Identität und Differenz (Leseprobe)

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IDENTITÄT UND DIFFERENZ

Das Problem einer integralen

europäischen Geschichte

Kroll
Frank-Lothar
BeBra Wissenschaft Verlag

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© be.bra wissenschaft verlag GmbH

Berlin 2023

Asternplatz 3, 12203 Berlin

post@bebraverlag.de

Lektorat: Robert Zagolla, Berlin

Umschlag und Satz: typegerecht berlin

Schrift: Expo 10 / 14,5 pt

Druck und Bindung: Finidr, Český Těšín

ISBN 978-3-95410-281-5

www.bebra-wissenschaft.de

Meinem lieben Freund und Kollegen

Michael Gehler in europäischer Verbundenheit

INHALT VORWORT 9 I. PROBLEMAUFRISS: DAS VIELDISKUTIERTE EUROPA 13 II. RÄUME UND GRENZEN 19 Drei Binnenregionen 19 Das Reich und die Nationen 27 Ruhe des Nordens? 38 »Spanien ist anders« 44 Im Schatten Habsburgs 50 Ein polnischer »Sonderweg«? 58 Russland und Europa 63 Nationsbildung und Königsherrschaft im Südosten 68
SPANNUNGSFELDER 81 Einheit oder Vielfalt? 81 Das Europa der Nationen 84 Nation – Nationalstaat – Minderheiten 96 Gescheiterter Universalismus 104 Das Problem der Freiheit 124
III. IDEEN, GRUNDKRÄFTE,
IV. DAS GRÖSSERE EUROPA 135 »Abendländische« Denkhorizonte 135 »Westernisierung« als Blickverengung 143 »Östliche« Perspektiven 150 V. IDENTITÄT, ALTERITÄT, DIFFERENZ 157 Das Eigene und das Fremde 157 Identitäten: Christentum und Aufklärung 160 West-östliche Erinnerungsdifferenzen 165 »Erlebniseuropa« versus »EU-Europa«? 172 EU-Reform als Erneuerung Europas 177 VI. BILANZ: RÜCKBLICK UND AUSBLICK 185 ANHANG 195 Anmerkungen 195 Zitierte Quellen und Literatur 230 Abbildungsnachweis 259 Personenregister 261 Sachregister 265 Der Autor 271

VORWORT

Was in diesem Essay zur Erörterung gestellt wird, gründet in Überlegungen, die der Verfasser seit Beginn seiner Chemnitzer Lehr- und Forschungstätigkeit im Oktober 2000 in Diskussionen zu Phänomenen und Problemen europäischer Geschichte mit zahlreichen Kollegen und manchen Studierenden erörtert und präzisiert hat.1 Aus der Fülle damit verbundener Fragestellungen wird hier ein Aspekt herausgegriffen, der in inhaltlicher wie in methodischer Hinsicht eine gleichermaßen zentrale Bedeutung besitzt: die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen einer integralen, auf die Gesamtentwicklung des Kontinents bezogenen Geschichtsschreibung. Es ist offensichtlich, dass die Historiographie im ständig größer werdenden Europa neue Wege der Selbstvergewisserung suchen und finden muss, wenn sie ihre heute mehr denn je gefährdete Rolle als intellektuelle Deutungsinstanz für aktuelle europapolitische Geschehenszusammenhänge nicht restlos verlieren will.

Das titelgebende Begriffspaar »Identität und Differenz« mag philosophisch ambitionierte Leser aufmerken lassen und Assoziationen zum Namen einer bekannten Vorgängerschrift wachrufen. Nichts liegt dem Verfasser dieses Essays ferner als ein irgendwie geartetes Streben

Vorwort 9

zu den Gipfelketten philosophischer Fachgelehrsamkeit. Doch die grundlegende Einsicht, die der schwäbische Grübler mit der braun-grauen Zipfelmütze in seiner 1957 erschienenen Studie präsentiert hat, vermag auch dem Europa-Historiker von heute einen Orientierungsrahmen für entsprechende Verortungsversuche zu bieten. Diese Einsicht besteht in der philosophischen Erkenntnis, dass Einheit allein aus der Differenz gedacht werden kann, dass die in sich differenzierte Vielheit stets bezogen ist auf eine ihr zugeordnete Einheit, dass eine vollkommen differenzlose Existenz schlechthin unmöglich ist: Vielfalt und Differenz im Einzelnen sind die notwendigen Voraussetzungen für Einheit und Identität des Seins im Ganzen. Auch die vielheitliche Struktur Europas hält jedes ihrer Elemente stets nur im Verweis auf das jeweils Andere als das ihr selbst Eigene verfügbar und lebendig.

