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Biographische Studien zum 20. Jahrhundert Herausgegeben von Frank-Lothar Kroll Bd. 5


Lars Fรถrster

Bruno Apitz Eine politische Biographie


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Inhaltsverzeichnis

Vorwort 

7

»Ich bin Sozialist, revolutionärer Sozialist« 

27

Proletarische Prägungen  Krieg und Streik  Shakespeare im Gefängnis  Freilassung, Revolution und Kapp-Putsch  Berufwunsch: Künstler 

27 35 39 45 50

Der KPD-Funktionär

55

Eintritt in die KPD  Funktionär der KPD-Bezirksleitung Leipzig  »Zelle Apitz« – Widerstand und Illegalität  Verhaftung und Prozess  Im Zuchthaus Waldheim 

55 61 66 72 74

Bruno Apitz im KZ Buchenwald 

77

Ankunft in Buchenwald  Aufbauphase und Lageralltag  Im Kommando Bildhauerei  Im Kommando Pathologie  Kunst und Kultur hinter Stacheldraht  Befreiung  Für alle Ewigkeit »Kämpfer gegen den Faschismus«  Probleme und Einflüsse beim Schreiben 

78 80 86 94 100 107 110 116


Aktivist der ersten Stunde 

123

Heimkehr nach Leipzig  Pionier der betrieblichen Kulturarbeit  Redakteur bei der »Leipziger Volkszeitung«  Engagement bei der DEFA 

123 127 130 133

Bruno Apitz und die Staatssicherheit 

137

Deckname »Brendel«  Ein »Republikflüchtling« lektoriert den Klassiker des DDR-Antifaschismus  Indienreise mit Stefan Heym  Ende der Zusammenarbeit mit dem MfS 

137 138 146 150

Erfolgsschriftsteller und »kalter Krieger« 

153

Der große Wurf – Millionen lesen ein Buch  Ein Buch als Waffe im geschichtspolitischen Systemkonflikt  Der DEFA-Film  Reisen in die Bundesrepublik Deutschland 

153 155 158 167

Bruno Apitz’ Verhältnis zu Staat, Macht und Partei 

171

Entweder-oder-Prinzip – Bruno Apitz’ Selbstverständnis  Die Partei als verlorene Heimat  Bruno Apitz’ Spätwerk – Rückzug in die Vergangenheit 

171 177 180

Schlussbetrachtung 

187

Dokumente 

193

Anhang 

233

Abkürzungen  Quellen- und Literaturverzeichnis  Abbildungsnachweis  Danksagung 

233 139 148 249


Vorwort

»Wer nach Verborgenem sucht, kriecht in Winkel, geht aber an dem vorüber, was ihm vor der Nase liegt.« Bruno Apitz in »Nackt unter Wölfen«1

Der Name Bruno Apitz ist ein Begriff, vor allem bei jenen, die in der DDR aufgewachsen sind. Der aus Leipzig stammende Schriftsteller und Kommunist gehörte zu den bekanntesten und zugleich beliebtesten Literaturschaffenden des Landes und war der Vorzeigeautor in puncto Antifaschismus. Sein 1958 erschienener Buchenwald-Roman »Nackt unter Wölfen« zählt zu den meistgelesenen Büchern in der DDR, war Schullektüre und bildete die Vorlage für Film- und Hörspielfassungen. Apitz erzählt darin die Geschichte eines kleinen jüdischen Jungen, der im Frühjahr 1945 in einem Koffer ins KZ Buchenwald gebracht und bis zum Tag der Befreiung im April 1945 von kommunistischen Häftlingen vor der SS versteckt und damit gerettet wird. Apitz selbst war acht Jahre im KZ Buchenwald inhaftiert und verteidigte anschließend den Sozialismus zeit seines Lebens. Mit seinem Roman »Nackt unter Wölfen« erlangte er Weltruhm. Bis heute wurde das Buch weltweit über drei Millionen Mal verkauft und in mehr als 30 Sprachen übersetzt2, was allerdings nicht verhindern konnte, dass Bruno Apitz nach dem Zusammenbruch der DDR schnell aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwand und bis heute als »Ein-Buch-Autor«3 gilt.4 1 Bruno Apitz: Nackt unter Wölfen, Halle (Saale) 1958, S. 190. – In Erinnerung an einen überraschenden Kellerfund mit Marlis Apitz am 13.9.2014. 2 Vgl. Ingrid Hähnel, Elisabeth Lemke: Millionen lesen einen Roman. Bruno Apitz’ »Nackt unter Wölfen«, in: Inge Münz-Koenen (Hrsg.): Werke und Wirkungen. DDR-Literatur in Diskussion, Leipzig 1987, S. 21–60, hier: S. 21. 3 Stefan Heym: Nachruf, München 2011, S. 721. 4 Siehe dazu die kritischen Zeitungsartikel zum 100. Geburtstag von Bruno Apitz. Christian Eger: Bruno Apitz. Triumph der Leser und Legenden. Der »Nackt unter Wölfen«-Autor wird heute 100, in: Mitteldeutsche Zeitung, 28.4.2000; Ulf Heise: Leben hinter Stacheldraht: Heute vor 100 Jahren wurde Bruno Apitz in Leipzig geboren, in: Thüringische Allgemeine, 28.4.2000; Gisela Hoyer: Zu Bruno Apitz’ 100. Die Wahrheit?, in: Leipziger Volkszeitung, 28.4.2000, S. 1; Volker Müller: Das willkommene Heldenlied, in: Berliner Zeitung, 28.4.2000, S. 12.

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Apitz hat vier politische Systeme erlebt: als Kind und Jugendlicher das Deutsche Kaiserreich, als junger Erwachsener die Weimarer Republik sowie die NS-Diktatur und im Anschluss den Sozialismus in der DDR. Dabei war er Oppositioneller dreier deutscher Staaten – ein Jahrhundertleben, das geprägt war von historischen Brüchen und persönlichen Katastrophen. Der 1900 geborene Bruno Apitz war bereits als Jugendlicher politisch engagiert, trat 1927 in die KPD ein und betätigte sich dort als Agitprop-Funktionär der KPDBezirksleitung Leipzig. Ab 1933 wurde er mehrfach inhaftiert und war ab 1937 bis zur Befreiung im KZ Buchenwald gefangen. Der Autodidakt Apitz war ein vielseitig talentierter Mensch – als Schriftsteller, Bildhauer, Kabarettist, Schauspieler und Geiger –, hatte jedoch wegen seiner Herkunft und der politischen Verhältnisse in seiner Jugendzeit und der Zeit seines frühen Erwachsenseins keine ausreichenden Chancen, diese Talente auszubilden.5 Während seiner Lagerzeit entstanden zahlreiche Plastiken, darunter die viel beachtete Holzplastik »Das letzte Gesicht«, die heute im Deutschen Historischen Museum in Berlin ständig ausgestellt ist. Als staatlich anerkannter »Kämpfer gegen den Faschismus« beschloss Apitz nach dem Krieg, seine künstlerische Arbeit ganz in den Dienst der KPD und später der SED zu stellen, um am Wiederaufbau Deutschlands und insbesondere an der Begründung einer sozialistischen Gesellschaft mitzuwirken, wobei sein Lebensweg lange untrennbar mit Leipzig verbunden war. Er arbeitete unter anderem als Redakteur bei der »Leipziger Volkszeitung«, als Verwaltungsdirektor der Städtischen Bühnen Leipzig sowie als Spielleiter von Laientheatergruppen. Erst 1952 führte ihn sein Autorenberuf nach Berlin-Adlershof, wo er zunächst als Dramaturg bei der DEFA arbeitete und ab 1955 als »freischaffender Schriftsteller« seine Buchenwald-Erfahrungen in dem Roman »Nackt unter Wölfen« niederschrieb. Der Roman machte Apitz über Nacht berühmt, insbesondere da er der erste Weltbestseller der DDR-Literatur überhaupt war. Es folgte Frank Beyers nicht weniger erfolgreiche gleichnamige DEFA-Verfilmung in Schwarz-Weiß. Bruno Apitz wurde zu einer exponierten Persönlichkeit des literarischen und zeitweilig auch des politischen Lebens der DDR. 1958 erhielt er den Nationalpreis 3. Klasse und 1963 im Filmkollektiv den Nationalpreis 1.  Klasse, die höchste staatliche Auszeichnung der DDR. Apitz engagierte sich als Mitglied der Deutschen Akademie der Künste in OstBerlin und gehörte dem PEN-Zentrum der DDR an. Er schrieb Artikel für die beiden wichtigsten Literaturzeitschriften in der DDR – »Sinn und Form« sowie »Neue Deutsche Literatur«. Straßen, Schulen, Bibliotheken, Brigaden und sogar ein AtlantikSupertrawler des VEB Fischfang Rostock wurden nach ihm benannt.

