Edition Neu-Cladow Herausgegeben von Frank Auffermann Band 1
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Miriam-Esther Owesle
ÂťNeu-Cladow und nichts anderes!ÂŤ Johannes Guthmanns Traum vom Arkadien an der Havel
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD - ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2014 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Anja Faulenbach, Berlin Gesamtgestaltung: typegerecht, Berlin Schrift: DTL Elzevir 11/15 pt ˇ esky´ Teˇˇsín Druck und Bindung: Finidr, C ISBN 978 -3 -95410 - 043 -9 www.bebra-wissenschaft.de
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Inhalt
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Vorwort des Herausgebers
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»Neu-Cladow und nichts anderes!« Johannes Guthmanns Traum vom Arkadien an der Havel
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Vom Sein und Werden eines Paradieses Die Geschichte von Haus und Park Neu-Cladow
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Die Liebermanns kommen! Illustre Gäste in Neu-Cladow
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Bilder vom süßen Leben Max Slevogts Neu-Cladower Gemäldezyklus
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Pompeji im Pavillon Max Slevogts Wandmalereien für Neu-Cladow
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Und im Wohnzimmer van Gogh Johannes Guthmanns Neu-Cladower Kunstsammlung
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Pathos im Park Max Reinhardt und das Neu-Cladower Naturtheater
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»Die Unvergänglichkeit des Schönen …« Johannes Guthmanns Vermächtnis
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Anhang
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Vorwort
»Neu-Cladow und nichts anderes!«, war sich der Kunsthistoriker und Schriftsteller Johannes Guthmann (1876 –1956) mit unverbrüchlicher Gewissheit sicher, als er nach Jahren der studienbedingten Wanderschaft um 1900 nach Berlin zurückkehrte und einen inselhaft entrückten Ort an der Havel zu seinem Lebensmittelpunkt erkor, der bis dato in einen beinahe hundertjährigen Dornröschenschlaf gefallen war. Mit Hilfe namhafter Künstler und Architekten brachte er das klassizistische Herrenhaus und den hügeligen Landschaftspark mit seinen weiten Havelblicken um 1910 zu einer Blüte, die von seinem Traum Kunde gibt, in Neu-Cladow ein modernes Arkadien zu erschaffen. Vermittels eines Ineinanders von Natur und Kultur wollte Johannes Guthmann den alltäglichen Umtrieben der turbulenten Millionenmetropole mit Neu-Cladow einen geist- und mußevollen Ort gegenüberstellen, der bald schon einen legendären Ruf in Künstler- und Intellektuellenkreisen genießen sollte. »Du bist Orplid, mein Land!«, nennt Guthmann sein Neu-Cladow und tauft es damit auf den Namen jenes mythischen Sehnsuchtsorts des romantischen Dichters Eduard Mörike, an dem die suchende Seele zur Ruhe kommt. In eben diesem Sinne wurden Haus und Park auch von seinen Gästen begriffen, die sich um den charismatischen Hausherrn scharten und zum Who ist Who der Geistes- und Kulturszene der Reichshauptstadt gehörten: Max Slevogt und August Gaul, Paul Cassirer und Tilla Durieux, Gerhart Hauptmann und Walther Rathenau zählten zum inneren Kreis, der sich sommers auf der Terrasse, winters im Musiksaal zu Gesprächs- und Tafelrunden einfand. Wie in einem Prisma bündelte sich in Neu-Cladow der Facettenreichtum der großstädtischen Kulturszene, deren Vertreter Kunst und Literatur,
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Musik und Theater an den Havelstrand brachten und dessen Strahlkraft noch heute nachwirkt: in den Bildern des Impressionisten Max Slevogt, der im glühend heißen Sommer 1912 die entspannt-elegante Neu-Cladower Atmosphäre in farbensprühenden Gemälden festhielt ebenso wie in den Geschichten und Anekdoten, die sich um Haus und Garten ranken und die uns durch Johannes Guthmanns zahlreiche Schriften, allen voran seine 1955 erschienenen Lebenserinnerungen, überliefert sind. Guthmanns schriftliche Zeugnisse in den Mittelpunkt vorliegender Publikation zu stellen hat zum Ziel, jenen festlichen Schauplatz geistiggesellschaftlichen Lebens wieder erfahrbar zu machen, den zu entwerfen sich Johannes Guthmann mit leidenschaftlichem Engagement verschrieben hatte. Dabei basiert vorliegendes Buch auf einer Vortragsreihe zum Leben und Werk Johannes Guthmanns, die ich gemeinsam mit der Kuratorin der Kulturpark GmbH und Leiterin des Neu-Cladower Salons, Dr. MiriamEsther Owesle, seit April 2013 im Gutshaus Neu-Cladow etabliert habe und im Rahmen derer wir die charismatische Persönlichkeit des Gutsherrn und seine Vision von Neu-Cladow als einem Ort der Muße und der Musen wieder in den Fokus nehmen. Der Blick darauf, was Neu-Cladow für Johannes Guthmann bedeutete, vermag deutlich zu machen, was es erneut zu sein vermag. In diesem Sinne
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gilt das Engagement der KulturparkBerlin GmbH und der Bürgerstiftung Gutspark Neu-Cladow der Re-Etablierung eines alle künstlerischen Gattungen übergreifenden geistig-kulturellen Lebens, das wir im Sinne Guthmanns ganz bewusst als Möglichkeit der kontemplativ-kreativen Inspiration in einer Zeit des ebenso rapiden wie umfassenden gesellschaftlichen Wandels begreifen. Johannes Guthmanns Traum vom Arkadien an der Havel zu bewahren, ihn im Hier und Heute weiter zu träumen – dazu möchte vorliegende Publikation einladen. Der erste Band der von uns neu ins Leben gerufenen Edition Neu-Cladow will somit sichtbares Zeichen unseres Wunsches sein, für den Erhalt und die Wiederbelebung Neu-Cladows mit jener Verve einzutreten, die in dem leidenschaftlichen Engagement Johannes Guthmanns und seinem hohen Verantwortungsgefühl für Neu-Cladows Zukunft ein leuchtendes Vorbild hat: »Haus Neu-Cladow […] war aus langem Märchenschlaf […] erwacht, es lebte wieder […]. Wenn es nicht wieder zur sagenhaften Ruine werden sollte, galt es, das Leben darin täglich zu erneuern, das Haus, den Park, die ganze Atmosphäre […] mit einer verantwortungsbewussten Werdelust zu erfüllen«1 . Berlin im Mai 2014
