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Einzelverรถffentlichungen der Brandenburgischen Historischen Kommission e.V., Band XVII

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Wolfgang Rose

»… der Dienst der Diakonie, das sind Jesu Hände.« Die Diakonissen des Naemi-Wilke-Stifts in Guben 1878–2008

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2015 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebra-wissenschaft.de Lektorat: Matthias Zimmermann, Berlin Umschlag und Satz: typegerecht, Berlin Schrift: Georgia 9,5/13 pt Druck und Bindung: Finidr, Český Těšín ISBN 978-3-95410-068-2 www.bebra-wissenschaft.de

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Inhalt

Vorwort

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Oberin i.R. Diakonisse Sr. Adelheid Hahn

Einführung

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Pfr. Stefan Süß, Gottfried Hain

Der Entschluss

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Die Aufnahme

31

Die Glaubensgemeinschaft

57

Die Dienstgemeinschaft

75

Die Lebensgemeinschaft

107

Nachwort

137

Pfr. Stefan Süß

Anhang  Wichtige Daten zur Geschichte des Diakonissenmutterhauses im Naemi-Wilke-Stift Guben

139

  Schwesternliste

145

  Aus dem Leben der Diakonissen – eine Bilderserie

161

  Anmerkungen

175

  Abbildungsnachweis

190

  Förderer

191

  Dank

192

  Der Autor

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Vorwort »Was will ich? Dienen will ich!« 130 Jahre Diakonissen in Guben

Sehr verehrte Leserschaft! Als letzte, emeritierte Oberin des Naemi-Wilke-Stiftes bin ich dankbar, dass die zurückliegende Geschichte dieser Diakonissengemeinschaft in einem Buch vielen Lesern zugänglich gemacht werden kann. Seit 1948 habe ich die letzte Etappe der Mutterhausgeschichte hier in Guben begleitet und mitgestaltet. Die damals ca. 50 Mitschwestern der Mutterhausgemeinschaft arbeiteten im Krankenhaus, in der Verwaltung, im Kindergarten, in der Küche und im Altersheim der Stiftung. So habe ich es erlebt, als ich meinen Dienst aufnahm, nach den schweren Kriegsjahren, die auch mit der Evakuierung des Mutterhauses verbunden gewesen waren. Aber bereits im Juli 1945 hatten die Schwestern den Dienst in der zerstörten und geteilten Stadt Guben mit den vielen traumatisierten Flüchtlingen aus dem Osten wieder aufgenommen. Von 1967 bis 1997 habe ich das Amt der Oberin ausgeübt und damit neben den Jahren in der DDR auch die politischen Veränderungen nach 1989 miterlebt. Mit den Jahren wurde die Schwesternschaft kleiner und die Zahl der Gräber auf dem Waldfriedhof in Guben größer. 2008 haben wir Diakonissen mit der Übergabe des Diakonissenvermächtnisses an den Stiftsvorstand diese besondere Etappe der Mutterhausdiakonie im Naemi-Wilke-Stift beendet. 130 Jahre waren das, wenn man vom Beginn der Stiftung an rechnet. Als 1883/84 ein eigenes Mutterhaus in Guben begründet werden konnte, waren zuvor schon Diakonissen aus Dresden hier tätig gewesen. Weitere junge Frauen wurden dann hier ausgebildet und haben an vielen Orten in Deutschland ihren Dienst getan. Das Buch erinnert an diese Geschichte und würdigt damit diesen besonderen geistlichen Dienst, den Diakonissenmutterhäuser Kaiserswerther Prägung an mehr als 70 Standorten in Deutschland geleistet haben und weiterhin in anderer Form leisten. Es ehrt zugleich die vielen Schwestern, die von Guben aus den Dienst barmherziger Nächstenliebe getan haben. In Dankbarkeit Sr. Adelheid Hahn Oberin i. R.

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Einführung

1878 ist das Naemi-Wilke-Stift durch den Gubener Hutfabrikanten und Geheimen Kommerzienrat Friedrich Wilke (1829 –1908) privat gestiftet worden. Das Modell der Diakonissenbewegung hatte da schon eine Geschichte von zarten 42 Jahren. 1836 hatte Theodor Fliedner in Kaiserswerth mit den ersten »Diakonissen der Neuzeit« im Gartenhaus seines Pfarrhauses begonnen. Er konnte nicht ahnen, was er damit kirchengeschichtlich und vor allem sozialgeschichtlich initiiert hatte. Gesellschaftspolitisch wurde es bis heute nicht ausreichend gewürdigt, dass mit diesem Modell im Kontext des 19. Jahrhunderts die erste Emanzipationsbewegung von Frauen ihren Anfang genommen hat. Die Breitenwirkung dieser Bewegung im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war enorm. Der Durchdringungsgrad in der Pflegeentwicklung war prägend für die kommenden Generationen. Der Begriff der Schwester als Terminus technicus für eine weibliche Pflegefachkraft hat sich trotz anderer offizieller Berufsbezeichnung volkstümlich bis heute erhalten. Der kleine Beginn der Wilke-Stiftung in Guben nutzte von Anfang an diese neue Form weiblicher Fachkräfte. Noch vor der hier zu betrachtenden eigenen Mutterhausgeschichte in Guben kamen die ersten Diakonissen aus Dresden, aus der bereits 1844 gegründeten Ev.-luth. Diakonissenanstalt e.V. 1883/84 kam es zur Gründung eines eigenen Diakonissenmutterhauses im Naemi-Wilke-Stift. Von den inzwischen 137 Jahren Stiftsgeschichte ist die bisher längste Zeit durch Schwestern des Diakonissenmutterhauses geprägt worden. Der Rückgang dieser prägenden Entwicklung begann nach dem Zweiten Weltkrieg. Inzwischen stehen wir am Ende dieser besonderen Mutterhaus-Geschichte im Naemi-Wilke-Stift, das bereits 2008 mit dem Diakonissenvermächtnis markiert worden ist. Dies war Anlass für den Vorstand, nunmehr auch dieses Buch zu beauftragen. Geschichte kann verschieden geschrieben werden. Der Stiftsvorstand ist der Idee des Autors gefolgt, diese Geschichte der weiblichen Diakonie im einzigen Diakonissenmutterhaus der ehemaligen Ev.-luth. Kirche in

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Preußen biografiegeschichtlich zu verfassen. Die Aktenlage im Stift ist so aussagekräftig, dass aus den persönlichen Unterlagen der Diakonissen ein Bild individueller Motive gezeichnet werden kann. Wir denken, dass damit die Darstellung der Mutterhausgeschichte Kaiserswerther Tradition besser nachvollzogen werden kann. Die Geschichte auch dieses Mutterhauses besteht letztlich aus den Geschichten der einzelnen Frauen, die sich für diesen Lebensweg an diesem Ort entschieden haben. Wir danken Herrn Wolfgang Rose als Autor für seine bundesweite Recherchearbeit und das Verfassen des nun vorgelegten Buches. Wir danken Frau Dr. Kristina Hübener (Potsdam) für die unermüdliche Unterstützung des Projektes und die Drucklegung beim be.bra wissenschaft verlag. Die nun hier vorliegende Veröffentlichung ist zugleich literarischer Dank an die vielen Frauen, die mit ihrer Glaubens-, Lebens- und Dienstgemeinschaft eine Segensgeschichte gestaltet haben, von der die Stiftung bis heute zehrt. Und es ist ein Dank an den dreieinigen Gott, der Frauen in diesen Dienst für andere berufen hat. Möge das zugleich ein Impuls für heute sein, sich dem Ruf Gottes für das eigene Leben zu stellen. Wir wünschen dem Buch viele interessierte Leser! Der Stiftsvorstand Pfr. Stefan Süß Rektor

