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Einzelverรถffentlichung des Landesarchivs Berlin Herausgegeben von Uwe Schaper


David Koser

ÂťAbbruch und NeubauÂŤ Die Entstehung der Berliner City


Zugl.: Berlin, Technische Universität, Diss., 2016 Vorsitzender des Promotionsausschusses: Prof. Dr.-Ing. Jörg H. Gleiter Gutachter: Prof. Dr.-Ing. Johannes Cramer, Prof. Dr. Harald Bodenschatz

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Vorwort 7 EINLEITUNG Themenstellung 11 Genutzte Quellen 21 Forschungsstand 27 HAUPTTEIL Die Dorotheenstadt und Friedrichstadt bis 1870

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Entwicklung in der Dorotheenstadt und Friedrichstadt von 1871 bis 1940 Neues Bauen in der Stadt (1871 bis 1880) Kletternde Schaufenster (1881 bis 1890) Glaspaläste (1891 bis 1900) Trend zum Stein (1901 bis 1910) Strenge Vertikale (1911 bis 1920) Hauch der Moderne (1921 bis 1930) Diktatur in Muschelkalk (1931 bis 1940)

39 49 61 73 85 95 105

Entwicklung ausgewählter Branchen von 1871 bis 1940 Regieren und Verwalten: Der Staat Kapital lenken: Die Banken Besucher aufnehmen: Die Hotels Informieren und Meinung machen: Die Presse Träume produzieren: Der Film

117 125 133 141 149

Entwicklung von 1871 bis 1940 in Zahlen Grundstücksnutzung: Der Drang zum Mehr Neubebauung: Immer wieder Boom Parzellierung: Der große Fraß Wohnbevölkerung: Nur wenige blieben Fazit: Die Entstehung der Berliner City

157 165 173 179 185

Anmerkungen 189 ANHANG Einteilung der Stadtbezirke von 1884 201 Verfahren bei der Auswertung der Adressbücher 203 Aufstellung der Baujahre 207 Quellen- und Literaturverzeichnis 243 Abbildungsnachweis 253


Vorwort „Abbruch und Neubau“ – das war der knappe, vor dem Weltkrieg von 1914 bis 1918 in „Haberlandts Bauten-Nachweis“ regelmäßig zu lesende Hinweis, dass im Berliner Stadtzentrum wieder ein Gebäude abgebrochen wird. Dies konnte ein altes Wohnhaus aus den Tagen Friedrichs des Großen sein, eine der frühen Mietskasernen aus den 1860er Jahren oder auch ein erst wenige Jahre zuvor errichtetes Geschäftsgebäude, das bereits nach kurzer Zeit wieder neuen Bauprojekten weichen musste. An die Stelle dieser Gebäude traten Neubauten, die eine höhere Rendite versprachen. Dies waren oftmals aufwendig gestaltete, von bekannten Architekten entworfene Verwaltungs- und Geschäftsgebäude, die sich in vielen Fällen über mehrere zusammengelegte Grundstücke erstreckten. In den Jahrzehnten nach der Reichsgründung brachen Grundeigentümer und Investoren fast die gesamte Bebauung im Berliner Stadtzentrum ab, um sie durch neue Gebäude zu ersetzen. Manche Grundstücke wurden innerhalb weniger Jahre gleich mehrfach neu überbaut. Mit dem Ausrücken der Abbruchtrupps veränderte sich nicht nur die Gestalt des Berliner Stadtzentrums, sondern auch seine Funktion. Es entstand eine weitgehend unbewohnte, in weiten Bereichen nur noch während der Geschäftszeiten bevölkerte Einkaufs- und Verwaltungsstadt: eine sogenannte City. Das vollzog sich nicht nur in Berlin, sondern überall in den größeren Städten der industrialisierten Welt. Am weitesten ging diese Entwicklung in den angelsächsischen Ländern, deren liberales Wirtschaftsverständnis der marktgesteuerten Verwertung des städtischen Bodens am wenigsten entgegenzusetzen hatte. Nicht zufällig verkörpern die Hochhäuser nordamerikanischer Großstädte bis heute das Bild der reinen, von Büronutzungen bestimmten Geschäftsstadt. Die vorliegende Untersuchung geht dem Baugeschehen in der Zeit der Citybildung im 19. und frühen 20. Jahrhundert nach, dem Rhythmus von „Abbruch und Neubau“ in einer atemlosen Phase der Entwicklung unserer Großstädte. Dabei geht es um die Frage, wie aus kleinteilig strukturierten und gemischt genutzten Stadtgebieten innerhalb eines Menschenalters moderne, großstädtische Zentren wurden. Welchen Verlauf nahm diese Entwicklung und welche Bautypen brachte sie hervor? Und mit welchen Leitbildern und Instrumenten versuchte die Politik diesen Prozess zu steuern, wenn sie es denn tat?

Berlin, Leipziger Straße Ecke Friedrichstraße (um 1910)

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EINLEITUNG


Themenstellung Untersuchungsgegenstand Über Jahrhunderte hinweg existierte in den europäischen Städten eine räumliche Einheit von Wohnen und Arbeiten. Die Innenstädte waren kleinteilig gegliedert und vielfältig genutzt. Mit der Industrialisierung und dem Bevölkerungswachstum im 19. Jahrhundert veränderten sich die über einen langen Zeitraum gewachsenen Stadtstrukturen. Während die Städte über ihre bisherigen räumlichen Grenzen hinauswuchsen, bildeten sich in ihrem Inneren unterschiedliche Funktionsbereiche heraus. Dazu gehörten zentral gelegene Geschäftsviertel, in denen eine Dienstleistungsnutzung vorherrschte, sowie gesonderte Wohn- und Fabrikviertel. Am Ende dieser Entwicklung standen Stadtzentren, in denen verwaltet, gekauft und konsumiert wurde, aber kaum noch jemand wohnte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschrieben Beobachter die Herausbildung monofunktionaler, nur noch durch Dienstleistungsnutzungen bestimmter Stadtzentren auch als „Aushöhlung“1 und „Entvölkerung“2 der Stadtkerne. Der Statistiker Sigmund Schott sprach im Jahr 1907 von der „Flucht der Wohnbevölkerung aus den Geschäftsstraßen“3. Dazu führte er aus: „Überall weicht die menschliche Heimstätte dem Wettbewerb der Geschäftsräume, die sich entweder als Läden, Kontore, Wirtschaften mit einzelnen Zimmern und Stockwerken begnügen, oder als Bankpaläste, Warenhäuser, Hotels ganze Bauplätze und Baublöcke in Anspruch nehmen.“ Und weiter: „Im Herzen der Stadt muß sich festsetzen, wer über einen lokalen Kundenkreis hinaus an die Klienten aus allen Stadtgegenden sich wendet, wer von der shopping gehenden gnädigen Frau einen Auftrag erhaschen und wer die hereinströmende Landbevölkerung versorgen möchte.“4 In Deutschland war von dieser Entwicklung besonders Berlin betroffen, das nach der Reichsgründung im Jahr 1871 einen großen Aufschwung nahm. Im Jahr 1913 notierte der Generalsekretär des Verbandes der Geschäfts- und Industriehaus-Besitzer rückblickend: „Keine Stadt auf dem europäischen Kontinent hat doch in dem letzten Vierteljahrhundert so vollständig ihre Physiognomie verändert wie unsere deutsche Reichshauptstadt, deren Wachstum nur in den amerikanischen Grossstädten einen Vergleich findet. Wie unentwickelt war noch vor 25 Jahren, verglichen mit heute, das Berliner Ver-

kehrsleben, sogar in den Hauptstrassen. Da gab es noch keine Warenhäuser, noch keine Geschäfts- und Industriehäuser, die grossen Hotel-Paläste und Restaurants waren noch nicht entstanden. Kaum die ersten Ansätze einer Scheidung von Geschäfts- und Wohnvierteln waren zu verspüren.“5 Für die neuen, durch den tertiären Sektor geprägten Stadtzentren verbreitete sich nach der Jahrhundertwende die Bezeichnung „City“. Den Prozess ihrer Entstehung bezeichnete man als „Citybildung“. Die Begrifflichkeiten leiteten sich aus dem mittelalterlichen Stadtkern (der „City“) Londons ab, der sich seit dem 18. Jahrhundert immer mehr in ein reines Geschäftsviertel verwandelt hatte. Der Stadtplaner Josef Stübben führte dazu im Jahr 1914 aus: „In vielen Großstädten wird die Beobachtung gemacht, daß der Kern der Stadt an Geschäftshäusern aller Art zunimmt, an Wohnungen und Einwohnern dagegen abnimmt. Da diese Erscheinung sich zuerst in der eigentlichen Stadt London, in der City of London, zeigte und dort am meisten vorgeschritten ist, so bezeichnet man sie als ‚Citybildung‘.“6 Der Begriff „City“ wurde immer wieder als unscharf kritisiert.7 Zudem hat er im englischen Sprachraum eine andere Bedeutung.8 Dennoch konnten sich synonym verwendete Bezeichnungen wie etwa „Geschäftsstadt“9 in Deutschland nicht durchsetzen. Zwar begann sich die deutsche Stadtforschung seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Phänomen der Citybildung zu beschäftigen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema blieb jedoch rudimentär und auf Einzelaspekte wie die Bevölkerungsentwicklung beschränkt. Mit der flächenhaften Zerstörung der großstädtischen Zentren im Weltkrieg von 1939 bis 1945 endete dann die erste Phase der Citybildung in Deutschland, ohne Gegenstand systematischer wissenschaftlicher Untersuchungen geworden zu sein. Der Wiederaufbau der Stadtzentren vollzog sich unter veränderten, durch ein anderes Planungsverständnis und neue städtebauliche Leitbilder geprägten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Bis heute liegen kaum aussagekräftige Studien zum funktionalen und baulichen Wandel in den Zentren der deutschen Großstädte bis zum Jahr 1945 vor. Allgemein bekannt ist nur, dass es dort eine Citybildung gab und dass diese mit einer Über11


formung des Stadtbildes und einer weitgehenden Verdrängung der Wohnbevölkerung einherging. Der Beginn der Citybildung wird im Allgemeinen mit der Reichsgründung gleichgesetzt.10 Über den tatsächlichen Verlauf der Citybildung sowie ihre funktionale und bauliche Ausprägung weiß man jedoch nur wenig. Mit der vorliegenden Untersuchung wird diese Forschungslücke ein Stück weit geschlossen und ein besonders dynamischer Abschnitt der Stadtentwicklung in Deutschland anhand quantitativer Untersuchungsgrößen sichtbar gemacht. Die Untersuchung der Citybildung erfolgt am Beispiel Berlins, das als Hauptstadt Preußens und des Deutschen Reiches in besonderem Maße zentrale Funktionen zu erfüllen hatte und von allen deutschen Städten den vermutlich intensivsten Citybildungsprozess durchlief. Noch heute zeugen an manchen Stellen des Berliner Stadtzentrums aufwendig gestaltete Geschäftsgebäude von den Umbrüchen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Konkret wird untersucht, in welchen zeitlichen Phasen, funktionalen Ausprägungen und baulichen Formen sich die Entwicklung der Berliner City bis zum Weltkrieg von 1939 bis 1945 vollzog. Im Vordergrund der städtebaulich ausgerichteten Untersuchung steht die äußere, in der Stadtstruktur ablesbare Manifestation der Citybildung. Ihre ökonomischen Ursachen und sozialen Auswirkungen werden thematisiert, soweit es für die städtebauliche Entwicklung von Bedeutung ist.

