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Sebastian GroĂ&#x;
Gefangen im Krieg Frontsoldaten der Wehrmacht und ihre Weltsicht
Gedruckt mit Unterstützung der Gerda Henkel Stiftung, Düsseldorf
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Inhalt
Einleitung 7 Forschungsstand und Methoden 15 Die Quellen 28 Das Heer 46 Das Sample 46 Die Heeressoldaten sprechen über die Wehrmacht 53 Kriegserlebnis 74 Militärischer Wertekanon 121 Stimmung und Kampfmoral 134 Fremdbilder 163 Gespräche über den Nationalsozialismus 183 Fazit: Das Heer 213 Die Marine 218 Die Marinesoldaten sprechen über die Wehrmacht 220 Kriegserlebnis 223 Militärischer Wertekanon 226 Einschätzung der Kriegslage 231 Fremdbilder 233 Bewertung des NS-Systems 235 Fazit: Die Marine 241 Die Luftwaffe 244 Die Luftwaffesoldaten sprechen über die Wehrmacht 245 Kriegserlebnis 251 Militärischer Wertekanon 256 Einschätzung der Kriegslage 259 Fremdbilder 262 Bewertung des NS-Systems 266 Fazit: Die Luftwaffe 271 Die Generalität 273 Relevanz des Kriegserlebnisses 274 Stellenwert der Politik 281 Die soziale Nahwelt 288 Reflexionsniveau der Gespräche 289 Fazit: Die Generalität 291
INHALT
Exkurs – Die Person als Untersuchungseinheit
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Schlussbetrachtung
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Anhang Ausführliches Verzeichnis der Abhörprotokolle 309 Abkürzungsverzeichnis 311 Quellen- und Literaturverzeichnis 312 Danksagung 334 Der Autor 335
Einleitung Zwischen 1939 und 1945 leisteten etwa 18 Millionen Männer Kriegsdienst in der deutschen Wehrmacht. In diesen Jahren war die Armee Befürworter, Planer und willfähriges Ausführungsorgan des Hitlerschen Eroberungs- und Vernichtungskriegs, auch zahlreicher Verbrechen, und sie wurde zur tragenden Säule des NS-Staates. Schon diese knappen, einleitenden Feststellungen zur Rolle der Wehrmacht im Nationalsozialismus lassen die Brisanz des Themas erkennen, denn sie haben vielfältigen Anlass zu heftigem Widerspruch von verschiedenen Seiten gegeben. Angesichts der beeindruckenden Menge an Überblicksdarstellungen und Detailstudien geschichtswissenschaftlicher, aber auch soziologischer und politikwissenschaftlicher Provenienz zu Vorgeschichte, Verlauf und Wirkungsgeschichte des Zweiten Weltkriegs, die mehr als 60 Jahre nach der Kapitulation des Deutschen Reiches vorliegt, könnte der Eindruck entstehen, der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg seien inzwischen vollständig erforscht. Nach der Überwindung der deutschen Teilung und der Beendigung des Kalten Krieges wurde darüber hinaus zuweilen die Forderung laut, endlich einen »Schlussstrich« unter die Vergangenheit zu ziehen und eben diese Themen aus der gesellschaftlichen Agenda zu nehmen. Doch das »kurze 20. Jahrhundert« ist noch lange nicht abgeschlossen, zumindest in den Forschungsarbeiten der Geschichtswissenschaft und in der Einstellung unserer Gesellschaft. Dies belegen zum einen die teilweise hochgradig emotional aufgeladenen gesellschaftlichen Debatten, die mit großer Regelmäßigkeit in den letzten Jahrzehnten bis heute zum Thema Zweiter Weltkrieg und NS-Vergangenheit losgetreten wurden, dies auch, weil die öffentliche Diskussion häufig nicht hinreichend auf Erkenntnisse der Wissenschaft zurückgreift. Zum anderen können und müssen die so zahlreichen Darstel Vgl. Kroener, Personelle Ressourcen, S. 597f.; Overmans, Tote, S. 859f. Der Terminus »Dienst verrichten« ist ebenso wie die Formulierung »Ausführungsorgan des Hitlerschen Eroberungs- und Vernichtungskriegs« Ansatzpunkt für Widerspruch von verschiedenen Seiten. Für die einen klingt »Dienst« zu sehr nach Pflicht, zu der sich keine Alternative bot, oder Zwang und könnte somit als verharmlosend für viele Unrechtstaten, die in diesem Zusammenhang verübt wurden, missverstanden werden. Für andere klingt »Dienst« nicht genug nach Pflicht, zu der sich keine Alternative bot, sondern nach einem geregeltem Ablauf, einem Beruf, dem die Soldaten freiwillig nachgingen. Im Falle der Formulierung »Ausführungsorgan des Hitlerschen Eroberungs- und Vernichtungskriegs« würde die Bezeichnung des Kriegs als alleiniges Werk Hitlers ebenso wie die der Wehrmacht als »Ausführungsorgan« primär auf einseitigen Widerstand stoßen. Dem würde allerdings entgegengehalten, dass es durchaus eine weitere Dimension des Zweiten Weltkriegs abseits des Vernichtungskriegs gab, die für viele Soldaten zweifellos dominant gewesen sei. Kurzum, das Thema gleicht noch heute einem »Pulverfass«. Die Brisanz dieser Aussagen ist teilweise nachvollziehbar, weil vergleichbare Formulierungen den Kern der Sache berühren, ja als pauschale Definition von Wehrmacht, Zweitem Weltkrieg und NS-Staat verstanden werden können. Vgl. Steinbach, Krieg, S. 11f.; Wegner, Hitlers Krieg?, S. 29f.; Wette, Wehrmacht, S. 177f.; Gerlach, Verbrechen, S. 89. Vgl. Hartmann/Hürter/Jureit, Verbrechen, S. 21f.; Steinbach, Krieg, S. 11; Augstein, Gegenwart der Erinnerung, S. 222; Philipp, Zeitzeugenerinnerung, S. 12f. Vgl. Hobsbawm, Eric: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 2007. Vgl. Pohl, Holocaust, S. 2-6; Hartmann, Christian/Hürter, Johannes/Jureit, Ulrike (Hrsg.): Verbrechen der Wehrmacht. Bilanz einer Debatte, München 2005. So haben auch die von Neitzel edierten Abhörprotokolle kriegsgefangener deutscher Generäle Debatten ausgelöst. Vgl. Neitzel, Sönke: Abgehört. Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942-1945, Berlin 2007.
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lungen zu diesen Themen stets um weitere erkenntnisfördernde Detailstudien ergänzt werden. So wurde etwa eine befriedigende wissenschaftliche Antwort auf einige zentrale Fragen bis heute erschwert, weil diese hochkomplex sind und die Quellenlage unvollständig oder nicht zugänglich bleibt, darunter vor allem die Verstrickung der Deutschen in das NS-System. Die Aufklärung des Sachverhalts wurde lange Jahre durch die mangelnde Gesprächsbereitschaft der Zeitgenossen verhindert. Doch selbst mit dem Beginn eines offenen Umgangs mit der NS-Vergangenheit, der sich die Deutschen – vor allem im Vergleich mit anderen betroffenen Nationen intensiv – nach und nach zu stellen versuchten, gestaltete sich die Frage nach millionenfacher individueller Schuld oder Mitläuferschaft verständlicherweise als »heißes Eisen«. Nicht nur der individuelle Wunsch nach einem Schlussstrich unter die bohrenden Fragen stand einem umfassenden Erkenntnisfortschritt im Weg. Die Forschung stieß zunehmend an Grenzen, wo es im Hinblick auf die Haltung der damaligen breiten Bevölkerung und gesellschaftlich nicht exponierter Personen gegenüber dem Nationalsozialismus für einen echten wissenschaftlichen Fortschritt an seriösen, aussagekräftigen Quellen fehlte. Erst am Ende des 20. Jahrhunderts gab es bemerkenswerte Versuche, diese Forschungslücke mit neuen Methoden und auf ungewöhnlichen Wegen zu schließen. Zunächst hat sich Lutz Niethammer den »Faschismuserfahrungen im Ruhrgebiet« mittels der Oral History angenähert. Der Mainzer Politikwissenschaftler Jürgen W. Falter nahm »Hitlers Wähler« ins Visier. Mit der Methode der historischen Wahlforschung ist es ihm gelungen, neue Erkenntnisse zu Tage zu fördern und einige hartnäckige Vorurteile zu widerlegen. So weist Falter beispielsweise nach, dass das katholische und das Arbeitermilieu weitgehend resistent gegenüber der NSDAP blieb, die er als »Volkspartei mit Mittelstandsbauch« beschreibt. Schließlich sei auf die bahnbrechende Studie von Christopher Browning verwiesen, die auf Basis von Gerichtsakten tiefe Einblicke in den Entstehungszusammenhang von Massenerschießungen im Zweiten Weltkrieg eröffnet. In einem jahrzehntelangen Prozess, der zahlreicher Anstöße bedurfte, ist die Rolle der Wehrmacht im ideologischen Krieg der Nationalsozialisten und ihre Beteiligung an Unrechtstaten zunehmend differenzierter betrachtet worden.10 Als Verdienst der historischen Forschung ist seit einiger Zeit das Bemühen um neue Quellen und Ansätze zu konstatieren: Mit der (mehr oder weniger) systematischen Analyse von ganz privaten Dokumenten (Feldpostbriefe und Tagebücher) und Verhörprotokollen, sowie mit einigen lobenswerten Versuchen, spezielle militärische Einheiten im Hinblick auf ihr Sozialprofil zu beleuchten, ist sie tiefer in die Materie eingedrungen und Niethammer, Lutz (Hrsg.): Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930-1960, Band 1: »Die Jahre weiß man nicht, wo man sie heute hinsetzen soll.« Faschismuserfahrungen im Ruhrgebiet, Berlin u.a. 1985. Vgl. Falter, Jürgen W.: Hitlers Wähler, München 1991. Falter, Hitlers Wähler, S. 372. Vgl. Browning, Christopher: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die »Endlösung« in Polen, Reinbek 1999. Sowohl auf die Studie von Browning als auch auf Literatur speziell zur Beteiligung von Angehörigen der Wehrmacht an Verbrechen wird im weiteren Verlauf der Arbeit noch wiederholt ausführlich eingegangen. 10 Doch die von der einschlägigen Forschung zu Tage geförderten Erkenntnisse der systematischen Verstrickung der Wehrmacht gelangten erst im Zuge der Diskussion um die so genannte »Wehrmachtsausstellung« in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit. Vgl. Kühne/Ziemann, Militärgeschichte, S. 34-36; Pohl, Vernichtungskrieg, S. 141f.