Gottfried Hain Verwaltungsdirektor

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Der Entschluss

»Der Herr aber helfe mir, daß ich an Andern übe was er an mir gethan und meinen Nächsten liebe, gern diene jedermann ohn Eigennutz und Heuchelschein und, wie er mir erwiesen, aus reiner Lieb allein.«1

Mit diesen, leicht abgewandelten Versen aus einem alten Kirchenlied endet das Bewerbungsschreiben der 28-jährigen Marie Stapel für die Aufnahme in das Diakonissenmutterhaus des Naemi-Wilke-Stifts in Guben.2 Sie sind Teil ihrer Antwort auf die Frage, warum junge Frauen sich für den Lebensweg als Diakonisse entschieden. Der Entschluss, in ein Diakonissenmutterhaus einzutreten, war nicht nur eine Berufswahl. Wer sich dafür entschied, wählte einen bestimmten Lebensentwurf; eine Gemeinschaft unverheirateter Frauen, die sich dem Dienst an Hilfsbedürftigen aller Art »weder um Lohn noch um Dank«3 verschrieben hatte und deren Zusammenleben stark von den Regeln einer gemeinsamen Glaubenspraxis geprägt war. Beides strukturierte den Alltag und damit auch die Biografien der Mitglieder dieser Glaubens-, Dienst- und Lebensgemeinschaft.4 In den Hochzeiten der Mutterhausdiakonie, von Mitte des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts, gab es Tausende Diakonissen. Nicht nur in protestantisch geprägten Gebieten war es alltäglich, ihnen auf der Straße zu begegnen, an manchen Orten, wie Krankenhäusern, Kindergärten und Altenheimen, erwartete man geradezu, Schwestern in ihrer typischen Tracht anzutreffen. Und doch war die Entscheidung, Diakonisse zu werden, immer eine Ausnahme unter den möglichen Optionen, war es immer eine Minderheit junger Frauen, die diese Entscheidung traf. Der Charakter dieser Ausnahme änderte sich im Lauf der Zeit. Bestand in den ersten Jahrzehnten das Ungewöhnliche eher darin, dass man sich gegen die Rolle als Hausfrau und Mutter entschied, die für die Masse der Frauen so festgeschrieben schien wie ein Naturgesetz, so erstaunte in der Endzeit der Mutterhausdiakonie wohl eher die Tatsache, dass man gerade diese Lebensform wählte, obwohl es inzwischen deutlich mehr Möglichkeiten, vor allem für die berufliche Entwicklung von Frauen, gab. Es musste also eine besondere Motivation sein, die die Wahl beeinflusste. In Marie Stapels Zitat, niedergeschrieben zu Beginn des 20. Jahrhunderts, erscheinen zwei eng miteinander verbundene Gründe, die über

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Zug der Schwesternschaft nach dem Gottesdienst zum Jahresfest im Stift, ohne Datum.

den gesamten hier betrachteten Zeitraum in ähnlicher Weise als wesentlich genannt wurden: Frömmigkeit und Nächstenliebe. Wollte man in eine Gemeinschaft aufgenommen werden, die sich explizit als religiös verstand, in einer Einrichtung des christlichen »Liebesdienstes« wirken, dann waren Frömmigkeit und Nächstenliebe erwartbare Begründungen für den beabsichtigten Schritt – und zwar nicht nur in Bezug auf die Beitrittswilligen, sondern auch mit Blick auf diejenigen, die über die Aufnahme entschieden. Vermutlich wählten deshalb die Frauen in ihren Lebensläufen, mit denen sie sich bewarben, auch Formulierungen, von denen sie annahmen, dass sie beim Vorstand des Naemi-Wilke-Stifts auf Wohlwollen treffen würden. Das diskreditiert indes nicht die Aufrichtigkeit der Bewerberinnen, sondern lässt ahnen, dass wahrscheinlich noch andere Beweggründe eine Rolle gespielt haben dürften, weil sich die persönlichen Entscheidungen eines Menschen zumeist aus vielen verschiedenen Komponenten zusammensetzen. Insofern ist auch der Begriff »Entschluss« nicht als einmaliger Akt aufzufassen. Vielmehr dürfte es sich in der Regel um einen Prozess gehandelt haben, in dem ganz unterschiedliche Faktoren zu dem Moment führten, in dem die Frauen zum Stift griffen, um ihren Lebenslauf als Teil der Bewerbungsunterlagen für das Mutterhaus aufzuschreiben:5 von der sozialen Herkunft über die familiäre Situation

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und die Verankerung in der Religionsgemeinschaft bis hin zu persönlichen Erlebnissen, Erfahrungen und Erkenntnissen unterschiedlichster Art. Im historischen Rückblick ist nur eine Annäherung an die Komplexität der individuellen Beweggründe möglich, indem aus den überlieferten Quellen die Umstände rekonstruiert werden, unter denen der Entschluss reifte, Dia­ konisse zu werden.

Auszug aus dem ­Lebenslauf von ­Marie Stapel, 1900.

Die ersten Jahre Für die Frühzeit des Naemi-Wilke-Stifts lassen sich dazu kaum Aussagen treffen. Die nach seiner verstorbenen Tochter benannte mildtätige Stiftung des Gubener Hutfabrikanten Friedrich Wilke (1829 –1908) war 1878 mit der Gründung eines Kinderkrankenhauses ins Leben gerufen worden.6 Von Beginn an waren es wesentlich Diakonissen, die dort und in dem ein Jahr später gegründeten Kindergarten die praktische Arbeit der Pflege und Betreuung verrichteten. Ein eigenes Mutterhaus entstand in Guben jedoch erst 1883. Bis dahin waren ausschließlich Schwestern aus dem Dresdener Mutterhaus der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens im Stift beschäftigt.7 Über Antonie Kollenk, Emma Krause, Emma Koar und Martha Weidauer liegen in Guben keine Originalquellen vor. Der 1913 begonnene Text des zweiten Mutterhaus-Vorstehers, Pastor Dr. Arnold Jacobskötter (1876 –1951), über die Anfänge des Naemi-Wilke-Stifts erwähnt lediglich ihre Namen und Probleme ihrer Tätigkeit in Guben, über die Motive ihrer Berufung zu Diakonissen sagt er nichts aus.8 Antonie Kollenk, die erste Di-

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Krankenpflegeunterricht in der Diakonissenanstalt Dresden, vor 1945.

