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G erd W. L utze

Naturräume und Landschaften in Brandenburg und Berlin Gliederung, Genese und Nutzung

M it Landschaftsvisualisierungen von Joachim K iesel, Martin Trippmacher und Lars A lbrecht M it einem Beitrag von Claus Dalchow

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen.

© be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2014 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Marijke Topp, Berlin Gesamtgestaltung: typegerecht, Berlin Schrift: Adobe Caslon Pro 10/13 pt Druck und Bindung: Finidr, Ćeský Těšín ISBN 978-3-95410 -030 -9 www.bebra-wissenschaft.de

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Inhalt

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Einführung

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Naturraum und L andschaft in Brandenburg und Berlin im Überblick

25

Niederlausitz mit der Elbe-Elster-Niederung

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Fläming

45

Ostbrandenburgisches Hügel- und Heideland mit dem Baruther Urstromtal und dem Spreewald

59

Mittelbrandenburgische Platten und Niederungen

71

Havel- und Luchland

83

Barnim, Lebus und Oderbruch

97

Naturräume und L andschaften Berlins

105

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Prignitz und Elbtal-Niederung

111

Ruppin und Oberhavel

121

Uckermark, Eberswalder Urstromtal und Unteres Odertal

139

Kreative Akzentuierung der Wirklichkeit von Claus Dalchow

145

L andschaft – Faszination und Herausforderung

148 149 158 159

Anhang Eiszeiten in Brandenburg Quellenverzeichnis Autoren und Mitwirkende Dank

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Einführung

Brandenburg wird schon lange als »Streusandbüchse des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation« bespottet. Damit verbindet sich sein Image als ein »karges Land mit sprödem Charme«. Gleichzeitig aber zeugen ausgedehnte Schutzgebiete von der reichhaltigen natürlichen Ausstattung der Landschaften. In der Realität bieten die brandenburgerischen Landschaften weit mehr an Schönheit, Eigenheit, Produktivität, Ursprünglichkeit und Verschiedenartigkeit als mancher Touristenführer mit »klaren Seen, herrlichen Wäldern und weiten, offenen Blicken über Felder« beschreiben und versprechen. Zum Erkennen und Verstehen des landschaftlichen »Tafelsilbers« bedarf es eines landeskundlichen Wissens, das mit dem vorliegenden Buch befördert werden

­möchte. Das Ziel des Vorhabens besteht in einer inhaltlichen und visuellen Darstellung der räumlichen Gliederung der Naturräume und Landschaften Brandenburgs. Der Charakter der brandenburgischen Landschaften erschließt sich in besonderer Weise aus der Kenntnis ihrer Genese, der jüngsten eiszeitlichen und warmzeitlichen Entwicklung, und den dabei entstandenen natürlichen Komponenten und ihren später vom Menschen zunehmend gestalteten Veränderungen. Die Großlandschaften und ihre Untergliederungen werden auf der Grundlage der natürlichen Landschafts- und Landnutzungsstrukturen gekennzeichnet. Allein, die geografische und geomorphologische Eigenheit und Diversität der Landschaften sind in dem flachen Land nicht so offenkundig sichtbar und erfassbar. Der Blick auf die charakterisierenden Reliefunterschiede wird häufig von Wald bzw. Siedlungen verstellt, sodass einige Landschaftsformen weder vom Boden noch aus der Luft abgebildet werden können. Auch zeichnen die geläufigen administrativen Grenzen der aktuellen Landkreise, deren Namen sich überwiegend aus Großlandschaften ableiten, nur selten die natürlichen Grenzen dieser Landschaften nach. Zum besseren Verständnis der fachlichen Beschreibungen werden deshalb räumliche Einheiten bzw. Landschaftsstrukturen mit Computervisualisierungen modelliert. Die Landschaftsvisualisierungen, die mittels der Applikation eines Geografischen

