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Vor­wort »Der Ber­li­ner ist grob, zank­süch­tig, ohne Sen­ti­men­t a­li­tät, ei­tel; mit Ber­lin und des­sen Wei­se ist für den Ber­li­ner al­les er­schöpft, er hat kei­nen Maß­stab als die­sen. Er weiß nicht nur al­les, er weiß auch al­les bes­ser!« Dies schrieb der Schrift­stel­ler und the­a­ter­be­ flis­se­ne Kri­ti­ker Hein­rich Lau­be 1837. Das ist na­tür­lich voll­kom­ me­ner, grund­so­li­der Blöd­sinn. Wenn ei­nem der Wi­der­spruch so leicht ge­macht wird, be­rei­tet es kaum Spaß, Irr­tü­mer zu wi­der­ legen. Das war bei die­sem Buch an­ders. Wir wur­den präch­tig un­ter­ hal­ten mit den schät­zungs­wei­se 3  470 Ki­lo­gramm Pa­pier, die unse­re im Stahl­bad der Fit­ness­höl­len abgehärteten Re­cher­cheu­re täg­lich die Trep­pen zu un­se­ren kar­gen Schreib­stu­ben hoch wuch­ te­ten. Ohne die über­aus hilf­rei­che Mit­ar­beit von Sa­bi­ne Mül­ler, Mat­ thi­as Zim­mer­mann, Ro­bert Za­gol­la und un­se­rem so­kra­ti­schen Lek­tor Chris­ti­an Här­tel hät­te die­ses Buch nur be­stä­ti­gen kön­nen, dass es ein Irrtum ist anzunehmen, dass ein Buch auch im­mer In­ halt hat und es wert sein muss, ver­öf­fent­licht zu wer­den. Aber Ob­acht! Dies ist kein Le­xi­kon. Eher eine ex­pe­ri­men­tel­le Ode, oder sa­gen wir: Text­samm­lung mit wis­sen­schaft­li­chem Fun­da­ment und von his­to­ri­scher Un­wucht, ein Pamph­let mit halb­bio­gra­fi­schem An­strich, ein fak­ten­hu­be­ri­scher An­griff auf un­ser ei­ge­nes Un­wis­sen über den Ort, an dem wir ger­ne le­ben, ein of­fener und bis­wei­len anek­do­ti­scher Dis­kurs, der im Ver­lauf von Ge­ne­ra­tio­nen das Selbst­bild des Ber­li­ners auf sub­ti­le Art und Wei­se trans­for­miert. Bis­wei­len neigt die­ses Buch auch zu Über­ trei­bun­gen. Ganz an­ders als die Au­to­ren. Wir le­ben seit 30 (Vol­ker), be­zie­hungs­wei­se 20 Jah­ren (Ro­bert) in Ber­lin. Wir lie­ben Ber­lin nicht. Nicht etwa des­halb nicht, weil wir zu Ge­füh­len der Lie­be für En­ti­tä­ten wie »Stadt«, »Hei­mat«

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oder »Le­bens­mit­tel­punkt« nicht fä­hig wä­ren. Eher aus Prin­zip. Weil wir kei­ne Lo­kal­pa­trio­ten sein wol­len und be­vor wir im Chor der Ju­bel­ber­li­ner mit­sin­gen, lie­ber Ril­ke zi­tie­ren: Der er­scheint mir als der Größ­te, der zu kei­ner Fah­ne schwört, und, weil er vom Teil sich lös­te, nun der gan­zen Welt ge­hört. (aus La­ren­op­fer, 1895) Da­mit dürf­ten wir die Lat­te hoch ge­nug ge­hängt ha­ben, die zu rei­ ßen wir hier an­ge­tre­ten sind. Der feste Bo­den­satz der wis­sen­schaft­lich ge­si­cher­ten Er­kennt­ nis­se als Sprung­ba­sis er­wies sich mit fort­ge­setz­ter Dau­er der Übung eher als schlam­mi­ges Se­di­ment, in dem wir wa­ten. So fin­ det sich zum Bei­spiel in der Li­te­ra­t ur über den Flug­ha­fen Tem­pel­ hof im­mer wie­der der Ver­merk, es han­de­le sich um den größ­ten Ge­bäu­de­kom­plex Eu­ro­pas. Also schrie­ben wir das auch. Wur­den aber schnell von er­fah­re­nen For­schern be­lehrt, dass der 1977 vom ru­mä­ni­schen Dik­t a­tor Ni­co­lae Ce­aus­es­¸cu pro­jek­tier­te Protz­pa­last dem Flug­ha­fen Tem­pel­hof die­sen Rang ab­ge­lau­fen hat. Über­ haupt: Bau­ge­schich­te. Es gibt Men­schen, die mul­ti­ple Or­gas­men er­le­ben, wenn sie städ­te­bau­li­che Un­ter­su­chun­gen vor­neh­men oder ihr Au­gen­merk da­rauf len­ken, dass 1881 der ver­putz­te Back­ stein­bau des Kon­zer­thau­ses am Gend­ar­men­markt mit Sand­stein­ plat­ten be­deckt wur­de. Wir sind dank­bar, dass es die­se Men­schen und ihre Wer­ke gibt. Und noch dank­ba­rer, dass wir es nicht sein müs­sen. Was kön­nen sie also für ei­nen Nut­zen aus die­sem Buch zie­hen? Nun, am Ende wer­den sie sa­gen: »Mein lie­ber Herr Ge­sang­ver­ein! Goe­the, Tel­to­wer Rüb­chen, Schwei­ne­kot, Tee­rö­fen, Te­le­spar­gel und Sei­den­rau­pen al­les in ei­nem Buch. Die Jungs ha­ben aber auch

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eine di­cke Fres­se. Das müs­sen Ber­li­ner sein. Na war­te, de­nen geb ich’s. Mal se­hen, ob sich da nicht noch ein Irr­t um fin­det …!« O.k., sie be­stä­ti­gen da­mit zwar das Vor­ur­teil Hein­rich Lau­bes. Aber wie sag­te The­od ­ or Fon­t a­ne doch so schön »Vor Gott sind eigent­lich alle Ber­li­ner«. Da kie­ken­se aba, wa? Jetzt aber ma ran an die Bu­let­ten. Uns kann so­wie­so kee­ner. Und im Ernst­fall könn’se uns alle. Vol­ker Wiep­recht und Ro­bert Skup­pin Ber­lin, im Sep­tem­ber 2005

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Aal­r äu­c he­r eien Aale, die in Ber­lin ge­ges­sen und ge­räu­chert wer­den, stammen nicht aus hei­mi­schen Ge­wäs­sern Die­se Annahme ist so­wohl rich­tig als auch falsch. Denn be­vor der Aal in den Mund oder gar ins Be­wusst­sein des Ber­li­ners ge­langt, hat er eine na­he­zu un­fass­ba­re Rei­se hin­ter sich. Aber der Rei­he nach. Vie­le ken­nen den Aal nur noch als Sus­hi Un­agi, ge­dämpft mit süß­li­cher Sau­ce. Eine im Ver­gleich zum Schwein des Mee­res, Lachs, teu­re Spe­zi­a­li­tät, denn – so ein Fisch­händ­ler – die »Aal­ preise sind in den letz­ten Jah­ren ex­plo­diert«. Muss­ten um 1990 für so ge­nann­tes »Be­satz­ma­te­ri­al«, das heißt bis zu drei Jah­re alte Aal­ brut von den Küs­ten Frank­reichs und Eng­lands, nur 150 Mark bezahlt wer­den, la­gen die Prei­se im Früh­jahr 2005 bei 1  100 bis 1 200 Euro. Es ist noch nicht ge­lun­gen, Aal au­ßer­halb sei­nes na­tür­ li­chen Le­bens­raums zu züch­ten. Der Aal ist ein Wun­der. Ei­nes, das ge­fähr­det ist. Über die Grün­de für das stark re­du­zier­te Auf­kom­men der Spe­ zies rät­seln die Wis­sen­schaft­ler der Fi­scher­ei­äm­ter und -be­hör­den noch. Welt­weit. Die ge­stie­ge­ne Nach­fra­ge ist ei­nes der Prob­le­me, das dem Aal den Ga­raus macht. Wie auch beim Stahl kauft etwa Chi­na ge­ra­de den Welt­markt­be­stand ge­zielt auf und be­lie­fert ganz Asien, al­len vor­an Ja­pan, mit der fet­ti­gen, glit­schi­gen De­li­ka­tes­se. Kli­ma­ti­sche Ver­än­de­r un­gen und da­mit ein­her ge­hen­de ver­än­ der­te Mee­res­strö­mun­gen, Um­welt­ver­schmut­zung, Über­fi­schung, Pa­ra­si­ten, Kor­mo­ra­ne und Was­ser­kraft­wer­ke tun ein Übri­ges. Die Gat­t ung Aal, als ein hoch sen­sib­ler In­di­ka­tor für in­t ak­te Bio­ to­pe, lei­det enorm. Was in Ber­lin auf den Fisch­märk­ten an­kommt, stammt ur­ sprüng­lich aus 400 Me­ter Tie­fe der Sar­gas­so­see im Golf von Me­xi­ ko, ge­langt über den Golf­strom bin­nen drei bis vier Jah­ren an die

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Küs­ten Frank­reichs und Eng­lands, wird ab­ge­fischt und zu gro­ßen Tei­len in Auf­zuch­ten in den Nie­der­lan­den, Dä­ne­mark und Ita­lien hoch­ge­päp­pelt. Die Sterb­lich­keits­ra­te da­bei ist enorm. Ent­kommt der Jun­gaal sei­nen Hä­schern, wan­dert er auf der Su­ che nach Nah­r ung in die Flus­sar­me, wird da­mit zum so ge­nann­ ten Stei­gaal. Schafft er es an den künst­li­chen Stei­gun­gen und Was­ser­t ur­bi­nen vor­bei gar bis in die Ha­vel, war­ten in Höhe Pots­ dam die Reu­sen von Ma­rio We­ber auf ihn. Zwei bis dreimal die Wo­che leert We­ber, der letz­te Pots­da­mer Ha­vel­fi­scher, die Kör­be, sechs Mo­na­te im Jahr. An gu­ten Ta­gen tu­ckert er mit 150, 200 Ki­ lo­gramm Aal nach Hau­se. An schlech­ten Ta­gen fährt er al­lein. Vom Lan­dungs­steg aus wan­dert der Aal in re­gio­na­le Räu­che­reien, in Res­t au­rants, in Mut­tis Pfan­ne und Va­tis Wanst. Was in Ber­lin und Bran­den­burg an 50 bis 150 Zen­ti­me­ter lan­ gen (die län­ge­ren na­tür­lich wie­der die Weib­chen) Breit- und Spitz­ kop­faa­len he­raus­ge­fischt wird, schmeckt nach An­sicht man­cher Aal­fans mod­drig. »Blöd­sinn«, er­wi­dern die an­dern, und ver­wei­ sen da­rauf, dass der »Brot­fisch al­ler Fi­scher« nur aus freier Na­t ur über­haupt eine Köst­lich­keit sei. »Die Zucht­fi­sche sind fett und fade!« fin­det We­ber. Die gan­ze Sehn­sucht des nach­t ak­ti­ven Schlamm­wüh­lers gilt der­weil dem Fres­sen und sei­ner Rück­kehr zum Meer. Er fut­tert Wür­mer, Klein­kreb­se, In­sek­ten­lar­ven, Fisch­laich und spä­ter jagt er auch Fi­sche. Er frisst sich Fett an für sei­ne Rei­se. Sind die Tie­re gar ge­schlechts­reif, wan­dern sie durch die Flüs­se zu­rück in den At­lan­tik und tre­ten ihre letz­te Rei­se an. Mit dem Golf­strom zu­ rück in die Sar­gas­so­see. Dort lai­chen sie. Und ster­ben. Se­nats­ver­wal­t ung für Stadt­ent­wick­lung und Um­welt­schutz (Hrsg.): Fi­sche in Ber­ lin. Ver­brei­t ung, Ge­fähr­dung, Rote Lis­te. Ber­lin 1993

