Durch Zeit und Raum (Leseprobe)

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Dedicated to Gerhard Sonder (1923–2009)


Lina-Mareike Dedert

Durch Zeit und Raum Die Familie Weill-Sonder zwischen Emanzipation und Restitution


Die Drucklegung der an der Universität Potsdam erfolgten Dissertation wurde ermöglicht dank der großzügigen Unterstützung der Axel Springer Stiftung (Berlin), der Stiftung Irène Bollag-Herzheimer (Basel) und Dr. Wolfgang Zimmernink (Mannheim).

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung................................................................................................................................ 7 Forschungsstand................................................................................................................. 14 ... Migration und Mobilität................................................................................................ 14 ... Raum und Räumlichkeit................................................................................................22 Begriffliche und methodische Grundlagen..................................................................28 Prolog: Die Weills................................................................................................................39 Kippenheim: Von regulierter Mobilität zu freiwilliger Immobilität........................47 ... Von regulierter Realität zu neuer Freiheit? Vor und nach den Emanzipationsedikten................................................................. 53 ... Ökonomische Mobilität: Eisen-Stahl & Messingwaarenhandlung Löb Weill............................................................................................................................. 81 ... Private Bewegungsmuster......................................................................................... 100 ... Freiwillige Immobilität..................................................................................................114 Mannheim: Von eigeninitiativer Mobilität zu erzwungener Mobilität................ 129 ... Familiärer Zwang – individueller Drang? Leopold Weill in Mannheim............ 136 ... Ökonomische Mobilität: Röhrengrosshandlung Leopold Weill.............................146 ... Private Bewegungsmuster..........................................................................................160 ... Erzwungene Mobilität: Zwangsverkauf und Flucht.............................................. 182


New York City: Vom Neubeginn zu restituierter Mobilität..................................... 219 ... Blick nach vorn – Blick zurück? Die Familie Sonder in New York City.............225 ... Ökonomische Mobilität: Steel & Tube Export Corporation....................................243 ... Private Bewegungsmuster......................................................................................... 249 ... Restituierte Mobilität: Das Erbe des Onkels – das Erbe des Vaters.................262 Schlussfolgerungen..........................................................................................................287 Epilog: Gerhard Sonder...................................................................................................293 Quellen: Erläuterung und Verzeichnis.........................................................................301 Stammbaum.......................................................................................................................324 Literaturverzeichnis..........................................................................................................325 Abkürzungsverzeichnis..................................................................................................344 Abbildungsnachweis.......................................................................................................344 Danksagung.......................................................................................................................345 Über die Autorin.............................................................................................................. 346


Einleitung

Warum eine weitere jüdische Familiengeschichte? Ist nicht bereits alles gesagt? Nein, ist es nicht! Gerade die vorherrschende Bearbeitungsart deutsch-jüdischer Familienbiographien mit ihrem Fokus auf Bildung und Akkulturation1, die gefühlte Unmengen an Publikationen hervorgebracht hat, engt den Blick ein. In der Flut der Monographien klein-, mittel- und insbesondere großbürgerlicher Familien vornehmlich aus Preußen, die im Übergang vom 18. ins 19. Jahrhundert überwiegend noch mittellos, bildungsfern und streng religiös waren und dann am Ende des 19. Jahrhunderts emanzipiert, meist wohlhabend, sehr deutsch, wenig religiös und herausragend gebildet waren, fällt es leicht zu ertrinken. Es ist die bekannte, schon beinahe zwangsläufig erscheinende Parabelbetrachtung der Minderheit2 aus Aufstieg, Niedergang und gewaltsamem Tod. Kaum einem dieser Werke fehlen die enttäuschenden Passagen von Erstem Weltkrieg und Weimarer Republik, die Beschreibung von Erniedrigung, Verleugnung, Behauptung und Ermordung im Nationalsozialismus. Kaum eines verzichtet auf philosemitische Erhöhung oder sieht über 1945 hinaus, auch wenn dies – zwar viel zu selten – möglich wäre und auch dringend geboten erscheint.3 1 Mit diesem Begriff ist der Prozess der Einbindung der jüdischen Minderheit in die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft, der im 18. Jahrhundert begann und sich im 19. Jahrhundert verstärkte, am treffendsten erfasst. Vorteil der Akkulturationstheorie ist, »dass sich mit ihr sowohl die Bewahrung des Eigenen als auch der Wandel dieser Kultur durch ihre Verbindung mit Elementen des anderen darstellen lässt.« Vgl. Tilde Bayer: Minderheit im städtischen Raum. Sozialgeschichte der Juden in Mannheim während der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts, Stuttgart 2001, S. 15. Ein anderer diesbezüglicher Begriff ist jener der Emanzipation. Ein weiterer Begriff ist jener der Assimilation. Er wird mittlerweile gemieden, weil damit Selbstaufgabe verbunden wird: »Schon die bloße Erwähnung des Paria-Begriffs Assimilation provozierte in der scientific community lange Zeit kollektive Abwehr- und Betroffenheitsreflexe«, siehe Klaus J. Bade, Pieter C. Emmer, Leo Lucassen, Jochen Oltmer: Die Enzyklopädie. Idee – Konzept – Realisierung, in: dies. (Hg.): Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, 2. Aufl., Paderborn 2008, S. 24. 2 Die Arbeit folgt in der Definition des Begriffs Minderheit Bayer, die ihn der soziologischen Diskussion folgend als eine »Bevölkerungsgruppe innerhalb einer Gesellschaft« auffasst, »die sich durch bestimmte (z. B. religiöse und kulturelle) Besonderheiten von der Mehrheit unterscheidet.« Minderheiten seien mehr oder weniger spürbaren Vorurteilen und Benachteiligungen ausgesetzt. Vgl. Bayer: Minderheit im städtischen Raum, S. 13. 3 Insbesondere autobiographische, memoirenbasierte Arbeiten sind in großer Fülle erarbeitet wor-

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Es ist Zeit für einen anderen Blickwinkel. Dieser wird ein mobiler sein: Im Fokus der Auseinandersetzung stehen die Bewegungs- und Wanderungsmuster, die sich im Kontext einer badisch-jüdischen Familie ausbildeten. Einen Impuls zu dieser Bearbeitungsweise gab ein Gemälde. Es heißt Der Ewige Jude bzw. The Wandering Jew und ist im Besitz des Israel Museums in Jerusalem. Samuel Hirszenberg4 malte es von 1895 bis 1899. Es ist ein großes Ölgemälde in dunklen Tönen. Es zeigt einen alten, bärtigen und fast nackten Mann, der Arme und Hände nach oben streckt, den Kopf schützend. Augen und Mund sind weit geöffnet. Er stolpert durch einen Wald von Kreuzen, am Boden liegen Tote, nackt und ineinander verknäuelt.5 Dieser Mann ist Ahasverus. Die mythische, höchst ambivalente Figur des Ahasverus ist ein in Kunst, Musik, Lyrik und Literatur bekanntes christliches, antijüdisches Motiv. Älteste Überlieferungen datieren aus dem 13. Jahrhundert. Größere Verbreitung erfuhr das Motiv im 16. Jahrhundert.6 Die Legende basiert auf einer Erzählung, von der zwei Versionen existieren. Die eine spricht von einem unbenannten Zeugen der Kreuzigung Jesu, der dessen Botschaft angezweifelt habe. Aus diesem Grund sei er verdammt worden, bis zur erwarteten Wiederkehr Jesu ruhelos über die Erde zu wandern. Erst dann könne er sterben. So lege er Zeugnis für Jesus ab gegen das Judentum. Die andere Version: Ein unbekannter Mann habe dem erschöpften Jesus auf dem Weg zur Kreuzigung die Rast

den. Folgend eine kleine, bespielhafte Auswahl eher wissenschaftlicher Bearbeitungen: Miriam Gebhardt: Das Familiengedächtnis. Erinnerung im deutsch-jüdischen Bürgertum 1890 bis 1932, Stuttgart 1992., Diana-Elisabeth Fitz: Vom Salzfaktor zum Bankier. Familie Wassermann. Spiegelbild eines emanzipatorischen Einbürgerungsprozesses, Nördlingen 1992., Simson Jakob Kreutner: Die Ehrlichs. Die Geschichte einer jüdischen Familie, Leipzig 1996., Erica Fischer/Simone Ladwig-Winters: Die Wertheims. Geschichte einer Familie, Berlin 2004., Ralph Weill: Vom Schabbesgoi zur Schaltuhr. Eine jüdische Familiengeschichte über sechs Generationen im Dreiland am Hochrhein, Zürich 2006., Heike Specht: Die Feuchtwangers. Familie, Tradition und jüdisches Selbstverständnis im deutsch-jüdischen Bürgertum des 19. und 20. Jahrhunderts, Göttingen 2006., Eva Weisweiler: Die Freuds. Biographie einer Familie, Köln 2006., Regine Scheer: »Wir sind die Liebermanns«. Die Geschichte einer Familie, Berlin 2006., Claudia Erdheim: Längst nicht mehr koscher. Die Geschichte einer Familie, Wien 2006., Julius H. Schoeps: Das Erbe der Mendelsohns. Biographie einer Familie, Frankfurt 2009., Dagmar Frings/Jörg Kuhn: Die Borchardts. Auf den Spuren einer Berliner Familie, Berlin 2011. 4 Samuel Hirszenberg wurde 1865 in Lódz geboren. Er studierte an der Akademie der Schönen Künste in Krakau und an der Königlichen Kunstakademie München. Er widmete sich oft der Darstellung jüdischer Themen. So heißen seine Bilder u. a. Sabbathnachmittag, Der jüdische Friedhof, Sie wandern, In der Sukkah usw. 1907 emigrierte er nach Palästina, um an der Bezalel Academy of Arts and Design in Jerusalem zu arbeiten. 1908 verstarb er. 5 Hirszenberg malte es vor dem Eindruck der Pogrome von 1881, siehe Mona Körte: Die Uneinholbarkeit des Verfolgten. Der Ewige Jude in der literarischen Phantastik, Frankfurt am Main 2000, S. 52. 6 Vgl. Israel Idalovichi: Creating National Identity through a Legend The Case of the Wandering Jew, in: Journal for the Study of Religions and Ideologies 12 (2005), S. 4.