akonisse überhaupt, die für Wilkes Stiftung tätig wurde, deutet in ihrem von der Diakonissenanstalt Dresden veröffentlichten Lebenslauf an, dass es nicht zuletzt der berufliche Misserfolg als Schneiderin war, der sie zum Eintritt in eine Schwesterngemeinschaft bewog.9 Luise Hornung (1825–1908), die erste Oberin nach der Gründung des Gubener Mutterhauses, kam ebenfalls aus Dresden. Ursprünglich stammte sie jedoch aus der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Preußen (ELKP). Nach der staatlich verordneten Union von Lutheranern und Reformierten in der preußischen Landeskirche waren lutherische Christen, die das gemeinsame Glaubensbekenntnis ablehnten, bis 1841 Repressionen ausgesetzt und konnten ihre religiöse Praxis zum Teil nur im Geheimen ausüben.10 Luise Hornungs Vater, ein Kaufmann aus Ratibor (Provinz Schlesien, heute Racibórz), hatte 1835 »aus Gewissensgründen« die unierte Landeskirche verlassen. Zu diesem Zeitpunkt war seine Tochter zehn Jahre alt und erlebte somit als Kind noch die sogenannte Verfolgungszeit. So soll sie 1839 nachts in einer Privatwohnung eingesegnet worden sein, weil man »die Verhaftung des luth. Pastors« fürchtete.11 Erst ab 1845 konnten sich die »Altlutheraner« genannten Gläubigen in einer eigenen, vom preußischen Staat unabhängigen Bekenntniskirche organisieren. Für das Mutterhaus des Naemi-Wilke-Stifts war die Herkunft seiner ersten Oberin ver-

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Sr. Luise Hornung, erste Oberin des Gubener Mutterhauses (1883–1889).

mutlich ein wichtiger Identifikationsfaktor, denn die Einrichtung entstand im Umfeld genau jener kleinen altlutherischen Freikirche. Friedrich Wilke war aktives Mitglied ihrer Gubener Gemeinde und verortete seine Stiftung in konfessioneller Hinsicht innerhalb der ELKP. Dieser Status wurde 1888 nach langwierigen Verhandlungen mit der zentralen Kirchenleitung, dem Oberkirchenkollegium in Breslau, offiziell bestätigt.12 Auch über Luise Hornungs Gründe, das Leben einer Diakonisse zu wählen, kann nur gemutmaßt werden, immerhin finden sich dazu jedoch Hinweise und Andeutungen. Zunächst fällt die Tatsache ins Auge, dass sie erst relativ spät, im Alter von 38 Jahren, in diesen Beruf eintrat. Jacobskötter macht dafür »viele äußere Hindernisse« verantwortlich, ohne sie näher zu benennen. Er geht aber davon aus, dass Luise Hornung schon länger dazu »innerlich entschlossen« gewesen sei und er erwähnt, ganz selbstverständlich und wiederum ohne näher darauf einzugehen, ihre Frömmigkeit als Hauptmotiv für die Entscheidung, denn sie habe »dem Herrn für seine Liebe mit ihrem ganzen Leben danken« wollen.13 Jacobskötters Deutung beruht hier, im Unterschied zum größten Teil seines historischen Textes, offenbar nicht auf ihm vorliegenden Quellen, sondern auf einer gedruckten Lebensbeschreibung Luise Hornungs, die vom Dresdener Mutterhaus nach ihrem Tod herausgegeben wurde und die etwa zur Hälfte aus ihrem selbstverfassten Lebenslauf bis zum Eintritt in die Diakonissenanstalt besteht.14 Alle Aussagen über ihre Berufungssituation stützten sich somit auf biografische Selbstdeutungen Luise Hornungs, die schon lange dem Erwartungshorizont ihres Mutterhauses angepasst waren.15 Hinzu kommt die Bedeutung der Gründungsoberin für die historische Selbst-Legitimation des evangelisch-lutherischen Diakonissenmutterhauses in Guben. Sie war nicht nur durch ihre Zeugenschaft der Verfolgungszeit eine Garantin der konfessionellen Ausrichtung des Hauses, sondern galt auch als Vorbild im Sinne der von den Schwestern erwarteten Frömmigkeit. Offene Fragen an ihre Biografie wurden in dieser Deutung ausgeklammert; etwa ob ihr spä-

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ter Entschluss, der weiblichen Diakonie beizutreten, tatsächlich ein lange gehegter, nur durch widrige äußere Umstände verhinderter Wunsch gewesen war. Möglich ist, wenn man das Ehrengedächtnis selbst als Grundlage nimmt, auch die Interpretation, dass genau diese Umstände andere Lebensperspektiven Luise Hornungs mit der Zeit zunichte gemacht hatten, sodass ihr am Ende nur der Diakonissenberuf als Ausweg blieb.16 Auch das Problem, dass sie nicht selbst in das Gubener Mutterhaus ihrer »heimischen luth. Kirche«17 eintrat, sondern Mitglied des Dresdener Mutterhauses blieb, in das sie 1889 zurückkehrte, wurde nicht weiter thematisiert. Während der Amtszeit Luise Hornungs waren noch weitere Dresdener Diakonissen, teilweise vertretungsweise, in Guben tätig, so Luise Oppenheim, Amalie Köhler und Anna Metzler.18 Außerdem traten einige junge Frauen aus der altlutherischen Kirche und aus evangelisch-lutherischen Landeskirchen der neuen Mutterhausgemeinschaft bei. Als erste Aspirantin begann Anna Seifert aus Zielenzig (Provinz Brandenburg, heute Sulęcin) am 15. Juli 1883 ihre »Schwesternlaufbahn«.19 Außer von ihr berichtet Jacobskötter von neun weiteren Neuzugängen bis 1888. Lediglich für eine dieser Frauen erschließt sich aus dem Text ein Eintrittsmotiv, das jedoch abseits des offiziellen Erwartungshorizontes liegt. Die 28-jährige Elisabeth von Steinsdorff wurde am 28. Januar 1887 in das Mutterhaus aufgenommen. Sie war »das mindest begabte Kind der Frau General von Steinsdorff in Kassel« und hatte bereits acht Jahre im Mutterhaus Neuendettelsau zugebracht, wo es ihr jedoch nicht gelungen war, Diakonisse zu werden. Die Aufnahme in Guben erfolgte trotz der »gegen ihre Tauglichkeit bestehenden Bedenken« mit der Begründung, ihre Fähigkeiten hätten sich so entwickelt, dass die Hoffnung bestehe, »sie werde sich doch dazu eignen«.20 Hier standen also weder Frömmigkeit noch Nächstenliebe im Vordergrund, vielmehr ging es um die einigermaßen standesgemäße Versorgung einer offenbar nicht zu verheiratenden Angehörigen des Adels.

Rahmenbedingungen Mit dem Amtswechsel von Luise Hornung zur neuen Oberin Clementine Hennig (1839 –1903) im Herbst 1889 endete die Gründungsphase des Diakonissenmutterhauses in Guben. Nunmehr begann ein Zeitabschnitt, der von Konsolidierung und Wachstum der Schwesterngemeinschaft gekennzeichnet war.21 Auch die Art der überlieferten Quellen änderte sich. Die historische Darstellung Arnold Jacobskötters, die ursprünglich wohl weitergeführt werden sollte, kam über das erste Kapitel nicht hinaus. Das letzte darin berichtete Ereignis fand Ostern 1889 statt. Zur Beantwortung der Frage, welche Faktoren für den Entschluss Diakonisse zu werden eine

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Oberin Clementine Hennig (1889 – 1903).

