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Hefte zur Geschichte der Charité – Universitätsmedizin Berlin

Herausgegeben von Thomas Beddies und Heinz-Peter Schmiedebach Heft 4

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JUDITH HAHN

Leibesßbungen und Leistungs­ medizin Der Sportarzt Karl Gebhardt und die Heilanstalten Hohenlychen in der NS-Zeit

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Gefördert mit Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin.

Die Umschlagseite vorn zeigt Karl Gebhardt mit Patienten in Hohenlychen, um 1936.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2018 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Matthias Zimmermann, Berlin Umschlag und Satz: typegerecht, Berlin Schrift: Minion Pro 10,5/14 pt Druck und Bindung: Elbe Druckerei, Wittenberg ISBN 978-3-95410-223-5 ISSN 2568-5368 www.bebra-wissenschaft.de

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EINLEITUNG

Der Chirurg und Sportmediziner Karl Gebhardt (1897–1948) gehörte zu jenen Wissenschaftlern des »Dritten Reiches«, die medizinethische Grundsätze in gravierender Weise missachteten. Als ranghoher SS-Mediziner führte er 1942 kriegschirurgische Experimente an Häftlingen im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück durch, in deren Folge Versuchsopfer starben. Für sein Handeln musste er sich 1946/47 im Nürnberger Ärzteprozess verantworten, wurde zum Tode verurteilt und 1948 hingerichtet. Gebhardts Karriere hatte in München begonnen und bereits dort stimmten seine wissenschaftlichen Interessen mit den Zielen der späteren NS-Gesundheitspolitik weitgehend überein. 1933 wechselte er nach Berlin und gehörte während der Zeit des Nationalsozialismus der Medizinischen Fakultät der Berliner Universität an. Als politisch gut vernetzter Chirurg mit Schwerpunkt Sportmedizin profitierte er von dem Bedeutungszuwachs, den die »Machtergreifung« dem Sport als Mittel der Wehrkraftsteigerung und »Gesundheitsführung« bescherte. Angebunden an die Deutsche Hochschule für Leibesübungen in Berlin, übernahm er zunächst die ärztliche Leitung einer »Klinik für Sport- und Arbeitsschäden« in den etwa 100 Kilometer nördlich von Berlin gelegenen Heilanstalten vom Roten Kreuz Hohenlychen. Im Vorfeld der Olympischen Spiele 1936 baute er diese Klinik zu einem Sportsanatorium aus, das sich in kurzer Zeit zu einer international bekannten Adresse entwickelte. Politikern und Funktionären des Regimes diente sein »Reichssportsanatorium« als Vorzeigeobjekt für die Errungenschaften der NS-Gesundheitspolitik. 1937 erhielt Gebhardt die erste Professur für Sportmedizin an der Berliner Universität.