Frank Auffermann
1 Guthmann 1948 , S. 8 .
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»Neu-Cladow und nichts anderes!« Johannes Guthmanns Traum vom Arkadien an der Havel
»Sonntag ist, wenn ich es recht bedenke, für mich immer am jenseitigen Havelufer gewesen, und der Garten von Neu-Cladow wurde der Inbegriff von ›Sonntag‹ überhaupt«1 , schreibt der Kunsthistoriker und Schriftsteller Johannes Guthmann (1876 –1956) 2 in seinen Lebenserinnerungen und macht damit deutlich, was ihm das 1887 durch seinen Vater erworbene, weitläufige Gutsparksterrain entlang des westlichen Havelufers von Anfang an ist: ein gleichsam zeitenthobener Ort fernab des alltäglichen Großstadtgetriebes. Die frühe Liebe zu Neu-Cladow zeichnet für jenes leidenschaftliche Engagement verantwortlich, mit dem Guthmann seinen Wunsch verfolgte, hier ein modernes Arkadien zu erschaffen, in dem sich Natur und Kunst zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügen sollten. Mit Neu-Cladow gelang es ihm zudem, einen Ort der Rekreation und des anregenden Gedankenaustauschs zu etablieren, an dem sich die geistig-kulturelle Elite der Reichshauptstadt traf. Hier gaben sich mit Max Slevogt und August Gaul, Paul Cassirer und Tilla Durieux, Max Reinhardt, Gerhart Hauptmann und Walther Rathenau renommierte Persönlichkeiten der Berliner Kultur- und Gesellschaftsszene ein Stelldichein, die Johannes Guthmann mit Esprit und Weltoffenheit um sich zu scharen wusste und deren bereits zu Lebzeiten legendärer Ruf sich bis heute bewahrt hat. Wer aber war der spiritus rector von Neu-Cladow? Geboren am 27. August 1876 in Berlin als Sohn des Begründers der »Rüdersdorfer Zementindustrie« und späteren Besitzers der »Niederlehmer Kalksandsteinwerke« Robert Guthmann (1839 –1924) 3 und seiner Frau Marie (1847 –1889) 4 , gehörte Johannes Guthmann von jeher den besser gestellten Kreisen an. Als typischer Repräsentant der Gründerzeit hatte sich sein Vater als erfolgreicher Bauunternehmer 1885/86 in der Villenkolonie Wannsee am heutigen
1 Guthmann 1955, S. 113. 2 Johannes Rudolf Guthmann wurde am 27. August 1876 in Berlin geboren und starb am 9. September 1956 in Ebenhausen-Zell
(Gemeinde Schäftlarn, Oberbayern). 3 Robert Guthmann wurde am 23. April 1839 in Bochum geboren und starb am 27. April 1924 in Berlin-Wannsee. Der Bauunter-
nehmer hatte sich auf die fabrikmäßige Herstellung von Fertigmörtel spezialisiert. 1883 war er Begründer der Portlandzementfabrik Rüdersdorf und seit 1900 Betreiber der »Berliner Kalksandsteinwerke Robert Guthmann« in Niederlehme, die seinerzeit als die weltgrößte Kalksandsteinfabrik der Welt galten. Vgl. den als Sonderdruck herausgegebenen Nekrolog in: Tonindustrie-Zeitung, Nr. 39, Jg. 1924, S. 1– 3, hier: S. 2 ; Bilang 1992 , S. 529. 4 Anna Marie Luise Guthmann, geborene Dalchow, wurde am 27. Dezember 1847 geboren und starb am 16 . Dezember 1889.
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Sandwerder 5 ein imposantes Gebäude im historistischen Stil der Neorenaissance entwerfen lassen, einen »verkleinerten Renaissancepalast« 5 , der seit 1962 das Literarische Colloquium beherbergt. 6 Nur kurze Zeit später, im Sommer 1887, kaufte Robert Guthmann auch das ehemalige Lehnschulzengut Neu-Cladow.7 Die sonntäglichen Ausflüge an den am jenseitigen Havelufer gelegenen, bis dato verwunschenen Ort waren für den Sohn von Robert Guthmann ein Abenteuer. Sie glichen ihm einer Expedition in eine märchenhafte Welt, die seine Phantasie früh beflügelte und seiner lebenslangen Liebe zu NeuCladow Wurzeln verlieh. Johannisbeersträucher hatten das hügelige Terrain in eine romantische Wildnis verwandelt. Ihre Ranken durchwoben den weitläufigen Park wie einen geheimnisvollen Zaubergarten. Rehe und Füchse gaben sich ein Stelldichein. Fischreiher zogen ihre lautlosen Kreise über der stillen Schilf- und Wasserwelt. Der marode Zustand des Herrenhauses befeuerte nur die Imaginationskraft Johannes Guthmanns, dem das alte Haus wie ein verwunschenes Schloss erschien: Max Slevogt: Dr. Johannes Guthmann (1918)
»[…] das allenthalben brüchige Schlößchen – es nannte sich Neu-Cladow – schien seit undenklichen Zeiten ausgestorben zu sein. Die Türen klapperten halb ausgehoben in ihren Angeln, die Fensterläden hingen schief und schepperten bei jedem Luftzug, die Kellerluken waren blind, und niemand zeigte sich, um hinein- oder herauszuschauen. […] Und das alles kaum drei Meilen vor den Toren Berlins!«8
5 Zit. nach Kobek 1998 , S. 134. 6 Robert Guthmann hatte das Gelände 1883 erworben. Am 1. Mai 1885 wurde die Bauge-
nehmigung erteilt. Basierend auf Entwürfen, die Guthmann in Zusammenarbeit mit dem Architektenbüro Kayser & von Groszheim angefertigt hatte, wurde der Bau in der Folgezeit errichtet und war 1886 nach zweijähriger Bauzeit bezugsfertig [vgl. Bilang 1992 , S. 528 f.]. Marie Guthmann verzierte hier Wandkacheln, Wände und teilweise die Zimmerdecken mit floralen Ornamenten, von denen sich 1988 bei Restaurierungsarbeiten noch im Eingangsraum, in der Treppenhalle und im Turmzimmer Fragmente finden ließen [vgl. Bilang 1992 , S. 530 f., Abb. 120]. Nach dem Tod von Robert Guthmann 1924 vermietete sein Enkel und Erbe, Hans Georg von Morgen, das Haus an den Bankier Dr. Ernst Goldschmidt, einen entfernten Verwandten Carl Zuckmayers, der 1925 in der Villa das Manuskript für sein
Fuhren Robert und Marie Guthmann mit ihren Kindern Paul (1868 – 1894) 9 , Else (1870 –1910)10 und Johannes zunächst mit dem Landauer über die Berliner Chaussee, an der Pfaueninsel vorbei in Richtung Klein-Glienicke, um bei Sakrow mit einer kleinen Fähre überzusetzen, so erleichterte man sich die Fahrt auf das neu erworbene Gut alsbald, indem man einen kleinen weißlackierten Dampfer aus Mahagoniholz mit kupfernem Schornstein erwarb, der einstmals in Paris auf der Seine geankert hatte und nun die Familie Guthmann von Wannsee nach Neu-Cladow übersetzte. Dass, um die Länge des Anfahrtsweges weiter zu verkürzen, in späterer Zeit auch der Bau einer Schwebebahn erwogen wurde11 , die die Erholungssuchenden per Gondel über die Havel bringen sollte, wirft ein Licht auf den Entdeckermut Robert Guthmanns.
