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Von Katzentötern, schwebenden Rauchern und der Suche nach Nilpferden (Leseprobe)

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Elena Giannoulis (Hrsg.)

Von Katzentötern, ­schwebenden Rauchern und der Suche nach Nilpferden Kurzgeschichten aus Japan

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2018 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Marijke Topp, Berlin Umschlag und Satz: typegerecht, Berlin (Umschlagfoto: Hirosan/Fotolia.com) Schrift: Minion Pro 10,5/14 pt Druck und Bindung: Finidr, Český Těšín ISBN 978-3-95410-213-6 www.bebra-wissenschaft.de

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Inhalt

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Hirano Keiichirō Die verschwundenen Honigbienen übersetzt von Elena Giannoulis

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Suga Atsuko Geruch von fernem Nebel übersetzt von Reika Hane und Kai van Eikels

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Kawakami Hiromi Der Fluss übersetzt von Elena Giannoulis

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Ishii Shinji Grüner Frühling übersetzt von Sandro Wiesenberg

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Suga Atsuko »Neapel sehen und sterben« übersetzt von Reika Hane und Kai van Eikels

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Horie Toshiyuki Der Dichter mit dem Anrufbeantworter übersetzt von Chaline Timmerarens

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Tsutsui Yasutaka Der Raucher in der Luft übersetzt von Elisa Ono

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80

Nakajima Ramo Das Lamm Dolly übersetzt von Till Weingärtner

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Nakahara Masaya Das Lied einsamer Schritte, die auf einem dunklen Flur erklingen übersetzt von Christoph Petermann

106

Itō Hiromi Chikō und Raikō übersetzt von Matthias Wittig

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Tsutsui Yasutaka Der Traum von Verstopfung übersetzt von Elisa Ono

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Chigira Yūko Katzentöter-Maggie übersetzt von Christoph Petermann

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Enjoe Toh Perfekte Tage, um Bananen zu schälen übersetzt von Hajime Stadler

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Nachwort Glossar Autorenbiografien Übersicht über die Originalausgaben

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Hirano Keiichirō

Die verschwundenen Honigbienen

Damals – also direkt nach dem Ende des Kalten Krieges und des Zusammenbruchs der Seifenblasenwirtschaft – mietete ich mir ein Haus in einem kleinen Dorf in den Bergen im Südwesten von Honshū. Seit dort die Gemeinden und Kommunen zusammengelegt wurden, ist der Name des Dorfes ein anderer und den meisten Menschen sagt dieser Ort nichts. Wer sich aber in der Region auskennt, ist erstaunt, wieso es mich ausgerechnet dorthin verschlagen hat, denn Charakteristisches hat dieser Landstrich nichts. Ich gehe hier nicht auf die Details ein, aber der Grund für meinen dortigen Aufenthalt war meine physische Verfassung. Ein Freund, der die Gegend auf dem Land kannte und mir das nahezu mietfreie leerstehende Haus empfahl, meinte, dass sich so ein Prometheus der Kultur wie ich, der Tag und Nacht grübelt, auch mal in der Natur entspannen müsse. Zunächst fuhr ich etwa einmal im Monat hin und lebte einfach so in den Tag hinein. Nach und nach wurden die Besuche häufiger und länger, bis ich schließlich drei Monate am Stück blieb. Dort gab es Berge, kleine Bäche und Reisfelder. Die Luft war klar und die Wolken schwebten entrückt am blauen Himmel. Damit ist das Dorf schon in etwa beschrieben. Die Bauernhäuser konzentrierten sich um die alte Landstraße. Im Frühling sahen die Kirschblüten hübsch aus und ich war besonders von der Gyoikō-Kirsche verzaubert, die grüne Blüten trägt. Zu jener Zeit lernte ich K. kennen, den Postboten des Dorfes. Er war ein ruhiger und gewissenhafter junger Mann, dessen Haut weiß und ungewöhnlich schön war. Sie glich, wie soll man sagen, in etwa 7

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dem Häutchen zwischen Eischale und Eiweiß bei einem gekochten Ei und sie war so klar, als würden selbst die Haarwurzeln von K.s sorgfältig rasiertem Bart durch sie hindurchschimmern. Ich erinnere mich nicht so gut an sein Äußeres, dass ich es genau beschreiben könnte, allein diese weiße Haut ist mir lebendig in Erinnerung geblieben. Als damals im Dorf über K. geredet wurde, hieß es meistens nur: »Ach ja, dieser Junge mit der schönen Haut …«. Postboten sind von morgens bis abends im Außendienst und werden zwangsläufig braun. K.s Haut jedoch zeigte selbst im Hochsommer nur einen zarten rötlichen Schimmer und bereits am nächsten Tag war sie wieder schneeweiß. Ich hatte von Anfang an kein Interesse daran, mit den Dorfbewohnern in Kontakt zu kommen. Aber da ich mich wegen der in meiner Abwesenheit angekommenen Briefe und Päckchen oft zur Post bemühen musste, lernte ich den Postamtsvorsteher etwas näher kennen. So erfuhr ich, dass mich die Dorfbewohner seltsam fanden. Der mollige und immer fröhliche Postamtsvorsteher half mir, das notwendige Mindestmaß an Kontakt zu meinen Nachbarn aufzubauen und ich begann, sie dann doch wenigstens zu grüßen. Nach und nach kam ich mit den Mitarbeitern des Postamts, inklusive K., ins Gespräch und wurde hin und wieder zu ihren Festen eingeladen. K. besaß das ausdrucksloseste Gesicht, das ich je bei einem j­ungen Mann gesehen habe, aber seltsamerweise empfand ich ihm gegenüber keine Abneigung. Tiere etwa haben meist auch keinen Ausdruck im Gesicht. Die Eichhörnchen und Spatzen, denen ich zufällig im Dorf begegne, lachen mich ja auch nicht an, aber ich bin deshalb nicht böse auf sie. K. war für mich eine solche Existenz. Ebenso wie bei den Eichhörnchen und Spatzen beruhigte es mich, wenn ich in Gedanken versunken für eine Weile seinen friedlichen Alltag beobachtete. Ich schaute oft aus dem Fenster, wenn ich das Geräusch von K.s Moped näherkommen hörte und es klang tatsächlich wie die Schritte eines Tiers oder wie die Flügelschläge eines Insekts. 8

