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Inhalt Sagenhaftes Potsdam – eine Art Vorwort  7 Unter den Eichen  11 Müller und Teufel   21 Der Babelsberg  27 Der Heilige See  39 Der Nix vom Schwielow  43 Das älteste Haus von Potsdam  53 Die fliegende Frau   61 Der Faule See  67 Der Brauhausberg  73 Der große Brand von Potsdam  77 Die Insel des Alchemisten   91 Der Räuber vom Liefeldsgrund   99 Der treue Schimmel  109 Der Schäfer aus Braunsberg   113 Das Bauernrätsel  117 Anhang Namen und Bezeichnungen   123 Quellen  125 Karte  126 Die Autorin  128

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Der große Brand von Potsdam

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an schrieb den Februar des Jahres 1536, als unsere Geschichte ihren Anfang nahm. Nach mehreren Tagen ununterbrochenen Schneefalls, der Potsdam unter einer dichten, weißen Decke begraben hatte, zeigte sich erstmals wieder die Sonne. Die Freude darüber währte jedoch nur kurz, denn ihr Licht war kalt und brachte zusammen mit einem scharfen Ostwind klirrendes Eis über Stadt und Land. Über Nacht gefror jeder Tropfen Wasser an den Hauswänden und in den Brunnen, die Havel erstarrte mitten im Lauf, und gesegnet war, wer einen guten Kamin und genügend Feuerholz im Hause hatte. An der Stelle, wo sich heute die Baumgartenbrücke nach Petzow und Werder über den Fluss spannt, türmten sich scharfgratige Eisschollen und rieben sich knisternd an den Wänden der wuchtigen Fähre, die bei Alt Geltow lag und damals den einzigen Übergang über die Havel bildete. Eines frostigen Nachmittags hatten die Fährleute ein mit bunten Schellen geschmücktes Schlittengespann an Bord genommen und hoben eben die Stangen, um vom Ufer der Werderaner Seite abzustoßen, als sie von zwei Reitern angerufen wurden, die sich in raschem Galopp näherten.

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Als sie herangekommen waren, sprangen sie von den Pferden und einer von ihnen, ein hochgewachsener, bis zum Kinn in Wolfspelz gekleideter Mann bat darum, sie mit überzusetzen. Nachdem er die Genehmigung erhalten hatte, grüßte er den Eigentümer des Schlittens höflich und bat ihn für die durch ihn verursachte Verspätung um Entschuldigung. Dieser, ein hochgeachteter Ratsherr aus Potsdam, der mit seiner siebzehnjährigen Tochter von einer Reise heimkehrte, erwiderte den Gruß des Fremden freundlich und während der langsamen Überfahrt entspann sich ein Gespräch zwischen ihnen, währenddessen die dunklen Augen des Reiters immer wieder über das zarte, von der Kälte gerötete Gesicht des Mädchens glitten, dessen unbefangener Blick keck unter ihrer schwarzen Fellkappe hervorlugte. Trotz der witterungsbedingten Schwierigkeiten schnitt die Fähre ruhig durch das tanzende Eis. Erst beim Anlanden passierte den Fährleuten ein Malheur. Obwohl sie hart dagegen ankämpften, prallte das Boot zuerst mit der Seite ans Ufer, und die durch den Stoß erschreckten Schlittenpferde drängten nach vorn. Der Ratsherr, der sie halten, zugleich aber auch seine Tochter sichern wollte, wurde von ihnen über die niedrige Bordwand gestoßen und versank augenblicklich unter den treibenden Schollen. Wie der Ungückliche hatte der fremde Reiter sich zu seinen unruhigen Pferden umgewandt. Sobald er aber den Schreckensruf des Mädchens hörte und das Barrett seines Reisegenossen auf dem Wasser schwimmen sah, warf er eiligst den Pelz ab und sprang in die eisigen Fluten. Als er

