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Schriftenreihe zur Medizin-Geschichte, Bd. 24 Herausgegeben von Kristina Hßbener, Volker Hess und Thomas Beddies

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Ekkehardt Kumbier Holger Steinberg (Hrsg.)

Psychiatrie in der DDR Beiträge zur Geschichte

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Das Buchprojekt wurde von der Stiftung für Seelische Gesundheit gefördert.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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© be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2018 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Redaktion der Reihe: Dr. Kristina Hübener Lektorat: Dr. Robert Zagolla, Katrin Endres Umschlaggestaltung: hawemannundmosch, Berlin Satz: typegerecht, Berlin Schrift: Walbaum 9,5/11,6 Pt Druck und Bindung: Finidr, Cˇeský Teˇšín

ISBN 978-3-95410-210-5 ISSN 1611-8456 www.bebra-wissenschaft.de

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Inhaltsverzeichnis

Paul Hoff Vorwort Ekkehardt Kumbier/Holger Steinberg Einleitung

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I.  Kontinuitäten und Diskontinuitäten nach 1945

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Dietmar Schulze/Maike Rotzoll Ausgefallene „Stunde Null“ – Die sächsische Heil- und Pflegeanstalt Großschweidnitz nach 1945

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Kathleen Haack „Letzter Wohnort Kosmanos“ – Zwangsevakuierte Psychiatriepatienten in der Landesheilanstalt Ueckermünde

39

Petra Schweizer-Martinschek Die Strafverfolgung von NS-„Euthanasie“-Verbrechen in SBZ und DDR

55

Rainer Erices Fehlende Aufarbeitung – Zwangssterilisationen in Leipzig in der NS-Zeit und der spätere Umgang damit

69

Marina Lienert Johannes Suckow (1896–1994) – Ein „Euthanasie-Verbrecher“ als Gründer der Klinik für Psychiatrie und Neurologie der Medizinischen Akademie „Carl Gustav Carus“ Dresden?

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Ekkehardt Kumbier/Kathleen Haack Psychiater im Spannungsfeld von Politik und Wissenschaft – Hochschullehrer an den Universitätsnervenkliniken in der SBZ und DDR bis 1961

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II.  Gesellschaftlich-politischer Kontext Sonja Süß Zur Frage eines politischen Missbrauchs der Psychiatrie in der DDR – Eine Rückschau nach 20 Jahren

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Francesca Weil Ärzte als inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR – Das Beispiel der Psychiater

127

Stefanie Coché Psychiatrische Einweisungspraxis in der frühen DDR und Bundesrepublik – Zwangseinweisungen vor dem Hintergrund unterschiedlicher rechtlicher Rahmenbedingungen

143

Matthias Lammel Forensische Psychiatrie in der DDR

159

Udo Grashoff Suizidforschung und -prävention in der DDR

173

Axel Genz Gesellschaftsbedingte Einflüsse auf das Suizidgeschehen in der DDR – Das Beispiel der Landeshauptstadt Magdeburg

191

Marie Teitge/Ekkehardt Kumbier Publizieren als Politikum – Das „Mette-Blättchen“ oder die Zeitschrift „Psychiatrie, Neurologie und medizinische Psychologie“

205

Christof Beyer Sozialpsychiatrischer Transit – Kontakte zwischen Psychiatern in Ost und West im Umfeld der bundesdeutschen Psychiatriereform

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III.  Therapeutische Ansätze und Entwicklungen

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Lena Hennings Die Entstehungsgeschichte der Rodewischer Thesen im Kontext von Psychiatrie, Sozialhygiene und Rehabilitationsmedizin der DDR

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Ekkehardt Kumbier/Kathleen Haack Psychiatrie in der DDR zwischen Aufbruch und Stagnation – Die Brandenburger Thesen zur „Therapeutischen Gemeinschaft“ (1974/76)

247

Jan Armbruster Zur Entwicklung der Arbeitstherapie in der DDR unter besonderer Berücksichtigung des Bezirkskrankenhauses Stralsund

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Julia Thormann/Hubertus Himmerich/Holger Steinberg Depressionsforschung in der DDR – Historische Entwicklungslinien und Therapieansätze

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Lara Rzesnitzek „Schocktherapien“ und Leukotomie in der DDR-Psychiatrie

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Volker Hess Die Einführung von Psychopharmaka in der DDR – Die schwierige Rekonstruktion einer pharmakologischen Revolution

301

Viola Balz Aufspalten und neu ordnen – Dokumentationssysteme, Psychopathologie und Psychopharmaka in der BRD und DDR, 1955–1985

315

Marie Steinmetz/Hubertus Himmerich/Holger Steinberg Christa Kohlers „Kommunikative Psychotherapie“ – Ein integratives Psychotherapiekonzept im biografischen, wissenschaftlichen und historischen Kontext

331

IV.  Einblicke in den psychiatrischen Alltag Beate Mitzscherlich/Thomas R. Müller Psychiatrie in der DDR aus Sicht von Betroffenen und Mitarbeitern – Ein Interviewprojekt

351

Thomas R. Müller Das Bild der Psychiatrie in der DDR-Literatur – Psychiatrische Themen in der fiktionalen und dokumentarischen Literatur der DDR der 1970er und 1980er Jahre

367

V.  Anhang

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Abkürzungsverzeichnis

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Abbildungsnachweis

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Personenregister

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Autorenverzeichnis

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Paul Hoff Vorwort

Das Fach Psychiatrie und Psychotherapie bedarf der wissenschaftshistorischen Perspektive wohl am meisten von allen medizinischen Disziplinen. Dies hat mit seinem besonderen Forschungsgegenstand zu tun, der psychisch erkrankten Person, die eben gerade kein „Gegenstand“ ist. Nun ist psychiatriehistorisches Arbeiten freilich nicht per se fruchtbar, sondern nur dann, wenn es sich einem sorgfältigen, kritischen und unvoreingenommenen wissenschaftlichen Vorgehen verpflichtet weiß. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, resultieren regelhaft Erkenntnisse, die auch für die aktuelle Psychiatrie und für deren Selbstverständnis von nachhaltiger Bedeutung sind. Der vorliegende Band geht diesen Weg. Er widmet sich aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln, die ein beeindruckend reichhaltiges Bild entstehen lassen, der Entwicklung unseres Faches in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und speziell in der 1949 gegründeten DDR. Damit steht er in der Tradition der in den letzten Jahren von Ekkehardt Kumbier auf den Kongressen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) veranstalteten Symposien zum gleichen Thema, die stets auf reges Interesse stoßen. Diese Symposien verstanden und verstehen sich als eine fruchtbare Plattform, denn ihre interdisziplinäre Ausrichtung ermöglichte und bereicherte die Diskussion über sozial-, ideen- und politikgeschichtliche Aspekte der Psychiatrie in der DDR und teilweise auch in der BRD. Diese Erfahrungen und das spürbare Interesse am Thema führten letztlich zu der Idee, die Ergebnisse zu dokumentieren. Das vorliegende Buch ist somit als eine erste Bestandsaufnahme von bereits abgeschlossenen, aber auch laufenden und geplanten Projekten zu verstehen. Für die Realisierung eines solchen Vorhabens bedurfte es der Bereitschaft der DGPPN, sich mit ihrer Geschichte und ihrer eigenen Erinnerungskultur auseinanderzusetzen und historische Forschungen vielfältig zu unterstützen. Genau dies ist geschehen. Die DGPPN ermöglichte außerdem den an der Fachgeschichte interessierten Akteuren, neben historisch forschenden Psychiatern vor allem Historikern und Kulturwissenschaftlern, sich auf ihren Kongressen auszutauschen. Im Ergebnis entstand der vorliegende Band, der die Diskussion über das, was Psychiatrie in der DDR ausgemacht hat, welche Konzepte, Modelle, gesellschaftlichen Einflüsse und Rückkopplungen auf eben diese Gesellschaft relevant waren, befruchten soll. Ich bin überzeugt, dass dies gelingen wird und die hier versammelten Texte der zukünftigen Auseinandersetzung mit den behandelten Fragen wesentliche und nachhaltige Impulse verleihen werden. Zürich, im November 2017

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Ekkehardt Kumbier Einleitung Holger Steinberg