5 Siehe dazu Kurt Böttcher, Johannes Mittenzwei: Zwiegespräch. Deutschsprachige Schriftsteller als Maler und Zeichner, Leipzig 1980, S. 312–314.

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Apitz war kein klassischer Intellektueller oder Politiker, sondern ein einfacher, zurückhaltender und bescheidener Mensch, dem die Möglichkeit zu studieren verwehrt blieb. Zwar war Apitz zwischen 1954 und 1960 Bezirksverordneter im Stadtbezirk Berlin-Prenzlauer Berg, dies jedoch nur, weil er darin den konkreten praktischen Auftrag sah, Dinge spürbar und sichtbar zu verändern. So half er beispielsweise Jungen beim Basteln von Segelflugzeugen, um sie von der Straße zu holen, oder besorgte durch Beziehungen die damals knappen Windeleimer für eine Kinderkrippe. Apitz ist in diesem Sinne als echter Proletarier zu bezeichnen und besaß das, was man einst Klassenbewusstsein nannte. Er gehörte zu keiner dieser Gruppen von Schriftstellern und Künstlern, von Intellektuellen im klassischen Sinne, die sich regelmäßig trafen und sich über Gott und die Welt unterhielten. So waren es besonders politische Kameraden aus der Leipziger und Buchenwalder Zeit, allesamt aus der Arbeiterschicht stammend, die er schätzte und zu seinen Freunden zählte, wie etwa Robert Siewert, Herbert Morgenstern oder Otto Halle. Sein wohl engster Freund und zugleich persönlicher Lebensberater war der Journalist Herbert Bergner, den er schon aus der frühen gemeinsamen Zeit in Leipzig kannte. Bis zu seinem Erfolg mit »Nackt unter Wölfen« besaß Apitz nur wenige Künstlerfreunde, darunter Peter Kast, Harald Hauser, Karl Schnog, Herbert Sandberg und Li Weinert, Frau von Erich Weinert, was damit zu tun hatte, dass Apitz als Schriftsteller zuvor völlig unbekannt war und nicht in derartige Künstlerkreise gelangte. Später kamen der Journalist Ewald Thoms sowie die Schriftsteller Peter Edel, Helmut Hauptmann, der an Apitz’ Grab die Gedenkrede hielt, und Heinz Plavius als enge Freunde hinzu. Außerdem baute er mit Angehörigen der DEFA-Film-Crew von »Nackt unter Wölfen« persönliche Freundschaften auf, so etwa mit den Schauspielern Erwin Geschonneck, Fred Delmare, Gerry Wolff sowie mit dem Regisseur Frank Beyer im Besonderen. Von seinem Umfeld wird Bruno Apitz als heiter, lebendig, spritzig, humorvoll und einfallsreich, aber auch als feinfühlig, einfühlsam, emotional, voller Menschenliebe und Herzensgüte charakterisiert. Der »Herzensmensch« Apitz, so berichtet sein Schriftstellerfreund Wolfgang Held, habe »mehr mit dem Herzen, weniger mit dem Gehirn« gedacht.6 Die liebevolle Bezeichnung »Herz auf Beinchen«, die der Literat Hans Marchwitza ihm verlieh, soll Apitz gemocht haben.7 Helmut Hauptmann etwa sah in Apitz gar einen Komödianten: »Naiv, weise, guten Durchschnitt des Volkes repräsentierend, seine Stimmung artikulierend, seine Interessen vertretend, spielend

6 Gespräch mit Wolfgang Held, 10.4.2012 in Weimar (im Weiteren Gespräch mit Wolfgang Held in Weimar). 7 Gespräche mit Marlis Apitz, 25.4.2010, 27.2.2012, 9.2.2014 in Berlin (im Weiteren Gespräche mit Marlis Apitz in Berlin).

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und kämpfend […]«8 Ins Gedächtnis seiner Freunde prägten sich Apitz’ Lockerheit, sein Humor und seine unterhaltsamen Clownerien ein, die er oft spontan, manchmal inmitten eines Gespräches, mit satirischen und grotesken Elementen darbot.9 Unbestritten war Apitz, der nie ein hoher Partei- oder Staatsfunktionär war, im Volke populär, da er vielen Menschen das Gefühl gab, er sei einer von ihnen. Gleichzeitig blieb er bis zu seinem Tode ein hochverehrter Künstler und Antifaschist, Adressat von Auszeichnungen, von Würdigungsartikeln im »Neuen Deutschland« und von Gratulationsschreiben Walter Ulbrichts. Dies mag auf den ersten Blick widersprüchlich scheinen und passte in seinem Fall doch zusammen. Der Schlüssel zu Apitz’ Popularität liegt vermutlich in seinem bescheidenen Auftreten und seiner Volkstümlichkeit, die sich zum Teil in der schlichten Erzählweise seiner Werke ausdrückte und einen seiner grundlegenden Wesenszüge bildete. Der Dichter René Schwachhofer schrieb aus Anlass des 60. Geburtstages von Bruno Apitz: »Diese Schlichtheit und Aufgeschlossenheit sind Grundzüge im Wesen des Schriftstellers, der stets mit beispielhafter Bescheidenheit auftrat und (beschienen von der Sonne seines Erfolges) auftritt. Es ist wohl das wahrhaft ›Menschliche‹, dass die Persönlichkeit von Bruno Apitz prägt: die Fähigkeit, mit anderen, ihm vielleicht sogar wesenfremden Zeitgenossen mitzufühlen, ihnen mit Rat und Tat beizustehen und sie vielleicht sogar auf den richtigen Weg zu bringen. […] Die so warmherzige und verständnisvolle Haltung anderen gegenüber hat Bruno Apitz von jeher Zuneigung und Vertrauen unzähliger Menschen eingebracht.«10 Vor allem die »einfachen« Menschen waren es, die Apitz lasen und die er berührte und begeisterte, weniger die Literaturwissenschaftler, mit denen er des Öfteren auf Kriegsfuß stand, weil sie sein Werk aus seiner Sicht zu wissenschaftlich analysierten. Auch als ihn der Erfolg ereilte und finanzielle Zwänge wichen, verlor Apitz nie die Bodenhaftung. So war im Mai 1961 im »Leuna-Echo« von einem Treffen Bruno Apitz’ mit Bauarbeitern zu lesen, wo Apitz scherzend sagte: »Ja, ich habe eine Bügelfalte,

  8 Helmut Hauptmann: Die Sprungfeder in uns. Helmut Hauptmann über Bruno Apitz (mit einer Zeichnung von Harald Kretschmar), in: Anni Voigtländer (Hrsg.): Liebes- und andere Erklärungen. Schriftsteller über Schriftsteller, Berlin (Ost)/Weimar 1972, S. 7–12, hier: S. 11.   9 Vgl. Siegfried Meißgeier: Vor allem ein wahrer Mensch, in: Wochenpost, Nr. 16, 1985, S. 14. – Ferner siehe Brief von Eberhard Leitner an Bruno Apitz, 16.12.1948, Akademie der Künste (im Weiteren AdK), Berlin, Bruno-Apitz-Archiv, Nr. 148. 10 René Schwachhofer: Literatur, gewachsen aus dem Leben. Freundesgruß an Bruno Apitz zu seinem 60. Geburtstag, in: Neue Zeit, 28.4.1960, S. 4.

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Bruno Apitz im Gespräch mit Bauarbeitern, um 1960

aber nur in der Hose, nicht aber in meinem Herzen.«11 Auch sein späterer Verleger Dr. Eberhard Günther bestätigte Apitz’ einfache Lebensweise: »Als ich das erste Mal mit ihm zusammentraf, war ich überrascht. Man merkte überhaupt nicht, dass er ein hoch geehrter Mann war. Sein freundliches Wesen und seine leise Art zu sprechen waren sehr angenehm. Auch seine Berliner Wohnung war bescheiden und ohne viel Komfort eingerichtet.«12 Für seine Verdienste verlieh ihm seine Heimatstadt Leipzig 1975 die Ehrenbürgerschaft.13 Für den nie zum Zuge gekommenen und mittlerweile betagten Apitz war der Ruhm eine späte Genugtuung, gleichzeitig aber auch eine gewaltige Last. Denn an den Erfolg seines berühmten Werkes konnte er mit seinen weiteren Arbeiten nicht

11 Eisenschmidt: Die Bügelfalte nicht im Herzen. Bruno Apitz zu Besuch bei den Bauarbeiten, in: Leuna Echo, Nr. 51, 5.5.1961, S. 3. 12 Eberhard Günther: Verleger – mehr als ein Beruf. Erinnerungen, Halle (Saale) 2009, S. 118 f. 13 Rede des Oberbürgermeisters von Leipzig anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Bruno Apitz, 1975, Tonbandaufnahme, AdK, Berlin, Bruno-Apitz-Archiv, Nr. 205.