Informationssystems (GIS) und einer neuen Geodatenbasis in Kombination mit moderner Bildbearbeitung erstellt wurden, sollen Verborgenes sichtbar machen. Die Visualisierungsprodukte der betrachteten Landschaften sind deshalb eine wesentlichen Seite des Buches. Die kartografischen Darstellungen besitzen einen sehr hohen und komprimierten Informationsgehalt und vermitteln klare Sichten auf räumliche Konstellationen. Die neuen Bildkompositionen befördern so ein »verstehendes Beobachten«. Sie ermöglichen, von neuen Ansichten zu neuen Einsichten über Kulturlandschaften zu gelangen. Die vorliegende Beschreibung nimmt die bereits in den 1950 er Jahren in ihren Grundzügen von einem Potsdamer Geografenkollektiv unter Leitung von Johannes F. Gellert bearbeitete naturräumliche Gliederung auf, die als Teil eines umfassenden Handbuches der naturräumlichen Gliederung Deutschlands entwickelt wurde (Meynen, Schmithüsen et al. 1960). Eine Beschreibung der brandenburgischen naturräumlichen Gliederung bearbeitete Scholz (1962). In einem physisch-geografischen Überblick aktualisierten Marcinek und Zaumseil (1993) den Wissensstand des Territoriums der neu gegründeten Länder Brandenburg und Berlin. Zahlreiche jüngere quartärgeologische und raumbezogene Forschungsarbeiten haben das Bild und das Wissen über die brandenburgischen Naturräume und Landschaften wesentlich erweitert und vertieft. Sie fließen in die vorliegende Beschreibung ein. Den Naturräumen und Landschaften des Bundeslandes Berlin wird ein eigenes Kapitel gewidmet, auch wenn die hier anzutreffenden Strukturen bereits bei den umrandenden Naturräumen behandelt wurden. Mit dem speziellen Fokus auf die naturräumliche Basis der Hauptstadt wird auch die Beziehung zu ihrer natürlichen Umgebung beleuchtet. Ein besonderer Beitrag von Claus Dalchow verlässt die naturkundliche Darstellung der Naturräume und Landschaften und zeigt mit kreativ akzentuiertem Geodatenumgang verblüffende Sichten auf den Hintergrund der realen Landschaftsstrukturen. Gegenwärtig werden vielfältige Nutzungsansprüche an Landschaften gestellt. Offensichtlich sind insbesondere die exzessiven Einführung  7

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Umnutzungen für den Ausbau der Autobahnen und die Nutzungen für regenerative Energien. Integrative Sichten sind gefragt bei Abwägungen für nachhaltige, multifunktionale Beanspruchungen. Bei der Beschreibung der Naturräume und Landschaften wird versucht, eine Brücke von der wissenschaftlichen Sicht zu einer

allgemeinverständlichen naturkundlichen Darstellung zu finden. Mögen davon auch Anregungen für eine neue Art und Tiefe der Präsentation der brandenburgischen Landschaften im Tourismus oder für die virtuelle Sicht von Schülern auf ihre Heimat ausgehen.

8  Einführung

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Naturraum und Landschaft in Brandenburg und Berlin im Überblick

Naturraum und Landschaft Die Begriffe Naturraum und Landschaft werden im allgemeinen und im fachlichen Sprachgebrauch sehr vielfältig verwendet. Für das Verständnis der folgenden Abhandlungen bedarf es daher einer Definition im naturkundlich-geografischen Sinne. In Anlehnung an Haase et al. (1991) besteht der Naturraum aus den vertikalen und horizontalen natürlichen Geokomponenten einschließlich der aus der Einflussnahme des Menschen resultierenden Veränderungen auf die natürlichen Stoffsysteme. Die natürlichen Geokomponenten bilden in ihrem Zusammenwirken von geomorphologischen Gegebenheiten, Boden- und Standortverhältnissen sowie hydrologischen und klimatologischen Verhältnissen das Geoökosystem. Bei der Betrachtung des Naturraums bleibt die anthropogene Nutzung und Gestaltung noch unberücksichtigt. Dennoch sind Naturräume nicht als unberührte Natur zu