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auf seiner Türschwelle verweigert. Das Ergebnis war das gleiche. Im 16. Jahrhundert wurde der Unbekannte zu einem jüdischen Schuster namens Ahasverus7. Eine sehr interessante und für die vorliegende Arbeit wichtige Verknüpfung zeigt sich im Titel des Hirszenberg-Bildes. So werden ewig und wandernd die gleiche Bedeutung zugeschrieben. Das ist kein Übersetzungsfehler. Idalovichi benutzt in seinem englischen Essay den Ausdruck in ganz ähnlicher Schreibweise: the Eternal/Wandering Jew.8 Diese Verknüpfung findet sich auch bei anderen künstlerischen Werken. Im Laufe der Zeit nahm das Bild des Wandernden Juden die verschiedensten Züge an. Zumeist diffamierte es Juden als rast- und heimatlos. Es zeichnete sie als verbohrt und dumm: Müssten sie doch nur erkennen, dass der Messias bereits gekommen sei – also Christen werden –, und schon könnten sie Frieden, Ruhe, Rast erlangen. Dies unterstreicht Hasan-Rokem: »This seems to be the primary function of the Christian legend of Ahasver: to clarify that Jews will be treated as human beings only if and when they convert to Christianity.«9 Als unreflektierte Sprichwörter und Redewendungen schlug sich das antisemitische Stereotyp bis in die Alltagssprache durch. Die Ahasverus-Legende wurde von jüdischer Seite freilich nie in ihrer negativ-diffamierenden Intention anerkannt, aber als symbolische und allegorische Figur durchaus benutzt: The image or symbol of the Wandering Jew appears in Jewish culture, both geographically and chronologically, in conjunction with emancipatory tendencies. It converges with the conscious Jewish acceptance of the values and the culture of the host countries, as can be seen especially in the case of Germany. The adaptation of the Wandering Jew image is therefore the concrete product of a change in point of view – that is, the non-Jewish view of the Jew was adopted by the Jews themselves […] The image of Ahasver plays a part in the complicated game of identities – the other in others and the other within oneself is embodied in the Wandering Jew.10 7 Es ist ein persischer Königsname, er findet sich u. a. in unterschiedlichen Texten des Tanach oder des Buches Ester. Hier einige Beispiele zur Bearbeitung des Motivs: Avram Andrei Baleanu: Ahasver. Geschichte einer Legende, Berlin 2011., Galit Hasan-Rokem: Ahasver – The Enigma of a Name, in: Jewish Quarterly Review 100 (2010), S. 544-550., Frank Halbach: Ahasvers Erlösung. Der Mythos vom Ewigen Juden im Opernlibretto des 19. Jahrhunderts, München 2009., Joanna L. Brichetto: The wandering image converting the wandering Jew, Nashville 2006., Israel Idalovichi: Creating National Identity through a Legend The Case of the Wandering Jew, in: Journal for the Study of Religions and Ideologies 12 (2005), S. 3-26., Alfred Bodenheimer: Wandernde Schatten. Ahasver, Moses und die Authentizität der jüdischen Moderne, Göttingen 2002. oder Mona Körte: Die Uneinholbarkeit des Verfolgten. Der Ewige Jude in der literarischen Phantastik, Frankfurt am Main 2000. 8 Vgl. Idalovichi: Creating National Identity. 9 Vgl. Galit Hasan-Rokem: The Wandering Jew – A Jewish Perspective, in: Proceedings of the Ninth World Congress of Jewish Studies 2 (1986), S. 189, S. 190. 10 Ebd., S. 189 u. 191.

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Nicht nur über das antisemitische Ahasverus-Motiv scheint die Verknüpfung von Judentum und Mobilität symbolisiert. Historische Überlieferungen von Ägyptischem Exil, Wüstenwanderung, Babylonischem Exil, Vertreibung infolge der Tempelzerstörung 70 n. d. Z. tragen dazu ebenso bei. The interrelated motifs of the ›people of the book‹ and the book as the ›portable homeland‹ – together with the stereotype of ›the wandering Jew‹, have conveyed the pervasive impression that the Jewish experience – except the Israeli one – is one of profound displacement, lacking not only a proper territory but also a substantial spatiality or attachment to place.11 Die oftmals infolge von Pogromen und prekärer, jederzeit beendbarer Existenz in Mittelalter und Früher Neuzeit entstandenen Flucht- und Wanderungsströme verstärkten das Bild weiter. Moderne wissenschaftliche Studien arbeiten ebenfalls stark mit der Verknüpfung von Judentum und Mobilität.12 Eine Vielzahl thematisiert jüdische Wanderungsprozesse ohne Einbindung. So werden sie zu etwas Besonderem, zu einer Ausnahme. Auch wenn dies unleugbar – und oft grausam – der Fall war, oft war es das auch nicht. Im Zuge von Globalisierungsdebatten und einer Aufwertung von Mobilität zeigen sich Ansätze, in den Bewegungsmustern Vorreiterfunktion zu sehen: Characterized by a high degree of mobility, by multilocal attachments and complex dynamics between life in the Diaspora and in Israel, the Jewish experience can be seen as a touchstone for the globalization process […].13 Was würde nun die Übertragung der beschriebenen Verknüpfung auf eine landjüdische Familie aus dem südwestdeutschen Raum bedeuten? Vom Hirszenberg-Bild angeregt, fragt die Arbeit nach der mobilen Lebenswirklichkeit der Familie WeillSonder vom 19. bis ins 21. Jahrhundert. Mobilität im familiären Kontext: Was soll das und was kann das? Zum einen war und ist Mobilität ein gegebenes, zentrales Moment menschlichen Lebens. Bade nennt es nicht ohne Grund ein »Konstituens der Conditio humana«.14 Die Frage nach den vielfältigen Mustern von Mobilität ist zum anderen 11 Vgl. Julia Brauch/Anna Lipphardt/Alexandra Nocke: Exploring Jewish Space. An Approach, in: dies. (Hg.): Jewish Topographies. Visions of Space, Traditions of Place, Aldershot 2008, S. 1. 12 Das Interesse an dieser religiösen Minderheit sei so groß, dass die Zahl der vorliegenden Publikationen ebenso hoch sei wie für alle anderen Zuwanderergruppen zusammen. Vgl. Dirk Hoerder/ Jan Lucassen/Leo Lucassen: Terminologien und Konzepte in der Migrationsforschung, in: Klaus J. Bade/Pieter C. Emmer/Leo Lucassen/Jochen Oltmer (Hg.): Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, 2. Aufl., Paderborn 2008, S. 47. 13 Siehe Brauch/Lipphardt/Nocke: Exploring Jewish Space, S. 3. Weiterführend siehe auch Stefana Sabin: Die Welt als Exil, Göttingen 2009., Isolde Charim (Hg.): Lebensmodell Diaspora. Über moderne Nomaden. Bielefeld 2012. oder Tobias Brinkmann: Migration und Transnationalität, Paderborn 2012. 14 Vgl. Klaus J. Bade: Sozialhistorische Migrationsforschung, Göttingen 2004, S. 27.

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die übergreifende Klammer, die es ermöglicht, die Weill-Sonders durch fast 200 Jahre Familiengeschichte zu begleiten, weil sie die Darstellung und Verknüpfung familiärer Prozesse mit dem sich kontinuierlich wandelnden historischen Kontext erlaubt. Die auf dieser Frage aufbauende Studie wird daher Heszers Programmatik: »The study of […] mobility is part of the study of daily life«15 bestätigen. Page Moch hebt nicht nur die Omnipräsenz des Mobilen hervor, sondern fordert die verstärkte Verknüpfung mit Familiengeschichte: »Migration is present in every level of historical study. It should enliven the historical study of the family, that most intimate of social groups.«16 Die vorliegende Studie wird auch diese Forderung erfüllen und die Bereicherung der Biographieforschung durch den Blick auf das Mobile verdeutlichen. Die Mitglieder der Familie Weill-Sonder waren zweifellos unterwegs. Doch warum und wie waren sie es? Zur Beantwortung wird dieses Unterwegssein grundlegend als Bewegung/Wanderung aufgefasst. Bewegung/Wanderung wird übergreifend definiert und nicht aufs Physische oder Technische beschränkt, sondern auch psychische und soziale Beweglichkeit einbeziehen. Vielfalt und Gegensätzlichkeit zeichnen die Beweglichkeit aus: erzwungen-freiwillig, männlich-weiblich, rural-urban, einmalig-alltäglich, beruflich-freizeitlich, temporär, kulturell, sozial etc. Sie kann allgemeiner Prozess oder spezielles Phänomen einer Minderheit sein. Sie kann behindert und/oder reguliert werden. Sie kann aus Armut heraus motiviert sein, aber auch aus Reichtum. Gleichzeitig gibt es die bewusste Entscheidung für das Gegenteil, dafür, immobil zu sein. Die Arbeit verfolgt vordringlich das Ziel, die unterschiedlichen Bewegungs- und Wanderungsmuster der Familie Weill-Sonder zu definieren und darzustellen. Die familien-individuellen Muster werden, sofern dies möglich ist, allgemein-gesellschaftlichen Bewegungs- und Wanderungsmustern gegenübergestellt. Es wird sodann nach den Gemeinsamkeiten und Unterschieden gefragt werden. Die Arbeit wird die Familie Weill-Sonder mit ihren Besonderheiten und Gewöhnlichkeiten, ihren Höhen und Tiefen durch Räume und Zeiten begleiten. Sie setzt ein im Übergang vom 18. ins 19. Jahrhundert und endet in den 1980er Jahren – mit einzelnen, abschließenden Ausreißern ins Heute. Darüber hinaus hat die Studie sich zum Ziel gesetzt, wenn auch in untergeordneter Priorität, einzigartigen, bisher gar nicht oder nur oberflächlich bearbeiteten Quellen ihre angemessene Beachtung zukommen zu lassen. Diese Quellen sind ganz unterschiedlicher Herkunft: zufällige Dachbodenfunde, jahrelang in der Familie verwahrte, aber unbeachtete Schriftstücke, Fotos, Tagebücher, Poesiealben, Nachlässe von Unter15 Vgl. Catherine Hezser: Jewish Travel in Antiquity, Tübingen 2011, S. 2. 16 Siehe Leslie Page Moch: Moving Europeans. Migration in Western Europe since 1650, Bloomington 1996, S. 21.