Untersuchungsmethode Der Prozess der Citybildung wird in einem ausgewählten Bereich des Berliner Stadtzentrums anhand quantitativer, über einen längeren Zeitraum hinweg erhobener Untersuchungsgrößen gemessen. Im Gegensatz zu älteren Studien, in denen die Citybildung nur indirekt über die Abwanderung der Wohnbevölkerung aus einzelnen Stadtteilen oder Stadtbezirken nachvollzogen wird, erfolgt dies mit direkten Indikatoren. Um ein genaues Bild von der Entwicklung der Untersuchungsgrößen zu erhalten, wird die Messung möglichst kleinräumig auf der Ebene der Hausgrundstücke vorgenommen. Der Untersuchungszeitraum wird in eine Abfolge gleicher Intervalle eingeteilt, und zwar in Zehnjahresschritte (Dekaden). Anhand der Veränderungen in den einzelnen Dekaden und im gesamten Untersuchungszeitraum wird die Dynamik des Entwicklungsprozesses sichtbar gemacht. 12

Die Untersuchungsmethode erfordert einen Überblick über die Nutzungs- und Baugeschichte aller Hausgrundstücke im Untersuchungsgebiet. Da die Daten für eine in das 19. und frühe 20. Jahrhundert zurückreichende Untersuchung nicht einfach irgendwo „abgerufen“ werden können, sind hierzu verschiedene Quellen auszuwerten und miteinander zu verknüpfen. Der damit verbundene Aufwand ist eine mögliche Ursache dafür, dass kaum Untersuchungen zur Citybildung in deutschen Städten vorliegen. So betrachtete bereits Schott im Jahr 1907 eine „vergleichende statistische Darstellung aller Merkmale der Citybildung“ aufgrund des Mangels an aussagekräftigem Datenmaterial „für heute noch [als] ein Ding der Unmöglichkeit“11. Nach den tief greifenden Umbrüchen im Berliner Stadtzentrum und dem Verlust vieler Archivalien im Weltkrieg von 1939 bis 1945 ist die Beschaffung der erforderlichen Daten umso schwieriger. Um die Erkenntnisse zur funktionalen und baulichen Entwicklung der Hausgrundstücke im Untersuchungsgebiet sinnvoll einordnen zu können, werden begleitend die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Stadtentwicklung in Berlin im Untersuchungszeitraum betrachtet. Dies erfolgt vorrangig auf der Grundlage von zeitgenössischer, bis zum Jahr 1940 verfasster Literatur. Neben wissenschaftlichen Abhandlungen gehören dazu auch publizistische Beiträge, in denen sich der städtebauliche Diskurs im Untersuchungszeitraum nachvollziehen lässt. Ergänzend wird auch jüngere Literatur ausgewertet, die sich rückblickend mit der Entwicklung Berlins beschäftigt. Der Untersuchungsbericht gliedert sich in drei Abschnitte. Zunächst werden einleitend die Themenstellung (Untersuchungsgegenstand, -methode, -gebiet, -zeitraum und -größen), die genutzten Quellen und der Forschungsstand erläutert. Daran schließt sich der chronologisch aufgebaute Hauptteil an, der eine Beschreibung der Vorgeschichte des Untersuchungsgebietes sowie eine nach Dekaden gegliederte Darstellung der allgemeinen Entwicklungslinien der Stadtentwicklung und der Entwicklung der gewählten Untersuchungsgrößen umfasst. In gesonderten Kapiteln erfolgt eine vertiefende Betrachtung einzelner Untersuchungsgrößen. Am Ende des Hauptteils wird die Entwicklung der Untersuchungsgrößen über den gesamten Untersuchungszeitraum bilanziert. Den Abschluss der Untersuchung bildet ein Fazit zum Entstehungsprozess der Berliner City. Die Aufbereitung der einzelnen Kapitel erfolgt in einheitlicher schriftlicher und visueller Form.


Untersuchungsgebiet Das Untersuchungsgebiet soll drei Voraussetzungen erfüllen: Es muss eine bestimmte Größe besitzen, um ausreichend repräsentativ zu sein. Zudem muss dort eine ausgeprägte Citybildung stattgefunden haben. Schließlich sollte es im Untersuchungszeitraum nur wenige Eingriffe in den Stadtgrundriss (wie etwa Straßendurchbrüche oder großflächige Umstrukturierungen) erfahren haben, um Veränderungen auf der Ebene der Hausgrundstücke nachvollziehen zu können. In der zeitgenössischen Literatur vor dem Jahr 1945 wird die Berliner City im Bereich der mittelalterlichen Stadtgründungen sowie der Stadterweiterungen des 17. und 18. Jahrhunderts verortet.12 Als Kernbereich der City gilt den meisten Autoren vor allem die auch als „erstes Geschäftsviertel“13 beschriebene Friedrichstadt. So vermerkte der Stadtforscher Hermann Schmidt im Jahr 1909: „Die Friedrichstadt mit ihren geraden Strassenzügen macht […] einen modernen Eindruck. Sie ist heute der eigentliche Mittelpunkt von Berlin.“14 Die nördlich gelegene, mit der Friedrichstadt eine räumliche Einheit bildende Dorotheenstadt wird oftmals der Friedrichstadt zugeordnet. Mit ihren regelmäßigen, gut erschlossenen Blockstrukturen boten diese beiden Stadtteile günstige Bedingungen für die Ausbreitung des tertiären Sektors. In ihrem Bereich lagen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert auch einige der Berliner Stadtbezirke mit dem stärksten Rückgang der Wohnbevölkerung. Trotz des Aufstiegs des Berliner Westens, der sich nach der Jahrhundertwende in ein Nebenzentrum entwickelte, blieben die beiden Stadtteile bis zum Jahr 1945 das hauptsächliche Citygebiet.15 Aufgrund dieses Sachverhalts werden die Dorotheenstadt und Friedrichstadt als Untersuchungsgebiet gewählt. Unberücksichtigt bleiben damit die älteren Bereiche der Berliner City, deren Entwicklung in hohem Maße durch Eingriffe der öffentlichen Hand und weniger durch privatwirtschaftliche Initiative geprägt war. Außen vor bleibt auch das Exportviertel in der westlichen Luisenstadt, das von einigen Autoren aufgrund seiner Bedeutung für den Außenhandel zur City gezählt wird,16 mit seiner besonderen Mischung aus Wohnen, Produktion und Musterschau17 aber kein typisches Citygebiet darstellte. Durch die Beschränkung des Untersuchungsgebietes auf die Dorotheenstadt und Friedrichstadt werden an einigen Stellen besondere Funktionsbereiche innerhalb der historischen City zerschnitten.

Dies betrifft insbesondere den östlichen Bereich des Bankenviertels, das Hotelviertel am Anhalter Bahnhof und das Konfektionsviertel im Bereich des Hausvogteiplatzes. So lag etwa, im Gegensatz zu den Hauptverwaltungen fast aller großen Banken, der Sitz der Reichsbank an der östlichen Jägerstraße außerhalb des untersuchten Gebietes. Da eine vollständige Erfassung der historischen Berliner City den Rahmen der Untersuchung sprengen würde, muss dies hingenommen werden. Um statistisches Material aus der Kaiserzeit auswerten zu können, wird das Untersuchungsgebiet entsprechend der im Jahr 1884 vom Berliner Magistrat vorgenommenen Einteilung der Stadtbezirke18 abgegrenzt. Es umfasst die damaligen Stadtbezirke 11 bis 14 (Dorotheenstadt) und 15 bis 30 (Friedrichstadt). Die genaue Einteilung der Stadtbezirke ist im Anhang beigefügt. Die äußeren Grenzen dieses rund 270 ha großen Gebietes bilden im Südwesten die Bebauung auf der östlichen Seite der Lindenstraße, im Westen die Königgrätzer Straße sowie der Tiergarten und im Norden die Spree. Die nordöstliche Grenze des Untersuchungsgebietes folgt dem Festungsgürtel des 17. Jahrhunderts, dessen Verlauf sich im Inneren der Häuserblöcke abzeichnet. Diese Grenzen haben sich innerhalb des in Frage kommenden Untersuchungszeitraums nur wenig verändert. Der einzige größere Eingriff blieb der Bau des Reichstagsgebäudes, durch den sich das Untersuchungsgebiet im Bereich der nach Osten verschobenen Sommerstraße geringfügig verkleinerte. Entsprechend der Einteilung der Stadtbezirke aus dem Jahr 1884 umfasst das Untersuchungsgebiet folgende Straßenzüge bzw. bebaute Grundstücke: • Am Kupfergraben, An der Jerusalemer Kirche, Anhaltische Straße 2-17, • Bauhof (Hegelplatz), Bauhofstraße, Behrenstraße, Belle-Alliance-Platz, Besselstraße, Buchhändlerhof, • Charlottenstraße, • Dorotheenstraße, • Enckeplatz (Enckestraße), • Französische Straße 1-33a und 34-68, Friedrichstraße 1-104a und 137-251, • Gendarmenmarkt, Georgenstraße, Gitschiner Straße 109-113, • Hedemannstraße, Hinter der Katholischen Kirche, Hollmannstraße 19, • Jägerstraße 1-31 und 45-76, Jerusalemer Straße 1-22 und 25-66, Junkerstraße, 13


• Kaiserhofstraße, Kanonierstraße, Kleine Kirchgasse, Kleine Mauerstraße, Kochstraße, König­ grätzer Straße 71-141, Kommandantenstraße 1-4 und 80-89, Krausenstraße, Kronenstraße, • Leipziger Platz, Leipziger Straße 1-55 und 69137, Lindenstraße, • Markgrafenstraße, Mauerstraße, Mittelstraße, Mohrenstraße, • Neue Wilhelmstraße, Neuenburger Straße 1 und 42, Neustädtische Kirchstraße, • Oranienstraße 98a, • Pariser Platz, Platz am Opernhaus, PrinzAlbrecht-Straße, Prinz-Louis-Ferdinand-Straße, Puttkamerstraße, • Reichstagsufer 5-19, Ritterstraße 60, Rosmarinstraße, • Schadowstraße, Schlachthausgasse (Bunsenstraße), Schützenstraße, Sommerstraße 1-919, Stallstraße (Prinz-Friedrich-Karl-Straße), • Taubenstraße, • Universitätsstraße, Unter den Linden, • Voßstraße, • Weidendamm, Wilhelmplatz, Wilhelmstraße und • Zimmerstraße. Die Bezeichnung „Dorotheenstadt“ wird im Folgenden für den Bereich nördlich der Behrenstraße verwendet.20 Die Friedrichstadt wird auf der Höhe der Zimmerstraße allgemein in eine „nördliche“ und „südliche Friedrichstadt“ unterschieden. Hinzu kommen eine „innere“ sowie eine westlich der Mauerstraße und Junkerstraße gelegene „äußere Friedrichstadt“.