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Jeden freien Sonntag verbrachte man von nun an auf dem neu erworbenen Terrain am westlichen Havelufer. Insbesondere die Kinderfeste verstärkten dabei für Johannes Guthmann den Eindruck, als sei der Garten von Neu-Cladow verzaubert. Die Erinnerungen des beinahe Achtzigjährigen an sie sind von unvergänglicher Frische: »Besonders unsere Kinderfeste sind mir unvergeßlich, für die mein Vater die romantische Wildnis gern zur Verfügung stellte, wo man sich unter einer der alten Baumgruppen vor dem Hause Kaffee und Kuchen von dem langen Serviertisch holen konnte. Wir Kleinen, artig gereiht, fanden im Märchenpark mitten im hellen Sommer geputzte Weihnachtsbäume, was die größeren Jungen nicht abhielt, hernach plündernd über den Obstgarten herzufallen.«12
Und war man von jeher kulturaffin gewesen, wie die Theaterabonnements von Johannes Guthmanns Eltern für das Königliche Schauspielhaus und die Oper sowie die Musik- und Poesiebegeisterung der Mutter deutlich machen, so öffnete man auch Neu-Cladow für die Kunst: Mitglieder des Vereins Berliner Künstler, zu dem Robert Guthmann freundschaftliche Bezie-
Gutshaus, Nordseite
rheinisches Volksstück Der Fröhliche Weinberg verfasste. Die Villa selbst war für Zuckmayer »ein grässlicher Kasten im Stil einer imitierten Ritterburg«, wie er 1967 in seinen Lebenserinnerungen schrieb, wenngleich er den Ausblick vom Turmzimmer und die schöne landschaftliche Umgebung rühmte. Der Guthmann’sche Familienbesitz wurde am 8 . Februar 1934 durch Hans Georg von Morgen verkauft [vgl. Bilang 1992 , S. 532 ; siehe auch Kobek 1998 , S. 134]. 7 Vgl. Semmer/Bollé/Güldner 1987, S. 9. 8 Guthmann 1955, S. 112 . 9 Paul Guthmann wurde am 15. September 1868 geboren und starb am 23. Oktober 1894. 10 Else von Morgen, geb. Guthmann wurde am 30 . Juni 1870 geboren und starb am 13. Juli 1910 . 11 Vgl. Guthmann 1955, S. 134. 12 Ebd., S. 113.
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13 Ebd. 14 Ebd., S. 31. 15 Ebd., S. 125. 16 Ebd., S. 16 . 17 Hans Thoma: Sommer in Oberursel (1896), Öl/Malkarton, 74 x 98 cm, Standort unbe-
hungen unterhielt, fanden sich hier zu »turbulenten Veranstaltungen«13 ein. Es gab Kostümfeste und Theateraufführungen, die zu veranstalten sicherlich auch die familiäre Disposition Robert Guthmanns begünstigte, dessen Vorfahren beim Theater, ja sogar Mitglieder der bekannten Döbelin’schen Theatertruppe gewesen waren14 . In dem weiten Tor der Scheune improvisierte man eine Bühne. Vor ihr, auf dem Gutshof, wurde getanzt. Auch dies hatte bereits Tradition, fand die Familie Guthmann doch bei ihrem Einzug ein altes Spinett vor, »ein wurmstichig wackliges, ein völlig verlebtes, unverständlich winselndes und dennoch nicht ganz von den guten Geistern der Vergangenheit verlassenes Instrumentchen«, von dem Trude von Bismarck Johannes Guthmann noch nach Jahren berichtete: »So schön, scheint mir, wie nach dem Spinett in Cladow ließ es sich nirgends tanzen«15 . Wie prädestiniert schien Neu-Cladow somit von früh an, hier einen Ort der Musen entstehen zu lassen. Und doch hatte sich Johannes Guthmann, der nach Jahren der studienbedingten Wanderschaft nach einem Ort zum Bleiben suchte, gegen allerhand Widerstände seitens des praxis- und effizienzbedachten Vaters durchzusetzen. Dass er dies mit Verve und Leidenschaft tat, dafür zeichnete seine Liebe zu den schönen Künsten, wie sie ihm seine literatur- und musikbegeisterte Mutter nahebrachte, in erster Linie verantwortlich. In der Guthmann’schen Villa in Wannsee besaß sie »zwei Klaviere, auf denen vier- und achthändig gespielt wurde und zu denen sie bei kleinen Konzerten, die sie veranstaltete, Streichinstrumente hinzuzog«16 . Auch ihr Ehemann umgab sich ganz im Sinne der repräsentativen Sammlerkultur der Gründerzeit mit Kunstgegenständen, die schmücken oder erbauen sollten. Ein »schlichtes Wiesenbild«17 von Hans Thoma, der Sommer in Oberursel von 1896, sei, auf der Staffelei vor seinem Schreibtisch stehend, der »Liebling«18 seines Vaters gewesen, schreibt Johannes Guthmann. Er selbst erging sich, umgeben von solch schöngeistiger Atmosphäre, bereits früh in eigenen literarischen Versuchen. So konstatierte er am 6. Februar 1910 in einer für Franz Brümmers Schriftstellerlexikon handschriftlich verfassten Kurzbiografie:
kannt [Henry Thode (Hg.): Hans Thoma, Des Meisters Gemälde in 874 Abbildungen, Stuttgart und Leipzig, Deutsche Verlagsanstalt 1909, Nr. 398 ; Gemälde von Hans Thoma aus deutschem Privatbesitz ausgestellt 1922 in der Nationalgalerie, Nr. 164]. 18 Guthmann 1955, S. 75.
»Ich beschäftigte mich früh mit Litteratur [sic], von meinem 16. Jahr an auch selbst mich in Lyrik wie Drama versuchend, von meiner Mutter, einer intellektuell lebhaften, schöngeistigen Frau, die 1889 starb, vermutlich durch Erbschaft wie Vorbild dazu veranlasst.«19
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Sicherlich wirkte der frühe Verlust der von ihm über alles geliebten Mutter20 katalysatorisch auf die Beschäftigung des empfindsamen und gesundheitlich labilen Jungen mit schönen, geistigen Dingen. Er selbst sieht im Zwiegespräch mit der unwiederbringlich Verlorenen, deren »geheimnisvolles Wesen und Wirken«21 er auch nach ihrem Tod um sich zu spüren glaubte und deren letzte Ruhestätte auf dem Friedhof in Wannsee er häufig aufsuchte, den Beginn seiner dichterischen Laufbahn: »So kam ich in der poetisierenden Verschlossenheit meines Gemüts und meines Daseins zum Dichten, aus Sehnsucht nach einem verlorenen, mir selbst unverlierbar in meinem Innern verborgenen Glück. Daß echte Sehnsucht sich nicht ins Vergangene verlieren, sondern stets ›produktiv sein, ein neues Besseres erschaffen‹ müsse, dieses Bekenntnis Goethes […] hätte ich nicht unterschrieben. […] Und doch geisterte ein glimmendes Fünkchen davon damals schon in meiner Seele, nur war ich mir noch nicht bewußt, daß, wo Rauch ist, sehr bald eine Flamme emporschlagen kann.«22
Neu-Cladow hieß der zündende Funke, der Johannes Guthmanns inneres Feuer zu entfachen vermochte und dessen Licht bald weithin sichtbar erstrahlen sollte. Von Anfang an stellte das Gut an der Havel für Johannes Guthmann jenes ideale Refugium dar, das seinem Wesen und Wunsch nach kontemplativer Abgeschiedenheit fernab der lärmenden Großstadt entsprach und das ihm insbesondere auch im Hinblick auf seine wissenschaftliche und schriftstellerische Arbeit wertvoll war. So fand er in Neu-Cladow auch die nötige und ihm in der »Asphaltatmosphäre Berlins«23 fehlende Muße, um sich der Fertigstellung seiner Dissertation über die toskanische und umbrische Landschaftsmalerei von Giotto bis Raffael, die 1902 bei K. W. Hiersemann in Leipzig erschien, widmen zu können. Im Jahr 1900 hatte Guthmann nach dem Studium der Geschichte, Philosophie, Literatur und Kunstgeschichte in Berlin, Leipzig und Heidelberg in Kunstgeschichte promoviert und war kurze Zeit später Volontär an der Berliner Nationalgalerie und Assistent des Direktors Hugo von Tschudi (1851–1911) geworden. Den Charakter eines schützenden Zufluchtsortes hatte Neu-Cladow für Johannes Guthmann auch in dieser Zeit. War zwar das alte Dampfschiff, das die Familie Guthmann einst über die Havel gebracht hatte, inzwischen
19 Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer
Kulturbesitz, Nachlass Brümmer, Biographien 2 . Reihe. 20 Die Mutter Johannes Guthmanns starb,
ebenso wie sein älterer Bruder Paul, an Tuberkulose. 21 Guthmann 1955, S. 23. 22 Ebd., S. 24. 23 Ebd., S. 117.
