Lesprobe "Knockout"

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Schwergewichtler

Nach »Al« Hopps hektischen Verrenkungen begannen endlich die Kämpfe. Sándor hatte zuletzt gar nicht mehr Richtung Ring geblickt und stattdessen das Publikum, so weit er es über die verqualmte Saalmitte hinaus erkennen konnte, in ein paar der alten und neuen Schubladen gesteckt, die die letzten Jahre in seinem Kopf gezimmert hatten. Bert Brecht, den sie am Eingang getroffen hatten, war nicht alleine hier; ihn umgab eine ganze Traube von Menschen beiderlei – oder auch drei- oder viererlei – Geschlechts; eine gut gelaunte, schillernde künstlerische Boheme, die wie eine bunte Insel in dieser grauen Masse schwamm und sich dabei prächtig amüsierte, nicht obwohl, sondern gerade weil sie hier so deplatziert wirkte und sich mit ihrer elektrisierten Begeisterung so deutlich vom sonstigen dumpf grölenden Chor der Zuschauer abhob. Künstler jeder Couleur, für die der kämpfende Männerkörper ein Sinnbild des Aufbegehrens, des Authentischen, Echten war. Nicht alle grölten. Sándor identifizierte eine ganze Reihe schweigender alter Bekannter der unteren kriminellen Ränge; kleine Fische aus dem Knast, für die Boxkämpfe im Spichernring eine Pflichtveranstaltung waren, weil sie hier Kollegen trafen und von neuen Seilschaften erfuhren, die vielleicht gerade einen Schränker oder Fahrer oder Fassadenmann suchten; eine mehr oder weniger gut bezahlte Rolle bei einer geplanten Straftat. Zwei, drei hatten ihn erkannt und den Platz gewechselt, ein, zwei hatten ihn erkannt und – um ihre Ehrbarkeit zu demonstrieren – seine Nähe gesucht. Er strafte alle mit kalter Ignoranz und beobachtete trotzdem jeden Einzelnen von ihnen unauffällig. Interessanter, viel interessanter waren die modernen Aufsteiger dieser Branche, oft herausgeputzte Gecken, die wie gut gelaunte Millionäre wirken | 26 |

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wollten und doch nur wie Zierpudel aussahen, denen die Politik gerade etwas Morgenluft zuwedelte – Karrieristen ohne Skrupel, die auf Beute aus waren. Sándor versuchte sich die Gesichter zu merken; er kniff die Augen zusammen und war von der Menge der Eindrücke und der Größe des Publikums zunehmend überfordert. Deshalb war er geradezu erleichtert, als endlich die Saalbeleuchtung erlosch und nur das Flutlicht den Boxring in der Mitte in gleißendes Licht tauchte. Zusammen mit dem erwartungsvollen Rumoren der Zuschauer und den letzten Tönen der Kapelle, die eine erlösende und etwas schrille Fanfare angestimmt hatte, wirkte das seilumspannte Viereck, auf das nun alle blickten, wie der Schmelzofen der Hölle selbst. Kämpfe im Spichernring – Kämpfe in den Boxringen Berlins überhaupt – liefen immer nach dem gleichen Muster ab. Das Prinzip des Anheizens erforderte, dass das wichtigste, hochkarätigste Duell natürlich nicht als Erstes über die Bühne ging, sondern als ersehntes Finale den Abend beschloss. Trotzdem musste der erste Kampf schon etwas Besonderes bieten, ein neues Gesicht oder einen auswärtigen Champion, der in einer unterfordernden Paarung das verhasste Feindbild abgab und seinen einheimischen Gegner aggressiv und möglichst blutrünstig auf die Bretter schickte. Das brachte das Publikum auf die Palme, kurbelte den Alkoholkonsum an und ließ den Blutdruck und die Stimmung im Saal steigen. Schon deshalb musste ein gut besuchter Kampfabend wie dieser möglichst mit einem Schwergewichts-Fight beginnen, und der Promoter Ernst Zirzow hatte mit sicherer Hand den Düsseldorfer Paul Wallner für diese Rolle ausgewählt. Wallner, ein blonder Hüne, der schon beim Einstieg durch die seitlichen Seile mit Pfiffen und wütenden Rufen begrüßt wurde, war entweder geistig zu beschränkt, um von dieser Woge von Hass beeindruckt zu sein, oder zu abgebrüht, zu sicher seiner eigenen boxerischen Überlegenheit. Vielleicht stimmte auch | 27 |

