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„Wir haben nicht einen Bettler unter uns“ (Leseprobe)

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Manfred Henke

»Wir haben nicht einen  Bettler unter uns« Studien zur Sozialgeschichte der frühen Quäkerbewegung

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Umschlagabbildungen: Oben: Swarthmore Hall, Hauptquartier der Quäker in Nordwestengland, aus: Maria Webb, The Fells of Swarthmoor Hall, Philadelphia 21898. Unten: Pardshaw Crag, Ort vieler Quäkerzusammenkünfte im Freien, Detail aus Jefferys’ Karte von Cumberland 1774

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2015 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Marijke Topp, Berlin Umschlag: typegerecht, Berlin Satzbild: Friedrich, Berlin Schrift: Minion Pro 10/13pt Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg ISBN 978-3-95410-027-9 www.bebra-wissenschaft.de

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort................................................................................................................................................................... 9 Eine Zeit politischer Umbrüche..................................................................................................................... 11 Bürgerkrieg: Von der Spaltung der Eliten zur Revolution der middle sort of people.......................12 Regierungspolitik zwischen Fortsetzung der Revolution und Annäherung an die traditionellen Eliten.............................................................................................17 Restauration des Königtums und Maßnahmen gegen Dissenter.......................................................21 Wechsel von Duldung und Verfolgung bis 1689.................................................................................... 25 Puritaner und Quäker......................................................................................................................................28 Wer sind die Puritaner?................................................................................................................................28 Presbyterianer und Independenten..........................................................................................................30 Baptisten.......................................................................................................................................................... 32 Revolutionsregime und Religion............................................................................................................... 33 Separatisten und Fifth Monarchy Men (Quintomonarchisten)............................................................ 33 Durch Christi Sühneopfer gerechtfertigt oder Teilhabe an der göttlichen Natur?........................ 35 Familisten, Ranter und Quäker.................................................................................................................. 37 »Kirche in England« unter Cromwell........................................................................................................ 41 Restauration der Bischofskirche und Konsolidierung von Freikirchen............................................43 Religion und Politikverständnis der frühen Quäker............................................................................ 46 .... Die Quäkerlehre............................................................................................................................................ 46 .... Politische Stellungnahmen..........................................................................................................................49 Betonung der »Armut« als revolutionäres Aufbegehren der (noch) nicht Herrschenden...... 57 Die Quäkerbewegung: Kraftzentrum Nordwestengland.....................................................................66 Die mittelenglischen Anfänge....................................................................................................................66

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Die entscheidende Synthese: Fox trifft die Gruppe in Kendal und Umgebung.............................68 Anschluss der »Kirche von Broughton« in Cumberland an die Quäkerbewegung....................... 73 Weitere Erfolge in Cumberland.................................................................................................................. 78 Nonkonformistische Gruppen, die sich nicht der Quäkerbewegung anschlossen....................... 81 Missionare aus dem Norden und ihre Ausstrahlung nach Süden.....................................................86 Frömmigkeit, Sozialschicht und Arbeitsethik als Thema der Forschung zur frühen Quäkerbewegung................................................................................................................. 90 Überprüfung der Weber-These................................................................................................................... 91 Versionen einer marxistischen Revolutionstheorie in der Diskussion............................................ 94 Ziele und Methoden meiner Forschung................................................................................................ 103 Die Quellengrundlage für die nordwestenglische Regionalstudie..................................................106 Quäker und ihre Nachbarn als Erblasser und Steuerzahler..............................................................116 Ein Vergleich der Nachlasswerte..............................................................................................................116 Status und Nachlasswerte der bäuerlichen Bevölkerung...................................................................123 Nachlasswerte der in Handel und Gewerbe Tätigen.......................................................................... 126 Steuerpflichtige und Arme........................................................................................................................ 129 Musste ein wohlhabender Mann aus Nordengland in Südengland als arm gelten?...................132 Fast schon von Adel: Quäker als freeholders..........................................................................................135 Schriftlichkeit.................................................................................................................................................141 Quäkergruppen, Siedlungsdichte, Binnenmigration und Wohlstand........................................... 145 Quäkergruppen und andere Dissenter................................................................................................... 145 Bevölkerungsdichte und Bevölkerungsverschiebungen....................................................................148 Gründe für Bevölkerungsverschiebungen.............................................................................................. 151 Quäkergruppen nicht nur in besonders wohlhabenden Regionen................................................. 154 Schriftlichkeit, Wohlstand und Bekenntnis zum Quäkertum............................................................ 156 Bäuerlicher Wohlstand – Geschenk der Natur oder gesellschaftlich bedingt?......................... 162 Natürliche Faktoren und Wohlstandsverteilung: Die Bergregionen............................................... 163 Natürliche Faktoren und Wohlstandsverteilung: Die Ebenen...........................................................166 Wohlstand oder Armut der Bauern – der Einfluss der Grundherrschaft....................................... 169 Grundherrschaft und Quäkergruppen.....................................................................................................173

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Herrschaft, Parteinahme und Verteilung der Quäkergruppen in Cumberland..........................175 Royalistischer Landadel in der südlichen Küstenebene Cumberlands............................................175 Klienten hochadliger Parlamentsanhänger, Großbauern und Quäkerhochburgen..................... 178 Brough Barony – ein Mikrokosmos der Konflikte zwischen Royalisten und Parlamentsanhängern.................................................................................................................. 185 Carlisle und das schottische Grenzland: Quäker als Kollaborateure einer Besatzungsmacht in royalistischer Umgebung....................................................................187 Straffe Herrschaft und wenig Quäker im Tal des Eden....................................................................... 189 Ein ehemaliger königlicher Forst, neue Siedler, aber straffe Herrschaft und kaum Quäker in Inglewood Forest............................................................................................190 Das südliche Gilsland und the Honour of Penrith: Schwache Herrschaft durch Royalisten und Anhänger des Parlaments...........................................................................191 Herrschaft, Parteinahme und Verteilung der Quäkergruppen in Westmorland....................... 195 Der Norden Westmorlands: Konkurrenz und Solidarität der Magnaten, Entfaltungsmöglichkeiten für Quäker.............................................................................................. 195 Das südliche Westmorland: Whartons Klienten und konfiszierte Güter von Royalisten als Machtbasis der Parlamentspartei im Entstehungsgebiet von Quäkergruppen............................................................................................................................. 202 Fazit und Ausblick............................................................................................................................................211 .... Individuum und Gruppe in einer revolutionären Gesellschaft...........................................................211 .... Klienten emanzipieren sich von ihren hochadligen Patronen............................................................213 .... Quäker stiegen nicht erst zu Wohlstand auf, sondern kamen aus wohlhabenden Schichten..... 215 .... Welches neue Gesamtbild zeichnet sich ab?......................................................................................... 218 .... Religiosität im Zeichen der Krise?............................................................................................................. 221 Anhang .... Tabellen...........................................................................................................................................................227 .... Karten............................................................................................................................................................... 273 .... Grafiken...........................................................................................................................................................285 .... Quellen- und Literaturverzeichnis........................................................................................................... 289 .... Danksagung.................................................................................................................................................... 316 .... Über den Autor.............................................................................................................................................. 318

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Vorwort

In diesem Buch werden die Anfänge einer neuen religiösen Bewegung in einer Epoche revolutionärer Umbrüche beschrieben. Die Quäkerbewegung entsteht 1652 in Nordwestengland vor dem Hintergrund des Englischen Bürgerkriegs und des Protektorats Oliver Cromwells. Ihre politischen Stellungnahmen weisen die Quäker als Sympathisanten der Parlamentsarmee und eines von optimistischen Endzeiterwartungen geprägten politischen Programms aus. Ihre Botschaft stellt eine grundlegend neue Weltordnung in Aussicht. Und nicht nur Männer, auch Frauen sind anerkannte Verkünder dieser Botschaft. Der Leser wird zunächst mit den revolutionären Umbrüchen der Epoche vertraut gemacht. Dann werden die Quäkerlehre der Anfangsjahre skizziert und Stellungnahmen der Quäker zur zeitgenössischen Politik und Gesellschaft vorgestellt. Auch auf das Vorgehen bei der Ausbreitung der Bewegung speziell in Nordwestengland wird eingegangen. Den Schwerpunkt des Buches bildet eine sozialgeschichtliche Untersuchung, vorgenommen in einem Teil jener Region in Nordwestengland, in der die Bewegung ihren Anfang nahm. Das erste Ziel dieser Untersuchung ist eine statistisch abgesicherte Überprüfung von zwei miteinander konkurrierenden umfassenden Erklärungsmodellen – einerseits der Weber-These und andererseits der Einordnung der Bewegung in ein marxistisch orientiertes Revolutionsschema durch Christopher Hill und seine Schüler. Diese Thesen, der Forschungsstand und die zur Überprüfung herangezogenen Quellen und Methoden werden vorgestellt; im Folgenden wird der direkte Vergleich zwischen Quäkern und umfangreichen Stichproben aus der Gesamtbevölkerung durchgeführt. Als Wohlstandsindikatoren dienen Nachlasswerte, Steuerlisten und Befunde über die Fähigkeit, seinen Namen zu schreiben, ergänzt durch Hinweise auf den privilegierten Rechtsstatus des wahlberechtigten Freibauern (yeoman). Es folgt eine Untersuchung möglicher Besonderheiten, die die von Quäkern bewohnten Kirchspiele hinsichtlich der Bevölkerungsdichte, des relativen Wohlstands und der Alphabetisierung ihrer Bewohner aufweisen. Diese werden zur Ertragskraft der Böden, der Intensität der Grundherrschaft und der politischen Parteinahme der Grundherren im Bürgerkrieg in Korrelation gesetzt.