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AGB – Ame­r i­k a-Ge­d enk­b i­b lio­t hek Die Ame­ri­ka-Ge­denk­bi­blio­thek war ein Ge­schenk der Ame­ri­ka­ner, das vor al­lem aus Bü­chern und Stei­nen be­stand Was soll schon an Irr­tü­mern da­bei he­raus kom­men, den­ken wir, an­ge­sichts des 3,2 Zen­ti­me­ter ho­hen Sta­pels mit In­for­ma­tio­nen zur AGB , wenn man sich mit der Schen­kung ei­ner Bi­blio­thek beschäf­tigt? Dass es heim­lich die Dä­nen wa­ren, die das Geld auf­ gebracht ha­ben? Dass un­ter dem Ge­bäu­de ame­ri­ka­ni­sche Atom­ spreng­köp­fe ge­la­gert wur­den? Dass der CIA am 23. Juni 1954 eine wei­te­re Fi­li­a­le er­öff­ne­te? Und in der Tat scheint das ein­zig Skur­ rile in der ers­ten höl­zer­nen Über­set­zung zu lie­gen, die ein wa­cke­ rer Be­am­ter in den fünf­zi­ger Jah­ren vor­nahm: »Ame­ri­can Me­mo­ ri­al Li­bra­r y« wur­de zu »Ame­ri­ka­ni­sche Ge­dächt­nis­bi­blio­thek«. Fast wi­der Wil­len wird wäh­rend der Lek­tü­re so un­pa­trio­ti­schen Gei­stern wie den Au­to­ren der Schau­er der Frei­heit über die schon fal­ti­ge Haut ge­jagt, eine Emp­fin­dung, der wir durch ide­o­lo­gi­sche De­sen­si­bi­li­sie­r ung jahr­zehn­te­lang ent­gin­gen und die wir in jun­ gen Jah­ren ver­pön­ten: Die AGB war die leib­haf­ti­ge Ver­ge­gen­wär­ ti­gung des Ame­ri­can Way of life, des pur­su­it of hap­pi­ness: »Wir le­gen heu­te den Grund­stein nicht nur zu ei­nem Ge­bäu­de, son­dern zu ei­nem Sym­bol un­se­rer ge­mein­sa­men Sa­che und un­ seres ge­mein­sa­men Han­delns, das – was viel­leicht noch wich­ti­ger ist – zeigt, wie sehr die Frei­heit, die wir er­stre­ben, im Grun­de eine recht ein­fa­che, an­spruchs­lo­se und per­sön­li­che An­ge­le­gen­heit ist. Es ist die Frei­heit zu ler­nen, zu stu­die­ren, die Wahr­heit zu su­chen. Sie ist das we­sent­li­che Merk­mal ei­ner freien Ge­sell­schafts­ord­ nung und der Ur­sprung un­se­rer größ­ten Kraft … In Ame­ri­ka ver­ sinn­bild­licht die pu­blic li­bra­r y die­se An­schau­ung.« So äu­ßer­te sich Dean Ache­son, Au­ßen­mi­nis­ter der Ver­ei­ni­gen Staa­ten von Ame­ri­ka, bei der Grund­stein­le­gung am 29. Juni 1952. Er hat­te eine Idee for­mu­liert, die schnell ver­stan­den und noch

AGB – Ame­ri­ka-Ge­denk­bi­blio­thek

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schnel­ler an­ge­nom­men wur­de. Schon am ers­ten Tag der Aus­lei­he, am 17. De­zem­ber 1954, hing das Schild »We­gen Über­fül­lung ge­ schlos­sen« an der Tür. Die AGB war eine gut sor­tier­te Frei­hand­ biblio­thek mit schnel­len Aus­leih­we­gen ohne Spe­zi­a­li­sie­r ung – je­ des Fach­ge­biet ver­füg­bar – mit­ten in Ber­lin, dem Os­ten nahe, ein Mag­net auch für die Be­woh­ner des so­wje­ti­schen Sek­tors. Alle ande­ren wich­ti­gen und gro­ßen Bi­blio­the­ken la­gen im Os­ten und der da­ma­li­ge West­ber­li­ner Ober­bür­ger­meis­ter Ernst Reu­ter fürch­ te­te – im tö­nen­den Blech­deutsch der Zeit – ei­nen »Not­stand der Ver­sor­gung mit gei­sti­ger Nah­r ung«. Die Gran­dez­za der ame­ri­ka­ni­schen Po­li­tik be­stand nicht al­lein da­rin, den Ber­li­nern in Ost und West eine Bi­blio­thek zu schen­ken und dies als klei­nes Dan­ke­schön für die Durch­hal­te­be­reit­schaft wäh­rend der Blo­cka­de zu de­kla­rie­ren. Es wa­ren nicht die fünf Mil­li­o­nen Mark, die die­se Pu­blic Li­bra­r y kos­te­te. Es war in der Tat das Sym­bol, das nach dem Mau­er­bau umso mehr Wert­schät­zung er­f uhr. Die Stein ge­wor­de­ne deutsch-ame­ri­ka­ni­sche Freund­ schaft, ein pa­the­ti­sches Sta­te­ment für die Frei­heit. Die Ge­gen­be­we­gung folg­te in den sech­zi­ger Jah­ren: Die Aus­ leih­zif­fern san­ken im Jahr 1968 dra­ma­tisch, Aus­lei­he in der AGB galt un­ter Stu­den­ten als ver­pönt. Am 9. März leg­te eine Stadt­gue­ ril­la ei­nen Brand­satz in der Le­se­hal­le, 1981 folg­te ein wei­te­rer. Ei­nen Po­pu­la­ri­täts­schub be­kam die Bi­blio­thek nach dem Mau­er­ fall. 1989 ka­men 500 Pro­zent mehr Le­ser. Ei­ni­ge brach­ten un­ter Trä­nen Bü­cher zu­rück, die sie kurz vor dem Mau­er­bau aus­ge­lie­ hen hat­ten. 1995 wur­de die Ame­ri­ka-Ge­denk­bi­blio­thek (ehe­mals West­ber­lin) und die Ber­li­ner Stadt­bi­blio­thek (ehe­mals Ost­ber­lin) zur Zen­tral- und Lan­des­bi­blio­thek Ber­lin zu­sam­men­ge­führt. Und wir dach­ten bis­lang, die AGB sei nur eine Bi­blio­thek ge­we­sen. Ey­mar Fer­tig: Chro­nik. Da­ten zur Ge­schich­te der Ame­r i­ka-Ge­denk­bi­blio­ thek/Berli­ ner Zen­ tral­ bi­ blio­ thek. Ber­ lin 1993; Fritz Moser: Die AmerikaGedenkbiblio­thek als Idee und Erfahrung, Berlin 1956

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AGB – Ame­ri­ka-Ge­denk­bi­blio­thek


AIDS Die HIV-Ge­fahr in Ber­lin ist ge­bannt Ber­lin ist die deut­sche Stadt, in der die meis­ten mit HIV (Hu­man Im­mu­no­de­fi­cien­c y Vi­r us) in­fi­zier­ten Men­schen le­ben. 20 Pro­zent des bun­des­wei­ten epi­de­mi­schen Ge­sche­hens voll­zieht sich hier. Ins­ge­samt sind in Ber­lin knapp 9 000 Men­schen mit dem Ret­ro­ virus in­fi­ziert, das sein Ge­nom un­aus­lösch­lich in das Ge­nom des Wir­tes ein­baut. Ein tod­brin­gen­der Gast, auch wenn die Über­ lebens­ra­te nach Aus­bruch der In­fek­tion sich seit Mit­te der neun­ ziger Jah­re durch neue Me­di­ka­men­te durch­schnitt­lich ver­drei­ facht hat. Nach An­ga­ben des Ro­bert-Koch-In­sti­t uts leb­ten Ende 2004 in Deutsch­land rund 44  000 Men­schen mit HIV , da­r un­ter etwa 34  000 Män­ner, rund 9  500 Frau­en und 300 Kin­der. Je­des Jahr kommt es zu etwa 2 000 Neu­in­fek­tio­nen. Die Haupt­ri­si­ko­grup­pe der schwu­len Män­ner ist in Ber­lin über­pro­por­tio­nal stark ver­ treten: Schät­zun­gen ge­hen da­von aus, dass hier bis zu 80 Pro­zent al­ler In­fek­tio­nen durch ho­mo­se­xuel­len Ver­kehr ent­stan­den sind. 55 Pro­zent sind es im Bun­des­durch­schnitt. Die wei­te­ren An­ste­ ckun­gen sind zu un­ge­fähr 10 Pro­zent auf Dro­gen­miss­brauch, zu je­weils ca. 20 Pro­zent auf he­te­ro­se­xuel­le Über­tra­gung und »Her­ kunft aus Län­dern mit ho­her Epi­de­mio­lo­gie« (z. B. Süd­afri­ka) zu­ rück­zu­füh­ren. War bis 2004 die Zahl der HIV -Neu­in­fek­tio­nen un­ter schwu­ len Män­nern rück­läu­fig, ver­zeich­ne­te die Deut­sche Aids­hil­fe 2005 ei­nen leich­ten An­stieg: Es gab 50 Fäl­le mehr im Ver­gleich zum Vor­jahr. »Sta­tis­tisch ist das noch nicht sig­ni­fi­kant«, sagt Karl Lem­men von der Deut­schen Aids­hil­fe, »aber es ist ein Warn­sig­ nal!« Als größ­ten Irr­t um be­zeich­net er den still­schwei­gend herr­ schen­den Glau­ben, man kön­ne vom Aus­se­hen ei­nes Men­schen auf eine mög­li­che In­fek­tion schlie­ßen. »Ei­gent­lich weiß je­der, der

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sich mit dem The­ma be­schäf­tigt hat, dass die­ses Vi­r us un­sicht­bar ist. Den­noch ver­trau­en die Men­schen ih­ren Au­gen mehr als ih­ rem Ver­stand. Und die Au­gen sa­gen: Der sieht doch so ge­sund aus. Der kann nichts ha­ben.« www.aids­hil­fe.de