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DIE SPORTMEDIZIN UND DIE BERLINER UNIVERSITÄT VOR 1933

Die Sportmedizin war in der Zeit des Nationalsozialismus noch ein junges Fach; die Qualifikation »Sportarzt« war erst 1925 eingeführt worden.1 Die Institutionalisierung der Sportmedizin war zunächst außerakademisch erfolgt, doch bereits daran hatten Mediziner der Berliner Universität maßgeblich Anteil gehabt. Der erste Sportärzte-Kongress 1912 in Oberhof, ein Meilenstein auf dem Weg der Selbstorganisation von Sportärzten, hatte unter dem Vorsitz von Friedrich Kraus (1858 –1936), Leiter der II. (Inneren) Medizinischen Klinik der Charité von 1902 bis 1927, und Ferdinand August Schmidt (1852–1929) stattgefunden. Rahel Hirsch (1870 –1953), Assistentin bei Kraus, hatte daran als einzige Frau teilgenommen.2 Zu den aktivsten Wissenschaftlern der Kraus’schen Klinik, die in den 1920er Jahren im Bereich der Sportmedizin forschten und lehrten, gehörte Herbert Herxheimer (1894 –1985). Ihm wurden der Aufbau und später die Leitung einer sportärztlichen Untersuchungsstelle übertragen, die – ab 1928 von der Stadt Berlin finanziert  – Sportvereine sowie Sport- und Schulärzte beriet. Als standespolitisch engagierter Sportarzt beteiligte er sich an der Organisation einer Sportärztetagung in Berlin, die 1924 zur Gründung des »Deutschen Ärztebundes zur Förderung der Leibesübungen« führte.3 Doch nicht nur Internisten wie Herxheimer, auch Mediziner anderer Fachdisziplinen interessierten sich für physiologische Grundlagen, Prozesse und Veränderungen, die sportliches Training und Bewegung im Körper bewirkten. An unterschiedlichen Kliniken der Berliner Universität entstanden sportmedizinische Labore und Untersuchungsstellen. Als erster Direktor der 1920 gegründeten Deutschen Hochschule für Leibesübungen hatte der Berliner Chirurg August Bier (1861–1949), Leiter der I. Chirurgischen Universitätsklinik von 1907 bis 1932, besonderen Anteil 6

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Die Deutsche Hochschule für Leibesübungen in Berlin, undatiert

an der Etablierung der Sportmedizin in Berlin. Die Hochschule entwickelte sich zu einer bedeutenden Einrichtung des Reiches, bildete am »Deutschen Stadion« in Berlin-Charlottenburg Sportlehrer aus und trieb die wissenschaftliche Erforschung des Sports voran. Ihr Träger, der Deutsche Reichsausschuss für Leibesübungen (DRA), stellte die größte und wichtigste Sportvereinigung der Zeit dar. Als Mitinitiator, Verwaltungsleiter und Lehrer prägte Carl Diem (1882–1962) maßgeblich das Profil der Hochschule.4 Zwischen der Hochschule für Leibesübungen und der Berliner Medizinischen Fakultät bestanden vielfältige Kooperationen. Angehende Sportlehrer der Hochschule für Leibesübungen nahmen an universitätsmedizinischen Seminaren und Vorlesungen teil, Sportler der Hochschule dienten Wissenschaftlern der Universität und der Charité als Probanden für sportmedizinische Untersuchungen.5 7

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Mediziner der I. Chirurgischen Universitätsklinik in der Ziegelstraße behandelten Sportverletzte der Hochschule, so beispielsweise Frohwalt Heiß (1901–1988), ab 1926 Assistenzarzt bei August Bier und ab 1928 Dozent an der Hochschule für Leibesübungen. Er war Mitbegründer der internationalen Sportärzte-Organisation FIMS 1928, in der Zeit des Nationalsozialismus sollte er dem Mitarbeiterstab Gebhardts angehören.6 Biers medizinisches Konzept sah den Einsatz von Leibesübungen zur Prävention und Therapie vor. Sein gesundheitlicher wie auch sozialer Erziehungsanspruch bezog dabei lebensreformerische und naturheilkundliche Elemente ein. Gemäß seiner »Reizlehre«, die davon ausging, dass mechanische Druck- oder Zugreize bei Knochen- oder Muskelgewebsschädigungen nicht notwendig schadeten, vielmehr in geeigneter Anwendung als Training produktiv auf den Heilungsverlauf wirkten, setzte er gezielt Gymnastik und Massagen als Therapie zur Beförderung der Genesung Erkrankter und Verletzter ein.7 Die I. Chirurgische Universitätsklinik verfügte dafür über eine krankengymnastische Abteilung, die zunächst der Sportler und Sportmediziner Arthur Mallwitz (1880 –1968) leitete, ab 1920 der Sportmediziner Wolfgang Kohlrausch (1888–1980). Kohlrausch übernahm ab 1922 zusätzlich das Amt des »Sport- und Studentenarztes der Universität«.8 Auch der Bier-Schüler Eugen Kisch (1885 –1969) nutzte in einer Abteilung für äußere Tuberkulose der Heilanstalten vom Roten Kreuz in Hohenlychen, einer 1914 eingerichteten Außenstation der Chirurgischen Klinik, gymnastische und physikalische Verfahren der Behandlung.9

