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Diktatur und Demokratie im 20. Jahrhundert, Bd. 3 Schriftenreihe der Forschungs- und Dokumentationsstelle des Landes Mecklenburg-Vorpommern zur Geschichte der Diktaturen in Deutschland Herausgegeben von Stefan Creuzberger Fred Mrotzek

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Christopher Dietrich

Kontrollierte Freiräume  Das Kabarett in der DDR ­zwischen MfS und SED

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Das Buch veröffentlicht eine Dissertationsschrift der Universität Rostock. Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2016 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebra-wissenschaft.de Redaktion der Reihe: Stefan Creuzberger, Fred Mrotzek, Rostock Redaktion des Bandes: Sabine Grabowski, Düsseldorf Lektorat: Ingrid Kirschey-Feix, Berlin Umschlag und Satz: typegerecht, Berlin Titelabbildung: Programmheft zu »An Mut sparet nicht noch Mühe«, Berliner Distel, 1986 (DtKabArchB, Rk/C/1,31) Schrift: Minion Pro 10,5/13,5 pt Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg ISBN 978-3-95410 -059-0 www.bebra-wissenschaft.de

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Inhalt

Einleitung 

11

Einführung in den Forschungsgegenstand 

12

Die Kabarettlandschaft in der DDR 

12

Repressionen und Zensurmaßnahmen 

20

Strukturen der MfS-Überwachung im Bereich Kultur 

23

Methoden

30

Forschungsstand 

34

Quellenlage 

40

Aufbau der Arbeit und Formalia 

45

Spezifik des sozialistischen Kabaretts: Theoretische Vorgaben und Bühnenrealität 

49

Geschichtsphilosophische Legitimation 

54

Neue Funktion in der sozialistischen Gesellschaft 

56

Thematische Gegenstände und Grenzen der Binnenkritik 

64

Künstlerische Mittel 

74

Theoretische Grundlagen der Zensur 

87

Fazit: Akzeptierte Widersprüche zwischen Theorie und Praxis 

90

Die Entwicklung des Berufskabaretts 

92

Schwerfällige Anfänge in der Ära Ulbricht (1953–1971) 

92

Kabarettboom unter Honecker (1971–1989) 

96

Kabarett im Fernsehen der DDR 

102

Autoren- und Kadermangel 

107

Institutionelle Einbindungen und Zensurverfahren 

110

Werkstatttage der Berufskabaretts 

117

Interessenvertretungen und Künstlergremien 

120

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Einsatz inoffizieller Mitarbeiter im Ensemble der Berliner »Distel« 

130

MfS-Kontakte der Kabarettdirektoren 

133

Inoffizielle Mitarbeiter der Anfangsjahre (1953–1965) 

134

»Distel«-Mitarbeiter im FIM-System »René« (1965–1989) 

142

Weitere inoffizielle Mitarbeiter im Ensemble (1975–1988) 

150

Fazit: Erkenntnisinteressen der Staatssicherheit 

154

Handlungsfelder von Kulturpolitik und MfS am Beispiel der »Leipziger Pfeffermühle« und der Magdeburger »Kugelblitze« 

160

»Leipziger Pfeffermühle« 

160

Programmverbote und Repressionen in der Ära Conrad Reinhold (1955–1957) 

161

Gescheiterte Stabilisierung: Die kurze Amtszeit von Direktor Hans Obermann (1958–1959) 

172

Strategien gegen den Zensurdruck – Horst Gebhardt (1960–1962) 

175

MfS-Ermittlungen zur Vergangenheit Edgar Külows 

183

Unterhaltung und Unterhaltungskritik: Programme in der Amtszeit Edgar Külows (1962–1964) 

193

Geschichte eines Programmverbots: »Woll’n wir doch mal ehrlich sein!« (1964) 

205

Erfolgreiche Stabilisierung: Die lange Amtszeit Horst Günthers (1964–1979) 

214

»Pfeffermühle« und Westbesucher: MfS-Aktivitäten in den 1970er-Jahren 

223

Ein Dramaturg im Fokus der Staatssicherheit (1971–1979) 

227

Programmverbot mit Folgen: »Wir können uns gratulieren!« (1979) 

236

Konfliktvermeidung durch Produktivitätsrückgang: Die »Pfeffermühle« unter Rainer Otto (1981–1989) 

247

»Zugabe Leipzig« mit Werner Schneyder und Dieter Hildebrandt (1985) und Westtourneen in den 1980er-Jahren 

252

Zusammenfassung 

259

Magdeburger »Kugelblitze« 

262

Gründung und Entwicklung (1977–1990) 

262

Einsatz inoffizieller Mitarbeiter des MfS im Ensemble 

269

Zwischenstation Vorverkaufskasse: Folgen eines Ausreiseantrages 

278

Einflussnahmen durch Partei und Staat (1977–1987) 

281

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Neues sozialistisches Kabarett: Das Programm »Der Fortschritt ist hinter uns her!« von Gunter Antrak und Hans-Günther Pölitz 

289

Erneuerung vorläufig gescheitert: Das letzte Programmverbot der DDR (1988) 

297

Zusammenfassung 

306

Kabarettdirektoren als inoffizielle ­Mitarbeiter des MfS 

309

»Kabarett am Obelisk« (Potsdam) 

309

Gründungsdirektor: Aufbauleistungen und MfS-Mitarbeit (1978–1981) 

309

Übernahme des Direktorenpostens durch IMS »Maria« (1983) 

316

Absetzung des Programms »Volldampf woraus« durch die SED (1986) 

318

Informationsdefizite des MfS im Vorfeld des Programmverbots 

321

»Volldampf woraus« – eine Programmanalyse 

326

»Kulturpolitische Linie durchsetzen«: Kaderpolitik und MfS-Überwachung ab 1986 

333

Zusammenfassung 

343

»Die Lachkartenstanzer« (Karl-Marx-Stadt) 

345

Kabarett-Entwicklung (1970–1989) und Anwerbung von IMS »Holländer« (1978) 

345

Die Unsicherheit des MfS im Umgang mit dem Kabarett 

351

Zusammenfassung 

357

Kabarettautoren im Visier der Staatssicherheit 

360

»Gefangener des Monats« – Manfred Bartz 

361

Werdegang und künstlerisches Profil 

361

Doppelleben und antisozialistische Schriften 

370

Gerichtsprozess und Verurteilung wegen »staatsfeindlicher Hetze« 

375

Entlassung in die Bundesrepublik 

379

Autorengruppe »Ribagera« und das Scheitern ­einer »­Anti-Distel« 

381

Autoren 

381

Versuch einer »Anti-Distel« 

383

OV »Ribagera« gegen Kurt Bartsch 

391

Überwachung der Autorengruppe »Rigera« in den 1980er-Jahren 

398

Zusammenfassung 

401

Dresdner »Herkuleskeule« und das Autorenduo Ensikat/Schaller  Erfolg der Autoren 

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403 403

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Entwicklungsetappen der Dresdner »Herkuleskeule« (1961–1989) 

406

Die MfS-Überwachung der »Herkuleskeule« (1961–1985) 

411

Der OV »Orakel« und das Ringen um die »Außenseiterkonferenz« 

418

»Über-Lebenszeit«: Der Rückzug des MfS von den Programmdebatten 

431

Fazit: Produktionsbedingungen und Verbreitungspotenzial der Ensikat/Schaller-Programme 

436

Entwicklungsetappen und Kontrolle der übrigen Berufsensembles 

441

»Die Kneifzange« (NVA) 

441

Entwicklungsetappen (1955–1989) 

441

Politische Kontrolle und MfS-Überwachung 

446

»academixer« (Leipzig) 

450

Entwicklungsetappen (1966–1989) 

450

Politische Kontrolle und MfS-Überwachung 

454

Skandalisierung gegen Verharmlosung: Die IM-Tätigkeit Gisela Oechelhaeusers 

459

»Die Kiebitzensteiner« (Halle) 

466

Entwicklungsetappen (1967–1989) 

466

Vorübergehende Programmabsetzungen 1988/89 

468

Einsatz inoffizieller Mitarbeiter 

471

»Fettnäppchen« (Gera) 

475

Entwicklungsetappen (1973–1989) 

475

Politische Kontrolle und MfS-Überwachung 

477

»Die Oderhähne« (Frankfurt/Oder) 

483

Entwicklungsetappen (1976–1990) 

483

Politische Kontrolle und MfS-Überwachung 

489

»Die Arche« (Erfurt) 

492

Entwicklungsetappen (1980–1989) 

492

Einsatz inoffizieller Mitarbeiter 

494

MfS-Ermittlungen und Programmverbot 

497

Solokabarettisten, Conférenciers, »Muggen«: Frei- und nebenberufliche Unterhaltungskünstler 

503

Berufsausweise und Gagenregelungen 

503

Konzert- und Gastspieldirektionen als Kabarettveranstalter 

510

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»Muggen«: Nebenberufliche Auftritte von Berufskabarettisten

518

Solokabarettisten und Conférenciers 

524

MfS-Überwachung freischaffender Kabarettisten und Conférenciers 

529

Hansgeorg Stengel 

531

Heinz Quermann 

535

Eberhard Cohrs 

538

O. F. Weidling 

542

Fazit: Möglichkeiten und Grenzen der politischen Kontrolle 

548

Satirisches Volksschaffen: Amateurkabaretts in der DDR 

550

Formen und Wirkungskreise 

550

Entwicklungsetappen (1945–1990) 

555

Gesellschaftliche Träger 

566

Programmabnahmen und Zensurverfahren 

572

Politisch-ideologische Anleitung: Kabinette für Kulturarbeit 

576

Zwischen Selbstverwaltung und Selbstzensur: Arbeitsgemeinschaften des künstlerischen Volksschaffens 