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An einem Sommertag, erinnere ich mich, setzte sich eine Minmin-Zikade auf K.s Rücken, der wie immer gerade gestreckt war. Es war nicht überraschend, dass sich die Zikade, die sieben ­lange Jahre unter der Erde des Dorfes gelebt und sich von dieser ernährt hatte, als Rastplatz für ihren ersten kurzen Flug diesen Ort aus­ suchte. Es gab eigentlich keinen Unterschied zwischen dem Stamm der Gyoikō-Kirsche und K.s Rücken. Der Postamtsvorsteher erzählte mir von K.s Leben. Er war der Zweitgeborene der Bienenzüchterfamilie des Dorfes. Wenige Zeit nachdem er angefangen hatte bei der Post zu arbeiten, erkrankten und starben seine Eltern kurz nacheinander. Der ältere Bruder übernahm den Betrieb, aber an einem Tag, vier Jahre nach der Übernahme, verließen alle Honigbienen der über zweihundert Bienenstöcke plötzlich ihre Larven und verschwanden. Von diesem Unglück getroffen, musste der Bruder das Geschäft aufgeben. Mir wurde gesagt, dass man so etwas Colony Collapse Disorder nennt, aber damals gab es dafür noch keinen Begriff. K.s älterer Bruder beschuldigte die Bauernfamilie aus der Nachbarschaft, Pestizide benutzt zu haben, und verklagte sie vor Gericht. Ein Prozess war in diesem friedlichen Dorf eine Seltenheit. Der Angeklagte und der Kläger machten keinen Hehl aus ihrer Feindschaft und selbst außerhalb des Gerichtshofs kam es zu heftigen Beschimpfungen. Letzten Endes konnte zwischen dem Gebrauch von Pestiziden und dem Verschwinden der Honigbienen kein Zusammenhang nachgewiesen werden und K.s Bruder verlor den Fall. Er ging nicht in Berufung und verließ das Dorf. K. übernahm das Haus und lebte fortan alleine dort. Als ich K. zum ersten Mal begegnete, war er Ende zwanzig. Er war alleinstehend und es sah nicht so aus, als ob sich daran etwas ändern würde. Die Dorfbewohner hatten Mitleid mit ihm. Der besagte Bauer, der zwar den Prozess gewonnen, aber für den das Ganze auch einen bitteren Beigeschmack hatte, behandelte K., um seinem Imagescha9

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den entgegenzuwirken und seine innere Balance wiederzufinden, äußerst nett. Seine Haltung brachte ihm von allen Respekt und Bewunderung ein. Durch diesen Menschen erkannte ich zum ersten Mal die Demut des zu Unrecht Beschuldigten. Etwa zwei Jahre nach dem Gerichtsurteil begannen die Leute, von K.s besonderer Fähigkeit Notiz zu nehmen. Das war kurz nach meinen ersten Besuchen im Dorf. Der Erste, der etwas bemerkte, war ein Fünftklässler. Einer seiner Mitschüler war nach Ōsaka gezogen und der Junge bekam als Klassensprecher die verantwortungsvolle Aufgabe, ihm im Namen aller ein Album mit Fotos und guten Wünschen zu schicken. Kurze Zeit später jedoch kam der Postumschlag beschädigt mit dem Stempel »unzustellbar« zurück. Der Umschlag war zu groß für den Briefkasten, weswegen K. ihn dem Jungen persönlich überreichte. K. hatte Mitleid mit dem ratlos aussehenden Jungen und ließ ihn an Ort und Stelle die Adresse überprüfen. K. sah sofort, dass eine Ziffer nicht stimmte. Er füllte einen neuen Versandschein für die Sendung aus und nahm sie so mit. Der Junge staunte, dass K.s Schrift seiner Handschrift bis aufs Haar glich. Er verstand nicht so genau, was das bedeutete, und dachte, das sei ein besonderer Service. Es sollte wohl so aussehen, als ob er, ohne die Erwachsenen um Hilfe bitten zu müssen, den Schein selbst ausgefüllt hätte. Als er seinen Eltern beim Abendessen davon erzählte und ihnen den Durchschlag zeigte, machten die ein verdutztes Gesicht. »Willst du uns erzählen, dass der Postbote absichtlich deine Handschrift kopiert hat?« »Ja, er hat meinen alten Versandschein danebengelegt und, ohne großartig auf ihn zu gucken, schnell die Adresse runtergeschrieben.« »Das ist doch deine Schrift, gib’s zu.« »Nein, er hat das geschrieben!«

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Als nächstes bemerkte eine alte Frau etwas, die früher in der Nähe der Grundschule eine Kalligraphieschule betrieben hatte. Die über Achtzigjährige quälte, dass sie in letzter Zeit nicht mehr so schön schreiben konnte. Als K. einmal bei ihr vorbeigekommen war, um einen großen Packkarton für ihre Enkelkinder abzuholen, füllte er in einer Schrift, die der zittrigen der Alten vollkommen glich, die leere Spalte des Paketscheins mit den Angaben zum Inhalt aus. Im Gegensatz zu dem Fünftklässler fühlte sie sich dadurch sehr verletzt. An Ort und Stelle fehlten ihr zwar die Worte, aber als K. weg war, platzte ihr der Kragen und sie schnappte sich den Durchschlag, ging zum Postamt und beschwerte sich. Zunächst konnte sie überhaupt nicht zum Ausdruck bringen, was eigentlich passiert war. Verständlich. Es handelt sich zwar um einen einfachen Sachverhalt, der sich aber nur schwer vermitteln ließ. Aus dem Frust heraus, nicht verstanden zu werden, brach sie schließlich in Tränen aus. Die Postbeamten, die endlich begriffen zu haben schienen, was die Alte meinte, reichten den Paketschein herum, auf den K. den Paketinhalt »Süßigkeiten, Kleidung, Kuscheltiere« notiert hatte, und begutachteten ihn; es war zweifellos die Handschrift der Alten. Es war unmöglich, das von K. Geschriebene vom Namen und der Adresse zu unterscheiden, die aus der Feder der Frau stammten. »Er hat es im Stehen geschrieben, daher hat seine Hand wohl etwas gezittert! Er wollte Ihre Schrift nicht nachahmen und Sie damit beleidigen! Aber er hätte etwas ordentlicher schreiben sollen. In Zukunft muss er besser aufpassen. Ich entschuldige mich in aller Form bei Ihnen, es tut uns wirklich sehr leid!«, sagte der Postamtsvorsteher, um sie zu besänftigen. Ob die Alte die Entschuldigung annahm, war schwer zu sagen. Eine Weile lang klagte sie über ihre Einsamkeit und kehrte dann nach Hause zurück. Als ich diese beiden Geschichten vom Postamtsvorsteher hörte, konnte ich mir zunächst keinen Reim darauf machen. »Und was heißt das jetzt konkret?« Der Postamtsvorsteher hielt mir ein DIN A4-Blatt unter die 11