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DIE SPORTMEDIZIN IN BERLIN AB 1933

Nachdem das wissenschaftliche Interesse an Sport und Leibesübungen zur Gesunderhaltung der Bevölkerung und als Therapieansatz bereits während der Zeit der Weimarer Republik stark gestiegen war, maß auch die nationalsozialistische Politik den Leibesübungen einen besonderen Stellenwert bei: Sie galten als zentrales Mittel der Leistungssteigerung, Wehrertüchtigung und Gesundheitsführung.10 So erfuhr der gesamte Bereich des Sports ab 1933 einen Bedeutungszuwachs, der mit einer umfassenden Neuordnung einher ging und mit der »Gleichschaltung« von Vereinen, Verbänden und Einrichtungen seinen Anfang nahm. Nach den Vorstellungen von Mallwitz sollten Sportärzte und sportärztliche Untersuchungsstellen fortan vor allem im Dienste der Rassenhygiene und Bevölkerungspolitik in der Breite wirken und gemäß des Auslese- und Leistungsprinzips Massenuntersuchungen in HJ, BDM, SA, SS sowie in Schulen und Hochschulen durchführen.11 Für die Deutsche Hochschule für Leibesübungen, deren Leitung August Bier mit seiner Emeritierung 1932 an den Leiter der II. Chirurgischen Universitätsklinik an der Charité, Ferdinand Sauerbruch (1875 –1951), abgegeben hatte, folgte auf die »Machtergreifung« die Umformung und Ergänzung des Mitarbeiterstabes mit überzeugten Nationalsozialisten, eine schrittweise Schließung und schließlich 1936 die Wiedereröffnung unter neuen Vorzeichen und dem Namen »Reichsakademie für Leibesübungen«. Die Ausbildung von Sportlehrern erfolgte nun in militärähnlicher Form, die Ausbildung von Frauen wurde an die Universität Marburg verlegt. Neuer Präsident wurde der Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten (1887–1943), der die Gleichschaltung und Neuordnung der Sportverbände des Reiches nach dem »Führerprinzip« durchführte. In seiner Zuständigkeit lag die Auflösung des Trägervereins der Deutschen Hochschule, dessen Aufgaben nun 9

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der Deutsche Reichsbund für Leibesübungen (DRL) übernahm, ab 1938 umbenannt in Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesübungen (NSRL).12 Das Direktorat übernahm Carl Krümmel (1895 –1942), Chef des Amtes »K« für »Körperliche Erziehung« im Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, der sich die »Reform der Leibeserziehung an Schulen und Hochschulen im Geiste des Nationalsozialismus« zur Aufgabe machte.13 Bemühungen von Sportmedizinern wie Mallwitz, Kohlrausch und Herxheimer, die Berliner Medizinische Fakultät 1933 nach dem Vorbild der Universitäten Freiburg und Hamburg zur Er-

Hans von Tschammer und Osten, seit 1922 im völkischen Jungdeutschen Orden aktiv, trat 1929 der NSDAP bei und wurde 1931 SA-Gruppenführer. 1933 zum Reichssportkommissar und Reichssportführer ernannt, unterstand ihm die Planung und Organisation aller Sportveranstaltungen im »Dritten Reich«. Als Mitglied des Deutschen Olympischen Ausschusses verschärfte er nach den Olympischen Spielen 1936 die Ausschaltung jüdischer Sportler. Innerhalb der NS-Freizeitorganisation »Kraft durch Freude« leitete er die Sektion Sport.14 Carl Krümmel gehörte dem Freicorps Epp an und nahm 1919 an der Niederschlagung der Räterepublik in München teil. Er studierte Staatswissenschaften und Anthropologie in München und promovierte 1922 über »Arbeitsfähigkeit und Körpererziehung«. 1924 wurde er an die Heeressportschule Wünsdorf berufen und lehrte auch an der Deutschen Hochschule für Leibesübungen in Berlin. Er galt als hervorragender Leichtathlet und machte sich als Trainer und Wissenschaftler mit Versuchen zur Leistungssteigerung einen Namen. 1933 leitete er die Abteilung Geländesport bei der SA; 1934 wechselte er ins Reichserziehungsministerium und war dort für den gesamten Bereich der Sport- und Leibeserziehung zuständig.15