582

System der Leistungsvergleiche und Einstufungen 

587

Leistungsvergleiche 

587

Einstufungen 

591

Emanzipationstendenzen in den 1980er-Jahren 

598

MfS-Überwachung 

600

Handlungsgrundlagen 

600

Einsatz inoffizieller Mitarbeiter 

603

Erkenntnisinteressen 

607

Handlungsfelder von Kulturpolitik und MfS am Beispiel Magdeburger Laienkabaretts 

612

Fallstudie: Das Kabarett »Schrot und Korn« (Rostock) 

617

Entwicklungsetappen (1968–1990) und institutionelle Einbindung 

617

Künstlerisches Profil 

620

Ausschluss und MfS-Verfolgung des musikalischen Leiters 

625

Zusammenfassung 

635

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Kabarett außerhalb offizieller Strukturen 

637

Formen und Wirkungskreise 

637

Kabarett unter dem Dach der Kirche 

644

Gescheiterte Unterwanderung: »Die Götterspeise« (Torgau) 

646

Gezielte »Zersetzung«: »Die Seifenblase« (Erfurt) 

648

»Untergrundkabarett« in Ost-Berlin 

656

Leipziger Laienkabarettisten zwischen Illegalität und Vorbildfunktion 

661

»Cabaret« im Wohnzimmer 

661

Aufbau und Schließung des »Lindenauer Brettls« 

666

Resümee: Politische Kontrolle und gesellschaftliche Wirkungspotenziale des Kabaretts in der DDR 

672

Kräftefeld der politischen Kontrolle 

672

Aufgaben und Methoden des MfS 

674

Spielvereinbarung zwischen Künstlern, Publikum und Zensoren 

687

»Hofnarren« mit »Ventilfunktion«? Erklärungsmuster zur Rolle des Kabaretts in der DDR 

690

Anhang 

698

Quellen- und Literaturverzeichnis 

698

Abkürzungsverzeichnis 

721

Ensembles-Register 

726

Decknamen-Register 

728

Personenregister 

730

Danksagung 

736

Der Autor 

736

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11

Einleitung

Ende der 1980er-Jahre erklärte der ostdeutsche Autor und Satiretheoretiker Mathias Wedel, dass er keine weiteren Kabarettprogramme mehr sehen wolle, in denen »die Wendung ›mit Sicherheit‹ nun zum hundertundeinten Male einen Lacher erzwingen muß.«1 Bei dieser Art kabarettistischer Anspielungen auf das Ministerium für Staatssicherheit handelte es sich nicht um satirische Auseinandersetzungen mit dem MfS, sondern vielmehr um ein lustvolles, aber oberflächliches Kratzen am Tabu. Dieser Grat war schmal: Eine Soloszene von Peter Ensikat, in der ein Feuerwehrmann kurz über die Tätigkeit Erich Mielkes räsonierte, untersagte der Minister 1981 persönlich. Eine Nummer des Rostocker FDJ-Studentenkabaretts ROhrSTOCK, in der zwei MfS-Mitarbeiter als Personenschützer für einen FDJ-Funktionär agierten, durfte 1985 hingegen aufgeführt werden. Allerdings hatte der Autor der Szene (IMS »Willi Ruby«) zuvor die Zustimmung seines Führungsoffiziers eingeholt. Im Entree des Programms »Bürger, schützt Eure Anlagen!« ließ der Gastregisseur des Potsdamer Kabaretts am Obelisk 1981 jeden Kabarettisten nach einer bissigen Pointe demonstrativ fotografieren. Dies wurde womöglich nur zugelassen, weil die Staatssicherheit das Potsdamer Ensemble zu diesem Zeitpunkt in Wirklichkeit kaum kontrollierte. Der Fotoeffekt wirkte dennoch – die Zuschauer nahmen offenkundig an, dass sich ein Berufskabarett grundsätzlich im Visier des MfS befand. Immerhin gehörten die Kabaretts zu den wenigen Orten in der DDR, in denen öffentlich Kritik an bestehenden Problemen im Land geübt und erlebt werden konnte. Brigitte Riemann ging in ihrer Dissertation zum DDR-Berufskabarett daher a priori von einer »erdrückenden Materialfülle« hinterlassener MfS-Akten aus, weshalb sie diesen Komplex weitgehend ausblendete.2 Umso mehr zeigte sie sich irritiert, dass in den Nachwendeprogrammen der Kabaretts eine kritische Bewertung

1 Mathias Wedel: Ausverkauft. Ein gutes Dutzend Kabarett-Betrachtungen, Berlin (Ost) 1989, S. 132 (künftig zitiert: Wedel, Ausverkauft). 2 Brigitte Riemann: Das Kabarett der DDR: »… eine Untergrundorganisation mit hohen staatlichen Auszeichnungen …? Gratwanderungen zwischen sozialistischem Ideal und Alltag (1949– 1999), Münster 2001, S. 6, Anm. 15 (künftig zitiert: Riemann, Das Kabarett der DDR).

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der MfS-Aufarbeitung und der Person Joachim Gaucks dominierte.3 Manfred Jäger konstatierte sogar: »Die Kabaretts im Osten wollten mit einem schwer verständlichen Eifer jede Stasi-Debatte ersticken.«4 Jäger und Riemann missbilligten damit nicht nur die zweifellos streitbare kabarettistische Gesellschaftskritik der ostdeutschen Traditionsensembles nach 1990, die sie für die Zeit der DDR vermissten. Sie forderten überdies ausgerechnet von der Kunst ein, was die Forschung noch nicht geleistet hatte: eine differenzierte Untersuchung und Bewertung der MfS-Tätigkeit im Bereich des Kabaretts. Wer auf dem Gebiet der Kultur nach MfS-Überwachung sucht, wird sie in mannigfaltiger Form finden. Die Perspektive dieser Studie soll daher über die ebenfalls notwendige Rekonstruktion der zahlreichen Einzelfälle hinausgehen und konzentriert sich im Wesentlichen auf zwei Schwerpunkte. Auf der einen Seite untersucht sie das Verhältnis des MfS zu den Kabaretts und ihren Akteuren: Welchen Stellenwert maß die Staatssicherheit diesem Genre bei? Wie beurteilte sie dessen politische Wirkung und welches Gefahrenpotenzial sah sie in der satirischen Kritik? Auf der anderen Seite soll die Rolle des MfS im Gefüge der institutionellen Zuständigkeiten und der tatsächliche Einfluss der Geheimpolizei auf die Kabarettisten bestimmt werden. Diese Einordnung ist wiederum nur möglich, wenn auch die Arbeitsweisen und Rahmenbedingungen der Künstler sowie die kulturpolitischen Kontrollmechanismen Berücksichtigung finden. Die Analyse der MfS-Tätigkeit gegenüber dem Kabarett in der DDR geht darum einher mit der Frage nach der Funktion und der Bedeutung des Genres insgesamt.

Einführung in den Forschungsgegenstand Die Kabarettlandschaft in der DDR Die Kabarettlandschaft in der DDR war bemerkenswert vielfältig. Schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg bildeten sich verschiedene Gruppen in der Sowjetischen Besatzungszone, die häufig nach kurzer Zeit wieder auseinanderfielen. Im Oktober 1953 wurde mit der Berliner Distel das erste offizielle Berufskabarett mit fester Spielstätte gegründet.5 Ende der 1980er-Jahre existierten zwölf Berufsensembles in

3 Vgl. Riemann, Das Kabarett der DDR, S. 259. 4 Manfred Jäger: Parteilinien, dritte Wege und Sackgassen. Ein Rückblick aufs DDR-Kabarett mit notwendigem Anhang über einen ausgegrenzten Satiriker (künftig zitiert: Jäger, Parteilinien), in: Deutschland Archiv (DA), 35. Jg. (2002), H. 6, S. 981–994, hier S. 987. 5 Die Gründungsdaten in Quellen und Literatur beziehen sich grundsätzlich auf den Tag der ersten Premiere, wenngleich die Ensembles natürlich bereits vorher gebildet werden mussten.

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Einführung in den Forschungsgegenstand

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der DDR, von denen zehn über eine eigene Bühne verfügten. Freischaffende Kabarettisten wie Hansgeorg Stengel hatten hingegen Seltenheitswert. Die Grenze zu Humoristen wie Eberhard Cohrs oder Conférenciers wie O. F. Weidling war allerdings fließend. An zahlreichen Theatern wurden außerdem regelmäßig Programme der Berufskabaretts nachinszeniert, nicht zuletzt, um den Mangel an genehmigungsfähigen Gegenwartsstoffen zu kompensieren. Darüber hinaus produzierten die Konzertund Gastspieldirektionen der Bezirke gelegentlich eigene Kabarettprogramme und vermittelten Berufskabarettisten, die in ihrer Freizeit auf private Rechnung spielten (»Muggen«6). Daneben existierte eine starke Laienbewegung. So verzeichnete das Zentralhaus für Kulturarbeit im Jahr 1980 insgesamt 369 Amateurkabaretts mit 3.729 Mitgliedern, von denen manche Gruppen mit 100 und mehr Auftritten pro Jahr bereits nahezu professionell arbeiteten.7 Es gab unter anderen Betriebs-, Studenten-, Lehrer-, Polizei-, Armee- und Postkabaretts, auch bei einigen Räten der Kreise und der Bezirke bildeten sich Gruppen.8 Selbst innerhalb der Staatssicherheit bestand 1989 mindestens ein Laienkabarett.9 Schließlich existierten auch zahlreiche kirchliche Laienkabaretts und Gruppen, die sich nicht in die offiziellen Strukturen integrierten und zum Teil unter konspirativen Bedingungen auftraten. Ihre Programme gingen inhaltlich keineswegs immer über den Rahmen des Erlaubten hinaus. Manche dieser Initiativen trugen aber durchaus einen deutlich oppositionellen Charakter, so zum Beispiel die Aufführung