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Nase, das er eigens mitgebracht hatte, um es mir zu zeigen. Auf dem weißen Papier standen sieben oder acht Sätze, die wie eine Versicherungserklärung aussahen. Der Text war handschriftlich verfasst. »Die ersten paar Zeilen habe ich geschrieben, dann hat K. weitergeschrieben. Kannst du erkennen, wo?« Ich staunte nur. Es war überhaupt kein Unterschied zu sehen. Als die Alte bereits weg war und K. zurückkam, sprach der Postamtsvorsteher mit ihm. K. wies den Vorwurf, die Frau beleidigt zu haben, erschrocken zurück und starrte auf die Kopie des Durchschlags des Paketscheins von der Alten. Der Postamtsvorsteher gab mir zu verstehen, dass ihm dann irgendwann dämmerte, worin K.s Fähigkeit bestand. Er schrieb daraufhin ein paar Zeilen von einem herumliegenden Flugblatt für Lebensversicherungen auf einen Bogen Faxpapier ab. Daraufhin gab er es K. und bat ihn, genau in dieser Schrift weiterzuschreiben. Nach kurzem Zögern tat er, wie ihm gesagt wurde, und übertrug die folgenden Sätze aufs Papier. Geschmeidig und fließend. »Von hier an, ab da hat K. geschrieben«, sagte der Postamtsvorsteher und deutet auf die Mitte der dritten Zeile. In diesem Moment realisierte ich erstaunt, welch ungewöhnliche Fähigkeit K. besaß. Der Finger des Postamtsvorstehers war so dick, dass ich nicht genau sehen konnte, auf welches Schriftzeichen er deutete. Daher versuchte ich selbst zu erkennen, an welcher Stelle K. übernommen hat. Ich betrachtete das Papier eine Weile, kam aber zu keinem Ergebnis. K. konnte jede Handschrift perfekt kopieren, er brauchte nur ein paar Musterzeilen. Da er nicht nur die bereits geschriebenen Schriftzeichen kopieren, sondern auch das noch nicht Geschriebene in genau dieser Schrift wiedergeben konnte, handelte es sich um mehr als ein bloßes Kopieren. Es gibt Leute, die können die Ausdrucksweise anderer nachahmen, aber von jemandem, der eine fremde Handschrift auf diese Art kopieren kann, hatte ich noch nie gehört. Ich bin von Natur aus skeptisch und konnte dem noch nicht so richtig Glauben schenken. Also testete ich K. selbst und bat ihn, 12

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den Text des Weihnachtslieds »Rudolf, das kleine Rentier«, dessen erste Zeilen ich auf ein Papier schrieb, weiterzuschreiben. Da es kurz vor Weihnachten und der Liedtext sehr lang war, schöpfte er keinen Verdacht. Nach ein paar Tagen bekam ich das Blatt zurück, auf das K. den Liedtext in meiner Handschrift zu Ende geschrieben hatte. Es war schon fast unheimlich, denn ich konnte nicht erkennen, welche Zeichen von mir stammten und welche nicht. K. brachte es persönlich vorbei. Ich entschuldigte mich, an ihm gezweifelt zu haben, doch er setzte nur sein hübsches Lächeln auf. Ich behielt dieses Papier eine Weile. Als ich es mir irgendwann später noch einmal anschaute, wusste ich nicht mehr, von wo an K. übernommen hatte. »Wahrnehmung« ist ein seltsames Phänomen; sobald eine Person etwas wahrnimmt, nehmen es auf einmal alle und überall gleichzeitig wahr. Und dann zerbrechen sie sich den Kopf darüber, warum sie es bisher nicht wahrgenommen haben, und realisieren dann, dass sie es doch die ganze Zeit wahrgenommen haben. Bei K. war es vermutlich auch so. Wahrscheinlich war er gegenüber seiner ungewöhnlichen Fähigkeit blind. Für diese Theorie gab es einige Indizien, aber darauf komme ich später zurück. Ich fragte einen Kindheitsfreund von K., ob er bereits damals diese Fähigkeit besessen habe. Er wusste davon nichts. Als ich mich nach K.s Handschriften erkundigte, lachte er auf und erwiderte: »Erinnern Sie sich noch an die Handschrift Ihrer Mitschüler aus der Grundschule? Fast alle Kinder schreiben doch fürchterlich und dann verändert sich die Handschrift mit dem Alter sowieso nach und nach.« Gleichwohl konnte ich mich überraschenderweise an die Handschrift einiger meiner Freunde erinnern, wenn ich an die Klassenjahrbücher oder Ähnliches zurückdachte. Aber auch ihre Schrift wird jetzt eine vollkommen andere sein. Niemand kannte K.s echte Handschrift, denn er kopierte nicht bewusst, sondern schien sich, ohne es zu wollen, die ihm zuletzt unter 13

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die Augen gekommene Schrift anzueignen. Seine eigene Handschrift wurde daher permanent überschrieben und blieb so verloren. Es hört sich vielleicht eigenartig an, aber wenn ich an K. denke, frage ich mich, ob nicht ich es bin, der eine außergewöhnliche Fähigkeit besitzt, wenn ich immer und überall die gleiche Handschrift reproduzieren kann. Wieso vermag ich es, ohne Muster heute genauso wie gestern zu schreiben? Jedenfalls wurde K.s ungewöhnliche Fähigkeit unter den Dorfbewohnern zum Gegenstand der Bewunderung, was nicht heißt, dass sie zu irgendetwas zu gebrauchen war. Der Postamtsvorsteher sagte lachend zu mir: »Das wäre höchstens ’ne gute Partyeinlage, aber K. geht eh keinen trinken.« Hätte es damals schon das Internet gegeben, hätten Leute mit viel Zeit diese Geschichte garantiert verbreitet, aber so wussten nur die Dorfbewohner von K.s Existenz. K. galt nach wie vor als ruhiger und gewissenhafter Postbote. Ein junger Mann Ende zwanzig mit schöner, weißer Haut, dessen Bewegungen mich ebenso beruhigten wie die Natur. Vier Jahre vergingen. Jetzt in seinen Dreißigern, war K. immer noch ledig und es schien keine Frau in Aussicht zu sein. Obwohl er noch relativ jung war, begann seine Einsamkeit bereits immer mehr aufzufallen. Es passierte an einem Werktag in der Golden Week. Am frühen Nachmittag stürmte ein Mann mittleren Alters, der jetzt in Tokyo lebt, aber gebürtig aus dem Dorf stammt, erregt ins Postamt. Den Großteil der Geschichte kenne ich nur aus dem Munde des Postamtsvorstehers, aber in diesem Augenblick war ich zufällig zugegen, da ich ein Paket zur Post brachte. »Hol sofort K.!« Er nannte K. beim Nachnamen. Leider kam K. gerade zu diesem ungünstigen Zeitpunkt von seinen Lieferungen zurück. »Das haben Sie doch geschrieben, das hier auf dem Papier!« Wir versuchten zu erkennen, was auf dem Blatt stand. Es war die Kopie eines Testaments. 14