Wer die Geschichte Europas in diesem Sinne unter dem durch Martin Heidegger auf den Begriff gebrachten Spannungsbogen von Identität und Differenz zu erfassen versucht, kann dabei aus der Fülle des Möglichen und Denkbaren selbstverständlich stets nur eine begrenzte Auswahl einiger herausragender Gesichtspunkte zur Sprache bringen. Eine auch nur annähernd erschöpfende historiographische Behandlung der Europa-Thematik, die all ihre anfallenden Weiterungen berücksichtigt, ist weder geplant noch beabsichtigt. Sie würde im Übrigen dem Essaycharakter dieses Bandes widersprechen, der durch zahlreiche weiterführende

10 Vorwort

Literaturhinweise im Anmerkungsteil ohnehin schon die Grenze zumutbarer Belastungen für den Leser erreicht hat. Das Essay dient zunächst und vor allem als eine Art Wegweiser durch das immer undurchdringlicher werdende Gestrüpp aktueller Europa-Diskurse, die – mangels valider historischer Rückversicherung –nur allzu häufig ins Bodenlose führen.

Der Verfasser dankt seinen bewährten Lehrstuhlmitarbeiterinnen Patricia Otto und Antonia Sophia Podhraski für die zeitraubende und gewohnt sorgfältige Texterfassung bei der Manuskriptherstellung, seinem Freund Prof. Dr. Matthias Niedobitek für die kritische Lektüre, seinem Dresdener kunsthistorischen Kollegen

Prof. Dr. Hendrik Karge für Mithilfe bei der Gestaltung des Schutzumschlags sowie Herrn Dr. Robert Zagolla für zahlreiche sprachliche Verbesserungsvorschläge.

Chemnitz, im November 2022

Frank-Lothar Kroll

Vorwort 11
EUROPA – DER VIERTE ERDTEIL Entwurf für einen Türvorhang, Paris 1811.

I. PROBLEMAUFRISS: DAS VIELDISKUTIERTE EUROPA

Kaum jemand, dem Europa mehr bedeutet als eine wirtschaftliche Interessengemeinschaft oder ein abstraktes Rechtsgebilde, wird den Rang in Frage stellen wollen, der historisch-kulturellen Erinnerungswerten angesichts aktueller Diskussionen über die gegenwärtige Gesamtverfassung unseres Kontinents zukommt. Nicht die Ökonomie mit ihren Marktinteressen – wie sich unlängst erneut erwiesen hat –, auch nicht die Jurisdiktion mit ihren Normsetzungen – wie man leider schon seit langem weiß – vermittelt einen verlässlichen Orientierungsrahmen zur Verortung gemeinsamer europäischer Erfahrungswelten und Bewusstseinshorizonte. Wer nach solcher Orientierung sucht, wem zudem daran gelegen ist, Möglichkeiten und Grenzen einer gesamteuropäischen Solidaritätsgesinnung auszuloten, der tut gut daran, sich auf die historischen Kognitionsgrößen »Bewahrung«, »Erinnerung« und »Gedächtnis« zu besinnen. Denn Europa ist nicht nur eine konkret erfahrene Alltagswirklichkeit, sondern darüber hinaus ein geschichtlich gewachsener Traditionsraum, dessen überlieferte Zeugnisse für jeden europäischen Bürger –und für jeden anderen, der in diesen Raum eintritt –jederzeit erlebbar sind.