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hat das Vorurteil von einer monolithischen Wehrmacht zu Recht ebenso aufgebrochen wie das »Schwarzweißbild« des deutschen Soldaten aufgehellt. Nach Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1935 schwoll die Wehrmacht rapide an und verlor den Charakter einer homogenen Freiwilligenarmee, was sich mit Kriegsausbruch noch verstärkte.11 Förster etwa nennt sie deshalb eine »heterogene männliche Massengesellschaft von über 17 Millionen Soldaten aus vier Generationen«12, die folglich ebenfalls eine weltanschauliche Heterogenität aufwies. In neueren geschichtswissenschaftlichen Studien werden nun auch Diskontinuitäten und Brüche im Weltbild des einzelnen Soldaten wahrgenommen sowie Widersprüche zwischen ihrem Denken und Handeln festgestellt und akzeptiert, wie wir es uns selbst völlig unreflektiert jederzeit zugestehen.13 Handlungen können durch ein Bündel von Einflussfaktoren, die in einer bestimmten Situation auf den Handelnden einwirken, ebenso wie die Interpretation dieser Situation – und gerade nicht monokausal – erklärt werden. Die Ergebnisse der neueren Forschung zeigen allerdings ausnahmslos die freiwillige Selbstauslieferung der Reichswehr durch ihre Führung an das nationalsozialistische System auf. Als Beweggrund wird stichhaltig die »Teilidentität der Ziele«14 zwischen konservativer Reichswehrführung und dem NS-System oder Hitler herausgearbeitet und belegt.15 Die Wehrmacht ist als Subsystem des Staates ein Sonderfall. Als »Querschnitt durch die deutsche Gesellschaft, zumindest durch ihren männlichen Teil«16, war sie die »größte Berührungsfläche zwischen Volksgemeinschaft und Regime«17. Aufgrund der Vergangenheit von Millionen deutscher Männer in der Wehrmacht kann die große Mehrheit aller deutschen Familien systematisch mit NS-Unrecht in Verbindung gebracht oder aber eine große Gruppe von Zeitgenossen unabhängig von ihren Handlungen pauschal zu Opfern des NS-Systems gestempelt werden.18 Bei der Zugehörigkeit zur Wehrmacht muss man einerseits die direkte Beteiligung an Krieg und Verbrechen, andererseits die hierarchische Struktur gemäß Befehl und Gehorsam beachten. In dieser Studie sollen jedoch nicht Schuld und Verantwortung zugewiesen oder gar verleugnet werden. Das Zuweisen oder Leugnen von Schuld und Verantwortung, Rede und Gegenrede im Rahmen der aufgezeigten Streitfragen, speisen sich viel zu stark aus der heutigen Perspektive, denn das Urteil ergeht doch häufig auf Grundlage der Erkenntnisse von über 60 Jahren Forschungsarbeit auf den unterschiedlichsten Gebieten. Dabei wird allerdings 11 Vgl. Messerschmidt, Wehrmacht, S. VII-IX; Müller, An der Seite der Wehrmacht, S. 23f., S. 113f., S. 153f.; Förster, Wehrmacht im NS-Staat, S. 4-12; Shils/Janowitz, Cohesion, S. 284; Rass, Sozialprofil, S. 642f.; Müller, Militärgeschichte, S. 279f.; Pohl, Verfolgung, S. 28; Förster, Wehrmacht, Krieg und Holocaust, S. 948-951. 12 Förster, Wehrmacht, Krieg und Holocaust, S. 948. Vgl. Zagovec, Gespräche, S. 364f. 13 Vgl. Reuband, NS-Regime, S. 328; Zagovec, Gespräche, S. 360; Hürter, Heerführer, S. 13f.; Müller, Last und Verantwortung, S. 5-13; Steinbach, Krieg, S. 34f. 14 Messerschmidt, Wehrmacht, S. 1. Vgl. Förster, Wehrmacht im NS-Staat, S. 1f. 15 Vgl. Förster, Wehrmacht im NS-Staat, S. 1f.; Müller, Armee, S. 49f.; Ueberschär, Entschluss, S. 85-87; Hürter, Heerführer, S. 18-20; Messerschmidt, Wehrmacht, S. 481f. 16 Gerlach, Verbrechen, S. 89. 17 Hartmann, Wie verbrecherisch war die Wehrmacht?, S. 69. Vgl. Pohl, Herrschaft, S. 17; Müller, An der Seite der Wehrmacht, S. 244f.; Shils/Janowitz, Cohesion, S. 284; Rass, Kriegführung, S. 82; Steinbach, Krieg, S. 11. 18 Vgl. Steinbach, Krieg, S. 11f.; Wegner, Hitlers Krieg?, S. 29f.; Wette, Wehrmacht, S. 177f.; Gerlach, Verbrechen, S. 89. Vgl. dazu Welzer, Harald/Moller, Sabine/Tschuggnall, Karoline: »Opa war kein Nazi«. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt 2003. Dieser Konstellation entspringt zentral die »Legende von der sauberen Wehrmacht«. Vgl. Wette, Wehrmacht, S. 245-247.
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die Perspektive der damals Handelnden allzu oft vernachlässigt. Diese Perspektive ist nun der eigentliche Gegenstand der vorliegenden Studie, wird aber nicht nur hinsichtlich konkreter Handlungen untersucht. Vielmehr soll die mentale Disposition der abgehörten Soldaten, ihre Wahrnehmung und Deutung19 von Krieg und Diktatur, von »Gott und der Welt« mit ihren Brüchen und Widersprüchen herausgearbeitet und analysiert werden. Resultat soll eine zeitgenössische Binnensicht der Wehrmacht und die Weltsicht ihrer Angehörigen sein, die sich ohne die Orientierung durch die umfangreichen Erkenntnisse von über 60 Jahren Nachkriegsforschung entwickelten. In Deutschland erfreut sich seit einigen Jahren das TV-Format »Big Brother« einer gewissen Beliebtheit. Immerhin wurden bereits zehn Staffeln dieser Reihe ausgestrahlt. Diese »inszenierte Banalität zur Prime Time«20, bei der die Probanden über mehrere Wochen von der Außenwelt abgeschottet und von Kameras rund um die Uhr beobachtet werden, gilt inhaltlich als niederländische Erfindung, aber ihr Name ist aus George Orwells legendärem Roman »1984« entlehnt.21 Mit grundsätzlich anderer Absicht sperrten die Briten während des Zweiten Weltkriegs deutsche Kriegsgefangene in Lagern zusammen, um deren regen Austausch zumindest durch Abhören zu beobachten und daraus »Kapital zu schlagen«. Ist heute hauptsächlich Voyeurismus für die ausreichende Quote von Reality-Formaten wie »Big Brother« im Fernsehen verantwortlich,22 so hat die Sendung doch in einem zentralen Punkt mehr mit der britischen Abhöraktion des Combined Services Detailed Interrogation Centre [CSDIC] (UK)23 gemein, als es zunächst scheinen mag. Denn selbst wenn die Big-Brother-Probanden, in der Regel »Bewohner« genannt, es wollten, könnten sie sich im alltäglichen Auftreten, Artikulieren und »SichGeben« ebenso wenig verstellen wie die deutschen Soldaten in britischer Gefangenschaft.24 Idealiter sollte sich also vor den Fernsehzuschauern wie auch damals vor den britischen Abhörspezialisten die soziale Persönlichkeit der Ausspionierten auftun. Selbstverständlich ging es den Briten während des Zweiten Weltkriegs um anderes »Kapital« als den heutigen Fernsehproduzenten.25 Gerade in Kriegszeiten galt und gilt noch heute die Devise »Wissen ist Macht«26. Die Beteiligten selbst waren sich an einigen Stel19 Wahrnehmung bezeichnet hier nicht alle physikalischen Reize der Außenwelt, die das Individuum bewusst oder unbewusst aufnimmt. Zum einen umfasst der Begriff auch die Schritte der Auswahl, Verarbeitung und Interpretation. Zum anderen beschränkt sich der Begriff auf solche Reize, durch die das Individuum – zumeist erst durch den Verarbeitungsprozess – kognitiv in aktive Beziehung zu seiner Umwelt tritt und sich in ihr verortet. Ein Insekt, das ein Mensch im Augenwinkel etwa vorbei fliegen sieht, fällt demnach in der Regel nicht darunter. In der Folge werden auch die so aufgenommenen und ausgewerteten Informationen insgesamt oder als Einzelfall Wahrnehmung, in der Mehrzahl Wahrnehmungen genannt. Deutung dagegen bezeichnet eine primär wertende Wahrnehmung. Vgl. Hofstätter, Psychologie, S. 347f.; Buser/Schneller/Wildgrube, Medizinische Psychologie, S. 10-15, S. 92f.; Faas/Arzheimer/Roßteutscher, Information, S. 7f. 20 Weber, Big Brother, S. 1. 21 Vgl. Orwell, George: 1984, London 2006. Der Roman 1984 wurde von George Orwell im Jahr 1949 veröffentlich und zeigt den Protagonisten im Widerstreit mit einem totalitären Überwachungs- und Präventionsstaat. 22 Vgl. Feige, Big-Brother-TV, S. 35-38, S. 173f. 23 Vgl. ausführlicher Die Quellen, S. 28. 24 Vgl. Elias, Höfische Gesellschaft, S. 105-112; Bourdieu, Sozialraum, S. 179-186; Bourdieu, Sozialer Sinn, S. 97-105. 25 Der Vergleich deckt freilich mindestens ebenso viele Unterschiede wie Parallelen auf. Vgl. Feige, BigBrother-TV, S. 11-14. 26 Dieses geflügelte Wort geht zurück auf den englischen Philosophen Francis Bacon. In den deutschen
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len ihres Wissensreservoirs, das für die Gewahrsamsmacht sowohl militärfachlich als auch propagandistisch von Bedeutung sein konnte, durchaus bewusst. Im Hinblick auf die Propaganda äußert etwa Generaloberst Hans-Jürgen von Arnim im Juli 1943 gegenüber seinen Kameraden: »Wir dürfen nichts tun, was irgendwie dem Feind bewusst oder unbewusst, berechtigt oder unberechtigt, wahr oder unwahr, irgendein Mittel in die Hand gibt, das er im Propagandakrieg, im Nervenkrieg, oder sonstwie ausnutzen kann, um seine Bevölkerung aufzurichten und unserer seelischen Widerstandskraft in der Heimat zu schaden.«27 Zunächst wollten die Briten allerdings vorrangig das militärfachliche Wissen der deutschen Gefangenen anzapfen und gewinnbringend für die Kriegsführung nutzen, weshalb zum Beispiel Fragen »nach der Lage von Minenfeldern, Mörserstellungen oder nach Einheitsführern […] zunächst militärische Erkenntnisinteressen im Vordergrund«28 standen.29 Mit dieser Absicht entstanden viele tausend Seiten Abhörprotokolle deutscher Soldaten, auf denen ihre Gespräche, die sie in britischer Gefangenschaft führten, festgehalten wurden. Die Protokolle enthalten und überliefern demnach im Gespräch geäußerte Meinungen und Ansichten der gefangenen Soldaten zu ganz verschiedenen Themen. Diese Quellengattung hat Sönke Neitzel 2005 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt, indem er ausgewählte Abhörprotokolle deutscher Generäle edierte und kommentierte. Diese Quelle und ihre Besonderheiten zeichnen den Weg meiner eigenen Untersuchung vor.30 Mit der Frage nach der Haltung der deutschen Soldaten zu Nationalsozialismus und Krieg behandelt diese Arbeit durchaus kein neues Thema. Die Quellengattung und das umfangreiche Quellenkorpus erlauben aber, empirisch fundierte Aussagen über den Referenzrahmen, die Wahrnehmung und Deutung deutscher Soldaten zu treffen und daneben auf Detailfragen einzugehen. Dies ist nur für die oberste und höhere Wehrmachtsführung in zumeist unsystematischen Ansätzen geschehen.31 Demnach besteht hier ein Desiderat der Forschung, denn im Gegensatz zu dieser »vorherrschenden Perspektive der Generalität und hohen Stäbe«32, wie Christian Gerlach es nennt, bezeichnet Wolfram Wette die Geschichte der Mannschaftssoldaten pauschal und sicher zu Recht als »terra incognita«33. Wir betreten also, besonders was die mittleren und Mannschaftsdienstgrade betrifft, mit der systematischen Erforschung ihres Referenzrahmens, »gesellschaftlich dominante[r] Normen ebenso […] wie situativ gebildete[n] Gruppennormen, Sprachgebrauch hat es über eine Rede Wilhelm Liebknechts 1872 Eingang gefunden. Vgl. Brockhaus’ Kleines Konversations-Lexikon, Bd. 1, Leipzig 1911, S. 981; Olbrich, Erwachsenenbildung, S. 108f. Vgl. dazu Bacon, Francis: Meditationes Sacræ. De Hæresibus, 1597; Festrede von Wilhelm Liebknecht, gehalten zum Stiftungsfest des Dresdener Bildungs-Vereins am 05.02.1872. Neuauflage. Berlin 1904, S. 24f. 27 Arnim, SRGG 204, 09.07.43. Vgl. SRGG 220, 12.07.43; SRGG 819, 03.02.44. 28 Zagovec, Gespräche, S. 291. 29 Vgl. Shils/Janowitz, Cohesion, S. 280-282, S. 314f.; Hinsley, Intelligence, S. 62-70; Zagovec, Gespräche, S. 291-295. 30 Da die Abhörprotokolle nicht nur inhaltlich zentral sind, sondern diese Quelle und ihre Besonderheiten auch theoretisch und methodisch den weiteren Weg der Untersuchung prägen, wird sich ihr im Rahmen einer Quellenkritik ausführlich gewidmet. Vgl. Die Quellen, S. 28. 31 Johannes Hürter hat in »Hitlers Heerführer« eine beeindruckende Studie vorgelegt, die neue Wege geht. Vgl. Hürter, Johannes: Hitlers Heerführer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42, München 2006. Vgl. dazu Wette, Wehrmacht, S. 174-177; Müller, Last und Verantwortung, S. 10f., S. 25-29; Rass, Menschenmaterial, S. 14f. Vgl. Forschungsstand und Methoden, S. 15. 32 Gerlach, Verbrechen, S. 89. 33 Wette, Wehrmacht, S. 177.
