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Museumsfenster Schriftenreihe des Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Bd. 1 Herausgegeben im Auftrag der Landeshauptstadt Potsdam, Der Oberbürgermeister Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte Jutta Götzmann

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des V ­ erlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, M ­ ikroverfilmungen, ­Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD - ROMs, CDs, Videos, in weiteren ­elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © Landeshauptstadt Potsdam, Der Oberbürgermeister, Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte be.bra wissenschaft verlag GmbH und die Autoren Berlin-Brandenburg, 2016 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebra-wissenschaft.de Idee und Konzeption: Dr. Jutta Götzmann Redaktion: Dr. Jutta Götzmann, Anja Tack Autoren: Tobias Büloff, Mathias Deinert, Dr. Jutta Götzmann, Judith Granzow, Uta Kaiser, Dr. Wenke Nitz, ­Thomas Sander, Hannes Wittenberg, Dr. Wilhelm Ziehr Bildredaktion: Anja Tack Lektorat: Anja Tack und Thomas Stein, Potsdam und Matthias Zimmermann, Berlin Umschlag und Satz: typegerecht, Berlin Schrift: DTL Albertina 10/13 pt Druck und Bindung: Finidr, Cˇeský Teˇšín ISBN 978-3-95410-075-0 www.bebra-wissenschaft.de

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Inhalt

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Jutta Götzmann

Vorwort

ESS AYS

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Uta Kaiser

Ausflug nach Potsdam

Die Vedute in der Grafik des 19. Jahrhunderts

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Tobias Büloff

Ein Potsdamer Pokal für den Fuldaer Fürstabt Adolph von Dalberg 30

Wenke Nitz

Eine Stadt im Krieg

Potsdam 1914 –1918

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Wilhelm Ziehr

Zum literarischen Nachlass von Edlef Köppen

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Hannes Wittenberg

Sowjetische Truppen in Potsdam

Aspekte einer Besatzung

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Mathias Deinert

Indiziengestützte Detektivarbeit

Ergebnisse der Provenienzforschung am Potsdam Museum

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Thomas Sander

Alltag zwischen Aufbau und Zerstörung

Die Farb-Dias des Malers Hubert Globisch als Dokumente des Wandels

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N euz u g ä n g e 84

Jutta Götzmann

Magda Langenstraß-Uhlig

Eine Pionierin der Moderne 92

Judith Granzow

Manfred Hamm

Ästhetische Zeitreise in das Potsdam der 1990er Jahre

A n ha n g 100 102 109

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Ausstellungen im Potsdam Museum 2012 bis 2016 Quellen- und Literaturverzeichnis Die Autoren

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Vorwort Seit 2012 befindet sich das Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte im ehemaligen Alten Rathaus Potsdams und ist  – nach der Fusion zweier Kultureinrichtungen – an den ursprünglichen Gründungsstandort des Städtischen Museums von 1909 zurückgekehrt. Mit dem Einzug des Museums in die Räume in der historischen Mitte der Landeshauptstadt verbindet sich eine Profilierung und Neuausrichtung der Museumstätigkeit. In den vergangenen Jahren hat das Stadtmuseum mit zahlreichen stadtgeschichtlichen und kunsthistorischen Ausstellungen auf sich aufmerksam gemacht und seine Sammlungen intensiv erweitert. Der vorliegende erste Band der neuen Schriftenreihe des Potsdam Museum versammelt unter dem Titel »Museumsfenster« Beiträge zur vielschichtigen und thematisch breiten Forschungsarbeit, die den Museumsausstellungen und den zahlreichen Publikationen zugrunde liegen. Zu den Arbeitsfeldern des Museums zählt des Weiteren die Ermittlung der Provenienzen der Museums­ objekte, ihre Kontextualisierung sowie die intensive Erschließung von Werken und Biografien Potsdamer sowie brandenburgischer Künstler. In den erläuternden Beiträgen zu Einzelobjekten oder Sammlungsgruppen, die sich seit längerer Zeit im Bestand befinden oder durch Schenkungen und Ankäufe neu erworben wurden, werden die aktiven Prozesse der musealen Sammlungsarbeit vorgestellt. Im Dezember 2015 begann das Potsdam Museum mit der Einrichtung des Online-Themenportals »Brandenburg im Bild – Historische Stadtansichten aus dem Land Brandenburg«. Insgesamt werden bis 2017 voraussichtlich 500 Veduten aus der Sammlung des Potsdam

Vorwort

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Museum der Öffentlichkeit zugänglich sein. Das Digitalisierungsprojekt wird mit Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur verwirklicht und wurde von Uta Kaiser, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Potsdam Museum, erarbeitet. In ihrem Beitrag unternimmt sie einen grafischen Ausflug nach Potsdam. Das Sujet der Vedute gewann vor allem im 19. Jahrhundert in der künstlerischen Grafik an Bedeutung, ein Umstand, der sich auch in der Sammlung der bildenden Kunst im Museum widerspiegelt. Potsdam besaß nicht nur touristische Anziehungskraft aufgrund seines harmonischen Gefüges aus städtischer Architektur und Landschaft, sondern war ebenso ein überaus beliebtes Motiv für bildende Künstler. 2017 wird das Museum eine Sonderausstellung über die Potsdamer Glashütte unter dem Titel »Gläserne Welten« zeigen. Im Zuge der Vorarbeiten und Recherchen zu dieser Ausstellung konnte die Herkunft des wohl größten Pokals der Museumssammlung verifiziert und dessen prunkvolle Verzierung mit insgesamt 15 Wappen entschlüsselt werden. Tobias Büloff stellt die gewonnenen Erkenntnisse vor und geht der Frage nach, warum ein hessischer Fürstabt einen Glaspokal in der Potsdamer Hütte in Auftrag gab. 2014 zeigte das Potsdam Museum die Sonderausstellung »Zu Hause im Krieg – Im Krieg zu Hause«. Anlässlich des 100. Jahrestages des Beginns des Ersten Weltkrieges beschäftigte sich die Ausstellung mit dem Alltag der Potsdamer Bürger und Bürgerinnen in den Kriegsjahren. Wenke Nitz, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Museum die Ausstellung entwickelte, gibt in ihrem Beitrag einen Einblick in die Situation der städ-

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tischen Bevölkerung und deren Nöte und Probleme, die der Kriegsalltag mit sich brachte. Im Vorfeld der Ausstellung zum Ersten Weltkrieg in Potsdam ist der Teilnachlass des Schriftstellers und Rundfunkredakteurs Edlef Köppen (1893–1939) erstmals umfassend gesichtet worden. Mit der Digitalisierung der Dokumente, ein Vorhaben, das das Potsdam Museum zusammen mit der Stadt- und Kreisbibliothek »Edlef Köppen« in Genthin durchführt, wurde der Bestand für die zukünftige Forschung nutzbar gemacht. Der Kulturhistoriker und ausgewiesene Kenner Edlef Köppens, Wilhelm Ziehr, stellt in seinem Beitrag den Nachlass vor, der vorwiegend die literarische Tätigkeit Köppens dokumentiert. Auch der Zweite Weltkrieg und dessen weitreichende Folgen für die städtische Nachkriegsentwicklung haben in den letzten Jahren die Museumsarbeit geprägt. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges begann für Potsdam die Zeit der sowjetischen Besatzung. Als Garnisonstadt bot Potsdam mit seiner historisch gewachsenen militärischen Infrastruktur der Besatzungsmacht einen idealen Ort für die Stationierung von sowjetischen Truppen. Die Bedeutung der sowjetischen Militärpräsenz für die Stadt und ihre Bürger ist bislang kaum erforscht. Hannes Wittenberg, stellvertretender Direktor des Potsdam Museum, gibt in seinem Beitrag einen ersten Überblick über die sowjetische Besatzung in der Stadt, beschreibt Standorte und Aufgaben der militärischen Einheiten und verweist auf zukünftige Forschungsfragen. Seit 2011 beteiligte sich das Potsdam Museum an dem von der Bundesregierung unterstützten und geförderten Programm, Museumsbestände auf sogenanntes