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anknüpfen. Die Romane »Der Regenbogen« (1976) und »Schwelbrand« (postum und durch Wolfgang Weiß vollendet, 1984) sowie die Novelle »Esther« (im KZ Buchenwald 1944 verfasst, 1959 erstmals veröffentlicht) fanden kaum öffentliche Beachtung oder gar Anerkennung. Dasselbe gilt für den Tatsachenbericht »Das war Buchenwald!«14 (1946), der über das Grauen und Elend im KZ Buchenwald berichtet. Gleichwohl ist Apitz’ Roman »Nackt unter Wölfen« auch nach 1989/90 noch immer Gegenstand kritischer Auseinandersetzungen um die DDR-Literatur. Wiederholt wurde bemängelt, dass Apitz’ Schilderungen im Roman von den tatsächlichen Vorgängen bei der Rettung des damals dreijährigen Stefan Jerzy Zweig, des so genannten »Buchenwaldkindes«, erheblich abwichen.15 Die Holocaust-Überlebende Ruth Klüger etwa geißelte »Nackt unter Wölfen« gar als »Kitschroman«.16 Über der Geschichte liege ein »Netz an Trivialmustern«, meinte Wilfried Schoeller. 17 Dabei gerät die Geschichte seines Autors, der unter großen Mühen versuchte, seine Lagererfahrungen literarisch umzusetzen, oftmals aus den Augen. Gerade jene, welche die fehlende Differenzierung im Roman kritisieren, lassen eine Differenzierung bei der schwierigen Entstehungsund Veröffentlichungsgeschichte sowie bei der Person Bruno Apitz’ vermissen. »Das Kratzen am DDR-Denkmal war doch üblich. Gekränkt hat es uns nicht, wir haben es nur als schamlos empfunden«18, versucht die Witwe des Autors, Marlis Apitz, die Abwertung nach 1989/90 gelassen zu sehen. Auf die Frage, was Apitz zum Ende der 14 KPD Stadt und Kreis Leipzig (Hrsg.): Das war Buchenwald! Ein Tatsachenbericht, zusammengesetzt und bearbeitet von Rudi Jahn, Leipzig (1946). 15 Scharfe Kritik am Roman kam vor allem von Hans Joachim Schädlich: Anders, Berlin 2003, S. 53–93. – Ebenso pflichtete Wolfgang Emmerich dem Vorwurf an den Roman bei, dass er Geschichte verfälsche. Ders.: Kleine Literaturgeschichte der DDR, Leipzig 1996, S. 134–136. – Zum Verhältnis von literarischer Fiktion und Realität in »Nackt unter Wölfen« siehe Harry Stein: »Nackt unter Wölfen« – literarische Fiktion und Realität einer KZ-Gesellschaft, in: Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (Hrsg.): Sehen, Verstehen und Verarbeiten. KZ Buchenwald 1937–1945, KZ Mittelbau-Dora 1943–1945, H. 43, Bad Berka 2000, S. 27–40; Annette Leo: »Nackt unter Wölfen«. Mythos und Realität, in: Dachauer Hefte. Studien und Dokumente zur Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, hrsg. von Wolfgang Benz und Barbara Distel, Nr. 22, 2006, S. 146–157. – Dazu maßgeblich die authentischen Erinnerungen von Zacharias Zweig (postum), Stefan Jerzy Zweig: Tränen allein genügen nicht. Eine Biographie und ein wenig mehr, 2. Auflage, Wien 2007. – Ferner die MDRFernsehdokumentation »Das Buchenwaldkind oder: Was vom Antifaschismus bleibt« unter der Regie von Ute Gebhardt, Sendedatum: 13.4.2010. – Zur allgemeinen Kritik am Antifaschismus in der DDR siehe Lutz Niethammer (Hrsg.): Der »gesäuberte Antifaschismus«. Die SED und die roten Kapos von Buchenwald. Dokumente, Berlin 1994; Thomas Taterka: »Buchenwald liegt in der Deutschen Demokratischen Republik«. Grundzüge des Lagerdiskurses der DDR, in: Ders., Birgit Dahlke, Martina Langermann (Hrsg.): LiteraturGesellschaft DDR. Kanonkämpfe und ihre Geschichte(n), Stuttgart/Weimar 2000, S. 312–365. 16 Ruth Klüger: weiter leben. Eine Jugend, Göttingen 1992, S. 75. 17 Wilfried Schoeller: »Doppelgedächtnis – in diesem Wort liegt der Anspruch.« Eine Rede im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald, die Anstoß erregte, in: Frankfurter Rundschau, 15.4.1993, S. 13. 18 Gespräche mit Marlis Apitz in Berlin.

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DDR und zu seiner Abwertung gesagt hätte, meint sie: »Der Bruno würde mit einem Augenzwinkern sagen: Der liebe Gott hat mich überleben lassen, die Partei hat mich nicht kaputt bekommen, da werde ich an diesem neuen Deutschland auch nicht zerbrechen.«19Als geradezu sinnbildlich für das Vergessen des Schriftstellers im wiedervereinigten Deutschland erscheint der Umstand, dass die 1985 enthüllte Gedenktafel an seinem Leipziger Geburtshaus in der Elisabethstraße 15 entfernt wurde, obwohl die Ehrenbürgerschaft der Stadt bis heute besteht. Dennoch verwundert es, dass eine umfassende und wissenschaftlich fundierte politische Biographie über Bruno Apitz, auch mit den zugehörigen Schattenseiten, bis dato ausstand. Bereits Renate Florstedt (1990) und Claude D. Conter (1997) machten auf dieses Forschungsdefizit aufmerksam.20 Ziel der vorliegenden Dissertation ist es zuvörderst, diese empfindliche Lücke zu schließen und der Forschung wie auch interessierten Laien eine differenzierte, ausführliche und quellenbasierte Biographie an die Hand zu geben. Möglicherweise verhinderte Apitz’ lebenslanges Bekenntnis zum Kommunismus und später zur DDR bislang, sich ihm biographisch zu nähern. Selbst die DDR-Forschung wandte sich dem Antifaschisten Bruno Apitz während der Honecker-Ära immer seltener zu. Dabei ist die Darstellung der Biographie von Bruno Apitz für eine sachlich-vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit dem Literaturbetrieb der DDR, mit der DDR selbst, zugleich aber auch mit der Geschichte der deutschdeutschen Beziehungen von geradezu herausragender Bedeutung. Daher kann und soll es in dieser Arbeit nicht allein darum gehen, den Lebensweg des Schriftstellers Bruno Apitz nachzuzeichnen, und erst recht soll hier nicht lediglich eine immanente literaturwissenschaftliche Analyse seiner Prosawerke erfolgen. Vielmehr ist die Methode, Apitz als literarischen und politischen Akteur eingebettet in die Geschichte der DDR und des DDR-Antifaschismus wissenschaftlich zu bearbeiten, die einzig mögliche, um dem Thema gerecht zu werden. Ein weiterer methodischer Ansatz zur Bearbeitung des Themas war die kritische Nutzung aller in Frage kommenden Quellen; dies sind die zur Verfügung stehenden Archive, die Oral History, die Literatur von und über Apitz, die zeitgenössische Presse sowie die Reaktionen auf den Buchenwald-Roman und -Film. In der Arbeit werden sowohl politisierende Prägungen aufgrund der Herkunft und die Erfahrungen der verschiedenen Inhaftierungsphasen als auch Apitz’ künstlerischer Werdegang und sein Selbstverständnis als Kommunist, KZler, Künstler und DDR-Prominenter entfaltet und unter die Lupe genommen. Dadurch gerät diese

19 Ebenda. 20 Stadt- und Bezirksbibliothek Leipzig, Zentralinstitut für Bibliothekswesen (Hrsg.): Bruno Apitz 1900– 1979. Biographie – Texte – Bibliographie, erarbeitet und kommentiert von Renate Florstedt, Leipzig 1990, S. 3; Claude D. Conter: Bruno Apitz. Eine Werkgeschichte, Magisterarbeit, Universität Bamberg 1997, S. 26.

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Biographie ebenso zu einem Beitrag zur Geschichte des deutschen Kommunismus. Es geht aber auch um eine Einordnung Apitz’ in den Kultur- und Literaturbetrieb des Arbeiter- und Bauernstaates. Am Beispiel der Biographie des Kommunisten Bruno Apitz können die Möglichkeiten und Grenzen eines Schriftstellers im Umgang mit der Macht »seines« Staates aufgezeigt werden. Die Biographie gibt dadurch Aufschluss über die Geschichte der frühen und mittleren DDR und liefert Grundlagen für die Aufarbeitung des wohl wichtigsten Kapitels der Literatur- und Kulturpolitik der DDR. Sie erlaubt dem politisch-kritischen Leser zudem eine Auseinandersetzung mit dem antifaschistischen Lebenswerk des Bruno Apitz’ sowie ein eigenes Urteil darüber, ob dieser Autor im wiedervereinigten Deutschland nicht doch einen Platz im gesellschaftlichen Erinnern verdient.