Nahezu vor dreißig Jahren hörte die DDR auf zu bestehen. Nunmehr gerät der zwischen 1949 bis 1990 existierende Staat zunehmend in den Blick der Historiografie. Das liegt zum einen an dem notwendigen zeitlichen Abstand, der eine Historisierung und damit differenzierte Geschichtsschreibung vermutlich erst möglich macht, zum anderen aber auch an der besseren Verfügbarkeit von Archivalien, die aufgrund von Schutzbestimmungen erst in jüngster Zeit zugänglich geworden sind. Zugleich gibt es noch genügend Zeitzeugen, die den Blick auf subjektive Seiten der Geschehnisse vermitteln können. Neben dem publizierten und in Archiven vorhandenen Material sind gerade die Gespräche mit diesen eine wichtige Quelle. Das legt die Frage nahe, wie weit die historische Aufarbeitung der Psychiatrie in der DDR bisher vorangeschritten ist.1 Die unmittelbar mit der politischen Wende einsetzende, primär öffentliche Auseinandersetzung um die Institution Psychiatrie und vor allem ihre Einbindung in das Herrschaftssystem wurde sehr emotional geführt und war häufig von Vorurteilen geprägt.2 Dieser trotz allem notwendigen Debatte folgte eine differenziertere Betrachtungsweise. Konnte diese aber nun Vorurteile revidieren oder bestätigen, hat sie unser Wissen erweitert oder verändert? Festzustellen ist zunächst, dass das Interesse an diesem Thema nach wie vor groß ist und sogar noch zu wachsen scheint. Dies konnte in den vergangenen Jahren auch insbesondere auf den Kongressen der DGPPN ausgemacht werden. Hier fanden regelmäßig sehr gut besuchte Symposien zu sozial-, ideen- und politikgeschichtlichen Aspekten der Psychiatrie in der DDR statt. Die in diesem Rahmen entstandenen Beiträge sowie weitere werden nun in diesem Aufsatzband vorgelegt. Die hier versammelten Arbeiten geben in komprimierter Form einen Überblick über den derzeitigen Forschungsstand und weisen auf Quellen hin. Das Buch ist somit als eine erste Bestandsaufnahme zu verstehen, die der bisherigen Auseinandersetzung mit diesem Thema Rechnung trägt, die aktuelle Bandbreite an Forschungs-

1 Vgl. Holger Steinberg/Ekkehardt Kumbier, 25 Jahre nach dem Mauerfall: Zum Stand der Aufarbeitung der Psychiatrie in der DDR, in: Psychiatrische Praxis, 42 (2015), S. 119–121. 2 Erinnert sei beispielsweise an die dreiteilige Serie Uta Königs im Magazin STERN vom 26.4. bis 10.5.1990, an das Buch Irrsinn Ost – Irrsinn West. Psychiatrie in Deutschland, Frankfurt a. M. 1993 von Ernst Klee oder an verschiedene Beiträge, die die Missstände anprangerten. Einige davon stammten von ehemaligen in der DDR tätig gewesenen Psychiatern selbst, die versuchten, auch auf die Errungenschaften und das Erhaltenswerte hinzuweisen.

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ansätzen widerspiegelt und die Diskussion über die verschiedenen Aspekte der Psychiatrie in der DDR anregen und bereichern will. Die Beiträge bieten aufgrund ihrer interdisziplinären Autorenschaft von Psychiatern, Psychologen, Medizinhistorikern und Historikern der Zeitgeschichte wie auch Kulturwissenschaftlern und Germanisten eine Vielfalt an Denkansätzen. Dabei kann nicht der Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden, ebenso wenig handelt es sich um eine systematische Übersicht, deren Erarbeitung noch aussteht. Und obwohl der Leser auch keine definitiv klärenden Antworten erwarten sollte, verstehen sich die Beiträge doch als Annäherungsversuch an eine vielschichtige Thematik, die – wie immer wieder deutlich wird – einer weiteren Aufarbeitung bedarf. Das Buch ist in vier Abschnitte gegliedert. Der erste Teil beschäftigt sich vor dem Hintergrund des Wandels der politischen Systeme mit der Frage nach Kontinuitäten und Diskontinuitäten, gefolgt von der Verortung der Psychiatrie innerhalb des gesellschaftlich-politischen Kontextes der DDR im zweiten Teil. Im dritten Abschnitt werden therapeutische Ansätze und Entwicklungen aufgezeigt, und der vierte vermittelt schließlich Einblicke in den psychiatrischen Alltag. Manche Themen konnten also nur angeschnitten werden, andere fehlen ganz und gar: etwa das Verhältnis der Psychotherapie und Psychologie zur Psychiatrie bzw. deren Etablierung innerhalb der psychiatrischen Kliniken, die Pflege und Sozialarbeit, die ambulante Versorgung und „Dispensairebetreuung“ psychiatrischer Patienten, die Frage nach der Bildung von psychiatrischen Schulen und Netzwerken, die die Psychiatrie in der DDR womöglich dominierten und die bestimmte diagnostische und therapeutische, aber auch wissenschaftliche Schwerpunkte gebildet haben. Auch das scheinbar ambivalente Verhältnis zwischen den Universitätspsychiatrien und Landes- bzw. Bezirkskliniken wird nur in Ansätzen berührt, zudem fehlt die Geschichte einzelner psychiatrischer Einrichtungen. Der künftigen Aufarbeitung bedarf darüber hinaus die so wichtige Frage nach der Verantwortung und Rolle der in den psychiatrischen Institutionen Tätigen bei der Umsetzung staatlicher Vorgaben, wenn beispielsweise psychisch kranke Menschen im Rahmen von politischen Ereignissen oder aus anderen Gründen in die Kliniken gebracht oder dort zurückgehalten wurden. Einige dieser Aufgabenstellungen sind bereits aufgegriffen worden. So hat etwa Wolfgang Rose ein gelungenes Beispiel für die Historiografie einzelner psychiatrischer Institutionen in der DDR verfasst.3 Der Potsdamer Historiker legt die Vernachlässigung der Psychiatrie und erst recht der „Anstalten“ durch die offizielle Gesundheitspolitik anhand der brandenburgischen Kliniken offen. Zunehmende Mangelwirtschaft und Stigmatisierung psychisch Kranker sind nur zwei Ursachen dieser destruktiven Entwicklung. Dieser Eindruck dürfte sich auf die gesamte Versorgungslandschaft der DDR erweitern lassen. Und so geht auch Sabine Hanrath auf dieses Thema ein.4 3 Wolfgang Rose, Anstaltspsychiatrie in der DDR. Die brandenburgischen Kliniken zwischen 1945 und 1990, Berlin 2005. 4 Sabine Hanrath, Zwischen ‚Euthanasie‘ und Psychiatriereform. Anstaltspsychiatrie in Westfalen und Brandenburg. Ein deutsch-deutscher Vergleich (1945–1964), Paderborn 2002.

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Sie vergleicht die Anstaltsfürsorge in der DDR und BRD während der ersten Nachkriegsjahrzehnte anhand von zwei psychiatrischen Kliniken, die sie in ihrer Studie gegenüberstellt, beschreibt dabei Gemeinsamkeiten und Unterschiede und stellt grundsätzlich fest, dass sich die Psychiatrie in beiden Staaten nicht getrennt voneinander entwickelt habe, sondern vielmehr aufgrund gemeinsamer Wurzeln und Kontinuitäten miteinander verbunden geblieben sei. In diesem Zusammenhang soll auch das Buch des Psychiaters Herbert G. Loos erwähnt werden, der sich mit der Geschichte des psychiatrischen Krankenhauses Berlin-Herzberge beschäftigt und dabei auch auf den Aufbau des damaligen Ostberliner Fachkrankenhauses für Neurologie und Psychiatrie in der DDR eingeht.5 Zur Psychotherapie liegt das Sammelwerk von Michael Geyer vor.6 Der von Zeitzeugen erarbeitete Band stellt die vielen therapeutischen Ansätze an unterschiedlichen Orten dar, geht auf die Institutionalisierung und Etablierung der Psychotherapie in der DDR und auf die Bildung von fach- und berufspolitischen Strukturen ein. Doch muss kritisch darauf hingewiesen werden, dass sich die meisten Beiträge nicht an geschichtswissenschaftlichen Standards orientieren, sondern den Charakter persönlicher Betrachtungen tragen. Dennoch wird sowohl in diesem Sammelband als auch in Bernhardts und Lockots analysehistorischer Darstellung „Mit ohne Freud“7 klar, vor welchen ideologischen Schwierigkeiten und Beschränkungen psychotherapeutische Schulen, die Psychosomatik und die Psychoanalyse standen. Beide Bücher stellen evidente Beiträge zur Aufarbeitung des parteilich-staatlichen Einflusses auf das psychotherapeutische Wirken in der DDR dar. In diesen Themenbereich fallen auch Forschungen zur politisch motivierten Personalpolitik, zur Fächerdifferenzierung der Psychiatrie und Neurologie bzw. der Neuropsychiatrie sowie zur Rolle der Fachgesellschaft für Neurologie und Psychiatrie der DDR und auch der einzelnen Regionalgesellschaften.8 Eine grundsätzliche Frage stellt sich immer wieder: Gab es überhaupt die DDR-Psychiatrie, die sich eigenständig entwickelte und sich von der anderer Länder, insbesondere der Psychiatrie in der BRD unterschied? In vielen der in diesem Buch versammelten Aufsätze wird auf diesen Aspekt eingegangen. Die Antwort fällt übereinstimmend aus: Eine eigenständige, isolierte oder gar kommunistische „DDR-Psychiatrie“ gab

5 Herbert G. Loos, Herzberge. Die Geschichte des psychiatrischen Krankenhauses Berlin-Herzberge von 1893 bis 1993, Berlin-Brandenburg 2014. 6 Michael Geyer (Hrsg.), Psychotherapie in Ostdeutschland. Geschichte und Geschichten 1945– 1995, Göttingen 2011. 7 Heike Bernhardt/Regine Lockot (Hrsg.), Mit ohne Freud. Zur Geschichte der Psychoanalyse in Ostdeutschland, Gießen 2000. 8 Holger Steinberg/Matthias M. Weber, Vermischung von Politik und Wissenschaft in der DDR. Die Untersuchung der Todesfälle an der Leipziger Neurologisch-Psychiatrischen Universitätsklinik unter Müller-Hegemann 1963, in: Fortschritte der Neurologie Psychiatrie, 79 (2011), S. 561– 569; Ekkehardt Kumbier/Kathleen Haack/Uwe K. Zettl, Fächerdifferenzierung unter sozialistischen Bedingungen. Die Etablierung der Neurologie an der Universität Rostock, in: Fortschritte der Neurologie Psychiatrie, 77 Suppl 1 (2009), S. 3–6; Ekkehardt Kumbier, Die Entstehung der Fachgesellschaften für Psychiatrie und Neurologie in der DDR, in: Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Nervenheilkunde, 15 (2009), S. 403–422.