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24 Ebd., S. 118 . 25 Ebd., S. 250 . 26 Ebd., S. 125. 27 Ebd., S. 123. 28 Siehe Kapitel »Vom Sein und Werden
eines Paradieses – Die Geschichte von Haus und Park Neu-Cladow«. 29 Guthmann 1955, S. 114. 30 Ebd., S. 117.
einem Motorboot gewichen, das richtungsweisend auf den Namen »NeuCladow« getauft worden war und für eine allmorgen- und abendliche reibungslose Überfahrt in die Stadt Sorge trug, so war das Übersetzen nach Wannsee doch nicht immer ohne Turbulenzen möglich. Gar mancher Sturm verwandelte die gemächlich dahinfließende Havel in eine tosende Flut und bewirkte, dass sich Guthmann bisweilen von seiner Arbeit in der Nationalgalerie beurlauben ließ: »Mochten nun die Stürme die Wasser peitschen, unter unseren alten Bäumen war ich geborgen« 24 , schreibt er und betont dabei einmal mehr den arkadischen Charakter der »inselhaft entrückte[n] Welt Neu-Cladows«25 . Mit Eifer setzte sich Johannes Guthmann dafür ein, das alte Gutshaus nicht abzureißen, wie es der Vater ursprünglich vorhatte, dem ganz im Sinne des Gründerzeitgedankens »antiquierte Kleinbauten wie Cladow als altes Gerümpel«26 galten. Sein Sohn liebte die »edle Wesensart« des frühklassizistischen Hauses, die von der »stillen Harmonik« seiner Formen herrührte. Seit seiner Kindheit begeisterte er sich für die Antike und war ein großer Verehrer Karl Friedrich Schinkels, des »großen Hellenisten Preußens«. 27 Beseelt von antikischem Geist und bestrebt, Altes zu bewahren, suchte Johannes Guthmann seinen Vater mit Engelszungen von der Bedeutsamkeit des, mutmaßlich dem Schinkel-Lehrer David Gilly (1748 –1808) zuzuschreibenden 28 Gebäudes, zu überzeugen. In Kenntnis des vernunft- und praxisorientierten Denkens und Handelns Robert Guthmanns, grenzte es für den Sohn an ein Wunder, dass der »sonst so unpassionierte« 29 Vater dieses Stück Land samt dem halb verfallenen Gutshaus, das in seiner Bescheidenheit dem repräsentativen Heim am Wannsee diametral gegenüberstand, erwarb und wiederbelebte. Johannes Guthmann selbst misst der Anziehungskraft, die der Ort auf ihn ausübte, beinahe mystische Qualität bei, wenn er über die Zeit kurz nach der Jahrhundertwende schreibt: »Wie von geheimnisvollen Kräften fand ich mich nach dem alten Haus an der Havel gezogen, in einem, wie ich zu fühlen glaubte, bedeutungsvollen Augenblicke meines Werdegangs.«30 Dass Neu-Cladow eine derartige Attraktivität auf Johannes Guthmann ausübte, ist dabei einmal der durchaus subjektiven Perspektive des literarisch gebildeten, kunsthistorisch und archäologisch versierten Ästheten geschuldet. Zum anderen jedoch spiegelt seine Sicht auch ein Phänomen der frühen Jahre des 20. Jahrhunderts wider, das die zeitgenössische Großstadtgesell-
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schaft im Allgemeinen betraf. Trug die 1871 frisch gebackene Hauptstadt des Deutschen Reiches noch bis weit in die 1880er-Jahre ein provinzielles Gepräge, so hatte sich Berlin um 1900 als Millionenmetropole in einen brodelnden Schmelztiegel verwandelt, in dem die Unverwechselbarkeit des Einzelnen zunehmend in Frage stand . Hier erkannte Guthmann das Potential Neu-Cladows als Ort der Sammlung. Dessen inselhaft entrückte Lage kam dabei seinem Wunsch nach einer Rückzugsmöglichkeit vom Großstadtgetriebe ebenso entgegen, wie die von der pompösen Gründerzeitarchitektur abweichende, reduzierte Formensprache des klassizistischen Gutshauses seinem ästhetischen Geschmack entsprach. Auch das zeitweilige Vorhaben, nach dem Studium in sein Sehnsuchtsland Italien überzusiedeln, mag die
Gutshaus, Südseite
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Wahl von Neu-Cladow als neuen Lebensmittelpunkt und dessen künftige Gestaltung beeinflusst haben. Der Traum vom eigenen Arkadien an der Havel gewann schon in der ersten Jahreshälfte 1909 an Kontur: »Mein geliebtes, stilles Neu-Cladow wuchs sich während dieser Monate in meinem Denken und Fühlen zu einer Art Gralsburg aus […]. Etwas in seiner Weise Vollendetes wollte ich hinstellen, und ich glaubte, daß dieses Vollendete dann auch werde Wunder wirken können. Wer in dieses Haus eintrat, sollte seines Segens teilhaftig werden. Jeder mochte in Haus und Park und auf dem Wasser treiben, wozu sein Genius ihn lockte, der Genius loci würde sein Plazet dazu geben.«31
31 Ebd., S. 128 . 32 Ebd., S. 123. 33 Ebd., S. 149. 34 Ebd., S. 146 . 35 Jean-Antoine Watteau: Die Einschiffung nach Kythera: Erste Fassung (circa 1710), Öl/ Lwd., 43 x 43 cm, Frankfurt a. Main, Städelsches Kunstinstitut; Zweite Fassung (1717), Öl/Lwd., 129 x 194 cm, Paris, Louvre; Dritte Fassung (1718), Öl/Lwd., 130 x 192 cm,
Berlin, Schloss Charlottenburg.
