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Siri RoĂ&#x;berg

Johannes Rabnow Wegbereiter des Berliner Gesundheitswesens 1902 –1924


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2016 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Sarah Wiesenthal, Berlin Umschlag: typegerecht, Berlin (Foto: ullsteinbild) Satz: ZeroSoft Schrift: Minion Pro 10/13pt Gedruckt in Deutschland ISBN 978-3-95410-073-6 www.bebra-wissenschaft.de


Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Prolog: Fritz Carl Ludwig Rabnow (1893 –1943) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Biografische Annäherung an Johannes Rabnow alias Salomon Rabinowicz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Zur sozialhistorischen Biografieforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 Ein Ostjude als Preuße? – Salomon Rabinowicz wird Ludwig Johannes Rabnow . . . . . . . . . 20 Die Familiengeschichte der Rabnows . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 Ärztlicher Werdegang. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 Das publizistische Werk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 Verortung in der sozialhygienischen Bewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99 Lebensweg Johannes Rabnow: Assimilation und Gesundheitspolitik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107

Von der privaten Wohltätigkeit zur öffentlichen Gesundheitsfürsorge – Die Entwicklung der Schöneberger Wohlfahrtspflege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Gesetze und Intermediärinstanzen zur städtischen Gesundheitsfürsorge . . . . . . . . . . . . . . . Die Schöneberger »Deputation für Wohlfahrtspflege« – Transformation bürgerlicher Vereinsarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das gesundheitspolitische Engagement von Frauen in Schöneberg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Exkurs: Biopolitische Bevölkerungspolitik in der Gesundheitsfürsorge . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das »Modell Schöneberg« zwischen Sozialreform, Frauenberuf(-ung) und Bevölkerungspolitik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Das Berliner Gesundheitswesen zwischen Gesetzgebung und Pragmatismus 1920 –1924 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 Gesundheitsgesetzgebung in der Weimarer Republik und der »Rabnow-Putsch« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Preußische Gesundheitsgesetzgebung der 1920er-Jahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auf dem Weg zum Verband Groß-Berlin und die Genese des kommunalen Gesundheitswesens Berlin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Konstituierung des Hauptgesundheitsamtes Berlin: Der »Schrei nach dem ärztlichen Gesundheitsbeamten« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Praxis der Berliner Sozialhygiene unter Johannes Rabnow: »Gesundheitsfürsorge grundsätzlich als Spezialfürsorge« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kommunale Gesundheitspolitik als Impulsgeber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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INHALT | 5


Anhang Quellen- und Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . AbkĂźrzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sach- und Ortsregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abbildungsnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

6 | INHALT

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Vorwort

Der Arzt und Stadtmedizinalrat Johannes Rabnow (1855–1933) ist einer jener Sozialhygieniker1, deren Spuren verwischt wurden und dessen Wirken im Schöneberger und Berliner Gesundheitswesen in Vergessenheit geraten ist. Durch die nationalsozialistische Gleichschaltung sind Gesundheitspolitiker wie Johannes Rabnow nicht nur von ihren Wirkungsstätten, sondern auch aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt worden. Selbst Rabnows Grabstein existiert nicht mehr, obwohl er einst als Berliner Stadtältester aus dem öffentlichen Dienst schied und in Bezug auf seine Herkunft einen beachtlichen gesellschaftlichen Aufstieg vollzogen hatte. Die Untersuchung zu Johannes Rabnow orientiert sich an drei inhaltlichen Schwerpunkten: Der erste Teil leuchtet die Biografie von Johannes Rabnow, der als osteuropäischer Jude Salomon Rabinowicz nach Berlin kam, unter größtmöglicher Berücksichtigung verschiedener personenbezogener Sekundärquellen aus.2 Die Etablierung des kommunalen sozialhygienischen Gesundheitswesens in Schöneberg kann nicht allein auf die Person Johannes Rabnow zurückgeführt werden. Eine Reihe weiterer Faktoren haben zum Entstehen beigetragen. Der zweite Teil reflektiert deshalb die historischen Hintergründe unter besonderer Berücksichtigung der lokalen Gegebenheiten Schönebergs und im Zusammenhang mit dem Entstehen sozialer Frauenberufe. Nachdem Johannes Rabnow als Schöneberger Magistratsbeamter sukzessive sozialhygienische Fürsorgebereiche unter seiner Regie koordinierte, erlangte das »Modell Schöneberg« eine solche Anerkennung, dass es für das Gesundheitswesen von Groß-Berlin nach dem Ersten Weltkrieg Pate stehen sollte. Rabnow wurde zum Berliner Stadtmedizinalrat gewählt und etablierte unter schwierigsten wirtschaftlichen Bedingungen erstmals ein öffentliches Berliner Gesundheitswesen nach dem sozialhygienischen Fürsorgeprinzip. Diese Entwicklungen in der Zeit der Weimarer Republik wurden auf Regierungs- und preußischer Ebene reflektiert, hatten wiederum eine Vorbildfunktion und werden im dritten Teil dargestellt.

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Zum Begriff und zur Entstehungsgeschichte der Sozialhygiene siehe S. 99f. In chronologischer Abfolge der Ereignisse wird Johannes Rabnow bis zum Zeitpunkt seiner Taufe und Namensumbenennung 1890 mit seinem Geburtsnamen Salomon Rabinowicz genannt, danach wird der von ihm gewählte Name Ludwig Johannes Rabnow verwendet. Siehe S. 25f.

VORWORT | 7


Prolog: Fritz Carl Ludwig Rabnow (1893 –1943)

Im Februar 1943 endete das Leben von Fritz Carl Ludwig Rabnow, dem jüngsten Sohn von Johannes Rabnow, in den Gaskammern des Konzentrationslagers Auschwitz.1 Mit dem »29. Osttransport« wurde er am 3. Februar 1943 zusammen mit 996 anderen Menschen aus Berlin deportiert.2 Nach der Selektion von 140 Männern und 85 Frauen zur Lagerarbeit in Birkenau wurden 772 Männer, Frauen und Kinder in den Gaskammern von Auschwitz umgebracht.3 Der Transport erfolgte von der Sammelstelle Große Hamburger Straße, in die Fritz Rabnow nach kurzem Aufenthalt in der neurologischen Abteilung des Jüdischen Krankenhauses verlegt worden war.4 Als Epileptiker kam er aus der evangelischen Pflegeeinrichtung »Bethel« bei Bielefeld in das Jüdische Krankenhaus aufgrund des Runderlasses des Reichsministeriums des Inneren vom Juni 1938, der die separierte Unterbringung geisteskranker Juden bzw. deren Verlegung in ausschließlich jüdische Pflegeeinrichtungen verlangte. Fritz Rabnow war ein nichtarischer Christ. Seine Eltern waren jüdischer Herkunft. Er wurde 50 Jahre alt und war allein als er den gewaltsamen Tod erfuhr. Der ältere Bruder Hans war im Ersten Weltkrieg gefallen, die Schwester Käthe in die Emigration gegangen und beide Eltern, Rosa und Johannes Rabnow, bereits verstorben. Sein Vater Ludwig Johannes Rabnow, Schöneberger Kommunalarzt und Stadtmedizinalrat von Berlin, hatte sich 1910 bemüht, seinen Sohn Fritz in der seinerzeit fortschrittlichsten Einrichtung Deutschlands für Epileptiker und Menschen mit geistiger Behinderung unterzubringen. In der Heil- und Pflegeanstalt »Bethel« bei Bielefeld, auch als »von Bodelschwinghsche Anstalt« bezeichnet, hatte Fritz Rabnow mehr als 30 Jahre seines

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Bundesarchiv, Das Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland 1933–1945, 4 Bde., Koblenz 2006, S. 2722, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/. Gottwaldt, Alfred und Schulle, Diana: Die »Judendeportationen« aus dem Deutschen Reich 1941– 1945. Eine kommentierte Chronologie. Wiesbaden 2005, S. 405 und S. 456f, da zitiert nach Czech, Danuta: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945. Reinbek bei Hamburg 1989. Gottwaldt/Schulle, »Judendeportationen«, S. 405. CJA, Aufnahmebuch des Jüdischen Krankenhauses 2 A 1 K, Nr. 27, Bl. 20, lfd. Nr.: 1943/129. Zur Deportation von jüdischen Kranken aus dem Berliner Jüdischen Krankenhaus siehe Elkin, Rivka: Das jüdische Krankenhaus in Berlin zwischen 1938 und 1945. Berlin 1993, hier S. 42ff.

8 | PROLOG: FRITZ CARL LUDWIG RABNOW (1893 –1943)


Fotografie von Fritz Rabnow, ca. 1941

Lebens verbracht. Sein Todesurteil »Volljude«5 erteilte jene städtische Behörde, in der sein Vater Johannes Rabnow nahezu zwei Jahrzehnte als Stadtarzt tätig gewesen war. Wie seine Geschwister war Fritz Rabnow im christlichen Glauben erzogen worden. Die Eltern waren beide Ende des 19. Jahrhunderts vom jüdischen Glauben konvertiert. Mit perfider Genauigkeit operierten die gleichgeschalteten Berliner Verwaltungsbehörden, denn nach ihren Maßstäben waren die Rabnows nichtarisch. Käthe Rabnow (1897–1984), ehemals als Statistikerin bei der Stadt Berlin tätig, hatte im Juni 1933 den Fragebogen, der dem »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« folgte, mit »nichtarischer Abstammung« beantwortet. Das Bezirksamt Schöneberg ermittelte wegen der Versorgungskosten für Fritz Rabnow. Käthe Rabnow war die einzige lebende Verwandte und in den Versorgungsakten der Schöneberger Bezirksbehörde wurde diese Tatsache penibel registriert. Mehrfach wurde in der Anstalt Bethel nach dem Aufenthaltsort der ehemaligen Angestellten Käthe Rabnow gefragt.6 Zunächst war dort 5

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Nach den Nürnberger Rassengesetzen von 1935 galt eine Person als »Volljude«, wenn deren Eltern bzw. drei von vier Großeltern jüdischer Herkunft waren. Die Patientenakte aus Bethel ist vollständig erhalten und enthält keine Seitenblattnummerierung (o. P.). Sie ist etwa 200 Seiten stark und wird im weiteren HBA, Bethelkanzlei Patientenakte 1, 7502/437, o. P. zitiert.

