Page 1


2

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 2

26.01.16 10:50


Sybille Gerstengarbe ∙ Jens Thiel ∙ Rüdiger vom Bruch unter Mitarbeit von Simon Renkert und Sophia Nenninger

Die Leopoldina Die Deutsche Akademie der Naturforscher zwischen Kaiserreich und früher DDR

3

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 3

26.01.16 10:50


Wir danken der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, Essen, für die großzügige finanzielle Unterstützung des Forschungsprojekts »Die Leopoldina. Die Deutsche Akademie der Naturforscher zwischen Kaiserreich und früher DDR«.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2016 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebra-wissenschaft.de Lektorat: Matthias Zimmermann, Berlin Umschlag: typegerecht, Berlin Satzbild: Uwe Friedrich, Berlin Schrift: Minion 10,5/13 pt Druck und Bindung: Finidr, Český Těšín ISBN 978-3-95410-026-2

www.bebra-wissenschaft.de 4

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 4

26.01.16 10:50


Inhalt

Einleitung Rüdiger vom Bruch/Sybille Gerstengarbe/Jens Thiel  ............................................................. 7 Wissenschaftslandschaft und Wissenschaftsakademien um 1900 Jens Thiel  ..................................................................................................................................... 11 Die Leopoldina bis zum Beginn des Kaiserreichs Jens Thiel  ..................................................................................................................................... 37 Die Leopoldina im Kaiserreich Jens Thiel  ..................................................................................................................................... 53 Die Leopoldina in der Weimarer Republik Jens Thiel  ................................................................................................................................... 121 Die Leopoldina im »Dritten Reich« Sybille Gerstengarbe  ................................................................................................................ 231 Die Leopoldina in der SBZ und frühen DDR Sybille Gerstengarbe  ................................................................................................................429 Die Leopoldina zwischen Kaiserreich und früher DDR: Resümee Rüdiger vom Bruch  ..................................................................................................................497 Anhang  ..................................................................................................................................... 515

5

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 5

26.01.16 10:50


6

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 6

26.01.16 10:50


Einleitung Rüdiger vom Bruch/Sybille Gerstengarbe/Jens Thiel

Warum, wird mancher vielleicht fragen, brauchen wir eine neue Geschichte der Leopoldina, noch dazu eine, die sich auf die Jahre zwischen Kaiserreich und früher DDR beschränkt? Sicher, seitdem die 1652 als älteste deutsche Akademie gegründete und 1687 in den Status einer »Reichsakademie« beförderte Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina 2008 in den Rang einer »Deutschen Nationalen Akademie der Wissenschaften« erhoben wurde, ist das Interesse an ihr und ihrer Geschichte erheblich gewachsen. Aber das war nicht der einzige Grund, sich erneut intensiv und systematisch mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Angeregt wohl nicht zuletzt durch die lebhafte Resonanz, die den etwa von der Max-Planck-Gesellschaft und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingerichteten unabhängigen Historikerkommissionen zu ihrer Geschichte insbesondere während der Zeit des Nationalsozialismus zuteil wurde, wandte sich das Präsidium der Leopoldina an Rüdiger vom Bruch, der gemeinsam mit Ulrich Herbert die Gesamtleitung des Projektes zur DFG-Geschichte 1920–1970 übernommen hatte, mit der Anfrage, eine Aufarbeitung der Leopoldina-Geschichte im »Dritten Reich« zu übernehmen. Sehr rasch bestand Einvernehmen, unter seiner Leitung eine kleine, unabhängige, nur einem renommierten, nicht mit der Leopoldina verflochtenen Beirat verantwortliche Arbeitsgruppe einzurichten, deren Finanzierung teils über eingeworbene Drittmittel, insbesondere durch die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, teils über die Leopoldina, indes ohne inhaltliche Einflussnahme gesichert wurde. Der Beirat konstituierte sich am 7. September 2010, ihm gehörten die Professoren und Professorinnen Mitchell G. Ash, Wolfgang U. Eckart, Moritz Epple, Jürgen Kocka, Brigitte Lohff, Volker Roelcke, Margit Szöllösi-Janze und Helmuth Trischler an. Zur Arbeitsgruppe zählten neben Rüdiger vom Bruch der wissenschaftsgeschichtlich ausgewiesene Historiker Dr. Jens Thiel sowie in bewusstem Rückgriff auf eine mit dem Leopoldina-Archiv und der Geschichte der Akademie bestens vertraute Expertin Dr. Sybille Gerstengarbe, ferner Simon Renkert, M.A. – diese nahmen ihre Tätigkeit Ende 2010 bzw. im Sommer 2011 auf. Die Arbeitsgruppe brauchte zu Beginn ihrer Tätigkeit nicht bei null anzufangen. Zur Geschichte der Leopoldina, der ältesten Wissenschaftsakademie im deutschsprachigen Raum, lagen bereits eine Reihe von Publikationen vor: kleinere Aufsätze und Artikel, Beiträge in den Jahrbüchern der Akademie und Schriftenreihen (Jahrbuch, Einleitung

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 7

7

26.01.16 10:50


»Acta Historica Leopoldina« bzw. »Nova Acta Leopoldina«) sowie in verschiedenen Tagungs- oder Sammelbänden, dazu einzelne Editionen und nicht zuletzt eine 2002 erschienene Festschrift. Diese Arbeiten waren in der Regel im Zusammenhang mit Forschungen entstanden, die von der Leopoldina selbst angeregt und betrieben wurden bzw. die von Autorinnen und Autoren stammten, die eng mit der Leopoldina verbunden waren. Erwähnt seien hier beispielsweise die im Rahmen zweier vom Bundesministerium für Forschung und Technologie (1992–1997) bzw. von der Volkswagen-Stiftung (1998–2000) geförderten Forschungsprojekte zur Leopoldinageschichte entstandenen Publikationen. Namentlich der frühere Leopoldina-Präsident Benno Parthier sowie seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Sybille Gerstengarbe, Wieland Berg, Joachim und Michael Kaasch legten in den letzten Jahrzehnten mehrere detaillreiche und anregende Beiträge zu verschiedenen Themen der Leopoldina-Geschichte vor, so etwa zum Ausschluss jüdischer Akademiemitglieder im »Dritten Reich«, zu den Bemühungen um die Wiedereröffnung der Leopoldina nach ihrer Schließung 1945 sowie zu weiteren Einzelaspekten. In der von Benno Parthier und Dietrich von Engelhardt 2002 anlässlich ihres 350-jährigen Jubiläums herausgegebenen Festschrift zur Leopoldina finden sich zudem knappe Übersichtsartikel zu den jeweiligen Zeitabschnitten und Querschnittsdarstellungen zu einzelnen naturwissenschaftlichen Wissenschaftsdisziplinen in der Leopoldina zwischen 1652 und 2002.1 Im Zentrum vieler Beiträge zur Leopoldina-Geschichte zwischen Kaiserreich und früher DDR standen die Präsidenten der Leopoldina, insbesondere der Biochemiker und Physiologe Emil Abderhalden, der zwischen 1932 und 1945 amtierte und die Leo­poldina wie kein Akademiepräsident vor ihm prägte. Dessen Rolle als Verfechter eugenischer Ideen und sein Wirken im Nationalsozialismus, aber auch seine umstrittenen fachwissenschaftlichen Verdienste sind bis heute Gegenstand wissenschaftlicher Kontroversen und außerwissenschaftlicher Auseinandersetzungen geblieben. Nach Jahren einer eher unkritischen Verehrung Abderhaldens haben differenzierte Arbeiten aus dem Umfeld der genannten Projekte zur Leopoldina-Geschichte und darüber hinaus neuere kritische Forschungen zur Geschichte der Biowissenschaften und ihrer Institutionen im Nationalsozialismus inzwischen dazu beigetragen, das Bild Abderhaldens zu differenzieren und in einigen entscheidenden Punkten auch zu korrigieren. Nichtsdestotrotz entwickelten sich im Zusammenhang mit der Ernennung der Leopoldina zur Nationalen Akademie der Wissenschaften bzw. der mit Errichtung und Neugestaltung des neuen Steintor-Campus der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg an der Emil-Abderhalden-Straße in Halle ab 2008 erneut lebhafte, den Boden sachlicher Auseinandersetzungen manchmal verlassende Debatten um den umstrittenen Leo­poldina-Präsidenten. Auch in diesem Buch wird Emil Abderhalden ein wichtiger Platz in der Leopoldina-Geschichte eingeräumt. Die Arbeit verzichtet aber ganz 1 Parthier/Engelhardt 2002. Auf eine weitere Aufzählung bzw. Einzelverweise wurde hier verzichtet. Diese finden sich in den Verweisen der jeweiligen Abschnitte bzw. in der Bibliographie am Ende dieses Bandes.

8

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 8

Einleitung

26.01.16 10:50


bewusst auf eine Engführung auf die Jahre der nationalsozialistischen Diktatur zwischen 1933 und 1945, die für die Leopoldina wesentlich von der Amtszeit Abderhaldens bestimmt waren. Wer in diesem Buch einfache Antworten auf komplizierte historische Sachverhalte oder einfache Schwarz-Weiß-Zeichnungen einer komplexen, ausgesprochen ambivalenten Persönlichkeit erwartet, wird enttäuscht werden: Emil Abderhalden war ein zutiefst widersprüchlicher Wissenschaftler und Wissenschaftsorganisator, dessen Biographie geradezu exemplarisch für die enge Verzahnung von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft im 20. Jahrhundert gelesen werden kann. So auch in diesem Buch. Trotz der hier genannten Forschungsarbeiten zur Leopoldina-Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fehlte bislang eine integrierende Geschichte der Leopoldina, die die bisherigen Forschungsergebnisse zu den Ansprüchen und Resultaten der modernen wissenschaftlichen Institutionen- und Akademiegeschichte, die in den letzten Jahren einen spürbaren Aufschwung genommen hat, in Bezug setzt. Den sich daraus ergebenden Anforderungen versucht das Buch gerecht zu werden. Als eine wissenschaftshistorische Institutionengeschichte verorten die Autorin und Autoren des Bandes die Leopoldina zum einen in die allgemeinen politischen, sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kontexte des zu behandelnden Zeitraums. Zum anderen untersuchen sie die seit 1878 in Halle an der Saale ansässige Akademie der Naturforscher aber auch vor dem Hintergrund der wissenschaftsorganisatorischen, wissenschaftlichen und disziplinenspezifischen Entwicklungen und Diskurse im jeweiligen Zeitabschnitt. Besonderes Gewicht wird dabei der Einordnung der Leopoldina-Geschichte in die deutsche und internationale Wissenschaftslandschaft im Allgemeinen und ihre Institutionen- und Akademiengefüge im Besonderen beigemessen. Die Projektgruppe hat sich dafür entschieden, die Geschichte der Leopoldina zwischen Kaiserreich und früher DDR weitgehend chronologisch zu erzählen. Zum besseren Verständnis der Leopoldina in Kaiserreich, Weimarer Republik, »Drittem Reich« und SBZ/DDR schien es aber notwendig, eingangs sowohl die Frühgeschichte der Akademie seit Mitte des 17.  Jahrhunderts – in die auch ihre erste Glanzzeit fällt – als auch den allgemeinen wissenschaftshistorischen Rahmen um 1900 wenigstens kurz zu skizzieren. Viele der späteren Entwicklungen, insbesondere die spezifische Verfasstheit der Leopoldina und ihr zähes Festhalten an ihren Traditionen, lassen sich ohne diese Kenntnisse nicht verstehen. Ihre Sonderstellung im Gefüge der deutschsprachigen, ja auch internationalen Wissenschaftsakademien hat genau in diesen Traditionen ihren Ursprung. Sie bestimmte das mal eher stolze, mal stärker kritische Selbstbild und das Selbstverständnis der Akademie ebenso wie die Außen­ wahrnehmung der Akademie der Naturforscher. Die daraus auch resultierende Reformunwilligkeit, ja teilweise Reformunfähigkeit war aber auch in einem nicht unerheblichen Maße für ihren sukzessiven Bedeutungsverlust und die bis Mitte des 20. Jahrhunderts zu konstatierende marginalisierte Stellung in der deutschen Wissenschaftslandschaft und im deutschsprachigen Akademiengefüge wesentlich mitEinleitung

