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Meinen Eltern


Alexander W. Hoerkens

Unter Nazis? Die NS-Ideologie in den abgehÜrten Gesprächen deutscher Kriegsgefangener von 1939 bis 1945


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2014 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Johanna Munzinger, Berlin Umschlaggestaltung: typegerecht, Berlin (Foto: Bundesarchiv, Bild 101I-104-1095-17, Rudolf Kessler) Satz: Da-TeX Gerd Blumenstein, Leipzig Schrift: Linux Libertine, 10,5/12pt Gedruckt in Deutschland. ISBN 978-3-95410-040-8

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Inhalt Einführung Warum wieder »Wehrmacht«? Zu den Quellen Vorgehensweise

7 7 9 16

Methodik zur Quellenauswertung

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Der Forschungsstand zu »Wehrmacht und NS-Regime« Die Reichswehr zu Beginn der NS-Herrschaft Verflechtung der Wehrmacht mit dem NS-Regime im Krieg Die einfachen Soldaten Zwischenergebnis aus dem Forschungsstand

25 25 32 42 59

Auswertung des Quellenmaterials »S.R.X.« (Gemischt) Das NS-Herrschaftssystem – Ablehnung der Partei Der »Führer« – »doch irgendwie Respekt« Der NS-Rassismus – Unterschätzung der Russen Der NS-Antikommunismus – »das ist die falsche Einstellung« Der Krieg – kein Kampf für den Nationalsozialismus Untersuchungsergebnis des Bestandes »S. R. X.«

61 61 68 76 87 94 105

Auswertung des Quellenmaterials »S.R.M.« (Heer) Das NS-Herrschaftssystem – »eine gemeine Verbrecherklasse« Der »Führer« – ein Kriegstreiber Der NS-Rassismus – Mord an Juden Der NS-Antikommunismus – »es war unlogisch« Der Krieg – Zugrunderichtung des Volkes Untersuchungsergebnis des Bestandes »S. R. M.«

113 113 125 137 151 158 170

Auswertung des Quellenmaterials »S.R.A.« (Luftwaffe) Das NS-Herrschaftssystem – »verkauft und verraten« Der »Führer« – »stürzte sein Volk in den Abgrund« Der NS-Rassismus – »wir hätten die Juden später ermorden sollen« Der NS-Antikommunismus – »wäre unser Untergang« Der Krieg – Glaube an die Wehrmacht Untersuchungsergebnis des Bestandes »S. R. A.«

178 178 189 201 218 227 240

Auswertung des Quellenmaterials »S.R.N.« (Marine) Das NS-Herrschaftssystem – Ablehnung der Partei Der »Führer« – »sehr für Hitler eingestellt« Der NS-Rassismus – Hass auf Juden Der NS-Antikommunismus – »nicht auf halbem Weg stehen bleiben«

248 248 259 267 280


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Der Krieg – Fehler von 1918 nicht wiederholen Untersuchungsergebnis des Bestandes »S. R. N.«

288 298

Schlussbetrachtung Ergebnisse Vergleich mit der bisherigen (Feldpost-)Forschung Verbindung zur Mentalitätsforschung

307 307 328 334

Anhang Quellen Literatur Übersicht der enthaltenen Abbildungen Danksagung Der Autor

338 338 363 370 372 373


Einführung »It is a capital mistake to theorize before one has data. Insensibly one begins to twist facts to suit theories, instead of theories to suit facts.«1

Warum wieder »Wehrmacht«? Warum lässt uns die Wehrmacht2 auch fast 70 Jahre nach Kriegsende nicht los? Gerade für die Deutschen erscheint das Thema als nach wie vor präsent, fast allgegenwärtig. Ob im Rahmen öffentlicher Diskurse, durch die mediale Themensetzung oder durch persönliche Erlebnisse und Gespräche mit der älteren Zeitzeugengeneration – das Interesse ist ungebrochen. Im Grunde kann es nicht verwundern, wird doch der Kontext des Zweiten Weltkrieges als eine der eindrücklichsten und nachhaltigsten historischen Rahmenhandlungen und Zäsuren der modernen Zeit wahrgenommen. Es sind dabei durchaus Veränderungen im Urteil über »die Wehrmacht« festzustellen. Dieses entwickelte sich dynamisch, was sich zum Teil auch durch die Wechselwirkung mit der fortdauernden Beschäftigung mit dem Thema erklärt. Dabei existierten und existieren mitunter lange Zeit unterschiedliche Vorstellungen vom Bild der Wehrmacht als Ganzem, die sich widersprachen, einander ablösten, wiederauflebten oder erhalten blieben. Hier wäre an erster Stelle der Mythos3 von der »sauberen Wehrmacht« zu nennen. Streit und die Infragestellung eines Mythos’ sind dabei aber nicht notwendigerweise ein Anzeichen für dessen Schwäche. Wichtiger ist die Intensität, mit der der Streit geführt wird. Sie weist auf die gesellschaftliche oder politische Bedeutung der Sache hin. Unmittelbar nach dem Krieg konkurrierte das Interesse an der traumatischen Vergangenheit noch mit lebenspraktischen Erfordernissen, war aber dennoch vorhanden.4 Vom folgenden Jahrzehnt an tendierte die Öffentlichkeit – im Unterschied zur Wissenschaft – in Bezug auf das Thema »Wehrmacht« zunächst zu einer weitgehenden Ausblendung ihrer problematischen Seiten.5 Dank des Attentats vom 20. Juli 1944 bot die Wehrmacht in den 1950er-Jahren auch die Möglichkeit, sich dem Widerstand verbunden zu sehen und diente zur Identifikation mit der neuen Bundesrepublik.6 Ehemalige Wehrmachtsgeneräle übten nach dem Krieg – aufgrund unterschiedlicher Motive – selbst durch Publikationen Einfluss auf die öffentliche Meinung aus, die davon nicht unbeeindruckt blieb.7 In der Zeit Adenauers, die sich durch 1

 Sherlock Holmes; zitiert nach Doyle: The Adventures of Sherlock Holmes, S. 163.  Der Begriff »Wehrmacht« kann hier sowohl für die offiziell ab 1935 so benannten, als auch für die von 1921 bis 1935 als »Reichswehr« bzw. »Reichsmarine« bezeichneten deutschen Streitkräfte verwendet werden. Um die zeitliche Verortung zu betonen, wird mitunter auch der Begriff »Reichswehr« gezielt verwendet. 3  Der Begriff des Mythos bezeichnet in diesem Zusammenhang eine Ereignisdarstellung, die Gültigkeit beansprucht. Der Kern der Darstellung bleibt dabei meist bestehen, während es an den Rändern zu Abwandlungen kommen kann. Damit unterscheidet sich diese Begriffsbedeutung von früheren. 4  Vgl. Danyel: Die Erinnerung an die Wehrmacht, S. 1140f. 5  Vgl. Frei: 1945 und wir, S. 34. 6  Vgl. Reichel: Vergangenheitsbewältigung in Deutschland, S. 202f. 7  Vgl. Danyel: Die Erinnerung an die Wehrmacht, S. 1141. 2

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einen gewissen politischen Pragmatismus auszeichnete,8 diente der 20. Juli 1944 auch zur Legitimierung des Wiederaufbaus einer deutschen Armee und zur Beschwichtigung ihrer Kritiker.9 Später kam es zu Infragestellungen dieses Bildes. Zu nennen sind hier einmal der »Historikerstreit«10 der 1980er-Jahre um die Singularität der NS-Verbrechen sowie die kontrovers diskutierte Ausstellung »Verbrechen der Wehrmacht«11. Das Thema »Wehrmacht« hat seitdem nichts von seiner Bedeutung eingebüßt, vielleicht gerade aufgrund des über Jahrzehnte zyklisch wechselnden Bildes. Hinzu kommt, dass gerade für die Deutschen, von denen bis zu 17 Millionen Mann die Wehrmacht durchliefen, eine mittelbare oder unmittelbare Betroffenheit praktisch in jeder Familie angenommen werden kann. »Deutschland ohne Nationalsozialismus« kann sich ein im britischen Kriegsgefangenenlager abgehörter Marinesoldat im Februar 1944 »gar nicht vorstellen.« Er hält ihn für die »idealste Staatsform, die es gibt.«12 Eindrücke wie diese – nur ein Jahr vor Kriegsende – machen deutlich, wie erstaunlich und für den heutigen Betrachter fremdartig Einschätzungen von Zeitgenossen des Zweiten Weltkriegs ausfallen konnten. Erstaunlich vor allem deshalb, weil wir im Gegensatz zu den oftmals jungen Soldaten des Krieges Kenntnis vom Ende des Krieges und der NS-Herrschaft haben und  – wie selbstverständlich  – in einem vollkommen anderen Deutschland leben. Dieses Buch befasst sich nun mit der Frage nach der ideologischen Einstellung der Wehrmachtsangehörigen im NS-Deutschland. Die zentrale Fragestellung lautet: Wie nationalsozialistisch war die Wehrmacht?13 Oder anders formuliert: Welche Bedeutung kam der NS-Ideologie im Denken der Soldaten zu, das sie in ihren Gesprächen zu erkennen gaben, und wie standen sie zu ihr? Nicht nur für die Erklärung von Handlungsweisen der Militärangehörigen – wie Kriegsverbrechen – ist die Beantwortung der genannten Frage relevant. In Anlehnung an die Formulierung von der Wehrmacht als dem »Abbild der Gesellschaft«14 erlangt sie aufgrund der gewaltigen Größe dieser Streitmacht, die ein erheblicher Teil der damaligen männlichen deutschen Bevölkerung durchlief, letztlich auch Bedeutung für die Auslotung des Verhältnisses von NSIdeologie und -Regime einerseits und der deutschen Gesellschaft andererseits. Es handelt sich hier um keine neue wissenschaftliche Fragestellung, sie verweist im Gegenteil auf ein bereits intensiv erforschtes Themenfeld. Die Frage nach dem NSideologischen Charakter der Wehrmacht durchzog als einer der zentralen Kernpunkte die Wehrmachtdebatte. Diese Arbeit kann gegenüber früheren Untersuchungen aber auf Quellen zurückgreifen, deren Umfang und Qualität einen bislang nicht möglichen Einblick in die Denk- und Einstellungsmuster deutscher Soldaten und damit deren empirisch begründete Analyse bieten. Diese Arbeit ist eine Zusammenführung von bisherigen Forschungsergebnissen und neuen Quellen, die mittels empirischer Datenaufbereitung ausgewertet und mit Methoden der Sozialpsychologie qualitativ 8

 Vgl. Danyel: Die Erinnerung an die Wehrmacht, S. 1143.  Vgl. Steinbach: Zur Mythologie der Nachkriegszeit, S. 47. 10  Frei: 1945 und wir, S. 54. 11  Vgl. Steinbach: Zur Mythologie der Nachkriegszeit, S. 49. 12  S. R. N. 2889, 5.2.1944, TNA, WO 208/4149. Aussage eines Marinegefreiten. 13  Die Wehrmacht als Ganzes stellt kein homogenes Gebilde dar und ist schon aufgrund ihrer Größe schwer zu fassen, daher ist der Begriff von den ihr angehörenden Soldaten als Annäherung zu verstehen. 14  Graml: Die Wehrmacht im Dritten Reich, S. 370. 9

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analysiert werden. Die vorgestellte Fragestellung in Verbindung mit den ausgewerteten Quellenbeständen zeigt ihre Relevanz neben dem Umfang des Materials auch in den möglichen Erkenntnissen zur Dynamik und den Mechanismen ideologischer Durchdringung, die Teil der Analyse sind. Außerdem verdienen die sehr unterschiedlichen NS-Ideologieaspekte durchaus eine getrennte, differenzierte Betrachtung. Dabei geht es um die Fragen, ob die verschiedenen Ideologiebestandteile auf unterschiedlich stark ausgeprägte Akzeptanz stießen und womit dies zusammenhing. Die Besonderheit des dieser Arbeit zugrundeliegenden Quellenmaterials liegt – abgesehen von Umfang und Heterogenität  – in der Übermittelung zeitgenössischer Aussagen begründet. Bislang war der Quellenwert der bislang in der Forschung behandelten Materialien nämlich stets beschränkt.15 Es stand meist kein Material zu zeitgenössischen Wahrnehmungen und Aussagen betroffener Personen in ausreichender Menge zur Verfügung, die zur Feststellung von politischen oder ideologischen Einstellungen geeignet gewesen wären. Meist lief es zudem auf eine reine Betrachtung der Wehrmachtsführung hinaus. Gerade die zeitgenössische Sicht ist aber entscheidend für die Bewertung der wahrgenommenen Handlungsalternativen, alternativen Sichtweisen und Entscheidungen der betrachteten Personen. Ihr subjektiver Referenzrahmen und ihre Deutungen der erlebten Realität können nur so adäquat aufgezeigt werden – und dies nicht mit dem eingegrenzten Blick auf Führungspersonen. Gerade die Untersuchung zeitgenössischer Wahrnehmungen führt zu einem Lerngewinn für die Ideologieforschung der Gegenwart und zu einem Begreifen der subjektiven Weltsicht damaliger Zeitgenossen  – sowie deren Akzeptanz nationalsozialistischer Ideologie und den Beweggründen oder Ursachen dafür.

