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1 Es war Mittwoch. Der falsche Tag. Mittwoch ist immer falsch für Observationen. Besonders bei Nacht. Oder bei Regen. Erst recht bei Nacht und Regen. Alte Schnüfflerweisheit, an die ich mich erst erinnerte, als der kalte Nieselregen die schmale Lücke zwischen Jackenkragen und Hals gefunden hatte. Irgendwann hat sich das Verbrechen den Arbeitszeiten im öffentlichen Dienst angepasst. Oder denen der Ärzte. Geh mal an einem Mittwoch zur Arbeitsagentur oder zum Hausarzt. Geschlossen. Mittwochs darfst du ohne Krankenschein sterben. Mittwoch ist auch ein schlechter Tag, um Verbrechern aufzulauern. Insbesondere, wenn man die Jacke ohne Kapuze übergezogen hat. Und trotzdem kniete ich hier hinter einem kahlen Brombeerbusch und ließ mir den Novemberregen den Rücken hinunterlaufen. Noch bildete der Elastikbund meiner Boxershorts eine natürliche Sperre, lange aber sicher nicht mehr. Warum also verstieß ich gegen die Mittwochs-nie-Weisheit? Einfach weil ihr in diesem Fall eine andere Weisheit entgegenstand: Nicht nur, wie allgemein bekannt, dass der Verbrecher irgendwann an den Tatort zurückkehrt. Sondern weil auch der Verbrecher ein Gewohnheitstier ist. Und meine Verbrecher hatten bisher, entgegen der Regel, immer in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag zugeschlagen. Nicht jede Mittwochnacht, aber wenn, dann immer exakt in der Wochenmitte. Zuletzt Donnerstag vor drei Wochen hatten mein Partner Herbert und ich auf diesem Gelände am Morgen nach Hinweisen auf den oder wahrscheinlich eher die Täter gesucht, den Tatort aus jeder Richtung und aus allen Winkeln fotografiert, aber wieder keine brauchbaren Spuren gefunden. Längst hatten sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt, vorsichtig schaute ich mich um. Nicht bewegen, den Kopf nur ganz vorsichtig drehen: keine wahrnehmbare Veränderung in der letzten Stunde. In der Regel lässt Regen die Ge5

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bäude gerade in einer Großstadt trauriger, hässlicher erscheinen. Hier jedoch deckten Nacht und Regen die Tristesse und Hoffnungslosigkeit der Industriebrache eher zu, verschleierten das ganze Ausmaß des unwiderruflichen Verfalls, ließen nur die einst stolzen Konturen der ehemaligen Fabrik ahnen. Man erkannte nicht die herausgebrochenen Fenster, die herabhängenden Regenrinnen, die angekohlten Balken. Irgendjemand hatte hier erst vor kurzem ein Feuerchen gemacht. Um sich zu wärmen? Aus purer Lust an der Zerstörung? Um Beweismittel zu vernichten? Vorsichtig verlagerte ich mein Gewicht auf das andere Knie und wartete weiter, dass sich die Regel vom Verbrecher, den es über kurz oder lang an den Tatort zurück zieht, erfüllte. Dabei hoffend, dass sich eine ebenso wichtige Regel nicht bestätigte: Nie ohne deinen Partner! Dazu braucht es keine Polizeiausbildung, das lernt man in jedem Fernsehkrimi. Immer mit Partner, schlimmstenfalls wenigstens mit einem entsprechend trainierten Hund. Und wenn du doch einmal alleine am Tatort eintriffst, forderst du sofort Verstärkung an. Gehst du alleine in das dunkle Haus oder stellst alleine die Täter auf einer verlassenen Industriebrache, bekommst du mit Sicherheit eins auf die Mütze. Oder mehr als eins. Mein Partner Herbert aber lag im Moment friedlich in seinem Bett, hatte es warm und träumte etwas Nettes, während der Regen endlich auch den Bund meiner Boxershorts überwunden hatte. »Nee, schönen Dank. Es reicht mir schon, am Tage mit dir durch den Modder zu kriechen. Aber bitte nicht auch noch bei Nacht. Und es nicht mal unser Gebiet«, hatte Herbert mir gestern beschieden. Und er hatte recht: Streng genommen lag die Industriebrache außerhalb unseres Verantwortungsbereichs, gehörte diese Seite der Straße bereits zum Bezirk Treptow. Heute kaum vorstellbar, aber vor gut zwei Jahrzehnten hätte man den Versuch, hier die Straße zu überqueren, ziemlich sicher mit dem Leben bezahlt! 6

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Plötzlich hinter mir: ein Knacken. Leise zwar, aber meine Sinne waren auf höchste Empfindlichkeit gepolt. Deshalb vernahm ich das Knacken eher überdeutlich, genau wie das regelmäßige Tropfen aus der abgerissenen Regenrinne in die Pfütze direkt darunter. Den steten Großstadtverkehr im Hintergrund hatte ich ausgeblendet. Sollte mir das Knacken Sorgen machen? Eher nicht. Zum einen hatte es schon aufgehört, und dann knackt es ja selbst im sicheren Zuhause immer einmal, scheinbar grundlos, ohne implizite Bedrohung jedenfalls. Neulich, auf Spurensuche mit Herbert, hatte eine zusammenhängende Schneedecke die Fabrikruine, die Schuppen und die übrige Brache fast in eine Zauberlandschaft verwandelt. Es war ein Tag mit praller Wintersonne, der Schnee wirkte nicht wie ein Leichentuch, wie es zur Trostlosigkeit dieses Areals gepasst hätte, eher glich er einer funkelnden, federleichten Decke feinster Daunen. Heute Nacht erinnerten daran nur noch einige schmutziggraue Inseln von dreckigem Schnee. Unter dem Matsch, in dem ich kniete, war der Boden gefroren. Der weitgehend verschwundene Schnee hatte jedoch den Vorteil, dass ich kaum Spuren hinterlassen haben dürfte auf meinem Weg zum Brombeergestrüpp. Wenigstens keine, die die Täter in der Dunkelheit erkennen würden. Ich hatte mich bei Tage für dieses Versteck entschieden, und die Stacheln, die mich im Gesicht kratzten, waren ein sicherer Hinweis darauf, dass ich tatsächlich am geplanten Ort hockte. Sicher fühlte sich dieser Brombeerstrauch, weitgehend seiner Blätter beraubt, seiner Früchte ohnehin, nicht besser als ich. Und er machte mich, nackt, wie er war, auch nicht wirklich unsichtbar. Gegen die kalten Tropfen, die inzwischen meine Pofalte hinunterliefen, half er jedenfalls nicht. Einen gewissen Schutz hatte mir anfangs, trotz fehlender Kapuze, mein Schal gegeben. Eine Erinnerung an meine liebe Lena aus dem Beziehungsabschnitt »Von Herzen kommt nur Selbstgemachtes«. Das war Jahre her, und gemocht hatte ich dieses Teil sowieso nie. Wegen seiner scheußlichen Farben. Und weil es von Lena war. Meiner Ex. Ex – wie doof 7