Rolle spielten, eröffnet sich jedoch nun mit den Personalakten der Schwestern ein völlig neuer Quellenbestand. Aus ihm können viel direkter als aus den Informationen zweiter Hand, die Jacobskötters Bericht zur Verfügung stellt, individuelle Motivationen der Frauen rekonstruiert werden, die sich entschieden, dem Gubener Schwesternkreis beizutreten. Hierbei sind vor allem die überlieferten Lebensläufe von Bedeutung. Hinzu kommen Zeugnisse von Heimatpfarrern der Einrittswilligen, Einschätzungen der Hausleitung des Naemi-Wilke-Stifts sowie retrospektive Äußerungen älterer Diakonissen mit Blick auf ihre eigenen Biografien.22 Die Personalakten umfassen den gesamten Zeitraum von 1889 bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts und damit nicht nur die Amtszeiten von vier Oberinnen und einer leitenden Schwester sowie von fünf Pastoren, die jeweils gemeinsam den Hausvorstand bildeten, sondern auch fünf politische Systeme, zwei Weltkriege sowie die Systemkonfrontation des Kalten Krieges und schließlich sowohl die Blütezeit als auch den Niedergang der Mutterhausdiakonie. Eine Zeit so rascher und tiefgreifender Veränderungen wirft die Frage auf, ob sich diese Wechsel auch in den Beitrittsmotivationen zum Mutterhaus des Naemi-Wilke-Stifts niederschlugen. Grundsätzlich lassen sich für den gesamten Zeitraum zwei fortwirkende Rahmenbedingungen feststellen, innerhalb derer der jeweils individuelle Entschluss gefasst wurde: Das war zum einen der soziale Wandel, der eine Zunahme und Ausdifferenzierung der Möglichkeiten für Frauen mit sich brachte, einen Beruf zu erlernen. Das Gubener Mutterhaus war eine späte Gründung innerhalb der Mutterhausbewegung. Zählten die ersten Diakonissenanstalten wie Kaiserswerth (gegründet 1836), Dresden (gegründet 1844) oder Neuendettelsau (gegründet 1854) noch »zu den wenigen Einrichtungen, die Frauen eine fundierte Ausbildung und lebenslange Berufstätigkeit ermöglichten«23, so begann sich das Bild am Ende des 19. Jahrhunderts bereits zu ändern. Im Zuge der stürmischen Modernisierungsprozesse, die die erweiterte Jahrhundertwende (1880 –1930) kenn-

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zeichneten,24 wurden nicht nur immer mehr proletarische Frauen in den industriellen Produktionsprozess einbezogen, sondern es entstanden – vor allem über die bürgerliche Frauenbewegung vermittelt – neue weibliche Berufsbilder, vorrangig im sozialen und pädagogischen Bereich, die in traditionellen Arbeitsfeldern direkt mit den Diakonissen konkurrierten. Die Zunahme an Alternativen limitierte die Zahl derer, die sich dennoch für ein Leben im Mutterhaus entschieden. Neben dieser, die gesamte weibliche Diakonie betreffenden gab es noch eine weitere Begrenzung, die speziell den Zugang zum Gubener Mutterhaus regulierte: Es war dessen konfessionelle Ausrichtung und Anbindung an die altlutherische Freikirche. Eine Frau musste evangelisch-lutherischen Glaubens sein und vorzugsweise der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Preußen bzw. ihrer Nachfolgeorganisation oder einer Landeskirche mit diesem konfessionellen Charakter angehören, ehe sie überhaupt auf den Gedanken kommen konnte, möglicherweise Diakonisse in Guben zu werden. Bei der geringen Mitgliederzahl der Mutterkirche und angesichts der Tatsache, dass im Bereich der konfessionsverwandten Landeskirchen in der Regel eigene, ältere und größere Mutterhäuser bestanden, war die Zahl der möglichen Interessentinnen von vornherein außerordentlich beschränkt.

Frömmigkeit und Nächstenliebe Das Motiv-Paar Frömmigkeit und Nächstenliebe erscheint über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg in Begründungen für den Entschluss Diakonisse zu werden.25 Es zeigt sich jedoch wie am Beispiel der eingangs erwähnten Marie Stapel, dass in der Regel ein komplexes »Motivationsbündel« zu diesem Entschluss führte:26 Anna Maria Elisabeth, genannt Marie Stapel, wurde am 1. Juli 1872 in Eininghausen (Westfalen) geboren.27 Ihr Vater, Johann Heinrich, war Landwirt. Für die Mutter, Anna Maria Sophie, wird keine Berufsbezeichnung genannt, sie besorgte offenbar den Haushalt und half in der Landwirtschaft, wie aus dem weiteren Lebenslauf hervorgeht. Marie, die älteste Tochter der Familie Stapel, hatte insgesamt sechs Geschwister, von denen zwei bereits im Kleinkindalter starben. Von ihrem siebten Lebensjahr an besuchte sie die Volksschule in Börninghausen, die sie 1886 knapp 14-jährig verließ. Sie musste, da die Mutter offenbar chronisch erkrankte, den elterlichen Haushalt übernehmen und arbeitete in der Landwirtschaft mit. »Doch hegte ich schon heimlich den Wunsch, sobald es die Verhältnisse erlaubten, nicht nur zu dienen um irdischen Lohn, sondern um des Herrn willen«, schreibt sie in ihrem Lebenslauf. Der Lebensentwurf und das Berufsbild »Diakonisse« waren zu diesem Zeitpunkt, ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung, als Möglichkei-

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Altar der Kirche Des Guten Hirten in Guben, vor 1980.