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es nicht.9 Vielmehr folgte die Entwicklung der ostdeutschen Psychiatrie und auch Psychotherapie verschiedenen, mehr oder weniger in allen entwickelten Ländern präsenten Phasen, die freilich von den unmittelbar gesellschaftspolitischen und letztlich auch ökonomischen Bedingungen in der DDR beeinflusst und geprägt wurden. Einen ersten allgemeinen Überblick hatte diesbezüglich der amerikanische Historiker Greg Eghigian gegeben, der vier Entwicklungsetappen abgrenzte und sich – zugespitzt – mit der Frage beschäftigte, ob und inwieweit es gar eine kommunistische Psychiatrie in der DDR gab bzw. in welchem Ausmaß ideologische Einflüsse und politische Rahmenbedingungen eine Rolle spielten.10 Wenngleich die staatlichen und damit politisch-ideologischen Einflüsse sicherlich ständig mehr oder weniger sichtbar vorhanden waren und die Rahmenbedingungen vorgeben wollten, so hat sich die Psychiatrie in der DDR doch vor allem unter dem Einfluss der allgemeinen Entwicklung des Fachgebiets vollzogen und immer auch internationale Einflüsse aufgenommen. Damit soll keineswegs negiert werden, dass ein politischer Druck existierte, der mit der Tendenz zur Entmündigung und staatlichen Kontrolle einherging. Im ersten Abschnitt des Buches wird das „chronologische Bindeglied“ Nachkriegspsychiatrie zwischen dem so wichtigen Thema der Erforschung der Verbrechen an psychisch Kranken während der Zeit des Nationalsozialismus und den Untersuchungen zu den Reformbestrebungen der 1960er und 1970er Jahre aufgegriffen. Die Frage einer potenziellen Neuorientierung der deutschen Psychiatrie nach 1945 ist eng an die Problematik von Kontinuitäten und Diskontinuitäten geknüpft. Das Wissen über die unmittelbare Nachkriegssituation psychiatrischer Krankenhäuser in den verschiedenen Besatzungszonen ist bisher noch gering. Der Historiker Dietmar Schulze und die Medizinhistorikerin und Psychiaterin Maike Rotzoll untersuchen in ihrem Beitrag deshalb am Beispiel der sächsischen Heil- und Pflegeanstalt Großschweidnitz, wie in der SBZ und frühen DDR mit den Folgen des Nationalsozialismus umgegangen wurde und wie die angestrebte Neuorientierung in der Anstaltspsychiatrie aussah. Großschweidnitz war auf mehrfache Art und Weise in den systematischen Krankenmord während der NS-Zeit involviert und eignet sich so besonders gut für diese Untersuchung. Die Autoren stellen fest, dass es einen radikalen Neuanfang nach 1945 dort nicht gab. Das praktisch funktionierende Krankenhaus wurde dringend gebraucht, nicht nur für Kranke aus der Region, sondern auch zur Versorgung der vielen tausend aus den deutschen Ostgebieten geflüchteten und vertriebenen Menschen. Diese Thematik greift auch die Historikerin Kathleen Haack auf, denn auch psychisch Kranke waren von Zwangsevakuierungen betroffen und wurden ab 1946 im Zuge des Potsdamer Abkommens aus osteuropä-

9 Damit hat sich kürzlich auch Holger Steinberg auseinandergesetzt und die Existenz einer eigenen DDR-Psychiatrie verneint. Vgl. Holger Steinberg, 25 Jahre nach der „Wiedervereinigung“. Der Versuch einer Übersicht über die Psychiatrie in der DDR. Teil 2: Von pluralistischen Betrachtungsweisen und dem Zusammenbruch in den 1980er Jahren, in: Fortschritte der Neurologie Psychiatrie, 84 (2016), S. 289–297. 10 Vgl. Greg Eghigian, Was there a communist psychiatry? Politics and East German psychiatric care, 1945–1989, in: Harvard Review of Psychiatry, 10 (2002), S. 364–368.

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ischen Anstalten in verschiedene Einrichtungen im geteilten Deutschland verlegt. Anhand der Psychiatriepatienten aus der tschechischen Anstalt Kosmanos (Kosmonosy), die im September 1946 in die Landesheilanstalt Ueckermünde aufgenommen wurden, nähert sie sich diesem von der Forschung bisher kaum beachteten Thema an. Die katastrophalen Verhältnisse in den psychiatrischen Anstalten und spezifisch in Ueckermünde legen nahe, dass auch nach 1945 Menschen zum Opfer einer „Euthanasie durch die Verhältnisse“ wurden. Der Beitrag von Ekkehardt Kumbier und Kathleen Haack beschäftigt sich hingegen damit, wie trotz der veränderten gesellschaftspolitischen Rahmenbedingen und des diktatorischen Umformungsdrucks der SED die Personalpolitik an den Universitätsnervenkliniken in der SBZ und DDR bis 1961 von Kontinuität geprägt war. Der über eine politisch gesteuerte Personalpolitik angestrebte Austausch der Hochschulmediziner gelang infolge des durch Kriegsfolgen, Entnazifizierung und Abwanderung in die westlichen Besatzungszonen entstandenen Personalmangels nicht. Erst gegen Ende der 1950er Jahre etablierte sich eine neue Generation an den Universitätsnervenkliniken. Diese sogenannte Zweite Generation von Hochschullehrern11 bestimmte die Lehre und Wissenschaft bis zum Ende der DDR. Mit dieser Problematik setzt sich auch Marina Lienert am Beispiel des Gründers der Klinik für Psychiatrie und Neurologie der Medizinischen Akademie „Carl Gustav Carus“ Dresden, Johannes Suckow, auseinander. Suckow war während der Zeit des Nationalsozialismus als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsabteilung des Heidelberger Ordinarius Carl Schneider im Rahmen der „Euthanasie“-Aktion tätig. Die DDR hatte für sich immer in Anspruch genommen, die gesamtgesellschaftliche und vor allem juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen gründlich betrieben und in Abgrenzung zur Bundesrepublik die faschistische Vergangenheit restlos bewältigt zu haben. Die Beiträge von Petra Schweizer-Martinschek und Rainer Erices beschäftigen sich mit dem Umgang mit den an der NS-„Euthanasie“ und den Zwangssterilisationen beteiligten Ärzten in der SBZ und DDR. Schweizer-Martinschek macht deutlich, dass die Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Phasen verlief und aus politisch-gesellschaftlichen Gründen unvollständig blieb. So zeigt sich, dass zwischen 1946 und 1952 die Verfolgung und strafrechtliche Aburteilung der NS-„Euthanasie“-Verbrecher konsequent erfolgte, da hier noch die Abgrenzung zum NS-Unrechtsregime im Vordergrund stand. Während der späten 1960er und frühen 1970er Jahre wird die Vergangenheitsbewältigung dagegen eher von der existentiell empfundenen Systemkonkurrenz zur BRD geprägt. Wie Schweizer-Martinschek veranschaulicht, bedeutete dies für die DDR, dass die Aufarbeitung dort endete, wo sie für die Machthaber eine Gefahr für ihr politisches System zu bedeuten schien oder den anderen deutschen Staat möglicherweise in ein besseres Licht rücken konnte. Erices verdeutlicht am Umgang mit den Zwangssterilisationen, dass eine

11 Vgl. hierzu auch Ralph Jessen, Akademische Eliten und kommunistische Diktatur. Die ostdeutsche Hochschullehrerschaft in der Ulbricht-Ära, Göttingen 1999.