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sozialisierte[n] Werthaltungen, religiöse[n] Überzeugungen, vorangegangene[n] Erfahrungen, Wissen, Kompetenz, Gefühle[n] usw.«34 in gewisser Weise auch durchaus heute noch Neuland. In der vorliegenden Arbeit versuche ich, die Mentalität der Wehrmachtsangehörigen, also »Sinnstrukturen der kollektiven Wirklichkeitsdeutung«35, anhand verschiedener Komplexe herauszuarbeiten. Nicht das Handeln der Soldaten soll hier untersucht werden. Die Abhörprotokolle bieten vielmehr die Möglichkeit, den Rahmen ihrer Handlungen in Form ihrer mentalen Disposition in den Mittelpunkt zu rücken. Nach Schütz und Luckmann empfiehlt es sich für diese Analyse, »die Lebenswelt des Alltags […] als unbefragte[n] Boden der natürlichen Weltanschauung«36 zu nutzen. Die Fokussierung auf die mentale Disposition der Akteure erweist sich als sehr ergiebig, denn bei der Beurteilung menschlichen Verhaltens taucht allzu oft das Problem auf, »dass ein Referenzrahmen […] herangezogen wird, der nicht in Kraft war, als sie ihre Taten begangen haben«37. In dieser Arbeit kann ich allerdings nicht alle denkbaren und tatsächlichen Aspekte des NS-Staates und des Zweiten Weltkriegs abhandeln; es besteht also kein Anspruch auf Vollständigkeit. Der Inhalt der Abhörprotokolle, die Themen, die von den Soldaten angesprochen wurden, bestimmen die Gliederung dieser Studie, sowohl die Schwerpunkte als auch die »blinden Flecken«.38 Zur Untersuchung des Referenzrahmens der Soldaten ziehe ich aus zweierlei Gründen hauptsächlich die Abhörprotokolle gefangener Heeresangehöriger heran.39 Erstens präsentiert sich das Material aus dem Heer als das inhaltlich vielfältigste. Von Anfang an fand in diesen Gesprächen eine breite Themenpalette Beachtung, je Abhörprotokoll kommt außerdem eine größere Zahl an Aussagen vor als bei den anderen Teilstreitkräften.40 Zweitens erscheint es aus methodischen Gründen sinnvoll, die mit Abstand größte Teilstreitkraft in den Mittelpunkt zu rücken. Mittels quantitativer und qualitativer Analyse werde ich die Wahrnehmung und Deutung der Heeressoldaten herausarbeiten und analysieren. Der große Materialumfang von über 40.000 Seiten Abhörprotokollen zwingt 34 Welzer, Täter, S. 16. 35 Sellin, Mentalität, S. 589. Eine interessante Definition stellt auch die von Gilcher-Holtey als »Erklärung des Zusammenhangs von Handlungsdispositionen einerseits und sozialem Handeln andererseits« dar. Der Zusammenhang ist allerdings kein deterministischer. Vgl. Gilcher-Holtey, Plädoyer, S. 477-479. Vgl. dazu Kessel, Mentalitätengeschichte, S. 240f.; Gries/Ilgen/Schindelbeck, Werbung und Mentalitätsgeschichte, S. 16f. 36 Schütz/Luckmann, Strukturen, S. 27-29. 37 Welzer, Täter, S. 246f. 38 Dieses Muster wird jedoch an einigen Stellen durchbrochen, wenn es um Aspekte geht, die von der Geschichtswissenschaft als zentral angesehen werden, diesen Stellenwert in den Gesprächen jedoch nicht erreichen. Verwiesen sei dazu etwa auf Kriegsverbrechen oder die höchsten NS-Funktionäre. 39 In den Abhörprotokollen der Heeressoldaten finden sich auch die Gespräche von 53 Soldaten der WaffenSS. Vgl. Das Sample, S. 46. 40 Die Gespräche der Angehörigen der Marine und der Luftwaffe waren dagegen stark durch technische Aspekte dominiert. Das kann zum einen daran liegen, dass die Briten bei den Angehörigen der Luftwaffe wie auch der Marine vor allem an umfassenden Informationen über die deutsche Technik interessiert waren; zum anderen aber auch daran, dass Angehörige der besagten Teilstreitkräfte möglicherweise sehr viel mehr der »Faszination Technik« erlegen waren und diese ihre soldatische Wahrnehmung teilweise sogar dominierte. Bei dem Material der Angehörigen des Heeres ist die Technikfixierung – der Soldaten selbst oder der Abhörspezialisten – weit weniger festzustellen, so dass hier von Beginn an eine breite Themenpalette Beachtung fand und interessante Ergebnisse verspricht. Vgl. TNA, WO/208-4136-4140; TNA, WO/208-4141-4157; TNA, WO/208-4117-4135.
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zur Beschränkung. Deshalb ist eine ausführliche Behandlung der Abhörprotokolle der Angehörigen der Marine und der Luftwaffe in diesem Rahmen nicht möglich, wenngleich auch sie berücksichtigt werden. Zunächst nehme ich jeweils eine quantitative Auswertung der Befunde vor. Des Weiteren behandle ich die Hauptaspekte der Gespräche auch für diese Teilstreitkräfte. Damit will ich vor allem die aus der Untersuchung des Heeresbestands gewonnenen Kernthesen überprüfen und auf diese Weise jeweils zentrale und gravierende Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten zwischen den Teilstreitkräften aufzeigen. Aber das Heer dient stets als Folie. Dieses Vorgehen bietet sich auch deshalb an, weil die Abhörprotokolle der Luftwaffe und der Marine eine deutlich kleinere Themenpalette bieten, und somit fällt die Auswahl der Schwerpunkte wesentlich leichter. Zudem liefert die Auswertung des Heeresmaterials wichtige Informationen zu Schlüsselkategorien der Gespräche. Dadurch wird die gebotene Beschränkung des Materialumfangs möglich, ohne dass dabei zentrale Aspekte vernachlässigt werden. Darüber hinaus untersuche ich auch die Abhörprotokolle gefangener Generäle, allerdings noch stärker in vergleichender Perspektive entlang den Schlüsselkategorien der Gespräche. Dabei greife ich sowohl auf Vorarbeiten von Projektmitarbeitern als auch von anderen Forschern zurück.41 Auf Basis der Auswertung des Heeresmaterials und mit Hilfe der quantitativen Befunde werde ich die zentralen Aspekte der Wahrnehmung auch für die beiden anderen Teilstreitkräfte sowie die Generalität herausarbeiten, so dass schließlich ein – freilich nicht notwendigerweise vollständiges – Gesamtbild der in der Wehrmacht vertretenen Wahrnehmungen und Deutungen entstehen kann. Die verschiedenen Themen, zu denen sich die Soldaten in den Gesprächen äußern, wurden in die Aspekte »Krieg und Armee«, »Fremdbilder« und »Wehrmacht und Nationalsozialismus« gegliedert. Diese Aspekte, denen sehr unterschiedliche Stellenwerte innerhalb der Gespräche zukommen, bilden die Hauptkapitel in der Untersuchung der Gespräche von Angehörigen aller drei Teilstreitkräfte. Den zentralen Aspekt »Krieg und Armee« habe ich in die Unterpunkte »Binnenstruktur der Wehrmacht«, »Kriegserlebnis«, »Militärischer Wertekanon« und »Stimmung und Kampfmoral« gegliedert. Der Unterpunkt »Binnenstruktur der Wehrmacht« kreist um die Frage, welche Unteraspekte überhaupt Eingang in die Wahrnehmung der Soldaten fanden. Ich beleuchte sowohl deren Wahrnehmung von Strukturen innerhalb der eigenen Teilstreitkraft als auch ihre Vorstellungen von den übrigen Teilstreitkräften, um Rückschlüsse auf die Selbstpositionierung der Soldaten innerhalb der Wehrmacht zu ziehen. Das »Kriegserlebnis« umfasst sehr unterschiedliche Themen wie Kämpfe, Alltag an der Front, Verpflegung, Nachschub, auch irreguläre Gewalt42. Danach betrachte und analysiere ich den »militärischen Wertekanon« der Soldaten, soweit dieser sich aus den Gesprächen ermitteln lässt. In »Stimmung und Kampfmoral« 41 Vgl. Neitzel, Abgehört; Welzer, Harald: Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Frankfurt, 2005. Die herausarbeiteten Aspekte der Weltsicht deutscher Generäle des Zweiten Weltkriegs lassen sich an einigen Stellen mit den Ergebnissen Amedeo Osti Guerazzis vergleichen, der im Rahmen dieses Projekts die Abhörprotokolle gefangener italienischer Generälen bearbeitet hat. Dies ist aufgrund weniger Abhörprotokolle von italienischen Soldaten unterhalb des Generalsrangs nicht möglich. Vgl. Osti Guerrazzi, Amedeo: »Noi non sappiamo odiare. L’esercito italiano dal fascismo alla democrazia«, Turin 2010. 42 Die Verwendung des Begriffs »irreguläre Gewalt« ermöglicht zunächst, den stark emotional besetzten Begriff »Verbrechen« weitgehend zu vermeiden. Des Weiteren sprechen allerdings auch inhaltliche Gründe dafür. Vgl. Irreguläre Gewalt, S. 93.
