verwirklicht sah. Er tat dies mit der

die Gegner vernichtend wird“.

Verbissenheit desjenigen, der die bittere Erfahrung des Scheiterns gemacht hat und alles daran setzt, diese Erfahrung nicht noch einmal machen zu müssen. Er tat dies auch, weil fast alle seine Bedürfnisse auf unternehmerisches Handeln ausgerichtet waren. Ihm wird nachgesagt, daß er sich weder für Kunst noch für Literatur oder Musik interessierte. Sein Tun ließ weniger darauf schließen, daß er jüdischen Glaubens war, vielmehr mochte der Beobachter versucht sein, in ihm einen Menschen zu erblicken, der sich eher einem protestantischen Arbeitsethos verschrieben hatte. Emil Rathenaus Lebenswerk wurde zum Synonym für den Auf bau und die Finanzierung moderner Industriekonzerne. Er galt als „Erfinder von Industrien“: So wie andere Maschinen erfinden und konstruieren, hat er den industriellen Auf bau von Fabriken und Unternehmungen erdacht und ausgeführt. Damit gab er dem Aufbau der Elektroindustrie und der Elektrizitätswirtschaft durch die Entwicklung des elektrotechnischen Anlagengeschäfts und die Gründung zahlreicher Tochter- und Beteiligungsgesellschaften entscheidende Impulse. Er entwickelte ein sicheres Gespür für technische Zukunftsentwicklungen und trug wesentlich dazu bei, daß wissenschaftliche Erkenntnisse auf dem damals neuen Gebiet der Elektrotechnik ausgewertet und nutzbar gemacht wurden. Es war sein Ziel, durch Massenfertigung Gebrauchsgüter herzustellen, die bei den Kunden neue Bedürfnisse weckten und befriedigten.


Eine Zwillingsgeburt 1887 kamen dann Werner von Siemens und Emil Rathenau überein, gemeinsame Preisabsprachen zu halten und begründeten das erste Kartell der jungen elektrotechnischen Industrie. Krajewski wertet das als „Zwillingsgeburt, die enge Verknüpfung von Glühlampenökonomie und ihrer Kartellierung, wie die späteren Absprachen von 1903, 1921 und schliesslich 1924 zeigen werden.“ Gemeint ist das am 24.12.1924 gegründete internationale Glühlampenkartell Phöbus, S.A. Geneve, zu denen Osram, Philips, Compagnie des Lampes, Tungsram International und zahlreiche andere Firmen von Japan bis Brasilien gehörten. Was aus Phöbus geworden ist bleibt unklar. Man hat nie von der Auf lösung des Kartells gelesen. 1924 also teilten die Firmen den Kuchen des GlühlampenWeltmarkts auf, nannten aber als Zweck und Absicht, „[...]die Zusammenarbeit aller Vertragspartner sicherzustellen. Sicherung und Aufrechterhaltung einer gleichmäßig hohen Qualität, Verbesserung der Wirtschaftlichkeit bei der Verteilung des Absatzes, und Erhöhung des Lichtverbrauchs zum Vorteil der

Elektropolis Das elektrische Licht zeigte sich als Ausweis der Modernität,

Verbraucher“. Werbekampagnen waren das öffentlich erkenn-

den sich die Stadt stolz und ostentativ an die Brust heftete. Die

bare Zeichen. Dazu gehört der Bau des fensterlosen Osram-

Berliner nannten ihre Stadt Elektropolis und meinten Paris, die

Lichthauses, einer „Lehr- und Demonstrationsstätte für richtige

Elektrohauptstadt der Welt, überf lügelt zu haben.

Beleuchtung“ in der Rotherstraße direkt am Warschauer Platz,

Bereits 1910 tauchte die erste elektrische Werbung auf, ein

das am 29 Januar 1925 eingeweiht wurde, heute allerdings nicht

Leuchtlogo für die Zigarettenmarke Manoli. Der Effekt im

mehr existiert.

Berliner Jargon war groß. Man sagte fortan über Leute, die sich etwas verrückt aufführten: „Der ist Manoli“. Die Berliner hofften offenbar, daß ihre zwielichtige Reputation im Reich mit Hilfe der Elektrizität aufpoliert werden könnte. Hans Ostwald schreibt, wie sehr er Berlin bewundert: „Die Fülle des Lichts der abendlichen Stadt. So wird sie denn vielleicht als Lichtstadt sich mehr Freunde draußen im Reich erwerben, und wird vielleicht auch als Lichtbringerin geliebt werden.“ Vom 13.–16. Oktober 1928 veranstaltete das Ausstellungs-, Messe- und Fremdenverkehrsamt der Stadt in der Absicht, sie „im besten Lichte“ erscheinen zu lassen, ein „Fest der Stadt und des Volkes“: Berlin im Licht. Dazu gehörten ein LichtreklameKorso, ein Motorboot-Lichtkorso mit Start und Ziel natürlich an der Oberbaumbrücke, ein Licht-Festrennen auf der Trabrennbahn und der offizielle Lichtball bei Kroll mit Richard Tauber und den Tiller-Girls (zum Besten der Berliner Blinden). Kurt Weil vertonte ein Auftragsgedicht von Bert Brecht.

Lichthaus-Einweihung bei OSRAM 1925 Das von der Neubauverwaltung der Osram-Gesellschaft erbaute Lichthaus prägt schon äußerlich einen dem besonderen neuartigen Zweck angepaßten, neuartigen Typus aus: Der zweigeschossige rote Ziegelbau zeigt in seinem in schlichter, großer Linie geführten Hauptblock keine Fenster und macht so das Lichthaus ohne weiteres als eine der künstlichen Beleuchtung vorbehaltene Stätte erkennbar. Der große Block wird im ersten Stockwerk fast völlig ausgefüllt von dem Vortragssaal mit Bühne, der rund 200 Personen faßt.


53

Und zum Spazierengehen Genügt das Sonnenlicht, Doch um die Stadt Berlin zu sehen, Genügt die Sonne nicht. Das ist kein lauschiges Plätzchen, Das ist ’ne ziemliche Stadt, Damit man da Alles gut sehen kann, Da braucht man schon Einige Watt. Na wat denn, na wat denn? Was is das für ’ne Stadt denn? Komm mach mal Licht Und rede nun mal nicht! Komm mach mal Licht, Dann wollen wir doch mal sehen Ob das ’ne Sache ist: Berlin im Licht. Bert Brecht


Licht ist Leben – Zur Einweihung sprach Dr. Remané

DRP-Nr. 8 6924

„Von allem Anbeginn an galt die elektrische Beleuchtung

Als die Osram-Lampe am 10. März 1906 aus der Taufe gehoben

gewissermaßen als Luxusbeleuchtung, die teurer ist als andere

und am 17. April 1906 unter der Nr. 86924 beim Kaiserlichen

Beleuchtungsarten, wenn auch angenehmer; bei der man sich

Patentamt eingetragen wurde, ahnte kein Mensch etwas vom

aber bemühen muß, die Aufwendungen, die man für sie macht,

Siegeszug über die zu diesem Zeitpunkt bekannten elektrischen

nach Möglichkeit einzuschränken. Das ist im großen und ganzen

Glühlampen, den Kohlefaden-, Nernst-, Osmium- und Tantal-

die Einstellung des Publikums auch heute noch, und wir Glüh-

lampen. 1903 waren Zweifel aufgekommen, ob die Osmiumlam-

lampenfabrikanten haben, solange wir uns mit unseren Marken

pe sich durchsetzen könne. Das Glühlampenwerk von Siemens &

bekämpften, unser Teil dazugetan, um dieser Auffassung Nah-

Halske hatte bereits 1904 die von Bolton’sche Tantaldrahtlampe

rung zu geben. Als seinerzeit die Tantallampe zuerst auf den

entwickelt. Die führenden Leute bei der Auergesellschaft,

Markt kam, wurde sie angepriesen unter Hinweis darauf, daß

Dr. Fritz Blau und Oberingenieur Hermann Remané, vor allem

sie eine Stromersparnis von 50–60 v.H. gegenüber der Kohle-

aber der Jurist Felix Kallmann, gefördert vom Aufsichtsrats-

fadenlampe ermögliche; als späterhin die Auergesellschaft die

vorsitzenden Bankier Leopold Koppel, erkannten, dass nur das

Osram-Lampe brachte, sprach sie von 70–75 v.H. Stromersparnis.

Wolfram, vom Chemiker Auer von Welsbach seinerzeit über-

Die AEG machte die Sache etwas einfacher, vielleicht noch wir-

sehen, das geeignete Metall sei.

kungsvoller, indem sie sagte: „Das ist die richtige Lampe“, so daß der Verbraucher den Eindruck bekommen mußte, diese Lampe

Die Frau von Oberingenieur Remané traute dem Forschergeist ihres Gatten, der oft erst spät abends aus dem Labor kam,

brauche fast überhaupt keinen Strom mehr. Wie dem immer sei,

so wenig wie der alte Pförtner am Werkstor, der sie tröstete: „Ja,

die Glühlampenfabriken haben auf diese Weise in das Publikum

ja, ist ja ganz schön, wenn sich ihr Mann so um die elektrische

hineingehämmert: Kinder seid sparsam mit dem elektrischen

Lampe quält, er ist so f leißig und gibt sich solche Mühe. Aber es

Licht, Sparsamkeit ist oberste Bürgerpf licht. So wurde die Ausge-

ist auch schade um ihn, aus der Sache wird ja doch nischt!“

staltung der elektrischen Beleuchtung von den zu ihrer Verbreitung berufenen Organen eher gehindert als gefördert. Die Aufgabe, die wir uns hier gestellt haben, ist nicht

In einer Festschrift zum 50jährigen Bestehen von Osram 1969, in der die wahrhaft düstere Phase der Firmengeschichte als Nazi-Paradebetrieb, der zunehmend zur Kriegsproduktion

mehr und nicht weniger als eine starke Belebung der gesamten

umgerüstet und einer der grössten Zwangsarbeiter-Betriebe war,

deutschen Wirtschaft dadurch, daß wir, von dieser Stätte hier

selbstverständlich total ausgeblendet bleibt, lässt sich die Vorge-

ausgehend, zeigen und lehren, wie Licht richtig, zweckmäßig

schichte in den Pionierzeiten gut nachlesen:

und mit Vorteil bewirtschaftet werden muß nach dem Motto: Licht ist Leben!“


55

Osram – Eine kleine Stadt für sich „Als die Auergesellschaft mit der Glühlampenfertigung begann,

Osram – ein Phantasiename Interview mit Herrn Assessor Assenheim

verfügte sie nur über verschwindend wenige Mitarbeiter, die vor-

„Soweit meine Erinnerung reicht, war der Schöpfer des Namens

her in einer Glühlampenfabrik gearbeitet hatten. Das erklärt die

Kallmann. Kallmann war ein Anwalt, den die Auergesellschaft als

Schwierigkeiten, mit denen die Werksleitung von Anfang an und

Gegner in einem Patentprozeß kennengelernt hatte. Er war ein fast

infolge der stürmischen Entwicklung auch späterhin zu kämp-

unbekannter Anwalt, aber er gewann diesen Patentprozeß gegen die

fen hatte. Jeder einzelne, ob Arbeiter, Wissenschaftler oder Tech-

immerhin bedeutende Auergesellschaft. Dadurch lenkte er die Auf-

niker mußte von Grund auf angelernt werden, was bei der vor-

merksamkeit des Aufsichtsratsvorsitzenden, des Bankiers Koppel, auf

wiegend handwerklichen Tätigkeit besonders ins Gewicht fiel:

sich und Koppel sagte sich: einen solchen Mann, der gegen die große

aber trotz aller Mühen oder vielleicht auch gerade deshalb war

Auergesellschaft als unbekannter Anwalt einen Prozeß gewinnen

und blieb es ein fröhliches Schaffen. Das Verhältnis zwischen

kann, den müssen wir haben. So kam Kallmann zur Auergesellschaft.“

Geschäftsleitung und Mitarbeiterschaft war von Beginn an ein

„Dann war also der Schöpfer des Markennamens Osram

ausgezeichnetes und schon frühzeitig hatte sich der ‚Osram-

Herr Kallmann und nicht, wie viele glauben, Herr Dr. Blau,

Geist‘, d.h. die Begeisterung für die Sache, die Zusammenarbeit

der als Wissenschaftler und erster Leiter der Patentabteilung

und der Stolz auf die ständig fortschreitende Entwicklung und

einen großen Einf luß ausgeübt hat?“

Gütesteigerung des Erzeugnisses entwickelt.“ Hierzu äußert sich Hermann Remané in seinen Erinnerungen: Das Glühlampen-Werk – Eine kleine Stadt für sich. Mit etwa 350 Arbeitern und 50 Angestellten waren die Osram-

„Ich glaube, daß es hier auf eine Gemeinschaftsarbeit herauskam. Kallmann, der ein sehr gründlicher Mann war und sich über alles, was er nicht wußte, sehr eingehend zu informieren suchte, hatte sich von Blau einweihen lassen in die verschiedenen Fädenge-

Mitarbeiter im Dezember 1906 in die neue Fabrik in der Rother-

bilde, die seinerzeit für Metallfadenlampen verwendet wurden. Es

straße eingezogen. 1907 waren es schon 1189 Lohnempfänger

wurde darüber diskutiert, welchen Namen man der Lampe geben

und 158 Angestellte und bis 1910 stieg die Mitarbeiterzahl auf

sollte, und soweit ich mich erinnere, spielte dabei sehr stark mit, daß

6000 Personen. Schon damals bildete das Werk eine kleine Stadt

die Lampe ein neutrales Gepräge haben und in fremden Sprachen

für sich, so daß sich die Hochbahn- und Stadtbahnverwaltungen

gut auszusprechen sein sollte. Das waren die wesentlichsten Dinge.

oft nach den Betriebszeiten erkundigten, um den Verkehrsstoß

Die Gemeinschaftsarbeit zwischen Kallmann und Blau in bezug auf

abzufangen. In dieser Zeit wurde auch eine Ansichtspostkarte

Findung des Namens Osram beruhte darauf, daß Kallmann, der

„Feierabend bei der Auergesellschaft“ herausgegeben. Im Jahre

praktisch der Leiter des Unternehmens war, zu Blau besonderes

1911 mußten wegen Umstellung auf den gezogenen Draht etwa

Vertrauen hatte, insbesondere zu seiner Gründlichkeit, und daß er

2 000 Personen entlassen werden. Aber nach der Einführung der

infolgedessen mit Blau viele Probleme zu erörtern pflegte, an denen

Osram-Lampen mit gezogenem Draht und der gasgefüllten

die anderen zur Geschäftsleitung gehörenden Herren mehr oder

Lampen stieg die Zahl der Mitarbeiter trotz der inzwischen schon

weniger keinen Anteil hatten. In einer Schrift bezeichnete sich

weitgehend verbesserten Maschinen und Einrichtungen wieder

Kallmann selbst als Autor des Namens ‚Osram‘“.

von Jahr zu Jahr, und im Juli 1919 umfaßte sie 6841 Lohnempfänger und 800 Angestellte.

„Stimmt es denn, daß der Markenname Osram sozusagen eine Zusammensetzung ist von Osmium und Wolfram?“ „Nicht ganz so. Vielmehr handelt es sich bei dem Namen Osram um einen ausgesprochenen Phantasienamen bei dem allerdings auch die Namen Osmium und Wolfram Pate gestanden haben dürften. Damit wurde ein durchaus wohlklingender, in allen Sprachen gut auszusprechender und ganz neuartiger Markenname geschaffen, der keine Angriffsflächen bot.“


Bedeutung für das Stadtbild Denkmalschützer Dr. Trost Die Einbindung der Gebäude des ehemaligen Gasglühlichtwerkes in die Blockrandbebauungen eines ursprünglich, nach Stillegung des Wasserwerkes, wohl insgesamt für eine Mietshausbebauung geplanten rechteckigen Straßenrasters und ihre Mischung mit tatsächlich ausgeführten Mietswohnhäusern bzw.

Bonbon- und Bolle-Wagen Elfriede G.

kommunalen Bauten wie Schulen innerhalb gleicher Straßenkarrees machen das Werksgelände zu einem singulären Beispiel der Berliner Industriearchitektur. Bemerkenswert ist in diesem

„Am lustigsten war es, wenn der Bonbonwagen kam, mit der Hand

Zusammenhang, dass die Öffentlichkeit der Straßen auch

gezogen, ähnlich einem Eiswagen. Ein Mann kochte vor unseren er-

innerhalb des eigentlichen Werksgeländes bis in die 60er Jahre

staunten Kinderaugen eine Bonbonmasse, zog sie zu langen Schlangen,

gewahrt blieb. Besondere Bedeutung für das Stadtbild gewinnt

natürlich schön bunt gestreift, und schnitt aus diesen dann Bonbons

das Werksgelände durch die Ausbildung einer nach Norden,

verschiedenster Geschmäcker. Besser konnte gar nichts schmecken.

zum Bahngelände und somit zur S-Bahn gewendeten Haupt-

Und dann kam noch regelmäßig der Bolle-Wagen (Milch, Käse,

ansicht. Hier war bereits 1907 Alfred Grenanders Wagenhalle

Butter usw.), erst kam er mit Pferden, dann mit dem Auto, auf jeden

der Hoch- und U-Bahn errichtet worden. Unmittelbar dahinter

Fall aber mit einer großen Klingel. Wir sangen: ‚...hat dem Bolle seine

(vom Bahngelände aus gesehen) wurde 1909/10 Theodor

Bimmel seine Mutta ihm geschenkt ? Siehste Mutta, weeste nich!‘

Kampffmeyers Gebäude 3 errichtet, das über der langgestreckten

Klingelnd fuhr auch der Scherenschleifer mit seinem Karren ums Karree und geklingelt wurde auch bei ‚Brennholz für Kartoffelschalen‘.

Wagenhalle mit dem blendengeschmückten Giebel im östlichen Teil und mit dem auf Fernsicht angelegten Turmhaus im mitt-

Die waren für die Kuhställe bei uns, in den Hinterhöfen in der Stralauer

leren Bereich zu einem im Zusammenklang mit benachbarten

Allee und in der Simon-Dach-Straße 10.“

Bauten (Zwingli-Kirche am Rudolfplatz) unverwechselbaren Bild Berliner Stadtlandschaft geworden ist.

Architekturgeschichtliches zum Osram-Werk Die Produktions- und Verwaltungsgebäude des Berliner Glühlampenwerkes Narva sind ein wichtiges Beispiel für die Berliner

Einzigartige Baudenkmal-Verdichtung Die Gebäude 1, 3, 4 und 5 des Berliner Glühlampenwerkes bilden

Industriearchitektur aus dem Jahrzehnt vor dem Beginn des

zusammen mit anderen Baudenkmalen zwischen Warschauer

Ersten Weltkrieges. Die in kurzer Zeit, zwischen 1906 und 1914,

Straße und Rudolfplatz den Mittelpunkt eines an Baudenkmalen

errichteten 4 Gebäude sind Werke namhafter Berliner Archi-

aus dem ersten und zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts rei-

tekten. Sie stellen im einzelnen wie auch in ihrer Gesamtheit

chen Gebietes, welches in einer solchen Verdichtung einzigartig

prägnante Beispiele für den mit dem Beginn des 20. Jahrhun-

für Berlin ist (eingetragene Baudenkmale sind in diesem Gebiet

derts allmählich sich vollziehenden Wandel von einer histo-

der Osthafen, die Oberbaumbrücke, der Viadukt der Hoch- und

rischen, besonders romanische und gotische Stilelemente ver-

U-Bahn mit dem Endbahnhof Warschauer Brücke, die ehemalige

wendenden Industriearchitektur zu einer sachlichen, auch in

Höhere Webeschule von Ludwig Hoffmann am Warschauer

ihrer äußeren Gestaltung dem Zweck verpf lichteten Architektur

Platz, das Abwasserpumpwerk an der Rudolfstraße, die Zwingli-

dar, unbeschadet individueller Unterschiede: Kampffmeyers

kirche am Rudolfplatz); weitere denkmalwerte bauliche Anlagen

Bauten (Gebäude 3 + 5) zeichnen sich durch große, im Dekor

sind die Wagenhalle der Hoch- und U-Bahn von Alfred

mitunter wuchernde Phantasiefreudigkeit aus, Dernburgs Bau

Grenander, das Lehrerwohnhaus von Ludwig Hoffmann an

(Gebäude 1) durch strenge, dem Klassizismus verpf lichtete Ratio-

der Naglerstraße, das Umspannwerk am Rudolfplatz und die

nalität, die ähnlich auch am Gebäude 4, besonders in den Höfen

Schule von Ludwig Hoffmann an der Corinthstraße/Rudolfplatz.

begegnet.

Die Erhaltung der Produktions- und Verwaltungsgebäude des Glühlampenwerkes liegt deshalb im Interesse der Allgemeinheit.


57

» 1907

werken kooperieren. Der traditionelle Standort erstrahlt im neuen Licht.

Bei Narva gehen die Lichter aus Das Kombinat Narva wurde erst am 1. Januar 1969 gebildet. Zur

Der Streit um den Platz H (Rudolfplatz)

Zeit der Produktion im Narva-Kombinat arbeiten über 5800

James Hobrecht (1825 – 1902) wurde am 1. April 1859 zum

Menschen im Glühlampenwerk. Im Jahr 1993 wird die Produk-

Leiter des „Kommissariums zur Ausarbeitung der Bebauungs-

tion von Glühlampen am Standort Warschauer Straße nach

pläne für die Umgebung Berlins“ im Königlichen Polizeiprä-

80 Jahren eingestellt. Wo einst die ersten Osram-Glühbirnen und Lampen und Leuchten für den gesamten Ostblock produziert wurden, entstand auf einer Fläche von ca. 46000 m2 ein moderner Dienst-

sidium ernannt. Schon zwei Jahre später am 6. Dezember 1861 wurde die Planung abgeschlossen, 1865 noch einmal korrigiert. Für den Bezirk Friedrichshain gab es zwei Plan-Abteilungen: XIII für den Stadtteil nördlich der Frankfurter Allee und XIV

leistungs- und Gewerbestandort, die Oberbaum-City. Aus der

für das Stadtquartier südlich der Frankfurter Allee. Auf diesem

ehemaligen Glühlampen-Produktionsstätte ist eine Ideenfabrik

Bebauungsplan fußt alles, was zwischen 1893 (Schließung des

geworden, in der etablierte und junge kreative Unternehmen

englischen Wasserwerks) bis ins 20. Jahrhundert hinein mit

unterschiedlichster Wirtschaftsbereiche in verschiedenen Netz-

Straßen, Plätzen und Häusern im Quartier Rudolfplatz geschah. In der Vorlage Nr. 835 der Sitzung der Bau-Deputation von 1895 (835.Vorlage – zur Beschlußfassung – betreffend die Aufnahme von 5 neuen Straßen in den Bebauungsplan Abtheilung XIV auf dem Grundstücke der städtischen Wasserwerke an der Stralauer Chaussee und angrenzenden Grundstücken) befaßte man sich mit der Aufnahme von fünf neuen Straßen in den Bebauungsplan auf dem Grundstück des städtischen Wasserwerks und man beschloß:


835. Vorlage der Sitzung der Bau-Deputation, 1895 „Bei der großen Länge und Breite des zwischen dem Platz L und der Straße 46 bzw. Platz H zwischen der Stralauer Chaussee

Die Eigenthümer Koch und Goetze sind bereit, über diejenigen Leistungen, welche den Unternehmern der Anlage in den Bebauungsplan aufgenommener Straßen nach dem Ortsstatut obliegen, hinaus die Kosten der ersten Herstellung der Beleuch-

und Rudolfstraße belegenen Baublocks – ca. 390∑320 m – ist es

tungsanlage der Straßen, sowie für die Dauer der ortsstatua-

behufs zweckmäßiger Gestaltung der künftigen Bebauung im

rischen Unterhaltungspf licht die Kosten der Reinigung und Be-

öffentlichen Interesse geboten, denselben durch Anlagen von

leuchtung derselben, soweit die Straßen außerhalb des Terrains

Querstraßen aufzutheilen.

der Wasserwerke liegen, zu tragen.

Von unserer Bau-Deputation ist das aus beiliegende Uebersichtsplan ersichtliche Projekt aufgestellt worden, nach welchem

Außerdem erachten wir es für gerechtfertigt, daß den städtischen Wasserwerken, insofern diese eine besondere Vermö-

zwei Straßen in der Richtung von Osten nach Westen und drei

gensverwaltung haben, die Verpf lichtung auferlegt wird, das

Straßen in der Richtung von Süden nach Norden in Aussicht

von ihrem Grundstück zu den geplanten neuen Straßen und zur

genommen sind.

Stralauer Chaussee erforderliche Straßenland ohne Erstattung

Die Lage der von Süden nach Norden führenden Straßen

eines Werthes aus allgemeinen städtischen Mitteln abzutreten.

wird durch die Rücksicht auf die Grundstücksgrenzen bestimmt.

Jedem Privatgrundbesitzer würde die gleiche Verpf lichtung auf-

Die Eigenthümer der zwischen den Wasserwerken und der

erlegt werden. Es erscheint diese Auf lage bezüglich der Stralauer

Straße 46 belegenen Grundstücke Max Koch und Franz Goetze,

Chaussee um so mehr geboten, als alles übrige unentgeltlich

sind bereit, die neuen Straßen, soweit sie auf ihrem Terrain

hergegeben ist, so daß bei Feststellung der ortsstatuarischen An-

projektiert sind, als Unternehmer nach Vorschrift des Ortstatuts

lagekosten Grunderwerbskosten nicht in Anrechnung zu

auszuführen. Im Interesse einer günstigen baulichen Ausnut-

bringen sein werden.“

zung ihres Grundbesitzes muß die ihre Grundstücke in der Richtung von Süden nach Norden durchschneidende Straße so gelegt werden, daß von der westlichen Bauf luchtlinie bis zur Grenze der Wasserwerke ausreichende Bautiefe verbleibt.


59

Maximilian Koch und die Berliner Stadtväter

Die Versammlung beschließt die Einsetzung eines Ausschusses, der am 12. März 1894 tagt, 10 würdige Stadtverordnete

Seit Februar 1894 befaßt sich die Stadtverordneten-Versamm-

unter ihnen Wohlgemuth, der stellvertretende Vorsitzende.

lung mit Fragen der Regulierung der Chaussee nach Stralau von

Sie kommen zu dem Schluß, daß es sich empfehle: „[...] falls an

der Mühlenstraße bis zur Straße 45 und der Straße 46 in ihrer

dem vorgeschlagenen Tausche festgehalten werde, den p. Koch

ganzen Länge von der Stralauer Chaussee bis zur Straße 47.

noch außerdem zur Zahlung von 10 000 Mark zu veranlassen

In der Vorlage 123 vom 13. Februar 1894 hieß es: „Die dem Kauf-

und falls derselbe hierzu nicht geneigt sein sollte, von dem

mann Max Koch gehörigen Grundstücke an der Chaussee vor

Tausche überhaupt Abstand zu nehmen. [...] Gegebenenfalls von

dem Stralauer Thore Nr. 32 bis 36 werden [...] von den festgesetz-

dem Koch’schen Hinterlande eine Strecke von bis zu hundert

ten Bauf luchtlinien derartig geschnitten, daß [...] zusammen ca.

Metern Tiefe dazu zu erwerben, weil mit der Fertigstellung des

5 301 qm in Anspruch genommen werden, während zur Stralauer

Neubaus der Oberbaumbrücke und der Eröffnung der projek-

Chaussee zusammen 769 qm bestimmt sind. Der p. Koch hat

tierten Hochbahn [...] die ganze Gegend einen anderen Cha-

sich erboten, die genannten Flächen der Stadtgemeinde ohne

rakter annehmen und die bauliche Entwicklung derselben in

weiteres Entgelt aufzulassen, ist auch bereit, die zu dem Platz H

rapider Weise, ähnlich wie in anderen Stadtteilen an der Periphe-

erforderlichen Flächen [...] zusammen ca. 2443 qm der Stadt-

rie, vor sich gehen werde. Es würden dann auch hier städtische

gemeinde unter der Bedingung zu übereignen, daß ihm für die

Schulen z.B. errichtet werden müssen [...] Es erscheine daher

letzteren beiden Flächen das vor den Grundstücken Nr. 34, 35

angezeigt, zunächst noch mit dem p. Koch im Sinne dieser Vor-

und 36 an der Straße 47 gelegene städtische Gelände von ca.

schläge zu verhandeln.“

1 458 qm übereignet wird und die Chaussee nach Stralau [...] bis zum 1. Oktober 1895 auf städtische Kosten definitiv reguliert und anbaufähig gemacht werden.“ Die übrigen Eigentümer der an der Regulierung der

Am 3. April 1894 berichtet der Magistratsvertreter Stadtrat Voigt, daß der Kaufmann Koch „sich habe bereit finden lassen, die als Wertausgleich geforderten 10 000 Mark an die Stadtgemeinde zu zahlen, jedoch unter den folgenden Bedingungen, und

Stralauer Chaussee in Betracht kommenden Grundstücke hat-

zwar, daß ihm dieser Betrag bis zum 1. Januar 1900 gestundet

ten sich ebenfalls bereit erklärt, wenn die Stadt Pf lasterung und

werde.“

Kanalisation übernahm. Man sah den Vorteil, die nach starken Regengüssen unpassierbare Stralauer Chaussee im öffentlichen Interesse zu verbessern. In der Debatte über diese Vorlage verzeichnet der amtliche

Eine ausführliche Debatte der Stadtverordneten Versammlung am 18. April 1894 befaßt sich erneut mit der Frage. Der Stadtverordnete Gundermann äußert laut stenographischem Bericht: „wenn man sich diese Vorlage oberf lächlich ansieht, so

stenographische Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten-

kann man fast zu der Überzeugung gelangen, als ob der Ver-

Versammlung vom 22. Februar 1894, daß der Stadtverordnete

käufer der Stadt Berlin ein unerhörtes Geschenk macht, indem

Wohlgemuth meint: „So günstig liegt aber de facto die Sache

er das Straßenland und das Vorgartenland unentgeltlich an die

nicht. Man findet da nämlich, daß zu dieser großen Anzahl von

Stadt abgiebt. Die Stadt pf lastert ihm aber die Straße unent-

Quadratmetern, die der Eigenthümer Koch uns überreichen

geltlich dafür, also meine ich, ist das kein Geschenk. Im Gegen-

will, 5300 qm gehören, die ausschließlich Straßenland inner-

theil, auf der anderen Seite wäre es wohl richtig, von einem

halb seines Besitzthums sind, die er also abtreten müßte, wenn

Geschenk zu sprechen, denn die Pf lasterung kostet ca. 200 000

er sein Grundstück bebauen will, resp. deren Kosten er, wenn

Mark. Es ist also für den Besitzer eigentlich nur das Mittel

die Stadt sie übernimmt, der Stadt zurückerstatten muß. Es

zum Zweck. Er würde ungefähr drei oder vier Baustellen an der

bleiben also nur übrig 769 qm und 2 400 qm des Platzes H, und

Straße zu liegen haben, er öffnet sich aber durch die Straßen-

diese 2 400 qm des Platzes kommen eigentlich nur dem Grund-

durchlegung 25 bis 30 Baustellen.“ Er will die Sache wieder in den

stück zugute vor dem der Platz liegt.“

Ausschuß überweisen.


Baupolizeiordnung vom 15. Januar 1887 Als die wichtigste von ihr eingeführte Neuerung ist die Beschränkung der Bebauungsfähigkeit der Grundstücke zu betrachten. Bisher nicht bebaute Grundstücke dürfen fortan nur auf zwei Drittel, andere nur auf drei Viertel ihrer Grundf läche bebaut werden. Eine wichtige Rolle spielt in dieser Beziehung die Zusammenlegung der Höfe von Nachbarhäusern, die fortan viel häufiger möglich sein wird, als früher, da viele Grundstücke, die bisher mit zwei Seitenf lügeln bebaut werden konnten, künftig nur einen erhalten dürfen. Oft genug ist durch freiwilliges Einvernehmen der Nachbarn eine solche Verbesserung schon durchgeführt worden und selbstverständlich ist sie überall zur Anwendung gebracht worden, wo die Bebauung eines größeren Geländes in einheitlichem Sinne durch Baugesellschaften erfolgte. In Betreff der Art, wie die Miethshausbauten unserer Stadt hergestellt zu werden pf legen, hat sich das Zahlenverhältnis zwischen denjenigen Bauherren, die sich ein Haus errichten lassen, um es zu besetzen und zu verwalten und zwischen denjenigen, die das Haus lediglich als Unternehmer herstellen, um es demnächst als eine Handelsware zu verkaufen, zu Ungunsten der ersten Klasse verschoben – eine sehr natürliche Erscheinung, die man sogar als nothwendig anerkennen wird, wenn man weiß, welche Menge von Neubauten alljährlich geschaffen werden muß, um für die Vermehrung der Bevölkerung Obdach zu schaffen. Auch Baugesellschaften, die sich mit dem Bau von Miethshäusern – theils zu geschäftlichen Zwecken, theils aus

Upper East Side aus der zweiten Gründerzeit Das Stadtquartier Rudolfplatz entsteht also erst um 1900 jen-

socialen Beweggründen beschäftigen, sind mehrfach ins Leben gerufen worden und bestehen in größerer Zahl noch heute. Doch tritt ihre, vielfach auf die Bebauung bestimmter Gelände gerich-

seits des Stralauer Tores, als Baunachzügler in der zweiten

tete Thätigkeit durchaus zurück gegen diejenige der einzelnen

Gründerzeit, ein verspätet bebauter, vorrangig an mittelstän-

Bauunternehmer.

dische Mieter- schaft ausgerichteter Wohnhaus-Appendix zu

Diesem Umstande ist es wohl in erster Linie zu danken, daß

dem Teil der ehemaligen Stralauer Vorstadt, der dem erst 1920

die äußere Erscheinungen der Berliner Miethshäuser ein so indi-

entstehenden Bezirk Friedrichshain seine Prägung und auch

viduelles, zum Theil sogar künstlerisches Gepräge trägt, wie das

seinen Ruhm einbrachte. Die erste Wachstumsphase Berlins

wohl in keiner anderen Großstadt Europas der Fall ist. Die besten

nach 1870/71 hatte in dieser Stralauer Vorstadt zu einer dichten

Leistungen sind natürlich unter denjenigen Bauten zu suchen, die

„Mietskasernen“-Bebauung geführt: Stube und Küche – wie John

im Auftrage eines Bauherrn von Architekten geschaffen werden.

Staves berühmtes Anekdotenbuch heißt – prägten den Charak-

Doch setzen auch berufsmäßige Bauunternehmer einen gewis-

ter der Arbeiter- und Tagelöhner-Wohnungen, waren der Herd

sen Ehrgeiz darein, Miethshausanlagen mit besseren Wohnun-

von Volkskrankheiten und Kriminalität, die dem Berliner Osten

gen durch eine entsprechende Facade zu schmücken, deren

seitdem einen das ganze 20. Jahrhundert dauernden Imagever-

Entwurf sie zuweilen bei einem namhaften Baukünstler bestel-

lust eintrugen. Schlüssel zum Verständnis der sozialen wie architektonischen Sonderstellung des Stadtquartiers meines Urgroßvaters Koch

len, zuweilen aber auch unter der Hand von einem jüngeren, unbekannt bleibenden Architekten sich fertigen lassen. Die Gestaltung der Facaden, die manchmal sogar unter Verwendung

ist die Baupolizeiordnung vom 15. Januar 1887, über die in dem

echter Baustoffe, meist allerdings mit Stuckornamenten ausge-

Prachtband Berlin und seine Bauten zu lesen ist:

führt werden, spiegelt natürlich alle Stufen der sich ablösenden architektonischen Bestrebungen und Moden wieder, die hier aufgetaucht sind.