verstehen. Im Ergebnis des Zusammenwirkens der naturräumlichen Vorprägung und Ausstattung mit der historischen und aktuellen Einflussnahme des Menschen über die Landnutzung und ‑bewirtschaftung entsteht aus Naturraum Landschaft. In der Landschaft vollzieht die menschliche Gesellschaft ihre Wechselwirkung mit der Natur. Der Mensch nutzt die Landschaft für Land- und Forstwirtschaft, Siedlungen, Rohstoffgewinnung, Tourismus und Erholung, Naturschutz, Handel- und Gewerbeflächen, Infrastruktur und Verkehr. Funktional betrachtet, setzt sich die Landschaft aus einem Ensemble von Ökosystemen zusammen (Haase et al. 1991, Lutze et al. 2004a). Alexander von Humboldt wird häufig die Definition von Landschaft als den »Totalcharakter einer Erdgegend« zugeschrieben, welcher unter anderem die geologischen, klimatischen, geobotanischen, aber auch die landeskulturellen Verhältnisse einschließt. Ein Nachweis dieser Formulierung in seinem umfangreichen Schriftwerk ist nicht erbracht, entspricht aber wohl seinen ganzheitlichen Anschauungen.

Die geomorphologisch-naturräumliche Vorprägung des Naturraumes bildet den abiotischen Rahmen sowohl für die biotischen Ausstattungspotenziale (z. B. mit Arten und Ökosystemen) als auch für die Nutzungspotenziale der Landschaft durch den Menschen (z. B. landwirtschaftlich, forstwirtschaftlich, Rohstoffgewinnung). Gewöhnlich wird der Begriff die Landschaft (Sg.) im allgemeinen Sinne verwendet und die Landschaften (Pl.), wenn es sich um konkrete, abgrenzbare Landschaften handelt. Nicht selten werden die Begriffe Naturraum und Landschaft synonym gebraucht, wenn z. B. von Natur- und Kulturlandschaft gesprochen wird. Während Naturlandschaften nur einem sehr geringen Einfluss des Menschen unterliegen, prägt die menschliche Nutzung den Charakter der Kulturlandschaft. Nach Barsch (1994) kann Landschaft auch als Naturraum-Nutzflächen-Kombination oder Nutzflächen-Naturraum-Kombination verstanden werden. Etwas unschärfer werden Kulturlandschaften aus der Sicht der Regionalentwicklung und -planung auch als Handlungsräume angesehen (Fürst et al. 2008). Die konkrete Art der Nutzung von Landschaften in der Vergangenheit führt zu unterschiedlichen Überprägungen der geomorphologisch-naturräumlichen Potenziale. Technische Eingriffe in den Naturhaushalt und andere Kulturfaktoren können insbesondere kleinräumlich stark variierende Muster von biotischen und infrastrukturellen Ausstattungselementen innerhalb der großräumig abiotisch geprägten Landschaftsräume hervorrufen. Diese Muster können für einen mittel- bis längerfristigen Zeitraum durchaus als permanent angesehen werden (z. B. Wald-Feld-Verteilung, Biotope, Straßen- und Siedlungsnetz). Es sei zumindest angemerkt, dass innerhalb von wenigen Dekaden dennoch bedeutende Veränderungen stattfinden können (z. B. Abholzungen, Verkehrsinfrastruktur und Melioration). Der aktuelle Nutzungseinfluss spiegelt sich insbesondere in den Anbaustrukturen der Kulturpflanzen und in der Bewirtschaftungsintensität der landwirtschaftlichen Produktion wider, aber auch in den StöNaturraum und Landschaft  9

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rungen durch Verkehr, Lärm, Zerschneidungen, Stoffeinträge aus Industrie, Verkehr und Haushalt oder mit der Ausweitung von Siedlungsflächen (Lutze et al. 2004b). Landschaft wird z. B. für den exzessiven Ausbau der Verkehrsinfrastruktur nicht verbraucht, sondern umgenutzt. Kulturlandschaft erfüllt als Lebensraum für den Menschen somit zahlreiche Funktionen. Die spezifische naturräumliche Basis der Kulturlandschaften sollte sowohl bei verantwortungsvollen Planungen und Gestaltungen als auch bezüglich der menschlichen Wahrnehmung stärker Beachtung finden. Landschaft kann im doppelten Sinn als Kulturprodukt verstanden werden. Neben der künstlichen Gestaltung durch den Menschen ist sie gleichzeitig ein Ergebnis der ästhetischen Wahrnehmung durch den Menschen.