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bald darauf wieder auftauchte, trug er den halb erfrorenen, aber lebenden Mann auf seinen Armen. Er legte ihn dem Mädchen zu Füßen, und zum ersten Mal begegneten sich ihre Augen. Die des Mädchens waren feucht vor Dankbarkeit, dennoch entging ihr das dunkle Glühen in denen des Reiters nicht, eines, das sie noch nie zuvor gesehen hatte und sie gleichzeitig abschreckte und anzog. Einige Wochen später, als nur auf den Nordhängen des Babelsberges und des Brauhausberges noch Schneereste lagen, auf der Havel einzelne morsche Schollen trieben und die Auen der Nuthe bereits zu grünen begannen, saß der Ratsherr zum ersten Mal wieder in einem Sessel neben seinem Bett und schaute durch die Fenster freudig auf Fluss und Wiesen. So lange hatte er gebraucht, um sich von seinem Unfall zu erholen. Denn der Auskühlung war eine Lungenentzündung gefolgt, die mit bedrohlichen Fieberschüben einhergegangen war, und über den Winter hin hatte sein Leben mehrmals an einem seidenen Faden gehangen. Jetzt endlich schien die Krankheit überstanden, und vor ihm auf dem Teppich kniete seine glückliche Tochter Gertrud und unterhielt ihn mit allerhand mädchenhafter Kurzweil. Zwischendurch wischte sie sich heimlich immer wieder Tränen von den Wangen, wenn sie der Gefahr gedachte, in der ihr Vater geschwebt hatte, und damit auch sie. Denn ihre Mutter war früh gestorben, sodass sie jeden Abend beim Zubettgehen gefürchtet hatte, als Waise wieder aufzustehen. Wie sie ihrem Vater zwischen zwei Nachrichten aus der Nachbarschaft zulächelte, klopfte es an die Tür. Ger-

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trud rief ein »Willkommen«, und in die Stube trat die hohe Gestalt des Reiters von der Fähre. Nach dem Unglück auf der Havel war er nicht weitergezogen, sondern mit seinem Diener in einer Herberge eingekehrt, von wo er regelmäßig im Hause des Ratsherrn vorbeigesehen hatte, um sich nach dem Befinden des Kranken zu erkundigen oder ihm gegen das Fieber einen selbstgebrauten Trank zu bringen, der, wie man jetzt sah, Erstaunliches bewirkt hatte. Allein deshalb sah Gertrud ihn gern und aus einem anderen Grund, den sie sich selbst nicht recht zu benennen wusste. Diesmal besuchte er sie, um den Ratsherren zu seiner Genesung zu beglückwünschen, über die man überall in der Stadt sprach. Jener dankte ihm von Herzen und mehr noch Gertud, die davon überzeugt war, dass der dunkle Reiter ihrem Vater mit seinen Heiltränken zum zweiten Mal das Leben gerettet hatte. Von da an kam der Fremde täglich, um seinem Fährgenossen in der Zeit, die er benötigte, um nach der langen Bettruhe wieder zu Kräften zu kommen, Gesellschaft zu leisten. Seine übliche Besuchszeit war der späte Nachmittag, wenn der Ratsherr von einem erquickenden Mittagsschläfchen aufgestanden war. Dann tranken die beiden Männer Bier oder Wein und plauderten, bis es draußen dämmerig wurde und der Reiter sich verabschiedete, um in seine Herberge zurückzukehren, was Gertrud jedes Mal unglücklicher machte. Nicht nur, weil sie die Anwesenheit des großen Mannes mit den funkelnden Augen, die sich immer häufiger mit den ihren trafen, vermisste, sondern auch, weil über diese Herberge, ein schäbiges, dunkles Haus am Rande der Stadt, unter der Dienerschaft