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nehmern, behördliche wie private Korrespondenzen, Akten von Arisierung, Restitution und Entschädigung oder eBay-Ankäufe. Aufgrund der zeitaufwendigen, viel Geduld und Kreativität erfordernden Archivaliensuche und Auswertung sei am Ende der Untersuchung im Kapitel Quellen: Erläuterung und Verzeichnis deren detaillierte Vorstellung nach Besonderheiten, Charakteristika und Herkunft erlaubt. Um die genannten Ziele zu erreichen, nutzt die vorliegende Arbeit die theoretischen Ansätze der Historischen Migrationsforschung. Diese Theorie bietet einen »Rahmen für die Untersuchung von Bewegungen in geographischen, sozialen und kulturellen Räumen unterschiedlicher Größenordnung auf verschiedenen sozialen Ebenen«.17 Allein sie ist in der Lage, die besonderen und sehr disparaten Quellen der Studie so zu befragen, dass sie die erhellendsten Antworten liefern. Das vermögen weder die Theorie der Alltagsgeschichte noch Familientheorien ebenso wenig Biographieforschung oder Mikrogeschichte. Nur die Modelle und Instrumente der Historischen Migrationsforschung erfassen sowohl die familien- wie die gruppenspezifischen Aspekte von Mobilität und Migration. Mit ihrer Hilfe gelingt sowohl die Verknüpfung der individuellen wie der allgemeinen Ebenen als auch deren Verankerung in die wesentlichen Bereiche der Studie. Allein mit Hilfe der Historischen Migrationsforschung ist es möglich, Antworten in allen Teilaspekten der Arbeit zu generieren. Die Historische Migrationsforschung hat sich bisher überwiegend mit Gruppenmobilitäten auseinandergesetzt. Das badische Judentum ist eine Gruppe, die Familie Weill-Sonder ein Bestandteil dieser Gruppe. Die Studie wird zeigen, dass die Parameter der Theorie gerade im Bereich der familiären Kleinstgruppe funktionieren und somit eine wich­ tige Bereicherung und Aufweitung des Forschungsansatzes darstellen. Ergänzt wird der Ansatz der Historischen Migrationsforschung, wann immer nötig, um raumwissenschaftliche Theorien und deren Methoden. Im Anschluss an die Einleitung erfolgt die Einführung in den Forschungsstand der genannten Theorieansätze. Ebenfalls wird die angewandte Methodik erläutert, ihr werden die unverzichtbaren Begriffsdefinitionen beiseitegestellt. Insgesamt untergliedert sich die Studie in drei Bereiche, die gleiche bzw. ähnliche Unterkapitel aufweisen. Die Details der Gliederung werden ebenso im Abschnitt Begriffliche und methodische Grundlagen erörtert. Nach der Einleitung folgt im Prolog schließlich die wichtige Vorstellung der Familie, mit deren Bewegungen und Beweglichkeiten sich die Untersuchung auseinandersetzt. Es beginnt mit den Weills. Sie waren eine landjüdische Familie von hoher religiöser Reputation. Auf sie trafen Richarz’ Worte nur bedingt zu: »As we know, the most desirable Jewish family tree would probably consist entirely of rabbis; in reality, howe-

17 Vgl. Jochen Oltmer: Migration im 19. und 20. Jahrhundert, München 2010, S. 63.

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ver, it is more likely to consist mainly of cattle dealers.«18 Die Weills fanden nach zahlreichen Versuchen – auch im Viehhandel – ein ökonomisches Auskommen in einer anderen Branche: dem Eisenwarenhandel. Ihr ökonomisches Engagement bildet den Hintergrund der gesamten Studie. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts heiratete Samuel Sonder in die Familie Weill ein. Sein Sohn, Alfred, wurde ebenfalls Eisenhändler und Teilhaber des Familienunternehmens. Den Abschluss der Bearbeitung bildet der Epilog, er widmet sich Alfreds Sohn, Gerhard, und dessen Familie.

18 Vgl. Monika Richarz: Emancipation and Continuity. German Jews in the Rural Economy, in: Werner E. Mosse/Arnold Paucker/Reinhard Rürup (Hg.): Revolution and Evolution. 1848 in German-Jewish History, Tübingen 1974, S. 106. Die Verfasserin hat sich in ihrer Magisterarbeit bereits mit den Familien auseinandergesetzt, vgl. Lina-Mareike Dedert: Badisches Landjudentum am Beispiel der Familie Weill zur Mitte des 19. Jahrhunderts, unver. Magisterarbeit Historisches Seminar der Universität Freiburg, Freiburg 2008. Der Schwerpunkt lag hierbei auf der Frage, inwieweit die Familie Weill als exemplarisch für das badische Landjudentum der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelten könne.

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Forschungsstand

Die Diskussion von Migration und Mobilität einer jüdischen Familie ist der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit. Ein Unterpunkt dazu ist die Diskussion von Raum und Räumlichkeit, da schwerlich die Breite der Bewegungsmuster untersucht werden kann, wenn nicht deutlich wird, aus und in welchen Räumen diese entstand und stattfand.

Migration und Mobilität »Migration ist ein Konstituens der Conditio humana wie Geburt, Vermehrung, Krankheit und Tod […] denn der Homo sapiens hat sich als Homo migrans über die Welt ausgebreitet«, so eröffnet Klaus J. Bade seinen Beitrag zur Theorie der Historischen Migrationsforschung.19 Bade ist einer der führenden, deutschsprachigen Migrationshistoriker. Zusammen mit anderen wie Jochen Oltmer oder Michael Bommes hat er die Historische Migrationsforschung aufgebaut und ihr entscheidende Impulse gegeben. Auf seine Initiative geht das Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) an der Universität Osnabrück zurück, ebenso hat er die Reihe Studien zur Historischen Migrationsforschung (SHM) initiiert. Die Signifikanz der Migrationsforschung hoben auch andere wie Leslie Page Moch hervor: »Migration is a missing piece in the standard understanding not only of the preindustrial world but of the nature of historical change as well.«20 Trotz dieser Bedeutungsschwere, mit der auch Bades Postulat der omnipräsenten, »alle Lebensbereiche durchdringenden«21 Migration einhergeht, hat sich die Geschichtswissenschaft der Thematik erst spät und nur partiell angenommen. Eine systematischere, über Einzelstudien22 hinausreichende Hinwendung begann in den 1980er Jahren. Ausgangspunkt 19 20 21 22

Vgl. Bade: Sozialhistorische Migrationsforschung, S. 27. Siehe Page Moch: Moving Europeans, S. 20. Vgl. Bade: Sozialhistorische Migrationsforschung, S. 27. Erste auf die Untersuchung demographischer und staatsrechtlicher Prozesse basierende Arbeiten entstanden zum Ende des 19. Jahrhundert. Stellvertretend sei erwähnt: Ernest George Ravenstein: The Laws of Migration, in: Journal of the Royal Statistical Society, 48 (1885), S. 167-235,

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waren Forschungen der European Science Foundation zur Geschichte der europäischen Expansion. Sie setzten sich maßgeblich mit transatlantischen Wanderungen auseinander. Ungefähr 55 Millionen Menschen verließen von den 1820er bis in die 1930er Jahre Europa. Der Bereich gilt zwar mittlerweile als fundiert erforscht23, aber seine Dominanz verschleiert auch: Die auffällige Stärke der Massenauswanderungen über den Atlantik darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Arbeits-, Ausbildungs-, Siedlungs- und Heiratswanderungen meist kleinräumig waren und nur zu einem kleineren Teil territoriale bzw. staatliche Grenzen überschritten.24 Die westeuropäische Migrationsforschung folgte der nordamerikanischen mit zeitlichem Abstand. Eine Erklärung für die frühere Auseinandersetzung in den USA mit Migrationsphänomenen sieht Bade darin, dass sich das Land als Einwanderungsland definiere.25 Migration gehöre zum kollektiven Gedächtnis und sei Gründungsmythos. Bezogen auf die deutschsprachige Forschung bildeten Arbeiten zur Einwanderung ins deutsche Kaiserreich und daraus resultierende Arbeitsmarktrestriktionen den An52/1889, S. 241-301. Den Appell, Geschichte als eine Vielzahl von Migrationsprozessen zu erfassen, formulierten erstmals die Demographen und Juristen Alexander und Eugen Kulischer: Kriegs-und Wanderzüge. Weltgeschichte als Völkerbewegung, Berlin 1932. Ihnen folgte Frank Thistlethwaite: Migration from Europe Overseas in the Nineteenth and Twentieth Centuries, in: XIe Congrès International des Sciences Historiques. Rapport 5: Histoire contemporaine, Stockholm 1960, S. 32-60. 23 Siehe bezüglich beispielhafter Überblicksdarstellungen: Pieter C. Emmer (Hg.): European Expansion and Migration. Essays on the Intercontinental Migration from Africa, Asia, and Europe, New York 1992., Nicholas P. Canny: Europeans on the move. Studies on European migration 1500–1800, Oxford 1994., Dudley Baines: Emigration from Europe 1815–1930, Cambridge 1995., Leslie Page Moch: Moving Europeans. Migration in Western Europe since 1650, Bloomington 1996., Klaus J. Bade: Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 2000., Dirk Hoerder: Cultures in Contact. World Migrations in the Second Millennium, London 2002., Diethelm Knauf (Hg.): Aufbruch in die Fremde. Migration gestern und heute, Bremen 2009. Für Darstellungen bezogen auf Deutschland – vor 1980 entstandene Publikationen neigen zu einseitigen, die negativen Folgen für die Auswanderungsländer betonenden und weniger Wert auf die Herausarbeitung von Motiven und Mustern legenden Ausführungen – siehe beispielhaft Dirk Hoerder/Jörg Nagler (Hg.): People in Transit. German Migrations in Comparative Perspective 1820–1930, Cambridge 1995., Anne Aengenvoort: Migration – Siedlungsbildung – Akkulturation. Die Auswanderung Nordwestdeutscher nach Ohio 1830–1914, Stuttgart 1999., Alexander Freund: Aufbrüche nach dem Zusammenbruch. Die deutsche Nordamerika-Auswanderung nach dem Zweiten Weltkrieg, Göttingen 2004., Walter D. Kamphoefner: Westfalen in der Neuen Welt. Eine Sozialgeschichte der Auswanderung im 19. Jahrhundert, erw. Neuausgabe, Göttingen 2006. oder Alexandra Fies: Die badische Auswanderung im 19. Jahrhundert nach Nordamerika unter besonderer Berücksichtigung des Amtsbezirks Karlsruhe zwischen 1880–1914, Karlsruhe 2009. 24 Vgl. Oltmer: Migration, S. 1. 25 Vgl. Bade: Sozialhistorische Migrationsforschung, S. 44.