Landschaftsgenese und Landschafts­ entwicklung – die eiskalte, wässrige und ­windige Vorgeschichte Die brandenburgischen und Berliner Naturräume und Landschaften erfuhren ihre heutige Form und ihren Charakter im Ergebnis vielfältiger Prozesse in verschiedenen erdgeschichtlichen Entwicklungsphasen. Die oberflächennahen Bereiche dieser Länder sind zu über 95 % das Produkt der geologisch jüngsten, der eisund warmzeitlichen Epochen. Die eiszeitliche Phase der Landschaftsgenese wird als der wesentliche Abschnitt der Reliefbildung betrachtet (Lippstreu 1995, Marcinek et al. 1995). Inlandeis und Schmelzwässer formten das Geländerelief. Während die Gletschermassen gewissermaßen Berge bewegten und neue Hügel formten, erodierten die sich sammelnden Schmelzwässer bereits unter dem Gletscher (subglaziär) schmale Rinnen und im Vorland der Gletscher breite Bahnen in die Geländeoberfläche. Sehr entscheidend, insbesondere für die Potenziale der späteren Landnutzung, sind die Qualität und Quantität der von den Gletschern mitgeführten, ab- und umgesetzten Geschiebe und Sedimente. Die Gestaltungsprozesse am Gletscherrand, unter dem Gletscher und in seinem Vorfeld werden mit dem klassischen, von Penck (1882) formulierten Modell der Glazialen Serie beschrieben. Die Glaziale Serie ist eine gleichzeitig entstandene (und damit gleichaltrige) Formengemeinschaft an einem Eisrand sowie in seinem Vor- und Rückland deren einzelne Glieder räumlich aufeinander folgen (Marcinek 1980). Die landschaftlichen Grundformen der Grundmoränen, Endmoränen, Sander und Urstromtäler sind im Gebiet des gesamten

Landes Brandenburg gegenwärtig, auch wenn sie oft nur über eine geomorphologische Karte als solche erkennbar sind. Auch ist ihre räumliche Anordnung nicht immer so vollständig und modellhaft wie z. B. im Raum Chorin–Joachimsthal–Eberswalder anzutreffen. Das einfache Bild der Glazialen Serie, als glaziär und glazigen entstandene Formengemeinschaft, wird durch die Verzahnung mehrerer Eisrandlagen, die zeitlich nacheinander gebildet, aber räumlich relativ dicht hintereinander angeordnet liegen, wesentlich kompliziert (Marcinek 1980). Aus dem zentralen Skandinavien vorstoßend formten kraftvolle Gletscher in verschiedenen Phasen der Eiszeit die Landschaftsoberfläche und setzten mitgeführte Sedimente ab. Für das gesamte Gebiet Brandenburgs waren die Elster-Kaltzeit (400 000 – 320 000 Jahre v. u. Z.), die Saale-Kaltzeit (300 000 – 130 000 Jahre v. u. Z.) und die Weichsel-Kaltzeit (150 000 –11 600 Jahre v. u. Z.) von Bedeutung. Zwischen diesen Kaltzeiten gab es Warmzeiten und auch innerhalb der Kaltzeiten erfolgten unterschiedlich mächtige Eisvorstöße, die als Stadien bezeichnet werden. Für das norddeutsche Vereisungsgebiet wird nach neueren Datierungsmethoden eine einheitliche Stratigrafie anerkannt (Litt et al. 2007). Während die älteren, elster- und saalekaltzeitlichen Eisvorstöße weit über den Süden des heutigen Bundeslandes Brandenburg hinaus reichten, drangen die Gletscher der jüngsten Kaltzeit, der Weichsel-Kaltzeit, nur bis zum Baruther Urstromtal vor (Lippstreu 1995). Von den zwischenzeitlichen Warmzeiten (Holstein- und Eem-Warmzeit) finden sich in Brandenburg und Berlin nur wenige Relikte, die keine Bedeutung für die heutige Landschaftsgestalt haben. Von wissenschaftlichem Interesse ist jedoch z. B. der sogenannte »Rixdorfer Horizont«, der aus Eem-zeitlichen Ablagerungen mit zahlreichen Säugetierfossilien besteht (Limberg & Sonntag 2012). Die für den überwiegenden Teil des brandenburgischen Territoriums maßgeblichen Gletschervorstöße der Weichsel-Eiszeit werden als Brandenburger Stadium (ca. 20 000 v. h.), als Frankfurter Stadium (ca. 18 800 Jahre v. u. Z.) und als Pommersches Stadium (ca. 15 200 Jahre v. u. Z.) bezeichnet (Litt et al. 2007). Das Frankfurter Stadium wird als eine Rückschmelzphase der Gletscher des Brandenburger Stadiums verstanden. Es wird als kein eigener Eisvorstoß angesehen. Insgesamt war dieser Gletscher nur von geringer Mächtigkeit. Anders der heftige, vorerst letzte große, zusammenhängende Gletschervorstoß des Pommerschen Stadiums, der allerdings nur noch den Nordosten Brandenburgs erreichte. An seinem Eisrand kam es noch einmal zur intensiven landschaftsformenden Dynamik.