I. Problemaufriss 13

Das gilt, einmal mehr, mit Blick auf das aktuelle Erscheinungsbild der Europäischen Union. In ihr ein bloßes Institutionengefüge zur Verwaltung des Euro, zur Regulierung der Finanzmärkte oder zur Verfolgung von Steuersündern zu erblicken, verkennt die ihr innewohnenden Entwicklungspotenziale. Die Europäische Union repräsentiert vielmehr ein Gesellschaftsmodell und eine Werteordnung, die weit über die Rolle einer zwischenstaatlichen Agentur zur Abwicklung infrastruktureller oder drängender sicherheitspolitischer Probleme des Kontinents hinausweist. Daher ist das Fehlen entsprechend konnotierter Botschaften immer wieder von jenen prominent angemahnt worden, die der mangelnden Identifikation vieler EU-Bürger mit den Gremien und Instanzen »ihrer« EU durch Maßnahmen zu deren symbolischer Verdichtung und zur Aktivierung emotionaler europäischer Bindekräfte abzuhelfen bemüht sind.1

Eine Besinnung auf Europa, die aktuelle Defizite der Europäischen Union nicht ausspart, auf separatistische Entsolidarisierungstrends verweist und Tendenzen einer zunehmenden Ost-West-Dichotomie kritisiert, darf – dies sei vorweggeschickt – keineswegs als EUfeindliche Philippika missverstanden werden. Kritik schützt bekanntlich vor Stagnation und ebnet Wege zu deren Überwindung. In diesem Rahmen fragt dieses Essay danach, welchen Beitrag eine europäische Geschichtsschreibung, die den historischen Entwicklungsgang des gesamten Kontinents umfasst, zur nicht

14 I. Problemaufriss

eben leichten Selbstverortung der Europäer und des Europäischen leisten kann. Vor dem mittlerweile schon wieder verblassten Hintergrund des Weltenumbruchs von 1989/90, den jüngsten Verwerfungen angesichts der »Corona«-Pandemie, und erst recht seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine im Februar 2022, gewinnt diese Frage eine neue, herausfordernde Aktualität: Was ist, und worin gründet die so oft vollmundig beschworene gemeinsame Geschichte der Europäer? Auf welche Weise vermögen historisch verortete Leitgrößen zur Formierung einer europäischen Identität beizutragen? Gibt es überhaupt einen überwölbenden Traditionsbogen, der die vielen disparaten Mythen und kollektiven Erinnerungsgemeinschaften der europäischen Völker und Nationen miteinander verklammert und zu einer Einheit zusammenbindet?

Die Beantwortung solcher Fragen ist bei genauerem Zusehen durchaus nicht so einfach, wie man auf den ersten Blick vielleicht vermuten mag. Eine dezidiert »europäische« Geschichtsschreibung – also doch wohl eine solche, die sich jenseits der geläufigen nationalstaatlichen Referenzmuster bewegt – ist bisher erstaunlicherweise schwach entwickelt. Sie wurde weder in ihren theoretischen Prämissen ausreichend durchdacht noch in ihren methodologischen Möglichkeiten zufriedenstellend ausgelotet.2 Auch in den Darlegungen des nachfolgenden Essays kann dies selbstverständlich nicht erschöpfend geboten werden. Hier sollen lediglich weitere Bausteine zur besseren Einsicht in gesamt-

I. Problemaufriss 15

europäische Erinnerungszusammenhänge und binneneuropäische Sonderentwicklungen präsentiert und diskutiert werden, um das Phänomen »Europäische Geschichte« als Problem zu erfassen, einige damit verbundene Leitkoordinaten zu vermessen und die dabei für relevant gehaltenen Eckpunkte miteinander in Beziehung zu setzen.

Ein erster Teil (Kapitel II) gilt daher den Komponenten der politischen Raumordnung in der Geschichte Europas. Der Blick konzentriert sich dabei auf die Frage nach den kulturell ausgewiesenen und historisch gewachsenen Binnengrenzen des Kontinents. Und er richtet sich darüber hinaus auf die daraus abzuleitenden aktuellen politischen Konsequenzen. Der europäische Geschichtsraum gliedert sich seit mehr als einem Jahrtausend in die drei Großregionen des Ostens, der Mitte und des Westens. Diese simpel wirkende historische Dreiteilung der kontinentalen Geschichtslandschaft hat als kulturräumliche Konstante von beträchtlicher Dauer die unterschiedlichen Daseinswelten der Europäer bis heute nachhaltig geprägt. Nur wer um solche Konstanten weiß und sich die daraus folgende Vielfalt europäischer Mentalitäten vor Augen führt, vermag Europa in seiner ganzen Entwicklungsdynamik zu erfassen – Identität in der Differenz.