PROLOG: FRITZ CARL LUDWIG RABNOW (1893 –1943) | 9


noch unklar, ob der Sohn eines ehemals hohen Berliner Beamten tatsächlich jüdischer Herkunft war. Lediglich die evangelische Religionszugehörigkeit der gesamten Familie Rabnow war in den Anstaltsunterlagen festgehalten. Der behandelnde Arzt von Fritz Rabnow, Dr. Fehlhaber, sollte den Sachverhalt klären und mögliche unwahre Aussagen seines Patienten offenlegen. Er gab die von ihm durchgeführte Befragung Fritz Rabnows über seine jüdische Herkunft im Januar 1941 wie folgt wieder: »Die Krankengeschichte unseres Patienten Rabnow enthält keinerlei Hinweise auf eine nicht-arische Abstammung. R. selbst bleibt bei seiner Behauptung, dass er evangelisch sei, konfirmiert wurde und nichts von einer Synagoge wisse. Er spricht darüber ganz unbefangen, ahnt wohl auch nicht, welche Bedeutung seine Aussagen haben können. Er ist so naiv, dass er irgendwelche zweckdienlichen Angaben machen würde, wenn er wirklich näheres wüsste. Die Frage seiner Abstammung dürfte somit kaum zu klären sein.«7 Dem Mediziner waren die Konsequenzen, die seiner Beurteilung folgten, durchaus bewusst und er vermittelt den Anschein, kein gesteigertes Interesse an einer »Entlarvung« seines Patienten zu haben. Die Frage, ob Fritz Rabnow Jude war, wurde nicht, wie vom Arzt Fehlhaber beabsichtigt, fallengelassen. Im Mittelpunkt der weiterführenden Korrespondenz stand die Klärung der Zuständigkeit für die Pflegesatzzahlung und die Verlegung des Patienten in eine jüdische Einrichtung. Wenn Fritz Rabnow »rassisch« Jude war, musste nicht mehr die Schöneberger Bezirksbehörde für die Unterbringung des Patienten aufkommen, sondern die Jüdische Kultusvereinigung.8 Letztlich diente eine beglaubigte Abschrift des von Käthe Rabnow ausgefüllten Fragebogens zum Nachweis der nichtarischen Abstammung, die an alle zuständigen Behörden weitergegeben wurde. Die Kennkarte mit der Nummer A 00795 Kennort Gadderbaum wurde angelegt, mit einer Fotografie von Fritz Rabnow versehen und die Namensumbenennung in Fritz Israel Rabnow veranlasst.9 Damit war das Todesurteil gefällt.

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Ebd., Bericht Dr. Fehlhaber an Pastor Wörmann. Ebd. Ebd.

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Abschrift des Fragebogens von Käthe Rabnow vom Juli 1936 zum »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933«

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12 | PROLOG: FRITZ CARL LUDWIG RABNOW (1893 –1943)


PROLOG: FRITZ CARL LUDWIG RABNOW (1893 –1943) | 13


Biografische Annäherung an Johannes Rabnow alias Salomon Rabinowicz

Am Beginn des Projekts stand die Idee, die Genese der Gesundheitsfürsorge in der Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Weimarer Zeit am Beispiel der Stadt Schöneberg und dem wesentlichen Initiator Johannes Rabnow nachzuzeichnen und zu analysieren. Mit unerwarteten Archivfunden ergaben sich neue Aspekte, denen eine Erweiterung des biografischen Teils folgen musste. Die 30 Jahre umfassende Patientenakte Fritz Rabnows aus der Heil- und Pflegeanstalt Bethel blieb erhalten und offenbart neben seiner eigenen Krankengeschichte die Korrespondenz mit den Eltern. Zudem belegt die Akte die nationalsozialistische Verfolgung der Geschwister Rabnow sowie Fritz Rabnows gewaltsames Lebensende. Fritz Rabnow war der nationalsozialistischen Verfolgung im Dritten Reich ausgesetzt und wurde Opfer des Holocaust, seine Schwester Käthe Rabnow ging aufgrund der jüdischen Herkunft der Eltern in die Emigration. Der Übertritt der Eltern zum christlichen Glauben lässt sich durch die seit 1936 angelegte Judentaufkartei1 der evangelischen Kirche Berlin nachvollziehen. Der aus »Russisch-Litauen« stammende Salomon Rabinowicz war nach seinem Medizinstudium konvertiert und führte nach Erhalt der preußischen Staatsbürgerschaft den Namen Ludwig Johannes Rabnow. Die Krankenakte von Fritz Rabnow offenbart einen wesentlichen Teil dieser Familiengeschichte, die ohne die Aufzeichnungen und

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Die Judentaufkartei war Bestandteil der Kirchenbuchstelle »Alt-Berlin«. Bereits 1934 bot der Pfarrer Karl Themel (1890–1973) dem Reichsministerium des Inneren seine Hilfe für die kommende »Reichsstelle für Sippenforschung« an. Durch den Ariernachweis waren die Kirchenbücher zu neuer Bedeutung gelangt und die Reichstelle für Sippenforschung begann schon 1933 sie zu kopieren. Für jede »Judentaufe«wurden drei Karteikarten ausgefüllt: eine verblieb im Kirchenarchiv Themels, eine ging an die Reichsstelle für Sippenforschung und die dritte Karte wurde an die Berliner Zentralstelle für Fremdstämmige gegeben. Im Jahr 1937 waren in Themels Archiv etwa 30 Angestellte kirchentariflich beschäftigt. Das Büro erteilte direkte Auskunft an alle entscheidenden Behörden und lieferte die Betroffenen somit der Deportation aus. Themel gelang es, sein rassenpolitisches Engagement nach Ende des Krieges weitgehend zu verwischen. Nachdem er durch die kirchliche Spruchkammer 1949 zunächst eine Pfarrei erhielt, gelang ihm erneuter Zugang zu den Berliner Kirchenbüchern und in der Folge große Anerkennung als nebenamtlicher Sachbearbeiter im Kirchenbuch- und Archivwesen. Gailus, Manfred: Für Gott, Volk, Blut und Rasse. Die Zeit 44/2001, http://www.zeit.de/2001/44/Fuer_Gott_Volk_Blut_und_Rasse.

14 | BIOGRAFISCHE ANNÄHERUNG AN JOHANNES RABNOW


Archivierung innerhalb der Institution Bethel verloren gegangen wären. Deshalb werden die Informationen zu der Familiengeschichte Rabnow in die Arbeit über Johannes Rabnow und die Genese der Gesundheitsfürsorge integriert, um diese beispielhaften Geschehnisse als Teil der deutsch-jüdischen Geschichte vom Ende des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts nicht zu einer bloßen Randbemerkung oder einer längeren Fußnote verkümmern zu lassen. Eine Autobiografie, wie beispielsweise die Adolf Gottsteins (1857–1941)2, hat Johannes Rabnow nicht hinterlassen. Rabnows Initiativen für ein sozialhygienisch geprägtes Gesundheitswesen finden Darstellung in Standardwerken zur Geschichte der Sozialhygiene folgender Autoren: Daniel Nadav3, Elmar Schabel4, Sigrid Stöckel5, Manfred Stürzbecher6, Heinrich Weder7 und Paul Weindling8. Bei Alfons Labisch