61

Der Berliner Osten

Nicht mal 10 000 km2

Daß es nicht stimmt, daß „fast ganz der Reiz des geschichtlichen

Bei seiner Bildung umfaßte der Bezirk Friedrichshain den über-

Hintergrunds“ fehlt, macht die Vergegenwärtigung dieser Vor-

wiegenden Teil des vormaligen Stralauer Viertels (Vorstadt) von

Geschichten klar.

Berlin, das seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert als östliche

Der Stadtchronist Wanja Abramowski hatte auch dazu im Auftrag des Kulturamtes Friedrichshain und des Heimatmuse-

Stadterweiterung auf der Berliner Feldmark entstanden war. Die Stralauer Vorstadt hatte zusammen mit der Georgenvorstadt

ums und deren rühriger Leiterin Heike Naumann zur Jahrtau-

als der ältesten Berliner Vorstadt ihren Ursprung im Mittelalter.

sendwende eine Siedlungsgeschichte des Bezirks Friedrichshain bis

Bereits im 19. Jahrhundert gehörte das spätere Bezirksterrito-

zum Jahr 1920 vorgelegt, in der es heißt: „Charakteristisch war, daß das bevölkerungsreiche Stralauer

rium zum Berliner Stadtgebiet, nur die Halbinsel Stralau kam 1920 aus dem Kreis Niederbarnim im Regierungsbezirk Potsdam

Viertel wie der größte Teil des Bezirks vor 1920 hieß, seit seiner

hinzu. Friedrichshain entstand aus dem östlichen Stralauer

Entstehung vor 330 Jahren kommunalpolitisch entmündigt war.

Viertel, dem die Landgemeinde Stralau, die südöstliche Königs-

Obwohl ebenso einwohnerstark wie die Stadt Charlottenburg,

stadt sowie der Park hinzufügt wurden.

verfügte es bis 1920 nicht über eine ebenbürtige politische Interessenvertretung und Wirtschaftsklientel. Die Verwaltung von Armut, Hunger und Krankheiten sowie der Mangel an Bildung, Kapital und bezahlbaren menschenwürdigen Wohnungen waren das Ergebnis einer stadtgeschichtlichen Entwicklung dieser Gegend, die nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges 1 648 begann. Der Verwaltungsbezirk V. Friedrichshain entstand erst mit dem am 27. April 1920 von der preußischen Landesversammlung beschlossenen „Gesetz über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin“ auf einer Fläche von 9095 km2“


Bezugspunkt Stralau

Industriestandort Rummelsburger See im Rücken

Mehrfach wird der Bezug zwischen Berlin und seiner Verbin-

Otto Hellmann hat über Stralaus Entwicklung von 1860 bis

dung zum Fischerdorf Stralau entlang des nördlichen Ufers der

zur Gegenwart berichtet: Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahr-

Spree erwähnt. Die Ausrichtung auf das Stralauer Tor, das von

hunderts war es mit der Idylle überwiegend vorbei, in Stralau

Erweiterungsphase zu Erweiterungsphase der Stadt immer

und Rummelsburg. Beachtliche Industriestandorte entstanden

weiter nach außen verlegt wurde, bis es schließlich auf der Höhe

in Boxhagen-Rummelsburg:

der heutigen Oberbaumbrücke auch bei der Errichtung der U-Bahn mit einem eigenen Bahnhof des gleichen Namens fixiert wurde, ist verständlich. Die Berliner Orientierung auf das kleine Fischerdorf, das bis

1844 eine Gerberei und die Leimsiederei Hallich, 1863 die Weddesche Kalkbrennerei, 1865 die Tonwarenfabrik und die Dampfschneidemühle von Simon , 1867 die drei Unternehmen: Gesellschaft für Anilinfabrikation, seit 1873 Actiengesellschaft für

zum Beginn des 19. Jahrhunderts 11 Höfe besaß, zwischen dem

Anilinfarben, die Woll- und Plüschwarenfabrik Lehmann und die

Rummelsburger See und dem Spreeverlauf, mag mit den Früh-

Norddeutschen Eiswerke, deren Inhaber zeitweilig Carl Bolle

formen von Fremdenverkehr, dem Renommé von Hecht, Barsch,

war, der aber hier wenig erfolgreich agierte und dem später erst

Zander, Wels, Schlei und Karpfen aus Stralau, mit Sicherheit

die blendende Geschäftsidee mit dem Milchhandel kam. 1888

aber mit dem außerordentlich bekannten Stralauer Fischzug zu

die Maschinenfabrik Georg Grauert, 1888 die Werft der Havel-

tun haben, der seit Beginn des 19. Jahrhunderts jeweils am 24.

Spree-Dampfschiffahrtsgesellschaft ‚Stern‘, 1888 die Holzverarbei-

August des Jahres gefeiert wurde.

tungsfabrik von Sommerlatte, später Gebrüder Opwis, 1889 die Bootswerft von Deutsch, 1889 die Stralauer Flaschenfabrik, die spätere Glashütte AG, und 1889 die Mörtelwerke von Gustav Weidner, an die heute nur noch eine halbverblichene Inschrift erinnert. Bis zur Gewerbeausstellung 1896 im gegenüber liegenden Treptow gab es zwischen dem Dorf auf der Halbinsel und Berlin, vor allem aber für den Teil dazwischen, keine Verbindung außer der, von der Stralauer Vorstadt und von dem Bereich vor dem Stralauer Tor zu sprechen.


63

Aus Straße A wird 1902 Markgrafendamm Im Jahre 1902 wurde der Markgrafendamm gepf lastert und mit seiner Bebauung begonnen. Der Brückengraben mußte zugeschüttet werden. Sein Bett liegt heute zum Teil unter der Straßenmitte. Die Bauarbeiten gestalteten sich auf dem weichen Moorgelände äußerst schwierig. Nachdem der Markgrafendamm, die Grenze zwischen Berlin und Stralau, als Straße angelegt war, kamen die anderen Straßen schnell nach. 1903 wurde die Friedrich-Junge-Straße und 1909 die Krachtstraße angelegt und bebaut. Ihnen folgte die Bahrfeldstraße. Johann Friedrich Wilhelm Junge war ein Berliner Kaufmann, der dem Ort für Schulzwecke ein Legat, die Friedrich-Jungsche-Stiftung, verehrt hatte. Die Benennung der Kracht- und Bahrfeldstraße erfolgte Stralauer Einwohnern zu Ehren. Kracht war der derzeitige Gemeindevorsteher und Bahrfeld der erste Schöffe des Ortes. Die Dorfstraße taufte man in „Alt-Stralau“ um. Ihre Verlängerung an der Kirche vorbei bis zum Schwanenberg erhielt nach dem Spreetunnel den Namen „Tunnelstraße“. Dem alten Julius Tübbecke zu Ehren benannte man die heutige Tübbecke-Straße, welche vorher als ein Teil des Markgrafendammes galt und Straße A hieß. Seit 1912 hat sich Stralau in baulicher Beziehung kaum noch

Treptow – Jwd – „Janz weit draußen“, gegenüber Stralau

verändert. Da aber nach dieser Zeit noch ein Teil der neu erbauten

Daß Treptow eindeutig nicht auf der East Side der Spree liegt,

Wohnungen leer stand, ist noch eine bedeutende Bevölkerungs-

muß nicht extra hervorgehoben werden, aber am Ende des

zunahme erfolgt:

19. Jahrhunderts gab es ein werbewirksames Ereignis, das für die Stralauer Vorstadt und insbesondere für die Gegend zwischen

1900:

1682 Einwohner

dem Stralauer Tor und dem idyllischen Ausf lugs- und Fischer-

1905:

3546 Einwohner

dorf von weitreichender Bedeutung war: Die Gewerbeaustellung

1910:

4127 Einwohner

vom 1. Mai bis 15. Oktober 1896, die nicht auf dem heutigen

1916:

4790 Einwohner

Messe-Gelände am damals noch nicht einmal erdachten Funk-

1919:

4872 Einwohner

turm im heftig darum kämpfenden Charlottenburg stattfand,

1925:

4979 Einwohner

sondern in Treptow. Die Berliner erfanden dafür die Abkürzung „Jwd“ – Janz weit

Die sichtbare Grenze zwischen Berlin und Stralau ist schon

draußen, aber das hätte für Charlottenburg auch noch gestimmt.

mit der Bebauung des Markgrafendamms verschwunden. Seit

Ausstellungen und Großveranstaltungen dieser Größenordnung

dem 1. Oktober 1920 ist auch die kommunale Grenze gefallen.

ziehen immer verkehrstechnische Infrastruktur-Maßnahmen

Stralau ist ein Teil der Millionenstadt Berlin geworden und

nach sich. So wie der S-Bahn-Ring für die Olympiade 1936,

als solcher nur noch ein Stadtbezirk mit einer Nummer, weiter

wurden vor 1889 Eisen- und Straßenbahnlinien entlang der Spree

nichts. Es ist der einzige Ort, der bei der Gründung Groß-

für die Weltausstellung geplant sowie der Neubau der Ober-

Berlins Alt-Berlin eingemeindet wurde. Im Gegensatz zu anderen

baumbrücke. Treptows „vollständiges Bild der industriellen Leis-

Berliner Stadtteilen wird Stralau stets seine Eigenheiten behalten.

tungsfähigkeit Berlins und seines Kunstgewerbes“ wurde zur

Den „Blinddarm von Berlin“ nennt der spottende Volkswitz die

Zugnummer für das Gelände unseres Viertels.

kleine Halbinsel, auf der es nur Sackstraßen gibt. Kein Durchgangsverkehr trägt den Straßenlärm der Innenstadt in diesen stillen Winkel. Ein Kleinstadtidyll in einer Millionenstadt! Der Reiz desselben wird durch die schöne Lage am Wasser und den nahen Treptower Park stets erhalten bleiben.


Berliner Gewerbeausstellung

Wallfahrt nach Treptow – mit Alfred Kerr

Nach dem Vorbild der Weltausstellungen in Paris, London, Wien

„Um zehn Uhr früh war alles auf den Beinen, Droschken konn-

und Philadelphia unterbreiteten ein paar namhafte Berliner

ten auch im entferntesten Westen kaum aufgetrieben werden;

1892 der Stadt den Vorschlag einer internationalen Ausstellung.

Berlin hatte einen einzigen Gedanken und eine einzige Wall-

Kaiser Wilhelm II. lehnte das stolze Ansinnen ab: „Der Ruhm

fahrt: Treptow.

der Pariser raubt den Berlinern den Schlaf. Berlin ist eine große

Und doch war es nur eine verhältnismäßig kleine Zahl von

Stadt, aber eine Weltstadt? Paris ist das große Freudenhaus der

Begünstigten, die gleich früh, zur offiziellen Eröffnung, zugelas-

Welt, darin liegt seine Anziehung, unabhängig von jeder Aus-

sen wurden – ein paar tausend Menschen. Was masculini generis

stellung. In Berlin gibt’s nichts, den Fremden zu fesseln. ... Nach

war, mußte im Frack erscheinen, die Frauensbilder kamen nach

6 Tagen hat er das rote Buch in der Hand, alles gesehen und reist

bestem Können verführerisch, im Frühjahrsschmuck.

erleichtert ab, im Gefühl, seiner Pf licht genügt zu haben. Der

Oben standen die zwölf hundert Bevorzugten,

Berliner sieht das nicht klar, jedoch ist dies das wahre Hindernis

sie umlagerten einen zweisitzigen Thron, etwas lockerer und

für eine Ausstellung.“

bequemer gruppiert; weit mehr Herren als Damen; massenhaft

Aber auch ohne Segen des Kaisers kam es 1896 im fernen

offizielle Persönlichkeiten. Der Kuppelsaal ist schwindelnd

Osten der Stadt auf 900 000 m2 im neu angelegten Treptower

hoch; fast an der Decke, verschwindend, ein Haufen von Herren

Park zu einer nationalen Industrie-Ausstellung. In prächtigen

im Frack auf einer Galerie: die berühmte Berliner Liedertafel;

Pavillons konnte das staunende Publikum die Wunder der

niemand beachtet sie heut. Unten ein Meer von Blumen, die

Technik betrachten, von denen nicht wenige auf der gegenü-

garnierten Hüte der Damen; eine ungezählte elegante Menge

berliegenden Seite der Spree konstruiert und gebaut worden

in einem riesigen, kühnen, feierlichen Raume. Hofuniformen,

sind: Kräne von Julius Pintsch, elektrische Geräte von Siemens

goldbestickte Röcke, weiße Hosen, fremdländische Kostüme;

und AEG, künstliche Farbstoffe der Firma Agfa. In Appetithal-

braune Gesichter, blauschwarze Schnurrbärte, geschlitzte

len wurde eine elektrische Wurstmaschine vorgeführt und der

Augen; Turbans und Kappen und Helme; exotische Attachés,

ehemalige Zimmermannsgeselle aus Mainz namens Lorenz

Stadtverordnete mit güldenen Ketten, Generale, Huissiers in

Adlon verdiente als Pächter der Imbiss-Stände zwischen der

Blau mit Silber und weißen Gamaschen, Journalisten im Frack

Cheops-Pyramide auf dem Rundgang durch Kairo in Berlin so

ohne Orden, Professoren im roten Mantel, höfische Würdenträ-

viel Geld, dass er später das französische Restaurant Rote Terras-

ger in Escarpins.“

sen im Zoo und 1907 das Hotel Adlon bauen konnte. Um zum Ausstellungsgelände zu gelangen, fuhr man entweder mit der 1877 fertiggestellten oberirdischen Ring-Bahn bzw. der 1881 eröffneten Stadtbahn zur Haltestelle „Treptower Park“ oder mit Pferd und Wagen über die ebenfalls gerade fertig gestellte neue Oberbaumbrücke, die mit ihren Türmen und Bögen fast wie eine romanische Burg wirkte. Trotz 5 Millionen. Besuchern wurde die Ausstellung ein Flop, auch wenn Alfred Kerr jubelte:

In Berlin fand nie mehr eine Weltausstellung statt, aber die Berliner Upper East Side war um eine Attraktion bereichert.


65

Die Tunnelbahn als Zugnummer

Da sowohl der Tunnel, als auch die Rampen eingleisig ausgeführt waren, wurden für die Durchfahrten besondere Sicher-

Stadtchronist Otto Hellmann berichtet, dass erst die Aktivi-

heitsmaßnahmen erforderlich. Anstelle der damals üblichen

täten der Gesellschaft für den Bau von Untergrundbahnen dem

mechanischen Signalanlagen bediente man sich der einfachen

Bemühen der Stralauer Gemeinde zum Erfolg verhalfen, durch

Methode des Staffettenstabes. Das Befahren des Tunnels war

den Bau einer Straßenbahn zwischen Berlin und Stralau An-

nur demjenigen Fahrer erlaubt, der im Besitz des Holzstabes

schluss an die Stadt zu finden. “Die Stadt Berlin hielt eine Unter-

war. Damit war auf eine äußerst einfache, aber für das damalige

tunnelung der Spree, deren Grund aus Schwemmsand besteht,

Verkehrsauf kommen ausreichende Weise die Sicherheit gewähr-

für unmöglich. Bevor der Magistrat dem Bauprojekt der Gesell-

leistet. Große Hinweisschilder an den Rampen wiesen auf dieses

schaft zustimmte, forderte er eine Untertunnelung des Flusses

Sicherungssystem hin. Außerdem überwachten Standposten,

außerhalb der Stadt.“. Der Bau dauerte von 1895 bis zur Eröff-

für die extra kleine Wärterbuden an den Rampen aufgestellt

nung am 16.September 1899, er hat ein Länge von 454 Metern,

wurden, die Stabübergabe. Im Volksmund bekam die Linie sehr

dazu Einfahrten von 128 Metern, ein Gefälle von 1:20, Fußpunkt

bald den Namen „Knüppelbahn“.

war 12 Meter unter dem Wasserspiegel. Eigentlich war der Tunnel ein Eisenmantel der von einem 12 cm breiten Betonring

Dem wunderbaren Friedrichshainer Schriftsteller John Stave gelang eine seiner trocken-witzigen Beschreibungen:

umgeben war. Leicht wer der experimentelle Bau nicht. Die Tunnel-Bahn, die von der Stralauer Halbinsel unter der Spree zum gegenüberliegenden Ufer mit dem Treptower Park führte, blieb länger als die extra errichteten Paläste für Chemische Industrie, für Fischerei und Gartenbau erhalten, zumal der Tunnel eine Propaganda- und Versuchsstrecke für den ehrgeizigen Plan eines Berliner U-Bahn-Netzes war. Die sogenannte „Knüppelbahn“ wurde nur gebaut, weil zwei große Elektrokonzerne sich mit unterschiedlichen Entwürfen bei der Stadt um die Errichtung elektrischer Bahnen bemühten: Siemens & Halske sahen eine elektrische Hochbahn vor, die AEG unter Führung von Emil Rathenau wollte seit 1891 einen unterirdischen Tunnelbau in Röhrenform. Die Stadt neigte mehr zum Hochbahnkonzept, aber sie vergab dennoch eine Konzession für den Versuchstunnel und so gründeten 1894 AEG, Philipp Holzmann AG und ein Bankenkonsortium unter Führung der Deutschen

Bank eine Gesellschaft für den Bau von Untergrundbahnen, Regierungsbaurat Schnebel war verantwortlich. Wilfried Seydel hat das in einer ausführliche Darstellung der Baugeschichte in den Verkehrsgeschichtlichen Blättern 1/1981 beschrieben:

Denkmal unter Wasser „Wir haben in Friedrichshain manches und manches haben wir nicht. Wir haben einen Weidenweg und keine Weiden dort, wir haben einen Wiesenweg und keine Wiese in der Nähe, wir haben einen Hochbahnhof und keine Hochbahn. Wir haben eine Tunnelbahn und keinen Tunnel. Die Wiesen hatten wir bis Anfang

Der Straßenbahntunnel zwischen Stralau und Treptow

1870, die Weiden hatten wir bis Ende 1888, den Tunnel bis Frühjahr 1945 und die Hochbahn bis Herbst 1961. Der Hochbahnhof,

Für den Betrieb der Bahn wurde noch im Jahre 1899 eigens eine

1902 eröffnet, ist noch tadellos erhalten und steht zwischen

Gesellschaft gegründet, die sich Berliner Ostbahnen GmbH

Warschauer Straße und Warschauer Platz sowie unter Denkmal-

nannte. Obgleich der Tunnel bereits im Februar 1899 fertigge-

schutz. Daß der Tunnel unter Denkmalschutz stünde, kann man

stellt war, konnte der Probebetrieb erst am 16.9.1899 aufgenom-

nicht behaupten.

men werden. Offiziell eröffnet wurde die erste Straßenbahnlinie,

Am 15. Februar 1932 war der Straßenbahnverkehr eingestellt

die durch den Tunnel führte, am 18.12.1899. Für die Strecke

worden, weil in den einzelnen Wagen durchschnittlich nur noch

Schlesischer Bahnhof – Treptow über Mühlenstraße, Stralauer

fünf Fahrgäste saßen. Nicht auszudenken, wie groß die Nach-

Allee, Alt-Stralau, Tunnelstraße standen 14 Trieb- und 17 Bei-

frage heute wäre. Wie gesagt, der Tunnel steht nicht unter Denk-

wagen zur Verfügung, die wegen des eingeschränkten Tunnel-

malschutz. Er steht unter Wasser.“

profils niedriger als die Wagen der anderen Berliner Gesellschaften gebaut werden mußten. Die gesamte Strecke wurde in 24 min, der Tunnel in 2 min durchfahren.


Von der Oberbaumbr체cke nach Mitte blickend, darf man sich einbilden, man komme 체ber das Weltmeer in die Stadt hinein, was sie auf der Stelle so gr체ndlich verkl채rt wie der Blick von oben herab. Michael Rutschky


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Bis 1893 blieb die Oberbaumbrücke eine hölzerne Zugbrücke. Als aber in den Neunziger Jahren des 19.Jahrhunderts entsprechend des Hobrechtschen Bebauungsplanes begonnen wurde, auch vor dem ehemaligen Stralauer Tor Mietshausbebauung voranzutreiben sowie im Zusammenhang mit der großen Gewerbeausstellung 1896, vor allem aber den ehrgeizigen Plänen von Siemens & Halske, eine elektrische Hochbahn zu

Oberbaumbrücke Wenn man Fremden erklären will, wo man in Berlin wohnt, wenn man am Oberlauf der Spree im Quartier Rudolfplatz lebt, bezieht man sich wie selbstverständlich auf Berlins imposan-

errichten, begannen Planungen für eine repräsentative Brücke, die nicht nur für Pferd und Wagen sondern auch als Viadukt für diese Bahn geeignet sein sollte. Nachdem zunächst eine Ausweichbrücke errichtet worden war, begann 1894 der Neubau nach den Plänen von Regierungs-

teste Brücke, die die ehemaligen Bezirke Kreuzberg und Fried-

baumeister Otto Stahn. Er konzipierte die zwei trutzigen

richshain verbindet: die Oberbaumbrücke, die in ihrer sanierten

Burgtürme nach dem Modell des Mitteltorturms von Prenzlau.

Restaurierung so erst wieder seit 1994 über die Spree führt und

Von den Zinnen grüßen der brandenburgische Adler und das

seit Oktober 1995 die ehemals in Mauerzeiten unterbrochene

Berliner Stadtwappen.

U-Bahnlinie 1 zum alten Endbahnhof Warschauer Straße, der früher Warschauer Brücke hieß, trägt. Heute heißen S- und U-Bahnhof gleich, was es für Fremde

„Bei der Ausbildung der Architektur ist der Gedanke maßgebend gewesen, daß die Brücke sich an der Stelle des alten Wassertors der Stadt Berlin befindet und auch jetzt noch den

einfacher macht, die Umsteige-Möglichkeiten zu erkennen. Wie

Eingang zur inneren Stadt bildet für den, der zu Schiff von der

täglich Zehntausende müssen sie aber zwischen den Bahnhöfen

Oberspree nach Berlin heimkehrt. Stadttorartig ist die Brücke

über die windige Warschauer Brücke laufen. Eine Oberbaumbrücke wird in den Annalen erstmals 1724

dadurch ausgebildet, daß neben der Mittelöffnung je ein acht Meter starker Pfeiler angeordnet ist, auf dem sich Warttürme im

allerdings nicht an ihrem heutigen Standort erwähnt. Die Stadt

Charakter altmärkischer Stadttürme in Ziegeln auf Granitunter-

war kleiner und der Oberbaum – eine Zollgrenze – lag da, wo

bauten ergeben, wie denn überhaupt die ganze Architektur den

heute die Jannowitzbrücke ist. Als die Akzisemauer begonnen

märkischen Backsteinstil zeigt.“ steht im stolzen Prachtbuch

wurde, verlagerte man diese Zollgrenze zum Stralauer Tor.

Berlin und seine Bauten von 1896. Und 1902 jubiliert der Chronist

Von 1737 ist eine Schilderung von zwei Berlin-Touristen

des Magistrats in einem Buch über Berlins Brückenbauten: „Wer

überliefert: „... eine auf eng gesetzten Pfählen ruhende hölzerne

sich dem Berliner Osten zu Wasser vom Oberlauf nähert, sieht

Brücke. Aber der Übergang war nicht für alle kostenlos. Für

die Brücke als ein mächtiges Wassertor einer mittalterlichen Stadt

Wagen und Pferde mußte Brückenzoll entrichtet werden, und

aufragen; er träumt sich beim Anblick all der Mauern, Quader

zwar für einen Frachtwagen einen Groschen, für eine Kutsche

und Zinnen und wird erst durch die auf der Mauerkrone dahin-

sechs Pfennige, für ein Karriol drei Pfennige und für jedes Pferd

rasenden Hochbahnzüge wieder in die Gegenwart zurück-

noch drei Pfennige außerdem. In der Mitte der Brücke war zwi-

gerufen.“

schen den Pfählen ein breiter Zwischenraum zur Durchfahrt

Endlich kann am 24.August 1895 der Schlussstein gesetzt

für die Schiffe. Die darüberführende Klappbrücke wurde soeben

werden für „die Krone aller Neuschöpfungen auf dem Gebiete des

aufgezogen, weil ein Kahn mit einer hohen Holzlast durchfah-

reichshauptstädtischen Brückenbaus“, wie die Berliner Illus-

ren wollte.“

trierte Zeitung schrieb:


Augenzeugenbericht von der „Schlussteinfeier“ der Oberbaumbrücke 24. August 1895 „Oberbaum-Brücke in Berlin

O, Oberbaum, O, Oberbaum

Am Sonnabend, den 24.d. hat die Schlussteinfeier dieser grössten

Nach Beginn des Mahles erhob sich Bügermeister Kirschner,

und eigenartigsten Brücke Berlins, leider vom Wetter nicht sehr

um den Trinkspruch auf den Kaiser auszusprechen. Von bau-

begünstigt, stattgefunden. Die Feier hatte diesmal ein beson-

lichen Organisationen und dabei erforderlichen Unter- und

deres Gepräge erhalten, indem die Tafel für die Arbeiter, Unter-

Überordnung leitete er zu den staatlichen Einrichtungen über,

nehmer und die übrigen Gäste der Bauverwaltung unter einem

als deren Spitze uns der Kaiser gilt. Stadtbrth. Dr. Hobrecht

der seitlichen Gewölbe hergerichtet worden war. Hier standen

wies in längerer Rede auf das gute Einvernehmen zwischen

noch die Grundpfähle vom Lehrgerüst, sodass sich in bequemster

Bauverwaltung und Arbeitern hin, wie es ein Bedürfnis der

Weise eine standsichere Dielung herstellen ließ. Die untere

Verwaltung sei, nach vollendetem Werke mit denen, die an dem

Fläche des 10 m breiten und etwa 30 m langen Gewölbes war

Zustande- kommen mitgewirkt hatten, auch froh zusammen

geschmackvoll bemalt, mit Guirlanden geschmückt und durch

zu sein und sprach allen den Dank der Verwaltung aus. Zum

Glühlampen erleuchtet. Auf der einen Stirnseite war eine Bühne,

Andenken wurde jedem Theilnehmer ein gefülltes Zigarren-

auf der anderen ein Springbrunnen errichtet. Fünf lange Tafeln

Etui mit der Aufschrift „Schlussteinfeier der Oberbaum-Brücke

waren aufgestellt; in der Mitte der mittleren Tafel, unter einem

am 24. August 1895“ überreicht. Unter gemeinsam gesungenen

mächtigen die Decke zierenden Bären, befanden sich die Plätze

Liedern ist das von Reg.-Bmstr. Alfred Brandt gedichtete O,

für die Magistrats-Mitglieder und Stadtverordneten.

Oberbaum, O, Oberbaum, besonders hervorzuheben. Den Dank

Kurz nach 7 Uhr, als der eingetretene starke Gewitterregen einen Augenblick nachgelassen hatte, erbat sich der bauleitende

der Gäste brachte Hofzimmermstr. Möbus, der den Bau von Grund auf ausgeführt hat und ihn auch seiner Vollendung ent-

Reg.-Bmstr. Bernhard von dem Bürgermeister Kirschner

gegen führen wird, aus; er bestand in einem Toaste auf die Stadt

die Erlaubnis, mit der Zeremonie beginnen zu dürfen. Letzter

Berlin, unser aller Nährmutter. Es begannen dann die Festspiele,

führte die 3 ersten Hammerschläge. Ihm folgten Stadtbrth. Dr.

in denen besonders die Arbeiter, unter denen sich zumtheil vor-

Hobrecht, die Stadtbauinsp. Gottheimer und Pinkenburg,

zügliche dramatische Kräfte befinden, mitwirkten. Eins betitelte

Stadtverordneter Diersch, Reg.-Bmstr. Bernhard, Ing. Unger-

sich

Nyborg, Hofzimmermstr. Möbus und Polier Mielke. Während

An der Ramme, ein zweites Wir vom Bau. Natürlich fehlte es nicht

der Hammerschläge begleitete Chorgesang die Feier. Der aus

an den nöthigen Anspielungen, die aber jeder gern und mit

Sandstein hergestellte Schlusstein zeigt auf seiner unteren Seite

gutem Humor über sich ergehen liess. Das Fest nahm so seinen

den Berliner Bären und die Jahreszahl 1895.

würdigen Verlauf und wird hoffentlich noch lange in der Erinne-

Freundlicher gestaltete sich der zweite Teil des Festes. Der Bogenraum fasste gegen 400 Personen, die von dem Pächter des

rung aller Theilnehmer bleiben. Pbg“ Deutsche Bauzeitung, Nr. 70, 1895

Rathauskellers Falkenberg musterhaft beköstigt und getränkt

Bei der Industriegeschichte-Spezialistin Maria Curter

wurden; zu dem Zwecke war unter dem ersten Brückenboden

kann man in ihrem Beitrag über die Oberbaumbrücke unter der

eine vollständige Küche eingerichtet worden.

Überschrift Immer Grenze lesen:


69

» 1902

Die Oberbaumbrücke – immer Grenze

Zwischen zwei Welten

Der U-Bahn-Bau zog sich noch hin. Aber am 18. Februar 1902

Durch einen Luftangriff am 10. März 1945 wurde der Bahnhof

war es soweit: Die erste U-Bahn Berlins fuhr vom Bahnhof

Stralauer Tor, der übrigens ab 1924 Osthafen hieß, total zerstört

Stralauer Tor bis Potsdamer Platz – acht Stationen mit 19 Fahr-

und ist, im Gegensatz zu allen anderen beschädigten Bahnhöfen,

gästen. „Damen mit ungeschützter Hutnadel“ waren laut Polizei-

als einziger nicht wieder aufgebaut worden. Vermutlich konnte

verordnung vorerst ausgeschlossen von diesem Vergnügen. Diese

man auf ihn verzichten, da die Entfernung zum Schlesischen

Strecke wurde zur Stammlinie des künftigen U-Bahn-Netzes

Tor 470 Meter und die zur Warschauer Brücke etwa 320 Meter

– der U 1. Heute führt sie vom Bahnhof Warschauer Straße bis

betrug.

Krumme Lanke – quer durch die Stadt. Noch im Jahre 1902 wurde die Endhaltestelle Warschauer Brücke (heute Warschauer

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, am 23. April 1945, hatte die Wehrmacht das Mittelstück der Brücke gesprengt, um

Straße) eingeweiht und die Linie bis zum Bahnhof Knie (Ernst-

den nahenden Truppen der Roten Armee den Spreeübergang

Reuter-Platz) verlängert.

unmöglich zu machen. Mit der Teilung der Stadt in vier Sektoren

Im heutigen U-Bahn-Netz sucht man die Station Stralauer

wurde die behelfsmäßig wieder instand gesetzte Brücke Grenze

Tor vergeblich. Es gibt sie nicht mehr. Aber wer aufmerksam die

zwischen dem amerikanischen und dem russischen Sektor. Bis

inzwischen restaurierte Oberbaumbrücke von Kreuzberg nach

Mitte der 50er Jahre fuhren neben der U-Bahn auch Autos und

Friedrichshain in dem kreuzgwölbeähnlichen Gang überquert,

Straßenbahnen darüber. Danach wurde die Brücke für den Stra-

der findet noch Spuren des Bahnhofs. Zwischen dem Ende der

ßenverkehr gesperrt, sie gehörte nun den Fußgängern und

backsteinernen Brücke auf Friedrichshainer Seite und der

der U-Bahn.

Stralauer Allee sind vier Paare, mit Sandstein verkleidete Stütz-

Nach dem 13. August 1961 war sie nicht mehr passierbar

pfeiler vorhanden. Auf ihnen ruhte die zweigleisige Bahnsteig-

– hier verlief jetzt die befestigte Grenze zwischen Ost- und

halle. Linker Hand, an der Ecke Am Oberbaum und Mühlen-

West-Berlin. Die U-Bahn endete am Schlesischen Tor, und die

straße, war der Zugangsturm. Über eine Fußgängerbrücke, die

Brücke, auf der sie die Stralauer Allee überquerte, wurde auf

die Oberbaumbrücke überspannte, gelangte man zur U-Bahn.

östlicher Seite 1968 abgetragen. Der stillgelegte Bahnhof War-

Architektonisch war der Bahnhof eine Mischung aus den Bahn-

schauer Brücke diente viele Jahre dem Ostberliner Taxi-Betrieb

höfen Prinzenstraße und Görlitzer Bahnhof (eröffnet als Bahn-

als Mietwagenzentrale und dem Glühlampenhersteller Narva

hof Oranienstraße): Die Errichtung des ersten Endhaltepunktes

als Lagerraum.

erfolgte nach Entwürfen des Siemens-Baubüros.

Ende 1963, als das erste Passierscheinabkommen zwischen

Mit der Bildung der Großgemeinde Berlin im Jahre 1920

der DDR und dem Senat geschlossen wurde, durften West- und

wurde die Oberbaumbrücke wieder Grenze – diesmal zwischen

Ostberliner mit besonderem Visum als Fußgänger die Brücke

den neugebildeten Verwaltungsbezirken Kreuzberg und

überqueren. Ansonsten war sie über 28 Jahre lang Niemandsland

Friedrichshain.

– bis sie 1989 wieder zu einer Verbindung der ehemals geteilten Stadt wurde.


Spürbarer Zeitenbruch Es gibt, auch wenn es nicht augenfällig und vordergründig zu sein scheint, einen Zusammenhang von Topographie und Biographie, eine Spannung zwischen dem Erlebten und Erinnerten und der architektonischen Szenerie, vor dem sich das Erlebte abspielt. Viele Biographien sind so auf anderen städtischen Bühnen nicht erzählbar: Wasser, Hafen, Eisenbahn und Brücken, die Fabrik und die Wohnwelten um das Ruhezentrum des Rudolfplatzes herum, nebenan die Stralauer Halbinselidylle und gegenüber die Treptower Parkwelt prägen das Bild eines Berlin im Osten, das ganz anders als sein schlechtes Image erscheint. Berlins Upper East Side ist charakterisiert durch die demon- strative Präsenz der Vergangenheit des industriellen Aufschwungs mit der Elektrotechnik im Berliner Osten, der entscheidenden Vision Emil Rathenaus, der selbst im Osten, in Oberschöneweide lebte und dort auch – wie sein Sohn Walter Rathenau – beerdigt wurde und den Visionen von Architekten wie Hoffmann, Messel, Kampffmeyer, Grenander und eben auch Koch, für die Menschen, die diesen Aufschwung ermöglichten, angemessenen Lebens- und Wohnraum zu schaffen. Heute fällt im Gegensatz zum Beginn des 20.Jahrhunderts die Heterogenität der Wohnraumbebauung auf, die wie die Narben der Geschichte den Körper des Quartiers zeichnet und den Zeitenbruch spürbar macht. Diese Mischung aus Gründerzeiten-Architektur, veritablen Industriebau-Denkmälern und klassischem Zeilenbau der Nach-

Topographische Skizzen Der Architektur-Historiker Jan Feustel hat 1994 in einer Publikation des Heimatmuseums Friedrichshain mit dem liebevollen Titel Wilhelminisches Lächeln – Bauten von Hoffmann und Messel

kriegszeit ist der sinnfällige Ausdruck für die Unterschiede

im Bezirk Friedrichshain die beiden Architekten Ludwig Hoff-

der Lebens- und Erfahrungswelten in der ersten und zweiten

mann und Alfred Messel gewürdigt, deren öffentliche Bauten

Hälfte des 20.Jahrhunderts. In den Biographien erkennt man im

auch unseren Stadtteil prägen:

Gegensatz zu den Gebäuden noch eher „... an allem, was jetzt ist, sein schöneres Nichtmehr“, wie Botho Strauss schreibt. Wenn im Folgenden eine kunterbunte Mischung von topographischen Skizzen und Lebenserinnerungen versucht wird, bezieht sich das auf die nicht unwichtige Herkunft des Wortes „Kunterbunt“, das nämlich von contrabund, dem Kontrapunkt kommt, und es soll auch so gelesen und verstanden werden.