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K. stand regungslos da, aber seine Pupillen zitterten und er war sichtlich beunruhigt. Der Postamtsvorsteher ging lächelnd mit einem »Worum geht es denn bitte?« dazwischen. Der Mann behauptete Folgendes: Sein Vater war einige Jahre lang bettlägerig gewesen und wurde vom jüngeren Bruder und seiner Frau, die noch im Dorf lebten, gepflegt. Die Mutter war bereits verstorben. Er ging zum Studieren an eine Universität in Tokyo und fand dort Arbeit, was sich auch sein Vater für ihn gewünscht hatte. Gelegentlich besuchte er seine Eltern und das Verhältnis zu seinem Vater war gut. »Und jetzt, da er tot ist, kommen mein Bruder und seine Frau nun mit diesem Testament an, von dem ich nichts wusste. Laut Testament geht der Großteil des Erbes, also das gesamte Land, an ihn. Es ist unfassbar! Davon war nie die Rede gewesen. Sicher, die Handschrift auf dem Testament ähnelt der unseres Vaters. Aber das hat gewiss K. geschrieben. K. lieferte immer an unser Elternhaus und kannte meinen Bruder und seine Frau. Er hat bestimmt hinter meinem Rücken Geld erhalten und das Testament gefälscht …« Der Mann starrte uns wütend mit blutunterlaufenen Augen an und tobte herum. Das war eine außerordentlich schwere Anschuldigung. Obwohl ich K. kaum kannte, war ich mir sicher, dass er sich nicht hatte bestechen und für diese Hinterlist einspannen lassen. Aber an diesem Punkt nahm die Geschichte eine unvorhergesehene Wendung. K. bestritt, das Testament gefälscht zu haben. Er gab jedoch zu, auf Bitte des zweitältesten Sohnes und seiner Frau im Namen des bettlägerigen Vaters Briefe verfasst zu haben. Ich erschrak. Aus dem Affekt heraus hätte ich ihm fast den Mund zugehalten, denn selbst wenn es so gewesen wäre, hätte er das in diesem Moment für sich behalten sollen. Wie zu erwarten, war nun seitens des wütend hereingestürmten Mannes jeglicher Zweifel, oder besser gesagt die Angst vor einer schweren falschen Beschuldigung, wie weggeblasen, die inmitten der Erregung noch irgendwo da gewesen war. Er guckte verblüfft und brüllte: »So, Sie geben es also zu! Ja? Sie haben es alle gehört, auch Sie, Herr Postamtsvorsteher. Er hat’s zugegeben! Er hat’s zugegeben!« 15

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So wurde K. in den langwierigen Rechtsstreit der Brüder um das Erbe hineingezogen. Das zehrte physisch und psychisch an ihm. Seine Aussage blieb unverändert. Der Vater wollte einem Freund einen Brief schreiben und diktierte ihn K. Sähe die Handschrift wie immer aus, würde sich der Freund keine unnötigen Sorgen machen, sagte er. K. beteuerte, er habe nur helfen wollen. Es sei haltlos, dass er das Testament gefälscht habe. Graphologen kamen nach eingehender Untersuchung geschlossen zu dem Ergebnis, dass das Geschriebene zweifellos von dem Verstorbenen stammte. Was aber nicht viel hieß, denn die Graphologen hielten die anderen Schriftproben, Kopien, die K. an anderen Orten von anderen Handschriften angefertigt hatte, auch für Originale. Das Gericht war durcheinander. Letztlich befand das Gericht das Testament als Original. Aber nicht nur der ältere Bruder, der den Prozess verloren hatte, auch andere Leute im Dorf wollten das nicht so recht glauben. Von da an wurden K. dauernd irgendwelche Sachen unterstellt und er wurde schikaniert. Sein Antlitz begann wie eine Blume zu verwelken. Bis dahin hatte ich keine besonders enge Beziehung zu K. Oder besser gesagt gab es wohl niemanden, der ihm nah war. Mehrmals lud ich ihn ein, mit mir essen zu gehen, aber er wich aus und entschuldigte sich: »Ah, danke, aber heute ist es schlecht …« Es war nicht so, dass alle eine Antipathie gegenüber K. pflegten. Allen voran der Postamtsvorsteher aber auch andere machten sich ernsthaft Sorgen um ihn, aber K. ließ niemanden an sich ran. Trotzdem besuchte ich ihn während des Prozesses gelegentlich bei ihm zu Hause, um ihn aufzumuntern. Sonntags und mittwochs hatte er frei, aber da er mittwochs immer mit dem Wagen rausfuhr, besuchte ich ihn an Sonntagen. Jedoch bat mich K. niemals ins Haus. Er bot mir auch keinen Tee an. Wir standen nur vor der Eingangstür oder auf der Veranda und ich sprach mit ihm über alles Mögliche. Er nickte nur. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, dass ich ihn störe. Wenigstens tat er bei mir nicht so, als wäre er nicht zu Hause, wie er es bei 16

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den anderen machte. Vermutlich, weil ich ein Fremder war. Wenn ich mich auf den Nachhauseweg machte, stand er im Garten und schaute mir so lange nach, bis ich nicht mehr zu sehen war. Aus Freude darüber winkte ich ihm zu, aber es kam nie ein Winken zurück. Ich wusste nicht warum, aber aus irgendeinem Grund mochte ich K. Wenn ich jemanden außergewöhnlich finde, stört mich an dieser Person kaum etwas, im Gegenteil, ich finde sie dann sogar interessant. Nun, wenn ich mich jetzt zurückerinnere, gab es bereits Neujahr dieses Jahres Anzeichen, dass etwas nicht stimmte. Aber ich konnte sie nicht wahrnehmen. Es war das erste Mal, dass ich im Mietshaus Neujahr verbrachte und es war ungewöhnlich kalt. Ich schrieb an die vierzig Neujahrskarten und warf sie in den Briefkasten bei der Post im Dorf ein. Eine der Karten, nämlich die an einen Freund aus Oberstufenzeiten, kam binnen weniger Tage als unzustellbar zurück. Er gehörte zu den Leuten, denen man aus irgendeinem Grunde immer noch Neujahrspost schreibt, obwohl man nie richtig mit ihnen befreundet gewesen ist. Als ich die nicht angekommene Neujahrskarte beim Aufwärmen an der Petroleumheizung betrachtete, hatte ich das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Stirnrunzelnd schaute ich auf die persönlichen Zeilen, die ich den vorgedruckten Neujahrsgrüßen am Rande hinzugefügt hatte. Sie lauteten: »Wie geht es Dir? Vielleicht ist es das Alter, aber Jahr für Jahr werde ich im Kontakthalten zu. Melde Dich mal, wenn Du hier in der Gegend bist. Dann können wir in an alte Zeiten schwelgen.« War ich denn betrunken, als ich das geschrieben habe? Was ist denn mit »werde ich im Kontakthalten zu« gemeint? Das ist ja ein unglaublicher Patzer. Eigentlich hatte ich Folgendes schreiben wollen: »Wie geht es Dir? Vielleicht ist es das Alter, aber Jahr für Jahr werde ich schlechter im Kontakthalten zu Menschen. Melde Dich 17

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mal, wenn Du hier in der Gegend bist. Dann können wir in Erinnerungen an alte Zeiten schwelgen.« Diese floskelhaften Sätze schickte ich an alle entfernte Bekannte wie ihn, ich hätte das genauso gut drucken lassen können, um mir die viele Schreibarbeit zu sparen. Oder war ich durch das ganze Schreiben dusselig geworden? In diesen kurzen Sätzen fehlten die drei Wörter »Mensch«, »schlecht« und »Erinnerung«. Ich war über mich selbst erschrocken und halb im Scherz schwenkte ich die Postkarte in der Luft hin und her. Vielleicht fallen dann noch weitere Wörter raus, lachte ich gequält. Dann bekam ich es mit der Angst zu tun. Ich war eigentlich der Meinung gewesen, dass die Zeit hier im Dorf meiner körperlichen Verfassung sehr gut getan hätte. Vielleicht hat sie sich aber in Wahrheit in unerwarteter Form verschlechtert? Als der Frühling kam, verbrachte ich erneut knapp zwei Wochen im Dorf. Ich hatte mich auf die Gyoikō-Kirschblüten gefreut, aber sie waren größtenteils noch nicht aufgeblüht. An jenem Tag, einem Sonntag, war es leicht bewölkt und unangenehm kalt. Ich hatte gerade zu Mittag gegessen und lag auf den Tatami, da rief mich der Postamtsvorsteher an. Er brauchte einen Rat. Irgendjemand mit zu viel Zeit hatte sich vor dem Abschicken der Neujahrskarten die Nummern von der Neujahrslotterie notiert, die auf ihnen vermerkt sind. Dieses Jahr hatte zum ersten Mal eine von diesen Nummern den ersten Preis gewonnen, aber niemand hatte sich gemeldet, um die gute Nachricht zu teilen. »Dieser gestörte Postbote hat die Karte geklaut«, beschuldigte er K. »Es gibt Leute, die beschweren sich über alles«, entgegnete ich schmunzelnd, aber die Geschichte des Postamtsvorstehers war noch nicht zu Ende. Da sich niemand direkt über unzugestellte Karten beschwert hatte, schien alles in Ordnung zu sein, aber irgendetwas stimmte doch nicht. Um sicherzugehen, schickte der Postamtsvorsteher unter falschem Namen seinem Freund eine übriggebliebene 18