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Alt- und Jungmoränen­ gebiete in den Ländern ­Brandenburg und Berlin

Eisrandlagen und mögliche Verknüpfungen (nach Lippstreu 2010 ) S-WA Jüngerer Saalekaltzeit – Saale-Gürtel/Warthe Stadium W-B

Weichselkaltzeit – Brandenburger Gürtel

W-FF

Weichselkaltzeit – Frankfurter Gürtel

W-PM Weichselkaltzeit – Pommerscher Gürtel

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Der glazialen Reliefbildung schloss sich die Phase der periglazialen Landschaftsgenese an. Es herrschten noch kaltzeitliche Bedingungen, aber ohne Gletschereisbedeckung. Das markante Merkmal des Periglazial war der Dauerfrostboden (Permafrostboden). Die periglaziale Morphogenese ließ Oberflächenformen durch die Abtragung und Ablagerung von feineren Sedimenten entstehenden. Bei höheren Sommertemperaturen kam es an den Hängen zu Bodenfließen, und es bildeten sich flache Muldentäler. Aber auch der ungebremste Wind wehte leichte Sedimente zu Dünen bzw. zu Lößflächen auf. Insgesamt wurde die glaziale Landschaft überformt. Dies führte neben der Bildung von kleinen Tälern an Hangarealen zu einer Glättung des Reliefs und verlieh der Landschaft eine sanftere Gestalt. Die anschließende Phase der Reliefentwicklung vollzog sich während des Überganges von der Kalt- zur Warmzeit. Mit dem Verschwinden des Dauerfrostbodens erlangte der Wind die entscheidende Kraft als Landschaftsgestalter in der noch vegetationsfreien bzw. -armen Zeit. Bedeutende Binnendünenkomplexe wurden aufgeweht und weiträumig lagerten sich mehr oder weniger starke Sandschichten über dem Gelände ab. Mit dem Anstieg der Temperaturen tauten auch die verschütteten Toteiskörper aus. Es bildeten sich Becken für kleine und größere Stillgewässer. Das Gewässernetz veränderte sich in Richtung der heutigen Strukturen. Glaziale und periglaziale Prozesse fanden im Gesamtgebiet von Brandenburg nicht nur zeitlich versetzt, sondern auch gleichzeitig statt. Während im Norden noch glaziale Bedingungen herrschten, dominierten im Süden bereits nacheiszeitliche Verhältnisse. Gebiete, die ihre eiszeitliche Prägung während der Elster- und Saale-Kaltzeit erhielten und von den Gletschern der WeichselKaltzeit nicht mehr überfahren wurden, werden als Altmoränenareale bezeichnet. Von der jüngeren Weichsel-Eiszeit geformte Areale werden Jungmoränengebiete genannt. Alt- und Jungmoränengebiete unterscheiden sich deutlich in ihrer Struktur. Die Geländeoberfläche der Altmoränen erscheint z. B. sanfter und stark geglättet, da sie in längerer Periglazialzeit eine deutliche Umformung erfuhren. Die südlichen Altmoränen (Fläming, Niederlausitz) sind ohne natürliche Seen und besitzen bereits ein klar hierarchisches Gewässernetz. Zum Altmoränengebiet zählt auch die Prignitz im Nordwesten Brandenburgs. Bei ihrer Struktur fällt im Unterschied zu den übrigen Altmoränengebieten eine beachtliche Anzahl an Kleingewässern auf. Innerhalb der Jungmoränengebiete kann eine weitere Aufgliederung festgestellt werden. Während die älteren Jungmoränengebiete dem Brandenburg-Stadial zugeordnet werden, finden sich