Die Forschung zu Bruno Apitz Bruno Apitz’ Lebensgeschichte ist von der Bruno-Apitz-Forschung in der DDR sowie von der Forschung zur DDR-Geschichte nach 1989/90 bislang nur in Teilaspekten untersucht worden. Zumeist richteten diese Einzelbeiträge ihr Hauptaugenmerk auf den Roman »Nackt unter Wölfen«. So hat sich beispielsweise der britische Historiker Bill Niven 2009 breit und ausführlich mit der Rezeptionsgeschichte von »Nackt unter Wölfen« auseinandergesetzt und sich dabei mit Apitz’ Lebensweg nur abrissartig beschäftigt.21 Einige Diskussionen verursachte die Neuausgabe von »Nackt unter Wölfen« im Jahr 2012, die erstmals zuvor gestrichene Originalpassagen enthält und damit Roman und Autor in ein neues Licht rückte.22 In dieser Ausgabe des Berliner Aufbau-Verlags

21 Bill Niven: Das Buchenwaldkind. Wahrheit, Fiktion und Propaganda, Halle (Saale) 2009. 22 Siehe dazu die überwiegend positiven Rezensionen von Jens Bisky: Du bist ein Mensch, beweise es, in: Süddeutsche Zeitung, 10.3.2012, S. 19; Katrin Hillgruber: Das Kind im Koffer, in: Der Tagesspiegel, 8.4.2012, S. 28; Jörg Bernhard Bilke: Deutung über Buchenwald, in: Junge Welt, 9.4.2012, www. jungefreiheit.de/wissen/geschichte/2012/die-deutungsmacht-ueber-buchenwald (zuletzt aufgerufen am 28.4.2014); Christian Eger: Du bist ein Mensch, in: Mitteldeutsche Zeitung, 9.5.2012, www.mz-web.de/ kultur/bruno-apitz-du-bist-ein-mensch,20642198,17127496.html (zuletzt aufgerufen am 28.4.2014); Wolf Scheller: Kommunistisches KZ-Rührstück. Eine Neuausgabe von Bruno Apitz’ Roman »Nackt unter Wölfen« räumt mit Mythen in dem DDR-Bestseller auf, in: Jüdische Allgemeine, 10.5.2012, www. juedische-allgemeine.de/article/view/id/12938 (zuletzt aufgerufen am 28.4.2014); Andreas Debski: Die Odyssee eines DDR-Klassikers. LVZ-Redakteur und Leipziger Ehrenbürger, in: Leipziger Volkszeitung, 18.6.2012, S. 3; Eberhard Reimann: Entscheidungen über Leben und Tod, in: Neues Deutschland, 14./15. Juli 2012, S. W9. – Dagegen sehr kritisch Ulli Gellermann: Fragwürdige Neu-Edition: Nackt unter Wölfen – In Klammern, in: Freigeist Weimar, 20.10.2012, http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/ fragwuerdige-neu-edition-nackt-unter-wolfen-in-klammern/ (zuletzt aufgerufen am 28.4.2014).

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ist ein fachkundiges Nachwort der deutschen Historikerin und Germanistin Susanne Hantke zur Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte von »Nackt unter Wölfen« enthalten.23 Aber auch Hantke konzentrierte sich in ihrer Forschungsarbeit weitgehend auf die Zeit von 1933 bis 1958. Weitere Erkenntnisse zur Genese von »Nackt unter Wölfen« sowie eine historisch-biographische Analyse des Figurensets werden ihrer Dissertation zu entnehmen sein, die laut Angabe der Verfasserin demnächst abgeschlossen wird.24 Die Berücksichtigung des literarischen Gesamtwerkes von Bruno Apitz erfolgte erstmals durch die Magisterarbeit »Bruno Apitz. Eine Werkgeschichte« (1997) des luxemburgischen Germanisten Claude D. Conters.25 Conters beachtliche Pionierarbeit bietet zudem eine umfassende Bruno-Apitz-Bibliografie26, die alle veröffentlichten und unveröffentlichten Arbeiten des Schriftstellers enthält, soweit sie erhalten beziehungsweise nachweisbar sind. Eine weitere Hilfe bei der Recherche war die von Renate Florstedt im Jahr 1990 veröffentlichte Edition zum 90. Geburtstag von Bruno Apitz, die zum ersten Mal auch die Publizistik über Bruno Apitz erfasste.27 Bis heute ist es indes nicht gelungen, eine Gesamtausgabe all seiner bekannten und bisher

23 Zur Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte von »Nackt unter Wölfen« siehe Susanne Hantke: »Das Dschungelgesetz, unter dem wir alle standen«. Der Erfolg von »Nackt unter Wölfen« und die unerzählten Geschichten der Buchenwalder Kommunisten (Nachwort), in: Bruno Apitz: Nackt unter Wölfen, erweiterte Neuausgabe, Berlin 2012, S. 515–574. – Zudem hat Hantke umfangreiche Lebensdaten von Bruno Apitz zusammengetragen. Siehe dazu Apitz: Nackt unter Wölfen (2012), S. 510–514. 24 Susanne Hantke schreibt ihre Dissertation unter dem Arbeitstitel: »Bruno Apitz’ Roman ›Nackt unter Wölfen‹ und seine Geschichte(n). Ein Schreibprozess im Spannungsfeld von individueller Erinnerung und antifaschistischem Kanon.« 25 Claude D. Conter: Bruno Apitz. Eine Werkgeschichte, Magisterarbeit, Universität Bamberg 1997. – Ferner siehe Ders.: Ein unbekannt gebliebenes Gedicht von Bruno Apitz, in: Zeitschrift für Germanistik, Nr. 3, 1998, S. 655–659; Ders.: »Alle Kommunisten sind Juden, alle Juden können Kommunisten werden.« Über das Verhältnis von Juden und antifaschistischem Widerstand in der sozialistischen Literatur, in: Pól Dochartaigh (Hrsg.): Jews in German literature since 1945: German-Jewish literature?, Amsterdam 2000, S. 295–314; Ders.: Bruno Apitz: Im Auftrag des Antifaschismus, in: Germanistik. Publications du Centre universitaire de Luxembourg, Nr. 15, 2001, S. 39–69; Ders.: Bruno Apitz (Kurzbiographie), in: Bernd Lutz, Benedikt Jeßing (Hrsg.): Metzler Autoren Lexikon. Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Weimar 2004, S.  20 f.; Ders.: »Aufbau aus Trümmern, neue Menschwerdung«. Bruno Apitz’ literarische Erziehung zum Sozialismus, in: Günter Häntzschel (Hrsg.): Treibhaus. Jahrbuch für die Literatur der fünfziger Jahre, Bd. 4: Die Anfänge der DDR-Literatur, München 2009, S. 82–102; Ders.: Bruno Apitz, in: Gertrud Maria Rösch (Hrsg.): Fakten und Fiktionen. Werklexikon deutschsprachiger Schlüsselliteratur 1900–2010, Bd. 1: Andres und Loest, Stuttgart 2011, S. 5–9; Ders.: »Das war ein fast vergessenes Stück Literatur«. Bruno Apitz’ Novelle Esther oder Archäologie eines Missverständnisses, in: Ulrich von Bülow, Sabine Wolf (Hrsg.): DDR-Literatur. Eine Archivexpedition, Berlin 2014, S. 187–206. 26 Conter: Eine Werkgeschichte, S. 342 ff. 27 Stadt- und Bezirksbibliothek Leipzig, Zentralinstitut für Bibliothekswesen (Hrsg.): Bruno Apitz 1900– 1979. Biographie – Texte – Bibliographie, erarbeitet und kommentiert von Renate Florstedt, Leipzig 1990.