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Dr. med. Adolf Gottstein (1857–1941) durchlief im Charlottenburger Kommunalgesundheitswesen eine vergleichbare Karriere wie Johannes Rabnow in Schöneberg. Er war seit 1884 als praktischer Arzt in Berlin und Charlottenburg tätig. 1906 wurde er unbesoldeter Stadtarzt Charlottenburgs und führte dieses Amt besoldet von 1911 bis 1918. Als führender Sozialhygieniker begründete er die sozialhygienischen Akademien in Breslau sowie Charlottenburg und wurde 1920 zum Medizinaldirektor im neuen Volkswohlfahrtsministerium Preußens berufen. Er publizierte umfangreich zu Themen der Sozialhygiene, der Bakteriologie und der Epidemiologie und war Herausgeber der »Klinischen Wochenschrift« und des »Handbuch der sozialen Hygiene und Gesundheitsfürsorge«. Gottstein heiratete die protestantische Emilie Meffert, die aber jüdischer Herkunft wie er selber war. Nach sieben Jahren unterschiedlicher Konfession der Ehe, konvertierte Gottstein 1892 vom jüdischen Glauben, unter wahrscheinlich ähnlich schwierigen sozialen Umständen wie Johannes Rabnow. Ab 1933 wurde er gezwungen seinen Lehrauftrag an der sozialhygienischen Akademie und die Schriftleitung verschiedener Zeitschriften niederzulegen. In der Folge waren er und seine Frau ab 1935 den Nürnberger Rassegesetzen ausgesetzt. Gottstein starb 1941 im hohen Alter von 86 Jahren an einer Urikämie. Siehe Koppitz, Ulrich und Labisch, Alfons: Adolf Gottstein. Erlebnisse und Erkenntnisse. Berlin, Heidelberg 1999. Eine erste autobiografische Darstellung von ihm erschien 1925: »Adolf Gottstein«, in: Grote, L. R. (Hrsg.): Die Medizin der Gegenwart in Selbstdarstellungen. Leipzig 1925, S. XXVIIIff und S. 53–91. Die Autoergografie »Erlebnisse und Erkenntnisse« wurde von Gottstein vor seinem Tod 1941 an seine Kinder übergeben und erschien schließlich in Koppitz/Labisch, Gottstein, S. 41ff. Eine Autoergografie stellt das Wirken als Mediziner in den inhaltlichen Vordergrund. Nadav, Daniel: Julius Moses und die Politik der Sozialhygiene in Deutschland. Tel Aviv 1985, hier S. 144f, 159, 192, 205. Schabel, Elmer: Soziale Hygiene zwischen Sozialer Reform und Sozialer Biologie. Fritz Rott (1878–1959) und die Säuglingsfürsorge in Deutschland. Husum 1995, hier S. 88, 432. Stöckel, Sigrid: Säuglingsfürsorge zwischen sozialer Hygiene und Eugenik: das Beispiel Berlins im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Berlin 1996, hier S. 289, 305, 325. Stürzbecher, Manfred: Von den Berliner Stadtmedizinalräten, Stadtmedizinaldirektoren und Senatsdirektoren für das Gesundheitswesen. Berliner Ärzteblatt 94 (1981), S. 789–790, 937–941. Weder, Heinrich: Sozialhygiene und pragmatische Gesundheitspolitik in der Weimarer Republik am Beispiel des Sozial- und Gewerbehygienikers Benno Chajes (1880–1938). Husum 2000, hier S. 86, 106, 224ff, 434. Weindling, Paul: Hygienepolitik als sozialintegrative Strategie im späten Deutschen Kaiserreich. In: Labisch, Alfons und Spree, Reinhard (Hrsg.): Medizinische Deutungsmacht im sozialen Wandel des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Bonn 1989, S. 37–55.

BIOGRAFISCHE ANNÄHERUNG AN JOHANNES RABNOW | 15


und Florian Tennstedt9, Heinrich Weder wie auch im »Who is Who der sozialen Arbeit« von Peter Reinicke10 finden sich kurzgefasste biografische Angaben zu Johannes Rabnow. Die Autoren benennen seine vielfältigen Aktivitäten als Schöneberger Stadtarzt und Berliner Stadtmedizinalrat. Peter Reinicke beurteilt die Gesundheitspolitik Rabnows als wegweisend in der Professionalisierung der sozialärztlichen und sozialfürsorgerischen Arbeit im Rahmen der Tuberkulosebekämpfung. Rabnow, der vom Zusammenhang von Krankheit und sozialer Lage überzeugt war, gelang es, seine gesundheitspolitischen sozialhygienischen Konzepte umsetzen.11 Mit dem Ziel, ein vom Armenwesen unabhängiges kommunales Gesundheitswesen zu etablieren, gehört Johannes Rabnow zu den Pionieren der praktischen Sozialhygiene im Kaiserreich; ein Bereich, der in der Literatur bislang nur unzureichend dargestellt wurde. In anderen aktuellen Übersichtsarbeiten wie zum Beispiel »100 Jahre Sozialmedizin«12 oder Wilfried Heinzelmanns »Sozialhygiene als Gesundheitswissenschaft: Die deutsch/deutsch-jüdische Avantgarde 1897–1933«13, fehlt eine Erwähnung Rabnows umfassender Tätigkeit. Warum, wo er doch als städtischer Medizinalbeamter das Schöneberger und Berliner Gesundheitswesen maßgeblich prägte? Am Ende seiner Laufbahn wurde er mit großem Ansehen und Dankbarkeit für seine Leistungen als Stadtmedizinalrat und unter Verleihung der Würde eines Stadtältesten aus dem öffentlichen Dienst im Gesundheitswesen entlassen.14 Auch fand sein Name Eingang in ein Berliner Verzeichnis berühmter verstorbener Persönlichkeiten.15 Dennoch blieb sein medizinisches und sozialpolitisches Engagement relativ unbeachtet bzw. wurde vergessen. Einerseits stand dies im Zusammenhang mit dem Exodus der bestehenden Sozialhygiene durch die Nationalsozialisten nach 1933, andererseits fehlte nach Rabnows Tod, ebenfalls 1933, eine aktive Erinnerung durch Weggefährten der Kommunalpolitik, da viele von ihnen Deutschland verlassen mussten.16 Auch seine Kin-

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Labisch, Alfons und Tennstedt, Florian: Der Weg zum »Gesetz über die Vereinheitlichung des Gesundheitswesens« vom 3. Juli 1934. Düsseldorf 1985, hier S. 471B. Reinicke, Peter: Rabnow Johannes. In: Maier, Hugo (Hrsg.): Who is Who der sozialen Arbeit. Freiburg im Breisgau 1998, S. 485f. Ebd., S. 485. Schagen, Udo und Schleiermacher, Sabine (Hrsg.): 100 Jahre Sozialhygiene, Sozialmedizin und Public Health in Deutschland [CD-ROM], Berlin 2005. Heinzelmann, Wilfried: Sozialhygiene als Gesundheitswissenschaft: die deutsch/deutsch-jüdische Avantgarde 1897–1933; eine Geschichte in sieben Profilen. Bielefeld 2009. Siehe dazu S. 78. Wohlberedt, Willy: Verzeichnis der Grabstätten bekannter und berühmter Persönlichkeiten in Groß-Berlin und Potsdam mit Umgebung. II. Teil, Berlin 1934, hier S. 138. In dem 1939 erschienenen Teil lll und 1950 Teil IV ist Johannes Rabnow nicht mehr aufgeführt, obwohl seine Grabstelle weiterhin existierte. Sozialhygieniker waren häufig jüdischer Herkunft und von sozialistischer Gesinnung, sodass sie von den Nationalsozialisten durch das »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7

16 | BIOGRAFISCHE ANNÄHERUNG AN JOHANNES RABNOW


der hatten aufgrund der Verfolgung durch die nationalsozialistische Rassenpolitik keine Gelegenheit, das Andenken ihres Vaters zu erhalten.17 Der biografische Zugang zu einem »Konvertierten« wie Johannes Rabnow ist mehr als schwierig. Konvertiten versuchten, diesen Schritt vor der Öffentlichkeit zu verschleiern; zudem ist die Quellenlage lückenhaft.18 Auch in Rabnows Fall trifft dies zu, erhoffte er sich doch mit seiner neuen Identität eine berufliche Karriere als finanziell unabhängiger Arzt. Die formale Abkehr vom Judentum war eine Konsequenz aus der antisemitischen Realität des deutschen Kaiserreiches. Mit diesem Schritt verließ Rabnow offiziell die »jüdische Welt« und die jüdische Glaubensgemeinschaft, in deren Augen der Übertritt zum Christentum oft als Schande angesehen wurde. Der Konvertit verlor einerseits sein ursprüngliches, meist jüdisch geprägtes Sozialgefüge. Andererseits war der erhoffte gesellschaftliche Aufstieg nicht garantiert und häufig blieb er der Jude in der christlichen Welt.19 Salomon Rabinowicz alias Johannes Rabnow musste mit dem Wandel vom russischen Ostjuden zum preußischen Arzt und führenden Gesundheitspolitiker Johannes Rabnow seine nationale Identität und Integrität unter Beweis stellen. Die Betrachtung seines Lebensweges ermöglicht einen differenzierten Blick auf Integration und Assimilation eines osteuropäischen Juden im wilhelminischen Deutschland.

Zur sozialhistorischen Biografieforschung Wiederholt wurde ein Methodenbewusstsein in der historischen Biografieforschung gefordert.20 Diese Arbeit orientiert sich an der sozialhistorischen Biografieforschung und

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April 1933« verfolgt wurden. Durch die Eliminierung vom Arbeitsplatz und der damit einhergehenden Existenzschwierigkeiten blieb den Meisten nur die Emigration. Siehe zur Vertreibung der Sozialhygieniker Heinzelmann, Sozialhygiene, S. 323ff. Mindestens die Hälfte der Berliner Stadtverordneten und Magistratsmitglieder (420 von ca. 852) wurde nachweislich politisch und antisemitisch verfolgt, wobei die Forschung von einer noch höheren Zahl ausgeht. Dazu gehörten neben der Vertreibung aus dem Amt, erzwungene Emigration, Diffamierung, »Schutzhaft« und Enteignung. Siehe dazu Herbst, Andreas: »Wenn das wahr ist, fliegen wir wohl alle raus…«. Zur Verfolgung Berliner Statdverordneter und Magistratsmitglieder in der Zeit des Nationalsozialismus. In: Hoess, Christiane (Verein Aktives Museum) (Hrsg.): Vor die Tür gesetzt: Im Nationalsozialismus verfolgte Berliner Stadtverordnete und Magistratsmitglieder 1933–1945. Berlin 2006, S. 109. Siehe hierzu S. 53ff. Auch Adolf Gottstein erwähnt den Schritt der Konvertierung in seiner mehr als 200 Seiten umfassenden Autobiografie mit keinem Wort. Koppitz/Labisch, Gottstein, S. 41ff. Siehe die grundlegende Arbeit zu Taufunterlagen jüdischer Konvertiten in Wien von Staudacher, Anna L.: Jüdische Konvertiten in Wien 1782–1868. Frankfurt a. M. 2002, S. 13. Siehe Staudacher, Konvertiten, S. 26. Die Autorin konstatiert, dass sich für konvertierte Juden eine erfolgreiche Karriere in der Folge eher selten ergeben hat. Als Begründung und Maß zieht sie die Aufnahme in biografische Lexika heran, wobei nur 100 von 3.500 Konvertiten seit Ende des 18. Jahrhunderts und damit weniger als 3% aufgenommen wurden. So zum Beispiel Andreas Gestrich und Christoph Gradmann. Siehe Gestrich, Andreas: Einlei-