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schlichtweg die Bezahlung, die er für diese undankbare Aufgabe bekam. Jedenfalls steuerte der Mann gelassen seine Ringecke an und wich einem geworfenen Bierkrug nicht aus, sondern wischte das Glas im Flug mit einer einzigen Geste zu Boden, als verscheuche er eine lästige Stubenfliege. Sein Gegner war ebenfalls kein Berliner; Zirzow wollte offenbar keine Saalschlacht riskieren. Am Rande der Kämpfe kam es regelmäßig zu Handgreiflichkeiten im Publikum, wenn eine ringrichterliche Entscheidung angezweifelt wurde oder ein Liebling der Massen Keile kriegte. Der Boxer Harry Such aus Hamburg hatte beim Wiegen 88 Kilo auf die Waage gebracht; viel Sprungkraft schien nicht dabei gewesen zu sein, denn jetzt begann endlich der Kampf, und schon nach fünf Sekunden erwischte ihn Wallner mit einem geradezu schulbuchmäßigen linken Haken, der den Mann mühelos von den Beinen hob. Das Publikum war aus dem Häuschen; eben hatten die teuer bezahlten Kämpfe erst angefangen, jetzt sollte der erste schon vorbei sein? »Such! Such! Such!«, wurde beim Anzählen des Ringrichters beschwörend skandiert, und Harry Such, der sich vermutlich insgeheim schon mit der Horizontalen abgefunden hatte, kam schwankend noch einmal auf die Beine, was im Grunde für sich betrachtet schon eine Leistung war. Wallner bemühte sich um sportliche Fairness, gute Beinarbeit, filigrane Athletik – doch der Hamburger war einfach kein Gegner für ihn, und nur eine gute Minute später klaffte über der Augenbraue des Mannes eine tropfende Platzwunde, und die Nase blutete, um das wüste Bild zu vollenden, gleich mit. Als Wallner unter dem aufmunternden Gejohle noch eine gestreckte Gerade in Suchs Gesicht landete, knickte der Hamburger in den Knien ein und fiel um, um liegen zu bleiben. Der Ringrichter brach den Kampf ab, und ein schwerfälliger Mann mit Glatze, der Ringarzt, kniete sich mit seiner weißen Hose in die blutige Lache neben dem Mann, schüttelte missbilli| 28 |

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gend den Kopf und ordnete dann unter erneutem »Such! Such!«Geschrei der Zuschauer den Liegendtransport in die Kabine an. Mit dem Erlöschen des Saallichts war die Anspannung von Sándor Lehmann abgefallen, und er konzentrierte sich wie alle anderen auf den Kampf. Das, genau das, war das Geheimnis seines Lebens. Dass er mitten im größten Getümmel ein Kind werden konnte, wenn es nichts anderes mehr zu tun gab. Auf der Bühne, mit der Klarinette in der Hand, war es ganz genau so. Solange man die Tiere des Urwalds im Auge behalten konnte, behielt er sie im Auge; aber wenn das Licht sich fokussierte, wenn er allein war in der Dunkelheit – herausgemeißelt von einem Scheinwerfer –, dann interessierte ihn das alles nicht mehr, dann gab es nur noch ihn selbst und die Musik. Hier gab es nur den Boxring, der im Halbdunkel der Halle glomm und schimmerte wie ein Vulkan vor dem Ausbruch, und Sándor lehnte sich zurück, streckte die Arme über die Rückenlehnen der Nachbarplätze und fühlte sich gegen jede Erwartung sauwohl. Dies war seine Welt, auch wenn sie anderen wie Sodom und Gomorrha vorkommen mochte, wie eine der grotesken Karikaturen von George Grosz, die man noch immer in den Witzblättern sehen konnte und den politischen Zeitungen. Sándors Welt war versoffen, verräuchert, laut und vulgär, aber sie folgte Regeln, die er kannte und beherrschte, und als in der Kampfpause das Licht wieder angedreht wurde und Gennat Hansen zum Bierholen schickte – Patzenhofer trank man hier –, da sah Sándor, dass auch Gennat genoss, was er hier sah. Oder, wohlweislich, nicht sah. Dass rechts an den Garderoben Kokain und Morphium verkauft wurden; dass die Damen am Champagnertresen beruflich hier waren und eine ganze Menge kleiner Buchmacher illegale Wetten auf die Kampfausgänge annahmen – das alles konnte dem Chef kaum verborgen bleiben, aber der dicke Mann vom Alexanderplatz war heute nicht hier, um dem Verbrechen en gros und en detail den Garaus zu machen: Er wollte sich amüsieren. Und das schien er auch zu tun. Man | 29 |