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Al­b rechts Teer­o fen Al­brechts Teer­ofen ist eine rau­chi­ge Ka­schem­me in Kohlhasenbrück Ur­sprüng­lich wa­ren Kohl­ha­sen­brück und Al­brechts Teer­ofen zwei klei­ne, nah bei­ein­an­der ge­le­ge­ne Sied­lun­gen. Fast zu klein, um die Mühe zweier Na­men zu recht­fer­ti­gen. Auf der Ko­or­di­na­te 52° 23' 43" N; 13° 10' 5" O im heu­ti­gen Be­zirk Ste­glitz-Zeh­len­dorf stand (wahr­schein­lich) bis zum Jahr 1783 ein Teer­ofen, des­sen Aus­stoß heu­te an die ab­wechs­lungs­rei­chen Me­nüs der RBB -Tee­ stu­be im nahe ge­le­ge­nen Pots­dam-Ba­bels­berg er­in­nert. Kien­öl für Dru­cke­reien stell­ten Herr Al­brecht (ver­stor­ben 1680) und sein Nach­fol­ger Ko­ckert her, Holz­koh­le für Gie­ße­reien, Pech für den Schiff­bau und vor al­lem Teer, aus dem Schmier­stof­fe für Wa­gen ge­won­nen wur­de. Kut­scher mach­ten ent­lang der san­ di­gen Stra­ße halt, fett­e­ten ihre Rad­la­ger und gos­sen sich im nahe ge­le­ge­nen Krug sel­ber tüch­tig ei­nen ein. Schon 1589 wer­den der Ort Kohl­ha­sen­brück und sein be­kann­tes­tes Ge­werk, näm­li­cher Teer­ofen, sy­no­nym ver­wandt. In ei­ner Steu­er­lis­te heißt es: »Kohl­ ha­sen­brück oder Teer­ofen ge­hört zum kur­fürst­li­chen Amt Pots­ dam.« Kohl­ha­sen­brück wie­de­r um hat sei­nen Na­men von Hans Kohl­ ha­se (hin­ge­rich­tet 1540), der we­gen er­lit­te­nen Un­rechts im kur­

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Al­brechts Teer­ofen


fürst­li­chen Bran­den­burg zum Re­bel­len und erst als »Mi­chael Kohl­haas« in Hein­rich von Kleists gleich­na­mi­ger No­vel­le rich­tig be­rühmt wur­de. Er soll bei der näm­li­chen Brü­cke Geld ver­senkt ha­ben. Im 18. Jahr­hun­dert kre­denz­te ein ei­gens vom gro­ßen Kur­fürs­ ten im­por­tier­ter Hol­län­der dort frisch ge­brau­tes Bier und ei­nen Wein, der auf den An­hö­hen von Stol­pe und Glie­ni­cke wuchs. Als 1792 eine neue Chaus­see für den Weg von Ber­lin nach Pots­dam ein­ge­weiht wur­de, ging der Krug ein. Dem Teer­ko­cher Al­brecht zu Eh­ren fa­bri­ziert der Päch­ter der RBB -Kan­ti­ne mehr­mals jähr­lich Ge­mü­ses­pie­ße vom Grill, die vor

al­lem durch halb­ro­he Zwie­beln mit Gril­lan­zün­de­ra­ro­ma da­ran er­in­nern, wie viel­sei­tig ver­wend­bar na­tür­li­che Roh­stof­fe sind. Karl Wolff: Wann­see und Um­ge­bung. Klein-Glie­ni­ckes Schlös­ser und Parks. Pfau­ en­in­sel. Ni­kols­koe. Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart. Ber­lin 1985

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Am­pel­m änn­c hen Der Streit um das Am­pel­männ­chen war ein klas­si­scher Kon­flikt Ost ge­gen West Um es klar vor­weg zu sa­gen: Die ers­te Am­pel in Deutsch­land wur­de nach ame­ri­ka­ni­schem Vor­bild 1924 am Pots­da­mer Platz auf­ge­stellt. Hier. Das wa­ren wir. Sie galt Au­tos wie Fuß­gän­gern gleich­er­ma­ßen, wur­de von letz­te­ren aber leb­haft ig­no­riert. Die ers­te eng­li­sche Ga­sam­pel war schon 1908 ex­plo­diert. Un­ser Mo­ dell hin­ge­gen stand und stand und stand. Kein Wun­der, dass Mitte der neun­zi­ger Jah­re ein eben­so ener­gi­scher wie emo­tio­na­ler Krieg um die­ses Leucht­feu­er der Mo­der­ne in un­se­rer klei­nen Re­ pub­lik aus­brach.

Am­pel­männ­chen

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Am 15. Mai 1957 ver­mel­de­te der Ber­li­ner »Te­le­graf« Voll­zug. Ber­lins ers­te rei­ne Fuß­gän­ge­ram­pel sei in Be­trieb ge­nom­men wor­ den. In 18 Se­kun­den muss­te man die Stra­ße »Un­ter den Ei­chen« vor dem bo­t a­ni­schen Gar­ten über­que­ren. Wäh­rend der nächs­ten 30 Se­kun­den er­gos­sen sich die Au­to­strö­me an dem schlan­ken Mann in Rot vor­bei. Ein grü­nes Am­pel­männ­chen gab es noch nicht, der Ver­kehrs­sig­nal­ge­ber aus dem Hau­se Sie­mens ließ ei­nen mit dem Wort »Gehe« wis­sen, wann des Fuß­gän­gers Se­künd­lein ge­schla­gen hat­te. Das rote Männ­chen glich ei­nem sehr schlan­ken GI in ty­pi­scher Uni­form­ja­cke der vier­zi­ger Jah­re, mit deut­schem

Hüt­lein auf dem zu klein ge­ra­te­nen Kopf. Sein Ost­ber­li­ner Brü­der­chen er­blick­te erst am 13. Ok­to­ber 1961 das Grau­licht der Welt. Es hat­te nur ei­nen Va­ter, den De­sig­ner Karl Pe­glau, und war eine ech­te Kopf­ge­burt: »Das Männ­chen soll­te durch kon­kret an­schau­li­che und ge­müt­ lich lus­ti­ge Fi­gür­lich­keit alle Fuß­gän­ger an­spre­chen und die anschau­li­che Ge­bun­den­heit psy­chi­scher Er­le­bens- und Ver­ar­bei­ tungs­wei­se von Kin­dern, Al­ten und gei­stig Be­hin­der­ten be­rück­ sich­ti­gen; durch di­cke, aus­ge­brei­te­te Arme beim fron­t al ste­hen­ den ro­ten Männ­chen die Funk­tion des Sperr­bal­kens, also die Halt-For­de­r ung un­ter­stüt­zen, durch weit aus­schrei­ten­de Bei­ne in seit­li­cher Stel­lung des grü­nen Männ­chens die Funk­tion des dy­na­ mi­sie­ren­den Pfeils, also die Ge­her­laub­nis, un­ter­stüt­zen.« Die größ­te Sor­ge des Schöp­fers galt dem ke­cken Hüt­chen. Pe­g­ lau fürch­te­te, die Par­tei­bon­zen könn­ten da­rin die In­sig­nie ei­nes ver­has­sten Bour­geois er­spä­hen. Der Hut ging durch, al­lein sein lebens­hun­grig ge­öff­ne­ter Schmun­zel­mund ver­schwand im Lau­fe der Jah­re. Die Quel­len spre­chen von Ver­ein­fa­chung der Dar­stel­ lung auf­grund »aus­leuch­t ungs­tech­ni­scher« Ge­ge­ben­hei­ten, nicht von Maul­sper­re. Da war es also, das Ost­am­pel­männ­chen, ir­gend­wie leb­haf­ter als sein West­brü­der­chen. Es wur­de nach der Wen­de zum Ob­jekt

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west-öst­li­cher Schre­ber­gar­ten­krie­ge. Nur kämpf­ten die Rit­ter des Lichts zeit­wei­se mit ge­schlos­se­nem Vi­sier, so dass das Ob­jekt der Aus­ein­an­der­set­zung zwar ein klas­si­scher Streit­fall zu sein schien, die Pro­t a­go­nis­ten aber mit ver­kehr­ten Rol­len agier­ten. Der me­di­al wirk­sams­te Kämp­fer »ge­gen« das Ost­am­pel­männ­ chen war der da­mals ein­zi­ge Ossi bei der auf­la­gens­tärk­sten Wo­ chen­zei­t ung »Die Zeit«. In der Aus­ga­be vom 23. Au­gust 1996 ver­ öf­fent­lich­te Chri­stoph Dieck­mann un­ter dem Ti­tel »Dan­ke, Herr Am­pel­mann!« eine Sa­ti­re, die bei den west­li­chen Le­sern nicht als sol­che ver­stan­den wur­de. Die Männ­chen der Fuß­gän­ge­ram­peln im Os­ten »… zeig­ten un­ge­sun­de Kor­pu­lenz (Ge­mü­se­man­gel) und tru­gen Her­ren­hü­te, wel­che Hon­eckers Staats­volk in den HO und Kon­su­ment-Ge­schäf­ten wohl ver­geb­lich such­te. Das grü­ne Männ­chen rast in skla­vi­scher Hast: Da­wai! Da­wai! Das Rote brei­ te­te auto­ri­tär die Arme: Halt! Ste­hen blei­ben. Die Pik­tro­gram­me des Wes­tens hin­ge­gen at­men zi­vi­le Selbst­ver­ständ­lich­keit.« Der Pro­test­sturm such­te sei­nes glei­chen und blies fast aus­ schließ­lich aus west­li­cher Rich­t ung: »Het­ze in Rein­kul­t ur«, Su­ delei, »be­lei­di­gend, platt und ar­ro­gant«, an­ti­de­mo­kra­tisch; an­de­ re  Tot­schla­gar­gu­men­te west­li­cher Gut­men­schen folg­ten. Kei­ner lach­te. Ei­ni­gen Le­sern ant­wor­te­te Dieck­mann, dass er heim­lich Ossi sei und die ers­te Bür­ger­ini­ti­a­ti­ve, die die Ost­ler nach 1989 un­ter dem Na­men »Ko­mi­tee Ret­tet die Am­pel­männ­chen« be­ grün­det hat­ten, zwar von Her­zen un­ter­stüt­ze, im Männ­chen sel­ ber aber kei­nes­wegs das Po­ten­ti­al sehe, Grals­hü­ter der Ost-Iden­ti­ tät zu sein. Iden­ti­tät habe man, oder aber nicht. Die west­li­chen Am­pel­männ­chen or­der­te der­weil zu­hauf der, na? Rich­tig: Ossi. Der VEB Sig­nal­tech­nik wur­de schon 1990 pri­ va­ti­siert und ver­lor sei­ne Kun­den. »Die Ost­deut­schen Kom­mu­ nen kauf­ten aus den Hoch­glanz­pro­spek­ten des Wes­tens. Na­tür­ lich auch die ma­ge­ren West­am­pel­männ­chen.« Iden­ti­tät hat man, oder aber nicht.