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NS -Raubgut zu überprüfen. Die Recherchen, die von Mathias Deinert am Potsdam Museum betrieben wurden, verfolgten das Ziel, die Neuzugänge von Objekten an das Museum während der Zeit des nationalsozialistischen Regimes dahingehend zu untersuchen, ob diese unrechtmäßig in die Sammlungen gelangt sein konnten. Der Autor gibt in seinem Beitrag Einblicke in die Ausgangssituation der Forschungsarbeit und berichtet von neuen Erkenntnissen, Funden und Rückübertragungen an rechtmäßige Eigentümer. Der Potsdamer Maler und Grafiker Hubert Globisch (1914–2004) fertigte im Laufe seines Lebens mehrere tausend Dia-Aufnahmen an. 2014 übergab der Verein ARGUS Potsdam e. V. dem Potsdam Museum die DiaSammlung, in der sich etliche Aufnahmen befinden, die Globischs Heimatstadt zeigen. Thomas Sander, der die Sammlung sichtete und ordnete, stellt das umfangreiche Material vor und versucht in seinem Beitrag zu ergründen, warum Globisch den städtischen Wandel seiner Heimatstadt in diesem Ausmaß dokumentierte. 2015 gelangten mehrere Neuerwerbungen an das Potsdam Museum. Mit der Sonderausstellung »Künstlerinnen der Moderne. Magda Langenstraß-Uhlig und ihre Zeit« stellte das Potsdam Museum das Werk einer für die Region wichtigen Wegbereiterin der künstlerischen Moderne vor. In der Gegenüberstellung mit Zeitgenossinnen Langenstraß-Uhligs (1888 –1965) wurden thematische, stilistische und technische Parallelen in den Arbeiten der Künstlerinnen sichtbar. Das Potsdam Museum freut sich über eine Schenkung von vier Arbeiten Langenstraß-Uhligs. Als Direktorin des Potsdam Museum und Sammlungsleiterin für die bildende Kunst

Vorwort

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vom 19. bis zum 21. Jahrhundert habe ich gemeinsam mit Anna Havemann, wissenschaftliche Mitarbeiterin für die Kunst der Moderne, die Ausstellung kuratiert und die Auswahl der Schenkung getroffen. In meinem Beitrag erläutere ich den Wert der Neuzugänge für die Sammlung der bildenden Kunst. Zu den bedeutsamen Sammlungserweiterungen ist zweifelsohne auch der umfangreiche Ankauf von Arbeiten des Berliner Fotografen Manfred Hamm (*1944) zu zählen. Mit öffentlicher und privater Unterstützung konnte das Museum 2015 einen Teilvorlass vom Künstler erwerben. Judith Granzow, die die Fotografische Sammlung im Potsdam Museum betreut, stellt die Neuerwerbung von Arbeiten vor, die Hamm vorwiegend während seiner Aufenthalte in Potsdam in den 1990er Jahren

Vorwort

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schuf. Einen besonderen Wert besitzen jene Fotografien, die Potsdamer Orte dokumentieren, die sich heute stark verändert zeigen oder die an Architektur und Industriebauten erinnern, die heute nicht mehr existieren. Allen Autoren, die mit ihren Beiträgen diesen ersten Band der Schriftenreihe ermöglicht haben, sei herzlich gedankt. Für die intensive redaktionelle Betreuung der Schriftenreihe geht mein besonderer Dank an die wissenschaftliche Projektmitarbeiterin Anja Tack. Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wünsche ich einen spannenden Einblick in die Museumsarbeit. Jutta Götzmann Direktorin des Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte

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Essays

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Uta Kaiser

Ausflug nach Potsdam Die Vedute in der Grafik des 19. Jahrhunderts

Dem Aufschwung der Architektur- und Vedutenmalerei in Berlin in der Mitte der 1820er Jahre folgte ein gesteigertes Interesse an druckgrafischen Erzeugnissen dieses Genres. Der Blick regionaler Künstler und Verleger r­ ichtete sich aus vielen guten Gründen auch nach Potsdam. Nachdem Friedrich II . das Bild der Stadt Jahrzehnte zuvor durch zahlreiche Umbauten verändert hatte, entstanden mit den Bauprojekten, die Friedrich Wilhelm  III . und Friedrich Wilhelm IV. beauftragten und die von Karl Friedrich Schinkel, Peter Joseph Lenné, Ludwig Persius u. a. umgesetzt wurden, neue Sujets für die bildende Kunst.1 Das Alleinstellungsmerkmal der Stadt Potsdam in ihrer Symbiose aus Architektur und Landschaft fand seinen Niederschlag in grafischen Ansichten des neu gestalteten Parkes von Sanssouci, des Parkes und Schlosses Babelsberg und der Villen am Rande der Stadt. Eine erhöhte Produktion von Veduten ergab sich darüber hinaus durch einen technischen Fortschritt im Bereich der Druckgrafik. 1796 hatte Alois Senefelder die Technik der Lithografie entwickelt, das erste Flachdruckver­ fahren, das weniger aufwendig als Tiefdrucke, wie z. B. der Kupfer­stich, und dadurch sehr viel kostengünstiger war.2 Nachdem Christian Horvath einen Verlag in Potsdam gegründet hatte, der sich erstmals mit Ansichten

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und der Geschichte der Stadt einen Namen weit über deren Grenzen hinaus machen konnte, siedelten sich in der Folge weitere Verlage in der preußischen Residenzstadt und in Berlin an, die dem gesteigerten Publikumsinteresse an Bilderzeugnissen nachkamen.3 Die Nachfrage nach Ansichten bildete sich in der Literatur ab. Überblickswerke zur Kunst und Kultur eines Landes hatten sich neben dem Reisebericht und der soge­nannten Wegweiser seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert etabliert.4 Die beiden zuletzt genannten literarischen Gattungen boten sowohl Laien als auch Gelehrten ein beliebtes Forum der Publikation. Das durch den Bericht transportierte »reale Seh-Erlebnis«5 hatte sich seit Johann Joachim Winckelmanns Forderung nach der eigenen Anschauung nach und nach als maßgebliche Grundlage von (Kunst-)Literatur entwickelt. Kunstzeitschriften und Tageszeitungen warteten seit den 1820er Jahren mit Berichten über die neuesten künstlerischen und architektonischen Entwicklungen in deutschen Städten auf. Potsdam zählte dazu. Dieser Beitrag möchte die unterschiedlichen Ausprägungen der Rezeption von Stadtansichten in bildender Kunst und Literatur im 19. Jahrhundert anhand ausgewählter Beispiele der grafischen Sammlung des Potsdam Museum und Berichten von Personen aus dem Potsdamer und Berliner Raum nachverfolgen.6

Uta Kaiser

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Wegweiser nach Potsdam In der Zeit von 1797 bis 1858 erschien mehr als ein Dutzend Reise- und Geschichtshandbücher über Potsdam.7 Sie reichen von einem knappen Buch, das Anweisungen gibt, wie Potsdam an einem Tag zu erkunden sei, bis hin zu umfangreichen Kompendien, die jedes Bauwerk einzeln auflisten. Mit den Wegweisern, Chroniken, historischen Darstellungen und Topografien konnte sich der Besucher der Stadt bestens auf einen Ausflug nach Potsdam vorbereiten. Monografien über die königlichen Schlösser, allen voran Sanssouci, den Neuen Garten und die Pfaueninsel ergänzten neben vereinzelten Artikeln aus Zeitschriften im Laufe der Jahre Detailkenntnisse zu den königlichen und bürgerlichen Bauten.8 Über den Stadtkern erschien – außer einer Publikation über die Nikolaikirche anlässlich der Vollendung der Kuppel durch Ludwig Persius im Jahr 1850  – keine Einzelbeschreibung.9 Die Geschichte der Wohnhäuser konnte der Besucher entweder in älteren Publikationen von Friedrich Nicolai oder Heinrich Ludwig Manger und in aktuellen Überblickswerken nachvollziehen. Die neuesten Bauwerke wurden in Veduten und kommentierten Architekturansichten rezipiert. Die Autoren der Potsdam-Handbücher stammten aus Berlin oder Potsdam und zeichneten sich durch eine genaue Ortskenntnis aus. So lebte der Jurist Karl Ludwig Häberlin, gen. Belani (1784–1858) seit den späten 1820er Jahren in Potsdam, war Mitglied des ortsansässigen Kunstvereines und der Literarischen Gesellschaft.10 Im Verlag von Otto Janke (1818–1887) publizierte er 1843 eine Beschreibung der großen Fontäne im Park Sanssouci; wenige Jahre später verlegte Ferdinand Riegel (1797–1866) mit Unterstützung von Ludwig Ferdinand Hesse und Peter Joseph Lenné einen Wegweiser zu Potsdam und Umgebung in der Zeit von Friedrich Wilhelm IV.11