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unbekannten Texte sowie einen umfassenden Bildband seiner im KZ entstandenen Plastiken zusammenzustellen. Zum einen, weil die Informationen von Bruno Apitz zu den Arbeiten lückenhaft sind und auch, weil die Quellenüberlieferung für eine Kontextualisierung und Würdigung seiner Arbeiten oftmals nicht ausreichen würde. Etwas überraschend kam während der Arbeit an dieser Biographie die Nachricht des MDR, dass der Roman »Nackt unter Wölfen« unter Federführung des Senders erneut verfilmt wird. Denn schon einmal gab es einen Anlauf für einen neuen Film, die letztlich jedoch aus vertragsrechtlichen Gründen scheiterte.28 Gedreht wurde 2014 in Tschechien und Mitteldeutschland. Ein Teil der Dreharbeiten fand auch am Originalschauplatz in der Gedenkstätte Buchenwald statt. Basis für das Drehbuch von Stefan Kolditz war die erweiterte Auflage des Romans von 2012. Die TV-Ausstrahlung 2015 zum 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald bietet die Chance einer neuen gesamtdeutschen Debatte über die Verbrechen von NS-Tätern in Konzentrationslagern und könnte eine Diskussion auslösen, wie mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus in den 1950er und 1960er Jahren in Ost und West umgegangen wurde. Außerdem bleibt vorsichtig zu hoffen, dass die Neuverfilmung das öffentliche Interesse am Autor und dessen Lebensgeschichte wecken wird. Im Rahmen dieser Arbeit wurden zahlreiche gedruckte und ungedruckte Quellen in Archiven und Bibliotheken gesichtet und ausgewertet. Bruno Apitz hat viele Spuren in den Archiven hinterlassen. Entgegen ersten Vermutungen waren die hier relevanten Bestände sehr verstreut. Erforderlich waren Recherchearbeiten in insgesamt elf Archiven in sechs Städten. Hierzu zählen die Sammlungen der Gedenkstätte Buchenwald, das Archiv des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen, die Dokumentensammlungen des Deutschen Historischen Museums in Berlin, das Bundesarchiv in Berlin, das Landesarchiv Berlin, das Sächsische Staatsarchiv Leipzig, das Deutsche Rundfunkarchiv in Potsdam-Babelsberg, das Archiv des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Berlin, das Filmarchiv Potsdam sowie das Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt in Magdeburg, das den Bestand des Mitteldeutschen Verlages Halle (Saale), kurz MDV, beherbergt. Von herausragender Bedeutung sind jedoch die umfangreichen Materialien im Bruno-Apitz-Archiv, das vom Literaturarchiv der Akademie der Künste in Berlin verwahrt wird. Dieser Bestand ist insofern von ganz besonderem Interesse, als es sich hierbei um den persönlichen Nachlass, inklusive des literarischen Gesamtwerkes, des Schriftstellers handelt. Er wurde nach dessen Tod von der Witwe Marlis Apitz und Wolfgang Weiß, der

28 Mitte der 1990er Jahre kam die Anfrage aus den USA. Die Idee war bereits weit gediehen, scheiterte aber dann leider. – Siehe dazu Vertragsunterlagen, Privatbesitz Marlis Apitz (im Weiteren PMA), Berlin.

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den letzten Roman »Schwelbrand« vollendet hat, eingerichtet und verzeichnet. Apitz hatte sich zu Lebzeiten nicht vorstellen können, dass seine Briefwechsel, Aufzeichnungen und Manuskripte für die Forschung von Interesse sein könnten. Dementsprechend war alles unsortiert – und in Kisten, Kästen, Ecken und in Schreibtischklappen sowie Schrankfächern aufbewahrt. Weitere persönliche Dokumente und private Fotos, die der Verfasser nutzen durfte, befinden sich im Privatbesitz von Marlis Apitz. Es handelt sich hierbei um den Inhalt zweier Schubladen einer Holzkommode, dessen geleistete Sichtung zwar Lücken in Apitz’ Lebensweg schließen konnte, aber keine neuen Aufschlüsse hinsichtlich der Fragestellung dieser Arbeit gab. In Marlis Apitz’ Privatbesitz befindet sich beispielsweise Apitz’ Briefkorrespondenz an seine damalige Verlobte Therese aus dem KZ Buchenwald, die bis dahin nicht bekannt war. Allerdings handelt sich es hierbei ausschließlich um Liebesbriefe. Bemerkenswert ist dagegen ein mehrseitiger Brief von Bruno Apitz, den er im Jahr 1931 an Charlie Chaplin schrieb. Weiterhin besitzt Marlis Apitz private Filmaufnahmen, die ihr Mann mit seiner Schmalspurkamera Admira ab Ende der 1950er Jahre bis Mitte der 1970er Jahre aufgenommen hat sowie Tonbandaufnahmen, die über mehrere Jahrzehnte im Keller der Witwe schlummerten. Als besonders aufschlussreich erwiesen sich die durchgeführten Zeitzeugengespräche, obwohl die meisten Menschen, die Apitz persönlich kannten, inzwischen verstorben sind. Seine Witwe Marlis Apitz, die heute in einer Plattenbausiedlung in BerlinFriedrichsfelde lebt, beantwortete mir in mehreren langen Gesprächen alle meine ­Fragen und gewährte mir Einblick in das Privatleben ihres verstorbenen Mannes. Bedenken, dass kritische Fragen bei meiner Gesprächspartnerin auf Reserviertheit stoßen könnten, zerschlugen sich schon bei der ersten Kontaktaufnahme. Frau Apitz schätzte das ernsthafte Interesse an ihrem Mann und erklärte zu Beginn jedes Gespräches, dass keine Frage tabu sei. Mit Bruno Apitz’ Freund und Schriftstellerkollege Wolfgang Held (1930–2014), wohnhaft in Weimar, konnte ich ebenfalls ein ausführliches Gespräch führen. Er lieferte mir Informationen über Apitz’ Selbstverständnis als Kommunist und ehemaliger Widerstandskämpfer. Außerordentlich wertvoll für die Arbeit war auch das Gespräch mit dem ehemaligen Verlagsleiter des Mitteldeutschen Verlages Dr. Eberhard Günther (geboren 1931), wohnhaft in Dresden, der mir Auskünfte zum Autor Bruno Apitz gab sowie einige mit ihm verbundene Verlagsinterna lieferte. Eine wesentliche Quelle sind ferner Bruno Apitz’ Selbstzeugnisse, dies gilt insbesondere für seine Kinder- und Jugendjahre in Leipzig, in vielerlei Hinsicht aber auch für die Zeit im KZ. Im Landesarchiv Berlin etwa befindet sich ein nach dem Krieg selbstverfasster sechsseitiger eng mit Schreibmaschine geschriebener Lebenslauf von Bruno

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Apitz.29 Darin gab er Auskunft über seine Familienverhältnisse, seine Jugendzeit und seine politischen Aktivitäten für die KPD in Leipzig. Überdies schrieb Apitz mehrere kürzere Texte, hervorzuheben ist hierunter sein Aufsatz »Lehrjahre«30 über die Erlebnisse während des Ersten Weltkrieges, zudem gab er diverse Interviews31, in denen er authentisch über sein Leben berichtete. Neben diesen Lebenserinnerungen stehen uns seine Erinnerungsberichte zum KZ Buchenwald32 sowie seine zahlreichen im Lager geschaffenen Plastiken als Quellen zur Verfügung. Heute sind ein Teil von Bruno Apitz’ Arbeiten in der Dauerausstellung zur Geschichte des KZ Buchenwald 1937 bis 1945 in der Gedenkstätte sowie im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen. Obwohl die drei Apitz-Romane »Der Regenbogen«, »Schwelbrand« und »Nackt unter Wölfen« im Grunde eine literarische Aufarbeitung seines Lebens von 1900 bis 1945 darstellen, ist der Blick auf Bruno Apitz’ Lebensweg durch die Brille dieser Romane ein kritisches Unterfangen. Wo hört die Lebensgeschichte auf und wo fängt die künstlerische Verdichtung, Bearbeitung an? Apitz’ Romane machen dies nie so ganz deutlich. Die biographische Deutung seiner autobiographisch gefärbten Romane ermöglicht deshalb keine Rekonstruktion von Bruno Apitz’ Leben. Allerdings können sie dem besseren Verständnis dienen, wenn es beispielsweise um das proletarische Milieu geht, das er in den Romanen beschreibt. Daraus kann man unter anderem die äußeren Umstände ableiten, unter denen er aufgewachsen ist und die ihn geprägt haben. Ebenso gewähren die Texte Einblicke in das Alltagsleben und die politische Arbeit während der Zeit der Weimarer Republik, zudem geben sie Aufschluss darüber, wie die so genannten einfachen Leute aus dem Volk zur organisierten Arbeiterbewegung fanden. Apitz’ Romane bleiben deshalb trotz der aufgeführten Bedenken wichtige Quellen für die Rekonstruktion dieser Lebensphase.