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richtung eines universitären Sportärztlichen Instituts zu bewegen, blieben erfolglos.16 Während Mallwitz in der Zeit des Nationalsozialismus weiterhin als Sportärztefunktionär aktiv war und seine sportmedizinische Karriere als Ausbildungsleiter an der »Schule für Krankengymnastinnen« in Berlin-Eichkamp, einer an die Chirurgische Universitätsklinik angegliederte Einrichtung, fortsetzte, wurde Herxheimer, seit 1932 außerplanmäßiger Professor an der Berliner Universität, wegen seiner »nicht-arischen« Herkunft gekündigt, 1938 emigrierte er nach Großbritannien.17 Eine ordentliche Professur für Sportmedizin wurde erst 1937 an Karl Gebhardt vergeben. Deren Einrichtung erfolgte politisch über Umwege, durchaus aber anknüpfend an die bestehenden Verbindungen zwischen Hochschule für Leibesübungen und Medizinischer Fakultät.

KARL GEBHARDTS WEG ZUR PROFESSUR FÜR SPORTMEDIZIN DIE MÜNCHENER ZEIT

Bevor Karl Gebhardt 1933 nach Berlin wechselte, hatte er sich an der Universität München auf Chirurgie und Sportmedizin spezialisiert. Gleichzeitig legte er in dieser Zeit nicht nur fachlich, sondern auch politisch die Grundlagen für seine weitere Medizinerlaufbahn. 1897 im bayerischen Haag als Sohn eines Arztes und Ministerialrats geboren, wuchs Gebhardt in Rosenheim, Landshut und München auf. Er gehörte der »Frontkämpfer-Generation« an, meldete sich freiwillig zum Einsatz im Ersten Weltkrieg, geriet in britische Kriegsgefangenschaft und schrieb sich nach seiner Rückkehr 1919 zum Medizinstudium in München ein. 1923 wurde er appro11

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biert, seine Medizinalpraktikantenzeit absolvierte er im städtischen Krankenhaus Landshut und im anatomisch-pathologischen Institut an der Universität München. Anschließend erhielt er zunächst eine unselbstständige Volontärarztstelle, 1926 dann eine Stelle als Assistenzarzt an der chirurgischen Universitätsklinik in München, die zu dieser Zeit Ferdinand Sauerbruch leitete.18 Als Sauerbruch 1928 nach Berlin wechselte, blieb Gebhardt in München. Unter dem Nachfolger Erich Lexer (1867–1937), einem Spezialisten für Wiederherstellungschirurgie, übernahm Gebhardt dort noch im gleichen Jahr die Leitung einer Abteilung für Sport- und Nachbehandlung an der chirurgischen Universitätsklinik.19 Was ihn hierfür qualifizierte und worin sein spezifisches Interesse bestand, geht aus einem Lebenslauf von 1935 hervor: »Aus den Anfangsversuchen heraus gründete ich 1926, unterstützt von Geheimrat Sauerbruch, das Übungslager in Hohenaschau für erholungsbedürftige und verletzte Lehrlinge, das ich bis zum Sommer 1933 jedes Jahr mit einem von mir selbst ausgebildeten Stab von Sportlehrern und Krankengymnasten führte. Aus diesen Arbeiten entwickelte sich die Betätigung an der Schule für staatliche Krankengymnasten in München, die Zusammenarbeit mit den Lehrlingswerkstätten der bayrischen Reichseisenbahn, mit den Staatsschulen, mit Turn- und Sportvereinen.«20 Die Zielgruppe der »Lehrlingsübungslager« in Hohenaschau war, wie Gebhardt später im Nürnberger Ärzteprozess noch einmal ausführte, »versagende Jugend. Ich war Berater an verschiedenen Lehrwerkstätten. Die Jugendlichen, die nicht mitgekommen sind und zurückgeblieben sind und krank waren und im Dienst ausfielen, die schlechte häusliche Verhältnisse hatten, habe ich zusammengefangen und in bestimmte Kräftegruppen eingeteilt und da trainiert. Aus dem besteht das, was später Hohenlychen wurde.«21 Die genannten »Anfangsversuche« hatte er im »ärztlichen Dienst« des völkisch-nationalen Freikorps Bund Oberland gemacht, wo er 12