6 »Mugge« (zum Teil auch: »Mucke«) als Abkürzung für »musikalisches Gelegenheitsgeschäft« war trotz des Bezugs auf die Musik auch im Kabarettbereich ein gebräuchliches Wort für Auftritte, insbesondere für nebenberufliche Engagements. Davon abgeleitet, fand auch das Verb »muggen«/»mucken« häufig Verwendung. 7 Vgl. Deutsches Kabarettarchiv, Außenstelle Bernburg (DtKabArchB), Rk/Hh/23,16, Zentralhaus für Kulturarbeit: Statistik 1980 (Auszug), 8.4.1980. – Kinder- und Jugendkabaretts (Mitglieder jünger als 18 Jahre) sowie Laiengruppen der bewaffneten Organe wurden in dieser Statistik nicht erfasst. 8 So zum Beispiel das Kabarett Die Amtsbrüder beim Rat des Bezirkes Gera mit zahlreichen politischen Mitarbeitern unter den Ensemblemitgliedern. In ihrem Programm »EinGabenTisch« thematisierten die durchaus populären Amtsbrüder sowohl die vielfältigen volkswirtschaftlichen Probleme und Mängel, wegen der sie immer wieder Bürgereingaben erhielten, als auch das schwierige Verhalten mancher Beschwerde führender Bürger. Vgl. DtKabArchB, Rk/Cc/100,1, Programmtexte. 9 Vgl. Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU), MfS, SED-Kreisleitung, Nr. 4340. – Die Akte enthält Texte einer Gruppe des MfSWachregiments »Feliks Dzierzynski«. Größtenteils wird darin der Dienstalltag humoristisch behandelt.

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eines pazifistischen Kabarettprogramms in einer leer stehenden Berliner Wohnung Mitte der 1980er-Jahre, über die sogar der englische »Guardian« berichtete.10 Auch die Zuschauerzahlen der Kabaretts waren bemerkenswert. Im Jahr 1984 registrierten allein die Berufsensembles über 515.000 Zuschauer, 1986 waren es noch einmal 50.000 Besucher mehr.11 Berufskabarett

Gründungsjahr

Vorstellungen 1984

Besucher 1984

Distel

1953

379 (2 Spielstätten)

145.673

Leipz. Pfeffermühle

1954

196

53.982

Kneifzange

1955

nicht erfasst

nicht erfasst

Herkuleskeule

1961

222

42.154

Kiebitzensteiner

1967

227

42.300

Fettnäppchen

1973

223

24.791

academixer

1976 (1966)12

220

71.100

Oderhähne

1976

193

18.777

Kugelblitze

1977

249

39.447

Kabarett am Obelisk

1978

206

36.440

Arche

1980

183

15.834

Lachkartenstanzer

1983 (1970)

146

24.834

2.444

515.332

GESAMT

13

Tabelle 1: Vorstellungs- und Besucherstatistik Berufskabaretts 198414

10 Vgl. Gillian Wild: Nuclear cabaret runs gauntlet of E. German security forces, in: The Guardian vom 21.8.1984, S. 4. – Siehe hierzu in Kapitel: Kabarett außerhalb offizieller Strukturen (»Untergrundkabarett« in Ost-Berlin). 11 Vgl. Archiv der Akademie der Künste Berlin (AdK Berlin), VT 1117, Verband der Theaterschaffenden: Jahresanalyse und Statistik. Kabarett 1984, o. D. – Staatliche Zentralverwaltung für Statistik: Statistisches Jahrbuch der Deutschen Demokratischen Republik 1988, 33. Jg., Berlin (Ost) 1988, S.  326 (künftig zitiert: Staatliche Zentralverwaltung für Statistik, Statistisches Jahrbuch der DDR 1988). – Die Besucher des NVA-Kabaretts Kneifzange, das ebenfalls zu den Berufsensembles gezählt wurde, sind hier jeweils nicht enthalten. 12 1966 als Laienensemble gegründet, ab 1976 Berufsausweise (nebenberuflich), später hauptberuflich. 13 1970 als Laienensemble gegründet, ab 1983 Berufskabarett. 14 Vgl. AdK Berlin, VT 1117, Verband der Theaterschaffenden: Jahresanalyse und Statistik. Kabarett 1984, o. D.

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Einführung in den Forschungsgegenstand

15

In den 1960er-Jahren lagen die Zahlen aufgrund schlechterer Auslastung und der geringeren Zahl von Ensembles noch bei unter 200.000. Seit Beginn der 1970er-Jahre konnten die Häuser die Nachfrage trotz Erhöhung der Auftrittsfrequenz nicht mehr befriedigen. Alle Kabaretts verzeichneten lange Wartelisten. Während das Interesse am Kabarett stetig zunahm, gingen die Zuschauerzahlen der Theater kontinuierlich zurück. Mit unter 9,7 Millionen Gästen in 200 Spielstätten gelangten sie 1986 an einen Tiefpunkt – 1970 hatten noch mehr als zwölf Millionen die 101 Spielstätten besucht.15 Gleichwohl erreichten die Kabaretts maximal sechs Prozent der Theaterzahlen. Für den Bereich der Amateurkabaretts lagen die Schätzungen in den 1980erJahren bei 1,5 bis drei Millionen Zuschauern pro Jahr.16 Den Bedarf nach kabarettistischer Unterhaltung belegte auch eine Umfrage aus dem Jahr 1974, die Helmut Hanke von der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED durchgeführt hatte.17 Auf die Frage, für welche Formen von Geselligkeit und Unterhaltung sich die Werktätigen in ihrer Freizeit unabhängig von den vorhandenen Möglichkeiten am meisten interessierten, führten 12,9 Prozent der Befragten Kabarettbesuche an. Für Unterhaltungssendungen im Fernsehen (77,4 %), Kinobesuch (41,7 %) oder Sportveranstaltungen (33,7 %) konnten sich die Werktätigen deutlich mehr begeistern, während der Besuch von Schauspielaufführungen (12,3 %) sie weniger interessierte.18 Dennoch ist der Wert beachtlich, immerhin existierten zum Zeitpunkt der Befragung lediglich fünf Berufskabaretts mit eigener Spielstätte und einer maximalen Kapazität von etwa 240.000 Besuchern pro Jahr.19 Das Statistische Jahrbuch verzeichnete 1973 gut 8,3 Millionen Werktätige, von denen folglich etwa eine Million Menschen gerne ins Kabarett gingen oder gehen wollten.20 Von den Schülern und Studenten erklärten dies sogar 23,1 Prozent der Befragten.

15 Vgl. Staatliche Zentralverwaltung für Statistik, Statistisches Jahrbuch der DDR 1988, S. 324. – Die Konzertbesucher sind in diesen Zahlen nicht enthalten. Die Zuschauer von Kabarettaufführungen in Theatern wurden nicht gesondert erfasst. 16 Vgl. Landesarchiv Greifswald, Rep. 200, 8.4.1, Nr.  11, FDGB -Bundesvorstand, Beratergruppe Kabarett: Konzeption zum Festspielbeitrag des Amateurkabaretts zu den 19. Arbeiterfestspielen der DDR im Bezirk Neubrandenburg im Jahre 1982, Mai 1981, S. 1. – Landesarchiv Greifswald, Rep. 200, 8.4.1, Nr. 11, Heinz Billhardt: Referat der Fachberatung »Amateurkabarett der DDR« am 11. und 12. Dezember 1987, S. 10. 17 Vgl. Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv, Standort Berlin (SAPMO-BArch), DY 30, IV/B/2/9.06/85, Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED, Helmut Hanke: Unterhaltung im Sozialismus, Dezember 1977. 18 Ebd. – Mehrfachnennungen waren möglich. 19 Vgl. DtKabArchB, Rk/C/8,1, Ministerium für Kultur, Abt. Unterhaltungskunst: Die Aufgaben des politisch-satirischen Kabaretts (Berufskunst), o. D. [1976], S. 2. 20 Vgl. Staatliche Zentralverwaltung für Statistik: Statistisches Jahrbuch der Deutschen Demokratischen Republik 1974, 19. Jg., Berlin (Ost) 1974, S. 52 (künftig zitiert: Staatliche Zentralverwaltung für Statistik, Statistisches Jahrbuch der DDR 1974).

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Insgesamt dürfte der Kreis potenzieller Kabarettzuschauer somit bereits 1974 bei mindestens zwei Millionen Personen gelegen haben.21 Auch wegen dieser Nachfrage war das Kabarett in der DDR kulturpolitisch erwünscht und kam in den Genuss staatlicher Förderung. Vor allem in der Ära Honecker wurde der Aufbau von Berufs- und Amateurkabaretts forciert. Die Berufsensembles arbeiteten mehrheitlich als kleinere subventionierte Stadttheater, Amateurgruppen erhielten über Betriebe und andere Einrichtungen materielle Unterstützung. Spezielle Zusatzausbildungen, etwa für angehende Berufskabarettisten oder Leiter von Laienkabaretts, sollten den Nachwuchs sichern. Zugleich schufen Staat und Partei Instrumente der politischen Kontrolle. Grundsätzlich galten natürlich auch für die Kabaretts die Gesetze, die Kritik an den gesellschaftlichen Grundlagen der DDR ab einem bestimmten Punkt als »staatsgefährdende Propaganda und Hetze«22 (§ 19 StEG der DDR), »staatsfeindliche Hetze« (§ 106 StGB der DDR) oder »Staatsverleumdung« beziehungsweise »öffentliche Herabwürdigung« (§ 220) unter Strafe stellten.23 Die künstlerische Freiheit wurde darüber hinaus im Wesentlichen auf drei Ebenen beschränkt: durch grundlegende kulturpolitische und theoretische Vorgaben, durch die Kaderpolitik und durch die konkreten Zensurverfahren. In den 1950- und 1960er-Jahren erfuhren Satire und Kabarett eine Neudefinition im sozialistischen Sinne. Sie wurden als »Waffen im Klassenkampf« an die Seite der Partei gestellt und erhielten den Auftrag, erzieherisch auf die eigene Bevölkerung zu wirken. Die Binnenkritik sollte sich allenfalls auf Einzelerscheinungen beziehen. Wenngleich die künstlerische Wirklichkeit diesen Vorgaben zu keinem Zeitpunkt voll entsprach, war sie doch stark von ihnen beeinflusst. Dabei bewegten sich die Kabaretts in einem breiten inhaltlichen Spektrum, dessen Pole das affirmative Bekenntnis auf der einen Seite und der Tabubruch auf der anderen Seite bildeten. Beides geschah bisweilen im selben Programm. Für die offensiv linientreuen Elemente des Kabaretts in der DDR steht etwa die Szene »Schwierige Verständigung« der Berliner Distel aus dem Jahr 1982:

21 Zum Vergleich: Kinobesuch hatten 41,7 Prozent der Werktätigen und 82 Prozent der Schülerinnen und Schüler genannt, das heißt, jeweils knapp viermal mehr als den Besuch von Kabaretts. 1973 standen 298.821 Kinoplätze zur Verfügung. Zu 951.616 Vorführungen kamen 84,47 Millionen Gäste. Vgl. Staatliche Zentralverwaltung für Statistik, Statistisches Jahrbuch der DDR 1974, S. 385. 22 Vgl. Gesetz zur Ergänzung des Strafgesetzbuches der Deutschen Demokratischen Republik vom 11. Dezember 1957. 23 Vgl. Strafgesetzbuch der Deutschen Demokratischen Republik vom 12. Januar 1968, geändert durch Gesetz vom 19. Dezember 1974.

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» [Westdeutscher] Mann: Ich habe gesagt, Sie sollen eine DDR-Friedensbewegung gründen. 1 . Frau: Aber der Rat kommt leider 33 Jahre zu spät. Die DDR-Friedensbewegung haben wir schon am 7. Oktober 1949 gegründet. [Westdeutscher] Mann: Mir können sie nichts vormachen. Wer hier wirklich konsequent für den Frieden eintritt, der wird doch verfolgt! 2. Frau: Was hat er gesagt? 1. Frau: Er sagt, der Honecker wird hier verfolgt.«24

Die Gesamtszene stellte die DDR-Politik nicht nur als die ›wahre‹ Friedenspolitik dar und wandte sich dabei gegen die pazifistische Bewegung »Schwerter zu Pflugscharen« in der DDR, sondern verharmloste auch die Repressionen, denen die Aktivisten ausgesetzt waren. Auf der anderen Seite des Spektrums stand hingegen der Anfang des Programms »Wir sind so frei« der Magdeburger Kugelblitze von und mit Hans-Günther Pölitz und Lothar Bölck aus dem Jahr 1988: »Pölitz: ›Wir sind so frei‹, ist doch bloß eine Floskel. Bölck: Bei Dir ist das eine Floskel. Soso. Pölitz: Nicht bloß bei mir – generell bei uns. Im Sprachgebrauch. […] Bölck: Auch unter uns gehört schon eine Portion Mut dazu, zu behaupten, dass Freiheit bei uns nur eine Floskel ist. Pölitz: Wer sagt denn sowas? Ich? Ich habe lediglich gesagt, ›wir sind so frei‹ ist eine Floskel dafür, wenn man zu irgendetwas gebeten wird. Bölck: Ja, und nach Deiner Äußerung wirst Du garantiert zu irgendwas gebeten.«25

Bei Pölitz und Bölck handelte es sich nicht um potenzielle Oppositionelle, sondern um zwei SED-Mitglieder, die sich das Recht herausnahmen, über das Problem der Freiheit in der DDR zu reden. Trotz einiger Kontroversen um das Programm wurden sie nicht daran gehindert. Die Auswahl des Personals konnte folglich nur bedingt für eine verlässliche politische Ausrichtung der Kabaretts sorgen. Die Direktoren der Berufskabaretts wa-

24 DtKabArchB, Rk/C/1,29, Kabarett Distel (Autor: Harry Fiebig): »Schwierige Verständigung« (Programm: »Vom Ich zum Wir«, Premiere: 16./17. Oktober 1982). – Vgl. Riemann, Das Kabarett der DDR, S. 195 f. 25 DtKabArchB, AV-H1, Nr.  0009, Kabarett Kugelblitze (Autoren: Hans-Günther Pölitz/Lothar Bölck u. a.): Programm »Wir sind so frei« [Videoaufnahme vom 19. Oktober 1989, Premiere 1988], 02:24 – 03:20 min. – Vgl. kjk: Sie sind so frei …, in: Wolfsburger Nachrichten vom 21.6.1989.

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ren mehrheitlich SED-Genossen, auch viele Dramaturgen gehörten der Partei an.26 Bei allen Neuanstellungen wurde zunächst die Kaderakte geprüft, eine vorherige Freigabe durch die Staatssicherheit war jedoch nicht nötig. Insgesamt blieben viele Unsicherheitsfaktoren: Der Mangel an geeigneten Künstlern schränkte die Auswahlmöglichkeiten ein, zudem waren gerade die Autoren häufig nicht bei den Kabaretts angestellt. Schließlich vertraten selbst die Genossen unter den Kabarettisten und Leitungsmitgliedern nicht selten andere Auffassungen als die Kulturfunktionäre. Mehrfach kam es vor, dass Leitungsmitglieder nach größeren Auseinandersetzungen ihre Posten verloren (Berliner Distel, Leipziger Pfeffermühle, Potsdamer Kabarett am Obelisk, Erfurter Arche) oder selbst kündigten (Magdeburger Kugelblitze, Dresdner Herkuleskeule). Im Bereich des Amateurkabaretts waren Kaderfragen noch weniger zu beeinflussen. Der Großteil der Kabarettprogramme wurde vor der Erstaufführung inhaltlich geprüft. Verbindliche Verfahren existierten jedoch weder für die Berufskabaretts noch für die Laiengruppen. Von Kabarett zu Kabarett und zwischen verschiedenen zeitlichen Phasen konnten sich Art und Ausmaß der Zensur und der Kreis der Beteiligten daher erheblich unterscheiden. In der Regel bewegten sich dabei sowohl die Berufs- als auch die Amateurensembles in einem komplexen Netz institutioneller Zuständigkeiten. Mit Recht betrachtet Sylvia Klötzer die solchermaßen sanktionierten Kabaretts als spezifischen Teilbereich der »Parteiöffentlichkeit«.27 Die exklusiven Rechte, die ihnen zugestanden wurden, waren mithin kein Nischenphänomen. Die Satiriker wirkten innerhalb der »offiziellen Öffentlichkeit« und waren von deren Strukturen beeinflusst. Sie entzogen sich dem staatlichen Zugriff nicht, sondern versuchten, sich mit ihm zu arrangieren. Dies galt auch für die Zuschauer: Der Besuch eines Kabarettprogramms war keine Form des Eskapismus aus der politisierten Gesellschaft – hier unterschieden sich Kleinkunst und Kleingarten.28 Kabarettzuschauer suchten die Auseinandersetzung mit den Problemen der Zeit. Auch diejenigen, die sich lediglich amüsieren wollten, wählten die politische Unterhaltung. Dabei war 26 Nicht Mitglied der SED waren zum Beispiel Conrad Reinhold (parteilos), Direktor der Leipziger Pfeffermühle von 1955 bis 1957, Manfred Schubert (NDPD), Direktor der Dresdner Herkuleskeule von 1961 bis 1986 und Henry Braun (NDPD), Direktor der Hallenser Kiebitzensteiner von 1967 bis 1979. 27 Vgl. Sylvia Klötzer: Satire und Macht. Film, Zeitung, Kabarett in der DDR , Köln u. a. 2006, S. 12–14 (künftig zitiert: Klötzer, Satire und Macht). Klötzer löst sich damit vom durch Elémer Hankiss begründeten Terminus der »Zweiten Öffentlichkeit« als einer Vorstufe der Gegenöffentlichkeit, den sie zuvor verwendet hatte. 28 Vgl. Isolde Dietrich: Laubenpiepervergnügen, in: Ulrike Häußler/Marcus Merkel (Hrsg.): Vergnügen in der DDR, Berlin 2009, S. 361–372 (künftig zitiert: Häußler/Merkel, Vergnügen in der DDR).

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den Besuchern bewusst, dass die Kabaretts Beschränkungen unterlagen. Es gehörte sogar zum konstitutiven Bestandteil des künstlerischen Erlebnisses, wie die Kabarettisten durch Anspielungen, Metaphern, Analogien und ähnliche Verfahren mit den Grenzen und Tabus umgingen. Die von Stefan Wolle diagnostizierte »Kunst des genauen Hinhörens« allein genügte hierfür nicht.29 Künstler und Zuschauer, so der Kabarettautor Peter Ensikat, verstanden sich vielmehr »besonders gut aufs unausgesprochene Wort«.30 Das Kabarett in der DDR unterschied sich damit in seinen inhaltlichen Freiheiten vom politischen Flüsterwitz, der unzensiert und ohne bekannten Urheber weitergetragen wurde.31 In ihm war möglich, was auf der Bühne bis zuletzt unsagbar blieb: Direkter Spott über Vertreter der Staats- und Parteiführung, die sich in den Witzen »unmittelbar anschaulich als die eigentlichen Antihelden ihrer eigenen ideologischen Erzählung« erwiesen.32 Ähnliches galt für Themenfelder wie Sicherheitsorgane und Repression, Planwirtschaft, Mauer und Sowjetunion.33 Stefan Wolle sieht insgesamt einen Gegensatz zwischen der »blühenden Witz-Kultur« und dem »verkrampften Seiltanz« der offiziellen Satire.34 Allerdings war ein Großteil der vermeintlich originär kommunistischen Witze trotz ihrer hohen subkulturellen Bedeutung in der DDR nur eine Variation älterer Vorläufer, wie Ben Lewis nachwies.35 Das Kabarett in der DDR entwickelte hingegen durchaus eigene ästhetische und inhaltliche Charakteristika. Aus heutiger Sicht bilden die Programme gewissermaßen ein Archiv der Alltagskonflikte, einen Katalog für all jene Themen, die die Bevölkerung außerhalb antiideologischer Diskurse beschäftigten und nicht selten im Kabarett erstmals öffentlich verhandelt werden konnten.