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Durch die Untersuchung entsteht ein neues und im Vergleich zu früheren Darstellungen wesentlich komplexeres Bild des sozialen Umfelds der frühen Quäker, das in einem Schlusskapitel zusammengefasst wird. Das Buch basiert auf einer Dissertation, die ich im Oktober 2012 an der Universität Kiel eingereicht habe. Ich habe den Text seit der Abgabe der Dissertation weiter bearbeitet, um die wichtigsten Befunde klarer herauszustellen.

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Eine Zeit politischer Umbrüche

Die Quäkerbewegung begann im Jahr 1652 in Nordwestengland. England war damals eine Republik. Seit 1653 übte Oliver Cromwell als Lord Protector ein quasi-monarchisches Regiment aus. Für die Quäker war er im Bürgerkrieg ein Werkzeug der göttlichen Vorsehung gegen den von Gott verworfenen König gewesen, enttäuschte aber inzwischen ihre Hoffnung auf Fortführung der Revolution in England und Europa. Seiner Regierungszeit folgten einige kurzzeitige Versuche auf Neubelebung des revolutionären Regimes, die die Sehnsucht nach stabileren Verhältnissen selbst bei früheren Angehörigen der Parlamentsarmee verstärkten. Cromwell hatte den Anhängern der sich formierenden religiösen Gruppierungen außerhalb der Staatskirche relativ freie Entfaltungsmöglichkeiten gesichert, deren Grenzen die Quäker in Protestaktionen gegen die etablierten Gewalten in Staat und Kirche immer neu austesteten. Einen entscheidenden Einschnitt für alle Mitglieder der sich formierenden Freikirchen bildete die Restauration des 1649 abgeschafften Königtums im Jahr 1660. Diese war kein Erfolg der Royalisten. Vielmehr entschloss sich ein General im Dienst des neuen Regimes, unterstützt von solchen Mitgliedern der alten Eliten, die einst gegen den König gekämpft hatten, den Sohn des seinerzeit hingerichteten Königs zur Thronbesteigung aufzufordern. Mit dem Quaker Act von 1662 und dem (ersten) Conventicle Act von 1664 wurden die gesetzlichen Grundlagen gelegt für die systematische Verfolgung von Quäkern und anderen, die sich als »Dissenter« der Wiedereingliederung in das staatskirchliche System verweigerten. In ihrer politischen Orientierung, aber auch theologisch orientierten sich die Quäker neu. Damit endete die »frühe Quäkerbewegung« in dem von mir definierten Sinn. Bei der Beschreibung der Zeitverhältnisse hebe ich Entwicklungen hervor, die für die Quäkerbewegung von Belang sind. Daraus folgt, dass ich die Ereignisse der 1640er Jahre im Licht der Entwicklungen des darauf folgenden Jahrzehnts betrachte. Auf den 1650er Jahren liegt dann der Schwerpunkt der Darstellung. Einige Entwicklungen nach 1660 skizziere ich, weil sie die administrative Erfassung von Quäkern, die gegen sie verhängten Vermögensstrafen und die neu eingeführte Herdsteuer, die sie und ihre Zeitgenossen zu zahlen hatten, verständlicher machen. Die statistischen Untersuchungen greifen auf Quellen zurück, die vor diesem Hintergrund entstanden.

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Bürgerkrieg: Von der Spaltung der Eliten zur Revolution der middle sort of people Das Parlament war das Forum, in dem die traditionellen Eliten Englands ihre Interessen gegenüber dem Königtum geltend machen konnten. Elf Jahre lang regierte Karl I. jedoch ohne diese spezifisch englische Form der Ständeversammlung. Der Konflikt zwischen Fürst und Ständen in England weist Parallelen mit entsprechenden Konflikten in anderen Teilen Europas auf. Auch hier wurde das Gegeneinander von »absolutistischen« und »konstitutionellen« Tendenzen durch eine Überlagerung mit religiösen Konflikten verschärft.1 Im Zuge eines mit militärischer Gewalt ausgetragenen Konflikts des Königs mit seinen schottischen Untertanen erhielten 1640 die englischen Führungsschichten erstmals wieder Gelegenheit, ihre Beschwerden in einem Parlament zu formulieren. Eine von beiden Seiten auf Konfrontation angelegte Politik führte 1642 zur kriegerischen Auseinandersetzung. Der König ermächtigte Angehörige der gentry in den Grafschaften zur Einberufung der Miliz, das Unterhaus des Parlaments sprach sich das Recht zu, es ihm gleich zu tun, und so standen sich im Sommer 1642 bewaffnete Truppen des Königs und des Parlaments gegenüber.2 Zuvor, im Januar 1642, hatte das gegen den König opponierende Unterhaus des Parlaments einen im Mai 1641 konzipierten, als protestation bekannten Eid für alle Männer ab achtzehn verpflichtend gemacht. Damit wurde dieser Eid »the very emblem of the parliamentary cause«.3 Aus den meisten Kirchspielen des Landes sind die Listen über die abgelegte Eidesleistung erhalten – ein Beweis für die Stärke der Opposition, in späterer Zeit aber eine auch in diesem Buch herangezogene Quelle zur Bevölkerungsschätzung. Im Laufe des eskalierenden Konflikts nahmen Teile der Eliten für den König Partei, andere hielten an den durch das Parlament erhobenen Forderungen fest. Versuche, 1 Zum Gegensatzpaar absolutism – constitutionalism als gemeinsame Merkmale derselben Epoche vgl. Raab, The Struggle for Stability, S. 8, 67, 73, 117f. Zur Krisenverschärfung durch fürstliche Politik bei gleichzeitiger Legitimierung fürstlicher Machtansprüche durch den Anspruch der Krisenbewältigung vgl. Lehmann, Zeitalter des Absolutismus, S. 18. Hinrichs, Fürsten und Mächte problematisiert den Begriff »Absolutismus« insbesondere hinsichtlich seiner unvollständigen Durchsetzung auch in Staaten, die traditionell als »absolut« regiert galten. Er verzichtet aber nicht auf den Begriff zur Beschreibung entsprechender Bemühungen und stellt in durchaus traditioneller Weise sowohl »England auf dem Weg zur absoluten Monarchie« dar als auch »England als Alternative zum Absolutismus« (ebd., S. 98f.). Vgl. auch Seresse, Politische Normen in KleveMark, S. 14–16. 2 Die Darstellung basiert hier und im Folgenden auf den entsprechenden Abschnitten in Coward, The Stuart Age; Woolrych, Britain in Revolution; Worden, The English Civil Wars. Weitere Nachweise ergänzen diese durchgängig benutzte Literatur. 3 So die Formulierung in Woolrych, Britain in Revolution, S. 214.

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die Parteinahme dieser Männer durch Unterschiede in Vermögen und Wirtschaftsweise und daraus resultierenden Interessen und Einstellungen zu erklären und sie so in ein marxistisch orientiertes Geschichtsbild als »Englische Revolution« zu integrieren, sind unbefriedigend geblieben. Ein anderer Grund für eine Parteinahme gegen den König wird jedoch vielfach deutlich: Wer aus religiösen Gründen gegen die von Karl I. vorangetriebene Kirchenpolitik war und eine von angeblichen Überbleibseln des (als »Papismus« denunzierten) Katholizismus »gereinigte« Kirche wollte, entschied sich in der Regel für die Seite des Parlaments.4 Zunächst suchten die Heerführer des Parlaments nicht den uneingeschränkten Sieg, sondern einen Kompromiss mit dem König. Auch im Parlament gab es Kräfte, die einen raschen Friedensschluss anstrebten, zumal es zeitweise schien, als würde der König militärisch die Oberhand behalten. In dieser Lage organisierte im September 1643 John Pym im Unterhaus eine Mehrheit für den Abschluss eines Bündnisses mit den Schotten. Folgt man neueren Forschungen, handelten die Führer der gegen den König opponierenden Kräfte im Unterhaus ihrerseits im Einklang mit Angehörigen des Hochadels, die in Opposition zum König standen, für diese Haltung aber im Oberhaus keine Mehrheit hatten. Beide Gruppen waren zudem durch Verwandtschaft und ein Klientelnetzwerk miteinander verbunden.5 Auf der Seite des Parlaments standen auch Algernon Percy, der zehnte Earl of Northumberland, und Philip Lord Wharton, beide Angehörige des Hochadels, die im Ursprungsgebiet der Quäker in Nordwestengland umfangreichen Landbesitz hatten. Die Royalisten der Region wurden von Angehörigen des vom Hochadel weitgehend unabhängigen oder mit ihm rivalisierenden höheren Landadels (der county gentry) angeführt. Unter Leitung von Sir Philip Musgrave besetzten sie gleich am Beginn des Bürgerkriegs die Festung Carlisle. Northumberland und Wharton förderten das Bündnis mit den Schotten, um so die Royalisten aus Nordwestengland zu vertreiben.6 Seit Januar 1644 standen die schottischen Truppen in Nordostengland und belagerten zusammen mit englischen Truppen die in York verschanzten Royalisten. Als der König weitere Truppen entsandte, um die Belagerung aufzuheben, wurden diese am 2. Juli 1644 bei Marston Moor von den verbündeten schottischen und englischen Armeen 4 Vgl. Richardson, The Debate on the English Revolution Revisited, Kapitel 7 (S. 98–132); Schröder, Die Revolutionen Englands im 17. Jahrhundert, Kapitel 8 (S. 189–217); Greyerz, England im Jahrhundert der Revolutionen, S. 12ff., 32ff.; Underdown, Pride’s Purge, S. 1–23; Coward, Oliver Cromwell, S. 12–22. 5 Die hochadlige Komponente wird betont in Scott, Politics and War in the Three Stuart Kingdoms, S. 40f., Adamson, The Noble Revolt; ders., »Parliamentary Management«, ders., »Of armies and architecture«. 6 Bouch, Prelates and People of the Lake Counties, S. 260; Phillips, »County Committees and Local Government in Cumberland and Westmorland 1642–1660«; Scott, »The Barwis Affair«; Colman, »The Paralysis of the Cumberland and Westmorland Army in the First Civil War c. 1642–45«.

