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Im Auftrag der Landeshauptstadt Potsdam, Der Oberbürgermeister, Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte und der Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloss Branitz Direktoren und wissenschaftliche Gesamtleitung: Jutta Götzmann und Gert Streidt Die Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloss Branitz (SFPM ) wird gefördert vom B ­ eauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien auf Grund eines Beschlusses des D ­ eutschen Bundestages, vom Land Brandenburg und der Stadt Cottbus.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte biblio­grafische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Ver­wertung ­außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des V ­ erlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, ­M ikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD - ROM s, CDs, Videos, in weiteren ­elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen.

© Landeshauptstadt Potsdam, Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte; Stiftung ­Fürst-Pückler-Museum Park und Schloss Branitz; be.bra wissenschaft verlag GmbH und die Autoren Berlin-Brandenburg, 2014 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebrawissenschaft.de Redaktion: Dr. Jutta Götzmann, Dr. Iris Berndt, Uta Kaiser, Potsdam, und Beate Schneider, Branitz Lektorat: Matthias Zimmermann, Berlin Gesamtgestaltung: typegerecht, Berlin Schrift: DTL Albertina 10/13 pt Druck und Bindung: FINIDR , Cˇeský Teˇšín ISBN 978 -3 - 95410 - 035-4 www.bebra-wissenschaft.de

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Inhalt 5 Jann Jakobs / Frank Szymanski

Grußworte 9 Jutta Götzmann / Gert Streidt

Vorwort

E S SAYS

  13 Iris Berndt

Romantik und Realismus

Landschaftsmalerei der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Berlin

  21 Jutta Götzmann

Von Potsdam über Rom nach Neapel

Carl Gustav Wegener und sein besonderer Blick auf die Landschaft

  29 Beate Schneider

»Sehen, sehen und zeichnen, sehen und malen: das allein war sein Leben«

Die Cottbuser Sammlung Carl Blechen

  37 Uta Kaiser

Carl Gustav Wegener in der Tradition der Potsdamer Landschaftsmalerei vom 17. bis zum 19. Jahrhundert

  45 Oliver Max Wenske

Maltechnologische Beobachtungen an den a­ usgestellten Werken Carl Gustav Wegeners

  49 K ATA LO G 100 A N H A N G

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Abb. 1 | Carl Wiese | Porträt Carl Gustav Wegener | 1856 | Kreide und Kohle auf ­braunem ­Velinpapier | Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte (Kat. 1)

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Grußwort Romantik und Realismus im Dialog, unter diesem vielversprechenden Thema präsentieren das Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte und die Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloss Branitz in einer Kooperationsausstellung Schätze der Landschaftsmalerei aus ihren Häusern. Carl Blechen (1798 – 1840), bekanntester Sohn der Stadt Cottbus, und Carl Gustav Wegener (1812 – 1887), Freund des Potsdamer Ehrenbürgers Alexander von Humboldt und Hofmaler Friedrich Wilhelms IV., treten erstmalig gemeinsam auf. Carl Blechen war der Kunst seiner Zeit weit voraus. Bei seinen Zeitgenossen stieß er häufig auf Unverständnis. Seine Motive wie die gotischen Ruinen, Waldinnenräume, Einsiedler oder auch die expressiv dargestellten Bäume sind aus dem Geist der Romantik geschaffen. Ebenso wie 20 Jahre später für Wegener bildete eine Reise nach Italien einen Wendepunkt seiner künstlerischen Auffassung. Ihn faszinierten die Auswirkungen von Licht und Sonne auf die Farben in der Natur – ob Meer, heißer Sand oder kühles Grün – und er setzte die ihm verbleibenden Lebensjahre daran, seinem neuen Blick Ausdruck zu verleihen. Carl Gustav Wegener gilt bis heute als Entdecker der märki­ schen Landschaft. Seine Bilder zeichnen eine intensive Naturbeobachtung und Unmittelbarkeit der Anschauung aus: In seinen Landschaftsstudien, Seestücken, Stadt- und Dorfansichten ist selbst im flüchtigsten Pinselstrich der originelle Einfall sichtbar. Das akademisch Durchkomponierte lag ihm, ebenso wie Blechen, nicht. In der gelungenen Ausstellung, die nach einer ersten Station im Potsdam Museum 2015 in Cottbus gezeigt werden wird, kommen das Gemeinsame und das Singuläre beider Künstler zum Vorschein. Das 1909 gegründete Städtische Museum Potsdam besann sich bereits wenige Jahre nach seiner Entstehung auf einen der bedeutendsten Landschaftsmaler der Stadt Potsdam. 1918 gelangten durch die Initiative des Museumsgründers, Malers, Sammlers und Mäzens Fritz Rumpf und unterstützt durch den Kunsthistoriker Dr. Paul Heiland mehrere Gemälde und knapp 250 Ölstudien und Skizzen Wegeners aus dem Besitz seiner Erben an das Haus. Aus dem Nachlass Heilands kamen weitere Studien in die