29 Stefan Wolle: Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR . 1971–1989, 2. Auflage, Bonn 1999, S. 155 (künftig zitiert: Wolle, Die heile Welt der Diktatur). 30 Peter Ensikat: Ab jetzt geb’ ich nichts mehr zu. Nachrichten aus den neuen Ostprovinzen, München 1993, S. 89 (künftig zitiert: Ensikat, Ab jetzt). 31 Dennoch übernahmen Kabaretts gelegentlich auch Witze dieser Art und umgekehrt ist es möglich, dass einzelne Kabarettpointen in Witzform weitergetragen wurden. 32 Michael Brie: Die witzige Dienstklasse. Der politische Witz im späten Staatssozialismus, Berlin 2004, S.  16. – Bries Unterscheidung zwischen dem Witz der Dienstklasse und des von den Entscheidungsprozessen ausgeschlossenen Volkes ist jedoch kritisch zu hinterfragen. 33 Vgl. Andrea Schiewe/Jürgen Schiewe: Witzkultur in der DDR . Ein Beitrag zur Sprachkritik, Göttingen 2000, S.  34 –74. – Witze über sowjetische Soldaten oder polnische Bürger trugen dabei zum Teil auch rassistisch-chauvinistischen Charakter. Vgl. Eckart Schörle: Anmerkungen zum sozialistischen Gelächter, in: Häußler/Merkel, Vergnügen in der DDR, S. 86 –100, hier S. 90 –92. 34 Wolle, Die heile Welt der Diktatur, S. 154 f. 35 Vgl. Ben Lewis: Das komische Manifest. Kommunismus und Satire von 1917 bis 1989, München 2010, S. 327 f. (künftig zitiert: Lewis, Das komische Manifest).

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Repressionen und Zensurmaßnahmen Politische Witze und Satire waren stets mit einem gewissen Risiko verbunden. Bis in die 1960er-Jahre hinein bestand die Gefahr, wegen politischer Witze ins Gefängnis zu kommen, wenngleich die Zahl solcher Sanktionen im Verhältnis zu ihrer massenhaften Verbreitung sehr gering war. Selbst in der Ära Honecker lösten Witze mitunter noch umfangreiche MfS-Aktivitäten aus.36 Auch Kabarettisten drohten bis zum Ende der DDR mehrfach strafrechtliche Ermittlungen durch die Staatssicherheit. Der einzige bekannte Fall einer Verurteilung aufgrund kabarettistischer Tätigkeiten ist der des Leipziger Studentenensembles Rat der Spötter. Die Gruppe galt seit 1958 als Vorzeigekabarett der Karl-Marx-Universität Leipzig und durfte sogar zu Gastspielen nach Wien und Marburg reisen.37 Kurz nach dem Mauerbau, am 5. September 1961, verbot die Universitätsparteileitung das neue Programm »Wo der Hund begraben liegt«.38 Vom 9. bis 15. September wurden sechs der Kabarettisten verhaftet und nach neunmonatiger Untersuchungshaft wegen »staatsfeindlicher Hetze« zu Bewährungsstrafen zwischen zwölf und 22 Monaten verurteilt.39 Vorangegangen war diesen Maßnahmen die Verhaftung des Leiters eines weiteren Leipziger Studentenkabaretts. Die Staubsauger von der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Karl-Marx-Universität waren am 28. Juli 1961 in Sörnewitz bei Oschatz aufgetreten und hatten mit ihrem Programm Unmut bei den örtlichen SEDFunktionären erregt. Bereits am nächsten Tag wurde der Leiter der Gruppe von der Staatssicherheit verhört. Obgleich er beteuerte, dass er die kritisierten Szenen von genehmigten Programmen der Leipziger Pfeffermühle übernommen hatte, erließ das Kreisgericht Ende August 1961 Haftbefehl. Am 9. November erhob der zuständige Staatsanwalt Anklage wegen »Staatsverleumdung« (§ 20 StEG) und beantragte eine einjährige Gefängnisstrafe. Das Gericht sprach den Angeklagten jedoch mangels Schuld frei und wies auch den Widerspruch der Staatsanwaltschaft gegen das Urteil zurück. Die Begründung war bemerkenswert: Zwar hätten die besagten Szenen den

36 Vgl. Christoph Kleemann: Das Ventil des kleinen Mannes. Zum Witz in der DDR, in: Kooperative Berlin (Hrsg.): Revolution und Einheit. Schlaglichter einer Zeitenwende, Berlin 2010, S. 22–27. 37 Vgl. Volker Schulte: Die Götter verrieten die Spötter. 1960 … An die Grenzen geraten (künftig zitiert: Schulte, Die Götter verrieten die Spötter), in: Hanskarl Hoerning/Harald Pfeifer (Hrsg.): Dürfen die denn das – 75 Jahre Kabarett in Leipzig, Leipzig 1996, S.  68–89 (künftig zitiert: Hoerning/Pfeifer, Dürfen die denn das). – Ernst Röhl: Rat der Spötter. Das Kabarett des Peter Sodann. Leipzig 2002 (künftig zitiert: Röhl, Rat der Spötter). – Klötzer, Satire und Macht, S. 121–152. – Peter Sodann: Keine halben Sachen. Erinnerungen, Berlin 2008, S. 60 –118 (künftig zitiert: Sodann, Keine halben Sachen). 38 Vgl. Schulte, Die Götter verrieten die Spötter, S. 70 f. 39 Vgl. ebd., S. 88.

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Tatbestand der Staatsverleumdung erfüllt, da sie aber bereits von einem Berufskabarett gespielt worden waren, durfte der Angeklagte annehmen, die Texte wären aufführbar. In anderen Fällen ist es schwer zu bestimmen, welchen Anteil die kabarettistische Tätigkeit an Verurteilung und Strafmaß hatte. Erich Loest, der 1958 wegen »konterrevolutionärer Gruppenbildung« zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde, schätzte zum Beispiel, dass ihm zwei Kabarettszenen für ein verbotenes Programm der Leipziger Pfeffermühle bis zu drei Monate zusätzlich eingebracht hätten.40 Im Oktober 1979 wurde ein Mitglied des Rostocker FDJ-Studentenkabaretts ROhrSTOCK wegen »staatsfeindlicher Hetze« zu einer Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt. Ebenso wie bei Loest war auch hier die Kabarettarbeit nicht der eigentliche Grund für die strafrechtliche Verfolgung. Die Ermittlungen wurden aber durch die Staatssicherheit mit besonderer Eile geführt, weil der Beschuldigte über die Kabarettbühne Zugang zur Öffentlichkeit hatte. Trotz schlechter Beweislast sollte die Verhaftung unbedingt vor dem geplanten Auftritt des Kabaretts beim Nationalen Jugendfestival in Berlin erfolgen.41 Zu den bekannten Opfern der politischen DDR-Justiz gehörte außerdem der Kabarettautor Manfred Bartz. Das Urteil gegen ihn lautete im November 1980: sechs Jahre Freiheitsstrafe »wegen mehrfacher planmäßiger staatsfeindlicher Hetze«.42 Die bisherigen weitläufigen Annahmen über die Gründe seiner Verurteilung müssen jedoch korrigiert werden.43 Für die 40-jährige DDR-Geschichte sind insgesamt drei Phasen festzustellen, in denen sich Repressions- und Zensurmaßnahmen besonders konzentrierten, ohne dass es dabei zu einem koordinierten Vorgehen auf Seiten des Staates gekommen wäre. Die erste Phase begann als Folge des Ungarn-Aufstandes 1956 und endete mit der Verurteilung der Laienkabarettisten vom Rat der Spötter 1962. In diese Zeit fielen neben den genannten Ereignissen unter anderem das Verbot des Programms »Rührt Euch!« der Leipziger Pfeffermühle (1956) und die Flucht ihres Direktors Conrad Reinhold in die Bundesrepublik (1957), die Absetzung des Distel-Gründungs­ direktors Erich Brehm aus politischen Gründen (1958) sowie die Auflösung des ersten Landkabaretts Die Harke (1958).

40 Vgl. Erich Loest: Durch die Erde ein Riß. Ein Lebenslauf, 2. Auflage, München 1991, S. 304 (künftig zitiert: Loest, Durch die Erde ein Riß). 41 Vgl. Christopher Dietrich: Schild, Schwert und Satire. Das Kabarett ROhrSTOCK und die Staatssicherheit, Rostock 2006, S. 99–111 (künftig zitiert: Dietrich, Das Kabarett ROhrSTOCK). 42 BStU, MfS, AU 4187/81, Bd. 7, Bl. 478–507, hier Bl. 478 f., »Urteil im Namen des Volkes«, Stadtgericht Berlin, 1a Strafsenat, AZ 211-66 -80. 43 Siehe in Kapitel: Kabarettautoren im Visier der Staatssicherheit (»Gefangener des Monats« – Manfred Bartz).