Ein zweiter Teil (Kapitel III und IV) widmet sich den maßgeblichen Inhalten und Schwerpunkten europäischer Geschichte – allen voran dem Ideal der Einheit, dem Prinzip der Nation und dem Problem der Freiheit.

16 I. Problemaufriss

Damit treten jene charakteristischen Themen, Kräfte und Leitmotive in den Blick, die den Werdegang des Kontinents in der Vergangenheit bestimmten, und die seinen Lebensrhythmus weiterhin entscheidend mitformen. Es gehört zu den wesentlichen Aufgaben einer integralen europäischen Geschichtsschreibung, diese Kräfte in all ihrer Erscheinungsvielfalt angemessen zu rekonstruieren – und sie dabei zugleich als eine für die Nationen und Regionen des Kontinents verbindliche Verständigungsgrundlage zu identifizieren. Nur dann vermag eine derart integrale Geschichtsschreibung als eine spezifisch europäische Geschichtsschreibung im politisch-kulturellen Diskurs der Gegenwart Gehör und Resonanz zu finden – Identität durch Differenz.

Im dritten Teil (Kapitel V und VI) verlagert sich die Perspektive von einer weithin historisch-bilanzierenden zu einer eher gegenwartskritisch-diagnostizierenden Argumentation. Sie bündelt die bis dahin erörterten Problemstellungen europäischer Geschichtsschreibung, die räumlich und thematisch nicht selten in voneinander entfernte Richtungen weisen. Dabei liegt der Fokus auf der Frage nach der Existenzmöglichkeit einer vieldiskutierten »europäischen Identität« – orientiert an den Leitgrößen »Christentum«, »Aufklärung«, »Bürgergesellschaft« und »Erinnerungsgemeinschaft«. Dies erfolgt, nicht zuletzt, im Blick auf jene immer wieder eingeforderte Harmonisierung zweier zusehends auseinanderdriftender europäischer Projekte: eines oftmals als abstrakt empfundenen »EU-Europa« einerseits und

I. Problemaufriss 17

eines immer konkreter erlebten »Bürger-Europa« anderseits. Die Antworten auf diese Frage sind vielschichtig. Sie verweisen allesamt auf die Existenz eines mehrfach gebrochenen und alles andere als einheitlichen europäischen Gedächtnisraumes. Aktuelle Diskussionen über die stets erneut zu Tage tretenden Gegensätze zwischen »westlichen« und »östlichen« Erinnerungswelten speisen sich aus fundamental voneinander abweichenden historischen Erfahrungen. Jeder Versuch zur Positionsbestimmung einer integralen Europäischen Geschichte, wie er auf diesen Seiten unternommen wird, muss solche Gegensätze angemessen berücksichtigen.

Denn es gehört zu den zahlreichen Paradoxien Europas, dass sich die einheitsstiftenden Fundamente seiner Geschichte – und mithin die Grundlagen und Voraussetzungen für ein einheitliches europäisches Bewusstsein in der Gegenwart – als Summe ihrer Pluralität und Vielgestalt offenbaren – Identität trotz Differenz.

18 I. Problemaufriss

II. RÄUME UND GRENZEN

Drei Binnenregionen

Die Geschichte Europas spielt sich nicht im Bodenlosen ab. Sie ist an Räume und Regionen gebunden. Diese jedoch besitzen Grenzen. Daher ist die Frage nach den räumlichen und regionalen Begrenzungen der europäischen Geschichte, unter Einschluss ihrer mannigfachen Gestaltwandlungen, der erste und grundsätzlichste Gesichtspunkt, den eine problemorientierte Europa-Historie zu bedenken hat. Sogleich werden dabei kontrovers diskutierte Themen aktueller europapolitischer Debatten berührt: Welche historisch gewachsenen und kulturell ausgewiesenen Binnengrenzen gibt es innerhalb des europäischen Geschichtsraumes? Welche Landschaften gehören überhaupt zu Europa? Und: Welche Geschichtsregionen folgen anderen, europafernen Entwicklungsverläufen und stehen daher außerhalb der europäischen Grenzziehungen?