die jüngeren Jungmoränen im Nordosten im Einfluss des Pommerschen Stadials. Die Jungmoränen zeichnen sich besonders in ihren Endmoränengebieten durch eine starke Reliefenergie aus, das heißt, das Gelände weist starke Höhenunterschiede auf und es treten z. T. sehr steile Hänge auf. Sie besitzen einen auffallenden Seereichtum und ein relativ unübersichtliches Fluss- und Gewässernetz. Ebenfalls charakteristisch sind der hohe Anteil von ehemals abflusslosen Binneneinzugsgebieten und die sehr große Dichte an Kleingewässern, die mehrheitlich nach dem Austauen von Toteis entstanden. Die Böden der Jungmoränengebiete weisen nach Nordosten einen ansteigenden Kalkgehalt auf. Insgesamt nehmen der Erhalt und die Vollständigkeit der Elemente der Glazialen Serie von Süden nach Norden zu und der Grad der periglazialen Überprägung ab, was sich in einer gewissen Zunahme der »Jungfräulichkeit« der glazialen Landschaft ausdrückt (Lippstreu – mündl. Mitt.). Die geologische Übersicht vom Land Brandenburg spiegelt das Ergebnis der glazialen, periglazialen und holozänen Entwicklungsprozesse an der Landschaftsoberfläche wider. In besonders anschaulicher Weise legte ein vollständiger Nord-Süd-Längsschnitt durch die östlichen Teile Brandenburgs die eiszeitlich, periglazialen und holozänen Strukturen der oberen Schichten der Landschaft offen, wenn auch nur zeitweilig, und vermittelte so auch Eindrücke von der Mächtigkeit und Kompaktheit bzw. den Störungsverhältnissen und der Dynamik bei der Genese der Landschaften (Juschus et al. 2011). In der holozänen Warmzeit setzte die Phase der natürlichen Entwicklung der Vegetation mit dem relativ schnellen Temperaturanstieg ein. Trotz zeitweiliger klimatisch bedingter Rückschläge bildete sich eine geschlossene Vegetationsdecke. Sie stabilisierte die Landschaftsoberflächenformen und schützte sie vor Wind- und Wassererosion. Bald entstand aus der Tundrenvegetation eine fast geschlossene Walddecke. Mit dem Sesshaftwerden aus dem Süden eingewanderter Menschen der Jungsteinzeit (ca. 5300/5500 Jahre v. u. Z.) begannen die Phasen der anthropogen beeinflussten Landschaftsentwicklung. Bereits in der Jungsteinzeit und der anschließenden Bronzezeit führten relativ hohe Besiedlungsdichten, z. B. in der Uckermark, zu starken Waldrodungen. Es entstanden sehr große Offenlandareale mit hoher Winderosionsgefährdung. Im folgenden Zeitabschnitt der Völkerwanderung wies der brandenburgische Raum eine nur sehr geringe Bevölkerungsdichte auf und der Wald deckte die Geländeoberfläche erneut ab. Schließlich setzte mit der zunächst slawischen Besiedlung und der anschließenden deutschen Besiedlung eine umfassende Land-

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Geologische Übersicht der Länder Brandenburg und Berlin (nach Lippstreu & Stackebrandt 1997)

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Flachwellige Grundmoränenlandschaft östlich von Angermünde