Im Rennen um die zukünftige Heimat Johannes Guthmanns, der sich zwischen dem Bezug einer toskanischen Villa im Weichbild von Florenz und dem Gutshaus an der Havel zu entscheiden hatte, siegte schließlich NeuCladow. Im Sommer 1909 war es soweit. Nach Jahren der Suche und des Reisens, war sich Johannes Guthmann schließlich mit unverbrüchlicher Gewissheit sicher: »Neu-Cladow und nichts anderes!«32 Am 3. Juli 1910, dem zehnten Jahrestag seines Doktorexamens, zog er auf das Gut an der Havel. 33 Wenn Guthmann jenes Kapitel in seinen Lebenserinnerungen, in dem er die Übersiedlung beschreibt, mit dem Titel »L’Embarquement pour Cythère« 34 versieht, weist dies in die Richtung, in der er seinen Umzug nach Neu-Cladow interpretiert wissen wollte: Es war ihm eine Einschiffung nach Kythera, jener griechischen Insel, vor der Venus aus dem Schaum des Meeres an Land gestiegen sein soll – einem konfliktfreien Reich der Liebe und des süßen Lebens, wie es auch in den drei Gemälden Einschiffung nach Kythera leuchtend am Horizont sichtbar wird, die der Rokokomaler Jean-Antoine Watteau (1684 –1721) zwischen 1710 und 1718 schuf. 35 An Watteaus gemalte fêtes galantes erinnert auch die festliche Atmosphäre in Neu-Cladow, die von Johannes Guthmann durchaus intendiert war und sich in den abendlichen Rencontrées auf der Terrasse oder im Musiksaal entfaltete. Im wahrsten Wortsinne das Fundament für jenes moderne wie mondäne Flair, das in den sommerlichen Zusammenkünften zahlreicher illustrer, nicht selten die Nacht zum Tag machender Gäste seinen sprechendsten Ausdruck fand, war die halbkreisförmige Veranda mit ihrer auf
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einem Säulenhalbrund ruhenden Terrasse an der Ostfassade des Herrenhauses, von der sich ein grandioser Havelweitblick erschließt. Guthmanns poetische Beschreibung der legendären Neu-Cladower Abendgesellschaften macht uns deren märchenhafte Stimmung noch heute erfahrbar: »Diese Abende auf der Terrasse, die sich im Glanze der Sommernacht wunderbar ins Ungemessene dehnten, waren von einer ungekünstelten Poesie. Die Bäume des alten Parks standen still, wie verzaubert, als lauschten sie auf Wort und Ton vom Hause her. Die Vögel waren längst im Nest. Nichts regte sich; spät drang vom Wasser herauf, die Schilfwaldungen an den Ufern der Havel entlang, ein Chor, vielmehr ein wunderlicher Choral, gesungen von ungezählten Fröschen. Die Stimmgewalt der Sängerschaft schwoll an, schwoll ab, brandete die weiten Wasserflächen hinan, hinunter, von eigenen Gesetzen bestimmt, und verstummte plötzlich in einer langausgehaltenen Pause ganz und gar. Aber dann tönte sie unerschöpft in sich abermals fort, diese märkische Wald- und Seensymphonie. Dem Vibrato der helleren Stimmen gesellten sich da und dort die Rufe der Unken, warnende, gleichsam Unheil verkündende, aus chthonischen Tiefen, bis am Ende sich alles in der irrealen Szenerie dieser phantastischen Wirklichkeit verlor.« 36
Wenn sich in Guthmanns Sprache Wirklichkeit und Poesie durchdringen, so kommen seine autobiografischen Aufzeichnungen hier ganz unmittelbar mit dem romantischen Grundton seiner fiktiven Schriften in Berührung. »Ich schrieb Märchen und märchenhafte Erzählungen, von denen ich einige 1907 bei Schmitz und Albertz, Düsseldorf, unter dem Titel ›Das goldene Land‹ erschienen liess«37, heißt es in seinem handschriftlich verfassten Lebenslauf und es nimmt nicht wunder, dass die meisten seiner neuromantischen Prosatexte in den glücklichen Neu-Cladower Jahren vor dem Ersten Weltkrieg entstanden sind38 . Indem Johannes Guthmann das zweite Kapitel seiner Lebenserinnerungen, in denen er der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg gedenkt, mit dem Ausruf »Du bist Orplid, mein Land!«39 eröffnet, setzt er Neu-Cladow mit jenem Phantasieort des romantischen Dichters Eduard Mörike gleich, an dem die suchende Seele zur Ruhe kommt. Ersonnen als poetischer Traum von einer mythischen Insel der Seligen in Tübinger Studientagen, band Mörike den Orplid-Mythos in seine 1830 vollendete und 1832 publizierte Künstlerno-
36 Guthmann 1955, S. 190 . 37 Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer
Kulturbesitz, Nachlass Brümmer, Biographien 2 . Reihe. 38 Vgl. Johannes Guthmann: Das goldene
Land: Erzählungen und Märchen, Düsseldorf (Schmitz & Olbertz) 1907; Johannes Guthmann: Romantische Novellen, Berlin (Cassirer) 1911; Johannes Guthmann: Das Lied des Faunen, Berlin (Reiß) 1914 ; Johannes Guthmann: Die Pfeile Amors und andere Novellen, Berlin (Reiß) 1914. Einzelne Erzählungen erschienen auch in der Wochenschrift Pan. So Die grosse Liebe (Erzählung), in: Pan, H. 3, 1912/13, S. 160 –168 ; Der Schöpfer und seine Kreaturen (Legende), in: Pan, H. 2 , 1911/12 , S. 507 – 508 . 39 Guthmann 1955, S. 111.
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velle Maler Nolten ein, in der von dem Fund eines »außerhalb der bekannten Welt gelegenen Boden[s], eine[r] abgeschlossene[n] Insel« die Rede ist: »Die Insel hieß Orplid« 40 . Der Schutzgöttin jener mythischen Insel legt Mörike 1831 in seinem Gedicht Gesang Weylas die Worte in den Mund: »Du bist Orplid, mein Land! Das ferne leuchtet; Vom Meere dampfet dein besonnter Strand Den Nebel, so der Götter Wange feuchtet. Uralte Wasser steigen Verjüngt um deine Hüften, Kind! Vor deiner Gottheit beugen Sich Könige, die deine Wärter sind.«41
Sicherlich hat nicht zuletzt auch die 1888 entstandene Vertonung des Gesangs der Weyla durch Hugo Wolf, Johannes Guthmann dazu inspiriert, Neu-Cladow mit dem von Mörike beschworenen, mythischen Inselreich gleichzusetzen. Die Liebe zur Musik, die ihm bereits von frühen Kindesbeinen an durch die Mutter vermittelt worden war, erhielt durch den Musiksaal des Gutshauses einen adäquaten Rahmen. Dass dieser in seiner ursprünglichen Form weitestgehend erhalten ist, lädt noch heute dazu ein, uns jener musikerfüllten Abende zu erinnern, an denen der berühmte Pianist und letzte Schüler von Franz Liszt, Conrad Ansorge (1862 –1930), Guthmanns Blüthner-Flügel zum Klingen brachte: »Niemand regte sich, das ganze Haus war erfüllt von magischer Resonanz, und wie auf Geisterfittigen schwang sich Musik empor, hinaus, sich fernhin zu verlieren in der ›ambrosischen Nacht‹. Wer sich etwa zu dieser Stunde auf der nächtlichen Havel an dem Hause vorübergleiten ließ, der mochte glauben, am Strande der Sirenen vorüberzufahren.«42