71

Bauten des Wilhelminischen Berlin Es ist bezeichnend, daß sich im typischen „Wohnbezirk der kleinen Leute“ Friedrichshain relativ viele Werke von Hoffmann und auch Messel befinden. Ludwig Hoffmann hatte als Stadtbaurat nicht nur die Aufgabe, gerade auch in den dicht bevölkerten Stadtteilen die notwendigen öffentlichen Bauten, vor allem Volksschulen zu errichten. Er selbst wie die zeitgenössischen Architekturkritiker sahen darin „eine herrliche Mission ..., die glänzendsten architektonischen Leistungen in die trostlosen Bezirke an den Grenzen des Weichbildes hineinzusetzen“ und „Inseln des Geschmackes ... in diesem Meer der Banalität ... in den Außenvierteln“ zu schaffen. Alfred Messel war Mitglied im Vorstand von Vereinen zur Reform des Arbeitermietshauses und entwarf beispielhafte Anlagen mit Kleinwohnungen. Auch der Märchenbrunnen, der „nach Umfang wie nach Mitteln alles übertraf, was die preußische Hauptstadt vordem im Dienst der Kunst unternommen hatte“, wurde bewußt „in der kindergesegneten Gegend eines stark bevölkerten Stadtteils“ errichtet, damit „sein Anblick Tausende im Alltag der Arbeit und in den Feierstunden erfrischen und erfreuen könnte“. Der „wilhelminische Kompromiß“, durch Sozialgesetzgebung wie durch Reform

Inseln des Geschmacks

der Lebensverhältnisse der Arbeiter die sozialen Konf likte und Spannungen zu befrieden, um die deutsche Wirtschaft interna-

Das Berliner Stadtbild in der Regierungszeit Kaiser Wilhelm II.

tional konkurrenzfähig zu halten und das politische System zu

wurde entscheidend geprägt durch die Bauten der beiden Archi-

stabilisieren – dies spiegelt sich auch in den Projekten wie in den

tekten Alfred Messel und Ludwig Hoffmann. Von Jugend

architektonischen Details der Neuberliner Bauschule wieder,

an befreundet, schufen sie an den öffentlichen Gebäuden der

bis hin zu persönlicher Haltung und Engagement beider Archi-

Stadt unter Verwendung verschiedener historischer Vorbilder

tekten.

eine spezifische Bauweise, eine architektonische Haltung, die

Hoffmann spricht in seiner Autobiographie von „freund-

sich durch „Reduktion und Vereinfachung des Formenappa-

lichen Räumen“, „liebenswürdigen Details“ und „guten stim-

rates“ und freien „manieristischen“ Umgang mit den tradierten

mungsvollen Bauten“, die an den offiziellen Gebäuden „Ver-

Stilzitaten auszeichnet. Dabei suchten sie für die großen neuen

trauen erwecken“ und „Wohlwollen ausdrücken wollen“ wie auf

Bauaufgaben, die die sich herausbildende Industriegesellschaft

die Aufwertung jener Architektur durch assoziative Stilzitate,

stellte, funktionell wie ästhetisch anspruchsvolle, beispielge-

z.B. Volksschulen in der Gestalt von Barockschlössern, „vor-

bende Lösungen zu finden, sei es das Warenhaus, das Arbeiter-

nehme“ Treppenhäuser in Wohnanlagen für die Unterschichten.

mietshaus, die Volksschule oder das Krankenhaus.

All jenes entspricht dem „wilhelminischen Lächeln, welches

Die von beiden repräsentierte Neuberliner Bauschule stellt

das, was die wilhelminische Reform nicht leisten kann, wenig-

den letzten und umfassendsten Versuch dar, die akademisch-

stens anerkennt“. In diesem Sinne repräsentieren die Bauten von

historische Bautradition geschmackvoll den konstruktiven

Messel und Hoffmann im Bezirk Friedrichshain das

Anforderungen der modernen Großstadtarchitektur anzupassen.

Wilhelminische Berlin.

Damit verfiel ihr Werk dem Verdammungsurteil der nächsten Architektengeneration, die nach dem ersten Weltkrieg im Neuen Bauen die Abkehr von jeder akademischen Tradition vollzog und eine rein funktionalistische Ästhetik vertrat.


Links Mädchen, rechts Jungen Ingrid B. „Zu Ostern 1934 bin ich zur Schule gekommen. Der Schulweg war nicht lang, auf der anderen Seite des Rudolfplatzes. Wir waren eine reine Mädchenklasse. Links im Gebäude waren die Mädchen, rechts die Jungen untergebracht. Auf dem Schulhof war eine weiße Linie gezogen, damit die Jungen nicht auf die Mädchenseite liefen und umgekehrt. Nach der Pause mußten wir uns alle in Reih und Glied aufstellen, um wieder in die Klassenzimmer zu gehen. In der großen Pause aßen wir unser Butterbrot und tranken eine kleine Flasche Milch, Kakao oder Fruchtmilch dazu. Am Freitag mußten wir das Geld dafür mitbringen, es war ein verhältnismäßig geringer Betrag. Die Kinder, deren Eltern kein Geld hatten, bekamen das Getränk umsonst. Der Tornister wurde auf dem Rücken getragen. Zuerst lernten wir auf einer Schiefertafel schreiben. Der Wischlappen für die Tafel, der ja feucht sein mußte, hing an der Seite aus dem Ranzen raus. Später war dann der Tintenwischer daran angebunden. Wir schrieben dann mit Federhaltern aus Holz, mit einer Sütterlinfeder. Zuerst lernten wir noch die Sütterlinschrift, erst in der 3. Klasse

Schule am Rudolfplatz Die städtebaulich beeindruckendste Anlage unter Ludwig

kamen die lateinischen Buchstaben dazu. In der Volksschule hatten wir alle zwei Wochen Duschen. Ja, das ist richtig. Ein Badezimmer hatte kaum eine Wohnung. In der Schule

Hoffmanns Schulbauten im Bezirk Friedrichshain ist wohl die

war ein großer Duschraum mit mindestens 40 Duschen. Da wurde

Gemeindedoppelschule am Rudolfplatz, an der Corinthstraße

die ganze Klasse, erst von ihren Müttern, dann alleine abgeschrubbt.

(ehemals Goßlerstraße).

Bevor man die Dusche verließ, kontrollierte die Lehrerin, ob man

Die 227. Gemeindeschule war als evangelische Knaben-

sich auch richtig abgeseift hatte. Einmal bin ich zurückgeschickt wor-

schule am 1.4.1899, die 281. Gemeindeschule als evangelische

den, ich hatte Rubbeln an den Hacken. Mir war das so peinlich, daß

Mädchenschule am 1.4.1906 gegründet worden.

ich es bis heute nicht vergessen habe. Sonst ist mir aus meiner Volks-

Der ausgeführte Entwurf für den Neubau der Gemeindedoppelschule mit einer Revier-Inspektion der städtischen Gas-

schulzeit nicht mehr viel in Erinnerung. Nur, daß ich mich morgens immer auf den Schulweg freute, nicht der Schule wegen, nein, weil

werke und einer Steuerannahmestelle wurde von der Stadtver-

ich meine geliebte Freundin Susi sehen konnte. Es war ein bitterer

ordnetenversammlung am 3.6.1909 genehmigt, die Bauerlaub-

Schlag für mich, als 1937 oder 1938 ihre Eltern in Biesdorf ein eigenes

nis am 7.3.1910 gegeben, und am 2.12.1910 mit dem Bau begon-

Haus bauten und sie nach Biesdorf zog. Der Kontakt riß aber nicht

nen. Am 1.10.1911 wurde die Schule in Benutzung genommen,

ab. Wir besuchten uns oft und freuten uns darauf, daß wir wieder

und am 17.6.1912 offiziell eingeweiht. Die Kosten des Schulbaus

in eine Klasse kämen, wenn wir zum Lyzeum kämen, denn Biesdorf

waren auf 988.000 Mark veranschlagt. Der Entwurf wurde von

gehörte zum gleichen Einzugsgebiet wie die Beymestraße Aus unserer

Hoffmann unter Mitarbeit des Stadtbaurates Herold bearbeitet

Klasse kamen nur zwei Mädchen auf das Lyzeum (Lyzeum = Ober-

und ausgeführt. Hoffmann war mir dieser Baugruppe sehr zufrieden: „Es

schule für Mädchen; Gymnasium = Oberschule für Jungen). Das war nicht nur eine Frage der Begabung, sondern auch des Geldes. Der

ist nicht oft möglich, in einer eng bebauten Millionenstadt solch

Besuch der Mittelschule kostete 20 Mark im Monat, der der Ober-

malerische Baugruppen zu bilden, welche den nahen Häuser-

schule 40 Mark im Monat. Zum Vergleich: unsere 2-Zimmer Woh-

massen sich angenehm anfügen.“ Die Schule beherrscht das gesamt Stadtviertel; die Mittelachse (und damit auch die Sichtachse des vorderen Hofes) ist auf die Zwingli-Kirche auf der anderen Seite des Rudolfplatzes gerichtet, die Mansarddächer mit dem Uhrturm geben von verschiedenen Stadtorten (z.B. von der Bahn her) einen dominierenden Blickpunkt. In der Achsenverbindung zur Kirche, dem „pavillonf lankierten“ Vorhof, den Risaliten und dem Mitteltürmchen der Hauptfront, auch in jener dominierenden Monumentalität stellt sich hier – noch stärker als bei den anderen Schulen des Bezirkes – die Assoziation zum fürstlichen (spätbarocken) Schloß her.

nung kostete 42,50 Mark im Monat. Ostern 1939 war es dann endlich so weit. Wir mußten nach der Anmeldung zur Schule, eine Woche Probeunterricht dort machen, bevor die Aufnahme bestätigt wurde.“


73 vorgezogen und in den drei Mittelachsen die Segmentbogentore des Haupteinganges – Durchfahrt und f lankierende Portale – angeordnet. Auch in den Dachformen differieren beide Fronten – die Mansardwalmdächer an der „Hauptfront“ am Warschauer Platz tragen Fledermausgaupen, an der Naglerstraße wird das Dach durch dreiteilige rechteckige Dachfenster (stehende Gaupen) gegliedert. Die Hoffassaden übernehmen diese Gliederung in schmuckloser Putzarchitektur. In einer zeitgenössischen Publikation wird dies Gestaltung der Fronten von Hoffmann durch die Umgebung motiviert: „Große in Ziegelrohbau ausgeführte Geschäftsbauten verlangten auch hier eine große Ziegelarchitektur.“ Außerdem sollte in der Fassade „der Zweck des Gebäudes als Webeschule angedeutet werden“. Die Grundform dieser Fassaden ist abgeleitet von der wohl berühmtesten Schöpfung Alfred Messels, dem WertheimWarenhaus, das in verschiedenen Bauetappen zwischen 1896 und 1904 an der Leipziger und der Voßstraße entstand.

Höhere Webeschule / FHTW am Warschauer Platz

Wenn ein Bau erzählen könnte

Im Berliner Osten gehörte die Weberei ursprünglich zu den

Wenn das Grundstück und der Bau erzählen könnten, würde

Hauptgewerben. 1910 wurde der Bau eines neuen Schul-

die Geschichte der Benutzung dieses Gebäudes am Warschauer

gebäudes am Warschauer Platz 6–8 durchgehend bis zur Nagler-

Platz einen erneuten Verweis auf Politik und Gesellschaft geben.

straße beschlossen.

Wo heute das Domizil angehender BekleidungsgestalterInnen

Der Magistrat genehmigte am 16.3.1911 den Entwurf zum Neubau von Ludwig Hoffmann bei einem Kostenvoranschlag

und KommunikationsdesignerInnen beheimatet ist, die auch interdisziplinäre Projekte realisieren, wurde gleich zu Beginn

von 1.280.000 Mark, am 29.4.1911 wurde die Baugenehmigung

des Ersten Weltkrieges ganz gegen die im März 1912 umbenann-

erteilt, und am 11.1.1912 begannen die Bauarbeiten. Am 1. Okto-

te Höhere Fachschule für Textil- und Bekleidungsindustrie (vorm.

ber 1914 war der Vierf lügelbau bis auf die Malerarbeiten, Lino-

Städtische höhere Webeschule) zunächst ein Lazarett eingerichtet

leumfußböden und einen Teil der inneren Einrichtung vollendet.

und die Chemiker der Kaiser Wilhelm Gesellschaft forschten an

Am 12.5.1912 erhielt die städtische Webeschule die neue Benen-

Chlorgasen im Auftrag der Obersten Heeresleitung. Erst im

nung: Höhere Fachschule für Textil- und Bekleidungsindustrie.

Wintersemester 1919/20 beginnt der hochfrequentierte Unter-

Allerdings wird der Bau noch 1915/16 unter dem Namen Höhere

richt richtig.

Webeschule von Hoffmann publiziert. Mit dem Schluß des

Am Ende des Zweiten Weltkrieges dient das Haus bis zur

Sommerhalbjahres 1919 übersiedelten dann die Abteilungen

Spaltung der Stadt als Ersatz-Rathaus des Bezirks Friedrichshain,

der Textilfachschule in den Neubau. 1924 war die Zahl der Schü-

der 54,3 % seiner Wohnungen und Wohnräume und 44,2 % seiner

ler und Schülerinnen auf über 1000 gestiegen, die Schule war

Bevölkerung im Krieg verloren hatte. Von hier aus wurden alle

damals die größte ihrer Art auf dem europäischen Festland.

Versorgungsfragen wie die Lebensmittelverteilung, aber auch

Während die Hoffronten und die freistehenden Giebel verputztes Backsteinmauerwerk zeigen, sind die beiden Straßenfronten mit roten Klinkern verkleidet. Diese beiden Fassaden von

Zwangseinweisungen, Berufung von Obleuten und Hilfspolizei mit weißen Armbinden geregelt Heute wird das Gebäude wieder im Sinne seiner Errichtung

17 (Warschauer Platz) bzw. 18 (Naglerstraße) Achsen weisen eine

als Fachbereich für Gestaltung der FHTW genutzt mit den

analoge Gestaltung auf: Schlanke Wandpfeiler mit gotisierender

Abteilungen für Bekleidungstechnik, Bekleidungsgestaltung,

Gliederung (an jeder Kante drei übereck gestellte Rundstäbe,

und Kommunikationsdesign.

durch Kehlen verbunden) laufen absatzlos vom Kellergeschoß bis zum stark vortretenden Dachgesims durch. Die Wandflächen zwischen ihnen sind durch ebenfalls durchgehende dünne Rundstäbe dreigeteilt, die schmalen (dreiteiligen) Fenster werden von Kleeblattbögen geschlossen, die Brüstungsfelder darunter sind mit zierlichem, filigranhaftem Maßwerkschmuck aus (runden) Blendbögen und -rosetten überzogen. An der Front zum Warschauer Platz sind jeweils vier Seitenachsen risalitartig


Der 17. Juni 1953 Dieter O. „Angefangen hat das gar nicht in der Stalin-Allee, sondern im Neubau des Krankenhauses Friedrichshain. Die bauten damals das Bettenhaus. Und die Bauarbeiter, die kamen nach Friedrichshain und die haben also am Morgen, d.h. den Abend des 15. hatten die wohl schon eine Versammlung und haben auch eine Petition verfasst, und am 16. morgens haben sie gesagt, wir machen eine Demonstration. Und da sie ja bloß ein kleines Häufchen waren, haben sie gesagt, na, wir müssen noch unsere Kollegen von der Stalin-Allee holen. Und die sind dann über die Friedensallee die Stalin-Allee hochgezogen, gen Westen, wo damals gerade die Proskauer Straße am Bau war. Ich war damals Lehrling. Ich war auf dem Block am Frankfurter Tor. Wir sahen dann so einen Zug kommen und riefen dann immer: ‚kommt, reiht euch ein, wir wollen nicht länger Sklaven sein‘ und so. Und meine lieben Kollegen waren da schon drüben. Ließen Kelle und Mörtel stehen und reihten sich ein. Unser Lehrausbilder, der zog nicht mit Richtung Westen. Und wir Lehrlinge, wir mussten nun den Rest, den die liegen gelassen hatten, wegräumen. Der Beton war nicht abgedeckt und die Mischer liefen noch. Und der hat dann uns Lehrlinge, um den größten Schaden zu vermeiden, über die Baustelle gescheucht und wir mussten also quasi aufräumen. Aber die Unruhe war natürlich zu groß. Und gegen Mittag haben wir dann gesagt, lass uns jetzt nach Hause, hat ja eh keinen Zweck. Dann weiß ich, ich bin dann nach Hause, zum Rudolfplatz, habe mich auf mein Rad geschwungen, bin also dem Demonstrationszug hinterher. Der war also inzwischen zur Leipziger Straße gekommen, sie waren da im Haus des Ministeriums angekommen, da war ja diese berühmte Szene, wo der Tisch stand und jemand fing seine Rede an, liebe Kollegen, und dann brüllten alle. Aber ich kam nicht sehr weit, ich kam also nur bis zum Anfang der Leipziger Straße. Ich bin dann wieder zurück. Am nächsten Tag bin ich dann zur Arbeit, das war 16. oder 17. Dann wurde es ja brenzlig. Dann kamen die Arbeiter von Hennigsdorf. Und dann war um 10:00 Uhr oder 11:00 Uhr der Ausnahmezustand. Dann rollten ja dann die Panzer. Und dann hat tagelang die Arbeit geruht und es war Ausnahmezustand auf der Straße.“


75

Erinnerungsspaziergang 1936 mit Erika A.

die haben dann alles zerstört, seine zwei Töchter mitbegraben und alles. Na, danach kam Zunzt, Seelige Witwe, das war ein kleiner Kaffeeladen. Naja, dann kam ja schon Bäcker Langhans, das war die

„Damals hatten wir ja auch hier in den Häusern überall einen Portier.

Bäckerei, dann kamen die Kurzwaren, auch zwei große Schaufenster.

Der hatte eine Portierswohnung, das war eine Ein-Raum-Wohnung.

Dann kam Schulz mit seinen Kolonialwaren und Weinen und dann

Die machten sauber, die kümmerten sich weiter, es wurde abge-

um die Ecke war dann Hinz und Küster und dann kam vor Schulz

schlossen, da wurde der Hof saubergemacht, das gehörte hier alles

noch ein Laden, wo jetzt noch die Lebensmittel drin sind, die gehörten

so mit dazu. Und dann gehörte dieses hier, das war Nummer 52 und

zusammen, die hatten zwei Söhne. Na und dann ging es ja zum

der Nebenaufgang Nummer 50, das war ein Haus, das ging bis um

Markgrafendamm. Dann kam das Kino. Hier gegenüber war dann

die Ecke rum Bödeckerstraße 6, das war ein Eckhaus, da war der

der Lumpensammler, das war auch wichtig. Altpapier, Zeitungen.

Konfitürenladen von Frau Pilz. Und dann war hier gegenüber Frau

Dann Metzner, auch zwei Schaufenster mit Kaffeerösterei und die

Steinig, das war eine Jüdin, die sind aber beizeiten noch weggegangen,

ganze Straße roch dann nach Kaffee. Und dann kam Hockenkamp

die haben noch verkauft. Da hat Mutti noch Sachen, einen Tisch,

und Neumann, war auch wieder Lebensmittel und Kolonialwaren.

gekauft und das durfte ja keiner wissen. Ja also da hatten wir hier den

Und nun kauften sie ja alles in Tüten, es war ja nichts Abgepacktes,

Konfitürenladen, dann war da der Schneider, und dann war dieses

die haben ihnen ja alles verkauft. Ich sage, wenn sie Butter kriegten,

große Eisenwarengeschäft. Also Töpfe, Waschzeug und hinten der

dann kriegten sie sie so mit der Kelle, in Papier. Ja und dann war der

Raum mit einer Mangel, wo wir runter mussten, noch mit der Hand-

Kuhstall von Böttcher und daneben hatten sie natürlich ihren kleinen

mangel, da musste ja noch gedreht werden. Und dann kam dieser

Milchladen. Da haben wir nun am meisten gekauft, weil da so

Kolonialwaren, Kolberg, das Kolonialwarengeschäft, wo wir unser

Kleinigkeiten waren, die Pfennigartikel. Dann kam ein Frisör, ja das

Viertelliter Milch und die Kleinigkeiten immer geholt haben. Und

war mehr Herrenfrisör, das war Fink, der Frisör. Na und dann kam ein

dann kam ein Fleischer Balzer, dann kam der Bäcker, das war Kunze,

Uhrmacherladen, dann war die große Wäscherei. Wäsche mit Heiß-

der war Konditormeister, und der ist dann aber noch vor dem Krieg

mangel alles, der Fleischerladen Haupt, das war ja auch ein guter

nach dem Westen gezogen, mit der Konditorei. und dann hatten die

Laden. Dann war da der Blumenladen und dann an der Ecke war

Kollerts den Laden, die ganzen Jahre und danach war es dann Bäcke-

eine große Gaststätte, mit Tanzsaal. Das weiß ich noch, weil meine

rei Bröde. Die haben ja jetzt, na vor ein paar Jahren, schon wieder zu-

Freundin, die wohnte hier im Nebenaufgang. Ihre Eltern sind dann

gemacht. Das war alleine hier unser Haus mit diesem Geschäft. Und

dahingegangen, das war damals: ‚ich tanze mit dir in den Himmel

dann kam der große Gemüseladen, Lachotta, und dann kam der

hinein‘, diese Lieder. Das war ja nun noch 1936/37, vor dem Kriege

Reichelt und danach kam ein Frisör, Damenfrisör, da habe ich meine

noch. Das ist nun bloß noch hier dieses kleine Stückchen, dann kam

erste Dauerwelle bekommen, für fünf Mark. Dann kam eine Kneipe,

aber gleich hier auf unserer Seite weiter noch der Zigarrenladen, von

dann kam der große Schreibwarenladen mit zwei Schaufenstern und

der Mutter von Peter Frankenfeld, dem Fernsehunterhalter. Dann

nach dem Kriege war dann dort Fisch-Müller drin. Der hatte seinen

kam ein Wochenmarkt, an der Ecke, wo heute die Kaufhalle steht,

Laden hier in der Bödickerstraße und da waren ja dann die Bomben,

da war der Wochenmarkt.


Die Pumpstation XII pumpt die Abwässer des Stralauer

Die Pumpstation in der Rudolfstraße beschrieben von Dina Sperl

Viertels und der angrenzenden Gebietsteile der Nachbargemein-

Die Pumpstation XII war der erste Gebäudekomplex, der am

feld nach Falkenberg. Da die umliegenden Gebäude am Platz

den Lichtenberg und Rummelsburg-Boxhagen auf das Riesel-

damals noch unbebauten Rudolfplatz entstanden ist. Sie wurde

erst später, meist nach der Jahrhundertwende entstanden sind,

1889 –1890 von den Architekten Richard Tettenborn und

hat die Pumpstation XII eine Erschließungsfunktion für den

Karl Meier auf Berliner Magistratsgelände errichtet. Mit

Rudolfplatz inne. Die Typhus-Sterblichkeit ging seit 1890 in

Maschinenhaus, Kesselhaus, dem freistehenden Schornstein,

Berlin proportional zum Anschluß der Grundstücke an die

Beamtenwohnhaus, Verwaltungsgebäude und der Einfriedung

Kanalisation drastisch zurück. Somit stiegen die Grundstücks-

stellt sie ein geschlossen erhaltenes, auch heute noch betriebenes,

preise und die Vermietbarkeit der Wohnungen auch am

technisches Denkmal dar.

Rudolfplatz.

Das Pumpwerk XII ist Teil eines Abwasser-Entsorgungssystems, das sich über ganz Berlin erstreckt.

Die Pumpstation ist ein, nicht nur für die Erschließung des Rudolfplatzes, sondern auch für die Geschichte Berlins bedeu-

Auf Drängen des berühmten Professors Rudolf Virchow,

tendes Denkmal. Sie bezeugt den Abschluß des seit den 70er

wurde nach langwierigen Untersuchungen 1869 James Hobrecht

Jahren des 19. Jahrhunderts gebauten Kanalisationssystems

als leitender Techniker für die Entwässerung Berlins verpflichtet.

nach der Planung Hobrechts. In ihrer heute noch erlebbaren

Hobrecht hatte sich zusammen mit dem Ingenieur Friedrich

Geschlossenheit mit den erhaltenen Pumpen und der Trans-

Salomon Wiebe über die Technologie der Kanalisation in Städten

missionsanlage, ist die Pumpstation ein seltenes, in ihrer ur-

wie Dresden und Danzig, aber vor allem in London und Paris vor

sprünglichen Funktion belassenes, technisches Denkmal, das

Ort informiert.

heute noch seinen Dienst tut.

Für Berlin entwarf er das Radialsystem, dessen erste Planung auf den Parzellierungs-Plan von 1862 zurückreicht. Die Weichbildgrenze der Stadt wurde in 12 Entwässerungsgebiete zerlegt, in jedem Gebiet war die Errichtung einer Pumpstation vorgesehen. Die gesammelten Abwässer sollten mit Hilfe von dampfgetriebenen Pumpen über ein voneinander unabhängiges Kanalsystem auf in der Peripherie gelegene Rieselfelder befördert werden.

Lediglich der für diese Pumpstation typische Schornstein ist Ende der Fünfziger Jahre „gefallen“.


77

Kante spielen Dieter O.

Du bist ab! – Du bist wohl! Als die Straße unser Spielplatz war

„Ein ganz beliebtes Spiel in Berlin war das sogenannte Kante-Spiel.

„Gewiß, es gibt auch heute noch zahllose Kinder, die, wenn die Witte-

Das kann man heute wahrscheinlich auch gar nicht mehr spielen,

rung es nur einigermaßen gestattet, auf der Straße spielen, aber die

weil zu viele Leute die Straße lang laufen und dann nervös werden.

Kinder sind anders geworden, die Spiele sind anders geworden, und

Das Kante-Spiel konnte man eigentlich nur in Berlin spielen, wo die

der ganze Charakter dieses Tummelns im Freien hat sich grundsätz-

Häuser draußen diesen verputzten Sockel haben. Man stellte sich

lich geändert. Es ist heute vor allem auf die von Staat und Stadt

also an einen Rinnstein, das war also die Marke, wo man stand, man

angelegten Sport- und Spielplätze konzentriert, so daß es eigentlich

setzte ein Bein auf den Bürgersteig und ein Bein auf den Damm, so

zu den Seltenheiten gehört, daß Kinder, besonders im Innern der

hatte jeder seinen bestimmten Abstand hatte und warf einen Tennis-

Stadt, direkt auf der Straße spielen.

ball in Richtung Häuserwand und versuchte diese Kante zu treffen.

Da war in erster Linie das Rollschuhlaufen, das keineswegs als

Wenn man diese Kante traf, kam der Ball in einem hohen Bogen auf

Sport mit allen möglichen Rekordversuchen aufgefaßt wurde, sondern

einen zurück. Jetzt war es daran, mit möglichst viel Geschick diesen

als Spiel, das man möglichst mit anderen Spielen verband. Auf Roll-

Ball zu fangen. In der unterschiedlichsten Art. Das primitivste war

schuhen spielte man Einkriegezeck, auf Rollschuhen schlug man

noch mit beiden Händen. Man versuchte mit einer Hand zu fangen.

Kreisel, auf Rollschuhen trieb man blitzgeschwind den Trudelreifen

Man konnte ihn überkreuz fangen. Man konnte ihn fangen, indem

vor sich her. Fast in jeder Stadtgegend gab es eine weniger frequen-

man die Hand unter das hochgehobene Bein streckte. Man konnte

tierte Seitenstraße, die von der Jugend stillschweigend als Rollschuh-

ihn fangen, indem man sich umdrehte. Und für jede Art bekam man

bahn annektiert wurde.

Punkte. Also das war ein wunderbares Wettkampfspiel.“

In diesen Straßen befanden sich in der Regel auch die schönsten und beliebtesten Murmellöcher, und war dies tückischerweise nicht der Fall, so übte man praktische Selbsthilfe, entfernte heimlich, still und leise einen Stein, und schon konnte das Spiel losgehen, das – ach, wie so oft! – mit Zeter- und Jammergeschrei endete, wenn einer ‚bamm‘ war und seine hübschen, bunten Kugeln sich sämtlich in dem Murmelsack des geübteren Freundes befanden. Besonders schmerzlich, wenn dabei auch der ‚Bucker‘, die prächtige, große Glasmurmel, in Verlust geraten war, mit der, nach feststehender Tradition, die anderen Murmeln in Bewegung gebracht wurden, falls ‚buckern‘ oder ‚nippen‘ ausgemacht war. Schwestern und Kusinen waren in den Flegeljahren, als man gegen alles Weibliche despektierlich war, überhaupt ein beliebtes Objekt für alle möglichen Neckereien. Wehe dem armen Jungen, der es wagte, mit Mädchen zu spielen! Schon war er bei seinen Klassengenossen als ‚Weiberkusch‘ unten durch. Es gab ja einige entartete Sprößlinge, die, den Argusaugen ihrer Kameraden entrückt, sogar Vergnügen am ‚Himmel- und Hölle-‘ oder am Tambourinspiel hatten. Aber das waren Ausnahmen. Die meisten Jungen ließen nur bei einem Spiel Gnade vor Recht ergehen und das auch nur dann, wenn sie selbst nicht zahlreich genug waren, um zwei Parteien zu bilden, und das Spiel war der Völkerball. Völkerball war in den Jahren vor dem Kriege das Feldgeschrei! Völkerball wurde auf dem Schulplatz und in der Turnhalle, auf den Plätzen und auf den Straßen gespielt; manche Fensterscheibe ist dabei den Weg alles Irdischen gegangen, manche Beule hat es am Kopfe gegeben – der Völkerball war nicht unterzukriegen. Überall konnte man die lieblichen Kreidestriche sehen, die die Male andeuteten, überall die melodischen Rufe: ‚Du bist ab‘ und die entrüstete Antwort: ‚Ick? Du bist wohl!‘“ (Berlin im Osten, 24. April 1927)


Ein elektronischer Stützpunkt – Das Umspannwerk beschrieben von Alexander Hoff Der Bau eines Umspannwerkes am Rudolfplatz war durch eine gestiegene Energienachfrage in diesem Gebiet und dem damit verbundenen Wunsch nach einer funktionierenden, schnellen Stromversorgung, sowie den damit erforderlichen, technischen Einrichtungen notwendig geworden. Bei dem Gebäude handelt es sich um einen nach Außen nicht sichtbaren Stahlskelettbau mit einer Mauerwerksausfachung. Das viergeschossige Haus wurde 1909 durch den AEG -Architekten Springmann auf einer großen Mietshausparzelle errichtet. Ein erweiternder Umbau fand 1927 durch Karl Martin statt. Hierbei wurde dem rückwärtigen Teil des Komplexes ein sogenannter „Elektrischer Stützpunkt“ angefügt. Bei der Gestaltung der Straßenfront schlägt der Bau einen interessanten Weg ein. Während die Fassadeneinteilung auf Grund der Kolossarordnung und die durch vier nebeneinander angeordneten Rundbogenfenster zusammengefaßten beiden unteren Geschosse noch ganz dem akademisch, funktionalen Industriebau des ausgehenden 19. Jahrhunderts zuzuordnen sind, verweisen die beiden oberen Geschosse bereits auf die beginnende Frühmoderne. Die Belichtung erfolgt hier durch eng gesetzte, vertikale Fensterschlitze, welche die beiden oberen Geschosse zusammenfassen. Durch eine Vereinfachung der Form wurde eine optische Vereinheitlichung erreicht. Diese vertikale Fassadenrhythmisierung hat ihren ästhetischen und formalen Ursprung im berühmten Kopf bau des Warenhauses Wertheim von Alfred Messel am Leipziger Platz (1903). Durch einen technisch bedingten Planungswechsel während der Bauzeit konnte somit bei der weiteren Fassadengestaltung auf einen gewandelten, modernen Formenkanon eingegangen werden, der für die folgenden Jahre obligatorisch werden sollte. Dies trifft vor allem auf die Bauten von Hans Heinrich Müller zu, welcher nach der Gründung der BEWAG (1923), Chefarchitekt des Unternehmens wurde. Der Gebäudekomplex nimmt auf Grund seiner Proportionen und seiner Dach- und Fassadengestaltung (Fenstersolbänke, Schmuckfries) Bezug auf die umliegende Bebauung (Kirche) und paßt sich hierdurch gut in die Mietshausarchitektur ein. Dabei wird mit der klaren Klinkerfront aber auch die eindeutige, technische Funktion des Hauses aufgezeigt. Trafos sind aber in diesem Gebäude schon seit der Wende nicht mehr in Betrieb und bis vor einem Jahr residierte in dem zum Büro und Werkstättenbetrieb umgenutzten historischen Bauwerk die BEWAG -Grundstücks - und Liegenschaftsabteilung.


79

Die Wäschemangel, damals Rolle genannt – man ging zum

Waschtag, Mangeltag Ingrid B.

Wäsche rollen – war noch keine Heißmangel. Auch konnte man bei

„Alle vier Wochen war Waschtag in Berlin. Oben auf dem Hausboden

nen waren noch nicht aus bügelfreiem Material. Spitzengardinen

war die Waschküche, daneben der Trockenboden. Man mußte

aus Baumwolle wurden nach dem Waschen gestärkt und dann auf

den beiden alten Damen seine Gardinen spannen lassen. Die Gardi-

sich bei der Hauswartsfrau – Frau Venske – anmelden, wann man

einen Rahmen gespannt. Das Gestell muß man sich vorstellen wie

waschen wollte. Am Nachmittag vor dem Waschtag bekam man

heute Kinderspielzeugtafeln sind, nur viel größer und stabiler. Die

dann den Schlüssel für die Waschküche. Dann wurde am Abend noch

Leisten waren in Höhe und Breite verstellbar und dicht bei dicht mit

die weiße Wäsche eingeweicht. Am nächsten Morgen wurde dann

Stiften bestückt, die die Gardinen hielten. Wahnsinnsarbeit und

ganz früh der Waschkessel angeheizt. Die Wäsche mußte dann ca.

daher ziemlich teuer. Wer Spitzengardinen hatte mußte schon reich

20 Minuten kochen. Dann wurde sie mit der Wäschezange aus dem

sein. Wir hatten Madrasgardinen, die meisten Leute aber hatten

kochenden Wasser gehoben und in einen Holzbottich gelegt. Auf dem

keine Gardinen vor den Fenstern. Madras war hauchdünner Baum-

Waschbrett (Rubbelbrett) wurde jedes Stück mit der Hand gerubbelt.

wollstoff in weiß, in Leinenbindung. Dann gab es noch die Voile-

Daneben stand die Wanne mit dem ersten Spülwasser. Die Hände

Gardinen, auch weißer Stoff, aber mit bedeutend dichterer Bindung.

waren danach aufgesprungen von der heißen, scharfen Seifenlauge.

Voile-Gardinen waren überwiegend im Schlaf- und Kinderzimmern

Nach zweimaligem Spülen und dem Auswringen mit der Hand

angebracht. Sie gaben dem Raum eine heitere, leichte, helle Atmos-

wurde die Wäsche aufgehängt. Dann wurde in der heißen Lauge

phäre. Ein Problem war das Waschen der Gardinen in Berlin alle-

noch die bunte Wäsche gewaschen. Abends um 5 oder 6 Uhr war das

mal. Schon damals war die Luft dort schmutziger als auf dem Lande.

Werk dann vollendet.