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Neujahrskarte, mit deren Nummer man einen Briefmarkenbogen gewonnen hätte. Eigenartigerweise stand auf der beim Freund angekommenen Karte eine andere Nummer. »Was glauben Sie, was das bedeutet?« »Also, K. kann doch alle Handschriften kopieren. Vielleicht hat er die Karte ausgetauscht, um den Gewinn zu mopsen?« »Hat er auf der Karte tatsächlich Ihre Handschrift kopiert? Nur um diesen läppischen Briefmarkenbogen zu gewinnen? … Aber bei den anderen Karten, die er am Jahresende einbehalten hat, konnte er noch nicht gewusst haben, welche gewinnen werden. Die Auslosung war doch erst Mitte Januar.« »Ja, aber wie erklären Sie sich das dann?« Mir fehlten die Worte. Der Postamtsvorsteher sagte, dass er K. jetzt damit konfrontieren werde und fragte mich, ob ich nicht zur Unterstützung mitkommen wolle, da K. sich mir eher zu öffnen schien als anderen. Ich war einverstanden. Aber ich stellte sofort den Irrtum klar, dass er mir gegenüber offener sei. Ich sagte dem Postamtsvorsteher gleich, er solle keine zu hohen Erwartungen haben. In K.s Garten blühten Tulpen. Er wohnte in einem dieser ländlichen Bauernhäuser ohne Eingangstor und Zaun, daher bemerkten wir nicht, dass wir bereits auf dem Grundstück waren. Auf einmal tauchte eine Biene vor mir auf und ich schreckte zurück. Merkwürdigerweise war auf dem Weg zum Eingangsbereich eine große Menge an Scherben von zerbrochenen Blumentöpfen verstreut. Wir klingelten, aber es machte niemand auf. Weil K. sonntags immer zu Hause war, wusste ich, dass er da war. Die Schiebetür war nicht abgeschlossen. Wir schauten uns schweigend an und nickten. Für den Fall, dass er uns nur nicht gehört hatte, riefen wir noch einmal nach ihm und betraten dann das Haus. Ich war besorgt, dass etwas passiert sein könnte, kann aber nicht bestreiten, dass ich auch neugierig war zu sehen, wie K. lebte. Ich war mir sicher, dass es dem Postamtsvorsteher genauso ging. Es war ein typisches altes Bauernhaus. Mit jedem Schritt knarrte der wellige, mit Brettern verlegte Boden. Das Innere des Hauses war 19

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so gut wie leer. Allein die Tatsache, dass weder in der Tokonoma noch auf den Tatami Staub lag, erlaubte den Rückschluss, dass hier jemand wohnte. Die Wohnküche hingegen war mit unheimlich vielen Honigtöpfen vollgestellt. Einige waren offen, andere noch verschlossen. Auf dem Tisch waren Anzeichen, dass hier jemand kurz zuvor Brot mit Honig gegessen hatte. Der Postamtsvorsteher war von Mitleid ergriffen. Im oberen Stockwerk gab es drei Zimmer, ein Schlafzimmer und, durch eine Schiebewand abgetrennt, eine Abstellkammer. Der verbliebene Raum hatte – als einziger Raum im ganzen Haus – eine richtige Tür. Da im Zimmer kein Laut zu hören war, wagten wir, den Türknopf zu drehen. Der Postamtsvorsteher stieß vorsichtig die quietschende Tür auf. Er betrat das Zimmer, blieb stehen und sagte: »Was ist das denn …?« Ich schob ihn leicht zur Seite, um ihm schräg über die breite Schulter schauen zu können. Was ich sah, machte mich sprachlos. An drei Wänden des kleinen Raums waren Regale aus Stahl angebracht, in denen sich schier unendlich viele Postkarten stapelten. Wie ein Schlafwandler schritt der Postamtsvorsteher auf die Regale zu, blieb dann vor ihnen stehen und griff zaghaft nach einem Stapel in seiner Nähe. Er warf einen flüchtigen Blick drauf und stieß einen verzweifelten Seufzer aus: »Oh Gott … was hat er getan?« Auch ich schaute mich um. Ganz offensichtlich handelte es sich um einen Berg an nicht gelieferten Postkarten, die in verschiedenen Handschriften an Orte in ganz Japan adressiert waren. Die Absender stammten alle aus dem Dorf, es waren also keine Postkarten, die ins Dorf geschickt worden waren, sondern sie waren alle hier gesammelt worden. Vielleicht war es, weil K. ein Verbrechen begangen hatte, aber nun verlor ich all meine Hemmungen, den Raum zu betreten, und griff mir wahllos Karten von den perfekt aufgeschichteten Stapeln. Er schien sie hier immer gleich nach dem Abholen gestapelt zu haben. Dementsprechend waren sie chronologisch geordnet. Die 20

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Karten waren nicht abgestempelt, aber in vielen Fällen hatte sie der Absender mit einem Datum versehen. Neben dem RosenholzSchreibtisch am Fenster schienen die ältesten Regale zu stehen. Dort lagen Karten von vor vier Jahren. »Das geht schon seit vier Jahren!« Der Postamtsvorsteher setzte sich auf den Boden, der mit mehreren kleinen Teppichen belegt war, und stützte den Kopf in die Hände. Als Vorgesetzter hatte er die Verantwortung und würde sich einige ernste Fragen stellen lassen müssen. Ich fühlte mit diesem netten Postamtsvorsteher mit. »Aber warum hat niemand etwas bemerkt? Wenn er so viele Karten zurückbehalten hat, hätte es doch Beschwerden geben müssen«, sagte ich. Bleich schaute mich der Postamtsvorsteher an. In diesem Moment fiel mir ein, dass wir, von der Menge an Postkarten überwältigt, ganz vergessen hatten, warum wir eigentlich gekommen waren. »Das sind bestimmt alles Karten, die K. kopiert hat, oder?« »Meinen Sie die alle? Heißt das dann, dass er die Originale tatsächlich verschickt hat?«, fragte er. Ich nahm etwa zehn Postkarten und breitete sie wie zu einem Fächer aus. Jeder hätte erkennen können, dass jede dieser zehn Karten von einer anderen Person verfasst worden war. Es wurden auch unterschiedliche Schreibgeräte benutzt, mal Kugelschreiber, Füller, Filzstifte oder etwa Pinselstifte. Daraufhin blickte ich auf K.s Schreibtisch, wo sich allerlei Schreibgeräte türmten – Kugelschreiber, Füllfederhalter, Filzstifte bis hin zu Pinselstiften. Ich sah den Postamtsvorsteher an. »Ich denke schon. Es gingen ja auch jeden Tag ordnungsgemäß viele Briefe und Karten raus. Aber welche sind jetzt diese hier? Die Kopien oder die Originale, welche hat K. einbehalten?« Ich ging zu den Regalen und griff den Stapel mit den neuesten Karten. Die erst im Januar verschickte Neujahrskarte war leicht zu finden. Ich hielt dem fassungslosen Postamtsvorsteher die Karte hin und endlich erhob er sich. 21