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sich das anhört. Wie wäre es mit »meine Getrennte«? Das gefiel mir besser: die getrennte Frau. »Sind Sie geschieden?« »Nein, aber wir leben getrennt«. Getrennt oder geschieden, beide Begriffe implizieren Versagen. Ich musste grinsen. Vielleicht sollte ich die gute Lena eines Nachts mal mit hierher nehmen? Getrennt, zertrennt … Ich könnte sie hier in zwei hübsche Hälften teilen und verscharren. Völlig unbeobachtet. Und sollte mich doch jemand erwischen – die Leute, die auf diesem Brachland nachts ihren Geschäften nachgingen, waren selbst an größtmöglicher Diskretion interessiert und würden sich entsprechend verhalten. Stimmte auch wieder nicht. Denn ich hockte ja genau deshalb hier: um Täter zu beobachten und sie zu stellen. Andererseits, wer außer mir wäre so blöd? Würden die, auf die ich es abgesehen hatte, wirklich in dieser nasskalten Novembernacht hier aufkreuzen? Und was Lena, meine Getrennte, betraf: Ich fürchtete, dass zertrennen nicht genügen würde, dass sich die beiden Teile auf wundersame Weise wieder zusammenfänden, um mich zu quälen. Oder, schlimmer noch, beide Hälften würden sich jeweils zu einem Ganzen auswachsen, wie bei manchen Quallen oder Würmern, um mich dann zu zweit verfolgen. Eine Lena reichte mir vollkommen! Zwei Lenas? Offenbar war ich fast eingenickt. Aber kein Zweifel – es hatte wieder geknackt. Lauter diesmal, und dichter. Natürlich, was bildet man sich nicht alles ein, allein im Dunkeln. Baumstümpfe werden zu Wegelagerern oder zu Krokodilen. Aber jetzt ging es um Geräusche, und die Ohren funktionieren nachts mindestens so gut wie am Tage. Da, wieder das Knacken. Tiere? Es gab hier, mitten in Berlin, sicher keine Bären oder Wölfe. Aber ganz grundlos waren die wiederholten Mahnungen unseres Amtsarztes, endlich zur Tetanus-Impfung zu erscheinen, sicher nicht. Das Leben eines Ermittlers ist nicht so spannend, wie man es sich vorstellt. Siehe aktuell: stundenlanges Warten im Matsch unter einem Brombeerbusch. Meine nicht öffentlich 8

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bediensteten Kollegen Privatdetektive sitzen, im Film wenigstens, gewöhnlich in einem Auto, vielleicht sogar mit Standheizung, sicher mindestens mit heißem Tee aus einer Thermoskanne, in die sie den Tee später wieder entsorgen können. Wieder knackte es, noch ein Stückchen dichter. Spannung, auf die ich gerne verzichtet hätte. Wenn es nun kein Tier wäre? Sondern der oder die Täter, derentwegen ich ja schließlich gekommen war? Aber warum sollten die sich anschleichen? Die sollten hier auftauchen, ihre miese Tat verrichten, die ich nicht verhindern würde, und wieder verschwinden. Ich würde sie genauestens beobachten und dann verfolgen. Das war der Plan, sich an mich Anschleichen kam darin nicht vor. Hatten die Täter den Spieß umgedreht, mich längst entdeckt? Wenn meine Ohren recht hatten, kam das Knacken von links hinter mir. In meinem Plan sollten die Täter aber von vorne kommen, in meinem Blickfeld jedenfalls, sich keinesfalls von hinten anschleichen und mir nicht mit einer Latte eins über den Schädel ziehen. Oder Schlimmeres. Wobei Latte über den Schädel ausreichen dürfte, bis zum Morgen wäre ich erfroren. Und außer meinem selig schlafenden Partner Herbert wusste sowieso keine Sau, wo ich war. Außer vielleicht, genau jetzt, die Täter. Was war zu tun? Klar, einfach die Augen schließen, »wenn ich dich nicht sehe, siehst du mich auch nicht«, würde nicht funktionieren. Aber in der Dunkelheit schien mir reglos sitzen bleiben immer noch die beste Alternative. Obwohl ich natürlich ausgerechnet jetzt das Gefühl hatte, mich unbedingt strecken zu müssen, da sämtliche Knochen und Muskeln gegen diese Hockposition schmerzintensiv protestierten. Und atmen musste ich auch. Eine neue Wahrnehmung: Der Regen hatte meinen linken Unterschenkel erreicht. Wie das, ohne sich vorher den Oberschenkel hinunterzuarbeiten? Und warum war der Regen plötzlich warm? Ganz vorsichtig drehte ich meinen Kopf nach links. Mit großen Augen blickte von dort etwas zurück: ein Waschbär! Erschreckt, dass es nicht einen Baumstumpf, 9

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sondern etwas Bewegliches markiert hatte, erstarrte das Tier einen winzigen Moment lang, um dann mit zwei Sprüngen in der Nacht zu verschwinden. Ein Waschbär hatte mich angepinkelt – nun war ich doch froh, dass mein Partner Herbert nicht dabei war. Genug! Diese Nacht war für mich definitiv zu Ende. Mochten die, auf die ich wartete, noch auftauchen oder nicht, mochten sie erwartete oder unbeschreibliche Untaten verüben, egal. Ohne mich. Ich erhob mich ächzend und war nur noch bestrebt, nicht über irgendetwas zu stolpern. Eine halbe Stunde Fußmarsch, dann wäre ich in meinem Bett. Wo ich schon seit Stunden sein sollte. Ich hatte fast die Straße erreicht, kam gerade vorbei an dem einzigen Gebäude, in dem, wenigstens bei Tage, noch legal gearbeitet wurde. Ein Schuppen, jetzt eine Art Autowerkstatt oder so, glaube ich. Da hörte ich wieder ein Geräusch. Kein Knacken diesmal, mehr eine Art Hilferuf. Leise zwar, aber eindringlich. Vorsichtig näherte ich mich. Das Geräusch kam aus dem Abfallcontainer. Ich fand einen lebenden Zeugen! Und hatte keine Vorstellung, wie grundlegend dieser Zeuge mein Leben verändern sollte.

2 »Das war Mord, Partner. Geplanter, kaltblütiger Mord.« Trotz der Kälte hatte Herberts Gesicht die Farbe eines überreifen Hokkaidokürbis angenommen, was, wie mir erstmals auffiel, recht gut zu dessen Form passte. Aber es war weniger unsere anstrengende Tätigkeit, die Herbert das Blut in den Kopf presste. Wütend stützte er sich auf seinen Spaten. Er war noch nicht fertig mit seiner Ansprache. 10

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»Und Oskar, eines kannst du mir glauben. Wenn ich diese Leute erwische, bringe ich sie um. Eigenhändig. Mit oder ohne Spaten!« Selten hatte ich Herbert so emotional erlebt. Eigentlich noch nie. Nicht einmal montags, wenn er, meistens mit zunehmend schlechter Laune, die Spielberichte der unteren Fußball-Ligen im Kicker studierte. Außerdem war heute Donnerstag. Verbissen hackten und gruben wir weiter. Der Frost hatte früh eingesetzt dieses Jahr, erst seit wenigen Tagen zeigte das Thermometer wieder Werte um oder knapp über Null. Dies und der Regen der vergangenen Nacht hatten die oberste Erdschicht in eine morastige Pampe verwandelt, darunter war der Boden noch gefroren. Deshalb die Hacke. Gegen den Widerstand der Natur vergrößerten wir Stück für Stück unser Erdloch. Wir waren uns einig, dass die drei wenigstens ein Grab verdienten. Und Rache, soweit es Herbert betraf. Wir hatten unsere Spurensicherung an meinem Brombeerstrauch begonnen. Jetzt, ohne den nächtlichen Schleier lauernder Gefahr und eines omnipräsenten Geheimnisses, zeigten sich uns einfach die Überreste einer ehemaligen Fabrikanlage, in vierzig Jahren DDR heruntergewirtschaftet, bis ihr irgendein Glücksritter aus dem Westen endgültig den Todesstoß versetzt hatte. Für ein paar Monate war hier danach ein Gebrauchtwagenhändler zu vorübergehendem Wohlstand und am Ende zu einer Haftstrafe auf Bewährung gekommen. Nun diente das Gelände seit Jahren als idealer Ort, an dem man Autos ausschlachten und ihre Torsos stehen lassen, Altöl oder Kühlschränke entsorgen und vorübergehend sogar Unterkunft finden konnte. An den Wänden der Gebäude übten Graffiti-Künstler, bevor sie ihre Werke besser sichtbar über die Stadt verteilten. Hartnäckig arbeitete die Natur daran, sich das Territorium zurückzuerobern, erstaunlich wenig gestört durch die Hektoliter von Motorenöl, Bremsflüssigkeit oder Kühlmittel im Erdboden. Ein kleiner Birkenhain überwucherte das Gleisbett 11