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des Ratsherrn und den Händlern auf dem Fischmarkt unbehagliche Gerüchte kursierten. Zum Beispiel hieß es, dass die Herberge nach Sonnenuntergang verschlossen würde und keinen Reisenden mehr aufnahm, wiewohl doch gerade dies Sinn und Zweck einer Herberge war. Einige wollten zudem aus ihrem Schornstein gelblichen Rauch aufsteigen gesehen haben, der seltsam roch, andere hatten hinter ihren Mauern leises Wimmern, Klagen und andere merkwürdige Geräusche gehört, die sie weder Menschen noch Tieren zuordnen konnten. Infolgedessen hatten die Potsdamer begonnen, die Herberge zu meiden und, wo es ging, einen großen Bogen um sie zu machen, als fürchteten sie, von den düsteren Absonderlichkeiten in Bann geschlagen und – Gott bewahre! – von ihnen angesteckt zu werden. Als Gertrud einmal wagte, den Freund ihres Vaters darauf anzusprechen, lachte der bloß und schob die Phänomene, die sie ihm aufzählte, auf die blühende Vorstellungskraft der einfachen Leute. Und zu denen gehörte der große Reiter gewiss nicht, das merkte Gertrud schon an der Art, wie er sprach und seiner Fülle an Wissen. Sie hatte sich angewöhnt, sich mit einer Handarbeit in die Nähe der beiden Männer zu setzen, und lauschte aufmerksam ihren Gesprächen, fasziniert davon, dass es keine Gegend und kein Land zu geben schien, die der Reiter noch nicht bereist hatte, und kein Wissensgebiet, in dem er sich nicht auskannte, meist sogar besser als ihr Vater. Außerdem hatte er eine gewitzte Zunge, sodass sie oft lachen musste, und sprühte vor Geist, und immer häufiger fragte sie sich, woher er wohl komme und

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was es mit ihm auf sich habe, denn das Einzige, worüber er Stillschweigen bewahrte, waren seine eigenen Geschäfte. Nur seinen Namen nannte er: Hug. Und da Gertruds Vater den Unwillen seines Freundes, über sich selbst zu reden, bemerkte, befragte er ihn nicht weiter darüber. Neben dem persönlichen Geheimnis ihres Gastes und den Geschichten über seine Herberge machte aber noch etwas anderes dem Mädchen zu schaffen. Vom ersten Augenblick an hatte Hug sie auf unerfindliche Weise angezogen. Nur hatte Gertrud es zunächst der Dankbarkeit dafür zugeschrieben, dass er ohne zu zögern, in die eisige Havel gesprungen war, um ihren Vater zu retten. Und später, weil er ihn ungefragt mit jener wirksamen Arznei versorgt hatte, der ihr Vater seine Genesung verdankte. Mit der Zeit aber gesellte sich zu dieser wohlbegründeten Freude, die sie jedes Mal empfand, wenn Hug den Raum betrat, eine schwelende Unruhe, und sobald seine Augen sie trafen, begann sie zu zittern. Am schlimmsten war es, wenn seine Hand die ihre streifte, was seit einer Weile, durch Zufälle, die er, wie ihr schien, selbst herbeiführte, häufig geschah. In solchen Augenblicken wogte ein innerliches Feuer in ihr auf und schlug ihr bis in die Wangen, dass sie zu verbrennen glaubte. Sobald er das Haus verließ, ergriff Gertrud jedoch eine tiefe Niedergeschlagenheit. Nachts wälzte sie sich schlaflos in den Decken, und am Morgen war sie schwach und fühlte sich krank, was allerdings nur solange anhielt, bis er am Nachmittag anklopfte. Dann kehrte plötzlich alle Kraft der Jugend zu ihr zurück, zugleich aber auch die drückende Unruhe und die Angst, er könne aus irgendeinem Grund eines Tages fortbleiben.