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Anders als die in Potsdam ansässigen Schriftsteller verfasste ein Teil der Berliner Autoren, wie z. B. Johann Daniel Friedrich Rumpf (1758 –1838), Beschreibungen von Potsdam, die eingebettet waren in Publikationen über die preußische Hauptstadt. Der Beamte Rumpf publizierte zunächst eine mit Kupferstichen illustrierte Beschreibung von Berlin.12 In den folgenden Jahren erweiterte er seine Betrachtungen in mehreren Publikationen der Berliner Erstausgabe von 1793 auf Potsdam.13 Akribisch listete er jedes größere Bauwerk in seiner »Beschreibung aller Merkwürdigkeiten« von Berlin und Potsdam mit seiner Geschichte und Funktion auf.14 Eingeschlossen ist eine Sozial- und Gesellschaftsanalyse der Potsdamer Bevölkerung. Ganz auf die Praxis ausgelegt war hingegen Alexander Cosmars (1805–1842) »Neuester und vollständigster Wegweiser durch Potsdam und seine Umgebungen«.15 Der in Berlin tätige Buchhändler und Schriftsteller hatte anfangs einen Wegweiser seiner Heimatstadt geschrieben, der »Fremde und Einheimische« dazu anleitete, »in einer Woche alles Sehenswürdige kennen zu lernen, was Berlin zur Belehrung, Unterhaltung und zum Vergnügen darbietet«.16 Kurze Zeit später erschien sein PotsdamWegweiser, der den Besucher in knappen Beschreibungen der sakralen und profanen Bauten und ihrer geografischen Verortung durch die Stadt und die hiesigen Schlösser führte. In einer erneuten Auflage wurden vom Verlag die beiden Städteführer zusammen publi­ ziert.17 Anders als sein Vorgänger Rumpf begrenzte Cosmar die historischen Informationen auf grundlegende Angaben und berichtete hingegen über nützliche Serviceeinrichtungen wie »Gasthöfe«, »Lohnlakaien« oder den »Restaurateur Herr[n] Kast« im Bahnhof, »der den Reisenden zu jeder Zeit mit guten Speisen à la Carte, reinen Weinen und vortrefflichem Bier« verwöhne.18

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»Ein Tag in Potsdam« Potsdam-Ansichten erfuhren im 19. Jahrhundert ebenso wie Reisebeschreibungen ein breit gefächertes Interesse. Verlage, die Potsdamer Veduten publizierten, fanden sich nicht nur in den preußischen Residenzstädten, sondern auch in Gotha, Hamburg, Frankfurt am Main oder Darmstadt.19 Die herstellenden und die reproduzierenden Künstler hingegen stammten zumeist aus Berlin oder Potsdam.20 Ortsansässige Verleger gaben die Ansichten in Auftrag, produzierten eine erste Auflage und verkauften die Druckvorlagen an überregionale Verleger, die sie ihrerseits wiederum in Sammelwerken publizierten. Die Blätter konnten auch einzeln erworben werden, wodurch sie weit und über die regionalen Grenzen hinaus verbreitet wurden.21 In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschienen über 30 Grafikmappen in Potsdamer und Berliner Verlagen mit Gesamt- und Detailansichten der Stadt.22 Nach und nach wurden so sämtliche Gegenden Potsdams für die bildende Kunst entdeckt, durch das Medium der Grafik vervielfältigt und für ein breites Publikum sichtbar gemacht. Die Wahl der Motive bestand einerseits aus bewährt erfolgreichen Sujets, andererseits richtete sie sich nach den baulichen Entwicklungen der Stadt. Am beliebtesten war und blieb die Sicht von einem erhöhten Standpunkt, vorzugsweise und in der Tradition der Ansichten des 18. Jahrhunderts, vom Brauhausberg. Kaum eine größere Grafikfolge verzichtete auf einen Blick von diesem Ort, der die umfassendste Übersicht der Stadt auch heute noch bietet. Im Laufe der Jahrzehnte kamen neue Sichtpunkte hinzu, die die Schönheit der Stadt in der Landschaft einfingen: Die früheste bekannte neue Sicht auf Potsdam wählte ein unbekannter Künstler um 1775 von Babelsberg aus.23 (Abb. 1) Es folgten Ansichten von Glienicke, Hermannswerder, vom Mühlen-, Pfingst-, Ruinen- und Böttcherberg sowie der Historischen Mühle am Schloss Sanssouci (Abb. 2).24 Sehr be-

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liebt waren Grafiken, die viele verschiedene Standpunkte und Ansichten auf einem Blatt vereinigten. 1815 fertigte Gottfried Arnold Lehmann (1776 –1823) ein als Kupferstich hergestelltes Würfelspiel mit dem Titel »Ein Tag in Potsdam« an, das den Spieler vom Leipziger Tor in Berlin über 50 Felder bis nach Schloss Sanssouci führte. (Abb. 3) Dem Stich beigegeben war ein Heftchen mit Erläuterungen der Spielregeln und, ebenso wie in den literarischen Wegweisern, eine historische Beschreibung der Orte, die passiert wurden. Die Erläuterungen hatte ein Kenner seines Faches verfasst: Autor war der preußische Hofbauinspektor Salomo Sachs (1772–1855).25 Einfach wird der Weg dem spielerisch Reisenden nicht gemacht: An jeder Brücke hat er, ebenso wie der Reisende in der Wirklichkeit, Gebühren zu entrichten; für touristische Anziehungspunkte gilt es, Eintritt zu zahlen. Schöne Aussichten fordern ebenso ihren Tribut: Der Blick vom Brauhausberg muss mit zwei Mark bezahlt werden; nahe der Pfaueninsel und auf dem Klausberg »genießt man so lange die schöne Aussicht, bis man einen Pasch geworfen«.26 Im Stadtschloss erhält der Potsdam-Besucher hingegen vier Mark als Willkommensgeschenk, die gleiche Summe wird als Verpflegungsgeld in der Meierei im Neuen Garten ausgegeben.27 Kurz vor dem Ziel heißt es schließlich freundlich: »Die Colonnade von Sanssouci zeigt sich unentgeldlich [sic].«28 Neben der malerisch angelegten Vedute gab es weitere Publikationsformen von Stadtansichten. Besonders die im Folioformat publizierten Mappen mit Architekturansichten erfreuten sich großer Beliebtheit. Der bereits erwähnte Potsdamer Verleger Ferdinand Riegel, Vater des Kunsthistorikers Herman Riegel (1834–1900), hatte diese Marktlücke für sich entdeckt.29 In seinem Verlag, der ab den 1860er Jahren von den Berliner Kollegen Ernst & Korn übernommen worden ist, publizierte er bekannte Serien wie das »Architektonische Album«, die »Sammlung architektonischer Entwürfe von Karl

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Abb. 1: Unbekannter Künstler, Blick auf Potsdam von Babelsberg aus, um 1775, Radierung, Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Inv.-Nr. 79-84-K 2b, Foto: Digitalisierungs­labor der FH Potsdam.