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Sammlung. Abgesehen von dem schmerzlichen Verlust mehrerer großformatiger Gemälde überstanden die meisten Arbeiten Wegeners den Zweiten Weltkrieg unbeschadet. Der Ankauf bildkünstlerischer Werke von Wegener in Potsdam verlief in etwa parallel mit dem Erwerb von Gemälden, Ölstudien und Zeichnungen Blechens in Cottbus. Nach der Jahrhundertausstellung in Berlin im Jahr 1906 hatte seine Kunst eine erneute Anerkennung erfahren. Die Stadt Cottbus startete kurz darauf eine Initiative zum Ankauf seiner Bilder. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs konnten durch öffentlich eingeworbene Mittel über 20 Objekte aus dem Kunsthandel erworben werden; in den folgenden Jahren wuchs die Sammlung auf mehr als das Doppelte an. Auch Cottbus musste durch die Wirren des Zweiten Weltkriegs große Einbußen innerhalb der städtischen Sammlung hinnehmen. Der bis heute nichtsdestotrotz beachtliche Bestand von Werken Blechens in Cottbus, seit 1955 in Schloss Branitz präsentiert, bietet einen intensiven Einblick in alle Schaffensperioden dieses für die Entwicklung der Landschaftsmalerei seit dem 19. Jahrhundert wegweisenden Künstlers. Mit der gemeinsamen Werkschau zweier der bedeutendsten Maler aus dem Land Brandenburg zeigt sich die Landeshauptstadt Potsdam einmal mehr als ein Ort der Kunst. Ich danke Frau Dr. Jutta Götzmann, Direktorin des Potsdam Museums – Forum für Kunst und Geschichte, Herrn Gert Streidt, Direktor der Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloss Branitz, unterstützt durch Frau Dr. Iris Berndt, seit Februar 2014 Leiterin des Käthe-Kollwitz-Museums in Berlin, für die Vorbereitung und Durchführung dieser spannenden Ausstellung. Ich wünsche den Häusern in Potsdam und Cottbus viele interessierte Besucher!

Jann Jakobs Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Potsdam

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Grußwort Die Carl-Blechen-Sammlung der Stadt Cottbus umfasst über 70 Arbeiten aus allen Schaffensphasen des Künstlers, darunter 38 Gemälde. Damit verfügt die Stadt neben den Beständen in

der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Akademie der Künste in Berlin über die drittgrößte Sammlung von Werken des 1798 in Cottbus geborenen Künstlers. Schon seit über 100 Jahren engagiert sich Cottbus für das Werk Carl Blechens. Es war der damalige Oberbürgermeister Paul Werner, der am 13 . Oktober 1913 der Cottbuser Stadtverordnetenversammlung vorschlug, eine eigene Carl-BlechenSammlung zu begründen und damit einen großen Sohn der Stadt zu ehren. Nur eine Woche später reiste Werner selbst zu einer Kunstauktion nach Berlin und brachte einige Aquarelle und Ölskizzen mit. Bezahlen konnte die Stadt die Erwerbungen mit angesammelten Überschüssen der Cottbuser Stadtwerke. Paul Werner lag die Entwicklung und Förderung der städtischen Kultur sehr am Herzen. Bereits 1905 initiierte er gemeinsam mit Stadtverordneten den Beginn der Planung des von Ernst Bernhard Sehring erbauten und am 1. Oktober 1908 eröffneten heutigen Staatstheaters – längst ein Wahrzeichen von Cottbus. Infolge von Schenkungen und weiteren Erwerbungen im Kunsthandel wuchs die Blechen-Sammlung rasch. Oberbür-

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germeister Werner ging auch nach Ende seiner Amtszeit 1914 im Kunsthandel auf Pirsch und setzte sein Privatvermögen zur Mehrung der Sammlung ein. Als während des Ersten Weltkriegs und der Nachkriegsjahre die Sammeltätigkeit stagnierte, bestand die Cottbuser Sammlung bereits aus 20 Werken. Lange suchte man nach dem richtigen Ort für die Präsentation der Sammlung. Blechens Bilder wurden zunächst im historischen Rathaus auf dem Altmarkt gezeigt, auch in Amtsstuben und im Büro der Oberbürgermeister. Auf Initiative des Cottbuser Kunstvereins konnte im Städtischen Museum 1929 ein eigener, wenn auch beengter Ausstellungsraum mit den Werken Carl Blechens eingeweiht werden. 1943 erfolgte die Auslagerung der Bestände zusammen mit wichtigen Archivalien in ein Gutshaus in der Nähe von Cottbus. Entgegen den Erwartungen erlitt auch dieses Haus Kriegsschäden. 14 Werke gingen auf diese Weise verloren. Nach dem Krieg konnten die verbliebenen Gemälde in der Berliner Nationalgalerie restauriert werden. Paul Ortwin Rave, Nestor der Blechen-Forschung und Direktor der Natio­ nalgalerie, empfahl die Präsentation der Sammlung im seit 1946 als städtisches Museum eingerichteten Branitzer Pückler-Schloss. Rave wies in diesem Zusammenhang auf die enge kultur- und kunsthistorische Verbindung des Schaffens von

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Carl Blechen und Hermann Fürst von Pückler-Muskau als »Meister der Landschaft« hin. Aber erst mit der Ausstellung der Werke Carl Blechens im Schloss Branitz seit 1955 war eine kontinuierliche fachliche Betreuung und Bearbeitung des Bestandes möglich. Seitdem ist die Cottbuser Carl-Blechen-Sammlung, auch mit Werken seiner Schüler und Künstlerkollegen, stetig erweitert worden. Zu den Sternstunden zählte der Erwerb zweier Schlüsselwerke Blechens: 2010 konnte ein großformatiges Frühwerk, die »Landschaft mit Eremit«, durch die Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, der Hermann Reemtsma Stiftung und der Sparkasse Spree-Neiße angekauft werden. 2012 gelang der Erwerb eines späten Selbstbildnisses Blechens durch die Ernst von Siemens Kunststiftung. Die Carl-Blechen-Sammlung der Stadt ist ein herausragendes Beispiel sowohl für kluge und weitsichtige Stadtpolitik als auch für bürgerschaftliches Engagement. Kunstbegeisterte Bürgerinnen und Bürger ebenso wie Kommunalpolitiker, Fachleute, Mäzene und Sponsoren, die sich für die Entwicklung der Cottbuser Carl-Blechen-Sammlung eingesetzt haben, erwarben sich bleibende Verdienste um den Ruf von Cottbus als Kulturstadt. Diese Stärke unserer Stadt wollen wir bewahren und ausbauen.