Untersuchungszeitraum Der Untersuchungszeitraum soll den Prozess der Citybildung in der Dorotheenstadt und Friedrichstadt möglichst vollständig abdecken. Aufgrund des hohen Aufwandes, die Nutzungs- und Baugeschichte der Hausgrundstücke zu erschließen, sollte der Untersuchungszeitraum aber auch nicht unnötig lang sein. Um eine Einteilung in Dekaden zu ermöglichen, wird zudem eine „runde“ Zeitspanne benötigt. Für den Schlusspunkt der Untersuchung bietet sich das Jahr 1940 an, unmittelbar bevor die Berliner City durch die einsetzende Kriegswirtschaft ihren zivilen Charakter verlor und kurz darauf großflächig zerstört wurde. Dieser Schlusspunkt deckt sich mit der Einschätzung des Ökonomen Rudolf Krause, der den „Höhepunkt der City-Entwicklung Berlins“ mit dem Kriegsbeginn gleichsetzte: „Alles in allem war die Berliner City des Jahres 1939 die große 14

Zentrale Deutschlands. In der räumlichen Einheit von öffentlicher Verwaltung und der zentralen Dienstleistungswirtschaft verkörperte sie den engen Zusammenhang ökonomischen Potentials und politischer Macht“.21 Die Untersuchung führt damit über den Weltkrieg von 1914 bis 1918 hinaus, den andere Autoren als Ende der Citybildung in Berlin annehmen.22 Der Zeitpunkt für den Beginn der Untersuchung bedarf hingegen zunächst einer weitergehenden Erörterung. So wird der Beginn der Citybildung in Deutschland oftmals pauschal mit der Reichsgründung im Jahr 1871 gleichgesetzt.23 Bei genauerer Betrachtung stellt sich der Sachverhalt jedoch komplexer dar. So kam Schott im Jahr 1912 anhand der Bevölkerungsentwicklung in den Zentren deutscher Großstädte zu dem Schluss, dass die Herausbildung von Citygebieten erst in den 1890er Jahren richtig begonnen hat.24 Als Ausnahme betrachtete er Berlin, wo er den nach der Reichsgründung in der Altstadt einsetzenden Bevölkerungsrückgang auf die beginnende Citybildung zurückführte.25 Auf der Grundlage der Bevölkerungszahlen kam Schmidt im Jahr 1909 ebenfalls zu dem Schluss, dass die Citybildung in Berlin im Bereich der Altstadt ihren Anfang genommen hat. Im Zeitraum von 1864 bis 1880 errechnete er dort einen Bevölkerungsrückgang von über 20 Prozent26. Für die Dorotheenstadt und Friedrichstadt ermittelte er im selben Zeitraum einen vergleichsweise geringen Bevölkerungsrückgang von 13 bzw. 11 Prozent27. Erst im Zeitraum von 1885 bis 1900 stellte Schmidt in diesen beiden Stadtteilen einen stärkeren Bevölkerungsrückgang fest, der mit 20 Prozent28 jedoch noch immer hinter dem zurückblieb, was er erwartet hatte. Beim Statistischen Amt der Stadt Berlin sah man im Jahr 1932 die Anfänge der Citybildung in Berlin bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die städtischen Statistiker vertraten die Auffassung, dass die Einwohnerzahl in den fünf ältesten Stadtteilen (Berlin, Kölln, Friedrichswerder, Dorotheenstadt und Friedrichstadt) im Zeitraum von 1861 bis 1910 unter dem Einfluss der Citybildung „dauernd zurückgegangen“29 sei. Tatsächlich aber zeigen die vom Amt vorgelegten Zahlen30 für vier der genannten Stadtteile im Zeitraum von 1861 bis 1871 entweder eine stagnierende oder sogar, wie im Fall der Dorotheenstadt, eine zunehmende Bevölkerung; einzig für die Friedrichstadt legen die Zahlen im Zeitraum von 1861 bis 1871 einen nicht weiter erläuterten deutlichen Bevölkerungsrückgang nahe. Aus den genannten Untersuchungen lässt sich schließen, dass die Citybildung in Berlin früher als in anderen deutschen Städten einsetzte. Ihr Beginn


ist dort im Zeitraum von 1864 bis 1880 (Schmidt) bzw. 1871 bis 1880 (Schott) im Bereich der Altstadt zu vermuten. Diese Annahmen decken sich mit den Erkenntnissen von Benedikt Goebel, der in Zusammenhang mit der Errichtung von öffentlichen Gebäuden in den 1860er Jahren von „punktuellen Citybildungen“31 in der Berliner Altstadt sprach. Nach seiner Einschätzung wurden diese Effekte bis zum Jahr 1875 durch die Zunahme der Bevölkerungszahl in den verbliebenen Wohnhäusern der Altstadt ausgeglichen.32 Die von den städtischen Statistikern im Jahr 1932 veröffentlichten Zahlen legen dagegen den Beginn der Citybildung im Zeitraum von 1861 bis 1871 in der Friedrichstadt nahe, für die im betreffenden Zeitraum ein Bevölkerungsrückgang von 19 Prozent (–18.358 Einwohner)33 angegeben wurde. Da Schmidt in der Friedrichstadt im Zeitraum von 1864 bis 1880 nur einen Bevölkerungsrückgang von 11 Prozent (–8.517 Einwohner)34 ermittelte, stellt sich die Frage nach der Vergleichbarkeit der Datengrundlagen. Der von den amtlichen Statistikern angegebene deutliche Bevölkerungsrückgang in der Friedrichstadt vor der Reichsgründung erscheint nicht ohne Weiteres nachvollziehbar. Was bedeuten diese Erkenntnisse für den geeigneten Anfangszeitpunkt der Untersuchung? Die von verschiedenen Autoren offenbar nicht auf einheitlicher Grundlage ermittelten Zahlen deuten darauf hin, dass die Citybildung in der Dorotheenstadt und Friedrichstadt erst ab dem Jahr 1880 mit größerer Intensität einsetzte. Ein Kommentar des Bauingenieurs Willy Lesser, der die Leipziger Straße im Jahr 1915 noch als Wohnstraße in Erinnerung hatte, stützt diese Annahme: „So unglaublich rasch ist alles gekommen, daß noch am Ende des vorigen Jahrhunderts unsere belebteste Geschäftsstraße, die Leipziger Straße, den höchsten Glanz als Wohnstraße genoß, und daß die reichsten Leute dort ihre Wohnung hatten.“35 Da nichts darauf hindeutet, dass die Citybildung in den beiden Stadtteilen vor dem Jahr 1871 begonnen hat, setzt die Untersuchung an diesem Zeitpunkt ein. Aus dem Anfangs- und Schlusspunkt der Untersuchung ergeben sich die sieben Dekaden 1871 bis 1880, 1881 bis 1890, 1891 bis 1900, 1901 bis 1910, 1911 bis 1920, 1921 bis 1930 und 1931 bis 1940. Das Jahr 1870 wird damit zur Basis der späteren Änderungen. An der vorgenommenen chronologischen Einteilung lassen sich zugleich prägende Abschnitte der deutschen Geschichte festmachen, die Einfluss auf die Stadtentwicklung und damit auch den Prozess der Citybildung hatten. Die ersten fünf Dekaden fallen in die Zeit des Kaiserrei-

ches, die sechste fällt in die Zeit der ersten Republik und die siebente größtenteils in die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur.

Untersuchungsgrößen In älteren Untersuchungen wird der als „Citybildung“ bezeichnete Prozess der Ausbreitung des tertiären Sektors in großstädtischen Zentren in der Regel indirekt anhand des Rückgangs der Wohnbevölkerung gemessen. Neben der reinen Bevölkerungszahl und der Wohndichte (Einwohnerzahl pro Grundstück) wird hierbei auch die Sozialstruktur betrachtet. So werten manche Autoren die Abwanderung bessergestellter Schichten aus dem Stadtzentrum als Hinweis auf eine bevorstehende Citybildung.36 Auch der rückläufige Anteil von privaten, in den eigenen Häusern wohnenden Grundeigentümern gilt als Hinweis auf eine mögliche Citybildung. Andere Autoren lehnen dagegen die schematische Gleichsetzung von Citybildung und Bevölkerungsrückgang ab.37 Auch wenn ein Zusammenhang zwischen der Ausbreitung des tertiären Sektors und der Bevölkerungsabnahme naheliegt, kann die Wohnbevölkerung nur eine Hilfsgröße bei der Messung der Citybildung sein. So muss der Rückgang der Einwohnerzahl nicht zwingend aus der Verdrängung durch den tertiären Sektor resultieren. Als mögliche Ursachen kommen etwa auch rückläufige Haushaltsgrößen, geänderte Wohnpräferenzen oder die Verdrängung durch andere Nutzungen in Frage. Am ehesten kann die Wohnbevölkerung in wachsenden Städten als Indikator für eine Citybildung dienen. In Städten mit einer rückläufigen Bevölkerungszahl, in denen innerstädtische Wohnquartiere aufgegeben werden, ist die Wohnbevölkerung als Indikator für eine Citybildung dagegen ungeeignet. Zur direkten Messung der Citybildung bieten sich insbesondere die Nutzung (zu ermitteln auf der Ebene von Stadtteilen, Grundstücken, Gebäuden oder Geschossen), die Bautätigkeit (zu ermitteln anhand der Häufigkeit, Dichte und Typologie einer Neubebauung) und der Wandel der Grundstücksstruktur (zu ermitteln anhand der Bildung größerer Einheiten) an. Mögliche weitere Messgrößen können die Bodenpreise, die Grundeigentümerstruktur sowie die Besucherfrequenz und die Beschäftigtenzahl in einem Stadtgebiet sein. Auf der Grundlage von sozialen und ökonomischen Messgrößen wurden in den Vereinigten Staaten verschiedene Verfahren38 zur Identifikation von Citygebieten entwickelt, die hinsichtlich ihrer Übertragbarkeit auf europäi15