Zu den Quellen Die dieser Arbeit zugrundeliegenden Quellen stammen aus einem Bestand der britischen National Archives16 von Protokollen abgehörter Gespräche deutscher Soldaten in britischer Kriegsgefangenschaft,17 die der britische Nachrichtendienst ohne Wissen der Beteiligten nahezu über die gesamte Zeit des Zweiten Weltkrieges hinweg 15

 Die Auswertung von Feldpostbriefen, anhand derer sowohl Bartov als auch Humburg, Latzel und andere ihre Schlussfolgerungen trafen, wie im weiteren Verlauf der Arbeit dargestellt wird, zeichnet sich durch erhebliche Nachteile oder Begrenztheiten des Materiales aus, die allgemeine Aussagen stark erschweren. Schon beim Aufsetzen der Briefe führte der Verfasser eine bewusste Selbstzensur durch. Es wurde ausgewählt, was den Adressaten – meist Zivilisten, die zur Erlebniswelt der Soldaten keinen direkten Bezug hatten – an Themen zuzumuten war. Außerdem musste die Militärzensur ins Kalkül einbezogen werden. Die Nichterwähnung von Kriegsverbrechen ist deshalb nicht erstaunlich. Die Auswertung von Tagebüchern durch Kühne (siehe Kühne: Kameradschaft) kommt über die statistisch nicht verallgemeinerbare Betrachtung einiger weniger Personen ebenso wenig hinaus wie Zeitzeugenbefragungen, die zudem mit dem Problem subjektiver Erinnerung und ebensolcher Motivlage zu kämpfen haben. 16  The National Archives (TNA) in Kew, Surrey, London, hießen ehemals Public Record Office (PRO). 17  Diese Arbeit schließt an das Forschungsprojekt »Referenzrahmen des Krieges  – Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zu Wahrnehmungen und Deutungen von Soldaten der Achsenmächte, 1939-1945« an, das die Wahrnehmung und Deutung zeitgenössischer Situationen während des Zweiten Weltkrieges durch deutsche und italienische Soldaten untersuchte.

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in dafür ausgerüsteten Lagern in England anfertigen ließ.18 Die dort unter Soldaten geführten Gespräche wurden systematisch von deutschsprachigen Nachrichtendienstmitarbeitern abgehört und zu Protokoll gegeben, was mit hohem Aufwand verbunden war. Durch Zugang zu deutschen und alliierten Medien sowie durch geschickte Zusammenlegung von Gefangenen ähnlicher Rangstufe, aber unterschiedlicher Einheit oder Waffengattung wurde erreicht, dass die Abgehörten sich ausführlich austauschten19 – und gleichzeitig den britischen Nachrichtendienst unwissentlich ins Bild setzten. Vor dem Hintergrund der eigenen Kriegsteilnahme und oftmals lebensgefährlichen Umstände der Gefangennahme war ein Mitteilungsbedürfnis der Männer zu erwarten,20 zumal die Gespräche vermeintlich diskret geführt wurden. Daher kann weitgehend davon ausgegangen werden, einen relativ unverfälschten Einblick in die durch Gespräche feststellbaren Denkweisen und Einstellungsmuster der Soldaten zu erhalten.21 Durch die in Echtzeit festgehaltenen Gesprächsprotokolle der Kriegsjahre wird eine Betrachtung der Einstellungen, Weltbilder und Bezugsrahmen der Soldaten aus zeitgenössischer Perspektive möglich. Die Unkenntnis darüber, wie der Krieg enden würde, machte für den größten Teil des Betrachtungszeitraums den besonderen und für heutige Betrachter fruchtbaren Charakter dieser Gespräche aus. Diese bislang von nur Wenigen untersuchten Quellen sind für die Ideologieforschung noch nicht systematisch genutzt worden. Zwar wird dieser Bereich von Neitzel und Welzer am Rande ihrer Studie zur Gewaltforschung angesprochen22, jedoch noch relativ schwammig behandelt und keineswegs fein aufgefächert, zumal es nicht den Kernbereich ihrer Studie betraf. Die beiden Autoren erklären das Vorgehen der Wehrmacht und die innere Verfassung ihrer Soldaten letztlich nicht als NS-ideologisch bewegt, sondern vielmehr als vom Krieg als solchem geprägt und initiiert. Neitzel und Welzer sehen die Wehrmacht im Ganzen eingereiht in verschiedene andere Armeen der Geschichte und erteilen einem singulären Erscheinungsbild eine Absage. MacGregor Knox hat allerdings mit seiner Kritik23 an »Soldaten«, obwohl hier die Ideologisierung der Wehrmachtssoldaten nur am Rande gestreift wird, interessante Gedanken geäußert, die eine Würdigung verdienen: So weist er auf die auff ällige Gemeinsamkeit praktisch aller NS-Größen hin, den (Ersten) Weltkrieg als Soldaten erfahren zu haben und von dieser Erfahrung geprägt worden zu sein. Weiter betont MacGregor Knox die vornazistische deutsche Mentalitätsentwicklung hinsichtlich einer Kultur des Militärischen, die zweifellos bei der NS-ideologischen Einschätzung der Wehrmacht zu berücksichtigen  – aber eben auch davon zu unterscheiden ist. 18

 Das britische Combined Services Detailed Interrogations Centre, kurz: CSDIC (UK), sammelte Informationen gegnerischer Kriegsgefangener. Diese wurden in dem mit Abhörtechnik ausgestatteten Lager Trent Park untergebracht, später aus Kapazitätsgründen auch in weiteren Lagern wie Latimer House oder Wilton Park, vgl. dazu The Story of M.I.19, undatiert, TNA, WO 208/4970, ebenso Neitzel: Abgehört, S. 12f. 19  Vgl. The Story of M.I.19, undatiert, TNA, WO 208/4970. Um verwertbare Gesprächsinhalte gezielt zu erlangen, wurden auch eigene Verbindungsoffiziere als Spitzel eingesetzt, vgl. Neitzel: Abgehört, S.  15f. Sofern diese bekannt sind, wurden ihre Aussagen in dieser Arbeit nicht verwertet. 20  Die neue Lebenslage in ruhiger Umgebung mit viel freier Zeit und im Zusammensein mit ungewohnt vielen gleichrangigen Kameraden forderte die Reflexion über das eigene Erleben, den Krieg und Weiteres automatisch heraus, vgl. Neitzel: Abgehört, S. 20f. 21  Vgl. ebd., S. 9 und S. 13. 22  Siehe Neitzel/Welzer: Soldaten. 23  Siehe MacGregor-Knox: Reading the Wehrmacht’s mind?

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Implizit vorliegende und im zwischenmenschlichen Gespräch daher kaum diskutierte Werte wie Gehorsam, Tapferkeit, Härte oder Pflichterfüllung sind zweifellos einen gesonderten Blick wert, was in der vorliegenden Arbeit für das Phänomen des Gehorsams aufgrund seiner Bedeutsamkeit auch geleistet wird. Ob NS-Ideologie ebenso implizit vorliegt und daher in einem zeitgenössischen Gespräch nicht erwähnt werden muss, muss gezeigt werden. Rassistische Abwertungen von Asiaten sind jedenfalls aufgrund ihrer Einordnung in die damalige Zeit, der ein präsentes Bewusstsein für die Vielfalt einer globalisierten Welt und die Wertigkeit andersartiger Kulturen fehlte, kaum geeignet, nazistische Gesinnung nachzuweisen. Der Frage, ob Sowjets, speziell Russen, tatsächlich von der Masse der deutschen Soldaten rassistisch abgewertet wurden, wird diese Arbeit noch nachgehen. MacGregor Knox’ Anliegen ist es schlussendlich, der Tendenz entgegenzuwirken, die Wehrmacht von der Beurteilung als NS-ideologisch durchdrungen freizusprechen. Dabei geht er jedoch ebenfalls zu schwammig und grobkörnig vor, was die Übertragbarkeit einiger Gegenargumente auf die Masse der deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg verhindert. Die vorliegende Arbeit kann an dieser Stelle für eine aussagekräftigere Argumentationsgrundlage für zukünftige Diskussionen sorgen, da sie mit einem umfassend angelegten Ansatz zur Aufschlüsselung der NS-Ideologie über Neitzels und Welzers »Soldaten« deutlich hinausgeht. Es wird dabei zu zeigen sein, ob die Wehrmacht ein spezifisch nationalsozialistisches Gepräge aufwies oder nicht. Felix Römer sieht in seiner Arbeit »Kameraden«24 – die zeitlich nach der vorliegenden Studie entstand, jedoch früher veröffentlicht wurde – im Unterschied zu Neitzel und Welzer die nationalsozialistische Ideologie unter deutschen Soldaten durchaus als so weit verbreitet an, dass er ein dadurch konstituiertes, spezifisches Gepräge der Wehrmacht ausmacht. Zumindest lassen sich laut Römer Kerngruppen aus überzeugten Nationalsozialisten ausmachen, die andere Soldaten im Sinne der Ideologie mitzogen. Römer bringt wichtige Gedanken und Differenzierungen zur Innensicht der Wehrmacht und ihren (impliziten) Wertvorstellungen ein, so die Feststellung, dass Versatzstücke der NS-Ideologie ihren Eingang in das Weltbild einfacher Soldaten fanden, ohne eine geschlossene Programmatik abzubilden.25 Der Ideologiebegriff, mit dem er operiert, ist letztlich aber so weit und offen (gerade durch Einbeziehung impliziter Werte wie »Härte« in das Konstrukt der Ideologie) gefasst, dass klare Aussagen und Ableitungen zur nationalsozialistischen Gesinnung »der« Wehrmacht schwer fallen oder durch die Unschärfe des Ideologiebegriffs aufgelöst werden. Gerade der Vergleich der Ergebnisse dieser Arbeit mit der vorangehenden Studie von Rafael Zagovec zu den Ergebnissen westalliierter Frontverhöre deutscher Gefangener, die als Vorläufer zur Quellenauswertung dieser Arbeit eingeordnet werden kann, fällt interessant aus. Gemeinsam mit der Feldpostforschung ist der Ergebnisgegenüberstellung zu dieser Arbeit ein eigenes Schlusskapitel gewidmet. Die vorliegende Arbeit widmet sich jedoch im Unterschied zu den angeführten Studien dem Globalkomplex »Nationalsozialismus« umfassend – hinsichtlich der Fragestellung und der Auswertungskonzeption zur Aufschlüsselung der NS-Ideologie in ihre abgrenzbaren Kernbestandteile. So werden die einzelnen Ideologieaspekte, die 24

 Siehe Römer: Kameraden.  Vgl. ebd., S. 78.