MIGR ATION UND MOBILITÄT   |   15


fang.26 Wirtschaftsbedingte Wanderungen nach und aus Deutschland sowie innerhalb des Staates und die Veränderung der Arbeitswelt selbst blieben stark im Fokus.27 Nach Binnenwanderung und Urbanisierung im Zuge der Industriellen Revolution sowie der neuen Betonung des städtischen Lebens wandte sich die Forschung jüngst alltäglichen, kleinräumigen Mobilitätsprozessen zu.28 Die Neuorientierung wird von Hoerder als längst überfällig betrachtet: »Die Migrationsforschung hat lange die dauerhaften Auswanderungen überbewertet und temporäre Migration vernachlässigt.«29 Die großen Vertreibungen und Verfolgungen des 20. und 21. Jahrhunderts waren und sind zwar stark im Fokus der Geschichtswissenschaft, aber für die Analyse werden kaum die Instrumente der Historischen Migrationsforschung genutzt. Und dies, obwohl die Untersuchung der Wanderungsphänomene von Gruppen die Spezialität der Forschungsrichtung sind. Das zeigen Arbeiten zu Hugenotten30, sephardischen31

26 Hierzu beispielhaft: Klaus J. Bade: Massenwanderung und Arbeitsmarkt im deutschen Nordosten von 1880 bis zum Ersten Weltkrieg. Überseeische Auswanderung, interne Abwanderung und kontinentale Zuwanderung, in: Archiv für Sozialgeschichte 20 (1980), S. 265–323., Knuth Dohse: Ausländische Arbeiter und bürgerlicher Staat. Genese und Funktion von staatlicher Ausländerpolitik und Ausländerrecht. Vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik Deutschland, Königsstein 1981., Klaus J. Bade: Vom Auswanderungsland zum Einwanderungsland? Deutschland 18801980, Berlin 1983. 27 Siehe Klaus J. Bade: Preußengänger und Abwehrpolitik. Ausländerbeschäftigung, Ausländerpolitik und Ausländerkontrolle auf dem Arbeitsmarkt in Preußen vor dem Ersten Weltkrieg, in: Archiv für Sozialgeschichte 24 (1984), S. 91–162., Ders. (Hg.): Auswanderer – Wanderarbeiter – Gastarbeiter. Bevölkerung, Arbeitsmarkt und Wanderung in Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, 2 Bde., 2. Aufl., Ostfildern 1985., Jochen Oltmer: Migration und Politik in der Weimarer Republik, Göttingen 2005., Irene Götz/Katrin Lehnert/Barabara Lemberger/Sanna Schondelmayer (Hg.): Mobilität und Mobilisierung. Arbeit im sozioökonomischen, politischen und kulturellen Wandel, Frankfurt am Main 2010., Christiane Reinicke: Grenzen der Freizügigkeit. Migrationskontrolle in Großbritannien und Deutschland 1880-1930, München 2010. 28 Hierzu beispielhaft: Karsten Labahn: Räumliche Mobilität in der vorindustriellen Stadt. Wohnungswechsel in Stralsund um 1700, Berlin 2006. oder Katrin Lehnert/Lutz Vogel (Hg.): Transregionale Perspektiven. Kleinräumige Mobilität und Grenzwahrnehmung im 19. Jahrhundert, Dresden 2011. 29 Vgl. Hoerder/Lucassen/Lucassen: Terminologien und Konzepte, S. 38. 30 Hierzu beispielhaft: Susanne Lachenicht: Hugenotten in Europa und Nordamerika. Migration und Integration in der Frühen Neuzeit, Frankfurt am Main 2010. oder Ulrich Niggemann: Immigrationspolitik zwischen Konflikt und Konsens. Die Hugenottenansiedlung in Deutschland und England (1681–1697), Köln 2008., Klaus Weber: Zwischen Religion und Ökonomie. Sepharden und Hugenotten in Hamburg 1580-1800, in: Henning P. Jürgens/Thomas Weller (Hg.): Religion und Mobilität. Zum Verhältnis von raumbezogener Mobilität und religiöser Identitätsbildung im frühneuzeitlichen Europa, Göttingen 2010, S. 137–167. 31 Hierzu beispielhaft: Michael Studemund-Halévy (Hg.): Die Sefarden in Hamburg. Zur Geschichte einer Minderheit, Hamburg 1994, Hiltrud Wallenborn: Bekehrungseifer, Judenangst und Handelsinteresse. Amsterdam, Hamburg und London als Ziele sefardischer Migration im 17. Jahrhundert, Hildesheim 2003., Lilli Herschorn (Hg.): Zuflucht Saloniki. Die Sepharden im osmanischen Exil, Bochum 2005.

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und osteuropäischen Juden32 oder den Ruhrpolen.33 Gleiches gilt für Studien zu ländlichen Phänomenen wie den Holland-, Sachsen- oder Preußengängern, den Lippischen Zieglern oder den Schwabenkindern. Dies waren saisonale, oftmals stark spezialisierte Migrantengruppen, die zirkulär und temporär wanderten, weil sie überwiegend in der Landwirtschaft eingesetzt wurden.34 Zuletzt erweiterte sich das Spektrum um geschlechtsspezifische35 und integrative Fragestellungen. Die Fehlstellen, die sich dadurch bildeten, dass die Wanderungsprozesse stärker im Fokus standen als die Analyse der zum Teil wesentlich längerfristigen Integrationsprozesse, verblassen daher zunehmend. Die Spezifika zweiter und dritter Migrantengenerationen finden mehr Resonanz, ebenso wie Veränderungen innerhalb der aufnehmenden Gesellschaft.36 Verantwortlich für das steigende Forschungsinteresse sind: nicht zuletzt die politischen, publizistischen und wissenschaftlichen Diskussionen um Gestaltung und Gestaltbarkeit aktueller Migrationen sowie als gesellschaftliche Bedrohung, aber auch als Chance verstandene Prozesse der Niederlassung und Integration der Millionen von Zuwanderern in Deutschland.37

32 Hierzu beispielhaft: Trude Maurer: Ostjuden in Deutschland 1918-1933, Hamburg 1986., Anna Lipphardt: VILNE. Die Juden aus Vilnius nach dem Holocaust. Eine transnationale Beziehungsgeschichte, Paderborn 2010., Verena Dohrn/Gertrud Pickhan (Hg.): Transit und Transformation. Osteuropäisch-jüdische Migranten in Berlin 1918-1939, Göttingen 2010., Anne-Christin Saß: Berliner Luftmenschen. Osteuropäisch-jüdische Migranten in der Weimarer Republik, Göttingen 2012. 33 Hierzu beispielhaft: Dieter Dahlmann/Albert S. Kotowski/Zbigniew Karpas (Hg.): Schimanski, Kuzorra und andere. Polnische Einwanderer im Ruhrgebiet zwischen der Reichsgründung und dem Zweiten Weltkrieg, Essen 2005. oder Basil Kerski (Hg.): Polnische Einwanderung. Zur Geschichte und Gegenwart der Polen in Deutschland, Osnabrück 2011. 34 Hierzu beispielhaft: Markus Küpker: Weber, Hausierer, Hollandgänger. Demografischer und wirtschaftlicher Wandel im ländlichen Raum. Das Tecklenburger Land 1750-1870, Frankfurt am Main 2008., Loretta Seglias: Die Schwabengänger aus Graubünden. Saisonale Kinderemigration nach Oberschwaben, Zürich 2004., Piet Lourens/Jan Lucassen: Arbeitswanderung und berufliche Spezialisierung. Die lippischen Ziegler im 18. und 19. Jahrhundert, Osnabrück 1999. 35 Hierzu beispielhaft: Gariele Berkenbusch (Hg.): Migration und Mobilität aus der Perspektive von Frauen, Stuttgart 2012., Edeltraud Aubele/Gabriele Pieri (Hg.): Femina Migrans. Frauen in Migrationsprozessen (18.–20. Jahrhundert), Sulzbach 2011. oder Sigrid Metz-Glöckel: Migration als Ressource. Zur Pendelmigration polnischer Frauen in Privathaushalte der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 2010. 36 Bezüglich der verstärkten Betonung siehe beispielhaft: Klaus J. Bade (Hg.): Nachholende Integrationspolitik. Problemfelder und Forschungsfragen, Osnabrück 2008., Inken Sürig/Maren Wilmes: Die Integration der zweiten Generation in Deutschland. Ergebnisse der TIES-Studie zur türkischen und jugoslawischen Einwanderung, Osnabrück 2011., Karin Elinor Sauer/Josef Held (Hg.): Wege der Integration in heterogenen Gesellschaften. Vergleichende Studien, Wiesbaden 2011., Deniz Göktürk/David Gramling/Andreas Kaes/Andreas Langenohl (Hg.): Transit Deutschland. Debatten zu Nation und Migration. Eine Dokumentation, Konstanz 2011. 37 Vgl. Oltmer: Migration, S. IX (Vorwort).

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Historische Migrationsforschung sieht Migration als multidimensionalen und multikausalen Prozess, der nur über die Einbindungen in den demographischen und sozioökonomischen Kontext erfassbar ist: »die Geschichte der Wanderungen ist Teil der allgemeinen Geschichte und nur vor ihrem Hintergrund zu verstehen.«38 Migrationshistoriker sind konfrontiert mit komplexen, teils divergierenden territorialen Strukturen: »Zum einen bewegten sich nicht nur Menschen über Grenzen, sondern auch Grenzen über Menschen.«39 Sie arbeiten raumbezogen, »Orientierungshilfe bietet […] die Frage nach Anlässen, Motiven und Zwecken«.40 Migrationshistoriker haben aufgeräumt mit der verklärenden Vorstellung der ruhigen, statischen, alten Zeit. Our image of a sedentary Europe […] is seriously flawed. People were on the move; and where and why they traveled tells us a good bit about the past and about the pressures and the processes that produced the world which we are familiar. 41 Nicht Mobilität, sondern Stabilität war die Ausnahme: »Alteuropa war eine bewegte Welt, auf deren Straßen sich Wandernde, Fahrende und vornehme Reisende alltäglich begegneten«.42 Migrationshistoriker haben aus der Vielfalt Schwerpunkte herausgefiltert wie die östlichen Siedlungswanderungen, frühneuzeitliche religiös bedingte Vertreibungen, metropolenzentrierte Mobilitätssysteme, politisch induzierte Emigration oder transatlantische Massenwanderungen. Gerade das lange 19. Jahrhundert war ein bewegtes, da Verbesserungen in Verkehr, Transport und Kommunikation Mobilität wesentlich erleichterten. Weiße Flecken zeigen sich dennoch viele: »Kaum übersehbar und in manchen Bereichen auch noch gar nicht zureichend erschlossen ist die Formenvielfalt, die sich hinter dem Stichwort ›Migration‹ […] verbirgt.«43 Ziel der Migrationsforschung ist es nicht, Gesellschaften oder Gruppen nach der Dichotomie mobil-sesshaft zu kategorisieren. Die Vielfalt der Mobilitäts- und Immobilitätsformen zu definieren und zu analysieren, steht im Fokus. Dieser Fokus ist in drei Aufgaben untergliedert: Erstens sei die Struktur, der Verlauf und das Volumen von Wanderungen zu untersuchen. Zweitens sei das Wanderungsverhalten zu differenzieren und drittens seien die Prozesse zu kontextualisieren. Diese Dreiteilung führt zu einem »Beobachtungsfeld […] großer Spannweite«.44 Es weist nicht nur geographische, sondern auch soziale wie zeitliche Elemente auf. 38 Vgl. Bade: Sozialhistorische Migrationsforschung, S. 27. 39 Siehe Bade: Europa in Bewegung, S. 12. 40 Ebd. 41 Vgl. Page Moch: Moving Europeans, S. 1. 42 Siehe Bade: Europa in Bewegung, S. 17. 43 Ebd., S. 18. 44 Bade: Sozialhistorische Migrationsforschung, S. 28. Zur Definition der Aufgaben siehe ebd., S. 35.