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 9

9

26.01.16 10:50


verantwortlich. Die Leopoldina blieb die Außenseiterin unter den Wissenschaftsakademien, die insgesamt um und nach 1900 an Bedeutung verloren. Auch davon, wie in der hier behandelten Zeitspanne von knapp 100 Jahren trotzdem immer wieder mehr oder weniger weitreichende Reformvorstöße gemacht wurden, wird dieses Buch berichten. Die Arbeitsgruppe zur Leopoldina-Geschichte hat für vielfältige Unterstützung zu danken. Insbesondere Prof. Benno Parthier hat seit den ersten Anfängen mit großem Engagement das Projekt begleitet; aus dem Präsidium förderten insbesondere Präsident Prof. Jörg Hacker sowie Prof. Gunnar Berg und Prof. Jutta Schnitzer-Ungefug unser Unternehmen, ferner standen zwischenzeitlich hilfreich zur Seite Elmar König und Sophia Schemel, später Prof. Rainer Godel. Wertvolle Hilfen boten die benutzten Archive, allen voran das Leopoldina-Archiv in Halle um Danny Weber. Dank gilt auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Leopoldina-Bibliothek sowie allen hier nicht namentlich genannten Kolleginnen und Kollegen, die uns mit wertvollen Anregungen unterstützt haben. Herzlich zu danken haben wir auch dem be.bra wissenschaft verlag Berlin, allen voran Matthias Zimmermann, für die Aufnahme des Buches in sein Programm und die jederzeit zuverlässige Zusammenarbeit. Wertvolle Anregungen erhielten wir aus dem Wissenschaftlichen Beirat, teils in dessen Sitzungen, teils in schriftlichen Stellungnahmen; besonderer Dank gilt Wolfgang Eckart, mittlerweile Leopoldina-Mitglied, der im Juli 2015 in Halle ein stark beachtetes Positionspapier von Rüdiger vom Bruch zur Einschätzung von Emil Abderhalden öffentlich vorstellte und erläuterte. Zu danken haben wir schließlich für vielfältige Unterstützung bei der Planung, Durchführung und Publikation einer von unserer Arbeitsgruppe Ende 2012 in Halle veranstalteten, als Band 64 der Reihe »Acta Historica Leopoldina« 2014 erschienenen Tagung über »Wissenschaftsakademien im Zeitalter der Ideologien«2, mit deren Hilfe eine genauere Einordnung des Einzelfalls Leopoldina im Rahmen des zeitgenössischen Akademiengefüges in Bezug auf politische Umbrüche, wissenschaftliche Herausforderungen und institutionelle Anpassungen angestrebt war. So zeitraubend jene Tagung für uns war, ihre Erträge schärfen, so hoffen wir, gemeinsam mit dem hier vorliegenden Buch zur Geschichte der Leopoldina in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, den kritischen Rückblick auf akademisch organisierte Wissenschaftskultur in turbulenten Zeiten.

2

Vom Bruch/Gerstengarbe/Thiel/Renkert 2014.

10

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 10

Einleitung

26.01.16 10:50


Wissenschaftslandschaft und Wissenschaftsakademien um 1900 Jens Thiel

Die »Scharnierphase« der modernen Wissensgesellschaft: Neue Herausforderungen in Naturwissenschaft, Technik und Medizin Die Jahre und Jahrzehnte vor und nach 1900 waren für die Wissenschaften und ihre Einrichtungen von tief greifenden Wandlungen geprägt. Um 1900 vollzogen sich, teils in rasantem Tempo, weit reichende strukturelle und institutionelle Veränderungen, die nicht nur die deutsche – um die es hier vorrangig gehen soll – sondern auch die internationale Wissenschaftslandschaft nachhaltig prägen sollten. So hat beispielsweise Margit Szöllösi-Janze die institutionelle Umgestaltung der Wissenschaftslandschaft um 1900 als »Ausdruck des Übergangs von der Industriegesellschaft zur vorrangig informationsbasierten Gesellschaft der Zukunft« interpretiert.1 Im Grunde bildeten sich in dieser Zeit jene grundlegenden Strukturen und Institutionen heraus, die vielfach noch heute das deutsche Wissenschaftssystem, aber auch ganz allgemein die gemeinhin als »Wissensgesellschaft« firmierenden gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen prägen. Natürlich gab es auch in den Folgejahren und -jahrzehnten weitere, auch einschneidende Veränderungen, Brüche, Entwicklungsschübe oder Paradigmenwechsel; wesentliche Voraussetzungen dafür waren aber ebenfalls häufig schon in den Schlüsseljahren um 1900 geschaffen worden. Nicht zuletzt deshalb gehört die Wissenschaftsentwicklung um 1900 und ihre Folgen zu den am besten erforschten Themen der Wissenschaftsgeschichtsschreibung. »Um 1900« markiert hier weniger ein konkretes Jahr oder die nur unmittelbar davor und danach liegenden Jahre. Es meint vielmehr einen Zeitraum von etwa 60 Jahren, das letzte Drittel des 19. und das erste Drittel des 20. Jahrhunderts. Dieser bewusst großzügig interpretierte zeitliche Rahmen gestattet es, eine Reihe von teils gleichzeitigen, teils aber auch zeitlich versetzt laufenden allgemein wissenschaftlichen, disziplinären, wissenschaftspolitischen, institutionellen und strukturellen Entwicklungen dieser Jahre in den Blick zu nehmen und sie mit Blick auf die längerfristigen Veränderungen des historischen Kontextes zu verorten. Denn selbstredend vollzogen sich die Veränderungen in der Wissenschaftslandschaft oder dem sich neu formierenden Wissenschaftssystem – darauf wird noch 1

Szöllösi-Janze 2002 (Zitat S. 60) sowie Szöllösi-Janze 2005.

Die »Scharnierphase« der modernen Wissensgesellschaft

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 11

11

26.01.16 10:50


zurückzukommen sein – nicht im luftleeren, kontextfreien Raum. Sie waren eng verbunden mit enormen gesellschaftlichen Umwandlungsprozessen dieser Jahrzehnte, mit der Herausbildung der modernen Industriegesellschaft, den damit verknüpften allgemein gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Umbrüchen und nicht zuletzt mit den kriegerischen Auseinandersetzungen. Politisch durchlebte Deutschland zwischen der Gründung des deutschen Kaiserreichs, dem Wilhelminismus, den Kriegsjahren, der Revolution von 1918/19 und dem Übergang von der Monarchie zur Weimarer Republik und schließlich der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 und dem Zweiten Weltkrieg einen Wechsel von relativ stabilen Verhältnissen und unruhigen, krisenhaften Jahren. Auch wirtschaftlich wechselten sich Krisenjahre und Stabilitätsphasen ab. Die Wissenschaften und ihre Institutionen waren aufs Engste mit all diesen Entwicklungen verbunden, wurden deren Nutznießer oder Opfer, manchmal beides zugleich. Dem Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu, war er doch der erste, der als wirklich vollständig industrialisierter und hochgradig technisierter Krieg mit globalen Auswirkungen und totalen Tendenzen bezeichnet werden kann. Dass dieser mörderische Krieg mit seinem enormen Ressourcenverbrauch auch für die Wissenschaften, insbesondere für die anwendungsorientierten und industrienahen Disziplinen, völlig neue Herausforderungen schuf, liegt auf der Hand. Wissen und Wissenschaft wurden zu kriegsentscheidenden Faktoren. Wissenschaft und moderne Kriegsführung gingen ganz neuartige Zweckbündnisse ein; ihr Verhältnis wurde nicht nur zunehmend vielschichtiger;2 es war auch von einer zunehmenden und folgenreichen »Enthemmung« (Mitchell G. Ash) gekennzeichnet.3 Ob man für die Beschreibung der engen, komplexen und qualitativ wie quantitativ zunehmenden Verflechtungsbeziehungen zwischen Militär, Krieg, Staat und Gesellschaft vom älteren »Militarismus«-Paradigma ausgeht4 oder das in den letzten Jahren breiter rezipierte Konzept der »Bellifizierung« heranzieht;5 unübersehbar bleibt, dass seit etwa 1900, verstärkt aber in der Zeit der beiden Weltkriege, Krieg, Militär und Militärisches auch und gerade für die Wissenschaft einen immensen Bedeutungszuwachs gewannen.6 Die Sphären von Wissenschaft, Politik und nunmehr eben auch Militär und Krieg waren nun noch viel weniger als zuvor von einseitigen Abhängigkeiten, sondern von 2 Siehe für den Überblick zuletzt etwa Delaporte 2010 sowie Rasmussen 2010 oder MacLeod 2014, die einschlägigen Artikel zu Wissenschaft und Wissenschaftlern in Hirschfeld/Krumeich/Renz 2014 bzw. in der Enzyklopädie »1914–1918-online« sowie die Beiträge in: Berg/Thiel/Walther 2009. 3 Ash 1996, bes. S. 71f., zudem Hachtmann 2009. 4 Grundlegend: Wette 2008; zum Verhältnis von Wissenschaft und Militarismus auch vom Bruch 1996; vom Bruch 2006b oder vom Brocke 1985. 5 Zum Bellizismus, mit Schwerpunkt in der Weimarer Republik: Bergien 2012; mit Blick auf die Wissenschaften: Reichherzer 2012 bzw. Reichherzer 2009. 6 Siehe aus der inzwischen umfangreichen Sekundärliteratur exemplarisch zur Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und einzelner ihrer Institute etwa Rürup 2014 bzw. Maier 2002 und Maier 2007a oder Schmaltz 2004.

12

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 12

Wissenschaftslandschaft und Wissenschaftsakademien um 1900

26.01.16 10:50


dynamischen, sich gegenseitig inspirierenden, vielfältig vernetzten Wechselbeziehungen und Verflechtungen gekennzeichnet. Sie wurden endgültig zu Ressourcenensembles, zu »Ressourcen füreinander«, die sich gegenseitig für ihre jeweiligen Zwecke mobilisieren konnten und auch ließen, wie es Mitchell Ash für das Verhältnis von Wissenschaft und Politik treffend beschrieben hat.7 Überhaupt erlebte die Politisierung der Wissenschaft in dieser Zeit einen enormen, vorher so nicht gekannten Auftrieb.8 Immer öfter erwarteten politische Entscheidungsträger von der Wissenschaft immer umfassendere und intensivere Beratung und Expertise. Und immer häufiger kamen Wissenschaftler diesen Forderungen auch nach, manchmal genötigt, zumeist aber doch bereitwillig und nicht selten sogar vorauseilend, obwohl eine solche Indienstnahme der Wissenschaft für eindeutig politische Zwecke dem Selbstverständnis sich gern als vermeintlich unpolitisch und überparteilich gebender Wissenschaftler eigentlich widersprach. Die regelmäßig postulierte Politikferne, die Wissenschaftler und Wissenschaft oft und gern für sich in Anspruch nahmen, war Teil eines idealisierten und elitären Selbstbildes, das sogar wichtige Teile und Kontinuitätslinien der eigenen Standestraditionen vergessen machte. Denn selbstredend hatten sich gerade im späten 18. und im 19. Jahrhundert Gelehrte, Geistes- wie Naturforscher, in der Aufklärung, in den Auseinandersetzungen um die Französische Revolution, in den Befreiungskriegen gegen Napoleon, im Vormärz, in der Revolution von 1848/49, im politischen Liberalismus9 oder als Parlamentarier und Sozialpolitiker in den Jahren vor und nach der Reichsgründung von 187110 politisch engagiert. Namen wie die von Georg Forster (1754–1794, Mitglied der Leopoldina, im Folgenden: ML 1780)11 und Lorenz Oken (1779–1851, ML 1818)12, aber auch der des langjährigen Leopoldina-Präsidenten Christian Gottfried Nees von Esenbeck (1776–1858, ML 1816)13 oder des Chemikers Karl Wilhelm Gottlob Kastners (1783–1857, ML 1816)14 und nicht zuletzt der von Rudolf Virchow (1821–1902, ML 1852)15 sind nur einige Beispiele einer 7 8 9