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besiegt. Die Reiterei der ostenglischen Grafschaften (Eastern Association), befehligt von Oliver Cromwell, trug entscheidend zum Sieg bei, mit dem Cromwells Aufstieg begann. In Nordwestengland waren es jedoch nicht Engländer, sondern Schotten, die nach ihrem Sieg bei Marston Moor gegen die dortigen Royalisten vorgingen. Ihnen wurde die Festung Carlisle im Juni 1645 übergeben. Jetzt hatten in Westmorland und Cumberland die Anhänger des Parlaments die Oberhand, allerdings nur dank der dort stationierten schottischen Truppen, derer sie bald überdrüssig wurden. Northumberland, Wharton und ihre Verbündeten im Parlament arbeiteten fortan gegen die Schotten mit einer Gruppe von kleineren Adligen in Cumberland und Westmorland zusammen, die unter der Führung des Abgeordneten für Carlisle, Richard Barwis, stand. Innerhalb der Grafschaft wurde die Gruppe von Sir Wilfred Lawson angeführt. Barwis und die von ihm zur Mitarbeit in der Grafschaftsverwaltung herangezogenen Männer gehörten einer Gruppe miteinander verwandter und verschwägerter Angehöriger der kleineren Gentry an, die von alters her in den Diensten Northumberlands und Whartons gestanden hatten. Sie hatten es verstanden, während der Vorherrschaft der Royalisten in der Region von diesen unbehelligt zu bleiben und galten jetzt als Gegner der schottischen Besatzer.7 Noch vor der Übergabe Carlisles an die Gegner des Königs wurde die alte Armeeführung entmachtet und die Armee zur New Model Army umgeformt. Unter Thomas Lord Fairfax und Oliver Cromwell gewann diese in relativ kurzer Zeit den Krieg. Im Mai 1646 ergab sich der König den Schotten in der Hoffnung, von den Gegensätzen zwischen ihnen und den Engländern zu profitieren. Als die Schotten ihre Soldaten im Februar 1647 aus England zurückzogen, übergaben sie Karl I. einem nicht der New Model Army zugeordneten, von einem vergleichsweise konservativen Offizier des Parlaments befehligten Truppenteil zur Bewachung. In der Zwischenzeit eskalierte im Lager der Sieger ein Konflikt zwischen dem Parlament und seiner Armee, denn diese verstand sich mittlerweile als neues Machtzentrum neben dem Parlament. Cromwell ließ unter seinen Truppen religiöse Toleranz zu und erkannte in der Glaubenstreue seiner Soldaten eine Garantie für ihre Zuverlässigkeit in der Schlacht. Gott selbst hatte, so war er überzeugt, die Sache der verachteten »Sektierer« durch ihren Sieg über den König bestätigt.8 Die Armee begegnete Versuchen, sie aufzulösen damit, dass sie im August 1647 den König in ihre Gewalt brachte und London besetzte. Im kleinen Ort Putney, heute ein Teil Großlondons, debattierten Armeeführung und Soldatenvertreter über die Zukunft des Landes.

7 Vgl. Scott, »The ›Northern Gentlemen‹«; ders., »The Barwis Affair«. 8 Vgl. Paul, The Lord Protector, S. 63–66; Gentles, The New Model Army, S. 100–108.

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Diese Debatten wurden von Mai bis August 1648 durch den sogenannten Zweiten Bürgerkrieg unterbrochen. Der gefangene König schloss eine geheime Übereinkunft mit den Schotten, die daraufhin ein weiteres Mal in England einfielen. Die New Model Army siegte in relativ kurzer Zeit an allen Fronten. Im November 1648 versuchte das Parlament erneut, gegen den Willen der militärischen Führung einen Kompromissfrieden mit dem gefangenen König abzuschließen. Am Morgen des 6. Dezember verweigerten Soldaten unter dem Kommando des Colonel Pride missliebigen Abgeordneten den Zutritt zum Parlamentsgebäude. Als Ergebnis dieser als Pride’s Purge bekannten »Säuberungsaktion« bildete ungefähr die Hälfte der bis dahin im Langen Parlament verbliebenen Abgeordneten dessen »Rumpf«. Mit der von Armeeangehörigen durchgeführten »Säuberung« des von Teilen der alten Eliten gebildeten Parlaments griffen Angehörige einer Mittelschicht, die in der Armee und in Separatistengemeinden organisiert waren, aktiv in die Politik ein. Sie definierten ihre Ziele und setzten sie mit der Hinrichtung des Königs auch durch. Hierin sehen Autoren neuerer Überblickswerke die eigentliche »Englische Revolution«. Schichten, die zuvor durch mangelnde Nähe zur politischen Macht definiert waren, hielten das Schwert in der Hand und wollten es nicht loslassen, ehe die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen umgestaltet war.9 Bei der Analyse der damals vertretenen Positionen kann man die von den sogenannten Levellern vorgetragene Forderung nach Ausarbeitung einer Verfassung, die dem Land gute Institutionen gibt, hervorheben. Diese Sicht fand lange die Aufmerksamkeit der Forschung. Inzwischen richtet sich der Blick auch auf endzeitliche Vorstellungen von einer gerechten Gesellschaftsordnung, die in der praktischen Konsequenz zu der Forderung führten, dass Christus regieren solle – und zwar nicht durch eine persönliche Wiederkunft, sondern durch seine »Heiligen«. Statt wie in der älteren Forschung10 eine vorwiegend säkular ausgerichtete Leveller-Bewegung zu postulieren, ist neuerdings ein anderes Bild entstanden, das sich wie folgt zusammenfassen lässt: Zunächst vertraten die Publizisten Lilburne, Overton und Walwyn (die in der älteren Forschung als Leiter der Leveller-Bewegung galten) getrennt voneinander ähnliche Ansichten. Dann nahmen sie miteinander Kontakt auf, und seit November 1647 wurden sie gemeinsam als »Leveller« (Gleichmacher) denunziert. Zusammen mit Londoner Radikalen unterschiedlicher Schattierungen versuchten sie, die bei London 9 Vgl. Sharpe, Early Modern England, S. 25, 29f. sowie die systematisierenden Überlegungen in Blickle, Kommunalismus, Bd. 1, S. 70–76. Eine von Christopher Hill weitgehend unabhängige, aber ebenfalls betont sozialistische Sicht vertritt Manning, Aristocrats, Plebeians and Revolution, insbesondere Kapitel 6. Zu Interessenkonflikten der middle sort of people mit the poor vgl. ebd., S. 4. Vgl. auch die Debattenbeiträge in Woodhouse, Puritanism and Liberty. 10 Vgl. für die ältere Auffassung Frank, The Levellers; Zagorin, A History of Political Thought in the English Revolution, Kapitel 2 und 3; Brailsford, The Levellers and the English Revolution.

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kampierenden Soldaten in ihrem Sinn zu beeinflussen.11 Eine separate Leveller-Organisation gab es zunächst nicht. Die Unterschriften für die den Levellern zugeschriebenen Petitionen wurden in einer Reihe von Gemeinden außerhalb der Staatskirche gesammelt und enthielten folglich auch Forderungen wie die nach Abschaffung des Kirchenzehnten. Immer stärker verbreitete sich unter den einfachen Mitgliedern der Freikirchen der Gedanke, dass der König von Gott verworfen sei, da er die Schuld an dem im Bürgerkrieg vergossenen Blut trage.12 Entwürfe für eine Verfassungsreform standen in durchaus nicht immer eindeutiger Weise in Konkurrenz zu chiliastischen Vorstellungen.13 Im weiteren Verlauf der Aus­ einandersetzungen wandten sich einige Gemeinden und ihre Leiter von der Agitation der Leveller ab, und so verloren diese an Einfluss, da sie (wie auch einige Führer der Baptisten) eine Verständigung mit dem König für möglich hielten, wenn Einvernehmen über eine neue demokratischere Verfassung hergestellt werden konnte. Viele Armeeoffiziere konnten hingegen zusammen mit Führern freikirchlicher Gemeinden die Soldaten in der ihnen gemeinsamen Sprache der Chiliasten besser erreichen als die Leveller mit ihren abstrakteren Vorstellungen von einer guten Verfassungsordnung.14 Cromwell setzte sich nach einigem Zögern an die Spitze der Bewegung, die die Hinrichtung des Königs forderte. Ein Sondergerichtshof des Parlaments fällte das von den Radikalen geforderte Todesurteil, das am 30. Januar 1649 vollstreckt wurde. England war Republik, das Oberhaus wurde abgeschafft, das Unterhaus war Inhaber der Souveränität, die Exekutive wurde von einem von ihm eingesetzten Staatsrat ausgeübt. Mit diesen Entscheidungen änderten sich auch die Machtverhältnisse in Nordwest­ england. Der Herzog von Northumberland und Philip Lord Wharton verloren ihren Einfluss auf die Politik in Westminster, und parallel dazu ging auch ihr Einfluss in Nordwestengland zurück.15 Sir Arthur Hesilrige wurde Mitglied des Staatsrates und konnte zeitweise als mächtigster Mann in Nordengland gelten.16