Geographisch spielt sich die Geschichte Europas zwischen dem Atlantischen Ozean im Westen und den Gebirgszügen jenseits des Urals im Osten ab. Dort beginnt bekanntlich Asien. Erich Przywara (1889–1972), katholischer Theologe und Religionsphilosoph, veror-

II. Räume und Grenzen 19

GEGENSTREBIGE EINHEIT

Rom und Byzanz in Konkurrenz. Elfenbeintafel mit den Personifikationen Roms …

… und Konstantinopels, Ende 5./Anfang 6. Jahrhundert.

tete Europa daher gelegentlich als »größte [westliche]

Halbinsel Asiens«.1 Noch pointierter hatte einst der mit Thomas Mann befreundete Journalist und Publizist Ferdinand Lion (1883–1968) den Kontinent als eine »in viele Halbinseln geteilte Halbinsel« bezeichnet.2 Doch mit solchen geographischen Definitionen 3 kann der Historiker kaum etwas anfangen.4 Die für ihn sinnvollste, zugleich älteste europäische Grenzziehung wird durch eine konfessionelle Trennlinie markiert – jene zwischen der Ostkirche und der Westkirche, zwischen den im Osten von Konstantinopel, im Westen von Rom christianisierten Herrschaftsräumen. Trotz der Konkurrenz zwischen der fränkischen und der byzantinischen Kaiseridee5, die seit der Krönung Karls des Großen (742–814) zum Kaiser durch Papst Leo III. (um 750–816) bestand, ging ihrer beider Glaubensauffassung zunächst noch weitgehend miteinander konform. Erst seit dem fortschreitenden 10. Jahrhundert wich die Entwicklungsrichtung zwischen dem Westen und dem Osten, zwischen lateinisch und griechisch bestimmten Lebenswelten zusehends voneinander ab.6

Es war vor allem das durch Otto I. (912–973) im Rückgriff auf die Kaiseridee Karls des Großen seit 962 erneuerte Frankenkaisertum, das Rom in Konflikt zu Byzanz brachte. Denn dort hielt man unverändert am Universalitätsanspruch des eigenen Imperiums fest. In Süditalien trafen die politischen Interessen beider Kaiserreiche unmittelbar aufeinander. Immerhin gehörte der Süden der italienischen Halbinsel bis 1071

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zum Herrschaftsgebiet Ostroms. Gegensätze im Frömmigkeitsverständnis und in Fragen des Kirchenrechts, Kontroversen im theologischen Denken und in der liturgischen Praxis traten solchen Differenzen zur Seite.7

Sie gipfelten in der unterschiedlichen Zuordnung von Staat und Kirche. In Rom bildeten beide Bereiche, trotz mancherlei wechselseitiger Durchdringung, zusehends klarer voneinander getrennte Einheiten. Das kirchliche Leben beanspruchte und errang hier mehr und mehr einen eigenen, staatsfreien Raum. Anders hingegen in Byzanz. Dort besaß die Kirche keinen selbständigen Hoheitsbezirk. Sie war und blieb ein Teil des Staates.

Dessen Oberhaupt, der oströmische Kaiser, firmierte in der Nachfolge Konstantins des Großen (ca. 270–337) als Stellvertreter Christi. Ihm kam daher auch die Funktion des kirchlichen Oberherrn zu. Alle Imperatoren Ostroms sind sich dieser Stellung bewusst gewesen, haben ihre Rolle nach Kräften auszufüllen und ihre Kirche bis hinein in die innersten geistlichen Angelegenheiten souverän zu regieren versucht.8 Wie man weiß, sollten sich später, seit dem Ende des 15. Jahrhunderts, die Moskauer Großfürsten als vermeintlich legitime Repräsentanten eines »Dritten Roms« diesen »Cäsaro-Papismus« zu Eigen machen. Jedenfalls strebten mit alledem nach der Kirchenspaltung von 1054 das »abendländische« und das »morgenländische« Christentum, unbeschadet mehrfach unternommener Versuche zur Wiederannäherung, dauerhaft in unterschiedliche Richtungen. Angesichts der wachsenden und ganz unverkennbar

II. Räume und Grenzen 23

lebensgefährlichen Bedrohung Konstantinopels durch die Seldschuken und später durch die Osmanen erwies sich das schwindende Verständnis der westlichen Christenheit für Ritus und Liturgie der Ostkirche mehr und mehr als fatal.