sche Städte aber teilweise kritisch gesehen werden.39 Aufgrund der erforderlichen Datengrundlagen eignen sie sich zudem nur begrenzt für eine weit in die Vergangenheit zurückreichende Untersuchung. Unter Berücksichtigung der für den Untersuchungszeitraum verfügbaren Quellen wird der Prozess der Citybildung im Folgenden anhand der Entwicklung der Grundstücksnutzung, der Neubebauung und der Parzellierung gemessen. Da Berlin im Untersuchungszeitraum fast durchgehend ein Bevölkerungswachstum aufwies, wird zusätzlich auch die Entwicklung der Bevölkerungszahl als Vergleichsgröße herangezogen. a) Grundstücksnutzung Durch die Veränderung der Grundstücksnutzung wird die Ausbreitung des tertiären Sektors in einem Stadtgebiet direkt sichtbar. Die Grundstücksnutzung ist daher der wichtigste Indikator für eine Citybildung. Dies gilt unabhängig davon, ob sich der tertiäre Sektor innerhalb der bestehenden Bebauung ausbreitet oder ob seine Ausbreitung mit der Errichtung neuer, „maßgeschneiderter“ Gebäude einhergeht. Bei der Untersuchung der Nutzungsstrukturen wird die vorwiegende Grundstücksnutzung auf den Hausgrundstücken der Dorotheenstadt und Friedrichstadt im Basisjahr 1870 und in den Stichjahren am Ende der folgenden sieben Dekaden erfasst. Erfassungsgrößen sind die quantitative und räumliche Verteilung bestimmter Grundstücksnutzungen sowie die Richtung und räumliche Verteilung des Wechsels dieser Grundstücksnutzungen. Da der tertiäre Sektor einem stetigen Wandel unterliegt und der Beitrag einzelner Branchen zur Herausbildung einer City nicht absolut zu bestimmen ist,40 werden bei der Einstufung der einzelnen Grundstücksnutzungen bestimmte Annahmen zugrunde gelegt. Als „cityrelevant“ werden administrative, geschäftliche und kulturelle Tätigkeiten definiert, die sich auf einen überörtlichen Verwaltungs- und Versorgungsbereich beziehen. Durch eine räumliche Verdichtung und bauliche Ausprägung, die nur in Großstädten erreicht wird, bewirken sie das Entstehen einer City. Zu den als „cityrelevant“ eingestuften Einrichtungen des tertiären Sektors gehören etwa Regierungsstellen, Warenhäuser und Museen, die es im Regelfall nur im Stadtzentrum gibt. Hinzu kommen Einrichtungen, die sich räumlich im Stadtzentrum konzentrieren, aber auch anderswo im Stadtgebiet auftreten. Beispiele hierfür sind etwa Anwaltskanzleien und Fachgeschäfte. Demgegen16

über werden Einrichtungen des tertiären Sektors, die sich nicht auf einen überörtlichen Verwaltungs- und Versorgungsbereich beziehen (insbesondere die quartiersbezogene Nahversorgung), als „nicht-cityrelevant“ eingestuft. Das Wohnen, das seit dem Aufkommen öffentlicher Transportsysteme in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht mehr an die Innenstadt gebunden ist, wird gleichfalls als „nicht-cityrelevant“ eingestuft. Das im 19. und frühen 20. Jahrhundert verbreitete „zweckgebundene“ Wohnen41 leitender Mitarbeiter oder technischer Angestellter (wie etwa Hausmeister, Heizer oder Portiers) in Dienstwohnungen wird der jeweiligen Hauptnutzung des Grundstücks zugeordnet. Die Einstufung von Einrichtungen des sekundären Sektors (gleichgesetzt mit handwerklicher und industrieller Güterproduktion) richtet sich nach der Bindung der jeweiligen Branche an das Stadtzentrum. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Berliner City in hohem Maße gewerblich geprägt war. So waren dort im Jahr 1939 fast 40 Prozent42 der 500.000 Beschäftigten im produzierenden Gewerbe tätig. Eine große Bedeutung besaßen insbesondere das Konfektionsgewerbe, das verbrauchsnahe Exportgewerbe und das grafische Gewerbe. Zu diesen in der Literatur auch als „City-Industrie“43 bezeichneten Branchen ist auch die Herstellung von Schmuck, Musikinstrumenten sowie hochwertigen Einrichtungs- und Haushaltsgegenständen zu zählen. Ihr gemeinsames Merkmal ist eine hohe Wertschöpfung auf wenig Fläche und die räumliche Nähe der Produktion zu dem im Stadtzentrum angesiedelten Vertrieb. Im Folgenden wird das „zentrengebundene Gewerbe“, soweit es nicht untergeordnet in Heimarbeit erfolgte (wie insbesondere in der Konfektion verbreitet), den „cityrelevanten“ Nutzungen zugeordnet. Das übrige Gewerbe, insbesondere die flächenintensive industrielle Fertigung, wird dagegen als „nicht-cityrelevant“ eingestuft. Auf der Grundlage der vorstehenden Ausführungen werden für die Zuordnung der vorwiegenden Grundstücksnutzung drei Kategorien gebildet. Dies sind die Gruppen „Dienstleistungen“ (cityrelevant), „Wohnen und Gewerbe“ (nicht-cityrelevant) sowie „Baustellen und Brachen“: • Dienstleistungen Öffentliche und private Verwaltung, Großhandel, Einzelhandel mit Gütern des gehobenen Bedarfs, Hochschulbildung, Vergnügung und Unterhaltung, dazu subsumiert: zentrengebundenes Gewerbe


• Wohnen und Gewerbe Wohnen, gemeinschaftliche Unterbringung von Militär- und Dienstpersonal, wohngebietsbezogene Dienstleistungen, Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs, nicht-zentrengebundenes Gewerbe • Baustellen und Brachen In Realisierung befindliche Bauvorhaben, ungenutzte Grundstücke Die vorwiegende Grundstücksnutzung wird in Übersichtsplänen zum Entwicklungsstand des Untersuchungsgebietes im Basisjahr 1870 und in den nachfolgenden Stichjahren (1880, 1890, 1900, 1910, 1920, 1930 und 1940) grafisch veranschaulicht. Hinzu kommt ein gesonderter Übersichtsplan zur Kontinuität vorwiegender Dienstleistungsnutzung im Zeitraum von 1871 bis 1940. Ergänzend zur allgemeinen Ausbreitung des tertiären Sektors wird die Grundstücksnutzung ausgewählter, in der Dorotheenstadt und Friedrichstadt bedeutender Branchen untersucht. Zu diesen vertiefend untersuchten Branchen gehören der Staat, die Banken, die Hotels, die Presse und der Film. Auf eine vertiefende Untersuchung des in der Friedrichstadt stark vertretenen Konfektionsgewerbes wird verzichtet, da das räumliche Zentrum dieser Branche in den östlich angrenzenden Stadtteilen lag. Die Grundstücksnutzung der vertiefend untersuchten Branchen im Zeitraum von 1871 bis 1940 wird jeweils in einem Übersichtsplan grafisch veranschaulicht. Die Grundlage für die Zuordnung der vorwiegenden Grundstücksnutzung bilden die grundstücksbezogenen Einträge der Berliner Adressbücher, die weitgehende Rückschlüsse auf die Nutzungsstruktur am Ende des Basisjahres und der nachfolgenden Stichjahre erlauben. Eine detaillierte Erläuterung des Verfahrens bei der Auswertung der Adressbücher ist im Anhang beigefügt. b) Neubebauung Infolge des wachsenden Raumbedarfs des tertiären Sektors begnügen sich Grundeigentümer nicht mehr damit, bestehende Gebäude für Dienstleistungen umzunutzen, sondern sie errichten neue, von vornherein auf administrative, geschäftliche und kulturelle Nutzungen ausgelegte Gebäude. Diese Neubebauung stellt eine weitergehende Stufe der Citybildung dar. Bei der Untersuchung der Neubebauung wird der Frage nachgegangen, wie sich die Bautätigkeit in der Dorotheenstadt und Friedrichstadt im Untersuchungszeitraum quantitativ und qualitativ ent-

wickelte. Hierzu werden alle im Zeitraum von 1871 bis 1940 in den beiden Stadtteilen errichteten Neubauten erfasst und typologisch klassifiziert. Erfassungsgrößen sind das Baujahr sowie die Zahl der neu überbauten Grundstücke und der dabei realisierten Bautypen. Hinzu kommt die Zahl der Bauprojekte und der bei den einzelnen Bauprojekten durchschnittlich überbauten Grundstücke. Als „Neubau“ werden alle Bauvorhaben gewertet, bei denen das Vorderhaus neu errichtet wird. Ausgenommen hiervon sind Gebäude, die nur eine Torfunktion für eine dahinter liegende, bestehen bleibende Hauptbebauung besitzen.44 Der Neubau von Hofgebäuden (etwa bei einer abschnittsweisen Bebauung von Grundstücken) wird nicht berücksichtigt. Ein Umbau bestehender Gebäude, der mit tief greifenden konstruktiven, funktionalen und gestalterischen Änderungen verbunden ist, wird in einzelnen Fällen dem Neubau zugeordnet (im Folgenden als „weitgehender Umbau“ bezeichnet). Die typologische Klassifizierung der Neubauten erfolgt anhand der Vorderhäuser, von deren äußerer Gestalt auf die hauptsächliche Zweckbestimmung geschlossen wird. Ausnahmen stellen auch hier Gebäude dar, denen nur eine Torfunktion für eine anders geartete Hauptnutzung zukommt.45 Kleinere Hotelgebäude und Sonderwohngebäude werden unabhängig von ihrer äußeren Form (die teilweise Geschosswohnungsbau entspricht) nach ihrer tatsächlichen Zweckbestimmung eingeordnet. Neubauten, die vorrangig auf eine überörtlich ausgerichtete Dienstleistungsnutzung ausgelegt sind, werden unter der Bezeichnung „Gebäude für Dienstleistungen“ zusammengefasst. Entsprechende Gebäude können in untergeordneter Form auch Wohnraum enthalten, etwa in Form von Dienstwohnungen oder einzelnen Mietwohnungen in den oberen, für geschäftliche Nutzungen weniger attraktiven Geschossen. Unterschieden werden folgende Bautypen für Dienstleistungen: • Staatsgebäude Als Regierungs- oder Parlamentssitz erbaut. Die Gebäude sind auf die Bedürfnisse der Bauherren zugeschnitten. Die Bedeutung der Einrichtung kommt durch eine monumentale Architektur zum Ausdruck • Kulturgebäude Vom Staat für bedeutende, von der öffentlichen Hand getragene kulturelle und wissenschaftliche Einrichtungen erbaut. Kennzeichnend ist eine herausgehobene Architektursprache 17