Vgl. die Zusammenfassung in Braddick, God’s Fury, England’s Fire, S. 440–445, 507f. Vgl. Tolmie, The Triumph of the Saints, S. 144–165; Woolrych, Soldiers and Statesmen, S. 191–193. Zu Letzteren vgl. Laydon, »The Kingdom of Christ and the Powers of the Earth«, S. 182ff. Diese Sicht vertritt Tolmie, The Revolution of the Saints, S. 166ff. Hingegen sehen von Greyerz, England im Jahrhundert der Revolutionen, S. 189 sowie Schröder, Die Revolutionen Englands im 17. Jahrhundert, S. 123, 125 die Leveller als Vertreter einer sozialen Revolution und die chiliastisch begründeten Forderungen nach Hinrichtung des Königs als erfolgreiche Abwehrmaßnahme gegen eine solche Revolution. Ashton, The English Civil War betont (anders als die meiner Darstellung zugrunde gelegte Literatur) den wesentlich konservativen Charakter der »Re­ volution« und stellt seine Darstellung der Ereignisse von 1648/49 unter die Überschrift Revolu­ tion Contained. 15 Vgl. Kelsey, »The Foundation of the Council of State«, S. 130–134, 137f. 16 Durston, »Hesilrige [Haselrig], Sir Arthur«, S. 875.

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Regierungspolitik zwischen Fortsetzung der Revolution und Annäherung an die traditionellen Eliten Nach Abschaffung der Monarchie setzte sich der Widerstreit zwischen den in den Parlamenten vertretenen Schichten und jenen, die ihre Interessen besser durch die Armee gewahrt sahen, fort. Durch seine Herkunft und parlamentarische Erfahrung stand Cromwell dem Landadel (der sogenannten gentry) nahe, durch seine Karriere in der Armee wie auch durch seinen Glauben, dass ihn die göttliche Vorsehung bei seinen Entscheidungen lenkte, verstand er die Anliegen der Frommen in der Armee und den Freikirchen. Lange galt der Cromwell der 1650er Jahre als jemand, der England endlich zur Ruhe bringen wollte, indem er den alten Eliten so weit entgegen kam, wie er konnte, ohne seine Unterstützung in der Armee aufs Spiel zu setzen. Diese Sicht basiert vor allem auf Untersuchungen darüber, was auf der Ebene der Grafschaften geschah. Dort verloren Radikale verschiedentlich an Einfluss, und traditionell führende Familien traten wieder stärker hervor. Dem setzte Barry Coward das Bild eines Cromwell entgegen, der eine Fortführung der Revolution betrieb. Regierungsformen seien ihm nach seinen eigenen Worten eher Mittel als Zweck gewesen, er sei auch vor ungesetzlichen Maßnahmen nicht zurückgeschreckt, um England nach seinen Vorstellungen einer godly reformation umzuformen. Er habe sich als Gottes Werkzeug gefühlt und unter den Frommen aller Schattierungen Gleichgesinnte gegenüber der gottlosen Mehrheit gesucht. Eher machtpolitisch argumentiert Ronald Hutton mit seinem Hinweis, dass Cromwell Männer unterschiedlicher politischer und religiöser Couleur in Machtpositionen beförderte, solange er sich ihrer Loyalität gegenüber seiner Person sicher wusste. So nehme es nicht wunder, dass dieses weder institutionell noch ideologisch stabile Herrschaftssystem mit dem Tod des Mannes, auf den es ausgerichtet gewesen sei, auseinanderbrach.17 Aus der Sicht der Quäker war Cromwell beides, Revolutionär und Freund der alten Eliten. Sein Handeln war aus ihrer Sicht oft so widersprüchlich wie es manchem Historiker erscheint. Cromwell und die Armeeführung waren nach Errichtung der Republik zunächst damit beschäftigt, Meutereien in der Armee niederzuschlagen, die sich gegen die Aussicht auf einen unattraktiven Einsatz in Irland richteten und von den letzten Agitationen der Leveller überlagert wurden. Danach begann im Herbst 1649 die Rückeroberung Irlands, wo es 1641 einen Aufstand der von den Engländern unterdrückten Iren gegeben hatte. Im Frühjahr 1650 wurde Cromwell nach England zurückgerufen. Ein 17 Vgl. für die unterschiedlichen Interpretationen Underdown, »Settlement in the Counties 1653– 1658«, Coward, The Cromwellian Protectorate, S. 58 ff. und Hutton, The Restoration, S. 120.

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Feldzug gegen Schottland, wo die herrschenden Kreise den Sohn des besiegten Königs (den späteren Karl II.) als legitimes Staatsoberhaupt anerkannten, wurde im September 1651 siegreich beendet. In Schottland verblieb eine Besatzungsarmee unter General George Monck, einem Berufssoldaten, auf dessen Fähigkeiten Cromwell vertraute, obwohl er zeitweise auf Seiten der Royalisten gekämpft hatte. Dieser General spielte 1660 bei der Restauration des Königtums eine Schlüsselrolle. Nach ihren Siegen über Iren und Schotten griff die Armee erneut in die englische Innenpolitik ein. Cromwell und ein ständiger Rat höherer Armeeoffiziere18 forderten vom Rumpfparlament Reformen und Vorkehrungen für Neuwahlen auf der Grundlage eines gerechteren Wahlrechts für Besitzende bei gleichzeitigem Ausschluss von Gegnern des neuen Regimes. Eine Gesetzesvorlage hierfür enthielt Bestimmungen, die allen jenen Zugang in das neue Parlament verschafft hätte, die im Dezember 1648 in Pride’s Purge wegen ihrer Gegnerschaft zur Armee gewaltsam aus dem Langen Parlament ausgeschlossen worden waren. Hierdurch provoziert löste Cromwell, begleitet von einem Trupp Soldaten, das Rumpfparlament im April 1653 gewaltsam auf. Männer, die in diesem Parlament und im Staatsrat besonders einflussreich gewesen waren, wurden als überzeugte Republikaner (Commonwealthsmen in der Sprache der Zeitgenossen) zu Cromwells Gegnern. Einer der prominenteren unter ihnen war Sir Arthur Hesilrige, der durch seine Gegnerschaft zum Protektorat auch in Nordengland an Einfluss verlor. An seine Stelle trat dort Charles Howard, der Abkömmling eines in der Region ansässigen Adelshauses, der im Bürgerkrieg zu jung für eine aktive Parteinahme gewesen war und sich für eine Karriere unter dem bei seiner Volljährigkeit etablierten neuen Regime entschieden hatte.19 Aus der Sicht Cromwells und der führenden Offiziere hatten die gewählten Parlamente eine falsche Politik betrieben. Deshalb stellten sie eine Versammlung von 140 »gottesfürchtigen Männern von bewährter Treue und Ehrlichkeit« zusammen, der sie die Kompetenzen übertrugen, die traditionell dem Parlament zukamen. Dieses »Ernannte Parlament« (Nominated Parliament) – besser bekannt unter dem Spottnamen Barebone’s Parliament – konstituierte sich im Juli. Viele Mitglieder dieser Versammlung gehörten zur kleineren Gentry und den oberen Rängen der middle sort of people. Nur ungefähr ein Drittel kam aus Kreisen, aus denen sich traditionell die meisten Abgeordneten rekrutierten.20 18 Dieser Rat umfasste wahrscheinlich meistens ungefähr 40 Offiziere vom Hauptmannsrang aufwärts, hatte eine wechselnde Zusammensetzung und ergänzte sich durch Kooption, vgl. Woolrych, Commonwealth to Protectorate, S. 111f. 19 Coward, The Cromwellian Protectorate, S. 43, 76, 97f. Im 17. Jahrhundert war commonwealth die gängige Übersetzung für res publica. Zu Howard vgl. Durston, Cromwell’s major-generals, insbesondere S. 51–53. 20 Woolrych, Commonwealth to Protectorate, a.a.O., S. 165ff.