Friedrich Schinkel« oder »Architektonische Entwürfe für den Umbau vorhandener Gebäude«.30 Nach Vorlagen der ausführenden Architekten wurden Grund- und Aufrisse, Dekorationen und Baudetails entweder nüchtern in Umrissmanier festgehalten oder in malerische Ansichten übersetzt, fein koloriert und mit den aus der englischen Grafik übertragenen aufgelösten Bildrändern versehen. Zwei der bis heute bekanntesten großen Veduten­ serien mit Potsdam-Ansichten aus der Regierungszeit von Friedrich Wilhelm IV. entstanden in den 1850er Jahren. Der bereits erwähnte Potsdamer Verleger Otto Janke hatte 1850 den Verlag von Horvath übernommen.31

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Ebenso wie sein Vorgänger gab er Potsdam-Literatur und Grafiken mit Stadtansichten heraus. Sein erfolgreichstes Projekt sollte die Serie »Potsdam« mit zwölf Blättern werden, für die er den talentierten Zeichner und Lithografen Franz Xaver Sandmann (1805–1856) und den Berliner Künstler Alexander August Carl Haun (1815–1894) verpflichten konnte. Sandmann hatte kurz zuvor eine Serie mit Ansichten von Dresden und der Sächsischen Schweiz angefertigt.32 Durch die Verwendung einer Tonplatte und die dadurch erzeugte weiche Farbigkeit im Druck besitzen sowohl diese Blätter als auch die Potsdamer Serie eine hohe malerische Qualität. Drei neue

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Abb. 2: Franz Xaver Sandmann, Blick auf Potsdam von der Historischen Mühle, 1850, Lithografie, Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Inv.-Nr. 80-348-K 2a, Foto: Potsdam Museum/Michael Lüder.

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Abb. 3: Gottfried Arnold Lehmann, Würfelspiel mit Schloss Sanssouci und 51 Teilansichten von Potsdam und Berlin, 1815, ­ upferstich, Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Inv.-Nr. 80-328-K 2, Foto: Potsdam Museum/Michael Lüder. K

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Abb. 4: Franz Xaver Sandmann, Blick auf das Potsdamer Stadtschloss während einer Militärparade, 1850 –1860, Lithografie, ­Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Inv.-Nr. 80-353-K 2a, Foto: Potsdam Museum/Michael Lüder.

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Abb. 5: Karl Lindemann-Frommel, Das Neue Palais mit den Communs vom Belvedere aus gesehen, 1858/1860, Chromolithografie, Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Inv.-Nr. 80-256-K 2a, Foto: Potsdam Museum/Michael Lüder.

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erhöhte Standpunkte mit Blick auf die Stadt konnte Janke für eine kurze Zeit als einziger Hersteller vertreiben: die Aussichten vom Böttcherberg, von der Historischen Mühle und vom Ufer unterhalb des Bahnhofes auf das architektonische Ensemble mit Stadtschloss und Nikolaikirche.33 Das Stadtschloss selbst verewigte Sandmann während einer Militärparade von der Schlossstraße aus. (Abb. 4) An den Erfolg der Ansichten von Sandmann konnte der Nachfolger von Janke, Emil Stechert, für eine kurze Zeit anknüpfen: Er übernahm die Rechte an den Lithografien von Sandmann und Haun, die er nun auch koloriert vertrieb.34 Von der Beliebtheit der Lithografien zeugen u. a. die teilweise vierfach vorhandenen Blätter, die dem Potsdam Museum im Laufe der Jahrzehnte überlassen wurden. Das durch die Vedute erfahrbare Ausflugs-Erlebnis bildete den Ansatzpunkt für eine weitere große PotsdamSerie, die 1858/60 in vier Lieferungen im Verlag des wohl bekanntesten Berliner Kunsthändlers und Besitzers einer lithografischen Anstalt, Louis Friedrich Sachse (1798– 1877), erschien.35 Im Spätsommer 1857 hielt sich der zu diesem Zeitpunkt in Rom ansässige Landschaftsmaler Karl Lindemann-Frommel (1819–1891) in Potsdam auf.36 Im Auftrag Sachses fertigte er 24 kolorierte Erinnerungsblätter der Schlösser, Kirchen und Gärten von Potsdam an.37 Durch den Vermerk des Datums am unteren Bildrand jedes Blattes wird ein Reise-Erlebnis suggeriert, das Sachse an den ansichtenfreudigen Käufer weitergeben konnte. Darunter befindet sich der auch in der Serie von

Janke vertretene Blick auf das Neue Palais vom Belvedere auf dem Klausberg. Lindemann-Frommel versetzte das prächtige Gebäude in eine mondbeschienene dramatische Szenerie, in die, ebenso wie in Sandmanns Blick von der Historischen Mühle (Abb. 2), Staffagefiguren vor einer Brüstung in die Tiefe des Bildes hineinführen.38 (Abb. 5) Die Themen in diesem kurzen Streifzug durch Reiseliteratur und Veduten von Potsdamer und Berliner Verlagen können nicht mehr als einen Einblick in die Bandbreite der publizistischen Möglichkeiten im Preußen des 19. Jahrhunderts geben. Sie bieten verschiedenste Ansätze, die Rezeption der kulturellen Entwicklung Potsdams weiterzuverfolgen. So vielfältig die technischen Mittel waren, so zahlreich fallen die Ansatzpunkte für die grafische und literarische Präsentation der Schönheit der Stadt Potsdam in ihrer Symbiose aus Architektur und Landschaft aus. In der Literatur war eine genaue Ortskenntnis des Sujets unabdingbar; das Medium der Grafik hingegen erlaubte dem Künstler eine Sicht auf die Stadt, die er im Sinne seines Auftraggebers und des Publikumsinteresses individuell gestalten konnte. Damals wie heute boten bzw. bieten Veduten und literarische Streifzüge durch Städte Betrachtern und Lesern die Möglichkeit, sich einerseits mit ihrer Heimat zu identifizieren und andererseits den Blick in bislang fremde Orte zu richten. Gewachsene Strukturen, die durch Kriege und politische Entscheidungen der Nachkriegszeit teilweise bis zur Unkenntnis verändert wurden, können so in alten Ansichten weiterleben.

Anmerkungen  1 Zur Potsdamer und zur märkischen Vedute siehe grundlegend

Berndt 2007, Berndt 2002, Drescher/Kroll 1981, Giersberg/Schendel 1982. Die Vedute in der Malerei wurde im Potsdam Museum zuletzt 2014 in der Ausstellung »Carl Blechen und Carl Gustav Wegener im Dialog. Romantik und Realismus in der Landschaftsmalerei« präsentiert. Vgl. Ausst.-Kat. Carl Blechen und Carl Gustav

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Wegener im Dialog 2014. Vgl. weitere Veduten in der Sammlung des Potsdam Museum unter: http://www.potsdam-museum.de/ digitaler-katalog (zuletzt aufgerufen am 1. April 2016).  2 Koschatzky 2003, S. 171–179.  3 Tripmacker 2008.  4 Siehe zum Folgenden Locher 2001, S. 178 –194.