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Schuld oder Mitverantwortung der beteiligten Ärzte und damit moralische oder berufsethische Fragen offensichtlich hinter gesellschaftspolitische Ziele zurücktraten. Damit wird insgesamt deutlich, dass die Aufarbeitung der NS-Verbrechen in der Psychiatrie den gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen in der DDR unterworfen war. Eine der drängendsten Fragen nach der politischen Wende war zunächst, ob es einen systematischen staatlichen Missbrauch der Psychiatrie gegeben hatte.12 Darauf wird im zweiten Abschnitt eingegangen, der die Psychia­ trie im gesellschaftlich-politischen Kontext der DDR verortet. Die Psychiaterin und in der Bürgerrechtsbewegung der DDR aktive Sonja Süß hatte bereits 1998 nach Durchsicht hunderter Akten des MfS die Diskussion um den staatlichen Missbrauch der Psychiatrie eröffnet.13 Sie gelangt zu dem Resultat, dass zwar Ärzte als inoffizielle Mitarbeiter des MfS tätig waren und Patientengeheimnisse verraten hätten, psychisch Kranke vorübergehend gegen ihren Willen untergebracht worden seien und es Fälle psychiatrischer Disziplinierung unbequemer Menschen gegeben habe, dass jedoch die Institution Psychiatrie als Gesamtheit nicht systematisch als Instrument zur Verfolgung politischer Gegner benutzt worden sei. Mit dieser Aussage waren und sind nicht alle einverstanden, sodass Süß zum Teil heftig kritisiert wurde; nach heutigem Kenntnisstand zu Unrecht, denn es gibt bisher keine quellenfundierte, zuverlässige Studie, die klar auf das Gegenteil hinweist. Süß berichtet im vorliegenden Buch in einer sehr persönlichen Rückschau und zwanzig Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen ihres eigenen, bis heute maßgebenden Buches nochmals darüber, auch über die sehr unterschiedlichen Reaktionen. Immerhin folgte ihrer Publikation eine Anzahl von Monografien, die auf den Komplex Ärzteschaft und MfS fokussierten. Francesca Weil gelangte hinsichtlich der Spitzeltätigkeiten zu ähnlichen Einschätzungen wie Süß.14 Die Mehrheit der Ärzte habe sich darauf nicht eingelassen, wenngleich der Anteil an inoffiziellen Mitarbeitern des MfS unter Ärzten höher als in der Gesamtbevölkerung war. Die Historikerin sieht die Ursache dafür darin, dass die Partei- und Staatsführung diese bildungsbürgerlich und ständisch geprägte Berufsgruppe besonders observieren ließ und stellt sogar fest, dass wiederum die Psychiater im Vergleich zu anderen Ärzten besonders häufig vom MfS beobachtet wurden. Weil beschäftigt sich aber auch mit der Tätigkeit von Ärzten für das MfS, in ihrem vorliegenden Beitrag vor allem mit den Psychiatern, von denen sie vierzig als IM identifizieren konnte. Die Historikerin Stefanie Coché greift ein weiteres aktu12 Spezifisches Augenmerk fand unmittelbar nach der politischen Wende deshalb auch die Rolle des Strafvollzugs in Waldheim. Von 1970 bis 1990 befand sich dort eine Spezialabteilung der Nervenklinik Hochweitzschen für kriminell auffällig gewordene und anderweitig als besonders gefährlich eingestufte psychisch Kranke, auch sogenannter sozialer Problemfälle. Nachweislich ist es zu Verletzungen der Menschenrechte gekommen. Vgl. Karl Beine/F. Schmitz/ Vera Schumann/Ulrich Tenckmann, Waldheim – Der schwierige Versuch der Aufarbeitung, in: Psychiatrische Praxis, 18 (1991), S. 41–47; Michael Seidel, Waldheim - ein erledigtes Thema?, in: Psychiatrische Praxis, 19 (1992), S. 43–45. 13 Sonja Süß, Politisch mißbraucht? Psychiatrie und Staatssicherheit in der DDR, Berlin 1998. 14 Francesca Weil, Zielgruppe Ärzteschaft. Ärzte als inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, Göttingen 2008.

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elles Thema der historischen und psychiatriehistorischen Forschung auf: die psychiatrische Einweisungspraxis in der Nachkriegszeit. Sie vergleicht damit die Psychiatrie in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Systemen in der frühen DDR und BRD.15 Auch der Psychiater Matthias Lammel geht auf die Einweisungspraxis, insbesondere die Problematik von Zwangseinweisungen ein und setzt sich mit der forensischen Psychiatrie und deren rechtlichen Rahmenbedingungen in der DDR auseinander, wobei er auch auf den straf- und zivilrechtlichen Bereich eingeht. Einem anderen Thema im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Kontext widmet sich der Historiker Udo Grashoff, der die Suizidforschung und -prävention darstellt und zeigt, dass der Umgang mit suizidalem Verhalten in der DDR widersprüchlich war. Der Umgang mit Suiziden wurde in starkem Maße durch die Lockerungen und Restriktionen der SED-Tabuisierungspolitik bestimmt. So wurde von staatlicher Seite darauf geachtet, dass die Suizidprophylaxe auf den medizinischen Bereich beschränkt blieb und damit letztlich die Bemühungen um eine systematische Suizidprophylaxe behindert wurden. Eine gesamtgesellschaftliche Breitenwirkung, die von Psychiatern als unabdingbare Voraussetzung für eine wirksame Suizidprävention angesehen wurde, war im SED-Staat unmöglich.16 Der Psychiater Axel Genz hingegen untersucht gesellschaftsbedingte Einflüsse auf das Suizidgeschehen in der DDR am Beispiel der früheren Bezirks- und jetzigen Landeshauptstadt Magdeburg. Er weist darauf hin, dass gesellschaftlich determinierte Einflüsse auf die zuletzt immer individuellen Suizidhandlungen schwer zu bestimmen sind, kann solche aber aufgrund des Zugangs zu Suizidmitteln und des veränderten psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgungssystems für bestimmte Zeitperioden vor und nach der politischen Wende ausmachen. Mit der Geschichte der Zeitschrift „Psychiatrie, Neurologie und medizinische Psychologie“, die als einzige für diesen Fachbereich während des Bestehens der DDR erschien, setzen sich Marie Teitge und Ekkehardt Kumbier auseinander. Ein wesentlicher Aspekt ihrer Untersuchung ist die Frage, inwieweit versucht wurde, staatliche Einflüsse geltend zu machen. So zeigt sich die politische Verflechtung u. a. in der personellen Auswahl von Herausgebern und Redaktionsleitern sowie der engen Verzahnung zwischen der Fachgesellschaft für Psychiatrie und Neurologie

15 Coché vergleicht in ihrem Buch darüber hinausgehend die psychiatrische Einweisungspraxis in Deutschland während der Zeit des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit. Interessant ist dabei vor allem ihre Perspektive. Der in der Forschung zwar häufig geforderte, bisher aber selten umgesetzte vergleichende Blick auf die Psychiatrie in drei unterschiedlichen gesellschaftlichen Systemen im Nationalsozialismus, der BRD und der DDR. Vgl. Stefanie Coché, Psychiatrie und Gesellschaft. Psychiatrische Einweisungspraxis im „Dritten Reich“, in der DDR und der Bundesrepublik 1941–1963 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 218), Göttingen 2017. 16 Vgl. auch Udo Grashoff, In einem Anfall von Depression … Selbsttötungen in der DDR, Berlin 2006. Grashoff hat in seinem Buch Suizidfälle in der ehemaligen DDR analysiert und ist der Frage nachgegangen, ob die politischen Verhältnisse Auswirkungen auf die Suizidrate hatten, wie die Suizide in der DDR bewertet und wie mit der im internationalen Vergleich hohen Suizidrate umgegangen wurde. Demnach scheint ein direkter Zusammenhang zwischen Unfreiheit, Pression und Suizidalität nicht offen auf der Hand zu liegen.

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der DDR und der Schriftleitung der Fachzeitschrift. Die hauptverantwortlichen Redakteure wie auch die publizierenden Wissenschaftler agierten dabei an der Schnittstelle von Politik und Wissenschaft. Trotzdem finden sich in der inhaltlichen Ausrichtung im internationalen Vergleich in vielen Bereichen Parallelen. Nur in der Anfangszeit des Bestehens der DDR zwischen 1950 und 1960 tritt die Einflussnahme seitens des Staates und der Partei auf die Inhalte der Fachbeiträge in der untersuchten Zeitschrift deutlich hervor. Beispielhaft dafür steht der Pawlowismus, der als Maßnahme der ideologisch geforderten Sowjetisierung für das Gebiet der Lebens- und Biowissenschaften in der DDR und zudem als naturwissenschaftlich fundierter Erklärungsgrundsatz angewendet werden sollte. Mit dem Einfluss der Lehren des russischen Physiologen Iwan Petrowitsch Pawlow (1849–1936) auf die Psychiatrie und Neurologie in der ehemaligen Sowjetunion und nachfolgend auch in der DDR hatte sich zuvor schon insbesondere Windholz auseinandergesetzt.17 Der Pawlowismus ist ein Beispiel dafür, wie aus politischer Motivation heraus versucht wurde, konkret in die Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie der DDR einzugreifen. Das führte zu einer Dominanz von biologischen Forschungs- und Erklärungsansätzen für psychische Erkrankungen und zur entsprechenden Ausrichtung von Therapieansätzen. Eghigian hat in diesem Zusammenhang allerdings darauf verwiesen, dass damit nur eine Tradition fortgeführt wurde, die bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert begann und auch während der NS-Zeit fortbestand.18 Der Kulturwissenschaftler Christof Beyer wirft schließlich in diesem Abschnitt einen Blick auf die deutsch-deutsche Psychiatrielandschaft während der Zeit des Kalten Krieges, der neben den politischen Grenzen zunächst auch zu Abgrenzungen bezüglich der fachlichen Ausrichtung führte und die wissenschaftliche und praktische Arbeit der Psychiatrie in der DDR und BRD bestimmte. Dennoch bestanden auf verschiedenen Ebenen immer Kontakte zwischen Psychiatern in Ost und West, die nicht nur, aber vor allem im Umfeld der bundesdeutschen Psychiatriereform bestanden und zu einem Wissensaustausch führten. Beyer arbeitet die Rahmenbedingungen für einen solchen Austausch auf, der, wie Niederhut19 zeigen konnte, häufig zwischen politischer Steuerung und wissenschaftlicher Autonomiebestrebung stand. Im dritten Abschnitt dieses Bandes wird auf verschiedene therapeutische Ansätze und Entwicklungen eingegangen. Über die sozialpsychiatrischen Reformbemühungen in der DDR, die schon in den frühen 1960er Jahren begannen und die vor allem mit den Rodewischer Thesen (1963) und Brandenburger Thesen zur „Therapeutischen Gemeinschaft“ (1974/76) in