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von den Soldaten in den Quellen jeweils aufgegriffen werden, in Bezug auf die vorliegenden einzigartigen Echtzeit-Quellen hier erstmals systematisch unterschieden, getrennt untersucht und ausgewertet, was diese Arbeit zu einem recht genauen und trennscharfen Instrument zur Analyse der NS-Ideologie macht. Dies macht den singulären Charakter dieser Arbeit aus. Es handelt sich hier um eine in ihrer Auffächerung der Ideologiekategorien weit aufgespannte und dabei jeweils tiefgehende Studie, in der zudem eine Bandbreite einzelner Aspekte, Besonderheiten und Auffälligkeiten der Analyse diskutiert wird. Die hier ausgewerteten Bestände an 13 951 Gesprächsprotokollen des CSDIC (UK) umfassen sowohl Gespräche, die zwischen Gefangenen unterschiedlicher Waffengattungen, als auch innerhalb der Waffenteile von insgesamt etwa 3 300 Heeres-, Luftwaffen- und Marinesoldaten über einen Zeitraum von Dezember 1939 bis Mai 1945 geführt wurden.26, 27 Der Bestand S. R. X., das für Special Reports Mixed, also Gespräche zwischen Angehörigen verschiedener – gemischter  – Waffengattungen, steht, umfasst davon 2 076 dokumentierte Gesprächsprotokolle mit 621 Sprechern. Die weiteren Bestände, die zur Verbreiterung und Vertiefung der Auswertung »gemischter« Gespräche untersucht werden, gliedern sich wie folgt: Der Bestand S. R. M. (Heer) erstreckt sich auf 1 254 Protokolle mit etwa 697 Sprechern. Der Bestand S. R. A. (Luftwaffe) beinhaltet 5 795 Protokolle mit etwa 1 300 Sprechern, und der Bestand S. R. N. (Marine) 4 826 Protokolle mit etwa 985 Sprechern. Diese drei Quellenbestände dienen außerdem dem Herausarbeiten von spezifischen Unterschieden zwischen den Waffengattungen und einer näheren Beleuchtung der frühen Kriegsjahre. Diese Protokolle wurden durchgesehen und insgesamt 2 067 aufgrund ihres für die Fragestellung dieser Arbeit relevanten Inhalts in die Analyse einbezogen. Davon stammen 371 aus dem Bestand »Gemischt«, 524 aus dem Bestand »Heer«,28 673 aus dem Bestand »Luft waffe« und 499 aus dem Bestand »Marine«. Daraus stammende Zitate werden in der Form wiedergegeben, in der sie festgehalten wurden, dazu zählen Großschreibung oder Unterstreichungen, die vermutlich die Betonung des Sprechers oder die Bedeutung von Signalwörtern für die Abhörer abbilden sollten, sowie der Verzicht auf »ß«. Es wird dabei keine Anpassung an die gegenwärtige deutsche Rechtschreibung vorgenommen. Die wenigsten Soldaten sind namentlich bekannt, meist tauchen sie in den Quellen in Form von Kürzeln wie »M 130«, »A 36« oder »N 1485« auf. Waffen-SS-Soldaten wurden nicht in einem eigenen Abschnitt behandelt, sondern in den Kapiteln der Heeressoldaten mit berücksichtigt. Dieses Vorgehen orientiert sich an der Einteilung des britischen Nachrichtendienstes, der Waffen-SS-Angehörige dem Heer zugeordnet einteilte. Es würden ansonsten auch methodische Probleme und 26  Wenige Protokolle der getrennt gehaltenen Bestände S. R. X. (Special Reports Mixed), S. R. A. (Special Reports Air Force), S. R. M. (Special Reports Army) oder S. R. N. (Special Reports Navy) weichen von der Systematik der Zuordnung zu den vier Beständen ab. Mangels Einblick in die Systematik der Ablage und ihre Begründung durch das CSDIC (UK) bleibt die Erklärung dafür offen. 27  Darunter befi nden sich wenige Gesprächsprotokolle, in denen Befragungen deutscher Gefangener durch britische oder amerikanische Verhöroffiziere festgehalten wurden. Diese sind klar als solche gekennzeichnet. 28  Ergänzend und zur Erweiterung des Sprecherkreises hoher Offiziere wurden einzelne Protokolle der Bestände G. R. G. G. (General Reports German Generals) und S. R. G. G. (Special Reports German Generals) hinzugezogen, die unabhängig von den übrigen Beständen noch einmal gesondert Gespräche zwischen hohen Offizieren umfassen.

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Verfälschungen auftreten: Sprach ein SS-Mann im Bestand S. R. M. (Heer) mit einem Heeressoldaten, dürften beide Aussagen nicht gewertet werden, da sie unter S. R. X. (Gemischt) eingeordnet werden müssten. Auffälligkeiten zu Waffen-SS-Soldaten wurden jedoch in den Abschnitten zum »Heer« jeweils gesondert kommentiert. Aus der Orientierung an der britischen Einteilung von Waffen-SS-Soldaten im Heer soll keinesfalls die Folgerung abgeleitet werden, diese seien von Heeressoldaten kaum zu unterscheiden. Auf durchaus vorhandene, markante Eigenheiten wird in den Auswertungskapiteln eingegangen. Generäle wurden ebenfalls nicht in einem eigenen Analyseabschnitt betrachtet, da das Ziel der Arbeit – statt einer reinen Betrachtung der Führungsebene annäherungsweise Aussagen über »die« Wehrmacht zu machen – sonst aus dem Blickfeld geraten könnte. Hohe Offiziere sind in den Analyseteilen gerade des Heeres bereits im Aussageaufkommen prominent vertreten und bedürfen keiner darüber hinausgehenden besonderen Betrachtung, um Aussagen über »die« Wehrmacht im Querschnitt machen zu können.29 Es sprachen zu den in dieser Arbeit untersuchten NS-Ideologieaspekten aus der Gesamtheit aller 3 300 Sprecher der Quellenbestände 1 428 Soldaten, die sich nach Waffengattungen wie folgt einteilen lassen: Alle Sprecher nach Waffengattung 700

Anzahl Sprecher

600 500 400 300 200 100 0 Heer

Waffen-SS

Luftwaffe

Marine

Waffengattung

Abb. 1: Sprecher zu Ideologieaspekten aller Bestände

Die Abhörprotokolle, die als Quelle für diese Arbeit verwendet werden, weisen den Vorteil auf, Originalgespräche, also nicht zur eigenen Niederschrift vorüberlegte Sätze, wiederzugeben. Sie stellen einen direkteren Bezug zur subjektiven Wahrnehmung der Realität durch die Sprecher dar. Der tatsächliche Realitätsgehalt der Aussagen ist für diese Betrachtung dabei irrelevant. Die Aussagen sind außerdem in Interaktion mit einem Gegenüber entstanden und entstammen Prozessen, die auch von der Reaktion 29

 Zur gesonderten Betrachtung abgehörter Generäle in britischer Gefangenschaft siehe Neitzel: Abgehört.

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des anderen gelenkt wurden. Daher waren sie im Verlauf relativ offen. In ihren Gesprächen mussten die Soldaten nicht auf Beschränkungen wie beim oben erwähnten Aufsetzen ihrer Feldpost und Gesprächsnormen einer zivilen Friedensgesellschaft achten, sondern konnten sich offener austauschen. Die Anzahl der Sprecher stellt eine ungewöhnlich große Gruppe dar, die darüber hinaus sehr heterogen besetzt ist. Soldaten unterschiedlichen Alters, aller Waffengattungen – also Heer, Luft waffe, Marine und Waffen-SS  – unterschiedlichster militärischer Rangstufen vom Mannschaftsdienstgrad bis zum Generalsrang und verschiedener Herkunft und Sozialisation kommen in den Protokollen vor. Auch wenn diese Stichprobe zu klein ist, um repräsentative Aussagen über die gesamte Wehrmacht30 treffen zu können, kommt sie einem Querschnitt doch deutlich näher als früheres Quellenmaterial. Volker Sellin meint sogar, dass der gesellschaftliche Wissensvorrat kollektiver Sinngewissheiten schon an Einzelpersonen festgestellt werden könne und keine große Anzahl von Testpersonen erforderlich sei.31 Dies unterstützt eine tendenzielle Übertragbarkeit der Ergebnisse dieser Arbeit. Der Zeitraum, über den sich die Protokolle erstrecken, lässt zudem das Aufzeigen von Entwicklungen zu, da das Erleben des Krieges auf Seite der deutschen Soldaten von stark unterschiedlichen Phasen geprägt war: Expansion in den ersten Jahren, Überdehnung der Kräfte und schließlich Rückzug ab der zweiten Hälfte des Krieges bis hin zum völligen Zusammenbruch des Militärs und dem Untergang des eigenen Landes. Die in Gefangenschaft geratenen Soldaten der ersten Kriegsjahre hatten daher zweifellos einen anderen Krieg erlebt als jene, die gegen Ende gefangen genommen wurden. Anhand von Vergleichen zwischen den Gesprächen der frühen Monate mit jenen der späten Monate  – da die Sprecher dann meist andere Personen waren  – kann diese unterschiedliche Prägung festgestellt werden. Die Informationen, die den Gesprächen entnommen werden können, hängen deshalb auch von den bis dahin gewonnenen Kenntnissen und Erlebnissen der Abgehörten ab.32 Zum anderen hatte sich das Bild entsprechend der Kriegslage geändert, was vermutlich ebenfalls – auch ohne eigenes Erleben – einen psychologischen Effekt auf die Soldaten gehabt haben dürfte. Die Aussagekraft der Quellen hängt auch mit der Bedeutung der Abhöroperationen und der Evaluation ihrer Ergebnisse zusammen.33 Die Quellen, die die Grundlage dieser Arbeit darstellen, sind vom britischen Abhörpersonal nicht für heutige Historiker festgehalten worden, die sich ein Bild über die Ideologisierung von Wehrmachtsoldaten machen möchten. Es wurden vielmehr aus dem Gesamtaufkommen abgehörter Gespräche jene aufbewahrt, die den Interessen der kriegführenden Nation Großbritannien entgegenkamen und von Führung und Streitkräften genutzt werden konnten.34 Im Grunde konnte eine unbegrenzte Menge an Informationen über den Gegner gewonnen 30

 Angesichts der Größe der Streitkräfte und der Anzahl an Personen, die im Laufe der Jahre Teil der Wehrmacht waren, kann die hier vollzogene Betrachtung keinen Anspruch auf Repräsentativität im Sinne der Statistik erheben. Dafür existieren schlicht zu viele Daten, aber auch ein Mangel an Einsichten in das Leben und Denken zu vieler Menschen, von denen keine Zeugnisse überliefert sind. 31  Vgl. Sellin: Mentalität und Mentalitätsgeschichte, S. 593. 32  Aus diesem Grund ergänzten sich aus Sicht des britischen Nachrichtendienstes Abhören, Befragungen und Bespitzelung als Methoden zur Informationsgewinnung, siehe dazu Moore: Axis Prisoners in Britain during the Second World War. 33  Vgl. dazu Bell: Großbritannien und die deutschen Vergeltungswaffen, S. 16. 34  Vgl. Leverkuehn: Der geheime Nachrichtendienst der deutschen Wehrmacht im Kriege, S. 8.

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werden, so auch solche über seine Absichten und Beweggründe.35 Doch ging es vorrangig darum, Auskunft über militärstrategisch Verwertbares zu erhalten,36 weshalb Privates, Religion und anderes weitgehend nicht gespeichert wurde.37 Diesen Zweck der Informationsgewinnung gilt es zu berücksichtigen, wenn es darum geht, die Aussagekraft und Repräsentativität dieser – dennoch für die Fragestellung sehr gut geeigneten – Quellen adäquat einzuordnen. Der Untersuchung voranzustellen ist weiterhin, dass trotz der Heterogenität der etwa 3 300 Sprecher aller vier Quellenbestände sowie der daraus hervorgehenden Anzahl der 1 428 Sprechern zu den NS-Ideologieaspekten hinsichtlich Waffengattung, Zeitpunkt der Gefangennahme, Dienstgrad, Alter, anzunehmende Herkunft und Sozialisation keine repräsentative Auswahl vorliegt. Zum einen ist das Heer stark unterrepräsentiert, was aus der Tatsache hervorgeht, dass Luft waffe und Marine sich in erheblichem Maße gerade auf die deutsch-britischen Kriegsschauplätze konzentrierten. Zum anderen wurde die Auswahl nach britischen Abhörinteressen zusammengestellt und beinhaltet des Weiteren ausschließlich Soldaten, die in Nordafrika, Italien, Westeuropa oder Westdeutschland gefangen genommen wurden, also an deutsch-britischen Kriegsschauplätzen. Wie viele von ihnen zuvor auch in Ost-, Südost- oder Ostmitteleuropa eingesetzt waren, lässt sich nur aus vereinzelten Äußerungen erschließen. Aus diesen Gründen liegt hier keine zufällige Stichprobe vor, bei der alle Wehrmachtsangehörigen, also auch ausschließlich an der Ostfront eingesetzte Soldaten, berücksichtigt werden. Die Grenzen des Quellenmaterials liegen neben der eingeschränkten Repräsentativität in der Infragestellung ihrer Authentizität begründet. Schließlich könnten die Soldaten befürchtet haben, abgehört zu werden. Dem kann entgegnet werden, dass unbedenklich militärische Geheimnisse und kompromittierende Eigenbeteiligung an Kriegsverbrechen thematisiert wurden, die Gesprächsteilnehmer also – von Ausnahmefällen abgesehen  – vermutlich ahnungslos waren.38 Aufgrund der Interessenlage des britischen Nachrichtendienstes wurden vor allem Gesprächsausschnitte über politisch oder militärisch Relevantes festgehalten. Im Gegensatz zu Feldpostbriefen blieb Privates weitgehend außen vor. Die Aufenthaltsdauer der Gefangenen in einem für Abhöroperationen präparierten Lager war sehr unterschiedlich  – die Zeitspannen reichten von wenigen Wochen bis zu einigen Monaten. Gerade die Generäle, die sich weitaus intensiver als Soldaten niederer Ränge über politische und ideologische Fragen austauschten, blieben jeweils über einen längeren Zeitraum. Eine Einschätzung der ideologischen Einstellung weiterer Sprecherkreise erscheint mindestens als Tendenzbetrachtung dennoch möglich, da sich ausreichend Anhaltspunkte für Weltbild und Wahrnehmung der subjektiven Realität ergaben. Denkbar ist auch der Einwand, dass im Gespräch geäußerte Einstellungen nicht der wahren, inneren Einstellung der Sprecher entsprachen, da sich Einzelne unter Umständen am ranghöheren Gesprächspartner orientierten und es so zu autoritätsverursachten Verzerrungen der Einstellungsbilder für den Betrachter kommt. Tatsächlich war es jedoch so, dass sich zumeist Gesprächspartner gleicher Rangstufe 35