ZUR SOZIALHISTORISCHEN BIOGRAFIEFORSCHUNG | 17


den Vorschlägen von Andreas Gestrich und Christoph Gradmann. Weniger die Geschichte einer herausragenden Persönlichkeit, sondern vielmehr die grundlegende Untersuchung des Zusammenhangs von Individuum und Gesellschaft erscheinen von zentraler Bedeutung in der Biografik.21 Gradmann kritisiert die dichotome Teilung bei der Beschreibung eines Mediziners (Bioergografie) in seinen Lebenslauf einerseits und das berufliche Werk andererseits.22 Nach Gradmann sollen Aspekte außerhalb der Medizin, gesellschaftliche Gegebenheiten und größere historische Zusammenhänge dazu beitragen, die historische Person zu erhellen.23 Die Analyse des Individuums sollte in Bezug auf seine Umwelt im historischen Kontext geschehen: Seine Prägung durch Familie und Erziehung, peer group (engl. Gleichgesinnte, bspw. Freunde, Fachkollegen etc.), Schichtzugehörigkeit, politische Motivation und im Falle eines Mediziners die Kommunikation in Form medizinischer Fachpublikationen. Dadurch können neue sozialhistorische Erkenntnisse gewonnen werden, auch wenn es sich um die Analyse eines Individuums handelt. Durch die explizite Untersuchung von gesellschaftlicher Interaktion und Kommunikation ist ein besserer Zugang zu Verhalten, Identität und Handlungsverstehen einer einzelnen Person möglich. Handlungen bzw. Äußerungen können nicht als isolierter oder autonomer Akt verstanden werden; vielmehr sind sie ein »Produkt der Kommunikation mit und der Interpretation durch die angesprochenen Partner«.24 Das Verstehen der Handlung einer historischen Person muss einen gemeinsamen Erfahrungs- bzw. Sinnhorizont voraussetzen. Deshalb müssen sowohl Darstellung des historischen Subjekts als auch die Interpretation differenziert und unter Einbeziehung der historischen Gegebenheiten erfolgen.25 Zur Analyse der sozialen Interaktion eines Individuums muss nach der Struktur von Familie, Gesellschaft, den prägenden Handlungs- bzw. Kommunikationszusammenhängen gefragt werden. Eine Untersuchung zur Identität und Handlung einer historischen Person kann nach Gestrich folgende Systematik haben: 1. Die Analyse der Primärgruppe und der individuellen Sozialisationsformen. Im Falle Salomon Rabinowicz’ bzw. Johannes Rabnows gibt es keine Primärquellen,26 es steht jedoch eine Fülle an Sekundärliteratur zur Geschichte des Ostjudentums im heu-

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tung: Sozialhistorische Biografieforschung. In: Gestrich, Andreas; Knoch, Peter und Merkel, Helga (Hrsg.): Biographie – Sozialgeschichtlich. Göttingen 1988, S. 5–23., sowie Gradmann, Christoph: Biographie und Prosperographie in der Medizingeschichte. In: Paul, Norbert und Schlich, Thomas (Hrsg.): Medizingeschichte: Aufgaben, Probleme, Perspektiven. Frankfurt a. M. 1998, S. 243–265. Gestrich, Einleitung, S. 9. Gradmann, Biografie, S. 247. Ebd., S. 259. Gestrich, Einleitung, S. 10. Ebd., S. 13 und S. 18. Im Rahmen der Judenverfolgung des Dritten Reiches wurden auch in Osteuropa im Zweiten Weltkrieg die Synagogen und jüdischen Einrichtungen und mit ihnen alle Unterlagen bzgl. der jeweiligen jüdischen Gemeinde, so auch zu Rabnows Geburtsort Suchowola, zerstört. Siehe S. 29f.

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tigen Ostpolen, Litauen und Russland zur Verfügung. Beispielsweise wurden die religiöse Ausprägung, die Familienstruktur oder die wirtschaftlichen Gegebenheiten in ostjüdischen Gemeinden untersucht.27 Legt man diese Untersuchungen zugrunde, lassen sie Rückschlüsse auf die sozialen und familiären Verhältnisse von Rabinowicz zu. 2. Die Analyse der Sekundärgruppe bzw. der Gesamtgesellschaft mit ihren materiellen, institutionellen und biologischen Rahmenbedingungen. Verbunden mit dem chronologischen Werdegang Rabinowiczs’ bzw. Rabnows können hierfür die Sekundärliteratur über die Geschichte der Berliner Studentenschaft und den Beginn des Hochschulantisemitismus, Arbeiten zur Sozial- und Berufsstruktur von Ärzten, sowie Rabnows Publikationen zur Genese und Entwicklung der Gesundheitsfürsorge, die er aktiv als Kommunalpolitiker gestaltete, analysiert werden. 3. Die Analyse impliziter und expliziter Verarbeitungsformen gesellschaftlicher Erfahrungen im Rahmen von Interaktion und Kommunikation.28 Interessant erscheint, wie sich wissenschaftliche Fragestellungen oder persönliche Kommentare in Fachpublikationen mit dem historischen Kontext veränderten. Rabnow griff beispielsweise die heikle und viel diskutierte Frage auf, ob bei einer an Lungentuberkulose leidenden Schwangeren ein Abbruch indiziert sei. Zudem betrachtete er die Gewichtsentwicklung der Schöneberger Neugeborenen im Ersten Weltkrieg aus »nationalökonomischer Sicht«.29 Die gesellschaftlich definierte Rolle Johannes Rabnows bezieht sich im Wesentlichen auf seine Tätigkeit als Arzt, Kommunalpolitiker und praktischer Sozialhygieniker. Dazu gehören die wissenschaftlichen Publikationen, die Arbeitsweise innerhalb standesärztlicher Organisationen, aber auch seine Rolle als Stadtmedizinalrat von Berlin in den 1920er-Jahren. Da von Johannes Rabnow eine Autobiografie fehlt, konnten als biografische Quellen zu seinem Werdegang Daten aus Verwaltungsakten, seine Veröffentlichungen, zeitgenössische Publikationen und die Krankenakte von Fritz Rabnow herangezogen

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Siehe folgende Arbeiten: Aronson, Michael I.: Troubled waters: the Origins of the 1881 Anti-Jewish pogroms in Russia. Pittsburgh 1990; Eliach, Yaffa: There once was a world. A nine-hundred-year chronicle of the shtetl of Eishyshok. Boston 1998; Franz, Norbert und Jilge,Wilfried: Rußland, Ukraine, Weißrußland, Baltikum (Lettland, Estland). In: Kotowski, Elke Vera; Schoeps, Julius H. und Wallenborn, Hiltrud (Hrsg.): Handbuch zur Geschichte der Juden in Europa. Darmstadt 2001, Bd. 1, S. 167–227; Freeze, Chae Ran Y.: Jewish marriage and divorce in Imperial Russia. Hannover 2002; Haumann, Heiko: Geschichte der Ostjuden. München 1998; Haumann, Heiko: Polen und Litauen. In: Kotowski, Elke Vera; Schoeps, Julius H. und Wallenborn, Hiltrud (Hrsg.): Handbuch zur Geschichte der Juden in Europa. Darmstadt 2001, Bd. 1, S. 228–274; Eine umfassende Arbeit über die letzten Spuren der zahlreichen jüdischen Gemeinden nach dem Holocaust in Form von Friedhöfen und Synagogen im heutigen Polen erfasste Rubin, Arnon: The rise and fall of Jewish communities in Poland and their relics today. Volume 1: District Białystok. Survey of graveyards und synagogues of today Poland. Tel-Aviv 2006. Gestrich, Einleitung, S. 16f. Siehe hierzu S. 90.