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steht vor allem die Einschätzung der Kriegslage im Mittelpunkt, bevor ich abschließend der Frage nachgehe, warum die deutschen Soldaten so lange gekämpft haben. Die Frage nach dem Grund für die anhaltende Kampfbereitschaft der deutschen Soldaten hat schon die alliierte »Military Intelligence« zu Kriegszeiten beschäftigt. Rafael Zagovec hat nun dargelegt, dass sich der Zweck der Abhöraktion im Laufe der Zeit gewandelt hat: von der Erlangung militärischer Informationen zur Eruierung der Kampfbereitschaft deutscher Soldaten. Da diese Kampfbereitschaft trotz einer sich stetig verschlechternden Gesamtsituation konstant blieb, stand bald die konkrete Frage nach den Ursachen dieses Phänomens im Zentrum der alliierten Intelligence-Bemühungen.43 Demzufolge sollen die Abhörprotokolle auf Hinweise zu den Motiven der deutschen Soldaten für das Durchhalten bis in den Mai 1945 hinein durchsucht werden. Der Aspekt »Fremdbilder« ist nicht streng auf kriegsteilnehmende Staaten beschränkt, sondern zeigt ganz allgemein die Wahrnehmung anderer Nationen, die in den abgehörten Gesprächen genannt wurden. An dieser Stelle gehe ich vor allem der Frage nach, inwieweit ideologische Stereotype als Deutungsmuster dienten. Im Rahmen des Punktes »Wehrmacht und Nationalsozialismus« nehme ich zunächst die Wahrnehmung des NS-Staates, seiner Institutionen, Gruppen und Protagonisten in den Blick, bevor ich in einem zweiten Schritt die Deutung des NS-Systems und die Haltung der Soldaten ihm gegenüber analysiere. In jedem dieser Punkte werde ich jeweils versuchen, die Wahrnehmung und Deutung auf einen Ursprung zurückzuführen. Als ersten Schritt arbeite ich zum einen die Wahrnehmung zum jeweiligen Punkt heraus. Zum anderen analysiere ich in einem zweiten Schritt vor allem das somit vermittelte Selbstbild der Soldaten. Neben Inhalt, Deutung und Kontext der Aussagen betrachte ich auch deren Basis, um herauszufinden, welche Ideen44 die Wahrnehmung der Soldaten prägten.45 Etwaige inhaltliche Wiederholungen liegen nicht nur in der Beschaffenheit der Quelle begründet. Wiederholtes Auftreten einer Sichtweise oder Deutung in verschiedenen Kontexten verweist gerade auch ausdrücklich auf ihre Präsenz und Bedeutung, die demzufolge kurz in Erinnerung gerufen und bei Bedarf um neue Facetten ergänzt wird. Auf diese Weise hoffe ich, Einblick in das Wissen und Denken deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg zu gewinnen, und das über bestimmte Aspekte wie die Person Hitlers, den NS-Staat, das Kämpfen, über die Kameraden, die Gefangenschaft oder auch die eigene Familie und die möglichen Zukunftspläne.
43 Vgl. Zagovec, Gespräche, S. 302-309; Shils/Janowitz, Cohesion, S. 282f., S. 314; Strachan, Vorstellungen S. 92-96. 44 Vgl. Schlagwort »Idee«, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 4, Basel 1976, S. 55-134. 45 Die Vorgehensweise wird noch ausführlich erläutert. Vgl. Die Quellen, S. 28.
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Forschungsstand und Methoden Stand der mentalitätsgeschichtlichen Forschung Obwohl bislang der Verlauf der historischen Ereignisse des Zweiten Weltkrieges sowie seit einiger Zeit auch die individuelle und kollektive Erinnerung an die damaligen Ereignisse im Mittelpunkt der Forschung stehen, wurden doch verschiedene Versuche unternommen, Wahrnehmung und Deutung der beteiligten Akteure herauszuarbeiten.46 Die erste wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Thema wurde noch während des Krieges angestoßen. Auf der Suche nach den Gründen für die anhaltende Kampfbereitschaft der deutschen Soldaten, »dem hohen Grad an Stabilität der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg«47, haben die amerikanischen Militärpsychologen Edward Shils and Morris Janowitz die These aufgestellt, die deutschen Soldaten seien durch den engen Zusammenhalt der militärischen Primärgruppe48 auch noch in aussichtslosen Situationen zum Weiterkämpfen angetrieben worden: Der Hauptfaktor sei »die fortlaufende Befriedigung einiger primärer persönlicher Bedürfnisse durch soziale Strukturen innerhalb der Wehrmacht«49. Sie stützen sich dabei auf zahllose Verhöre gefangener deutscher Soldaten während des Krieges. Mit der Variable der Beziehung zur Primärgruppe ist laut Shils und Janowitz ein Großteil des Verhaltens der deutschen Soldaten in verschiedenen Situationen, sowohl das Weiterkämpfen als auch das Aufgeben zu erklären. Diese Primärgruppenthese hatte lange Zeit Bestand und wurde erst von Omer Bartov angesichts der hohen Verluste in der Wehrmacht schon während der ersten Monate beim Vormarsch gegen die Sowjetunion in Zweifel gezogen.50 In direktem Bezug zur These von Shils und Janowitz argumentiert er, die Primärgruppe sei demnach seit dem Winter 1941/42 vielfach aufgerieben gewesen, so dass diese und die besagten Bindungen den Soldaten in der Regel nicht genügend Halt geboten und demzufolge keine umfassende Handlungsrelevanz besessen hätten: »Yet while the ›primary groups‹ did more or 46 Vgl. Frei, Norbert: 1945 und wir. Das Dritte Reich im Bewusstsein der Deutschen, München 2005; Heer, Hannes/Manoschek, Walter/Pollak, Alexander/Wodak, Ruth: Wie Geschichte gemacht wird. Zur Konstruktion von Erinnerungen an Wehrmacht und Zweiten Weltkrieg, Wien 2002; Latzel, Klaus: Deutsche Soldaten – nationalsozialistischer Krieg?: Kriegserlebnis – Kriegserfahrung 1939-1945, Paderborn u.a. 1998. Vgl. dazu Jureit, Ulrike: Motive – Mentalitäten – Handlungsspielräume. Theoretische Anmerkungen zu Handlungsoptionen von Soldaten, in: Hartmann, Christian/Hürter, Johannes/Jureit, Ulrike (Hrsg.): Verbrechen der Wehrmacht. Bilanz einer Debatte, München 2005, S. 163-170. Vgl. auch Hirschfeld, Gerhard/Krumeich, Gerd/Langewiesche, Dieter/Ullmann, Hans-Peter: Kriegserfahrungen. Studien zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkriegs, Essen 1997. Auf einen Überblick über Entwicklung und Stand der Forschung zum Kriegsverlauf und zur Erinnerungsgeschichte wird an dieser Stelle zugunsten eines kurzen Überblicks über die Mentalitätsgeschichte verzichtet. 47 Shils/Janowitz, Cohesion, S. 280 (Übersetzung durch den Verfasser). 48 Charles Cooley definiert eine Primärgruppe als Gruppe überschaubarer Größe mit intimen Verbindungen inklusive Kontakten von Angesicht zu Angesicht und Kooperation, die eine besondere Bedeutung für die Sozialisation ihrer Mitglieder besitzt. Vgl. Cooley, Social Organization, S. 23f. 49 Shils/Janowitz, Cohesion, S. 281 (Übersetzung durch den Verfasser). Vgl. Shils/Janowitz, Cohesion, S. 284f. Vgl. dazu Zagovec, Gespräche. 50 Vgl. Bartov, Omer: Hitler’s Army. Soldiers, Nazis, and War in the Third Reich, New York 1991, S. 32-43. Vgl. dazu Bartov, Hitlers Wehrmacht, S. 18-21, S. 51.
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less disappear, the army fought with greater determination and against far greater odds than at any other time in the past«51. Bartov macht dagegen die nationalsozialistische Ideologie, insbesondere den Glauben an die rassische Unterlegenheit des Gegners, für das Durchhalten der deutschen Soldaten verantwortlich. Neben einer pervertierten militärischen Disziplin, die auch erheblich zur Brutalisierung des Krieges beitrug, diagnostiziert er vor allem eine weit verbreitete nationalsozialistische Gesinnung: »Nazi indoctrination in fact had a major and insufficiently acknowledged impact on the perception of reality of all ranks in the German Army during the war, […]. The degree to which the regime’s ›world-view‹ penetrated into the minds of its soldiers does not call for much reading between the lines«52. Mit dieser starken Betonung der Ideologie als Faktor im Weltbild und für das Weiterkämpfen der deutschen Soldaten steht Bartov nicht allein. Wissenschaftler haben zu verschiedenen Zeiten immer wieder ähnlich argumentiert, darunter auch Sven-Oliver Müller, John Zimmermann und Daniel Goldhagen, auf dessen Studie ich noch genauer eingehen werde, die zu vergleichbaren Ergebnissen gelangen.53 Bartov bezeichnet damit die Mehrheit der deutschen Soldaten als freiwillige Handlanger der verbrecherischen Aktivitäten im Sinne des Hitler-Regimes, als in großer Zahl ideologisch überzeugte Fanatiker: »Mit dem Krieg war die Wehrmacht zu Hitlers Armee, waren die Deutschen zu Hitlers Volk geworden.«54 Methodisch zeigte sich Bartov, indem er Feldpostbriefe heranzog, am Puls der Zeit: In den 1990er Jahren häuften sich Arbeiten, die auf Feldpostbriefen beruhten; allerdings hat erst Klaus Latzel schlüssige Auswahlkriterien präsentiert, mit denen er theoretisch fundiert und äußerst differenziert interessante Aussagen über die Wahrnehmung und Deutung der Briefeschreiber treffen konnte.55 Anhand der ständigen Präsenz von Kriegserlebnis und Kriegserfahrung in den Feldpostbriefen stellt er rasche Gewöhnung an den Krieg als Alltag fest. Diese Gewöhnung betrifft sogar Situationen, die im zivilen Leben kaum erträglich wären und das habe in der Folge zu einer schrittweisen Abstumpfung 51 Bartov, Hitler’s Army, S. 33. 52 Bartov, Hitler’s Army, S. 137. Vgl. dazu Bartov, Hitlers Wehrmacht, S. 272; Bartov, Eastern Front, S. 149f. Die Quellenbasis seiner Untersuchung ist mit den Akten dreier Divisionen zu schmal für seine umfassenden Schlussfolgerungen. Vgl. Gerlach, Verbrechen, S. 90. 53 Gerade die Untersuchung von Sven-Oliver Müller und die aktuelle Studie von John Zimmermann könnten Boten einer Rückbesinnung auf die Ideologie als Hauptfaktor sein: »Erst auf Basis der allgemeinen Verankerung der nationalsozialistischen Ideologie innerhalb der Truppe war der Gedanke des ›Volkskrieges‹ in den letzten Monaten des Krieges überhaupt umsetzbar.« Dabei bleiben allerdings die Kriegszeit selbst und die durch das eigene Handeln ausgelösten Stringenzzwänge weitgehend außen vor. Allerdings stellt auch Zimmermann abschließend fest: »Zu wenig wurde bislang in Rechnung gestellt, dass es gar kein besonderes, sondern ein alltägliches Verhaltensmuster war, das für das Weitermachen in der deutschen Gesellschaft am Ende des Zweiten Weltkrieges verantwortlich zeichnete.« Vgl. Zimmermann, John: Pflicht zum Untergang. Die deutsche Kriegführung im Westen des Reiches 1944/45, Paderborn u.a. 2009, S. 5f., S. 468. Vgl. dazu Müller, Sven Oliver: Deutsche Soldaten und ihre Feinde. Nationalismus an Front und Heimatfront im Zweiten Weltkrieg, Frankfurt 2007. Schon Shils und Janowitz empfanden die hohe Relevanz von Ideologie in Bezug auf die Kampfkraft der deutschen Soldaten als allgegenwärtige Annahme: »This extraordinary tenactiy of the German Armyhas frequently been attributed to the strong National Socialist political convictions of the German Soldiers.« Vgl. Shils/Janowitz, Cohesion, S. 281. 54 Bartov, Hitlers Wehrmacht, S. 275. Vgl. Bartov, Hitlers Wehrmacht, S. 92, S. 271-274. 55 Vgl. Latzel, Klaus: Deutsche Soldaten – nationalsozialistischer Krieg? Kriegserlebnis – Kriegserfahrung 1939-1945, Paderborn u. a. 1998.