Zwar gab es noch kaum Autos, die Abgase in die Luft bliesen, jedoch

Da wir kein Badezimmer in der Wohnung hatten, hatte dann meine Mutter noch einen Kessel mit Wasser heiß gemacht, und wir drei haben dann in der Waschküche gebadet. Die Zeit während des Tages war so knapp, daß ich in der Woh-

war viel Industrie vorhanden. Unsere Nachbarn haben meine Mutter immer um ihre weißen Gardinen beneidet. Im Frühjahr wurden die ganzen Gardinen der Wohnung nach Achim zu meinen Großeltern geschickt. Dort wusch meine Großmutter sie und dann wur-

nung Kaffee gekocht habe, Brötchen oder Kuchen geholt habe und

den sie mehrmals auf dem Rasen zum Bleichen ausgelegt. Während

beides in einem kleinen roten Korb zu meiner Mutter in die Wasch-

des Tages, an dem die Sonne scheinen mußte, wurden sie, sobald sie

küche brachte. In der Wohnung durfte eigentlich keine Wäsche zum Trocknen

etwas trocken wurden, wieder mit der Gießkanne naß gemacht. Die Rasenbleiche war die beste Art, Wäsche wieder weiß zu bekommen.

aufgehängt werden. Im Sommer war es in der Waschküche unter

Während des Sommers kam auch so unsere gesamte Unterwäsche

dem Dach sehr heiß. Im Winter dagegen fror die Wäsche auf dem

aus Berlin einmal zur ‚Behandlung‘ nach Achim zu den Großeltern

Trockenboden sofort an der Leine fest.

aufs Land.“


Die kleine Holzkapelle auf dem Rudolfplatz Bevor sich die Andreas-Gemeinde zum Bau einer zunächst als Gustaf Adolf-Kirche, später nach Einspruch von höchster majestätischer Autorität als Zwingli-Kirche geplanten Kirche am Rudolfplatz entschliessen konnte, stand der stetig wachsenden Gemeinde in dem neuen Stadtteil nur eine kleine Holzkapelle zur Verfügung, die nur mit atemraubenden Karbidlampen beleuchtet wurde und Ohnmachtsanfälle der Lieblingstochter von Maximilian Koch, meiner Grossmutter, bewirkt haben sollen. Dass diese allein die Spendenwut der örtlichen Bau-Tycoons Steinhändler Koch und Zementhändler Tabbert und Gärtnereibesitzer Goetze sowie der Auer-Gasglühlicht AG ausgelöst haben sollen, erscheint mir eher doch Legende. Die auf einer alten Postkarte noch zu sehende Hilfskirche

Die Kirche als Erschließungs-Vorposten Der Kirche kam zwar nach wie vor eine städtebaulich große

verschwand übrigens nicht spurlos, sondern fristete noch

Bedeutung zu, sie verlor aber die vor der Jahrhundertwende

als Friedhofskirche in Friedrichsfelde ein Gnaden-Dasein.

verbreitete Funktion eines Erschließungsvorpostens, der in freigestellter und hervorgehobener Lage die nachrückende Besied-

Die Zwingli-Kirche, beschrieben von Henning Schulz Vor dem Hintergrund nachlassender Religiosität und zuneh-

lung gewinnbringend beschleunigen sollte. Das Einengen in die Bauf lucht der benachbarten Häuser ließ keinen Raum für den traditionell geforderten, freistehenden Grundrißtypus des lateinischen Kreuzes. Die repräsentative Gestaltung mußte sich

mender Kirchenaustritte legten die zuständigen kirchlichen Bau-

auf die Straßenseite – die Schauseite – beschränken. Eine wei-

herren betont Wert auf Kirchengebäude, die Traditionsbewußt-

tere Veränderung betrifft die bisher zu der „baukünstlerischen“

sein und nicht zuletzt staatliche Autorität vermitteln sollten.

Gestaltung „empfohlenen“ historisch entwickelten „christlichen

Die Union aus Thron und Altar schien soziale Spannungen durch

Stile“. Sie kamen teilweise unter den Einf luß des Jugendstils.

Ehrfurcht erweckende bauliche Präsenz lösen zu wollen. Diese

Dieser wurde aber von den eher konservativen kirchlichen Bau-

Haltung blieb nicht kritiklos. Hohe Grundstückspreise und

herrn nur als „modernisierender Versuch“ aufgefaßt und auch

fehlende Geldmittel setzten zusätzlich den Baubestrebungen

nur akzeptiert, wenn er den „würdigen“ Charakter der Erschei-

ihre Grenzen. Darüber hinaus weigerte sich der Magistrat

nung nicht beeinträchtigte. Der Kirchenbau der Zeit um 1900

immer häufiger, für die Neubauten das Patronat zu übernehmen

deutet eine langsame Abkehr von der Orientierung an tradierten

oder sonstige Kostenbeiträge zu gewähren. Waren die Neunziger

Grund- und Aufrißformen an, die aber eher durch die nach-

Jahre des gerade erst vergangenen 19. Jahrhunderts, mitgeprägt

lassende Bedeutung der Kirche hervorgerufen zu sein scheint,

durch einen regelrechten Kirchenbauboom, gefördert durch

als durch eine bewußte Auseinandersetzung mit den sich zu-

den unter der Schirmherrschaft der Kaiserin stehenden Kirchen-

nehmend rascher verändernden gesellschaftlichen Bedingungen.

bauverein, so hatten sich um 1900 die Bedingungen für den Kirchenbau, aber auch für die Entwicklung einer neuen Gemeinde verschlechtert. Sichtbarstes Anzeichen dieser Situation ist die Einbindung der Gebäude und gegebenenfalls eines Gemeindehauses, wenn die finanzielle Lage es zuließ, in den Baublock.

Zwingli-Kirche-Läuten, Dieter O. „Wenn um 18:00 Uhr abends die Glocken läuteten, dann hieß es immer nach Hause, da waren wir ja nun nicht so begeistert. Von der Zeit her hat man einen ganz bestimmten Rhythmus gehabt und ist damit auch verwachsen. Das habe ich zeitlebens empfunden, dieses Geläut der Zwingli-Kirche ist eine Heimat. Ich weiß bloß immer, wenn wir irgendwo im Urlaub waren und zurückkamen, ich habe wirklich diese Zeit um 18:00 Uhr herbeigesehnt, um dieses Geläut anzuhören. Diese drei Glocken waren so herrlich aufeinander abgestimmt in ihrer Tonart, hatten so einen schönen Klang. So was habe ich also nirgendwo, in keiner Stadt, in keinem Dorf, in keinem Ort wiedergefunden.“


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Kirche für 20 000 Seelen im Quartier

lien einer fast homogen evangelische Bevölkerung des jungen Viertels mit immerhin 20 000 „Seelen“ – also dreimal soviel wie

Die Zwingli-Kirche veranschaulicht sehr eindringlich die skiz-

heute – tätig wurden, waren Hermann Lehmpfuhl und Paul

zierten Veränderungen im Kirchenbau der Jahrhundertwende.

Reese. Ab 1920 folgten ihnen Pfarrer Dr. Dr. Kurt Horn und

Dies um so mehr, als ihr die ungüngstige Ecklage zumindest

zunächst als Hilfsprediger Arnold Winter, der ab 1926 die

den Vorteil von zwei Schauseiten verschafft, die für die monu-

Pfarrstelle übernahm und über dreissig Jahre, durch NS -Zeit,

mentale Wirkung des Gebäudes sehr geschickt genutzt werden. Der Bevölkerungszuwachs der Viertel vor dem Stralauer Tor führte 1897 zu der Bildung einer Tochtergemeinde aus der

Krieg und DDR-Auseinandersetzungen mit der Evangelischen Kirche der prägende pastorale Hirt seiner Gemeinde blieb. Die Orgel stammt von dem Orgelbaumeister Dinse. Sie ist

St. Andreas-Kirchengemeinde. Bis zu dem Bau der „Kapelle

heute die einzige erhalten gebliebene ihrer Art in Berlin. Die

am Rudolfplatz“ im Jahr 1900, hielt die Gemeinde ihre Gottes-

Zwingli-Kirche gehört zwar zu den von der Kaiserin geförderten

dienste zunächst in einem Hinterhaus der Stralauer Allee ab.

Kirchenbauten, wurde aber überwiegend durch Spenden

Zu diesem Zeitpunkt zählte sie bereits an die 20 000 „Seelen“.

wohlhabender Gemeindemitglieder und der ansässigen Industrie

Bereits 1903 entwarf Jürgen Kröger für die Tochterge-

finanziert. So wurde die Beleuchtung und die gesamte elektrische

meinde im Auftrag von St. Andreas einen Kirchenneubau mit

Anlage von der Auer-Gasglühlicht AG, der späteren Osram, gestiftet.

1167 (laut Bauakte 1086) Sitzplätzen, dessen Bau aber erst im

Das Gemeindehaus wurde schließlich 1927 – 28 nach einem

September 1905 begann. Das in die Planung eingeschlossene

Entwurf von Fritz Buch verwirklicht. Seine architektonischen

Gemeinde- und Pfarrhaus wurde aus finanziellen Gründen

Formen weisen typische Merkmale des Expressionismus auf. Es

nicht gebaut. Eine Auseinandersetzung mit dem Magistrat um

paßt sich sehr gelungen zwischen Kirche und Wohnbebauung ein.

die Übernahme des Patronats, oder eine Beteiligung an den Baukosten, Planänderungen nach verschiedenen Gutachten und überarbeiteten Kostenvoranschlägen, sowie verlängerte Geneh-

Neue Aufgaben für die Zwingli-Kirche

migungsverfahren füllten die Zeit bis zum Baubeginn aus. Die

Die Weichen sind gestellt, damit sich die fast 100 Jahre alte

Feier zur Grundsteinlegung erfolgte am 29. April 1906.

Zwingli-Kirche am Rudolfplatz wieder mit Leben füllt. Vor 1989

Die Einweihung fand im Beisein des Kronprinzenpaares

als Bücherlager der Staatsbibliothek und danach für kurze Zeit

und der Gesandten der Schweiz und Schwedens am 09. Februar

wieder kirchlich genutzt, soll eine ökumenische Jugend-Kirche

1908 statt. Im gleichen Jahr, laut Urkunde mit Wirkung vom

entstehen. Der Gedanke dahinter ist, dass Jugendliche eigenver-

01. September, trennte sich die Zwingli-Gemeinde als selbstän-

antwortlich das Gotteshaus betreiben. Am Konzept arbeitet im

dige Parochie von der St. Andreas-Gemeinde ab. Am 24. Januar

Auftrag und in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche

1909 wurden die zwei Pfarrer der Gemeinde in einem Fest-

und freien Trägern der Jugendarbeit die Stattbau-Stadtentwick-

gottesdienst offiziell eingeführt. Die ersten Pfarrer, die beide von

lungsgesellschaft.

1909 bis 1919 in der Zwingli-Kirche für die kinderreichen Fami-


Vom Markgrafendamm aus zurück in Richtung Rudolfplatz, vor-

Erinnerungsspaziergang 1935 mit Ingrid B.

bei an meiner ersten Schule (eingeschult 1935), dann bogen wir

„Von der Beymestraße aus gingen meine Eltern oft mit mir am Sonntag

Gehwege an den Seiten mit behauenen, kleinen Steinen ausgelegt,

wieder in die Beymestr. ein. Die Fahrbahn war Kopfsteinpflaster, die

durch die Allee bis zum Durchgang nach Stralau, da, wo auch die

die Gehplatten große Granitplatten, auf denen man herrlich mit

‚5 Minuten Brücke‘ anfängt. Man brauchte 5 Minuten, um von einem

Kreide eine ‚Hopseleiter‘ aufmalen konnte.

zum anderen Ende zu gelangen. Jetzt fährt von der Treptower Seite aus die Weiße Flotte ab. Auf halber Höhe der Brücke war damals eine

In fast jedem Haus der Straße waren unten zwei Geschäfte, also die meisten Dinge zum täglichen Leben waren in der Straße oder

Badeanstalt in der Spree. Gerne bin ich da nicht Baden gegangen,

aber zumindest in den Nebenstraßen zu kaufen. In Nr. 1 war im ersten

alles, die Stege, die Treppen, die Absperrungen waren aus Holzlatten,

Stock die Polizei. Unten ein großer Laden, ich glaube ‚Bolle‘. In Nr. 2

alles glitschig und moderig. Ein hoher Holzzaun trennte die beiden

war ein Kurzwarenladen. Dann kam eine Kohlenhandlung. In den

Badeabteilungen für Männer und für Frauen voneinander. Ist auch

nächsten Häusern waren die Läden zu Wohnungen umgebaut. Die

Mitte der 30er Jahre geschlossen worden. Direkt am Ende der Brücke

Häuser 1 bis einschließlich 5 wurden im Kriege zerstört. Im Haus Nr. 6

im Treptower Teil lagen Tennisplätze, die wurden im Winter über-

hatte ein Klempner Harke sein Geschäft. In unserem Haus Nr. 7

flutet um als Eislaufflächen zu dienen. Es müssen wohl strenge Win-

hatte rechts meine Mutter ihren Laden, Obst, Gemüse, Kartoffeln,

ter gewesen sein, denn wir sind oft dort zum Eislaufen gewesen. Die

Eier, Butter, Margarine usw.. Auf der linken Seite war das Milchge-

Schlittschuhe wurden unter die Stiefel geschraubt. Auf dem Heimweg

schäft von Herrn Scholz. Dann kam ein Elektriker mit Bügeleisen und

merkte man dann schon, daß die Haut über dem Stiefelende anfing,

Lampen im Schaufenster. Weiter hoch war Kaufmann Greulich

rauh zu werden. Nachts wurden die Stellen dann dick mit Vaseline

(Sie war aber auch greulich). Dann ein Seifenladen, geführt von zwei

eingerieben, trotzdem heilte es selten ab.

alten Damen. Die betrieben auch noch eine Wäschemangel in einem

Im Winter ging unser Spaziergang dann über den Markgrafendamm zurück, denn der Wind pfiff doch sehr stark von der Spree her.

hinteren Zimmer. Die beiden haben sich ca. 1931/32 mit Gas vergiftet. Später erzählte mir meine Mutter, die beiden konnten den Laden

Der Markgrafendamm war schon Verbindungsweg vor der Be-

nicht mehr halten, weil sie alt waren und der Laden nicht mehr genug

bauung des Gebietes. In der Gründerzeit ca. 1900 in Berlin heißen

einbrachte. Damals hatten Freiberufler noch nicht die Möglichkeit in

viele Straßen ‚Damm‘/Te’ Damm; Ku’ Damm usw.. Das waren alles

eine Rentenversicherung einzuzahlen. Die gesetzliche Alters-

Verbindungswege zwischen Dörfern um das ursprüngliche Berlin.

arbeitszeit für Selbständige wurde erst nach dem zweiten Weltkrieg

Daher sagte der Berliner in meiner Kindheit auch wenn er die Fahr-

eingeführt. Die beiden Schwestern wußten nun nicht mehr, wovon

bahn einer Straße überquerte, er ginge ‚übern Damm‘.

sie leben sollten.

Übrigens sind alle Häuser des dortigen Wohngebietes an der

Bei uns im Hause haben sich Herr und Frau Lada vergiftet. Er

Spree auf Eichenpfählen erbaut. Es handelt sich bei diesem Gebiet

war schon lange arbeitslos. In ihrem Abschiedsbrief stand, daß sie das

um ein Urstromtal der Spree. Also Flugsand über Sumpfgebiet.

letzte Geld für die Gasuhr genommen hätten. Nur wenn man Geld in


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die Gasuhr in der Wohnung warf bekam man Gas bis das Geld aufge-

Ärmelaufschläge und die Taschen waren mit rosa und weißen Kreuz-

braucht war.

stichen bestickt. Es war so warm, daß ich noch weiße Kniestrümpfe

An der Ecke zur Rudolfstr. war eine Kneipe. Ach so, noch eine Kneipe war zwei Häuser von uns entfernt. Mein Vater ist nie in eine

anziehen durfte. Der Laden war schmal und ging in die Tiefe. Es war da immer

Kneipe gegangen. Nur, wenn es im Sommer sehr warm war, und

hell und warm, und es duftete köstlich nach frischem Kuchen. Man

wir uns was besonderes gönnen wollten, ging ich mit meiner Milch-

konnte bei Bäcker Richter auch seinen Kuchen abbacken lassen.

kanne, dem ‚Schlenzkessel‘ (Emaillekanne oder Aluminium mit Metallbügel) in die Kneipe und holte Maibier vom Faß. Man konnte da auch einen Syphon borgen, darin hielt sich das Bier länger frisch. Auf der anderen Straßenseite war ein Schreibwarengeschäft, wo

Unsere ‚Kochmaschine‘, der gemauerte Herd in der Küche, war nicht mehr in Betrieb. Mein Vater hatte alle Züge zum Schornstein verschmiert, weil durch den Schornstein manchmal aus den anderen Wohnungen Küchenschaben in unsere Küche gewandert kamen. Ich

die Hefte und die Schulbücher gekauft wurden. Dann kam ein

habe mich vor den Schaben so geekelt, daß ich mich dann immer über-

Gemüseladen, dann eine Kohlenhandlung. Es wurde überwiegend

geben mußte. Deswegen kann ich auch heute noch nicht in ein Land

mit Brikett geheizt. Ungefähr uns gegenüber war der Laden von

reisen, wo das Risiko besteht, Schaben oder Kakerlaken zu begegnen.

Schuster Radtke. Daneben Bäcker Richter. Da holten wir unser Brot.

Gekocht wurde auf einem dreiflammigen Gasherd. Zum Kuchen-

Wenn meine Mutter Besuch hatte, wurden zum Kaffee auch mal

backen hatten wir eine ‚Dralumaform‘. Das Untergestell war unten

Schnecken oder Plunderstücke geholt. Erst kosteten drei Plunderstücke

offen und hatte am oberen Rand kleine Schlitze, durch die die Hitze

10 Pfennig, später dann das Stück 5 Pfennig. Zu Weihnachten lag der

der Gasflamme die daraufgestellte Kuchenform umfluten konnte. Ab-

ganze Laden mit Christstollen voll. Zu Silvester und zur Fastnacht

gedeckt wurde die Form mit einer Aluminiumhaube mit Sichtfenster

mußte man die Berliner Pfannkuchen bestellen, da konnte Bäcker

im Deckel. In dieser Form wurde auch Braten gemacht oder Fisch

Richter sonst nicht dagegen anbacken. Dann konnte man da eine

gedünstet.

große Tüte mit Kuchenabfällen, Kantenstücken oder vom Tage vorher,

Neben Bäcker Richter war noch ein Seifenladen. Dann kam eine

für wenig Geld kaufen. Frau Richter habe ich wohl gut in Erinnerung,

Drogerie und unser Schlachter. Donnerstags konnte man da warmen

sie war immer nett und freundlich. Am 31. Oktober 1938 war der

Schweinekrustenbraten mit Soße kaufen. Auch hatte er guten

letzte Tag, an dem es Schlagsahne gab. Ab 1. November gab es über-

Fleischsalat, der damals nur als ‚Italienischer Salat‘ bekannt war.

haupt keine Sahne mehr, und auch die Butter gab es ab da nur noch

Neben dem Schlachter kam wieder eine Kneipe. Das war im Hause

auf Bezugskarten. Nun hatte ich am 1. November Geburtstag, und da hat Frau Richter mir noch einen halben Liter Schlagsahne zurückgestellt. Ich sehe mich noch, als ich glücklich meine Sahne abholen konnte. Es war an dem Tag sehr warm. Ich hatte ein hellgrünes Leinenkleid an, geschnitten wie einen Russenkittel. Das Stehbündchen, die

Nr. 28, wo auch eine Freundin meiner Mutter, Frl. Mertens, einen Süßwarenladen hatte. An der Ecke befand sich noch ein Tabakladen. Bekleidungs- und Schuhgeschäfte waren nicht in der Gegend. Schuhe wurden bei Salamander in der Warschauer Str. gekauft.“


Der Osthafen Bis 1876 gehörten der Stadt Berlin weder Straßen noch Brücken, erst recht keine Hafenanlagen mit Lösch- und Ladeeinrichtungen. Das war Sache des preußischen Fiskus. Deshalb hatte es die Berliner Kaufmannschaft auch schwer, den Minister für Handel und Gewerbe davon zu überzeugen, was sie mit einer Denkschrift erstmals 1885 tat, dass Berlin dringend eine leistungsfähige Hafenanlage brauche. 1891 legte sie gar Vergleichszahlen mit Mannheim vor, um die Stadt und den Staat zu drängen. Segensreich vermittelte auch hier wieder Stadtrat James Hobrecht, der eine Kommission anregte, die schließlich am 18. November 1895 „Ausarbeitungen eines generellen Entwurfs für einen Lagerhof an der Oberspree zu Berlin“ des Geh. Regierungsrates a.D. Schwabe vorlegte. Das Schwabe‘sche Projekt an der Oberbaumbrücke sollte 9,3 Millionen Mark kosten, allein 3Millionen davon Grunderwerbskosten. Die Kaufmannschaft bot an, wenn Staat und Stadt das befestigte Ufer kostenlos beistellen, als Trägerin und Eigentümerin die Finanzierung und den Betrieb der geplanten Hafenanlage zu sichern. Darauf ging man aber nicht ein und so kam es erst in der Verkehrsdeputations-Sitzung am 12.November 1898 zu einem neuen Auftrag an den frisch ernannten Stadtbaurat für Tief bau Friedrich Krause, der schon in Stettin eine große Hafenanlage entworfen und gebaut hatte und deshalb schon im Februar 1899 seinen neuen, vor allem mit der Eisenbahndirektion abgestimmten Entwurf präsentieren konnte. Das nutzte aber wenig, denn nun wurden umfangreiche Gutachten in Auftrag gegeben und erst am 29. Januar 1903 war man sich einig über die „Frage der Zweckmäßigkeit der geplanten Anlage, sowohl hinsichtlich ihrer örtlichen Lage wie auch ihrer Ausführung und Ausdehnung, bedauerte nur, dass es nicht möglich gewesen sei, durch ein Hinausschieben der Kaimauer über die Normaluferlinie einen Streifen Ufergelände zu gewinnen“ wie Krause in seiner Darstellung der Geschichte des Hafens schreibt.Es dauerte noch bis zum September 1907 bis alle Fragen der Finanzierung und der landespolizeilichen Genehmigungen geklärt waren und dann mußten die Bauausführungen für zwei Jahre eingestellt werden, weil die Gemeinde Stralau Einspruch gegen die Genehmigung für die Hafenanschlußgleise eingelegt hatte. Die Fortsetzung des Baus der Hafenanlagen setzte den Ankauf des in Privatbesitz befindlichen Grundstückes Alt-Stralau 1 und 2 voraus, 1810 qm plus 1042 qm Anlandungsf läche, der nach langwierigen Verhandlungen endlich im Juli 1910, weitergehen konnte. Drei Jahre später am 28. April 1913 konnte der neue Osthafen endlich feierlich eingeweiht werden – 22 Jahre nach den ersten Anregungen für seinen Bau.


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Schmäle und Länge

Wer heute mit dem Auto von der Innenstadt nach Treptow fährt, kann in der Stralauer Allee die gesamte Hafenanlage

Mehr als 65 Jahre später hat der Friedrichshainer Schriftsteller

betrachten. Es handelt sich um recht unschöne Gebäude oder

John Stave 1979 über Schmäle und Länge geschrieben:

sagen wir um Gebäude, die meinem Auge ungefällig erscheinen,

Die Rostocker sollen nur nicht so angeben mit ihrem Über-

die allerdings sehr stabil gebaut wurden. Der Geheime Baurat

seehafen! Wir Hauptstädter haben auch einen. Er ist allerdings

und Stadtrat für den Tief bau, Friedrich Krause, hat vor 65

kein ausgesprochener Überseehafen, sondern zugegebenerma-

Jahren ein etwas anderes Schönheitsempfinden: „Da auf der

ßen sogar eine Binnenangelegenheit. Sie heißt Osthafen und

Oberspree ein sehr starker Verkehr von Personendampfern nach

wurde einstmals auf dem Stralauer Anger errichtet, den es hin-

den zahlreichen an ihr gelegenen Vergnügungsetablissements

terher dann nicht mehr gab. Der Berliner Osthafen – er heißt offiziell „Berliner Hafen-

stattfindet, werden die Hafenbauten des Osthafens von der Berliner Bürgerschaft oft gesehen und kritisiert werden. Es war

Lagerhaus und Anschluß-Bahnbetrieb im Kombinat Autotrans

daher geboten, den Fassaden der Hochbauten Formen zu geben,

Berlin“ – ist für seine Länge recht schmal und für seine Schmäle

die nicht nur dem Zwecke entsprachen, sondern auch dem Auge

ungewöhnlich lang. Die Schmäle beträgt im Mittel 65 Meter,

gefällig erschienen.“

die Länge 1388,45 Meter. Mit dem Stralauer Anger hingegen kann nicht viel los gewe-

Stadtrat Krause konnte das große Eierkühlhaus am westlichen Hafenende in seine schwärmerische Betrachtung noch

sen sein, denn es erhoben sich keine Proteste, als beschlossen

nicht einbeziehen, weil das Eierkühlhaus, genau wie ich, im

wurde, den grünen Strand der Spree durch Kaimauer, Kräne

Jahre 1929, also erst vor fünfzig Jahren, errichtet wurde und

und Lagerhäuser zu verschandeln. „Die Wahl der Baustelle“, heißt es in einer Dokumentation von 1913, „war nach der in der Konferenz von Vertretern der

auch noch sehr gut aussieht. Natürlich war der Bau der ganzen Anlage für damalige Verhältnisse nahezu gigantisch, besonders wenn man bedenkt, daß die Verläufer der Berliner Häfen primi-

Minister für Handel und Gewerbe, der öffentlichen Arbeiten,

tive Packhöfe waren. Es gab drei Stück. 1699, also gerade 200

des Polizeipräsidenten, der Ministerialbaukommission, des

Jahre nach der Entdeckung Amerikas, den ersten auf dem Fried-

Magistrats von Berlin und der Ältesten der Kaufmannschaft von

richswerder, 1749 den zweiten auf der jetzigen Museumsinsel,

1893 gegebenen Anregung, die erste Hafenanlage im Osten der

aus dem 1829 bis 1831 Schinkel den dritten Packhof erschinkelte.

Stadt zu errichten, insofern gegeben, als nur am Stralauer Anger,

Bei dem dritten Packhof handelte es sich vermutlich um den

zwischen der Oberbaumbrücke und der Treptower Eisenbahn-

schönsten, weil sein Baumeister gelegentlich etwas griechische

brücke am rechten Ufer der Spree ein unbebautes Gelände zur

Anmut in seine Architektur einf ließen ließ, weshalb Berlin ja

Verfügung stand.“

auch oft von Leuten, die keinen Humor haben, humorvoll SpreeAthen genannt wird.


Ein Haus und seine Bewohner Für zahlreiche Wohnmietshäuser des Quartiers gilt, dass die Mieterschaft vor und nach dem Krieg einen sozialen Wandel aus-

Nachdem am 20. Juli 1945 alle Bewohner des Vorderhauses das Haus räumen mussten, die Bewohner des Seitenflügels durch

weist, der auch die Identität der Gegend veränderte. Am Beispiel

einen Durchbruch den Ausgang der Rotherstraße.2 benutzen

des Hauses, in dem ich selbst heute wohne, weil es das Wohn-

mussten, aber wenigstens wohnen bleiben konnten, füllte sich

haus meiner Großeltern und Eltern war, lässt sich das zeigen. 1904 weist das Adressbuch noch keine Bewohnung aus, weil die Daten wohl immer aus dem Vorjahr stammten. So findet sich

das Haus langsam ab 1948 wieder, nachdem die russischen Behörden und Familien das Haus wieder freigegeben hatten: Frau Scheunemann , Frau Philipp und Herr und Frau

im Jahr des Erstbezugs im Berliner Adressbuch nur der Hinweis

Jonas, die als Vertrauensperson die Verteilung der Lebensmittel-

„Neubau“.

karten besorgte ,waren noch da.

1905 weist das Adressbuch die typische soziale Mischung aus:

Die ersten neuen nicht-russischen Mieter waren:

Kaufmann Schaal,

Die Fleischereiverkäuferin Frau Gotowicz mit drei Kindern,

Betriebsingenieur Bils,

Familie Buchhalter Winter mit drei Kindern,

Weichensteller Freyer,

Kraftwagenführer Marquardt,

Lehrer Hagendorf,

Familie Streu mit einer Tochter,

Witwe Larschke,

Familie Karpe,

Pastor Lehmpfuhl,

Frau Kurz mit Sohn, die als Hauswartsfrau den Waschküchen-

Bankbuchhalter Ragengast,

schlüssel vergab,

Kürschner Parzow,

Familie Zerbe mit fünf Kindern,

Oberpostschaffner Sarnow,

die Sängerin Frau Klemke, die ebenfalls fünf Kinder hatte,

Kohlen und Brennmaterialhändler Serdorf,

Frau Hebamme Herzberger, ihr folgte später

Lazarettinspektor Tonndorf.

Familie Bechly mit vier Kindern,

1943 liest man im Adressbuch, das es danach nicht mehr gab: Kaufmann Wiebel, Postfacharbeiterin Vogel, Regierungsinspektor Utrecht, Musiklehrer Schulze, Einkäufer Scheunemann, Bauingeneur Sattler,

Familie Waberski mit Sohn, Frau Wolf mit zwei Söhnen. Rechnet man alle zusammen, so gab es fast wie in den Gründerjahren 25 Kinder im Haus. 1989 war das schon anders geworden und in den Jahren danach verschob sich das soziale Gefüge immer mehr. Heute gibt es gerade vier Kinder im Haus und unter den

Schneider Philipp,

Berufen findet man Psychologen, Arzt, Lehrer, Studenten, Dok-

Kraftwagenführer Jonas,

toranden, Filmproduzent, Stukkateur, Orthopädie-Techniker

Prokurist Greiner,

und Werbef lächen-Dienstleister, Informationswissenschaftlerin,

Lehrerin Elmer,

Kunstwissenschaftlerin, Grafikerin, Sozialpädagogin.

Buchhalter Buschenhagen, Telegraphenhandwerker Blassmann.

Die Sozialgeschichte dieses Hauses erzählt, wenn man sie zu lesen versteht, viel vom Wandel der Zeiten, von der Tradition und von den Neuanfängen in 100 Jahren.


87

Flanieren ist die Kunst, die Straße zu lesen. Gesichter von Menschen, Auslagen, Schaufenster, Kaffeeterrassen, Autos, Schienen, Bäume werden dabei zu einer Abfolge von Buchstaben, die sich aneinandergereiht zu Wörtern, Sätzen und Seiten eines Buches addieren, das immer neu geschrieben wird. Um wirklich flanieren zu können, sollte man nicht zu Bestimmtes im Kopf haben. Franz Hessel


Erinnerungsspaziergang 1960 mit Regina P.

Zurück zur Rotherstraße: Ecke Lembruckstraße war seit eh und je, wie eigentlich an jeder Ecke in unserem Quartier, eine große Kneipe und man sagte, man ging zu Benno. Das stand zwar nicht

Frau P. ist die jüngste Zeitzeugin. Sie gehörte mit ihren Eltern zu

an der Tür, aber so hieß der Chef und nach seinem Tod hat offenbar

den ersten Neumietern im Haus Rotherstraße 3 nach der Beset-

seine Lebensgefährtin die Kneipe weiter betreiben können, und seit-

zung des Hauses durch die Rote Armee, die am 20. Juli 1945

dem ging man zu Lehmann, weil Grete Lehmann bis in die 70er Jahre

innerhalb von 6 Stunden das Haus räumen ließ, um dort eine

diese Kneipe führte. Der Nachbar Herr Marquard hat mich manch-

Kommandatur zu errichten, die in der Nähe des Osthafens für

mal mit 2 Mark und einem Siphon zum Bier holen geschickt oder

die Wasserstraßen Berlins zuständig war. Ihr Vater, der schon

Casino kaufen. Man war da nicht so pingelig mit Kindern und Alkohol.

vor dem Krieg bei der DSU, der Deutschen Schiffahrts-Union war,

Frau Lehmann wohnte noch lange, nachdem sie die Kneipe aufge-

arbeitete in dem als Bürohaus genutzten Eckhaus Rotherstraße 5

geben hatte, gegenüber in der Rotherstreaße 28, Seitenflügel, zweite

als Fachmann für Schiffahrtsfragen, und da er als Ausgebombter

Treppe, bis zu ihrem seligen Ende. Interessasnt wurde es hinter

mit einer dreiköpfigen Familie in einer Notwohnung wohnte,

der Ecke in der Lembruckstraße: dort herrschte der elegante rundliche

erhielt er im August 1948 eine Einweisung. Neben Georg

Friseur Bruno Schötz. Er hatte einen Monjou Bart und war ein aus-

Marquard, der als Kraftfahrer des russischen Generals tätig

gemachter Charmeur mit viel Westkundschaft, so daß meine Mutter

war, und der Familie Spreu, die Hausmeisterfunktionen hatte,

und andere Frauen aus der Wohngegend schwerlich bei ihm Termine

wohnten nur russische Familien in diesem Haus, die erst nach

finden konnten. Er war mir aber angenehm, denn unsere Nachbarn

und nach, die letzten 1953, das Haus frei gaben. In ihrer Kindheit

Marquart hatten – was damals üblich war – ein großes Zimmer als

war Schaufenster gucken in der Gegend noch möglich und in

Kochstube an Frau Radau vermietet, die eine Tochter Christel hatte,

ihrer Erinnerung haben wir einen Spaziergang der Erinnerung

wesentlich aber war, daß Fräulein Radau die Gespielin des Friseurs

mit geschlossenen Augen gemacht:

Bruno Schötz war und häufig Christel und ich im vorderen Teil des

„Im großen Eckhaus Rotherstraße / Ecke Danneckerstraße

Frisiersalons mit Kämmen, Bürsten und wohlriechenden Flakons

betrieb Frau Retzlaf einen Kurzwarenladen: Knöpfe, irgendwie

spielten, während Frau Radau und Herr Schötz sich hinter den Vor-

Textilien. Das war eine ältere schwarzhaarige Frau und der Laden war

hängen vergnügten. Einmal habe ich mit Christel deshalb völlig

ziemlich groß. Das gegenüber liegende Eckgeschäft war eine Drogerie

vergessen, rechtzeitig nach Hause zu kommen, und mein Vater und

von Herrn Henkel, einem schlanken alten Herrn, ein Drogist eben,

meine Brüder haben mich überall gesucht und nicht gefunden. Das

der auch frei verkäufliche Tabletten anbot, ganz anders als ein Seifen-

war das einzige Mal, wo ich Schläge meines Vaters bekam und ich

laden. Um die Ecke rum in dem kleinen Laden mit dem Rundbogen-

erinnere das Stullenbrett in Plattform noch genau, denn ich fand die

fenster, das man heute noch sieht, betrieb Familie Werner ein Spiel-

Schläge eigentlich berechtigt.

warengeschäft. Und weil die Werners zwei Töchter hatte die etwa so alt waren wie ich, war das mein besonderes Interesse, dort ins Schaufenster zu gucken. Auf unserer Straßenseite in der Rotherstraße 2 und 3 waren keine Läden, aber gegenüber: Federjahns Kohlenhändlerladen war im Keller, dann zog er ein Haus weiter und schließlich vergrößerte er sich und erhielt einen freien Platz auf einem enttrümmerten Grundstück an der Stralauer Allee/ Ecke Lehmbruckstraße. Daneben betrieben der alte Herr Mauck und seine Frau einen kleinen Kolonialwarenladen und ihr Sohn, der schließlich mit dem Laden die Vergrößerung ins Nebenhaus erreichte, war der erste, der als HO Kommisssionhändler tätig wurde. Dadurch hatte er ein breiteres Angebot mit der HO, blieb aber der Chef. Der Erfolg war, daß er schließlich Ende der 60er Jahre an den Rudolfplatz ziehen konnte und seine Tochter den Laden sogar bis nach der Wende noch führte. Das ist das Geschäft, das heute die Vietnamesen führen, direkt neben dem alten Domizil von RuDi‘s Kiezladen, den ich aus meiner Kinderzeit als Milch- und Butterladen in Erinnerung habe, in dem man wunderbare Gummischlangen kaufen konnte. Das Ecklokal am Rudolfplatz gegenüber unserer alten Schule und den Inspektorenhäusern hieß in meiner Jugendzeit EhestandsSchoppen, weil bis Ende der 60er Jahre im Erdgeschoß des Inspektorenhauses das Standesamt war. Wer nicht woanders heiratete, heiratete dort. Erst sehr viel später kam das lokale Standesamt an die Endhaltestelle der Straßenbahn auf der Warschauer Straße, etwa da, wo die WBF lange ihr Verwaltungsgebäude hatte.