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der ehemaligen Industriebahn, und ältere Graffiti verschwanden bereits hinter Knöterich, der sich die Backsteinmauern hochrankte. Ich erkannte noch meinen Abdruck unter dem Brombeerstrauch, hinter dem ich mich vergangene Nacht versteckt hatte. Stück für Stück hatten Herbert und ich unseren Ermittlungskreis erweitert. Wir waren zwar auf keinen verwertbaren Hinweis zu den Tätern, aber schließlich auf die drei Leichen gestoßen. Nach kurzer Diskussion beschlossen wir, dass es das Beste wäre, sie gleich hier verschwinden zu lassen. Herbert, nach wie vor mit wenig Verständnis für meine nächtliche Ermittlungsarbeit, war Feuer und Flamme, die Täter zu finden. Obgleich es dafür keinen Beweis gab, ging er davon aus, dass die Leute, die wir schon seit einem Weilchen schnappen wollten, auch für die Leichen verantwortlich waren. Er wiederholte, während er verbissen an unserem Erdloch schaufelte: »Die schnappen wir uns. Ja, wenn es sein muss, auch bei Nacht.« Die Täter würden, das konnte man unschwer erkennen, mit einem sehr wütenden Mann Bekanntschaft machen. Und auf schnelles Vergessen, auch das wusste ich, durfte man bei Herbert nicht zählen. Schließlich fanden wir unsere Grube groß genug. Ich holte ein neues Set Einmalhandschuhe, von denen wir immer ausreichend Vorrat mit uns spazieren fahren. Vorsichtig legten wir die leblosen Körper in das frische Grab. Inzwischen schlug auch mir die Sache auf die Seele und ich wollte sie nur schnell hinter mir haben. Also griff ich wieder zur Schaufel, um die zumindest altölbelastete Erde in das Loch zurückzubefördern. »Stoi!«, fiel mir Herbert in den Arm. Was war los? Hatte er etwas gesehen? Gehört? Mit eiligen Schritten und entschlossener Miene verschwand er hinter der Baracke, in der eine »typenunabhängige Autowerkstatt« arbeitete. Ich folgte ihm nicht, aber stellte meine Ohren auf höchste Empfangsstärke und hielt den Spaten griffbereit. Man konnte nie wissen. 12

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Meine Sorge war unberechtigt, der Verteidigungsfall trat nicht ein. Schon nach wenigen Minuten tauchte Herbert wieder auf, mit einer waschmittelfamilienpackungsgroßen Holzkiste unter dem Arm, die er irgendwo auf dem Gelände gefunden hatte. Er nahm die Leichen noch einmal aus dem Grab, legte sie vorsichtig in die Kiste, verschloss den Deckel und platzierte sie behutsam auf dem Boden der Grube. Dann stemmte er sich mit beiden Händen auf seine Schaufel. Herbert ist der Typ, bei dem die Dinge eine festgelegte Ordnung haben. Bei einem Begräbnis hieß das, dass ein Gebet gesprochen wird. Oder wenigstens etwas in der Art. »Hallo da oben. Du weißt, dass ich nicht sicher bin, ob es dich überhaupt gibt. Eher nicht, habe ich in der Schule gelernt. Und wenn es dich doch gibt, verzeihst du ja alles, hört man so. Deshalb bitte ich dich nur, lass uns die Arschlöcher finden, die für das hier verantwortlich sind. Um den Rest kümmern wir uns dann schon.« Anstelle eines »Amen« begann er, mit verbissener Energie die feuchte Erde in das Grab zu schaufeln. Ich stellte mir vor, wie dieser Gott, den es meiner Meinung nach eventuell doch gibt, sich ein kurzes Lächeln gestattete, und war sicher, dass er tatsächlich wegschauen und Herbert gewähren lassen würde, sollten wir den oder die Täter jemals finden. Schließlich bewies dieser Gott jeden Tag erneut, wie gut er wegschauen konnte. Warum ich, fragte Herbert, die Leichen letzte Nacht nicht gesehen hätte? »Eben deshalb: Nacht. Es war stockfinster. Geregnet hat es auch.« Und, fuhr ich fort, es hätte schon meinen ganzen Mut gebraucht, überhaupt nach dem Ursprung des Geräuschs zu suchen. »Hast du schon mal nachts einen verrotteten Müllcontainer geöffnet, aus dem irgendwelche undefinierbaren Laute kamen? Mit einer Taschenlampe, die weitgehend ihren Geist 13

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aufgegeben hat? Woher sollte ich wissen, dass mich da nicht irgendetwas beißt?« »Ne riesige, strahlenmutierte Ratte zum Beispiel, was? Jedenfalls, herzlichen Glückwunsch zum Ergebnis deiner freiwilligen Nachtschicht: drei Tote! Und du wirst spätestens morgen mit einer fetten Erkältung im Bett liegen. Pleite auf der ganzen Linie. Ey – nies bloß in ’ne andere Richtung!« Das tat ich, ausführlichst und brav mit dem Wind. Im Gegensatz zu Herbert betrachtete ich die vergangene Nacht allerdings nicht als totale Pleite. Eigentlich ganz im Gegenteil. Den Hauptgrund dafür würde ich ihm jedoch vorerst nicht auf die Nase binden. Aber es schien mir an der Zeit, mich zu verteidigen. Und wenigstens einen Teil der Wahrheit preiszugeben. »Du tust gerade so, als wäre ich für die Leichen verantwortlich. Und immerhin habe ich einen Überlebenden gefunden. Und damit gerettet.« »Was? Einen Zeugen?« Ich klärte Herbert über meinen Zeugen auf. Gespannt hörte er zu, unterbrach mich nicht. »Und wo ist der jetzt?« »Na, bei mir zu Hause.« Ich konnte beobachten, wie sich Herbert meine häuslichen Verhältnisse ins Gedächtnis rief. Da diese recht überschaubar sind, brauchte er dazu nicht lange. »Alleine?« Ich nickte. »Was sollte ich tun auf die Schnelle? Ein Zeugenschutzprogramm organisieren?« Herberts Blick genügte, mein ohnehin schlechtes Gewissen noch weiter zu verschlechtern. Dann hastete er in Richtung unseres Dienstfahrzeuges. Ich stolperte hinterher. »Ich fahre, Arschloch.« Noch nie hatte Herbert mich Arschloch genannt. Jedenfalls nicht in einem Ton, der besagte, dass er genau das meinte. Ich warf ihm die Zündschlüssel zu. 14

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Wortlos schnallten wir uns an, dann gab Herbert Vollgas. Das Arschloch ließ ich ihm durchgehen, es konnte mir nicht die Laune verderben. Schließlich hatte ich vergangene Nacht nicht nur ein Leben gerettet. Ich hatte auch endlich einen Weg zu meiner schönen Nachbarin Julia gefunden – oder, besser sogar, sie zu mir. Aber genau das würde ich Herbert jetzt nicht auf die Nase binden.

3 »Äh … ja?« Ich war gerade damit beschäftigt, meinen lebenden Zeugen wenigsten notdürftig zu versorgen, als ich meinte, ein vorsichtiges Klopfen an meiner Wohnungstür wahrzunehmen. Konnte nicht sein. Wer sollte morgens um vier Uhr bei mir klopfen? Wahrscheinlich ein Luftzug im Treppenhaus, der an der altersschwachen Tür rüttelte. Ich kümmerte mich weiter um meinen Gast und fand das Handtuch, dass ich für ihn gesucht hatte: Palmen am Tropenstrand, untergehende Sonne über dem Meer, vor Jahren für meinen damals kleinen Sohn an der Nordsee erstanden. Aber es klopfte wieder, Zweifel nicht mehr möglich. Wer sollte das sein? Nicht einmal mein Sohn mit seiner Gabe, unvorhergesehen mit der mehr als Forderung denn als Bitte vorgetragenen Nachfrage nach einem Kleinkredit aufzutauchen, würde sich dafür den frühen Frühmorgen aussuchen. War man mir vom Fabrikgelände gefolgt? Wollte mir doch noch eins über die Rübe ziehen? Hatte ich etwas gesehen, was ich nicht sehen sollte? Aber ich hatte doch gar nichts gesehen! Also die klassisch-tragische Variante: Ich bekam eins über die Rübe, weil man fälschlich annahm, ich hätte etwas beobachtet? 15