ZUR SOZIALHISTORISCHEN BIOGRAFIEFORSCHUNG | 19


werden. Eine Personalakte von seiner langjährigen Tätigkeit im öffentlichen Dienst ist nicht überliefert.30

Ein Ostjude als Preuße? Salomon Rabinowicz wird Ludwig Johannes Rabnow Judentum in Osteuropa Im Folgenden soll ein Überblick über die Geschichte des osteuropäischen Judentums gegeben werden. Die historischen und politischen Hintergründe tragen dazu bei, die realen Lebensumstände und das Sozialgefüge zu verstehen, in denen sich Salomon Rabinowicz bis zu seinem etwa 24. Lebensjahr bewegte. Der Beginn der ersten Ansiedlung von Juden im heutigen Polen, Litauen und Weißrussland ist nicht exakt bekannt. Es gibt einige Hinweise, dass jüdische Kaufleute Polen bereits im 8. Jahrhundert aufsuchten, um Handel zu treiben.31 Die älteste, bekannte jüdische Gemeinde in Polen ist Przemyśl und entstand zu Beginn des 11. Jahrhunderts.32 Die Judenverfolgung im Mittelalter bewirkte wiederkehrende Flüchtlingsströme aus Deutschland, Frankreich und Spanien in Richtung Osteuropa.33 Nachdem Juden zunächst vor allem im ehemals schlesischen Gebiet Schutz suchten, breiteten sich die Ansiedlungsgebiete immer weiter gen Osten aus. Der großpolnische Herzog Boleslaw der Fromme (1243–1279) erließ 1264 das Statut von Kalisch, das die Juden unter Schutz stellte und in der Folge erneute Einwanderungswellen aus Deutschland mit sich brachte. Der Herzog verdeutlichte damit, dass er an den Handelsfähigkeiten der Juden interessiert war. Unter König Kasimir III. (1333–1370) blieb die judenfreundliche Politik bestehen, auch gegen die Widerstände der katholischen Kirche. Dennoch waren Juden, wie andernorts auch, den Vorurteilen der christlichen Bevölkerung ausgesetzt. Seit dem 13. und 14. Jahrhundert kam es wiederholt zu ge-

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Schöneberg unterstand damals dem Regierungsbezirk Potsdam und die zugehörigen Archivalien enthalten keine Personalakten von Kommunalbeamten. E-Mail von Jeannette Spahn des Brandenburgischen Landeshauptarchivs vom 16.11.2007. In den Beständen des Landesarchivs Berlin Schöneberg A Rep. 041–03 Magistrat der Stadt Schöneberg 1877–1920, A Rep. 001–06 Magistrat der Stadt Berlin, Personalbüro 1865–1965 und A Rep. 003–03 Magistrat der Stadt Berlin, Deputation für das Gesundheitswesen/Hauptgesundheitsamt 1915–1945 ist ebenfalls keine Personalakte überliefert. Haumann, Polen, S. 228. Ebd. Ebd. Die Veröffentlichung von 1917 aus dem Ersten Weltkrieg »Das Land Ober Ost« der besetzten Gebiete in Ostpolen und Litauen beschäftigt sich mit der regionalen Geschichte der Juden. Der Autor Max Dengler, Unteroffizier, beschreibt im Abschnitt »Land und Leute« die jüdische Einwanderung vornehmlich aus Franken. Siehe Oberbefehlshaber Ost (Hrsg.): Das Land Ober Ost. Deutsche Arbeit in den Verwaltungsgebieten Kurland, Litauen und Białystok-Grodno. Kowno 1917, S. 3–22, S. 18.

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walttätigen Ausschreitungen gegen Juden. Gründe waren Konkurrenzmotive christlicher Kaufleute, aber auch religiöse Diskriminierung. Beispielsweise wurden Juden beschuldigt, Christen in Ritualmorden umgebracht zu haben.34 Außer den aus Westeuropa stammenden rabbinitischen Juden gab es seit dem 17. Jahrhundert eine jüdische Einwanderung aus dem Südosten über die Halbinsel Krim. Es handelte sich um jüdische Karaiten (Karäer), eine turkstämmige Bevölkerungsgruppe. Sie lebten nach der Tora, lehnten jedoch die mündlich überlieferten rabbinitischen Lehren und den Talmud ab.35 Die in Litauen und Polen siedelnden Juden waren jedoch in der Mehrzahl rabbinitische Juden westeuropäischen Ursprungs. Jede jüdische Gemeinde (Kehillah) besaß als Ausdruck ihrer Selbstverwaltung einen Kahal, ein Verwaltungsorgan, das religiöse, politische und rechtliche Befugnisse in sich vereinigte.36 Bis zum 16. Jahrhundert hatte sich eine jüdisch geprägte Wirtschaftskultur entwickelt, die auch Ausdruck in einer geistigen Zentrumsbildung fand. Man sprach vom »goldenen Zeitalter des Judentums« in Polen.37 Rabbinische Schriften und Talmudkommentare der größeren jüdischen Gemeinden wurden in der ersten hebräischen Druckerei in Krakau vervielfältigt und waren in der jüdischen Geistlichkeit hoch geachtet.38 Weiterhin wurden biblische Legenden und Ratgeber und Ritterromane publiziert.39 Auch Unterhaltungsliteratur in jiddisch erfreute sich großer Beliebtheit. Das aus Westeuropa mitgebrachte Jiddisch, eine vom Mittelhochdeutschen geprägte Sprache, fungierte als wesentliches Bindeglied unter den Juden. Ein deutliches Ostjiddisch hatte sich bis zum 18. Jahrhundert ausgebildet.40 Innerhalb des Ostjiddischen ließ sich das Nordjiddische Litauens und Weißrusslands und das Südjiddische Polens, Galiziens und der Ukraine unterscheiden. Über die Jahrhunderte entwickelten sich weitere Dialekte, die regionales Sprachkolorit enthielten und auch mit unterschiedlichem jüdischem Brauchtum einhergingen.41 In Polen und Litauen hatten sich jüdische Kaufmänner als Verantwortliche für Handelsgeschäfte und den Austausch von Waren zwischen Stadt und Land im Gefüge der zeitgenössischen Feudalwirtschaft etabliert. Dies war politisch gewollt, um den Handel zu beleben und wurde gesetzlich gefördert, führte aber auch immer wieder zu

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So zum Beispiel wiederholt im 15. Jahrhundert in Krakau. Die christliche Bevölkerung ermordete 1407 viele Krakauer Juden und veranlasste Zwangstaufen jüdischer Kinder, nachdem ein Priester Juden den Ritualmord an einem christlichen Kind vorgeworfen hatte. Siehe Haumann, Polen, S. 229f. Eliach, There once, S. 19 und Franz/Jilge, Rußland, S. 168–169. Haumann, Polen, S. 231. Haumann, Ostjuden, S. 37ff. Haumann, Polen, S. 233. Haumann, Ostjuden, S. 31. Ebd., S. 59. Ebd.

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Spannungen in der Bevölkerung. Ein anderer jüdisch dominierter Wirtschaftszweig war die Herstellung von alkoholischen Getränken und die Schankwirtschaft.42 Nach Jahrhunderten der Koexistenz hatte offenbar eine jüdische Identifikation mit der polnischen Nationalität stattgefunden. Juden waren am Aufstand gegen Russland und Preußen nach der zweiten Teilung Polens 1793 in Form eines eigenen jüdischen Regiments von 500 Mann beteiligt, dem der Jude Berek Joselewicz (1764–1809) vorstand. Sie erhoben sich unter der Führung Tadeusz Kościuszkos (1746–1817) gegen die russischen Besatzer. Die Russen unterwarfen Polen erneut, was durch eine ausgesprochen schwache Regierung von König Stanislaw Poniatowski (1732–1798) und dem polnischen Parlament bedingt war. Russland gewann in der Folge alle Teile Litauens, der Ukraine sowie das Herzogtum Kurland. Auch das Gebiet um Białistok und der Geburtsort Rabinowicz’, Suchowola, kamen unter russische Herrschaft und wurden in den Verwaltungsdistrikt Gouvernement Grodno eingegliedert.43 Ganz anders als Polen hatte Russland stets eine judenrepressive Politik verfolgt. Nur in Ausnahmefällen war es wohlhabenden Juden gestattet worden, sich in Hafenstädten oder größeren Handelszentren niederzulassen. Kurz vor der dritten Teilung Polens hatte Katharina II., Zarin von Russland (1762– 1796), aus innenpolitischen Gründen noch die Niederlassung von jüdischen Kaufleuten in den altrussischen Provinzen verboten.44 Russische Kaufleute fürchteten die jüdische Konkurrenz. Katharina der Großen waren die Vorteile der jüdischen Handelsfähigkeiten bewusst, die sie in bestimmtem Umfang fördern wollte. In der Folge sollten die Juden, sofern sie sich anpassten, mehr Rechte erhalten. Dazu kam es jedoch nicht. Katharina führte den offiziellen Begriff der Hebräer (russ. »evrei«) ein und entkräftete damit das negativ besetzte umgangs- und amtsprachliche Jude (russ. »zid«).45 Mit der dritten Teilung Polens 1795 entstand der sogenannte Ansiedlungsrayon im russischen Reich, ein Gebiet der annektierten Länder Litauen, Weißrussland, Polen und im Süden Astrachan, dem nördlichen Kaukasus und Bessarabien.46 Nur in diesem Gebiet des russischen Reiches durften Juden ansässig sein, handeln und teilweise auch ihren Wohnsitz ändern.47 Da mit der Annektierung der polnischen Gebiete zum Zarenreich mehrere Millionen Juden russische Untertanen wurden, musste eine gesetzliche Reglementierung erfolgen. Die Ansiedlung im Gebiet des ursprünglichen Territoriums Russlands wurde Juden untersagt. Nur in Ausnahmefällen konnte ein Bleiberecht im alten Russland erkauft werden. Im »Statut für die Juden« von 1804 wurden Handels- und Gewerbefreiheit für Juden garantiert, wenn

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Ebd., S. 36f. und S. 59. Eliach, There once, S. 34–36. Sowie Rubin, Rise, hier S. 191f. Franz/Jilge, Rußland, S. 180. Haumann, Ostjuden, S. 80. Ebd. Franz/Jilge, Rußland, S. 180.