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geführt. Die Soldaten sahen dabei häufig durch Erfahrungen an der Ostfront die NS-Propaganda und deren Vorurteile über die dort lebenden Menschen und das kommunistische System bestätigt.56 Daraus sei auch eine entgrenzte Gewaltbereitschaft etwa im Partisanenkampf entstanden.57 Insgesamt erkennt Latzel durchaus eine inhaltliche Wechselwirkung zwischen dem deutschen Soldaten und dem nationalsozialistischen Krieg wie auch eine »Teilidentität der Motive«58 fest. Zusätzlich zur Auswahl des Samples ist kritisch anzumerken, dass er die damals vorgeschriebenen und situationsbedingten Kommunikationsregeln, welche die Aussagekraft von Feldpostbriefen doch stark einschränken, nicht ausreichend mit einbezieht. Die Forschung hat sich ständig bemüht neue Quellengattungen zu erschließen, um die Mentalität der Wehrmachtsangehörigen genauer zu erfassen.59 So hat Thomas Kühne eine höchst differenzierte Studie vorgelegt, für die er neben Feldpostbriefen auch andere Ego-Dokumente wie Tagebücher, aber auch militärische Akten untersuchte.60 Er zieht das soldatische Kameradschaftskonzept, das vielseitig und wandelbar darstellt scheint, als weitgehend schlüssige Erklärung für die anhaltende Kampfbereitschaft wie auch für die Beteiligung an Verbrechen heran und schreibt mit Blick auf Bartov: »Dass die sogenannten Primärgruppen schnell zerfielen oder aufgerieben wurden, beraubte die Wehrmacht keineswegs ihrer sozialen Kreativität. Im Gegenteil. Die Soldaten, zumal die der ersten Kriegsjahre, lernten schon durch Versetzungen, sich stets in neue soziale Zusammenhänge einzuleben.«61 Daneben wirkten der Glaube an Hitler, der Repressionsapparat der Militärjustiz sowie antisemitische und antikommunistische Einstellungen der Soldaten nur sekundär oder auch über die Kameradschaft. Der Nationalsozialismus habe es darüber hinaus verstanden, das Konzept der Kameradschaft schon im Vorfeld des Krieges gemäß der nationalsozialistischen Ideologie zu beeinflussen. Diese Kameradschaft habe dabei doppelt motivierend auf die Soldaten gewirkt, zum einen als Aussicht auf Belohnung, zum Beispiel in Form von »weichem« – weiblich konnotiertem – Zuspruch62, zum anderen als Angst vor sozialer Isolation: »Das Auge der Anderen wacht über die Bereitschaft zu töten und sich für sie töten zu lassen.«63 Eine andere Seite der Kameradschaft sei nämlich auch Exklusivität, die nach soldatischen, rassistischen oder 56 Vgl. Latzel, Soldaten, S. 51. 57 Vgl. Latzel, Soldaten, S. 371f. 58 Latzel, Soldaten, S. 370. 59 Lamprecht konstatiert diesbezüglich sogar eine gewisse Verzweiflung, die – getreu der Devise »Not macht erfinderisch« – konstruktiv zur Schaffung neuer Quellen, vor allem der Zeitzeugeninterviews, beitrug. Vgl. Lamprecht, Feldpost, S. 27f. Hier ist vor allem die bemerkenswerte Studie von Hans Joachim Schröder zu erwähnen. Der Autor selbst ist sich allerdings des begrenzten Aussagewert des Quellenmaterials bewusst. Vgl. Schröder, Hans Joachim: Die gestohlenen Jahre. Erzählgeschichten und Geschichtserzählung im Interview: Der Zweite Weltkrieg aus der Sicht ehemaliger Mannschaftssoldaten, Tübingen 1992. 60 Vgl. Kühne, Thomas: Kameradschaft. Die Soldaten des nationalsozialistischen Krieges und das 20. Jahrhundert, Göttingen 2006. Auf verschiedenen Ego-Dokumenten beruht auch die Studie von Stephen Fritz, der auf dieser Grundlage den Kriegsalltag von »Hitlers Frontsoldaten« untersucht. Vgl. Fritz, Stephen: Hitlers Frontsoldaten. Der erzählte Krieg, Berlin 1998. 61 Kühne, Kameradschaft, S. 274. Rass konstatiert zwar auch einen Wandel der Einheiten bezüglich der Sozialstruktur, führt aber die größtenteils homogene Altersstruktur der Einheiten als stabilisierendes Element an. Vgl. Rass, Gefreiter Jedermann, S. 97-101. 62 Diese Fürsorglichkeit untereinander stand jedoch auch Gefühlen der Schuld gegenüber. Vgl. Kühne, Kameradschaft, S. 155-159. 63 Kühne, Kameradschaft, S. 143. Vgl. Kühne, Kameradschaft, S. 274-277; Kühne, Männerbund, S. 187f.
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weiteren Kriterien bestimmte Individuen als »Unsoldaten«64 ausschloss. Nicht zuletzt wirkte dies von vornherein stark disziplinierend auf die Soldaten.65 Demnach wäre laut Kühne Gehorsam und Handlungsbereitschaft auch der abgehörten Soldaten vor allem aus der Gruppe heraus erklärbar. Eine den Feldpostbriefen verwandte Quelle sind die Berichte der Feldpostprüfstellen, die Zugriff auf sämtliche Briefe hatten und diese in Dossiers zusammenfassten, wodurch ein repräsentativeres Bild entsteht.66 Allerdings sind sie nur in geringem Umfang erhalten.67 Das Gleiche gilt für Tagebücher von Wehrmachtsangehörigen, die zwar häufig ungeschminkter als Feldpostbriefe die Empfindungen der Soldaten festhielten, aber aufgrund des höheren Bildungsgrads der Verfasser einer systematischen Verzerrung unterworfen sind. Interviews mit Zeitzeugen sowie alle nachträglich entstandenen Quellen wie Memoiren leiden zum einen an einer zeitlichen Distanz zum Kriegsalltag. Zum anderen erlauben sie eher Aussagen darüber, wie Menschen sich an den Krieg erinnern.68 In diesen retrospektiven Quellen finden sich außerdem verstärkt beschönigende Sinnkonstruktionen ihrer Autoren, die inzwischen schon die retrospektive gesellschaftliche oder sogar geschichtswissenschaftliche Deutung mit einbeziehen, was die Interpretation dieser Quellen erheblich erschwert.69 Eine Sonderform der Zeitzeugenbefragung sind die Verhörprotokolle in Gerichtsverhandlungen, die nach dem Krieg – in der Bundesrepublik verstärkt seit den sechziger Jahren – stattfanden. Bekannt wurde insbesondere die Studie des amerikanischen Soziologen Daniel Goldhagen.70 Er geht in seiner Ablehnung aller »conventional explanations«71 so weit, den Deutschen grundsätzlich eine »eliminationist antisemitic ideology«72 zuzuschreiben, der sie zu »willing executioners«73 des NS-Regimes gemacht habe. Diese Feststellung beschränkt sich nicht nur auf die erwiesenen Täter, sondern bezieht ausdrücklich auch Millionen potenzielle Täter unter den Deutschen in Form einer Kollektivschuld mit ein, und betrifft in jedem Fall auch die abgehörten Soldaten.74 Diese starke Pauschalisierung aller Deutschen als »Judenhasser« wurde wegen des selektiven 64 Kühne, Kameradschaft, S. 23. 65 Gleichermaßen wirkte auch die Komplizenschaft bei gemeinsamer Regelübertretung. Vgl. Kühne, Kameradschaft, S. 91f., S. 114-118; Zagovec, Gespräche, S. 330. 66 Vgl. Wette, Militärgeschichte von unten, S. 20. 67 Vgl. Lieb, Peter: Täter aus Überzeugung? Oberst Carl von Andrian und die Judenmorde der 707. Infanteriedivision 1941/42. Das Tagebuch eines Regimentskommandeurs: Ein neuer Zugang zu einer berüchtigten Wehrmachtsdivision, in: VfZ 50 (2002), S. 523-557; Niethammer, Lutz: Heimat und Front. Versuche, zehn Kriegserinnerungen aus der Arbeiterklasse des Ruhrgebiets zu verstehen, in: Ders. (Hrsg.): »Die Jahre weiß man nicht, wo man die heute hinsetzen soll.« Faschismuserfahrungen im Ruhrgebiet. Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930 bis 1960. Bd. 1. Berlin/Bonn 1983, S. 163. 68 Vgl. Latzel, Feldpostbriefe, S. 175; Kühne, Vernichtungskrieg, S. 649; Jureit, Motive, S. 165. Vgl. dazu Welzer, Harald: Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung, München 2005. 69 Dabei müssen die Urheber der Quellen nicht einmal bewusst die Unwahrheit sagen, sie können auch durch die Mechanismen der menschlichen Wahrnehmung getäuscht werden. Vgl. Philipp, Zeitzeugenerinnerung, S. 50-69. 70 Vgl. Goldhagen, Daniel Jonah: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 1996. 71 Goldhagen, Hitler’s Willing Executioners, S. 379. 72 Goldhagen, Hitler’s Willing Executioners, S. 444. 73 Goldhagen, Hitler’s Willing Executioners, S. 373. 74 Diesen Vorwurf hat Goldhagen allerdings im Vorwort zur deutschen Ausgabe explizit zurückgewiesen. Vgl. Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 11.
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Umgangs mit den Quellen mehrheitlich scharf kritisiert und löste eine umfangreiche Debatte aus. Allerdings zeigte die Öffentlichkeit in dieser Debatte mehr Interesse an Goldhagens Buch als die Fachwissenschaft, die seine Thesen und Methoden aufgrund der Monokausalität seines Erklärungsversuchs, der viel zu schmalen Quellenbasis wie auch der unzureichenden Berücksichtigung der Sekundärliteratur beinahe geschlossen ablehnte.75 Wesentlich positiver wurde die differenzierte Studie von Christopher Browning aufgenommen. Er argumentiert, dass weniger die antisemitische Vorprägung, als vielmehr Gruppendruck und Abstumpfung für die Teilnahme »ganz normaler Männer« des Reserve-Polizeibataillons 101 an der Massenerschießung jüdischer Zivilisten ursächlich gewesen seien76: »Wer nicht schoss, riskierte, von den anderen abgelehnt und geschnitten zu werden, und das war keine angenehme Aussicht, wenn man bedenkt, dass sich das Bataillon im Ausland, inmitten einer feindselig eingestellten Bevölkerung befand, wo man stark aufeinander angewiesen war und praktisch keine anderen Möglichkeiten hatte, Unterstützung zu finden oder soziale Kontakte zu knüpfen.«77 Immerhin stellt Browning durchaus in Rechnung, dass das Bataillon »von rassistischer und antisemitischer Propaganda überschwemmt wurde«78, und dennoch bewertet er deren Einfluss auf die Entscheidung in der konkreten Situation als eher gering. Die Verbrechen des Reserve-Polizeibataillons 101 lösen beim Autor vor allem deshalb »großes Unbehagen«79 aus, weil durch arbeitsteilige Spezialisierung das Gefühl der Verantwortung jedes Einzelnen geschwächt wird und unter bestimmten Bedingungen ähnliches Verhalten für keine Gruppe auszuschließen sei. Mit Brownings Untersuchung begann das wissenschaftliche Pendel zu anderen Erklärungsansätzen als der nationalsozialistischen Ideologie zurückzuschwingen. Ebenso hat Harald Welzer soziale Verpflichtungen bei der Vernichtung von Juden durch Einsatzgruppen, die in der Holocaustforschung als Auftakt zum Holocaust gilt, als handlungsrelevant gedeutet. Die Männer des Reserve-Polizeibataillons 101, das schon bei Browning und Goldhagen behandelt wird, entschieden sich gerade aufgrund der Beliebtheit und Schwäche des Vorgesetzten für den Gehorsam in Form der Teilnahme an der Mordaktion. Der Befehlshaber machte den Soldaten deutlich, dass er die Ausführung des Befehls für schwierig hielt und dem Einzelnen die Teilnahme freistellte, aber es für die Gruppe überhaupt keine Alternative gab. Nun griffen laut Welzer auf doppelte Weise soziale Verpflichtungen: Die Soldaten wollten weder ihren beliebten Vorgesetzten, noch ihre Kameraden im Stich lassen und entschieden sich also aus situativen Faktoren für die Teilnahme an einer Mordaktion. So paradox es wirken mag, in ihren Augen war 75 Vgl. Sandkühler, Täter, S. 39f. Vgl. dazu Schoeps, Julius (Hrsg.): Ein Volk von Mördern? Die Dokumentation zur Goldhagen-Kontroverse um die Rolle der Deutschen im Holocaust, Hamburg 1996; Pohl, Dieter: Die Holocaust-Forschung und Goldhagens Thesen, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 45 (1997), S. 1- 48. 76 Vgl. Browning, Christopher: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die »Endlösung« in Polen, Reinbek 1996; Wilke, Jürgen/Schenk, Birgit/Cohen, Akiba A./Zemach, Tamar: Holocaust und NS-Prozesse. Die Presseberichterstattung in Israel und Deutschland zwischen Aneignung und Abwehr, Köln u.a. 1995; Hilberg, Raul: Die Vernichtung der europäischen Juden, Frankfurt 1988. 77 Browning, Ganz normale Männer, S. 241. 78 Browning, Ganz normale Männer, S. 240. 79 Browning, Ganz normale Männer, S. 246.