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Im 200. Geburtsjahr von Carl Blechen, 1998, gründete sich aus dem ehemaligen Freundeskreis »Carl Blechen«, die Carl Blechen Gesellschaft in Cottbus. Ihr Ziel ist es, das künstlerische Werk des Landschaftsmalers in einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen, die kunsthistorische Beschäftigung mit der Persönlichkeit des Künstlers zu fördern und die Entwicklung der Sammlung umsichtig zu unterstützen. Ich freue mich sehr, dass nun erstmals ein »Dialog« von Blechens Werken mit einem Hauptmeister der Potsdamer Landschaftsmalerei des 19 . Jahrhunderts, Carl Gustav Wegener, möglich ist, und danke Frau Dr. Jutta Götzmann und Herrn Gert Streidt herzlich für die Initiative zu dieser Ausstellung. Für die erste Station der Ausstellung könnte ich mir keinen schöneren Rahmen vorstellen als das Potsdam Museum neben dem neuen brandenburgischen Landtag in Potsdams historischer Mitte.

Frank Szymanski Oberbürgermeister der Stadt Cottbus

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Abb. 2 | Carl Blechen | Selbstbildnis mit Palette | um 1837 | Öl auf Holz | Leihgabe der Ernst von Siemens Kunststiftung an die Stiftung Fürst-Pückler-Museum (Kat. 2)

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Vorwort Zum Thema der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts haben sich zwei Museen im Land Brandenburg zu einer Kooperation der besonderen Art verbunden, denn die Basis ihrer Zusammenarbeit gründet sich auf den Aufbau zweier bedeutender städtischer Kunstsammlungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die über das Kunstinte­ resse und das Engagement ihrer Bürger hinaus zahlreiche Bezüge ermöglichen. Das Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte besitzt unter seinen zahlreichen Künstlernachlässen den umfangreichsten Bestand an Aquarellen, Gemäldestudien und Handzeichnungen zu Carl Gustav Wegener (1812 – 1887), einem aus der Prig­ nitz gebürtigen Künstler. Im unmittelbaren Anschluss an seine Berliner Studienzeit wählte Wegener Potsdam zu seinem künstlerischen Lebensmittelpunkt. Der 1918 von den Erben des Künstlers übernommene Nachlass konnte durch weitere Ankäufe und Schenkungen auf einen Umfang von 347 Werken vervollständigt werden. Die Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloss Branitz bewahrt einen der größten Sammlungsbestände zum gebürtigen Cottbusser Künstler Carl Blechen (1798 – 1840). Der Aufbau dieser städtischen Sammlung hat 1913 in besonderer Vorausschau der hervorragenden Bedeutung des Malers begonnen und umfasst mit den aktuellen Erweiterungen heute über 70 Werke Blechens und darüber hinaus zahlreiche Arbeiten seiner Künstlerkollegen und Schüler. Die Ausstellungskooperation konnte verwirklicht werden, weil erstmals seit Jahrzehnten die Sammlung Carl Blechen auf Reisen gehen kann. Den Anlass dazu bietet die Erste Brandenburgische Landesausstellung

Vorwort

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2014 in Schloss Doberlug, die mit einer Partnerausstel-

lung im Branitzer Schloss zum Niederlausitzer Adel verbunden wird. Das Potsdam Museum mit seinen großartigen neuen Ausstellungsräumen neben dem neuen Brandenburger Landtag bietet einen würdigen Rahmen für diese Kooperation 2014 . Im Sommer 2015 werden die Cottbuser ihren Carl Blechen im Dialog mit dem Werk Carl Gustav Wegeners sehen können. Die gemeinsame Präsentation der Künstler in beiden Städten im Land Brandenburg hat über die kulturpolitische Bedeutung hinaus ihren besonderen Reiz, denn sie lässt unter den epochalen Begriffen »Romantik und Realismus« einen künstlerischen Dialog entstehen, der von unterschiedlichen Positionen und dennoch verbindenden Gemeinsamkeiten geprägt ist, der kunstgeschichtliches Neuland betritt und für die Ausstellung vor allem eins verspricht – einen großen Spannungsbogen und die Möglichkeit zur Entdeckung und Diskussion. Die größte Divergenz herrscht in Bezug auf den Bekanntheitsgrad der Künstler: Carl Blechen zählt unbestreitbar zu den herausragenden Landschaftsmalern seiner Zeit, er vermochte innere Stimmungen und Gefühlswelten als bildliche Ausdrucksmittel zu verwenden. Unter der Verarbeitung von Natureindrücken sind seine Werke Gefühls- und Seelenlandschaften, die vorrangig der Romantik zuzuordnen sind. Mit seiner besonderen Gewichtung des Lichts ist er aber auch dem Realismus verbunden und zielt weit über seine Zeit hinaus. Auf einem anderen qualitativen Niveau ist Carl Gustav Wegener zu nennen; er war Hofmaler Friedrich Wilhelm IV. und von den Zeitgenossen sehr geschätzt, geriet aber