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Die zweite Phase vollzog sich von 1979 bis 1981. Sie war kulturpolitisch durch den Eklat um den Ausschluss von neun Schriftstellern aus dem Schriftstellerverband im Juni 1979 geprägt, unter denen mit Kurt Bartsch auch ein bekannter Kabarettautor war. Zu den stärksten Eingriffen im Bereich des Kabaretts zählten das Verbot des Programms »Wir können uns gratulieren!« der Leipziger Pfeffermühle und die Ablösung ihres Direktors (1979), die Absetzung des Programms »Ach, Du meine Güter!« der Magdeburger Zwickmühle (1980) und das vorübergehende Verbot des Leipziger Kabaretts Lindenauer Brettl (1979). Ebenfalls 1979 wurde erstmals mehreren Amateurkabaretts die erneute Einstufung als Volkskunstkollektiv verweigert, was einem Auftrittsverbot nahe kam. Zwei Jahre später traf es weitere Laiengruppen. Auch die Verurteilungen des ROhrSTOCK-Mitgliedes und der Fall Manfred Bartz ereigneten sich in diesem Zeitabschnitt. Mit Beginn der Streikwelle in Polen erhöhte die Staatssicherheit auch im Bereich des Amateurkabaretts ihre Aktivitäten.44 Im Jahr 1988 kam es schließlich noch einmal zu einer regelrechten Welle von vorübergehenden und dauerhaften Programmverboten bei den Berufskabaretts. Sie begann im März 1988 mit der zeitweiligen Absetzung der Pfeffermühlen-Produktion »Verdammte Pflicht und Schludrigkeit« und setzte sich dann über die Hallenser Kiebitzensteiner (»Keine Zeit Genossen«) im Juni, die Berliner Distel (»Keine Mündigkeit vorschützen!«) und die Erfurter Arche (»Ganz offen Genossen – Wir bleiben geschlossen!«) im November bis zu den Magdeburger Kugelblitzen (»Der Fortschritt ist hinter uns her!«) im Dezember 1988 fort. Auch das Geraer Fettnäppchen war in diesem Jahr von einem Programmverbot betroffen (»Probezeit«). Nahezu alle Neuproduktionen des Jahres 1988 standen somit in Frage. Das neue Programm der Lachkartenstanzer aus Karl-Marx-Stadt (»Wegen Umbau geöffnet«) gelangte im Dezember 1988 zwar zur Premiere, diese führte jedoch zu erheblichen Auseinandersetzungen mit den Kulturverantwortlichen im Bezirk, nachdem das Programm schon vorher für interne Konflikte in der MfS-Bezirksverwaltung gesorgt hatte. Trotz dieser Häufungen stellten vollständige Programmverbote insgesamt eine Ausnahme dar. Bei mehr als 400 Programmen von Berufskabaretts zwischen 1953 und 1989 lag ihr Anteil bei unter fünf Prozent. Allerdings fließen in die Gesamtzahl auch Reprisen-, Erbe- und Nachtprogramme sowie Programmübernahmen ein, die in der Regel nicht zu den umstrittenen Produktionen gehörten. Im Bereich der

44 Vgl. zur Reaktion der Staatssicherheit auf die Ereignisse in Polen: Monika Tantzscher: »Was in Polen geschieht, ist für die DDR eine Lebensfrage!« – Das MfS und die polnische Krise 1980/81, in: Deutscher Bundestag (Hrsg.): Enquete-Kommission »Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland«, Bd. V/3, Frankfurt am Main u. a. 1995, S.  2601– 2670. – Thomas Auerbach/Matthias Braun u. a.: Hauptabteilung XX: Staatsapparat, Blockparteien, Kirchen, Kultur, »politischer Untergrund« (MfS-Handbuch), Berlin 2008, S. 130 (künftig zitiert: Auerbach/Braun, Hauptabteilung XX).

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Plakat für das Programm »Keine Mündigkeit vorschützen« der Berliner Distel, das im November 1988 nach der öffentlichen Generalprobe auf Geheiß der SED -Bezirksleitung Berlin abgesetzt wurde. (Quelle: DtKabArchB, Rk/C/1,32)

Amateure ist der Prozentsatz abgesetzter Programme noch niedriger. Eine solche Maßnahme galt unter Funktionären als Ultima Ratio. Neben den ökonomischen Einbußen – eine fertige Produktion eines Berufskabaretts kostete mehrere Zehntausend Mark – waren damit stets eine Belastung des Verhältnisses zu den Künstlern und ein politischer Image-Schaden für die Obrigkeit verbunden, zumal häufig westdeutsche Medien über diese Vorgänge berichteten. Die meisten Zensurvorgänge und Einflussnahmen erfolgten daher in kleinerem Umfang. Zu Verboten kam es, wenn die üblichen Kontrollmechanismen versagten.

Strukturen der MfS-Überwachung im Bereich Kultur Im April 1986 ermahnte Oberstleutnant Reif, Leiter der Abteilung XX der Magdeburger MfS-Bezirksverwaltung, einen seiner Offiziere »Der Wer ist Wer-Prozeß ist unsere Pflicht[,] nicht die Programmgestaltung.«45 Diese Maxime galt hinsichtlich

45 BStU, MfS (Magdeburg), AIM 4/91, Beiakte, Bl. 123–127, hier Bl.  127, Betr.: Amateurkabarett »Zange«, Magdeburg [Handschriftlicher Zusatz Oberstleutnant Reif], 10.4.1986 (Hervorhebung im Original).

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der Berufs- und Amateurkabaretts im Wesentlichen in allen Bezirken der DDR . Erich Mielke hatte sie 1981 folgendermaßen definiert: » Die Klärung der Frage ›Wer ist wer?‹ […] heißt, auf den konkreten Verantwortungsbereich bezogen, eine Antwort darauf zu geben, wer der Feind ist, wer eine feindlich-negative Haltung, wer aufgrund des Wirkens feindlich-negativer und anderer Einflüsse zum Feind werden kann, wer den Feindeinflüssen unterliegen und sich vom Feind missbrauchen lassen könnte, wer eine schwankende Position einnimmt und auf wen sich Partei und Staat jederzeit verlassen und zuverlässig stützen können.«46

Die »Wer ist wer?«-Frage hatte das MfS bereits in den Jahrzehnten zuvor interessiert.47 Mit Beginn der 1980er-Jahre nahmen entsprechende Überprüfungen allerdings noch einmal deutlich zu.48 Das Kabarett gehörte beim Ministerium für Staatssicherheit zum Aufgabenbereich der Linie XX (bis 1964 Linie V). Verantwortlich für die einzelnen Berufsensembles waren entweder die jeweiligen Bezirksverwaltungen (Abteilungen V/1, ab 1964 XX /1, ab 1969 XX /7) oder die Kreisdienststellen der Bezirkshauptstädte. Die Zuordnung hing unter anderem von der Frage ab, ob die Berufskabaretts formal zur Stadt, zur Konzert- und Gastspieldirektion oder zum Theater gehörten. Häufig kooperierten beide MfS-Ebenen. Im Bereich der Amateurkunst konnten auch andere Diensteinheiten für die Überwachung zuständig sein, Studentenkabaretts fielen zum Beispiel in den Bereich der Hochschulen (Linie XX /8). Auch bei den Berufskünstlern kam es gelegentlich zu einer Zusammenarbeit mit anderen Abteilungen. Nicht selten waren in einem Ensemble inoffizielle Mitarbeiter tätig, die nicht zum Zweck der Kabarettüberwachung eingesetzt wurden, sondern für die Spionageabwehr (Linie II) oder die Auslandsaufklärung (HV A) arbeiteten. Die kulturverantwortlichen Diensteinheiten konnten in diesen Fällen nicht direkt auf die Quellen zugreifen, sondern mussten bei den IM-führenden Abteilungen ihren Informationsbedarf anmelden. Umgekehrt meldeten sich diese auch selbstständig, wenn ihre Quellen besonders relevante Berichte übermittelt hatten. Dennoch kam es hier zu hohen Informationsverlusten, zumal sich die verschiedenen

46 BStU, MfS, BdL, Nr. 7385, Erich Mielke: Referat auf der zentralen Dienstkonferenz vom 3.4.1981 zu Problemen und Aufgaben der weiteren Qualifizierung und Vervollkommnung der politisch-operativen Arbeit und deren Führung und Leitung zur Klärung der Frage »Wer ist wer?«, zitiert nach: Walter Süß: Die Staatssicherheit im letzten Jahrzehnt der DDR (MfSHandbuch), Berlin 2009, S. 24 (künftig zitiert: Süß, Die Staatssicherheit). 47 Vgl. BStU, MfS (Rostock), BdL, Nr.  362, Bl.  3 –35, hier Bl.  17, Maßnahmeplan zur Organisierung der politisch-operativen Arbeit in den Bereichen der Kultur und Massenkommunika­ tionsmittel entsprechend der DA 3/69 des Genossen Minister vom 18.[6].69, 6.8.1969. 48 Vgl. Süß, Die Staatssicherheit, S. 23–26.