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ten weiblicher Biografien bereits fest etabliert. Seit 1883 konnten Frauen aus altlutherischen Gemeinden in ein »eigenes« Mutterhaus eintreten. Pastor Friedrich Biehler (1835–1913), der erste Seelsorger der Gubener Schwestern, hatte im November 1884 erstmals für die kleine Diakonissenanstalt im Kirchenblatt geworben und später immer wieder von deren Arbeit berichtet.28 Vermutlich hatte auch der Pfarrer der altlutherischen Gemeinde in Schwenningdorf, zu der Eininghausen gehörte, Pastor Carl Kötz (1856 –1921), von der Einrichtung in Guben erzählt.29 Vielleicht wollte Marie diese Möglichkeit nutzen, nicht nur um Gott zu dienen, sondern auch, um eben jenen »Verhältnissen« zu entkommen, die ihrem Ziel entgegenstanden. Die junge Frau habe »unter manchmal schwierigen Verhältnissen […] ihre Pflicht gethan«, schrieb der neue Gemeindepfarrer, Pastor Johannes Ziemer (1870 –1956), in einem Zeugnis für Marie, ohne konkreter auf ihre Lebensumstände einzugehen, und dass sie ihm gegenüber schon früher den Wunsch geäußert habe, »sich im Diakonissenberufe dem Herrn zu Dienst zu geben«.30 Zunächst war die Realisierung dieses Wunsches jedoch im Jahr 1891 durch den Tod ihrer Mutter in weite Ferne gerückt, weil sie ihre ›Pflicht‹ als Hausfrau tun musste. Erst als 1893 ein Bruder heiratete und somit eine neue Frau in die Familienwirtschaft eintrat, eröffnete sich eine Chance für Maries Pläne. Doch ihr Vater, dem sie inzwischen ihr Vorhaben offenbart hatte, weigerte sich, seine Zustimmung zu geben. Damit war ihr der erhoffte Weg erneut versperrt. Obwohl sie inzwischen 21 Jahre alt war, unterstand sie weiterhin der väterlichen Vormundschaft. Die Gründe für die Haltung Heinrich Stapels sind nicht klar. Er litt an einem langwierigen »Beinschaden«, der schließlich zur Amputation des linken Beines führte. Allerdings ist die Vermutung, dass er nicht auf die Pflege durch seine Tochter verzichten wollte, nicht stichhaltig, denn offenbar willigte er ein, als Marie beschloss, sich »zu vermieten« und eine Stellung als Hausmädchen bei einer Lübecker Familie anzutreten, wodurch sie ebenfalls den elterlichen Hof verlassen hätte. Möglicherweise hoffte er, im Sinne einer durchaus üblichen Strategie der »Lebensversicherung«, seine Tochter noch verheiraten zu können, eine Option, die mit dem Ergreifen des Diakonissenberufs nicht mehr gegeben war. »… aber der Herr hatte es anders beschlossen, er spricht: meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und meine Wege sind nicht eure Wege«, fährt Marie Stapel in ihrem Lebenslauf fort. Noch bevor sie die Stelle in Lübeck antreten konnte, erlitt sie bei landwirtschaftlichen Arbeiten einen Unfall und musste sich monatelang, zuletzt im Frühjahr 1894, in Krankenhausbehandlung begeben. »Da sah ich die viele Arbeit und Not und gelobte es meinem Herrn aufs neue, sofern er mir die Gesundheit wieder schenkte, mich auch dem Beruf der Krankenpflege zu widmen. Seitdem habe ich noch jedes Jahr eine Badekur durchgemacht und hoffe nun [im

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März 1900 – W.R.] endlich mit Gottes Hülfe meinen sehnlichen Wunsch erfüllen zu können. Und da mein Vater seine Einwilligung gegeben hat,31 so wende ich mich hiermit an das Gubener Diakonissen-Haus mit der Bitte, mich wenn möglich als Diakonisse aufzunehmen.« Der Lebenslauf endet mit den eingangs zitierten Liedzeilen. Neben den religiös motivierten Begründungen lassen sich in diesem Text weitere Einflüsse finden, die zur Entschlussfindung Marie Stapels beitrugen. Implizit, das heißt, ohne dass sie ausdrücklich als Gründe für die Entscheidung genannt werden, scheinen die schweren Lebensbedingungen von Frauen in ländlichen Gemeinschaften am Ende des 19. Jahrhunderts eine Rolle zu spielen: Sie waren in wirtschaftlicher Hinsicht von ihren Vätern, Brüdern oder Ehemännern abhängig, mussten harte Arbeit im bäuerlichen Familienbetrieb leisten und zugleich den Haushalt besorgen. Als Ehefrauen bekamen sie meist zahlreiche Kinder, wobei das Risiko, bei einer Geburt zu sterben, für Mutter und Kind ungleich höher war als heute, ebenso wie die Kindersterblichkeit.32 Zu den physischen und psychischen Belastungen eines Landfrauenlebens kam ein hoher Grad an sozialer Kontrolle in den weitgehend auf persönlichen Beziehungen basierenden ländlichen Gesellschaften. Es ist nicht verwunderlich, dass manch eine junge Frau den »Folgen der Enge und Stagnation des Zweitrangigen, der Intoleranz, des SichAufspielens, des unentrinnbaren kollektiven Zwangs, der scheinheiligen Beobachtung und verborgenen Tyrannei« zu entrinnen suchte, die das Leben in ländlich geprägten Gebieten mit sich brachte.33 Die 23-jährige Bauerntochter Bertha Stieg aus Groß Jestin (Provinz Pommern, heute Gościno) äußerte in ihrem Lebenslauf, nachdem sie ihre Kindheit und ersten Arbeitsjahre nach der Schulentlassung auf dem Lande geschildert hatte, ganz offen, dass sie es »auch in der Großstadt versuchen« wollte und daher eine Stellung in Stettin annahm. Nach halbjährigem Aufenthalt in der pommerschen Metropole fasste sie den »festen Entschluß […] in die Diakonissenanstalt einzutreten«. Anders als Marie Stapel, bei der dieses Motiv den gesamten Bewerbungstext durchzieht, erklärt Bertha Stieg erst am Ende ihres 1904 verfassten Lebenslaufes, sie habe sich in ihrem

Die letzten Zeilen aus dem Lebenslauf von Marie Stapel, 1900.

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bisherigen Berufsleben »nicht so ganz dem Herrn widmen können« und bedient, indem sie das Thema Frömmigkeit aufruft, den Erwartungshorizont des Mutterhauses.34

Konfessionalität als Eintrittsmotiv In anderen Begründungen erfahren Frömmigkeit und Nächstenliebe eine konfessionelle Wendung. Die 1885 in Liegnitz (Provinz Schlesien, heute Legnica) geborene Maria Kügler nahm nach der Volksschule zunächst eine Stellung als Dienstmädchen an. Da ihre Eltern ebenfalls dort arbeiteten, begann sie später als Gehilfin in den »Schreiberhau-Diesdorfer Rettungsund Idiotenanstalten« in Schreiberhau im Riesengebirge (heute Szklarska Poręba) zu arbeiten. »Hier im Dienst der Liebe an den Schwachen entstand in mir der Wunsch, mein ganzes Leben dem Herrn Jesu in den Dienst an seinen kranken Brüdern und Schwestern zu stellen, und zwar wäre mein innigster Wunsch, als Diakonissenschwester mich ausbilden zu lassen. Als lutherisches Glied würde ich sehr gern nach meiner Eltern und meinem Wunsch in ein lutherisches Diakonissen-Mutterhaus aufgenommen werden wollen«, betonte sie.35 Clementine Hennig, die aus einer Familie der höfischen Gesellschaft im thüringischen Fürstentum Reuß jüngerer Linie stammte und als Diakonisse in Neuendettelsau ausgebildet worden war, tauschte aufgrund ­konfessioneller Erwägungen die Leitung des Pflegepersonals im städtischen Krankenhaus in Elberfeld mit dem Oberinnen-Amt in Guben. »Aus einem großen Wirkungskreise trat sie hiermit in einen auch den äußerlichen ­Bedingungen nach sehr geringen«, bemerkte Pastor Friedrich Biehler in seinem Nachruf auf Hennig, und weiter: »Zu dieser Tat der Selbstverleugnung bewegte sie nach ihrer eigenen Äußerung nur, daß sie in mehr kirchliches Leben kommen wollte, als es in ihrem früheren Berufe möglich war.«36 Konfessionelle Begründungen für den Eintritt in das Mutterhaus des Naemi-Wilke-Stifts treten auch in späteren Phasen seiner Geschichte auf. Wilhelmine Rode schloss im Januar 1930 ihre Bewerbung mit den Worten: »Aber ich bin doch luth. erzogen und konfirmiert, habe meiner Kirche Treue gelobt, und bleibe nun auch dabei.«37 Elisabeth Pfeiffer floh im Januar 1945 mit ihren Eltern, die eine Landwirtschaft in Züllichau (Provinz Brandenburg, heute Sulechów) betrieben hatten, vor der heranrückenden Roten Armee. Auf der Flucht starb ihr Vater, sie zog noch im selben Jahr mit der Mutter nach Strausberg, wo sie Arbeit fand, die sie aber nicht befriedigte. »Mein sehnlichster Wunsch war, einmal in der Gemeinde für unsere liebe luth. Kirche zu arbeiten«, schrieb die inzwischen 28-Jährige