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Migrationsforschung ist keine eigenständige Disziplin, sondern ein relativ junger inter- bis transdisziplinärer Ansatz. Historische Migrationsforschung ist nur ein Teil der Auseinandersetzung: Der Vielgestaltigkeit des Phänomens und Problems Migration entspricht die Vielseitigkeit der Forschungsbemühungen um die Beschreibung, Interpretation und Erklärung seiner Ursachen und Erscheinungsformen, seiner Entwicklungsbedingungen, Begleitumstände und Folgeerscheinungen[…].45 Mit Migrationsprozessen setzen sich u. a. die Kulturanthropologie, die Demographie, die Ökonomie, die Literatur- und Kulturwissenschaften, die Politologie, Psychologie, die Rechtswissenschaften oder die Soziologie auseinander. Jüngst brachten beispielsweise die Ansätze der Postcolonial Studies und der Diaspora Studies neue migrationstheoretische Impulse hervor. Nach dem Überblick verengt sich nun der Fokus: Jüdische Migrationen in ihrer Gesamtheit wurden wenig thematisiert. Es gibt ältere, in Ermangelung anderer immer noch wichtige Bearbeitungen.46 Sie schwanken in ihrer Bewertung jüdischer Migrationen von relativierend bis außergewöhnlich. An dem einen Ende des Spektrums findet sich Eugen Kulischer, der jüdische Migration als Facette genereller Prozesse versteht und daher der These, jüdische Geschichte sei wesentlich durch Migration geprägt, wenig Bedeutung beimisst.47 Am anderen Ende steht Mark Wischnitzer. Er stellt einen stärkeren bis ausschließlichen Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Migration her. So werden jüdische Migrationen zu nach Sicherheit strebenden Fluchtund Zwangsbewegungen. Sie seien somit grundsätzlich verfolgungsbedingt und verfolgungsgeprägt.48 Wischnitzers lachrymose Interpretation der Geschichte jüdischer Migrationen ist immer noch einflussreich. Kulischers Plädoyer für eine Kontextualisierung der jüdischen Erfahrung ist schlüssig und gewinnt zunehmend an Bedeutung.49 Beide Positionen haben ihre Erklärungskraft, ihre Vorteile. Während Wischnitzers Argumentation gerade bei der Betrachtung von Katastrophen wie jener in der erste Hälfte des 20. Jahrhunderts überzeugt, lenkt Kulischers Perspektive den Blick auf die 45 Vgl. Bade: Sozialhistorische Migrationsforschung, S. 13. 46 Siehe Vladimir Wolf Kaplun-Kogan: Die Wanderbewegungen der Juden, Bonn 1913., Michael Traub: Jüdische Wanderungen, Berlin 1922., Jakob Lestschinsky: Die jüdische Wanderung. Ihre Ursache und ihre Regelung, in: Archiv für Wanderungswesen 1 (1928), S: 127–131., Chaim Potok: Wanderungen. Geschichte des jüdischen Volkes, Tübingen 1980. 47 Eugene M. Kulischer: Europe on the Move. War and Population Changes, New York 1948. 48 Mark Wischnitzer: To dwell in Safety. The Story in Jewish Migration since 1800, Philadelphia 1948. 49 Vgl. Brinkmann: Ort des Übergangs, S. 44.

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großen Linien. Die vorliegende Arbeit sieht sich zwar einerseits in der Tradition Kulischers, berücksichtigt jedoch die Überlegungen Wischnitzers stark, indem sie explizit nach der Freiwilligkeit bzw. Zwanghaftigkeit von jüdischer Mobilität und Migration fragt. Die Verbindung der beiden Ansätze bzw. ihre situative Verwendung scheint die besten Ergebnisse zu liefern. Teilphänomene jüdischer Migrationsprozesse sind im Vergleich dazu sehr stark erforscht. Obwohl viele der Arbeiten nicht explizit die Theorien der Historischen Migrationsforschung nutzen oder auf sie verweisen, vermögen sie Ergebnisse hervorzubringen, von denen das Forschungsgebiet profitiert. Die antike Mobilität wird dabei ebenso untersucht wie die Vertreibungen aus Portugal, Spanien oder England im Mittelalter und die daraus resultierenden Wanderungen nach Ostmittel- und Südosteuropa.50 Dazu war es in den deutschen Gebieten aufgrund territorialer Zersplitterung nicht in dieser Massivität und Absolutheit gekommen. Hier entwickelten sich in der Frühen Neuzeit aufgrund von städtischen Ausweisungen ländliche Siedlungsschwerpunkte: »If we disregard Prussia and Saxony, the rural Jews constituted a silent majority in most German states well into the middle of the nineteenth century […].«51 Einer dieser neuen ländlichen Schwerpunkte steht im Fokus der vorliegenden Studie: Baden. Ein Überblick zum Forschungsstand erfolgt im Kapitel Kippenheim: Von regulierter Mobilität zu freiwilliger Immobilität. Migrationen waren oftmals das Resultat von Pogromen – zunächst in Richtung Osten52, dann in Richtung Westen.53 Auch auf die transatlantische Emigration fokussieren sich zahlreiche Arbeiten, angestoßen von der Pionierstudie Barkais zur Auswanderung deutscher Juden nach Nordamerika im 19. Jahrhundert.54 Ebenso liegen zahl50 Zusätzlich zu bereits zuvor Genanntem sei noch verwiesen auf: Gerd Mentgen: Die Vertreibungen der Juden aus England und Frankreich im Mittelalter, in: Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 7 (1997), S. 11-53., Friedhelm Burgard: Judenvertreibungen in Mittelalter und Neuzeit, Hannover 1999., Joseph Kaplan: An alternative Path to Modernity. The Sephardic Diaspora in Western Europe, Leiden 2000., Eugen Heinen: Sephardische Spuren. Zur Geschichte des Iberischen Judentums, der Sepharden und Marranen, Kassel 2003., Francois Soyer: The Persecution of the Jews and Muslims of Portugal. King Manuel I. and the End of religious Tolerance (1496-7), Leiden 2007. 51 Vgl. Richarz: Emancipation and Continuity, S. 96. 52 Zusätzlich zu bereits genannten Arbeiten sei noch verwiesen auf: Heiko Haumann: Geschichte der Ostjuden, 5. überarb. Aufl., München 1990. und Yvonne Kleinmann (Hg.): Kommunikation durch symbolische Akte. Religiöse Heterogenität und politische Herrschaft in Polen-Litauen, Stuttgart 2010. 53 Zusätzlich zu Genanntem sei hier beispielhaft verwiesen auf: Charlotte E. Haver: Vom Schtetl in die Stadt. Zu einigen Aspekten der Migration ostjüdischer Frauen um die Jahrhundertwende, in: Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 5 (1995), S. 331-358. und Tobias Brinkmann: »Mit Ballin unterwegs«. Jüdische Migranten aus Osteuropa im Transit durch Deutschland, in: Aschkenas: Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 17 (2007), S. 75-97. 54 Vgl. Avraham Barkai: Branching Out. German-Jewish Immigration to the United States 18201914, New York 1994. Siehe dazu auch: Cornelia Östreich: »Des rauhen Winters ungeachtet …«

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reiche Publikationen vor, die auf Flucht, Vertreibung und Zwangsmigration als Ergebnis nationalsozialistischer Verfolgung eingehen.55 Deren Mehrzahl lässt jedoch eine gewisse Einseitigkeit erkennen: Unverändert dominiert das Interesse an der Verarbeitung des Exils in Kunst und Literatur, an der Geschichte der antifaschistischen politischen Emigranten und an den Erfahrungen der vertriebenen akademischen und intellektuellen Eliten.56 Schicksale von Emigranten aus anderen Bereichen wie der Wirtschaft oder der mittleren und unteren Schichten werden vernachlässigt.57 Zu diesem Komplex gehören auch Arbeiten, die sich mit der Einwanderung in das britische Mandatsgebiet Palästina beschäftigen bzw. mit von der Staatsgründung Israels induzierten Migrationen.58 Jüngst widmeten sich viele Analysen den infolge der Auflösung der Sowjet-

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Die Auswanderung Posener Juden nach Amerika im 19. Jahrhundert, Hamburg 1997., Tobias Brinkmann: Von der Gemeinde zur Community. Jüdische Einwanderer in Chicago 1849-1900, Osnabrück 2002., Gur Alroey: Aliya to America? A comparative look at Jewish mass migration 1881-1914, in: Modern Judaism. A Journal of Jewish ideas and experience 28 (2008), S. 109-133., Ulla Kriebernegg (Hg.): »Nach Amerika nämlich!« Jüdische Migrationen in die Amerikas im 19. und 20. Jahrhundert, Göttingen 2012. Siehe beispielhaft für jüngst erschienene Publikationen: Eckart Göbel (Hg.): »Escape to Life«. German intellectuals in New York. A Compendium on Exile after 1933, Berlin 2012., Irene Eber: Wartime Shanghai and the Jewish Refugees from Central Europe. Survival, Co-existence, and Identity in a multi-ethnic City, Berlin 2012., Renate Heuer (Hg.): Deutsche Kultur – jüdische Ethik. Abgebrochene Lebenswege deutsch-jüdischer Schriftsteller nach 1933, Frankfurt am Main 2011., Madeleine Rietra (Hg.): »Jede Freundschaft mit mir ist verderblich«. Joseph Roth und Stefan Zweig. Briefwechsel 1927-1938, Göttingen 2011., Albrecht Dümling: Die verschwundenen Musiker. Jüdische Flüchtlinge in Australien, Köln 2011., Traude Bollauf: Dienstmädchen-Emigration. Die Flucht jüdischer Frauen aus Österreich und Deutschland nach England 1938/39, Wien 2010., Marion A. Kaplan: Zuflucht in der Karibik. Die jüdische Flüchtlingssiedlung in Sosúa 1940-1945, Göttingen 2010. Siehe Martin Münzel: Die jüdischen Mitglieder der deutschen Wirtschaftselite 1927-1955. Verdrängung – Emigration – Rückkehr, Paderborn 2006, S. 20. Unabhängig vom asymmetrisch verteilten Interesse lässt sich auch für dieses Forschungsgebiet festhalten, dass eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der deutsch-jüdischen Emigration vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg erst verhältnismäßig spät einsetzte. In den Jahren 1980 bis 1983 entstand mit dem von Claus-Dieter Krohn herausgegeben Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933-1945 das Standardwerk und seit 1991 wird das Jahrbuch der Gesellschaft der Exilforschung veröffentlicht. Dieser Umstand ist auch der Tatsache geschuldet, dass die Gesellschaft insgesamt erst sehr spät mit der Thematisierung des Exils begann. Die Erfahrung der Emigration und des Neubeginns in einem zunächst fremden Land wird von zahlreichen Selbstzeugnissen beschrieben. Deren Bestände sind nicht nur zahlenmäßig sehr vielfältig, sondern inhaltlich mindestens ebenso heterogen. Nur wenige eignen sich als Grundlage für eine wissenschaftliche Auswertung. Auch bei der Verarbeitung von Memoiren kann es zu einer unreflektierten Nachzeichnung vereinzelter Lebenswege kommen, deren Schlussfolgerungen nicht verallgemeinerbar sind. Trotz der zahlreichen Einzelstudien steht eine detaillierte Gesamtdarstellung der Emigration der deutschen Juden nach 1933 nach wie vor aus. Siehe hierzu beispielsweise: Judith T. Shuval: Migration to Israel. The Mythology of »Uniqueness«, Oxford 1998., Thomas Albrich (Hg.): Flucht nach Eretz Israel und der jüdische Exodus