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Auf Socken schlich ich zur Tür, löschte das Licht und lugte durch den Spion. Kein Sohn, kein Tätowierter mit einer Axt im Anschlag. Eine Frau. Eine sehr hübsche Frau. Eine sehr hübsche Frau um die dreißig mit großen Kulleraugen, der man keinen Wunsch abschlagen würde, auch nicht morgens um vier Uhr. Schon seit Wochen hatte ich überlegt, wie ich unauffällig Kontakt zu der neuen Nachbarin herstellen konnte, und nun stand sie ganz ohne Bemühungen meinerseits vor meiner Tür! »Entschuldigen Sie, Herr …« – kurzer Blick auf mein Türschild – »… Buscher. Ich weiß, es ist mitten in der Nacht. Ich … ich habe mich nur getraut, weil ich noch Licht gesehen habe in Ihrer Wohnung.« Ich bemühte mich um einen Blick, der zu einem Mann passt, für den es alles andere als ungewöhnlich ist, dass hübsche junge Frauen nachts bei ihm klopfen. Nun noch ein weltmännischer Spruch dazu … »Oh – äh … ja?« »Ich bin Julia Baumgärtner, die Wohnung schräg unter Ihnen, sozusagen, nach vorne hinaus. Neulich eingezogen.« Das weiß ich, Julia Baumgärtner. Dein Namensschild hatte ich mir sofort angeschaut. »Ich war eben mal draußen. Und jetzt habe ich mich ausgesperrt, wirklich blöde. Der Schlüssel steckt auch noch von innen! Können Sie mir irgendwie helfen?« Ich hatte erwartet, eine Schockstarre würde mich überkommen. Im Gegenteil aber schaltete mein hormonstimuliertes Hirn auf overdrive und bot die optimale Reaktion an. »Tut mir leid, ich verstehe absolut nichts von Schlössern, schöne Julia Baumgärtner. Aber kommen Sie doch rein. Sie können auf meiner Gästecouch schlafen. Ich gebe Ihnen die dünnste Decke, die ich auftreiben kann. Bald wird Ihnen höllisch kalt und Sie kriechen zu mir ins Bett. Dann rammeln wir wie die Karnickel, wenigstens bis die Sonne aufgeht.« Eine überschlägige Berechnung von Chancen und Risiken dieses Vorgehens überzeugte mich, dass die Variante »edler 16

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Ritter« die bessere wäre. Bewunderung und ewige Dankbarkeit wären mein Lohn. Ich bat Julia Baumgärtner einen Moment zu warten, kramte in meinem Werkzeugkasten in der Küche nach einem festen Draht und einem flachen Schraubenzieher und gemeinsam trappsten wir meine Hinterhaustreppe hinunter und ihre Vorderhaustreppe wieder hinauf. Zugeschlagene Tür, nicht abgeschlossen, ist selbst mit Schlüssel im Türschloss von innen einfach. Mit Draht oder Schraubenzieher fährt man vorsichtig zwischen Rahmen und Türblatt, bis man die Stelle fühlt, wo der Sperrriegel von der Feder im Rahmen gehalten wird. Diesen Sperrriegel drückt man in Richtung Türblatt und zack! ist die Tür offen. Große Überraschung: Nicht ganz so zack, aber letztlich doch klappte das so auch an der Wohnungstür von Julia Baumgärtner. Frau Baumgärtner war erwartungsgemäß beeindruckt. »Sie haben mir das Leben gerettet! Wie haben Sie das nur geschafft? Wie ein gelernter Einbrecher!« Ich lächelte bescheidenen und ließ es bei einem »Na ja …« bewenden. »Sind Sie das?« Mein Hirn, immer noch auf Hormonturbo, war gerade dabei, die angefallene Dankesschuld für die erbrachte Nothilfe zu addieren. Inklusive Nachtzuschlag. »Bin ich was?« »Gelernter Einbrecher?« »Na ja, dienstlich bin ich eher das Gegenteil.« »Sind Sie Polizist?« »So etwas in der Art. Ermittler.« Leichtes Krausen umspielte Julia Baumgärtners Lippen. »Privatdetektiv?« Private Schnüffler schienen bei ihr nicht gerade hohes Ansehen zu genießen. »Um Gottes willen, nein. Ich bin im öffentlichen Dienst.« Damit schien meine Weißer-Ritter-Rüstung wieder hergestellt. Frau Baumgärtner schenkte mir ein Lächeln und, wichtiger, eine klitzekleine Perspektive, bevor sie in ihre Wohnung 17

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verschwand: »Jedenfalls bin ich Ihnen unheimlich dankbar. Hoffentlich kann ich mich bald einmal revanchieren.« Da gingen mir sofort verschiedenste Möglichkeiten durch den Kopf. In irgendeiner tief liegenden Region registrierte mein Hirn, dass etwas an dieser Nachbarin, die »eben mal draußen« gewesen war, nicht ins Bild passte. Aber es war zu sehr mit Julia Baumgärtner als wunderschöner junger Frau beschäftigt, um der Sache aktuell nachzugehen.

4 Das Treffen mit Julia Baumgärtner war erst ein paar Stunden her, als ich Herbert den Zeugen Max vorstellte. Max, dem ich vergangene Nacht das Leben gerettet hatte. »Wie alt, meinst du, ist der?« Nach einer eingehenden körperlichen Untersuchung heute Morgen hatte ich das Hundebaby Max genannt und ihm meinen Wäschekorb wohnlich hergerichtet. Eingekuschelt in ein paar alte Decken, schien sich Max ganz wohl zu fühlen. Da wollte ich ihm lieber nicht erzählen, dass wir gerade seine Brüderchen und Schwesterchen beerdigt hatten. Im Gegensatz zu mir versteht Herbert etwas von Hunden. »Nicht älter als ein paar Tage«, meinte er. Durch den Anblick des kleinen Knäuels Leben war mein Partner etwas milder gestimmt, aber immer noch wütend. Vorhin, als wir die toten Welpen gefunden hatten, hätte er die Leute, die sich dieser Tierchen per Müllcontainer entledigt hatten, sicher auf der Stelle umgebracht. Nun aber konzentrierte sich seine ganze Wut auf mich. »Du hast doch einen Sohn, oder? Habt ihr dem als Baby auch eine Untertasse mit Milch hingestellt und seid dann zur 18

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Arbeit abgeschwirrt? Hast du dir mal überlegt, woher der Begriff Säugetier kommt?« Lahm verteidigte ich mich. Erstens war und sei ich übermüdet. Zweitens habe ich Kopfschmerzen, sicher mache es sich gerade die von Herbert vorhin angekündigte schlimme Grippe in mir gemütlich. Und drittens hatte ich Max noch heute Morgen tatsächlich ein wenig Milch mit der Pipette eingeflößt, die noch für irgendwelche Augentropfen im Bad herumlag. »Was für ’ne Milch?«, fragte Herbert in einem Ton, der mir klarmachte: Pipette hin oder her, wahrscheinlich gut, dass ich Max nicht mehr davon gegeben hatte. Ich deutete auf den Tetrapack H-Milch. »Na, wunderbar. Schon mal was von Laktose-Allergie gehört?« Hatte ich, wiederholt. Von Lena, meiner Getrennten. Von Laktose-Allergie und noch ein paar exotischeren Unverträglichkeiten, die sie im Laufe unseres Zusammenlebens entwickelt hatte. Schließlich auch gegen mich. »Wie – Hunde auch?« Kein Wunder, dass die Erzeugerpreise für Milch ständig fallen, wenn die ganze Welt keine Kuhmilch verträgt. Ich hatte für Max zwischen der H-Milch und, wegen mehr Kalorien, dem Rest sprühfertiger Schlagsahne im Kühlschrank geschwankt. Bei Schlagsahne hätte mir Herbert jetzt sicher den Kopf abgerissen. »Gib mir mal Geld. Und rühr den Hund nicht an, bis ich zurück bin, klar?« Ich nickte schuldbewusst und gab Herbert einen Zehn-Euro-Schein, immerhin ein beträchtlicher Teil meines aktuellen Barvermögens. Ich hätte ihm auch mein Gesamtvermögen anvertraut, um wenigstens eine Weile von seiner vorwurfsvollen Miene befreit zu sein. Dann saß ich da, betrachtete das schwarze Wollknäuel und hielt mich an Herberts Nicht-Anfassen-Gebot. Neben vielen anderen Dingen ist eines gut an Hundebabys: Sie schauen dich nicht vorwurfsvoll an. Können sie gar nicht, weil sie blind und taub sind in ihren ersten 19