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»Das ist sie, die Neujahrskarte, die ich vor ein paar Tagen abgeschickt habe! Aber, ist das wirklich meine Handschrift? Sehen Sie, die Lotterienummer endet auf 73! Das heißt, dass das die Originalkarte ist. Also hat K. die ganze Zeit die Originale zurückgehalten?!« Beim Nachdenken darüber, ob es K.s Schuld mindern würde, wenn es nicht die Originale gewesen wären, suchte ich nach dem Abschnitt mit den Neujahrskarten vom Dezember. Die Neujahrskarten der einzelnen Sender waren jeweils mit einem Gummiband zu einem Bündel zusammengebunden. Ich ging alle durch, bis ich auch meine Karten fand, die wie alle anderen mit einem Gummiband zusammengehalten wurden. Ich erkannte meine Schrift sofort. Ich fand im Bündel auch die an den Klassenkameraden aus der Oberschulzeit adressierte Karte. In den von mir verfassten Sätzen fehlte kein einziges Wort. Plötzlich bekamen wir es mit der Angst zu tun, weil wir nicht wussten, wo sich K. aufhielt. Wir suchten ihn noch einmal im Haus und riefen nach ihm, aber wir fanden ihn nirgendwo. Jedes Mal, wenn der Postamtsvorsteher eine Schiebetür öffnete, konnte man ihm seine Furcht davor ansehen, eine unliebsame Entdeckung zu machen. Während wir überlegten, ob wir die Polizei verständigen sollten, gingen wir in den Garten hinaus und liefen um das Haus herum. Im Schuppen stand ein Auto. Im hinteren Teil erblickten wir K., einsam und alleine kauerte er in der Dämmerung. Wir näherten uns mit raschen Schritten. Der Schuppen war vollgestellt mit alten Bienenkästen für die Honigbienenzucht, die seit Jahren nicht mehr benutzt worden waren. Irgendetwas an dieser Kulisse erinnerte mich an die Postkartenfestung von eben. Dutzende von Honigbienen kreisten um K. Regungslos fixierte er eine Biene, die sich auf dem Handrücken seiner rechten Hand niedergelassen hatte. »Die Honigbienen scheinen wieder zurückzukommen«, murmelte K. geistesabwesend vor sich hin. Der Postamtsvorsteher, der 22

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plötzlich wieder zu sich gekommen zu sein schien, konfrontierte K. mit dem eben Gesehenen. »Die Adressaten haben die Kopie ordnungsgemäß erhalten«, sagte K., ohne uns anzusehen. »Ich habe alle Originale aufbewahrt.« »Warum haben Sie das getan?«, fragte der Postamtsvorsteher in erwartet harschem Ton. Dann passierte es. Am ganzen Leib zitternd erhob sich K. und schlug die Honigbiene von seiner Hand. Zum ersten Mal erkannte ich in K.s Gesicht so etwas wie menschliche Emotionen. Aber bedrückt realisierte ich, dass es Zorn war, der sich so deutlich in seinem Gesicht abzeichnete und sich über eine sehr lange Zeit angestaut haben musste. K.s bereits verfallenen Wangen waren jetzt auch noch blass, seine Augen hingegen waren blutunterlaufen und er schaute uns abwechselnd vernichtend an. Aus Angst, er könnte auf mich losgehen, ging ich in Verteidigungsstellung. Auch der Postamtsvorsteher schreckte zurück. Aber K. neigte schweigend den Kopf und blickte auf den Rücken seiner rechten Hand. Dort steckte ein kleiner Stachel. Ruhig zog er ihn heraus und hielt ihn mir direkt vor die Nase. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, und starrte den Stachel an. Diese Honigbiene wird wohl nicht mehr am Leben sein, dachte ich. K. wurde wegen des Verdachts auf Verstoß gegen das Postgesetz unter Arrest gestellt. Das Gericht beantragte ein psychiatrisches Gutachten. Bis das Urteil gesprochen wurde, verging ein Jahr. Das Gericht befand ihn für schuldig und er bekam zweieinhalb Jahre Haft. Die Anklage lautete »Zurückhaltung von Post«. Dass die Strafe nicht zur Bewährung ausgesetzt wurde, sondern ein so hartes Urteil gefällt worden war, erregte mein Mitleid für K. Der Postamtsvorsteher übernahm die Verantwortung und gab seinen Posten auf. Natürlich berichteten die Medien über den Vorfall, aber damals, in der Zeit vor dem Internet, war die Sache schnell vergessen. Es stellte sich heraus, dass K., seit er vor vier Jahren seine ungewöhnliche Fähigkeit entdeckt hatte, aus der lokalen Post die handge23

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schriebenen Postkarten herausgesucht und mit nach Hause genommen hatte. Tag um Tag kopierte er dort eifrig Postkarten. Natürlich glich seine Handschrift der des Senders wie ein Ei dem anderen. Ich weiß nicht, warum er sich nur auf Postkarten konzentrierte, aber er wird seine Gründe gehabt haben. An geschäftigen Tagen soll er am Tag bis zu sechzig Karten geschrieben haben, das macht im Schnitt mehr als zehntausend Karten pro Jahr. Die Postkarten sind etwa 0,2 bis 0,22 Millimeter dick. Würde man die vierzigtausend Postkarten, die er über einen Zeitraum von vier Jahren gesammelt hat, stapeln, wären das acht Meter. Diese Menge an Karten war in den Regalen in jenem Zimmer gestapelt. K. opferte seine zwischenmenschlichen Kontakte und seinen Schlaf dem Kopieren. In den Nächten schrieb er heimlich die Karten ab, behielt das Original und brachte die Kopie am nächsten Morgen zur Arbeit. Wegen K. kamen also alle Postkarten aus dem Dorf einen Tag später an, aber darüber hatte sich in den vier Jahren nie jemand beschwert. K. verbrauchte einen beträchtlichen Teil seines spärlichen Gehalts für Postkarten und Schreibutensilien. Allein für die Postkarten muss er im Monat etwa fünfzigtausend Yen bezahlt haben. Mittwochs, an seinem freien Tag, hatte er mit dem Auto die ganze Gegend abgeklappert und alle Postkarten aufgekauft. Er war in den Postämtern und bei den Gemischtwarenhändlern, bei denen er oft eingekehrt war, schon bekannt gewesen. Nach seiner Inhaftierung wurden K.s gehortete Postkarten mit einem Entschuldigungsbrief an die Adressaten versandt. Der Postamtsvorsteher beklagte sich bei mir, wie mühsam dieser Vorgang gewesen sei. Andererseits bedauerte er es, dass die Postkarten der Dorfbewohner, die über einen Zeitraum von vier Jahren hemmungslos in K.s Haus gehortet worden waren, am Ende in alle Himmelsrichtungen verstreut wurden. Die Dorfbewohner, von denen die Karten stammten, waren wütend auf K. und eine Zeit lang war er überall Gesprächsthema Nummer eins. Die Leute aus den unterschiedlichsten Gegenden des 24