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Sr. Elisabeth ­Pfeiffer, 1954.

im Januar 1948 in ihrem Lebenslauf. »Nicht die Liebe zur Krankenpflege zog mich, sondern lediglich der Dienst an den Gemeinden und der innige Wunsch, daß auch unsere Jugend zu unserem Heiland finden möge und ich an diesem Werk mithelfen darf.«38

Krankheit als Berufungserlebnis Bemerkenswert an dieser Begründung ist die explizite Verneinung eines Eintrittsmotivs, das neben dem Frömmigkeits-Aspekt und aufgrund seiner Beziehung zur Idee der Nächstenliebe sicher zu den besonders legitimen Begründungen gehörte: Es ist der Wunsch, einen Pflegeberuf zu ergreifen. Die größte Einrichtung innerhalb des Naemi-Wilke-Stifts war ein Krankenhaus. 1884 wurde die ursprüngliche Konzession als Kinderkrankenhaus um den Betrieb von Erwachsenenabteilungen erweitert. Im Jahr 1898 kam, wesentlich von der Oberin Clementine Hennig initiiert,39 offiziell als neuer Aufgabenbereich die Pflege von Kindern mit geistigen Behinderungen im sogenannten Blödenhaus des Stifts hinzu. Frauen, die ihre berufliche Aufgabe in der Betreuung und Pflege von kranken und behinderten Menschen sahen, waren also höchst willkommen. Diese Erwartungshaltung korrespondierte mit den Vorstellungen, die die meisten Bewerberinnen vom Diakonissenberuf hatten – die Pflege Schwacher und Hilfsbedürftiger wurde stets als Kern der praktischen diakonischen Arbeit propagiert und war bei den potenziellen Adressatinnen entsprechend verinnerlicht.40 In der biografischen Selbstdeutung der Frauen war die eigene Hinwendung zu dem Wunsch, eine pflegende Tätigkeit auszuüben, oft mit persönlichen Erlebnissen von Krankheit und Tod verbunden. So auch bei Marie Stapel: Angesichts der verweigerten Zustimmung des Vaters sollte man meinen, dass die langwierigen gesundheitlichen Folgen ihres Unfalls zur endgültigen Aufgabe ihres Lebensziels

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Pfleglinge des Naemi-Wilke-Stifts, um 1930. Sr. Marie Stapel arbeitete jahrelang (bis 1933) im Pfleglingsheim.

geführt hätten. Das Gegenteil war jedoch der Fall; gerade das am eigenen Leib erlebte Leiden und die selbst erfahrene pflegende Hilfe bestärkten sie darin. Die Tatsache, dass offenbar Mangel an Pflegekräften herrschte, diente argumentativ als Verstärkung ihres Beitrittsgesuchs.41 Ähnliche Muster finden sich bei anderen Gubener Schwestern, wobei als Berufungserlebnis nicht nur eigene Krankheiten, sondern auch die nahestehender Personen erwähnt werden. Martha Paternoster etwa, 1885 in Züllichau geboren, half nach dem Besuch der Volksschule zunächst im bäuerlichen Haushalt der Eltern, »da es auf der großen Wirtschaft viel zu tun gab«. »In meinem 19. Lebensjahr erwachte in mir das Verlangen nach schwerer Krankheit meiner Mutter Diakonisse zu werden«, berichtete sie. Sie sollte aber bis zur Konfirmation ihrer jüngsten Schwester im Haus bleiben, damit diese dann ihre häuslichen Pflichten übernehmen konnte. Doch auch in ihrem Fall gelang, trotz der elterlichen Zustimmung, der Übergang aus dem ländlichen Milieu in den Pflegeberuf nicht problemlos, denn 1907 starb ihr Vater. »Da aber nach dem Tode meines l[ieben]. Vaters die Leitung der Wirtschaft auf den Schultern meiner l. Mutter ruhte. Hielt ich es für meine Pflicht bis jetzt bei meiner l. Mutter zu bleiben. [sic]«42 Erst zwei Jahre später, als ihre Schwestern alt genug waren, konnte Martha Paternoster die Aufnahme in das Gubener Mutterhaus beantragen.

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Maria Jerrentrup aus dem hessischen Sachsenberg hatte ein schweres Gallenleiden einschließlich eines langen Krankenhausaufenthaltes nach einer Operation hinter sich, als sie sich im November 1930 in Guben bewarb, und benannte ihr eigenes Erleben als den letztendlichen Auslöser ihres Entschlusses: »Nicht immer war es mein Wunsch einmal Diakonisse zu werden, früher hab ich gemeint, ich würde das nie können, ich könnte nicht Blut und Wunden sehen. Aber seit ich selbst so wund und elend in der Klinik lag erbarmts mich eines jeden, den ich elend weiß und bin bereit alles für ihn zu tun.«43

Werbung Eine weitere Verknüpfung erscheint in der Aussage der 1873 geborenen Pauline Quitschalle aus dem schlesischen Marschwitz (heute Marszowice), die sich 1897 unter anderem mit dieser Begründung bewarb: »Da ich schon bereits geschrieben habe, daß dies schon lange meines Herzens Wunsch gewesen ist, dem Heiland zu dienen an seinen Armen und Kranken, so will ich nur noch erwähnen, daß mir insbesondere die Mahnungen im Kirchenblatt immer sehr zu Herzen gingen.«44 Nachwuchskräfte für die Diakonissenschaft wurden also auch aktiv unter der weiblichen Jugend der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Preußen geworben. Pauline Quitschalles drei Jahre ältere Schwester Auguste beschrieb den Vorgang der Propagierung des Lebensentwurfs »Diakonisse« und den Zusammenhang zu ihrer eigenen Entscheidung genauer. Die dritte Tochter der Bauernfamilie Quitschalle war ab dem 16. Lebensjahr als Dienstmädchen zunächst in Breslau tätig. »Nun will ich noch erwähnen wie ich den Entschluß gefasst habe Diakonisse zu werden. Da es in Breslau bei unserer Kirche verschiedene Vereine giebt und auch ein Dienstmädchen Verein ist so schloß ich mich auch diesem an welchem ich beinahe 4 Jahre beiwohnte. Das waren immer sehr schöne Stunden denn Herr Sup[erintendent]. Rocholl und später Herr Pastor Hinz erzählten uns sehr viel von unserer lieben Kirche. Ersterer auch sehr viel vom Diakonissenhaus zu Guben welches mir bis dahin noch wenig bekannt war. Besonders als ich diesen Verein das erste Mal besuchte beschäftigte er sich sehr damit. Er schilderte uns nämlich das ganze Diakonissenhaus und das Leben einer Diakonissin und erzählte auch, daß der Mangel an diesen sehr groß ist und auch der Wunsch groß, daß sich recht viele treue Arbeiterinnen melden möchten. Da ich zu diesem Beruf schon immer Neigung hatte faßte ich den Entschluß so bald ich es kann in dieses Diakonissenhaus einzutreten und dem Herrn mein Leben zu weihen, der so viel an mir gethan hat.«45 Mehr als drei Jahrzehnte nach diesen 1895 niedergeschriebenen Worten funktionierte der Mechanismus zur Werbung neuer Diakonissen noch