 Vgl. Kovacs: Using Intelligence, S. 160.  Siehe hierzu Herman: Intelligence Power in Peace and War. 37  Vgl. Neitzel: Abgehört, S. 18. 38  Zu diesem Ergebnis kommt Neitzel, Abgehört, S. 21f. 36

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austauschten.39 Wenn dies nicht zutraf, und Unstimmigkeiten in den Aussagen einer Person mit ihren sonstigen Aussagen erkennbar werden, wird dies kommentiert. Hinsichtlich der ideologischen Gesamteinschätzung einer Person wurde stets auf deren Gesamteindruck geachtet. Zwar kann trotz der Vorzüge dieses quantitativ wie qualitativ in hohem Maße ergiebigen Materials statistisch nicht auf die Gesamtheit der Wehrmacht geschlossen werden. Jedoch können aufgrund der Auswahl der hier ausgewerteten Quellen und ihrer Heterogenität eine Langzeit- und Breitenanalyse von bisher nicht möglichem Umfang sowie fundierte Rückschlüsse auch für größere Gruppen hinsichtlich der Einstellungsmuster und Dynamiken des Ideologietransports angestellt werden. Dies stellt eine neue Ebene der Aussagenreichweite und der Differenzierung des Bildes der Wehrmacht dar. Diese Quellen nehmen damit für eine Annäherung an Wahrnehmung und Rezeption der NSIdeologie durch die deutsche Gesamtgesellschaft, die sich zu einem erheblichen Teil in der Wehrmacht wiederfand, einen hohen Stellenwert ein. Bezüglich der Einstellung der abgehörten Soldaten liegt hier ein Einblick in die Zeit nach der Gefangennahme vor, zudem wurden sie durch die Institution des Militärs mitgeprägt. Zwar erschwert dies den Rückbezug ihrer Stimmungsmuster an die Zivilbevölkerung, doch machten Wehrmachtssoldaten immerhin bereits einen Großteil der erwachsenen (männlichen) Gesellschaft aus. Außerdem konnte den abgehörten Gefangenen eine gewisse Beständigkeit individueller Einstellungsmuster zugeschrieben werden. Ihre Einstellungen dürften daher im Regelfall zwischen Kriegsdienst und Gefangenschaft konstant geblieben sein, was den Ergebnissen dieser Arbeit wiederum deutlich mehr Aussagekraft verleiht. Der besondere Charakter dieser Studie kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass sich zusätzlich zu ihren qualitativen Ergebnissen die Möglichkeit bietet, Häufigkeit und Relation bestimmter Phänomene zu quantifizieren, dies in jeweilige Zeiträume und Zusammenhänge einzupassen und eine Veränderung über die Zeit hinweg auf quantitativer Basis zu ermitteln. So kann diese Arbeit eine empirisch fundierte Differenzierung des Bildes von der Indoktrination der Wehrmacht liefern, das sowohl Vermutungen der Forschung erstmals schlüssig belegen, als auch zurechtrücken und widerlegen oder aber überraschende neue Erkenntnisse liefern kann – und dies auf einer zeitgenössischen Quellenbasis von bislang ungekannter Breite und Unmittelbarkeit.

Vorgehensweise Die Vorgehensweise dieser Arbeit zielt somit auf eine Breiten- und auch Langzeitanalyse ab – da nahezu der gesamte Kriegszeitraum abgedeckt und zudem ein großer Sprecherkreis von hoher Heterogenität untersucht wird. Sie verzichtet deshalb weitgehend auf Einzelpersonenbetrachtungen bei der Herausarbeitung von Einstellungsmustern. Es würde sich hierbei eine zu geringe Fallzahl ergeben. Das Ziel soll sein, angesichts der Vorzüge des Quellenmaterials Aussagen über die Einstellung einer 39  Dies lässt sich durch einen Blick auf die gesonderten Verzeichnisse der im Text zitierten Gespräche, die nach Kapiteln sortiert unter Nennung der Gesprächsteilnehmer im Anhang aufgeführt werden, feststellen.

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möglichst breiten Anzahl von Personen treffen zu können. Die Quantifizierung von Häufigkeit und Relation bestimmter Phänomene sowie ihre Veränderung über die Zeit hinweg wird ebenso ermöglicht wie qualitative Erkenntnisse zur Dynamik und den Mechanismen ideologischer Durchdringung. Nach einer Vorstellung der zugrundeliegenden Methodik zur Analyse des Quellenmaterials wird der gegenwärtige Forschungsstand zur nationalsozialistischen Durchdringung der Wehrmacht betrachtet und analysiert, um eine Basis für die im Anschluss folgende Quellenauswertung zu schaffen. Ausführungen zur Führung der Wehrmacht haben in der Vorstellung des Forschungsstands ein stärkeres Gewicht als in den weiteren Teilen der Arbeit, da die Forschung schwerpunktmäßig zur Führung Aussagen treffen konnte. Anhand bestimmter Schlüsselthemen wird übergreifend versucht, ein zusammenhängendes Bild von der Wehrmacht und ihren Soldaten zu entwerfen. Angesichts der Breite und Tiefe des mit der Wehrmacht in Zusammenhang gebrachten Ereignisspektrums wird diese Auswahl bei der Aufbereitung des Forschungsstandes für vertretbar gehalten. Die Betrachtung verläuft von den Wurzeln der Mentalität40 der Reichswehr im Reichsheer41 des Wilhelminischen Kaiserreiches über ihre Affinität zum NS-Regime, zur Annäherung an das Regime und zum Weg in den Krieg. Es schließt sich thematisch die Verflechtung der Wehrmacht mit dem NS-Regime im Krieg an, unterteilt in verschiedene Aspekte. Ergänzend folgt der Blick auf den militärischen Widerstand. Danach kommt es zur Betrachtung der einfachen Soldaten – gerade im Rahmen der Feldpostforschung. Gerade hier werden Parallelen zur Auswertung der Gespräche der Kriegsgefangenen erwartet. Schließlich wird ein Zwischenergebnis aus dem Forschungsstand festgehalten. Die Darstellung des Forschungstandes dient der Analyse des noch recht neuartigen und ergiebigen Quellenmaterials als Folie, vor dessen Hintergrund bisherige grundlegende Annahmen bestätigt, widerlegt oder durch neue Erkenntnisse erweitert werden können. Das bislang anerkannte Verständnis der Thematik »NS-Durchdringung der Wehrmacht« kann somit anhand relativ weitreichender und überprüfbarer Daten empirisch in seiner Angemessenheit bewertet werden. Es folgt im Weiteren die Analyse des Quellenmaterials, wobei die Betrachtung der durchschnittlichen Soldaten aufgrund der in den Quellen auftretenden Sprecherkreise stärker hervortritt als zuvor. Der Quellenauswertung liegt die folgende Definition nationalsozialistischer Ideologie zugrunde: In Abgrenzung zu unterschiedlichen anderen – teilweise inhaltlich weiteren – Defi nitionen wird die nur schwer greifbare Einstellung der Soldaten zum Globalkomplex »Nationalsozialismus« aufgeschlüsselt auf die integralen Aspekte »NS-Herrschaftssystem« (Rolle der Partei, der Führungspersonen des Regimes, politische wie staatliche Ordnung, alltägliches Erleben der Regierungspraxis), »NS-›Führer‹ Adolf Hitler«, (vornehmlich antislawischer und antisemitischer) »NS-Rassismus«, »NS-Anti-Kommunismus« sowie »Krieg«. Diese Defi nition wird als sinnvolle Arbeitsgrundlage angesehen, da sie die fünf wesentlichsten und folgenreichsten Merkmale des Nationalsozialismus umfasst. Ein inhaltlich weiteres 40

 Für Näheres zum Begriff der Mentalität siehe Abschnitt »5.3 Ausblick zur Mentalitätsforschung«.  Bis 1919 lautete die Bezeichnung der deutschen Streitkräfte »Reichsheer« oder »Deutsches Heer«, von 1919 bis 1921 dann »Vorläufige Reichswehr«. Das »Reichsheer« des Kaiserreiches setzte sich aus den vier Gliederungen Preußen, Bayern, Württemberg und Sachsen zusammen, vgl. Huber: Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789, S. 993. 41

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Verständnis der NS-Ideologie, das verschiedene vornazistische Werte und Entwicklungslinien in den Nationalsozialismus mit einbezieht,42 wird für die vorliegende Untersuchung nicht als sinnvoll angesehen. Diese zu weit gespannte Herangehensweise würde dazu führen, dass das spezifisch Eigene der NS-Ideologie analytisch nicht mehr fassbar und so für eine Untersuchung operationalisierbar wird. Die Reihenfolge, in der die Ideologieaspekte untersucht werden, wurde wie folgt gewählt: Zunächst werden Aussagen zum NS-System betrachtet, eine Kategorie, die Verschiedenes zum Alltag und dem Erleben der NS-Herrschaft in der Heimat umfasst, darunter die Wahrnehmung von Propaganda- und Mobilisierungsanstrengungen des Regimes, des Verfolgungsapparates und Widerstandshandlungen. Es folgt die NS-Ideologie im engeren Sinne: Die Person des »Führers« Adolf Hitler als zentrale Figur von Regime und Ideologie, das NS-Alleinstellungsmerkmal des extremen antisemitischen und antislawischen Rassismus, sowie der als sehr bedeutsam angenommene Aspekt des Antikommunismus oder Antibolschewismus.43 Die abschließende Kategorie »Krieg« dient einerseits zur Überprüfung, ob der NS-Rassekrieg als wesentliche Ausprägung des NS-Expansionsdrangs erkannt und befürwortet wurde, und andererseits als Hintergrundkategorie, da eine starke Ausstrahlung des Kriegsverlaufs auf alle anderen Untersuchungskategorien festgestellt wurde. Der Begriff und die Wirkungsweise von Ideologie werden hier weniger klassisch historisch als vielmehr soziologisch verstanden. Ein Mensch oder sein Gehirn wird nicht als Gefäß aufgefasst, das von außen mit Ideologie gefüllt wird und in Folge einer mechanistischen Sichtweise nunmehr anders funktioniert. Stattdessen stellt Ideologie Deutungszusammenhänge bereit, auf die zurückgegriffen werden kann. Ideologie liefert meist einen einfachen Erklärungszusammenhang aus zwei Komponenten: »Wir« sind die Guten, eine andere, zum Feindbild konstruierte Gruppe wird für Probleme verantwortlich gemacht. Der Zugehörigkeit kommt dabei eine große Bedeutung zu.44 Gerade der NS-Rassismus mit der Komponente des Dualismus aus Deutschen und Juden bietet ein anschauliches Beispiel für die Folgewirkungen des angebotenen Erklärungszusammenhangs. Daran kann anschaulich gemacht werden, dass bestimmte Erwartungen und Normen an einzelne Deutsche gestellt wurden, wollten sie »dazugehören.«45 In einem anderen Rahmen, der »Unbotmäßigkeit« im Sinne der Ideologie nicht sanktionierte, können durchaus andere »Werte« gelebt worden sein.46 Ideologie stellt in diesem Zusammenhang jedem Einzelnen ein Angebot 42

 Wie in der Wissenschaft immer wieder zu Recht aufgezeigt, konnte der Nationalsozialismus zwar an gesellschaft liche Strömungen – wie kulturelles Überlegenheitsdenken oder (militärische) Ideale von Härte und Opferbereitschaft – anknüpfen, doch waren diese keineswegs per se nationalsozialistisch. Vgl. Süß: Das »Dritte Reich«, S. 79f., S. 82f. und S. 287. Siehe ebenso Frei: Der Führerstaat. 43  Abgrenzungsprobleme ergaben sich lediglich hinsichtlich des NS-Antibolschewismus, der über das »jüdisch-bolschewistische« Feindbild Antikommunismus mit einer rassistischen Komponente verschränkte. Aufgrund der Inhalte der Soldatengespräche, in denen dieses Bild nur selten aufgegriffen wurde, konnte weitgehend eine sinnvolle Abgrenzung zwischen »Rassismus« und »Antikommunismus« erreicht werden. 44  Vgl. Goffman: Verhalten in sozialen Situationen, S. 226. 45  Vgl. ebd., S. 182 und S. 209. 46  Vgl. Goffman: Verhalten in sozialen Situationen, S. 23, S. 179-181. Wurde dies bei einzelnen Soldaten in Abhängigkeit vom Gesprächspartner festgestellt, wurde dies in der Untersuchung entsprechend gewertet. Allgemein kann von relativer Beständigkeit individueller Einstellungsmuster ausgegangen werden.