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Eine andere Sache, die Gertrud sich nicht erklären konnte, war, dass sie manchmal, während Hug mit ihrem Vater sprach, unwillkürlich zurückschreckte, als hätte er sie geschlagen. Wenn sie sich danach aber seine Worte, ins Gedächtnis zurückrief, fand sie keines darunter, dass diese Wirkung rechtfertigte. Es musste demnach, sagte sie sich, etwas an ihm selbst sein, das sie von Zeit zu Zeit zur Vorsicht mahnte. Bei anderen Gelegenheiten, und die waren Getrud lieber, wandte Hug mitten im Gespräch den Kopf und sah sie an. Und dann redete er in einem veränderten Ton weiter und sie fühlte, dass seine Worte noch einen anderen Sinn hatten, der gar nicht in das jeweilige Thema hineinpasste und nur in ihrem Herzen einen Widerhall fand. Je weiter der Frühling fortschritt und je farbenfroher die Natur lockte, desto lieber und unentbehrlicher wurde Hug dem Ratsherrn. Endlich wieder ganz bei Kräften, ritt er jetzt häufig mit ihm aus und lud ihn auch zum Essen, was jener, da es nun später dunkelte, dankend annahm. Ging aber die Sonne unter, konnte der Ratsherr bitten, soviel er wollte. Es gebe eine Abmachung zwischen ihm und dem Herbergswirt, erklärte Hug, bei anbrechender Dunkelheit im Hause zu sein. Danach nämlich lasse der Wirt nach einigen üblen Erfahrungen mit zwielichtigem Gesindel keinen mehr ein. Dabei sah er Gertrud bedauernd an, die die Sprache seiner Augen inzwischen ebenso gut verstand, wie den Druck seiner Hand und den wechselnden Ton seiner Stimme. Ohne es gesagt zu haben, wussten beide, wie es um sie stand. Und mit den Knospen der Linden vor ihrem Haus brach auch das bislang unterdrückte Gefühl in Gertruds

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Brust auf und begann zu blühen, und das Leuchten in den Augen ihres Geliebten war ihr Sonne und Nährstoff dabei. Freimütig gab sie sich dem Einfluss hin, den Hug mit jedem Tag stärker über sie gewann. Ja selbst körperlich schien er auf sie zu wirken. Wenn sein Blick ihren Nacken traf, drehte sie sich um, auch wenn sie sein Kommen nicht bemerkt hatte, bald schon brauchte sie keinen ihrer Sinne mehr, um seine Anwesenheit wahrzunehmen, sie wusste es einfach. Berührte Hug ihr Kleid oder gar ihren Körper, dann erschauerte sie, und sie vergaß auf der Stelle, dass sie je etwas gedacht oder gewollt hatte, außer das, was er dachte und wollte. Wie der Blick einer Schlange das Kaninchen, so fesselte sie der seine, doch ängstigte Gertrud sich nicht dabei. Im Gegenteil wollte sie für alle Zeiten in seinem Glühen aufgehen und die Welt für immer so intensiv erleben wie jetzt, wo sie sogar zu hören meinte, wenn ein Schmetterling neben ihr die Fühler einzog, und der Duft der Maiglöckchen sie bis in die Zehenspitzen hinein ausfüllte. Wer könnte sie schildern, die süße Zwiesprache, die Gertrud in den Nächten mit ihren Träumen und Sehnsüchten hielt, wer die Seligkeit der Morgenstunden, in denen die Lerchen von ihrer Erfüllung sangen, oder die flatternde Erregung in den Minuten, bevor er an die Tür klopfte … Ihr Vater, der Ratsherr, bemerkte von all dem nichts. Noch immer hielt er für Dankbarkeit, was längst Liebe war, denn es kam ihm nicht im Entferntesten in den Sinn, dass sein Töchterchen vom Kind zu einer jungen, schönen Frau mit romantischen Neigungen gereift war. Und

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auch, dass sein Freund Hug sich in Getrud verguckt haben könnte, streifte er mit keinem Gedanken, zumal jener sich bereits im mittleren Mannesalter befand und so streng, manchmal direkt finster wirkte. Als Gertrud aber, umwogt von den Düften des Mai unter dem sehnsuchtsvollen Lied einer Nachtigall, zum ersten Mal an Hugs Lippen sank und sich ihre Seele in seinem Kuss zu verkörpern schien, wollte sie hernach sofort zu ihrem geliebten Vater eilen, um ihn an ihrem Glück teilhaben zu lassen. Hug aber hielt sie davor zurück. Es sei zu früh, gab er zu bedenken, man wisse nicht, ob sein vom Winter geschwächtes Herz eine solche Botschaft aushielte. Auch sei er zwar ein guter Freund des Vaters, aber nicht von seinem Stande, ohne festen Aufenthalt, und es sei fraglich, ob der Ratsherr eine Verbindung zwischen ihm, einem preußischen Ritter, und seiner einzigen Tochter gutheißen würde. Unter seinem beschwörenden Ton und der Offenbarung seines Berufes gab Gertrud nach, doch in den folgenden Wochen fing sie immer wieder davon an, ihre Liebe – die sie am liebsten in die ganze Welt hinaus gerufen hätte – zumindest ihrem Vater beichten zu wollen. Sie vor ihm versteckt zu halten, erschien ihr wie Verrat, außerdem war sie überzeugt davon, dass er ihrer Hochzeit mit Hug seinen Segen erteilen würde, und sei es nur um ihres Glücks willen. Hug jedoch erfand immer neue Gründe, das Schweigen zu bewahren, und weil Gertrud ihn nicht verlieren wollte, fand sie sich drein. Um nicht gesehen zu werden, trafen sie sich meist heimlich im Garten hinter dem Haus, manchmal besuchte