10 11

12 13 14 15

Ash 2002a (zum Ersten Weltkrieg bes. S. 36–39) und Ash 2010a; exemplarisch für die Physik im 20. Jahrhundert die Beiträge in: Trischler/Walker 2010. Zur Politisierung von Wissenschaft um 1900 grundlegend etwa Szöllösi-Janze 2004. Siehe zum Beispiel Kuhn/Schweigard 2005; Steiger 1991; Ries 2007; für den prominenten Protest der »Göttinger Sieben« (1837) etwa See 1997 oder Landeshauptstadt Hannover 2007; zu Friedrich Christoph Dahlmann (1785–1860), als paradigmatischer Figur des »politischen Professors« auch Becker/Bleek/Mayer 2012; zur Rolle der Universitäten und von Wissenschaftlern in der Revolution von 1848/49 etwa Thielbeer 1983. Zum Beispiel für die Mediziner im 19. Jahrhundert Weidner 2012. Siehe neben einer Reihe von Arbeiten zu Forsters politischem Wirken, vor allem in der Mainzer Republik und im revolutionären Frankreich 1793/94 (insbesondere in der Schriftenreihe »Georg-Forster-Studien«), etwa Schwarz 1998, oder, mit Blick auf die Zusammenhänge zwischen Forsters Erfahrungen als Forschungsreisender und seinen politischen Ansichten, zuletzt Goldstein 2015. Siehe etwa die Beiträge in: Breidbach/Fliedner/Ries 2001 oder: Schäffner 2002. Siehe neben einer Reihe von kürzeren biographischen Arbeiten etwa Bohley 2003 sowie die Beiträge in: Engelhardt/Kleinert/Bohley 2004. Zu Kastner siehe etwa Kirschke Berlin 2001 (zum Wirken in der Leopoldina bes. S. 218–222) oder Kirschke 2004. Zum politischen und sozialpolitischen Wirken einer in dieser Ausprägung allerdings schon zeitgenössisch

Die »Scharnierphase« der modernen Wissensgesellschaft

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 13

13

26.01.16 10:50


langen Reihe sich als politisch verstehender oder politisierender Naturforscher und Mediziner des 19. Jahrhunderts, die auch der Leopoldina angehörten.16 Mit der Realität hatte der spätere Gestus der Politikferne also in der Regel wenig zu tun, zumal sich eben diese Realität, das Selbstverständnis und bald auch der Habitus der Gelehrten im Laufe der Jahre zu verändern begannen. Neben den »Mandarin«, die als »gelehrter Beamter« im Kaiserreich in den Wissenschaften Ton angebend war,17 trat im und nach dem Ersten Weltkrieg der Experte,18 bald auch der politische, nach und nach sogar die parteipolitisch gebundenen Professor,19 der während der nationalsozialistischen Diktatur als Idealtypus des Wissenschaftlers galt. Aus den unterschiedlichen Selbstverständnissen, Rollen, Aufgaben und habituellen Folgen ergaben sich innerhalb der Akademikerschaft spannungsvolle Konstellationen des Gegen- und Nebeneinanders.20 Das frühere Postulat der angeblichen Politikferne und Überparteilichkeit war also vor allem eine Frage des Politikverständnisses. Die Mühen und Täler einer »Parteipolitik« mieden die Gelehrten um 1900 in der Tat zumeist, ihre nicht selten auch offensiv und wie selbstverständlich vorgetragenen, mehrheitlich national-konservativen Überzeugungen wollten sie nicht als politische Stellungnahmen oder Äußerungen verstanden wissen; Ausnahmen bestätigten die Regel. In gewisser Weise einen Sonderfall in diesem nur schwer abzugrenzenden Feld stellten jene Vertreter der »Gelehrtenpolitik« (Rüdiger vom Bruch) dar, zumeist Geistes- und Sozialwissenschaftler, die aus »strenger und außerwissenschaftlicher Zumutungen entzogener fachwissenschaftlicher Erkenntnisarbeit« ein »politisches Mandat zur Wegweisung in innenund außenpolitisch gewonnene[r] Expertise für politisches Entscheidungshandeln« beanspruchten. Das war, nach Rüdiger vom Bruch, noch keine systematische Politikberatung, wie sie das 20. und wohl auch 21. Jahrhundert kennt, aber, wenn man so will, doch eine dahin führende Entwicklungsstufe. Ihre Vertreter verfolgten auch, anders als manche ihrer national- oder parteipolitisch aktiven Kollegen im 19. Jahrhundert und auch anders als ein Teil der Hochschullehrerschaft, die sich nach 1918 politisierten und bald auch radikalisierten sollten, keine klar definierten Vorstellungen kommender Staats- oder Gesellschaftsmodelle.21 Kulturimperialismus sowie ein

16 17 18 19 20 21

als Ausnahmegestalt geltenden Rudolf Virchow siehe beispielsweise Goschler 2002a; Goschler 2002b; Saherwala/Schnalke/Vanja/Veigel 2002; David 2003 oder Balkhausen 2007. Zur Unterscheidung von politisierenden, sich politisch engagierenden und dezidiert »politischen Professoren« siehe etwa Muhlack 2001 oder Wende 2003. Ringer 1987; zum elitären Selbstverständnis zudem Schwabe 1988. Szöllösi-Janze 2000. Mit Blick auf die Wandlungsprozesse etwa Harwood 2000a; Harwood 2000b sowie mit besonderem Blick auf die deutschen Genetiker Harwood 1993a bzw. Harwood 1993b. Zu dem hier nur angerissenen Themenfeld von Gelehrtentypus, Selbstbild und (politischem) Verhaltensformen siehe auch die konzeptionellen und zusammenfassenden Bemerkungen in: Feichtinger 2010, S. 17–70. Siehe dazu insgesamt vom Bruch 1980 sowie die Aufsätze in vom Bruch 2006a (darin bes.: »Vorwort«, S. 7f., Zitate S. 7 und »Gelehrtenpolitik und politische Kultur im späten Kaiserreich, S. 26–44). Exemplarisch für den Ersten Weltkrieg und die Novemberrevolution 1918/19 und ihre politisierende Funktion auch Schwabe 1969 bzw. Töpner 1970.

14

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 14

Wissenschaftslandschaft und Wissenschaftsakademien um 1900

26.01.16 10:50


starkes Überlegenheits- und Nationalgefühl, das sich insbesondere im Ersten Weltkrieg zu einen manifesten Nationalismus verstieg, gehörten geradezu konstitutionell zur weltanschaulichen Grundausstattung vieler Gelehrter in der »Scharnierphase« der Jahrzehnte vor und nach 1900.22 Dass die deutsche Wissenschaft »Weltgeltung« zu beanspruchen hatte, galt als bei nationalkonservativ eingestellten Gelehrten ebenso ausgemacht wie bei ihren liberalen Kollegen.23 Ebenso konsensfähig war es für die übergroße Mehrheit der deutschen Hochschullehrer und Wissenschaftler, sich nach Kriegsbeginn 1914 zunächst vorbehaltlos zu unterstützen, sei es, wie oben erwähnt, durch Forschungen in kriegsrelevanten Bereichen, sei es durch Propaganda und Publizistik. Nicht selten auch durch beides, wie die Unterschriften zahlreicher Naturwissenschaftler unter solche berüchtigten Propagandaaufrufe wie den Aufruf der 93 »An die Kulturwelt!« bzw. die »Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches«, beide vom Oktober 1914, zeigen.24 Im »Krieg der Geister«, in dem die Wissenschaftler aller kriegsführenden Länder keineswegs abseits standen, verschwanden die letzten Relikte der vor 1914 rotz aller schon zu beobachtender Konkurrenzen und Rivalitäten hoch gehaltenen, auf internationalen Austausch gegründeten idealen »Gelehrtenrepublik«.25 Daran nach Kriegsende 1918 wieder anzuknüpfen, gelang, anders als beispielsweise 100 Jahre zuvor, als nationalistische Töne und kriegsbedingte Feindschaften die Streitkultur innerhalb der zumindest europäischen »Gelehrtenrepublik« bereits beeinträchtigt hatten,26 nun nur noch ansatzweise.27 Der gegen die deutsche Wissenschaft gerichtete internationale Boykott zeitigte Wirkung, bis hinein in die Praxis des täglichen Forschens, nicht nur, weil Veröffentlichungen aus dem Ausland nur noch schwer zugänglich waren oder die Teilnahme von deutschen Wissenschaftlern am internationalen Tagungsbetrieb noch lange nach Kriegsende stark eingeschränkt blieb.28 Verbunden mit aggressiven Weltanschauungen, die in der Nachkriegszeit auch in den Wissenschaften verstärkt Einzug hielten und wissenschaftliche Forschung nicht nur in den geistes- oder sozialwissenschaftlichen Disziplinen kontaminierten, blieb der internationale wissenschaftliche Austausch dauerhaft 22 Siehe dazu etwa die Aufsätze Rüdiger vom Bruchs zu »Politische Öffentlichkeit und Gelehrtenpolitik im Kaiserreich«, in: vom Bruch 2006a, S. 9–165. Dass dieser Befund keineswegs auf das Deutsche Reich beschränkt war, zeigt auch das Beispiel Österreich-Ungarn. Siehe dazu die Beiträge in Ash/Surman 2012. 23 Siehe dazu etwa Paletschek 2010. 24 Ungern-Sternberg/Ungern-Sternberg 2013 und vom Bruch 2006c sowie Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reichs, Berlin 1914 (abgedruckt, allerdings ohne Namenslisten, auch in: Böhme 2014, S. 49f.). Als Zusammenstellung weiterer Aufrufe zudem Böhme 2014 sowie zeitgenössisch Kellermann 1915. 25 Siehe aus der Fülle der Literatur zum Engagement deutscher Wissenschaftler im Ersten Weltkrieg etwa Kleinert 2010; Remane 2005; Wolff 2001 bzw. Wolff 2007 oder Tollmien 1993; für die vielen inzwischen erschienenen Arbeiten zu deutschen Universitäten und Hochschulen im Ersten Weltkrieg beispielhaft etwa Wettmann 2000; Schneider/Lange 2002; Paletschek 2007 sowie, auch mit Beiträgen zu europäischen Universitäten, Maurer 2006. 26 Siehe dazu unter anderem Kanz 1997. 27 Krumeich 2008; Schroeder-Gudehus 1973 oder Schroeder-Gudehus 1999; zudem, am Beispiel der Physik, Metzler 2000 bzw. Metzler 2010. 28 Siehe etwa Rheinbothe 2006; Rheinbothe 2010.