Die seit der Kirchenspaltung von 1054 entstandene früheste europäische Binnengrenze ist niemals nur eine bloß kirchlich-konfessionelle, sondern stets auch eine geistig-kulturelle und eine politisch-soziale Scheidelinie gewesen. Ihre Trennungspotenziale besaßen über die Jahrhunderte hinweg ein erhebliches Gewicht. Und sie wirken in mancherlei Hinsichten bis heute unverändert fort. »Das Abendland«, so resümierte einst ein berufener Kenner entsprechender Zusammenhänge, »hat Gestalt gewonnen, indem es sich gegenüber dem Griechentum in Kirche und Politik während des frühen Mittelalters abschloß«.9 Griechen, Bulgaren, Mazedonier, das Reich der Kiewer Rus10 und (nach langem Schwanken zwischen West und Ost) auch das der Serben wurden bekanntlich byzantinisch-orthodox christianisiert. Sie bildeten damit (und bilden seither) einen eigenen geschichtskulturellen Raum: Osteuropa, 11 mit speziellen Schriftformen (griechisch, kyrillisch, rumänisch), einer besonderen Kirchenstruktur und einer davon weithin geprägten Lebenswelt. Denn anders als die lateinische Kirche des Westens, in deren Einzugsfeld es immer wieder »zu einer lebendigen Fortbildung der rationalen theologischen Gedankenarbeit« gekommen ist,12 befleißigte sich die Ostkirche einer auf mystisch-spekulative

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II.

Innerlichkeit des religiösen Lebens gerichteten Weltabgewandtheit, die in Meditation, Kontemplation und »Überschwang zum Jenseitigen«13 ihr Genügen fand. Auf soziale Aktivität und kulturelle Verwirklichung im Hier und Jetzt wurde darüber weitgehend verzichtet. »Abendländisch« geprägte Beobachter – wie etwa der Schriftsteller und Maler Richard Seewald (1889–1976) –haben in diesem Zusammenhang häufig auf die »geheimnisvolle Erstarrung« verwiesen, die sich vor allem in der Baukunst der Ostkirche »seit tausend Jahren« ungebrochen offenbare.14 Frei von Kontinuitätsbrüchen und Reformschüben, die jenen des westlichen Christentums zur Seite gestellt werden könnten, beharrte die Ostkirche auf ihren tradierten Formen und Ritualen. Und während die Westkirche sich im Rahmen ihres Missionsauftrags über die Jahrhunderte hinweg weltweit Gehör und Geltung zu verschaffen wusste, blieb die Strahlkraft der Orthodoxie im Wesentlichen ein territorial umgrenztes Phänomen des europäischen Ostens. Nicht ins Einzugsfeld byzantinisch-orthodoxer Kirchlichkeit gerieten die Kroaten und Slowenen, die Tschechen und Slowaken, die Ungarn und die Polen. Sie alle wurden im 10. Jahrhundert, in Konkurrenz zu Byzanz, römisch-katholisch christianisiert. Seitdem gehören sie zum Einzugsfeld lateinisch geprägter Kultur. Ihre Herrschaftsräume firmieren gemeinhin unter der Bezeichnung Mitteleuropa. 15 Beiden Regionen wiederum, dem byzantinisch-orthodoxen Osteuropa und dem römisch-lateinischen Mitteleuropa, tritt ein dritter euro-

II. Räume und Grenzen 25

päischer Geschichtsraum zur Seite: Westeuropa als jener ebenfalls »römisch« dominierte, jedoch – im Vergleich zum Osten und zur Mitte – zeitlich bereits weitaus früher christianisierte »alte« Teil des Kontinents, allen voran die Welt des Mittelmeers mit Italien, der Iberischen Halbinsel und Frankreich. Auch weite Gebiete Britanniens sowie das von den Römern unter Kontrolle gebrachte Territorium Deutschlands zählten (und zählen weiterhin) zu diesem westeuropäischen Kulturraum. Hingegen lagen die nicht vom Römischen Imperium beherrschten Regionen östlich der Elbe-Saale-Grenze bis zum Beginn der um 1150 einsetzenden deutschen Ostsiedlung – mit ihren »strukturverbessernde[n] und strukturverfestigende[n] Impulsen[n]«16 –, ähnlich wie der Norden Europas, zunächst außerhalb des Einzugsfeldes des westlichen Christentums.