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Lebenswochen und nur schlafen, die Augen fest geschlossen. Das tat auch Max, unterbrochen von einem leisen Fiepen von Zeit zu Zeit. Das war wahrscheinlich nicht als Vorwurf gemeint, ging aber trotzdem ans Herz. Ich nahm mir vor, nicht auch als Hundevater zu versagen. Schließlich tauchte Herbert wieder auf, mit einer großen Einkaufstüte unter dem Arm und mehr als nur Hundeersatzmilch in Pulverform. »Musst du in lauwarmem Wasser auflösen.« Stolz zauberte er ein Babyfläschchen mit auswechselbarem Saugnippel hervor, »immer vorher auskochen, verstehst du?«, und eine Flasche Lebertran, »einmal am Tag mit in die Ersatzmilch!« »Dann noch die hier. Die setzt du auf, sobald du dem Hund auch nur nahe kommst!« Herbert reichte mir einen Mundschutz aus einer 25-Stück-Packung. »Jedenfalls so lange du hustest und niest! Der kleine Hund hat noch keine Abwehrkräfte. Die bekäme er normalerweise mit der Muttermilch.« Seine Schulmeisterart begann mich zu irritieren. Aber Herbert hatte offensichtlich mehr als die zehn Euro ausgegeben, die ich ihm mitgegeben hatte. Also nickte ich brav und schaute zu, wie Max, der die Flasche ohne Klagen akzeptiert hatte, kräftig nuckelte. Herberts nächste Anweisung störte das herzerwärmende Bild jedoch nachhaltig. »Also, so sechsmal am Tag sollte der Kleine seine Milch bekommen, alle vier Stunden.« So viel zu meiner Nachtruhe. Herbert hatte noch jede Menge Anweisungen. Max täglich wiegen und die Gewichtszunahme protokollieren. Heizkissen, Rotlicht oder Wärmflasche, natürlich nicht zu heiß. »Du hast doch ’ne Waage, oder?« »Nee. Die ist auch bei Lena geblieben.« »Gut, ich bringe dir eine von uns mit. Und übrigens: Der Hund bestimmt, wie lange er für eine Mahlzeit braucht. Nicht du.« Herbert war glücklich, sein Wissen über Hundeaufzucht an den Mann bringen zu können. Er hatte mal versucht, mit 20

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der Aufzucht von Retrievern ein paar Euro extra zu machen. Trotz zunehmendem Stechen im Kopf und Schmerzen in den Gelenken notierte ich mental seine Ratschläge. Als Quittung für meine nächtliche Aktivität war eindeutig eine Grippe im Anzug. »Du solltest morgen im Bett bleiben, Oskar. Ich melde dich auf der Dienststelle krank.« »Sehr komisch. Ersetzt du mir auch den Verdienstausfall?« In gespielter Verzweiflung hob Herbert die Arme. »Dann bring wenigstens einen Mundschutz mit, oder besser ein paar davon.« Meine Grippe interessierte Herbert jedoch deutlich weniger als das Wohlergehen von Max. »Noch eines: Es geht nicht nur ums Füttern, ums Hinein. Hinaus damit können die auch am Anfang nicht alleine. Mal eine Hundemutti mit ihren Welpen beobachtet? Nach jedem Säugen wird der After kräftig geleckt.« »Aber dazu darf ich den Mundschutz abnehmen, oder?« Ein wenig indigniert bearbeitete Herbert Max’ After. »Das machst du nach jeder Mahlzeit. So lange, bis es von selbst funktioniert. Kannst auch ein Papiertaschentuch oder einen Q-Tipp nehmen.« Klar, dass Herbert zum Schluss alle Anweisungen noch einmal wiederholte. Die Hand schon auf der Klinke, hatte er noch eine letzte Frage. »Wer ist eigentlich der heiße Feger, der mir eben an der Haustür entgegengekommen ist?« Herbert war Julia Baumgärtner begegnet, andere heiße Feger gab es hier nicht. Da mich eine Antwort verraten könnte, nieste ich stattdessen ein paarmal kräftig, in Richtung Wohnungstür und ohne Mundschutz. Da schob mein Partner endlich ab. Bevor ich mich fröstelnd und mit triefender Nase ins Bett verkroch, suchte ich nach dem Heizkissen, fand es endlich im Küchenschrank, kramte noch ein paar von den hübschen Strandtüchern mit Palmen und Tropensonne hervor, die Lena 21

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mir freundlichst gelassen hatte, packte Max – mit Mundschutz! – neu ein und beobachtete das kleine Knäuel Leben. Dann stellte ich den Wecker brav auf vier Stunden Schlaf. Wahrscheinlich weil Herbert meine neue Nachbarin erwähnt hatte, erinnerte sich beim Einschlafen mein Hirn an die Situation gestern Nacht, und es fiel mir ein, was an dieser Frau Baumgärtner, die angeblich »eben mal draußen« gewesen war, nicht ins Bild gepasst hatte. Doch die Frage, was meine neue Nachbarin am frühen Morgen mit staubtrockenem Pullover und staubtrockenem Haar draußen getrieben hatte, wo der Novemberregen unvermindert pieselte, schien mir zu diesem Zeitpunkt nicht besonders wichtig.

5 Während ich mit brennenden und triefenden Augen unser Dienstfahrzeug durch Neukölln steuerte, achtete Herbert dar­ auf, so viel Abstand wie möglich zu mir zu halten. Was so viel nicht war bei den Dimensionen unseres VW Lupo. Ja, ich zahlte auf Euro und Cent für meinen unbezahlten Nachteinsatz. In meinem Kopf hatte sich ein hungriger Specht eingenistet und hämmerte abwechselnd auf Groß- und Kleinhirn. Auf der Brust und an den Armen scheuerte mein Hemd, als rächten sich die unterbezahlten Akkordnäherinnen in Bangladesh mit der Verwendung von 40-Korn-Sandpapier als Hemdenstoff an der kik-Kundschaft, und sämtliche Gelenke schmerzten mit wie auch ohne Bewegung. Natürlich, Herbert hatte recht, ich sollte zu Hause das Bett hüten. Im öffentlichen Dienst bedeutet Grippe vierzehn Tage Krankschreibung. Aber obgleich Herbert und ich im öffentlichen Dienst unterwegs sind, gibt es für uns keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall – und Lohnausfall kann ich mir 22

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nicht leisten. Also war Durchhalten angesagt. Nur noch diesen einen Tag, dann war Wochenende! Während er auf weitest möglichen Abstand achtete, Gesicht von mir abgewandt, scrollte Herbert wie üblich die aktuellen Fußballergebnisse auf seinem Smartphone. Früher fand Fußball am Wochenende statt, inzwischen wird offenbar an jedem Tag der Woche irgendwo gespielt. Dementsprechend ist Herbert auf unseren Inspektionsfahrten immer gut beschäftigt. Trotzdem, plötzlich: »Halt mal an. Das ist ja unglaublich. Der lernt’s wohl nie!« Erstaunt, dass mein Partner neben dem Studium der Fußballergebnisse etwas Bemerkenswertes, gar etwas dienstlich Bemerkenswertes gesehen hatte, folgte ich Herberts Blick. Tatsächlich, ein Fall für uns! Und das an uns wohlbekannter Stelle. Im Eingang zu einem Laden, in dessen verschmutztem Schaufenster schon seit Monaten ein Pappschild »Gewerbefläche zu vermieten! Provisionsfrei vom Eigentümer!« verkündete, türmten sich jede Menge leere Gemüsekisten und Obstkartons. Noch spiegelten die meisten Läden in der Anzengruberstraße das alte Neukölln: An- und Verkauf, Wohnungsauflösungen, das Soziale Kaufhaus von »Die Teller Gottes e. v.«. Wenn auch eher einfach gehalten, deuteten der Kinderladen »Highway« in Nr. 15 und, schräg gegenüber, die Heilpraxis in Nr. 12 (Craniosacral-Therapie, MagnetfeldTherapie) auf die Bedürfnisse der neuen Bewohner hin. Dass unter anderem eine Umzugsfirma im Ladenfenster ihren Auszug ankündigte, bedeutete nicht den eingeläuteten Tod der Anzengruber als Geschäftsstraße, im Gegenteil. Ein wenig Geduld dürfte sich für den Ladenbesitzer mit Leerstand auszahlen, lange konnte es nicht mehr dauern, bis die Neuköllner Gentrifizierungswelle auch hier voll zuschlagen würde und in die Geschäftsräume trendige Bars, auf schick-rustikal gemachte Bioläden und weitere, mindestens bilinguale Kindergärten einzogen. Selbstverständlich zu deutlich höheren Mieten als bisher. 23