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Werbetext für das Mutterhaus in der stiftseigenen Zeitschrift Naemi, 1924.

ähnlich: Wilhelmine Rode, geboren 1907 in Samswegen bei Magdeburg, aufgewachsen in Ostfriesland und Mitglied der hannoverschen evangelischlutherischen Landeskirche, arbeitete Ende der 1920er-Jahre als Hausangestellte in einem evangelischen Pfarrhaushalt bei Köln, hielt aber Kontakt zur dortigen Gemeinde der ELKP. Nach einer Jungfrauenfreizeit in Witten im Ruhrgebiet, bei der Arnold Jacobskötter über die Arbeit des Gubener Mutterhauses berichtet hatte, nahm sie eine Stellung in der Nähe der Wittener evangelisch-lutherischen Gemeinde an.46 »Dieses verspüre ich jedesmal bei einem Vortrage, so z. B der an uns Wittener Freizeitler­innen […] von Ihnen gehalten wurde, oder auch wie vor Jahren bei der Besichtigung der Kaiserswerther Anstalten, doch auch ein klein wenig sich im Dienste Jesu zu stellen und ein kleines Opfer zu bringen«, schrieb sie an Jacobskötter. »Und so will ich es denn mit Gottes gnädige [sic] Hilfe einmal versuchen, und hoffe ich der liebe Heiland kann und wird mich wohl dazu ausrüsten.«47 »Durch einen Aufruf des Gubener Mutterhauses« erfuhr die bereits erwähnte Elisabeth Pfeiffer 1947 von dem Bedarf an Diakonissen und wandte sich dorthin.48 Etwa um die gleiche Zeit begann auch die 20-jährige Adelheid Hahn aus Krempendorf in der Prignitz, ihren Dienst als Diakonisse in Guben. Angeregt hatten diese Entscheidung die Erzählungen des früheren Breslauer Kirchenrates, Dr. Ernst Ziemer (1872–1949), der Patient

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im Naemi-Wilke-Stift gewesen war und nach der Flucht aus Schlesien jetzt in der Prignitz wirkte.49 In der Darstellung durch die spätere letzte Oberin des Mutterhauses wird ein Aspekt deutlich, der Voraussetzung einer erfolgreichen Werbung für den Diakonissenberuf war: Sie sei »noch […] auf der Suche« gewesen, wollte eigentlich Lehrerin werden, hatte aber als Kind einer evangelisch-lutherischen Familie Probleme mit der immer stärker werdenden weltanschaulichen Ausrichtung dieses Berufs in der Sowjetischen Besatzungszone. In dieser Situation der Suche traf sie auf den Kirchenmann, der offensiv für das von zunehmendem Nachwuchsmangel betroffene Mutterhaus warb, und begab sich letztendlich auf die in der Nachkriegszeit »umständliche Reise« nach Guben.50

Berufsausbildung und Arbeitsstelle Ein Aspekt, der besonders in Umbruchzeiten eine wichtige Rolle für die Wahl des Diakonissenberufes durch jüngere Frauen spielte, war die Erwartung, im Mutterhaus nicht nur eine »christliche Umgebung« vorzufinden, sondern auch eine gute Ausbildung zu erhalten. Dieses Argument spielte offenbar vor allem für die Eltern junger Frauen eine wichtige Rolle. So berichtet es Adelheid Hahn und so spiegelt es sich auch in den Quellen über Dorothea, genannt »Dorle« Gonschior wider, die sich ebenfalls 1948 um die Aufnahme im Mutterhaus des Naemi-Wilke-Stifts bewarb.51 Es war zunächst die Mutter der 17-jährigen Dorle, die Kontakt zum Stift aufnahm. Sie berief sich auf einen Aufruf des Mutterhauses in der Zeitschrift Der Lutheraner unter dem Titel »Kommt herüber und helft uns« und führte weiter aus, sie suche für ihre älteste Tochter »eine Ausbildungsstätte für einen Lebensberuf. Es liegt mir sehr viel daran, sie in der heutigen Zeit in christlicher Umgebung zu wissen. Meine Tochter hat große Lust zu Kinderpflege.«52 In knapper Form angedeutet finden sich hier Frömmigkeitsmotiv und der Wunsch pflegend tätig zu werden, angeregt durch entsprechende Werbung. Als wichtigstes Motiv erscheint jedoch die Möglichkeit, eine Berufsausbildung zu erhalten. Dass damit nicht unbedingt eine lebenslange Perspektive verbunden wurde, zeigt die Antwort auf ein Schreiben Arnold Jacobskötters, der der Mutter zugeraten hatte, Dorothea nach Guben zu schicken. »Wegen evtl. späteren Eintritt in den Diakonissenberuf kann sich meine Tochter noch selbst entscheiden, da sie ja jetzt noch nicht das vorgeschriebene Alter hat«, erklärte ihre Mutter vorsichtshalber.53 In dem selbst verfassten Lebenslauf der Aspirantin finden sich nicht einmal die noch von der Mutter gemachten Motivandeutungen. Der einzige begründende Satz lautet: »Es ist nun meiner Eltern und mein Wunsch, daß ich mich für einen Lebensberuf vorbereite.«54

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Für ältere Frauen war es weniger die Aussicht auf eine Ausbildung als vielmehr der Versuch, insbesondere in wirtschaftlich schwierigen Zeiten eine soziale Perspektive zu gewinnen: Elisabeth Schinke, 1911 in Lodz (Polen) geboren, verlor ihre Eltern noch während der Schulzeit. Sie fand Aufnahme bei einer Tante, wurde von dieser zur Schneiderin ausgebildet und arbeitete vor und nach dem Zweiten Weltkrieg in diesem Handwerk und als Büroangestellte. »Da die Verhältnisse in Berlin [im Jahr 1947 – W.R.] mich zwingen eine andere Tätigkeit aufzunehmen, ging ich zu Herrn Pastor H. Schröter [1909 –1974] und bat ihn um Rat. Auf sein Anraten hin, auch da ich selbst zur Erkenntnis durch die Wirren der Zeit gekommen bin, daß das schönste Leben dieses ist, Christus und dem Nächsten dienen, bewerbe ich mich um Aufnahme und Mitarbeit im Naemi Wilke Stift in Guben.«55 Das eigentliche Anliegen, eine Stellung zu finden, wird hier letztlich mit einer religiösen Begründung verstärkt. Diese Strategie schien für eine Frau, die kurz vor dem Erreichen der oberen Altersgrenze für die Aufnahme ins Mutterhaus stand, notwendig zu sein.