40 Mörike 1996 , S. 104. 41 Mörike 1993, S. 73. 42 Guthmann 1955, S. 153.
Noch Jahrzehnte später erinnert sich Johannes Guthmann an die »geheimnisvolle Kraft«, die sich von seinem Blüthner-Flügel, »wenn ihn Ansorge zu nächtlicher Stunde berührte, dem gesamten ›Neu-Cladow‹ mitzuteilen schien. Das Mauerwerk des alten Hauses war von der Fülle und Wärme sei-
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nes Tons wie mit Melodie durchtränkt, als ob die Steine selber sängen oder draußen vor den offenen Fenstern die Säulen der Terrasse und die dunklen Bäume.« 43 Unbeschwert waren jene Jahre vor dem ersten Weltkrieg, in denen NeuCladow zu einem locus amoenus44 , einem gleichsam paradiesischen Ort für großstadtmüde Künstler und Intellektuelle wurde. So schreibt der Kunsthistoriker und Schinkel-Forscher Johannes Sievers (1880 –1969) in seinen Lebenserinnerungen: »In dem von ihm [Guthmann] geschaffenen Rahmen entwickelte sich ein zwangloser Verkehr von Menschen, die ihr Leben der Wissenschaft, der bildenden oder der darstellenden Kunst, der Musik oder der Literatur gewidmet hatten – sie alle genossen die Schönheit der Landschaft, des Hauses und der großzügigen Gastfreundschaft des Hausherrn. Das Gefühl, fernab von der Unruhe der Großstadt auf einer ›glücklichen Insel‹ zu verweilen, verstärkte sich für die über das Wochenende oder gar für länger Eingeladenen […].«45
Der Erste Weltkrieg bereitete dem sorglosen Neu-Cladower Dasein jedoch ein jähes Ende. In einem Brief an den Maler Max Slevogt vom 12 . März 1918 gibt Johannes Guthmann, der während des Krieges in Berlin lebte, zu erkennen, wie sehr ihm die geistvolle Atmosphäre Neu-Cladows während der Kriegsjahre fehlte, um tatkräftig und kreativ sein zu können: »Es ist […] ein gewisses inneres Verkümmern, ein seelisches Schwinden, an dem ich bei der Dauer dieses Kriegszustands laborire. Heraus- und fortgerissen von allem und allen, daran ich hänge und in dem ich bisher mein Leben sah, wird mir dieses Leben allmählich recht schwer, manchmal auch gleichgültig. Äussere Anregungen durch Menschen oder Kunst (die Musik ausgenommen) haben ganz aufgehört; aus dem Inneren heraus schaffen und leben aber kann ich nicht, weil mich, wie Sie ja wissen, die Ereignisse der Zeit viel zu tief und leidenschaftlich bewegen und in Anspruch nehmen. […] So geht mein Sehnen und Hoffen denn auf die Friedenszeit, wo ich endlich wieder in freier Natur leben werde und in Gedanken, die meine sind. Dann wird auch wohl das versiegte Brünnlein der Schaffenslust wieder anfangen zu sprudeln. – Pazienza!«46
43 Ebd., S. 171. 44 Joachim Zimmermann (1875 –1953),
der Lebensgefährte Johannes Guthmanns, nannte Neu-Cladow in einem unveröffentlicht gebliebenen Roman »Schönbusch«. Der Name blieb dem Ort in den Gesprächen der Freunde erhalten [vgl. Guthmann 1955, S. 246]. 45 Sievers 1966 , S. 219. 46 Landesbibliothekszentrum RheinlandPfalz, Pfälzische Landesbibliothek Speyer, Nachlass Max Slevogt, N 100, Brief Johannes Guthmann an Max Slevogt vom 12 .3.1918 .
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Und im April 1919 war es endlich soweit: Zusammen mit seinem Lebensgefährten Joachim Zimmermann (1875 –1953)47 kehrte Johannes Guthmann nach Neu-Cladow zurück: »Wir zogen hinaus nach Neu-Cladow. […] Es war April. Der Zentralheizung fehlte der Koks. Das Haus, durchwintert, umarmte einen gleichsam noch mit kalten Umschlägen. Aber da lagen die großen Kiefernkloben, die in Schultze-Naumburgs weitausladendem Kamin verprasseln konnten und alt-neue Märchen lebendig werden ließen. Man war in Neu-Cladow!«48
Zum Einzug wünschte Max Slevogt (1868 –1932) Glück: »Alles Gute und Schöne Neu-Cladow mit seinem Herrn und seinen Freunden. Also endlich nach 5 Jahren beherbergt Cladow seinen Herrn wieder und der Mai macht dazu sein schönstes und heiterstes Gesicht! Wollen wir es alle als gutes Zeichen nehmen!«49 Und Slevogt versah die Glückwünsche auf seiner Postkarte vom 21. Mai 1919 mit einer eigenhändig gezeichneten Flora, die aus einem Füllhorn Blüten über dem Schriftzug »Neu Cladow« ausgießt.
47 Hermann Joachim Zimmermann wurde am 10 . Dezember 1875 in Berlin geboren und starb am 21. Januar 1953 in Ebenhausen-
Zell (Gemeinde Schäftlarn, Oberbayern). Zu Zimmermann vgl. Ausst.-Kat. Dresden/ Düsseldorf 2014, S. 58 f. 48 Guthmann 1955, S. 308 f. 49 Imiela 1960, S. 26 ; Wirth 1986 , S. 204.
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Vom Sein und Werden eines Paradieses Die Geschichte von Gutshaus und Park Neu-Cladow
»Im Potsdamer Havelgebiet liegt an der landschaftlich schönsten Stelle des Flusses Neu-Cladow, dort wo sich nach Süden der Wannsee öffnet und die Pfaueninsel stromabwärts den Blick begrenzt«1 , schreibt der Kunsthistoriker Johannes Sievers 1912 in der Zeitschrift Kunst und Künstler. Er beschwört damit einen landschaftlichen Zauber, der noch hundert Jahre später ungebrochen ist. So bekundet Matthias Barth 2009 in seinem Buch über Herrenhäuser und Landsitze in Brandenburg und Berlin: »Dem kleinen Herrenhaus im äußersten Südwesten Berlins gebührt zweifellos die Krone des landschaftlich am attraktivsten gelegenen Anwesens unter den hier vorgestellten« 2 . Die Begeisterung, der beide Autoren über Neu-Cladow Ausdruck verleihen, ist im Hinblick auf das in seiner hügeligen Formation einzigartige landschaftliche Terrain, mit den weiten Ausblicken auf die wasserreiche Havellandschaft nur allzu verständlich. Naheliegend erscheint die Assoziation an Arkadien, erschließt man sich spazierend den alten Park und blickt durch die Fenster des Herrenhauses auf das glitzernde Blau der Havel hinüber nach Schwanenwerder oder in das satte Grün der dichten Vegetation des Gutsparks. Fleder mausgauben und Segmentbogengiebel verleihen dem klassizistischen Gutshaus zusammen mit dem mediterran warmen Gelbton seiner Fassade eine einladende, freundliche Atmosphäre, die unterstrichen wird durch die Freitreppen, die das Haus an drei Seiten durch ihre geschwungene Form auf die eleganteste Weise mit dem Park verbinden. Auch wenn Haus und Park in ihrer über zweihundertjährigen Geschichte Blessuren davon getragen haben, so hat Neu-Cladow in seinem Kern doch allen widrigen Zeitläufen getrotzt und fasziniert gerade aufgrund seiner wechselvollen Geschichte.