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Uns war ohnehin ziemlich klar, auf wessen Konto dieser illegal entsorgte Abfall ging, aber gleich auf dem obersten Karton klebte auch noch die Lieferadresse. Gökhan Öztürk, stolzer Kleinunternehmer in Sachen Obst und Gemüse in der Sonnenallee, war ein guter Bekannter. Wie oft hatten wir ihm schon geraten, wenigstens die Lieferadresse zu entfernen, wenn er seinen Müll in die Gegend kippte! Herbert riss einen der Adressaufkleber ab und wir marschierten um die Ecke zu unserem Freund Gökhan. Ein dicker BMW, dunkelblau, stand mit laufendem Motor verkehrsfreundlich in zweiter Spur vor Gökhans Laden und beschallte die Sonnenallee mit zeitgenössischem Liedgut. Das gelegentliche Hupen aus dem Stau hinter ihm ließ den Fahrer, der am Steuer auf was auch immer wartete, entweder unbeeindruckt oder es konnte sich einfach nicht durchsetzen gegen das endlose »Gangstarap g-g-g-gangstarap« aus seinen 600-Watt-Boxen. Eigenartig nur, dass sich niemand bei ihm beschwerte. »Misch dich da nicht ein. Is’ nichts für uns«, hielt Herbert, der wusste, dass mein bürgerlicher Ordnungssinn über das Aufspüren illegaler Müllhaufen hinausging, auch mich prophylaktisch zurück. Eine Entscheidung zwischen Herberts dringender Empfehlung und meiner Null-Toleranz-Einstellung entfiel, da in diesem Moment zwei Kerle mit südländischer Physiognomie ohne Hast aus Gökhans Laden kamen. Schon fast bei ihrem Freund im BMW, machte einer von ihnen kehrt, griff sich eine besonders schöne Apfelsine von Gökhans Auslage vor dem Laden und trat kräftig gegen einen der Holzböcke, sodass Apfelsinen, Grapefruits und Winteräpfel über den matsch- und streusalzbedeckten Bürgersteig rollten. Erst jetzt sprang auch er in den BMW, der mit durchdrehenden Reifen losspurtete. Was für mich weniger auf Flucht als auf mangelnde Penisgröße des Fahrers hinwies, der sich natürlich nicht ohne Stinkefinger aus dem Fenster von den Verkehrsteilnehmern hinter ihm verabschieden konnte. Unterstützt von einem riesigen Kampf­ 24

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hund im offenen Wagenfenster, der Stinkefingers Zeichensprache mit sonorem Bellen und Zähnefletschen übersetzte. »Ziemlich eilige Kundschaft«, kommentierte Herbert, während wir den Gemüseladen betraten. »Gökhan?« Kein Mensch zu sehen. Aber hier drinnen keine Zeichen von Vandalismus. »Herr Öztürk?«, versuchte ich es auf die höfliche Tour. »Wir sind es, Herbert und Oskar.« Keine Antwort. »Na, wir können ja nachher noch einmal vorbeischauen. Oder morgen«, meinte Herbert. »Pst!« Ich hielt den Zeigefinger an die Lippen. Der Stau vor der Tür hatte sich aufgelöst, das Protesthupen aufgehört. »Hörst du das?« »Hört sich nicht gut an!« Gökhan war noch bewusstlos, als wir ihn fanden. Leise stöhnend lag er auf dem Boden in einem kleinen Raum hinter dem Laden, zwischen gestapelten Obstkisten und einem Tisch, auf den gerade einmal seine Thermoskanne, eine angeschnittene Dauerwurst und ein Kaffeebecher passten. Herbert zapfte kaltes Wasser in den Kaffeebecher und schüttete es Gökhan in bester Westernmanier ins Gesicht – was tatsächlich wirkte. Vorsichtig versuchte Gökhan die Augen zu öffnen. Das funktionierte allerdings nur mit dem linken, das rechte blieb hinter rotblau angeschwollenen Lidern verborgen. Der Obst- und Gemüsehändler versuchte aufzustehen, vorerst ohne Erfolg. »Langsam, Gökhan. Was ist passiert?« Keine Antwort. »Was waren das für Männer eben?« »Nein, waren keine Männer hier.« Retrograde Amnesie? Gehirnerschütterung? Gemeinsam halfen wir Gökhan auf den Stuhl an seinem Tisch und gossen ihm einen starken Kaffee aus seiner Thermoskanne ein. »Du stehst noch unter Schock. Trink erst mal was!« 25

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Wir kannten uns inzwischen gut, das Du war beidseitig und ohne jeden abwertenden Hintergrund. Der Mokka tat seine Wirkung, vorsichtig testete Gökhan die Beweglichkeit von Armen und Beinen. Offenbar war nichts gebrochen. »Danke, meine Freunde.« »Kein Problem. Aber wer waren diese Leute, die dich zusammengeschlagen haben?« »Ich sage, keine Leute hier!« »Aber wir haben sie doch gesehen, Gökhan, wie sie aus deinem Laden gekommen sind. Das ist was für die Polizei.« Herbert zog sein Smartphone aus der Tasche. Erschrocken hob Gökhan die Hände. »Bitte! Nein! Nichts Polizei!« Wir hörten, wie die Ladentür geöffnet wurde. Im Rahmen stand ein junger Mann, der den Kerlen mit dem BMW eben ziemlich ähnlich sah. Für Herbert war die Sache klar. Sein Smartphone wie einen Baseballschläger über den Kopf erhoben, stürmte er zur Tür. »Bleib stehen, Mann!« Daran dachte der Angesprochene aber ganz und gar nicht. Er drehte auf dem Absatz um, Herbert ihm hinterher. Ich hingegen schenkte Gökhan noch einen türkischen Mokka ein. »Das nur Okan, mein Neffe. Hilft mir mit Geschäft. Hat Schule fertig.« »Und warum rennt er dann weg?« »Keine Ahnung. Aber bitte, Oskar: nichts Polizei! Ich bin hingefallen. Ganz alleine.« »Sicher, Gökhan. Und dabei hast du dir gleich mal kräftig aufs Auge gehauen. Genauso muss es gelaufen sein!« Hilflos schaute mich Gökhan an, aber die Botschaft war auch mit nur einem Auge klar: keine Polizei! Nach ein paar Minuten tauchte Herbert wieder auf, ziemlich abgehetzt. Den angeblichen Neffen hatte er nicht eingeholt. »Der war plötzlich wie vom Erdboden verschwunden.«

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Wir beschlossen, Gökhans dringliche Bitte »keine Polizei« vorerst zu respektieren und rieten ihm nur noch, sein Auge mit reichlich Eis zu behandeln. Dann nahmen wir unsere Tätigkeit in den Straßen Neuköllns wieder auf. Wobei wir vergessen hatten, dass wir genau im Rahmen dieser Tätigkeit überhaupt erst zu Gökhan gekommen waren.