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zur Verfügung, eine Geschichte über sich selbst – die eigene Gruppe  – zu erzählen. Ein jeder kann sich in diese Erzählung »hineinschreiben« und durch soziales Handeln hineinfinden. Dieses kommt durch soziale Prozesse zustande, die dafür sorgen, dass sich Menschen je nach Kontext und Rollenerwartung auf eine bestimmte Weise verhalten.47 Während sich die Gruppe der ideologisch »Guten« Höherwertigkeit zuschreiben kann, was sowohl mit Macht und materiellem Vorteil als auch mit einem nicht zu unterschätzenden Zugewinn an Selbstachtung einhergehen kann, wird die zu Gegnern konstruierte Gruppe stigmatisiert.48 Die Diskriminierung wird dabei als von höherer Ordnung – beispielsweise der Natur – vorgesehen verstanden und mit einem Appell an Zusammenhalt nach außen und die Bewahrung der Reinheit der eigenen Gruppe verbunden.49 Durch Gruppendruck, aber auch durch die eigene Zuschreibung zur Gruppenidentität ( »ich bin Deutscher«) erfahren Einzelne Kontrolle, gerade aber auch Selbstkontrolle, sich zur eigenen Gruppe solidarisch zu stellen.50 Die Erzählung oder Ideologie ist attraktiv, um einen Status Quo zu erklären und Handlungsweisen zu rechtfertigen. Dafür greift man auf sie zurück, an sich kommt ihr jedoch oftmals weniger Bedeutung zu. Gerade im (militärischen) Alltag spielen andere Bezugsrahmen für das Bewusstsein und Handeln eine Rolle – so die spezifischen Normen und Rollenerwartungen der Institution »Militär«.51 Als »Einstellung« wird eine zustimmende, ablehnende oder unbestimmte (neutrale) Meinungsäußerung in Bezug auf einen der Ideologieaspekte gewertet. Auf eine feinere Aufgliederung wird hier verzichtet, da dies methodische Probleme hinsichtlich einer klaren Zuordnung zahlreicher Aussagen aufwerfen würde, denen kein wesentlicher Mehrwert in Bezug auf die Fragestellung dieser Arbeit gegenüber steht. Insbesondere gilt dies für Erkenntnisse zur Aneignung von Ideologie. Es wird allerdings darauf geachtet, dass sich beispielsweise aufgrund einer hierarchischen Gesprächssituation möglichst keine Fehleinschätzungen hinsichtlich der Authentizität von Sprechermeinungen ergeben. Äußert sich eine Person zustimmend zur Ideologie, bedeutet dies aber nicht, dass der Mechanismus, der diesem Vorgang zugrunde liegt, der Person bewusst sein muss. Ideologie zeichnet sich oftmals vielmehr durch eine starke Gefühlskomponente aus.52 Beginnend mit dem Gesprächsprotokollbestand »Gemischt« folgen anschließend die Bestände der einzelnen Waffengattungen »Heer«, »Luft waffe« und »Marine«. Der Quellenbestand »Gemischt«, in dem Angehörige verschiedener Waffengattungen miteinander sprechen, wird in der Reihenfolge der Untersuchung den übrigen Beständen vorangestellt, um zunächst das allen Waffenteilen im »gemischten« Gespräch Gemeinsame an Inhalten, Themen und Deutungen zu ermitteln. Später können die Waffengattungen dann darauf aufbauend über spezifische Besonderheiten tendenziell 47

 Vgl. Goffman: Verhalten in sozialen Situationen, S. 222 und S. 224.  Vgl. Elias/Scotson: Etablierte und Außenseiter, S. 8, S. 12f. und S. 30f. 49  Vgl. ebd., S. 32f., S. 22 und S. 245. 50  Vgl. ebd., S. 39-41 und S. 44. 51  Die »ideologischen« Erklärungszusammenhänge können gerade in einem frustrierenden, weil wenig erfolgreichen Krieg an Bedeutung verlieren. Am Beispiel US-amerikanischer Truppen in Afghanistan konnte gezeigt werden, dass die Tatsache des Einsatzes im Land als solche für den einzelnen Soldaten die Rechtfertigung für das weitere militärische Vorgehen vor Ort darstellte, darüber hinaus machte sich Hass auf Afghanen allein aufgrund des nicht zu erreichenden Sieges bemerkbar. Siehe Hastings: The Operators. 52  Vgl. Sellin: Mentalität und Mentalitätsgeschichte, S. 582f. 48

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auch unterscheidbarer gemacht und thematische Vertiefungen in den jeweiligen Gesprächen von Heeres- und Waffen-SS-, sowie der Luft waffen- und der Marinesoldaten untereinander aufgefunden und ausgewertet werden. Hier kommen die Quellen zur Veranschaulichung der Atmosphäre und der Bandbreite an Aussagen häufiger zu Wort. Für jeden der vier Quellenbestände werden die fünf oben vorgestellten Ideologiekategorien nacheinander untersucht, um die NS-Ideologisierung unter den Soldaten im Rahmen der Quellenauswertung in jeder der aus den NS-Merkmalen hervorgehenden fünf Kategorien zu überprüfen. Da sich signifikante Unterschiede und Eigenheiten zwischen den Waffenteilen ergaben, die nur auf diese Weise herausgearbeitet und präsentiert werden können, werden die vier Quellenbestände separat nacheinander und nicht nach Themen zusammengefasst untersucht. Gemäß dieser Arbeitsgrundlage wird für jeden der vier Quellenbestände jede Analysekategorie in einem eigenen Kapitel der Arbeit vorgestellt. Danach wird jeweils ein Zwischenergebnis über den jeweiligen Quellenbestand insgesamt gezogen. Wiederholungen im Verlauf der Arbeit sind der Konzeption der empirischen Arbeit geschuldet, verschiedene Quellenbestände unter einer gemeinsamen Fragestellung auszuwerten und dabei immer wieder auf ähnliche Aspekte zu stoßen.53 Ebenso werden Anleihen aus der Forschung und Gedanken anderer Autoren immer wieder erneut klar gekennzeichnet, um den Anspruch auf wissenschaftliche Korrektheit einzulösen. Es kommt stets zur äußeren und inneren Analyse der Aussagen, die in jeder Ideologiekategorie und für jedes Kriegsjahr oder Unterthema in »zustimmend«, »ablehnend« und »unbestimmt« eingeordnet und gezählt wurden. Am Beispiel des Quellenbestandes »S. R. A.« wird die Zuordnung von Aussagen hinsichtlich des Untersuchungsaspektes des NS-Rassismus veranschaulicht: Als dem NS-Rassismus zustimmend wurden Aussagen wie »Glaubst du, dass ohne ›Stürmer‹ dem deutschen Volk bekannt wäre, wie der Jude sexuell veranlagt ist, welche Irrwege er geht«54 oder »Wenn wir norwegische Mädchen heiraten, dann veredeln wir damit die deutsche Rasse«55 gewertet. Dagegen wurden Aussagen wie »[I]ch habe nun keine blauen Augen und keine blonden Haare. Das ist auch wirklich nicht der Grund, warum ich dagegen bin. Was kennst du für dumme Kerle mit blauen Augen!«56 als den NS-Rassismus ablehnend eingestuft. Diese Aussagen stehen beispielhaft für andere. Als »unbestimmt« gelten Aussagen, aus denen eine klare Tendenz nicht hervorgeht. So kann die Aussage »Mein Grossvater hat zwei Polacken gehabt, die bei ihm auf dem Lande gearbeitet haben. Sie haben sich da sehr wohl gefühlt«57 nicht eindeutig eingestuft werden. Dafür ist sie nicht spezifisch genug. Es wird zwar ein abwertender Begriff für »Polen« verwendet, doch kann die Aussage auch als Zweifel an der NS-Abwertung von Slawen verstanden werden. Auf eine Zuordnung zu »für« oder »gegen« NS-Rassismus wurde daher verzichtet. Einen weiteren Grenzfall stellt die Aussage »Die Juden, die haben doch da gar

53  Um dem Leser, der diese Arbeit nicht in einem Zug durchliest, die Orientierung zu erleichtern, werden in den übergreifenden Schlusskapiteln der vier Quellenbestände die festgestellten Untersuchungsergebnisse stets erneut aufgegriffen, sofern sie für den vorliegenden Quellenbestand zutreffen. 54  S. R. A. 582, 21.9.1940, TNA, WO 208/4119. 55  S. R. A. 2986, 12.8.1942, TNA, WO 208/4127. 56  S. R. A. 2621, 11.6.1942, TNA, WO 208/4126. 57  S. R. A. 3650, 3.2.1943, TNA, WO 208/4129.

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VORGEHENSWEISE

nichts zu fressen jetzt«58 dar. Erst aus dem Zusammenhang des gesamten Gesprächs – eine Schilderung der Zustände im Warschauer Ghetto – konnte eine Tendenz des Sprechers herausgearbeitet werden. Im weiteren Verlauf fiel die Aussage, dass dem Sprecher angesichts der Zustände »natürlich die Haare zu Berge gegangen [sind]«59 und er als dem NS-Antisemitismus skeptisch gegenüber stehend betrachtet werden kann. In einem anderen Gespräch über Konzentrationslager konnte beispielsweise keinem der Sprecher eine klare Tendenz entnommen werden, da es über die reine Schilderung der Zustände zunächst nicht hinausging. Die Aussage »Jüdische Lagerpolizei – dicke Peitsche – die drosch dann auf ihre Juden ein«60 wurde daher als unbestimmt eingeordnet. Es wäre denkbar gewesen, sie auch als »ablehnend« einzustufen, doch erwähnte der Sprecher im weiteren Verlauf des Gespräches den Ausdruck »der dreckige Jude«61 – dies eine klar abwertende Aussage  – und zeigte seine grundsätzlich antisemitische Haltung, so dass es nun richtig erschien, die vorherige Aussage nicht als »ablehnend« zu werten. Weiterhin sollte zwischen Kritik und »Maulen« ohne tiefergehende Resistenz dem Gegenstand gegenüber, sondern aus eher persönlichen Befi ndlichkeiten heraus, unterschieden werden. Im Gegensatz zur Aussage »Diese Blutgeschichte in DEUTSCHLAND ist überhaupt Quatsch«62, die erkennbar Kritik an der NS-Ideologie ausdrückt, stellt die Ansicht, »Das ist Mist jetzt im Reich; nicht mal einen silbernen Bleistift darfst du haben. Musst alles abgeben«63 keine Ablehnung des Regimes dar, sondern ist lediglich persönlichem Unmut zuzuschreiben. Nach diesem hier beschriebenen Verfahren wurden Aussagen der Quellenbestände hinsichtlich ihrer Verwendbarkeit und Tendenz eingeordnet. Zur äußeren Analyse gehören jeweils die statistische Darstellung der Aussagen und die Zeichnung eines Stimmungsbildes – durch die Eintragung der einer Kategorie zugeordneten Gesprächspassagen auf einem Funktionsgraphen – und die Verteilung der Sprecher in zeitlicher Hinsicht, in Bezug auf Dienstgrad, Waffengattung und Einstellungsmuster. Weiterhin werden markante Aussagen vorgestellt, auffällige Aspekte, »neuralgische Punkte« oder Kernthemen betrachtet und Veränderungen über die Zeit ermittelt. Begleitend und abschließend erfolgt die innere Analyse, also die Bewertung, Interpretation und Begründung – oder Formulierung von Hypothesen –, um Akzeptanz, Mechanismen und Dynamik der Durchdringung mit NS-Ideologie ebenso wie Kritik und Ablehnung zu untersuchen. Ebenso kommt es zum laufenden oder abschließenden Abgleich mit Forschungsergebnissen. Nach der separaten Zusammenfassung der Ergebnisse und der statistischen Zusammensetzung des Gesamtsprecherkreises der jeweiligen Waffengattung für jeden einzelnen der vier Quellenbestände werden abschließend die zentralen Ergebnisse der Arbeit in einem Schlusskapitel vorgestellt. Dieses beinhaltet zudem eine nähere Betrachtung des herausgearbeiteten Sprecherkreises der Nationalsozialisten, einen Vergleich zu den wichtigsten Studien der (meist Feldpost-) Forschung und einen Ausblick zur Mentalitätsforschung. 58