1 Sievers 1912 , S. 499. 2 Barth 2009, S. 38 .
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Havelweitblick am Tage
3 Vgl. Jahn 1971, S. 273. 4 Vgl. Semmer/Bollé/Güldner 1987, S. 8 . 5 Über das Aussehen des früheren Baus existieren keine Anhaltspunkte [vgl. Jahn 1971, S. 273 ; Semmer/Bollé/Güldner 1987, S. 8].
Diese beginnt im 14. Jahrhundert. Als Teil der erstmals 1267 erwähnten slawischen Siedlung Kladow, befand sich das Gut im 14. Jahrhundert im Besitz des Spandauer Benediktinerinnenklosters, bevor es im Zuge der Reformation in den Besitz der brandenburgischen Kurfürsten gelangte. Diese vergaben es als Erblehen, sodass es am Ende des 17. Jahrhunderts dem Alchemisten und Glasmacher Johannes Kunckel (um 1630 –1703) gehörte. 3 1799 überantwortete König Friedrich Wilhelm III . (1770 –1840) seinem Kabinettsrat Anastasius Ludwig Mencken (1752 –1801) das Rittergut Neu-Cladow in Erbpacht4 . Dieser ließ sich, ein bereits im 17. Jahrhundert bestehendes Gebäude wieder aufbauend 5 , ein Gutshaus errichten, dessen Entstehungszeit die Bleistiftnotiz eines Zimmerergesellen auf einem Brett-
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stückchen belegt, das während der umfangreichen Umbaumaßnahmen des Hauses 1909 bis 1912 unter der Bodendielung aufgefunden wurde. Sie lautete:
Havelweitblick am Abend
»Wilhelm Schar Zimmergesell aus Potsdam, Carl Schönemann Gesell allhier, Gözner aus Nowawes, Gesell, Nagelzaun ein Dressner fremder Zimmergsell und der Lehrbursch Müller vor die Lange Brücke, haben 4 Wochen das Holz zugericht und den Boden gelegt anno 1800 im Monath August. Schönemann wird sterben und das Haus wird bleiben – ajde lebt wohl«6 . 6 Sievers 1912 , S. 500 ; vgl. Guthmann 1955, S. 124.
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So sicher sich der Zimmerergeselle auch im Hinblick auf die Zukunft des Herrenhauses ist, so unangefochten blieben seine Geschicke bei weitem nicht wie wir im Folgenden sehen werden. Über die Datierung hinaus hat uns der philosophierende Geselle leider keine Auskunft über den Baumeister des Hauses hinterlassen. Quellenkundliche Belege für den Architekten des Gutshauses sind bis heute nicht aufgefunden worden.7 Von einer Autorschaft des Schinkel-Lehrers David Gilly (1748 –1808), der mit Mencken befreundet und seit 1788 Oberbaurat in Berlin war, sprechen die Kunsthistoriker Johannes Sievers und Johannes Guthmann. Während Sievers David Gilly als Urheber lediglich für »möglich« 8 hält, nimmt Guthmann die Autorschaft David Gillys als gesichert an9 . Beide ziehen dabei den von Gilly 1796/1797 für Friedrich Wilhelm III . erbauten Land- und Sommersitz Paretz als stilistisches Vergleichsbeispiel heran10 . Hier findet man jene schlichte, für den Gilly’schen Klassizismus typische und von Friedrich Wilhelm III . bevorzugte Formensprache. Dieser, so schreibt Johannes Guthmann, hatte »bei seinem Regierungsantritt einen Schlußstrich unter die höfischen Allüren des abgelaufenen Jahrhunderts gezogen. Den glanzvollen Schlössern Berlins, Charlottenburgs, Potsdams mochte die Repräsentation bleiben, das Herz des jungen Herrscherpaars jedoch gehörte der ländlichen Stille des hinter seinem dichten Schilfgürtel verborgenen Kaninchenwerders, der sich unter so liebevoller Obhut bald in die Pfaueninsel wandeln sollte […].«11
Hatte Friedrich Wilhelm III . seinen Kabinettsrat im November 1797 unmittelbar nach seiner Inthronisierung in seine Dienste gestellt, so überliefert uns Guthmann die unvoreingenommene königliche Unterstützung von dessen Bauvorhaben und betont dabei die Nähe zur benachbarten Pfaueninsel: »Den Vertrauten seiner Regierung auch in seiner Villegiatur in nächster Nähe zu wissen, ließ den jungen König den Baueifer Menckens in jeder Weise unterstützen, als dessen Blicke auf das benachbarte Lehnschulzengut Neu-Cladow gefallen waren, so nah benachbart, daß man das Schreien der Vögel der Juno bei der Wetteränderung von dem Eiland herüber in Neu-Cladow vernimmt.«12
7 Vgl. Semmer/Bollé/Güldner 1987, S. 15. 8 Sievers 1912 , S. 501. 9 Vgl. Guthmann 1955, S. 124. 10 Vgl. Sievers 1912 , S. 501; Guthmann 1955, S. 123 ; Semmer/Bollé/Güldner 1987, S. 15. 11 Guthmann 1955, S. 123. 12 Ebd., S. 123 f.
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Die Liebe Friedrich Wilhelms III . galt aber nicht nur seiner von ihm und seiner Gemahlin zuweilen für Sommeraufenthalte genutzten Pfaueninsel, sondern auch dem eigens für ihn und Königin Luise als Sommerresidenz erbauten Schloss Paretz. Auch Paretz zeichnet sich durch einen auf seine Funktion abgestimmten, symmetrischen Baukörper mit einer glatten, rhythmisierten und sparsam ornamentierten Fassade aus. Dabei weist insbesondere der Gasthof mit seinen als Risalite gestalteten drei Mittelachsen eine ähnliche Fassadengliederung auf wie das Neu-Cladower Herrenhaus. Auch dessen Gebäudeachsen werden durch vorspringende Risalite betont. Zu einem unmittelbaren Vergleich mit Paretz laden darüber hinaus auch die Blendfelder und Fledermausgauben sowie die einfachen eingeschnittenen Fenster ein.13 In seiner äußeren Erscheinung ist das Neu-Cladower Gutshaus ein eingeschossiger, neunachsiger Putzbau unter einem steilen, ausgebauten Satteldach, das an der Nord- und Südseite von Segmentbogengiebeln abgeschlossen wird. Wenngleich sich für die Gesamtanlage keine direkten Vorbilder benennen lassen und sich allein für den für Neu-Cladow charakteristischen Segmentgiebel kein vergleichbares Beispiel finden lässt, sind einzelne architektonische Elemente wie der längsrechteckige Grundriss und die betonte Mittelachse mit dem als Wohndiele und Treppenhaus fungierenden, recht breiten Eingangsraum typisch für die Bauweise um 180014 . Insgesamt weist die Längsachse des Herrenhauses in nord-südlicher Ausrichtung in den weiten Raum des Großen Wannsees. Die östliche Breitseite des Gutshauses mit seinen Haupträumen ist auf das Ufer der Havel ausgerichtet15 . Wie der Garten in der Ära Mencken ausgesehen hat, ist dabei nicht überliefert. Von alter Zeit kündeten bei Johannes Guthmanns erstem Besuch in NeuCladow »die noch immer respektablen Reste einer einmal großartig gedachten Pappelallee«, die »schnurstracks auf das versteckte Anwesen zielten«16 . Offenbar hat Guthmann eine Rehabilitierung dieser »großartig gedachten« Allee beabsichtigt und dabei seine persönlichen Vorlieben contra den offiziellen Zeitgeschmack verteidigt. So seien, wie Guthmann sich 1955 erinnert, die in Neu-Cladow heimischen »letzten alten Pyramidenpappeln aus den Zeiten Napoleons« um 1910 13 Vgl. Semmer/Bollé/Güldner 1987, S. 17. 14 Vgl. ebd., S. 17 ff. 15 Vgl. ebd., S. 7. 16 Guthmann 1955, S. 113.