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sie die Geschäftsbücher in der Landessprache führten. Das Statut schränkte das jüdische Schankgewerbe ein und limitierte die jüdische Mittlerfunktion für ländliche Produkte.48 Im Jahr 1844 schaffte Nikolaus I. die Synagogenverwaltung, den Kahal, ab. Damit hatte er die religiöse, wohltätige und lokalrechtliche Selbstverwaltung der Juden aufgelöst, die beispielsweise bei Schlichtungen und Scheidungen Recht sprechen konnte.49 Über die Sozialstruktur innerhalb des osteuropäischen Judentums ist bekannt, dass es vor dem 19. Jahrhundert eine kleine Oberschicht von reichen Kaufleuten, Financiers oder Pächtern gab und eine verhältnismäßig große Mittelschicht, bestehend aus Handwerkern, Kleinhändlern und Geldverleihern.50 Juden mit geringem Einkommen waren Gesellen, Krämer, Fuhrleute, Dienstboten, aber auch Bettler und Hausierer. Der Großhandel der wenigen reichen jüdischen Kaufleute konzentrierte sich auf den Handel mit Nahrungsmitteln, Tabak und Textilien.51 Durch die gesetzlichen Beschränkungen setzte eine weitgreifende Verarmung der Juden des Ansiedlungsrayons bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts ein. Der Kleinhandel mit Waren reichte nicht, um den Lebensunterhalt ausreichend zu sichern. Mit der Industrialisierung und Rationalisierung von Produktionsprozessen seit Mitte des 19. Jahrhunderts gewährleistete auch der handwerkliche Beruf kein ausreichendes Einkommen mehr. Dies führte erneut zu einer dramatischen Verarmung eines Großteils der jüdischen, aber auch der russischen Bevölkerung bis Ende des 19. Jahrhunderts. Es entstand eine jüdische Arbeiterklasse. Das enorme jüdische Bevölkerungswachstum zwischen 1800 und 1860 trug ebenfalls zur Verarmung innerhalb der jüdischen Familien bei. Die jüdische Gemeindewohltätigkeit war den sozialen Aufgaben nicht mehr gewachsen und es folgten umfangreiche Auswanderungswellen hauptsächlich über Westeuropa nach Amerika.52 Ab 1827 galt die russische Wehrpflicht auch für Juden. Junge Männer im Alter von 12 bis 25 Jahren konnten eingezogen werden, das bedeutete in der Regel eine völlige Isolierung von der jüdischen Welt und der Ausübung der Religion. Die Aufrechterhaltung des familiären Kontakts war beinahe unmöglich. Der Dienst dauerte insgesamt 25 Jahre und häufig traten jüdische Rekruten zum christlichen Glauben über. Es ist anzunehmen, dass in Russland die Hälfte aller vom Judentum Konvertierten des 19. Jahrhunderts auf Zwangskonversionen im Militärdienst zurückgeht.53 Die jüdische Bevölkerung war gezwungen, überproportional viele Rekruten zu stellen: Während es

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Haumann, Ostjuden, S. 82. Ebd., S. 84. Haumann, Polen, S. 229f. Franz/Jilge, Rußland, S. 186f. Haumann, Polen S. 248. Siehe dazu Hertz, Debora: Konversion in Europa. In: Kotowski, Elke Vera; Schoeps, Julius H. und Wallenborn, Hiltrud (Hrsg.): Handbuch zur Geschichte der Juden in Europa, Bd. 2., Darmstadt 2001, S. 322–335, hier S. 334.

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sieben russische Rekruten pro 1000 Einwohner und Jahr waren, mussten die jüdischen Gemeinden zehn junge Männer stellen.54 Dies führte dazu, dass die sehr frühe Verheiratung im Alter von zehn bis vierzehn Jahren deutlich zunahm, weil die Jungen somit der Militärpflicht entgehen konnten.55 Unter der Regentschaft des Zaren Alexander II. (1818–1881) zeichnete sich eine judenfreundlichere Politik ab. Obwohl sich Juden wiederholt an gewalttätigen Ausschreitungen für die Unabhängigkeit Polens von Russland beteiligt hatten, stellte Alexander II. im Mai 1862 erstmals die rechtliche Gleichstellung für Juden im Gebiet des ehemaligen Polen her. Der Zar war überzeugt, damit die Assimilationsbestrebungen innerhalb der Juden zu unterstützen. Zunächst hob er die diskriminierenden Richtlinien hinsichtlich der überproportional hohen militärischen Dienstpflicht auf und stellte Juden dann gegenüber den russischen Untertanen rechtlich gleich. Der Ansiedlungsrayon blieb bestehen, doch es konnten sich zunehmend wohlhabende und gebildete Juden im »alten« Russland niederlassen. Bis in die 1860er-Jahre hinein wurde es Juden sogar ermöglicht, staatliche Ämter zu bekleiden, später nicht mehr. In den lokalen Selbstverwaltungen wurden Juden als Abgeordnete zugelassen, jedoch mit der Einschränkung, dass sie maximal ein Drittel der Abgeordneten stellen durften, sodass auch in Gebieten mit einer jüdischen Mehrheitsbevölkerung die Verwaltung in christlicher Hand blieb.56 Nach der Ermordung Alexander II., 20 Jahre später, wurde die rechtliche Gleichstellung mit den Maigesetzen von 1882 wieder abgeschafft und es begann eine ausgeprägt antisemitische Politik, die viele Todesopfer forderte.57 In Deutschland ging die Haskala (jüdische Aufklärung) mit der Forderung nach einer Verbesserung des rechtlichen Stands der Juden einher. Die Judenemanzipation war gesetzlich erstmals mit dem preußischen Judenedikt von 1812 erfolgreich.58 Moses Mendelssohn (1729–1786) propagierte als Protagonist der jüdischen Aufklärung in Deutschland seit Ende des 18. Jahrhunderts die Öffnung des Judentums zur westlichen Welt. Die jüdische Religion sollte sich mit neuen Erkenntnissen aus der Philosophie, den Naturwissenschaften und dem Selbstverständnis des Bürgertums auseinandersetzen.59 Die innerreligiöse Aufklärung im Judentum sollte durch die Ju-

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Franz/Jilge, Rußland, S. 184. Siehe dazu ausführlich Freeze, Jewish Marriage, S. 51–55. Franz/Jilge, Rußland, S. 188–189. Haumann, Ostjuden, S. 88. Ebd., S. 252. Schulte, Christoph: Jüdische Aufklärung (Haskala). In: Kotowski, Elke Vera; Schoeps, Julius H. und Wallenborn, Hiltrud (Hrsg.): Handbuch zur Geschichte der Juden in Europa Bd. 2. Darmstadt 2001, S. 240–257, hier S. 240f. Der Begriff Haskala war schon in der Antike gebräuchlich und steht für Vernunft und Einsicht. Im Selbstverständnis der Berliner Juden um Moses Mendelssohn haben diese die Haskala in Deutschland und Europa begründet. Hier S. 243.

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den selbst passieren, die Maskilim (hebräisch die Aufklärer) sollten dazu einen sukzessiven Prozess vorantreiben.60 Im Vergleich zu Westeuropa kam die osteuropäische Haskala erst mit einer Verzögerung von mehreren Jahrzehnten zum Tragen. Die osteuropäischen Maskilim blieben eine Minderheit und konnten sich kaum gegen die tradierten Verhältnisse der jüdischen Religionsgemeinschaften durchsetzen. Allerdings hatte sich mit der allgemeinen Reform des Schulwesens unter Alexander II. ein Wendepunkt ergeben und unter Einfluss der Aufklärungsbewegung wurden moderne jüdische Schulen begründet, in denen sowohl religiöser als auch weltlicher Unterricht in russischer Sprache stattfand.61 Besonders Familien der jüdischen Oberschicht bemühten sich zunehmend um die nichtreligiöse Ausbildung ihrer Kinder und legten weniger Wert auf die Beherrschung des Jiddischen zugunsten der Kenntnis der jeweiligen Landessprache.62 Herkunft oder Heimat Salomon Rabinowicz wurde am 30. Dezember 1855 in Suchowola bei Białystok im heutigen Ostpolen geboren.63 August II., König von Sachsen und Polen (1670–1733) hatte 1698 den aus Deutschland flüchtenden Juden erlaubt, sich in den polnischen und litauischen Gebieten niederzulassen und Handel zu treiben.64 So gab es seit der Gründung Suchowolas im 17. Jahrhundert jüdische Niederlassungen.65 Im Jahr 1777 hat-