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schon in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zunehmend in Vergessenheit. Wegener lässt sich als diesseitige Künstlernatur beschreiben, die stärker dem Realismus zuzuordnen ist. Und dennoch vermochte Wegener auch stimmungsvolle, impressionistische Natureindrücke umzusetzen, besonders in seinen Pleinair-Ölstudien. Die Ausstellung setzt bei beiden Künstlern die besondere Gewichtung auf Ölskizzen, Handzeichnungen und Studien, die als unmittelbarer, künstlerischer Ausdruck die jeweilige intuitive Kraft und geistige Erfindung, die inventio, spüren lassen, jenseits der Atelierausführung. Im unmittelbaren Dialog treten sich beide Künstler im Rundraum des Potsdam Museums und im Kabinettraum des Branitzer Schlosses gegenüber und lassen in ihren Werken überraschende verbindende Ansätze erkennen. Auch die übrige Ausstellung, die in einzelne Stationen und thematische Werkserien der Künstler Blechen und Wegener gegliedert ist, lässt Berührungspunkte aufkommen: über die Berliner Akademiezeit und die gemeinsame Beteiligung an zahlreichen Berliner Akademieausstellungen, aber auch über dieselben Potsda-

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mer Sammler, wie den Zuckerfabrikanten Ludwig von Jacobs. Des Weiteren lassen sich biografische Parallelen über die künstlerische Tätigkeit in Potsdam in den 1830er Jahren anführen. Beide Künstler zeichnen sich durch ihre Italiensehnsucht und die künstlerisch prägenden Aufenthalte in Rom, Neapel und an der Amalfiküste aus – jedoch um fast 20 Jahre zeitlich versetzt. Ein schönes Nebenergebnis der Recherchen und der vorbereitenden Arbeiten zur Ausstellung war, dass durch neu bekannt gewordene Details zur Italienreise Carl Gustav Wegeners große Ähnlichkeiten in den Reiserouten beider Maler festgestellt werden konnten. Beide Künstler widmeten sich mit besonderer Intensität biblischen Themen, wie beispielsweise ihre Versionen des Eremiten vor der Höhle belegen. Die Ausstellung versucht, auch mittels vorliegendem Katalog, die beiden städtischen Kunstsammlungen im Land Brandenburg einem breiten Publikum näherzubringen und neue Ansätze in der Bearbeitung aufzunehmen. Die Vorbereitung und Umsetzung dieses anspruchsvollen Ausstellungsprojektes an zwei Standorten konnte

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nur im Team ermöglicht werden. So geht zunächst unser ganz besonderer Dank an die Impulsgeberin Dr. Iris Berndt, die im Auftrag der Pückler-Stiftung seit geraumer Zeit mit der Neuaufstellung der Blechen-Sammlung in Cottbus befasst ist. Auf Grundlage ihrer besonderen Kennerschaft der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts gab sie den Anstoß zum Titelthema und verfasste den umfangreichen Überblicksessay im Katalog. Als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen ergänzten Uta Kaiser, wissenschaftliche Volontärin im Potsdam Museum, und Beate Schneider, Sammlungsleiterin der PücklerStiftung in Branitz, das Ausstellungsteam. Ihnen sind wissenschaftliche Recherchen und die umfangreiche Begleitung der Ausstellungs- und Katalogvorbereitung zu verdanken, ebenso wie zwei kenntnisreiche Beiträge im Katalog. Mit einem mehrmonatigen maltechnologischen Recherche- und Restaurierungsprojekt zu Carl ­Gustav Wegener war der Potsdamer Museumskonservator Oliver Max Wenske beschäftigt, der zahlreiche neue Ergebnisse zur Arbeitsweise Wegeners für den Katalog eingebracht hat. Den genannten wie allen übrigen Mit-

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arbeitern der beiden Projektteams sei für ihren Einsatz herzlich gedankt. Die überzeugende Ausstellungsgestaltung und Grafik übernahm Enrico Oliver Nowka, die gelungene Gestaltung und Produktion des Katalogs der be.bra wissenschaft verlag. Die Ausstellung lädt alle Besucherinnen und Besucher ein, sich in die Welt der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts zu begeben, Bekanntes wiederzusehen und Neues zu entdecken. Wir wünschen der Ausstellung an beiden Orten gutes Gelingen und Ihnen beim Besuch der Ausstellung und des umfangreichen Rahmenprogramms einen besonderen Kunstgenuss.

Dr. Jutta Götzmann Direktorin Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte Gert Streidt Direktor Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloss Branitz

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Abb. 3 | Carl Blechen | Felslandschaft mit einem Einsiedler (Detail) | 1822 | Öl auf ­Leinwand | Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloss Branitz (Kat. 51)

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Iris Berndt

Romantik und Realismus Landschaftsmalerei der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Berlin Zeitgenossen Carl Blechens nannten seine Gemälde »poetisch«, »originell«, »eigentümlich« oder priesen die »schauerliche Romantik« in ihnen.1 Der Ausdruck »romantisch« war noch recht jung. Je länger Blechens Wirken zurücklag, desto eher wurde das Realistische in seiner Kunst gesehen, von Theodor Fontane beispielsweise, von Max Liebermann oder auch von Hugo von Tschudi, der Blechen als »Menzel vor Menzel«2 sah. Das sagt zunächst mehr über die Nachgeborenen, die mit den Augen neuerer Stile wie etwa des Impressionismus auf ihn schauten. Die letzte große Blechen-Ausstellung 1990 in Berlin ging dem nach und hieß daher auch »Carl Blechen. Zwischen Romantik und Realismus«.3 Romantik und Realismus als zwei Pole von Blechens Kunst und von Landschaftsmalerei in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts? Dabei sind Romantik und Realismus keine Stile wie die Gotik oder der Barock. Sie werden als Kunstepochen bezeichnet, die in Literatur, Bildender Kunst und Musik nacheinander hereinbrachen. So gelten beispielsweise August Wilhelm Schlegel, der um 1800 Shakespeare übersetzte, ebenso wie Richard Wagner mit »Tannhäuser« und »Ring des Nibelungen« mehr als ein halbes Jahrhundert später gleichermaßen als Romantiker. Literatur, Musik und Malerei beeinflussen einander, sodass etwa