Noch einmal: Frömmigkeit und Nächstenliebe In den zuletzt dargestellten Begründungsversionen für den Entschluss, Dia­konisse zu werden, erscheint das Frömmigkeitsthema nur noch am Rande oder sehr offensichtlich als reine Bewerbungsstrategie. Diese schwache Stellung eines Motivs, von dem eigentlich zu erwarten wäre, dass es zentral für eine solche Lebensentscheidung war, verwundert zunächst. Das Fehlen der Frömmigkeit in Entschlussbegründungen war jedoch kein vereinzeltes Phänomen. Schon der 1908 entstandene Lebenslauf von Frieda Reimann aus Bromberg (Provinz Posen, heute Bydgoszcz), geboren 1883, enthält lediglich eine Aufzählung ihrer bisherigen Lebensstationen. Man erfährt daraus gar nichts über die Gründe, warum sie Diakonisse werden will.56 Nicht einmal das Frömmigkeitsmotiv wird aufgerufen. Ähnlich verhält es sich im Lebenslauf von Thusnelda Granz aus Witten im Ruhrgebiet, verfasst im Juli 1929. Die 20-Jährige schildert ihre schulische Laufbahn bis zum Erwerb des Abiturs, politische Ereignisse wie den Ersten Weltkrieg, die Revolution von 1918/19 oder die Ruhrbesetzung als »Ereignisse ernster […] Art«, die ihr Leben durchziehen sowie Freizeitaktivitäten, von denen die Mitgliedschaft im evangelisch-lutherischen Jungfrauenverein eine unter mehreren ist. Am Ende bittet sie den Vorstand des Naemi-Wilke-Stifts kurz und sachlich darum, sie im Herbst als Vorprobeschwester aufzunehmen. Thusnelda Granz lebte seit April 1929 als Haustochter im Haus von Arnold Jacobskötter.57 Der Vorsteher des Gubener Mutterhauses kannte sie also bereits persönlich, als sie ihren Antrag stellte,

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Glasfenster im Andachtssaal des Naemi-Wilke-Stifts von Regina Piesbergen, Lauendorf.

und wusste deshalb vermutlich, dass sie sich ursprünglich um eine Ausbildung als Missionslehrerin bei der Leipziger Missionsgesellschaft beworben hatte. Dort hatte man ihr jedoch geraten, sich zunächst als Diakonisse ausbilden zu lassen. Unter Jacobskötters Einfluss, so berichtet Thusnelda Granz mehr als 50 Jahre später, habe sie den Wunsch aufgegeben, in der Mission zu arbeiten, und sich stattdessen mit dem Diakonissenberuf vertraut gemacht.58 Dass sie trotz Fehlens jeglicher Begründung religiöser Art für ihren Entschluss aufgenommen wurde, mag noch durch die persönliche Bekanntschaft mit Jacobskötter erklärbar sein. Dies traf auf Martha Gehrt aus Ziezeneff (Provinz Pommern, heute Cieczeniewo) nicht zu. Sie hatte dem Stiftsvorstand im Jahr zuvor bündig mitgeteilt: »Ich bin jetzt 18 Jahre alt und habe den Entschluß gefaßt, Diakonisse zu werden.« Der Text des Lebenslaufs liefert nur wenige Fakten über ihr Leben als ältestes von acht Kindern des Schneidermeisters Wilhelm Gehrt und seiner Frau Anna, die während der Inflationszeit 1922/23 ihr Haus verloren und deshalb aus dem Brandenburgischen zu Verwandten nach Pommern ziehen mussten, wo sie sich mühsam eine neue Existenz aufbauten. Gründe für die Entscheidung zum Diakonissenberuf werden nicht genannt.59 Es stellt sich die Frage, was das Fehlen von näheren Begründungen für den Entschluss, den Diakonissenberuf zu ergreifen, insbesondere aber das

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oftmalige Fehlen eines Hinweises auf die religiöse Motivation, bedeutet. Offenbar war es ja möglich, sich in dieser Form nicht nur zu bewerben, sondern auch aufgenommen zu werden, denn überliefert sind nur Akten erfolgreicher Bewerbungen im Gubener Mutterhaus. Diese Tendenz bedeutet nicht, dass in den persönlichen Erklärungsmustern der Frauen das Frömmigkeitsmotiv verschwand. Der religiöse Kontext des Diakonissenberufes blieb während des gesamten Untersuchungszeitraums bestehen. Wer ihn wählte, hatte ohne Zweifel eine Verbindung zur Idee des christlichen Liebesdienstes. Möglicherweise war es gerade die Selbstverständlichkeit dieser Verbindung, die es nicht mehr erforderlich machte, sie offensiv in Bewerbungstexten zu thematisieren. Vereinzelt taucht sie nicht im Lebenslauf, sondern in einem Begleitschreiben der Bewerberin zu ihren Unterlagen auf.60 Trotzdem ist auch von einer Profanisierung des Berufsbildes auszugehen, insbesondere was seine rein praktische Seite, die zumeist pflegerische Tätigkeit bedeutete, anging. In diesem Bereich gab es andere Beschäftigungsmodelle, die die Mitgliedschaft in einer religiösen Gemeinschaft nicht mehr zwingend erforderten. Deren Konkurrenz versachlichte über die Vergleichbarkeit der Vor- und Nachteile wahrscheinlich die individuelle Begründung der Berufsentscheidung. Dass vonseiten der Mutterhausleitung nicht größerer Wert auf religiös motivierte Erklärungen gelegt wurde, ist wohl einerseits ebenfalls auf deren implizites Vorhandensein zurückzuführen. Eine Frau, die Diakonisse werden wollte, konnte nicht »unfromm« sein. Als Gewähr dafür reichten offenbar die Erwähnung der Zugehörigkeit zu einer evangelisch-lutherischen Kirche und die Leumundszeugnisse der Heimatpfarrer. Ein zweiter Grund ist hier jedoch in der zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft zu sehen, die letztlich dazu führte, dass die Bewerberinnenzahlen nie besonders hoch waren und schließlich zurückgingen. Das Bestehen auf religiösen Bekenntnissen der Bewerberinnen hätte zu einem Wettbewerbsnachteil in der beruflichen Konkurrenz geführt. Letztendlich dürfte dem Vorstand des Naemi-Wilke-Stifts klar gewesen sein, was auch in der vorliegenden Auswahl an Beispielen deutlich wurde: Es war nie ein einziger Grund, der die Wahl bestimmte.

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» ... der Dienst der Diakonie, das sind Jesu Hände« (Leseprobe)  

Als »Jesu Hände« begriffen die evangelisch-lutherischen Schwestern des Diakonissenmutterhauses im Gubener Naemi-Wilke-Stift ihre Tätigkeit d...

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