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dies der geringere moralische Verstoß und schützte vor unliebsamen Konsequenzen.80 Welzer macht ebenso wie Kühne und Browning gruppendynamische Prozesse als verantwortlich aus, bezieht aber die Moralverschiebung im Nationalsozialismus ein: »Denn hier wird das als ›normal‹ definierte zwischenmenschliche Verhalten als Ganzes verändert«81. Diese perverse Moral war schließlich als Rahmen der Handlung eine wichtige Voraussetzung für die Mordaktionen. Die Deutung der »Wechselwirkung von Systemzwängen und Handlungsspielräumen«82 ist vielen aktuellen Ansätzen und Untersuchungen gemeinsam. So hat Johannes Hürter in seiner Untersuchung »Hitlers Heerführer« die höchsten Instanzen der Wehrmacht auf dem östlichen Kriegsschauplatz in einer zusammenhängenden Gruppenbiografie in den Blick genommen. Er untersucht Kriegführung und Besatzung unter ihrem Befehl und zeigt auf der Grundlage zahlreicher Quellen, wie umfassend sie in das nationalsozialistische System eingebunden waren. So könne »von einer fachlichen Opposition der Militärelite gegen den Diktator keine Rede«83 sein. In ihrem Handeln offenbarte sich vielmehr eine »nahezu bedingungslose Gefolgschaft«84. Die Oberbefehlshaber, die sich aufgrund gleichförmiger Sozialisation mehrheitlich als unpolitische, überwiegend technokratische Fachleute verstanden, hätten ihre Gestaltungsund Handlungsspielräume vor Ort nicht genutzt, sondern »›Kriegsnotwendigkeiten‹ verabsolutiert und über rechtliche und moralische Normen gestellt«85. Anstatt sich auf die eine oder andere Weise aufzulehnen, seien sie unter anderem durch ihren Utilitarismus zu Komplizen und Erfüllungsgehilfen nicht nur der Radikalisierung der Kriegführung, sondern auch der Vernichtungspolitik geworden. Die Generalität war auch das Untersuchungsobjekt von Sönke Neitzel, der eine Auswahl von Abhörprotokollen deutscher Generäle der mittleren Führungsschicht ediert hat. Diese Protokolle entstanden zwischen 1942 und 1945 in einem englischen Gefangenenlager für deutsche Offiziere. Damit wurde diese Quellengattung, die Abhörprotokolle des CSDIC (UK), erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Der Edition, die in die vier Themenschwerpunkte Politik und Strategie, Kriegsverbrechen, Reaktion auf den 20. Juli 1944 und Reflexionen über Kollaboration gegliedert ist, geht eine ausführliche Einleitung voraus, die schon eine erste Auswertung der Gespräche enthält. In ihrer Haltung zum Nationalsozialismus waren sich die Generäle keineswegs einig. Eine Gruppe war gegenüber dem NS-System kritisch eingestellt, die andere hoffte bis zuletzt auf den Führer und den Endsieg: »Während die ›Thoma-Gruppe‹ den Krieg für verloren hielt, insbesondere die Kriegsverbrechen an der Ostfront verurteilte und sich abfällig über Hitler und den Nationalsozialismus äußerte, bewerteten die ›Crüwell-Leute‹ die Kriegslage allenfalls als kritisch, keinesfalls aber als hoffnungslos, versuchten die Verbrechen zu rechtfertigen, herunterzuspielen oder bezweifelten diese schlicht und verteidigten zudem den Nationalsozialismus.«86 Wie schon hier deutlich wird, herrschten 80 Vgl. Welzer, Täter, S. 114-117. 81 Welzer, Täter, S. 61. 82 Pohl, Herrschaft, S. 10. 83 Hürter, Heerführer, S. 612. 84 Hürter, Heerführer, S. 612. 85 Hürter, Heerführer, S. 614. 86 Neitzel, Abgehört, S. 37. Neitzel arbeitet eine Gruppenbildung unter den gefangenen Generälen heraus. Die NS-treuen Generäle scharen sich um den General der Panzertruppe Ludwig Crüwell, die stärker kritisch
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bezüglich aller untersuchten Themenbereiche sehr unterschiedliche Meinungen innerhalb der Generalität vor. Nur die starke Dominanz des Soldatischen, auch in ihrem Selbstbild, war ohne Ausnahme allen Gruppierungen gemeinsam. Daneben offenbarten die abgehörten Gespräche neuerlich das große Ausmaß an Mittäter-, zumindest aber Mitwisserschaft der Generäle an den Verbrechen des NS-Systems: »Die Abhörprotokolle belegen, dass in der militärischen Führungsspitze das Wissen um die Greueltaten weit verbreitet war und vor allem auch diejenigen erreichte, die aufgrund ihrer dienstlichen Stellung damit überhaupt nicht in Berührung kamen.«87 Selbst in solchen Punkten, in denen dieser aufschlussreiche Einblick in die Vorstellungswelt der Wehrmachtführung keine neuen Erkenntnisse enthält, bieten die Abhörprotokolle eine breite empirische Grundlage für verschiedene bekannte Befunde.88 Hürter wie auch Neitzel liefern in ihren Studien einen wichtigen Beitrag zur Mentalitätsgeschichte der deutschen Militärelite im Zweiten Weltkrieg. Im Umkehrschluss zeigen sie allerdings auch ein Desiderat der Forschung auf, denn sie behandeln nur die Elite, fast müsste man sagen: einmal mehr. Die meisten Studien zum Denken und Handeln deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg beschränken sich auf Angehörige der Generalität, bestenfalls das Offizierskorps. Das ist in weiten Teilen aufgrund der Quellenlage zwar durchaus nachvollziehbar und berechtigt, aber eine umfassende Mentalitätsgeschichte der unteren und mittleren Dienstgrade steht zweifellos noch aus.89 Hierzu haben zuletzt Sönke Neitzel und Harald Welzer im Rahmen des Forschungsprojekts »Referenzrahmen des Krieges«, in dem auch meine Untersuchung entstand, mit ihrer Studie »Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben« einen ersten tieferen und gleichsam beeindruckenden Einblick in Teile des auch hier ausgewerteten Quellenmaterials der Abhörprotokolle gewährt. Die Autoren zeigen die spezifische Dynamik der Gewalt im Referenzrahmen »Krieg«, der »Handlungen gebietet und Gelegenheitsstrukturen entwickelt«90. Entscheidend für die Handlungsbereitschaft der Soldaten sind Erfahrungen innerhalb der eigenen Gruppe. Demgegenüber erweisen sich politische Ideologien nur von nachgeordneter Bedeutung. Dies gilt ausdrücklich auch für die Wehrmacht im Ostfeldzug gegen die Sowjetunion.
Theoretischer Rahmen der Untersuchung Die mentalitätsgeschichtliche Forschung, die sich mit Ego-Dokumenten und artverwandte Quellengattungen befasst, wie Tagebüchern, Memoiren, Feldpostbriefen, Verhörprotokollen, Zeitzeugeninterviews, die auf ihre je eigene Art allesamt Kommunikation festhalten, beruht methodisch auf den Theorien der Diskursanalyse. Deren Grundannahme geht dahin, dass zum einen die soziale Wirklichkeit, wie wir sie wahreingestellten Gefangenen um General der Panzertruppen Wilhelm Ritter von Thoma. Vgl. Neitzel, Abgehört, S. 28-42. 87 Neitzel, Abgehört, S. 57. Vgl. Neitzel, Abgehört, S. 60. 88 Die hier vorgestellten sowie weitere Studien werden im Rahmen der Untersuchung dort herangezogen, wo sie sich als für die Interpretation der Gesprächsinhalte hilfreich erweisen. 89 Vgl. Hillgruber, Zweierlei Untergang, S. 13; Müller, Last und Verantwortung, S. 10f., S. 25-29; Wette, Wehrmacht, S. 174-177; Rass, Menschenmaterial, S. 14f. 90 Vgl. Neitzel/Welzer, Soldaten, S. 422.