Romantik und Realismus

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Malerei Geschichten erzählt und Musik Literatur erklingen lässt. Grenzen gilt es zu überwinden: die zwischen Gattungen, die zu vergangenen Zeiten, denen man sich intensiv zuwendet, und auch die zu Dunklem, Problematischem. Vereinfacht ausgedrückt gehen Romantiker vom Gefühl aus, und zwar nicht allein von einem sinnlichen, sondern einem geistigen. Schon Friedrich Schlegel, der das Romantische bestimmen wollte, schrieb darüber 125 Manuskriptseiten und fand es noch immer zu ungenau.4 Vereinfacht kann man sagen, dass der Realist von der Welt ausgeht, wie sie ist. Da dies jedoch auch nur die Welt sein kann, die er wahrnimmt, liegt schon hier eine Fußangel unseres Verständnisses dieser beiden Begriffe. Denn auch der Romantiker schaut auf die Wirklichkeit um ihn, verarbeitet diese und sucht nach Antworten auf ihn bewegende Fragen. Und doch lässt sich erkennen, wer ein Romantiker und wer ein Realist war? In der Konzentration auf Carl Blechen und Carl Gustav Wegener liegt die Chance des Vergleichens. Auf diese Weise lässt sich etwas von dem fassen, was mit Romantik und Realismus in der Landschaftskunst gemeint ist. Zunächst gilt es jedoch, beide im Berlin jener Zeit und in der Berliner Landschaftsmalerei einzuordnen.

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Berliner Landschaftsmalerei zwischen 1815 und 18405 Carl Blechen wurde 1798 in Cottbus geboren. Er kam 1814 als 16 -Jähriger aus Cottbus nach Berlin, wo er erst allmählich dem ungeliebten Bankkaufmannsberuf entwuchs und 1822 den künstlerischen Aufbruch wagte, indem er sich als Schüler an der Berliner Akademie eintrug. Im Jahr darauf unternahm er als freier Künstler eine erste Reise und debütierte 1824 auf der Berliner Akademie-Ausstellung.6 Blechens Jugend im preußischen und von 1806 bis 1812 sächsischen Cottbus war durch Truppeneinquartierungen und -durchzüge geprägt.7 Die sächsische Besatzung festigte den preußischen Patriotismus geradezu, weshalb es nicht wundert, dass Blechen 1821 auch ein Jahr als Freiwilliger in Berlin diente. Dagegen hat Wegener die Befreiungskriege nicht mehr bewusst erlebt. Carl Gustav Wegener war fast eine Generation jünger, er wurde 1812 in der Prignitz geboren. Spätestens 1830 kam er nach Berlin, wo er die Akademie besuchte. Seit 1836 stellte er auf der Berliner AkademieAusstellung aus.8 Dies war auch die Zeit, in der Blechen aus »gesundheitlichen Gründen« von seiner Lehrtätigkeit an der Akademie, die er seit 1831 ausübte, »beurlaubt« wurde. Übrigens ist unter den nahezu 100 zwischen 1831 und 1836 bei Blechen eingeschriebenen Schülern Wegeners Name nicht zu finden.9 Wegener ging nicht in den Fußstapfen Blechens. Für ihn und seinen Wechsel nach Potsdam dürfte die Wertschätzung durch den Kronprinzen und späteren König Friedrich Wilhelm IV., den »Romantiker auf dem Preußenthron«, wesentlich gewesen sein. Blechen starb bereits 1840 in Berlin, ohne seine Tätigkeit noch einmal aufgenommen zu haben. 1841 war das Todesjahr Schinkels. Er war die überragende Persönlichkeit der Berliner Kunst. Jahrgang 1781 und aus Neuruppin stammend, hat er, als es die Mutter mit den Kindern nach dem Neuruppiner Stadtbrand