29 Selbstverfasster Lebenslauf von Bruno Apitz, undatiert (vermutlich 1949/50), Landesarchiv Berlin (im Weiteren LAB), C Rep. 902-02-02 Nr. 386 Bezirksleitung Berlin der SED, Bezirksparteiarchiv – Personenakten. 30 Bruno Apitz: Lehrjahre, in: Neue Deutsche Literatur, Nr. 10, 1958, S. 70–78. – Ferner siehe Ders.: Wie ich zur Literatur kam, in: Sinn und Form, Nr. 6, 1971, S. 1275–1278; Ders.: Shakespeare im Gefängnis, in: Erika Pick (Hrsg.): Das schönste Buch der Welt. Wie ich lesen lernte, Berlin (Ost) 1973, S. 24–27; Ders.: Lebendige Erinnerung. Fragen – Antworten, in: Neue Deutsche Literatur, Nr. 10, 1978, S. 33 f. 31 Siehe etwa Wilhelm Girnus im Gespräch mit Bruno Apitz, in: Sinn und Form, Nr. 5, 1967, S. 1181–1187; Von der Größe und Schönheit des Menschen. Josef-Hermann Sauter im Interview mit Bruno Apitz, in: Anneliese Löffler (Hrsg.): Auskünfte. Werkstattgespräche mit DDR-Autoren, Berlin (Ost)/Weimar 1974, S. 355–371. 32 Siehe dazu Kunst im Widerstand (1). Helmut Hauptmann im Gespräch mit Bruno Apitz, in: Neue Deutsche Literatur, Nr. 11, 1976, S. 19–26; Kunst im Widerstand (2). Helmut Hauptmann im Gespräch mit Bruno Apitz, in: Neue Deutsche Literatur, Nr. 4, 1980, S. 47–57.

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Die biographische Erkundung In der vorliegenden Untersuchung wird zunächst jener Abschnitt im Leben von Bruno Apitz beleuchtet, welcher der Zeit des Nationalsozialismus voranging und ihn moralisch derart nachhaltig prägte, dass er die Zeit im KZ Buchenwald zu überleben imstande war. Apitz’ Lebensweg steht exemplarisch für die Lebenswege einer ganzen Generation deutscher Kommunisten, die für ihre Überzeugung immer wieder inhaftiert wurden.33 Bis 1945 verbrachte Apitz insgesamt elf Jahre in Gefängnissen, Zuchthäusern und Konzentrationslagern, ein Viertel seines bisherigen Lebens. Im Mittelpunkt der ersten beiden Kapitel stehen daher zunächst Apitz’ Jugendzeit in der Weimarer Republik, seine politischen Aktivitäten als Kommunist in Leipzig, die Anfänge seines schriftstellerischen Schaffens und die Erfahrungen der ersten Inhaftierungen. Insbesondere dieser frühen Lebensphase hat die Forschung bisher viel zu wenig Beachtung geschenkt. Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit Apitz’ achtjähriger Gefangenschaft sowie seiner Funktion als Künstler im KZ Buchenwald. Die Lagerzeit prägte nicht nur sein weiteres Leben, sie bot ihm auch den Stoff, den er zehn Jahre nach der Befreiung in seinem bekanntesten Roman »Nackt unter Wölfen« umsetzte. Dabei soll die Auseinandersetzung mit seinem Erfolgsroman nur eine Facette der Arbeit bilden. Wenig bekannt ist nämlich die Tatsache, dass Apitz lange kämpfen und etliche Umarbeitungen seines Textes hinnehmen musste, bevor das Manuskript in Druck gehen durfte. Hierbei war es möglich, bereits vorhandene Erkenntnisse zur komplexen Veröffentlichungsgeschichte von »Nackt unter Wölfen« zu sammeln und in die Biographie einzuflechten. Nach den erschütternden Erfahrungen seiner Gefangenschaft war Apitz vom Wunsch getrieben, seine künstlerische Tätigkeit in den Dienst der Politik zu stellen, um am Wiederaufbau Deutschlands, und hier insbesondere an der Etablierung einer sozialistischen Gesellschaft, mitzuwirken. Im vierten Kapitel wird daher Apitz’ künstlerischer und politischer Werdegang nach 1945, seine Weiterentwicklung als Schriftsteller sowie sein Selbstverständnis als »Aktivist der ersten Stunde« entfaltet und eingehend beleuchtet. Zu Apitz’ Schreibgewohnheiten gehörte es, dass er in den frühen Morgenstunden, gelegentlich bereits um vier Uhr, aufstand, sich auf einem kleinen Sofa an seinen geräumigen, ausziehbaren, ovalen Arbeitstisch setzte, den er mit einer selbst zurechtgeschnittenen Linoleumplatte versehen hatte, und zu Papier und Feder griff. Auf Fotos sieht man Apitz während des Schreibens stets mit einer angezündeten Zigarette in der Hand. Diese Fotos dokumentieren, dass Apitz zeitlebens ein starker 33 Weiterführend zu Biographien deutscher Kommunisten vor 1945 siehe Hermann Weber, Andreas Herbst (Hrsg.): Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, 2. Auflage, Berlin 2008.

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Bruno Apitz an seinem Arbeitstisch, 1958

Raucher war, woraus ein beträchtlicher Zigarettenkonsum resultierte. Obendrein war ein starker Kaffee beim Schreiben unverzichtbar. In einem Interview schilderte Apitz, wie er den Schreibprozess vor allem im Kopf vollzog und dass das Schreiben an sich nur eine »technische Angelegenheit« war: »Ich arbeite nie in einem Zuge. Sehr oft schreibe ich an einem Satz ein paar Stunden. Ehe ich schreibe, ehe ich die manuelle Tätigkeit vollführe, schreibe ich im Kopf. Und zwar sehr lange und ausgiebig. Ich wähle verschiedene Versionen. Ich versuche den stärksten Ausdruck dessen zu finden, was ich ausdrücken möchte. Der eigentliche Schaffensprozeß liegt neben dem Füllfederhalter, so daß das Schreiben für mich dann nur noch eine technische Angelegenheit ist. […] [I]ch bedarf der manuellen Tätigkeit des Schreibens. Ich muß sehen, wie der Gedanke im Buchstaben, im Wort, im Satz entsteht, sich formt und fest wird. Das ist meine Art des Schreibens.«34

34 Sauter im Interview mit Bruno Apitz, S. 369 f.

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Seine Ehefrau Marlis erinnerte sich, wie in ihrem Mann ab 10 Uhr die Hausfrau erwachte. Er ging dann einkaufen, stellte sich in einer für DDR-Zeiten üblichen Schlange an und konnte so seine Gedanken sammeln und damit den eigentlichen Denk- und Schreibprozess vollziehen. Anschließend, wieder zuhause, brachte er alles in seiner kleinen und feinen Schrift aufs Papier. Allerdings zeigte er zuweilen auch eine recht eigenwillige Arbeitsauffassung als Schriftsteller, die fast unglaublich anmutet, hätte er sich nicht öffentlich in einem Interview dazu bekannt: »Das Schreiben ist für mich eine sehr lästige Angelegenheit. Ich meine jetzt auch das schöpferische Schreiben, dem das manuelle Schreiben vorangeht. Ich denke auch nicht gerne. Ich bin denkfaul. Ich sitze manchmal morgens ein, zwei Stunden vor dem leeren Papier.«35 Nachdem er seinen Gedankenfluss zu Papier gebracht habe, sei er, so Apitz im selben Interview, »schlapp wie ein Ziegeleiarbeiter«36 gewesen. Betrachtet man allein seine veröffentlichten Werke, so könnte man den Eindruck gewinnen, dass Apitz kein Vielschreiber war; zwei Romane, ein Fragment aus dem Nachlass und eine Novelle bilden hier sein schmales Prosa-Werk. Doch das wäre nur die halbe Wahrheit. An Apitz’ Biographie wird auch die Engstirnigkeit der DDR-Kulturfunktionäre deutlich, die den Druck bestimmter Werke verweigerten. »Nackt unter Wölfen« ist somit nicht die erste größere Arbeit von Bruno Apitz, aber die erste, die veröffentlicht wurde. Das fünfte Kapitel beleuchtet unter dem Titel »Bruno Apitz und die Staatssicherheit« einen überaus spannenden Teilaspekt seiner Biographie. Als Joachim Walther 1996 seine umfangreiche Untersuchung »Sicherheitsbereich Literatur« veröffentlichte, wurden auch Apitz’ MfS-Kontakte bekannt.37 Dennoch ist diese Tatsache bislang nicht umfassend rekonstruiert worden. Dies ist ein unbefriedigender Zustand, denn es gibt nicht viele MfS-Akten, die mehr über die Täter erzählen als über deren Opfer. Dies ist bei Bruno Apitz der Fall. Das MfS fragte genau in jenem Moment bei ihm an, als er nach langem Kampf endlich einen Verlag für seinen Buchenwald-Stoff gefunden hatte und sich die Behörde wertvolle Auskünfte von Apitz versprach. Somit erlaubt Apitz’ MfS-Akte einen interessanten Blick auf die ganze Perfidie des »Spiels« des MfS. Genau zur gleichen Zeit hatte Bruno Apitz’ Leben eine entscheidende Wendung genommen. Als er die junge Weimarerin und angehende Physiotherapeutin Marlis Kieckhäfer, Jahrgang 1938, kennen lernte, war er 56 Jahre alt. Er hatte bereits eine 35 Sauter im Interview mit Bruno Apitz, S. 370. 36 Ebenda. 37 Joachim Walther: Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der DDR, Berlin 1996, S. 670, 672 f.