• Verwaltungsgebäude Von privaten Unternehmen oder öffentlichen Einrichtungen als Verwaltungssitz erbaut. Die Gebäude sind auf die Bedürfnisse der Bauherren zugeschnitten und nur auf einen begrenzten Kundenverkehr ausgerichtet • Bürogebäude Von Investoren zur Vermietung an kleinere Dienstleistungsunternehmen mit begrenztem Kundenverkehr erbaut. Die Gebäude bieten eine attraktive „Adresse“ und weisen eine grundsätzliche bauliche Offenheit auf

enthalten. Ab drei Geschäftsgeschossen wird ein Neubau als Geschäftsgebäude eingestuft. Zu den kombinierten Bautypen für Wohnen und Dienstleistungen gehören: • Wohn- und Geschäftsgebäude Von Handelsunternehmen und Investoren zur Eigennutzung oder Vermietung erbaut. Die Gebäude dienen dem Wohnen sowie dem Einzel- und Großhandel

• Postgebäude Vom Staat für öffentliche, in eigener Regie erbrachte Transportdienstleistungen erbaut. Die Gebäude weisen den Charakter repräsentativer Verwaltungsgebäude auf

Neubauten, die vorrangig auf eine Wohn- oder Gewerbenutzung ausgelegt sind, werden unter der Bezeichnung „Gebäude für Wohnen und Gewerbe“ zusammengefasst. Entsprechende Gebäude können untergeordnet Räume für Dienstleistungsnutzungen enthalten, etwa in Form von Ladenlokalen im Erdgeschoss. Unterschieden werden folgende Bautypen für Wohnen und Gewerbe:

• Hotelgebäude Von privaten Betreibern für die Eigennutzung erbaut. Neben dem Übernachtungsbetrieb dienen die Gebäude teilweise auch anderen Nutzungen (wie etwa der Gastronomie und dem Tagungsbetrieb)

• Geschosswohngebäude Von Privatpersonen und Investoren zur überwiegenden oder vollständigen Vermietung erbaut. Die Gebäude sind in abgeschlossene Wohneinheiten unterteilt und können im Hofraum auch Fabrikräume enthalten

• Vergnügungsgebäude Von privaten Betreibern zur vorwiegenden Eigennutzung erbaut. Die Gebäude dienen dem kommerziellen Kultur- und Gastronomiebetrieb und heben sich mit einer auffälligen Architektursprache hervor

• Privatwohngebäude Von Privatpersonen als Wohnhaus mit möglicher teilweiser Geschäftsnutzung erbaut. Angenommen wird ein Privatwohngebäude bis zu einer höchstens dreigeschossigen Bauweise

• Clubgebäude Von privaten Vereinigungen zur Eigennutzung erbaut. Kennzeichnend für die Gebäude ist eine aufwendige, nicht unmittelbar kommerziell motivierte Repräsentationsarchitektur • Geschäftsgebäude Von Handelsunternehmen und Investoren zur Eigennutzung oder Vermietung erbaut. Für den Einzel- und Großhandel bestehen verschiedene Typen von Geschäftsgebäuden Neubauten, die sowohl auf eine Dienstleistungs- als auch eine Wohnnutzung ausgelegt sind, werden als „kombinierte Gebäude für Wohnen und Dienstleistungen“ bezeichnet. Dieser Gruppe werden Gebäude zugeordnet, bei denen die unteren beiden Geschosse als Geschäftsräume gestaltet sind und die oberen zwei oder drei Geschosse Wohnungen 18

• Sonderwohngebäude Vom Staat und dem Königshaus zur gemeinschaftlichen Unterbringung von Militär- und Dienstpersonal erbaut. Zu diesen Gebäuden gehören neben Kasernen auch übliche Geschosswohngebäude • Wohnfolgeeinrichtungen Von der öffentlichen Hand und religiösen Einrichtungen für die Versorgung der örtlichen Wohnbevölkerung erbaut. Zu dieser Gebäudegruppe gehören insbesondere Markthallen, Schulen und Kirchen • Fabrikgebäude Von gewerblichen Produzenten für die Eigennutzung erbaut. Durch den Bau von Fabrikgebäuden in Form von Vorderhäusern erfolgt im Stadtzentrum zumeist die Erweiterung bestehender Betriebsstätten


• Versorgungsgebäude Von öffentlichen und privaten Versorgungsträgern für den Betrieb von Infrastruktureinrichtungen erbaut. Die Gebäudeform richtet sich nach der jeweiligen Zweckbestimmung Die in den einzelnen Dekaden neu überbauten Grundstücke werden in den Übersichtsplänen zum Entwicklungsstand des Untersuchungsgebietes in den Stichjahren (1880, 1890, 1900, 1910, 1920, 1930 und 1940) grafisch veranschaulicht. Hinzu kommt ein gesonderter Übersichtsplan zur Häufigkeit der Neubebauung im Zeitraum von 1871 bis 1940. In den Übersichtsplänen zur Entwicklung der vertiefend untersuchten Branchen wird der Umfang branchenbezogener Neubebauung grafisch veranschaulicht. Diese Neubebauung deckt sich weitgehend mit bestimmten Bautypen. Da die Datenaufbereitung ein Stichdatum erfordert, werden Neubauten auf ein festes Baujahr datiert. Eine Erläuterung des Vorgehens bei der Datierung der Neubauten und eine Aufstellung der Baujahre der im Untersuchungszeitraum in der Dorotheenstadt und Friedrichstadt errichteten Neubauten ist im Anhang beigefügt. Die typologische Klassifizierung der Neubauten erfolgt auf der Grundlage von Bildquellen (Fotografien und Bauzeichnungen), die für einen großen Teil der Gebäude vorliegen. Falls das Bildmaterial nicht ausreicht, wird hilfsweise auf andere Quellen zurückgegriffen. c) Parzellierung Mit der Ausbreitung des tertiären Sektors erfolgt auch eine Überformung der Grundstücksstrukturen. Dabei werden Grundstücke zu größeren Nutzungseinheiten zusammengelegt. So erstreckte sich etwa die Hauptverwaltung der Deutschen Bank in der Friedrichstadt im Jahr 1940 auf 47 Grundstücke. Durch die Vereinigung von Grundstücken sah sich die Berliner Stadtverwaltung in einigen Straßen der Dorotheenstadt und Friedrichstadt veranlasst, die Zahl der Hausnummern zu reduzieren.46 Zu einer Neubildung von Grundstücken (möglich durch die Teilung bestehender Grundstücke) kommt es im dicht bebauten Stadtzentrum dagegen nur vereinzelt. Bei der Untersuchung der Parzellierung wird der Frage nachgegangen, wann und in welchem Umfang Grundstücke in der Dorotheenstadt und Friedrichstadt zu größeren Einheiten zusammengelegt wurden. Die Erfassung der Grundstücksstrukturen erfolgt im Basisjahr 1870 und in den Stichjahren am Ende der folgenden sieben Dekaden.

Erfassungsgrößen sind die quantitative und räumliche Verteilung von Grundstücken (unterschieden nach ihrer Entstehungszeit und ihrem Status als eigenständige oder zusammengelegte Grundstücke), nicht die Grundstücksflächen. Hausgrundstücke werden unabhängig von möglichen Flurstücken mit „Grundstücken“ gleichgesetzt. Da die Zusammenlegung von Grundstücken vor dem Jahr 1871 nicht berücksichtigt wird, dienen die zu Beginn des Untersuchungszeitraums vorhandenen Hausgrundstücke als Ausgangsgröße. Um den zahlenmäßigen Umfang der Zusammenlegungen zu erfassen, werden einmal bestehende Grundstücke auch dann als solche gezählt, wenn sie im Grundbuch nicht mehr als solche bestanden. Als „entfallen“ werden nur Grundstücke betrachtet, die im Zuge von städtebaulichen Umstrukturierungen (insbesondere Straßendurchbrüchen) tatsächlich entfielen. Eine Zusammenlegung wird bei einer funktionalen oder baulichen Vereinigung von Grundstücken angenommen. Dies erfolgt unabhängig davon, ob eine Vereinigung auch grundbuchlich vollzogen wurde.47 Baulich und funktional abgeschlossene Grundstückseinheiten werden als „Liegenschaften“ bezeichnet. Diese können aus einzelnen oder mehreren zusammengelegten Grundstücken bestehen und sich unter Umständen – denkbar bei der Wiederabtrennung von Teilgrundstücken – auch verkleinern. Auf der Grundlage der vorstehenden Ausführungen werden bei der Untersuchung der Parzellierung folgende Kategorien gebildet: • Grundstücke Gleichgesetzt mit den ursprünglichen Hausgrundstücken, unterschieden nach dem Zeitpunkt ihrer Bildung (vor oder nach Beginn des Untersuchungszeitraums im Jahr 1871) • Liegenschaften Baulich und funktional abgeschlossene Nutzungs­ einheiten, unterschieden nach Einheiten aus einzelnen Hausgrundstücken oder mehreren zusammengelegten Hausgrundstücken („arrondierte Liegenschaften“) Der Zuschnitt der Liegenschaften wird in den Übersichtsplänen zum Entwicklungsstand des Untersuchungsgebietes im Basisjahr 1870 und in den nachfolgenden Stichjahren (1880, 1890, 1900, 1910, 1920, 1930 und 1940) grafisch veranschaulicht. Hinzu kommt ein gesonderter Übersichtsplan zur Struktur der Liegenschaften am Ende des Untersuchungszeitraums. 19