Die »Scharnierphase« der modernen Wissensgesellschaft

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 15

15

26.01.16 10:50


beschädigt. Zu Nationalismus, Darwinismus, Sozialdarwinismus, Biologismus und Rassismus sowie der eng mit letzteren verbundenen Eugenik und Rassenhygiene29 kamen mit Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus weitere, noch stärker aufs genuin Politische ausgerichtete Weltanschauungen und Ideologien hinzu, die Rahmenbedingungen, Ziele und Inhalte des wissenschaftlichen Arbeitens nach und nach bestimmten; in einigen Disziplinen mehr, in anderen weniger. Gänzlich unbeeinflusst von weltanschaulichen Einflüssen blieb, trotz gegenteiliger Behauptungen in späteren Jahren, dabei kaum eine wissenschaftliche Disziplin. Es liegt nahe, die Zeit um 1900 mit einer anderen, nicht weniger wirkmächtigen Umbruchszeit zu vergleichen und sie wie diese als eine »Sattelzeit« zu interpretieren. So wie der Historiker Reinhardt Koselleck (1923–2006) die Zeit um 1800 als eine Epochenschwelle zwischen Früher Neuzeit und Moderne definierte, in der sich vielfältige und fundamentale Umwandlungsprozesse vollzogen,30 ließe sich auch die Umbruchszeit um 1900, insbesondere für die Wissenschaftsgeschichte, als eine zweite Sattelzeit beschreiben.31 Unstrittig ist, dass die Zeit um 1900 für die deutsche Wissenschaftspolitik und -organisation eine »Scharnierphase«32 darstellte, in der die Weichen für die weiteren wissenschaftlichen Entwicklungen im 20. Jahrhundert gestellt wurden. Besondere Auswirkungen hatten die Umbrüche um 1900 für die wissenschaftlichen Einrichtungen und ihre Beziehungen zueinander. Das Gefüge der Wissenschaftsinstitutionen verschob sich in diesen Jahren entscheidend, zumeist zugunsten neu entstehender Einrichtungen, die die bereits bestehenden traditionellen Anstalten entweder ganz an den Rand drängten oder sie zumindest zwangen, sich neu zu positionieren oder sogar neu zu erfinden. Zu den wissenschaftlichen Körperschaften, die gezwungen waren, ihre Rolle und ihr Selbstverständnis neu zu definieren, gehörten auch die Wissenschaftsakademien. Um ihren spezifischen historischen Ort in der deutschen Wissenschaftslandschaft, besonders den der »Kaiserlich Leopoldinisch-Carolinischen Deutschen Akademie der Naturforscher«, wie die meist in Kurzform genannte Leopoldina zu dieser Zeit mit vollständigem Namen hieß, im Folgenden genauer bestimmen zu können, ist es unumgänglich, auf einige dieser Entwicklungen etwas näher einzugehen. In der Literatur sind diese Prozesse, mit unterschiedlichen Interpretationsangeboten, vielfach beschrieben worden, teils in generalisierenden Überblicksdarstellungen, teils in detailreichen Spezialuntersuchungen. Natürlich war bereits das gesamte 19.  Jahrhundert, das schon von vielen Zeitgenossen kurz vor der Jahrhundertwende und von Wissenschaftshistorikern nach ihnen als »Jahrhundert der Naturwis29 Siehe aus der inzwischen kaum noch überschaubaren Fülle der Sekundärliteratur für die wechselseitigen und vielfältigen Beeinflussungen, Überschneidungen und Verschränkungen im internationalen und deutschen Kontext etwa Weingart/Kroll/Bayertz 1988; Kaupen-Haas/Saller 1999; Becker 1988 bzw. Becker 1990; Hoßfeld/Brömer 2001; Geulen 2004; Rheinberger/Müller-Wille 2009; Ruse 2013 oder Kühl 2014. 30 Koselleck 1972. 31 In diesem Sinne etwa Trischler 1990, bes. S. 24. 32 Vom Bruch 1990, hier bes. S. 11. Siehe auch die Überlegungen in: vom Bruch/Pawliczek 2006, bes. S. 9.

16

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 16

Wissenschaftslandschaft und Wissenschaftsakademien um 1900

26.01.16 10:50


senschaft« apostrophiert worden ist,33 eins grundlegender Wandlungen in der Wissenschaft. Dass die Naturwissenschaften die Zukunft bestimmen würden, war unter ihren sich zunehmend selbstbewusster gebenden Vertretern bald Selbstverständnis und Programm. In vielerlei Hinsicht aufschlussreich ist es, dass zum Beispiel ein Industrieller und Ingenieur wie Werner von Siemens (1816–1892, ML 1887), dessen Anerkennung als Naturwissenschaftler durchaus nicht unstrittig war, 1886 auf der 59.  Versammlung der Deutschen Naturforscher und Ärzte in Berlin, seine Epoche zum »naturwissenschaftlichen Zeitalter« erklärte und die Naturwissenschaften somit zur neuen Leitdisziplin erhob.34 Die Geisteswissenschaften, insbesondere die Philosophie, aber auch die Theologie und die Rechtswissenschaften, die bis dato diese Führungsrolle für sich beansprucht hatten, gerieten in der Folge solcher Neupositionierungsansprüche immer weiter in die Defensive,35 stürzten sie in eine Legitimationskrise, die im Grunde bis heute zu ihrem Selbstverständnis gehört. Auch die neue Rolle von Geistes-, mehr noch Sozialwissenschaftlern als Experten in einer Gesellschaft, die zunehmend von Verwissenschaftlichungsprozessen, auch im Sozialen, geprägt war, änderte daran letztlich nicht viel.36 Rasante Entwicklungen erfassten die einzelnen naturwissenschaftlichen und bald auch medizinischen Disziplinen, die sich in schnellem Tempo ausdifferenzierten; ganz neue kamen hinzu, nicht zuletzt in den aufgrund ihrer Dispositionen besonders anwendungsorientierten Fächern.37 Von den Veränderungen waren aber auch die geistes- und rechtswissenschaftlichen Fächer betroffen, deren Kanon nach und nach um wirtschafts-, sozial- oder kulturwissenschaftliche Fachrichtungen erweitert wurde.38 Zwischen den Natur- und den Geistes- bzw. Humanwissenschaften entwickelten oder professionalisierten sich Teildisziplinen: Es entstanden sogar ganz neue Disziplinen, die nach herkömmlich gezogenen Abgrenzungen und Zuordnungen anfangs oder später nicht eindeutig bestimmbar waren bzw. die sich erst akademisch etablieren mussten: die Psychologie39 vor allem und die Psychiatrie40, aber auch Bereiche der Geographie bzw. Geowissenschaften.41 Dazu traten neue Wissenschaften oder Disziplinenverbünde, die quer zu den traditionellen zu stehen schienen und die 33 Ziche 2008, S. 9 und S. 20–24. 34 Siemens 1886. Zur berühmten Rede von Siemens und ihrem Kontext auch Eckert 1996. 35 Siehe aus der Fülle der Literatur zur Krise der Geisteswissenschaften um 1900 und danach, mit dezidiertem Blick auf die Herausforderungen der Naturwissenschaften, neben Ziche 2008 etwa auch Schröder 2008, bes. S. 145f. 36 Siehe zu diesen Prozessen und zum »Social Engineering« etwa Raphael 1996; Raphael 2003; Etzemüller 2009 oder Brückweh/Schumann/Wetzell/Ziemann 2012. 37 Vgl. dazu etwa am Beispiel der Physik, aber mit weitergehenden Implikationen: Stichweh 1984; zudem zusammenfassend zur deutschen Situation etwa auch Linhard 2003. 38 Siehe exemplarisch an der Entwicklung der Kulturgeschichte etwa Schleier 2003. 39 Siehe dazu etwa Gundlach 2014; mit Schwerpunkt auf die NS-Zeit ferner Geuter 1988. 40 Siehe neben den Überblicksdarstellungen zur Geschichte der Psychiatrie (einschlägig v. a.: Schott/Tölle 2006) und den zahlreichen Studien zu einzelnen Einrichtungen aus der neueren Forschungsliteratur etwa Helmchen 2008 oder Hunze 2010. 41 Zur Genese der Geologie beispielsweise Schimkat 2008.

Die »Scharnierphase« der modernen Wissensgesellschaft

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 17

17

26.01.16 10:50


im Kern bereits die erst später florierende interdisziplinäre Forschung ein Stück weit vorwegnahmen. Zu nennen wären hier etwa die Bevölkerungswissenschaft42 oder disziplinäre Hybride wie die Wehrwissenschaft.43 In den Naturwissenschaften waren es vor allem die Physik, die Chemie und die Biologie, deren internes Fächerspektrum sich im Laufe des 19., aber auch noch im 20. Jahrhundert erheblich vergrößerte. Ganze Disziplinen wurden auf neue Grundlagen gestellt, bislang gültige Grundlagen durch neue, fundamentale Erkenntnisse vehement infrage gestellt.44 Hinzu kam der trotz hartnäckiger Widerstände, die vor allem aus den traditionellen Institutionen heraus formuliert und organisiert wurden, der nicht aufzuhaltende Siegeszug der zuvor von den Wissenschaften eher als medioker angesehenen technischen Disziplinen, denen es gelang, stetig an Einfluss zu gewinnen, und immer mehr auch als vollwertige Wissenschaften angesehen zu werden. Die schrittweise Anerkennung der Technik- und Ingenieurwissenschaften als akademisch vollwertige Disziplinen setzte verstärkt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein und sollte mehrere Jahrzehnte lang andauern.45 Vertreter der traditionellen Wissenschaften versuchten lange zu verhindern, dass angehende Ingenieure oder Techniker an staatlich anerkannten Hochschulen (erst sehr viel später sogar Universitäten) ausgebildet wurden und dass diese dann ein Promotionsrecht erhielten.46 Die Mitgliedschaft von Ingenieuren und Technikwissenschaftlern in Wissenschaftsakademien blieb jahrzehntelang umstritten und war im Einzelfall nur mithilfe von pragmatischen oder strategischen Umwegen und trickreichen Finten, wie bei zum Beispiel bei Werner von Siemens in der Berliner Akademie, möglich.47 Ähnliche Prozesse und Vorbehalte, vergleichbare Auseinandersetzungen um Abgrenzung und Eingemeindung ließen sich auch für die medizinischen Wissenschaften konstatieren, wo einzelne Fächer wie die Chirurgie oder die Zahnheilkunde bzw. -medizin lange um ihre Anerkennung als wissenschaftlich und damit akademisch reputierliche Fachgebiete kämpfen mussten. Die Wissenschaft und ihr etablierter Fächerkanon wurden aber auch von ihren Rändern her herausgefordert. Nicht immer war von vornherein abzuschätzen, ob neu in den traditionell abgesicherten Wissenschaftsbetrieb hineindrängende oder ihn herausfordernde Wissensgebiete, Theorien, Methoden, Lehren, Doktrinen oder Personen bloß obskur, phantastisch, ideologisch oder einfach nur nichtwissenschaftlich wa42 Vgl. zum Beispiel vom Brocke 1998 sowie die Beiträge in Mackensen 2002 (darin bes. den Abschnitt »Bevölkerungswissenschaft zwischen Nationalökonomie und Humanwissenschaften«, S. 105–178); Mackensen 2006; Mackensen/Reulecke 2005 oder Kesper-Biermann/Mauerer/Klippel 2012. 43 Reichherzer 2012. 44 Auch hier exemplarisch nur für die Physik und ihre Veränderungen durch Quantenphysik, Relativitätstheorie und später Atomphysik etwa Heidelberger 2002 bzw. Eckert 2002. 45 Siehe etwa Manegold 1970. 46 Zur Herausbildung und sozialen Stellung des Ingenieurs beispielsweise Kocka 2012 oder Paulitz 2012. 47 Siehe dazu König 1999; König 2004 oder König 2014. Zur Vor- und Entstehungsgeschichte einer eigenständigen Akademie der Technikwissenschaften, die erst 1997/2002 gegründet wurde Federspiel 2011; zur Errichtung einer Technikwissenschaftlichen Klasse an der Deutschen Akademie der Wissenschaften in (Ost-) Berlin und ihrer Vorgeschichte zudem Laitko 1996. Zur Wahl zum Ordentlichen Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften autobiographisch auch Siemens 1956, S. 246f.