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nach Berlin verschlug, die Niederlage von 1806 und den patriotischen Aufbruch 1812/13 intensiv miterlebt und gestaltet. Er wurde für die romantische Richtung der Malerei, die in der Literatur mit Adalbert von Chamisso, Clemens Brentano oder E.T.A. Hoffmann vielfältig verknüpft ist, der Mittelpunkt.10 Die Träume von nationaler Einheit und Gerechtigkeit, die mit diesem Aufbruch verbunden waren, gehören unbedingt zur RomantikerGeneration und verbinden Schinkel eng mit dem 17 Jahre jüngeren Blechen: Das waren Ideale, die schon ab 1819 zerrüttet wurden. Der Realist, der die Welt so nimmt wie sie ist, kann auch von seinen Idealen leichter Abschied nehmen bzw. entwickelt sie gar nicht erst in demselben Maße. Für diesen Zeitraum vom Wiener Kongress 1815 bis zur Märzrevolution 1848 hat sich die Bezeichnung Biedermeier eingebürgert. Ein leicht tadelnder Begriff aus der politischen Geschichte, der zusammenfasst, woran sich Romantiker rieben: Zensur, Verfolgung, Restauration, Kleinstaaterei und in Folge dessen: kleinliches Denken. Dies ereignete sich in einer Zeit der Zuzüge und des Wachstums, der frühen Industrialisierung und eines zunehmenden Tempos – 1838 fuhr die erste Eisenbahn in Preußen zwischen Berlin und Potsdam – sowie zugleich der Verschärfung sozialer Gegensätze. Es wurde unromantisch in dieser von Teuerungen, Hungersnöten und zunehmender Mobilität geprägten Welt. Die Generation, die in den Befreiungskriegen mitgekämpft hatte, traf die zunehmende Konsolidierung besonders hart. Ihre Befreiungsidee war auch eine von mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft gewesen, nicht nur die einer nationalen Befreiung durch einen äußeren Gegner. Überwogen deshalb in den 1830 er Jahren die Abendbilder der Landschaftsmaler im Vergleich zu den Morgenbildern aus dem Jahrzehnt vor 1815? Ist die Landschaft als Bildthema nicht überhaupt ein schöner Fluchtort angesichts unübersehbarer sozialer Gegenwartsprobleme?

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Abb. 4 | Karl Friedrich Schinkel | Mittelalterliche Stadt an einem Fluss | 1815 | Öl auf Leinwand | Staatliche Museen zu Berlin – ­Preußischer Kulturbesitz, Alte Nationalgalerie

Schinkel war als Maler Autodidakt. In die Zeit um 1804 fielen seine ersten Gemälde. Erst seit dem Neuauf-

bau des abgebrannten Schauspielhauses wurde er immer stärker als Architekt gefordert und als solcher der bedeutendste Baumeister des Klassizismus in Preußen. Nicht zuletzt durch ihn erhielt die Berliner Architekturmalerei – eine Spezialität der Berliner Kunst in jenen Jahren  – immer neue Themen. Sie dokumentierte die klassizistischen oder neogotischen Neubauten in der Stadt. Überhaupt war die Berliner Landschaftsmalerei zunächst recht nüchtern. Sie war durch den Kunstge-

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schmack König Friedrich Wilhelms III. bestimmt, der detailgetreue Prospektmalerei förderte und etwa Wilhelm Barth mit einer Reihe von Prospekten preußischer Städte und königlicher Schlösser beauftragte. Das Fach Landschaftsmalerei wurde erst 1789 an der Akademie eingerichtet.11 Von da an bis zu seinem Tod 1831, also über 40 Jahre, hatte Peter Ludwig Lütke die Professur inne. In seiner Malerei orientierte er sich bis zuletzt an den Landschaften Jakob Philipp Hackerts, sein Stil ähnelt dem Barths. Carl Blechens Malerei steht recht vereinzelt in der Berliner Kunst dieser Jahrzehnte. Aber sie knüpft an die Mittelalterbegeisterung der Berliner Kunst an, in deren Mitte ebenfalls Schinkel stand. In der Landschaftskunst verbinden wir Berlin weitaus weniger mit Romantik als etwa Dresden, wo Caspar David Friedrich für jeden

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Abb. 5 | August Wilhelm Schirmer | Aussicht von einer Terrasse der Villa d’Este | 1833 | Öl auf Leinwand | Potsdam, Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg

einleuchtend als Romantiker bezeichnet wird. Friedrichs Glaube an die Natur als eine Art Sprache führte ihn zu Gemälden, die hinter der Darstellung einer schönen Landschaft, die beobachtet oder aus Beobachtetem komponiert ist, eine zweite, ganz andere Botschaft verstecken. In dieser zweiten Ebene geht es um menschliche Endlichkeit, Tod und Hoffnung, um Demut und das göttliche Prinzip Natur. Damit ist ein weiterer Wesenszug des Romantischen beschrieben. Weil Blechen so originell, neuartig in die Berliner Kunst wirkte, zumal nach seiner Italienreise mit seinen Skizzen, sprach man ihm 1831 nach Lütkes Tod die Professur für Landschaftsmalerei an der Berliner Akademie zu. Schinkel hatte ihn empfohlen, wie schon einmal 1824 für das Königsstädtische Theater als Dekorationsmaler. Übrigens hatten sich etwa auch der erwähnte Prospektmaler Friedrich Wilhelms III., Wilhelm Barth, und auch Friedrich August