Wesentliche Quelle für die Untersuchung der Parzellierung sind Vermessungspläne, auf denen der Zuschnitt der Hausgrundstücke festgehalten ist. Da die unregelmäßig herausgegebenen Vermessungspläne nicht den genauen Zeitpunkt einer Zusammenlegung von Grundstücken und anderer Eingriffe in die Grundstücksstruktur angeben, sind sie durch andere Quellen zu ergänzen. Dies sind insbesondere die Adressbücher, in denen sich die Vereinigung von Grundstücken durch eine Bündelung der Hausnummern oder eine Abfolge identischer Grundstücksnutzer ablesen lässt. d) Wohnbevölkerung Bis zum Weltkrieg von 1914 bis 1918 wanderten große Teile der Wohnbevölkerung aus dem Berliner Stadtzentrum ab. Da dieser Vorgang mit einer Zunahme der Einwohnerzahl in der Gesamtstadt einherging, kann der Bevölkerungsrückgang mit der Ausbreitung des tertiären Sektors in Beziehung gesetzt werden. In der Intensität und im zeitlichen Verlauf des Bevölkerungsrückgangs muss sich indirekt die Dynamik der Citybildung widerspiegeln. Aus der sozialen Zusammensetzung der verbliebenen Wohnbevölkerung lassen sich zudem weitere Rückschlüsse auf die Citybildung ziehen. Bei der Untersuchung der Wohnbevölkerung wird der Frage nachgegangen, wann und in welchem Umfang die Wohnbevölkerung aus der Dorotheenstadt und Friedrichstadt abwanderte bzw. von dort verdrängt wurde. Untersuchungsgröße ist die Einwohnerzahl, deren Entwicklung jeweils auf der Ebene der beiden Stadtteile und ihrer 24 (ab dem Jahr 1884: 20) Stadtbezirke nachvollzogen und mit der Entwicklung in der Gesamtstadt verglichen wird. Die Erfassung erfolgt nach Einzeljahren, soweit es die verfügbaren Quellen zulassen. Durch die Neueinteilung der Berliner Stadtbezirke im Jahr 1884 kann die Entwicklung der Wohnbevölkerung innerhalb der Dorotheenstadt und Friedrichstadt nur in den getrennten Zeitabschnitten von 1871 bis 1884 und 1885 bis 1930 nachvollzogen werden. In der Dekade von 1881 bis 1890 ist auf Stadtbezirksebene keine durchgehende Betrachtung möglich. Der bis zum Jahr 1884 der Dorotheenstadt zugeordnete Stadtbezirk 21 (Seegerhof ) wird ausgeklammert, da dieser außerhalb des Untersuchungsgebietes lag. Nach der Bildung von Groß-Berlin im Jahr 1920 dienen auf der Ebene der Gesamtstadt nur die sechs inneren Verwaltungsbezirke Mitte, Tiergarten, Wedding, Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg 20

(jetzt mit „Alt-Berlin“ gleichgesetzt) als räumlicher Bezugsrahmen. Statistische Größe ist die ab dem Jahr 1880 in den Quellen aufgeführte „Wohnbevölkerung“48, deren Zahl unter der bei Volkszählungen erfassten „factischen“49 bzw. „ortsanwesenden Bevölkerung“50 lag. Die Wohnbevölkerung schließt die vorübergehend abwesenden Personen ein und die vorübergehend anwesenden Personen aus. Bei der Volkszählung im Jahr 1900 betrug die Differenz zwischen diesen statistischen Größen fast 13 Prozent51. Die aus einigen Jahren überlieferte „Bevölkerungszahl nach der Steuerveranlagung“52 wird hilfsweise mit der Wohnbevölkerung gleichgesetzt, auch wenn erstere im Umfang leicht nach unten abweicht. Im Zeitraum vor dem Jahr 1880 wird hilfsweise nur der aus „Haushaltungs-Angehörigen“ bestehende Teil der „factischen Bevölkerung“ als Bezugsgröße herangezogen, um eine Annäherung an die zahlenmäßig kleinere Wohnbevölkerung zu erreichen. Durch die Reduzierung der statistischen Berichterstattung nach dem Weltkrieg von 1914 bis 1918 und die weitgehende Beschränkung der übermittelten Einwohnerzahlen auf die großräumigen Verwaltungsbezirke kann die Entwicklung auf Stadtbezirksebene ab dem Jahr 1917 nur noch bruchstückhaft nachvollzogen werden. Die letzten verwertbaren Einwohnerzahlen aus der Dorotheenstadt und Friedrichstadt liegen für einen Teil der Stadtbezirke aus den Jahren 1925 und 1930 vor.53 Für das Jahr 1930 werden die Zahlen der fehlenden Bezirke anhand ähnlich strukturierter Bereiche im Untersuchungsgebiet geschätzt. Damit ist im Zeitraum von 1885 bis 1930 eine durchgängige Betrachtung der Bevölkerungsentwicklung auf Stadtbezirksebene möglich. Für den Zeitraum von 1931 bis 1940 können keine Aussagen zur zahlenmäßigen Entwicklung der Wohnbevölkerung im Untersuchungsgebiet mehr getroffen werden. Die wenigen verfügbaren Angaben aus diesem Zeitraum, die von den Volkszählungen in den Jahren 1933 und 1939 stammen, decken sich räumlich nicht mehr mit den früheren Grenzen der beiden Stadtteile und ihrer Stadtbezirke. Die Darstellung der aus verschiedenen Quellen zusammengestellten Einwohnerzahlen erfolgt in einer nach Jahren gegliederten Übersichtstabelle. Hinzu kommt ein Übersichtsplan, der die Entwicklung der Einwohnerzahlen in den einzelnen Teilbereichen des Untersuchungsgebietes im Zeitraum von 1885 bis 1930 grafisch veranschaulicht.


Genutzte Quellen Für die Untersuchung werden vorrangig Quellen ausgewertet, die lange Zeitabschnitte abdecken und eine möglichst gleichbleibende Form aufweisen. Hierzu gehören Adressbücher, Bauakten, Akten der Feuerversicherung, „Haberlandts Bauten-Nachweis“, statistisches Material und Stadtpläne. Hinzu kommen fotografische Aufnahmen, die Reste der historischen Bebauung im Untersuchungsgebiet und Sekundärliteratur. Adressbücher Die in den Jahren 1799 bis 1943 unter Benutzung amtlicher Quellen herausgegebenen Berliner Adressbücher liegen für den gesamten Untersuchungszeitraum in nahezu einheitlicher Form vor. Sie stellen eine einmalige und gut erschlossene Quelle54 zur Nutzungsgeschichte der Berliner Hausgrundstücke dar. In ihren nach einzelnen Grundstücken geordneten Abschnitten listen die Adressbücher die Namen der Grundeigentümer, der Verwalter (sofern vorhanden) und die Namen der Mieter (Haushaltsvorstände und Unternehmen) auf. Durch die beigefügten Berufsbezeichnungen (z. B. „Fabrikant“ oder „Gastwirt“) geben sie Hinweise auf den sozialen Status der genannten Personen. Bei Unternehmen lassen sich aus dem Namen zumeist Rückschlüsse auf das Geschäftsfeld ziehen. Den Adressbüchern ist damit zu entnehmen, welche Nutzer am Jahresende (bzw. bei Redaktionsschluss) auf einem Grundstück ansässig waren. Die Nutzungsstruktur eines Jahres ergibt sich aus dem Adressbuch für das Folgejahr (also etwa für das Jahr 1880 aus dem Adressbuch für das Jahr 1881). Die Adressbücher sind auch für die Datierung von Neubauten eine ergiebige Quelle. Bei größeren baulichen Veränderungen auf den Grundstücken vermerken sie den Grundeigentümer, ergänzt mit dem Hinweis „Abbruch“, „Umbau“ oder „Neubau“. In einzelnen Fällen kündigen die Adressbücher bevorstehende Baumaßnahmen auch mit dem Hinweis „ab 1. April Abbruch“ vorab an. Bei diesen Angaben ist zu beachten, dass man Neubauten in der Kaiserzeit in der Regel zwischen dem 1. April und dem 1. Oktober eines Jahres errichtete. Bei größeren Bauvorhaben galt der Zeitraum vom 1. Oktober bis zum 1. Oktober des Folgejahres als üblicher Rahmen.55 Die Auswer-

tung anderer Quellen zeigt zwar, dass die Begriffe „Abbruch“, „Umbau“ und „Neubau“ in den Adressbüchern gelegentlich unscharf verwendet wurden. So kann ein „Umbau“ auch einen Neubau bedeuten und ein „Abbruch“ kann ein Umbau sein.56 Insgesamt dokumentieren die Adressbücher das Baugeschehen im Untersuchungszeitraum jedoch sehr zuverlässig. Adressbücher können auch dann eine Hilfe bei der Datierung von Neubauten sein, wenn letztere bei Jahresende bereits fertig gestellt und neu bezogen waren. In diesen Fällen weisen Brüche in der Eigentümer- und Mieterstruktur zwischen zwei aufeinander folgenden Adressbuchausgaben auf eine Neubebauung hin. Aus der Eigentümer- und Mieterstruktur ergeben sich zudem Rückschlüsse auf die Funktion von Neubauten. Dies ist insbesondere dann hilfreich, wenn keine Bildquellen oder sonstigen Hinweise zur Beschaffenheit von Gebäuden vorliegen. Bauakten Die vorrangige Quelle zur baulichen Entwicklung des Untersuchungsgebietes sind die seit den 1820er Jahren für alle Berliner Hausgrundstücke angelegten Bauakten. Diese wurden zunächst beim Polizeipräsidium geführt. Nach der Bildung der Stadtgemeinde Berlin im Jahr 1920 gingen die Bauakten auf die neu geschaffenen Bezirksämter über. Abgeschlossene, nicht mehr benötigte Bauakten wurden von der Bauverwaltung ausgesondert und zur Aufbewahrung an das Preußische Geheime Staatsarchiv bzw. das Stadtarchiv übergeben. Der Vorgang ihrer Aussonderung zeugt unmittelbar vom Baugeschehen in den einzelnen Phasen der Stadtentwicklung. Anhand der Bauakten (einschließlich der parallel geführten Akten der Straßenbaupolizei und der Entwässerungsakten) lassen sich das Baujahr (dokumentiert durch die polizeiliche Rohbauabnahme), die Form der Bebauung (dokumentiert anhand von Grundrissen, Gebäudeschnitten und Fassadenzeichnungen) und nachträgliche Umbauten rekonstruieren. Während die laufenden Bauakten für den nördlichen Bereich des Untersuchungsgebietes (Verwaltungsbezirk Mitte) im Weltkrieg von 1939 bis 1945 verloren gingen, blieben die laufenden Bauakten für den südlichen Bereich (Verwaltungsbezirk Kreuzberg) größtenteils erhalten. Vollständig über21


Einband der Bauakte zum Grundstück Friedrichstraße 242

Fassadenzeichnung zum Geschäftsgebäude Kochstraße 67 (erbaut 1900)