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Landes, die ihre Originalpostkarten manchmal mit mehrjähriger Verspätung erhalten hatten, erfuhren von K. und waren im ersten Moment verblüfft. Die dann folgenden Reaktionen waren ganz unterschiedlich. Einige fanden ihn unheimlich, aber viele waren überraschenderweise amüsiert. Mit Bedauern teilte mir der Postamtsvorsteher mit, dass viele Leute die kopierten Karten, die sie von K. erhalten hatten, bereits weggeworfen hatten. »So etwas. Vielleicht ist es nur, weil ich selbst in diesem Geschäft bin, aber ich würde nie eine Postkarte, die ich von jemandem erhalten habe, wegwerfen«, sagte der Postamtsvorsteher und zuckte mit den Schultern. Diejenigen, die K.s Karte noch besaßen, bewunderten sein außergewöhnliches Talent. Sie verglichen Kopie und Original, und wenn der Poststempel nicht gewesen wäre, hätten sie die beiden in keiner Weise voneinander unterscheiden können. Übrigens kam nach und nach noch eine weitere Tatsache ans Licht. K. hatte nicht nur kopiert. Zu Beginn schon, aber mit der Zeit begann er mit seiner persönlichen Zensur. Laut Zeugenaussagen, die noch im Besitz der Karten waren, fehlten in K.s Kopie hier und dort Schriftzeichen. Nach und nach nahmen diese Auslassungen zu. Vermutlich steckte eine Absicht dahinter. Natürlich hatten einige bemerkt, dass Wörter fehlten, aber einfach darüber hinweggelesen, ohne sich ernsthaft Gedanken zu machen. Wenn zum Beispiel ein Wort das Schriftzeichen für »schlecht« beinhaltete, löschte es K. und kopierte nur den Rest. Man könnte meinen, dass solche Wörter nicht so oft auf Postkarten geschrieben werden, aber sie kommen häufiger vor als man denkt, etwa in »bei schlechter Gesundheit sein« oder »Schlechtwetter«. K. entfernte verschiedene Schriftzeichen mit negativer Bedeutung, wie die für »Hass« und »Gift«. Das war ja noch nachvollziehbar, aber in letzter Zeit schien er nicht einmal mehr Schriftzeichen zuzulassen, die auf den ersten Blick völlig unproblematisch waren, wie »Zufall«, »Blume« oder »übermitteln«. 25

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Die von mir verfasste Neujahrspostkarte mit den Auslassungen, die später an mich zurückging, stammte aus der letzten Phase, in der K.s Zensur ihren Zenit erreicht hatte. Laut der letzten Neujahrspostkarte, die ich vom Postamtsvorsteher bekam, hat K. nach Verbüßung seiner Haftstrafe das Dorf verlassen und soll nie wieder zurückgekehrt sein. Das von da an leerstehende Elternhaus wurde von K.s weit entfernt wohnendem Bruder verkauft. Nach K.s Verhaftung wurden meine Besuche auf dem Land seltener und der Kontakt zum Postamtsvorsteher brach ab. Ich merkte, dass ich vollkommen genesen war und spürte, dass ein Aufenthalt im Dorf mir nun eher schaden als guttun würde. Aber K.s wunderschöne Haut und der Stachel der Honigbiene, den er einst zwischen seinen Fingerspitzen hielt, nehmen einen besonderen Ort in meiner Erinnerung ein. Wo ist er jetzt, frage ich mich, und was macht er wohl? Erst kürzlich, als ich von einem guten Freund eine Postkarte erhielt, auf der an zwei Stellen Schriftzeichen fehlten, packte mich eine sonderbare Erregung. Hatte K. die Karte heimlich kopiert und gegen das Original ausgetauscht? Ich suchte die Neujahrskarte mit meiner von K. kopierten Handschrift. Wo ich sie hingetan habe, kann ich sie bis heute nicht finden.

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Suga Atsuko

Geruch von fernem Nebel

Im trockenen Winter von Tokyo kommt es pro Jahr vielleicht einmal vor, dass sich Nebel bildet. Wenn ich abends nach der Arbeit hinausgehe und Nebel in der Luft hängt, denke ich: Ah, diesen Geruch kenne ich. Fragte man mich, was ich an den Naturschauspielen von Mailand, wo ich über zehn Jahre gelebt habe, am meisten vermisse, so antwortete ich auf der Stelle: Nebel. Wenn ich höre, wie die Lage dort in letzter Zeit ist, scheint sich der Nebel indes allmählich aufzulösen. Ohne dass jemand die genaue Ursache kennt, sagen die Einwohner von Mailand, der Nebel, über den man von alters her Volkslieder singt und auch Popsongs, sei eigentümlicherweise in den letzten Jahren selten geworden. Dies liege daran, dass man aufgehört habe, mit Schweröl zu heizen, behaupten manche. Mag sein. Während die Japaner, die in Mailand gewohnt haben, sagen, es sei doch besser, dass so ein Nebel verschwinde, fühlen sich die alteingesessenen Mailänder irgendwie einsam. Vor nun schon zwanzig Jahren, als ich noch in Mailand lebte, sagten die Mailänder über ihren Nebel stolz, er stelle den Londoner in den Schatten, und meine italienischen Freunde, die London kannten, stimmten dem zu. Je nach Jahr, meist im November, kam jener nassgraue, schwere, wohlvertraute Nebel. Wenn ich morgens aufwachte und draußen das Geräusch der Autos dumpfer als sonst zu hören war, dachte ich: Ah, Nebel? Das war etwas anderes als die Stille an einem verschneiten Tag. Der vom Nebel durchfeuchtete Ruß klebte morgens an den Karosserien der Autos, nahezu jeden Tag, weshalb es unnütz war, während des Winters den Wagen zu waschen. Die Mailänder rühmten sich sogar dafür, dass man wegen 27