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5 Locher 2001, S. 110.  6 Ansichten der Stadt Potsdam gehören zum frühesten Samm-

lungsschwerpunkt des Potsdam Museum. In der grafischen Sammlung befinden sich über 800 Veduten von Potsdam und seiner Umgebung seit dem ausgehenden 17. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Darunter sind die bekannten Orte und Blicke auf die Stadt vom Brauhausberg, aber auch unbekanntere Ansichten von Babelsberg, vom Bahnhof oder von der Nuthemündung an der Freundschaftsinsel zu finden.  7 Eine Übersicht der historischen Potsdam-Literatur bieten Geßner 1993 und Geßner/Röhm 1998.  8 Zu nennen sind u. a. für Sanssouci: Anonym 1819, Belani 1981 (1843), Anonym 1984 (1850), Kopisch 1854, für den Neuen Garten und die Pfaueninsel: Horvath 1802, Horvath 1827, Fintelmann 1986 (1837).  9 Riehl 1850. 10 Paepke 1969, S. 119, Tripmacker 2008, S. 35. 11 Belani 1981 (1843), Häberlin 1855. Vgl. Tripmacker 2008, S. 35 und S. 48. 12 Berndt 2007, S. 444. 13 Ebd., Geßner/Röhm 1998, S. 29 f. und S. 33, G ­ eßner 1993, S. 19 f. 14 Rumpf 1823. »Merkwürdigkeiten« bedeuten in der Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts Besonderheiten in Architektur, Geschichte und Kunst. 15 Cosmar 1988 (1841). 16 Cosmar 1840. 17 Cosmar 1850. 18 Ebd., S. 154. 19 Siehe das umfangreiche Verzeichnis der Primärquellen in Berndt 2007, S. 430 –452. 20 Vgl. zum Folgenden Berndt 2007, S. 9 f. und S. 13 –15. 21 Die Mehrzahl der im Bestand des Potsdam Museum verwahrten Ansichten gelangte auf diese Art und Weise in die Sammlung. 22 Diese und die im Folgenden genannten Zahlen gehen aus den ­Publikationen von Berndt 2007 und Geßner/Röhm 1998 sowie den Nachweisen der Blätter aus dem Bestand des Potsdam ­Museum hervor. 23 Berndt 2007, Kat. 1290, m. Abb. Das Blatt ist bislang allein im Potsdam Museum nachgewiesen. 24 Peter Ludwig Lütke nach Daniel Berger, Blick auf Potsdam vom Glienicker Weinberg, kolorierte Umrissradierung, 1796/1802, Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Inv.Nr. 79-85-K2b, in: Berndt 2007, Kat. 1298; W. Escher, Blick auf

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P­ otsdam von Hermannswerder, um 1830, Lithografie, Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Inv.-Nr. 80-405K2a, in: Berndt 2007, Kat. 1327; Ludwig Eduard Lütke, Blick auf Potsdam vom Mühlenberg, 1830, Lithografie, Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Inv.-Nr. 80-306-K2a, in: Berndt 2007, Kat. 1319, m. Abb.; Hans Fincke nach Wilhelm Loeillot, Blick auf Potsdam vom Pfingstberg, 1832–1837, Stahlstich, Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Inv.-Nr. 80378-K2, in: Berndt 2007, Kat. 1322, m. Abb.; Carl Hermann Sagert nach Eduard Biermann, Blick auf Potsdam vom Ruinenberg, 1849, Stahlstich, Potsdam Museum – Forum für Kunst und ­Geschichte, Inv.-Nr. 80-302-K2a, in: Berndt 2007, Kat. 1336; August Carl Haun, Blick auf Potsdam vom Böttcherberg, 1850, Chromolithografie, Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Inv.-Nr. 80-430-K2a, in: Berndt 2007, Kat. 1341. Sachs 1815. Ebd., S. 6. Ebd., S. 5. Ebd., S. 6. Siehe zum Folgenden Tripmacker 2008, S. 34–40. Architekten-Verein 1838 –1862 (online abrufbar über den Katalog der Technischen Universität zu Berlin unter http://ubsrvgoobi2. ub.tu-berlin.de/viewer/!toc/BV024193817/136/LOG_0062/;jsessio nid=F4F7BADEF993CB734A42DED01A4848AD (zuletzt aufgerufen am 1. April 2016); Schinkel 1841–1845; Persius 1843 –1849. Einzelne Lieferungen und Blätter der genannten Mappen befinden sich im Bestand des Potsdam Museum; die Schinkelmappe ist abgebildet in der Neuausgabe von Ernst & Korn, Berlin 1858. Die Ausgabe der Heidelberger Universitätsbibliothek ist vollständig abrufbar unter http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/schinkel1858ga (zuletzt aufgerufen am 1. April 2016). Siehe zu Folgendem Tripmacker 2008, S. 48 f., Berndt 2007, S. 438. http://skd-online-collection.skd.museum/de/contents/ artists?id=11457580 (zuletzt aufgerufen am 1. April 2016). Vgl. Anmerkung 23; Abb. 1. Tripmacker 2008, S. 58 f., Berndt 2007, S. 438. Zu Sachse siehe zuletzt Ahrens 2010. 18 Blätter der Serie befinden sich im Bestand des Potsdam Museum. Freude 1997, S. 34. Eine Auflistung sämtlicher Titel befindet sich in Freude 1997, S. 254 f. Siehe Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Inv.Nr. 80-279-K2a, in: Berndt 2007, Kat. 1615.

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Ein Potsdamer Pokal für den Fuldaer Fürstabt Adolph von Dalberg Zu den umfangreichen Beständen des Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte gehört das Potsdamer Glas des 17. und 18. Jahrhunderts, das zu den herausragenden kulturhistorischen Sammlungen des Museums zählt. Bis zur Auslagerung seiner Bestände im Herbst 1944 besaß das städtische Museum etwa 45 Gläser und Deckelpokale aus der Potsdamer und Zechliner Hütte. Alle Gläser und Pokale mit Edelmetalldekor und -fassung sowie fünf Rubingläser gelten seitdem als verschollen.1 Als kurfürstliche Gründung im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts etabliert, stellte die Potsdamer Glashütte jene kunsthandwerklichen Spitzenprodukte her, zu denen auch ein Deckelpokal aus der Sammlung des Potsdam Museum mit der Darstellung von 15 Wappen gehört. Dieser Prunkpokal beeindruckt schon allein durch seine Größe. Mit einer Gesamthöhe von 60 Zentimetern ist er das mit Abstand größte der Potsdamer Gläser des 17. und 18. Jahrhunderts. Zudem zeugen die 15 fein geschnittenen Wappen von einer außergewöhnlichen Auftraggeberkonstellation und von einem besonderen historischen Kontext. Denn der Träger des größten Wappens und zugleich Auftraggeber des Pokals war Anton Adolph Freiherr von Dalberg, Fürstabt von Fulda. Der folgende Beitrag ist diesem großen Deckelpokal sowie den historischen Umständen seiner Entstehung gewidmet. Gleichzeitig gewährt die Beschäftigung mit

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diesem Pokal einen Einblick in das Kunsthandwerk und die Produktion sowie die Auftragssituation und die Verflechtungen der Potsdamer mit anderen Glashütten in Ländern des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

Stilistische Beschreibung Der Pokal hat eine Gesamthöhe von 60 Zentimetern (Höhe ohne Deckel 39 Zentimeter) und einen Gefäßdurchmesser von 18,5 Zentimetern. Der Durchmesser der Fußplatte beträgt 20 Zentimeter. Es handelt sich um dickwandiges Glas mit Haarrissen. Die hohe, becherförmige Kuppa ruht auf einem massiven Baluster mit Tellerfuß. Unterhalb des Balusters befinden sich eine, oberhalb zwei Ringscheiben. Das Balustermotiv erscheint noch einmal als Knauf des eingeschliffenen, leicht überkragenden Deckels. Der Fußrand ist in blankem, flachem Bogenschnitt gehalten. Zellenfacetten finden sich an den Ringscheiben, an Baluster und Knauf. Fuß, Balusterschaft, Kelchansatz, Deckel und Knauf des Pokals zeigen das für Potsdam so typische Spitzblattmotiv in versenktem Hochschnitt. Die Spitzblätter erscheinen dabei mattiert und mit schmaler Mittelrippe. (Abb. 1)

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Abb. 1: Wappenpokal mit der Darstellung von 15 Wappen des Fuldaer Stiftskapitels, Potsdamer Glashütte, zwischen 1726 und 1737, Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Inv.-Nr. 80-64-GL, Foto: Potsdam Museum/Holger Vonderlind

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Der Lippen- und Deckelrand ist durch umlaufende, korrespondierende Steinchenborten aus polierten Dia­ mantrauten und Tafelsteinen gestaltet. Darunter bzw. darüber befinden sich jeweils Perlborten. Die Diamant- oder Steinchenborten werden als ein Merkmal von in Potsdam unter Friedrich Wilhelm I. hergestellten Gläsern angesehen.2 Robert Schmidt, einstiger Direktor des Berliner Kunstgewerbemuseums und Nestor der Erforschung brandenburgischer Gläser, sieht sie vor allem auf hochwertigeren Gläsern realisiert.3 Auch mattierte anstelle von blank polierten Spitzblättern und Zellfacetten sind nach Schmidt eher für die zweite Periode Potsdamer Gläser in der Regierungszeit Friedrich Wilhelms I. typisch.4 Die Kuppawandung schmücken umlaufend ein größeres und 14 kleinere Wappen.