 S. R. A. 4174, 14.7.1943, TNA, WO 208/4130.  S. R. A. 4174, 14.7.1943, TNA, WO 208/4130. 60  S. R. A. 4604, 27.10.1943, TNA, WO 208/4131. 61  S. R. A. 4604, 27.10.1943, TNA, WO 208/4131. 62  S. R. A. 4046, 25.5.1943, TNA, WO 208/4130. 63  S. R. A. 704, 7.10.1940, TNA, WO 208/4120. 59

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Methodik zur Quellenauswertung Für die Auswertung des Quellenmaterials in dieser Arbeit stellen die Methoden der Referenzrahmen- sowie der Diskurs- bzw. Inhaltsanalyse die Basis dar, auf die Bezug genommen wird. Grundgedanken und grundlegende Anstöße beider werden im weiteren Verlauf der Arbeit eingebracht, jedoch kein daraus hervorgehendes Ablaufschema befolgt. Die oben beschriebene, selbst entwickelte Vorgehensweise orientiert sich am Analyseraster der fünf NS-Ideologiekategorien und der sinnvollen Zuordnung von Aussagen der abgehörten Gespräche und bietet ein recht trennscharfes Untersuchungsinstrumentarium. Die Referenzrahmenanalyse geht der Erforschung von Einstellungen und (Wert-) Haltungen von Personen in einer bestimmten Situation1 nach, deren damaliger individueller Referenz- oder Bezugsrahmen ihres Erlebens sie zu subjektiven Wahrnehmungen und Deutungen der historischen Ereignisse brachte. Harald Welzer kam im Rahmen einer Studie zur Täterforschung2 zu dem Ergebnis, dass die – meist unbewusste – Wahrnehmung und Deutung der Situation, mit der ein Mensch konfrontiert ist, mehr zur Erklärung von Verhaltensweisen beiträgt als der persönliche Hintergrund, eigene Prinzipien und die (frühere) Sozialisation, an die jedoch angeschlossen werden kann. Auch Annahmen aus Gewohnheit, Gewöhnung durch häufiges Erleben, Interaktion mit anderen, neue Rollenbilder und Gruppendruck tragen zu Einstellungsbildung und Verhaltensweise bei. Das situative Element ist demnach stark ausschlaggebend. Schleifen sich bestimmte Verhaltensweisen und daraus hervorgehend Denkund Einstellungsmuster ein, stellt dies im Grunde eine neue Sozialisation dar. Die Referenzrahmenanalyse geht aus dem Rahmenkonzept Erving Goffmans3 hervor, der den Rahmen individuellen Handelns als Bezugspunkt des Wahrnehmens und Deutens der Umwelt bezeichnete. Der soziale Rahmen des Einzelnen beinhaltet Vorstellungen über die Welt, die Menschen und Denk- sowie Handlungsnormen.4 Diese Vorstellungen können explizit oder implizit vorliegen und statten den Einzelnen mit Orientierung und Grundsatzüberzeugungen aus, die als sicher gelten.5 Dies trifft auch auf den Soldaten im Krieg zu, der zunächst im gesellschaftlichen Teilsystem des Militärs neu sozialisiert wird und hierbei über den Prozess der Affektmodellierung neue Selbstkontrollen erlernt und zu einem veränderten Habitus gelangt.6 Unter den anormalen, spezifischen Bedingungen des Krieges erlebt er eine weitere, ihn gänzlich und tiefgreifend erfassende Beanspruchung und Vereinnahmung

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 Für Näheres zur Theorie der Situation siehe Esser: Die Definition der Situation.  Siehe Welzer: Täter. 3  Siehe Goffman: Rahmen-Analyse. 4  Siehe Soeffner: Auslegung des Alltags – Der Alltag als Auslegung. 5  Vgl. Willems: Rahmen und Habitus, S. 51. 6  Vgl. Chartier: Gesellschaftliche Figuration und Habitus, S. 52. 2

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VORGEHENSWEISE

mit Wirkung auf sein Wahrnehmen, Denken7 und Handeln8 – auch in Bezug auf die Interaktion mit anderen.9 Die Diskurs- bzw. Inhaltsanalyse sieht als Voraussetzung für einen Diskurs10 eine Kommunikationssituation,11 die sich zu einer sinnvollen Untersuchung eignet. Die hier relevanten aufgezeichneten Gespräche abgehörter deutscher Kriegsgefangener erfüllen diese Bedingung. Die Inhaltsanalyse zeichnet sich nun dadurch aus, durch Anwendung bestimmter  – im Vorigen für diese Arbeit beschriebener  – Vorgehensweisen bei der Datenbearbeitung Schlussfolgerungen vom Gesprächstext auf andere Merkmale seiner Quelle, hier der Einstellung der Sprecher, zuzulassen.12 Welche Aussagen13 werden gemacht? Es wird davon ausgegangen, dass ein Zusammenhang zwischen dem, was gesagt und gedacht werden kann, und der Wahrnehmung der Realität besteht.14 Daraus geht wiederum die Konstruktion und Deutung15 der Welt hervor, die jeder Zeitgenosse eines Betrachtungszeitpunktes bewusst oder unbewusst für sich vornimmt.16 So lassen sich anhand der Betrachtung und Untersuchung von Gesagtem, hier am Beispiel der als authentisch angenommenen abgehörten Gespräche gefangener deutscher Soldaten, die Wahrnehmung und Deutung der Realität – nicht die Realität selbst – durch ihre Zeitgenossen feststellen. Dies erfolgt hier mit dem Ziel, ihre politisch-ideologische Einstellung17 einzuschätzen. Denn die Sprache stellt die Grenze des Denkens und der subjektiven Welt des Einzelnen dar, wodurch Gesagtes zum untersuchungsfähigen Indikator für das Weltbild und den Deutungs- oder Bezugsrahmen des Einzelnen wird. Das Weltbild des Einzelnen bestimmt darüber, was als richtig oder falsch, als moralisch oder unmora7

 Siehe Lewin: Kriegslandschaft.  Siehe Schreiber: Deutsche Kriegsverbrechen in Italien, und auch Lieb: Konventioneller Krieg oder NS-Weltanschauungskrieg? bezüglich deutscher Kriegsverbrechen in Italien bzw. Frankreich. 9  Siehe Elias/Scotson: Etablierte und Außenseiter. 10  In Anlehnung an Foucault wird der Diskursbegriff hier auf einen Gegenstand mit dem Inhalt eines relativ eng abgegrenzten Wissensbereiches bezogen, nämlich jener der ideologischen Einstellung deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Der Diskurs wird verstanden als symbolische Ordnung, die den Zeitgenossen selbstverständlich das gemeinsame Sprechen und Handeln erlaubt, vgl. Landwehr: Geschichte des Sagbaren, S. 70 und S. 77. 11  Vgl. Landwehr: Geschichte des Sagbaren, S. 131. 12  Für Weiteres zur Inhaltsanalyse siehe Krippendorf: Content Analysis. 13  Die Historische Diskursanalyse geht davon aus, dass »zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt nur eine begrenzte Menge von Aussagen zu einem bestimmten Thema gemacht werden können.« Sprachlich wäre diese Begrenzung nicht vorhanden, aber eben bezogen auf das Bewusstsein. Der Diskurs regelt die Möglichkeiten der Aussagen zu einer bestimmten Zeit und organisiert das Sag- und Denkbare. Die Historische Diskursanalyse geht den Regeln und Regelmäßigkeiten eines solchen Diskurses, der davon bestimmten Wirklichkeitskonstruktion, der gesellschaft lichen Verankerung und der Veränderung im Zeitablauf nach. Es geht um die Geschichte des Sagbaren, vgl. Landwehr: Geschichte des Sagbaren, S. 7. 14  Vgl. Landwehr: Geschichte des Sagbaren, S. 13. 15  Bourdieu weist mit dem Habitus-Begriff darauf hin, dass Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata, also Dispositionen des Sprechers, auf die Verinnerlichung von Strukturen der bestehenden sozialen Welt hinweisen, vgl. Landwehr: Geschichte des Sagbaren, S. 90-91. 16  Das Hervorbringen bestimmter Wahrnehmungsschemata bei den Deutschen und die Formung ihres Weltbildes war sicherlich ein Macht- und Gestaltungsinstrument, das das NS-Regime gezielt verwendete. 17  Die Aufdeckung des für die Zeitgenossen Selbstverständlichen erlaubt Zugang zu ihren Wissens-, Wirklichkeits- und Rationalitätsstrukturen. Dabei geht es um eine Erfassung des verborgenen Weltbildes der betrachteten Zeitgenossen und hier (?) ihrer ideologischen Einstellungen, vgl. Landwehr: Geschichte des Sagbaren, S. 171 und S. 173. 8

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METHODIK ZUR QUELLENAUSWERTUNG

lisch angesehen wird.18 Damit sind Anknüpfungspunkte gegeben, die eine Einschätzung ideologischer Gesinnung möglich machen. Von Interesse sind nicht zuletzt feststellbare Entwicklungen des Weltbildes der Sprecher. Das Bewusstsein um die sich dramatisch verändernde Kriegslage könnte Gefangene zu einem Überwinden voriger Denk- und Wahrnehmungsstrukturen gebracht haben. Das stellt im Rahmen einer Diskursanalyse einen Punkt dar, an dem das alte diskursive Netz des Verständnisses der Welt reißt und das Subjekt gezwungen ist, seine Denkweise zu ändern.19 Die Feststellung, dass ganz bestimmte Aussagen gemacht worden sind und keine anderen, erlaubt Rückschlüsse, muss aber auch im Zusammenhang mit den Rahmenbedingungen gesehen werden. Dies betrifft den situativen (Wer spricht wann und wo?), den medialen (Art der Quelle), den institutionellen (Übermittler der Aussagen) und den historischen (Frage nach der Gesamtsituation) Kontext.20 In Bezug auf das vorliegende Untersuchungsmaterial ist der Kontext folgendermaßen beschrieben: Die Situation der Sprecher in den hier als Quellenkorpus gewählten Abhörprotokollen des CSDIC (UK) war gekennzeichnet durch die grundsätzliche Lage britischer Gefangenschaft und der vorherigen aktiven Teilnahme am Zweiten Weltkrieg, sowie durch das Leben im NSDeutschland, aber auch durch die konkrete Situation und Motivationen im Gespräch. Die Operationalisierung der oben beschriebenen Überlegungen bei der Auswertung des Quellenmaterials, erfolgte folgendermaßen: Die vier digitalisiert vorliegenden Quellenbestände an Gesprächsprotokollen S. R. X., S. R. M., S. R. A. und S. R. N. wurden mittels des Programms MAXQDA21 in ihre thematischen Einzelaspekte (Codes)22 zerlegt. Dafür wurde auf das in der Sozialforschung gängige Verfahren des Codierens23 zurückgegriffen. Die Quellenbestände wurden durch die in den Codes sortierten Textteile inhaltlich erfasst. Anschließend wurde zunächst eine sinnvolle Auswahl und Zusammenlegung der für die Fragestellung dieser Arbeit relevanten 115 Codes für jeden der vier Bestände zu den erwähnten fünf Untersuchungskategorien24 vorgenommen. Diese wurden danach mit Microsoft Word wie oben beschrieben getrennt ausgewertet, was die eigentliche Datenbearbeitung dieser Arbeit darstellt. Zusätzlich zur Lektüre der bereits kodierten Gespräche wurden teilweise noch unkodierte Textdokumente der Quellenbestände auf Passagen, die mit der Fragestellung dieser Arbeit in Verbindung stehen, geprüft. Wenn das Gesprächsthema einer Passage für die Fragestellung bedeutsam war, wurde sie einer der genannten Kategorien zugeordnet und inhaltlich ausgewertet. Die Codes selbst sind letztlich – abgesehen von der inhaltlichen Erfassung des Gesamtmaterials – von untergeordneter Bedeutung, da sie zu den übergeordneten Kategorien gruppiert werden, anhand derer die Leitfrage der Arbeit beantwortet wird. Gespräche, deren Inhalt sich außerhalb der hier relevanten Fragestellung bewegte, wurden nicht in die Analyse einbezogen. In die Analyse eingegangene Aussagen entstammen somit 2 067 von 13 951 durchkämmten Gesprächsprotokollen der vier Quellenbestände. 18