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Die ernannten Abgeordneten gehörten ganz unterschiedlichen religiösen Gruppierungen an. Die Konfliktlinie, die schließlich zur Selbstauflösung führte, verlief zwischen denen, die eine staatlich gestützte Kirche für die Masse des Volkes wollten, und anderen, die jede staatliche Unterstützung für Prediger ablehnten. Letztere wollten den Kirchenzehnten ersatzlos abschaffen, Erstere das System reformieren. Als die Abschaffung des Kirchenzehnten drohte, stimmten die Befürworter einer Staatskirche im Dezember 1653 für einen Antrag an Cromwell auf Entlassung des Parlaments, dem dieser nachkam.21 Enttäuschte Chiliasten, jetzt immer mehr als Fifth Monarchy Men bekannt, wurden fortan von Anhängern zu erbitterten Gegnern Cromwells. Die Royalisten, dann die durch Pride’s Purge ausgeschlossenen Abgeordneten, danach die als Commonwealthsmen bekannten ehemaligen Abgeordneten des Rumpfparlaments und jetzt auch die durch Auflösung des Rumpfparlaments enttäuschten Chiliasten zählten fortan zu einer in sich uneinigen Gruppe von Regimegegnern. Der Quäkerführer James Nayler scheint damals alle Hoffnung auf Durchsetzung seiner Vorstellungen durch die Politiker verloren zu haben. Er wurde jedoch genauso wenig wie andere Quäker, die weiterhin gewisse Hoffnungen auf Cromwell setzten, zu einem Gegner des Regimes.22 Vor der Auflösung des Ernannten Parlaments hatte eine Gruppe um John Lambert bereits den Entwurf einer künftigen Verfassung ausgearbeitet. Dieses Instrument of Government steckte den rechtlichen Rahmen für das quasi-monarchische Protektorat Oliver Cromwells ab, das dieser am 16. Dezember 1653 antrat. Ein Parlament, in neu zugeschnittenen Wahlkreisen auf der Grundlage eines reformierten Zensuswahlrechts gewählt, trat im September 1654 zusammen. Sehr bald war deutlich, dass hier Gegner des Protektorats eine Plattform fanden. So löste Cromwell im Januar 1655 auch dieses Parlament auf.23 Das immer selbstbewusstere Vorgehen der aufstrebenden Seemacht England gegen die Republik der Vereinigten Niederlande provozierte einen Seekrieg zwischen diesen beiden protestantischen Mächten, der von Mai 1652 bis April 1654 dauerte. Die Fifth Monarchy Men hatten diesen Krieg mit dem Argument, dass England die Führungsrolle in einem protestantischen Kreuzzug gegen alle katholischen Mächte gebühre, propagandistisch unterstützt. Der Protektor schloss jedoch Frieden mit den Holländern und betrieb im Einvernehmen mit Frankreich einen gegen das katholische Spanien und seine Kolonien gerichteten Seekrieg. Allerdings scheiterte eine Expedition zur Eroberung der spanischen Kolonie Hispaniola.24 21 22 23 24

Vgl. ebd., S. 194ff., 312ff. Vgl. das übernächste Kapitel. Vgl. Coward, The Cromwellian Protectorate, S. 13–30, 41ff., 196–199. Vgl. ebd., S. 29ff., 119ff., 139ff.

REGIERUNGSPOLITIK Z WISCHEN FORTSE T ZUNG DER REVOLUTION …   |   19

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Die Finanzen des Regimes befanden sich in einem katastrophalen Zustand. Die Lösung schien darin zu bestehen, den Umfang des regulären Heeres, das auch in England zur Herrschaftssicherung benötigt wurde, zu reduzieren. Militärkommandanten für größere regionale Einheiten sollten eine effektivere Kontrolle bei geringerem Personaleinsatz ermöglichen. Männer, die zu einem guten Teil den frommen Mittelschichten entstammten und sowohl den adligen Lebensstil wie die Vergnügungen der Massen verabscheuten, bekämpften neben der Bettelei und der Prostitution auch Pferderennen, Fußballspiele, Trinkgelage und manches andere »sündige« Vergnügen. Wer als Regimegegner bekannt war, wurde in einer Liste erfasst und unterlag besonderer Überwachung. Das Verhalten der als Major Generals bekannten Militärgouverneure gegenüber den Quäkern hing stark von ihren jeweiligen religiösen Vorstellungen ab. In den Ursprungsgebieten der Quäker in Nordengland kam es zu keinen Konfrontationen zwischen Quäkern und der Staatsgewalt.25 Auch die Herrschaft der Major-Generals in den Regionen blieb Episode. Cromwell kam den traditionellen Eliten erneut entgegen und ließ abermals ein Parlament wählen. Die erste Legislaturperiode dieses zweiten Parlaments in der Zeit des Protektorats dauerte von September 1656 bis Juni 1657. Bisher verschleppte Gesetzesvorhaben wurden erfolgreich zu Ende gebracht, aber ein Quäker, James Nayler, bot durch einen als Blasphemie ausgelegten Auftritt den Gegnern von Cromwells Politik religiöser Toleranz einen Anlass, ein Exempel zu statuieren. Das Parlament konstituierte sich ohne verfassungsmäßige Grundlage als Gerichtshof, und Cromwell fügte sich darein. Er war auch bereit, statt der bisherigen eine ihm vom Parlament vorgeschlagene Verfassung zu akzeptieren. Diese als Humble Petition and Advice bekannte Verfassung verkörperte die Vorstellungen von Juristen, die sich am Ideal einer Monarchie orientierten. Gleichzeitig sollte Cromwell den Königstitel annehmen, dies lehnte er nach erneutem Zögern mit Rücksicht auf die Stimmung in der Armee ab.26 Bald aber sah der Protektor Anzeichen, dass unzufriedene Abgeordnete die Loyalität der Armee untergraben wollten und löste das Parlament – trotz ungelöster Finanzprobleme – im Februar 1658 auf. Der Erwerb der Festung Dünkirchen nach einem Sieg von Franzosen und Engländern über die spanische Garnison hob die Stimmung in der Armee. Am 3. September 1658, dem fast abergläubisch beachteten Jahrestag seiner beiden größten militärischen Erfolge, starb Oliver Cromwell.27 Richard Cromwell, Olivers ältester Sohn, wurde der nächste Protektor. Er ermöglichte den Commonwealthsmen durch die Anwendung des unreformierten Wahlrechts 25 Vgl. Durston, Cromwell’s major-generals, insbesondere Kap. 2, 3, 8; Coward, The Cromwellian Protectorate, S. 65ff. 26 Vgl. Coward, The Cromwellian Protectorate, S. 73ff. 27 Vgl. ebd., S. 94–101, 136.

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die Rückkehr zu politischer Geltung. Zusammen mit unzufriedenen Offizieren erzwangen sie im Mai seinen Rücktritt und führten damit das Ende des Protektorats herbei.28 Das 1653 aufgelöste Rumpfparlament, in dem die Commonwealthsmen Schlüsselstellungen innehatten, trat wieder zusammen, erklärte sich wie 1649 zum Inhaber der Souveränität und delegierte die Exekutive an einen »Sicherheitsausschuss« (Committee of Safety), der sich bald unter dem alten Namen Staatsrat (Council of State) neu konstituierte. In dem Wissen um ihre schwache Position suchten die Commonwealthsmen im Rumpfparlament den Schulterschluss mit allen, die in der Zeit des Protektorats als »linke« Kritiker des Regimes bekannt geworden waren. So kam kurzfristig eine in sich äußerst vielfältige und auch von Widersprüchen zerrissene radikale Allianz zustande, die auch um Unterstützung durch die Quäker warb. Ein im August entfesselter royalistischer Aufstand wurde durch Truppen unter Führung John Lamberts niedergeschlagen. Erneut waren radikale Offiziere mit dem Parlament unzufrieden und setzten Mitte Oktober 1659 statt des Rumpfparlaments und Staatsrats wieder einen »Sicherheitsausschuss« ein, der das Land regieren sollte.29

Restauration des Königtums und Maßnahmen gegen Dissenter Als die Armee im Begriff schien, vollends die Macht zu übernehmen, distanzierte sich George Monck, Oberbefehlshaber der in Schottland stationierten Truppen, vom Vorgehen seiner Mitoffiziere. Eine militärische Konfrontation mit regimetreuen Truppen unter John Lambert vermied Monck. Da Lamberts Soldaten in Scharen desertierten, zog Monck mit seinen Truppen ungehindert nach London, zunächst mit dem erklärten Ziel, die Rechte des Rumpfparlaments zu sichern. Im Februar 1660 änderte er diese Haltung und lud die 1648 in Pride’s Purge ausgeschlossenen Abgeordneten des Langen Parlaments ein, ihre Plätze wieder einzunehmen. Somit waren sowohl Moncks mögliche Gegner in der Armee als auch die Commonwealthsmen entmachtet. An die Macht zurückgekehrt waren Männer, die für eine konstitutionelle Monarchie mit einem starken Parlament eintraten.30 Monck unterwarf die Armee der Kontrolle des Parlaments, und dieses Parlament machte im März 1660 den Weg für Neuwahlen frei. Das Convention Parliament trat im April 1660 zusammen und erklärte sich für die Monarchie. Im Mai kehrte Karl II. nach England zurück, eingeladen von Männern, die früher gegen seinen Vater ge28 Vgl. ebd., S. 101–112; Hutton, The Restoration, S. 21–41. 29 Hutton, The Restoration, S. 42–67. 30 Vgl. ebd., S. 68–96, 107.