Auftraggeber und Produktion Die Suche nach den 15 auf dem Pokal dargestellten Wappen lässt sich über die besonderen Beziehungen der Potsdamer zu anderen im Reich etablierten Glashütten eingrenzen. Für die brandenburgische Glasgeschichte nehmen, wie Susanne Netzer aufführt, die hessischen Glasmacher eine wichtige Rolle ein.5 Der künstlerischhandwerkliche Transfer begründete sich nicht zuletzt durch dynastische Verbindungen, die bereits seit dem 17. Jahrhundert zwischen den Häusern Brandenburg und Hessen bestanden. Hessische Glasmacher und Glasschneider wurden dazu bewogen, nach Brandenburg überzusiedeln, wobei ihr Weg zunächst über das anhaltinische Dessau führte. In diesem Zusammenhang sind die Familien Gondelach6 und Trümper hervorzuheben. Franz Adrian Dreier verweist insbesondere auf Johann Moritz Trümper, der bereits vor 1713 nach Brandenburg übersiedelte.7 Trümper hatte eine Lehre als Glasschneider in der Werkstatt Franz Gondelachs absolviert,

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scheint jedoch fortan nur als Glashändler tätig gewesen zu sein. 1717 wurde ihm wohl die Potsdamer Hütte zur Pacht übertragen.8 1679 war die Glashütte vom brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm auf dem Hakendamm bei Neuendorf gegründet worden.9 (Abb. 3) Dreier geht davon aus, dass Johann Moritz Trümper den Stil Franz Gondelachs nach Brandenburg brachte.10 Demzufolge lassen sich zahlreiche Ähnlichkeiten hinsichtlich des ausgeführten Hochschnittes und des Dekors zwischen brandenburgischen und hessischen Gläser ausmachen. Nicht zuletzt zeichnen sich die Gläser durch Dickwandigkeit aus und leiden mitunter an einer mangelhaften Glaszusammensetzung, die zur Glaskrankheit führt.11 Diese engen Verbindungen Potsdamer und hessischer Glasmacher und ihrer Hütten lenken den Blick auf der Suche nach einem möglichen Auftraggeber nach Hessen. Wappen als Herrschaftszeichen sind am umfangreichsten im sogenannten Siebmacher Wappenbuch, einer seit dem 17. Jahrhundert kontinuierlich erweiterten Aufstellung von mittlerweile über 130.000 Wappen, verzeichnet.12 Der Träger des großen Wappens ist ein gewisser Anton Adolph Freiherr von Dalberg (1678 –1737). Dalberg wurde 1726 zum Fürstabt von Fulda bestellt und stand einem 14-köpfigen Kapitular vor. Vermutlich sind es die Wappen dieser 14 Mitglieder, die neben Dalbergs eigenem den Potsdamer Pokal schmücken.13 Adolph von Dalberg gehörte zu den herausragenden Fürstäbten Fuldas und prägte die Stadt städtebaulich und mit der Gründung einer Universität insbesondere bildungspolitisch nachhaltig. Der Sohn des Freiherrn Philipp Franz Eberhard von Dalberg und seiner Ehefrau Anna Katharina Franziska kam am 29. Mai 1678 in Speyer zur Welt. Schon frühzeitig schlug er die Laufbahn eines Geistlichen ein.14 Im November 1697 wurde Dalberg Mitglied in der adligen Abteilung des Benediktinerklosters in Fulda. Die 15 Ka-

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Abb. 2: Das größte der 15 Wappen stellt das des ­Fürstabtes Adolph von Dalberg (1678 –1737) dar. Das hervor­ragend herausgearbeitete Wappen Dalbergs ist deutlich größer als die anderen 14 Wappen, die vermutlich die Mitglieder des Kapitels repräsentieren. Die größere Darstellung des Wappens von D ­ alberg weist auf dessen Standesrang und auf ihn als den vermutlichen Auftraggeber des Pokals hin. Rechts ist das Wappen Amand von Busecks zu erkennen. Der Fuldaer Weihbischof trat 1737 die Nachfolge Dalbergs als ­Fürstabt an, Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Inv.-Nr. 80-64-GL, Foto: Potsdam Museum/Holger Vonderlind.

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pitulare, aus deren Reihe Adolph von Dalberg knapp 30 Jahre später zum Fürstabt gewählt wurde, stammten aus der adligen Abteilung des Stiftes und mussten einen Adelsnachweis über 16 Generationen führen, um überhaupt dem exklusiven Kapitel beitreten zu können.15 Insofern bedeutete für diese Geistlichen die adlige Zugehörigkeit nicht nur ein hohes Maß an Würde und Magnifizenz, sondern auch an Legitimation. Wie noch zu zeigen sein wird, ist der Potsdamer Pokal mit den entsprechenden Wappen als Herrschaftszeichen in der Funktionalität von Repräsentation und Amtslegitima­ tion einzuordnen. Zum Studium des kanonischen Rechts ging Adolph von Dalberg nach Löwen. 1715 wurde er zum Domkapitular und Propst der Propstei Zella bei Dermbach in der thüringischen Rhön ernannt. Am 8. April 1726 schließlich wählte das Fuldaische Kapitel Adolph von Dalberg zum Fürstabt. Bestätigt von Papst Clemens XII. und Kaiser Karl VI ., stand der geistliche, mit weltlicher Machtbefugnis ausgestattete Würdenträger einem geistlichen Territorium vor und nahm den Rang eines Reichsfürsten im Heiligen Römischen Reich ein. Das Fürstentum Fulda mit der Fürstabtei konnte zu Beginn des 18. Jahrhunderts mit der Gründung des Klosters im Jahr 744 durch den Bischof Winfried Bonifatius auf eine fast tausendjährige Geschichte zurückblicken.16 1220 war die Abtei durch Kaiser Friedrich II . zur Fürstabtei erhoben wurden. Nach Jahrhunderten des Niedergangs, insbesondere durch die Verwüstungen im Dreißigjährigen Krieg, hatte die Abtei zu Beginn des 18. Jahrhunderts zu finanzieller Unabhängigkeit zurückfinden können und verfügte über eine straff organisierte Verwaltung.17 Die bereits von seinen Vorgängern initiierten Bautätigkeiten als sinnfällige Zurschaustellung barocker Machtauffassung trieb Adolph von Dalberg weiter voran, wozu etwa das Orangerieschloss gehörte. Eines der größten Bauprojekte war das Spital zum Heiligen