6 »Sie sehen ja furchtbar aus!« Es war Samstagabend. Seit Freitagnachmittag hatte ich im Bett gelegen, nur den kleinen Max und meine Grippe gepflegt. Nichts sonst, nicht einmal meine Eitelkeit. Eine Folge des Fiebers, denke ich. Jetzt hatte ich zwar kein Fieber mehr, aber auch nichts zu essen im Haus. Weder für Max noch für mich. Die Knochen schmerzten noch gewaltig, inzwischen jedoch sicher mehr vom Liegen auf meiner Schlafcouch als von der Grippe. Obgleich etwas weich in den Knien, hatte ich es ohne Kreislaufkollaps hin und zurück zu Aldi geschafft und wollte mich gerade mit meiner Beute zum Hinterhaus schleppen, als mich Frau Baumgärtner im Durchgang stellte und mit einiger Besorgnis musterte. Ich hatte mir mein nächstes Zusammentreffen mit Julia Baumgärtner anders ausgemalt. »Sie sehen ja furchtbar aus!« ist nicht unbedingt, was man von der attraktiven Nachbarin gerne hört. Andererseits, die Mutterinstinkte in einer Frau zu wecken, gehört unter Umständen sogar zu den besseren Kontaktwegbereitern. Ich musste nur ein wenig den taffen Mann, der sich von ein paar Millionen Viren nicht unterkriegen lässt, durchscheinen lassen.

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»Hallo, Frau Baumgärtner«, krächzte ich mit einer Stimme, die unterstrich, dass allein meine Tapferkeit mich auf den Beinen hielt. »War nur ein bisschen Grippe, das Schlimmste ist vorbei.« »Ich weiß nicht, Herr Buscher. Ich denke, Sie gehören ins Bett.« Da hatte sie recht, die Frau Baumgärtner, denn – wie gesagt – stand ich noch auf ziemlich weichen Knien. Also folgte ich ihrem Rat und legte mich, nachdem ich auch die drei Stockwerke zu meiner Wohnung bezwungen hatte, gleich wieder hin. Natürlich erst, nachdem Max sein Fläschchen ausgenuckelt und ich seinen After massiert hatte. Aber kaum hatte ich mich unter meiner Bettdecke plus zusätzlichen alten Wolldecken verkrochen, musste ich schon wieder hoch. Es hatte geklingelt. Klapprig quälte ich mich zur Wohnungstür. Da stand Frau Baumgärtner mit einer Thermoskanne. »Mittwochnacht haben Sie mir das Leben gerettet, jetzt rette ich Ihres. Und dafür marschieren Sie sofort zurück ins Bett.« Es schien sie nicht zu kümmern, ob ich sie zum Eintreten auffordern würde oder nicht, mit der Thermoskanne vor der Brust schob sie mich mehr oder weniger vor sich her zurück in meine Wohnung. Also war ich brav und setzte mich auf die Kante meiner ebenso zerwühlten wie verschwitzten Schlafcouch, während die Nachbarin sich wie selbstverständlich geschirrklappernd in meiner Küche zu schaffen machte. »Sie wohnen allein, was?« Das war mit Blick auf meinen Bestand an Geschirr mehr Feststellung als Frage und rechtfertigte in ihren Augen wahrscheinlich die Verletzung meiner Privatsphäre. Und erklärte die Tatsache, dass sie mir das Leben retten wollte. »Jedenfalls«, Frau Baumgärtner tauchte mit einem meiner beiden Kaffee-Tee-Goulaschsuppe-Brühe-heiße-Zitrone-Becher auf – »wieder runter unter die Bettdecke mit Ihnen und rein mit dem hier, solange es noch ordentlich heiß ist. Rezept meiner Mutter, hilft todsicher!« 28

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Auch bei mir stellten sich beim Duft der Hühnerbrühe sofort Erinnerungen an Wintertage im Bett ein. Von draußen hörte man das Lachen und Rufen der Freunde … davon war man ausgeschlossen, dafür aber absoluter Mittelpunkt der Sorge von und der Umsorgung durch die Mutter zu sein, entschädigte reichlich, für ein paar Tage wenigstens. Und die Hühnerbrühe von Frau Baumgärtner konnte es mit der meiner Mutter allemal aufnehmen. »Da ist Koriander dran, oder?« »Richtig. Und Ingwer. Und Kurkuma. Schön, dass Sie das trotz der Grippe schmecken.« »Ich sage doch, die ist fast vorbei.« Zur Bestätigung schlürfte ich noch einmal kräftig und grinste zufrieden. In der nächsten Sekunde war es um Julia Baumgärtner geschehen, Handschellen hätten sie nicht fester an mich binden können. Aber das war nicht meinem attraktiven Lächeln/blöden Grinsen geschuldet. »Ist der niiiiedlich!« Klar. Julia Baumgärtner hatte Max entdeckt. Und absolut nichts kommt besser als ein Tierbaby. Dagegen kann kein die Welt umjettender Konzertpianist anstinken, kein Bruce Willis und kein Diamantcollier von Tiffany. »Das ist Max. Es ist nicht Unhöflichkeit, dass er Sie nicht anschaut. Max ist erst ein paar Tage alt.« Mit großen Kinderaugen betrachtete meine Nachbarin das Hundebaby und grinste nun mindestens ebenso blöde wie ich. »Wie sind Sie zu so etwas Niedlichem gekommen?« »Quasi beruflich.« Ich gab Frau Baumgärtner eine deutlich gekürzte Version von meinem Nachteinsatz am Mittwoch. Für mich sprach nicht nur ein Hundebaby, was sicher schon gereicht hätte. Ich hatte auch noch ein unschuldiges Leben gerettet! Kaum zu toppen, aber mir fiel ein, wie ich noch einen draufsetzen konnte. »Wenn Sie möchten, können Sie ihm das Fläschchen geben. Es ist wieder dran.« 29

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Ich stand auf, um Frau Baumgärtner die Saugflasche und die angewärmte Spezialmilch zu holen. Sie grinste weiterhin, nun aber über mich – und auch ich musste lachen bei dem Bild, das ich hier abgab: ein Mann von (knapp!) über fünfzig in zerbeulten langen Unterhosen, verschwitztem T-Shirt und mit Schal um den Hals. »Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie Sie in Uniform aussehen.« Ich reichte ihr das Fläschchen für Max. »Und?« »Ehrlich?« »Ehrlich« »Ich habe große Schwierigkeiten damit, aktuell wenigstens«, prustete sie hinter vorgehaltener Hand. »Da habe ich aber Glück. Ich trage nämlich keine Uniform im Dienst.« Ich ließ es bei diesem Ausschnitt der Wahrheit bewenden und beobachtete, wie die kleinen Rädchen in Frau Baumgärtners Hirn ineinandergriffen. »Ermittler«, »öffentlicher Dienst«, »keine Uniform«. Es ist sicher ganz nett, einen wackeren Polizeimeister im Haus zu wissen, der beruflich einen Familienstreit schlichten, einen Besoffenen aus der Eckkneipe schleifen oder einen Taschendieb in Gewahrsam nehmen kann, das schafft ein Gefühl von Sicherheit. Aber jemand von der Kriminalpolizei, das war mindestens zwei Nummern besser. Warum also sollte ich gerade jetzt, in diesem frühen Stadium unserer Bekanntschaft, meine Nachbarin mit traurigen Einzelheiten zu meinem Berufsleben enttäuschen?