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Wilhelm Schirmer beworben. Der Senat blieb jedoch bei seinem Votum für Blechen. Als Blechen 1836 erkrankte, vertrat ihn Carl Krüger. Er gehörte in diesen Jahren zum engen Schülerkreis Blechens, sein rascher Pinselduktus und seine poetischen Bildthemen sind denen Blechens auf den ersten Blick zum Verwechseln ähnlich. Doch nicht Krüger, sondern Friedrich August Wilhelm Schirmer12 erhielt 1838 in Vertretung und 1840 nach Blechens Tod ganz die Professur.13 Wer sich in Schirmers Gemälde vertieft, merkt rasch, dass ihm hier hinter den dargestellten Dingen nicht noch eine zweite Dimension angeboten wird. Sorgfältig komponiert und gewählt in der Farbigkeit gerät alles ein wenig zu dekorativ, Kennzeichen von etwas, das man Spätromantik nennen könnte. Schirmer war Berliner und nur vier Jahre jünger als Blechen. 1816 begann er als Schüler und bald als Maler der Porzellanmalerei in der Berliner Porzellanmanufaktur und bildete sich nebenher ab 1821 an der Akademie als Schüler Lütkes weiter. Er genoss die Gunst, seine Italienreise 1827 bis 1830 nicht wie Blechen vom Erlös eines verkauften Gemäldes, sondern durch ein Stipendium des preußischen Königs finanzieren zu können. Der Kronprinz, der spätere König Friedrich Wilhelm IV., ließ sich in seinen Landschaftszeichungen von Schirmer inspirieren und Schirmer wiederum ging auf den höfischen Geschmack ein. Friedrich Wilhelm beeinflusste mit seinem Votum für Schirmer den akademischen Senat in seiner Entscheidung. Auch der Berliner Kunsthistoriker Franz Kugler, heute besonders bekannt durch die Herausgabe seiner Geschichte Friedrichs des Großen, die Menzel illustrierte, hatte sich stark für Schirmer eingesetzt.14 Mit solchen Besetzungen wurden Konstellationen verfestigt und nicht zuletzt auch politische Richtungen vorgegeben, die dann auf Jahre über den Erfolg von Künstlern entschieden.15 Die Blechen-Schüler verstreuten sich oder passten sich dem Neuen an. Der junge Wegener wählte die Richtung Schirmers.

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Romantik oder Realismus? War derjenige, der sich angesichts vieler anderer Themen der Zeit nach 1815 der Landschaftsmalerei verschrieb, schon an und für sich ein heilloser Romantiker? Die Betrachtung einer kleinen Auswahl an Gemälden aus jenen Jahrzehnten zeigt die geistige Spannbreite innerhalb der Landschaftskunst: Schinkels Darstellung einer mittelalterlichen Stadt ist der Entwurf eines gesellschaftlichen Idealbildes (Abb. 4). Ein Herrscher reitet auf seine Burg, die sich am linken Bildrand erhebt. Die Bürger der Stadt eilen dem Herrscher zur Begrüßung entgegen. Der unvollendete Dom erinnert an den Kölner Dom, die Gotik an die nationale Architektur. Die Unwetter der napoleonischen Besatzung haben sich verzogen, ein Regenbogen ist sichtbar. Nur ein Eremit ganz unten am Bildrand beteiligt sich nicht an diesem freudigen irdischen Treiben. Blechen antwortet mit seinem frühen Hauptwerk, der »Felslandschaft mit einem Einsiedler« (Abb. 3 , Kat. 51).16 Indem er diesen Einsiedler zur Hauptfigur macht, den Fels Grimassen schneiden lässt, eine abgebrochene Kiefer in die Bildmitte setzt, ist alles patriotische Pathos verflogen. Der gewünschte Einklang mit dem Weltganzen ist nur noch büßend in der Abgeschiedenheit zu erlangen: Bilddetails, die nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, ermöglichen hier eine Deutung. August Wilhelm Schirmer setzt drei große, wohlgebaute und unbeschädigte Pinien, die sich symmetrisch zu einem großen Schirm vereinen, in die Mitte des Bildes (Abb. 5). Links ist der Ausblick in die Umgebung Tivolis, rechts der Blick in die kühlen Fontänen des Parks möglich. Hauptmotiv ist die durchsonnte Terrasse, wo zwei Italienerinnen einem Mandolinenspieler lauschen. Die Bildzeichen des Sehnsuchtslandes Italien sind bekannt, deshalb beginnt der Betrachter nicht nach hintergründigen Botschaften zu suchen.

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Abb. 6 | Carl Blechen | Walzwerk bei Neustadt-Eberswalde | nach 1830 | Öl auf Holz | Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kultur­besitz, Alte Nationalgalerie

Carl Gustav Wegener17 zeigt die Milvische Brücke bei Rom in einer üppig begrünten Landschaft, die eher an märkische, gut mit zwischenzeitlichen Regenschauern bedachte Sommer erinnert (Kat. 52). Ein Weg führt in die Tiefe, dort treibt ein Reiter seine Herde, Staub wirbelt auf. Malt Wegener hier seine Hoffnung auf eine Italienreise? Erst 1847 gelang ihm deren Verwirklichung. Blechens Walzwerk18 wurde immer wieder als frühes Industriebild gewürdigt, obwohl es genau genommen eher eine Landschaft mit einer Industrieanlage ist (Abb. 6). Industrie faszinierte, die Hammer- und Walzwerke entlang der Finow bei Neustadt-Eberswalde waren das Besichtigungsziel der Gäste des nahe gelegenen Kurbades. Insofern folgte Blechen hier dieser Spur. Er setzt jedoch durch Bildsymbole Fragen in die Darstellung: Der goldige Himmelston wird vom Schornstein verdüstert, die Bäume sind mager belaubt, Fischer versuchen, auf

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Abb. 7 | Adolph Menzel | Blick auf die Berlin-Potsdamer ­Eisenbahn | 1847 | Öl auf Leinwand | Staatliche Museen zu Berlin – ­Preußischer Kulturbesitz, Alte Nationalgalerie

der Freiarche auszufahren. Hinter der Faszination für das Neue sind Zweifel formuliert. Es gilt sehr genau hinzusehen, um zwischen vom Maler bewusst komponierten oder beliebig gesetzten Bildsymbolen zu unterscheiden. Bilddetails, die irgendwie verstörend in dem Bild stecken und nicht zu ihm zu passen scheinen, sind etwa bei Caspar David Friedrich ein Kreuz am Meer, das Symbol seiner Hoffnung.