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Diensteinheiten aus Konspirationsgründen nicht automatisch über den Einsatz von inoffiziellen Mitarbeitern in Kenntnis setzten. Die MfS-Zentrale befasste sich nur in Ausnahmefällen mit Fragen des Kabaretts, lediglich in den 1950er-Jahren war ihr Anteil noch dominant. Die Strukturen der für die Überwachung von Kunst und Kultur zuständigen Segmente des MfS-Apparates wurden bereits präzise beschrieben.49 Dies gilt auch für den grundsätzlichen Auftrag der Staatssicherheit auf diesem Gebiet und die zentralen Befehle und Dienstanweisungen. Für den Bereich des Kabaretts wurden weder eigenständige Vorgaben erlassen noch existierte eine Definition des Verhältnisses der Staatssicherheit zu Fragen der politischen Satire, nach der sich die zuständigen Mitarbeiter in den Bezirksverwaltungen und Kreisdienststellen richten konnten. Das Genre ordnete sich somit in das allgemeine Feld der Kunst und Kultur ein, über das im internen Wörterbuch des MfS wiederum nur das Lemma »Kunst und Kultur; Mißbrauch« Auskunft gab.50 Die verschiedenen Entwicklungsstadien der Kulturüberwachung lassen sich im Großen und Ganzen auch im Bereich des Kabaretts identifizieren. Die Staatssicherheit verfolgte keine eigenen kulturpolitischen Zielsetzungen. Vielmehr ging es ihr darum, die Durchsetzung der SED-Kulturpolitik mit den Mitteln der Geheimpolizei zu gewährleisten und abweichende Bestrebungen zu verhindern.51 Die Kunst- und Kulturschaffenden waren aus Sicht des MfS besonders anfällig für gegnerische Ambitionen. Ihr Zugang zur Öffentlichkeit und das Identifikationspotenzial, das sie vielen Bürgern boten, sorgten zusätzlich für eine erhöhte Gefahrenbewertung durch die Tschekisten. In den 1950er-Jahren befanden sich Künstler und Intellektuelle zunächst noch nicht im besonderen Fokus des MfS.52 Entsprechend gering war die Zahl der in diesem Bereich eingesetzten hauptamtlichen und inoffiziellen Mitarbeiter.53 So bestand 49 Vgl. Joachim Walther: Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik, durchgesehene Ausgabe, Berlin 1999 (künftig zitiert: Walther, Sicherungsbereich Literatur). – Auerbach/Braun, Hauptabteilung XX. 50 Siegfried Suckut (Hrsg.): Das Wörterbuch der Staatssicherheit. Definitionen zur »politischoperativen Arbeit«, 3. Auflage, Berlin 2001, S.  227 (künftig zitiert: Suckut, Das Wörterbuch der Staatssicherheit): »Bestrebungen innerer und äußerer Feinde, den Bereich der Kunst und Kultur der sozialistischen Gesellschaft für die Durchführung politischer Untergrundtätigkeit u. a. vielfältige Formen der Feindtätigkeit, insbesondere für die Verbreitung antisozialistischer Auffassungen, Theorien, Plattformen, Konzeptionen u. a., zu mißbrauchen. Durch den Aufbau ideologischer Stützpunkte und verfassungsfeindlicher Zusammenschlüsse unter Kunst- und Kulturschaffenden sowie Mitarbeitern der Massenmedien versucht der Gegner, die Einflußmöglichkeiten dieser Bereiche auf die sozialistische Bewußtseinsbildung zu subversiven Zwecken zu mißbrauchen bzw. umzufunktionieren.« 51 Vgl. Walther, Sicherungsbereich Literatur, S. 36 f. 52 Vgl. Auerbach/Braun, Hauptabteilung XX, S. 122. 53 Vgl. ebd., S. 123.

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das zuständige Referat der HA V/1 im Jahr 1955 nur aus einem Offizier. Die Aufstände in Polen und Ungarn 1956 sowie der Prager Frühling 1968 verstärkten das Misstrauen gegenüber den Künstlern und Intellektuellen der DDR, von denen man zunehmende Aktivitäten im »politischen Untergrund« erwartete. 1956/57 erfolgte daher eine erste Ausweitung des Kontrollapparates, die zunächst weitgehend auf die Zentrale begrenzt war. Anfang der 1960er-Jahre begann das MfS, die Anwerbung von Künstlern als inoffizielle Mitarbeiter zu intensivieren. Dabei stand vorläufig die Überwachung wichtiger kulturpolitischer Institutionen (Ministerium für Kultur, Kulturbund) und großer kultureller Einrichtungen (Theater, Museen) im Vordergrund. Mit der bis 1989 gültigen Dienstanweisung 3/69 Erich Mielkes zur »Organisierung der politisch-operativen Arbeit in den Bereichen der Kultur und Massenkommunikationsmittel« wurde die »Abwehrarbeit auf dem Gebiet von Kunst und Kultur« endgültig zu einem »Schwerpunktbereich« der Staatssicherheit.54 Die Bezirksverwaltungen organisierten daraufhin die Überwachung von Kultur und Massenkommunikationsmitteln neu, um den angeblich zunehmenden Einfluss des politischen Gegners zurückzudrängen.55 In der Folgezeit entstanden mit dem Aufbau der Linie XX/7 auch in den MfS-Bezirksverwaltungen entsprechende Fachreferate, auf zentraler Ebene waren ab 1969 zwei Referate der HA/7 mit der Kontrolle des Kulturbereichs betraut.56 Die Überwachung sollte nun auf alle größeren kulturellen Einrichtungen ausgedehnt werden, was Theater und Kabaretts ebenso einschloss wie die Konzert- und Gastspieldirektionen und Institutionen der Volkskunst. Ab 1978 lag das Hauptaugenmerk allerdings auf dem Literaturbetrieb.57 Insgesamt wandte sich die Staatssicherheit auf der Linie XX /7 in den 1980er-Jahren stärker der Überwachung und »operativen Bearbeitung« einzelner Personen zu.58 Dabei gewann die Bekämpfung der »politischen Untergrundtätigkeit« (PUT), das heißt oppositioneller und unangepasster Künstler, zunehmend an Bedeutung. Zugleich setzte die Staatssicherheit in der Ära Honecker weniger auf offene Repressionen, sondern auf Kriminalisierungsstrategien, die nach außen unpolitisch wirken sollten. Eine Möglichkeit bot hierfür etwa das Steuerstrafrecht. Daneben intensivierte die Geheimpolizei ihre »Zersetzungsmaßnahmen«, zum Beispiel, indem sie innerhalb bestimmter Personenkreise

54 Walther, Sicherungsbereich Literatur, S. 41. 55 Vgl. u. a. BStU, MfS (Rostock), BdL, Nr. 362, Bl. 3 –35, Maßnahmeplan zur Organisierung der politisch-operativen Arbeit in den Bereichen der Kultur und Massenkommunikationsmittel entsprechend der DA 3/69 des Genossen Minister vom 18.[6].69, 6.8.1969. 56 Vgl. Auerbach/Braun, Hauptabteilung XX, S.  125. – Die Hauptabteilung V und die entsprechenden Abteilungen in den Bezirksverwaltungen wurden schon 1964 in Hauptabteilung XX beziehungsweise Abteilung XX umbenannt. 57 Vgl. ebd., S. 129. 58 Vgl. ebd., S. 130.

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gegenseitiges Misstrauen säte.59 Für diese Zwecke wurden im letzten Jahrzehnt der DDR deutlich mehr inoffizielle Quellen eingesetzt. Die HA XX /7 verfügte 1969 über 27 Stellen. Diese Zahl blieb bis 1980 weitgehend konstant. Bis 1985 erhöhte sich der Personalbestand auf 37, bis 1988 auf 43 Personen.60 In den Bezirksverwaltungen arbeiteten 1988/89 insgesamt etwa 130 hauptamtliche Mitarbeiter auf der Linie XX /7.61 Das größte Referat stellte mit 15 hauptamtlichen Tschekisten die Bezirksverwaltung Berlin.62 Hinzu kam das Personal aus den Kreisdienststellen, das im Kulturbereich eingesetzt wurde. Da hier die Linienzuordnung nicht immer klar war, ist der Mitarbeitereinsatz schwer zu beziffern.63 Matthias Braun schätzt, dass eine mittlere dreistellige Zahl von Mitarbeitern auf KD-Ebene für das Aufgabenfeld der Linie XX zuständig waren.64 Der Bereich Kunst und Kultur machte innerhalb der HA XX wiederum zwischen 8,6 und 12,3 Prozent des Personals aus, allerdings dürften die Mitarbeiter auf KD-Ebene stärker bereichsübergreifend gearbeitet haben. Die Zahl der inoffiziellen Mitarbeiter, die die MfS-Zentrale im Kulturbereich führte, stieg kontinuierlich an: 1972 verzeichnete die HA XX /7 insgesamt 271 Mitarbeiter unterschiedlicher IM-Kategorien65 1975 bereits 399 inoffizielle Quellen, 1984

59 Vgl. Ilko-Sascha Kowalczuk: Stasi konkret. Überwachung und Repression in der DDR, München 2013, S. 173 –175 (künftig zitiert: Kowalczuk, Stasi konkret). 60 Vgl. Auerbach/Braun, Hauptabteilung XX, S. 134. 61 Kleinere Referate 7 bestanden in den Bezirken Gera, Frankfurt/Oder, Neubrandenburg, Schwerin, Cottbus und Suhl. In den vier letztgenannten Bezirken gab es kein Berufskabarett. 62 Vgl. Auerbach/Braun, Hauptabteilung XX, S. 135. 63 Vgl. ebd., S. 11. 64 Vgl. ebd., S. 38. 65 Die Staatssicherheit teilte ihre inoffiziellen Mitarbeiter in zahlreiche Kategorien ein. Vgl. für die folgenden Angaben Suckut, Das Wörterbuch der Staatssicherheit. Die meisten Mitarbeiter waren als IMS (inoffizielle Mitarbeiter zur Sicherung und Durchdringung eines Verantwortungsbereiches) eingestuft, sie wurden bis 1968 als GI (Geheimer Informator) bezeichnet. IME waren inoffizielle Mitarbeiter für einen besonderen Einsatz, zum Beispiel Fachexperten oder Quellen in Leitungsfunktionen. Die Kategorie IMB stand für inoffizielle Mitarbeiter mit Feindverbindung oder zur direkten Bearbeitung im Verdacht der Feindtätigkeit stehender Personen. Inoffizielle Mitarbeiter, die andere Quellen anleiteten, wurden als Führungs-IM (FIM) bezeichnet, bis 1968 wurden diese Mitarbeiter unter dem Begriff geheime Hauptinformatoren (GHI) geführt. IMK waren inoffizielle Mitarbeiter zur Sicherung der Konspiration und des Verbindungswesens. Sie stellten vor allem konspirative Wohnungen beziehungsweise Deckadressen zur Verfügung oder erbrachten sonstige Unterstützungsleistungen, ohne zumeist selbst aktiv Informationen zu übermitteln. GMS wurden vom MfS nicht in die IM-Kategorien eingeordnet, da ihre Tätigkeit für die Staatssicherheit oft einen weniger konspirativen Charakter hatte. Vgl. Kowalczuk, Stasi konkret, S.  220 –222. Jedoch zeigt auch die vorliegende Studie Beispiele für GMS, die typische IM-Tätigkeiten wahrnahmen. Dies galt unter anderem für den Magdeburger Amateurkabarettisten GMS »Peter Heinrich«. BStU, MfS (Magdeburg), AGMS 170/91.