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kämpft hatten. So konnten frühere Gegner der Monarchie, nachdem sie zur Restauration beigetragen hatten, oft den durch die Revolution erlangten Besitz und Einfluss retten, und nicht alle Anhänger der Monarchie erhielten zurück, was sie verloren hatten.31 Eine allgemeine gesetzliche Regelung erwies sich angesichts der komplexen Verhältnisse als impraktikabel, Einzelfallentscheidungen fielen nicht selten zugunsten der neuen Besitzer von Ländereien aus.32 Auch bei der Vergabe von Ämtern auf allen Ebenen von Regierung und Verwaltung wurden neben bewährten Anhängern der Monarchie diejenigen Anhänger des Revolutionsregimes berücksichtigt, die bei der Restauration mitgewirkt oder sich dem König angedient hatten. Nach und nach wurden auch die Finanzmittel aufgebracht, um den Soldaten von Cromwells Armee ihren ausstehenden Sold zu zahlen und sie dann zu entlassen. Eine stark verkleinerte Streitmacht unter royalistischen Offizieren sollte die Sicherheit des Königs gewährleisten. Das Parlament versah den König mit einem festen jährlichen Einkommen, das alle regelmäßigen Ausgaben decken sollte, sich aber als viel zu knapp kalkuliert erwies. In einer noch im Exil in Breda abgegebenen Erklärung hatte Karl II. wenige Tage vor seiner Rückkehr nach England entsprechende Zusagen gemacht, die hierdurch eingelöst wurden. Das in der Erklärung ebenfalls enthaltene Versprechen religiöser Toleranz war mit einem Gesetzesvorbehalt versehen, der schließlich dessen Einlösung unmöglich machte. Zunächst wurden allerdings Pläne für eine Staatskirche entworfen, in der das bischöfliche Regiment und synodale Mitspracherechte nach Art der presbyterianischen Kirchenordnung ausbalanciert sein sollten. Verhaftungsaktionen gegen Quäker und andere »Sektierer« als vermeintliche Gegner der Monarchie gingen nicht vom König aus, sondern von regionalen Machthabern. Immer wieder veranlasste Karl (ähnlich wie es Cromwell verschiedentlich getan hatte) die Freilassung der so Verhafteten, aber immer wieder fand man im Arsenal der ursprünglich gegen Katholiken gerichteten Gesetze Gründe für neue Verhaftungen. Karls schwankendes Verhalten lässt sich damit erklären, dass er im Wesentlichen um sein politisches Überleben bemüht war und sich folglich immer wieder auf Kompromisse einließ, sobald er auf Widerstand traf. Im Zuge der Rückkehr des Königs wurden durch regionale Machthaber Quäker in größerer Zahl verhaftet. Man sah in ihnen nicht ohne Grund Sympathisanten der politischen Radikalen und unterstellte ihnen, dass sie zum bewaffneten Aufstand bereit seien. Für eine Kerkerhaft fand man wie schon in der Zeit des Protektorats genügend 31 Vgl. ebd., S. 97ff., 125ff. 32 Die folgende Darstellung basiert auf den entsprechenden Abschnitten in Engehausen, Von der Revolution zur Restauration; Hutton, The Restoration; Keeble, The Restoration; Coward, The Stuart Age; Clark, The Later Stuarts; Watts, The Dissenters; Braithwaite, The Second Period of Quakerism.

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Begründungen in den alten, ursprünglich gegen Katholiken gerichteten Gesetzen mit den darin geforderten und von den Quäkern aus religiösen Gründen verweigerten Eidesleistungen. Zwei Vertreter der Quäker, Richard Hubberthorn und Margaret Fell, erlangten Zugang beim König. Sie legten ihm im Namen der Bewegung den grundsätzlichen Gewaltverzicht ihrer Glaubensgenossen dar und baten um Hilfe. Tatsächlich veranlasste Karl II. seit dem Herbst 1660 die Freilassung von Quäkern, aber die Verhaftungen durch regionale Machthaber gingen weiter. »Quakers were now entering prison faster than Charles could free them.«33 Auch Baptisten wurden Opfer solcher spontanen Verfolgungen, und auch zu ihren Gunsten schritt der König gelegentlich ein. Eine weitere gegen alle »Sektierer« gerichtete Verhaftungswelle folgte auf den von Beginn an aussichtslosen Aufstand einer kleinen Gruppe von Quintomonarchisten (Fifth Monarchy Men) im Januar 1661. Der König hatte gleich nach dem Aufstand durch Proklamation alle gottesdienstlichen Versammlungen außerhalb der Staatskirche verboten – und die Quäker hatten sich, getreu ihren Grundsätzen, trotzdem versammelt. Nach und nach wurden verhaftete Quäker und Baptisten freigelassen, aber die Sieger nutzten die Gelegenheit, um von den ihnen besonders verhassten Quäkern den Treueid zu fordern, den sie wegen ihrer Ablehnung aller Eide nicht leisten konnten. Im Wege einer Proklamation verbot der König im Mai 1661 dieses Vorgehen und ordnete Entlassungen aus den Gefängnissen an. Doch hatten seine Interventionen zu Gunsten der Verhafteten nur begrenzten Erfolg. Waren Hilfsaktionen erfolgreich, folgten sie häufig einem Politikmodell, das nicht nach festen Rechtsgrundsätzen verfuhr, sondern auf Patronage und Loyalitäten innerhalb von Personenverbänden beruhte. Die ersten regulären Wahlen unter dem restaurierten Königtum fanden im Schatten des gescheiterten Aufstands und der dadurch ausgelösten Hysterie statt und verschafften besonders reaktionären Royalisten (Cavaliers) eine unanfechtbare Mehrheit im neuen Unterhaus. Schon in den beiden ersten Sitzungsperioden des sogenannten Cavalier Parliament (Mai bis Juli 1661, November 1661 bis Mai 1662) wurde die von Karl II. und dem Übergangsparlament zunächst verfolgte Politik des Austarierens zwischen den Erwartungen der alten und neuen Stützen des Regimes beendet. Mit Ausnahme einiger Maßnahmen, von denen die traditionellen Eliten profitiert hatten, wurden die Reformen aus der Zeit des Interregnums rückgängig gemacht. Unter anderem blieben dadurch die nicht mehr zeitgemäße Einteilung der Wahlkreise und die überholten Vermögensqualifikationen, an die das Wahlrecht geknüpft war, bis 1832 bestehen, obwohl die Berater des Königs durchaus daran gedacht hatten, auf die 1654 durchgeführten Wahlrechtsreformen zurückzugreifen. 33 Hutton, The Restoration, S. 148.

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Auch die angestrebte Neuregelung der Staatsfinanzen unterblieb, denn der im Unterhaus vertretene Landadel lehnte eine gerechtere Besteuerung von Grundbesitz ab. Stattdessen wurde eine rudimentäre Form einer allgemeinen Einkommenssteuer erfunden: die hearth tax oder Herdsteuer. Sie war seit 1662 auf alle Feuerstellen im Land fällig. Man ging davon aus, dass die Größe des Wohnhauses, die sich in der Zahl der Feuerstellen niederschlug, in Beziehung zum Einkommen stand. Im Bereich der Staatskirche herrschte statt des zunächst vereinbarten Ausgleichs mit den Presbyterianern die Reaktion. Die Bischofskirche sicherte hinfort nicht so sehr die Rechte der Monarchie als das Machtmonopol der alten Eliten. Geistliche wurden stärker als je zuvor auf Einhaltung aller Regeln bei drohendem Amtsverlust verpflichtet; Laien, die sich dem religiösen Zwang nicht unterwarfen, verloren das passive Wahlrecht und blieben vom Universitätsstudium sowie von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen. Das neu gewählte Unterhaus reagierte auf die Intervention des Königs zugunsten verhafteter Quäker mit einem Gesetz, das sich speziell gegen diese Religionsgemeinschaft richtete. Dieses als Quaker Act bezeichnete Gesetz trat nach mancherlei Verzögerungen im Mai 1662 in Kraft. Fortan war schon die Behauptung strafbar, dass Christus Eide verboten habe, erst recht das Verweigern von Eiden. Außerdem waren den Quäkern religiöse Versammlungen, bei denen fünf oder mehr Personen ab sechzehn Jahren zusammenkamen, verboten. Beim ersten Verstoß waren fünf Pfund Strafe fällig, beim zweiten zehn und beim dritten die Zwangsaussiedlung in eine der englischen Kolonien. Bezeichnend für die herrschende Rechtsunsicherheit und das Kompetenzgerangel zwischen Monarch und Parlament war die Tatsache, dass Karl II. im Mai 1662 das Gesetz gegen die Quäker bestätigt hatte, im August aber durch Proklamation schon wieder die Freilassung von Quäkern anordnete, die auf der Grundlage des von ihm drei Monate zuvor bestätigten Gesetzes inhaftiert waren. Ebenso bezeichnend war auch, dass der Londoner Bürgermeister die Freilassungsorder des Königs ignorierte. Am Jahresanfang 1663 waren noch über 500 Quäker in Haft, 34 waren allein 1662 gestorben – Opfer der unsäglichen Haftbedingungen in überfüllten Gefängnissen. Um diese Zeit bemühte der König sich wieder um Ausnahmen von den Verboten, gab sich aber angesichts der Entrüstung im Parlament geschlagen. Mehr noch: Mit dem Conventicle Act von 1664 wurden die Versammlungsverbote auf alle Gruppierungen außerhalb der Staatskirche ausgedehnt, die Durchsetzung der Strafen wegen Eidesverweigerung erleichtert. Gleichzeitig blieb das Quaker Act mit großenteils ähnlichen, in Einzelheiten aber abweichenden Bestimmungen in Kraft. Die Rechtslage war unübersichtlich und wurde im Zuge neuer Gesetze noch unübersichtlicher, sodass auch die Zeitgenossen einschließlich der Juristen und Vollstreckungsbehörden sie nicht wirklich verstanden. Dieser legislative und administrative

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Dschungel, so stellte Craig Horle in seiner grundlegenden Studie zum Thema fest, gab den Quäkern die Chance, auch juristisch gegen die Verfolgungen und die Verfolger vorzugehen. Dafür holten sie den oft widersprüchlichen, aber fast immer nützlichen Rat von Rechtsexperten ein.34 Während die meisten Dissenter sich heimlich versammelten, sahen es die Quäker als Teil des ihnen von Gott gebotenen Zeugnisses an, ihre Zusammenkünfte weiter an den bekannten Orten abzuhalten. Ihre Flugschriften stellten diejenigen, die die Anwesenden verhafteten und ihre Vermögenswerte zur Bezahlung der Strafen einzogen, als hartherzige Verfolger armer Witwen dar. Mitleidlose Gefängnisleiter wurden öffentlich angeprangert, verständnisvollen in Einzelfällen ein Geldgeschenk gemacht.