Fassadenzeichnung zum Wohngebäude Junkerstraße 18 (erbaut 1870)

liefert sind die Bauakten, die vor dem Weltkrieg von 1939 bis 1945 in die Archive gelangten.57 Die bis zum Weltkrieg von 1939 bis 1945 archivierten Bauakten und die nachfolgend ausgesonderten Bauakten der kriegszerstörten sowie der in der Nachkriegszeit abgebrochenen Gebäude im Verwaltungsbezirk Kreuzberg werden heute im Landesarchiv Berlin verwahrt. Die Bauakten der wenigen aus der Vorkriegszeit erhaltenen Gebäude im Kreuzberger Bereich des Untersuchungsgebietes befinden sich beim zuständigen Bezirksamt. Akten der Feuerversicherung Eine ergiebige Quelle zur Entwicklung der Bebauung im Untersuchungsgebiet sind auch die Akten der Feuerversicherung. Die seit dem 18. Jahrhundert in Berlin bestehende Versicherung war für alle privaten Hauseigentümer obligatorisch. Ihre nach Straßen und Grundstücken geordneten Katasterblätter enthalten die Namen der Grundeigentümer, die Abmessungen (Grundmaße und Geschosszahlen) der versicherten Gebäude und die Versicherungssummen. Anhand der Gebäudebeschreibungen und der Hinweise auf erfolgte Abbrüche ergeben sich Rückschlüsse auf den Um- und Neubau von Gebäuden. Den Akten der Feuerversicherung dagegen nicht unmittelbar zu entnehmen 22

ist die Bautypologie bzw. die Funktion von Gebäuden. Für einen Großteil der Grundstücke in der Dorotheenstadt und Friedrichstadt sind die Akten der Feuerversicherung bis in die 1890er Jahre überliefert. Die Aktenbestände werden im Landesarchiv Berlin verwahrt. Haberlandts Bauten-Nachweis „Haberlandts Bauten-Nachweis für Berlin und Umgegend“ war ein privates Anzeigeblatt für das Baugewerbe, das im Zeitraum von 1891 bis 1940 monatlich erschien. Das Blatt enthält tabellarische, nach Stadtbereichen und Adressen geordnete Kurzhinweise (wie etwa „Abbruch und Neubau“ oder „Geschäftsgebäude“) auf geplante oder in der Realisierung befindliche Bauprojekte. Aus den Hinweisen ergeben sich Rückschlüsse auf die Bauherren sowie das Baujahr und die Funktion von Neubauten. Da gleichlautende Hinweise oftmals über einen längeren Zeitraum hinweg in verschiedenen Ausgaben des Blattes veröffentlicht wurden, stellen sie nur eine ungefähre Datierungshilfe dar. Zu beachten ist zudem, dass auch Bauvorhaben angekündigt wurden, die nicht zur Umsetzung gelangten.58 Von „Haberlandts Bauten-Nachweis“ sind die Ausgaben der Jahre 1908 bis 1940 in der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz überliefert.


Statistisches Material

Stadtpläne

Die Bevölkerungsentwicklung und die bei der Neubebauung als Vergleichsgröße herangezogene Bautätigkeit in der Gesamtstadt59 werden auf der Grundlage von statistischem Material betrachtet. Da sich keine Unterlagen von statistischen Erhebungen aus der Zeit vor dem Weltkrieg von 1939 bis 1945 erhalten haben,60 steht statistisches Material nur in Form gedruckter Quellen zur Verfügung. Zu diesen gedruckten Quellen gehören die amtlichen Berichte der in den Jahren 1867, 1871, 1880, 1885, 1890, 1895, 1900, 1905, 1910, 1925, 1933 und 1939 in Berlin durchgeführten Volkszählungen. Für die Zeiträume dazwischen liefern die in regelmäßigen Abständen vom Statistischen Amt der Stadt Berlin herausgegebenen Statistischen Jahrbücher Zahlen. Von besonderem Interesse für die vorliegende Untersuchung sind die Jahrbücher für den Zeitraum von 1900 bis 1917, die durchgehende Bevölkerungszahlen aus den einzelnen Stadtbezirken der Dorotheenstadt und Friedrichstadt enthalten. Eine weitere statistische Quelle sind Fachzeitschriften, wie die ab dem Jahr 1924 vom Statistischen Amt der Stadt Berlin herausgegebenen „Berliner Wirtschaftsberichte“.

Parzellen- und gebäudescharfe Stadtpläne dokumentieren den Stadtgrundriss zu einem bestimmten Zeitpunkt. Ihr Vergleich ermöglicht es, Veränderungen in der Grundstücksstruktur über längere Zeiträume abzulesen. Aufgrund unterschiedlicher Gebäudegrundrisse können sie auch bei der Identifikation von Neubauten hilfreich sein. Das gilt insbesondere dann, wenn letztere nicht über andere Quellen ermittelt wurden. Darüber hinaus lässt sich vom Grundriss einer Bebauung oftmals auch auf eine bestimmte Bautypologie (z. B. einen Gewerbehof ) schließen. Da Stadtpläne nicht in regelmäßigen Abständen aktualisiert wurden, eignen sie sich nur eingeschränkt für die Datierung. Um den Untersuchungszeitraum in voller Länge abzudecken, werden Stadtpläne verschiedener Zeitstellungen ausgewertet. Dies sind der „Situations-Plan der Haupt- und Residenzstadt Berlin mit nächster Umgebung“ von Wilhelm Liebenow aus dem Jahr 1867 (Maßstab 1 : 6250), der „Übersichtsplan von Berlin“ von Julius Straube aus den Jahren 1895 bis 1903 (Maßstab 1 : 4000) und die „Topographische Karte von Berlin“ des Berliner Vermessungsamtes aus den Jahren 1934 bis 1940 (Maßstab 1 : 4000).

Straube-Plan (Stand 1896)

Liebenow-Plan aus dem Jahr 1867

Vermessungsplan (Stand 1936/1940)

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Fotografische Aufnahmen Fotografische Aufnahmen zeigen die Bebauung von Straßenzügen oder einzelnen Grundstücken zu einem bestimmten Zeitpunkt. Im Vergleich dokumentieren sie den baulichen Wandel in einem Gebiet über längere Zeitabschnitte hinweg. Von vielen zerstörten Gebäuden, von denen keine Bauakten erhalten sind, stellen Fotografien heute das einzige greifbare Zeugnis dar. Eine besondere Bedeutung für die vorliegende Untersuchung besitzen professionelle Architekturfotografien aus der Kaiserzeit. Diese stammen oftmals von bekannten Fotografen wie Albert Schwartz und Hermann Rückwardt. Unter den Fotografien sind Aufnahmen, mit denen engagierte Privatpersonen und öffentliche Institutionen (zu nennen sind hier insbesondere die Preußische Meßbildanstalt und das Märkische Museum) historische, vor dem Abbruch stehende Gebäude dokumentieren ließen.61 Andere Fotografien aus dieser Zeit zeigen neu errichtete, als besonders bedeutsam erachtete Gebäude. Diese in großformatigen Einzelblättern

Deckblatt der „Architektonischen Bilderbogen“, die im Zeitraum von 1884 bis 1895 von Wilhelm Wicke in Groß-Lichterfelde bei Berlin herausgegeben wurden

Blatt der „Architektonischen Bilderbogen“ aus dem Jahr 1887 mit Darstellung eines neu erbauten Wohn- und Geschäftsgebäudes in Berlin

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und Sammelwerken verbreiteten Aufnahmen dienten als Anschauungsmaterial für Architekten und Bauherren sowie der Selbstdarstellung der Erbauer. Beispiele für solche Fotoserien aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert sind die Reihen „Architektonische Bilderbogen“, „Architektur der Gegenwart“ und „Architektur im Bild“. Fotografische Aufnahmen von der früheren Bebauung in der Dorotheenstadt und Friedrichstadt finden sich auch in illustrierten Publikationen aus dem Untersuchungszeitraum. Zu nennen sind hier insbesondere Fachzeitschriften wie die „Berliner Architekturwelt“ und die „Blätter für Architektur und Kunsthandwerk“. Eine ergiebige Bildquelle stellen auch Ansichtskarten dar, die man in der Frühzeit der Fotografie von vielen Gebäuden, Straßen und Plätzen des Untersuchungsgebietes anfertigte. Eine weitere Quelle für fotografische Aufnahmen aus dem Untersuchungsgebiet sind Bildarchive, unter denen das Berliner Stadtmuseum, das Bundesarchiv in Koblenz, das Landesarchiv Berlin und das Bildarchiv Foto Marburg hervorzuheben sind.


Historische Bebauung Ein unmittelbares Zeugnis des funktionalen und baulichen Wandels im Untersuchungszeitraum stellt die historische Bebauung in der Dorotheenstadt und Friedrichstadt dar. In der Regel erlauben die Gebäude Rückschlüsse auf ihre Entstehungszeit und ursprüngliche Funktion. Aufgrund der großflächigen Zerstörungen im Berliner Stadtzentrum während des Weltkrieges von 1939 bis 1945 und nachfolgender Abbrüche bieten die Reste der Vorkriegsbebauung jedoch nur eine begrenzte Hilfe bei der Rekonstruktion des Baugeschehens im Untersuchungszeitraum.

Wohngebäude Stresemannstraße 40 (erbaut 1874)

Verwaltungs- und Druckereigebäude Schützen­straße 18-25 (erbaut 1902/1912, aufgestockt 1922)

Geschäftsgebäude Linden­ straße 27 (erbaut 1912)

Sekundärliteratur In einzelnen Fällen trägt auch Sekundärliteratur zur Erschließung der Nutzungs- und Baugeschichte der Hausgrundstücke im Untersuchungsgebiet bei. Dies betrifft zumeist architektonisch oder baugeschichtlich interessante Gebäude, die für erwähnenswert befunden wurden. Für die Untersuchung erweisen sich insbesondere Julius Kohtes Beschreibung der „Wohnhäuser von kunstgeschichtlichem Werte in Berlin und Vororten“ aus dem Jahr 1923 (für ältere Gebäude), die seit dem 19. Jahrhundert vom Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin in lockerer Folge herausgegebene Reihe „Berlin und seine Bauten“ (für ausgewählte Neubauten) sowie die Denkmaldatenbank des Landes Berlin62 (für einen Teil der erhaltenen Gebäude) als hilfreich. Wertvolle Hinweise zur Bautätigkeit im Untersuchungszeitraum bieten auch Gebäudebesprechungen in zeitgenössischen Fachzeitschriften. Zu

diesen Periodika gehören unter anderem die „Baugewerks-Zeitung“, die „Baugilde“, die „Bauwelt“, die „Deutsche Bauzeitung“, der „Profanbau“ und das „Zentralblatt der Bauverwaltung“. Auch die fotografischen Tafelwerke der Kaiserzeit enthalten in ihren Begleittexten oftmals nützliche Informationen zu den abgebildeten Gebäuden.