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Hug sie auch in ihrer Kammer – wobei sie sich fragte, wie er aus der verschlossenen Herberge herausgekommen war – und legte sich zu ihr. Dann schmiegte Gertrud sich an ihn und versuchte in der Wärme seiner Haut die stille Übereinstimmung wiederzufinden, die sie bis zu ihrem ersten Kuss verbunden hatte. Aber zu ihrer Bestürzung gelang es ihr nicht, und auch sonst wandelte sich ihr Gefühl für den Geliebten langsam, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte. Zwar spürte sie es noch genauso intensiv wie vorher, doch durchzog es nun etwas Bitteres, Trauriges, das nur seine Stimme lindern konnte, weshalb es sie umso enger zu ihm hinzog. Dass auch Hug sich veränderte, merkte sie daran, dass die Worte, die er mit ihrem Vater wechselte, keine Botschaften für sie mehr enthielten, und oft fühlte sie sich von ihm wie sein Eigentum behandelt, ohne dass er das ihre wäre, und als sei seine Liebe nur groß in ihren Ansprüchen. Es gibt ein Herzensweh, das sich von normalem Kummer dadurch unterscheidet, dass es aus einer Mischung aus Freude und Leid zusammengesetzt und so stark ist, dass es sich nicht durch Worte, sondern nur durch Tränen ausdrücken lässt. Ein solches hatte Gertrud erfasst. Und so lag sie häufig auf ihrem Bett und schluchzte – nicht auf Erlösung hoffend, nur auf Befreiung von der Enge in ihrer Brust. Dabei halfen ihr die Tränen auch, doch nicht lange, da schüttelte es sie von Neuem und schließlich wurde sie krank. Wie schon bei ihrem Vater übernahm Hug es, sie zu heilen. Geduldig rührte er Pulver und Öle zu Salben, mischte Tränke und legte fiebersenkende Wickel auf, als hätte er sein Lebtag nichts anderes gemacht.

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Mehr als alle Arznei wirkte auf die Kranke, die neben dem Fieber hauptsächlich unter Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen litt, aber, wenn Hug ihr mit den Fingerspitzen sacht über die Schläfen strich, was in langsamen, ausdauernden Kreisen geschah. Nur dann konnte sie schließlich einschlafen und sich für eine Zeit lang von den Schmerzen erholen. Während dieses Schlafes saß Hug an ihrem Bett, den Blick unverwandt auf ihre halb geschlossenen, zuckenden Lider geheftet. Manchmal begann Gertrud, in wirren Träumen zu sprechen, dann bestrich er sie schnell mit den Fingerspitzen in entgegengesetzter Richtung als vorher, worauf sie augenblicklich erwachte. Nach ihrer Genesung fiel allen eine deutliche Wesensveränderung bei Gertrud auf. Das einst so heitere, verspielte Mädchen war jetzt ernst und ihre Stimmung melancholisch geworden, auch blieb ihr noch immer ein leichter Schmerz in der linken Schläfe, der jedoch sogleich aufhörte, wenn Hug seine Hand darauf legte. Doch auch ihr Verhältnis zu ihm hatte sich gewandelt. Zwar hing Gertrud immer noch mit derselben innigen Zärtlichkeit an ihm wie zuvor, aber es wohnte ihr jetzt etwas Entsagendes und eine gewisse Scheu inne, als ob sie ihn trotz aller Zuneigung fürchtete. Nachteilig auf ihren Zustand schienen ihre Träume zu wirken, die sie auch nach der Heilung noch häufig heimsuchten, und es gelang Hug bei aller Mühe nicht, sie zu vertreiben und ihr einen ruhigen Schlaf zu schenken, wenn er es auch immerhin vermochte, denselben durch Kräuter und seltsame Figuren, die er ihr auf die Brust oder unter das Kissen legte, zu verlängern.