Wechsel von Duldung und Verfolgung bis 1689 Das erste Conventicle Act war auf vier Jahre begrenzt. Als es 1668 auslief, erklärte der König sich erneut für Toleranz, das Parlament hingegen begann umgehend, ein zweites, in Einzelheiten geändertes Conventicle Act auszuarbeiten, das 1670 in Kraft trat. 1672 setzte der König während einer fast zweijährigen Sitzungspause des Parlaments in der Declaration of Indulgence alle Gesetze außer Kraft, die gegen religiöse Abweichler gerichtet waren. Beim erneuten Zusammentreten des Parlaments begann im Frühjahr 1673 eine heftige Agitation gegen die Declaration of Indulgence. Der König gab nach, zog die Toleranzerklärung zurück und stimmte einem Gesetz (Test Act) zu, das jeden von staatlichen Ämtern ausschloss, der nicht durch Teilnahme am Anglikanischen Abendmahl seine Zugehörigkeit zur Staatskirche bewies. Das erste prominente Opfer dieses Gesetzes wurde James, der katholische Bruder des Königs und Thron­ folger. Karl erwog die Rückkehr zu einer Politik der Duldung von Dissentern. Er argumentierte, dass sie zu zahlreich seien, um auf Dauer unterdrückt zu werden. Danby, sein leitender Minister, wollte ihn vom Gegenteil überzeugen, um Anhänger im Parlament zu gewinnen. Eine von ihm veranlasste und unter der Verantwortung Henry Comptons, des Bischofs von London, durchgeführte Befragung der Geistlichkeit sollte beweisen, dass die Dissenter lange nicht so zahlreich seien wie behauptet. Dieser sogenannte Compton Census lässt trotz mancher Interpretationsschwierigkeiten den Schluss zu, dass protestantische Dissenter landesweit gut vier Prozent der Bevölkerung ausmachten, Katholiken etwa 0,5 Prozent. In der Diözese Canterbury galten allerdings gut zehn Prozent der Bevölkerung als Dissenter, in London noch über sieben Prozent. In der Diözese Carlisle im Ursprungsgebiet der Quäker in Nordwestengland 34 Horle, The Quakers and the English Legal System, passim.

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lag der Prozentsatz der Dissenter nahe dem landesweiten Durchschnitt, weit mehr als die Hälfte davon waren Quäker.35 Bald trat das Interesse an den Dissentern angesichts immer heftigerer Kampagnen gegen eine vermeintliche katholische Gefahr in den Hintergrund. So nahm das Parlament den Thronfolger und die katholischen Sympathien des Königshauses in den Blick, weniger die protestantischen Dissenter. Da das Cavalier Parliament gegen Ende des Jahres 1678 über ein Gesetz beriet, durch das sein katholischer Bruder Jakob (James) von der Thronfolge ausgeschlossen werden sollte, löste Karl es im Januar 1679 auf, nachdem es mit Unterbrechungen gut 16 Jahre getagt hatte. 1679, 1680 und 1681 wurden jeweils Parlamente gewählt und nach kurzer Sitzungsperiode aufgelöst. In ihnen verfestigten sich zwei politische Gruppierungen, die Tories, die mit dem König gegen die protestantischen Dissenter vorgehen und den Ausschluss Jakobs von der Thronfolge verhindern wollten, und die oppositionellen Whigs, die nicht nur die Tolerierung der Dissenter verlangten, sondern auch Mehrheiten für den Ausschluss (exclusion) Jakobs von der Thronfolge organisierten.36 Nach der Auflösung des dritten Exclusion Parliament regierte Karl II. bis zu seinem Tod im Jahr 1685 ohne Parlament. Ganz im Sinne der Tories rief er nunmehr zu verstärkter Anwendung der Gesetze gegen Dissenter auf. Zwar machte Karl Anstalten, zur Politik der praktischen Tolerierung von Katholiken und protestantischen Dissentern zurückzukehren, aber zur Durchführung kam es nicht, weil er überraschend starb. Seine intolerante Politik hatte bewirkt, dass im Parlament, das nach dem Regierungsantritt Jakobs II. zusammentrat, kaum noch Whigs vertreten waren. Die Welle der Sympathie, die dem neuen König zunächst von der Tory-Mehrheit entgegengebracht worden war, verkehrte sich in Ablehnung, als Jakob seine Pläne für eine Rekatholisierung Englands offenbarte. Die Gesetze, die protestantische Dissenter und Katholiken gleichermaßen von der politischen Nation ausschlossen, wollte er aufheben lassen. In Irland und Schottland besetzte er bereits wichtige Stellen in der Armee und der Verwaltung mit Katholiken, in England erklärte er im April 1687 und erneut ein Jahr später in einer Declaration of Indulgence, dass die Strafgesetze gegen Katholiken und Dissenter nicht anzuwenden seien. So hatten sich die politischen Fronten für die Dissenter mehrfach verkehrt. War zunächst klar gewesen, dass sie nur beim König Hilfe gegen das Parlament finden konnten, hatten sie den König gegen Ende von Karls Regierungszeit gegen sich, genossen aber Sympathien bei der parlamentarischen Opposition gegen ihn. Fast unmittelbar nach Jakobs Regierungsantritt bot dieser ihnen seinen Schutz gegen Verfol35 Vgl. Whiteman, Compton Census, S. xxivff., cxxiiif., 618; Henke, Studien (2012), S. 157–161. 36 Für eine post-revisionistische Erörterung der Anwendbarkeit dieser Parteinamen und deren allmähliche Verfestigung im Sprachgebrauch vgl. Harris, Restoration, S. 139ff., 266f., 323–328.

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gung an. Erneut verfügte er die Nichtanwendung der Gesetze gegen Katholiken und protestantische Dissenter. Nicht nur die Strafen sollten erlassen werden, es sollte auch niemand mehr wegen seines Glaubens von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen werden. In einem ersten Schritt konnten Einzelne für sich und ihre Familien Schutz gegen Verfolgung und Rückzahlung von Geldstrafen beantragen. Nicht jeder hielt es für klug, so von einer immer deutlicher gegen das Parlament gerichteten Betonung der königlichen Prärogative zu profitieren. Schließlich war ein wichtiges Motiv des Königs, seinen katholischen Glaubensgenossen zu helfen. Seine Untertanen sahen in der Aufhebung des Edikts von Nantes durch Ludwig XIV. von Frankreich einen Beweis für die Gefahr, die dem Protestantismus durch eine Kombination von Katholizismus und Absolutismus drohte. William Penn, 1666 zum Quäkertum konvertiert, plagten keine derartigen Skrupel. Er nutzte seine guten Beziehungen zum Königshaus, um die angebotenen Erleichterungen für sich und seine Glaubensgenossen zu erlangen. Das Parlament reagierte auf die Vorstöße des Königs zugunsten von Katholiken und protestantischen Dissentern. Es fand sich dort eine die beginnenden Parteigrenzen zwischen Whigs und Tories überspannende Mehrheit, die den Dissentern religiöse Toleranz bei fortgesetztem Ausschluss von öffentlichen Ämtern anbot, sodass es in ihrem Interesse war, sich im eskalierenden Konflikt zwischen König und Parlament für die Seite des Parlaments zu entscheiden. Nach dem Sturz Jakobs II. in der weitgehend unblutigen »Glorreichen Revolution« von 1688 wurde auf dieser Basis das Toleranzgesetz von 1689 verabschiedet. Quäker und andere Dissenter wurden durch die Bedingungen dieses Gesetzes von der traditionellen Bildung ausgeschlossen und an der Betätigung im Staatsdienst gehindert. Sie waren damit auf eine Bewährung in der Wirtschaft des Landes verwiesen, bauten Netzwerke auf, die auf gegenseitigem Vertrauen beruhten, und schufen so die Voraussetzungen für einen effektiven Einsatz vorhandenen Kapitals und Wissens. An ihren alternativen Bildungsstätten erwarben sie naturwissenschaftliche Kenntnisse, die ihnen bei industrieller Betätigung von Nutzen waren.37 Zwischen dem Dissent und den Whigs entwickelte sich eine Form der Zusammenarbeit, die den Whigs die Unterstützung der Dissenter einbrachte. Diese wurden im Gegenzug von den Whigs protegiert, ohne mit ihnen im Gerangel um politische Ämter konkurrieren zu können.