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sich um die Jugendarbeit kümmerte. Eigenen Angaben zufolge war er 1920 erst dem Freikorps Epp, dann dem Freikorps Oberland beigetreten, 1923 hatte er am Münchener Hitler-Putsch teilgenommen.22 Deutlich wird damit eine frühe und enge Verbindung von ärztlichem Engagement, politischer Aktivität und Jugendarbeit in völkisch-nationalen Wehrverbänden. Medizinische Fachartikel Gebhardts zeigen, dass er bereits 1925 als »Sportarzt« dem »Deutschen Ärzteverband für Leibesübungen« angehörte und sich der Bier’schen Reizlehre verpflichtet fühlte.23 In Beiträgen der 1920er Jahre befasste er sich sowohl mit der Nachbehandlung von Spätschäden bei Sportverletzungen als auch dem Einsatz sportlicher Übungen im Kontext gesundheitlicher Fürsorge und Vorsorge, die er in seinen Übungslagern praktizierte.24 In einem Aufsatz über »Praktische sportärztliche Tätigkeit« sprach er sich 1925 für die wissenschaftliche Erforschung und Bestimmung von Richtlinien für körperliche Erziehung aus. Der Wert dieser Richtlinien müsse sich in der Breitenwirkung erweisen. Erst wenn sie den Bedürfnissen und der »Bildungsfähigkeit« der »breitesten Volksschichten« entsprächen, sei Fortschritt für die körperliche Erziehung möglich. Die körperliche Ertüchtigung »der Jugend« hielt er für eine notwendige staatliche Aufgabe, da »als schwerste Folge der Niederlage im Weltkriege« die allgemeine Wehrpflicht abgeschafft sei.25 Den »wahren Wert der Leibesübungen« erkannte er in der Wirkung auf »die ganze Persönlichkeit, Stimmung und Charakter« eines Menschen, sodass »die Leibesübungen schließlich der intellektuellen und sittlichen Erziehung des Volkes« dienten.26 Den Nutzen und Erfolg seiner Übungslager bewertete er diesbezüglich 1927 wie folgt: »Als gesicherter Gewinn wird […] erhöhte körperliche Widerstandskraft, wahrscheinlich auch bessere Fachleistung im folgenden Arbeitsjahr erzielt. Das Übungslager kann sich schließlich auch als eine Art ›Filter‹ auswirken, d. h. wer sich bei diesem auf sein persönliches Reizbedürfnis und Arbeitsbedingun13

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gen zugeschnittenen Übungsbetrieb nicht erholt und somit dann höheren Anforderungen nicht gerecht wird, ist als für den gewählten Beruf unbrauchbar einzuschätzen.«27 Für seine Therapie der »aktiven Fürsorgearbeit«,28 die er bei seinen Lehrlingsübungslagern zur Stärkung der Arbeitskraft Jugendlicher entwickelte, prägte Gebhardt 1929 den Begriff der »Übungsfürsorge«.29 Wesentliche Aspekte, wie die Leistungssteigerung, der Präventionsgedanke sowie der Einsatz von Leibesübungen für die Wehrertüchtigung und als persönlichkeitsstärkendes wie gemeinschaftsstiftendes Mittel der Erziehung, die Gebhardt als Sportarzt in München wichtig waren, sollten zugleich mit den gesundheitspolitischen Prämissen der NS-Zeit übereinstimmen. Bereits in seiner Münchener Zeit verstand er sich nicht nur als Arzt, sondern auch als ärztlicher Erzieher und Berufsberater.30 Gebhardt habilitierte sich 1932 in München mit einer Studie über den »Bandschaden des Kniegelenks« im Fach Chirurgie.31