18

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 18

Wissenschaftslandschaft und Wissenschaftsakademien um 1900

26.01.16 10:50


ren. Unter dem Begriff »Pseudowissenschaft« ließ sich so manches, was nicht in das zeitgenössisch maßgebliche Wissenschaftsverständnis passte, leicht abtun. Mit einem entsprechenden Etikett versehen, konnten aber auch um 1900 neu entstehende Theorien, wie etwa die von Sigmund Freud (1856–1939) entwickelte Psychoanalyse, lange erfolgreich aus dem Wissenschaftskanon und den sie repräsentierenden Institutionen ausgegrenzt werden.48 Waren es bis zum letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aber in erster Linie Veränderungen, die die Disziplinen, ihre Ausrichtung, ihre Inhalte und ihre Anwendungsmöglichkeiten betrafen, so lassen sich für Wissenschaftslandschaft um 1900 vor allem institutionelle Wandlungsprozesse beobachten. Die Metapher der »Wissenschaftslandschaft« scheint für die Zeit um 1900 besser geeignet zu sein als die Begriffe »Wissenschaftssystems« oder des noch stärker normativ aufgeladenen »Wissenschaftsgefüges«, um das vielfältige, teils direkt aufeinander bezogene, teils in eher indirekt miteinander verflochtenen Wissenschaftsbereiche, -disziplinen und -einrichtungen um 1900 zu beschreiben. Analogien zu dem von Rüdiger vom Bruch für die »Sattelzeit« um 1800 eingeführten Begriff, »Universitätslandschaft«, deren institutionelle Verfestigung erst mit ihrer grundlegenden strukturellen Erneuerung in diesen Jahren einzusetzen begann, sind dabei keineswegs zufällig.49 Trennscharf unterscheiden lassen sich die verschieden konnotierten Begriffe jedoch kaum. Während der Begriff der Wissenschaftslandschaft mehr Offenheit der in dieser »Landschaft« agierenden Institutionen oder Personen verspricht, betont der des Wissenschaftssystems die tatsächliche oder gedachte Ordnung innerhalb des »Systems« und der darin befindlichen Einrichtungen oder Personen. Der Begriff des »Gefüges«, betont hingegen, noch stärker als der des Systems, die notwendig aufeinander bezogenen Bestandteile und ihre Wechselwirkungen. Sinnvoll erscheint seine Anwendung für die Beschreibung relativ stabiler Einrichtungen in einer überschaubaren Größenordnung, so in der Wissenschaftsgeschichte etwa der Akademien, von denen noch die Rede sein wird. Der Wissenschafts- und Philosophiehistoriker Paul Ziche hat in seiner 2008 erschienenen Studie über die »Wissenschaftslandschaften um 1900« nicht zuletzt mit dem Blick auf die zeitgenössischen Debatten dem Landschaftsbild den Vorzug gegeben. Hier seien, so Ziche, die einzelnen Teile nicht so sehr gegen ihre Umgebung »abgegrenzt«, sondern hingen »sehr viel enger zusammen«. Landschaften zeichneten sich dadurch aus, dass sie »panoramisch organisiert« seien und im »horizontalen Nebeneinander der einzelnen Gebiete« wahrgenommen würden.50 Um 1900 sei die »Landschaft der Wissenschaften«, wie Ziche mit Verweis auf den Chemiker und Philosophen Wilhelm Ostwald (1853–1932, ML 1932, Ehrenmitglied, im Folgenden: EM 1932) und dessen Vorstellungen von einer reichhaltig gegliederten, »nichtreduktiven« Wissenschaftslandschaft schreibt, noch »in der Breite ausgedehnt« 48 Siehe insgesamt Rupnow/Lipphardt/Thiel/Wessely 2008; exemplarisch für die lange populäre und einflussreiche »Welteislehre« auch Wessely 2013. 49 Vom Bruch 2000a. 50 Ziche 2008, S. 9.

Die »Scharnierphase« der modernen Wissensgesellschaft

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 19

19

26.01.16 10:50


und noch nicht so stark hierarchisch abgestuft gewesen wie schon bald darauf.51 Die traditionelle »Einheit der Wissenschaften«, auch explizit die Einheit der Naturwissenschaften, galt noch als ein anzustrebendes Ideal, auch wenn sich durch die Differenzierungs- und Spezialisierungstendenzen – und nicht zuletzt einer zunehmenden Professionalisierung – um 1900 genau dies zu ändern begann.52 Für die Entwicklung der Wissenschaftsakademien stellte die mit neuer Dringlichkeit aufgeworfene Frage nach der Einheit der Wissenschaften um 1900 eine ganz besondere Aufgabe dar, fühlten sich doch die meisten von ihnen diesem Ideal auf eine dezidierte Weise verpflichtet. Konzentriert man sich bei der Betrachtung der Wissenschaftslandschaft um 1900 auf die wissenschaftlichen Disziplinen und Institutionen, so fällt auf, dass diese zunehmend in Zusammenhängen organisiert waren, die nicht anders als systemisch zu erklären sind. Auch dem Wissenschaftssoziologen Rudolf Stichweh zufolge entstand das »System wissenschaftlicher Disziplinen« um 1900, nach einschneidenden Veränderungen der Disziplinenstruktur vor allem Ende des 19. Jahrhunderts, insbesondere in den Naturwissenschaften – als augenfällige Beispiele nennt er die Chemie und die Physik. Es sind in allererster Linie die deutschen Universitäten, die er als institutionelle Orte dieser Veränderungen ausmacht,53 und nicht die Wissenschaftsakademien, die von solchen Entwicklungen zu diesem Zeitpunkt zum Teil schon abgekoppelt waren.54 Die wichtigen Veränderungen in der Wissenschaftslandschaft oder im Wissenschaftssystem vollzogen sich in der Tat an anderen Orten, in anderen Institutionen. Neben die traditionellen Akteure des institutionellen Wissenschaftsbetriebes – die im 19.  Jahrhundert prosperierenden und expandierenden Universitäten,55 die stagnierenden und retardierenden Akademien sowie in ihrer spezifischen Bedeutung, besonders für die Wissenschaftspopularisierung, auch die wissenschaftlichen Vereine, Fachgesellschaften und naturhistorischen Museen, die im 19. Jahrhundert einen beträchtlichen Aufschwung erfuhren56 – traten neue wissenschaftliche Institutionen. Im 19.  Jahrhundert war zweifelsohne die Universität »Kerninstitution« des akademischen Wissenschaftssystems. Diese zeichnete sich durch die postulierte »Einheit von Forschung und Lehre, durch die Dominanz der Grundlagenforschung, durch das Beharrungsvermögen der Lehrstühle und Fakultäten sowie durch das Prestige 51 52 53 54

Ziche 2008, bes. S. 12–15 (Zitate S. 13 und 14). Ziche 2008, bes. S. 140–143. Stichweh 2013, bes. S. 16–19. Siehe dazu auch die Bemerkungen zum historischen und aktuellen Ort der Wissenschaftsakademien im Wissenschaftssystem: Stichweh 2014. 55 Neben den zahlreichen Studien zu den einzelnen Universitäten im deutschsprachigen und europäischen Raum zum Überblick: Rüegg 2004. 56 Zu dem im 19.  Jahrhundert spürbar angewachsenen Interesse an Wissenschaft in der Öffentlichkeit und zur Wissenschaftspopularisierung siehe etwa Schwarz 1999; Ash 2002b; Daum 2002; Kretschmann 2003; Kretschmann 2006; Nikolow/Schirrmacher 2007; Boden/Müller 2009; Samida 2011; exemplarisch für Berlin ferner Goschler 2000. Für den internationalen Vergleich auch Ash/Stifter 2002; Andrews 2003 oder Bowler 2009. Fallbeispiele für naturkundliche Vereine im 19. Jahrhundert finden sich u. a. in Kaasch/Kaasch 2009a.

20

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 20

Wissenschaftslandschaft und Wissenschaftsakademien um 1900

26.01.16 10:50


seiner Eliten, der Ordinarien« (Margit Szöllösi-Janze) aus. Um die Jahrhundertwende erlebte das lange »homogen strukturierte universitäre System« einen »rasanten Prozeß der Ausdifferenzierung«, parallel zu derjenigen, die auch die Entwicklung innerhalb der einzelnen Disziplinen kennzeichnete.57 Zur gleichen Zeit lässt sich eine »Auffächerung der Typen organisierter Forschung und der Institutionen, an denen sie betrieben wurde«, beobachten.58 Diese in ihrer Dynamik bis dahin einzigartige Entwicklung in der Wissenschaftsgeschichte führte innerhalb weniger Jahre dazu, dass die Universitäten ihr etwa ein Jahrhundert lang fast unumschränkt geltendes Forschungsmonopol – auf die an den Wissenschaftsakademien betriebene Forschung wird noch zurückzukommen sein – an ein neu entstehendes und sich schnell ausdifferenzierendes »Netzwerk verschiedenartig strukturierter Forschungseinrichtungen« verloren. Diese neuartigen Einrichtungen waren dadurch gekennzeichnet, dass sie »arbeitsteilig und systematisch neues wissenschaftliches Wissen produzierten, und zwar in Bereichen und für Bereiche, die zuvor wissenschaftsfrei oder wissenschaftsfern gewesen waren« (Margit Szöllösi-Janze).59 Dieser Paradigmenwechsel um 1900 war flankiert von einer weiteren Entwicklung, für die es in dieser Form und Intensität bis dahin keine oder nur in geringem Maße vergleichbare Vorbilder gegeben hatte. Anstelle der traditionellen Unterrichtsverwaltungen in den deutschen Teilstaaten – eine einheitliche Wissenschaftsverwaltung entstand in Deutschland erst nach 1933 – trat eine »gestaltende Wissenschaftspolitik«, insbesondere in Preußen, das im Deutschen Reich auch auf diesem Gebiet tonangebend war.60 Die nach dem preußischen Wissenschaftspolitiker Friedrich Althoff (1839–1908) benannte Reformzeit des deutschen Universitäts- und Wissenschaftssystems steht für eine grundlegende Wandlung staatlicher Wissenschafts- und Förderpolitik überhaupt. Obwohl formell nur Referent und Ministerialdirektor für die Universitäten bzw. das Unterrichtswesen im preußischen Ministerium für geistliche, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten, gelang es dem umtriebigen und ehrgeizigen Juristen binnen weniger Jahre, maßgeblichen und nachhaltigen Einfluss zu gewinnen. Die von Althoff angestoßene Wissenschaftspolitik wurde in ähnlicher Weise auch von seinen Nachfolgern im Amt, allen voran Friedrich Schmidt-Ott (1860–1956, EML 1933), fortgesetzt. Die Erfolge, aber auch die Grenzen des »Systems Althoffs« sind vielfach beschrieben und gewürdigt worden.61 Für die hier besonders interessierenden Veränderungen von Wissenschaftslandschaft und -system hin zu komplexen Großforschungseinrichtungen62 um 1900 ist vor allem die Gründung der 57 58 59 60 61

Szöllösi-Janze 2002, S. 62f. (Zitate S. 62). Szöllösi-Janze 2002, S. 63. Szöllösi-Janze 2002, S. 63. Szöllösi-Janze 2002, S. 63. Zur preußischen Hochschulpolitik um 1900 siehe zusammenfassend etwa vom Brocke 2004; zum »System Althoff« zudem vom Brocke 1980; Lischke 1990 oder die Beiträge in: vom Brocke 1991; zum Anteil und zur Bedeutung Schmidt-Otts außerdem etwa vom Brocke 2007 (mit ausführlichen weiterführenden Literaturhinweisen). 62 Grundlegend für die Gesamtentwicklung: Ritter 1992, bes. S. 13–55.