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nehmen, eine konstruierte ist, dass zum anderen diese Konstruktion in Form von Kommunikation, speziell Alltagskommunikation, stattfindet. Erst Kommunikation bringt demnach soziale Wirklichkeit hervor.91 Wahrnehmung, Selbstwahrnehmung, Verarbeitung und Einordnung von Erlebtem und die damit verbundene Sinnkonstruktion erfolgen danach hauptsächlich in einem kommunikativen Prozess. Da Kommunikation jedoch nie im luftleeren Raum, sondern stets in einem Kontext, zum Beispiel im Rahmen einer staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung stattfindet, sind die situationsbedingten Kommunikationsregeln unbedingt zu berücksichtigen. Wer allerdings, wie in meinem Fall, auf der Suche nach zeitgenössischen Situationsdeutungen und Wahrnehmungen ist, für den erweist sich dieser Umstand geradezu als Glücksfall. Die quantitative und qualitative Interpretation der Aussagen, worunter auch die zumindest quantitative Berücksichtigung des Nicht-Gesagten fällt92, erlaubt demnach auch Rückschlüsse auf den Rahmen von Kommunikation. Abgesehen von der britischen Kriegsgefangenschaft, die nur den äußeren, konkreten situativen Rahmen bildete, haben sich durch die Gefangennahme der Soldaten weder ihr situativer MakroKontext als Angehörige der Wehrmacht noch der ähnlich gelagerte institutionelle, der mediale oder der historische Kontext entscheidend verändert.93 Da Kommunikation eine Grundlage der Gesellschaft darstellt, besteht nicht nur ein Zusammenhang zwischen dem Sag- und Denkbaren und der Wahrnehmung der Realität sowie den daraus folgenden – als solche verfügbaren oder nicht verfügbaren94 – Konstruktionen. Vielmehr bildet die kommunikativ erschaffene die sozial konstruierte Wirklichkeit ab, mehr noch, sie verkörpert diese geradezu.95 Demnach sind sprachliche Phänomene zugleich als gesellschaftliche Phänomene zu verstehen. Dabei begrenzt das Denkbare das Sagbare. In der »Geschichte des Sagbaren« ist also immer auch die Geschichte des zeitgenössisch Denkbaren enthalten und das Gesagte ist der primär untersuchungsfähige Indikator für die Vorstellungswelt des Einzelnen.96 Kommunikation selbst entsteht dabei durch die Kumulation von Aussagen. Letztere bilden demnach – gemäß der klassischen Inhaltsanalyse – die zentrale Analyseeinheit dieser Untersuchung.97 91 Vgl. Sellin, Mentalität, S. 575f.; Landwehr, Geschichte, S. 92; Heer, Verschwinden, S. 105f.; Berger/Luckmann, Konstruktion, S. 21-29, S. 39-47; Watzlawick, Wie wirklich ist die Wirklichkeit?, S. 58-62, S. 162f.; Schütz/Luckmann, Strukturen, S. 29f.; Zimbardo, Lucifer Effect, S. 221f.; Lamprecht, Feldpost, S. 37f.; Hirschfeld, Einführende Bemerkungen, S. 528f. 92 Diese Miteinbeziehung des Nicht-Gesagten beschränkt sich allerdings auf die Tatsache, dass es eben nicht gesagt wird, also auf die rein quantitative Dimension. Vgl. Gadamer, Wahrheit und Methode, S. 415-424, S. 449-456; Figal, Gadamer, S. 185-187; Lamprecht, Feldpost, S. 39f. 93 Vgl. Landwehr, Geschichte, S. 70-77, S. 109-110, S. 131f.; Watzlawick, Kommunikation, S. 41-44, S. 55f.; Bourdieu, Rede und Antwort, S. 122-130. 94 Damit wird bezeichnet, ob sich die Person in diesem Falle ihrer Konstruktion als Konstruktion bewusst ist. Vgl. Bourdieu, Sozialer Sinn, S. 246-252. 95 Vgl. Landwehr, Geschichte, S. 13, S. 90f. Vgl. dazu Foucault, Michel: Die Archäologie des Wissens, Frankfurt 1994; Bourdieu, Pierre: Rede und Antwort, Frankfurt 1992. 96 Vgl. Landwehr, Geschichte, S. 7; Schütz/Luckmann, Strukturen, S. 659-672; Berger/Luckmann, Konstruktion, S. 15-18. Eine interessante These dabei lautet, dass das entscheidende Element für Sinnstiftungen innerhalb einer Gesellschaft nicht eben theoretische Gedanken, sondern das so genannte Allerweltswissen sei. Vgl. Berger/Luckmann, Konstruktion, S. 15-18; Landwehr, Geschichte, S. 62f.; Lamprecht, Feldpost, S. 15f.; Kajetzke, Wissen, S. 27f., S. 75-78; Goffman, Rahmen-Analyse, S. 274-278. 97 Vgl. Merten, Inhaltsanalyse, S. 281f. Auf Einzelpersonenbetrachtungen bei der Herausarbeitung der Wahrnehmungsmuster der Soldaten wird weitgehend verzichtet. Damit wird zum einen auch der Beschaffen-
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Als Aussagen werden ganze »Sätze und Gedanken und nicht Wörter und Begriffe, durch die wir uns auf die Wirklichkeit beziehen«98, verstanden. Aber es gibt verschiedene Definitionen und eben keine »strukturellen Einheitsmerkmale«99 für Aussagen.100 In der Methodik der Untersuchung ist eine Aussage ein in sich abgeschlossenes Statement zu einem bestimmten Aspekt. Sie kann dabei mehrere Sätze umfassen, genauso kann aber auch ein einzelner Satz mehrere verschiedene Aussagen enthalten. Wenn man über das Gesagte der Menschen Einblick in das Gedachte gewinnen will, lohnt sich, was den theoretischen Zugang betrifft, zunächst ein Umweg über das Handeln.101 Menschliches Handeln ist, allgemein gesprochen, dadurch gekennzeichnet, dass wir versuchen, unser Leben sowie einzelne Situationen stets möglichst erfolgreich zu bewältigen. Erfolg ist dabei zwar Definitionssache, aber die Definition beruht stets auf grundlegenden Bedürfnissen, die universal sind. An erster Stelle steht der Wunsch, sich selbst oder – in Abhängigkeit von verschiedenen Faktoren – auch die eigene Gruppe am Leben zu erhalten. In der Regel folgt an zweiter Stelle das Streben nach sozialer Anerkennung. Das gilt nicht nur für die allgemeine Lebensführung, sondern auch in jeder spezifischen Handlungssituation.102 Als besondere Spielart des Strebens nach sozialer Anerkennung ist das Bedürfnis nach einem positiven Selbstbild besonders wichtig. Das Selbstbild erstreckt sich auch auf eigene Handlungen und bestimmte Kontexte, in denen der Handelnde sich bewegt, und die er dementsprechend ebenfalls positiv konstruiert. Immer wieder sucht er nach einer Lösung, die den beiden Grundkriterien – und das ist entscheidend – aus seiner Sichtweise entspricht. Nur aus dieser Perspektive kann Handeln überhaupt analysiert und verstanden werden. Auch Handlungen, die uns heute irrational erscheinen, müssen also stets auf innere Plausibilität oder Binnenlogik hin untersucht werden. Dafür muss man die spezifischen Situationen, in denen sich die Akteure befinden, »mit ihren Augen […] sehen«103. Es wird also, so die Annahme, kaum eine Handlung geben, die nicht aus Akteursperspektive zu erklären wäre. Deshalb habe ich mich auch in dieser Studie auf die Rekonstruktion des jeweiligen Handlungsrahmens aus Sicht der handelnden Personen konzentriert.104 In diesem Zusammenhang ist die handlungsrelevante Deutung von Konstellationen verschiedener Personen, Gruppen und Institutionen durch die Soldaten besonders bedeutheit des Quellenmaterials Rechnung getragen, nach der die einzelnen abgehörten Personen ja gerade nicht voneinander getrennt, sondern zusammengeführt werden. Es wird sich weitgehend an Logik und Vorgehensweise des britischen Nachrichtendienstes orientiert, die auch in anderen Fällen als Richtschnur dienen, um auf diese Weise den Informationsgehalt der Quellen möglichst voll ausschöpfen zu können. Zum anderen ist dies durch die zentrale Rolle, die Kommunikation bei der Konstitution von sozialer Wirklichkeit eingeräumt wird, auch methodisch nahe liegend sowie nur konsequent und stringent. Vgl. Das Sample, S. 46. 98 Busse, Semantik, S. 86. 99 Landwehr, Geschichte, S. 110. 100 Landwehr, Geschichte, S. 110-112; Busse, Semantik, S. 86f. 101 Browning betont: »Das Verhalten jedes menschlichen Wesens ist natürlich eine sehr komplexe Angelegenheit, und wer als Historiker zu ›erklären‹ versucht, befleißigt sich dabei automatisch einer gewissen Arroganz.« Vgl. Browning, Ganz normale Männer, S. 246. Deswegen besitzt diese Arbeit eine interdisziplinäre Ausrichtung und bedient sich stellenweise sozialpsychologischer Methoden. 102 Vgl. Esser, Definition, S. 6-8; Gudehus, Analysemodell, S. 26; Wiswede, Sozialpsychologie, S. 140; Elias, Gesellschaft der Individuen, S. 86f.; Pohl, Gedächtnis, S. 77-82; Steele, Self-affirmation, S. 272-281. 103 Fritz, Frontsoldaten, S. 6. Vgl. Burke, Stärken und Schwächen, S. 132. 104 Vgl. Dilthey, System, S. 90-94; Kurt, Hermeneutik, S. 134-140; Welzer, Wer waren die Täter?, S. 237-241.
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Einleitung
sam.105 Eine wichtige Rolle spielt hier auch das eigene Handeln der Akteure, das durch Wiederholungen und Performanz selbst als Orientierungspunkt in zukünftigen Situationen dient. In diesem spezifischen Fall wird dies noch dadurch verstärkt, dass Institutionen wie das Militär die Handlungsoptionen ihrer Mitglieder reglementieren. In einer solchen Institution werden – intendiert und nicht-intendiert – Wahrnehmungs- und Deutungsweisen der Umwelt sozialisiert, die für sie und ihre gesellschaftliche Aufgabe typisch sind.106 Da also augenscheinlich der Kontext mit dem darin stattfindenden Denken und Handeln in Verbindung steht, werde ich versuchen, ihn mittels der Referenzrahmenanalyse zu erschließen. Grundsätzlich dürfen wir ja annehmen, dass menschliches Handeln nicht nur im Rahmen mehrerer Kontexte geschieht, sondern dass diese Kontexte selbst beträchtlichen Einfluss auf die Handlungen ausüben. Das Spektrum der Kontexte kann von kollektiver bis hin zu individueller Prägung reichen.107 Wenn man die Kontexte oder Rahmungen untersucht und dabei die jeweilige Situationsperzeption beleuchtet und berücksichtigt, in die alle individuellen, überindividuellen, sozialen und normativen Rahmenbedingungen mit einfließen, kann man vieles zur Erklärung menschlichen Handelns beitragen.108 Neben der Reglementierung von Handlungsoptionen ermöglichen Rahmen überhaupt erst das menschliche Miteinander, weil sie einen gewissen Grad der Automatisierung von Alltagsverhalten erlauben. Einige Aspekte solcher Rahmen und deren Einflüsse können die Handelnden erkennen oder sie sind ihnen verfügbar, andere dagegen nicht. Nach Welzer gehen in solche Rahmen verschiedenste Faktoren wie »gesellschaftlich dominante Normen ebenso […] wie situativ gebildete Gruppennormen, sozialisierte Werthaltungen, religiöse Überzeugungen, vorangegangene Erfahrungen, Wissen, Kompetenz, Gefühle usw.«109 ein. Verschiedene interessante und relevante Faktoren sind im Habitus-Konzept erfasst, das die Soziologen Norbert Elias und Pierre Bourdieu als Erste entwickelten. Gemeint ist damit das, was Individuen als Personen für Dritte wahrnehmbar definiert, wozu auch Äußerliches wie Kleidung, aber auch die weiteren Komponenten des Auftretens wie Sprache, Geschmack, Lebensstil gehören. Diese Variablen sind nur scheinbar etwas ganz Individuelles, können aber im Gegenteil Aufschluss über die Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder sogar über politische oder weltanschauliche Haltungen geben, denn sie sind »sozialisiert, erlernt, abgeschaut und angeeignet«110. Diese Dispositionen des Sprechers weisen also direkt auf die Strukturen der bestehenden sozialen Welt hin, die er verinnerlicht hat.111 105 Teilweise sind dabei Wechselwirkungen, ein dialektisches Verhältnis also mit gegenseitigen Einflüssen zu berücksichtigen. Vgl. Zimbardo, Lucifer Effect, S. 200f. 106 Vgl. Goffman, Theater, S. 20f.; Bahrdt, Gesellschaft, S. 24-32; Warburg, Militär, S. 9-14; Gudehus, Analysemodell, S. 27-30. 107 Demzufolge kann bereits die Verschiebung einer Rahmenkomponente zu einer Verschiebung des gesamten Referenzrahmens der Akteure führen und in der Folge auch veränderte Handlungen evozieren. Vgl. Welzer, Täter, S. 37. 108 Vgl. Welzer, Täter, S. 17; Goffman, Rahmen-Analyse, S. 534-542, S. 602-605. In seiner Studie beleuchtet Welzer den Referenzrahmen für das Massenmorden an den europäischen Juden im Zeiten Weltkrieg. 109 Welzer, Täter, S. 16. 110 Gudehus, Analysemodell, S. 27. 111 Vgl. Bourdieu, Sozialer Sinn, S. 89f.; Elias, Höfische Gesellschaft, S. 370-381; Christin, Habitus, S. 278281.