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Manuskriptseite von »Nackt unter Wölfen« mit dem bekannten Ausspruch »Pippst Du oder pipp ich? – Ich pippe.«, entstanden in den ersten Monaten des Jahres 1955.

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kurze Ehe, eine Verlobung und einige weitere Beziehungen hinter sich. Was bei »normalem« Werdegang um die Lebensmitte aufgebaut ist, Beruf, Familie und vielleicht persönlicher Erfolg, gab es für ihn bis dato nicht. Dies kam aufgrund seiner langen Haftzeit erst sehr viel später. Vor seiner Inhaftierung war Apitz bei den Frauen begehrt gewesen, da er ein lyrischer und einfühlsamer Mann war. Zahlreiche Briefwechsel zeugen von dieser besonderen Anziehung. Bekannt ist die Verlobung mit Therese Baer, die Apitz wohl Anfang der 1930er Jahre kennen und lieben lernte. Über ihren Beruf und ihr Alter wissen wir nichts. Allerdings brach der Kontakt zu Therese, der nach Apitz’ Inhaftierung zunächst durch Briefkorrespondenz aufrechterhalten wurde, während seiner Haft in Buchenwald Ende 1937 oder Anfang 1938 ab. Nach der Haft, als er Therese besuchen wollte, musste Bruno Apitz die bittere Erfahrung machen, dass seine einstige Liebe längst verheiratet war und Kinder hatte. Doch die Jahre hinter Stacheldraht haben die Liebe zum Menschen, die Empfindungen des Mannes und den Wunsch, Liebe zu finden, nicht vernichten können. Am 9. September 1950 heiratete Apitz seine erste Ehefrau Martha Eleonore Ehrhardt, Jahrgang 1912, die in Berlin als Sekretärin arbeitete. Doch die Ehe hielt nicht lange und wurde bereits nach kurzer Zeit des tatsächlichen Zusammenlebens geschieden. Seine zweite Frau Marlis Kieckhäfer, oder Kiki, wie Freunde sie nannten, wurde schließlich zur Stütze und ein großes Glück für ihn. Sie half ihm, die nötige Ruhe zu erlangen und seine regelmäßig wiederkehrenden Entmutigungen zu überwinden. Maßgeblichen Anteil am Zueinanderfinden der beiden hatte Apitz’ engster Freund Herbert Bergner. Bergner, seinerzeit stellvertretender Chefredakteur der »Wochenpost«, ermutigte Apitz, in seiner Zeitung eine Annonce zu schalten, um der Einsamkeit zu entfliehen und eine Frau kennen zu lernen. Marlis, auf die Anzeige aufmerksam geworden, traf ihren künftigen Mann das erste Mal in Weimar auf dem Bahnhof. Apitz trug einen Koffer in der Hand, darin die ersten Seiten seines Manuskripts zu »Nackt unter Wölfen«. Trotz des Altersunterschieds, sie gerade 18, er 56 Jahre, schrieben sich beide zahlreiche Briefe, und aus Sympathie wurde Zuneigung. Gerade in dieser bewegten Zeit motivierte sie ihn bei seiner schöpferischen Arbeit, wenn Zweifel ihn am Schreiben hindern wollten. Apitz mochte diese Frau, aber er hatte Angst. Lange war er darum bemüht, die junge Frau nicht endgültig zu binden, falls denn der eine, vielleicht ein Jüngerer, doch einmal käme. Doch schließlich wagten sie es, Kiki zog nach Berlin und wurde im besten Sinne des Wortes zu Apitz’ Lebensgefährtin.38 1965 heiratete er seine »Liebelie«, wie beide sich liebevoll nannten, noch im selben Jahr kam Tochter Sabine zur Welt. Das »Töchterlein« wurde, wie Apitz später in einem Interview bekannte, seine »schönste Erholung« und sein

38 Siehe auch Dieter Heimlich: Zweimal Weimar – hin und zurück. Stationen im Leben des Schriftstellers Bruno Apitz, der dieser Tage 75 Jahre alt wird, in: Neue Berliner Illustrierte, Nr. 17, 1975, S. 20–23.

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Familie Apitz: Bruno Apitz, seine Frau Marlis und Tochter Sabine, 1972

eifrigster Zuhörer, wenn er zur Geige griff.39 In seinem »Tagebuch für Sabine« scheut er sich nicht, seinen väterlichen Glücksgefühlen freien Lauf zu lassen, jedoch nicht ohne die ihm eigene Selbstironie.40 Im Fokus des sechsten Kapitels steht Bruno Apitz als Erfolgsschriftsteller und »kalter Krieger«. Beleuchtet wird einerseits der enorme Erfolg des Romans »Nackt unter Wölfen«, der von der politischen und kulturellen Führung der DDR sehr schnell begeistert aufgenommen wurde, sowie andererseits die Bedeutung des gleichnamigen DEFA-Films als Propagandawaffe im Kalten Krieg gegen die BRD. Dort galt Apitz als schreibender SED-Unterstützer, der den Mauerbau begrüßte und die innerdeutsche Grenze verteidigte. Für großes Aufsehen sorgten daher Lesereisen, die ihn 1962 und 1963 in die BRD führten. Ohne Zweifel hat der mit der raschen Verbreitung seines bekanntesten Werkes verbundene Weltruhm Apitz in ganz besonderer Weise geprägt, zugleich aber auch seine Position in der DDR sowie insbesondere in deren Literaturbetrieb verändert. Apitz’ Biographie ist durchaus repräsentativ für die Haltung SED-treuer Schriftsteller in der 39 Sauter im Interview mit Bruno Apitz, S. 370. 40 »Tagebuch für Sabine«, PMA, Berlin. – Ein Auszug siehe Bruno Apitz: Aus dem Tagebuch für Sabine, in: Sowjetfrau, Nr. 3, 1968, S. 32 f.

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DDR. Ziel des siebten Kapitels ist es deshalb, Apitz’ Rolle als politischer Schriftsteller und Antifaschist in der DDR, konkret sein Verhältnis zur Staatsmacht zu problematisieren und zu beurteilen. Hierbei sind etwa Fragen nach der Identifikation mit dem Staat und der führenden Partei sowie nach seiner Position zu zentralen (kultur)politischen Ereignissen und Richtungsvorgaben für die Schriftsteller des Landes durch die SED von Belang. Die Frage nach dem Umgang des Künstlers mit der Macht ist dabei auch im Zusammenhang mit seiner Haltung gegenüber DDR-Dissidenten wie Wolf Biermann oder regimekritischen Künstlern wie Heiner Müller oder Stefan Heym zu stellen. Nach einem ereignisreichen Engagement als Schriftsteller im Rahmen des Kalten Krieges trat Apitz mit den Romanen »Der Regenbogen« und »Schwelbrand« Ende der 1960er Jahre den Rückzug in die Vergangenheit an. Etwa zu dieser Zeit hatte seine Identifikation mit der Partei bereits nachgelassen. In der Schlussbetrachtung erfolgt Apitz’ Einordnung in den Kultur- und Literaturbetrieb des Arbeiter- und Bauernstaates sowie eine Betrachtung seines Vermächtnisses an die Nachwelt. Am Ende dieser Biographie befinden sich ausgewählte, teilweise erstmals abgedruckte Briefe und Texte von Bruno Apitz sowie geführte Interviews, die schlagartig Apitz’ Lebensstationen erhellen sowie das Verständnis seiner Werke vergrößern helfen.