89 Im Nebenhaus, wiederum mit einem kleinen Rundfenster, betrieb Herr Hoch ein Zigarettengeschäft, später dann mit Lottoannahme – Berliner Bären-Lotterie. Da ging man gerne hin , auch wenn wir nie was gewonnen haben. Im Nebenhaus war ein schmaler kleiner Laden mit Obst und Gemüse, das Frau Rostorf anbot und zwei Häuser weiter gab es den Seifenladen der drei Schwestern Bergmann – Drogerie – Seifen- und mit einer Rolle. Eine Rolle ist eine Kaltmangel, man mußte sie anmelden. Mutter und ich gingen dann mit vorher eingesprengter Wäsche im Korb dorthin. Runde Holzbohlen, Holzrollen pressten die Wäsche kalt glatt. Eine Rolle ist eine Kaltpresse im Gegensatz zu einer Heißmangel. Das Ding sah riesengroß und bedrohlich aus, es wurde elektrisch betrieben, mitunter mußte man ein Gitter über das Gerät kippen, dadurch schaltete sich die Rolle ein oder aus. Bis Anfang der 60er Jahre war das eine gängige Art, die in den Waschküchen selbst gekochte Wäsche, die auf den Hängeböden getrocknet war, schrankfertig zu machen. Dann kamen die ersten Waschsalons. Ich erinnere mich noch, wie ich mit meiner Mutter, den Waschkorb auf dem Kinderwagen, zum Bersarin-Platz ging, um so einen Salon zu benutzen. Als die ersten Plattenbauten in unserem Quartier gegenüber der Schule errichtet wurden, die Q 3 A -

verkaufte eines Tages an Böttcher, der aber verkaufte waschkörbeweise seine Brötchen ab 6 Uhr für die Narva-Leute und wir guckten

Platten-Bauten, da hatten die Mieter auch in der Mitte ein Wasch-

oft in die Röhre. Die HO -Läden waren ja auch die ersten, in denen

haus, jeder Mieter hatte eine Waschkarte und konnte dort einmal im

man ohne Marken einkaufen konnte. Und immerhin gab es bis 1958

Monat seine Wäsche waschen. Später hat man dann mit Beziehungen

Marken, da kostete das Würstchen zwar 8 Mark und das Kuchen-

versucht, in diesem Waschhaus sein zu können. Waschmaschinen,

brötchen 2 Mark und auf Marke war natürlich alles viel billiger, aber

individuelle Waschmaschinen hatte man ja noch nicht.

nach und nach gingen die kleinen Läden spurlos, schmerzlos nicht

Zurück in die Lehmbruckstraße: in der Mitte der Straße gab es

ganz, ein. Beim Erinnerungsgang durch die Straßen habe ich vor-

das Lebensmittelgeschäft Vladdatz, in dem beide Töchter tätig waren

hin den Rest der Danneckerstraße vergessen. Dicht hinter der Ecke

und die berühmte Frau Piekebusch, eine schlanke Frau mit einem

Rotherstraße hatte der Friseur Ziromski seinen Salon. Mit seinen

Dutt, die jeder kannte. Entweder vor oder hinter der Klempnerei Harke,

zwei Töchtern wohnte er im Laden oder besser hinter dem Laden.

die dort schon vom Vater Harke betrieben wurde, war mitten in der

Friseure und Kneipen hielten sich übrigens am längsten. Neben Herrn

Straße eine Kneipe ‚Zum Anker‘, ein beliebter Ort für Hafenarbeiter,

Ziromskis Friseurladen entstand der erste Selbstbedienungs-Konsum-

der einen daran erinnerte, wie dicht wir am Osthafen wohnten.

Laden, eine Sensation als man mit Wägelchen durch die Regale fahren

Da gab es noch einen Kosmetik- und einen Fischladen, und im letzten

konnte. Ansonsten gab es in der Straße noch einen kleinen Schuster

noch stehen gebliebenen Altbau vor der Stralauer Allee noch ein Seifen-

und den Gemüseladen Schnürle. An den erinnere ich mich so gut,

geschäft auch mit einer Rolle, betrieben von einer Frau, die eines

weil Ilona eine Schulfreundin von mir war und das erste Perlonkleid

Tages im Laden starb.

unserer Gegend hatte – aus dem Westen. Es gab noch einen Photoladen

Der Mauerbau 1961 ist nach meiner Ansicht der eigentliche

und die Wäscherei der Schwestern Adrian. Später von Christian

Grund für das Sterben der kleinen Geschäfte in unserem Quartier: der

Adrian geführt, mit dem ich gern gespielt habe und den ich irgendwie

Ost-West-Konflikt drückte sich ja auch im Währungsgefälle aus, man

bewundernswert fand.

muß schon sagen, ganz Kreuzberg ging bei uns im Viertel einkaufen.

Die Läden verschwanden einfach so. Plötzlich war wieder eine

Wer da wohnte ging hier wie selbstverständlich zum Friseur, das

Tür zugemauert und es wurde eine Wohnung daraus gemacht.

kostet 4,50 und war bei einem Währungsumtausch von 1 : 7,5, später

Irgendwie gab es Ersatz, dort eine Halle oder dort und im übrigen

1 : 4,5, eine billige Angelegenheit. So war das beim Fleischer Stankow

ging man auf die Warschauer Straße, die Haupteinkaufsstraße für

und bei anderen. 1962 hab ich zur Jugendweihe noch Glückwunsch-

den täglichen Bedarf. Eine Besonderheit fällt mir noch ein: die Gast-

karten von den Geschäftsleuten erhalten, auch von den Schwestern

stätte ‚Glühlampe‘ an der Rudolfstraße / Ecke Beymestraße, diese

Bergmann, aber dann hat Herr Henkel zugemacht und aus seiner

‚Außenstelle von Narva‘ war besonders bei Schichtwechsel über-

Drogerie wurde ein Dienstleistungstützpunkt für Reparaturen, für

füllt und Herr Rodrian war der Kneipier, gute alte kommunistische

Wäsche, für Reinigung. Wenn die Leute starben und keine Nachfolge

Familie. Zu den Berühmtheiten aus unserem Viertel gehört Fred

hatten, wurde der Laden geschlossen und weil es Wohnungsnot gab,

Rodrian, sein Sohn, ein Schriftsteller, der wichtige DDR-Kinderbücher

sind nicht wenige zugemauert worden und wurden zu Wohnraum.

geschrieben hat. Unsere Nachbarn Auguste und Georg Marquardt,

Ein bißchen ist das wie das Tante-Emma-Laden-Sterben im Wes-

die mit meinen Eltern zu den ersten Neumietern der Rotherstraße 3

ten gewesen auch bei uns, zuerst am Persiusdreieck gab es eine kleine

nach dem Krieg gehörten, gingen aus alter Tradition gern in dieses

Halle vom Konsum, aber da kannte man die Verkäuferinnen, so

Lokal und samstags nach dem Einkaufen waren Tante Gustl, wie ich

wie man sie vorher in den kleinen Läden kannte. Bäcker Hamerski

sie nannte, und meine Mutter zwei weibliche Stammgäste dort.


Bewegte Zeiten Friedrichshain zwischen 1920 und heute Die Grenzerfahrungen im Viertel fanden wahrhaftig in „Bewegten Zeiten“ statt, wie eine Ausstellung des Bezirksamtes Friedrichshain, Abteilung Bau- und Wohnungswesen, im Dezember 1999 hieß. Das Konzept dieser Ausstellung ist dieser Biographie des Stadtteils in ihrer Ausrichtung auf die Erzählung des Alltagslebens hinter den Fassaden des Stadtteils, sehr vergleichbar. Im Prospekt hieß es damals: „Mehr als acht Jahrzehnte sind vergangen, seit Friedrichshain als einer der sechs innerstädtischen Bezirke Berlins gegründet wurde. Der f lächenmäßig Kleinste übrigens. Die Ausstellung soll einen Einblick in die erlebte Geschichte der Friedrichshainer geben. Interviews mit alten und neuen Bewohnern des Bezirks, in Verbindung mit zum Teil lange Zeit in Vergessenheit geratenen historischen Photos, lassen die Wohnsituation, den Alltag und die Erwerbssituation der Jahrzehnte wieder lebendig werden. Die Erzählungen sind persönliche Sichten, doch alle Erinne-

Hittler in Berlin (Original-Überschrift!)

rungen stehen im Kontext zum jeweiligen Jahrzehnt und sind

Adolf Hitler sprach zum ersten Mal in Berlin. Aber, wenn dies

insofern ein Spiegel ihrer Zeit.

an und für sich schon als etwas Merkwürdiges gebucht werden

Viele können sich heute nicht mehr die Wohnverhältnisse vor 80 Jahren vorstellen, wie fünf Personen in einer Ein-Raum-Woh-

kann und gebucht werden muß – das Thema, worüber er sprach, war noch merkwürdiger. Es lautet: „Deutschland“. Nicht mehr

nung lebten und noch ein freies Bett an einen Schlaf burschen

und nicht weniger. Einfach „Deutschland“. Deutschland, seine

vermieten mußten. Sitzt man heute in einem der neuen Cafés, so

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, seine Lage und seine

erinnert nichts daran, daß dieses Haus vielleicht nach dem

Aussichten, seine wirtschaftlichen und politischen Sorgen und

Krieg von den Bewohnern wieder aufgebaut wurde. Kaum noch

Nöte, seine Stellung in der Welt, seine Persönlichkeiten, seine

vorstellbar die Zeit, als Milchläden, Fleischer, Bäcker und

Freunde und Gegner, leicht verständlich zusammengestellt und

Schuhmacher die Straßen belebten und um die Ecke noch ein

mit Kommentaren sowie mit genauer Gebrauchsanweisung

Kuhstall war.

versehen – von Adolf Hitler. Es gibt Leute, die sagen, es wäre

Ein großer Teil der Bewohner weiß aber noch wie es war,

eine Ungeheuerlichkeit, daß jemand sich anmaßt, das un-

eine Wohnung selbst auszubauen oder endlich die ersehnte

geheure, unerschöpf liche Thema Deutschland in einer Rede ein

Zwei-Raum-Wohnung zu bekommen. Auch wie die Wohnungen

für allemal abtun zu wollen. Es gibt Leute, die sich über solche

im Hochhaus an der Weberwiese zum ersten Mal bestaunt

Anmaßung aufregen und nach der Polizei rufen! Aber dieser

werden konnten, ist noch einigen im Gedächtnis. Zu den Erin-

Standpunkt ist unrichtig. Es hat schon vor Hitler Menschen

nerungen gehört für viele auch der Kauf der ersten Jeans in der

gegeben, die die Lösung des Weltproblems fix und fertig in der

„Jugendmode“. Die Abwicklung der großen, in Friedrichshain

linken Westentasche trugen und nur auf den nötigen Zustrom

ansässigen Industriebetriebe wie z.B. Narva mußte ein Teil der

warteten, um ihre Ideen verwirklichen zu können. Es wird auch

Interviewpartner selbst miterleben.

nach Hitler Idealisten und Romantiker geben. – Wenn einer

Acht Jahrzehnte bewegte Zeiten, dazu gehört auch das Leben der Neunziger Jahre. Für viele verbunden mit Modernisierungen

ein Idealist ist, so ist das kein Grund, ihm den Mund zu verbieten. Im Gegenteil! Blindgänger legt man auf Scheiterhaufen und läßt

und Mieterhöhungen, der Straßenschlacht anläßlich der besetz-

sie losgehen. Sie verpuffen dann, ohne Schaden anzurichten.

ten Häuser in der Mainzer Straße oder der ersten Fahrt mit der

Hitler ging schon etwas zu früh los, aber wir kamen mit einem

U-Bahn Linie 1 vom Bahnhof Warschauer Straße über die Ober-

blauen Auge davon. Und jetzt ist von ihm nur noch die Hülse

baumbrücke.

aus Blech übrig. Er spricht über „Deutschland“. Damit muß sein

Alltagsleben, das sich hinter den wechselnden baulichen

Vorrat absolut erschöpft sein. Es ist nicht zu erwarten, daß er

Fassaden vollzog, war immer auch von einschneidenden histori-

nunmehr wieder zu Teilproblemen zurückkehrt.

schen Ereignissen geprägt. Auch dies versucht die Ausstellung

aus: Berlin im Osten, 4. Mai 1927

zu dokumentieren.“


91

Friedrichshain - Horst Wessel-Stadt Am 15. Januar 1930 meldeten die Berliner Zeitungen, dass es in der Großen Frankfurter Straße zu einer Schiesserei zwischen rivalisierenden Zuhältern gekommen sei. Später wurde die Meldung präzisiert: In die Affäre sei ein ehemaliger Jura- Student, der Pfarrerssohn und prominente SA -Führer Horst Wessel verwickelt, der nun mit schweren Verletzungen im Krankenhaus Friedrichshain liege. Die politische Polizei sei eingeschaltet. Wessel hatte sich, offenbar um Miete zu sparen, bei seiner Freundin einquartiert, die auf den Strich ging. Die Hausbesitzerin hatte darauf hin die Miete verdoppelt, und als Wessel das abgelehnt hatte, einen ihrer Freunde, einen Schläger aus den Reihen des kommunistischen RFB gebeten, ihm eine Lektion zu erteilen. Er stellte Wessel in der Wohnung zur Rede und schoß ihm in den Mund. Der „Völkischen Beobachter“ schrieb darauf hin eine Schlagzeile: „Horst Wessel ringt mit dem Tode. Roter Terror über

BVG-Streik November 1932

Berlin. Der Besten einer war das Opfer.“ Goebbels hatte sofort erkannt, welche Märtyrerchance sich der NSDAP bot. Er bastelte

Für den 6. November 1932 waren Neuwahlen angesetzt worden.

in den Wochen danach an einer Legende um die unappetitliche

Nazis und Kommunisten ergriffen die Gelegenheit, gemeinsam

Affäre. Als Wessel einen Monat später im Krankenhaus seinen

die Weimarer Republik ins Chaos zu stürzen. Nachdem die

Verletzungen erlag, zelebrierte Goebbels eine pomphafte Beer-

Regierung nämlich leichte Lohnkürzungen für Berliner Trans-

digung mit Studentenvertretern in Wichs und der SA -Führung,

portarbeiter beschlossen hatte, ordnete Goebbels für die Mit-

beinahe wäre sogar Reichspräsident Hindenburg dabeigewesen

glieder seiner Partei , die bei der BVG angestellt waren, Streik an.

Während Goebbels Wessel zum „Christussozialisten“ stili-

Die KPD forderte nun ihrerseits ihre Anhänger in der Transport-

sierte demonstrierten die Kommunisten bei der Trauerfeier mit

arbeitergewerkschaft ebenfalls zum Streik auf. So vollzog

dem Spruchband „Dem Zuhälter Wessel ein letztes Heil Hitler“.

sich eine Kampfeinheitsfront einmaliger Art am 2. November

Die SA machte ein Lied, das Wessel geschrieben hatte, zu einer

1932, als Nazis und Kommunisten unter Führung von Walter

Kampf hymne:„Die Fahne hoch | Die Reihen fest geschlossen! |

Ulbricht zusammen vor den Bahn- und Busdepots aufmar-

SA marschiert mit mutig festem Schritt. | Kameraden, die Rot-

schierten, Streikbrecher vermöbelten und Busse und Bahnen,

front und Reaktion erschossen | marschiern im Geist in unseren

die fuhren , demolierten.

Reihen mit.“

Am Wahltag fuhr nach wie vor nichts und die unerklärliche

Im Zusammenhang mit diesem Text, muss eine Anekdote

Gemeinschaftsaktion der Extreme beeinf lusste durchaus das

aus der Rotherstraße verständlich werden. Aus einem bürgerli-

Wahlergebnis. Die NSDAP verlor landesweit 2 Millionen Stim-

chen Fenster im ersten Stock hing demonstrativ eine übergroße

men und 34 Sitze, die Kommunisten gewannen 11 Sitze, in

Hakenkreuzfahne, die jeden Morgen heruntergerissen war und

Berlin kamen sie sogar auf 31,3 % und wurden erstmals stärkste

im Dreck lag. “Die Fahne Runter!“ hieß die Botschaft. Es hielt

Partei vor der SPD. Die Hoffnung aber, dass die braune Flut

sich das Gerücht, dass der Vater eines SA-Manns der stille Täter

abebben würde, trog. Bis zur Machtergreifung am 30. Januar

gewesen sein soll.

1933 verging kein Vierteljahr.

Die Nazis richteten das Sterbezimmer zur Kult– und Wallfahrtsstätte aus und nach der Machtergreifung erhielten Plätze und Straßen seinen Namen wie das Krankenhaus Friedrichshain. Bolzmanns Tanzlokal in der Lichtenbergerstraße, in dem sein SA -Sturm tagte, blieb was es war, ein Nazischuppen.Der ganze Bezirk wurde in Horst Wessel-Stadt umbenannt. In der Magistratssitzung vom 30. Juli 1945 wurde beschlossen, Horst Wessel-Stadt wieder in Friedrichshain zurück zu nennen


Monogramm HW Ingeborg D. „Zu den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin sollten tausend Mädchen aus den Berliner Schulen auf dem Maifeld des Olympiastadions gymnastische Darbietungen vorführen. Besonderer Anreiz sollte die Anwesenheit des Führers sein. Jedes Mädchen mußte auf seinem weißen Turnhemd ein rautenförmiges Abzeichen mit den Initialen seines Stadtbezirkes tragen. Mein Monogramm war ‚HW‘, denn der Bezirk Friedrichshain war in Bezirk ‚Horst Wessel‘ umbenannt worden. Während unseres Auftritts hörten wir schon, daß der Führer nicht gekommen sei. Er kam auch nicht, als von uns das für ihn gebildete Spalier bereitstand. Als bekannt wurde, daß er es vorzog, an anderer Stelle des Stadions einem Fußballspiel beizuwohnen, gab es nicht nur unter den Schülerinnen, auch unter den Lehrern und Veranstaltern Enttäuschung, denn viele Stunden der Freizeit hatten sie geopfert.“

Verwaltungsbericht 1. April 1928 bis 31. März 1936 Der Bezirksbürgermeister des Verwaltungsbezirks Horst Wessel der Reichshauptstadt Berlin: Hier im roten Osten, der sich zu einer Hochburg des bolschewistischen Gesindels entwickelt hatte und dessen Verwaltung unter dem Einfluss der damaligen kommunalpolitischen Machthaber dem marxistischen Treiben Vorschub leistete, [...] Am 14. Januar 1930 wurde Horst Wessel von kommunistischen Verbrechern [...] durch Revolverschüsse tödlich verwundet. Er erlag am 23. Februar 1930 seinen Verletzungen. Nach ihrem überwältigenden Durchbruch im Januar 1933 wurde auch im Verwaltungsbezirk Friedrichshain die rote Herrschaft restlos beseitigt. Die neue nationalsozialistische Verwaltung verlieh dem Krankenhaus Friedrichshain und bald darauf dem ganzen Bezirk den Namen Horst Wessels zur Ehrung des Helden.

Änderung seit 1933 Eine der brennendsten personalpolitischen Aufgaben der 1933 zur Macht gelangten nationalsozialistischen Verwaltung war die Entfernung der fachlich ungeeigneten, politisch untragbaren und der blutsfremden Elemente aus dem übernommenen Personalkörper. Die Grundlage dafür bot das ‚Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums‘ vom 7. April 1933: - entlassen wegen kommunistischer Betätigung: 2 Angest., 7 Arbeiter, - v erabschiedet wegen nichtarischer Abstammung: 9 Beamte, 49 Angest., 1 Arbeiter - v erabschiedet wegen des mangels der Gewähr für rückhaltloses Eintreten für den nationalen Staat: 25 Beamte, 33 Angest., 29 Arbeiter.


93

Unter unseren Augen – Judendeportation aus dem Quartier Siegesmund Brieger wurde am 27.05.1887 in Hohensalza/ Posen geboren und war von Beruf Kaufmann. Er wohnte zur Zeit der Volkszählung 1939 in Berlin-Friedrichshain, Stralauer Allee 23 a, und wurde am 03.03.1943 nach Auschwitz deportiert. Seine Ehefrau Martha Brieger geb. Cohn wurde am 12.01.1888 in Chlewisko/Posen geboren und wurde am 28.06.1943 nach Auschwitz deportiert. Die Tochter Charlotte Brieger wurde am 26.02.1925 in Berlin geboren und am 03.03.1943 nach Auschwitz deportiert. Benno Loewenberg wurde am 11.12.1870 in Wittmannsdorf/ Ostpr. geboren und war von Beruf Kaufmann. Er wohnte zur Zeit der Volkszählung 1939 in Berlin-Friedrichshain, Stralauer Allee 23 b, und wurde am 23.06.1942 nach Theresienstadt deportiert. Er starb dort am 21.06.1943. Dr. med. Hugo Germer wurde am 10.01.1869 in Schloppe/ Westpr. geboren und war bis zum 01.01.1938 als Arzt tätig. Er wohnte zur Zeit der Volkszählung 1939 in Berlin-Friedrichshain, Beymestr. 20, und wurde am 17.08.1942 nach Theresienstadt deportiert. Dort starb er am 13.11.1942. Erna Ziegel geb. Glaser wurde am 01.05.1900 in Berlin

Fabrikation 27. Februar 1943 Arno W. „Mit 14 bin ich zu Osram in die Lehre gekommen als Werkzeugbauer, von 1941 bis 43, dann wurden wir ins Sudetenland verlagert. Wir

geboren und wohnte zur Zeit der Volkszählung 1939 in

waren drei Lehrlinge und die anderen waren meist ältere Leute aus

Berlin-Friedrichshain, Caprivistr. 4. Sie wurde am 19.05.1943

der Osram-Siedlung in Hohenneuendorf. Wir sagten aus ‚Meyers

nach Thereseinstadt deportiert und von dort weiter nach

Waldkern‘, weil die sich sicher glaubten vor Bomben wie Göring, der

Auschwitz deportiert.

Meyer heißen wollte, wenn englische Bomber Berlin erreichen sollten.

Ihr Ehemann Dagobert Ziegel wurde am 17.06.1895 in

Wir hatten Ostarbeiterinnen, die kamen mit einem Sonderzug

Wongrowitz/Posen geboren und war von Beruf Kaufmann.

jeden Tag um 6 Uhr 20 aus der Wuhlheide, weil da ihre Baracken

Er wurde ebenfalls am 19.05.1943 nach Thereseinstadt deportiert

waren, und wir hatten jüdische Zwangsarbeiter, aber nur bis zu dem

und von dort weiter nach Auschwitz deportiert. Liselotte Ackermann wurde am 08.12.1918 in Friesack/

besagten Sonnabend, den 27.Februar 1943. Da kam morgens früh die SS mit Lastern auf das Osram-Gelände in der Rotherstraße. In der

Brandenburg geboren und wohnte zur Zeit der Volkszählung

Lehrwerkstatt brüllte einer: ‚Fenster zu! Nicht rausgucken!‘. Aber ich

1939 in Berlin-Friedrichshain, Markgrafendamm 17. Sie wurde

bin in der Toilette auf das Klo gestiegen und habe aus dem Toiletten-

am 01.03.1943 nach Auschwitz deportiert. Charlotte Bloch geb. Riess verwitwete Ahlert wurde am 08.07.1893 in Berlin geboren und wohnte zur Zeit der Volkszählung 1939 in Berlin-Friedrichshain, Markgrafendamm 35. Sie wurde am 10.01.1944 nach Theresienstadt deportiert und dann weiter nach Auschwitz deportiert.

fenster gesehen, wie sie, ich weiß nicht wieviele, jüdische Arbeiter auf die Lastwagen aufgeladen haben. Wohin wußte ich nicht. Einfach weg.“


Werteverfall eines Idols Der Slogan vom Hitler-Bild und vom Wittler-Brot war ein Doppelsatz mit Gefälle: 1943 hieß et noch „tausche kleenet Bild von Hitler jejen jroßes Brot von Wittler“. 1945 hieß et denn bloß noch, „tausche jroßet Bild von Hitler jejen kleenet Brot von Wittler“.

Drei Eintopf-Gerichte

Morgenpost-Rezept: Gebratene Grützwurst

Der 1. Opfersonntag des Kriegs-WHW 1940/41 ist auf Sonntag,

Am Abend zuvor werden 250 g Gerstengrütze in 1 Liter Wasser,

den 8. September, festgesetzt worden. An diesem Tag dürfen

Fleisch- oder Würfelbrühe eingeweicht, dann mit der Einweich-

infolgedessen in den Gaststätten in der Zeit von 10 – 17 Uhr

f lüssigkeit weichkochen und abkühlen lassen. Dann wird die

keine anderen als die nachstehenden bestimmten Eintopfgerichte

Masse mit einem gehäuften Eßlöffel Milei G, 3 bis 4 gekochten

abgegeben werden: 1. Brühkartoffeln mit Einlage, 2. Weißkohl

geriebenen Kartoffeln und 100 g gehackter Blutwurst, Salz, Pfef-

oder Wirsingkohl mit Rindf leisch, 3. Gemüsetopf nach Wahl.

ferersatz, Zwiebeln (Porree), gehackter Petersilie, auf Wunsch

Die Gaststätten werden in drei Klassen eingeteilt, in denen der

auch Knoblauch oder Kümmel abgeschmeckt. Mit Hilfe gerie-

Preis des Eintopfgerichts 0,70 , eine bzw. zwei RM beträgt. Hier-

bener Semmeln formen wir eine Rolle. Diese wird mit 20 bis

von werden als Spende für das WHW 0,20 bzw. 0,30 bzw. 1,20

30 g Margarine unter Beiguß von etwas Brühe durchgebraten, in

RM abgeführt. Jeder Gast erhält eine Quittung über seine Ein-

Scheiben geschnitten und mit dem verkochten und gewürzten

topfspende.

Satz begossen.

6. September 1940

Teilt die Hausfrau solche Wurstgerichte zweckmäßig ein, kann sie für 4 Personen mit insgesamt 100 g Wurst je Mahlzeit

Die Knochenbeilage Es bestehen verschiedentlich noch Unklarheiten über die Beigabe

auskommen und bringt trotzdem ein gut schmeckendes Essen auf den Tisch. 5. Januar 1944

von Knochen beim Bezug von schierem Fleisch. Bekanntlich ist der Schlächter verpf lichtet, beim Kauf von schierem Fleisch (z.B. Schnitzel, Filet, Goulasch, Rouladen) Abzüge für Knochen von den einzelnen Abschnitten der Reichsf leischkarte angegebenen Gewichtsmenge vorzunehmen, die bei Schweinef leisch 20 % und bei Rindf leisch 25 % betragen. Der Käufer kann in diesem Fall aber die Differenz als Kno-

Die Elisabeth L.-Story Geschichte des Massakers in der Stralauer Allee 33, am 25.April 1945 Frau L. ist 1925 in der Caprivistraße/Lehmbruckstraße geboren, dann aber mit den Eltern an die Sonnenseite des Viertels

chenbeilage verlangen. Die Knochenbeilage, die gesondert zu

gezogen, Stralauer Allee 33.Großmutter wohnte ein paar Häuser

wiegen und zum Knochenpreis zu berechnen ist, darf also beim

weiter. 1943 hat sie nach der Werbefachschulausbildung als

Bezug von schierem Schweinef leisch 20 % und bei Rindf leisch

Gebrauchswerberin bei Osram angefangen, in der Werbe-

25 % der auf die Kartenabschnitte abzugebenden Fleischmenge

abteilung, in der 15 ältere, wehrdienstuntaugliche Herren tätig

nicht überschreiten. Hammelf leisch darf nur mit eingewachse-

waren, die eben nicht mehr Soldat sein mussten. Chef war

nen Knochen abgegeben werden.

Dr. Gerhard W. Schmidt, aber 1944 wurde die Abteilung ge-

15. März 1941

schlossen, worüber sie nicht wirklich unglücklich war, denn sie empfand den Kriegsbetrieb und die Konfrontation mit den Zwangsarbeiterinnen, die zum Teil in Baracken auf dem Gelände auch bei Luftangriffen lebten oder arbeiteten als „Gefängnis“,


95

das aber bis zum letzten Tag, dem 21.April 1945 produzierte.

ihren immer noch lebenden, aber bereits bewusstlosen Mann aus der

Dann erlebte sie am 25./26. April 1945 mit den Eltern die Erobe-

Wohnung in den Keller zu bringen. Sie haben Angst, dass die Soldaten

rung des Quartiers wie des Werkes aus der Kellerperspektive

noch einmal zurückkommen und verstecken sich zwei Tage im Keller.

„Im April 1945 zieht eine Vorhut der Roten Armee durch das

In der Nacht vom 23. auf den 24. April bombardieren die Sowjets

Viertel. Ein Offizier geht mit ein paar Soldaten von Haus zu Haus. Sie

das Viertel, um die letzten SS -Scharfschützen, die sich am Osthafen

suchen nach deutschen Soldaten. Unbemerkt von dem Offizier ver-

verschanzt haben, zur Aufgabe zu zwingen.

gewaltigt ein Soldat der Roten Armee ein junges Mädchen aus dem

Dabei wird das Haus getroffen. Sie können sich mit der Mutter

Nachbarhaus der Stralauer Allee Nr. 33. Eine Nachbarin, die etwas

aus dem Keller retten. Die Nachbarin muss ihren sterbenden Mann

russisch spricht, läuft zu dem sowjetischen Offizier und berichtet ihm

zurücklassen. Das Haus brennt vollständig aus. Eine blinde Frau aus

von der Vergewaltigung. Der Offizier findet den Soldaten mit dem jungen Mädchen in

einem oberen Stockwerk springt voller Panik aus dem brennenden Haus und ist sofort tot.

einem Keller und macht einen kurzen Prozeß mit ihm: Er zieht ihn in

Sie machen sich zu Fuß auf den Weg nach Treptow, wo sie

den Hinterhof des Hauses Stralauer Allee 33 und erschießt ihn dort.

Freunde haben und schleppen abwechselnd die Mutter. Nach zwei

Die Leiche lässt er zurück.

Tagen finden sie dort tatsächlich eine leere Wohnung und eine Ärztin

Kurze Zeit später kommt ein weiterer Trupp der Roten Armee in das Viertel. Sie entdecken die Leiche des erschossenen Soldaten und nehmen an, die Hausbewohner hätten ihn erschossen. Die Soldaten treiben alle Bewohner aus den Wohnungen des Hauses in den Hinterhof zusammen. Frau L. kann in letzter Minute zusammen mit ihrem Vater und ein paar anderen Nachbarn durch eine Mauerlücke aus dem Hof entkommen. Sie versteckten sich in einem Keller und können das Massaker aus einem Fenster beobachten. Die sowjetischen Soldaten werfen aus Rache eine Handgranate in die Menge, die mehrere Menschen schwer verletzt. Sie schießen auf die Verletzten und werfen Steine und Blumentöpfe auf sie. Frau L. und ihr Vater wissen, dass die Mutter unter den Menschen im Hof liegt. Sie können nicht zu ihr, weil die Soldaten noch immer im Haus sind und die Wohnungen durchsuchen. Im Keller treffen sie auf eine völlig verängstigte Nachbarin. Ihr Mann ist seit Wochen schwerkrank. Als sie den Einmarsch der Roten Armee bemerkt, öffnet sie ihrem Mann in der Wohnung die Pulsadern, um ihn nicht der Roten Armee ausliefern zu müssen. Als es dunkel wird, schleppt Elisabeth L. mit ihrem Vater die verletzte Mutter in den Keller. Danach helfen sie der Nachbarin,

für die verletzte Mutter. Die Nachbarin lebt noch einige Wochen mit ihnen in der Wohnung und geht dann zu Verwandten. Ein Jahr später erfahren sie, dass sich die Nachbarin neben dem Grab ihres Mannes auf dem Friedhof erhängt hat.“


10.Februar 1945, Tagebucheintrag Ruth W. 1945 haben in Berlin 7057 Menschen Selbstmord begangen, allein 3 881 davon im April, 977 im Mai.

Die schweren Bombenangriffe – Bomben, die pfeifen, treffen uns nicht Ingrid B. „Wenn die Sirenen heulten mußte ich sofort in den 4. Stock, um einer

„Nach dem furchtbaren Luftangriff vom 3. Februar , der von mor-

Familie mit drei kleinen Kindern zu helfen möglichst schnell in den

gens bis mittags ging, ganz nah bei uns und uns doch wie ein Wunder

Keller zu kommen. Manchmal konnte man es kaum schaffen. Da

verschonte, kamen wieder lauter Ausgebombte. Bei Tante Trude im

flogen schon die Geschoßsplitter wenn wir noch über den Hof liefen.

Eckhaus Caprivistr. 14 wurden welche im Zweiten Stock eingewiesen,

Später war fast jede Nacht Fliegeralarm. Im Keller standen einige

Leute ohne irgendwas ausser sich selbst, furchtbar. Ich traf eine der

Betten, damit die Hausbewohner, die zur Arbeit mußten, wenigstens

Frauen an der Pumpe auf dem Rudolfplatz beim Wasserholen. Gut

etwas Schlaf bekamen. Wir anderen saßen um einen Tisch, über dem

dass noch ein Küchenschrank mit Tellern drin da war. Sonst müssen

eine einsame Glühlampe brannte und spielten Rommée. Man wurde

sie sich auf Fliegerschein anstellen für Kleidung und andere Haus-

langsam abgehärtet. Wenn die Bomben pfiffen, zogen wir den Kopf

haltsgeräte. Bei Pfarrer Winter ist im großen Gemeindesaal und in

ein, hielten in unserem Spiel inne, bis das Pfeifen vorbei war und

den Konfirmandenräumen ein Lazarett eingerichtet worden in der

spielten weiter. Nur einmal, als unser Wohnbezirk angegriffen wurde,

Zwingli-Kirche.

war es doch arg. Das Pfeifen nahm kein Ende, unser Luftschutzwart

Onkel Max drängt darauf, Vaters Weinkeller radikal aufzulösen, weil er fürchtet, dass die Russen, wenn sie da sind, sich besaufen und

stand an der Ausgangstür und sagte in einem fort ‚Nichts passiert. Bomben die pfeifen, treffen uns nicht‘. Als es dann vorbei war, muß-

alles kurz und klein schlagen oder alle Frauen vergewaltigen. Wir

ten wir schnell auf das Dach und mit Feuerpatschen versuchen, das

stehen den ganzen Tag zu zweit und öffnen den guten Württemberger

Dach naß zu halten, weil brennendes Getreide durch die Luft flog.

Trollinger von 1923 und schütten, immer drei Flaschen in jeder Hand,

Es war ein Lagerhaus mit Getreide an der Spree getroffen worden.

alles in der Ausguss. Ihm , dem Weinconnaisseur laufen parallel

Außerdem mußten wir unsere Kleidung immer wieder naß machen,

dazu die Tränen herunter. Die leeren Flaschen werfen wir im Dunkeln

damit sie uns nicht am Körper anfing zu brennen. (Da war ich 14

in die Spree zusammen mit Vaters Jagdgewehren, natürlich ohne

Jahre alt) Ein andermal kamen wir aus dem Keller. Da war durch den

Schaft. Wie sagte meine Mutter immer, ‚Wer weiss wofür das gut ist.‘“

Luftdruck einer Luftmine das ganze Fenster mit Rahmen auf mein Bett gefallen und alles war voll Glassplitter. Das Bettzeug wurde durch das nicht mehr vorhandene Fenster ausgeschüttelt und man legte sich ins Bett um noch etwas Schlaf zu bekommen, denn vor Anbruch des Tages war ja doch nichts zu machen. Beim Hellwerden gingen meine Mutter und ich, – mein Vater war inzwischen wieder Soldat – zur nächsten ‚Reparaturgüterstelle‘ und holten uns Pappe und Nägel um die Fenster mit Pappe abzudichten.