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waren es zwar nur noch 393 IM/GMS, doch weitere 70 inoffizielle Mitarbeiter waren schon 1976 an die neugegründete Operativgruppe der HA XX ausgelagert worden.66 Die Operativgruppe (ab 1981 HA XX /9) bearbeitete Schwerpunktvorgänge der Linie XX, zum Beispiel gegen die Dissidenten Wolf Biermann, Robert Havemann und Rudolf Bahro.67 Einen finanziellen Anreiz konnte die HA XX /7 ihren Quellen nur selten bieten, so standen Ende der 1980er für alle Quellen zusammen nur 35.000 Mark zur Verfügung, einschließlich Treffkosten und Unterhalt der konspirativen Wohnungen. Das waren weniger als 100 Mark pro IM/GMS jährlich.68 Für die MfS-Bezirksverwaltungen waren 1968 insgesamt etwa 600 inoffizielle Mitarbeiter im Kulturbereich tätig.69 Gemeinsam mit den IM/GMS der HA XX /7 und der Schätzung von 500 Informanten, die in den Kreisdienststellen zur Überwachung des Kulturbereiches eingesetzt wurden, geht Joachim Walther republikweit von etwa 1.500 inoffiziellen Mitarbeitern auf diesem Gebiet aus.70 Statistische Angaben für die 1980er-Jahre sind schwierig. Bei den Bezirksverwaltungen liegen zu den IM/GMS nur Gesamtzahlen für die jeweiligen Abteilungen XX vor. Wie viele von ihnen dem Bereich der Kunst und Kultur zuzuordnen waren, ist daher nicht genau zu sagen. Als Orientierung kann dienen, dass auf zentraler Ebene die 393 IM/GMS der HA XX/7 im Jahr 1984 18,75 Prozent aller IM/GMS der HA XX entsprachen. Berücksichtigt man einen Teil der Quellen der HA XX/9, so lag der Anteil zwischen 20 und 25 Prozent. Wird dieser Prozentsatz auf die Linie XX in den Bezirksverwaltungen übertragen, kann für Mitte der 1980er-Jahre von 1.500 bis 2.000 bezirklich angeleiteten Quellen im Kulturbereich ausgegangen werden. Auch die entsprechenden IM-Zahlen der Kreisdienststellen dürften zu diesem Zeitpunkt weit über 500 gelegen haben. Die Quellen in den Berufskabaretts waren mehrheitlich für die Kreisdienststellen tätig. Hinzu kamen im Bereich des Amateurkabaretts Quellen anderer Abteilungen, weil hier oft die Spezifik des Trägerbetriebs darüber entschied, wer für dessen Überwachung, einschließlich seiner kulturellen Aktivitäten, zuständig war. Insgesamt ist eine vergleichsweise hohe Zahl inoffizieller Mitarbeiter anzunehmen, während das hauptamtliche Personal vor allem außerhalb Berlins sehr begrenzt war. Eine intensive Überwachung aller kulturellen Bereiche war jedoch auch

66 Vgl. Helmut Müller-Enbergs: Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, Teil 3: Statistiken, Berlin 2008 (Onlinepublikation der IM-Tabellen: http://www.nbn-resolving.org/ urn:nbn:de:0292-2012012009), S. 347 (künftig zitiert: Müller-Enbergs, Inoffizielle Mitarbeiter, Statistiken).  – Die 393 IM/GMS im Jahr 1984 gehörten folgenden Kategorien an: 296 IMS, 3 IMB, 13 IME , 7 FIM, 42 IMK, 32 GMS. 67 Vgl. Auerbach/Braun, Hauptabteilung XX, S. 135. 68 Vgl. ebd., S. 100. 69 Vgl. Walther, Sicherungsbereich Literatur, S. 661. 70 Vgl. ebd., S. 663.

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mit diesen IM/GMS-Zahlen nicht möglich. Die Staatssicherheit musste zwangsläufig Prioritäten setzen und Ressourcen bündeln. MfS-Bezirksverwaltungen

Jahr

IM/GMS Kultur71

Jahr

IM/GMS Abt. XX

Berlin

1968

35

1985

1.04872

Cottbus

1968

38

Dresden

1968

128

1983

79673

Erfurt

1968

41

-

Frankfurt/Oder

1983

54274

Gera

1968

24

1987

27675

Halle

1987

68676

Karl-Marx-Stadt

1988

5377 (ohne GMS, IMK)

Leipzig

1968

19

1963 1985

52278 86879

Magdeburg

1968

38

Neubrandenburg

-

-

1985

31980

Potsdam

1968

60

1985

47381

Rostock

1968

98

1985

78282

Schwerin

1968

12

-

-

Suhl

1968

3

1987

47683 (ohne IMK)

(Gesamt)84

(496)

(6.799)

Tabelle 2: IM/GMS-Statistiken Bezirksverwaltungen Bereich Kultur/Linie XX

71 Vgl. Walther, Sicherungsbereich Literatur, S. 661. 72 Vgl. Müller-Enbergs, Inoffizielle Mitarbeiter, Statistiken, S. 153. 73 Vgl. ebd., S. 169. 74 Vgl. ebd., S. 226. 75 Vgl. ebd., S. 301. 76 Vgl. ebd., S. 331. 77 Vgl. ebd., S. 359. 78 Vgl. ebd., S. 415. 79 Vgl. ebd., S. 416. 80 Vgl. ebd., S. 515. 81 Vgl. ebd., S. 559. 82 Vgl. ebd., S. 588. 83 Vgl. ebd., S. 626. 84 Zuzüglich der inoffiziellen Mitarbeiter in den Bezirken, für die keine Zahlen bekannt sind.

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Methoden Die Methoden und Fragestellungen der MfS-Forschung sind immer wieder Gegenstand kritischer Wissenschaftsdebatten. Zuletzt forderte Ilko-Sascha Kowalczuk, die Staatssicherheit stärker als Teil des Macht- und Herrschaftsapparates zu verstehen und weniger als einzelnes Phänomen zu betrachten.85 Dieser Appell ist nicht neu. Schon 1995 erklärten es Klaus-Dietmar Henke und Roger Engelmann zur Selbstverständlichkeit, MfS-Unterlagen nicht isoliert aufzuarbeiten.86 Fritz Arendt problematisierte bereits die inzwischen zu einem Topos der Forschungskritik avancierte »Fixierung auf das MfS«, weil diese Fragen nach der politischen Verantwortung verhindere.87 Im Jahr 2003 stellte Jens Giesecke fest, dass viele Studien nach wie vor die historische Einbettung und Reflexion der Aktenbefunde vernachlässigten, sodass die Welt »plötzlich voller IM« erscheine und die »Täter-Opfer-Dichotomie […] zum überragenden Erklärungsraster« werde.88 Auch der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes Roland Jahn bemängelte im Mai 2011 eine zu einseitige Konzentration auf die Arbeit des MfS.89 Nicht zuletzt steht seit längerer Zeit der Verdacht im Raum, die DDR-Aufarbeitung gehe mit der MfS-Forschung womöglich bis heute einer SED-Strategie des Wendeherbstes auf den Leim, die darauf abgezielt habe, von der Verantwortung der Einheitspartei für den Repressionsapparat abzulenken.90 Angesichts der Fülle von Publikationen, die sich hauptsächlich oder teilweise mit der Arbeit der Staatssicherheit beschäftigen – Kowalczuk schätzt die Zahl auf etwa 25.000 –, besteht auf diesem Feld eine enorme Vielfalt von Methoden und Forschungsansätzen.91 Im Bereich der Kunst und Kultur dominiert allerdings in der Tat die isolierte Betrachtung der MfS-Tätigkeit.92 Gleichwohl handelt es sich bei Unter85 Vgl. Kowalczuk, Stasi konkret, S. 13. 86 Vgl. Klaus-Dietmar Henke/Roger Engelmann (Hrsg.): Aktenlage. Die Bedeutung der Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes für die Zeitgeschichtsforschung, Berlin 1995, S.  9 (künftig zitiert: Henke/Engelmann, Aktenlage). 87 Fritz Arendt: Probleme des Zugangs zu den Unterlagen des MfS aus regionaler Sicht, in: Henke/Engelmann, Aktenlage, S. 237–240, hier S. 239. 88 Jens Gieseke: Zeitgeschichtsschreibung und Stasi-Forschung, in: Siegfried Suckut/Jürgen Weber (Hrsg.): Stasi-Akten zwischen Politik und Zeitgeschichte. Eine Zwischenbilanz, München 2003, S. 218–240, hier S. 224. 89 Vgl. »Rache war nie mein Sinnen«. Interview mit Roland Jahn, in: Ostsee-Zeitung vom 23.5.2011, S. 3. 90 Vgl. Christian Booß: Vom Mythos der Stasi-Besetzungen, in: DA, 43. Jg. (2010), H. 1, S. 44 –52. 91 Vgl. Kowalczuk, Stasi konkret, S. 11. 92 Vgl. Peter Böthig/Klaus Michael (Hrsg.): MachtSpiele. Literatur und Staatssicherheit im Fokus Prenzlauer Berg, Leipzig 1993. – Walther, Sicherungsbereich Literatur. – Hans-Joachim Föller: Lügensäcke. Die Stasi, ihre Helfer und ihre Opfer beim Wasunger Karneval, hrsg. v.

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Kontrollierte Freiräume (Leseprobe)  
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Die Kabaretts in der DDR unterlagen zahlreichen staatlichen Beschränkungen und Zensureingriffen. Dennoch gehörten sie zu den wenigen Orten,...

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