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Hoffnung sind für Blechen die Fischer, die er am Golf von Neapel in das Blau aufbrechen lässt, oder der Eremit, der nachdenklich innehält. Man wird zu einem Gemälde des Malers noch weitere besehen müssen, dann erst lässt sich romantische Geisteshaltung sicher erkennen. Bei Schinkel und Blechen wird man hinter dem zunächst Sichtbaren eine zweite Botschaft enträtseln können, bei den übrigen hier beschriebenen Gemälden wird man nichts finden. In dem großen, schier unübersehbaren Feld des Romantischen gibt es in der späteren Phase dann Platz für Künstler wie Schirmer und Wegener. Ganz anders Adolph Menzel, Jahrgang 1815 und aus Breslau nach Berlin gekommen. Er begeis-

Iris Berndt

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terte sich für alles Neue, den kühnen Gleisbogen beispielsweise (Abb. 7). Eine vertiefte Bedeutung ist in dem aufsteigenden Rauch der Lokomotive nicht zu suchen, es spricht aus ihm eine freudige Lebensbejahung der nun möglichen Beschleunigung und dadurch neuartigen Wahrnehmung. Für diese Schlussfolgerung wurde auch das sonstige Werk Menzels zu Hilfe genommen, das keine Mönche als Außenseiter der Gesellschaft bevölkern. Menzels Blick ist mit Interesse auch auf die neu entstehende Klasse, die diesen ganzen Dampf und die Bewegung in Gang setzte, gerichtet – nur so ist sein späteres berühmtes Gemälde vom Eisenwerk zu verstehen. Und Blechens Walzwerk? Blechen ging 1830 über das Gelände, er ging nicht hinein zu den Arbeitern, aber er notierte seine genauen Beobachtungen im Raum, wo sich Landschaft und menschliche Industrie begegneten, darin war er ein realistischer Beobachter. Er stellte mit Bildzeichen Fragen, darin war er mal wieder der Roman-

tiker unter den Realisten. Fragen sucht man auf Menzels Darstellung der Eisenbahn vergeblich. Die Biografie und das Werk der Künstler wurde gleichermaßen erkundet, immer bemüht, das Romantische oder das Realistische zu beschreiben. Zuletzt noch ein Wort zu den ganz unterschiedlichen Arten von Kunstwerken, auf die wir stießen. Diskutiert wurden – abgesehen von den beiden Industriebildern  – vor allem Programmwerke, ausgeführte Gemälde, die auf Ausstellungen präsentiert wurden. Daneben aber fertigten die Künstler Studien in der Natur oder als Erinnerung an ihre Natureindrücke. In diesen Studien sind sich Blechen und Wegener am nächsten, hier eröffnet der Vergleich überraschende Einblicke. Hier eint beide ein Blick für das Unscheinbare, scheinbar Nebensächliche. Nur wer genau hinsieht, wird auch hier das Besondere eines jeden der beiden wahrnehmen. In ihren ausgeführten Gemälden dagegen trennt sie ein Generations- und Zeitenumbruch.

Anmerkungen Rave 1940, S. 6, 10 f. Ausst.-Kat. Blechen 1990, S. 9. Vgl. Ausst.-Kat. Blechen 1990. So Friedrich Schlegel in einem Brief an seinen Bruder im ­November 1797, zitiert nach: Kleßmann 1991, S. 12. Vgl. Börsch-Supan 1988, S. 74 – 86. Vgl. Ausst.-Kat. Blechen 1990, Chronik S. 282 – 292, oder auch zusammenfassend Börsch-Supan 1988, S. 376 – 378. Vgl. Kern 1911, S. 5 – 8. Vgl. Ausst.-Kat. Akademie 1971, Registerband, S. 94 . Vgl. PrAdK 422 (Berichte über die Landschafts-, Zeichen- und Malklasse 1815 – 1867), fol. 19 – 48. Vgl. Börsch-Supan 2010, u. a. S. 51 – 61 sowie die Ausführungen über die Entstehungsgeschichte des Motivs »Felsenschloß am Ufer eines Flusses« S. 393 – 396. Vgl. über die Führungsrolle Schinkels

in der Berliner Malerei jener Jahre auch explizit Börsch-Supan 1988, S. 77 f. und S. 204 – 207. Vgl. Börsch-Supan 1988, S. 378 – 381. Vgl. Ausst.-Kat. Schirmer 1996, S. 120 ff. Vgl. PrAdK 2 (Lehrer der Akademie und ihrer Institute 1802 – 1862), fol. 104 , 140 f., PrAdK 193 (Unterricht im Landschaftszeichnen 1826 – 1856), fol. 11 – 41. Vgl. PrAdK 193 , fol. 34 ff. Vgl. zu den Akademien auch Mai 2010, darin vor allem den Abschnitt: Berlin und Kugler. Die Akademie im Zeichen staatlicher Kunstverwaltung, S. 176 f. Vgl. Börsch-Supan 2010. Ausführliche Literaturangaben zu Carl Gustav Wegener siehe den Beitrag von Jutta Götzmann S. 20 – 27. Vgl. Berndt 2002.

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Romantik und Realismus

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Abb. 8 | Carl Gustav Wegener | ­Italienische Landschaft II | o. J. | Öl auf Papier | Potsdam Museum – ­Forum für Kunst und Geschichte (Kat. 90)

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Iris Berndt

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Carl Blechen und Carl Gustav Wegener im Dialog (Leseprobe)  

Carl Blechen (1798–1840) zählt zu den herausragenden Landschaftsmalern des 19. Jahrhunderts. Er vermochte mit bildlichen Ausdrucksmitteln ro...

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