DER WECHSEL VON MÜNCHEN NACH BERLIN 1933

Mit seinem sportmedizinischen Profil, seinen Kontakten zu Sportvereinen, Arbeitgebern, Schulen sowie dem Bayerischen Kultusministerium und nicht zuletzt seiner politischen Nähe zu Anhängern der völkischen Bewegung, die mit der »Machtergreifung« in einflussreiche politische Ämter gelangten, eröffneten sich für Gebhardt 1933 neue Karrierechancen. Zum 1. Mai 1933 trat er der NSDAP bei.32 Der Wechsel von München nach Berlin erfolgte etappenweise, neben dem späteren Reichsärzteführer Gerhard Wagner (1888–1939) hatten daran der Reichssportführer Hans von Tscham­mer und Osten sowie der Medizinalrat im Preußischen Innenministerium und spätere Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti (1900 –1945) großen Anteil.33 14

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Gerhard Wagner, Mediziner, gehörte im München der 1920er Jahre den Freikorps Epp und Oberland an. Er war 1929 Mitbegründer des NSDÄB und übernahm 1932 dessen Leitung. Als Ärztefunktionär

schaltete er ab 1933 die kassenärztlichen Vereinigungen gleich, übernahm 1935 die Leitung der Reichsärztekammer und führte den Titel »Reichsärzteführer«. Als Verfechter einer rigorosen Rassen- und Bevölkerungspolitik war er am Zustandekommen der »Nürnberger Gesetze« beteiligt und setzte sich für die Umsetzung des »Euthanasie«Gedankens ein.34 Leonardo Conti, bereits während seines Medizinstudiums in Berlin und Erlangen in völkischen Studentengruppen aktiv, gehörte 1929 zu den Mitbegründern des NSDÄB, 1930 wechselte er von der SA in die SS. Als Standespolitiker stieg er ab 1933 vom Stadtmedizinalrat in Berlin zum »Reichsgesundheitsführer« auf. In der Nachfolge Wagners unterstand ihm ab 1939 das gesamte zivile Gesundheitswesen des »Dritten Reiches«. Er war in die Vorbereitung und Durchführung von Krankenmorden und von Menschenversuchen im KZ Buchenwald involviert.

Als Führer des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes (NSDÄB) bekleidete Wagner zu dieser Zeit eine machtvolle Position im Reich, trieb maßgeblich die »Gleichschaltung« der deutschen Ärzteschaft und die Umformung des Gesundheitswesens voran. Der Stellvertreter des Führers, Rudolf Heß, band ihn als Beauftragten für Hochschulfragen in seinen Stab ein.35 Im Mai 1933 berief Wagner Gebhardt zu seinem medizinischen Berater hinsichtlich der Einführung einer Arbeitsdienstpflicht.36 Einen solchen Pflichtdienst hatten rechtsgerichtete Parteien bereits in der Weimarer Zeit gefordert, nun plante das Reichsarbeitsministerium die Umsetzung als Instrument nationalsozialistischer Erziehung.37 Im Juli 1933 15

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Leibesübungen und Leistungsmedizin (Leseprobe)  

Der Mediziner Karl Gebhardt durchlief in der NS-Zeit eine einzigartige Karriere. 1933 übernahm er die Leitung der Heilanstalten Hohenlychen,...

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Der Mediziner Karl Gebhardt durchlief in der NS-Zeit eine einzigartige Karriere. 1933 übernahm er die Leitung der Heilanstalten Hohenlychen,...

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