17 George Windholz, Pavlov‘s conceptualization of paranoia within the theory of higher nervous activity, in: History of Psychiatry, 7 (1996), S. 159–166; George Windholz, Soviet psychiatrists under Stalinist duress. The design for a new Soviet psychiatry and its demise, in: History of Psychiatry, 10 (1999), S. 329–347. 18 Greg Eghigian, Was there a communist psychiatry? 19 Vgl. hierzu auch Jens Niederhut, Wissenschaftsaustausch im Kalten Krieg. Die ostdeutschen Wissenschaftler und der Westen, Köln/Weimar/Wien 2007.

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Verbindung gebracht werden, liegen schon mehrere Arbeiten vor.20 Lena Hennings kann jedoch in ihrem Beitrag, der auf die Entstehungsgeschichte der Rodewischer Thesen im Kontext von Psychiatrie, Sozialhygiene und Rehabilitationsmedizin der DDR eingeht, erstmals zeigen, dass Reformer aus West- und Osteuropa ihre Erfahrungen in den Diskurs einfließen ließen. Die bereits 1963 formulierten Rodewischer Thesen strebten die Überwindung der Verwahrpsychiatrie mit dem Ziel der Resozialisierung der Patienten an. Obwohl eine flächendeckende Umsetzung in der DDR nicht einmal ansatzweise erreicht werden konnte, bedeuteten sie dennoch für viele psychiatrisch Tätige in der DDR eine richtungweisende Orientierung. Wie der vorliegende Beitrag von Hennings veranschaulicht, wurden die Rodewischer Thesen bisher zwar in die Psychiatriegeschichte eingeordnet, gleichzeitig sind sie jedoch auch Teil der Geschichte von Sozialhygiene und Rehabilitationsmedizin in der DDR. Inspiriert vom Konzept des englischen Psychi­ aters Maxwell Jones entstanden 1974/76 die „Brandenburger Thesen zur Therapeutischen Gemeinschaft“. Ihr Ziel war es, das therapeutische Milieu in den psychiatrischen Krankenhäusern zu verändern. Ekkehardt Kum­bier und Kathleen Haack legen Motivation, Umsetzung und Wirkung der sogenannten Brandenburger Thesen im Kontext der gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen dar. Obwohl die Thesen keine breite Wirkung auf die psychiatrische Versorgung entfalten konnten, gingen von ihnen wichtige Impulse für die Entwicklung der Sozialpsychiatrie und Psychotherapie in der DDR aus. In der Diskussion um das Konzept der „Therapeutischen Gemeinschaft“ wird zugleich deutlich, dass dieses mit den gesellschaftspolitischen Zielen der Staatspartei SED und deren Prinzipien der Kollektiverziehung übereinstimmen sollte. Der Psychiater Jan Armbruster befasst sich unter Berücksichtigung der genannten Gesichtspunkte mit der Arbeitstherapie, der eine zentrale Rolle in der Rehabilitation psychisch kranker Menschen zukam. Er weist auf den Wandel im Verständnis der Arbeitstherapie21 und deren Auslegung und Anwendung in der DDR hin, die, wie er am Beispiel des Bezirkskrankenhauses Stralsund zeigt, häufig im Spannungsfeld von Rehabilitation und Missbrauch standen. Enger an psychiatrisch-fachwissenschaftliche Diskurse schließt sich die Chronologie zur Depressionsforschung in der DDR von Thormann, Himmerich und Steinberg an das Thema Depression und Suizidalität an, die

20 Vgl. z. B. Heinz-Peter Schmiedebach/Thomas Beddies/Jörg Schulz/Stefan Priebe, Offene Fürsorge – Rodewischer Thesen – Psychiatrie-Enquete. Drei Reformansätze im Vergleich, in: Psychiatrische Praxis, 27 (2000), S. 138–143; Volker Hess, The Rodewisch (1963) and Brandenburg (1974) proposition, in: History of psychiatry, 22 (2011), S. 232–243; Lena Hennings, Die Rodewischer Thesen und das Symposium über psychiatrische Rehabilitation 1963 in Rodewisch, in: Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Nervenheilkunde, 20 (2014), S. 385–409; Ekkehardt Kumbier/Kathleen Haack/Holger Steinberg, 50 Jahre Rodewischer Thesen. Zu den Anfängen sozialpsychiatrischer Reformen in der DDR, in: Psychiatrische Praxis, 40 (2013), S. 313–320. 21 Vgl. hierzu auch Sabine Hanrath, Strukturkrise und Reformbeginn. Die Anstaltspsychiatrie in der DDR und der Bundesrepublik bis zu den 60er Jahren, in: Franz-Werner Kersting (Hrsg.), Psychiatrie als Gesellschaftsreform. Die Hypothek des Nationalsozialismus und der Aufbruch der sechziger Jahre, Paderborn 2003, S. 31–61.

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auf Entwicklungslinien und Therapieansätze eingeht. Anhand der Therapieforschung zu einem speziellen Gebiet arbeitet auch dieser Beitrag heraus, dass die Psychiatrie in der DDR zwar Spezifika aufwies, aber trotz Beschränkungen niemals ein derart isoliertes Dasein führte, dass man von einer in sich abgeschlossenen und nur aus sich allein heraus erklärbaren DDR-Psychiatrie sprechen kann. Weiterhin wird gezeigt, dass auch unter schwierigen Bedingungen Beiträge ostdeutscher Psychiater entstanden, die von Weitsicht und Evidenz zeugen und ihrerseits über die Grenzen des eigenen Landes Wirkung zu entfachen versuchten. Wenngleich sie zunächst nur in Ausnahmefällen international wirklich Beachtung fanden, so können diese Beiträge doch als Beleg dafür gesehen werden, dass die Psychiatrie in der DDR nicht abgekoppelt von sämtlichen Diskursen und ideologisch verformt abseits für sich existierte. Mit historischem Abstand werden aber für sich gesehen diese wichtigen Arbeiten nun wiederentdeckt: Karl Leonhards Klassifikation der endogenen Psychosen22 mag das eindrücklichste Beispiel sein, Rudolf Lemkes Konzept der „Vegetativen Depression“ oder Helmut Rennerts Universalgenese der endogenen Psychosen mögen als solche erst jüngst herausgearbeitete innovative Beiträge gelten;23 dazu gehört wohl auch, wenngleich nicht frei vom Einfluss des Systems, Christa Kohlers Konzept der „Kommunikativen Psychotherapie“, das Steinmetz, Himmerich und Steinberg im vorliegenden Band wieder in den wissenschaftsgeschichtlichen Diskurs einbringen. Wenig wurde bisher auch konkret zu Therapien oder bestimmten Therapieformen gearbeitet – hier besonders den somatischen, die mit der Psychiatrie in der DDR allgemeinhin oft assoziiert werden. Ein Anfang wurde mit der Pawlowschen Schlaftherapie gemacht.24 Lara Rzesnitzek beschäftigt sich in diesem Buch mit der Frage, in welchem Umfang bis in die frühen 1960er Jahre hinein die sogenannten Schocktherapien und die Leukotomie oder stereotaktische Methoden angewendet wurden. Im Ergebnis ihrer Untersuchung stellt sie fest, dass sich das Therapierepertoire in der DDR von Klinik zu Klinik beträchtlich unterschied, was für sie ein Beleg für sehr verschiedene „Psychiatrien in der DDR“ darstellt. Die Unterschiede bedingten sich maßgeblich durch die jeweilige Einstellung des Klinikdirektors, genau wie es auch für die Kliniken in der BRD nachweisbar ist. Auch widerspricht sie der Annahme, die Psychiatrie in der DDR sei den somatischen biologischen Therapien wie der Insulin-Koma-Behandlung oder der Elektrokrampftherapie enger verbunden geblieben als die „West“-Psychiatrie, was meist vermutet wird, weil in der DDR weniger moderne Psychopharmaka zur Verfügung

22 Vgl. Klaus-Jürgen Neumärker, Karl Leonhard (1904–1988), Psychiater und Neurologe an der Charité in Berlin, in: Nervenheilkunde, 27 (2008), S. 327–333. 23 Vgl. Julia Thormann/Hubertus Himmerich/Holger Steinberg, Das Konzept der „vegetativen Depression“ (1949) von Rudolf Lemke – Ein obsoletes Konzept?, in: Psychiatrische Praxis, 38 (2011), S. 91–96; Ekkehardt Kumbier/Sabine C. Herpertz, Helmut Rennert‘s universal genesis of endogenous psychoses. The historical concept and its significance for today‘s discussion on unitary psychosis, in: Psychopathology, 43 (2010), S. 335–344. 24 Vgl. Doreen Scholtz/Holger Steinberg, Die Theorie und Praxis der Pawlowschen Schlaftherapie in der DDR, in: Psychiatrische Praxis, 38 (2011), S. 323–328.