97 Bei einem Nachtangriff hatten wir Jugendlichen uns 1 Stunde nach Ende der Dunkelheit an einer bestimmten Stelle einzufinden,

Fliegeralarm Nr. 288

um gegebenenfalls zu Hilfsarbeiten eingeteilt zu werden. Einmal bin

Es gibt eine penible Aufzeichnung von 378 Fliegeralarm-

ich mit in Jungfernheide eingesetzt worden. Da brannten ganze Stra-

Meldungen, die mit dem 18. April 1945 endet und die die Zahl

ßenzüge, das Feuer fraß sich von einem zum nächsten Haus weiter.

der Toten, Verwundeten und Obdachlosen festhält. Danach ist

So viele Schläuche und Wasser gab es gar nicht um löschen zu können.

der Fliegeralarm Nr. 288 vom 3. Februar 1945 der schlimmste

Wir mußten helfen, aus den Wohnungen zu retten was möglich war.

gewesen: 119057 Menschen verloren ihre Wohnungen.

Jeweils eine Gruppe von vielleicht 20 bis 30 Jungen und Mädchen war dann für ein Haus eingeteilt. Einer mußte im Hausflur bleiben und das Feuer, welches ja meist über das Dach übergesprungen war, zu beobachten, damit die Helfer, die in den Wohnungen waren nicht

Luftschutzübung Ingeborg D.

unversehens vom Feuer eingeschlossen wurden. Es war Befehl ausge-

„Inzwischen war Krieg. In Vorbereitung, daß uns der Feind aus der

geben worden, daß die Mädchen die Wohnungen verlassen mußten,

Luft angreifen könnte, wurden u.a. Luftschutzübungen durchgeführt.

sobald an der Decke die braunen Stellen, an denen das Feuer anfing

Mit dem Sirenengeheul erloschen alle Lichter in der Stadt. Keine

sich von oben durchzufressen, handtellergroß wurden. Die Jungen

bunte Leuchtreklame durfte aufleuchten, alle Fenster waren so zu

durften bleiben bis die Stellen gut esstellergroß waren. Dann bestand

verdunkeln, daß kein Lichtschein nach außen fallen konnte. Beim

die Gefahr, daß innerhalb der nächsten halben Stunde die Decke

ersten Mal strömten die Menschen auf die Straße, um dieses seltene

herunterstürzte.

Schauspiel mit anzusehen. Es gab Anstecknadeln als Leuchtplaketten

Ein Haus war schon bis zum 2. Stock geräumt. Mit einem Mal

zu kaufen, und es sah aus, als schwirrten tausende von Glühwürmchen

entdeckten wir auf dem Balkon des 4. Stockwerks zwei kleine Kinder.

durch die Dunkelheit. Beim Tagesalarm mußten sofort alle Fahr-

Von innen konnte keiner mehr bis zu 4. Stock. Eine Drehleiter war

zeuge anhalten und die Bevölkerung hatte sich auf dem schnellsten

nicht vorhanden. Alle starrten entsetzt zu den weinenden Kindern

Wege in die Luftschutzkeller bzw. in die U-Bahnschächte zu begeben.

hoch. 3 Jungens, ca. 15 Jahre alt, kamen mit Seilen angelaufen. In

Als die ersten Bomben in Berlin fielen, suchte man nach Bomben-

dem noch nicht brennenden Nebenhaus hoch, auf das Dach, rüber

splittern als sei es etwas Besonderes.

zum Dach des brennenden Hauses, aus dem gottseidank noch keine

Im weiteren Verlauf der immer ernster zu nehmenden Luft-

hellen Flammen schlugen. Da haben sie das Seil am Schornstein gesi-

angriffe mußten wir im Betrieb Nachtwachen halten, die Betriebe

chert und einer hat sich dann bis zum Balkon abgeseilt und nachein-

mußten Tag und Nacht besetzt sein. Als in den letzten Kriegstagen

ander die Kinder über das Dach gerettet. Das war der Mut der kleinen

die Georgenkirche von einer Luftmine getroffen wurde, mußte ein

Helden, über die man sprach.“

Kollege das mit seinem Leben bezahlen. Das Gebäude war durch die Druckwelle stark beschädigt worden. So erinnere ich mich auch an den Tagesgroßangriff vom 3. Februar 1945, als große Teile des Berliner Ostens in Schutt und Asche sanken. Die Straßen waren nicht passierbar. Die Häuser standen in Flammen, soweit sie nicht durch Sprengbomben zerstört waren. Der Asphalt auf der Straße war durch die große Hitze aufgeweicht, die Luft rauchgeschwärzt. Man mußte sich ein dünnes Tuch vor das Gesicht binden, weil die herumfliegenden Flocken die Augen und Schleimhäute stark angriffen. In der Frankfurter Allee kam ich gerade dazu, als man die verkohlten Leichen in Eimern heraustrug. Mit einem großen Umweg konnte ich an diesem Tage nur meine elterliche Wohnung erreichen, aber zum Glück war unser Haus nicht getroffen worden. Von einer bekannten Familie erfuhren wir wenige Tage später, daß ihr Wohnhaus in der Liebigstraße schwer getroffen worden war. Der Keller brannte. Während die Frau noch durch das Flammenmeer rannte, konnte sie sich retten. Sie wollte den Mann mitreißen, aber er verbrannte an lebendigem Leibe. So hörten wir auch nichts mehr vom Schicksal einer anderen bekannten Familie in der Zorndorfer Straße. Auch der auf dem Hof des Hauses Warschauer Straße 19 oder 20 gelegene Kuhstall von Kaldenbachs war getroffen worden. Wir kauften dort jahrelang unsere frische Milch und mengenweise Quark. Jetzt mußte ich sehen, wie man die toten Kühe erst nach Tagen abtransportieren konnte.“


Luftbild-Aufklärung Von alliierten Auf klärungsf lugzeugen wurden nach den Luftangriffen in der Regel Luftbilder gemacht, die genauen Auf-

F. J. Bolkow, Sieg und Befreiung – Russische Erinnerungen an das Frühjahr des Jahres 1945 Unter dem Schutz der Artillerie und Granatwerfern überquerte

schluss über die erzielten Wirkungen der Bomberangriffe gaben.

gegen 17 Uhr das ganze Bataillon die Spree und griff den Gegner

Für das gesamte Quartier am Rudolfplatz und den Osthafen

in den angrenzenden Wohnvierteln an. Am 24. April nahmen

existiert ein solches Bild vom 22. März 1945. Darauf ist gut die

die Soldaten des 177. Kischinjower Rotbanner-Regiments der 60.

Unversehrtheit des Osthafens wie des angrenzenden Wohn-

Gardedivision, die sich bereits am 21. April in Wuhlgarten und

gebiets erkennbar. Bombenkrater sind nur auf dem Reichsbahn-

Biesdorf und am 22. April in Friedrichsfelde ausgezeichnet

Ausbesserungsgelände wie überhaupt im Bereich des Ostkreuz

hatten, die Maschinenfabrik Pintsch, den Bahnhof Warschauer

erkennbar. Die gesamte Straßenfront zur Stralauer Allee sowie

Brücke, das Osram-Werk und andere Objekte im Stadtteil ein.

die Anfänge aller Straßenzüge der Seitenstraßen weisen keine

Die Sturmabteilungen hatten damit zwei Brücken erobert

Kriegsschäden aus. Wenn heute dennoch entlang dieser Straßen

und versuchten nun die Brückenköpfe zu erweitern, lagen aber

Neubauten aus den 60er Jahren stehen oder nach wie vor Leer-

unter schwerem Feuer. In Anbetracht der großen Verluste befahl

f lächen zu sehen sind, dann bestätigt das alle Augenzeugen-

General Bersarin die Forcierung einzustellen und die einge-

berichte nach denen diese Häuser im „Endkampf“ um Berlin in

nommenen Abschnitte zu befestigen.

den letzten Tagen des April 1945 in Brand geschossen oder

Am 24. April setzte die 5. Stoßarmee ihre erbitterten Kämpfe

besetzt worden sind, von den letzten „Verteidigern“ oder den

zur Erweiterung der Brückenköpfe auf dem westlichen Spree-

ersten „Angreifern“.

ufer fort. Gleichzeitig gingen die Truppen der rechten Flanke auf das Regierungsviertel, zum Alexanderplatz , zum Schloß und zum Berliner Rathaus vor. Dieser Tag galt als das Eindringen der Belorussischen Front in Berlin.


99

„Wenn er grüßte, nie mit Heil Hitler“ Mit dem Ende des Hitlerreiches schienen auch die Millionen Anhänger dieses Regimes wie vom Erdboden verschluckt. Es gab plötzlich fast ausschließlich Antifaschisten, die sich das auch schriftlich bestätigen ließen. Ein Gastwirt, der eidesstattlich versicherte, nie Mitglied der NSDAP gewesen zu sein, brachte zum 1. Juni insgesamt 8 weitere Erklärungen bei. Darin hieß es beispielsweise: „Uns ist nicht bekannt, daß er Parteigenosse gewesen ist und seine Gaststätte [...] Durchgangsstelle für Mitglieder der NSDAP gewesen ist. Im Gegenteil, hier konnte man seinen Gefühlen gegen die gesamte Partei freien Lauf lassen.“

Ein Glücksfall für die Zeitgeschichte – der Tobias-Nachlaß, beschrieben von Norbert Podewin

„[...] im Gespräch mit mir und seinen Gästen hat er stets den anti-

Im Herbst 1993 fand sich bei einer Haushaltsauf lösung ein

Lokal in der Caprivistra0ße 21 nie ein Parteilokal. Hitlerbilder

faschistischen Standpunkt vertreten. Meines Wissens war das

Packen Papiere an. Die Verfasser waren in der Mehrzahl der Bür-

und dergleichen waren nicht vorhanden.“

germeister bzw. seine Stellvertreter, die Unterbezirksleitungen

„[...] in seiner Wohnung und in seinem Geschäftslokal war nie

der KPD Friedrichshain und ihre Stadtteilleitungen. Gerichtet

ein Hitlerbild. Er grüßte nie mit Heil Hitler.“

wurden die Schreiben an den Leiter des KPD -Stadtteils 6/7,

„[...] wir haben, wenn wir unter uns Antifaschisten gewesen sind,

Johannes Tobias, damals wohnhaft in O 17, Langestraße 51.

fremde Sender abgehört und die Internationale spielen lassen.“

Sein Einzugsgebiet war das Viertel um den Schlesischen Bahnhof (heute Ostbahnhof). Die Dokumente liefern einen detaillierten Einblick in das

In einer eidesstattlichen Erklärung ließ sich eine Frau von zwei ehemaligen Mitgliedern der Nationalsozialistischen Frauenschaft (NSV) bestätigen, „daß ich mich während meiner Zuge-

Berlin der Stunde Null, denn die Befehle der – vorerst allein in

hörigkeit zum NS -Frauenwerk (NS -Frauenschaft) – Eintritt 1942

Berlin anwendenden – sowjetischen Besatzungsmacht galten

– in keiner Weise politisch betätigt habe und nur zahlendes

für alle 20 Stadtbezirke gleichermaßen.

Mitglied war.


Fahnen 1945 Irene A. „Da haben wir alle gesessen hier im Haus und mussten Fahnen nähen. Ich weiß nicht, ob da sich noch heute einer entsinnen kann. Die ganzen Bettlaken und Bettwäsche mussten eingefärbt werden, wir mussten alle die vier Fahnen nähen, sowjetische und die anderen. Jedes Haus musste flaggen und keiner wußte recht, wie die Fahnen sind. Ich meine, die französische, die hat man ja immer noch zusammengekriegt, die englische war ein bißchen schwieriger, aber die mit den Sternen hier, die amerikanische?“

Kirchen brauchen nicht zu flaggen „Heute um 11.30 Uhr vormittags erhielt ich vom Herrn Militärkommandanten den Befehl, der Bevölkerung bekanntzugeben, daß morgen, Freitag, den 1. Juni 1945, abends 10 Uhr sämtliche Häuser, resp. Fabrikgebäude (Betriebe), die nach der Straße gelegen sind, 8 Flaggen in der Größe von 1,80 m Länge und 0,85 m Breite aus gutem Stoff herzustellen haben und zwar: 2 sowjetrussische Flaggen, 2 amerikanische Flaggen, 2 englische Flaggen, 2 französische Flaggen. Jede Hausgemeinschaft ist dafür verantwortlich, daß diese Flaggen morgen abend vorhanden sind. Der Befehl zur Hissung der Flaggen wird noch erteilt. Ich mache die Hausverwalter dafür verantwortlich, daß sie gemeinsam mit den Hausbewohnern alles daran setzen, diesen Befehl bedingungslos auszuführen und daß Einwände unter keinen Umständen anerkannt werden. Diejenigen Häuser, in welchen die Flaggen zum genannten Zeit-

Arbeitskräfte – außer lebenswichtigen Betrieben – sofort dem

punkt nicht bereit stehen, haben mit strengen Hausdurchsuch-

Arbeitseinsatz Koppenstraße zuzuführen. In Frage kommen

ungen und außerdem mit strengster Bestrafung zu rechnen. Ich

Große Frankfurter zwischen Frucht- und Markusstraße, Andre-

erwarte von der Bevölkerung, daß sie der Anordnung mit dem

asstraße. Daher müssen auch morgen früh sämtliche einsatzfä-

nötigen Ernst und vollem Einsatz entspricht, damit dem militä-

hige Frauen ebenfalls von den Blockstellen erfaßt hierhergeführt

rischen Befehl unbedingt nachgekommen wird.“

werden.

Was gab den Anlaß für diesen Befehl? Die Alliierten hatten sich geeinigt, am 5 Juni in Berlin durch ihre Oberbefehlshaber

Der „Flaggenbefehl“ stellte die Betroffenen vor immense Probleme. Zum einen waren Stoffe (und wie ausdrücklich gefor-

ein gemeinsames Dokument mit weitreichenden Folgen für die

dert wurde, gute Stoffe) eine Rarität. Zum anderen: niemand

Besiegten zu unterzeichnen, die „Deklaration in Anbetracht der

kannte diese fremden Fahnenbilder so genau, daß sie bei der

Niederlage Deutschlands und der Übernahme höchster Autorität

Ausführung nicht zu Karikaturen gerieten, die aus der Unwis-

hinsichtlich Deutschlands durch die Regierungen der Union der

senheit heraus zu angekündigter „strengster Bestrafung“

Sozialistischen Sowjetrepubliken, des Vereinigten Königreiches,

führen mochte.

der Vereinigten Staaten von Amerika und der Provisorischen Regierung der Französischen Republik.“ Dieser Akt wurde im ehemaligen Seglerheim in Wenden-

Die Stoffnot zwang offenbar auch zu krotesken Improvisationen der Umarbeitung von Fahnen. Die Abteilung Gesundheitswesen Friedrichshain bestätigte am 2. Juni: „Wir beschei-

schloß, einem Ortsteil von Berlin-Köpenick durch die Oberbe-

nigen hiermit, heute von Herrn Dr. Niesemann, Müncheberger

fehlshaber vorgenommen: Shukow, Montgomery, Eisenhower

Straße 32, 1 Paket Rote-Kreuzfahnen erhalten zu haben.“

und de Lattre-Tassigny. Um in Berlin ein entsprechendes optisches Bild zu schaffen,

Auch bei den Verantwortlichen kamen insgesamt bange Ahnungen auf. An dem Befehl selbst konnten keine Abstriche

erging am 31. Mai der zitierte Befehl. Zugleich wurde die kurz-

vorgenommen werden. Mit Rundschreiben vom 3. Juni teilten sie

fristige Räumung und Säuberung wichtiger Straßen befoh-

aber allen Einsatzstellen mit: „Die Fahnen sind unbedingt

len, es konnte ja sein, daß es alliierte Besichtigungen gab.

fertigzustellen. Sie werden auf Richtigkeit kontrolliert. Erst auf

„Innerhalb von 48 Stunden müssen die Hauptstraßen von Schutt

Anordnung der russischen Militärbehörden sind die Fahnen zu

usw. gesäubert sein. Zu diesem Zweck sind – wie schon in

hissen. Fahnen, die bereits heraushängen, müssen sofort herein-

dem vorher-gehenden Rundschreiben mitgeteilt – sämtliche

genommen werden. Kirchen brauchen nicht zu f laggen.“


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Glas-Bruchstück Am Rudolfplatz 1 hatte der Laden des Juweliers Leutert den Krieg überstanden und statt eines vernagelten Schaufensters strahlten die spärlichen Auslagen hinter einer großen Fensterscheibe. Der Mann war mir immer dadurch aufgefallen, dass er für seinen Berufsstand ungewöhnlich große Hände hatte. Da ich aber als Schulanfänger in den Nachkriegszeiten zudem keine Uhr hatte musste ich die Pranken des Herrn Leutert eigentlich nicht fürchten. Eines Tages auf dem Schulweg nach Hause standen wir staunend vor den gesprengten Ruinen der zerbombten Nebenhäuser Rudolfplatz 2 und 2a, die von rührigen jungen Leuten beseitigt wurden, die dort als Genossenschaft in der Nähe ihres neuen Arbeitgebers BGW ihre eigenen Wohnungen errichten wollten. Die Ziegel wurden wiederverwendet, die Straße lag bis zur Mitte voller Mörtelresten, Ziegelsplitter und Steinstücken und nichts war aufregender, als mit den Trümmerteilen einen WeitwurfWettbewerb auf den Trümmerberg zu veranstalten. Im Prinzip wäre gegen diesen Kleine Jungs-Sport nichts einzuwenden , wären alle gleich groß, stark und geübt gewesen. Ich gehörte als Sechsjähriger aber eindeutig zu den Kleinen und mein Ziegelstück krachte völlig aus der beabsichtigten Flugbahn direkt ins Zentrum von Leuterts Fensterscheibe. Krach. Stille. Dann kündigte sich das Unheil schnaufend, brüllend und übermächtig an. Herr Leutert kam mit seinen Riesenhänden auf mich zu und ich hatte alle fünf Finger im Gesicht: Eine Maulschelle, die sich nicht nur gewaschen hatte, sondern noch für Stunden auf meiner Haut von meinem Maleur zeugte. Erregte Frauen schützten mich, beschimpften den Juwelier wegen seiner Brutalität und geleiteten mich nach Hause: Auf der Wange leuchteten die Finger der Leutert-Pranke. Insoweit konnte ich die Geschichte auch gar nicht bei meiner Großmutter verheimlichen, zumal man sie und mich im Rudolfplatz-Viertel viel zu gut kannte und nicht nur Herr Leutert wusste, wo ich zu finden war. Pädagogisch klug wurde Herrn Leutert die KundenSympathie entzogen, mir aber beschieden, dass ich die Scheibe, 49 Mark 80 vom Gesparten in der Dose zu bezahlen hätte. Ich glaube zwar heute noch, dass ich höchsten einen Bruchteil des Glasbruchs aus meiner Spardose selbst bezahlt habe, aber damals, 1949 hielt ich mich von diesem Tag an für arm und mittellos – wie die Flüchtlingskinder aus Ostpreussen, Pommern und Schlesien in unserer Schule.


Unser Haus war stehengeblieben. Angesichts der vielen Trümmer ein unbeschreibliches Gefühl. Betroffen waren wir jedoch, als 2 junge Sowjetsoldaten in unserem Hausflur liegen sahen, die bei den letzten Kämpfen um Berlin, vielleicht in den letzten Stunden des Krieges, noch ihr Leben lassen mußten. Wie gern hätte ich die Angehörigen benachrichtigt, aber dazu hatte ich kein Recht und wohl auch keine Möglichkeit. Nach einigen Tagen holten sich die Männer aus unserem Hause die Genehmigung von der Kommandantur, beide auf dem Grasstreifen neben der Promenade zu bestatten. Später wurden sie auf den kleinen sowjetischen Friedhof auf dem ehemaligen Marktplatz in der Boxhagener Straße umgebettet, bis sie nachher endgültig ihre letzte Ruhestätte in Berlin-Treptow fanden. Einen ordentlichen Schrecken jagten uns die ‚Stalinorgeln‘ auf der Warschauer Brücke ein, deren Geschützrohre auf die Innenstadt gerichtet waren. Als wir später durch die Straßen gingen und das ganze Ausmaß der Zerstörung der Stadt sahen, konnten wir uns ein Weiterleben in dieser Stadt nicht vorstellen. Wer sollte all die Häuser wieder aufbauen? Die Betriebe waren zum größten Teil zerstört, es gab keine Arbeitsmöglichkeiten, und so auch keinerlei Perspektive. Daher dachte ich als junger Mensch, daß die einzige Lösung nur darin bestehen könne, daß man uns alle nach Sibirien schickt. Da las ich in der Frankfurter Allee auf einem riesigen Transparent: Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk bleibt bestehen! Ich mußte es immer wieder lesen und kann heute noch kaum in Worten ausdrücken, was mich damals bewegte. Das war wieder Hoffnung! Es gibt ein Weiterexistieren. Wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm,

Die letzten Apriltage 1945, Ingeborg D. „Die letzten Apriltage waren angebrochen. Der Kampf um Berlin begann. Das Grollen von Geschützen lag in der Luft. Pausenlose Luftangriffe ließen uns Tag und Nacht im Keller verbringen. Zu der Angst, ob man diesen Keller noch einmal lebend verlassen wird, kam die Angst: ‚Die Russen kommen!‘. Noch kamen aber nicht die Russen. Zwei etwa 14 jährige Jungens, die man in den ‚Werwolf ‘ gesteckt hatte, kamen wie aufgescheuchte Rehe und suchten Unterschlupf. Sie sollten nur mal schlafen. Sie taten uns in der Seele leid, aber niemand brachte den Mut auf, sie zu verstecken. Was mag aus ihnen geworden sein? Bald danach hörten wir die ersten russischen Laute auf unserer Kellertreppe. Das Herz blieb uns fast stehen. Unser Hausobmann versuchte, sich mit ihnen zu verständigen, ohne selbst ein Wort zu verstehen. Er meinte, wir sollten die Wohnungsschlüssel bereithalten, sicher wollten sie unsere Wohnungen sehen. Mir fuhr es durch den Kopf: ‚Bestimmt müssen wir uns auf unserem Hof an die Wand stellen, und dann werden wir erschossen.‘ Bevor meine Mutter in ihrer Aufregung ihre Schlüssel finden konnte, kamen schon die ersten Mieter wieder in den Keller zurück. Man hatte vergeblich nach versteckten Nazis gesucht. Nach all dem Getöse und Krachen der letzten Tage trat plötzlich eine fast unheimliche Ruhe ein. Wir horchten auf. Es war der 2. Mai: Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von Keller zu Keller: ‚Der Krieg ist aus!‘, ‚Hitler ist tot!‘ Das mußte man nach 6 langen Kriegsjahren erst einmal begreifen. Wir krochen alle aus unserem Keller, ungläubig, zaghaft, und ein herrlicher Maientag begrüßte uns.

so klammerte ich mich an diese Worte.“


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Gibt es Richtiges im Falschen? Ich traf ihn oft an der Bushaltestelle Rotherstraße / Ecke Lembruckstraße oder bei Veranstaltungen, bei denen es um die Zukunft des Viertels ging: Dr. Horst Liewald, der über 35 Jahre lang Narva-Angehöriger war, davon alleine 10 Jahre der Narva Geschäftsführung angehört hatte, wissenschaftlicher Mitarbeiter im BGW, Betriebswirt und Ingenieur, 20 Jahre lang Dozent an der Narva-Kombinats-Akademie. Mir Neugierigem erzählte er gern von seinem Projekt, die Geschichte eines der größten Lichtquellen-Produzenten der Welt, der im Ostblock eine Spitzenstellung einnahm und in der DDR eines der angesehensten Kombinate war, als Teil der Geschichte der Industrie und der gesellschaftlichen Entwicklung der DDR darzustellen. 2004 konnte er seine Darstellung der Entwicklung vorlegen, die einen würdigen und selbstkritischen Nachruf auf das zweite Zuhause von über 5000 Menschen darstellte, die Anteil an Narva hatten und von denen Narva einen Anteil hatte. Sein Verdienst ist es, die Stadien der Entwicklung technisch und ökonomisch durchaus mit Herz subjektiv darzustellen. Am Ende gibt er eine gar nicht mehr überraschende Antwort auf die selbst gestellte Frage, ob es Richtiges im Falschen gibt. „Es gab ein richtiges Leben im falschen System. Mit dem Wegbrechen dieses Systems sahen sich viele Narva-Angehörige wie viele DDR-Bürger letztlich auf der Verliererseite.“


Betriebsgeschichte von Narva – Berliner Glühlampenwerk (BGW)

Behutsam-liebevoll beschreibt Dr. Horst Liewald die Fünfjahrespläne der DDR , vor allem aber die Umbruchphase um den Siebenjahresplan 1959–1965 und die darauf folgende Grün-

Im Großen und Ganzen hat Narva die DDR ganz gut mit „Licht

dung des Kombinats Narva, den Aufstieg und den allmählichen

nach Maß“ (Narvas Werbeslogan) versorgt, konstatiert Liewald,

Niedergang in den 80er Jahren. Er wagt sogar eine Analyse des

und stellt fest:

Niedergangs nach der Wende 1989.

„Der Versuch des Auf baus des Sozialismus in der DDR war

In den Auf baujahren vor dem Mauerbau war das Berliner

gescheitert. Die hier dargestellte Situation war vorwiegend das

Glühlampenwerk so etwas wie der Wegbereiter für neue Initiativen,

Ergebnis der unzureichenden Leistungsfähigkeit der Industrie

offenbar auserkoren, zu einem sozialistischen Musterbetrieb

und damit letztlich auch des Narva-Kombinates. Dafür gibt es

entwickelt zu werden. Liewald erinnert daran, daß 1955 der

viele Gründe, die vom chronischen Mangel bis zu beträchtlichem

erste Musterkollektivvertrag eingeführt wurde, der einerseits

Demokratiedefizit reichten. [...] Das fast völlige Fehlen einer

die Belegschaft und ihre Kollektive mit der Einhaltung der staat-

harten Konkurrenz auf den Inlandmärkten verursachte weit-

lichen Planvorgaben beauf lagte und andererseits die staatliche

gehende Lethargie. Die Konkurrenz auf einem Teil des Außen-

Betriebsleitung verpf lichtete, diese Planerfüllung mit sozialen

marktes konnte dies nicht kompensieren. Die moralischen Leistungsanreize, auf die in der DDR

Maßnahmen zu vergelten. 1957 führte dann die BGW als erster Berliner Betrieb die 45-Stunden-Arbeitswoche ein und da dieses

vordringlich gesetzt wurde, waren den materiellen Leistungsan-

Werk als Frauenbetrieb galt, hat sich das BGW verstärkt um

reizen in den westlichen Industrieländern hoffnungslos unter-

soziale Aspekte gekümmert.

legen und führten zu beträchtlichen Rückständen, zum Beispiel auf dem Gebiet der Arbeitsintensität. Wurden in den Anfangsjahren des Aufbaus der DDR mit Großprojekten beachtliche Erfolge erzielt, so änderte sich das später

„So bot das BGW als Großbetrieb eine fast vollständige Rundumversorgung an, zu der Essensangebote für drei Schichten mit mehreren Wahlessen, Einkaufsmöglichkeiten, Dienstleistungsstützpunkte, medizinische Betreuung zunächst in einem Am-

gravierend. Mitte der sechziger Jahre hatte es in der Industrie

bulatorium und später in einer Poliklinik, Kindergrippen und

keinen Zuwachs an Beschäftigten und seit Mitte der siebziger

Kindergärten, Betriebskinderferienlager, Betriebsferienheime,

Jahre auch keinen Zuwachs an Primärenergieträgern aus Aus-

verschiedene Sportstätten und Kultureinrichtungen gehörten.

gangsrohstoffen gegeben. Die Ressourcen waren erschöpft.

In einer Vielzahl von Zirkeln wie dem Mal- und Zeichenzirkel,

Um trotzdem wirtschaftliches Wachstum zu sichern, hätte

dem Zirkel für Emaillearbeiten, dem Photo- und Schmalfilmzirkel,

ein Wechsel zu einer umfassenden Intensivierung und Rationa-

dem Philateliezirkel, dem Tanzzirkel, dem Schachzirkel sowie in

lisierung der Produktion stattfinden, hätte verstärkt eine ständige

Clubs und Gruppen wie dem Arbeitertheater, dem Kabarett, der

Erneuerung und Modernisierung der bereits vorhandenen

Chorgruppe und dem Karnevalsclub haben Hunderte von BGW-

Potentiale durchgeführt werden müssen. Das heißt, ganz normale

Angehörigen zum Teil unter Anleitung von Berufskünstlers ihre

Neuerungsprozesse standen täglich auf der Tagesordnung, und

Freizeit ausgefüllt verbracht.

diese wurden, wie es auch das Beispiel Narva zeigt, unzureichend beherrscht.“


105

Ihnen wurde die Möglichkeit geboten, das dabei Erreichte in

nicht. Damit war aber gleichzeitig der systematische Verfall der

Veranstaltungen des Betriebes und auch des Wohngebietes vor-

Altbausubstanz vorherbestimmt, ohne dass in all den Jahren ein

zustellen.“ [...]

wirkliches Rezept zum Gegensteuern gefunden wurde, das

„In diesen Jahren haben viele Menschen im BGW wie auch in

keinem weh tat. Partei und Regierung schreckte wohl noch

der ganzen Republik die Verhältnisse in der DDR akzeptiert.

immer die Erinnerung: bloß keine allzu großen Zumutungen an

Die Arbeiterschaft sah in den Erholungsheimen, Kulturhäusern

‚unsere‘ Menschen. Und das zu unrecht: die hohen Subventionen

oder Polikliniken Errungenschaften, und die Mehrheit schätzte

für Mieten wurden von einem Großteil der Bevölkerung in

auch das Klima in den Betrieben positiv. Hier herrschten teilweise

diesen Ausmaßen nicht mehr als gerechtfertigt und auch nicht

Freiräume, die für solidarisches Verhalten innerhalb der Beleg-

mehr als sozial gerecht angesehen. Die Unterbelegung von

schaft, aber auch die Entfaltung von Eigeninteressen wie das

Wohnraum, die hohe Zahl von Zweitwohnungen, durch die

Ergreifen von Chancen für die beruf lichen Aufstiegsmöglichkei-

niedrigen Mieten stimuliert, waren eine der Ursachen für anhal-

ten genutzt wurden.“

tende Wohnungsnot trotz hoher Neubauzahlen.

Horst Liewald wohnt, wie sehr viele ältere Narva-Mitarbeiter, in einem Haus der Wohnungsbau-Genossenschaft der BGW.

Zurück zum BGW: Die Narva-Poliklinik wurde wesentlich erweitert, wofür vom Betrieb Investitonsmittel in Millionenhöhe

Seine Betriebsgeschichte ist deshalb auch eine Stadtgeschichte.

bereitgestellt wurden. Aus dem ehemaligen Ambulatorium mit

Im interessantesten Kapitel seiner Betriebsgeschichte, in der die

4 Arztarbeitsplätzen Ende der sechziger Jahre wurde Anfang der

technische und ökonomische Zwickmühle der Kombinatsleitung

achtziger Jahre eine leistungsstarke Einrichtung mit 10 Fach-

in den späten 80er Jahren detailliert entfaltet wird, erzählt er von

abteilungen und 15 Arztarbeitsplätzen. Hier arbeiteten so profi-

den vietnamesischen Gastarbeitern im Werk, der 25% ige Steige-

lierte Fachärzte wie SR Dr. Helmut Fichtner als Hautarzt,

rung des Durchschnittslohnes zwischen 1980 und 1988 und der

Dr. Renate Fiedler für Innere Medizin und MR Annette

weiteren Verbesserung der betrieblichen sozialen Maßnahmen.

Mischke für Allgemeinmedizin. Und in den folgenden Jahren

„Das zeigte sich in vielfältiger Hinsicht. So erhöhte sich die Aufnahmequote für die Wohnungsbaugenossenschaft Friedrichshain,

wurden die Kapazitäten weiter aufgestockt. Dadurch konnten allein im Jahre 1987 von BGW-Mitarbeitern und auch Bewohnern

die aus der Wohnungsbaugenossenschaft des BGW hervorgegan-

des angrenzenden Wohngebietes 50968 BGW-Arztkonsultationen

gen war, beträchtlich. Sie verfügte inzwischen über 83 Objekte

wahrgenommen werden. Es gab 394 Hausbesuche der BGW-

mit rund 6000 Wohnungseinheiten und erhob seit Jahrzehnten

Ärzte, 885 arbeitsmedizinische Dispensaire-Untersuchungen

niedrige und stabile Mieten von 0,80 bis 1,25 DDR-Mark je

und 9319 zahnmedizinische Behandlungen. Für die Patienten

Quadratmeter, obwohl die Aufwendungen für die Wohnungser-

entstand dabei (von Sozialversicherungsbeiträgen abgesehen)

haltung und -bewirtschaftung sich auf 3,00 bis 4,00 DDR-Mark

keinerlei finanzieller Aufwand: Zuzahlungen für Medikamente

je Quadratmeter beliefen. (Die monatliche Miete eines DDR-

und Kostenbeteiligungen waren Fremdwörter.“

Bürgers für eine ca. 60 Quadratmeter große Wohnung machte im Durchschnitt nur etwa 2 bis 4 Prozent vom Haushaltseinkommen aus.) Die Differenz wurde, wie so oft, vom Staat subventioniert. Eine Angst vor Mieterhöhungen kannte der DDR-Bürger


Das Osram Werk D in den Jahren 1945/46 Nachdem die sowjetischen Truppen am 22./23. April 1945 das Osram Werk D in der Rotherstraße erobert hatten, brach im Werk

Werk D, Herrn Elias

– auf ungeklärte Weise, vielleicht durch sogenannte Werwölfe –

Dr.S/S. – 7.6.45

ein erneuter Großbrand aus, der das Verwaltungsgebäude ver-

Unsere russische Kommission wünscht die sofortige Aufstellung aller

nichtete, in dem unter anderem die Versuchsfabrik und die

Ingenieure und Spezialisten, die freiwillig bereit sind, nach Rußland

Studiengesellschaft beheimatet waren. Auf den Straßen des

zu gehen. Ich bitte Sie, alle in Betracht kommenden Herren davon

Fabrikgeländes lag alles voller Trümmer, so wie in den umlie-

zu verständigen. Diejenigen, die Neigung zu einer solchen Auswan-

genden Straßen des Quartiers. Der Grad der Zerstörung des

derung haben, sollen sofort schriftlich an Sie folgende Angaben

Maschinenparks wird mit 90% angegeben, dazu aber kam, dass

einreichen:

die sowjetische Besatzungsmacht, ganz im Sinne der alliierten Abmachungen, umgehend mit der Demontage noch funktionierender Produktions- und Verkehrsanlagen begann. A.W. Nick nimmt in einer lesenswerten DDR-Geschichte an, dass 80% der ElektroIndustrie und 75 % der Werkzeugmaschinen-Industrie als Demontageverlust auf dem Gebiet der späteren DDR anzunehmen sind, gar nicht zu sprechen von den etwa 200 Betrieben, die als sowjetische Aktiengesellschaften, sogenannte SAG -Betriebe, in sowjetisches Eigentum übergingen. In Horst Liewalds Betriebsgeschichte von Narva Berliner Glühlampenwerk liest man: „Auch im Glühlampenwerk begann unmittelbar nach Kriegsende Montagetrupps mit dem Abbau technischer Anlagen, die für die Sowjetunion von Interesse waren. Diese Aktion war als moralische Verpf lichtung zur Wiedergutmachung erklärbar. Sie erschwerte jedoch in ihrem Ausmaß sehr das Bestreben der Arbeiter und Arbeiterinnen, die Produktion der dringend benötigten Glühlampen in ihrem angestammten Betrieb nach Kriegsende wieder in Gang zu setzen.“ Im Landesarchiv Berlin hätte Horst Liewald darüber hinaus sogar noch die Aufforderung der sowjetischen Besatzungsmacht gefunden, Ingenieure und Techniker binnen weniger Tage dazu zu bewegen, mit ihren Familien in die Sowjetunion zu übersiedeln.