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Schulte, Aufklärung, S. 245. Der Begriff Maskilim lässt sich auf die programmatische hebräische Schrift »Nachal ha-Besor« von 1783 aus Königsberg zurückführen. Ebd S. 240. So auch in Suchowola, Rubin, Rise, S. 192. Haumann, Ostjuden, S. 124. Rabinowicz verwendete seit seiner ersten Angabe über seine Herkunft den Begriff Suchawoli als Geburtsort. So zu finden bei der polizeilichen An- und Abmeldung in Hamburg und Templin (BLHA, Rep 8 Templin Nr. 351, o. P.), der Promotionsurkunde aus Leipzig (Universitätsarchiv Leipzig UAL, Med. Fak. Promotionsbuch 1889–1891, Blatt 26 sowie Med. Fak. Prom. 8029, Promotionsurkunde), den Taufdaten (ELAB, Kirchenbuchstelle Alt-Berlin, TK 3455, Rabinowicz, Salomon) und der Sterbeurkunde Johannes Rabnows (HBA, Bethelkanzlei Patientenakten 1, 7502/437, o. P.). Der Datenbank des Archivs des Leo-Baeck-Instituts des Jüdischen Museums Berlin und der Aussage des Archivleiters Aubrey Pomeranca zufolge existiert in ähnlicher Schreibweise einzig der Ortsname Suchowola. Im Jiddischen wurden Ortsnamen häufig auf »-i« endend benannt, sodass es sich um den Ort Suchowola handelt. Siehe auch die Datenbank »JewishGen« für die verschiedenen Schreibweisen: Suchowola (polnisch), Sukhovola (russsisch), Sukhovolye, Suchavola, Sukhovolia, Sukhovolah (jiddisch), http://www.jewishgen.org. In seiner Maturitätsprüfung am kaiserlichen Augusta Gymnasium Charlottenburg gab Rabinowicz an, aus »Russisch-Litauen« zu stammen. Damit kam nur der über eine große jüdische Gemeinde verfügende Ort Suchowola bei Białystok in Frage. In seiner Heiratsurkunde gab Rabnow als seinen Geburtsort Suchowola im Kreis Sokolka an, womit seine Herkunft eindeutig auf Suchowola bei Białystok zurückgeht. LAB, P Rep 160, Nr. 400 Urkunde Nr. 219 20.10.1891. Spector, Shmuel und Wigoder, Geoffrey (Hrsg.): The encyclopedia of Jewish life before und during the Holocaust. 3 Bde, Band 3, New York 2001, S. 1260–1261. Rubin, Rise, S. 191. Rubin, Rise, S. 191.

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te Suchowola durch den polnischen König Stadtrecht erhalten und befand sich Ende des 18. Jahrhunderts im litauischen Teil des Unionsstaates Polen-Litauen. Suchowola fiel mit der dritten Teilung Polens 1795 für zwölf Jahre an Preußen. Ab 1807 gehörte Suchowola zu Russland und wurde in das russische Gouvernement Grodno eingegliedert.66 Im Verwaltungsdistrikt Grodno lag der durchschnittliche Anteil der jüdischen Bevölkerung bei 17 %; in einer der größeren Städte wie Białystok waren um 1900 sogar 70 % der Bewohner Juden.67 Am Olszanka Fluss gelegen, befand sich Suchowola auf der Hauptverbindungsstraße zwischen dem 50 km südlich gelegenen Białystok und der Gouvernementshauptstadt Grodno im Nordosten. Südöstlich von Suchowola lag die übergeordnete Kreisstadt Sokolka in 30 km Entfernung. Suchowola bestand im Wesentlichen aus zwei Straßen. So gab es die Hauptstraße, welche in einen oberen und unteren Abschnitt unterteilt wurde, sowie die Schulstraße. Hier stand die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus Holz erbaute und später von deutschen Besatzern zerstörte Synagoge. Des Weiteren verfügte Suchowola über eine Polizeistation, eine Feuerwehrstation und eine katholische Kirche, die von der jüdischen Gemeinde für die polnische Bevölkerung gestiftet worden war.68 Seit Ende des 18. Jahrhunderts war eine typisch ostjüdische Siedlungskultur entstanden, die als Schtetl bezeichnet wurde. In den Schtetln, Ortschaften mit einer Einwohnerzahl von einigen Hundert bis mehreren Zehntausend, fand sich häufig eine ähnliche Infrastruktur.69 Das Herzstück war stets der Marktplatz, auf dem sich der Handel abspielte. Im Shtetl Suchowola war die Lokalwirtschaft geprägt vom wöchentlich stattfindenden Markt, wo Schuhmacher, Schmiede und Kunsthandwerker ihre Dienstleistung und Waren anboten. In Suchowola entwickelte sich besonders während der kurzen Zugehörigkeit zu Preußen ein reger Handel in östliche und westliche Richtung, vor allem mit Getreidesorten.70 Im Zuge des florierenden Handels etablierten die Händler eine große dampfbetriebene Mühle und es entstand das neue jüdische Viertel der besser gestellten Kaufleute »B’Maaleh ha-Har« (hebr. Oberstadt).71 Von insgesamt

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Spector/Wigoder, encyclopedia, S. 1260f. Sowie Rubin, Rise, hier S. 191. Siehe die tabellarische Aufstellung des Anteils von Juden an der Gesamtbevölkerung Russlands in den verschiedenen Verwaltungsgouvernements bei Scheiger, Brigitte: Juden in Berlin. In: Jersch-Wenzel, Stefi (Hrsg.): Von Zuwanderern zu Einheimischen. Hugenotten, Juden, Böhmen und Polen in Berlin. Berlin 1998, S. 418. Zur Beschreibung des jüdischen Lebens in Białystok siehe Dylewski, Adam: Where the Tailor was Poet ...: Polish Jews und their Culture. Bielso-Biala 2002, hier S. 93. Lazar, Symcha: (übersetzt aus dem jiddischen von Zygmont Elton) The Holocaust in Suchowola. In Memory of a Jewish Shtetl between Białystok und Grodno. Mexiko 1947 Einleitung, ohne Seitenangabe, http://www.jewishgen.org/Yizkor/Suchowola1/Suchowola1.html/. Rubin, Rise, S. 191. Haumann, Polen, S. 239. Rubin, Rise, S. 191. Ebd. und Spector/Wigoder, encyclopedia, S. 1261.

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Wohnhaus aus dem 19. Jahrhundert in Białystock/Polen

3230 Einwohnern der Stadt Suchowola im Jahr 1897 waren 1944 jüdischen Glaubens.72 Das jüdische Armenviertel der Stadt »B’Morad ha-Har« (hebr. Unterstadt) bestand bis in das 20. Jahrhundert hinein.73 Für die regionale Wirtschaft spielten Beziehungen mit den Städten Sukolka, Grodno und Białystok, das für seinen weitreichenden Textil- und Lederhandel bekannt war74 eine entscheidende Rolle. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm auch in Suchowola die Bedeutung des Tierfellhandels zu. Aus den Taufunterlagen von Salomon Rabinowicz und der Heiratsurkunde mit Rosa Baumann geht hervor, dass sein Vater mit vollem Namen Abraham Chaimonistel Rabinowicz hieß und »Fabrikbesitzer« war.75 Seine Mutter hieß Grunja Benjaminowa geb. Behrmann. Ihr Mädchenname könnte auf eine deutsche Herkunft hindeuten.76

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Spector/Wigoder, encyclopedia, S. 1261. Rubin, Rise, S. 191f. Dengler, Arbeit, S. 21. Siehe die Heiratsurkunde der Eheleute Rabnow, LAB, P Rep 160, Nr. 400 Urkunde Nr. 219 20.10.1891. ELAB, Kirchenbuchstelle Alt-Berlin, TK 3455, Rabinowicz, Salomon. Ebd.

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Untersuchungen zu jüdischen Familienstrukturen in Osteuropa zeigen, dass eine jüdische Familie in den 1850er-Jahren im Durchschnitt vier bis sechs Kinder hatte.77 Demnach ist davon auszugehen, dass Salomon Rabinowicz vermutlich nicht das einzige Kind und auch nicht der Erstegborene der Familie Abraham Rabinowicz war, da die Erstgeborenen meist das väterliche Geschäft übernahmen.78 Als begabter Junge durfte Rabinowicz weiterführende Schulen besuchen und hatte damit die Möglichkeit zu studieren. Ziel war die Ausübung eines akademischen Berufs, von dem er sich selbstständig ernähren konnte. Der erhoffte gesellschaftliche Aufstieg war die stärkste Motivation des Elternhauses, eine höhere Bildung zu unterstützen. Die schulische Laufbahn eines ostjüdischen Knaben begann im Alter von vier Jahren mit der Ausbildung im Cheder, einer Art Grundschule, an der das Lesen und Schreiben der hebräischen Sprache, das Lesen des Talmud, aber auch Grundrechenarten unterrichtet wurden. In Suchowola wurde die Grundschule als Hadarim bezeichnet und lag im alten jüdischen Viertel »B’Morad ha-Har«.79 Im Alter von acht bis 13 Jahren wechselten die Jungen in die Talmud-Thoraschule.80 Danach konnten die Studien in der Jeschiwa, einer religiösen Hochschule, fortgesetzt werden. Dies war in Rabinowicz’ Geburtsstadt nicht möglich und bedeutete einen Ortswechsel in eine größere Gemeinde. Ab ca. 1875 konnten Juden im Zuge der Aufklärung eine jüdische Schule mit weltlichen Fächern oder eine staatliche russische Schule besuchen, die jedoch die jüdische Schülerzahl begrenzte.81 Die Regentschaft und Reformpolitik Zar Alexander II. von Russland begann 1855.82 Die Haskala, die jüdische Aufklärung, gewann an Einfluss in der Gemeinde Suchowola und es entstand eine reformierte Grundschule, später auch eine Theatergruppe.83 Zunehmend wurden die Kinder auf die staatlichen russischen und auch auf weiterführende Schulen geschickt.84 In der Folge wurden Juden im öffentlichen Leben, insbe-

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Freeze, Jewish, S. 58. Die Sterblichkeit jüdischer Säuglinge lag im Vergleich deutlich unter der katholischer Säuglinge und wird mit dem guten Hebammenwesen und der hohen Stillquote erklärt. Der jüdische Friedhof in Suchowola sowie die Unterlagen der Jüdischen Gemeinde sind vollständig zerstört worden. Der zu Beginn des 19. Jahrhunderts angelegte jüdische Friedhof Suchowolas lag außerhalb der Stadt. Siehe Rubin, Rise, hier S. 54 und 55. Eine Personenstandsliste der jüdischen Haushalte Suchowolas ist ebenfalls nicht überliefert, sodass Daten der Familie Abraham Rabinowicz nicht mehr vorhanden sind. Eine Anfrage zu Einwohnererfassung oder polizeilicher Anmeldung im Archiwum Państwowe w Białymstoku (Schreiben von Marek Kietliński vom 18.09.2008), im Archiwum Państwowego m.st. Warszawy (Schreiben von Ryszard Wojtkowski vom 22.05.2009) war ergebnislos. Rubin, Rise, hier S. 192. Haumann, Ostjuden, S. 130. Scheiger, Juden, S. 419 und Rubin, Rise, S. 192. Scheiger, Juden, S. 417. Rubin, Rise, S. 192. Ebd.