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union gebildeten Wanderungsströmen nach Israel, Deutschland oder Nordamerika und deren Folgen. Sie berücksichtigen die Theorien und Zusammenhänge der Migrationsforschung, arbeiten allerdings oftmals nicht mit historischen, sondern mit soziokulturellen Ansätzen.59

Raum und Räumlichkeit Raumwissenschaftliche Forschung hat Hochkonjunktur. Auf fast jedem geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Gebiet entstanden kürzlich Studien, die Räume in den unterschiedlichsten Definitionen und Konstellationen untersuchen.60 Ebenso

durch Österreich nach 1945, Innsbruck 1998., Tom Segev: Die ersten Israelis. Die Anfänge des jüdischen Staates, München 2008. oder Sabine Aschauer-Smolik (Hg.): Tamid Kadima – Immer vorwärts. Der jüdische Exodus aus Europa, Innsbruck 2010. 59 Siehe hierzu beispielsweise: Yvonne Schütze/Tamar Rapoport: »We are similar in that we’re different«. Social relationships of young Russian Jewish immigrants in Israel and Germany, Opladen 2000., Yvonne Schütze: Migration und Identität. Junge russische Juden in Berlin, in: Susanne Schönborn (Hg.): Zwischen Erinnerung und Neubeginn zur deutsch-jüdischen Geschichte nach 1945, München 2006, S. 304-321., Olaf Glöckner (Hg.): Russian-Jewish emigrants after the Cold War. Perspectives from Germany, Israel, Canada and the United States, Waltham 2006., Eliezer Ben-Rafael: Building a Diaspora. Russian Jews in Israel, Germany and USA, Leiden 2006., Sander L. Gilman: Becoming a Jew by Becoming a German. The Newest Jewish Writing from the »East«, in: Shofar. An Interdisciplinary Journal of Jewish Studies 25 (2006), S. 16-32., Yinon Cohen/Irena Kogan: Next Year in Jerusalem … or in Cologne? Labour Market Integration of Jewish Immigrants from the Former Soviet Union in Israel and Germany in the 1990s, in: European Sociological Review 32 (2007), S. 155-168. oder Susanne Schönborn: Im Wandel. Entwürfe jüdischer Identität in den 1980er und 1990er Jahren, München 2010. 60 Hierzu ein beispielhafter Auszug von 2011 erschienenen Monographien und Sammelbänden: Ulrich Meier/Andreas Priever (Hg.): Sakrale Räume. Formen, Bedeutungen, Praktiken. Bielefeld 2011., Clemena Antonova: Space, Time and Presence in the Icon. Seeing the World wird the Eyes of God, Farnham 2011., Heike Herrmann/Carsten Keller/ Rainer Neef/Renate Ruhne (Hg.): Die Besonderheit des Städtischen. Entwicklungslinien der Stadt(soziologie), Wiesbaden 2011., Merle Hummrich: Jugend und Raum. Exklusive Zugehörigkeitsordnungen in Familie und Schule, Wiesbaden 2011., Torsten Wißmann: Raum zur Identitätskonstruktion des Eigenen, Stuttgart 2011., Miriam Lay Brander: Raum-Zeiten im Umbruch. Erzählen und Zeigen im Sevilla der Frühen Neuzeit, Bielefeld 2011., Christian Morsch: Blickwendungen. Virtuelle Räume und Wahrnehmungserfahrungen in höfischen Erzählungen um 1200, Berlin 2011., Tatiana Golova: Räume kollektiver Identität. Raumproduktion in der »linken Szene« in Berlin, Bielefeld 2011., Gertrud Lehnert (Hg.): Raum und Gefühl. Der Spatial Turn und die neue Emotionsforschung, Bielefeld 2011., Stefan Büttner: Gott und Raum. Spinozas innovative Konzeption der Ausdehnung und Körperwelt, Würzburg 2011.

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viele Tagungen61 bzw. Ausstellungen62 werden durchgeführt sowie Fördermöglichkeiten63 geschaffen. Darf das verwundern, wo doch nach Günzel »Raum […] Grundkonzept menschlicher Anschauung und Orientierung«64 ist? Zunächst war die frühe wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Kategorie Raum fast ausschließlich mathematisch-naturwissenschaftlich geprägt. In der Neuzeit fand eine geringfügige Erweiterung um Geographie statt: »Die Dynamisierung des Raumes im Zuge der Entdeckungen motivierte zahlreiche Gelehrte über die Gestalt der Erde nachzudenken, ihre Bewegungen zu beobachten und zu berechnen.«65 Raum wurde in den Geisteswissenschaften lange nicht als Untersuchungseinheit betrachtet. Raum war Ausdehnung oder Nebeneinander von Dingen ohne Relevanz: »In der Zeiterfahrung wurde […] das eigentliche Moment der Subjektivität vermutet«.66 61 Zu den Tagungen ein beispielhafter Auszug (Recherchestichtag: 19.05.2012): »Embattled Spaces – Contested Orders: Conference of the African Association in Germany (VAD)«, Universität Köln (30.05.–02.06.2012), »Verortungen des Krankenhauses. Klinische Raumvorstellungen im Spannungsfeld von Rationalisierung und Subjektivierung«, Universität Ulm (01.–02.06.2012), »Wie friderizianisch war das Friderizianische? Zeremoniell, Raumdisposition und Möblierung ausgewählter europäischer Schlösser am Ende des Ancien Regime«, Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg Potsdam (02.06.2012), »Gedächtnisräume. Geschichtsbilder und Erinnerungskulturen in Norddeutschland«, Universität Hamburg (15.–16.06.2012), »Challenges of Modernity. Spatial Integration and Communication in 20th Century Central and Eastern Europe«, Imre Kertész Kolleg Jena (15.–16.06.2012), »Raumwissen und Wissensräume«. Interdisziplinärer Theorie-Workshop für NachwuchswissenschaftlerInnen, Freie Universität Berlin/Humboldt Universität zu Berlin (07.–09.08.2012), »Spaces, Languages, Time: 15th International Conference on the History of Concepts«, Universität Helsinki (23.–25.08.2012), »Narrating Spaces – Reading Urbanity«, Universität Hamburg (06.–08.09.2012), »Community Spaces: Conception – Appropriation – Identity«, TU Darmstadt (07.–08.09.2012), »Provisorische und Transiträume: Raumerfahrung ›Nicht-Ort‹«, Universität Paderborn (14.09.2012), »Kunst und Widerstand im öffentlichen Raum«, 36. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Bochum/Dortmund (01.–05.10.2012), »Die Gegenständlichkeit der geschlossenen Orte erkunden: Internationaler Workshop«, Universität Luxemburg (11.–12.10.2012), »Eden für jeden? Touris­ tische Sehnsuchtsorte in Mittel- und Osteuropa (vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart)«, Universität Basel (19.–20.10.2012), »Der Betrieb als sozialer und politischer Ort«, FriedrichEbert-Stiftung Bonn (15.–16.11.2012), »Gefühlsräume – Raumgefühle. Zur Verschränkung von emotionalen Praktiken und Topografien der Moderne«, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin (10.–11.01.2013). 62 Hierzu beispiehaft: »Jenseits des Horizonts. Raum und Wissen in den Kulturen der Alten Welt.« Eine Ausstellung des Exzellenzclusters Topoi der Freien Universität Berlin in Kooperation mit den Staatlichen Museen zu Berlin im Pergamonmuseum (22.06.–30.09.2012) 63 Zu den Fördermöglichkeiten ein Auszug (Recherchestichtag: 19.05.2012): zwölf Promotionsstipendien des Graduiertenkollegs »Zwischen Räumen. Bewegungen, Akteure und Repräsentationen der Globalisierung« an der Freien Universität Berlin (Bewerbungsschluss 30.06.2012), elf Promotionsstipendien des Graduiertenkollegs »Topologie der Technik« an der TU Darmstadt (Bewerbungsschluss 01.06.2012), fünf Promotionsstipendien des Graduiertenkollegs »Privatheit« an der Universität Passau (Bewerbungsschluss 31.05.2012) 64 Siehe Stephan Günzel (Hg.): Raum. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart 2010, S. 1. 65 Vgl. Ute Schneider: Geowissenschaften und Geodäsie, in: Günzel (Hg.): Raum, S. 28. 66 Vgl. Stepan Günzel: Raumkehren. Kopernikanische Wende, in: ders. (Hg.): Raum, S. 79.

R AUM UND R ÄUMLICHKEIT  |   2 3


Ein Verständnis von räumlicher Wahrnehmung, räumlichem Handeln jenseits des »starren Gebildes«67 oder gar die Idee einer Interdependenz von Raum und psychischer Existenz gab es nicht. Raum konnte nicht heterogen und dynamisch sein oder gar eine sinnliche Qualität besitzen. Zeit war das Maß aller Dinge, nicht mehr nur der physikalischen oder biologischen, sondern auch der kulturellen. […] In der Zeiterfahrung wurde […] das eigentliche Moment von Subjektivität vermutet und dem Raum damit ein Platz außerhalb von Vernunft zugewiesen. Solcherart galt Raum bis Anfang des 20. Jahrhunderts gemeinhin als eine starre Form oder eine unbelebte Substanz, derer sich Geschichte oder Kultur zu bemächtigen habe […].68 Eine Zurückdrängung der Zeit als Analysegröße und erste Entfernungen von dem ursprünglichen Verständnis des Raumes erfolgten sporadisch. So verabschiedete sich Cassirer vom »Dogma einer apriorischen Raumstruktur«69 und wies darauf hin, dass es drei Arten von Räumlichkeit gebe: Wie Herder geht nun auch Cassirer von der kulturell bedingten ‚Messung‘ des Raums aus: Raum kann etwa theoretisch oder mythisch strukturiert sein und entsprechend gemessen, gewertet oder mit Sinn versehen werden.70 Cassirer plädierte darüber hinaus für eine verstärkte Zusammenschau von Zeit und Raum, da dies mehr Erkenntnisgewinn bedeute.71 Dürckheims Untersuchungen zum gelebten Raum72 oder Bachelards Poetik des Raumes73 wiesen ebenfalls hin zu einer neuen Wahrnehmung. Die Erkenntnis, dass ein Unterschied »zwischen dem abstrakten Raum der Mathematiker und Physiker und dem konkret erlebten menschlichen Raum« besteht, genauso wie auch »zwischen der mit Uhren zu messenden abstrakten mathematischen Zeit und der vom lebendigen Menschen konkret erlebten Zeit«, setzte sich dennoch nur langsam durch.74 Den Durchbruch einer Revalorisierung von Räumlichkeit brachte der Spatial Turn. In diesem Zusammenhang fällt meist als erstes der Name des Humangeographen Edward Soja und die Benennung seiner Studie Post67 68 69 70 71

Vgl. Günzel: Raumkehren, S. 78. Ebd., S. 79. Ebd., S. 81. Hervorhebung des Autors, Ebd. Siehe Ernst Cassirer (1931): Mythischer, ästhetischer und theoretischer Raum, in: Jörg Dünne/ Stephan Günzel (Hg.); Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften, Frankfurt am Main 2006, S. 485-500 . 72 Siehe Karlfried Dürckheim: Untersuchungen zum gelebten Raum. Erlebniswirklichkeit und ihr Verständnis, München 1932. 73 Siehe Gaston Bachelard: La poétique de l‘espace, Paris 1958. Deutsche Übersetzung: Poetik des Raumes, München 1960. 74 Vgl. Otto Friedrich Bollnow: Mensch und Raum, 11. Aufl., Stuttgart 2010, S. 16.