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Was ihm aber besondere Sorgen bereitete war der Inhalt der Träume, der sich ihm manchmal in Wortfetzen offenbarte und in dem er zu seinem Erschrecken Zusammenhänge zur Wirklichkeit erkannte, die er vor Gertrud und ihrem Vater sorgfältig hütete. Hatten ihre Gedanken und Gefühle sich bis jetzt von ihm leiten lassen, so sah sie jetzt im Traum die seinen, ohne dass er Einfluss darauf hatte. Sein einziger Trost bestand darin, dass sie selbst offenbar von dieser Gabe nichts wusste. Und er beschloss, darüber zu wachen, dass es so blieb. Dass seine Macht endlich war, merkte Hug eines Nachmittags, als Gertrud mit einem tiefen Seufzer aus einem langen Schlaf erwachte, bei seinem Anblick entsetzt aufschrie und ihr Gesicht vor ihm verbarg. Er wollte ihr seine Hand auflegen, doch sie wehrte sie ab, drängte von ihm weg an die andere Seite des Bettes und begann ungestüm zu weinen. Mit düsterer Miene sah Hug ihr zu, betrachtete ihr gelöstes Haar und dachte, wie schön sie doch war, und wie schade das alles. Dann erst fragte er, was geschehen sei, warum sie ihn von sich stoße. Gudrun wandte ihm langsam ihr nasses Gesicht zu. Und mit einer Ruhe, die fast schlimmer war als das Weinen vorher, sagte sie: »Ich weiß alles, Hug. Ich weiß, wer du bist und was ich dir bedeute. Der heutige Traum hat mir den letzten Schleier von den Augen gezogen. Dass du ein fahrender Johanniter-Priester bist, der sich mein argloses Herz zum Zeitvertreib auserkoren und mein junges, frisches Leben verspielt hat – das mag Gott dir vergeben, so wie ich es dir vergebe, habe ich doch wenigstens einen

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Pfaueninsel

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Heiliger See Jagdschloss

4

3

2

Klein ­Glienicke

Berlin

Babelsberg

Brauhausberg

Alt-Potsdam

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Bassin

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Kiez

  9 10 11 12

Der Brauhausberg Der große Brand von Potsdam Die Insel des Alchemisten Der Räuber vom Liefeldsgrund

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13 Der treue Schimmel 14 Der Schäfer aus Braunsberg 15 Das Bauernrätsel

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Die Autorin Christine Anlauff, geboren 1971 in Potsdam, wo sie auch lebt. Nach einer Ausbildung zur Buchhändlerin studierte sie Archäologie, Geschichte und Literaturwissenschaft in Berlin und Potsdam. 2005 erschien ihr Debütroman »Good morning Lehnitz«. 2010 folgte mit »Katzengold« der erste ihrer inzwischen drei Bände umfassenden Katzenkrimi-Reihe, die ebenfalls in Potsdam spielt.

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Ebenfalls als ebook erhältlich:

Der Fall Garnisonkirche Ein Verloren-in-Potsdam-Krimi ISBN 978-3-8393-6144-3 Potsdam, im Sommer 2016. Ein Sprengstoffanschlag zerstört den bereits teilweise wieder aufgebauten Turm der Potsdamer Garnisonkirche. Dem Literaturkritiker und Blogger Justus Verloren läuft es eiskalt den Rücken hinunter: Wenige Tage zuvor ist ihm ein Manuskript zugespielt worden, das haarklein der Hergang des Anschlags schildert. Nur der Tote, den man unter den Trümmern gefunden hat, wird darin nicht erwähnt. Unterstützt von seiner attraktiven Errungenschaft Magda geht Justus der Sache nach - und verstrickt sich in einem Geflecht von Hass, Eifersucht, Gier und Politik...

Weitere Infos unter www.bebraverlag.de

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