1. Name, Geburtstag und -ort, Adresse, Familienverhältnisse (ob ledig, verheiratet, wieviel Kinder). Ganz kurze Berufsbeschreibung (Schule, weitere Ausbildung, auf welchen Arbeitsgebieten betätigt). 2. Wünsche über die Einsatzbedingungen in Rußland, z.B. Mindestansprüche bezügl. Wohnraum, wenn verheiratet, wollen Sie Ihre Familie sofort mitnehmen oder nach einer Probezeit von 4 oder 6 Monaten nachziehen? Wollen Sie Ihre Möbel mitnehmen? Welche Urlaubsansprüche stellen Sie? Urlaub in Rußland oder in Deutschland? Jährlichen Urlaub oder zwei- oder dreijährlichen? 3. Ob und welchen Teil Ihres Gehaltes wünschen Sie nach Deutschland zu übertragen? 4. Machen Sie Ihren Einsatz davon abhängig, daß Sie in einer gewissen, von Ihnen zu bezeichnenden Gegend beschäftigt werden? Die Liste dieser Herren muß spätestens am 12.d.M. abends in Händen von Herrn Dr.Sichling sein. O s r a m G.m.b.H. Kommaanditgesellschaft Abschrift an Herrn ..............


107

mit der Bitte, für Ihre Abteilung sofort die entsprechende Feststellung zu machen und Meldung bis 12.6.1945 vormittags 10 Uhr an mich. 9.6.45 Es ist unbekannt geblieben, ob und wie viele Menschen sich gemeldet haben, aber in der bis vor wenigen Jahren einzigen Darstellung der Geschichte des VEB Narva Rosa Luxemburg Berliner Glühlampenwerk, mit dem Titel Arbeiter machen Geschichte, Ergebnis der Forschungsarbeit der Geschichtskommission der Betriebsparteiorganisation und des Instituts für Wirtschaftsgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR, geschrieben von den Genossen Hans Keil und Dr. Hermann Roth, fehlen diese Aspekte der Nachkriegsgeschichte. Dieses Standardwerk, das zumindest jeder ausgezeichnete Aktivist aus dem NarvaKombinat zu Hause besitzt, ist wegen seiner Materialfülle wertvoll, jedoch nur mit kritischer Distanz zu lesen. Es empfiehlt sich dringend, dieses zum 30. Jahrestag der DDR 1978 erschienene, wahrhaftig parteiliche Werk, mit der Darstellung der Betriebsgeschichte eines Beteiligten, mit dem Buch Das BGW von Horst Liewald zu vergleichen.

Drama und Tragödie für die Mitarbeiter Abshagen kann sich aber nicht vorstellen, dass Osram bei der Treuhand interveniert hat, um die osteuropäischen Märkte von

Ansichten zum Ende von Narva Dr. Hans-Ulrich Abshagen, Unternehmensberater

Narva zu übernehmen. Dies ist ein häufiger Vorwurf von Seiten der ehemaligen Ost-Belegschaft. Abshagen glaubt, dass besonders nach dem Tod Rohwedders und der Einsetzung Birgit

Hans-Ulrich Abshagen wurde 1991 nach der Ermordung

Breuels als Treuhandpräsidentin, Fehler bei der Privatisierung

Karsten Rohwedders von der Treuhand beauftragt, den

Ostdeutschlands gemacht wurden. Zu den Gründen, warum

Aufsichtsrat von Narva zu berufen, als deren erster Vorsitzender

Narva es damals nicht geschafft habe, zählt er auch, dass der

er dann gewählt wurde und ersetzt den letzten „sozialistischen“

damalige Betrieb überhaupt nicht durchrationalisiert gewesen

Direktor mit zwei Geschäftsführern. Schon vor der Wende war

ist. Dennoch hätte es eine reelle Chance gegeben, den Betrieb

er als Krisenmanager tätig und hatte DDR-Wirtschaftskontakte.

zu retten.

Seine Hauptaufgabe war, einen Privatkäufer für Narva zu finden

Als West-Manager mit Einblicken in einen typischen ost-

und währenddessen die Weiterproduktion und die Märkte zu

deutschen Betrieb sieht er die Sanierung und anschließende

sichern.

Schließung des Werks aus einer Außenperspektive . Er bezeichnet diesen Vorgang aber als „Drama und Tragödie für die Mitar-

Der größte Mißerfolg

beiter.“ Es sei einfach versäumt worden, fähige Wirtschaftsprofis zu holen, um Arbeitsplätze erhalten zu wollen. Stattdessen

Für ihn war diese Tätigkeit „einer der größten Misserfolge“ in

sei die Zielsetzung der damaligen Kohl-Administration

seinem Berufsleben gewesen. Das Werk und die Arbeitsplätze

gewesen, durch Verkäufe möglichst viel Geld in die Kasse des

konnten trotz aller Anstrengungen nicht gerettet werden. Bald

Finanzministers zu holen. Er findet, dass die Bundesregierung

gab es einen Käufer, der die 100 Millionen DM Kaufpreis bezahlen

haarsträubend dilletantisch und eben nicht professionell die

und die Produktion modernisieren wollte. Auch der damalige

Privatisierung des Ostens betreiben habe. Wenn es heute in der

Bürgermeister von Berlin, Walter Momper, setzt sich für diese

ehemaligen DDR keine blühende Mittelstandswirtschaft gäbe,

Lösung ein. Aber die Treuhand entscheidet anders. Sie verkauft an die

sei das ein Resultat der verfehlten Privatisierungspolitik der Treuhand. Allerdings räumt er auch ein, dass die Glühlampen-

Immobilienfirma Klingbeil, die nicht vorhat, die Fabrik weiter zu

produktion marktwirtschaftlich gesehen tatsächlich eine Art

betreiben. Abshagen legt aus Protest seinen Vorsitz nieder, will

Oligopol sei und dass Osram sich natürlich gefreut habe über

seinen „guten Namen nicht für eine solche Sache hergeben“.

neue Ost-Märkte, aber einen direkten Einf luss der Firma auf die

Zwar wird das Werk nach Protesten – auch seitens der Presse – wieder neu ausgeschrieben, aber 1993 dennoch endgültig stillgelegt.

staatliche Behörde will er ausschliessen.


In welche Zukunft ich auch schweife, und was ich immer erst ergreife, es wird mir zur Vergangenheit. Karl Kraus


109

Das zweite Zuhause Die Margot K.-Story

Der fürstliche Arbeiterlohn

Margot K. und ihr Mann können die Abwicklung des Werks aus

27 Mark pro Woche 1946, dazu die bessere Lebensmittelkarte.

der entgegen gesetzten Perspektive schildern. Sie haben beide bis zum Schluss bei Narva gearbeitet und

Margot K., die 16jährige und jüngste BGW-Arbeiterin, bekam „Und wir waren damit sehr zufrieden, hatten zwar immer Hunger, waren alle dünne wie die Zwirnsfäden. In der Strom-

lebten ab 1945 im Viertel. Frau K. hat sich von der Trümmer-

zuführung war eine große Kochplatte und dort wurden unsere

frau, die das Werk mit aufgebaut hat, bis zur Industriekauffrau

Stullen geröstet. Gesungen wurde bei der Arbeit, ja, richtig

hochgearbeitet. Sie kann sehr viel aus der Anfangszeit des Werks

fröhlich gesungen, mitten in einer Stadt, wo viele ihre Angehö-

erzählen. Herr K. hat an der betriebseigenen Akademie studiert

rigen verloren hatten, wo jeder jeden suchte, wo alles knapp war.

und war zuletzt ökonomischer Leiter. Beide sind sie resigniert

Aber eines hatten wir reichlich: Lebensfreude, zu wissen, du

angesichts der Wende und verklären die Vergangenheit und

lebst, auch morgen noch und in den nächsten Jahren. Wir waren

die DDR . Sie finden das neue Gebäude bzw. das neue Nutzungs-

befreit von der unmenschlichen Angst, ob man am nächsten

Konzept der Oberbaum-City nicht gut; das Gebäude habe nun

Tag vielleicht schon unter den Trümmern des Hauses begraben

keine „Seele“ mehr. Auch vertreten sie die These, Narva wurde

liegt. Und alles, was täglich unter unseren Händen entstand, das

nur geschlossen, weil es eine große Konkurrenz für Osram war.

gehörte uns. Alles was du getan hast, war für uns. Das heute

Man habe die Besten systematisch gekündigt, um am Ende sagen

mitunter so selbstverständliche Wort von „des Volkes Eigentum“

zu können, das Werk rentiere sich nicht mehr. 1999 zogen sie

war Erlebnis. Jeden Tag kam etwas mehr hinzu.

aus dem Viertel nach Treptow, weil es nach der Schließung von Narva „immer mehr herunterkam“. Frau K. kann sich noch gut an das Vorkriegs-Viertel erinnern.

Die Fünf-Mark-Story

Ihre Großmutter Auguste lebte in der damaligen Beymestraße 16.

„Einmal kam die DEFA , drehte einen Augenzeugenbericht aus

Sie arbeitete über 25 Jahre als Garderobenfrau bei Osram.

unserem Bereich, der Sonderlampe. Wir haben uns alle fein

Als die Familie von Frau K. im März 1945 ausgebombt wird,

gemacht, und die Filmfritzen haben gedreht und gedreht und

ziehen sie zu der Großmutter in die Beymestraße. Dort erlebt

immer wieder angefangen, kurzum: uns bei der Arbeit aufge-

sie das Kriegsende und den Einmarsch der Soldaten der Roten

halten. Bei mir kurbelten sie besonders lange rum. Mensch,

Armee. Sie muss sich in einem Wäschekorb verstecken, weil ihre

habe ich dem gesagt, ich schaffe meine Norm nicht! Dafür bekam

Eltern Angst haben, dass sie vergewaltigt wird.

ich dann zum Ausgleich fünf Mark Honorar. Natürlich sind wir

Da sie nach dem Krieg nicht zu ihrer alten Lehrstelle im

in der folgenden Woche alle ins Kino gerannt, wollten uns sehen.

Westen zurück kann, arbeitet sie als Trümmerfrau beim BGW, dem

Und was kam auf der Leinwand? Nur meine Hände, nichts

Berliner Glühlampenwerk. Der Arbeitslohn beträgt 72 Pfennig pro

weiter als die Hände, die etwas montierten, da waren wir aber

Stunde, ihre Einstellungsnummer ist die 58. Dann fängt sie als

enttäuscht.“

Botin im Büro an. Sie arbeitet elf Jahre in der Abteilung Sonderlampe am Band. Danach ist sie sechs Jahre als Diamantbohrerin in der Ziehsteinfertigung. Ab 1965 arbeitet sie als Meistergehilfin in der Rohrlegerwerkstatt. Ihr „Vaterhaus“ stand neben dem Betrieb, da wo später die Poliklinik war. 1986, anlässlich ihres vierzigjährigen Dienstjubiläums wurde sie für die Lichtquelle, die Hauszeitschrift der Betriebsparteiorganisation der SED interviewt: „40 Jahre“ sagt sie, „meine Güte 40 Jahre. [...] zur Festveranstaltung tanzten wir auf spiegelblankem Parkett, an gleicher Stelle gab‘s manche Fête auf einem Zementboden. Aber immer war es schön. Heute wird dir in feierlicher Form immer wieder gesagt, du bist 40 Jahre hier, das begreifst du nur, weil es zeitmäßig nachprüf bar ist. Aber gefühlsmäßig willst du es nicht wahrhaben. Ich bin hier zu Hause, und wenn ich mir vorstelle, daß ich eines Tages mal hier auf höre, dann gebe ich von mir selbst was weg...“


Die wichtigsten Entscheidungen Helmut Höge, Autor und Glühlampenforscher Nahezu täglich berichteten er und andere, die sich 1993 zur Künstlergruppe Bild kämpft für Narva zusammengefunden hatten, in der taz über den Prozess der Privatisierung des Narva Werks. Höges Beiträge sind später in einem lesenswerten Buch Berliner Ökonomie im Basisdruck Verlag erschienen. Die Auszüge aus diesem Artikel mit dem Titel Narva Light stammen aus einer 1993 entstanden Momentaufnahme, die damals nicht, sondern erst 2001 im Glühbirnenbuch erschienen ist.

Die Narva-Privatisierung In der für die Narva-Privatisierung verantwortlichen HorstBlaschen-Gruppe der Treuhand saßen auch zwei SiemensManager, und die hatten es sogar geschafft, einen „Schließungsbeschluß“ für das BGW durchzusetzen, mit Rückendeckung eines von Narva mit über 100 000 DM bezahlten und später von Narva-Mitarbeitern als „höchst fragwürdig“ bezeichneten „Sanierungsgutachtens“ der Roland Berger GmbH, die man gut und gerne als externe Beratungsfirma der Deutschen Bank bezeichnen kann. Gleichzeitig war der einstige Berliner Renommierbetrieb aber von Rohwedder an die international operierende Consultingfirma Price-Waterhouse übertragen worden, die sich mit dem Verkauf zweier wahrer Perlen unter den volkseigenen Betrieben – Skoda an VW und Tungsram an G.E . – gerade einen Namen im Ostwest-Firmenhandel gemacht hatte. Sie mußte – nach eigenen Aussagen – erst einmal hart kämpfen, um „den Schließungsbeschluß für Narva wieder vom Tisch zu bekommen.“ Die internationale Ausschreibung des BGW lief bis zum 28. Februar 1991. Osram, die anfänglich den Vorschlag gemacht hatte, drei einst aus Japan bezogene Fließstrecken für Allgebrauchslampen von Narva zu übernehmen – samt Bedienungspersonal – ließ Ende Februar via dpa verlauten: Zwar stünden sie nach wie vor zu diesem Angebot, aber an der Ausschreibung würden sie sich nicht beteiligen. Gleichzeitig ließ der Konzern aber – wahrscheinlich über die Zentrale des internationalen Elektrokartells (IEA) in Pully bei Lausanne „überall in der Welt verbreiten, sie hätten auch Narva schon so gut wie übernommen. Das hat natürlich zu großen Irritationen bei den potentiellen Interessenten für das Berliner Glühlampenwerk geführt“, so ein Mitarbeiter von Price-Waterhouse. Die Süddeutsche Zeitung vermeldete, daß Osram dem BGW für 20 Millionen DM eine Anlage zur Produktion von Energiesparlampen verkauft habe. Dazu äußerte sich später der Narva-Aufsichtsratsvorsitzende: 1988 habe Osram dafür bei Schalck-Golodkowski 6 Millionen verlangt, dieser habe bei der Außenhandelsstelle 12 Millionen berechnet, und bei Narva sei die Rechnung schließlich mit 21 Millionen angekommen. Osram ließ verlauten, sie würden dafür einen Großteil der produzierten Kompakt-Leuchtstoff lampen abnehmen. Im BGW wird dies jedoch bestritten.


111 anlage hatte sich dazu bereits eine Prolux-GmbH in Frankfurt an der Oder gegründet. Die Quarzfertigungs-Abteilung würde geschlossen, das Drahtwerk aber weiter produzieren können – wenn man auch aus finanziellen Gründen vorerst auf die Entgiftung der Räume verzichten müsse. Vor der Betriebsversammlung hätte es eine Bombendrohung gegeben, wie Geschäftsführer Sommer empört berichtete. Von einem wirklichen Widerstand gegen seine Sanierungspläne konnte aber keine Rede sein. Binninger wollte anfänglich auch nicht mehr als Osram vom BGW übernehmen: nämlich einige Fertigungsstrecken samt ihrer Belegschaft. Aber er fand dafür bei Sommer kein offenes Ohr, der ließ nicht einmal mit sich verhandeln,

Binningers Birne

das überließ er einem seiner Produktionsleiter in der Lampenfertigung: Jürgen Janthur. Um Sommer umzustimmen, über-

Abgesehen von einem japanischen Konzern mit Übernahmein-

legte Binninger sich sogar eine Weile lang, ob er den Narva-

teressen, gab es zunächst eigentlich nur einen „seriösen Käufer“

Geschäftsführer nicht zu einem Rundf lug in sein Flugzeug

für Narva: Den „Westberliner Unternehmer und Erfinder“

einladen sollte. Er hatte nämlich von Janthur erfahren, daß

Dieter Binninger, in dessen Firma Videor („Ich werde gesehen“)

es quasi Rolf Sommers Herzenswunsch sei, einmal in einem

u.a. eine Glühbirne entwickelt, produziert und vertrieben wurde,

Privatjet zu f liegen. Dazu kam es aber nicht mehr: Erst wurde

die 150.000 Stunden brennt, bei einer täglich zehnstündigen

Sommer Anfang des Jahres 1991 von zwei West-Managern,

Brenndauer – also über 40 Jahre hält, länger als die DDR! In West-

Schlichting und Knop, abgelöst, dann stürzte Dieter Binnin-

berlin waren damit u.a. die sogenannten Speerleuchten und die

ger, vier Tage nachdem er zusammen mit der Berliner Commerz-

Straße des 17. Juni vom kommunalen Licht-Versorgungsbetrieb

bank ein komplettes Übernahmeangebot für Narva bei Price-

BEWAG ausgerüstet worden. Weil Osram und Philips, als die

Waterhouse bzw. bei der Treuhand eingereicht hatte, mit

beiden westeuropäischen Glühbirnenmonopolisten, Binninger

seinem Flugzeug ab.

boykottiert hatten – was die Belieferung seiner kleinen Lampenfabrik Vilum in Kreuzberg mit Halbfertigteilen und Chemikalien betraf – war der Erfinder mit G. E. Tungsram ins Geschäft

Rohwedders Birne

gekommen und darüber dann in Kontakt mit Narva. Denn

Ein Unbekannter erschoß den Treuhandchef (Rohwedder) in

Osram weigerte sich im Sommer 1990 auch, das BGW mit Glas-

seiner Düsseldorfer Villa. Knapp drei Wochen später enthüllte

bulbs zu beliefern, nachdem diese ihrem früheren Lieferanten

die Bild-Zeitung „Furchtbares“: So starb Rohwedder wirklich! Der

– der ebenfalls einst volkseigenen Osram-Glasfabrik Weißwasser –

Tathergang ist jetzt minutiös geklärt: Treuhandchef Rohwedder

wegen zu schlechter Qualität gekündigt hatte. Auch hier sprang

war bereits im Schlafzimmer. Dort fiel ihm ein, daß er im

dann G. E. Tungsram ein, die ein starkes Interesse daran hatten,

Arbeits- zimmer eine kaputte Glühbirne auswechseln wollte.

in die Philips-Osram-Märkte „einzubrechen“. Die Philips AG

Frau

änderte daraufhin ihre Strategie gegenüber Binninger: Sie ver-

Rohwedder holte die Birne aus dem Erdgeschoß. Als Karsten

schaffte ihm über ihre diversen Tochterfirmen einige Millionen-

Rohwedder sie in die Lampe schraubte und die Birne das Zim-

aufträge. Der Weddinger Erfinder legte seine eigene kleine

mer erleuchtete, traf ihn der tödliche Schuß. Frau Rohwedder

Produktionsanlage still und ließ seine sogenannten „Lang-

hörte einen leisen Knall, vermutete, die Birne sei durchgebrannt.

lebensdauerglühlampen“ bei Narva produzieren. Später vermittelte Binninger dem BGW auch noch den Philips-Manager Brunswick, der Narva anbot, für 40 Millionen DM einen neuen Vertrieb aufzubauen. Eine der letzten sozusagen Amtshandlungen des letzten kommunistischen Geschäftsführers von Narva, Sommer, hatte im Herbst 1990 darin bestanden, daß er auf einer im Hof des Betriebes bei Regen abgehaltenen Vollversammlung den dort von einem BGW ler noch einmal vorgeschlagenen Auf bau eines eigenen Vertriebsnetzes von unten – mit ihren Trabis quasi – als zu popelig abtat. Die betriebseigene Forschung/Entwicklung sollte so gut wie eingestellt (von 400 auf ca. 20 Mitarbeiter schrumpfen) und der Maschinenbau ausgegliedert werden: Mit rund 1000 Beschäftigten und unter Mitnahme sämtlicher Blaupausen sowie einer alten Allgebrauchslampenfertigungs-


Major Sassorow Am 7. Oktober 1989, zur Feier des 40. Jahrestages der DDR , besuchte ein alter Herr das Narva-Kombinat Rosa Luxemburg,

Sowjetische Militäradministration Berlin Karlshorst Abteilung Elektrotechnik Nr. 20/28-425 vom 24. August 1946

der vor mehr als 50 Jahren die Schlüsselperson des Neuanfangs

An den Leiter der Wirtschaftsabteilung der Verwaltung des Mili-

in der sowjetischen Administration war: Major Sassorow.

tärkommandanten der Stadt Berlin, Oberstleutnant Sessamaiew

Sassorow war der Vertreter der SMAD, der am 12. Juni 1946 das

und an den Magistrat der Stadt Berlin , Durchschlag an den

Werk an die Werktätigen mit folgenden Worten übergeben hatte:

Leiter des lichttechnischen Büros Major Sassorow und an die

„Sorgt dafür, dass das Werk nie wieder in die Hände des Konzerns

Direktion des Berliner Glühlampenwerkes.

gelangt. Jetzt gehört der Betrieb Euch, baut ihn auf, um Eure Interessen zu verwirklichen.“ Danach dauerte es noch bis zum 24. August 1946 bis der

Die Industrieverwaltung der SMAD in Deutschland hat entsprechend dem Gesuch der deutschen Industrieverwaltung die Genehmigung zur Organisation eines Berliner Glühlampen-

Leiter der Industrieverwaltung der SMAD, General Alexandrow,

werkes in den Gebäuden des ehemaligen Osram-Werkes D in der

die Genehmigung zum Aufbau eines Glühlampenwerks mit

Rotherstraße erteilt. Nach Wiederherstellung der Fabrikations-

dem Namen BGW, vormals Osram-Werk D erteilte.

räume ist die Fabrikation mit folgender Jahresleistung aufzuziehen: A Halbfabrikate 12 Mill. Lampen, B Fertigware 6 Mill. Lampen.Mit den Glühlampen sind die Bereiche der Sowjetischen Besatzungszone zu versorgen. gez. Alexandrow, Leiter der Industrieverwaltung der SMAD Deutschland.


113

Wer gut leben will, muß auch gut arbeiten Es ist wenig darüber bekannt, was der 81jährige Sassorow im Gefolge Michail Gorbatschows während des Besuchs 1989 mit den Arbeitern und Funktionären besprochen hat. Ob die Peristroika die Rolle gespielt hat, die sie auf den Straßen Ostberlins spielte, ob er ahnungsvoll dem Werk prophezeit hat, wer und warum vom Leben bestraft wird, ist nicht mehr rekonstruierbar. Der Bericht im Organ der BPO der SED Lichtquelle Nr 42 vom 20. Oktober 1989 jedenfalls liest sich bedeutungsvoll: „Sassorow sprach über die Entwicklung und die Probleme in seinem Land. Besonders widmete er sich dabei der Jugend und verwies auf die Notwenigkeit, die damals wie heute gilt: Wer gut leben will, muß auch gut arbeiten!“


Aufgewachsen ist sie als Friedrichshainer Kind im Bereich

Die Letzte Macht das Licht aus Die Ingin R.-Story

der Brommybrücke, ihre Mutter Luzi und ihr Vater Willi J.

Eines Tages stand eine freundliche, jugendlich wirkende Dame

„Vater erst in der SA ein beliebter Horst Wessel-Kumpan war,

um die 60 mitten zwischen den Gerüsten der Restaurierung der

nach dem Krieg aber, nachdem er schon 1941 seine Familie ver-

Rotherstraße. 3, besichtigte die Hofanlage und fragte neugierig

lassen hatte, in der DDR ein hohes SED -Tier wurde“.

haben das Glück nicht miteinander finden können, zumal der

nach den Plänen für die Zukunft. Aus dieser ersten Begegnung

So genau weiss sie das aber alles nicht. In Ihrem Narva-

ist ein immerwährendes Gespräch über die Zukunft des Viertels

Personalbogen, den sie mit allen guten Zeugnissen und Kader-

geworden.

abteilungs-Beurteilungen gut aufgehoben hat, steht: Vater

Sie war die erste, offenbar persönlich mit dem Schicksal des

unbekannt. Jedenfalls wurde sie nach abgeschlossener Mecha-

Werkes nach dem Mauerfall verbundene Person, die nicht eine

nikerlehre „als bester Lehrling ihres Kabinetts“ in der Wendel-

Mitleid erzwingende Leidens-Geschichte von sich und den 5000

fertigung als Einrichter übernommen. Die FDJ -Betreibsgruppe

anderen ehemaligen Narvisten erzählte, sondern neugierig und

attestiert ihr sogar „Ingin hat alle Voraussetzungen, ein

hoffnungsvoll nach der Zukunft fragte und sogar offen darüber

Wirtschaftsfunktionär neuen Typus zu werden“, denn in

sprechen konnte, dass gar nicht alles Gold war, was da in der

„gesellschaftlicher Hinsicht zeigte sie sich als sehr rege und

Idealisierung des verlorenen zweiten Zuhause glänzte. Sie ent-

nahm auch an Westeinsätzen teil“.

faltete den Blick ohne Tränen nach vorn statt an diesen Tränen der

Frau R. wohnt in den Häusern der Wohnungsbaugenossen-

Erinnerung zu ertrinken. Auch wenn sie keine Ökonomin von

schaft des BGW, erst von 1958 bis 1969 in der Danneckerstraße. 9,

berufs wegen ist, wusste sie, dass der Narva-Fall auch ein Sanie-

dann in Nr. 11 und man findet sie oft mit Touristen und Neugie-

rungsfall war, schon vor November 1989.

rigen redend im Intershop 2000 auf der Freif läche an der Ehren-

Frau Ingin R. war eine von denen, die 40 Jahre vom Beginn

bergstraße, wo DDR-Gebrauchsdesign verkauft wird. „Das ist

der Mechaniker-Lehre als Fünfzehnjährige im BGW/Narva ihr

der richtige Platz, um am Beispiel von Gebrauchswaren unserer

zweites Zuhause hatte, wie ihr Bruder, ihr Ehemann, ihr Sohn,

DDR -Vergangenheit zu zeigen, wo wir standen und den Blick

eine aus den vielen Arbeiter-Dynastien im Werk. „Ich war da bis

dafür zu schärfen, wohin wir gekommen sind.“

zuallerletzt. Abgewickelt werden, hiess als Letzte das Licht ausmachen“


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Lebensstoff Mauerbau Wind von zwei Seiten / John Stave Wie viele andere Brücken in Berlin ist auch die Warschauer Brücke kurz vor Kriegsende aus „strategischen Gründen“ gesprengt worden. Das Sprengkommando hatte gute und ganze Arbeit beim Zerstören geleistet. Die Brücke sah aus wie ein halbwegs aufgeklapptes Leporello. Durch diese Sprengung wurde die Rote Armee auch nicht eine Sekunde aufgehalten. Nur wenn sie mit der S-Bahn gekommen wäre, hätte es auf der Station Warschauer Straße einen längeren Aufenthalt gegeben. Unter der Zerstörung der Brücke hatten vor allem die Arbeiterinnen und Arbeiter von Osram zu leiden, die auf dem Weg zu ihrer Fabrik abenteuerliche Kletterpartien unternehmen mußten. Hölzerne Stege erleichterten die Krax elei später ein wenig. Genaugenommen war bei Kriegsende nur die halbe Warschauer Brücke gesprengt worden. In den dreißiger Jahren hatte man die Hälfte der alten Brücke abgetragen und auf der westlichen Seite Gehweg, Fahrbahn und Straßenbahnspur neu gebaut. Über die Gestaltung der östlichen Seite gab es ohnehin keine genauen Vorstellungen, weil eine geplante Verlängerung der Hochbahnstrecke von der Station Warschauer Straße bis zur Frankfurter Allee Schwierigkeiten bereitete. Die Hochbahn hätte quasi auf Straßenhöhe die Brücke überqueren müssen und dann erst in den Tunnel hinabfahren können. Wie aber sollten die Fahrgäste von der Brücke aus den S-Bahnhof erreichen? Das Problem löste sich von selbst. Es wurde keine Hochbahnverlängerung vorgenommen, die alte, östliche Brückenhälfte wurde demontiert, und der S-Bahnhof erhielt einen überdimensionalen Vorplatz. Die Straßenbahn fuhr nun an der Seite der Brücke, von einem behelfsmäßigen Fußgängerweg einerseits und von der Doppelfahrbahn und einem breiteren Bürgersteig andererseits f lankiert. In diesem Zustand wurde die Brücke 1945 gesprengt, und in diesen Zustand wurde sie 1948 wieder versetzt. Eine erneute Rekonstruktion Anfang der siebziger Jahre brachte zwei Fahrbahnen hervor, die Straßenbahn erhielt ein Gleisbett auf der Straßenmitte. Ein Jahr später fuhr die letzte Elektrische über die Brücke. Endstation ist seither an der Revaler Straße. Der Omnibus Nummer 34 ist heute das einzige öffentliche Verkehrsmittel auf der Brücke. Er kommt von Stralau. Die Arbeiterinnen und Arbeiter des Berliner Glühlampenwerkes Narva überqueren das Bauwerk bei Wind und Wetter zu Fuß. Sie könne ein Lied davon singen. Allerdings kein so schönes wie Paul Wiens, der Poet.


Der Wind auf der Warschauer Brücke, das Licht und der weiße Rauch, weißt du, die brauch ich zum Leben – und deine Liebe auch. Paul Wiens


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Irgendwo muss eine Grenze sein 1962 kam der erste Mauerfilm der DEFA in die Kinos der DDR und er spielte an und auf den Brücken, die für das Quartier wichtig sind: der Warschauer Brücke und der Oberbaumbrücke. Wo besser als an der Spree, an der Brücke zwischen Ost- und Westberlin, Kreuzberg und Friedrichshain hätte man eine Grenzgeschichte auch plazieren können? Selten können sich Filmproduzenten für eine derartig enge Lokalisierung einer Filmhandlung entscheiden, einer Verortung der Phantasie, die sich aus der genauen Orts- und Lokalkenntnis ergibt und zudem symbolische Bild- und Aussagekraft hat. Das Zentrum der Filmerzählung und viele Szenen spielen also an der Grenzbrücke und im und um das BGW, dem Glühlampenwerk, dem Produktions-Ort im Viertel, das einer der größten Arbeitgeber Ostberlins war und auf diese Weise künstlerisch in der Filmgeschichte prominent bewohnt bleibt. Der Film erzählt eine Dreiecksgeschichte zwischen einer

Bei uns Paul Wiens, dem Autor dieses Films, und Regisseur Frank Vogel, vor allem aber dem Kameramann Günther Ost ist ein

jungen Postbotin aus der Provinz, die am Sonnabend, dem

von der dokumentarischen Atmosphäre bestimmter, dichter,

12. August 1961 zwei Stief-Brüder kennenlernt, von denen einer

genauer, manchmal sentimental ausufernder Film gelungen,

in Westberlin als Taxifahrer arbeitet, der andere – dargestellt von

der von der aktuellen Realität des überraschenden Mauerbaus

Armin Mueller-Stahl – als Elektromonteur im BGW an der

am 13. August 1961 erzählt und in wunderbaren Bildern das All-

Rotherstraße. Der Sonntagmorgen, der 13.August 1961, entschei-

tagsleben in und um das Glühlampenwerk dieser Tage festhält.

det über das Schicksal der drei: Noch in der Nacht wird der gute

Dass der Film, in dem geschickt Dokumentaraufnahmen

Genosse Ulli (Armin Müller-Stahl) zur Kampfgruppe des

aus dem Umfeld des Werks mit Spielszenen vermischt werden,

BGW gerufen, um auf der Oberbaumbrücke die neue befestigte

einen unfertigen Charakter hat, erklärt sich aus der Projekt-

Grenze zu sichern. Dort treffen die Brüder zusammen,

geschichte. Ursprünglich arbeitete das erfolgreiche Team, das

weil Klaus noch nach West-Berlin f lüchten will.

1961 den Film Der Mann mit dem Objektiv herausgebracht hatte,

„Schöne Scheisse, wa?“ „Wir haben reinen Tisch gemacht. Die haben uns aufrollen wollen. Selbstbestimmung in Berlin wie in Kuba. Hier gibt’s doch auch Arbeit, auch für dich Klaus. Arbeitermacht ist auch deine Macht. Ich sage gut für dich im Werk. Du kannst bei uns anfangen.“ „Bei euch fehlts doch an allem. Das ist doch ein offenes Geheimnis. Und das für 420,– Mark.“ „Wir produzieren Licht. Bei dir ist alles dunkel.“ „Irgendwo muss eine Grenze sein.“ Diese Beispiele aus den Dialogen spiegeln das Bemühen von Paul Wiens, einem integren Dichter, der nicht SED -Mitglied war,

an einer Dreiecksgeschichte über Fernfahrer zwischen Ost und West, absolut gebunden an die Existenz der offenen Grenze zwischen der DDR und Westberlin und Westdeutschland. Die Anpassung der Geschichte an die neue Lage war nicht leicht, weder in der Realität noch im Film. Der DDR-Filmhistoriker der DEFA , Ralf Schenk, schreibt über den Film: „Es ist als ob sich Wiens immer wieder selbst versichern wollte, dass der Bau der Mauer moralisch und politisch gerechtfertigt sei. Seine Texte wirken teilweise angestrengt und schwülstig“. Fünfmal wird die Erkenntnis von verschiedenen Personen wiederholt, dass irgendwo eine Grenze sein müsse, die dem Film eigentlich den Titel hätte geben müssen. Stattdessen wurde

die Menschen für die neuen Gegebenheiten zu gewinnen. Der

es die Zeile ...und deine Liebe auch aus dem, durch Armin

urprüngliche Arbeitstitel des Filmprojektes blieb wie ein Motto

Mueller-Stahl zur Gitarre vorgetragenen Lied über den Wind

erhalten: Bei Uns.

auf der Warschauer Brücke.


Markgrafendamm-Lichtspiele – Ein verbrannter Illusionsort Dass dieser Ort des Vergnügens früher die Markgrafendammsäle von Hermann Scholtz waren, ist nur einer alten Postkarte zu entnehmen.Für uns war das unser Kino, hinten auf dem zweiten Hinterhof am Markgrafendamm 34. Der Regisseur Matti Geschonnek erzählte, dass er, wie wir anderen illusionssüchtigen Kino-Kids, die nennenswerten Filme dort als Kind und Jugendlicher gesehen hat, zuerst auf Holzklappsitzen, später kamen Polstersitze und Breitwand. Kindervorstellung: Sonntags 14 Uhr, Eintritt 25 Pfennig: Kahn der fröhlichen Leute allein fünfmal und natürlich Panzerkreuzer Potemkin. Aber Ende der Sechziger Jahre war alles vorbei. Das Kino schloß noch zu DDR-Lebzeiten, wurde als Theaterfundus genutzt, aber es stand noch als die Mauer fiel. Daß es heute eine abgefackelte Brandruine ohne Zukunft ist, bezeugt mehr die traurige Situation des Kinos als des Viertels.