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Forschungsstand Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Prozess der Citybildung lässt sich in Deutschland bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zurückverfolgen. Erste Abhandlungen zu dem Thema veröffentlichten in den Jahren 1907 und 1912 Sigmund Schott („Die Citybildung in den deutschen Großstädten seit 1871“ sowie „Die großstädtischen Agglomerationen des Deutschen Reiches 1871-1910“) und im Jahr 1909 Hermann Schmidt („Citybildung und Bevölkerungs-Verteilung in Grossstädten, Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des modernen Städtewesens“). Anhand der Entwicklung der Bevölkerungszahlen untersuchten die beiden Autoren, wie weit die Citybildung in deutschen und ausländischen Großstädten vorangeschritten war. Den Begriff „Citybildung“ setzten sie bereits als gegeben voraus. Während des Weltkrieges von 1914 bis 1918 lieferte Willy Lesser erste Beschreibungen der Citybildung in Berlin („Die baulichen und wirtschaftlichen Grundlagen der Geschäftsstadt Berlin, Ein Überblick über den Berliner Baumarkt“ sowie „Die Geschäftsstadt Berlin in baulicher, städtebaulicher und wirtschaftlicher Hinsicht am Vorabend des Weltkrieges“). Darin thematisierte Lesser die wirtschaftlichen Grundlagen des Baus von Geschäftsgebäuden und die Zusammenlegung von Grundstücken zu größeren Einheiten. Anstelle von „City“ gebrauchte Lesser den deutschen Begriff „Geschäftsstadt“. Nachdem die Citybildung in den 1920er Jahren vor allem publizistische Aufmerksamkeit fand, liegen aus den frühen 1930er Jahren wieder einige wissenschaftliche Arbeiten zum Thema vor. Hervorzuheben ist hier die im Jahr 1931 von Emil Müller vorgelegte Studie über Breslau („Die Altstadt von Breslau, Citybildung und Physiognomie, Ein Beitrag zur Stadtgeographie“), die erste systematische Untersuchung zum Verlauf der Citybildung in einer deutschen Großstadt. Neben der Wohnbevölkerung nutzte Müller noch weitere Indikatoren zur Messung des innerstädtischen Strukturwandels. Zu diesen gehörten unter anderem der Wohnungsbestand, die räumliche Ausbreitung von Geschäftslokalen, die Geschäftsmieten und die Bodenpreise. Im Jahr 1932 veröffentlichte das Statistische Amt der Stadt Berlin eine Abhandlung über den Rückgang der Wohnbevölkerung im Zentrum Berlins, den man auf die Citybildung zurückführte („Die

Citybildung in Berlin“, in: „Berliner Wirtschaftsberichte“ 1932, Nr. 17 und 18). Darin kündigten die Autoren an, anlässlich der nächsten Volkszählung eine „erweiterte Bearbeitung“ des Themas vorlegen zu wollen,63 zu der es aber nicht kam. In seiner im Jahr 1933 herausgegebenen Beschreibung Berlins („Gross-Berlin, Geographie der Weltstadt“) nahm Friedrich Leyden in einem gesonderten Kapitel zur Citybildung auf die jüngsten Erkenntnisse der Berliner Statistiker Bezug. In der im selben Jahr erschienenen, viel beachteten Studie von Walter Christaller zur Zentralität im Siedlungssystem („Die zentralen Orte in Süddeutschland, Eine ökonomisch-geographische Untersuchung über die Gesetzmäßigkeit der Verbreitung und Entwicklung der Siedlungen mit städtischen Funktionen“) war der Strukturwandel in den großstädtischen Zentren hingegen kein Thema. Aus der Zeit des Nationalsozialismus liegen kaum Arbeiten zur Citybildung vor. Eine Ausnahme stellen die von Albert Schorr und Hans Borstorff für die „Zeitschrift des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller“ und andere Periodika verfassten Abhandlungen zur Entwicklung des Berliner Stadtzentrums dar. Darin thematisierten die Autoren etwa die historischen Grundlagen der City, die Standortbedingungen der Filmwirtschaft, die Entwicklung des Einzelhandels in den Hauptgeschäftsstraßen sowie die Verträglichkeit von staatlicher Verwaltung und Einzelhandel. Nach dem Weltkrieg von 1939 bis 1945 erfolgte in der Bundesrepublik wieder eine verstärkte Beschäftigung mit der Citybildung. Eine Rolle dabei spielten die Wiederaufbauplanungen der Nachkriegszeit, in deren Zusammenhang man nochmals einen Blick zurück auf die zerstörten Städte warf. Für Berlin ist hier die Arbeit von Rudolf Krause aus dem Jahr 1958 hervorzuheben, in der die historische Entwicklung der City anhand der Bevölkerungsund Beschäftigtenentwicklung nachvollzogen wird („Die Berliner City, Frühere Entwicklung / Gegenwärtige Situation / Mögliche Perspektiven“). Den zeitlichen Schwerpunkt seiner Betrachtung legte Krause auf das Jahr 1939, zu dem er unveröffentlichtes statistisches Material auswerten konnte. In den anschließenden Jahrzehnten erfolgte in der deutschen Stadtforschung eine weitergehende theoretische Beschäftigung mit dem Prozess der Citybildung. Hierbei wurden erstmals auch ausländische, 27


insbesondere nordamerikanische Forschungsbeiträge zur Kenntnis genommen.64 Erörtert wurde unter anderem die Frage, welche Arten von Nutzungen tatsächlich für eine Citybildung kennzeichnend sind. Stadtgeografen sprachen in diesem Zusammenhang von einem besonderen, vom tertiären Sektor zu unterscheidenden „quartären Sektor“, dem die höher qualifizierten Büronutzungen zugeordnet wurden.65 Nachdem es im Zuge der Internationalen Bauausstellung im Jahr 1987 in West-Berlin wieder zu einer planerischen Auseinandersetzung mit der früheren Berliner City gekommen war (weitgehend beschränkt auf die südliche Friedrichstadt), führten die städtebaulichen Planungen im wiedervereinigten Berlin seit dem Jahr 1990 erneut zu einem Rückblick auf das alte Stadtzentrum. Zu nennen in diesem Zusammenhang sind die Beiträge, in denen sich Harald Bodenschatz und weitere Autoren mit der Entwicklungs- und Planungsgeschichte des Berliner Stadtzentrums befassten (hierzu gehören etwa die in den Jahren 1995 und 2005 vorgelegten Bände „Berlin auf der Suche nach dem verlorenen Zentrum“ sowie „Renaissance der Mitte, Zentrums­umbau in London und Berlin“). Diese Arbeiten gehen vor allem der Frage nach, wie die Politik zu verschiedenen Zeiten die Zentrenentwicklung zu steuern versuchte. Parallel dazu wurden seit den 1990er Jahren mehrere wissenschaftliche Arbeiten vorgelegt, die sich mit bestimmten Aspekten der Citybildung in Berlin auseinandersetzen. Den Anfang machte im Jahr 1998 Volker Wagner mit einer Arbeit zum sozialräumlichen Wandel in der Dorotheenstadt im Zeitraum von 1822 bis 1914 („Die Dorotheenstadt im 19. Jahrhundert, Vom vorstädtischen Wohnviertel barocker Prägung zu einem Teil der modernen Berliner City“). Im Jahr 2003 folgte eine Arbeit von Benedikt Goebel zur Entwicklung der Berliner Altstadt im Zeitraum von 1846 bis 1996 („Der Umbau Alt-Berlins zum modernen Stadtzentrum, Planungs-, Bau- und Besitzgeschichte des historischen Berliner Stadtkerns im 19. und 20. Jahrhundert“). Dem folgte im Jahr 2011 Ariane Leutloff mit einer Arbeit zu den Berliner Hochhausplanungen in der Zeit der ersten Republik („Turmhaus, Großhaus, Wolkenschaber, Eine Studie zu Berliner Hochhausentwürfen der 1920er Jahre“). Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Citybildung in Deutschland erst begann, als der Strukturwandel in den Zentren der deutschen Großstädte bereits deutliche Spuren hinterlassen hatte. Die wenigen Arbeiten, die aus der Zeit vor dem Weltkrieg 28

von 1939 bis 1945 zum Thema vorliegen, stammen überwiegend von Statistikern und Geografen. In ihrem Vordergrund steht zumeist die mit der Citybildung in Verbindung gebrachte Abwanderung der Wohnbevölkerung aus den Stadtzentren. Die Arbeiten Lessers, die sich vor allem mit bauwirtschaftlichen Fragestellungen befassen, stellen eine Momentaufnahme der Berliner Situation am Ende der Kaiserzeit dar. Eine auf der Grundlage quantitativer Größen durchgeführte Untersuchung zum Prozess der Citybildung in einer deutschen Stadt liegt bislang nur in Ansätzen für Breslau vor. Für Berlin kann die Arbeit Wagners zur Dorotheenstadt als die bislang am tiefsten greifende Beschäftigung mit der Thematik angesehen werden. Im Vordergrund von Wagners Untersuchung steht die Frage, inwieweit sich vorindustrielle Stadtstrukturen in der Phase der Citybildung gegenüber dem eindringenden tertiären Sektor behaupten konnten. Sein an den Jahren 1822, 1868 und 1914 festgemachter Untersuchungszeitraum beginnt Jahrzehnte vor der Entstehung der City und endet vor ihrer Zerstörung im Weltkrieg von 1939 bis 1940. Da Wagner nur einen kleinen Teilraum der historischen City untersuchte und sich schwerpunktmäßig auf die Wohnfunktion (als Gegensatz zu dem sich ausbreitenden tertiären Sektor) konzentrierte, ist seine Arbeit nicht als umfassende Beschreibung der Citybildung in Berlin zu sehen. Er selbst ging davon aus, nur einen Ausschnitt des Entwicklungsprozesses der Berliner City zu betrachten.66 Durch die Einbeziehung der Dorotheenstadt in die vorliegende Untersuchung ergeben sich räumliche Überschneidungen mit der Arbeit Wagners. Aufgrund unterschiedlicher Fragestellungen und des anders gelagerten Untersuchungszeitraums stellen diese aber keine Wiederholung dar.

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»Abbruch und Neubau« (Leseprobe)  

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