Die »Scharnierphase« der modernen Wissensgesellschaft

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 21

21

26.01.16 10:50


Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (KWG) 1911 und ihrer Institute, die in den Jahren und Jahrzehnten danach entstanden, von Belang. Die Gründungs- und Wirkungsgeschichte der KWG und der Kaiser-Wilhelm-Institute (KWI) bis hin zur Neubegründung als Max-Planck-Gesellschaft (MPG) bzw. Max-Planck-Institute (MPI) kann als sehr gut erforscht gelten,63 sodass an dieser Stelle nur einige kurze Bemerkungen genügen sollen. Mit der KWG und ihren Instituten war noch kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs eine außeruniversitäre Institution geschaffen worden, die sich ausschließlich der Forschung, zumal der stark anwendungsorientierten, auch rüstungsnahen Grundlagenforschung64 in den modernen Naturwissenschaften widmete. Die 1913 in den KWG-Verbund aufgenommene »Bibliotheca Hertzina« in Rom, das spätere KWI für Kunstgeschichte, stellte nicht nur aufgrund seiner Entstehungsgeschichte und Ausrichtung als lange Zeit einziges geisteswissenschaftliches Institut eine Ausnahme dar.65 An der manifesten Dominanz der naturwissenschaftlichen und dann auch medizinischen Forschungsinstitute änderte das nichts. Allein bis zum Ende des Ersten Weltkriegs entstanden neben dem Institut in Rom zehn weitere Kaiser-Wilhelm-Institute;66 bis 1933 kamen zwölf,67 bis 1945 weitere sechs hinzu.68 Ein unter dem Direktorat des späteren Leopoldina-Präsidenten Emil Abderhalden (1877–1950, ML 1912) seit 1913 geplantes KWI für Physiologie wurde kriegsbedingt zunächst zurückgestellt, aber auch später nicht mehr realisiert.69 Die vorwiegend private Finanzierung der KWG und ihrer Institute bedingte 63 Zur Gründung und Geschichte der KWG siehe die vom Forschungsprogramm »Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus« der Max-Planck-Gesellschaft publizierten Studien (http://www. mpiwg-berlin.mpg.de/KWG/, letzter Zugriff: 15.7.2015) bzw. die Beiträge in: Hoffmann/Kolboske/Renn 2015; zur Gründungsgeschichte außerdem etwa Wendel 1975; Burchardt 1975; Burchardt 1990; Vierhaus/ vom Brocke 1990 sowie vom Brocke/Laitko 1996; zur weiteren Entwicklung auch Kaufmann 2000 oder Heim/Sachse/Walker 2009. 64 Exemplarisch für die rüstungs- und kriegsrelevante Forschung auf dem Gebiet der Metallkunde war das 1917 gegründete KWI für Metallforschung. Siehe dazu ausführlich Maier 2007a sowie mit weiteren Beispielen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs auch Maier 2002 sowie Maier 2007b. 65 Siehe dazu etwa Rischbieter 2004 und Ebert-Schifferer 2013. 66 KWI für Chemie in Berlin-Dahlem (1911), KWI für physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem (1911), KWI für Biologie in Berlin Dahlem (1911), KWI für Kohlenforschung in Mühlheim an der Ruhr (1912), KWI für Arbeitspsychologie in Berlin (1912), KWI für experimentelle Therapie in Berlin-Dahlem (1912), KWI für Hirnforschung in Berlin-Buch (1914), KWI für Psychiatrie in München (1917), KWI für Physik in Berlin-Dahlem (1917), KWI für Eisenforschung in Aachen (1917). 67 KWI für Faserstoffchemie in Berlin-Dahlem (1920), KWI für Metallforschung in Potsdam-Neubabelsberg (1921), KWI für Lederforschung in Dresden (1921), KWI für ausländisches Recht und Völkerrecht in Berlin (1924), KWI für Strömungsforschung in Göttingen (1924), KWI für Biochemie in Berlin-Dahlem (1925), KWI für Silikatforschung in Berlin-Dahlem (1926), KWI ausländisches und internationales Privatrecht in Berlin (1926), KWI für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin-Dahlem (1926), KWI für Züchtungsforschung in Müncheberg (1929), KWI für medizinische Forschung in Heidelberg (1929), KWI für Zellphysiologie in Berlin-Dahlem (1930). 68 KWI für Biophysik in Frankfurt am Main (1937), KWI für tierische Ernährungsforschung und Tierzüchtung in Rostock (seit 1939 KWI für Tierzuchtforschung in Dummerstorf), KWI für Bastfaserforschung in Sorau (1938), KWI für landwirtschaftliche Arbeitswissenschaft in Breslau (1938), KWI für Kulturpflanzenforschung in Tuttenhof bei Wien (1943). 69 Siehe dazu Kaasch 2002, S. 239f. und Kaasch/Kaasch 2005a, S. 260–263.

22

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 22

Wissenschaftslandschaft und Wissenschaftsakademien um 1900

26.01.16 10:50


naturgemäß eine unmittelbare Nähe und eine damit verbundene direkte Einflussnahme der großen Wirtschaftsunternehmen auf Ausrichtung und Arbeit der einzelnen KWIs. Der Einfluss von Politik und Staat, der mit der alleinigen Finanzierung solcher Institute von vornherein finanziell überfordert gewesen wäre, blieb dennoch gewahrt, vor allem über seine Vertreter in den Verwaltungs- und Steuerungsgremien der KWG wie Senat und Verwaltungsausschuss.70 Zudem finanzierte der Staat die Gehälter der in der Verwaltung und in den KWIs beschäftigten Angestellten und Wissenschaftler. Die KWG war eine außeruniversitäre Forschungsinstitution und ein Zusammenschluss spezialisierter Forschungsinstitute von immensen, stetig ausgebautem Einfluss, die von den modernen Forschungsuniversitäten, vor allem aber von den Wissenschaftsakademien als Konkurrenz empfunden wurde. Mit Recht, denn mit Gründung der KWG war offenkundig geworden, dass die Akademien innerhalb des Wissenschaftssystems bereits nur noch eine marginale Rolle spielten und auch zukünftig spielen würden. Aus den »akademischen Grabenkämpfe« (Jeffrey Allan Johnson) um Subventionen und Ressourcen waren die Akademien stark angeschlagen, ja, als Verlierer hervorgegangen.71 Mit ihren dezentralen Strukturen, ihrem nach dem sogenannten »Harnack-Prinzip« aufgebauten, stark hierarchisch geprägtem Führungsstil, aber auch durch die per definitionem vorhandenen Möglichkeiten, sich ausschließlich Forschungsaufgaben widmen zu können, unterschied sich die KWG strukturell sowohl von den bislang Ton angebenden Universitäten als auch von den immer weiter an Einfluss verlierenden traditionellen Wissenschaftsakademien grundlegend.72 Die Stärkung der außeruniversitären Forschung, die ganz oder partiell zu einer weiteren Schwächung der Positionen vor allem der Wissenschaftsakademien, weniger der der Universitäten, führte, setzte sich nach Ende des Ersten Weltkriegs fort. Mit der Gründung der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft 1920, der späteren Deutschen Forschungsgemeinschaft,73 der Helmholtz-Gesellschaft zur Förderung der physikalisch-technischen Forschung 192174 sowie des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft 192075 entstanden weitere Forschungseinrichtungen außerhalb der bestehenden universitären und akademischen Strukturen, die die wissenschaftliche Forschung und Forschungsförderung im Deutschen Reich an70 Siehe dazu ausführlich, mit Schwerpunkt im Nationalsozialismus: Hachtmann 2007; mit Blick auf die Führungsebene auch Kohl 2002. 71 Am Beispiel der Modernisierungsprozesse in der Chemie um 1900 Johnson 1999; weiterführend auch Johnson 1990. 72 Dezidiert dazu die Beiträge in: vom Brocke/Laitko 1996. 73 Zur Geschichte der Notgemeinschaft bzw. DFG siehe die von der bis 2008 arbeitenden »Forschergruppe zur Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft 1920–1970« veröffentlichten Arbeiten (http://projekte. geschichte.uni-freiburg.de/DFG-Geschichte/, letzter Zugriff: 15.7.2015), insbesondere: Orth/Oberkrome 2010; dazu Marsch 1996; Hammerstein 1999; Kirchhoff 2007 oder Flachowsky 2008. 74 Marsch 1996, S. 84–95; Trischler/vom Bruch 1999, S. 22–25. Zeitgenössisch zudem Helmholtz-Gesellschaft 1939. 75 Schulze 1995.

Die »Scharnierphase« der modernen Wissensgesellschaft

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 23

23

26.01.16 10:50


ders als bisher – und das hieß vor allem neben oder lediglich im Verbund mit den bestehenden Wissenschaftsakademien – bündelten, organisierten oder überhaupt erst ermöglichten.76 Die institutionelle Struktur der Forschungslandschaft hatte sich aber auch jenseits dieser Einrichtungen verändert. Im Laufe der Zeit war eine ganze Reihe staatlich geförderter oder gänzlich staatlich betriebener, teils staatlich, teils privat, teils gemischt finanzierter Forschungseinrichtungen oder Versuchs- und Messanstalten, teils mit Behördencharakter oder behördenähnlichen Strukturen, neben die bestehenden Forschungseinrichtungen getreten, insbesondere im Bereich der naturwissenschaftlichen Grundlagen- und angewandten Forschung oder auf medizinischem Gebiet.77 Zu nennen wären hier beispielsweise das Institut für Gärungsgewerbe und Stärke­fabrikation in Berlin,78 die gleichfalls dort ansässige Physikalische-Technische Reichsanstalt (1887),79 die Chemisch-Technische Reichsanstalt (1920) und ihre Vorgängereinrichtungen,80 das zunächst in Steglitz bei Berlin, dann in Frankfurt am Main residierende Institut für Serumforschung und Serumprüfung Paul Ehrlichs (1854–1915),81 das aus dem Preußischen Institut für Infektionskrankheiten hervorgegangene Robert Koch-Institut in Berlin (1891),82 die auf Tierseuchenforschung spezialisierte Forschungsanstalt Insel Riems bei Greifswald (1910)83 oder das Hamburger Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten (1900).84 Massiv ausgebaut wurden, neben den erwähnten rüstungsrelevanten staatlichen Versuchs- und Forschungsanstalten, aber auch wissenschaftliche Labore und andere Forschungseinrichtungen in einzelnen Unternehmen der Industrie und der Landwirtschaft, die bald erhebliche Ressourcen und Potentiale binden und entwickeln konnten.85 Über besonders leistungsfähige Einrichtungen der sogenannten »Industrieforschung« verfügten dabei einzelne Chemie- oder Pharmakonzerne wie Bayer in Leverkusen, Hoechst in Frankfurt am Main oder Schering in Berlin, Unternehmen aus den Bereichen Biotechnologie oder Elektroindustrie wie Siemens oder die AEG. Kurzum, die vielfältigen und tief greifenden Veränderungen, die die deutsche Wissenschaftslandschaft nachhaltig prägten und das Wissenschaftssystem vor ganz neue Herausforderungen vielfältiger Art stellten, konnten auch für die deutschen Wissen76 Zum vergleichenden Überblick: vom Bruch/Müller 1990 (darin bes. vom Bruch 1990 sowie Feldman 1990). 77 Zum Überblick: Lundgreen/ Horn/Krohn/Küppers/Paslack 1986; die Beiträge in vom Bruch/Henning 1999 sowie Pfetsch 1990. 78 Marschall 2000 (bes. S. 49–86). 79 Weiher 1990; Kant 2011; Cahan 1992 bzw. Huebener/Lübbig 2011. 80 Maier 2007a. 81 Zur Arbeit des Instituts und zum Wirken Pauls Ehrlich siehe zuletzt: Hüntelmann 2011; dazu Lenoir 1998 oder Bäumler 1980. 82 Mit Schwerpunkt auf der NS-Zeit Hinz-Wessels 2012 bzw. Hulverscheidt/Laukötter 2009. 83 Hinz-Wessels/Thiel 2010. 84 Eckart 1990b. 85 Zusammenfassend dazu: Marsch 2000 oder an Hand von Fallbeispielen Schneider/Trischler/Wengenroth 2000 und Lenoir 1992.