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»Iden­ti­tät ha­ben die ar­men Os­sis wohl nicht! Ha­ben doch so sehr un­ter uns ge­lit­ten. Müs­sen wir was Gu­tes tun! Ma­chen wir da, wo es uns nicht weh tut!« So, arg­wöh­nen wir, mö­gen die un­ ter­schwel­li­gen Be­weg­grün­de bei dem west­li­chen Soft­ware­haus FontS­hop im Früh­jahr 1995 ge­we­sen sein. Dem Ossi muss ge­ holfen wer­den. »Häu­ser­ab­riss, Stra­ße­num­be­nen­nung, Schil­der­ sturm – die Men­schen in der Haupt­stadt und an­ders­wo ha­ben die Ver­ein­nah­mungs­po­li­tik lang­sam satt«, wur­de der da­ma­li­ge Mar­ke­tin­glei­ter des Un­ter­neh­mens zi­tiert. Und eben­so ver­nied­ lichend füg­te der West­gra­fi­ker Erik Spie­ker­mann hin­zu: »Der stups­na­si­ge Wich­tel er­zeugt bei Kin­dern, aber auch Er­wach­se­nen eine grö­ße­re Ak­zep­t anz als der stei­fe DIN -Strich­mann!« So wie Schön­heit liegt of­fen­bar auch Kind­lich­keit im Auge des Be­trach­ters. Der Tü­bin­ger In­dus­trie­des­ig­ner Mar­kus Heck­hau­sen zog nach Ber­lin und be­trieb ei­nen schwung­haf­ten Han­del mit Ost-Am­ peln, die er als Wohn­zim­mer­leuch­te (Wand/Tisch/Bo­den) ent­ wor­fen hatte. FontS­hop di­gi­t a­li­sier­te den ro­ten und den grü­nen Knoll­na­se­rich im Rah­men ei­nes »So­li­da­ri­täts-Fonts« und schuf ei­nen pas­sen­den Schrift­zug. In­ter­net und Me­dien wa­ren dank­ bare Hel­fer. Kei­ner kam mehr an dem Am­pel­mann vor­bei. Die Re­ pub­lik hat­te ihr The­ma. Un­ter­schwel­li­ger Te­nor: Der Wes­ten war schuld, der Wes­ten half schuld­be­wusst, und so durf­te das Ost­am­ pel­männ­chen blei­ben. Der grü­ne Ab­bie­gepf­eil man­cher­orts gleich mit. So kam es, dass der Wes­ten als stärk­ster Strei­ter für das Am­ pel­männ­chen ge­gen sich selbst zu Fel­de zog und den Os­ten da­bei wie im­mer ver­ein­nahm­te. Ge­nau so, wie der Ossi es im­mer ge­ wollt hat­te, in dem er das Ge­gen­teil be­haup­te­te, um sich dann ge­ gen die be­ste­hen­den Ver­hält­nis­se auf­zu­leh­nen. Chri­stoph Dieck­mann: Das wah­re Le­ben im fal­schen. Ge­schich­ten von ost­deut­ scher Iden­ti­tät. Ber­lin 1998; www.am­pel­mann.de

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An­t i­fa­s chis­t i­s cher Schutz­wall ­  Gei­ster­b ahn­h ö­f e Ar­b ei­t er- und Bau­e rn­staat V Di­a ­l ekt Armbanduhren V Flaggenhissung ­ auf dem Reichstag                      

Ar­m ut Die ärms­ten Ber­li­ner woh­nen im Os­ten Aus west­li­cher Sicht liegt der Be­zirk mit den ärms­ten Ber­li­nern zwar im Os­ten, aber ei­gent­lich ist es ein al­ter West­ber­li­ner Be­zirk, der Prob­le­me macht: In Ber­lin-Neu­kölln le­ben die meis­ten über­ schul­de­ten Men­schen Ber­lins. Im Schnitt sind dort 7,5 Pro­zent aller Haus­hal­te plei­te, im Nor­den Neu­köllns ist so­gar fast je­der ach­te Haus­halt (12,59 Pro­zent) zah­lungs­un­fä­hig. Im Sü­den von Ste­glitz-Zeh­len­dorf sind da­ge­gen ge­ra­de ein­mal 1,69 Pro­zent der Haus­hal­te über­schul­det. Auch hin­sicht­lich der So­zi­al­hil­fe­emp­ fän­ger war Neu­kölln zum Jah­re­sen­de 2004 füh­rend: Ins­ge­samt wa­ren dort 43 663 Per­so­nen be­trof­fen, das sind 143 je 1 000 Ein­ woh­ner, so die In­for­ma­tio­nen vom Sta­tis­ti­schen Land­es­amt. In Ste­glitz-Zeh­len­dorf kom­men da­ge­gen nur 40 Emp­fän­ger auf 1  000 Bür­ger. Er­schre­ckend vor al­lem, dass rund 35 Pro­zent der Emp­fän­ger min­der­jäh­rig sind. Be­reits in den acht­zi­ger Jah­ren war Ber­lin-Neu­kölln ein ar­mes Pflas­ter, als spar­sa­mer Stu­dent leb­te ich dort. Zu­we­nig Geld gab es be­reits da­mals, und für man­chen Über­schul­de­ten kam noch das Spieß­ru­ten­lau­fen im Post­amt an der Neu­köll­ner Ho­brecht­stra­ße hin­zu. Je­den Sams­tag Vor­mit­tag stan­den die so­zi­al Schwa­chen am

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Geld­schal­ter. Wer kein Geld hat­te, wur­de wie heu­te auch von den Ban­ken ab­ge­lehnt. Nur die zu die­ser Zeit noch staat­li­che Post muss­ te für je­den ein Kon­to füh­ren. Nach über 20 Mi­nu­ten War­te­zeit in ei­ner lan­gen Schlan­ge wur­de der Post­bar­scheck vom Schal­ter­be­ am­ten te­le­fo­nisch über­prüft. Häu­fig wurde dann nicht das Geld aus­ge­zahlt, son­dern der Scheck ge­stem­pelt und we­gen Il­li­qui­di­tät zu­rück­ge­ge­ben. Das be­ka­men na­tür­lich alle War­ten­den mit. Der so vor al­ler Öf­fent­lich­keit ge­de­mü­tig­te Plei­tier muss­te dann an der gan­zen Schlan­ge wie­der vor­bei, um das Post­amt zu ver­las­sen. Da­ bei wur­de er mit Ver­ach­t ung, Mit­leid, Scha­den­freu­de oder auch Ent­set­zen von den an­de­ren Lei­dens­ge­nos­sen an­ge­se­hen. Mir ist es etwa fünf­mal pas­siert. Mein Post­bank-Kon­to habe ich zwar be­hal­ten, aber ich rede schlecht über die Post­bank – und wenn es geht, schrei­be ich auch schlecht über sie. Marc Nel­ler: Noch tie­fer in die ro­ten Zah­len. In: Der Ta­ges­spie­gel, 23. Juli 2005

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Avalon V Steglitzer Kreisel                      

AVUS Ber­lin hat kei­ne Renn­stre­cke Die Deut­schen hat­ten bei Au­to­bau und Au­to­fah­ren nicht im­mer die Nase vorn. 1907 gab es das in­ter­na­tio­na­le Kai­ser­preis-Ren­nen im Tau­nus und deut­sche Au­to­mo­bi­le be­leg­ten die letz­ten Plät­ze. Schnell wur­de der Ruf nach ei­ner Übungs- und Test­stre­cke im Kai­ser­reich laut. Ne­ben dem Tau­nus galt die Ber­li­ner Ge­gend als ge­eig­net für ei­nen Renn­kurs.

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Die Ent­schei­dung fiel zu­guns­ten Ber­lins. Hier wa­ren die zen­ tra­len Au­to­mo­bil­clubs, zahl­rei­che Au­to­fa­bri­ken, die all­jähr­li­che Au­to­mo­bi­laus­stel­lung und die meis­ten Au­tos. Von den 30 000 Kraft­fahr­zeu­gen im Deut­schen Reich kurv­ten al­lei­ne 7 000 durch Ber­lin. 1909 grün­de­te sich die »Au­to­mo­bil-Ver­kehrs- und Übungs­ stra­ße GmbH«(AVUS ). Nach schwie­ri­gen Ver­hand­lun­gen be­gann 1913 der Bau der Stre­cke von Char­lot­ten­burg nach Ni­ko­las­see. Die ge­plan­te Er­öff­nung im Herbst 1914 wur­de durch den Be­ginn des Ers­ten Welt­krie­ges ver­hin­dert. Erst da­nach konn­te das Pro­jekt mit neu­en Geld­ge­bern wie Hugo Stin­nes fer­tig ge­stellt wer­den. Am 23. Sep­tem­ber 1921 wur­de die Deut­sche Au­to­mo­bil­aus­stel­ lung in Ber­lin er­öff­net und zum ers­ten Mal auf der AVUS ein Ren­ nen ge­fah­ren. An zwei Renn­t a­gen ka­men je­weils über 300  000 Be­su­cher zur Stre­cke. Eine Run­de auf der AVUS war 19,6 km lang. Ne­ben den bei­den lan­gen Ge­ra­den gab es eine Nord- und eine Süd­schlei­fe. Der ers­te Sie­ger war Fritz von Opel mit einem gleich­ na­mi­gen Auto. Er ge­wann in der Klas­se der Wa­gen mit bis zu 800 Ki­lo­gramm und 8 PS . Die Durch­schnitts­ge­schwin­dig­keit lag da­ mals bei fast 130 km/h. Nach der er­fol­grei­chen Er­öff­nung wur­de die Stre­cke ab Ok­to­ ber 1921 für den pri­va­ten Ver­kehr frei­ge­ge­ben, al­ler­dings war die Be­nut­zung kos­ten­pflich­tig. Nur we­ni­ge Men­schen konn­ten sich »Fahr­ten auf der AVUS « leis­ten. Und noch schlim­mer: Wäh­rend der »In­fla­tion« de­mon­tier­te und ver­kauf­te bzw. ver­heiz­te der not­ lei­den­de Teil der Be­völ­ke­r ung die mo­bi­len Tei­le der Stre­cke. Am 11. Juli 1926 fand dann zum ers­ten Mal der »Gro­ße Preis von Deutsch­land« auf der AVUS statt. Vor über 230 000 Zu­schau­ern kämpf­ten Rennfahrer aus Frank­reich, Ita­lien, der Tsche­chos­lo­wa­ kei, der Schweiz und Deutsch­land um den Ti­tel. Ge­won­nen hat Ru­dolf Ca­rac­cio­la, von den Ber­li­nern »Ca­ratsch« ge­nannt. Trotz Re­gen stell­te er mit sei­nem Mer­ce­des ei­nen neu­en Run­den­re­kord (154,08 km/h) auf.