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modern Geographies.75 Darin nutzt er diese Worte, um die Wende zum Räumlichen im Werk Foucaults zu erläutern.76 Soja verstand es, den Begriff zu besetzen. So schreibt Döring, dass er den Spatial turn bereits als eine der wichtigsten intellektuellen wie politischen Entwicklungen des späten 20. Jahrhunderts [feiere] […], ohne dass der Begriff […] in der Zwischenzeit nennenswerte Resonanz gefunden hätte.77 Soja sei nicht Vordenker, sondern Verstärker.78 Vordenker war der marxistische Sozialphilosoph Henri Lefebvre und sein Werk La production de l‘éspace. Zentral ist für Lefebvre die Erkenntnis, der soziale Raum sei ein soziales Produkt.79 Unabhängig von »geschickte[m] Begriffsmarketing«80 schufen die geopolitischen Umwälzungen nach dem Ende der Sowjetunion ein neues Interesse an raumbezogenen Fragen. Das Tabu infolge der nationalsozialistischen Lebensraum-Ideologie schwächte sich ab und eine wissenschaftliche Diskussion raumbezogener Fragen wurde möglich, so dass Ernst und Lamprecht in der Kategorie Raum ein »neues dominantes (heuristisches) Leitmotiv« sehen können, das die alte »Linearität eines vermeintlichen Fortschritts« abgelöst habe. Im Fokus stünden nun Vorstellungen von Koinzidenz, Parallelität und Intersektion.81 Der Spatial Turn ist mit Sicherheit eine Bereicherung, da Vielfalt, Mehrdimensionalität und Gleichzeitigkeit menschlichen Lebens erfassbar werden. Die Sensibilität für das Räumliche verstärkt die Beachtung von Akteuren, ihren Handlungen und Spielräumen sowie gruppenspezifischen Mechanismen. Der Spatial Turn beleuchtet zudem die komplexen Realitäten von Globalisierung und Postmoderne. »Die Chronologische Einheit […] zerfällt in eine Vielzahl von schillernden Orten«, so Ebeling.82 Neue Perspektiven werden beispielsweise in den Geschichtswissenschaften sichtbar, wenn diese »nicht ausgehend von einem abstrakten Zeitstrahl geschrieben [werden], sondern ausgehend von einem historisch und topographisch konkreten Ort.«83 Kritische Stimmen warnen vor Überschätzung und Überdehnung raumwissenschaftlicher 75 Siehe Edward W. Soja: Postmodern Geographies: The Reassertion of Space in Critical Social Theory. London 1989. 76 Michel Foucault (1926–1984) selbst habe sich mit diesem Spezifikum eigentlich gar nicht befasst, so Jörg Döring: Raumkehren. Spatial Turn, in: Günzel (Hg.): Raum, S. 90. 77 Vgl. Döring: Raumkehren, in: S. 90. 78 Ebd, S. 91. 79 Siehe Henri Lefebvre: La production de l’éspace, Paris 1974, S. 36. 80 Vgl. Döring: Raumkehren, S. 90. 81 Vgl. Petra Ernst/Gerald Lamprecht: Jewish Spaces. Die Kategorie Raum im Kontext kultureller Identitäten – Einleitende Anmerkungen zum Thema, in: dies. (Hg.): Jewish Spaces, S. 7. 82 Vgl. Kurt Ebeling: Historischer Raum. Archiv und Erinnerungsort, in: Günzel (Hg.): Raum, S. 123. 83 Siehe Ebeling: Historischer Raum, S. 124.

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Theorien und Methoden.84 Gerade vor dem Hintergrund der zahlreichen und vielfältigen konzeptionellen Ansätze kommt dieser Warnung ein gewisses Maß an Bedeutung zu. Denn wenn alles irgendwie Raum oder räumlich und dadurch analysierbar sein soll, dann sinken die Erklärungskraft und der Erkenntnisgewinn. Beliebigkeit ist die Folge. Es sei abschließend noch darauf verwiesen, dass die Raumkonjunktur auch einen jüdischen Aspekt aufweist. Die Historikerin und Schriftstellerin Diana Pinto setzte hier erste Impulse mit ihren Ausführungen.85 Sie prägte die Begrifflichkeit des Jewish Space: No space is a given – and Jewish space even less so when compared to the spaces of societies that have been more or less continuously settled within the boundaries of a stable territorial power.86 Die Idee der Jewish Spaces bzw. Places oder auch Jewish Topographies wird insbesondere von Kulturwissenschaftlern und Historikern diskutiert. Die grundlegende, größtenteils einheitlich getragene Definition ist dabei: »Jewish place is defined by location, Jewish space by performance.«87 Gefragt wird nach der räumlichen Dimension und den Räumen/Orten des jüdischen Lebens, nach ihrer Zusammensetzung, nach ihrer Benutzung und der damit verbundenen Erfahrung, nach der Genese von Raumbezug und -wahrnehmung von Juden. Jewish spaces are characterized by a deep-seated internal and external translocality and transculturality, entangled and interconnected with their respective environments as well as with other Jewish spaces throughout the world.88 Ziel der Jewish Topographies sei es, antiräumliche Tendenzen zu kompensieren, so Lipphart und Brauch. »So wird der jüdischen Religion häufig die Eigenschaft zugeschrieben, die vielfältigen Ortsbezüge jüdischer Existenz zu transzendieren oder gar zu ersetzen.«89 Sie plädieren für eine weniger an politisch-ideologischen Trennlinien ori84 Siehe Alexander Mejstrik: Welchen Raum braucht Geschichte? Vorstellungen von Räumlichkeit in den Geschichts-, Sozial- und Kulturwissenschaften, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 17 (2006), S. 9-64. 85 Vgl. u. a. Diana Pinto: Europa – ein neuer »jüdischer Ort«, in: Menora. Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte 10 (1999), S. 15-34. Zur Auseinandersetzung mit Pinto siehe auch Hans-Joachim Hahn: »Europa« als neuer »jüdischer Raum«? Diana Pintos Thesen und Vladimir Vertlibs Romane, in: Amsterdamer Beiträge zur neuen Germanistik 69 (2009), S. 295-310. 86 Vgl. Brauch/Lipphardt/Nocke: Exploring Jewish Space. S. 1. 87 Ebd., S. 4. 88 Ebd., S. 2f. Siehe auch Jürgen Heyde: The »Ghetto« as a spatial and historical construction. Discourses of Emancipation in France, Germany, and Poland, in: Jahrbuch des Simon-Dubnow-Instituts 4 (2005), S. 431-443. 89 Siehe Lipphardt/Brauch: Gelebte Räume, S. 16.

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entierte Bearbeitung. Stattdessen sei der Fokus auf »Berührungspunkte, Verbindungen und Übergänge zu verschieben«. Das Augenmerk habe den »Vielschichtigkeiten, den multiplen Bezügen und der Dynamik jüdischer Räume« zu gelten.90 Darüber hinaus sei es wichtig, jenen jüdischen Räumen mehr Aufmerksamkeit zu schenken, die gerade nicht durch eine nichtjüdische Umwelt geschaffen oder kontrolliert würden. Die diesbezüglich erschienenen Publikationen sind noch übersichtlich. Forschungsprojekte91 und Konferenzen92 zeigen jedoch, dass die Thematik an Attraktivität und Dynamik gewinnt. Ursächlich dürfte hierbei sein, dass die Thematik interdisziplinär anwendbar ist und darüber hinaus in der Lage zu sein scheint, die ganze Bandbreite des Jüdischen widerspiegeln zu können. Die Möglichkeit einer Verbindung von Religion und Kultur, von Gegenwart und Vergangenheit, von sozialen und physischen Kategorien spielt dabei eine große Rolle. Einer mitunter verzerrenden Verengung auf einen Aspekt wie Glauben, Migration, Gender, Bildung etc. kann dies vorbeugen. Die vorliegende Arbeit ist nur bedingt in der Lage, ein Beitrag zu der aktuellen Diskussion der Jewish Topographies zu sein. Die ihr zugrundeliegenden Quellen ermöglichen eine Auseinandersetzung mit dieser Schwerpunktsetzung nicht in der erforderlichen Tiefe. Sicherlich werden Passagen der Untersuchung nach den jüdischen Aspekten eines Ortes fragen oder nach dem jüdischen Charakter einer Handlung. Dies kann aber nicht stringent erfolgen und somit betreffen die Aussagen dann zwar das Spektrum der Jewish Topographies, aber es ist im jeweiligen Fall eher ein Nebenprodukt. Das folgende Kapitel wird nun detailliert die in der Studie verwandte Methodik und Begrifflichkeit vorstellen. Mit ihrer Hilfe wird gezeigt, wann und warum und insbe90 Siehe Lipphardt/Brauch: Gelebte Räume, S. 27. 91 Wie beispielsweise das interdisziplinäre, von 2001 bis 2008 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Graduiertenkolleg »Makom: Ort und Orte im Judentum. Zur Bedeutung und Konstruktion von Ortsbezügen im europäischen Judentum von der Aufklärung bis zur Gegenwart« an der Universtät Potsdam. Im hebräschen Wort Makom liegt die ganze Bedeutungsfülle und der große Reiz dieses Ansatzes, wie Julius H. Schoeps im Vorwort zu Brauch/ Lipphardt/Nocke (Hg.): Jewish Topographies ausführt: »In Hebrew the word Makom means place and has a twofold significance: on one hand Makom prefers to the concrete physical place, on the other hand Makom is equivalent with God’s name, and therefore refers to a metaphysical place.« Oder das ebenfalls von 2010 bis 2012 von der DFG geförderte Projekt »Jüdische Räume. Historische und symbolische Landschaften in Berlin und Budapest« am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin. 92 Hierzu beispielhaft (Recherchestichtag: 19.05.2012): »Jewish Space Reloaded«, Institut für Europäische Ethnologie Humboldt Universität zu Berlin (21.05.2012), »Orts-Wechsel, Blick-Wechsel, Rollen-Wechsel, Konversionen in Räumen jüdischer Geschichte«, Historisch-Kulturwissenschaftliches Forschungszentrum Trier (04.–05.06.2012), »Jewish Spaces as Spaces ›in between‹ in a polycentric political, legal and social Polity. 4th Summer Academy of the Research Cluster ›The Jewish Holy Roman Empire‹«, Hebrew University Jerusalem (17.–31.07.2012), »Jüdische und nicht-jüdische Räume im urbanen Kontext«, Tagung der Hans-Böckler-Stiftung Berlin (05.– 06.11.2012)

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sondere wie die Familie Weill-Sonder unterwegs war im über 200-jährigen Betrachtungszeitraum.