Diese historisch begründete Dreigliederung europäischer Lebenswelten in die Großregionen des »Osten«, der »Mitte« und des »Westen« hat sich seit weit über einem Jahrtausend als kulturräumliche Konstante der kontinentalen Geschichtslandschaft bewährt.17 Und sie ist für zahlreiche aktuell geführte europapolitische Diskussionen weiterhin relevant.

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Das Reich und die Nationen

Westeuropa, jene Region mit den ältesten historisch nachweisbaren »europäischen« Traditionen, besaß die vergleichsweise größte innere Entwicklungsdynamik. Damit verband sich eine territorial sehr stark aufgefächerte Binnenstruktur. Das aus der Erbschaft des Karolingischen Imperiums nach dessen Gebietsteilung von 843 hervorgegangene Westfränkische Reich, das spätere Frankreich, fand seit der Königswahl Hugo Capets

(940/41–996) 987 im 13. und 14. Jahrhundert allmählich den Weg zur Errichtung einer »nationalen« Monarchie, wovon noch zu sprechen sein wird. Gleiches galt für das 1066 von den Normannen eroberte England. Dort regten sich, ebenfalls um die Mitte des 14. Jahrhunderts, und nicht zuletzt befördert durch die kriegerische Auseinandersetzung mit dem französischen Langzeitrivalen, unter König Edward III. aus dem Haus Anjou-Plantagenet (1312/27–1377) erste Ansätze englischer Identitätsbildung und eines »nationalen« Selbstbewusstseins.18

Beide Länder akzeptierten lange Zeit die geistliche Amtsgewalt des Papstes, in dessen kirchlicher Autorität sich die Einheit der europäischen Völker am sichtbarsten manifestierte – zumal die römische Kurie schon früh maßstabsetzende Impulse zur Ausgestaltung weiter Bereiche des öffentlichen Lebens in Europa lieferte, allen voran im Rechtswesen und in der Verwaltungspraxis. Erst an der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert

II. Räume und Grenzen 27

DAS FRÜHNEUZEITLICHE EUROPA ALS JUNGFRÄULICHE KÖNIGIN

Europa prima pars terrae in forma virginis. Kartografische Darstellung aus dem Reisebuch »Itinerarium sacrae scripturae« von Heinrich Bünting (1545–1606), 1581.

gerieten, wiederum nahezu zeitgleich, die Herrscher in Paris und London – König Philipp IV., »der Schöne«, von Frankreich (1268/1285–1314), der letzte bedeutende Herrscher aus dem Geschlecht der Capetinger, und König Edward I. von England (1239/1272–1307), der Eroberer von Wales und von Schottland – in Hader und Zwist mit Rom. Der Konflikt eskalierte, nachdem der so glücklos agierende Papst Bonifatius VIII. (ca. 1235/1294–1303) versucht hatte, sich durch die Bulle Unam Sanctam 1302 auch zum weltlichen Richter über die Könige Europas zu erheben.19 Das katastrophale Scheitern dieses Papstes stärkte vor allem die Macht des französischen Königtums. Und es stabilisierte darüber hinaus dessen Selbstbewusstsein gegenüber seinem östlichen Nachbarn – dem aus der Teilung von 843 hervorgegangenen Ostfränkischen (Deutschen) Reich und seinen seit 962, nach der erwähnten römischen Kaiserkrönung Ottos I., mehr oder weniger stark artikulierten Superioritätsansprüchen über den Völkerkosmos des Abendlandes.20

Dies verstand sich umso mehr, je stärker solche Ansprüche mit dem sakralen Charakter des Kaisertums verknüpft wurden. Denn der Gedanke des Imperiums war ja zugleich heilsgeschichtlich bestimmt. Spätestens seit der erstmals wohl 1157 urkundlich aufgekommenen Benennung seines Herrschaftsbereiches als Sacrum Imperium – seit 1254 dann als Sacrum Imperium Romanum – empfand sich der römisch-deutsche Kaiser als Schiedsrichter der römischen Christenheit. Er galt als berufener Helfer und Schirmherr der Kirche – defensor

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