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des Nebels Autos aus Mailand überall sofort erkennt, weil sie so dreckig sind. Wenn ich abends aus dem Fenster schaute, zog manchmal unverhofft Nebel auf. Binnen kurzem verschwanden zuerst die Zweige der vom Fenster kaum fünf Meter entfernten Platanenreihe, dann auch die dicken Stämme im dichten Nebel. Zuweilen sah ich auch, dass der Nebel unter dem Licht der Straßenlaternen wie ein lebendiges Wesen umherlief. An solchen Tagen rannte ich immer mal wieder ans Fenster und versuchte, durch die Dichte des Nebels hindurchzuspähen. Mein Mann, der in Mailand aufgewachsen war, mochte die Stille an Nebeltagen. Wenn ich den Nebel »gió per i poumon«, also »tief in die Lungenflügel«, einsauge, rieche ich Mailand, heißt es in einem Volkslied, das mein Mann häufig sang. Da er entsetzlich unmusikalisch war, klang es weniger nach einem Lied als vielmehr nach wattig-flatterhaften Wolken, die am Himmel dahinziehen. An Nebeltagen kochte ich oft Polenta. Polenta ist eine Spezialität aus Norditalien, weshalb man im Süden die Norditaliener »Polentone« schimpft. Man schüttet Maisgries in kochendes Wasser, rührt ihn kräftig, bis er am Boden ansetzt, und isst ihn als Beilage zu Fleischgerichten mit Sauce. Wenn mein Mann von der Arbeit nach Hause kam und die Haustür öffnete, sagte er gleich beim Betreten der Küche: »Ah, Polenta – es riecht gut!« An Tagen mit dichtem Nebel meinte mein Mann morgens: »Heute wird’s bestimmt schön«, und war bester Laune. Tatsächlich zeigte vormittags gegen zehn ein unwahrscheinlich blauer Himmel sein Gesicht. »Der Himmel der Lombardei, der so schön ist, wenn er schön ist«, habe der große Autor Manzoni geschrieben, sagte mein Mann, als rezitiere er einen Aphorismus von unüberprüfbarer Herkunft, und schaute zuversichtlich in den klaren blauen Himmel. In einer solchen Nebelsaison wurde auch der Flughafen völlig nutzlos. In der Gegend von Linate, nicht weit von unserem Haus entfernt, war der Nebel so dicht, dass der Flugplatz bis zum Frühling einer bloßen Wiese glich. Oh, es war schrecklich, das Flugzeug 28

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konnte nicht in Mailand landen!, jammerten oft die Gäste aus Japan. Auf die Abfahrt und Ankunft der Fernzüge war auch kein Verlass. Wie oft habe ich auf dem wie mit Rußgeruch verklebten Mailänder Hauptbahnhof auf einen Zug wartend ausgeharrt, der niemals kam. Bei Nebel (der Mailänder Sprachgebrauch kennt tatsächlich keinen poetischen Ausdruck wie ›heraufziehen‹ – es ist entweder Nebel da oder nicht) wird selbst das Autofahren extrem schwierig. An Tagen, wo die Sicht zwei Meter beträgt, lässt man seinen Wagen auf der Landstraße mitunter sogar stehen und geht zu Fuß weiter. Denn verirrt man sich einmal im Nebel, kann man an unerwartete Orte gelangen. Es gibt den Ausdruck »banco«, der so viel wie »Damm« oder »Schicht« des Nebels bedeutet, für den Fall, dass einem unterwegs plötzlich eine damm- oder mauerartige Nebelmasse die Sicht versperrt. Obwohl der Fahrer von vornherein weiß, dass es sich um Nebel handelt, tritt er reflexartig auf die Bremse. Daher gab es im Winter in der Stadt ständig Auffahrunfälle. Die »Nebelbank« überrumpelte einen meist an Stellen mit Parkanlagen an beiden Seiten der Straße oder an großen Kreuzungen. Einmal hatte ich mich mit einer aus Mailand stammenden Freundin zu einer längeren Autotour verabredet, aber an diesem Tag war es fürchterlich neblig. Als ich vorschlug, die Fahrt abzublasen, schaute sie mir ins Gesicht und fragte verblüfft: »Wieso? Wegen des Nebels?« Bei zehn Metern Sicht auf der Fernstraße fuhr sie seelenruhig über hundert Stundenkilometer. Jedes Mal, wenn wir auf die »Bank« stießen, trat mein Fuß auf eine imaginäre Bremse. »Keine Angst«, sagte sie. »Wir sind im Nebel geboren.« Ein anderes Mal war ich zusammen mit Freunden meines Mannes in einem Kloster auf dem Land südlich von Mailand zum Abendessen eingeladen. In der Gegend, die sich heute wahrscheinlich längst weiterentwickelt hat, befanden sich Nassfelder wie im Film Bitterer Reis, und dort baute man auf geschwemmten Äckern mit speziellen, Marchite genannten Bewässerungsgräben sogar Weidegras an (deshalb schmecke das Rindfleisch aus dieser Gegend so wässrig, sagten die Leute vom Land). Die Bewässerung dieser Gegend soll Leonardo da Vinci entworfen haben, worauf die Mai29

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länder ebenfalls stolz waren. Doch dieses Wasser war hinterhältig, es brachte den Nebel hervor. An jenem Tag saß ein Freund, den wir eine Weile nicht gesehen hatten, mit im Wagen, und die Unterhaltung war sehr lebhaft. Als ich dachte: Huch!, stellten wir fest, dass wir die Auffahrt zur Autobahn, die aus der Stadt hinausführte, schon verpasst hatten. Um zurückzukommen, hätten wir einen großen Umweg machen müssen. Uns blieb keine andere Wahl, als auf der nebligen Landstraße weiterzufahren. Anfangs kamen wir noch voran, aber nach und nach bereuten wir, dass wir zum Zeitpunkt, als wir den Irrtum bemerkt hatten, nicht umgekehrt waren. Dass Nebel Scheinwerferlicht zurückwirft, hatte ich bis zu diesem Tag nicht gewusst. Lucia, die am Steuer saß, öffnete die Tür auf ihrer Seite und verfolgte beim Fahren die weiße Seitenlinie. Bald wurde es auch schwierig, diese Linie zu erkennen, und schließlich stieg einer der Mitfahrer aus und ging langsam vor dem Auto her. Als wir endlich das Ziel erreichten, glaubten die Mönche, die lange auf uns gewartet hatten, wir hätten uns im Tag geirrt. Wir kamen zwei Stunden später als verabredet. Auch der Tag, an dem Rosa Calzecchi Onesti zu uns zum Abendessen kam, war solch ein Nebeltag. Rosa, eine enge Freundin meines Mannes, war eine renommierte Altphilologin, deren Übersetzung Vergils bis heute Ansehen genießt. Von kleiner Statur, das Haar hinten gebunden, Bluse mit hoch geschlossenem Kragen passend zum Faltenrock, langsames, höflich-korrektes Italienisch, das an ihre lange Lehrtätigkeit am Gymnasium erinnerte. Sie war in Mittelitalien, an der Adria, in einer Stadt namens Recanati geboren. Wie jeder Italiener weiß, ist dies auch der Geburtsort des romantischen Dichters Leopardi. Sie war stolz darauf. Sowohl ihr Vater als auch ihr Großvater waren Akademiker. Zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Bona wohnte sie in einem altertümlichen Apartment an der belebten Porta Venezia. Sah man sie und Bona zusammen, wirkten die beiden wie zwei Porzellanpüppchen, die im selben Ofen gebrannt worden waren – Ebenbilder in Benehmen und Ausstrahlung. Der Name Bona sei ein in der Familie Calzecchi Onesti von 30

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