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Aber die­se Renn­ver­an­stal­t ung stand un­ter kei­nem gu­ten Stern. Bei Un­fäl­len star­ben ins­ge­samt vier Men­schen. Es wur­de erst­mals deut­lich, dass bei Pla­nung und Bau der AVUS nur un­ge­nü­gen­de Si­cher­heits­vor­keh­r un­gen ge­trof­fen wor­den wa­ren. Der »Gro­ße Preis« wur­de in der Fol­ge­zeit nur noch auf dem Nür­bur­gring (1927 er­öff­net) aus­ge­tra­gen. Die AVUS hat­te auch gro­ße Prob­le­me mit dem Stra­ßen­be­lag, teil­wei­se bildeten sich Bo­den­wel­len mit bis zu 10 Zentimeter Höhe. In den Fol­ge­jah­ren ex­pe­ri­men­tier­te man mit neu­en Be­lä­ gen und ge­wann wich­ti­ge Er­kennt­nis­se für den Stra­ßen­bau. 1928 stell­te Fritz von Opel mit ei­nem ra­ke­ten­ge­trie­be­nen Auto (Opel RAK 2) und mit 230 km/h Spit­zen­ge­schwin­dig­keit ei­nen neu­en

Re­kord auf. Um die Run­den­ge­schwin­dig­kei­ten wei­ter zu er­hö­hen, wur­de die Nord­kur­ve 1937 durch eine Steil­kur­ve er­setzt. Das führ­te zu ei­nem neu­en Re­kord: Ein Mer­ce­des Sil­ber­pfeil er­reich­te 260 km/h Durch­schnitts­ge­schwin­dig­keit. 1939 wur­de die AVUS an das Deut­sche Reich ver­kauft und 1940 als Teil­stück der Reichs­au­to­bahn mit dem Ber­li­ner Ring ver­ bun­den. Jetzt war die Renn­stre­cke in den nor­ma­len Au­to­ver­kehr von und nach Ber­lin ein­be­zo­gen. Wäh­rend des Zwei­ten Welt­ krieges wur­den Tei­le der Stre­cke schwer be­schä­digt. Am 1.  Juli 1951 konn­te das ers­te Nach­kriegs­ren­nen ge­star­tet wer­den. In der For­mel-2-Klas­se ge­wann Paul Greif­zu, ein Fah­rer aus der DDR , mit ei­nem um­ge­bau­ten Vor­kriegs-BMW aus Ei­se­ nach. Am 2.  Au­gust 1959 wur­de wie­der ein »Gro­ßer Preis von Deutsch­land« auf der AVUS aus­ge­tra­gen – und wie­der gab es ei­ nen To­ten. Ei­nen Tag vor dem For­mel-1-Ren­nen ver­un­glück­te der fran­zö­si­sche Fah­rer Jean Beh­ra. Er schoss mit sei­nem Auto über die nörd­liche Steil­kur­ve hi­naus. Das For­mel-1-Ren­nen wur­de den­noch ver­an­stal­tet. Tony Brooks sieg­te auf Fer­ra­ri vor Stir­ling Moss, Gra­ham Hill und Jack Brab­ham.

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Der To­des­sturz von Beh­ra führ­te zu vie­len Ver­än­de­r un­gen. Die For­mel 1 ließ kei­ne Stre­cken mehr mit Steil­kur­ven zu und die AVUS wur­de von 1967 bis 1971 um­ge­baut, die Steil­kur­ve wur­de

ab­ge­ris­sen und das Au­to­bahn­dreieck Funk­t urm er­rich­tet. Nach dem Fall der Ber­li­ner Mau­er stieg der Ver­kehr auf der AVUS sprung­haft an. Sper­run­gen für Ren­nen wur­den zu­neh­

mend pro­ble­ma­ti­scher. Trotz­dem gab es sie wei­ter, ob­wohl es immer wie­der zu schwe­ren Un­fäl­len kam. 1995 ver­un­glück­te der Bri­te Keith Odor bei ei­nem AVUS -Ren­nen. 1998 fand dann das letz­te of­fi­ziel­le Ren­nen statt. Heut­zu­t a­ge gilt ein Tem­po­li­mit von 100 km/h auf der AVUS – al­ler­dings hal­ten sich nicht vie­le Fah­rer da­ran. Auch ich möch­te mich an die­ser Stel­le ou­ten: 1996 habe ich das Tem­po­li­mit auf der AVUS böse überschritten. Nur so war es mir mög­lich, die Stre­cke

Ber­lin-Neu­kölln, Pan­nier­stra­ße, nach Pots­dam-Ba­bels­berg, Au­ gust-Be­bel-Stra­ße, mor­gens um 5.20 Uhr in 22 Mi­nu­ten zu schaf­ fen. Ich bin nicht stolz auf die­se Tat, aber der Voll­stän­dig­keit hal­ ber soll­te auch die­se Re­kord­fahrt hier er­wähnt wer­den. Hans Aschen­bren­ner: »Mit ei­ner Trä­ne im Knopf­loch«. Auf der AVUS ras­ten 1998 die letz­ten Renn­wa­gen durchs Ziel. Ber­li­ni­sche Mo­nats­schrift Heft 7/2001

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Bahn­h of Zoo Die West­ber­li­ner ver­ab­scheu­ten den Bahn­hof Zoo In West­ber­li­ner (West­ber­lin) Zei­ten ist der Bahn­hof Zoo ein Stachel im Fleisch der west­li­chen Stad­thälf­te. Eine schwä­ren­de Wun­de, die ei­tert und suppt, not­dürf­tig ver­sorgt vom ide­o­lo­gisch ge­stähl­ten, me­di­zi­nisch un­zu­rei­chend aus­ge­bil­de­ten Per­so­nal der Deut­schen Reichs­bahn.

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Ob­dach­lo­se hau­sen hier, es riecht nach Pis­se, die Schei­ben der Haupt­hal­le sind blind, Tau­ben­kot be­fleckt die Bür­ger­stei­ge in der Je­bens­stra­ße, je­des Jün­gel­chen, arg­wöh­ne ich, hat er­höh­te Le­ber­ wer­te. Ent­we­der von den Dro­gen oder, was wahr­schein­li­cher ist, von Ge­schlechts­krank­hei­ten. Ich weiß Be­scheid. »Wir Kin­der vom Bahn­hof Zoo« ist Pflicht­lek­tü­re in der neun­ten Klas­se. Spon­ tan be­schlie­ße ich nach der Lek­tü­re, nicht he­ro­in­süch­tig zu wer­ den. Sex fin­de ich trotz­dem gut. Es ist das Jahr 1982. Der Bahn­hof Zoo wird 100 Jah­re alt. Kei­ner feiert. Ein­ge­weiht wur­de der Bahn­hof als Teil des »be­deu­t ungs­ volls­ten und größ­ten In­ge­nieur­bau­werks Eu­ro­pas«: »Die vier­glei­ si­ge Stadt­bahn hat eine emi­nent stra­te­gi­sche Be­deu­t ung; sie erleich­tert na­ment­lich die be­schleu­nig­te Über­füh­r ung gro­ßer Trup­pen­mas­sen … und ist fer­ner ein Haupt­ver­kehrs­mit­tel in der Stadt und nach den Vor­or­ten«, hieß es 1882 in der »Il­lus­trir­ten Zei­ tung«. Kai­sers Zei­ten: Zi­vi­le Zwe­cke un­ter fer­ner lie­fen. Sol­da­ten der Bun­des­wehr gibt es nicht im Ber­lin der acht­zi­ger Jah­re des 20.  Jahr­hun­derts. Je­den­falls nicht in Uni­form. Wehr­ dienst­flücht­lin­ge da­für umso mehr (Wehr­dienst). Sie se­hen alle so aus wie ich und schlim­mer: brau­ne Latz­ho­se, graue knö­chel­ hohe Boots, ein wein­ro­tes T-Shirt mit Sti­ckern von The Spe­ci­als und The Po­li­ce. Man will sich bei den Punks ja nicht un­be­liebt machen. Ich rau­che Ca­mel, die ich an dem win­zi­gen Kiosk am Ende des Bahn­steigs der U-Bahn-Li­nie 1 ge­kauft habe: ein qua­dra­ti­sches Loch in der gelb ge­flies­ten Wand, von der End­hal­te­stel­le mei­ner Bus­li­nie, dem 62er, nur 50 Me­ter nach rechts und fünf Me­ter nach un­ten ent­fernt. Vom Zoo weht ir­gend­ein Lüft­chen her­bei, das selbst ein Tier nur hin­ter­rücks he­raus­rü­cken wür­de. Um die Ecke sind die bei­den größ­ten Ki­nos in mei­nem Ber­lin. Ich bin oft hier. Ein­mal schlei­che ich so­gar durch die Hin­ter­tür ins »Taki«, den Soft­por­no­schup­pen am Bahn­hof, und be­gei­fe­re die diens­thaben­

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den Na­cked­eis auf der Lein­wand, um mich an­schlie­ßend ab­schät­ zig über die Por­no­in­dus­trie äu­ßern zu kön­nen. Schlim­me Frau­en­ un­ter­drü­cker das! An die­sem Tag im Juli aber ste­he ich am Gleis 1 des Fern­bahn­ hofs. Im Nach­hi­nein er­schei­nen die Er­in­ne­r un­gen da­ran in kal­ tem Schwarz­weiß. Nichts, aber auch gar nichts Ori­gi­nel­les ist dabei. Je­der weiß, dass man nach ei­ner Fahrt mit der Reichs­bahn den Duft der DDR in Haa­ren und Klei­dung trägt. Ich bin 15 und fah­re zu mei­ner Groß­mut­ter. Ich war­te auf Stef­fi, mei­ne ers­te Freun­din. Je­den­falls wird sie es bald. Es ist die letz­te Wo­che der Gro­ßen Fe­rien. Sie war mit ih­rer Fa­mi­lie in Grie­chen­ land, ich im Zelt­la­ger. Ich habe ihr ge­schrie­ben, brau­nes, li­nier­ tes Brief­pa­pier. Drei Sei­ten. Mein per­sön­li­cher Re­kord. An­r uf­be­ ant­wor­ter und Han­dys gibt es noch nicht. Ich weiß nicht, ob Stef­fi mei­nen Brief recht­zei­tig be­kom­men hat und mich am Zug ver­ abschie­det. Wir ha­ben uns zwei Tage vor ih­rer Ab­rei­se ken­nen gelernt. Spä­ter wer­de ich sa­gen, dass die­ses Ge­fühl Ver­liebt­sein war. Der Nacht­zug nach Dort­mund war­tet auf Ab­fahrt. Da­mals fin­de ich es noch auf­re­gend, eine schlaf­lo­se Nacht in ei­nem Ab­ teil  zu kau­ern, in dem die Lieb­lo­sig­keit täg­lich wie­der­ge­bo­ren wird. Ob ich Stef­fi an­r u­fe? Schaf­fe ich das? Die acht Te­le­fon­zel­len gegen­über vom Bahn­hof sind stän­dig be­legt, vor al­lem am Sonn­ abend, wenn die »Ber­li­ner Mor­gen­post« ab 20.00 Uhr am Zoo ver­ kauft wird und alle Welt Jagd auf die we­ni­gen an­stän­di­gen Woh­ nun­gen macht. Die Schlau­en sind zu zweit: ei­ner in der Schlan­ge für die Zei­t ung, ei­ner schon in der Te­le­fon­zel­le. Die Te­le­fon­zel­len der ein­zi­gen Post, die auch am Wo­chen­en­de Pa­ke­te an­nimmt und Brief­mar­ken ver­kauft, sind eben­falls ent­we­ der be­legt oder de­fekt. Also lie­ber nichts ris­kie­ren. Ich war­te und strei­che an den Wag­gons vor­bei.