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»Ich bin Sozialist, ­ revolutionärer ­Sozialist« Proletarische Prägungen Kindheit und Jugend in Leipzig Bruno Apitz erblickte um die Jahrhundertwende das Licht der Welt: am 28. April 1900. Sein nachfolgender Lebensweg, insbesondere seine Kindheit und Jugend, ist untrennbar mit Leipzig verbunden. Die Stadt war damals eine der größten mitteldeutschen Industriestädte und das Zentrum der sich institutionalisierenden Arbeiterbewegung. Hier bildete sich ein dichtes Netz an Organisationen und Arbeitervereinen, dessen Mittelpunkt die SPD war. Die Leipziger SPD genoss zu dieser Zeit den Ruf außerordentlicher Radikalität sowie marxistischer Revolutionsgläubigkeit und entwickelte sich zur Hochburg linker Strömungen innerhalb der deutschen Sozialdemokratie.1 Hier gab später Franz Mehring die damals auch weit über Sachsens Grenzen hinaus bekannte sozialdemokratische »Leipziger Volkszeitung« heraus, das wichtigste Sprachrohr des linken SPD-Flügels. Apitz wuchs anfangs im Osten Leipzigs auf, im Arbeitervorort Volkmarsdorf, heute wie damals ein Problemviertel. Sein Geburtshaus befand sich in der Elisabethstraße 15, direkt gegenüber der Lukaskirche, dem Zentrum dieses Vororts. Bruno war der ungewollte Nachzügler einer Arbeiterfamilie. Seine Mutter, Marie Friederike Apitz, geborene Anhalt, hatte bereits elf Kinder geboren, von denen nur fünf am Leben geblieben waren. Die anderen hatten nicht einmal ihre Windelzeit überlebt. »Kindersegen« bedeutete in vielen Arbeiterfamilien vor allem »Kinderlast«. Jedes Neugeborene war ein Esser mehr am Tisch, was die Nöte und die ohnehin schon starke Arbeitsbelastung der Mütter vergrößerte. Bruno Apitz wuchs somit gemeinsam mit fünf Geschwistern in nach heutigen Maßstäben zerrütteten Familienverhältnissen auf.2 Seine Mutter, Jahrgang 1863, stammte aus ländlich-proletarischen Verhältnissen, sie hielt sich mühsam mit Wäschewaschen über Wasser. Ungewöhnlich für diese Zeit ist wohl, dass Apitz’ Mutter allen politischen Fragen mit großer Aufgeschlossenheit begegnete. Sie war Freidenkerin und hatte schon in jungen Jahren Zusammenstöße 1 Hierzu ausführlicher Jesko Vogel: Der sozialdemokratische Parteibezirk Leipzig in der Weimarer Republik: Sachsens demokratische Tradition, Teil 1, Hamburg 2006, S. 40 ff. 2 Vgl. Selbstverfasster Lebenslauf von Bruno Apitz (1949/50), S. 1.

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Bruno Apitz am 5. Geburtstag, 28.4.1905

mit der Kirche erfahren, die einmal sogar zu einem Prozess wegen Gotteslästerung geführt hatten. Damals war sie bereits Mitglied der SPD und besuchte abends innerhalb der Leipziger Arbeiterbildungsvereine die Frauenzirkel von Clara Zetkin und Käte Duncker, um sich ein gewisses Maß an Bildung anzueignen.3 Apitz’ Mutter kann wohl als Urbild einer selbstbewussten, sächsischen Proletarierin am Anfang des 20. Jahrhunderts gelten, die man heute als emanzipiert bezeichnen würde. Der Vater, Friedrich Hermann Apitz, – von der Familie nur der »Alte« genannt – war als Wachstuchdrucker zwar sehr arbeitsam, pflegte jedoch auch eine Kehrseite als grober Kerl und Alkoholiker. Einen Großteil seines Verdienstes vertrank er. Die Mutter und die sechs überlebenden Geschwister hatten unsäglich unter ihm zu leiden. »Nicht, daß er die Mutter geprügelt hätte«, erinnerte sich Apitz, »[a]ber er gröhlte und randalierte, daß die Nachbarn zusammenliefen.«4 Die Trinksucht des Vaters führte schließlich zum Zerwürfnis zwischen den unglücklichen Eheleuten. Die Mutter ließ

3 Vgl. Selbstverfasster Lebenslauf von Bruno Apitz (1949/50), S. 1. 4 Bruno Apitz: »Notizen über die Familie«, maschinell verfasst, undatiert, S. 2, PMA, Berlin.

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Mutter Marie Friederike Apitz, geborene Anhalt.

Der vermutlich leibliche Vater Max Frölich.

sich scheiden. Die Trennung vom Vater erschien trotz der nun weiter zunehmenden Armut wie eine Erlösung. Er starb fern seiner Familie im Jahr 1917. Bruno Apitz vermutete zeit seines Lebens, ohne dies jedoch genau zu wissen, dass Friedrich Hermann Apitz nicht sein leiblicher Vater war.5 Diese Annahme beruhte auf seinem abweichenden Aussehen und seinen Veranlagungen. Apitz nahm an, dass er der Leipziger Familie Frölich entstammte. Diese hat berühmte Persönlichkeiten hervorgebracht, wie den kommunistischen Politiker und Publizisten Paul Frölich.6 Dieser war zusammen mit seiner Ehefrau Rosi Frölich, geborene Wolfstein, der Nachlassverwalter und Biograph von Rosa Luxemburg.7 Eine klare Andeutung von Apitz’ Skepsis finden wir unter anderem in seinem stark autobiographisch gehaltenen Roman »Der Regenbogen«: »Henriette sah den Sohn lange an. Sie entdeckte, dass er keinem seiner Geschwister glich. Sie alle hatten irgendein Merkmal von jenem, dessen Totenbeschei-

5 Gespräche mit Marlis Apitz in Berlin. 6 Paul Frölich (1884–1953), in: Hermann Weber, Andreas Herbst (Hrsg.): Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004, S. 223 ff. 7 Rosi Wolfstein (Frölich) (1888–1987), in: Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten, S. 883 f.

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nigung dort auf dem Tisch lag. In Arthurs Gesicht sah sie nichts davon.«8 Apitz’ Mutter hatte beim Besuch der Frauenkurse Käte Dunckers den verheirateten Maschinenschlosser Max Frölich, Vater von Paul Frölich, kennen gelernt, aus der nachfolgenden Romanze soll Bruno Apitz wohl hervorgegangen sein. Eine dahin gehende Bestätigung erhielt Apitz später, als er von einer Angehörigen der Familie Frölich Besuch bekam und die Dame ihm versicherte, was der Familie wohl längst bekannt war, dass er nämlich das Kind von Max Frölich sei.9 Dies würde bedeuten, dass Paul Frölich der Halbbruder und Rosi Frölich die Halbschwägerin von Bruno Apitz war. Trotz ausgiebiger Recherchen lässt sich heute nicht mehr eindeutig klären, ob Apitz’ Vermutung zutrifft. Der Lebenslauf Max Frölichs, sein Geburtsjahr 1858, der Wohnort Leipzig-Volkmarsdorf sowie die Bekanntschaft mit Apitz’ Mutter lassen dessen Annahme jedoch als realistisch erscheinen.10 Dass Bruno Apitz einer anderen Beziehung entstammte als seine Geschwister, war wohl einer der Gründe, warum die Mutter stets ein sehr inniges und herzliches Verhältnis zu ihrem Letztgeborenen, dem Nesthäkchen, pflegte. Trotz bitterer Armut unterstützte sie ihn stets. Das zunächst ungewollte Kind wurde ihr zum wichtigsten. Später lebte er viele Jahre mit ihr allein, da die Geschwister nach und nach das Haus verließen, als Apitz heranwuchs. Nach der Trennung vom Vater zog die Mutter mit den jüngsten Kindern, darunter der fünfjährige Apitz, in den Leipziger Süden in die Brandvorwerkstraße und später in die Hardenbergstraße. Voller Unternehmergeist gelang es der Mutter, einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg ein kleines Molkereiwarengeschäft in der Hardenbergstraße 7 zu eröffnen, zu dem sich schließlich ein zweites hinzugesellte, das die älteste Schwester Martha übernahm. Der Keller darunter wurde später im Ersten Weltkrieg zum Umschlagplatz für illegale sozialistische Literatur umfunktioniert.11 Die freiheitliche und sozialistische Gedankenwelt der Mutter übte schon früh einen starken Einfluss auf Apitz aus, er wurde von ihr ganz in diesem Sinne erzogen. Später verstand und teilte sie die politischen Ansichten ihres Sohnes und ebenso die daraus folgenden Lebenskonsequenzen. Noch 1933, da war sie schon über siebzig, engagierte sie sich politisch in der KPD und verteilte als Kurier illegal das Braunbuch über den Reichstagsbrandprozess.12 Bis zu ihrem Tod 1936 blieb die Mutter eine treue Anhängerin der sozialistischen Sache. Zu ihr kamen vor allem die Jüngeren, holten sich Rat bei   8 Bruno Apitz: Der Regenbogen, Halle (Saale) 1976, S. 53.  9 Gespräche mit Marlis Apitz in Berlin. 10 Max Frölich (1858–1942) war mit der Fabrikarbeiterin Minna Frölich (1860–1936), geborene Munkwitz, verheiratet und hatte mit ihr elf Kinder. Vgl. Meldeblatt von Max Frölich, Sächsisches Staatsarchiv Leipzig (im Weiteren StAL), PP-M 258 Geburtenverzeichnis. 11 Vgl. Selbstverfasster Lebenslauf von Bruno Apitz (1949/50), S. 2. 12 Ebenda, S. 4.

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Bruno Apitz (Leseprobe)  

Der in Leipzig geborene Schriftsteller Bruno Apitz (1900–1979) erlangte mit seinem Werk »Nackt unter Wölfen« (1958) weltweite Anerkennung –...

Bruno Apitz (Leseprobe)  

Der in Leipzig geborene Schriftsteller Bruno Apitz (1900–1979) erlangte mit seinem Werk »Nackt unter Wölfen« (1958) weltweite Anerkennung –...