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gestanden hätten. Mit Blick auf die vermeintliche ideologische Abhängigkeit der Psychiatrie in der DDR von der sowjetischen Psychiatrie stellt Rzesnitzek schließlich fest, dass es diese im Bereich der Therapie nicht gab. Über die Herstellung und die Verfügbarkeit von Psychopharmaka in der DDR haben der Medizinhistoriker Volker Hess und seine Mitarbeiter publiziert.25 Damit schlossen sie Wissenslücken und revidierten manches Vorurteil etwa hinsichtlich einer vollständigen Rückschrittlichkeit der ostdeutschen Pharmakopsychiatrie. In seinem hier vorliegenden Beitrag macht Hess deutlich, dass es nicht an der wissenschaftlichen oder technischen Rückständigkeit lag, dass sich die psychopharmakologische Revolution in der DDR zunächst verhaltener vollzog. Vor dem Hintergrund der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen in der DDR grenzt Hess verschiedene Phasen ab, in denen die Psychopharmaka eingeführt wurden, zunächst meist auf dem Wege des Imports und später in Form von originären Nachentwicklungen. Die Psychologin Viola Balz beschreibt in ihrem Beitrag den Versuch, in der ost- und westdeutschen Psychiatrie die Wirkung von Psychopharmaka einheitlich und vergleichbar zu dokumentieren. Mit der Entwicklung und Verwendung von objektivierbaren Befunddokumentationen sollten Arzneimittelwirkungen standardisiert erfasst werden. Balz postuliert in diesem Zusammenhang, dass dieses Vorgehen den Wirksamkeitsbegriff neu definierte, der sich zunehmend von den Erfahrungen der Patienten löste. Der letzte Abschnitt dieses Bandes ermöglicht Einblicke in den psychiatrischen Alltag aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Mitzscherlich und Müller gewähren solche aus Sicht von Betroffenen und Mitarbeitern, wodurch vieles im System der psychiatrischen Kliniken in der DDR besser verständlich wird oder mitunter sogar anders erscheint. Damit gelingt der unverstellte, ungeschönte Blick in psychiatrische Kliniken mit ihren Versorgungsnöten des Alltags und in Behandlungserfahrungen, mögen diese nun DDR-typisch gewesen sein oder nicht. Die unterschiedlichen Perspektiven und persönlich gefärbten Erinnerungen zeigen ein inkohärentes Bild mit Lücken, manchmal auch Widersprüchen und ganz unterschiedlichen Wahrnehmungen.26 Dabei geht es nicht um eine Bewertung, Erklärung oder Richtigstellung des Gesagten. Es geht vielmehr darum, wie die in der Institution Psychiatrie Lebenden und Arbeitenden mit den Herausforderungen

25 Vgl. z. B. Volker Hess, Psychochemicals crossing the wall. Die Einführung der Psychopharmaka in die DDR aus der Perspektive der neueren Arzneimittelgeschichte, in: Medizinhistorisches Journal, 42 (2007), S. 61–84; Viola Balz/Matthias Hoheisel, East Side Story. The standardization of psychotropic drugs at the Charité Psychiatric Clinic 1955-1970, in: Studies in History and Philosophy of Biological and Biomedical Sciences, 42 (2011), S. 453–466; Ulrike Klöppel, 1954: Brigade Propaphenin arbeitet an der Ablösung des Megaphen. Der prekäre Beginn der Psychopharmakaproduktion in der DDR, in: Nicholas Eschenbruch/Viola Balz/Ulrike Klöppel/ Marion Hulverscheidt (Hrsg.), Arzneimittel des 20. Jahrhunderts. Historische Skizzen von Lebertran bis Contergan, Bielefeld 2009, S. 199–227; Viola Balz/Ulrike Klöppel, Psychopharmaka im Sozialismus. Arzneimittelregulierung in der Deutschen Demokratischen Republik in den 1960er Jahren, Berichte zur Wissenschaftsgeschichte, 33 (2010), S. 382–400. 26 Vgl. dazu ausführlich auch Thomas R. Müller/Beate Mitzscherlich (Hrsg.), Psychiatrie in der DDR. Erzählungen von Zeitzeugen, Frankfurt 2006.

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umgingen, die der Alltag in der DDR an sie stellte. Das trifft auch auf das literarische Schaffen zu, welches sich in ganz eigener Weise mit psychiatrischen Themen auseinandersetzte und ein Bild von der Psychiatrie zeichnete. Der Germanist Thomas R. Müller untersucht in seinem Beitrag, inwieweit sich psychiatrische Themen in der fiktionalen und dokumentarischen Literatur in der DDR der 1970er und 1980er Jahre finden. Solche persönlichen Erinnerungen und literarischen Illustrationen sind ein wesentliches Element einer „Gegenüberlieferung“ zu offiziellen, in modernen Diktaturen häufig anderslautenden Darstellungen. Zusammenfassend wird deutlich, dass mittlerweile grundlegende und durchaus auch richtungsweisende Arbeiten über die Geschichte der Psychiatrie in der DDR vorliegen. Einiges an Material zur Überprüfung von Vorurteilen liegt vor, auf einigen Gebieten konnte das Wissen vertieft werden. Zugleich ist unverkennbar, dass es noch viele weiße Flecke gibt und eine systematische zusammenführende Aufarbeitung und geschichtswissenschaftliche Bewertung fehlt. Unser besonderer Dank gilt der Stiftung für Seelische Gesundheit, die durch die finanzielle Unterstützung das Erscheinen dieses Buches ermöglicht hat. Weiterhin bedanken möchten wir uns bei allen, ohne deren Mithilfe und Mitwirken das Projekt nicht hätte verwirklicht werden können. Das sind zum einen die hier versammelten Autoren, zum anderen aber auch diejenigen an der Psychiatrie in der DDR Interessierten und hier nicht namentlich Genannten, die uns im Arbeitskreis für die Geschichte der DDRPsychiatrie und anderswo immer wieder bestärkt haben, die Arbeit an einem solchen Sammelband voranzutreiben.

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I. Kontinuitäten und Diskontinuitäten nach 1945

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Dietmar Schulze Ausgefallene „Stunde Null“  Maike Rotzoll

Die sächsische Heil- und Pflege­ anstalt Großschweidnitz nach 1945

Mit der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 endete die NS-Herrschaft in Deutschland. Die kurze Zeitspanne nach Kriegsende und Kapitulation mit Verkleinerung und Teilung des Landes in vier Besatzungszonen und beginnender Entnazifizierung wird häufig mit dem Begriff „Stunde Null“ umschrieben. „Stunde Null“ assoziiert den Anfangspunkt eines Ereignisses bzw. Zeitabschnitts, einen nicht durch Vorhergegangenes determinierten Neubeginn; auf das besiegte Deutschland übertragen bedeutet der Begriff einen radikalen und vollständigen Bruch mit dem Vorgängersystem. Im Umfeld historischer Jahrestage wird dieses Schlagwort gern genutzt, obwohl ein unbelasteter Neubeginn in Politik, Verwaltung, Wirtschaft etc. eine Illusion ist.1 Die Frage, ob es eine „Stunde Null“ gegeben hat, lässt sich auch abseits von Politik- oder Wirtschaftsgeschichte erörtern. Ergebnisse der allgemeinhistorischen Diskussion können auf andere Forschungsfelder übertragen werden, beispielsweise auf die Geschichte der deutschen Anstaltspsychiatrie. So stellt Cornelia Brink in ihrer Studie „Grenzen der Anstalt“ die Frage, warum die psychiatrischen Anstalten nicht mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges geschlossen wurden.2 Die Verstrickung der Anstaltspsychiatrie in die „Euthanasie“-Verbrechen ist in den letzten Jahren intensiv erforscht worden. Eine Fülle von regional- und lokalgeschichtlichen Studien spürte zahlreichen Details dieses Verbrechenskomplexes nach. Jedoch enden die meisten Arbeiten mit dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches, und die spannende Frage nach der „Stunde Null“ in den deutschen Heil- und Pflegeanstalten bleibt häufig ungestellt. Im Fokus des dreijährigen DFG-Projektes „Nach dem Krankenmord. Struktur und Alltagsleben ehemaliger Tötungsanstalten in den vier Besatzungszonen 1945–1955“ am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin in Heidelberg stand zwar nicht explizit die „Stunde Null“ – als Untersuchungszeitraum wurde das erste Nachkriegsjahrzehnt bis zum formalen Ende des Besatzungsstatus im Jahr 1955 gewählt –, doch eine Untersuchung der „innere[n] und äußere[n] Neuorientierung der psychiatrischen Anstalten in der Nachkriegszeit“3 kann die Frage nach einem