»so aus der Mode gekommen, daß das Beschaffen junger Stämmchen nahezu eine Unmöglichkeit war, was man jedoch nicht kulturgeschichtlich, vielmehr
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quacksalbernd biologisch erklärte: sämtliche Pyramidenpappeln Norddeutschlands sollten von ein und derselben Mutterpflanze im alten, berühmten Park von Wörlitz abstammen, die nun im Absterben alle ihre Nachkommen in Verwesung und Vergessenheit mit sich zöge. Mein damals allgemein bekrittelter Entschluß, die alte Allee zu neuen Ehren zu erwecken, hat inzwischen im Zeichen einer abermaligen Pappelmode längst sein anspruchsvoll Befremdendes verloren.«17
Gutspark, Platanenallee
17 Ebd., S. 141. 18 Vgl. Krosigk 2012 , S. 134. 19 Guthmann 1955, S. 141. 20 Vgl. Semmer/Bollé/Güldner 1987, S. 8 ; Krosigk 2012 , S. 134. 21 Vgl. Sievers 1966 , S. 219. 22 Vgl. Krosigk 2012 , S. 134 f. 23 Vgl. Guthmann 1955, S. 125. 24 Vgl. Semmer/Bollé/Güldner 1987, S. 9.
Inwieweit Guthmanns Bestrebungen in die Tat umgesetzt wurden wissen wir nicht, in späterer Zeit ist die einstige Pappelallee einer Platanenallee gewichen. Jedoch sind jahrhundertealte wertvolle Alteichen erhalten geblieben. Ob diese als Teil einer ersten zu vermutenden Parkinszenierung betrachtet werden können, gilt jedoch als nicht gesichert.18 Ebenso wenig weiß man, seit wann der Flieder in Neu-Cladow blüht, dessen sich Johannes Guthmann noch am Ende seines Lebens erinnert: »Träume ich mich in das Neu-Cladow meiner Kindheit zurück, so scheint es mir, als habe der Park lediglich aus Fliederbosketts bestanden. Den Park, in der Tat, man sah ihn nicht vor Bäumen.«19 Ob Mencken sein neu erbautes Domizil überhaupt bewohnte ist ebenfalls unklar. Nach seinem Tod 1801 lebten seine Witwe und seine Tochter Luise Wilhelmine (1789 –1839) bis 1806 hier. Nachdem die Familie das Gut 1805 als Eigentum erworben hatte20 , heiratete Luise Wilhelmine Mencken 1806 in der Potsdamer Garnisonkirche Ferdinand von Bismarck, dem sie 1815 einen Sohn gebar: den späteren Reichskanzler Otto von Bismarck (1815 –1898) 21 . Nachdem spätestens seit Ausbruch der napoleonischen Kriege 1806 nicht mehr in das Anwesen investiert worden war22 , wurde das Gut 1815 von der Familie verkauft. Die Familie siedelte nach Pommern über und das Gut wechselte in der Folgezeit, bis es 1887 in die Hand von Robert Guthmann gelangte, 17-mal den Besitzer23 . Erst 1887 trat mit dem wohlsituierten und umtriebigen Fabrikanten und Bauunternehmer Robert Guthmann ein Hausherr auf den Plan, der nicht nur über die finanziellen Möglichkeiten verfügte, in Neu-Cladow etwas zu bewegen, sondern der auch die Kraft und den festen Willen dazu besaß. Als Begründer der »Rüdersdorfer Zementindustrie« hatte sich Robert Guthmann in der prosperierenden Bauindustrie profitabel positioniert und beteiligte sich am blühenden Geschäft der Grundstücksspekulation 24 . Dass das neu erworbene Anwesen der Familie zunächst als sonntägliches Ausflugsziel und Ort für
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ausgelassene Feiern diente, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Robert Guthmann für das Terrain weitaus zukunftsträchtigere Pläne hatte: »Bauen an der bevorzugten Stelle wollte auch er, und, wie sichs herausstellte, sehr großartig«25 , heißt es in den Memoiren seines Sohnes. Bis weit nach 1900 waren Robert Guthmanns Pläne darauf ausgerichtet, das Grundstück zu parzellieren und auf ihm eine moderne Landhauskolonie zu errichten: Zu dem kleineren Neu-Cladow mit seinem über 90 Morgen großen Park hatte Robert Guthmann auch das Gut Gatow hinzuerworben, sodass er etwa 2500 Morgen Land mit einer Havelfront von fünf Kilometern gegenüber dem Grunewald und seiner eigenen Wannseevilla sein Eigen nennen konnte 26 . Bedenkt man, dass im späten 19. Jahrhundert ein Morgen einem Viertelhektar, also 2500 Quadratmetern entsprach, so führt einem dies das mächtige Ausmaß des Guthmann’schen Grundbesitzes vor Augen. Im Zuge des Parzellierungsvorhabens, im Rahmen dessen den modernen Bedürfnissen entsprechende Flussufer-Grundstücke entstehen sollten, ließ Robert Guthmann das Havelufer erhöhen, sodass mit der heutigen Imchenallee eine Uferstraße angelegt werden konnte. Weitere Wege entstanden zwischen 1894 und 1900 und schließlich wurde das Havelufer bis zum Breiten Horn durch Aufschüttungen reguliert 27. Was das Herrenhaus betraf, so schien Robert Guthmann bereits beim ersten Besuch der Familie in Neu-Cladow konkrete Pläne für dessen Zukunft zu haben: »Als wir durch das verstaubte schummerige Herrenhaus schritten und eine Flucht imponierender Räumlichkeiten zum Vorschein kam, da wußte ich nicht, ob mein Vater, zu der Mutter gewandt, es ernst meinte: ›Das Ganze natürlich nur zum Abreißen!‹«28
25 Guthmann 1955, S. 125. 26 Vgl. ebd., S. 125 f. u. 140 ; Semmer/Bollé/ Güldner 1987, S. 9. 27 Vgl. Semmer/Bollé/Güldner 1987, S. 9. 28 Guthmann 1955, S. 113. 29 Curt von Morgen wurde am 1. November 1858 geboren und starb am 15. Februar 1928 . 30 Guthmann 1955, S. 115.
Es waren jedoch weniger bauspekulative Erwägungen, die Robert Guthmann zunächst davon abhielten, das alte Haus abzureißen. Vielmehr erhielten sehr persönliche Überlegungen das Gutshaus am Leben. Johannes Guthmann zufolge wollte sein Vater seine, seit 1892 frisch mit dem in Kolonialdiensten stehenden preußischen Offizier und Forschungsreisenden Curt von Morgen (1858 –1928) 29 verlobte, Tochter Else »ans Vaterhaus fesseln«30 . Neben der Berliner Stadtwohnung, die er dem jung verheirateten Paar zur Verfügung stellte, bot der Vater seiner Tochter für den Sommer auch Neu-Cladow an:
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