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konnte dem Leiter der Berliner Mordkommission alles Mögliche vorwerfen, Verfressenheit, Eitelkeit, Pedanterie; man konnte ihn verantwortlich machen für das Chaos auf seinem Schreibtisch, in seinem Privat­leben und seinen Eingeweiden, aber dass er ein Theo­retiker war, der dem wirklichen Leben auswich, das zumindest konnte man ihm ganz sicher nicht vorwerfen. Der zweite Kampf begann weitaus gesitteter als der erste. Karl Knöpnadel, ebenfalls ein Schwergewichtler mit luftigen 86 Kilo, kreuzte mit dem Berliner Karl Bloemecke die Fäuste – einem Lokalmatador, der hier im Spichernring eine Menge Fans hatte und sich ausgerechnet von Knöpnadel keins aufs Maul geben lassen wollte. Bloemeckes Gegner war in der Boxszene kein Unbekannter; Knöpnadel irrlichterte immer wieder durch die Ringe, war bekannt für solide Ringarbeit, aber irgendwie etwas unheimlich, denn der Mann – auch jetzt wurde es wieder gemunkelt von Reihe zu Reihe –, der Mann war taubstumm. Taubstumme Boxer gab es sonst nicht unter den Profiboxern, und wenn Ernst Zirzow bei der BBD, der Boxsport Behörde Deutschland, nicht selbst im Vorstand säße, dann hätte der BBD-Präsident Peter Eyck seine Drohung längst wahr gemacht und taubstummes Boxen verboten. Eyck sah den Boxer als Archetyp des gesunden Sportlers, und ein Behinderter, ein Krüppel, ein Taubstummer passte nicht in dieses makellose Bild. Wobei weder Eyck noch der in solchen Fällen immer gern sekundierende Box-Sport eine Antwort auf die Frage hatten, was denn gegen einen taubstummen Boxer spräche. Dass er den Rundengong nicht hörte? Den untermalte der Ringrichter mit eindeutigen Handzeichen. Dass er im Falle einer Weltmeisterschaft die Nationalhymne nicht singen könnte? Sándor hatte den Kopf geschüttelt, als er diesen Unsinn gehört hatte, und fixierte Knöpnadel, den er heute zum ersten Mal kämpfen sah, aufmerksam. Vielleicht war es ja auch von Vorteil, nichts zu hören. Beim Boxen und überhaupt. Die Schritte der SA-Männer auf dem Trottoir vor | 30 |

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der Fliegerbombe, die Hitlerreden im Radio – oder hier das ablehnende Raunen des Publikums, die flauen Witze, dass man dem Tauben was aufs Ohr geben müsse: Das musste man nicht hören. Und Knöpnadel hörte es nicht, er boxte ohne Ablenkung, konzentriert, mit seinen 86 Kilo leichtfüßig und präzise. Bloemecke rackerte sich ausdauernd ab, und das Publikum feuerte ihn auch redlich an, obwohl schon während der ersten Runde klar wurde, dass der Gegner ihm überlegen war, besser vorbereitet, subtiler und einfallsreicher in seinen Finten, seinen Ausfallschritten, seinem ganzen Konzept. Als die auf den Rängen in Runde zwei begriffen, dass ihr Favorit gegen dieses taubstumme Boxtalent nicht bestehen würden, wechselten sie umgehend die Seite. Sándor grinste säuerlich; ja, so waren sie, hier am Ring und draußen im Leben: Sie wollten Gewinner sehen, selbst dazugehören, den Richtigen anfeuern. Es ging nicht um Treue oder Sportsgeist; es ging darum, rechtzeitig zu erkennen, wer der Stärkere war – und sich dem dann bedingungslos anzuschließen. Karl Knöpnadel hatte nicht viel vom plötzlichen Sympathiewechsel des Publikums, denn er hörte die anfeuernden Rufe ja nicht, spürte sie allenfalls als Welle der Sympathie, die ihn erfasste, seine Armbewegungen rhythmisierte, seinen Gegner Bloemecke noch eingeschüchterter und zaghafter auf die präzisen Schläge reagieren ließ, mit denen der Taubstumme ihn eindeckte. Knöpnadel hatte keine Eile; mit chirurgischer Präzision arbeitete er sich durch die Schichten der gegnerischen Abwehr, eroberte Raum, blockte Gegenwehr ab, bevor sie überhaupt entstehen konnte. Für Minuten entstand wirklich etwas wie Musik, wie Schönheit vor Sándors Augen, als gleich zu Beginn der dritten Runde etwas Unerwartetes geschah. Knöpnadel war dazu übergegangen, den immer chancenloser werdenden Kontrahenten zu fordern, zu necken, mit angetäuschten Schlägen zu immer heftiger, wütender werdender Reaktion anzustacheln und herauszukitzeln, was noch an Kraft in Bloemecke steckte. | 31 |

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Und einer dieser angetäuschten Schläge – ein Wischer eigentlich nur, lax von oben nach unten am Kopf vorbei auf die Schultern geführt –, einer dieser Schläge schien einen Nerv zu treffen. Die Halsschlagader, vielleicht. Bloemecke ließ die Hände sinken, als hätte er irgendwo in der Ferne einen Gong gehört, und sah sich verwundert um, und auch Knöpnadel trat einen Schritt zurück, ohne allerdings die eigene Deckung auch nur eine Sekunde zu vernachlässigen. Und während das Publikum zu einem aufmunternden, unisono herausgebrüllten Blöken ansetzte, »Blööööö...«, rollte sich der 89-Kilo-Mann Bloemecke plötzlich nach vorn zusammen, als wollte er sich die Schnürsenkel zubinden, und kippte auf den Ringboden. Bloemeckes Ecke warf das Handtuch, und Knöpnadel, der Mann, von dem es hieß, er würde nicht mal den Rundengong hören, sah sich augenblicklich hellwach nach dem Ringarzt um, den der Ansager als Dr. von der Esche angekündigt hatte. Ein Medizinmann, der selbst wie schwerhörig auf seine Notizen gestarrt hatte und erst mit einiger Verzögerung schwerfällig in den Ring geklettert kam, wo er den unter diesem lächerlich schwachen Schlag zusammengebrochenen Bloemecke mit ein paar eindeutigen Handbewegungen unter dem Hohngelächter des Publikums für kampfunfähig erklärte.

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