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7 Montag ist Kicker-Tag. Und zwar mit der althergebrachten, gedruckten Version der »führenden Fußballzeitschrift in Deutschland«. Daran haben auch Kicker online oder andere digitale Sportdienste als App auf dem Smartphone nichts geändert für Herbert, der neben mir die nationalen und internationalen Spielberichte von Samstag und Sonntag mit zunehmend schlechterer Laune studierte. Mir schmerzte nach dem Wochenende auf der Couch trotz Julias Hühnerbrühe immer noch jedes Gelenk, aber das Schleifpapier war erheblich feinkörniger und der Specht im Kopf deutlich ruhiger geworden. Wenn auch mit triefender Nase und brennenden Augen, konnte ich immerhin meiner beruflichen Tätigkeit nachgehen. Eine Tätigkeit, die allerdings nicht ganz so staatstragend und gesellschaftlich wichtig war, wie sich das Nachbarin Julia, von mir unwidersprochen, vorstellte. In der Statistik als Langzeitarbeitslose geführt, hatten Herbert und ich vor einigen Monaten endlich einen Ein-Euro-Job ergattert. So hatte uns das gemeinsame Schicksal zusammengeführt. Im Dienste des Bezirksamtes kontrollieren wir nun die Straßen Neuköllns auf illegal abgeladenen, im Amtsdeutsch »abgelegten« Müll. In absteigender Häufigkeit handelt es sich dabei um ausgediente Sessel und Sofas, FCKW-gesättigte Kühlschränke, Elektronikschrott, eingetrocknete Wand- oder Lackfarbe und alles andere, für dessen kostenfreie und umweltgerechte Entsorgung die Berliner Stadtreinigung BSR insgesamt fast zwanzig Recyclinghöfe betreibt, in Neukölln zum Beispiel in der Gradestraße 77. Als Ein-Euro-Jobber durften wir diesen Müll allerdings nicht entsorgen. Wir sollen ihn nur der BSR melden und, falls möglich, den Verursacher ermitteln. Den meldeten wir dann, eventuell, dem Ordnungsamt. Herbert und ich sind also im Dienst für die Öffentlichkeit beschäftigt, aber »Grippe sind zwei Wochen« gilt nicht für 31

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uns. Lohnfortzahlung gibt es bei Ein-Euro-Jobs nicht. Weil es bei Ein-Euro Jobs gar keinen Lohn gibt! Der eine Euro pro Stunde, oder, in unserem Fall, immerhin ein Euro und achtzig Cent, die es auf die Hartz IV-»Grundsicherung« drauf gibt, sind nach § 16 d des Siebten Gesetzes zur Änderung des Dritten Buches Sozialgesetzbuch und anderer Gesetze vom 15. April 2008 kein Lohn oder Gehalt, sondern eine »Mehraufwandsentschädigung«. Und wenn der Ein-Euro-Jobber krank im Bett liegt, statt nach verbrecherischen Müllhaufen Ausschau zu halten, hat er laut Sozialgesetzbuch keinen Mehraufwand. »Warum tust du dir das eigentlich immer wieder an? Wie kann man sich freiwillig jeden Wochenanfang vermiesen?« Keine Antwort, es sei denn, man wertet missmutiges Gebrumme als Antwort. Ich schielte kurz hinüber. Herbert studierte jetzt die hinteren Seiten im Kicker, die mit den Spielberichten aus den Regional- und Kreisklassen, ergänzt von seitenlangen Tabellen mit den Ergebnissen aus allen Ligen. Das unterscheidet wohl den Fußballfachmann vom Freizeitfan. »FC Löbbede? Wo ist denn das? Kommst du da her?« »Achte lieber auf den Verkehr!« Im Allgemeinen ist Herbert ein angenehmer und umgänglicher Kollege, aber heute war Kicker-Tag und langsam ging mir seine Missgelauntheit auf die Nerven. Da ich gelegentlich sehr kleinlich sein kann, war das eine Gelegenheit, beiläufig mein gestern gegoogeltes Wissen zu erwähnen. »Übrigens, ich habe mich mal schlau gemacht. LaktoseAllergie bei Hunden ist ausgesprochen selten. Und Hundemutterersatzmilch kann man auch selbst anmischen, ist viel billiger als deine Spezialmilch.« »Also, meine Retriever hatten fast alle eine.« Wir fuhren gerade durch die Anzengruberstraße. Gökhan Öztürks Gemüsekisten und Obstkartons waren verschwunden. Herbert hatte seine Niederlage vom letzten Freitag offenbar noch nicht verwunden. 32

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»Ob das wirklich Gökhans Neffe war?« »Du meinst, der Typ, der dir entwischt ist? Wir können Gökhan ja mal fragen. Vielleicht verrät er uns heute sogar, wer ihn zusammengeschlagen hat. Und warum. Und weshalb er nicht die Polizei einschalten will.« Daran erinnert zu werden, dass er den jungen Mann nicht hatte einholen können, verbesserte Herberts Laune nicht wirklich. Herbert ist drei Jahre älter als ich. »Klar, Oskar Buscher will sich wieder einmischen. Aber ich sage dir: Das hier ist Neukölln. Da muss man auch mal weggucken. Für die eigene Gesundheit.« »Weggucken? Du meinst, wie unsere Großeltern, als die Nachbarn abgeholt wurden?« »Nun mach mal halblang, Oskar.« Stimmt. Auch wenn ich gerade vor dem Haus Nummer 10 eine Parklücke gefunden hatte, wo fünf bronzefarbene Stolpersteine an die Verschleppung und Ermordung der Familie Jacobowitz einschließlich der siebenjährigen Tochter Eveline im November 1943 erinnerten, war mein Vergleich unpassend und beleidigend für Herbert. Trotzdem folgte er mir jetzt ohne groß zu maulen zum Obsthändler Öztürk um die Ecke. Öztürks Laden befand sich im Erdgeschoss eines Wohnhauses aus der Gründerzeit, das seit seiner notdürftigen Instandsetzung nach dem Zweiten Weltkrieg mit den damals verfügbaren Materialien einschließlich des schon seinerzeit unfreundlichen grauen Reibeputzes keine Investition mehr erlebt hatte. Auch sonst sah hier alles wieder wie sonst aus. Obst und Gemüse vor der Tür waren ordentlich sortiert, im Laden selbst ebenso keine Zeichen von Vandalismus. Irgendwie sehen die Auslagen bei türkischen Händlern immer viel ansprechender und einladender aus als bei ihren verbliebenen deutschen Konkurrenten. Öztürk selbst allerdings sah eher schlechter aus als letzten Freitag, der Bluterguss um das Auge herum war, wie zu erwarten, erheblich größer geworden und 33

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So weit zu Handlungsorten, bei denen sich der Autor eine gewisse »dichterische Freiheit« nehmen musste. Alle anderen sind da zu finden, wo sie im Buch angegeben sind: das Jobcenter in der Mainzer Straße, die Frauen-JVA in der Neuwedeller Straße, das Böhmische Dorf, der Schillerkiez ... Christoph Spielberg, August 2014

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Christoph Spielberg ist Facharzt für Innere Medizin und Herzspezialist. Er war viele Jahre Oberarzt an einem Berliner Universitätsklinikum, seitdem niedergelassener Kardiologe. Als Autor wurde er durch die in mehrere Sprachen übersetzten Kriminalromane um den Klinikarzt Felix Hoffmann bekannt (alle im Piper Verlag). Sein Buch »Die russische Spende« wurde mit dem Friedrich Glauser Preis ausgezeichnet. Daneben erhielt er auch den Agatha-Christie-Preis. Christoph Spielberg lebt in Berlin.

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John Klein, früher Berliner Kriminalkommissar, betreibt mit seinem Partner Peter Kurz eine Detektei, die vor allem untreue Ehepartner und Versicherungsbetrüger jagt. Als Klein vom Verschwinden eines fünfjährigen Mädchens aus seinem Kiez erfährt, beginnt er aus persönlichen Motiven auf eigene Faust zu ermitteln. Zur selben Zeit wird ein Rabbiner aus der Synagoge in der Rykestraße tot aufgefunden und ein fürchterlicher Verdacht kommt auf. Gibt es einen Zusammenhang zum Verschwinden des Mädchens? Und welche Rolle spielt der mysteriöse Unbekannte, der Klein eines Nachts überfällt? Ist er ein Wiedergänger des Prager Golems, der einst die jüdische Gemeinde vor Feinden schützte...?

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Ostkreuz Ein Friedrichshain Krimi ISBN 978-3-8393-6131-3 S-Bahn-Chaos in Berlin-Friedrichshain: Ein Sprengstoffanschlag am Bahnhof Ostkreuz lässt den Verkehr für Stunden zusammenbrechen. Es hat einen Toten gegeben. Wer war der Mann, der leblos im Gleisbett gefunden wurde? Und was hat es mit der unscheinbaren Figur auf sich, einem Engel aus Porzellan, der in der Nähe des Toten gefunden wurde? Kommissar Martaler und seine Kollegin Sabrina Zielinski vom Staatsschutz nehmen die Ermittlungen auf – getrieben von der Ahnung, dass dem ersten Anschlag ein weiterer folgen könnte …

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