37 Vgl. Raistrick, The Quakers in Science and Industry, S. 10f.; Cantor, Quakers, Jews, and Science, passim.

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Puritaner und Quäker

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts prägte Samuel Rawson Gardiner für die Ereignisse, die zum Sturz des Königtums führten, den Begriff »Puritanische Revolution«.1 Wer von »Puritanern« spricht, verwendet einen Begriff, um den sich eine eigene Kontroverse rankt,2 und natürlich wird immer neu erörtert, ob es sich bei den Ereignissen, auf die Gardiner sich bezog, um eine Revolution handelte.3 Scheinbar eindeutig ist der Begriff Quäker. Ursprünglich ein Spottname für jene, die während eines manchmal dramatisch verlaufenden Bekehrungserlebnisses im Bewusstsein ihrer Sündhaftigkeit erbebten (to quake, vgl. earthquake), wurden damit die Mitglieder der heutigen Religious Society of Friends (Quakers) oder Religiösen Gesellschaft der Freunde (Quäker) benannt. Weniger klar definiert ist ihre Lehre, und auch hinsichtlich des Ursprungs dieser Lehre gibt es eine Reihe unterschiedlicher Erklärungsansätze, die unter anderem darin begründet sind, wie die frühe Lehre inhaltlich definiert wird.

Wer sind die Puritaner? Es ist sinnvoll, den Begriff Puritaner bei der Beschreibung des religiösen Spektrums zunächst sehr weit zu fassen. Auf der vergleichsweise konservativen Seite des Spektrums finden wir Befürworter einer alle Engländer umfassenden Kirche. Ihre Gegner waren die Separatisten, die aus Prinzip jede Form der Staatskirche ablehnten und des-

1 Zum Verständnis von Gardiners Konzept vgl. Laing, The Victorians and the Stuart Heritage, S. 139ff., insbesondere S. 172ff.; Richardson, The Debate on the English Revolution Revisited, S. 84–86. 2 Vgl. u. a. Aylmer, »Collective Mentalities in mid Seventeenth-Century England«; McGrath, Papists and Puritans, S. 32–46; Knappen, Tudor Puritanism, S. 487–493; Webster, The Great Instauration, S. xxii–xxv. Knappen und Webster plädieren für eine möglichst umfassende Definition des Begriffs, die dann im jeweiligen Zusammenhang gegebenenfalls erläutert und eingeschränkt werden muss. Watts, Dissenters, S. 15f. beschränkt den Begriff auf solche, die eine »Reinigung« der Staatskirche wollen und den Separatismus ablehnen. 3 Vgl. das erste und das sechste Kapitel. Als Beispiel einer systematischen Erörterung vor dem Hintergrund sozialwissenschaftlicher Theorien und Typologien von Revolution scheint mir immer noch lesenswert Stone, The causes of the English Revolution.

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halb auch die ersatzlose Abschaffung des Kirchenzehnten verlangten.4 Alle Puritaner fühlten sich an Verhaltensnormen gebunden, die gegen Verschwendung und Müßiggang gerichtet waren. Im letztgenannten Sinn waren auch die Quäker ohne Zweifel Puritaner.5 Richtet man den Blick auf die Geistlichkeit mit einer traditionellen universitären Ausbildung stellt sich die kirchliche Entwicklung als eine immer breitere Auffächerung der von ihnen vertretenen Positionen dar.6 Der Blick auf die von gegnerischen Zeitgenossen und auch von britischen Historikern gewöhnlich als »Sekten« bezeichneten Gruppierungen lässt hingegen vermuten, dass bei ihrem Auftreten Lehren öffentlich wurden, die bereits im 16. und beginnenden 17. Jahrhundert offen propagiert und nach Verfolgungen im Untergrund weitergereicht worden waren.7 Ein erneutes öffentliches Wirken war möglich, weil die obrigkeitliche Kontrolle über Glaube und Kirche in der Bürgerkriegszeit immer weiter abnahm. In der New Model Army konnten seit 1645 abweichende religiöse Auffassungen propagiert und diskutiert werden, und die Soldaten beschützten Zivilisten, die ähnlich wie sie dachten und redeten. Bekanntlich war die englische Staatskirche 1534 durch ein Zusammenwirken Heinrichs VIII. mit dem Parlament als Abspaltung von Rom entstanden. Im Act of Supremacy wurde der Monarch zum Oberhaupt der Anglicana Ecclesia erklärt; liturgische oder lehrmäßige Änderungen blieben zunächst aus.8 Deshalb forderten »Puritaner« eine »Reinigung« der Kirche durch eine deutlichere Abkehr von katholischen Frömmigkeitsformen. Bis zu einem gewissen Grad war dies unter Eduard VI. (1547–1553) und Elisabeth I. (1558–1603) geschehen. Dann aber betrieb Karl I. seit 1633 gemeinsam mit Erzbischof William Laud eine Annäherung an katholische Lehre und Gottes-

4 Dieser für die Zeit vor 1660 bedeutsame Gegensatz wurde in der konfessionellen Kirchenge­ schichtsschreibung verwischt, da seit 1662 gezwungenermaßen auch jene außerhalb der Staats­ kirche verblieben, die eine im Sinne Calvins umgestaltete Staatskirche propagiert hatten. Nuttall, Visible Saints, S. 3 und S. 40 weist auf die Unterschiede der separatistischen und nicht-separatistischen Traditionen hin, die im Kongregationalismus vereint wurden, erörtert aber im systematischen Hauptteil nur noch beiden gemeinsame Positionen. Vgl. dagegen Wright, The Early English Baptists, S. 9–12. 5 Jones, Studies in Mystical Religion deutete die Quäkerlehre als Teil einer über das Christentum hinausreichenden »mystischen« Tradition. In ders., »Introduction« in Braithwaite, The Second Period of Quakerism, London 11919, S. xxxii–xliii erklärte Jones es für ursprüngliche Quäkerlehre, dass das Gute dem Menschen inhärent sei und entdeckt werden müsse und forderte eine Rückbesinnung auf diese Sicht. Die Betonung der Gemeinsamkeiten von Quäkern und zeitgenössischen Puritanern geht zurück auf Nuttall, The Holy Spirit in Puritan Faith and Experience. 6 So verfährt in stark systematisierender Weise Liu, Discord in Zion. 7 Vgl. White, The English Separatist Tradition, S. 1–141; Christianson, Reformers and Babylon, S. 47–92. 8 Vgl. Mackie, The Earlier Tudors, S. 335ff.; Dickens, The English Reformation, S. 161–75.

WER SIND DIE PURITANER?  |   29

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dienstformen. Angesichts dieser gegenreformatorischen Offensive sahen sich Teile der Führungsschichten wie der Geistlichkeit aufgerufen, eine in Lehre und Ritus calvinistisch ausgerichtete öffentliche Religionsausübung gegen König und Erzbischof zu verteidigen.9 Aus der Kritik an einzelnen Exponenten der Bischofskirche wurde eine Bewegung, die eine solche Kirche grundsätzlich ablehnte. Im Dezember 1640 zogen einige hundert Londoner zum Unterhaus, um dem Langen Parlament die erste einer langen Reihe von Root and Branch Petitions vorzulegen, in denen die Abschaffung der episkopalen Kirchenverfassung mit Stumpf und Stil (root and branch) gefordert wurde. Erzbischof Laud und einige seiner Mitbischöfe wurden 1641 verhaftet, Laud schließlich im Januar 1645 hingerichtet. Als das Parlament im August 1643 ein Bündnis mit den Schotten schloss, wurde vereinbart, dass eine Versammlung schottischer und englischer Kleriker, die Westminster Assembly of Divines, auch für England eine presbyterianische Kirchenverfassung erarbeiten sollte. Zwar sollte so die Kirche von England ähnlich der von Schottland organisiert werden, aber man griff auf Konzepte zurück, die ein Geistlicher namens Walter Travers schon 1587 in der Hoffnung auf eine presbyterianisch orientierte Umwandlung der Anglikanischen Kirche vorgelegt hatte. 1644 erschienen diese Vorschläge in Form einer vom Parlament autorisierten englischen Übersetzung als Anleitung für eine Neuregelung der Gottesdienste und des Kirchenregiments.10

Presbyterianer und Independenten Einige Teilnehmer an der Synode von Westminster, die sogenannten Dissenting Brethren, erklärten im Januar 1644, dass sie nicht bereit seien, sich in eine presbyterianisch verfasste Nationalkirche einzufügen. Sie verlangten Anerkennung für ihr Kirchenmodell, das die Tolerierung unabhängiger Gemeinden innerhalb einer ansonsten presbyterianisch organisierten Staatskirche vorsah. Entstehung und Fortbestehen solcher Gemeinden wurde de facto dadurch möglich, dass (anders als in Schottland) neben Provinzialsynoden keine Nationalsynode vorgesehen war, da das Parlament die Leitung der Kirche beanspruchte und den Synoden keine Vollmacht zur Anwendung irgendwelcher Zwangsmittel erteilte. Der Schotte Baillie kritisierte, dass die theolo-

9 Vgl. Tyacke, »Puritanism, Arminianism and Counter-Revolution«, Woolrych, Britain in Revo­ lution, S. 32–44. 10 [Walter Travers], A Directory of Church-government, 1644. Vgl. McGrath, Papists and Puritans, S. 204 ff.; Watts, Dissenters, S. 90f.

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