Flachwellige Grundmoränenlandschaft nördlich von Gartz

nahme ein, die mit der Umwandlung von Wald in landwirtschaftliche und Siedlungsflächen verbunden war. Der Wald konnte sich nur auf sehr trockenen Arealen (Sander und Talsandgebiete), den nassen Niederungen sowie den sehr stark reliefierten Endmoränenarealen halten. Die damaligen Siedlungs- und Landnutzungsstrukturen haben sich im Wesentlichen bis in die Neuzeit als stabil erwiesen. Die so entstandene Feld-Wald-Verteilung trug zu einer enorm veränderten Ausstattung der neuen Kulturlandschaft mit frei lebenden Tier- und Pflanzenarten bei. Die »Offenlandbewohner« bekamen weit verbreitet vorteilhafte Lebensräume. Die starke mittelalterliche Entwaldung hatte eine beachtliche Wirkung. Sie hatte einen deutlichen Grundwasseranstieg zur Folge, da unter Wald eine wesentlich geringere Grundwasserneubildung stattfindet. Der Grundwasseranstieg wiederum förderte in den Niederungen das Moorwachstum. Die deutsche mittelalterliche Landnahme erfolgte vorrangig auf den Hochflächen. Ihr schloss sich eine Phase der Erschließung auch der Niederungen und Feuchtgebiete an. Brandenburgs Geschichte ist eng mit einer über 400 -jährigen Regulierung der großen und kleinen Flüsse verbunden (Driescher 1974, 2003). Es ist fast auch eine Geschichte ingenieurtechnischer Großprojekte des Wasserbaues. Während dieser Zeit wurden große Gebiete wie der Spreewald, das Oderbruch und das Rhin-Luch reguliert und kultiviert. Ziel war meist nicht nur die einseitige Entwässerung sondern auch die Möglichkeit der Bewässerung, da Brandenburg schon seit langer

Zeit mal unter Wasserüberschuss und mal unter Dürre zu leiden

hatte. Eine weitgehende Entwaldung der Landschaft im 16. bis 18. Jahrhundert infolge ausgedehnter ackerbaulicher Nutzungen und intensive Nutzungen in jüngeren Zeitabschnitten führten bei besonderen Wettersituationen zu extremen Erosionsereignissen (Bork et al. 1999, 2003). Die weiteren wechselvollen Phasen der Kulturlandschaftsentwicklung waren geprägt von einer stetigen Intensivierung der Landnutzung und dem Ausbau der Infrastruktur (Kanäle, Straßen), der Ausdehnung der Siedlungsareale und der Installation technischer Konstrukte (Hochspannungsleitungen, Windenergiefelder). Die Kulturlandschaft unterlag und unterliegt einem ständigen Wandel, der wesentlich von den sich ändernden Ansprüchen des Menschen angetrieben wird.

Landschaftsformenschatz und Landschaftstypen Unter dem Aspekt der Landschaftsgenese können die Landschaften und Naturräume Brandenburgs und Berlins Typen zugeordnet werden, die ausschließlich glaziale, periglaziale und holozäne Bildungen darstellen. Die natürlichen Gestaltungskräfte Gletscher, Schmelzwässer und Wind haben neben den klassischen Grundformen der Grund- und Endmoräne, der Sander und Urstromtalungen mit den Begleitformen Osern, Kames, Trockentälern, Binnendünen und weiteren Landschaftsbildungen einen reichen landschaftlichen Formenschatz hervorgebracht.