Begriffliche und methodische Grundlagen Wanderungen bilden ein Kontinuum und ein konstitutives Element der Menschheitsgeschichte […]. Individuen, Familien und Gruppen streben danach, durch Bewegungen zwischen geographischen und sozialen Räumen Erwerbs- oder Siedlungsmöglichkeiten, Arbeitsmarkt-, Bildungs-, Ausbildungs- oder Heiratschancen zu verbessern bzw. sich neue Chancen zu erschließen.93 Bewegung findet innerhalb eines bestimmten Raumes bzw. über dessen Grenzen hinweg statt. Folgerichtig muss zu Beginn der Studie zum einen das Verhältnis von Bewegung zu Raum definiert und zum anderen das zugrundeliegende Verständnis der Begriffe Mobilität, Migration, Raum und Räumlichkeit erläutert werden. Zunächst zur Kategorie des Raums: In der Diskussion des Räumlichen sehen die Vertreter ein nötiges Gegengewicht zu bisher dominierenden Kategorien: »Time and history play central roles in our understanding of […] civilization. Place and space, by contrast, seem to be secondary categories at best.«94 Es besteht eine große Vielfalt an raumwissenschaftlichen Konzepten.95 Allen gemeinsam ist der Abwägungsprozess zwischen der Betrachtung eines Raumes als eine gegebene Struktur und der Annahme, dass Raum sich durch Handlungen konstruiert. Für die vorliegende Arbeit ist die Raumfrage ein rahmendes Element. Das Raumkonzept stützt den zentralen Fokus der Untersuchung der familiären Migrations- und Mobilitätsmuster. Dafür wird mit der Kategorie folgendermaßen gearbeitet. Zunächst wird grundlegend unterschieden zwischen ruralen und urbanen Räumen. Die jeweiligen Bedingungen produzieren unterschiedliche Effekte. Der ländliche sowie die beiden städtischen Räume der Arbeit untergliedern sich weiter in drei Ebenen. Dies sind die gesamtöffentliche Ebene, die teilöffentliche Mittelebene – auch Mischzone genannt – und die private Ebene. Die gesamtöffentliche Ebene meint die Räume, in denen die Familie Weill-Sonder lebte, sich positionierte und bewegte. Diese bilden folgerichtig die dreiteilige Grundstruktur der Studie: Kippenheim, Mannheim und New York City. Sie werden als Groß93 Vgl. Oltmer: Migration, S. 1. 94 Brauch/Lipphardt/Nocke: Exploring Jewish Space. S. 1 95 Siehe hierzu beispielsweise: Martina Löw: Raumsoziologie, Frankfurt am Main 2009. oder Markus Schroer: Räume, Orte, Grenzen. Auf dem Weg zu einer Soziologie des Raums, Frankfurt am Main 2006.

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räume bezeichnet. Page Moch stützt diese Arbeitsweise. Sie nennt ihre Großräume Regionen: »The region constitutes the primary unit of discussion. It is best suited to the study of migration because the vast majority of human movement occurred within regions […].«96 Um die Großräume zu erfassen, erfolgt zu Beginn ihrer jeweiligen Analyse eine Skizzierung des Ortes bzw. des jeweiligen Stadtteils. Dabei werden u. a. historische, religiöse, politische, wirtschaftliche, klimatische Besonderheiten herausgearbeitet. Die Mittelebene/Mischzone beinhaltet Räume, die sowohl über private als auch über öffentliche Elemente verfügen. Diese Ebene ist besonders gut geeignet, um den Rahmen für die unternehmerischen Aktivitäten der Familie abzubilden. Gerade bei einem Familienunternehmen kommt es oft zu Überschneidungen. Die Unterkapitel, die sich vordringlich mit der Mischzone auseinandersetzen, heißen mit entsprechenden Ergänzungen in allen drei Großräumen Ökonomische Mobilität. Die dritte Ebene ist der Öffentlichkeit weitgehend entzogen und stellt den privaten Raum dar. Darunter fallen die Wohnung bzw. das Haus. Gleichzeitig werden zu dieser Ebene auch temporäre Privatsphären wie Ferienorte, Wochenendhäuser und Ähnliches gezählt. Als zentrale Elemente gehören hierzu folglich die Erfassung der Wohnumstände, des Familiengefüges, der Lebensumstände oder des Konsums. Dies gelingt aufgrund der unterschiedlichen Quellenlage in allen drei Großräumen nicht mit der gleichen Intensität. Im Großraum Kippenheim ist die Erfassung am detailliertesten möglich. Grundlage bilden hier insbesondere die Verlassenschaftsakten.97 Die Unterkapitel, die sich mit der privaten Ebene auseinandersetzen, heißen in allen drei Großräumen Private Bewegungsmuster. Die jeweils ersten und letzten Unterkapitel der einzelnen Großräume fokussieren weniger auf die genannten Ebenen, sondern thematisieren die Phasen des Übergangs in den Großraum bzw. aus dem jeweiligen Großraum heraus. Die eröffnenden Unterkapitel beziehen sich auf die Prozesse der Ankunft und Eingliederung, die letzten auf Prozesse des Verlassens bzw. Abschließens.98 Jede der drei Ebenen beinhaltet sowohl soziale als auch geographische Räume: »Die Räumlichkeit des menschlichen Lebens und der vom Menschen erlebte Raum ent96 Vgl. Page Moch: Moving Europeans, S. 9. 97 Angaben aus Verlassenschafts- bzw. Nachlassakten sind äußerst hilfreich bei dem Versuch, Lebensumstände zu rekonstruieren. Sie enthalten nicht nur Angaben über Räume, den beweglichen und unbeweglichen Besitz eines Verstorbenen, sondern geben Auskunft über weiterführende Erb- und Eheangelegenheiten. Darauf verweisen Gisela Roming in: Haushalt und Familie auf dem Lande im Spiegel südbadischer Nachlaßakten, in: Monika Richarz/ Reinhard Rürup (Hg.): Jüdisches Leben auf dem Lande. Studien zur deutsch-jüdischen Geschichte, Tübingen 1997, S. 269-291. oder Werner Panoke: Hinterlassenschaften von Landjuden. Alltagsleben im Spiegel von Nachlaßinventaren aus Aldenhoven (Krs. Jülich) 1820–1867, Siegburg 1991. 98 Ein anderes als das hier entwickelte Ebenenmodell findet sich beispielsweise bei Hoerder/Lucassen/Lucassen: Terminologien und Konzepte, S. 32.

BEGRIFFLICHE UND ME THODISCHE GRUNDL AGEN  |   29


sprechen […] einander in strenger Korrelation.«99 Der soziale Raum ist verflochten mit dem geographischen. Das eine ginge nicht ohne das andere. Der Raum ist ein »Hybrid«.100 Die Grenzen sind oft nicht deckungsgleich. Mal sind sie durchlässiger, mal schärfer: »Soziale Räume können schroffer gegeneinander abgegrenzt sein als durch staatliche Grenzen voneinander getrennte Räume.«101 Der soziale Raum kann deutlich größer, umfassender und vielfältiger sein als der geographische Raum, aber auch wesentlich kleiner. Sowohl soziale als auch geographische Räume sind keine homogenen Einheiten, sondern bestehen aus einzelnen, vielfältigen Teilräumen. Beide sind nicht starr, absolut oder dauerhaft. In ihrer jeweiligen Dynamik besteht der Unterschied. Beide Räume verdanken sich den gleichen Konstitutionsbedingungen, beide stellen jeweils einen Raum von Beziehungen dar, in dem Entfernungen nur unter Einsatz von Aufwand und Zeit zurückgelegt werden können.102 Der geographische Raum ist die konkrete Örtlichkeit. Was charakterisiert einen sozialen Raum? Nach Reulecke ist er sehr umfassend »Erfahrungs-, Aktions-, Identifikations-, Kommunikations- und Sozialisationsraum«.103 Bei Bollnow ist er der »gelebt[e] Raum«, der durch »jede Veränderung im Menschen« sich ebenfalls än­ dere.104 Er könne fördern wie hemmen. Er sei geprägt durch Unstetigkeit, Ausdehnung und Perspektive. Die Perspektive des sozialen Raums ist Versprechen bzw. Streben für diese oder die kommende Generation auf eine bessere »räumliche Platzierung«105. Der Mensch benötige »Entfaltungsraum«106, dieser gestalte sich durch die »Weise des menschlichen Zusammenlebens«.107 Wenn Bayer den sozialen Raum »Lebensumfeld« nennt und darin nicht nur spezifische Lebensbedingungen berücksichtigt sehen will, sondern auch Verwandtschafts- und andere Beziehungsnetzwerke, dann ist sie ganz nah an den Definitionen Bollnows.108 Ernst und Lamprecht stimmen dem zu: »Räume konstituieren sich […] durch das Agieren von Menschen.«109 Dies unterstützen und

99 Vgl. Bollnow: Mensch und Raum, S. 24. 100 Siehe Laura Kajetzke/Markus Schroer: Sozialer Raum. Verräumlichung, in: Günzel (Hg.): Raum, S. 192. 101 Vgl. Hoerder/Lucassen/Lucassen: Terminologien und Konzepte, S. 35. 102 Vgl. Kajetzke/Schroer: Sozialer Raum, S. 200. 103 Siehe Jürgen Reulecke: Geschichte der Urbanisierung in Deutschland, Frankfurt am Main 1985, S. 12. 104 Vgl. Bollnow: Mensch und Raum, S. 20. 105 Vgl. Bayer: Minderheit im städtischen Raum, S. 20. 106 Vgl. Bollnow: Mensch und Raum, S. 37. 107 Ebd., S. 256. 108 Vgl. Bayer: Minderheit im städtischen Raum, S. 14. 109 Siehe Ernst/Lamprecht: Jewish Spaces, S. 8.

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