24

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 24

Wissenschaftslandschaft und Wissenschaftsakademien um 1900

26.01.16 10:50


schaftsakademien nicht folgenlos bleiben. Mit dem Wissenschaftssystem kam auch das hergebrachte Akademiengefüge im Verlaufe und vor allem im späten 19. Jahrhundert in Bewegung. Seine Ursprünge und Wurzeln lagen in der Aufklärung. Deren Intentionen, Prägungen und Zielsetzungen entsprachen im Wesentlichen auch noch die Strukturen, das Selbstverständnis und die Aufgaben der deutschen Wissenschaftsakademien.

Die deutschsprachigen Wissenschaftsakademien zwischen traditionellem Verständnis und neuen Herausforderungen »Die Engländer haben schon lange vor uns eine Akademie der Wissenschaften gehabt: aber sie ist nicht so wohlgeordnet wie unsere, und das vielleicht nur, weil sie älter ist; denn wenn man sie nach der Pariser Akademie ausgerichtet hätte, würde sie einige kluge Gesetze übernommen und die anderen vervollkommnet haben. […] Der Königlichen Gesellschaft in London fehlen zwei der den Menschen wichtigsten Dinge: Vergütungen und Vorschriften. In Paris ist für einen Geometer oder Chemiker so ein Platz in der Akademie ein gesichertes kleines Vermögen; in London dagegen kostet es was, zur Königlichen Gesellschaft zu gehören. Wer auch immer in England sagt: »Ich liebe die Künste« und zur Gesellschaft gehören will, ist sofort drin. In Frankreich aber reicht es nicht, Liebhaber zu sein, um Mitglied und Pensionär der Akademie zu werden; man muß gebildet sein und Konkurrenten den Platz streitig machen, die umso fürchtenswerter sind, als sie angeregt sind vom Ruhm, Eigennutz und sogar Eigensinn und jener Starrheit des Geistes, die das beharrliche Studium der rechnenden Wissenschaften im allgemeinen mit sich bringt. Die Akademie der Wissenschaften ist weise beschränkt auf die Erforschung der Natur, und das ist in der Tat ein weites Feld, daß dort fünfzig oder sechzig Personen beschäftigt sein können. Die in London vermengt unterschiedslos Literatur und Physik. Mir scheint es besser, eine eigene Akademie für die Geisteswissenschaften zu haben, damit nichts vermischt wird […]. Da die Gesellschaft in London wenig Ordnung und keine Anregung hat und jene in Paris einen ganz entgegengesetzten Weg beschreitet, ist es nicht verwunderlich, daß die Memoranden unserer Akademie denen der anderen überlegen sind: Wohldisziplinierte und gutbezahlte Soldaten siegen auf die Dauer über Freiwillige.«86 Die vergleichenden Bemerkungen Voltaires (1694–1778) über die seinerzeit wichtigsten, jedoch verschieden verfassten Akademien seiner Zeit, nämlich der Royal Society in London (gegründet 1660) und der Académie des Sciences (gegründet 1666), 1727/28 im englischen Exil entstanden, markieren mit wenigen Worten die zentralen strukturellen Unterschiede beider Akademien. Ihre typologischen Besonderheiten sollten Modellcharakter für die weitere Entwicklung wissenschaftlicher Akademien 86 Voltaire 1985, S. 110. Der Hinweis auf Voltaires Bemerkungen über die Akademien auch in: Möller 2008.

Die deutschsprachigen Wissenschaftsakademien

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 25

25

26.01.16 10:50


seit dem 18. Jahrhundert haben. Bis hinein ins 20. Jahrhundert sollten sie – neben den Akademieplänen von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716)87 – wichtige Orientierungspunkte mit Modellcharakter haben. Beide Gelehrtenvereinigungen hatten ihre Wurzeln in der italienischen Akademiebewegung der Renaissancezeit,88 die sich wiederum auf antike Vorbilder, vor allem die »Akademie« Platons (428/27–348/47 v. u. Z.)89 – eine Versammlung der Schüler des Philosophen im Hain des Akademos bei Athen – berief. Die seit Ende des 15. Jahrhunderts zunächst in Italien, bald aber auch in anderen Gebieten Europas entstehenden Gelehrtenvereine und Unterrichtsanstalten, die in ganz verschiedenen Ausprägungen den Namen »Akademie« führten, vereinten nicht selten noch später getrennte Zwecke und Sphären – Gelehrtendiskurs und Lehre, Gelehrtengesellschaft und Forschungseinrichtung, Wissenschaft und Kunst – unter einem Dach. Trennung, Spezialisierung und Ausdifferenzierungen waren erst ein Ergebnis späterer Ausdifferenzierungsprozesse. An manchen Akademien und diesen ähnlichen Einrichtungen, wie etwa das alle fünf französischen Akademien zusammenführende Institut de France, existieren bis heute gemeinsame, verbindende Formen und Strukturen; zudem gibt es Akademien, wie die erst 1949 gegründete Deutsche Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, die sich konstitutiv als eine gemeinsame Plattform von Wissenschaft und Kunst verstehen. Aber schon bald nach Gründung der ersten neuzeitlichen Akademien in Italien vollzogen sich weitere grundlegende Ausdifferenzierungsprozesse. Von den ersten Renaissanceakademien unterschieden sich die meisten der späteren gelehrten und wissenschaftlichen Gesellschaften der Frühen Neuzeit durch ihren Verzicht auf Ausbildung oder Lehre. Sich als wissenschaftlich oder gelehrt verstehende Akademien oder Sozietäten – die Bezeichnungen bleiben lange wenig unterscheidbar und lassen keine entsprechenden Klassifizierungen zu – waren »freiwillige Zusammenschlüsse von gebildeten Personen zum Zwecke ›gelehrter‹ Unterhaltung, Kenntniserweiterung, Bildung und Aufklärung« (Rudolf Vierhaus).90 Sie verdankten ihr Entstehen privaten, nicht staatlichen Initiativen, auch wenn als Anreger oder Gründer zunehmend auch die Landesherren aktiv wurden. Ab dem 17. Jahrhundert bildete sich zudem, nicht zuletzt als Ausdruck und Ergebnis der Entwicklung der frühneuzeitlichen Wissenschafts- und Wissenslandschaft, ein »duale[s] System«91 (Conrad Grau) von auf der einen Seite ganz oder doch signi­fikant national-sprachlich-literarisch und auf der anderen Seite international87 Siehe grundlegend: Brather 1993; aus der Fülle der Sekundärliteratur zum Thema zudem etwa Böger 1997; Mittelstraß 1998. Knobloch 2010; Hecht 1992 oder Bredekamp 2002. 88 Zur Idee und den Ursprüngen der Akademien in Humanismus und Renaissance siehe neben Grau 1988, bes. S. 10–35 auch Ludwig 2006 oder Artelt 1970. 89 Siehe etwa Dummer 2006. 90 Vierhaus 2000 (Zitat S. 9). Vierhaus’ Definition folgt der von Klaus Garber in: Garber 1990. Weiterführend zu Ausdifferenzierungs- und Abgrenzungsprozessen von Gesellschaften und Sozietäten etwa Garber/Wissmann 1993; Hardtwig 1997, bes. S. 239–303 oder Vierhaus 1999. 91 Grau 1993, S. 19.

26

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 26

Wissenschaftslandschaft und Wissenschaftsakademien um 1900

26.01.16 10:50


naturwissenschaftlich ausgerichteten wissenschaftlichen oder gelehrten Gesellschaften, Sozietäten oder Akademien heraus.92 Diese folgenreiche Struktur und Auffächerung der wissenschaftlichen Gesellschaften war in Italien und in Frankreich am markantesten ausgeprägt, lässt sich aber auch für England und Deutschland konstatieren. In Frankreich war die erste der späteren fünf zentralen, 1795 zum Institut de France zusammengeführten Pariser Akademien, die Académie Française, 1635 zunächst als Gesellschaft für Schriftsteller, später auch für Wissenschaftler gegründet worden. Die auf Naturwissenschaften, Mathematik und Medizin spezialisierte Académie des Sciences entwickelte sich ab 1666 aus einem zunächst nur privaten Mitgliederzirkel. Seit dem 18. Jahrhundert gilt diese Akademie, die nach ihrer erzwungenen Auflösung zwischen 1795 und 1816 als Klasse für Physik und Mathematik des Institut de France weiter existiert hatte, zu einem Zentrum der französischen Forschung mit internationaler Ausstrahlung. Über ein ähnliches internationales Renommee verfügt auch die als private Gelehrtengesellschaft gegründete, de jure vom Staat unabhängige, aber vom englischen König privilegierte und vom Staat bald auch finanziell unterstützte Royal Society in London. Ihre Tätigkeit beschränkt sich bis heute im Wesentlichen auf naturwissenschaftliche, mathematische und medizinische Fragen; für die Vertretung der geistes-, sozial- und rechtswissenschaftlichen Gebiete gründeten britische Wissenschaftler nach mehreren erfolglosen Versuchen in den Jahrzehnten zuvor erst zu Anfang des 20. Jahrhunderts eine eigenständige Wissenschaftsakademie, die British Academy (1901).93 Voltaire hatte bereits in seinen »Philosophischen Briefen« scharfsinnig die Vorund Nachteile beider Akademietypen beschrieben; für effektiver hielt der französische Aufklärer, ganz im Sinne des Nützlichkeitsdenkens seines Zeitalters, am Ende das staatsnahe französische Modell mit einer beschränkten Zahl von professionellen Mitgliedern, festen Vergütungen, klar erkennbaren Aufgaben und vor allem festgeschriebenen Vorschriften bzw. Statuten. Die Unterlegenheit des englischen Modells ließ sich Voltaire zufolge in erster Linie aus dem Fehlen von »Vergütungen und Vorschriften«, aber auch mit dem großen Einfluss der »Liebhaber« und Dilettanten erklären, die in der Pariser Akademie schon aufgrund der streng begrenzten Mitgliederzahl keinen Platz hatten. In beiden Akademien bzw. gelehrten Gesellschaften, in der Londoner eher noch stärker ausgeprägt als in der Pariser, hatten Nützlichkeitsaspekte sowie die Förde92 Zur Entwicklung der Akademien seit der Frühen Neuzeit vgl. Grau 1988; Grau 1993, S. 13–54; die Beiträge in: Hartmann/Vierhaus 1977; Voßkamp 2002 und in der Zeitschrift Das achtzehnte Jahrhundert 25,1 (2001) oder in: Akademie. Tradition mit Zukunft?, in: Gegenworte. Hefte für den Disput des Wissens 22 (2009) sowie Voss 1980; Kanthak 1987; Proß 1999; Kiefer 2006; Wollgast 2010; mit Blick auf den mitteldeutschen Raum Zaunstöck 2002. International vergleichend ferner Hammermayer 1976 oder Kühn 2011. Zur bald separaten Entwicklung der Kunstakademien siehe Pevsner 1986 oder Mai 2010. 93 Zur Entwicklung von Académie des sciences und Royal Society im Überblick etwa Grau 1988, S. 47–62 bzw. Grau 1993, S. 19–22. Zur Gründung und Frühgeschichte der Académie Française auch Debru 2008; Stackelberg 1977; zur späteren Akademiegeschichte ferner: Crosland 1992; zur Royal Society etwa Purver 1967; Hunter 1976; Hunter 1982; Hunter 1989 sowie Beeley 2008.