 Vgl. ebd., S. 15 und S. 20.  Vgl. Sarasin: Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse, S. 60. 20  Vgl. Landwehr: Geschichte des Sagbaren, S. 109f. 21  Diese QDA-Soft ware (qualitative data analysis) erlaubt die Erfassung und Bearbeitung umfangreicher Datenbestände, was manuell kaum zu leisten wäre. 22  Die Codes können Ereignisse, Personen, Gruppen, Meinungen oder Erlebnisse betreffen. 23  Für Grundlegendes zum Codieren siehe Strauss: Grundlagen qualitativer Sozialforschung. 24  Mehrfach codierte Aussagen wurden dabei innerhalb einer Analysekategorie heraus gekürzt. 19

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Der Forschungsstand zu »Wehrmacht und NS-Regime« Die Reichswehr zu Beginn der NS-Herrschaft Verwurzelung im Reichsheer des Kaiserreichs Beginnend mit dem bisherigen Forschungsstand zum Themenkomplex »Wehrmacht und NS-Regime«, sollten zunächst die mentalen Wurzeln der Reichswehr und späteren Wehrmacht betrachtet werden. Diese sind nämlich im Reichsheer des Wilhelminischen Kaiserreichs zu finden. In dieser Zeit erlebten gerade Offiziere eine starke soziale und politische Verwurzelung. Sie entwickelten das Selbstbewusstsein, eine tragende Funktion in einem starken und ehrgeizigen Staat auszuüben. Standesethos und Status lieferten ebenfalls ihren Beitrag zur Bindung und Orientierung an diesen Staat. Der stärker werdende Gegensatz zwischen Tradition und Moderne hatte das Kaiserreich und besonders das Militär zwar ergriffen, doch zogen die militärischen Führer daraus kaum Schlüsse. Das industrialisierte Militärwesen erforderte – aufgrund der detaillierteren und komplizierteren Aufgaben  – sowohl den militärischen Spezialisten, als auch den militärischen Generalisten, der im immer komplexer werdenden Geflecht aus militärischen und nichtmilitärischen Faktoren, wie Wirtschaft, den Überblick behielt.1 Die stärkere Arbeitsteilung machte es schwerer, Ehrbegriffe und Moralvorstellungen überhaupt an den Alltag anzulegen und einzubringen. Die Folge war eine Tendenz zum »Funktionieren« professioneller Experten im Kontext von Pflicht und Gehorsam – also ein Stück weit eine Abkopplung vom Geschehen.2 Zwar waren politisches und moralisches Verantwortungsbewusstsein nicht völlig ausgeschaltet, konnten aber mit Verweis auf das Fachliche relativ leicht zurückgedrängt werden. Die ethischen Grundsätze konnten so verengt werden.3 Dies und die charakteristischen Merkmale der Monarchie als Staatsform minderten das politische Interesse und die Wahrnehmung für gesellschaftliche Spannungen und Widersprüche nicht unerheblich. Soziale Abgeschlossenheit, eine konservativ-reaktionäre Gesinnung, Autoritätsglauben und einseitige Berufsspezialisierung sozialisierten die Offiziere in einer Welt und einem Staat unterdrückter Spannungen und ungelöster Widersprüche.4 Der Erste Weltkrieg und das hier Erlebte prägten die Reichswehroffiziere ebenso wie die sich anschließende Niederlage und die Revolution.5 Die sich hier ergebende »Teilidentität der Erfahrung und Erinnerung«6 mit dem Nationalsozialismus trug zur späteren Affinität nicht unerheblich bei. Das Kaiserreich zeigte sich den Herausforderungen nicht gewachsen, der Alltag des Krieges übertraf an Radikalität, Zerstö1

 Vgl. Hürter: Hitlers Heerführer, S. 196f.  Vgl. Smelser/Syring: Eine Elite im Widerstreit, S. 15. 3  Vgl. Hürter: Hitlers Heerführer, S. 200. 4  Vgl. ebd., S. 197. 5  Vgl. Förster: Geistige Führung in Deutschland 1919 bis 1945, S. 469. 6  Kroener: Strukturelle Veränderungen in der militärischen Gesellschaft, S. 271. 2

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DER FORSCHUNGSSTAND ZU »WEHRMACHT UND NS-REGIME«

rungskraft und Dimension alles, was sich die Zeitgenossen bis zu dieser Zeit vorstellen konnten. Ihre vorherige Lebenswelt wurde schockartig enormen Belastungsproben ausgesetzt und erlebte mehrere Traumata – von moderner, industrieller Kriegsführung über Ansätze der »Totalisierung« des Krieges bis hin zu erheblichen Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten wie in der heimatlichen »Kriegsgesellschaft«.7 Die Generalität ordnete sich im Krieg keineswegs der politischen Führung unter, sondern übernahm zunehmend die umfassende Kontrolle über die Politikbereiche des Staates8  – von der Außenpolitik, die über die Heeresleitung stark von militärtaktischen Erwägungen bestimmt war, bis hin zur Innen- und Wirtschaftspolitik, die mit dem »Hilfsdienstgesetz« 1916 eine weitgehende Mobilisierung der Bevölkerung anstrebte.9 Die Zuständigkeiten für Kriegführung und Politik hatten sich in der Kompetenz der Obersten Heeresleitung (OHL) in fataler Weise vereint.10 Niederlage und Revolution hinterließen in den Köpfen der Betroffenen zum Teil noch tiefere Spuren als der Krieg selbst und schufen verhängnisvolle Feindbilder von Sozialisten und Demokraten über Slawen bis hin zu Juden.11 Die plötzliche, nahezu vollständige Auflösung des Reichsheeres und der Untergang der Monarchie raubte vielen die einzigen Bezugspunkte der intensiven Kriegs- und  – in abgeschwächter Form  – der Vorkriegsjahre. Die Gründe dafür in der Strukturschwäche und in der Widersprüchlichkeit des Kaiserreichs zu suchen, fiel den meisten zu schwer. Die fehlerhafte Annahme, nicht militärisch, sondern von außen her wirtschaftlich und von innen heraus durch mangelnde Geschlossenheit besiegt worden zu sein, ließ bei vielen die später zur Anwendung kommende Bereitschaft aufkeimen, nach innen wie nach außen gerichtet in einem neuen Krieg noch radikaler vorzugehen.12

Affinität der Reichswehr zum NS-Regime Die aus dem Kaiserreich hervorgegangene Reichswehr erlebte die Zeit der Weimarer Republik als einen unbefriedigenden Zustand. Die Folgen des Weltkrieges und des Versailler Vertrags brachten die Armee mit der Reduzierung an Truppenstärke und dem Übergang zum Berufssoldatentum zu einer inhaltlichen Position, die jede auf Revisionismus hinauslaufende politische Veränderung begrüßte. Der Personalbestand, der beim Heer auf 100.000 und bei der Marine auf 15 000 Mann zurückgefahren werden musste, setzte sich fast durchgehend aus kriegserfahrenen und -geprägten Soldaten zusammen, deren Selbstverständnis sich an den politisch-militärischen Realitäten stieß.13 Bedingt durch ihre Sozialisation orientierten sie sich in ihren Werten am 7

 Vgl. Hürter: Hitlers Heerführer, S. 197f.  Deutschland glich mit der Dauer des Krieges zunehmend einer Militärherrschaft der Obersten Heeresleitung, die Kaiser, Reichsleitung und Reichstag in den Hintergrund drängte, auch wenn von einer Diktatur nicht die Rede sein kann, da die Zustände in der Schlussphase des Kaiserreiches dafür zu unstrukturiert waren und »vielfach Chaos statt geregelter Verantwortung« herrschte, vgl. März: Der Erste Weltkrieg, S. 154. 9  Vgl. Neitzel: Weltkrieg und Revolution 1914-1918/19, S. 98f. 10  Vgl. März: Der Erste Weltkrieg, S. 153. 11  Vgl. Förster: Geistige Führung in Deutschland 1919 bis 1945, S. 470. 12  Vgl. Förster: Geistige Führung in Deutschland 1919 bis 1945, S. 472. 13  Vgl. Graml: Die Wehrmacht im Dritten Reich, S. 366. 8

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Kaiserreich.14 Das parlamentarische Deutschland der Weimarer Republik wurde für untauglich befunden, mit den inneren wie äußeren Herausforderungen fertig zu werden. Die Wirren der frühen 1920er-Jahre mit ihren mehrfachen Putschversuchen unter Beteiligung von Reichswehroffízieren machen deutlich, wie wenig sich die Armee mit dem neuen Staat verbunden fühlte.15 Sowohl der spätere »Führer und Reichskanzler« Hitler als auch der spätere Reichswehrminister Blomberg sahen im Weltkrieg und seinen Folgen ihre persönlichen Schlüsselereignisse, was beide nach 1933 zu einer Kooperation führte, mit der sie die militärische Aufrüstung und moralische »Aufrichtung« von Reichswehr und Volk erreichen wollten.16 Der totalitäre Gesellschaftsentwurf des Nationalsozialismus übte deshalb Anziehungskraft auf die Reichswehrführung aus, da in ihm Karriere und eine als positiv beurteilte autoritäre Regierung wieder möglich wären. Aus den erwähnten Ressentiments und aufkommenden Feindbildern nach dem Krieg ergaben sich Anknüpfungspunkte für NS-Agitation und Indoktrinierung gegen den »jüdischen Bolschewismus« und die »Gefahr aus dem Osten«.17 Hier hatten sich Überschneidungen mit der Ideologie des Nationalsozialismus – eine »Teilidentität der Ziele«18 – in einer Weise ergeben, die Potential zur Radikalisierung und späteren Umsetzung in Vorgehensweisen erkennen lassen, die in dieser Arbeit als »Verbrechen«19 bezeichnet werden. Das Führungspersonal der Reichswehr war in seinem kritischen Bewusstsein zumindest geschwächt, auch wenn der Wunsch noch vorhanden war, die eigene Institution von Parteiideologie und ihren Vertretern frei zu halten, so zunächst Generaloberst Fritsch.20 Später galt er dem NS-Regime dann als loyal.21 Der oben beschriebene Wandlungsprozess durch die Anforderungen der neuartigen Kriegsführung veränderte das Heeresoffizierskorps grundlegend und führte zur Entstehung eines neuen, dem modernen technischen Krieg angepassten, eher funktionalen Offizierstypus’. Dafür waren zwar vorrangig die Sachzwänge der modernen Kriegsführung verantwortlich, doch konnte das NS-Regime diese Gegebenheit nutzen, um durch zusätzlichen Druck ideologische Einbrüche in das Wertegefüge der Institution des Militärs zu erreichen.22 14

 Vgl. Deist: Einführende Bemerkungen, S. 40.  Vgl. Weinberg: Rollen- und Selbstverständnis des Offizierskorps der Wehrmacht im NS-Staat, S.  69. Die Eidesformel der Soldaten von 1919, die einen Treueschwur zur Verfassung bedeutete, wurde 1922 durch die »Berufspfl ichten« zum Treueschwur für das Vaterland, dessen Charakter als der einer Republik nicht erwähnt wurde, vgl. Förster: Die Wehrmacht im NS-Staat, S. 5. 16  Vgl. ebd., S. 3. 17  Vgl. Hürter: Hitlers Heerführer, S. 200-201. 18  Messerschmidt: Die Wehrmacht im NS-Staat, S. 1. 19  Im Krieg, der Handlungen mit sich bringt, die in einer an Frieden gewöhnten Gesellschaft vorschnell verurteilt werden können, muss zwischen Handlungen im Kampfverlauf und organisiertem Verbrechen unterschieden werden. Der Krieg als menschliches Erleben und die Welt der Soldaten sind zum Nachteil einer adäquaten Bewertung aber vielen Historikern fremdgeblieben, vgl. Müller: Die Wehrmacht – Historische Last und Verantwortung, S. 24f. Wenn man die Gräuel im Rahmen dieses Krieges thematisiert, muss man unabhängig von der späteren Defi nition von »Verbrechen« diesen Begriff mit Inhalt füllen. »Wahrnehmbares Unrecht« wird hier für sinnvoll gehalten. 20  Vgl. Messerschmidt: Die Wehrmacht im NS-Staat, S. 49f. 21  Vgl. Volkmann: Von Blomberg zu Keitel, S. 48. 22  Vgl. Kroener: Auf dem Weg zu einer »nationalsozialistischen Volksarmee«, S. 653f. 15