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Vor 100 Jah­ren galt die Nut­zung des Bahn­hofs Zoo als »ge­ fährlich für Frau­en, Kin­der und schwäch­li­che Per­so­nen«, die die Coupés (Ab­tei­le) im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes er­stür­men muss­ ten, da die Züge nur für rund eine Mi­nu­te hiel­ten. 1889 be­rich­te­te ein Zeit­zeu­ge gar, es seien nur 30 Se­kun­den, die die 60 000 Rei­ sen­den täg­lich je­weils zum Ein- und Aus­stei­gen ha­ben. Aus den Kie­men der Die­sel­lok dringt ein Ge­misch aus Tech­ni­ scher Not­durft und Aben­teu­er­geist. Eine grim­mi­ge Zu­gab­fer­ti­ge­ rin der Reichs­bahn mit schma­len Lip­pen schwenkt ihre Pfei­fe und scheint nichts und nie­man­den ei­nes Bli­ckes zu wür­di­gen. Wo ist Stef­fi? Mitt­ler­wei­le hat sich mei­ne drei Wo­chen an­ge­stau­te Sehn­ sucht in ein schmerz­li­ches Bren­nen ver­wan­delt. Mein Mund ist vor Qualm und ban­ger Vor­f reu­de ganz tro­cken. Ein Mann kauft eine Wurst, bricht ei­nen Zip­fel ab, tunkt ihn in den Senf­hau­fen und schiebt ei­nen Teil der dreie­cki­gen Weiß­brot­schei­be nach. Un­ ter dem Wag­gon gibt eine Klap­pe Un­an­sehn­li­ches frei. Dür­fen darf man doch erst nach Aus­fahrt des Zu­ges. Dann end­lich kommt Stef­fi. Zwei Mi­nu­ten vor der Ab­fahrt, sie rennt die Trep­pe hoch, nimmt im­mer zwei Stu­fen auf ein­mal. Ihr him­mel­blau­er Ba­tik­rock mit den klei­nen Schel­len im Saum fliegt, als sie auf mich zu rennt, un­ter ih­rem wei­ßen T-Shirt nur wip­pen­ de Brüs­te, kein BH . Die brau­nen un­ra­sier­ten Bei­ne in schwar­zen, asi­a­ti­schen Samt­schläpp­chen fei­nen Rie­men über dem Spann. Ich ren­ne, sie rennt, wir tref­fen uns auf hal­bem Wege, dann ren­nen wir bei­de wie­der in mei­ne Rich­t ung, Hand in Hand. Der Pfiff. »Bis Wann­see kann ich doch mit­fah­ren. Die Schaff­ner kom­ men doch nie vor den Vo­pos!« Wir klet­tern in den Wa­gen. Ich sehe Stef­fis Un­ter­ho­se un­ter dem Rock. Dann küsst sie mich. Ich den­ke nur da­ran, wer die Stra­fe be­zahlt, wenn jetzt der Schaff­ner kommt. Vor den schmie­ri­gen Zug­schei­ben zieht das The­a­ter des Wes­tens vor­bei. Und Stef­fi küsst mich.

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»Time is a Train, ma­kes the Fu­t u­re The Past«, sin­gen U2 in ih­ rem Lied über den Bahn­hof Zoo. Blöd­sinn. Bis zum Bahn­hof Wann­see stirbt für mich die Zeit. Wie kann man nur mit 15 zu sei­ ner Oma fah­ren, wenn man noch nicht ein­mal den Bu­sen sei­ner Ge­lieb­ten be­rührt hat? Da­rüber singt nie ei­ner was. Beim Früh­stück am nächs­ten Mor­gen fragt mich die Frau, die mich mit groß­ge­zo­gen hat, ob ich ein Ei möch­te. Ich habe kei­nen Ap­pe­tit, wie­der nur Sehn­sucht und nur ein Ver­lan­gen: So schnell wie mög­lich in die­sen Bahn­hof ein­zu­fah­ren. »Bahn­hof Zoo, mein Zug fährt ein, ich steig aus, um wie­der da zu sein.« Ide­al. Nichts Be­r u­hi­gen­de­res, als sich im Spie­gel sei­ner ei­ge­nen Ge­schich­ten wie­der zu er­ken­nen. Uff, über­stan­den! Ab 2006 wird der Bahn­hof Zoo­lo­gi­scher Gar­ten – so der der­zei­ ti­ge Pla­nungs­stand – als Fern­bahn­hof still­ge­legt. Ein Re­gio­nal­ bahn­hof für Nah­ver­kehrs­zü­ge und die S-Bahn wird blei­ben. Alle Welt muss dann zum Haupt­bahn­hof ge­nann­ten ehe­ma­li­gen Lehr­ ter Bahn­hof, dem neu­en Kno­ten­punkt. Manch­mal be­su­che ich Stef­fi noch. Sie wohnt in Süd­deutsch­land. Meis­tens neh­me ich dann den Flie­ger. Al­f red B. Gott­waldt: Ber­lin Bahn­hof Zoo. Fern­bahn­hof für eine hal­be Stadt. Düs­ sel­dorf 1988

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Bal­l ast der Re­p ub­l ik  Ede­k a Bau­s umpf  Ste­g lit­zer Krei­s el                      

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Ber­g e Ber­lin hat kei­ne Ber­ge Selbst­ver­ständ­lich hat Ber­lin Ber­ge, so­gar »na­tür­li­che« wie die Müg­gel­ber­ge mit ei­ner Höhe von 115 Me­ter. Das Sta­tis­ti­sche Jahr­ buch nennt un­ter dem Stich­wort »aus­ge­wähl­te Bo­den­er­he­bun­ gen« 28 Ber­ge, da­run­ter den Prenz­lau­er Berg, den Schä­fer­berg, aber auch die Müll­de­po­nie Wann­see mit im­mer­hin 95 Me­ter Höhe. Noch exo­ti­scher sind die künst­li­chen Trüm­mer­ber­ge der Haupt­ stadt. Spit­zen­rei­ter ist da der Teu­fels­berg mit eben­falls 115 Me­ter Höhe. Er hat sei­nen Na­men vom süd­lich ge­le­ge­nen Teu­fels­see und wird von den Ber­li­nern auch Mon­te Kla­mot­te ge­nannt. Über 20 Jah­re dau­er­te sei­ne Auf­schüt­t ung. Von 1950 bis An­fang der sieb­zi­ ger Jah­re wur­de der Hü­gel aus zir­ka 26 Mil­li­o­nen Ku­bik­me­tern Trüm­mer­schutt des Zwei­ten Welt­krie­ges auf­ge­türmt. Der Dop­ pel­berg mit sei­nen bei­den Gip­feln wur­de mit 180 000 Bäu­men be­ pflanzt. Er soll­te ein Frei­zeit­ge­län­de wer­den und so wur­den Ski­ hang und Ro­del­bahn bei der Er­stel­lung be­reits ein­ge­plant. Der Mau­er­bau 1961 än­der­te die Lage. Das U. S. Mi­li­tär sperr­te ei­nen der Dop­pel­gip­fel für den Pu­bli­kums­ver­kehr und bau­te erst eine pro­vi­so­ri­sche, dann feste Ab­hör­an­la­ge in 110 Me­ter Höhe. Da­mit wur­de der Funk­ver­kehr des »War­schau­er Pakts« be­lauscht. 1972 muss­te der Lift­be­trieb der Ski­pis­te auf dem Teu­fels­berg ein­ ge­stellt wer­den, weil die­ser den Spio­na­ge­f unk­be­trieb stör­te. Nach dem Mau­er­fall wur­de die Funk­an­la­ge de­mon­tiert. Das Ge­län­de ver­kauf­te der Se­nat 1996 an ei­nen pri­va­ten In­ve­stor zum um­strit­te­nen Preis von 5,2 Mil­li­o­nen Mark. Die­ser plan­te dort ein Edel-Lu­xus-Res­sort. Das Pro­jekt schei­ter­te. Noch heu­te be­her­bergt das 110 Hek­t ar gro­ße Ge­län­de des Teu­ fels­bergs ei­nen Klet­ter­fel­sen des Deut­schen Al­pen­ver­eins, eine Ro­del­bahn und eine 380 Me­ter lan­ge Ski­pis­te, auf der an­läss­lich der 750-Jahr­feier Ber­lins (1237) so­gar ein Welt­c up-Ski­ren­nen

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ver­an­stal­tet wor­den war. Er ist An­zie­hungs­punkt für Mo­dell­flie­ ger und Dra­chen­len­ker so­wie wich­tig­ster Ber­li­ner Aus­sichts­punkt in der Sil­ve­ster­nacht. Sta­tis­ti­sches Land­es­amt Ber­lin (Hrsg.): Sta­tis­ti­sches Jahr­buch 2004. Ber­lin 2004

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Ber­l in Wo Ber drauf­steht, ist auch Bär drin Ber­lin teilt sich sein Wap­pen­tier mit ei­ner Do­sen­milch­mar­ke, tier­kno­chen­mehl­hal­ti­gen Sü­ßig­kei­ten und rund 200 wei­te­ren deut­schen Städ­ten, die auf Meis­ter Petz in ih­rem Ban­ner nicht ver­ zich­ten woll­ten. Ge­ra­de­zu ver­wun­der­lich, dass sich die ab­ge­bil­ de­ten, oft aus­ge­mer­gel­ten Tie­re auf den Wap­pen letzt­lich ge­gen pral­le Schwei­ne, ge­ris­se­ne Wöl­fe, flin­ke Fi­sche und statt­li­che Hir­sche durch­set­zen konn­ten. Zu­mal die Be­mer­kung ge­stat­tet sei, dass der Bär auf dem ak­t uel­len Ber­li­ner Wap­pen (also dem al­ ten West­ber­li­ner!) deut­li­che Züge von Pa­ra­no­ia und Ekel an den Tag legt. Ganz an­ders sein ehe­ma­li­ger Ost­ber­li­ner Kol­le­ge, des­sen ga­lan­ tes Ge­zün­gel ge­schmei­di­ger wirkt, auch wenn die Au­gen­stel­lung eher an Ba­se­dow­symp­to­me ge­mahnt als an treu-tapp­si­ge Ted­dy­ kul­ler­au­gen. Bä­ren se­hen an­ders aus. Sie ha­ben fünf Klau­en und nicht vier, wie einst der Os­si­bär. Nur mal so am Ran­de … Da­ran dürf­te auch die Evo­lu­tion seit 1280 nichts ge­än­dert ha­ ben. Da­mals tauch­te zum ers­ten Mal ein Bä­ren­paar auf dem mark­ gräf­li­chen Ad­ler­schild auf. 1253 in­des, auf dem ers­ten Sie­gel der Stadt, war von Bä­ren nichts zu se­hen. Wie der dick­fel­li­ge Kerl aus den Nie­de­r un­gen der Wäl­der in die luf­ti­gen Hö­hen der Fah­nen ge­lang­te, ist bis heu­te strit­tig.