1 Vgl. Manfred Görtemaker, Kleine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2002, S. 25. 2 Vgl. Cornelia Brink, Grenzen der Anstalt. Psychiatrie und Gesellschaft in Deutschland 1860– 1980, Göttingen 2010, S. 360. 3 Georg Lilienthal/Ingo Harms/Dietmar Schulze/Ralph Höger/Anna Gardon/Maike Rotzoll, Nach dem Krankenmord. Struktur und Alltagsleben ehemaliger Tötungsanstalten in den vier

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möglichen radikalen Neubeginn und seinem eventuellen Zeitpunkt nicht außer Acht lassen. Referenzobjekt für die SBZ bzw. die frühe DDR war die sächsische Heilund Pflegeanstalt Großschweidnitz. Am Ort existiert seit dem Jahr 1902 ein psychiatrisches Krankenhaus. Diese Heil- und Pflegeanstalt ist bei weitem nicht die älteste oder traditionsreichste Einrichtung in Sachsen, auch nicht die bettenstärkste. Sie wurde zum Untersuchungsobjekt bestimmt, weil sie auf mehrfache Art und Weise in den systematischen Krankenmord involviert war: 1940/41 Zwischenanstalt für die „Aktion T4“, ab 1940 Hunger- und Sterbeanstalt, seit Dezember 1943 Standort einer Kinderfachabteilung und Sammelstelle für „geisteskranke“ Ostarbeiter. Aktuelle Forschungen gehen von 2.445 „T4“-Opfern, die über Großschweidnitz in die Mordanstalt PirnaSonnenstein verlegt wurden, und 5.573 Todesfällen vor Ort (einschließlich Kindern und Ostarbeitern) im Zeitraum vom 1. September 1939 bis zum 8. Mai 1945 aus.4 Auch für die drei westlichen Besatzungszonen wurden Einrichtungen mit hohen Opferzahlen gewählt, um den Aspekt der Aufarbeitung der unmittelbar zurückliegenden Verbrechen einbeziehen zu können: für die amerikanische Zone die Tötungsanstalt Hadamar, für die britische und die französische Zone die Heil- und Pflegeanstalten Wehnen bei Oldenburg bzw. Klingenmünster. Erst das offizielle Datum der Kapitulation, der 8. Mai 1945,5 bedeutete auch für die Gemeinde Großschweidnitz und die Heil- und Pflegeanstalt das Ende der Kriegshandlungen. An diesem Tag besetzten sowjetische Truppen den Ort. Noch unmittelbar vor der Einnahme waren am 7. Mai 350 gehfähige Patienten, Ärzte und Pfleger gemeinsam mit einigen Dorfbewohnern überhastet in Richtung Sudetenland geflohen.6 Unter der Maßgabe, dass eine „Stunde Null“ nicht an konkrete Daten gekoppelt ist, sondern Prozesscharakter aufweist, waren in Großschweidnitz die Voraussetzungen für einen radikalen Strukturwandel gegeben: Eine Besatzungszonen 1945–1955 am Beispiel der Heil- und Pflegeanstalten Hadamar, Wehnen, Großschweidnitz und Klingenmünster, in: Gerrit Hohendorf/Stefan Raueiser et al. (Hrsg.), Die „Euthanasie“-Opfer zwischen Stigmatisierung und Anerkennung. Forschungs- und Ausstellungsprojekte zu den Verbrechen an psychisch Kranken und die Frage der Namensnennung der Münchner „Euthanasie“-Opfer (= Berichte des Arbeitskreises zur Erforschung der nationalsozia­ listischen „Euthanasie“ und Zwangssterilisation, Bd. 10), Münster 2014, S. 99–112, hier S. 99. 4 Vgl. Opferdatenbank der Gedenkstätte Großschweidnitz e. V., Stand 31.7.2017; Holm Krumpolt, Die Auswirkungen der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik auf die Landesanstalt Großschweidnitz in den Jahren 1939–1945, in: Dietmar Schulze/Maria Fiebrandt (Hrsg.), „Euthanasie“ in Großschweidnitz. Regionalisierter Krankenmord in Sachsen 1940–1945 (= Berichte des Arbeitskreises zur Erforschung der nationalsozialistischen „Euthanasie“ und Zwangssterilisa­ tion, Bd. 11), Köln 2016, S. 61–80; Christoph Hanzig, „Th: Isolierung, Luminal, Kostveränderung.“ Ergebnisse einer Probeerfassung von 570 Patientenakten der Landesanstalt Großschweidnitz, in: ebd., S. 81–97. 5 Am 4. Mai 1945 wurde im britischen Hauptquartier bei Lüneburg die Teilkapitulation für die Wehrmachtseinheiten im Nordwesten unterzeichnet. Am 7. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht im Hauptquartier der westlichen alliierten Streitkräfte in Reims. Am 8./9. Mai 1945 wurde der Kapitulationsakt in Berlin-Karlshorst im Hauptquartier der sowjetischen 5. Armee aus protokollarischen Gründen wiederholt. 6 Vgl. Sächs HStAD, 10822 LA Großschweidnitz, F 2068 n. pag. (Eintrag vom Mai 1945); F 3040 n. pag. (Eintrag vom Juni 1945).

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­ lliierte Siegermacht zerschlug das herrschende politische System. Die a staatliche Verwaltung auf Landesebene in Dresden und auf Kreisebene in Löbau befand sich in Auflösung. In der Heil- und Pflegeanstalt waren nur etwa 250 Patienten, zwei Ärzte und einiges Pflegepersonal zurückgeblieben. Sie wurden allerdings in nur einem Haus zusammengedrängt, weil die restlichen Gebäude der Heilanstalt den sowjetischen Einheiten als provisorische Kaserne dienten. Eine knappe Darstellung mit Fokus auf Patientenbestand, Ernährung, medizinischer Versorgung und Sterblichkeit sowie zur Entnazifizierung und juristischen Verfolgung des ärztlichen und Pflegepersonals soll diese Fragen soweit möglich beantworten. Noch im Mai 1945 kehrten die ersten geflohenen Patienten und Ärzte nach Großschweidnitz zurück.7 Die sowjetischen Truppen hatten die meisten Gebäude zu diesem Zeitpunkt noch mit Beschlag belegt. Weiterführende Nutzungspläne hegten sie offenbar nicht, denn sie räumten die Anstalt etwa im Juli.8 Ab Ende Mai begann der allmähliche Wiederaufbau staatlicher Strukturen, zunächst auf lokaler Ebene mit der Ernennung von Landräten durch die SMAD in Sachsen.9 Im Programm der KPD spielten gesundheitspolitische Planungen nur eine Nebenrolle,10 weswegen zu vermuten ist, dass die KPD- und späteren SED-Funktionäre weder auf lokaler noch auf regionaler Ebene der Heil- und Pflegeanstalt größere Aufmerksamkeit widmeten.11 Bezeichnend ist eine Bemerkung des zuständigen Ministerialdirektors im sächsischen Ministerium für Gesundheitswesen in Dresden, Karl Gelbke. Weil seine Dienststelle personell unterbesetzt war, forderte er Anfang 1949 die SED-Landesleitung Sachsen auf, „mitzuarbeiten, daß wir hier Kräfte bekommen, wenn sie auch fachlich nicht hochqualifiziert sind“, so doch zumindest „politisch qualifiziert […], daß sie die Gedankengänge der modernen demokratischen Medizin verstehen“.12

7 Vgl. ebd., F 2068 n. pag. (Eintrag vom Mai 1945); F 3040 n. pag. (Eintrag vom Juni 1945). Josef Fabian, ab 1947 Direktor der Einrichtung, vermutete 1952, dass die Hälfte aller Patienten die ungeordnete Flucht nicht überlebt hätte. Vgl. Dietmar Schulze/Hagen Markwardt, Die Landesanstalt Großschweidnitz im Jahr 1945, in: Schulze/Fiebrandt (Hrsg.), „Euthanasie“ in Großschweidnitz, S. 111–125, hier S. 115 f. 8 Vgl. Sächs HStAD, 10822 LA Großschweidnitz, F 2068 n. pag. (Eintrag vom Juli 1945); F 6801, n. pag. (Mitteilung an den Ehemann, 11.8.45). 9 Vgl. Agatha Kobuch, Zur Behördengeschichte der Kreisverwaltungen Sachsen von 1945–1952, Dresden 1952 (Maschinenschrift), S. 2. 10 Vgl. Klaus-Dieter Müller, Die Ärzteschaft im staatlichen Gesundheitswesen der SBZ und DDR 1945–1989, in: Robert Jütte (Hrsg.), Geschichte der deutschen Ärzteschaft. Organisierte Berufs- und Gesundheitspolitik im 19. und 20. Jahrhundert, Köln 1997, S. 243–273, hier S. 245. 11 Die Bestände von KPD und SED sind sowohl auf Landes- (Land Sachsen) bzw. Bezirksebene (Bezirk Dresden) als auch auf Kreisebene (Kreis Löbau) im Sächs HStAD nur unvollständig überliefert. Das Gesundheitswesen ist in den 1950er Jahren nur selten ein Thema, die Lage der Psychiatrie niemals. Vgl. Sächs HStAD, 11856 SED-Landesleitung Sachsen, 11857 SED-Bezirksleitung Dresden und 11864 SED-Kreisleitung Löbau. Ein Aktenbestand zur SED-Grundorganisation des Krankenhauses Großschweidnitz fehlt. 12 Sächs HStAD, 11856 SED-Landesleitung Sachsen, IV/A Nr. 785, Bl. 217.