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sondere im Militär und in der schulischen Ausbildung, besser akzeptiert.85 Alexander II. initiierte ebenfalls das Ende der russischen Leibeigenschaft. Daraufhin erfolgte ein kurzzeitiger wirtschaftlicher Aufschwung mit Belebung des jüdischen Handels.86 Da Salomon Rabinowicz 1855 geboren wurde, könnte auch seine Familie von diesem Aufschwung profitiert haben. Die Auswanderung von Juden aus dem Ansiedlungsrayon wurde beschränkt und blieb meist den bemittelten Juden der Oberschicht vorbehalten.87 Zu Rabinowicz’ genauen Beweggründen nach Deutschland zu gehen, gibt es keine Nachweise. Sicherlich war es im Wesentlichen das Hochschulstudium, welches ihm in Russland verwehrt blieb. Im Oktober 1880 schrieb sich Salomon Rabinowicz an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität für Philologie ein. In seiner Heiratsurkunde von 1891 gab Rabinowicz an, dass sein Vater bereits verstorben war. Vermutlich war dies bereits der Fall, als er Ende 1881 das sogenannte Armutszeugnis zur Stundung der Studiengebühren von der Berliner Universität erhalten hatte.88 Im März 1881 wurde Zar Alexander II. ermordet. Verantwortlich war die Organisation »Narodnaja Wolja« (russ. Volkswille), die gewaltbereit für die Grundprinzipien des demokratischen Parlamentarismus, Meinungs- und Pressefreiheit eintrat.89 Der Tod des Monarchen markierte einen dramatischen Wendepunkt in der russischen Geschichte und in der Judenpolitik. Eine Aktivistin der Gruppe Narodnaja Wolja war jüdischer Herkunft und obwohl kein jüdisch-politischer Zusammenhang bestand, wurde das Attentat zum Anlass genommen, Juden auszugrenzen, zu verfolgen und zu ermorden. So kam es seit 1881 zu einer wachsenden antisemitischen Bewegung in Russland mit einer Vielzahl an Ausschreitungen, die in der Folge als Judenpogrome bezeichnet wurden.90 Für den Verwaltungsdistrikt Grodno und andere ehemals litauische und weißrussische Gebiete des Ansiedlungsrayons ist belegt, dass es in den ersten Jahren nach dem Tod des Zaren zu keinen derartigen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung gekommen ist.91 Die russischen Pogrome führten jedoch zu einer großen

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Scheiger, Juden, S. 417 sowie Franz/Jilge, Rußland, S. 86ff. Lazar, Holocaust, http://www.jewishgen.org/Yizkor/Suchowola1/Suchowola1.html/. Die Ausreise musste im Einzelfall genehmigt werden. Haumann, Ostjuden, hier S. 85. Das »testimonium paupertatis« (lat. Armutszeugnis) berechtigte den mittellosen Studenten, das Honorar für die Dozenten erst nach Berufsantritt zu zahlen. Siehe S. 34f. Siehe dazu die Arbeit von Aronson, Troubled waters. Ebd., S. 20 ff. Ebd., S. 32. Der Autor listet auf den Seiten 50–56 alle Gemeinden auf, in denen es zu Ausschreitungen gekommen ist. Allerdings beschreibt Arnon Rubin, dass es nach Ende des Ersten Weltkrieges zu massiver Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung in Suchowola kam. Die Stadt wurde von einer Gruppe polnischer bolschewistischer Soldaten besetzt. Sie trieben die ortsansässigen Juden zusammen, schlugen sie, verwüsteten ihre Häuser und bereicherten sich an deren Besitz. Drei Juden wurden umgebracht. Die ortsansässige polnische Bevölkerung war gespalten, einige halfen jüdische Kinder zu verstecken, andere beteiligten sich am Pogrom, Rubin, Rise, S. 193. Im Zweiten Weltkrieg berichtet Rubin weiter, dass die deutschen Besatzer im Juni 1941 von polni-

EIN OSTJUDE ALS PREUßE? | 29


Auswanderungswelle. Zwischen 1881 und 1914 verließen etwa 2,5 Millionen Juden ihre osteuropäische Heimat, von denen die meisten über Westeuropa in die USA und nach Lateinamerika auswanderten (über 80 %). Eine relativ kleine Gruppe von 2,5 % der jüdischen Auswanderer ließ sich langfristig in Deutschland nieder. Das entsprach etwas mehr als 63 000 osteuropäischen Einwanderern, von denen wiederum ein Drittel in Berlin sesshaft wurde.92 In der deutschen Presse wurde diese Entwicklung polemisiert und von einer Überschwemmung Deutschlands durch Ostjuden gesprochen.93 Vom Philologiestudenten zum promovierten Arzt Mit dem Ziel, ein Hochschulstudium an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu absolvieren, kam Salomon Rabinowicz wahrscheinlich in den Jahren 1878/79 nach Berlin.94 Die Zulassung zum Hochschulstudium in Preußen verlangte das Abitur eines humanistischen Gymnasiums.95 Um die Annahme an der Friedrich-Wilhelms-Universität möglichst problemlos zu gestalten, legte Rabinowicz im September 1880 die Maturitätsprüfung am »Königlichen Provinzial Schul-Collegium zu Charlottenburg« ab und erwarb damit das preußische Abitur.96 Kurze biografische Stichworte zu den sechs

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schen Nationalisten »freudig« begrüßt wurden und kooperierten. Die polnische Polizei zwang die Juden Suchowolas zur Zwangsarbeit, alle angeblich kommunistischen Juden wurden umgebracht. Im Februar 1942 wurde ein Ghetto in Suchowola errichtet. In zwei Straßenzüge wurden 5.100 Menschen gepfercht, Hunderte starben an den Folgen von Infektionskrankheiten. Im November 1942 wurden die Suchowoler Juden ins Zwischenlager Kielbasin und von dort in die Todeslager Treblinka und Auschwitz deportiert. Den Holocaust überlebten nur 23 Juden aus Suchowola. Ebd., S. 195f. Siehe die Zahlen bei Scheiger, Juden, S. 417. Kampe, Norbert: Studenten und »Judenfrage« im Deutschen Kaiserreich. Die Entstehung einer akademischen Trägerschicht des Antisemitismus. Göttingen 1988, hier S. 23, sowie Richarz, Monika: Bürger auf Widerruf. Lebenszeugnisse deutscher Juden 1780–1945. München 1989, hier S. 16f. Wann genau er nach Berlin kam, lässt sich anhand der lückenhaften polizeilichen Unterlagen der Berliner Einwohnermeldekartei bzw. einer fehlenden Anmeldung in der jüdischen Gemeinde nicht mehr nachvollziehen. Siehe den Brief des Landesarchivs Berlin Frau Schure vom 22.06.2005 sowie den Bescheid des CJA, E-mail Frau Barbara Welker vom 21.02.2008. GSTPK, I HA Rep Kulturministerium Sekt 1 Tit VIII Nr. 12, Bd. 3, Blatt 223, Bedingung für das Philologiestudium ist der Besuch eines humanistischen Gymnasiums mit Abitur. LAB, A Rep. 020–21 Nr. 1 und 2, Kaiserin Augusta Gymnasium zu Charlottenburg Protokoll Nr. 21 Michaelis 1880. Die Prüfung beinhaltete das Bestehen in den Fächern Deutsch, Latein, Griechisch, Französisch, Geschichte und Geografie, Mathematik und Physik. Rabinowicz’ Noten wurden tabellarisch erfasst: Deutsch mündlich und schriftlich gut, Latein mündlich und schriftlich befriedigend, Griechisch mündlich und schriftlich gut, Französisch mündlich befriedigend, Geschichte schriftlich und mündlich gut, Geografie mündlich befriedigend, Mathematik mündlich nicht befriedigend schriftlich befriedigend. Das Protokoll über die mündliche und schriftliche Prüfung ist vollständig erhalten. Im Griechischen bemerkte der Prüfer, dass Rabinowicz fließend griechisch sprach, geläufig und »nicht ungewandt« übersetzte und die Fragen der Lehrer in befriedigender Weise beantworten konnte. Im Lateinischen übersetzte er ebenfalls »nicht ungeschickt«. In Geschichte wurde er zu »Kaiser und Recht im Mittelalter« geprüft und konnte auch »einige

30 | BIOGRAFISCHE ANNÄHERUNG AN JOHANNES RABNOW

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Johannes Rabnow (Leseprobe)  

Der Arzt Johannes Rabnow (1855–1933) war wesentlicher Protagonist des kommunalen Gesundheitswesens in Schöneberg und Berlin bis in die erste...

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