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Drei The­sen sind über Ber­lin und sei­ne Bä­ren im Um­lauf. Nume­ro uno: Der ers­te Mark­graf aus dem Ge­schlecht der As­ka­ nier, Al­brecht I., ge­nannt der Bär, trieb die Ost­ko­lo­ni­sa­tion vor­an und grün­de­te die Mark Bran­den­burg, um sie dem Kai­ser­reich ein­ zu­ver­lei­ben. Sei­ne Re­gent­schaft fällt in die Zeit von 1250 bis 1270. Der Bär wäre da­mit eine Hom­ma­ge, öhm An­ni­ma­ge an den wa­cke­ren Usur­pa­tor. Aber auch der Name der Sied­lung und spä­te­ ren Stadt? Die zwei­te Bä­ren­the­se geht von der An­nah­me aus, dass sich der ge­mei­ne Braun­bär zu Hauf in der Ge­gend zwi­schen Spree und Havel he­r um­trieb. Der Na­t ur­for­scher Dr. The­o­dor Zell mut­maß­te gar, dass der Bär vor al­lem an ei­ner Furt am Müh­len­damm stepp­te. Und weil es gar so vie­le Bä­ren da­mals gab, nann­te man die Stadt gleich auch noch Bär­lin; meint der Volks­mund. Eine Laut­fol­ge, die sich dann durch – so stellt es sich der Hob­by­sprach­for­scher vor – ka­t a­klys­mi­sche Ver­nu­sche­lung ir­gend­wann nach dem Pleis­to­zän zu »Ber­lin« ver­schob. Ech­te Bä­ren also Vor­bild für Wap­pen und Na­men der Stadt – die­se The­se ver­ficht heu­te un­se­res Wis­sens am lau­tes­ten noch die Oma von Ro­bert Skup­pin. Bei­de An­nah­men aber ha­ben eins ge­mein: Sie at­men in­di­a­ nischen Geist, der Bär als To­tem der Stadt. Sei­ne We­sens­art geht auf den Ber­li­ner über. (Psy­cho­lo­gi­sche Schüt­zen­hil­fe beim Ein­ schwö­ren auf die bä­ri­ge Fah­ne kommt aus der nord­eu­ro­pä­i­schen Sa­gen­welt: dort gilt der Bär als Kö­nig der Tie­re; erst im Zuge der Glo­ba­li­sie­r ung wur­de er vom Lö­wen ver­drängt.) Und drol­lig ist er ja, der Braun­bär, wie er auf zwei Bei­nen tanzt, Wa­ben vom Baum an­gelt, Bie­nen von sei­ner feuch­ten Stöp­sel­na­se ver­treibt und mit ei­nem Pran­ken­schlag die Kopf­haut ei­nes Men­schen samt Rest da­ run­ter ent­fernt. Mag auch der Bär vom gro­ßen Al­brecht den Sprung ins Wap­ pen ge­schafft ha­ben, der Name Ber­lin hat an­de­re Wur­zeln. Sla­ wische. Der Na­men­for­scher Prof. Jür­gen Udolph durch­fors­te­te

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das ge­sam­te sla­wi­sche Sprach­ge­biet in­klu­si­ve der Re­gion Ber­linBran­den­burg und stieß da­bei auf ei­nen gi­gan­ti­schen Sumpf. Zahl­ lo­se Orts­na­men ge­hen auf die sla­wi­sche Wur­zel »barl« zu­rück: das be­deu­tet Sumpf, Mo­rast, feuch­te Stel­le. (Ken­nern der bul­ga­ri­ schen Spra­che fällt so­fort die gro­ße sprach­li­che Nähe zu »bur­lo«, Pfüt­ze auf!). Auf die­se Un­ter­su­chung stütz­te sich 1984 auch der Sprach­for­scher Schlim­pert. Und weil sie die­sen Ar­ti­kel bis hier­hin ge­le­sen ha­ben, wird ihnen nun­mehr die gan­ze Wahr­heit zu­ge­mu­tet: Das Ge­biet öst­ lich von Elbe und Saa­le und auch un­se­re Re­gion war seit dem 7. Jahr­hun­dert von Sla­wen be­sie­delt, die dem Stamm der Sto­do­ra­ nen oder He­vel­ler mit dem Haupt­sitz Bran­den­burg an­ge­hör­ten. Sla­wisch war also die Spra­che der Re­gion. Es darf ver­mu­tet wer­ den, dass auch der zu­ge­reis­te Al­brecht von Tu­ten und Sla­wisch kei­ne Ah­nung hat­te. »Ach Ber­lin, das klingt ja in­te­res­sant! Da steckt si­cher die sla­wi­sche Form von Sumpf drin!«, darf man als  Re­ak­tion beim ers­ten Ver­neh­men der Spra­che nicht er­war­ ten. Eher wohl eine streng iden­ti­fi­ka­to­ri­sche Les­art: »Ah, Bär­lin, mein gu­ter Ruf eilt mir vor­aus und das Land wirft sich mir an die Brust!« Jür­gen Udolph: Stu­dien zu sla­vi­schen Ge­wäs­ser­na­men und Ge­wäs­ser­be­zeich­nun­ gen. Ein Bei­trag zur Fra­ge nach der Ur­hei­mat der Sla­ven. Hei­del­berg 1979; Ger­hard Schlim­pert: Bran­den­bur­gi­sches Na­men­buch, Teil 5.  Die Orts­na­men des Bar­nim. Wei­mar 1984; www.ber­li­ner-baer.de

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Ber­l i­n er Auf­stand  17. Juni 1953                      

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Ber­l i­n er Luft Ihr be­son­de­rer Duft ist eine Er­fin­dung von Paul Lin­cke Das ist die Ber­li­ner Luft, Luft, Luft, so mit ih­rem hol­den Duft, Duft, Duft, wo nur sel­ten was ver­pufft, pufft, pufft, in dem Duft, Duft, Duft die­ser Luft, Luft, Luft. Ja ja ja! Dem weit ver­brei­te­ten Ta­schen­le­xi­kon von dtv in 20 Bän­den ist Paul Lin­cke (1866–1946) nur ei­nen sie­ben­zei­li­gen Ein­trag wert. Da­bei hat er den Ber­li­nern ei­nen ech­ten Floh, genauer gesagt Wurm ins Ohr ge­setzt: die Ber­li­ner Luft hät­te ei­nen ganz be­son­ de­ren Duft. Je­der singt es, kei­ner glaubt es. Lin­cke war sei­ner­zeit eine Art Ralf Sie­gel Ber­lins, nur nicht so pe­ne­trant om­ni­prä­sent. Sein größ­ter Er­folg war eine Ope­ret­te – letzt­lich eine mo­no­the­ma­ti­sche Schla­ger­pa­ra­de – namens »Luna«, am 1. Mai 1899, ei­gen­hän­dig di­ri­giert, ur­auf­ge­führt. Fünf Jah­re spä­ter war der da­raus ent­nom­me­ne Gas­sen­hau­er »Ber­li­ner Luft« in al­ler Mun­de. Da die­se ty­pi­sche Ber­li­ner Pos­se, dun­ne­mals vor al­lem im Mun­de des klei­nen Man­nes, auch schon zu Kai­sers Zei­ ten er­folg­reich war, be­wirk­te sie selbst 2004 noch ei­nen ech­ten Ver­kaufs­schla­ger: Ei­nes der be­lieb­tes­ten Mit­brin­g­sel un­ter den 5,6 Mil­lionen Tou­ris­ten, die im Jahr 2004 die Haupt­stadt be­such­ ten, war die sprich­wört­li­che Ber­li­ner Luft in Do­sen für ein paar Mark be­zie­hungs­wei­se Euro. Ja­pa­ner wie Bad Sal­zuff­ler kauf­ten da­mit eine bri­san­te Mi­schung, de­ren Fein­staub­ge­halt der EU Kom­mis­sion in Brüs­sel neu­er­dings sau­er auf­stößt und die ab 2006 dras­tisch ge­fil­tert wer­den muss. Doch Fein­staub ist ge­r uch­los. Gibt es ihn also, den typi­schen Ber­li­ner Duft?

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Wolf­gang Berg­fel­der, Ab­tei­lungs­lei­ter In­te­gra­ti­ver Um­welt­ schutz bei der Se­nats­ver­wal­t ung für Stadt­ent­wick­lung kann die Fra­ge ein­deu­tig be­ja­hen. Al­ler­dings hät­ten sich die Spe­zi­fi­ka im Lau­fe der letz­ten Jahr­zehn­te ge­wan­delt. Die Luft­qua­li­tät in Ber­lin wird an den über 20 Sta­tio­nen des Ber­li­ner Luft­gü­te-Mess­net­zes BLUME durch zu­meist kon­ti­nu­ier­ li­che Mes­sun­gen von Schwe­fel­dio­xid, Stick­stoff­dio­xid, Koh­len­ mo­no­xid, Ben­zol und Ozon so­wie Fein­staub und Ruß über­wacht. 1990 schlu­gen die Mess­füh­ler das letz­te Mal Smog-Alarm: schwe­ fel­hal­ti­ge Braun­koh­le aus den Ein­ze­lö­fen­hei­zun­gen (ja, so hei­ßen die!), de­zen­tra­len Feu­e­r ungs­an­la­gen und der »Braun­koh­le­krü­ mel­quark« aus der Ober­lau­sitz und Tsche­chien ver­brei­te­ten in Ber­lin den Duft der Höl­le: Schwe­fel. Auch Gül­le ge­sell­te sich spä­ ter noch dazu. »Um 1994 mein­ten die Land­wir­te im Um­land alle gleich­zei­tig ihre vol­len Si­los auf den Fel­dern aus­brin­gen zu müs­ sen. Die Leu­te gin­gen durch die Stra­ßen und frag­ten sich, wonach das stinkt. Vie­le tipp­ten auf die Ka­na­li­sa­tion. Ich bin im Schwarz­ wald auf­ge­wach­sen. Ich kann­te den Ge­r uch. Da muss­ten wir nicht lan­ge rum­mes­sen!« Heu­te, sagt Berg­fel­der, sei die Luft sau­be­rer denn je. Al­ler­dings ver­weist der 59-jäh­ri­ge Ju­rist zur Fein­staub­pro­ble­ma­tik auf sei­ne Nach­bar­ab­tei­lung. »Da ha­ben wir ein neu­es Prob­lem. Und wenn sie nach dem Duft fra­gen: Den gibt es. Ich ken­ne kei­ne Stadt, die durch die vie­len Stra­ßen­bäu­me im April und Mai so frisch und blu­mig riecht. Dazu kom­men die vie­len Ge­wäs­ser. Das riecht auch im­mer ir­gend­wie ge­sund. Herr­lich. Da merkt man kaum die vie­len Au­tos.« www.stadt­e nt ­w ick­l ung.ber­l in.de/um­w elt/luf t­q ua­l i­t aet/de/ber­l i­n er_luf t. shtml; Wolf­gang Hel­f ritsch: »Das ist die Ber­li­ner Luft, Luft, Luft … In: Ber­li­ni­sche Mo­nats­schrift Heft 4/2000