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Patientinnen und Patienten während des Ernte­festes in Großschweidnitz 1953

Nutzung der Landesanstalt Großschweidnitz Als Folge der Potsdamer Konferenz (17. Juli bis 2. August 1945) änderten sich die politischen Rahmenbedingungen grundlegend. Bis dahin bezeichneten Großschweidnitz’ Koordinaten den östlichen Rand Mitteldeutschlands. Durch die Festlegung der Oder-Neiße-Linie als deutscher Ostgrenze rückten Ort und Krankenhaus an die Peripherie. Die Heil- und Pflegeanstalt wurde zu einer Anlaufstelle für Flüchtlinge und Vertriebene. Die Aufnahme und Versorgung der aus den ehemals deutschen Ostgebieten, in Sachsen vor allem aus Schlesien und dem Sudetenland, vertriebenen deutschen Bevölkerung stellte alle Zielorte der Flüchtlingsströme gleichermaßen vor nahezu unlösbare Aufgaben. Die Heil- und Pflegeanstalt Großschweidnitz fand sich wegen ihrer Grenzlage mit besonders vielen Problemen konfrontiert. Zahlreiche Flüchtlinge bedurften medizinischer Versorgung. Die Allgemeinkrankenhäuser in der Region konnten diese offenbar nicht leisten, weshalb auch die Heil- und Pflegeanstalt in Anspruch genommen wurde. Zeitweise existierten Stationen für Geschlechtskrankheiten, für Infektionskrankheiten und ein Tbc-Kurheim auf dem Anstaltsgelände.13 Für die Zeit vom 8. Mai bis zum 31. Dezember 1945 sind 2.510 Aufnahmen in Großschweidnitz zu verzeichnen. Für den gesamten Untersuchungszeitraum (bis 31. Dezember 1955) sind 17.337 Zugänge nachweisbar; deutlich mehr als fünfzig Prozent waren psychiatrische Fälle. Da keine Behelfsbauten entstanden, ging die Ausweitung des Spektrums medizinischer Versor-

13 Vgl. Sächs HStAD, 10822 LA Großschweidnitz, 115, n. pag. (Bettenaufstellung vom 31.5.1948); 11391 Ministerium für Arbeit und Sozialfürsorge, 1764, Bl. 127.

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Nutzung der Landesanstalt Großschweidnitz

gung zu Lasten der psychiatrischen Patienten. Der eigentliche Zweck der Landesanstalt trat zumindest zeitweilig zugunsten allgemeinmedizinischer Aufgaben deutlich in den Hintergrund. Noch im Jahr 1949 musste Direktor Josef Fabian nach einer Beschwerde wegen der schlechten Ausstattung der Tbc-Station resignierend feststellen: „Wir sind deshalb in den letzten Wochen bemüht, das Tbc.-Kurheim aus eigener Kraft so auszugestalten, daß es künftighin einigermaßen den Anforderungen eines modernen Krankenhauses genügt und eine menschenwürdige Unterkunft darstellt. Aber diese Vervollkommnung der Einrichtung und Ausstattung des Heimes ist nur auf Kosten der psychiatrischen Abteilung möglich, die auch nicht an überflüssigem Komfort leidet.“14 Dennoch versuchte die Anstalt mit Ausflügen und Patientenfesten allen Schwierigkeiten und Einschränkungen zum Trotz den gewöhnlichen Anstaltsalltag aufzulockern (s. Abb. auf S. 28).

Lebensmittelversorgung Die größte Herausforderung blieb jedoch die Sicherstellung der Ernährung. Unzweifelhaft ist, dass die Anstaltsbewohner Hunger litten, doch eine archivalische Überlieferung, die über die konkrete Situation in Großschweidnitz Auskunft gibt, fehlt. Einen Hinweis auf die herrschende Hungersnot liefert das bei der Aufnahme notierte Körpergewicht der Patienten. Fast zwei Drit-

14 Sächs HStAD, 10822 LA Großschweidnitz, 143, n. pag. (Stellungnahme vom 21.12.1949).

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tel aller Männer trafen in reduziertem Ernährungszustand im Krankenhaus ein. Bemerkungen in einzelnen Krankengeschichten wie „ißt die Kakteenblätter u. sucht sich auf alle Art u. Weise in den Besitz von Eßwaren zu setzen“ zeigen, wie kritisch die Situation gewesen sein muss.15 Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln blieb mindestens bis 1950 angespannt, wie Meldungen aus den Nachbarkreisen belegen. So berichtete im März 1947 der Kreisschulrat Zittau über die verminderte Aufnahmefähigkeit „infolge des schlechten Ernährungszustandes der Kinder“. Die FDJ-Kreisleitung Zittau meldete, dass „ein großer Teil von Jugendlichen täglich unterwegs [sei,] um sich zusätzliche Nahrungsmittel auf dem Lande zu besorgen“.16 Für die normale Bevölkerung bestand die Möglichkeit, weitere Lebensmittel „auf dem Lande“ oder auf dem Schwarzmarkt zu erwerben. Gegen psychiatrische Patienten wäre vermutlich rigoros vorgegangen worden, wie ein Beispiel aus dem benachbarten Kamenz zeigt. Der Sozialausschuss des Kreistages Kamenz behandelte am 29. November 1948 die Frage der Erhöhung der Lebensmittelrationen aus „Freien Spitzen“, „damit das Betteln der Heiminsassen [gemeint sind Bewohner des Kreispflegeheimes in Jesau, D.S.] wegen Lebensmitteln in der Stadt Kamenz sowie der näheren und weiteren Umgebung unterbunden wird.“ Die Mitglieder des Sozialausschusses waren sich jedoch bewusst, „daß die verfügbaren ‚Freien Spitzen‘ bei weitem nicht ausreichen“ würden und schlugen deswegen vor, „Personen, die sich entsprechend den gegenwärtigen Verhältnissen nicht unterzuordnen vermögen, nach Möglichkeit im Altersheim Weißig [bei Dresden, D.S.] unterzubringen und dort evtl. eine etwas strengere Hausordnung durchzuführen.“17 Bereits am nächsten Tag folgte die Verlegung nach Weißig.18 Außerdem richtete sich die Lebensmittelvergabe nach arbeitsmarktpolitischen Vorgaben. Der Kreisausschuss „Freier Markt“ des Kreises Löbau wandte sich am 1. April 1949 explizit an das Infektions-Krankenhaus auf dem Gelände der Heil- und Pflegeanstalt Großschweidnitz und teilte mit: „Kranke, welche nach ärztlichem Gutachten und nach Befürwortung der BGL. des Krankenhauses bei Entlassung aus demselben zur vollständigen Herstellung ihrer Gesundheit resp. Genesung und dadurch schnelleren Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit einer Ernährungszulage bedürfen, erhalten einmalig 500 (fünfhundert) Gramm Fleisch.“19

15 Vgl. ebd., 3330 n. pag. (Eintrag vom 24.5.46). Die Frage, welcher Verpflegungsklasse ihr Ehemann zugeordnet werden soll, beantwortete die Frau im Sommer 1946 schlicht mit „Er soll nicht hungern.“ Ebd., 3995 n. pag. (Antrag zur Aufnahme des nachgenannten Kranken, 12.6.1946). 16 Sächs HStAD, 11428 Kreistag/Kreisrat Zittau, 421 n. pag. (Kreisschulrat Zittau an Kreistag, 3.3.1947 und FDJ-Kreisleitung Zittau an Kanzlei des Kreistages, 31.3.1947). 17 Sächs HStAD, 11419 Kreistag/Kreisrat Kamenz, 60 n. pag. (Niederschrift 5/48 über die heutige Sitzung des Sozialausschusses des Kreistages des Landkreises Kamenz, 29.11.1948). 18 Vgl. ebd., 988, Bl. 74. 19 Sächs HStAD, 10822 LA Großschweidnitz, 117 n. pag. (Kreisausschuss „Freier Markt“ Löbau an Infektions-Krankenhaus Großschweidnitz, 1.4.1949).

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Psychiatrie in der DDR (Leseprobe)  

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