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Geist mit dazugehöriger Kirche. Den Haupteingang des sakralen Baus ziert bis heute das Wappen Adolph von Dalbergs. Trotz des ausgeprägten Repräsentationswillens der Fürstäbte blieb das Hochstift Fulda bis zu seiner Säkularisierung ohne großen politischen Einfluss; Anspruch und Wirklichkeit klafften deutlich auseinander.18 Dagegen erwies sich die Gründung der Universität im Jahr 1734, die der Fürstabt initiiert hatte, von herausragender und nachhaltiger Bedeutung. Drei Jahre später starb Adolph von Dalberg und wurde im Dom St. Salvator zu Fulda beigesetzt. Der Hang zur Prachtentfaltung des Fürstabtes Adolph von Dalberg und mehr noch seines Nachfolgers Amand von Buseck spiegelt sich nicht zuletzt in der Bestellung und dem Gebrauch prunkvoller Luxusgläser wider. Solche kostbaren Gegenstände schmückten die Tafeln der Feste, die in regelmäßigen Abständen und bestimmt von einem fein ausgearbeiteten Zeremoniell mit striktem Regelwerk den fürstlichen Habitus zum Ausdruck brachten.19 Luxusgläser mit aufwendiger Gestaltung waren zudem beliebt als Geschenke und Würdigung besonderer (Lebens-)Ereignisse hochrangiger Personen. Namen, Bildnisse, Wappen, Devisen und dergleichen können insofern Rückschlüsse auf erinnerungswürdige Geschehnisse geben. In diesem Zusammenhang sei darauf verwiesen, dass die Herausbildung zweier gegensätzlicher Gesellschaftsstrukturen seit der Renaissance20  – der höfischen und der bürgerlichen Welt – auch die Bildthemen der Gläser bestimmte.21 Diese Themen waren einer Rangfolge unterworfen. So erhebt Joachim von Sandrart (1606 –1688), Nürnberger Kupferstecher und Kunsttheoretiker, in seinem kunsttheoretischen Hauptwerk »Teutsche Academie der Edlen Bau-, Bild- und Mahlerey-Künste« das Erdichtete und Erdachte, nämlich die Historie und Mythologie, zu den bildwürdigen Themen, während reale Begebenheiten in dieser Hierarchie an letzter Stelle ran-

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gieren.22 Insofern gehörten Herrscherporträts, Wappen, mythologische und allegorische Szenen der höfischen Welt an, Darstellungen von Arbeit und Gewerbe, Genre­ szenen sowie Tier-, Pflanzen- und Landschaftsdarstellungen, überhaupt die Abbildung alltäglicher Gegebenheiten, reflektierten die bürgerliche Welt.23 Wappen auf Gläsern fungierten sowohl als Ausweis höfischer Selbstdarstellung als auch als Besitzausweis des zumeist mit der Wappendarstellung verbundenen Aufraggebers des Glases. (Abb. 2) Adolph von Dalberg bestellte in seiner Amtszeit mehrere Luxusgläser aus verschiedenen Glashütten. Dazu zählt auch ein Pokal mit Potsdamer Gravurelementen der Altmündener Hütte. Die bereits 1594 vom Landgraf Moritz von Hessen-Kassel etablierte Glashütte belieferte insbesondere den Kasseler Hof.24 Hans Uwe Trauthan hat 2007 den Pokal beschrieben.25 Interessant ist an diesem Glas die Herstellung und Veredelung, da sie die Verflechtungen der Potsdamer Hütte mit den Hütten in Hessen zeigt. Der aus einem Inventar einer süddeutschen Burg stammende Wappenpokal des A ­ dolph von Dalberg weist mit seinem achtseitigen, pseudofacettierten Schaft typische Elemente hessischer Gläser auf.26 Der ausgeführte Schnitt mit den Spitzblattfriesen am Kuppaansatz und der Diamantborte am Lippenrand sind dagegen charakteristische Elemente der Potsdamer Hütte. Trauthan führt als eine der Optionen aus, dass dieser Pokal in der Altmündener Hütte hergestellt und dann nach Potsdam transportiert wurde, wo er von den Potsdamer Glaskünstlern seinen Schnitt erhielt, um dann erneut auf Reisen zu gehen und zu seinem Auftraggeber in Fulda zu gelangen.27 Die Herstellung des Glases, die mittels Schnitt erfolgte Veredelung sowie den Transport übernahmen, so argumentiert Trauthan, sehr wahrscheinlich die hessische Glasmacherfamilie Gondelach sowie der Glashändler und -graveur Johann Friedrich Trümper.28 Es ist daher zu vermuten, dass auch der große Potsdamer

Abb. 3: Auf dem Stadtplan Potsdams sind die südlich der Stadt gelegenen Dammanlagen entlang der Nuthe-Niederung zu erkennen. Am sogenannten Hakendamm befand sich bis 1736 die Potsdamer Glashütte. Richard Hoffmann nach Samuel de Suchodoletz, Atlas der Herrschaft Potsdam, 1679 –1683, Ausschnitt, Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte.

Wappenpokal aus der Sammlung des Potsdam Museum von Johann Friedrich Trümper vermittelt wurde. Trotz der für das 18. Jahrhundert nicht unerheblichen logistischen Schwierigkeiten des Transportes fragiler Waren über sehr lange Distanzen gab Fürstabt Adolph von Dalberg ein repräsentatives Glas in Potsdam in Auftrag. Die obige stilistische Analyse lässt den Schluss zu, dass der Pokal in Gänze in Potsdam hergestellt wurde. Die Potsdamer Glashütte konnte sich nach dem Tod des Großen Kurfürsten im Jahr 1688 erst wieder mit dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms I. 1713 konsolidieren.29 (Abb. 3) Ein 1719 erstelltes »Inventarium« der Hakendammhütte gewährt Einblick in den umfangreichen Glasbestand der Produktionspalette.30 In 96 Einzelpositionen werden 7.093 Gläser aufgeführt, die mit 1.601 Ta-

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lern, 23 Groschen und fünf Pfennig taxiert werden. Ein weiteres, 1736 zum Zeitpunkt der Verlegung der Glashütte nach Zechlin angefertigtes, jedoch nur in Teilen überliefertes Inventar der Hakendammhütte listet gar 1.311 Positionen auf, woraus sich ein geschätzter Glasbestand von mindestens 30.000 Gläsern ergibt.31 Eine gewaltige Anzahl. Unter der Regentschaft Friedrich Wilhelms I. wurde in der Glashütte, die seit 1719 unter Leitung Ehrenfried Kriegers stand, sehr viel stärker auf Masse gesetzt.32 Unbenommen stand die Potsdamer Glashütte jedoch auch für ihre hohe Kunstfertigkeit, die herausragende Glaskünstler wie Martin Winter, Gottfried Spiller oder Elias Rossbach erzielten. Ein überdurchschnittlich großer Pokal mit fein geschnittenen 15 Wappen eines begabten Glasschneiders, der aufwendige Transport und die damit verbundenen Kosten lassen den Schluss zu, dass dem Auftrag ein besonderes Ereignis zugrunde lag. Tatsächlich fand ein solches 1732 in Fulda statt. Papst Clemens XII . hatte ein Jahr zuvor im Februar den vom Stiftskapitel gegründeten Kreuzorden bestätigt. Knapp 100 Jahre später wusste Joseph Schneider über die Verleihung dieses Ordens zu berichten: »Eine ferne Verleihung, und zwar zum äußeren Glanze des gesamten Stiftskapitels, so wie aller einzelnen Glieder, kam noch im vorigen Jahrhundert zum Vorschein, indem Papst Clemens XII . im Februar 1731 alle Mitglieder dieses Gremiums, mittels Erteilung einer förmlichen Bulle mit einem Ordenszeichen begabte.«33 Die Einrichtung dieses Kreuzordens wurde mit einer aufwendigen Festlichkeit begangen. Schneider schrieb: »Feierlich war jener Tag, als Fürst Adolph von Dalberg die Glieder des Stiftskapitels mit der ersten Umhängung dieses Ordenszeichens zierte. Mit größtem Pompe fuhr er am dritten Pfingsttage, d.i. am 3. Jun. 1732 mit dem gesammten Kapitel in mehreren sechsspännigen Wagen und mit Begleitung des ganzen Hofes zur Domkirche. Amand von Buseck, damaliger Dechant und Weihbi-

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schof, hielt in Pontificalibus ein hohes Amt, wo hingegen der Fürstabt nur an einem Nebenaltare eine stille Messe las. Nach vollendeter Messe nahm derselbe seine Stelle unter dem Throne, und nachdem das Hochamt vorüber war, ward nach vorhergegangener erster Proposition des fürstlichen Kanzlers, durch den kapitulischen Syndicus die Bulle öffentlich vorgelesen, und so trat von den gegenüber stehenden Stiftskapitularen einer nach dem anderen zum Throne, wo ihnen der Fürstabt ihrer Reihe nach, und zwar unter Lösung der Kanonen, das Kreuz umhing.«34 Die Etablierung dieses wichtigen Ordens für das Fuldaer Kapitel unter der Leitung des Fürstabtes Adolph von Dalberg war vermutlich der Anlass zur Herstellung des großen Wappenpokals. Eine Annahme, die durch die Tatsache gestärkt wird, dass für Ordensgründungen häufig repräsentative Pokale in Auftrag gegeben wurden.35 Damit kann die Datierung des Potsdamer Pokals weiter eingegrenzt und vorläufig auf das Jahr 1732 bestimmt werden.