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Unter dem Gletscher blieb nach dessen Abtauen die Grundmoräne zurück. Ihre Substrate bestehen aus einem ungeschichteten, unsortierten, mergeligen Gemenge aus Ton, Schluff, Sanden, Kies, Steinen und Gesteinsblöcken. Diese Materialien wurden in und unter den Gletschern zerkleinert, transportiert und – im Gegensatz zur Endmoräne – auch unter dem Gletscher abgelagert. Der gewaltige Druck des Gletschers und die Eisbewegungen zermalmten und zerrieben die meisten Sedimentgesteine. Nur die härtesten Gesteine überstanden diesen Prozess, meist aber auch nur stark zerlegt und mit abgerollter Oberfläche. Nach der Zusammensetzung wird das so entstandene Sediment als Geschiebemergel bezeichnet. An der Geländeoberfläche verwittert der Geschiebemergel unter Kalkauswaschung zu Geschiebelehm und bildet die Grundlage für fruchtbare Böden. Der kalkhaltige Geschiebemergel wurde schon frühzeitig zur Düngung bzw. Kalkung von weniger fruchtbaren Böden genutzt. Sehr kompakte und bindige Mergelschichten vermitteln an Aufschlüssen und Abbruchkanten einen fast betonartigen Eindruck. Nach der Oberflächenform können flachwellige und kuppige Grundmoränen unterschieden werden. Die kuppigen Grundmoränen sind meist in der Nähe der Endmoränen anzutreffen. Während die flachwelligen Grundmoränen zu den besten Ackerbaustandorten zählen, weisen die kuppigen Grundmoränen durch die hohe Hangneigung und den häufig hohen Steinbesatz starke Bewirtschaftungserschwernisse auf. Die Höhenzüge der Endmoränen bilden das eigentliche Rückgrat der Moränenlandschaft. Sie entstanden an der Stirn eines vorstoßenden Gletschers. Vor dem Gletscher türmte sich das angesammelte Material unsortiert hoch auf. Die Ablagerungen aus einem Gemisch großer Gesteinsblöcke, Geschiebemergel und Schmelzwasserablagerungen werden als Satzendmoräne bezeichnet. Kam es an der Gletscherfront zu Aufstauchungen, entstanden Stauchendmoränen bzw. sehr abwechslungsreiche, fast mittelgebirgsartig anmutende Stauchungsgebiete. In Folge dieser Vorgänge konnten auch Materialien aus älteren Erdzeitperioden nach oben gepresst und als glazigene Schollen vom Eis transportiert werden, wie Tone, Kreidemergel und sogar Braunkohle. Da diese gewaltigen Vorgänge nicht immer nur in »reiner« Form abliefen, sondern beide Erscheinungen kombiniert auftraten, finden sich im Gelände auch Mischformen von Satz- und Stauchendmoränen. Beim Abschmelzen des Gletschers wurde das feinere Material fort geschwemmt. Nur die größeren Gesteinsbrocken blieben liegen. Diese Ansammlung von großem Geschiebe, die eine Schichtmächtigkeit von ein bis zwei Metern erreichen kann, wird als Blockpackung bezeichnet. Sie wird als eine charakteristische

Endmoränenlandschaft westlich von Liepe

Bildung der Satzendmoräne angesehen bzw. generell als ein Kriterium für Endmoränen. Da der Gletscherrand auch begrenzt oszillieren kann, d. h. er schmilzt zurück und stößt wieder vor, kommt es zur Bildung wechselnder Schichten von Blockpackungen und Schichten feinen Materials (Sand, Kies). In der Steingrube von Sperlingsherberge bei Groß Ziethen wurde durch einen historischen Steinabbau eine solche Bildung aufgeschlossen.

Landschaftsformen Sander bestehen aus vom Schmelzwasser vor der Endmoräne – in Richtung Urstromtal – abgelagerten Kiesen und Sanden. Hierbei wurden die gröberen Materialien (Schotter, Kies) nahe der Endmoräne und die feineren Sande mit dem Nachlassen der Transportkraft des Schmelzwassers in größerer Entfernung von der Endmoräne abgelagert. Sander bilden oft sehr ebene und vom Endmoränenzug weg leicht geneigte Flächen. Größere Sander wurden oftmals gleichzeitig aus Abflüssen mehrerer Gletscher-

tore gespeist. Die geomorphologische Struktur des Vorlandes und der Eisrandverlauf steuerten die Ausbildung von Flächensandern (z. B. Schorfheidesander), Rinnensandern (z. B. Bugsinsee, Werbellinsee) und Kegelsandern (Althüttendorfer Sander). Urstromtäler sind Entwässerungsbahnen, die die Schmelzwässer von den Haupteisrandlagen nach Nordwesten in die sukzessiv Landschaftsformen  15

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Naturräume und Landschaften in Brandenburg und Berlin (Leseprobe)  

Die Landschaften von Brandenburg und Berlin wurden von den Eiszeiten stark geprägt und noch heute lassen sich viele der so entstandenen geom...

Naturräume und Landschaften in Brandenburg und Berlin (Leseprobe)  

Die Landschaften von Brandenburg und Berlin wurden von den Eiszeiten stark geprägt und noch heute lassen sich viele der so entstandenen geom...

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