Die deutschsprachigen Wissenschaftsakademien

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 27

27

26.01.16 10:50


rung praktischer und angewandter Wissenschaften einen besonderen Platz. Wissenschaftsakademien waren schon von daher dezidierte Institutionen der Aufklärung. Als solche agierten sie aber auch als herausgehobene Knotenpunkte wissenschaftlicher Diskurse und Netzwerke, als Kommunikationszentren der internationalen, zumindest der europäischen Gelehrtenrepublik. Das 18. Jahrhundert stellt gewiss einen, vielleicht den Höhepunkt der Akademiegeschichte dar; ob es aber gleich ein »Jahrhundert der Akademien« war und wie hoch die Bedeutung der Wissenschaftsakademien für die Entwicklung der modernen Wissenschaften und ihre Institutionalisierung tatsächlich zu veranschlagen ist, bleibt in der Forschung umstritten.94 Mit Blick auf die institutionelle Entwicklung und Ausgestaltung der Wissenschaftsakademien im deutschsprachigen Raum sind für das 18. Jahrhundert eine Reihe wichtiger Akademie- oder Sozietätsgründungen zu verzeichnen. Auf die älteste der heute noch bestehenden Akademien, die 1652 im fränkischen Schweinfurt als Academia Naturae Curiosum gegründete Gelehrtengesellschaft, die spätere Leopoldina, wird noch ausführlicher zurückzukommen sein. Im Jahre 1700 entstand in Berlin, unter dem Einfluss von Leibniz, die Kurfürstlich Brandenburgische, ab 1701 Königlich Preußische Sozietät, später Akademie der Wissenschaften, in der – als Novum in der bisherigen Akademiengeschichte – von Anfang an naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Disziplinen gleichermaßen vertreten waren. Erst im Laufe der Zeit sollte sich die Berliner Akademie zur dann sicherlich einflussreichsten und wichtigsten unter den deutschsprachigen Wissenschaftsakademien entwickeln. Vor allem am Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sollte sie offensiv die Führungsrolle innerhalb des deutschen Akademiengefüges für sich beanspruchen, ein Ansinnen, das natürlich nicht unwidersprochen blieb.95 Erst ein Jahrhundert später als die Leopoldina, 1751, entstand mit der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaft im Göttingen eine weitere wissenschaftliche Sozietät von Bestand. Zu der vom englischen König Georg II. (1683–1760), der in Personalunion auch Kurfürst von Hannover war, gegründeten Gesellschaft, die den Akademietitel offiziell erst seit 1940 führte, gehörte zwar auch eine Historische Klasse. Mit ihrer Physischen und der Mathematischen Klasse lagen ihre Schwerpunkte jedoch deutlich auf naturwissenschaftlichem Gebiet. Von anderen deutschen Akademien und Gesellschaften unterschied sich die Göttinger vor allem dadurch, dass sie seit ihrer Gründung aufs Engste mit der 1737 ins Leben gerufenen Georg-August-Universität verbunden war und arbeitsteilig mit ihr zusammenarbeitete.96 Eine zweite erfolgreiche Akademiegründung in der Mitte des 18. Jahrhunderts erfolgte 1759 in München mit der Kurbayerischen, ab 1806 Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Die anfangs aus zwei Klassen – einer Historischen und 94 Dazu dezidiert: Döring 2003, bes. S. 14f. 95 Zur Gründung und Entwicklung der Berliner Akademie der Wissenschaften im 18. und 19.  Jahrhundert siehe neben Brather 1993 und Harnack 1900 auch Grau 1993; Joos 2012; Rüegg 1999. Zu einzelnen Aspekten der Berliner Akademiegeschichte zudem Müller 1975 oder Kohl 2010. 96 Siehe dazu etwa Toellner 1977 und Starck/Schönhammer 2013 sowie Grau 1988, S. 136 und S. 306.

28

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 28

Wissenschaftslandschaft und Wissenschaftsakademien um 1900

26.01.16 10:50


einer Philosophischen, in der auch die Vertreter der naturwissenschaftlichen Disziplinen ihren Platz fanden – bestehende Münchener Akademie gehörte gerade in den ersten Jahren ihrer Existenz zu den wissenschaftlich ertragreichsten deutschen Gelehrtengesellschaften. Sie gab nicht nur, wie andere Akademien und Sozietäten auch, Akademieabhandlungen heraus, sondern verfügte über eine eigene Bibliothek, verschiedene Spezialkabinette und eine für astronomische Forschungen genutzte eigene Sternwarte.97 Neben diesen geglückten und beständigen Akademien kannte das 18. Jahrhundert eine Reihe weniger erfolgreicher, nur kurzlebiger oder ganz gescheiterter Gründungsversuche.98 Sowohl die 1779 von einem Naturforscher und einem Historiker geschaffene Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften zu Görlitz99 als auch die 1754 in der zum Erzbistum Mainz gehörenden alten Universitätsstadt Erfurt entstandene Kurfürstlich Mainzische Akademie nützlicher Wissenschaften – die spätere Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt – erreichten nie überregionale Bedeutung.100 Die 1763 ins Leben gerufene Kurpfälzische Akademie der Wissenschaften in Mannheim arbeitete zwar in den ersten Jahren ihres Bestehens erfolgreich, musste aber ihre eigenständige Tätigkeit 1803 einstellen. Auch sie verfügte bereits über wissenschaftliche Institute, eine Sternwarte, einen Botanischen Garten oder ein Physikalisches Kabinett.101 Akademieplanungen in Sachsen – für Dresden bzw. Leipzig – oder in Wien zerschlugen sich; erst im 19. Jahrhundert sollten hier entsprechende Pläne realisiert werden.102 Festzuhalten für die weitere Entwicklung, auch international, bleibt, dass die Wissenschaftsakademien des 18. Jahrhunderts zwar einige Gemeinsamkeiten aufwiesen, sich hinsichtlich ihrer Strukturen, Aufgaben und Vorbilder aber zum Teil noch erheblich unterschieden. Neben die Vorbildfunktion der Pariser oder der Londoner Sozietäten trat nach 1700 auch der Einfluss von Leibniz’ Akademievorstellungen. Er übte einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf bereits bestehende Akademien, vor allem aber auf die Neugründungen aus. Letztere wollten, mit Berufung auf Leibniz, teilweise sogar mit dessen direkter Unterstützung, die Einheit der Wissenschaften unter einem gemeinsamen Dach der Akademie verwirklichen; die Differenzen, aber auch der Dialog der Disziplinen sollte in den Klassen abgebildet und ermöglicht werden. Zu den bereits existierenden Spezialakademien kamen neue Akademien hinzu, die sich entweder nur historischen, philosophischen, philologischen oder literari97 Siehe Hammermayer 1983 oder Wagner 1977; zusammenfassend auch Grau 1988, S. 136f. und S. 316 sowie von Bruch 2013a; zu Einzelaspekten zudem Kraus 1978; Kraus 1993; Willoweit 2009a; Willoweit 2009b; Heydenreuter/Krauß 2009; Graf 2013 oder der der Akademie gewidmete Band der Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 72, 2 (2009). 98 Siehe dazu insgesamt Grau 1988, S. 136–153. 99 Neben Grau 1988, S. 144 etwa Jecht 1929; Lemper/Mühlpfordt 1982 oder Lemper 2000. 100 Neben Grau 1988, S. 144 etwa Benl 2004; Kiefer 2004; Kiefer 2000 oder Sundermann 1954 oder die Beiträge im Schwerpunktheft zur Erfurter Akademiegeschichte von Stadt und Geschichte 22 (2004). 101 Neben Grau 1988, S. 144 und Eid 1926 vor allem Kreutz 2010 sowie Kreutz/Kreutz/Wiegand 2014. 102 Grau 1988, S. 138–144; für die Akademiepläne in Sachsen auch Lea/Wiemers 1996 sowie Otto 2000 (und weitere Beiträge zur Leipziger gelehrten Gesellschaften in dem genannten Band).

Die deutschsprachigen Wissenschaftsakademien

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 29

29

26.01.16 10:50


schen Disziplinen oder aber den Naturwissenschaften oder der Medizin verschrieben hatten.103 Die Akademiebewegung der Aufklärung war also vor allem von Vielfalt und einem Nebeneinander von verschiedenen Akademietypen gekennzeichnet, ohne dass eines dieser Modelle eine erkennbare Dominanz entwickelt hätte. Das änderte sich erst im Verlaufe des 19. und dann im 20. Jahrhundert. Vorbildhaft für Selbstverständnis und Außenwahrnehmung der Akademien wirkten noch immer die mit der Royal Society oder den französischen Akademien, insbesondere der Acadèmie des Sciences, verknüpften Vorstellungen. Für die grundsätzlichen Fragen, was eine Akademie sei, welche Aufgaben sie zu erfüllen habe und mit welchen Strukturen diese am besten realisiert werden könnten, orientierte man sich lange an den Einrichtungen in London oder Paris. Die zentralen, im Laufe der Zeit sogar noch an Bedeutung gewinnenden Fragen waren dabei zum Beispiel, welche Zweckbestimmung eine Akademie zu folgen habe, in welchem Verhältnis dabei Theorie und Praxis zueinander stehen sollten, kurzum, ob eine Wissenschaftsakademie nur oder wenigstens in erster Linie eine Gelehrtengesellschaft sein oder ob und in welchem Maße sie auch selbst Forschungen mit eigenen Instituten, Laboren und sonstigen Einrichtungen betreiben solle.104 Letztlich Fragen, die die Debatten um den Standort der Wissenschaftsakademien im Grunde bis heute beschäftigen.105 Diese Frage stellte sich vor allem am Ende des 19.  Jahrhunderts mit deutlicher Schärfe, als die im vorhergehenden Kapitel grob skizzierten Veränderungen der Wissenschaftslandschaft um 1900 den angestammten Platz der Wissenschaftsakademien massiv infrage stellten. Identitätsprobleme und Sinnkrisen hatten die Akademien freilich schon in den Jahrzehnten zuvor immer wieder erlebt, ja, sie gehörten geradezu zum diskursiven Alltag innerhalb und im interessierten Umfeld der Akademien. Bereits in den Umbruchsjahren um 1800 war das Verhältnis von Universitäten und Akademien intensiv diskutiert worden. Die damaligen Debatten lassen sich mit Rüdiger vom Bruch als Einstimmung in den »Forschungsimperativ« der kommenden Jahrzehnte deuten.106 Der Aufstieg der Universitäten zu Forschungsuniversitäten seit Anfang des 19. Jahrhunderts hatte das an den Akademien vorhandene, meist ohnehin sehr bescheidene Forschungspotenzial noch weiter entwertet. Die aus der Industrialisierung erwachsenden neuen Anforderungen an die Wissenschaften, die daraus resultierende Neugestaltung der Wissenschaftslandschaft und die Entstehen neuer Forschungsinstitutionen hatten den alten Führungsanspruch der Akademien mehr als nur infrage gestellt. »Erstarrung und Bedeutungsverlust« der Akademien 103 Grau 1988, S. 137. 104 Siehe dazu etwa Grau 1995a oder Laitko 2001. 105 Zur anhaltenden Debatte um die Rolle von Wissenschaftsakademien in der Gegenwart aus der Vielzahl der Stellungnahmen und Diskussionsbeiträge siehe die Beiträge in: Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin 3 (1995); Union der Deutschen Akademien 2001; Voßkamp 2002; Akademie. Tradition mit Zukunft?, in: Gegenworte. Hefte für den Disput des Wissens 22 (2009) sowie etwa Lentsch 2010; Krull 2012 oder Tenorth 2014. 106 Vom Bruch 2013, S. 10.

30

Leopoldina Inhalt 2016-01-20.indd 30

Wissenschaftslandschaft und Wissenschaftsakademien um 1900

26.01.16 10:50

Profile for be.bra.verlag

Die Leopoldina (Leseprobe)  

Die 2008 zur Nationalen Akademie der Wissenschaften ernannte Leopoldina gehört zu den traditionsreichsten Wissenschaftsakademien der Welt. 1...

Die Leopoldina (Leseprobe)  

Die 2008 zur Nationalen Akademie der Wissenschaften ernannte Leopoldina gehört zu den traditionsreichsten Wissenschaftsakademien der Welt. 1...

Advertisement