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Ber­l i­n er Un­w il­l e Der Ber­li­ner an sich ist von Na­tur aus un­wil­lig Si­cher, man­cher, den man im Ge­trie­be der Groß­stadt an­spricht, rea­giert zu­nächst et­was un­wil­lig. Ganz zu schwei­gen von ge­le­ gent­li­chen Be­geg­nun­gen der Drit­ten Art bei Be­hör­den­gän­gen oder Kon­t ak­ten mit dem Dienst­leis­t ungs­per­so­nal in der Me­tro­ po­le. Ob­wohl man zu­ge­ste­hen muss, dass sich in den letz­ten Jah­ ren dort viel ge­än­dert hat. So ist etwa das Ser­vi­ce­per­so­nal im Gastro­no­mie­be­reich dienst­be­flis­se­ner ge­wor­den. Ein »war­ten Sie hier, Sie wer­den plat­ziert« wird man kaum noch zu hö­ren be­kom­ men. Der ei­gent­li­che Ber­li­ner Un­wil­le aber weist weit zu­rück in die Stadt­ge­schich­te. Die Ber­li­ner Pa­tri­zier zeig­ten sich um die Mit­te des 15. Jahr­hun­derts ih­rem Lan­des­her­ren, dem Kur­fürs­ten Fried­ rich II., ge­gen­über auf­müp­fig. Was in der hei­ßen Pha­se der Aus­ ein­an­der­set­zung um 1447/48 im Ein­zel­nen ge­schah, ist nur durch den Ent­wurf ei­ner kur­fürst­li­chen An­kla­ge­schrift über­lie­fert, die kein ob­jek­ti­ves Bild bie­tet. Nach auf­rüh­re­ri­schen Re­den in »Wein­ kel­lern und an­ders­wo« setz­ten in der ers­ten Ja­nu­ar­hälf­te des Jah­ res 1448 Bür­ger den Bau­platz des kur­fürst­li­chen Schlos­ses an der Spree un­ter Was­ser (Stadtschloss). Auch die Ar­beit fürst­li­cher Be­am­ter, Zöll­ner und Rich­ter wur­de mas­siv be­hin­dert. Au­ßer­ dem brach man in den Wirt­schafts­hof Fried­richs II. ein und stahl drei Pfer­de und drang in die kur­fürst­li­che Kanz­lei vor, wo man Ak­ten ein­sah und ver­nich­te­te. Al­ler­dings han­del­te es sich nicht um um­stürz­le­ri­sche Um­trie­ be im heu­ti­gen Sin­ne, viel­mehr um Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­ schen den Mäch­ti­gen der Zeit. Die Pa­tri­zier­fa­mi­lien der Dop­pel­ stadt Ber­lin/Cölln hat­ten ih­ren Ein­fluss im­mer wei­ter aus­ge­baut. Sie ver­füg­ten über gro­ßen Grund­be­sitz, zahl­rei­che Pri­vi­le­gien und Ein­nah­me­quel­len. Ih­nen ge­gen­über stan­den ein öko­no­misch

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ru­i­nier­ter Adel und ein schwä­cheln­der Kur­fürst. Kein Wun­der, dass es zu ers­ten Kon­flik­ten kom­men muss­te, als ver­mut­lich 1435 ohne Zu­stim­mung des Lan­des­her­rn die Jo­han­ni­ter­dör­fer Tem­pel­ hof, Ma­rien­dorf, Ma­rien­fel­de und Rix­dorf durch den ge­mein­sa­ men Rat der Städ­te Ber­lin und Cölln er­wor­ben wur­den. Wenn der Kur­fürs­ten­hof zu­nächst auch die Aus­ein­an­der­set­zung für sich ent­schei­den konn­te, blieb doch der Ge­gen­satz zwi­schen ihm und den rei­chen Bür­ger­fa­mi­lien be­ste­hen. 1447 wit­ter­ten die Ver­tre­ter der Pa­tri­zier Mor­gen­luft. Kurfürst Fried­rich II. war im Krieg in Pom­mern ver­strickt, die Bür­ger­li­chen hoff­ten, von den freien Han­ses­täd­ten, mit de­nen sie Han­dels­be­ zie­hun­gen un­ter­hiel­ten, Un­ter­stüt­zung zu be­kom­men. Al­ler­ dings wur­de der »Auf­stand« im Sin­ne des Kur­fürs­ten nie­der­ge­ schla­gen. Wohl nicht zu­letzt, weil die um Hil­fe an­ge­ru­fe­nen Städ­te, un­ter ihnen auch Ge­mein­den in der Mark, eine Un­ter­stüt­ zung ab­lehn­ten. Isoliert muss­te man schließ­lich klein bei­ge­ge­ben. Im Mai 1448 schlos­sen die Bür­ger un­ter Auf­sicht des Bi­schofs von Bran­den­burg und an­de­rer Städ­te der Mark mit dem Fürs­ten ei­nen Ver­gleich. Erst­mals war es ei­nem Ter­ri­to­ri­al­fürs­ten im Reich ge­ lun­gen, sich er­folg­reich ge­gen städ­ti­sche Au­to­no­mie­be­stre­bun­ gen durch­zu­set­zen. Der Ber­li­ner Un­wil­le war also im Nach­hi­nein eher ein Sig­nal für die Fürs­ten, dass man in Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit dem auf­ stre­ben­den Bür­ger­t um durch­aus nicht chan­cen­los sein muss­te. Pe­ter Neu­meis­ter: Per­sön­lich­kei­ten des »Ber­li­ner Un­wil­lens« 1447/1448. Die Fa­mi­ lie Rei­che. In: Ber­lin in Ge­schich­te und Ge­gen­wart. Jahr­buch des Lan­des­ar­chivs. Ber­lin 1994

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Ber­li­ner Un­wil­le

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Ber­l i­n er Wei­ß e Der Trank aus Bier und Si­rup ist eine Ur-Ber­li­ner Spe­zi­a­li­tät Die Ber­li­ner Wei­ße, »ein duf­ten­des, ele­gant mous­sie­ren­des, aus Wei­zen und Gers­te ge­brau­tes al­ko­hol­ar­mes Bier«, tauch­te 1575 erst­mals ur­kund­lich be­stä­tigt in Ber­lin auf. Paul Ja­cob Mar­per­ger sprach in sei­nem 1716 er­schie­ne­nen »Voll­stän­di­gen Küch- und Kel­ler-Dic­tion­na­ri­um« von ei­nem »gu­ten ge­sun­den Weiß-Bier«, dass ge­gen Ende des 16. Jahr­hun­derts sei­nen Weg von Ham­burg nach Ber­lin ge­macht habe. Das Ge­tränk müss­te also – streng ge­ nom­men – Ham­bur­ger Wei­ße ge­nann­t wer­den. Aber letzt­lich gab ihm erst das wei­che und be­kömm­li­che Ber­li­ner Was­ser den letz­ ten Schliff und die Wei­ße trägt wohl ih­ren Na­men zurecht. Die Wei­ße wur­de in ho­hen Stan­gen­glä­sern kre­denzt (Stan­ge Bier), »spä­ter in ei­ner etwa 3 Pfund schwe­ren fuß­lo­sen Wan­ne mit ei­nem wei­ßen Rand und über 2 Li­ter In­halt«, die nur mit bei­den Hän­den zu he­ben war. Prost! Zeit­wei­se ent­wi­ckel­te sich um das Weiß­bier ein re­gel­rech­ter Kult. Ver­schie­de­ne Gast­wir­te gru­ben die Weiß­bier­kru­ken wäh­ rend der Rei­fe­zeit in ih­ren Kel­lern in fei­nen Sand ein, um sie vor Ex­plo­sion zu schüt­zen. Die sol­cher­ma­ßen be­han­del­ten Fla­schen wur­den als Sand­wei­ße ser­viert. Wer je­mals ver­sucht hat, heu­ti­ge Ber­li­ner Wei­ße pur zu trin­ ken, wird wis­sen, dass sie ohne Zu­satz na­he­zu un­ge­nieß­bar ist (ob­gleich es hier­zu un­ter­schied­li­che Mei­nun­gen gibt). Glück­ licher­wei­se kam man An­fang des 19. Jahr­hun­derts auf die Idee, das säu­er­li­che Ge­bräu mit Him­beer- und Wald­meis­ter­si­r up zu ver­set­ zen. Man er­reich­te zwei­er­lei: das Ge­tränk ver­färb­te sich pop­pig und es ward süf­fig. Die Ber­li­ner Wei­ße wie wir sie heu­te ken­nen ist seit­her erst mit viel Saft und Zu­cker kom­plett. Viel Auf­re­gung gab es neu­er­dings um eine Rück­r u­fak­tion der Schul­theiss-Brau­e­rei zir­ka 50 000 Fla­schen »Ber­li­ner Mix Weisse«

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Ber­li­ner Wei­ße


be­tref­fend. Bei der Va­ri­an­te mit Wald­meis­ter­ge­schmack kam es durch ei­nen Feh­ler bei der Ab­fül­lung zu Ex­plo­sions­ge­fahr und zu Ver­schlüs­sen, die sich un­kon­trol­liert öff­ne­ten. Viel­leicht hät­te man, statt all die Fla­schen zu­rück­zu­for­dern, lie­ ber die Kun­den mit fei­nem Sand be­lie­fern sol­len. Back to the roots! Sy­bil­le Schall: Bier is och Stul­le. Ber­lin und sei­ne Kü­che. Ber­lin 1976

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Ber­l i­n er Zim­m er Je­des Zim­mer in Ber­lin ist ein »Ber­li­ner Zim­mer« Wer heu­te ein Ber­li­ner Zim­mer hat, kann sich glück­lich schät­zen. Vor­aus­ge­setzt, er hat auch noch ei­nen Sa­lon, ein An­klei­de-, ein Her­ren-, ein Rau­cher- und ein Da­men­zim­mer. So sa­hen die groß­ bür­ger­li­chen Woh­nun­gen in Ber­lin vor dem Ers­ten Welt­krieg aus. Aus in­ner­städ­ti­schem Platz­man­gel gab es Vor­der­haus, Sei­ten­flü­ gel, Quer­ge­bäu­de und Gar­ten­häu­ser. Im son­ni­gen, zur Stra­ße ge­ le­ge­nen Vor­der­haus lo­gier­ten Be­am­te und Of­fi­zie­re des al­ten Kai­ ser­reichs. Die Woh­nun­gen wa­ren alle­samt in Form ei­nes gro­ßen L kon­zi­piert, das Vor­der­haus und Sei­ten­flü­gel mit­ein­an­der ver­ band. Wäh­rend es sich die groß­bür­ger­li­che Fa­mi­lie in der Bel­etage des Vor­der­hau­ses ge­müt­lich mach­te, muss­te das Dienst­per­so­nal in den zum Hin­ter­hof ge­le­ge­nen Räu­men des Sei­ten­flü­gels sei­nen nie­de­ren Pflich­ten nach­kom­men. Ein ei­ge­ner Ein­gang sorg­te da­ für, dass Per­so­nal und Herr­schaft sich nicht zu un­ge­be­te­ner Zeit über die Füße lie­fen. Ein­zi­ge Ver­bin­dung zwi­schen dem muf­fi­gen Dienst­bo­ten­trakt im Sei­ten­flü­gel und den stuck­ver­zier­ten Herr­ schafts­räu­men zur Stra­ße war der recht­wink­li­ge Knick im L: Das Ber­li­ner Zim­mer, ein zu­meist gro­ßer dunk­ler Durch­gangs­raum

Ber­li­ner Zim­mer

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Die Au­to­r en Vol­ ker Wiep­ recht (geb. 1963) und Ro­bert Skup­pin (geb. 1964) sind Ra­dio-Gi­gan­ten. Je­den­falls den­ken das die Hö­rer von ra­dio­ e­ins, der Bun­des­kanz­ler und sie sel­ber. In Mo­de­ra­tions-Se­mi­­na­ ren sa­­gen die Trai­ner im­mer: »Sie spie­len in ei­ner an­de­ren Liga. Ma­chen Sie das bloß nicht.« Und wer den Hals nicht voll genug krie­gen kann, dem sei ge­sagt: Ja, Sie haben es hier mit zwei Le­ gen­den zu tun.

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Leseprobe "Berliner populäre Irrtuemer"  

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