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Hitlers Machtübernahme wäre ohne die wohlwollende Neutralität der Reichswehr nicht denkbar gewesen. Auch hatte die Reichswehr in der Weimarer Republik selbst eine Bedenkenlosigkeit gegenüber Rechtsbrüchen an den Tag gelegt – wie die Umgehung der Rüstungsbestimmungen des Versailler Vertrags zeigt –, wenn es nur im Interesse des Vaterlandes legitim erschien. So ist in der Folge die Kritikfähigkeit gegenüber Hitlers Zielen und Methoden sicherlich beeinträchtigt worden.23 Die endgültige Ausschaltung des demokratischen Rechtsstaats 1933/34 konnte ohne die Passivität der Reichswehr ebenfalls nicht gelingen  – diese Ermöglichung der Etablierung des NSRegimes lief auf Mittäterschaft hinaus.24 Hitler bemühte sich, die Reichswehrführung aufzuwerten und entmachtete sie zugleich. Die Reichswehr, die Hitler bei seinem Regierungsantritt 1933 erlebte, hatte noch wenig gemeinsam mit der Wehrmacht des Zweiten Weltkriegs. Die Wehrmacht, die Anfang 1939 600.000 bis 700.000 Mann umfasste, setzte sich vor allem aus aktiven Soldaten und lange dienenden Wehrpflichtigen zusammen und zeichnete sich durch eine relativ hohe Homogenität aus. Sie muss von der Wehrmacht im Krieg schon deshalb unterschieden werden, weil diese schließlich etwa zehn Millionen Soldaten umfasste und 17 Millionen Mann sie insgesamt über die Zeit hinweg durchliefen, von denen viele Reservisten und Parteimitglieder der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) waren. Sie wies kriegsbedingt sukzessive eine deutlich abnehmende Homogenität auf.25

Zusammenarbeit, Annäherung und Führergewalt Der Reichswehrminister von 1933 bis 1938, Werner von Blomberg, strebte wie Hitler eine neue soziale Ordnung an,26 und erlebte den Machtantritt Hitlers ganz im Bewusstsein seines umwälzenden Charakters.27 Die Person des NS-»Führers« Adolf Hitler, die als zentrale Figur NS-Deutschlands schon bald praktisch als unangreifbar galt, hatte seine Stärke als Sinnbild der wiedererstarkten Nation auch der Tatsache zu verdanken, dass eine solche Person von unterschiedlichen Bevölkerungskreisen seit längerer Zeit erhofft worden war.28 Nach dem Machtantritt Hitlers bahnte sich eine Zusammenarbeit zwischen der noch neuen NS-Regierung und der Reichswehr nicht zuletzt auch deshalb an, weil letztere sich durch das Gesellschaftsverständnis der bis 1933 stark angewachsenen Sturmabteilungen (SA) herausgefordert sah.29 Auch Hitler wurde durch die Macht- und Politikziele der SA beunruhigt. Die Liquidierung der SA-Führung am 30. Juni 1934 und weiterer dem Regime Missliebiger durch die Schutzstaffel (SS) kam den Bedenken der Reichswehr gegen eine SA mit Milizcharakter als zweiter Armee im Staate entgegen. Sie leistete deshalb logistische Unterstützung und verhalf Hitler zur Ausschaltung 23

 Vgl. Förster: Die Wehrmacht im NS-Staat, S. 17.  Vgl. Graml: Die Wehrmacht im Dritten Reich, S. 368. 25  Vgl. Messerschmidt: Die Wehrmacht im NS-Staat, S. VII und S. IX. 26  Vgl. Förster: Die Wehrmacht im NS-Staat, S. 3., siehe auch Schäfer: Werner von Blomberg. 27  Vgl. Volkmann: Von Blomberg zu Keitel, S. 54. 28  Vgl. Müller: Nationalismus in der deutschen Kriegsgesellschaft 1939 bis 1945, S. 42. 29  Vgl. Messerschmidt: Die Wehrmacht als tragende Säule des NS-Staates, S. 39f. 24

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einer möglichen bedenkenswerten Opposition innerhalb der eigenen »Bewegung«. Hitler hatte die Animositäten zwischen SA und Reichswehr allerdings selbst geschürt und auf die erleichterte Reaktion der Reichswehr nach der Aktion gesetzt.30 Eine nachträgliche Distanzierung war nach der Hilfestellung nun unmöglich geworden. Mit der Opferung ihrer moralischen Integrität war die Reichswehr nun erpressbar und hatte sich selbst um die politische Handlungsfähigkeit gebracht.31 General von Blomberg änderte nach Reichspräsident Hindenburgs Tod am 2. August 1934 sogar den Fahneneid der Soldaten ab und ließ sie nun auf Hitler persönlich vereidigen,32 der zur Stärkung der Bindung einen Gegeneid an die Reichswehr abgab.33 Der neue Eid, den deutsche Soldaten seit dem 2. August 1934 schwören mussten, lautete: »Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, daß ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen.«34 Der Eid galt somit in erster Linie unmittelbar dem »Führer«,35 nicht dem Staat oder einer Verfassungsordnung. Die Reichswehrführung bot sich damit der NS-Führung als politischer Partner an – und schätzte die Lage dabei doch falsch ein.36 Das Verhältnis von Führer- zur Staatsgewalt gab dem NS-Staat seinen besonderen Charakter und wirkte sich somit auch auf die in diesen Staat eingebundene Wehrmacht aus. Nach Hindenburgs Tod am 2. August 1934 veranlasste Hitler, der bislang als Reichskanzler fungierte, eine Verfassungsänderung, die das Amt des Reichspräsidenten mit dem des Reichskanzlers vereinigte. Die Befugnisse des Reichspräsidenten und damit der Oberbefehl über das Militär gingen auf Hitler als Reichskanzler über, der nunmehr mit erheblicher Machtfülle ausgestattet als »Führer und Reichskanzler« auftrat. Der Titel »Reichspräsident« wurde abgeschafft.37 Durch diesen Vorgang ließ sich das NS-Verständnis von Führergewalt sukzessive im deutschen Staat etablieren. Die Bezeichnung »Führer und Reichskanzler« bedeutete eine Aushebelung und Degradierung des Staates unter die außerstaatliche Autorität der völkischen NS-»Bewegung«. Die Führereigenschaft sorgte für eine weitere, im Grunde deutlich über bloße Staatsämter hinausreichende Legitimation, stellte sich Hitler doch damit in den völkischen »Auftrag« der Deutschen. Der Missionsanspruch des Führerstaates und die pseudoreligiöse Sprache seiner Anhänger gingen einher mit einem naiven Glauben an Hitler und seine Sendung oder die »Vorsehung«, die – nur 30

 Vgl. Buchheim: Das Dritte Reich, S. 15.  Vgl. Volkmann: Von Blomberg zu Keitel, S. 59. 32  Vgl. Graml: Die Wehrmacht im Dritten Reich, S. 369. 33  Vgl. Schüddekopf: Die Wehrmacht im Dritten Reich 1934-1945, S. 15. 34  Heeres-Verordnungsblatt 1934, S. 116. 35  Vgl. Buchheim: Die SS – Das Herrschaftsinstrument, S. 17. 36  Vgl. Smelser/Syring: Eine Elite im Widerstreit, S. 17. Die Liquidierung der SA-Führung war den Sorgen der Reichswehr um die alleinige Waffenträgerschaft im Staate entgegengekommen. Sie glaubte ihre Sonderstellung nun wahren zu können. Doch mit der Ausschaltung der SA setzte der Aufstieg der SS verstärkt ein. Die SS, die mit der Liquidierung Röhms und der SA-Führung beauft ragt worden war, hatte sich durch die bedingungslose Durchführung dieses Befehles für Hitler als bedeutsames Machtinstrument erwiesen und ihre Stellung gefestigt. Sie wuchs schließlich bis auf 38 Divisionen oder 910.000 Mann an, vgl. dazu Höhne: Der Orden unter dem Totenkopf, S. 427 und S. 499. 37  Vgl. Buchheim: Die SS – Das Herrschaftsinstrument, S. 13. 31

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aus Sicht der Zeitgenossen – eine Ersatzreligion nahelegen.38 Dies dürfte ebenfalls eine legitimierende Wirkung für Handlungsweisen im Sinne des Regimes entfaltet haben. Indem die Führergewalt ausdrücklich nicht aus der Staatlichkeit abgeleitet wurde, sondern dem Staat als eigenständiges Prinzip gegenübergestellt wurde, schwächte sie nachdrücklich die Akzeptanz und Gültigkeit der gesamten staatlichen Ordnung – bis hin zu ihrer teilweisen oder völligen Aufhebung.39

Innere Veränderung auf dem Weg in den Krieg Dieser Abschnitt widmet sich der inneren Transformation der Reichswehr und verdeutlicht anhand der Veränderungen in Aufbau, Selbstverständnis und Orientierung an Hitler den Übergang zum Werkzeug und Instrument der Umsetzung seiner machtpolitischen Zielvorstellungen. Einhergehend mit außenpolitischen Erfolgen kann so die Aufnahmebereitschaft für Aspekte der NS-Ideologie erklärt werden. Die Reichswehr leistete Hitler fortwährend Hilfestellung und bemerkte den sich längst simultan vollziehenden eigenen Machtverlust größtenteils nicht.40 Denn Hitler strebte nicht nur die sukzessive Gleichschaltung der Gesellschaft, sondern auch die Umwandlung der Reichswehr zu einem gefügigen Instrument an. Sie zählte jedoch zunächst zu den Gewinnern der nationalsozialistischen Machtübernahme, anfänglich weitgehend ohne äußere Eingriffe in ihren Aufgabenbereich.41 Angesichts der sich nun eröffnenden Karrierechancen42 ging kaum jemand auf Distanz zum Regime. Bis zum Ende des Krieges durchliefen dann auch etwa eine halbe Million Offiziere in ihrer Laufbahn das Heeresoffizierskorps.43 Mit steigendem Zuspruch der Massen erreichte Hitler zudem stetig größeres politisches Gewicht gegenüber der Reichswehr und bewirkte die »Unterordnung [der Armeeführung] unter die politische Führung des Landes«, also das Primat der Politik über das Militär.44 Zeitgleich setzte die bereitwillige Öffnung der Reichswehr gegenüber der NS-Indoktrinierung im Inneren ein. So wurde der weltanschauliche Unterricht in der Reichswehr eingeführt. Die Führung sorgte dafür, sich »frühzeitig und nachhaltig nicht nur als verlässliches Instrument der Reichsregierung, sondern auch [.] Hitlers zu präsentieren.«45 Blomberg selbst war es, der Hitler die Reichswehr zuführte.46 Sukzessive ließ er die mit der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht am 16. März 1935 als »Wehrmacht« bezeichnete Armee zu einer Säule NS-Deutschlands werden, überschätzte dabei aber die eigenen Möglichkeiten zur Schaffung eines partnerschaftlichen Systems aus den zwei Säulen Partei und Wehrmacht. Denn Hitler arbeitete in Wahrheit doch stets daran, das Militär ideologisch zu durchdringen.47 38

 Vgl. Müller: Nationalismus in der deutschen Kriegsgesellschaft 1939 bis 1945, S. 44.  Vgl. Buchheim: Die SS – Das Herrschaftsinstrument, S. 16. 40  Vgl. Buchheim: Das Dritte Reich, S. 17. 41  Vgl. Förster: Die Wehrmacht im NS-Staat, S. 21. 42  Vgl. Schmidt: Der Zweite Weltkrieg, S. 17. 43  Vgl. Kroener: Auf dem Weg zu einer »nationalsozialistischen Volksarmee«, S. 653. 44  Vgl. Graml: Die Wehrmacht im Dritten Reich, S. 369f. 45  Volkmann: Von Blomberg zu Keitel, S. 57. 46  Siehe Schäfer: Werner von Blomberg. 47  Vgl. Messerschmidt: Die Wehrmacht im NS-Staat, S. 49f. 39

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