Fazit und Ausblick Durch die Entschlüsselung einiger Wappen auf einem der größten und prunkvollsten Pokale der kunstgewerblichen Sammlung des Potsdam Museum und mit Hilfe einer stilistischen Analyse des Glases können der Auftraggeber und die Entstehungszeit des Potsdamer Wappenpokals relativ genau bestimmt werden. Dass ein hochrangiger katholischer Würdenträger einen sehr aufwendig gestalteten Glaspokal in Potsdam in Auftrag gab, verdeutlicht die überregionale Bedeutung der Potsdamer Hütte. Inwiefern die Ordensgründung des Fuldaer Kapitels im Jahr 1731 und die Feierlichkeiten ein Jahr später tatsächlich der Anlass waren, einen Glaspokal in Auftrag zu geben, bleibt Aufgabe zukünftiger Forschungen.

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Anmerkungen  1 Vgl. Potsdam-Museum 1996, S. 46 f.

16 Vgl. Stasch 1989, S. 9 ff.

 2 Vgl. Netzer 2001, S. 76.

17 Ebd. S. 11.

 3 Vgl. Schmidt 1912, S. 314.

18 Ebd. S. 12.

 4 Vgl. ebd.

19 Vgl. Elias 1983, S. 134.

 5 Vgl. Netzer 2001, S. 68.

20 Vgl. Müller 2004, S. 94.

 6 Auch Gundelach.

21 Vgl. Schack 1979, S. 104.

 7 Dreier 1969, o. S.

22 Vgl. ebd.

 8 Franze 2013, S. 67.

23 Vgl. ebd.

 9 Vgl. zur Potsdamer Glashütte Franze 2015.

24 Zur Geschichte der Hütte vgl. Almeling 2006.

10 Dreier 1996, S. 136 f.

25 Vgl. Trauthan 2007. Vgl. die Abbildung des Pokals ebd., S. 70.

11 Die Glaskrankheit tritt bei einer mangelhaften Materialzusam-

26 Vgl. Dreier 1970, S. 114.

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mensetzung auf und verursacht eine Trübung des Glases, verbunden mit Haarrissen bis hin zum schuppenförmigen Abblättern der Oberfläche. Vgl. den Überblick in Siebmacher 1975. Vgl. das größte Wappen des Potsdamer Pokals in Siebmacher 1881, S. 78 und Tafel 126. Vgl. die Online-Version: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ siebmacher1_5_1_1/0011 (zuletzt aufgerufen am 2. März 2016). Bislang konnten noch nicht alle 14 Wappen zweifelsfrei entschlüsselt werden, sodass dies im Rahmen künftiger Forschungsarbeiten erfolgen muss. Vgl. Hömig 2011, S. 24 f. Vgl. Jäger 1986, S. 56.

27 Vgl. Trauthan 2007, S. 86. 28 Vgl. ebd., S. 87 ff. 29 Vgl. Schmidt 1914, S. 40. 30 Vgl. BLHA , Rep. 2 F 4393, Fol. 26 –28. 31 Vgl. BLHA , Rep. 2 F 4395, Fol. 26 –28, Bl. 98 f. Zur Schätzung des

Glasbestandes vgl. Franze 2013, S. 19. 32 Vgl. Schmidt 1914, S. 41. Krieger wurde als »Factor«, d. h. als

Geschäftsleiter der Hütte, bestellt. 33 Schneider 1827, S. 9. 34 Ebd., S. 9 f. 35 Vgl. Netzer 2001, S. 82.

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Wenke Nitz

Eine Stadt im Krieg Potsdam 1914–1918

»Ich stehe am hiesigen See. Der Mond zieht darüber hin. In einer Stunde ist es Mitternacht. Schmerzlich ruht mein Auge auf dem schönen, friedvollen Bilde. Denn vor zwei Tagen ist der Krieg erklärt worden. Und wenn man in die Zukunft blickt, sieht man überall nur Leid, Jammer und Trübsal. Noch vor wenigen Tagen war das Leben so wunderschön.«1 So beschreibt die 22-jährige Potsdamerin Elisabeth Karthaus, Tochter des Postrates Rudolf Karthaus, ihre Empfindungen im August 1914 anlässlich des Aus­bruches des Ersten Weltkrieges. Dieser als »Urkatastrophe«2 bezeichnete Krieg, für den weltweit 70 Millionen Soldaten mobilisiert wurden, von denen ca. elf Millionen starben, ist in den vergangenen Jahrzehnten ausführlich erforscht worden.3 Stadthistorische Darstellungen zur Kriegszeit existieren jedoch nicht. Im Folgenden werden Facetten des Potsdamer Kriegsalltages aufgezeigt, um erste Lücken in der historischen Forschung zu schließen. Einige wesentliche Forschungsergebnisse präsentierte im Sommer 2014 die Sonderausstellung »Zu Hause im Krieg – Im Krieg zu Hause« im Potsdam Museum.4 Dort wurden die unmittelbaren Auswirkungen des Krieges auf Potsdam thematisiert und die Verbindungen zwischen Front und Heimat nachgezeichnet. Es zeigte sich, dass Front und Heimat auch durch die neuen medialen Möglichkeiten enger miteinander verbunden waren, als vielfach angenommen.

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Der Kriegsausbruch Mit der Kriegserklärung an Russland am 1. August 1914 lief ohne Verzögerung die Mobilisierung an. Für diesen Fall war in Potsdam schon seit vielen Jahren die Bereitstellung von Wagen und Fahrern geplant worden. Im Stadtarchiv finden sich ab 1903 jährlich Auflistungen derjenigen Unternehmen, die für militärische Einheiten Ausrüstung und Verpflegung transportieren sollten.5 Am 9. August 1914 fand das Abschiedszeremoniell im Lustgarten statt. Es umfasste einen Gottesdienst des Hof- und Garnisonpredigers Walter Richter-Reichheim am Feldaltar der Garnisonkirche, Reden des Kaisers und des Kronprinzen, eine Parade und die berühmte Rosenübergabe der Kaiserin. In seiner Rede mahnte der Kaiser: »Das Schwert ist gezogen, das ich, ohne siegreich zu sein, ohne Ehre nicht wieder einstecken kann. Und ihr alle werdet Mir dafür sorgen, daß es erst in Ehren wieder eingesteckt werden kann. Dafür bürgt ihr Mir, dass ich Meinen Feinden den Frieden diktieren kann. Auf in den Kampf mit den Gegnern und nieder mit den Feinden Brandenburgs!«6 Diese Worte zeigen die große Verantwortung, die auf den Soldaten lastete, das Kriegsziel – ein Diktatfrieden, wie ihn der Kaiser wünschte – war hoch gesteckt. Noch gingen viele Militärstrategen von einem schnellen Krieg

Wenke Nitz

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Museumsfenster (Leseprobe)  

Das Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte befindet sich seit 2012 im ehemaligen Alten Rathaus in Potsdams historischer Mitte. Mit...

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Das Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte befindet sich seit 2012 im ehemaligen Alten Rathaus in Potsdams historischer Mitte. Mit...

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