Aus und vorbei – der 13. August 1961 Dieter O. „Also ich habe an den 13. August zwiespältige Erinnerungen. Einerseits war es natürlich ein Schock. Man konnte es einfach nicht begreifen, obwohl man so was vorher geahnt hatte. Werde ich nie vergessen, als damals diese berühmte Rede war von Walther Ulbricht, dass da (ahmt Ulbrichts Stimme nach) ‚niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen‘. Da sagte ein Kollege, Mensch, das ist es. Das haben die vor. Die wollen eine Mauer bauen, sagte der. Und den nächsten Tag war der weg. Der hatte das also wirklich quasi als Ankündigung von Ulbricht vernommen. Ich habe das damals immer erzählt, obwohl mir das keiner geglaubt hat. Ich hatte einen Traum, das war so vierzehn Tage vor dem 13. August. Da habe ich geträumt: Mein Junge, der war damals gerade geboren, im März ’61. Ich bin mit meinem Jungen spazieren gegangen und plötzlich sind wir an eine hohe Mauer gekommen. Und da hat er mich gefragt, Vati, was ist denn hinter der Mauer? Und ich habe gesagt, gestern war die Mauer hier nicht. Ich habe zu ihm gesagt, na, ich werde dich mal hochheben, guck mal rüber und erzähle mir, was da ist. Da habe ich ihn gehoben und er hat erzählt, Mensch, da ist ein schönes Leben, hat er gesagt, schöne Autos und schöne Menschen und denen geht es gut. Das habe ich geträumt. Aber irgendwie kam es dann. Na gut, dann kam der 13. August. In gewisser Hinsicht ein Schock. In einer anderen Hinsicht sagen wir mal, so ein gewisser Abschluss. Denn ich habe mich, also fast ein Jahr vorher gequält mit dem Gedanken, bleibste hier, haust du ab. Bleibste hier, hauste ab. Es war ja schlimm bei uns im Betrieb.


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Also es verging ja kaum ein Montag, wenn man hinkam, und es war ein Platz leer, die besten Kollegen, die waren weg. Und auch aus meiner Verwandtschaft. Von meiner Frau, der erste Bruder haute ab. Der zweite Bruder haute ab. Und meine Mutter, die hat dann immer gejammert, Mensch bleib bloß hier, bleib bloß hier. Ich war also immer im Zweifel. Ich habe dann so ganz peu à peu habe ich dann schon versucht Materialien zu sichten. Ich habe schon angefangen, Sachen aus der Kindheit, aus der Schule weg zu schmeißen. Alles andere habe ich dann gesammelt, also wenn du abhaust, dann musst du die hier mitnehmen. Und immer dieser Zwiespalt. Was machst du, ja, bleibst du hier oder haust du ab. Und am 13. August habe ich dann gewusst, ein anderer hat dir die Entscheidung abgenommen. Vielen also war einerseits dieser fürchterliche Gedanke, jetzt kannst du nicht mehr rüber, andererseits so eine gewisse Erleichterung, wo du gesagt hast, die Entscheidung brauchst du nicht mehr zu treffen. Aus und vorbei.“

Die Markgrafendamm-Entscheidung und der 13. August 1961 Irene A. „Also ich bin wachgeworden und habe es Dröhnen hören, wissen Sie und denke, was ist denn hier los, was dröhnt denn hier so und renne nun ins Wohnzimmer und da sehe ich, wie durch den Markgrafendamm Panzer fahren. Also wissen sie, da sind sie mit mir durchgegangen. Ich fing an zu heulen wie eine Irre, ins Schlafzimmer, ‚wir kriegen Krieg, wir kriegen Krieg, und ich lass dich nicht los‘ und so weiter. Mein Mann hatte zu tun gehabt, um mich zu beruhigen. Dann haben wir erst einmal Radio angemacht und haben gehört, was Sache ist. Dann klingelte es an der Wohnungstür wie verrückt. Ich gehe hin: ‚Ihr müßt sofort kommen. Ihr müßt Bereitschaft machen‘. Und daraufhin habe ich gesagt: ‚das habt ihr wohl so gedacht, dass ich mitkomme. Ich habe mein Kind hier und habe keinen hier. Ich lasse doch das Kind nicht alleine in dieser Situation‘. Na also schön, mein Mann hat sich dann angezogen, ist los, als er dann nach Hause kam, sagt er zu mir: ‚die haben mich vielleicht ausgekeest. Was meine Frau gesagt hat, eine Frechheit und so weiter‘. Und dann hat er gesagt: ‚was heißt hier eine Frechheit, wir haben niemanden da‘. Die haben damit gerechnet, dass es irgendwie zum Kampf kommt. Ja, denn das war ja doch eine echt kritische Situation, denn stellen sie sich doch mal vor, hier waren unsere und auf der anderen Seite, sind ja wohl die Amis mit Panzern rangefahren, wenn die auf einander losgegangen wären, was dann passiert wäre.“


Am Rande: Ab nach Rummelsburg – Vom Waisenhaus zum Stasi-Gefängnis

Berlins Upper East Side – Ein gesellschaftliches Modellquartier

In der Hauptstraße 7 und 8, direkt am Rande unseres Viertels

In einem Begleitheft zur Ausstellung Berlin Stadtmodell, die

stehen bauliche Zeitzeugen, deren Geschichte bis weit in unsere

im Spreespeicher von Januar 2001 bis Mai 2002 zu sehen war,

Tage reichen. Stadtbaurat Gustav Holtzmann hatte 1854–59

schrieb Hans Wolfgang Hoffmann unserem Wohnquartier

im Pavillonstil ein neues Waisenhaus weit ausserhalb der Stadt-

optimistisch wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Modell-

tore gebaut, später von Hermann Blankenstein ergänzt um

charakter zu:

zusätzliche Ökonomie-Gebäude. Es gab sogar ein Badeschiff für

„Zugegeben, als Spiegel ist die Spree etwas matt. Selbst

Mädchen und eine Badestelle für Jungen, denn nur die waren

zwischen Kreuzberg und Friedrichshain, wo sie breiter ist als

zwischen 1871 bis 1907 dort untergebracht, schlecht ausgebildet,

nirgendwo sonst. Und doch spiegelt sie, was die Stadt insgesamt

um Fabrikarbeiter zu werden. Die Geschlechtertrennung wurde

erfasst hat, an der Stelle auf das Signifikanteste an: den politi-

in den Zwanziger und Dreissiger Jahren wieder abgeschafft und

schen wie ökonomischen Wandel. Eben noch Andreasgraben

die Waisen hatten die Möglichkeit, die Berufe Köchin, Gärtner,

zwischen den Weltsystemen, verschwimmen hier jetzt sogar

Schuhmacher und Bäcker zu erlernen.

betagtere Bezirksgrenzen. Einst Beförderungsstrecke des Indus-

Nach der Zerstörung durch das grosse Bombardement des

tiezeitalters, stranden nun neue Dienstleistungen an ihre Ufer

Ostkreuz 1945 reichten die noch stehenden Knabenhäuser

– und das mit einer Wucht, dass die Welle auf die Spree selbst

gerade noch, ein Aufnahme- und Durchgangslager für Kinder

zurückschlägt. Alles in allem entfaltet sich beiderseits der Ober-

bis 1953 zu betreiben. Das Gelände taugte später dazu, Baracken,

baumbrücke ein Modellquartier für ganz Berlin.“

später Plattenbauten für die Polizei und die Grenztruppen zu

Tatsächlich ist es nicht unbedingt der staatliche Sektor, der

beherbergen. 1972 weihte kein Geringerer als Fidel Castro die

den Wandel der Stadt schon jetzt sichtbar macht, sondern der

neue Kaserne des Grenzregiments 35 Nikolai Bersarin ein. Auch

private Sektor. Auf der anderen Seite des Friedrichshainer

das „Rekultivierungskommando“ für den Abbau der Grenz-

Brückenkopfs bezeugt der Osthafen noch die alte Transport-

anlage 1990 war dort stationiert. Auf dem Nebengelände hatte

funktion des Flusses. Er ging 1913 in Betrieb und wurde im

Stadtbaurat Blankenstein für 1000 Insassen auch ein Arbeits-

Rahmen der Verkehrsprojekte Deutsche Einheit für moderne

haus und ein Hospital für „Corrigenden“ (nach verbüßter Strafe

Großmotorschiffe umgebaut. Doch um Hochrüstung geht es

Überwiesene) errichtet, das schon 1882/83 sich als zu klein erwies.

hier nur vorübergehend. Im Sommer bestätigte eine Studie zum

In der Zeit des Faschismus bekam die Anstalt mehr und

ganzen Areal zwischen Elsen- und Schillingbrücke, mit der

mehr den Charakter eines Arresthauses für Asoziale, Bettler,

das Bezirksamt die Bürogemeinschaft Rutschitzka & Trebes/Con-

„Psychisch Abwegige“. Nach 1933 kam es dort nach dem „Gesetz

textplan beauftragt hatte, die Langfristperspektive der Verlage-

zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ sogar zu Zwangs-

rung des Lagerplatzes, welche die Stadtentwicklungsverwaltung

sterilisierungen. Auch hier zerstörten die Luftangriffe Ende des

schon seit längerem verfolgt.

Krieges viel, aber das Arbeitshaus wurde weitergeführt, bis

Der Osthafen ist dann für ein deutsches Mini-Docklands vor-

es 1951 als Resultat der Spaltung von Ost- und West-Berlin zur

gesehen. Namentlich sollen Wohnungen gebaut werden, für jene

Strafvollzugseinrichtung wurde.

Dienstleister, die ab Frühjahr in den Spreespeichern an seinem

„Ab nach Rummelsburg“ war bis zur Wende 1989 das

westliche Ende tätig werden: Hier ließ das Immobilienunter-

Resultat vieler politischer Prozesse in der DDR. Die Häftlinge

nehmen IVG für 190 Millionen Mark eine Uferpromenade anlegen

fanden sich dort wieder als Arbeitskräfte, nachdem nach 1961

und das Kühlhaus des Dresdener Architekten Oskar Pusch,

die Arbeitspf licht eingeführt worden war. Zu den separaten

in dem seit 1928 bis zu 50 Millionen Eier gleichzeitig lagerten,

Betriebsteilen gehörte auch der große Werksbruder am anderen

sowie den zehn Jahre älteren Getreidespeicher des Stadtbaurates

Ende des Stadtteils: Narva.

für Tief bau Friedrich Krause zu so genannten Büro-Lofts

Am 29.Januar 1990 war für eine Nacht der entmachtete SED -

umbauen. Das geschah denkmalgerecht, denn als Zielgruppe

und Staatschef Erich Honnecker in Rummelsburg unter-

hat man „f lippige Unternehmer“ im Visier, deren Stil nicht die

gebracht. Nach Gefangenenunruhen wegen Amnestie- und

reine Repräsentation von Berlin-Mitte ist. Dass sie den Getreide-

Urteilsprüfungsbegehren wurde die Anstalt geschlossen und

speicher tatsächlich schon zu mehr als der Hälfte gebucht haben,

dient seitdem als Filmkulisse, zum Beispiel für Detev Bucks

freut schließlich auch die hoheitlichen Hafenhalter: Denn

Film Männerpension.

die BEHALA hat den Grund nur verpachtet, wodurch das Projekt zum Modellfall für die Privatisierung städtischer Liegenschaften wird. Doch schaffen all die glitzernden Entwicklungsmaßnahmen nicht nur für Angestellte Paradiese: Etlicher Raver fanden ein solches sogar erst durch die Sanierung – im Matrix-Club unter der Gleisharfe an der Warschauer Straße. Tatsächlich kann man im Quartier hinter der gleichnamigen U-Bahn-Station beobachten,


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dass die Umwandlungsprojekte nicht die allseitige Aufwertung bewirkt haben, von der man zur Wende träumte, sondern weit

Rückeroberung eines Stadtwohnraums

vielfältige Freiräume entstehen ließ. Indem das einstige Glüh-

Die neue, häufig akademische Mieterschaft, die zum Teil erst in

lampenkombinat Narva zur Wende zur Bürostadt Oberbaum-City

den späten Neunziger Jahren auf den Wellen der New Economy

konvertierte, konnte immerhin ein Teil an Beschäftigungsver-

oder sogar erst um die Jahrtausendwende auf der Suche nach

hältnissen, die der Strukturwandel in Friedrichshain zur Hälfte

Alternativen zur Kollwitzplatz-Welt die Lebens- und Verkehrsvor-

hinweggefegt hatte, neu entstehen. Zum andern hat der Wegfall der Industriearbeitsplätze auch

teile am Rudolfplatz im Spreeraum entdeckte, erobert einen Stadtwohnraum zurück, dessen wiederkehrende Identität sie faszi-

die Bewohnerschaft des benachbarten Kiezes um den Rudolf-

niert. Dazu kommt, daß der Mietpreisspiegel das Quartier nach

platz in Bewegung gebracht, das um die Jahrhundertwende vom

wie vor weit unter den Preisen der Hip-Viertel in Charlottenburg,

Ziegelei-Fabrikanten Maximilian Koch und seinem Architek-

Schöneberg und Prenzelberg hält, allerdings auch nach wie vor

tenbruder Sigismund Koch errichtet worden war. Erst zog in der

mit Mängeln der Infrastruktur und der Versorgung mit

ehemaligen Mustersiedlung für Betuchte die Arbeitslosigkeit

Einzelhandel zu ringen hat. Mit der Nachfrage wird sich aber auch

ein, dann verließ ein Fünftel der Bevölkerung die Nachbarschaft,

dieses Angebot einstellen. Vor vier Jahren war es auch am Boxi

worauf die Mieten fielen. Schließlich siedelten sich Studenten

noch schwer, die Süddeutsche Zeitung, Pesto oder Lammf leisch

an, die zwar mitnichten saturiert sind, dafür aber um so aktiver.

zu kaufen. Vielleicht ist es ja doch nicht nur von Nachteil, nicht

Der frisch gegründeten – und vom Eigner der Oberbaum-City

50 Kneipen mit ähnlichem studentischem Angebot und 10 über-

übrigens unterstützten – Anwohnerinitiative gelang es sogar,

teuerte Ökoläden zur Auswahl zu haben wie heute um den Box-

eine Ausfahrt des zukünftigen Autobahnzubringers entlang der

hagener Platz, – und den An- und Abreisekrach der Autos dazu.

S-Bahn, die ganau in ihrem Quartier geplant war, zu kippen. Diese Allianz der Aufwärtsstrebenden, in der vermeintliche

Es ist sicher kein Zufall, daß inzwischen renommierte Maler wie Markus Lüppertz und Corinne Wasmuth hierher gezogen

Geschäftemacher und angeblich Arme so arbeitsteilig koexis-

sind, wo die Szene (noch) nicht ist. Seit der Tagesspiegel vor

tieren, wie es allen gängigen Soziologenthesen widerspricht,

einiger Zeit eine Stadtwanderkarte mit einem Gang durch das

gerät das Friedrichshainer Spreeufer auch gesellschaftlich zum

Quartier zusätzlich zu dem wunderbaren Berlinführer heraus-

Modellquartier für die Stadt. Auf der Kreuzberger Seite ist das

gebracht hat, kann man zudem jeden Sonntag Karawanen von

übrigens schon lange Alltag. Nicht so spektakulär, doch beharr-

Neugierigen mit diesen Unterlagen in den Händen herumziehen

lich suchen hier die vielfach erwerbslosen, aber engagierten

sehen. Auch Jungfamilien entdecken die Gegend mit einem

Einwohner ihrem Wrangelkiez mittels Quartiersmanagement

Kita-Angebot ohnegleichen und einem Rudolfplatz in der Mitte,

Attraktivität abzutrotzen, während immer mehr Ingenieurbüros

den weitaus mehr Mütter für ihre Kinder als Hundehalter für

und Kleinhandwerker entlang der Spree Gewerblichkeit ent-

ihre Tiere nutzen.

wickeln. Es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn zwischen diesen Welten nicht noch mehr Brücken zu schlagen wären!


Die Teresa L.-Story Ihre größere Tochter liebt den Spielplatz und das Turngerät

Die sind ja alle weg Irene A.

auf dem Rudolfplatz und kann ohne Aufsicht dort mit anderen

„Wenn ich denke, meine Schulklasse. Dadurch dass diese ganzen

Kindern spielen. Gelegentliche Blicke vom Balkon des liebevoll

Häuser ausgebombt sind, die sind ja auch alle weggezogen. Ja. Ich

außen wie innen restaurierten Eckhauses am Platz machen die

war damals noch im Lager mit einer, mit der Ursula Krüger, die

junge Mutter sicher. Da sie wieder in den Beruf zurückzukehren

wohnte noch oben in der Naglerstraße, ich sehe eine einzige, die eine

beabsichtigte, ging es für den Kleinsten gerade um die Frage, in

Klasse tiefer war, hier die Hannelore Banneloh, die hier immer mal so

welchen der Kindergärten er gehen soll, den evangelischen um

spazierengegangen ist. Wo man alle zusammengewohnt hat, wäre

die Ecke im Gemeindehaus der Zwingli-Kirche oder den ande-

man hier alt geworden. Sozusagen. Aber die sind ja alle weg. Wer

ren über die Modersohnbrücke oder eben in den riesigen, der

die Wohnung hatte, hat sie ja auch gehalten. Hier im ganzen Haus,

als Erbschaft des Narva-Werks die Kopfseite des Rudolfplatzes

wer wohnt noch hier? Da ist oben die Frau Müller. Die ist nun acht-

beherrscht. Sie kommt, wie ihr Mann – wie es im Westberliner

zig. Und oben vier Treppen, das ist der Schwarz, das ist von der Inge

Jargon hieß – aus Westdeutschland, ist engagiert und mischt

Schwarz der Sohn. Naja, der ist nun auch schon an die fünfzig. Da

sich in die Kommunalpolitik ein, weil sie an die Zukunft dieses

geht nun aber die Ehe gerade in die Brüche, der zieht nun auch aus.

wiederauferstandenen Viertels glaubt, für das sie sich bewußt

Also es sind hier praktisch die zwei. Ich kenne ja die Leute nicht mal

entschieden hat. „Achtzehn eingetragene Baudenkmäler sind

mehr, die hier wohnen. Vor allem sind es auch viele Studenten. Die

doch schon was besonderes rund um unseren Schmuckplatz“,

wechseln. Mal der mal der. Die kommen eine kurze Zeit, dann sind

findet sie und trauert der landschaftsplanerischen Rahmen-

sie wieder raus. Es ist ja niemand mehr da.“

planung nach, die 1995 im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz von der BSM (Beratungsgesellschaft für Stadterneuerung und Modernisierung mbH) gemacht, aber nicht verwirklicht wurde. „Die Idee eines grünen Bandes bis zum Bahnhof Ostkreuz hin, finde ich immer noch wunderund realisierbar“, meint sie. Mal sehen, was da noch kommt.


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Goldene Hochzeit im Inspektorenhaus – Zum Ehestandsschoppen Am 9. Oktober 2004 werden Rudolf und Brigitte V. aus der Modersohnstraße 73 im ehemaligen Gas-Inspektorenhaus auf dem Gelände des Schulgeländes, das heute als RuDi–Nachbarschaftszentrum genutzt wird, in dem Raum mit ihrer Familie die Goldene Hochzeit feiern, in dem sie am 9. Oktober 1954 standesamtlich geheiratet haben. Anschließend ging es damals in das Ecklokal mit dem schönen Namen Ehestandsschoppen, das noch lange so hieß, obwohl das Standesamt längst an die Warschauer Straße gezogen war. Nach langen Leerstand sucht heute ein indisches Restaurant Publikum. Das Hilfs-Standesamt war noch großartig bef laggt für den Jahrestag der DDR und sah eher aus wie ein Auf klärungslokal des nationalen Auf bauwerks. Damals war sie 18 und lernte gerade mal seit zwei Jahren bei der Notenbank und er, der Lokführer war 22 Jahre , die DDR gerade mal 5 Jahre alt. Zwei Jahre waren sie schon miteinander gegangen, aber sie konnten im Viertel keine Wohnung finden, sondern in der Nähe von Oma Franziska in der Weichselstraße, auf der andren, der „unmodernen“ Seite. Erst weitere fünf Jahre später 1959 gelang der Sprung über die Hohenlohebrücke und dann haben sie mit ihrer schnell wachsenden Familie „den Neubau trocken gewohnt“. Denn nachdem die Trümmer beseitigt waren entstanden Neubauten an der Ecke Stralauer Allee, auf der noch die Straßenbahn 82 in der Mitte fuhr und beide Alleeseiten von Rotbuchen gesäumt wurden. Immerhin keine Ausbauwohnungen, wie so etwas zwanzig Jahre später ihrer Tochter angeboten wurde: Material wurde gestellt, Arbeit war gratis. Jetzt wohnen Sohn und Tochter im gleichen Block, nah bei und nichts in der Welt könnte sie aus dieser angenehmen Wohngegend mit viel Grün und guter Verkehrsanbindung vertreiben. Fünfzig Jahre verheiratet und beinahe fünfzig Jahre, ein halbes Jahrhundert, Leben im gleichen Quartier.


Die Ausstellung „Berlin Upper East Side“ Vom 9. Februar 2008 bis in den April hinein wurde in der von Jürgen Kröger errichteten evangelischen Zwinglikirche aus Anlass ihres 100-jährigen Bestehens eine viel beachtete Ausstellung zur Alltagsgeschichte des Quartiers Rudolfplatz gezeigt, die eine topografisch zentrierte Geschichts-Erzählung sein sollte. Die Ausstellung spürte dem alltäglichen Leben in diesem Stadtquartier, das von Maximilian Koch errichtet wurde, nach. Die Geschichte der Kirche und des Glühlampenwerkes, aber auch die der Schulen, Vereine, Kneipen, des Verkehrs und der Familien im Viertel wurde auf großen Bannern im Kirchenschiff gezeigt. Zwischen dem Jubiläumstag der feierlichen Einweihung vor 100 Jahren und April 2008 kamen in die wachgeküsste Kirche fast 6000 Besucher. Die Ausstellung hatte ungeahnte Folgen. Was vorher undenkbar war, scheint nun möglich: Eine Nutzung des einmaligen Kirchengebäudes als Raum für Kunst, Kultur und Geschichte. Wir Veranstalter wollten ein Netz der Erinnerung über dieses Viertel legen und hatten deshalb die ehemaligen und die heutigen Bewohner gebeten, dabei zu helfen. Diese Ortzeugen und Zeitzeugen verdienen für ihre Bereitschaft, in ihren Erinnerungen, Fotoalben, Bilderkisten, Küchenschränken und Hängeböden zu suchen, Dank, Respekt und Anerkennung. Ohne Ihre Kooperation wäre diese Ausstellung, die auf dieser DVD dokumentiert wird, nicht möglich geworden. Die Ausstellung hat die Menschen bei ihren eigenen Erinnerungen abgeholt und ihr Erfolg erklärt sich daraus, dass sie von den Menschen selbst für die jetzigen und die früheren Bewohner erzählt wurde. Wir haben versucht, die Wahrheit unter dem Schutt des Selbstverständlichen herauszugraben und durch Geschichten das Einzelne auffällig zu verknüpfen mit dem Allgemeinen und die Geschichte der Auf- und Abbrüche zu verorten. Entstanden ist eine Präsentation, die an einem herausgehobenen besonderen Stadtteil die Zeit zu lesen versuchte. Eine im Anschluss an die Ausstellung produzierte DVD zeigt die aufgezeichneten Erinnerungen der Orts- und Zeitzeugen im Zusammenhang mit Bildern aus den privaten Archiven und gibt somit die Möglichkeit die Ausstellung noch mal Reveu passieren zu lassen. Die DVD ist erhältlich zum Preis von 9,90 Euro beim KulturRaum Zwingli-Kirche e.V. Ruf. 030.29 005 996 info@kulturraum-zwinglikirche.de Rotherstraße 3 – 10245 Berlin


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Martin Wiebel, langjähriger WDR-Film und Fernseh-Dramaturg  und Produzent zahlreicher Kinofilme, seit 1998 Professor an der Filmakademie Baden-Würtemberg Ludwigsburg und TV-Film-Consultant, wurde 1943 in der Rotherstraße 3 geboren und ist der Ur-Enkel des Stadtteil-Vaters Maximilian Koch. Martin Wiebel ist Vorsitzender des gemeinützigen Vereins KulturRaum Zwingli-Kirche e.V.

Nachwort Das Interesse des Erzählers, das sich in seiner Suche verriet, zielte nicht auf Vollständigkeit. Der Nacherzähler hat weggelassen, geschnitten und montiert und in das Ensemble der Fiktionen seine eigene Fiktion eingebracht. Der Rekonstrukteur verdankt seine Autorität nur seiner Passion und seiner Neugier. Was die Biographie zeigt, ist kein loses Material, absichtslos zusammengekehrt, in reiner Objektivität, sozusagen untouched by human hands. Im Gegenteil. Allen, zum Teil schon betagten Menschen, danke ich an dieser Stelle für ihre Bereitschaft, mir und Anne-Katrin Ebert für ihre Arbeit Der Stralauer Kiez in der sprechenden Erinnerung seiner BewohnerInnen, 2001 ihre Geschichten erzählt und beim Verstehen geholfen zu haben Ich danke außerdem allen Autoren, aus deren Arbeiten und Veröffentlichungen ich zitieren durfte sowie den Bildgebern und Bildarchiven, dem Heimatmuseum Friedrichshain im Kreuzberg Museum für Stadtentwicklung und Sozialgeschichte und dem Landesarchiv Berlin, deren Schätze ich nutzen konnte. Besonderen Dank schulde ich Herrn Dr. Peter Franke, der mir bereitwillig seine einmalige, über Jahrzehnte zusammengetragene Postkarten-Sammlung über Berlin O 17 und O 112 zur Illustration zur Verfügung gestellt hat sowie der Hausverwaltung Freitag und Venerdi für ihre zusätzliche Unterstützung beim Erwerb von deren Veröffentlichungsrechten. Und Frau Ines Hahn, Kustodin der Photographischen Sammlung der Stiftung Stadtmuseum Berlin. Sandra Löhr und Gabriele Capitain-Grusewski danke ich für Ihre Recherchenhilfe. Natürlich danke ich Herrn Prof. Erhard Bellot von der FHTW, bei dem ich mit meiner Bitte um Gestaltungshilfe offene Ohren fand. Mein Dank gilt auch dem Kleinen URBAN-Fond, der dieses Buchprojekt mit einem Druckkostenzuschuss finanziell unter-

stützt hat.


Bibliographie 100 Jahre Strom für Berlin. Ein Streifzug durch unsere Geschichte in Wort und Bild 1884–1984. Hrsg.: BEWAG; Berlin 1984 Wanja Abramowski: Boxhagen – zwischen Aufruhr und Langeweile. Eine Stadtteilgeschichte. Hrsg.: Quartiersmanagement Boxhagener Platz Berlin 2003 Wanja Abramowski: Siedlungsgeschichte des Bezirks Friedrichshain von Berlin bis 1920 Hrsg.: Kulturamt Friedrichshain, Heimatmuseum Berlin 2000 Alte Wasserwerke in Berlin. Historische Fotographien von Hermann Rückwardt u. Albert Schwarz Hrsg.: Berliner Wasserwerke Berlin 1995 Anonymus (evtl. Anni Kirste): Die Bertrams - Eine Berliner Familie. Maschinenschriftliches Typoskript, Heimatmuseum Friedrichshain Ausgangspunkt Chaos. Neubeginn in Friedrichshain. Hrsg.: Heike Naumann Begleitmaterial zur Ausstellung im Heimatmuseum Friedrichshain Berlin 1995 Ausgangspunkt Chaos. Der Tobias - Nachlaß. Vom Neubeginn rund um den Schlesischen Bahnhof Mai und Juni 1945. Bearb.: Norbert Podewin. Hrsg.: Bezirksvorst. u. Fraktion d. PDS Friedrichshain Berlin 1994 Baudenkmale in Berlin – Bezirk Friedrichshain. Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland Berlin: Nicolai 1996 Berlin, Berlin. Die Ausstellung zur Geschichte der Stadt. Katalog zur 750-Jahr-Feier Berlins. Hrsg.: Gottfried Korff, Reinhard Rürup. Berlin: Nicolai 1987 Berlin 1945. Eine Dokumentation. Ausstellungskatkalog. Hrsg.: Reinhard Rürup. Veranst.: Stiftung Topographie des Terrors Berlin 1995

Berlin Stadtmodell Begleitheft zur Ausstellung im Spreespeicher Hrsg.: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin: Edition Foyer 2001

Berlin und seine Bauten. Bearb. u. hrsg. v. Architekten-Verein zu Berlin u. d. Vereinigung Berliner Architekten. T.1.2. Faks. d. Ausg. Berlin 1896 Berlin: Ernst & Sohn 1988 Berlin und seine Eisenbahnen 1846 –1896. Hrsg.i.Auftr.d. Königlich Preussischen Ministers d. öffentl. Arbeiten. Berlin: J. Springer Verlag 1896. Reprint Berlin: Verlag Ästhetik und Kommunikation1982 Berlin von 1650 bis 1900. Entwicklung der Stadt in historischen Plänen und Ansichten mit Erläuterungen. Hrsg.: Heinz Spitzer, Alfred Zimm Leipzig: VEB Tourist Verlag 1986 Der Berliner Osten. Auf Anregung des Bezirksamts Friedrichshain bearb. v. Willi Gensch, Hans Liesigk, Hans Michaelis. Berlin: Berliner Handelsdruckerei 1930 Ingrid Bork Lebens-Erinnerungen in zwei Bänden Maschinenschriftliches Typoskript; Privatbesitz Maria Curter: Wenn eine Grundstück erzählen könnte In: Berlinische Monatsschrift, 1996, Nr.6 Maria Curter: Immer Grenze: Die Oberbaumbrücke In: Berlinische Monatsschrift, 1999, Nr.11 Anne-Katrin Ebert: Der Stralauer Kiez in der sprechenden Erinnerung seiner BewohnerInnen Berlin 2002 Maschinenschriftliches Typoskript Jan Feustel: Turmkreuze über Hinterhäusern. Kirchen in Berlin-Friedrichshain. 2. Aufl. Berlin: Zwei Zwerge Verlag 2001 Jan Feustel: Verschwundenes Friedrichshain. Bauten und Denkmale im Berliner Osten. Begleitmaterial zur Ausstellung. Hrsg.: Bezirksamt Friedrichshain, Heimatmuseum. Berlin 2001 Jan Feustel: Wilhelminisches Lächeln. Bauten von Hoffmann und Messel im Bezirk Friedrichshain Hrsg.: Bezirksamt Friedrichshain, Heimatmuseum Berlin 1994 Peter Franke: Arbeiter in Berlin Stralau 1890 –1914 Berlin 1992 Dissertation, Humboldt-Universität


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Geschichte des VEB NARVA „Rosa Luxemburg“ Berliner Glühlampenwerk. Hrsg.: Hans Keil u. Herman Roth Berlin 1980 (Arbeiter machen Geschichte) Das Glühbirnenbuch. Hrsg. Peter Benz, Helmut Höge, Markus Krajewski Wien: edition selene 2001 Otto Hellmann: Stralau und seine Geschichte In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, 46. Jg., 1929, H.3 Wolfgang Herzberg: Ich bin doch wer – Arbeiter und Arbeiterinnen des VEB Berliner Glühlampenwerk erzählen ihr Leben 1900 – 1980 Neuwied: Luchterhand 1987 Helmut Höge: Berliner Ökonomie. Prols und Contra. Berlin: BasisDruck 1997 Günther Hönicke: Spillerkin. Jahrgang 28 – Aus dem Leben eines Berliner Jungen Berlin: Zwei Zwerge Verlag 1992 Dieter Hoffmann-Axthelm: Bauf luchten. Beiträge zur Rekonstruktion der Geschichte Berlin-Kreuzbergs Berlin: Transit Verlag 1987 Otto Janke: Vom alten zum neuen Berlin Berlin 1927

Nachbarn. Juden in Friedrichshain Hrsg.: Kulturring in Berlin e. V., Regina Girod, Rainer Lidschun, Otto Pfeiffer Berlin: Mondial Verlag 2000 NARVA – Licht nach Maß – Sport nach Maß Festschrift zum 40. Jahrestag der BSG NARVA Berlin Berlin 1989 Osram-Festschrift 1922 Berlin 1922 Felix Pinner: Große Männer. Studien zur Biologie des Genies. Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter. Leipzig 1918 Klaus Poche, Hans Oliva: Das OKW gibt nichts mehr bekannt. Berlin: Deutscher Militärverlag 1962 Jana Reiher: Betriebliche Sozialpolitik in den Berliner Osram-Werken. Bestand und Funktion betrieblicher Sozialmaßnahmen am Beispiel der OsramWerke in den Jahren 1933–1945. Berlin 1993 Magisterarbeit, Humboldt- Universität Wilfried Seydel: Der Stralauer Spreetunnel In: Verkehrsgeschichtliche Blätter, 1981, Nr. 1

Kalender historischer Daten zur Betriebsgeschichte Hrsg.: Kombinat VEB NARVA „Rosa Luxemburg“, Berliner Glühlampenwerk Berlin 1978 (Arbeiter machen Geschichte)

Städtebauliche und landschaftsplanerische Rahmenplanung „Quartier Rudolfplatz“. Gutachten im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz Berlin: BSM 1995

Hans Keil: Guten Tag, liebe Nachbarn! Berlin 1964

John Stave: Stube und Küche. Erlebtes und Erlesenes. Berlin: Eulenspiegel Verlag, 1987

Alfred Kerr: Mein Berlin – Schauplätze einer Metropole Berlin: Aufbau 1999

Peter Strunk: Die AEG: Aufstieg und Niedergang einer Industrielegende Berlin: Nicolai 2000

David Clay Large: Berlin – Biographie einer Stadt München, 2002

Unbedingt modern sein – Elektrizität und Zeitgeist 1900 Hrsg.: Rolf Spilker. Ausstellungskatalog des Museums für Industriekultur Osnabrück 2001

Horst Liewald: Das BGW. Zur Betriebsgeschichte von NARVA – Berliner Glühlampenwerk Berlin: Deutsches Technikmuseum 2004 Menschen aus unserer Mitte. 30 Jahre DDR. Hrsg.: Kombinat VEB NARVA „Rosa Luxemburg“, Berliner Glühlampenwerk Berlin 1979 (Arbeiter machen Geschichte)

Unsere Republik – Unser Werk – Unser Leben. 35 Jahre DDR. Beiträge zur Betriebsgeschichte des Berliner Glühlampenwerks Stammbetrieb im Kombinat VEB NARVA „Rosa Luxemburg“ Berlin 1984 URBAN II Berlin, Original – Veränderung – Bestand. Eine bau- und siedlungsgeschichtliche Dokumentation. Hrsg.: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin 2002


Bildnachweis Landesarchiv Berlin (Narva-Archiv C-Rep 409-01 Nr. 367/8 und 367/9, Karton Nr. 54 Bd. 1, 8 und 9) Seiten 3, 7, 21, 22, 23, 24, 44, 45, 48, 49, 50, 74, 103, 104, 105, 106, 108, 109, 110, 111, 112, 113, 114, 117, 122. Stiftung Preussischer Kulturbesitz Seiten 39, 46, 62, 85, 91, 96, 97. Stiftung Satdtmuseum Seiten 43, 53, 68. Deutsch-Russisches Museum Karlshorst Seiten 30, 42, 47, 99. Sammlung Dr. Peter Franke Seiten 8, 10, 11, 13, 26, 32, 33, 59, 60, 61, 63, 65, 71, 75, 76, 78, 81, 82, 118. Alle übrigen Photos wurden von privaten Leihgebern zur Verfügung gestellt oder gehören zur Sammlung Prof. Martin Wiebel.


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