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In diesen Zusammenhang gehören auch relativ stabile Hintergrundannahmen trotz veränderter gesellschaftlicher Umweltbedingungen, etwa »wie die Welt so funktioniert«.112 Obwohl die Person ihren Habitus selbst verändern kann oder auch äußere Einflüsse ihn beeinflussen mögen113, reicht er doch so tief in das Individuum – sogar bis in Bewegungsabläufe und Sprechweisen – hinein, dass ein Verbergen und Verstellen dieser sozialen Persönlichkeit, soweit sie überhaupt verfügbar ist, keine Aussicht auf Erfolg hat.114 Die Entwicklung einer solchen sozialen Persönlichkeit erleichtert die Eigen- und Fremdwahrnehmung als stringenten Charakter, unter anderem weil sie Orientierung bietet und als hochgradig verinnerlichte Entscheidungshilfe die Auswahl von Handlungsoptionen steuert. Dazu kommen diverse Regeln und Verpflichtungen als weitere Aspekte der Rahmung. Die Gültigkeit von Gesetzen, Verträgen oder Befehlen etwa entsteht in erster Linie über die verinnerlichte soziale Verpflichtung, wie im Habitus-Konzept beschrieben, und über die Angst vor dem Entzug sozialer Anerkennung.115 Über die Performanz entfalten die Tätigkeiten selbst eine psychologische Wirkung auf die Akteure: Das Wiederholen einer Handlung nimmt ihr das Außergewöhnliche und sie wird im Extremfall zur Selbstverständlichkeit der alltäglichen Praxis.116 Außerdem übt die Handlung selbst aufgrund des Bedürfnisses nach einer positiven, stringenten Selbstkonstruktion des Akteurs Integrationsdruck aus und kann dadurch zur Aneignung führen. In der Folge wirkt sie zudem durch Stringenzzwänge selbstverstärkend. So entfalten nach Welzer vor allem soziale Verpflichtungen in Form situativer Faktoren ihre Wirkung beim Erschießungsbefehl im Reserve-Polizeibataillons 101 und machen die Männer gehorsam.117 Mehrere bekannte Experimente haben sich für diese Studie als überaus nützlich erwiesen. Bei Experimenten, die vielen noch immer als Königsweg gelten, wird die Wirklichkeit drastisch auf wenige gut kontrollierbare Variablen reduziert. Zunächst sei auf die von Stanley Milgram Anfang der sechziger Jahre durchgeführte Versuchsreihe ver112 Im Gegensatz zu Hintergrundannahmen bilden sich Hintergrundüberzeugungen situativ und sind in der Folge hochgradig subjektiv und unsystematisch. Wissenschaftstheoretisch gesprochen stellen sie einen induktiven Fehlschluss dar. Vgl. Popper, Logik, S. 37f.; Schumann, Repräsentative Umfrage, S. 9-13. Sie sind allerdings mit dem Habituskonzept erklärbar. Dies veranschaulicht, dass die unterschiedenen Begriffe – Annahmen, Überzeugungen, Habitus – doch eng verknüpft sind. Eine Differenzierung zwischen diesen Aspekten der Rahmung ist sowohl aus diesem Grund als auch wegen einer diesbezüglichen Unschärfe der Quelle zum einen nicht möglich. Zum anderen stellt dies auch nicht das Ziel dieser Studie dar. Aus beiden Gründen wird selbst das Habitus-Konzept, in dem sich große Teile der Rahmung wieder finden, im Zuge der Untersuchung nicht explizit verwendet. 113 Elissa Mailänder Koslov hat diesen Prozess für weibliches Aufsichtspersonal in deutschen Konzentrationslagern eingehend geschildert. Nach anfänglichen Problemen wachsen die in der Regel jungen Frauen in die Aufgabe hinein und verändern ihr Verhalten. Vgl. Mailänder-Koslov, Gewalt, S. 404-408, S. 482-487. 114 Vgl. Schuh, Soldatensprache, S. 83f. 115 Vgl. Welzer, Täter, S. 113-115; Kühne, Kameradschaft, S. 272-278; Browning, Ganz normale Männer, S. 218-223, S. 240-243; Jureit, Motive, S. 169f. 116 Vgl. Welzer, Täter, S. 87f., S. 247f.; Hinton, Why did they kill?, S. 30f.; Hogg/Vaugham, Social Psychology, S. 213; Burke, Stärken und Schwächen, S. 131f. 117 Auch Kühne und Browning machten ebenfalls gruppendynamische Prozesse als verantwortlich aus. Vgl. Kühne, Kameradschaft, S. 272-278; Browning, Ganz normale Männer, S. 240-243. So schreibt Gary Klein etwa allgemein die scheinbare Rationalität vieler Entscheidungen vielmehr einer nachträglichen Rationalisierung selbiger zu. Vgl. Klein, Entscheidungsprozesse, S. 26f. Vgl. dazu Gudehus, Analysemodell, S. 26-30.
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wiesen, die als Milgram-Experiment bekannt wurde.118 Milgram konnte zeigen, dass die jeweilige Situation und Konstellation der Akteure das Verhalten viel stärker moderiert als die Persönlichkeit eines Menschen.119 Im Experiment ließen sich zahlreiche »Lehrer« zu fiktiven, in ihrer Wahrnehmung jedoch realen Stromstößen gegen einen schauspielernden »Schüler« bis weit über die Schmerzgrenze hinaus allein durch verbale Aufforderung des Versuchsleiters bewegen. Dessen Autorität war die ausschlaggebende Größe. Nur in einem Drittel der Fälle brachen die Lehrer das Experiment ab, obwohl viele trotz gehorsamen Verhaltens protestierten. Ursächlich dafür war die Zuweisung der Verantwortung für ihr Handeln an andere. Mit diesem Mechanismus, den Milgram hier vor allem meint, wenn er von Gehorsam spricht, erklärt er auch weitgehend die nationalsozialistischen Verbrechen.120 Erst dieser Mechanismus macht ein Handeln entgegen eigenem Moralempfinden psychisch erträglich. Lange vor den Erkenntnissen der modernen Hirnforschung wurde nachgewiesen, wie stark menschliches Handeln durch die Situation oder die jeweilige Wahrnehmung der Situation bestimmt wird, deren Genese für das Individuum außerhalb des Verfügbaren liegt. Auch verschiedene Experimente zum Hilfeverhalten belegen die situative Konstellation als den dominanten Faktor und nicht etwa die Persönlichkeit oder die Sozialisation. So erwies sich die bloße Anzahl der anwesenden Personen als stark relevant. Je mehr Personen anwesend waren, desto langsamer und seltener wurde geholfen. Die Anwesenheit anderer reduziert demnach die eigene Verantwortlichkeit. Doch vor allem ist dieser Effekt auf das Außergewöhnliche einer Notfallsituation zurückzuführen, die ein Mensch zunächst zu verstehen versucht. In dieser Ratlosigkeit sucht er verstärkt Orientierung an anderen. Reagieren diese nicht oder helfen nicht, dann kann dieses Verhalten aus Sicht der Versuchsperson als angemessen gelten.121 Hier wird deutlich, dass es kein Nichtverhalten und somit auch keine Nichtkommunikation gibt.122 Diese Orientierung an anderen hat Salomon Asch in seinen Konformitätsexperimenten eindrucksvoll offen gelegt. Bei der Lösung einer ganz simplen Aufgabe, die einer Kontrollgruppe keinerlei Probleme bereitete, schlossen sich Versuchspersonen mehrheitlich gegen besseres Wissen der Meinung der eingeweihten Gruppe an.123 Demnach hängt auch »richtig oder falsch« – hier zwar nicht im moralischen Sinn, aber der Fall unterscheidet sich nicht grundsätzlich – von den situativen Gegebenheiten ab.124 »Situativ« ist in diesem Fall nicht zu beschränkt zu verstehen, sondern kann durchaus mit gesellschaftlichen oder kulturellen Gegebenheiten in Zusammenhang stehen. 118 Vgl. Milgram, Stanley: Das Milgram-Experiment. Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität, Reinbek 1995. 119 Vgl. Milgram, Milgram-Experiment, S. 21-34; Zimbardo, Lucifer Effect, S. 263f. 120 Vgl. Milgram, Milgram-Experiment, S. 158-177. Vgl. dazu Lieb, Konventioneller Krieg, S. 509f. 121 Vgl. Darley/Batson, Helping Behavior, S. 103-107; Latane/Rodin, Effects, S. 197-200; Latané/Darley, Bystander, S. 87-96. 122 Vgl. Watzlawick, Kommunikation, S. 41-44, S. 50-56; Lewinski, Grundlagen, S. 17-21. 123 Vgl. Asch, Solomon: Studies of Independence and Conformity: I. A Minority of One against a Unanimous Majority, in: Psychological Monographs: General and Applied. 70 (1956), Washington u.a., S. 1-70. Milgram stellte in einer Abwandlung seines Experiments mit drei »Lehrern« bereits fest, dass diese signifikant häufiger den Gehorsam verweigerten, wenn es andere vor ihnen taten. Vgl. Milgram, Milgram-Experiment, S. 137-143. 124 Vgl. Zimbardo, Lucifer Effect, S. 529; Watzlawick, Wie wirklich ist die Wirklichkeit?, S. 92-96. Letzterer spricht in diesem Zusammenhang vielsagend von der »Macht der Gruppe«.
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Diese Experimente zeigen, dass immer die Grundregel berücksichtigt werden muss, wonach der Mensch eines positiven Selbstbildes bedarf und demzufolge Sinn in seinen Handlungen erkennen will – und sei es nur ex post. Diese Grundregel gilt nicht nur speziell bei der Abwägung von Handlungsoptionen, sondern auch originär im Zuge der Wahrnehmung. Anders ausgedrückt: Nicht nur soziale Anerkennung braucht jedes Individuum, sondern auch ein positives Selbstbild, und das wird mindestens gleichwertig eingeschätzt.125 In diesem Streben nach Stringenz und Stabilität ist die Neigung begründet, die positive Sinnstiftung auch auf Handlungen der eigenen Person und auf Kontexte, in denen sie sich bewegt, zu übertragen und auszuweiten: »›Das habe ich getan‹– sagt mein Gedächtnis. ›Das kann ich nicht getan haben‹ – sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich gibt das Gedächtnis nach.«126 Gerade beim Milgram-Experiment zeigten sich nachträglich starke psychologische Mechanismen einer Sinnkonstruktion. Alle vergleichbaren Experimente bilden durchschnittliches Verhalten ab, so dass Handeln auf dessen Grundlage nicht individuell, sondern nur als Wahrscheinlichkeit, eben durchschnittlich prognostizierbar wird. Man darf also nicht übersehen, dass – trotz mehrheitlich konformen Verhaltens etwa der Gruppe oder den Anweisungen des Versuchsleiters gegenüber – auch durchaus Non-Konformität auftritt, bei Milgram in etwa in einem Drittel, bei Asch etwa einem Viertel der Fälle. Allerdings ist auch dieses non-konforme Verhalten nicht mit soziobiographischen Faktoren zu erklären. Als grundlegende Mechanismen, die menschliches Handeln mitbestimmen, offenbaren sie den geringen Einfluss biographischer Faktoren oder der Persönlichkeit, dagegen aber die starke Ausrichtung an anderen Personen und die Möglichkeit entgegen den eigenen Überzeugungen zu handeln, bei nachträglicher Sinnzuweisung, was Harald Welzer zu dem Schluss kommen lässt: »Alles ist möglich.«127 Andererseits schließen sich die dargelegten handlungsleitenden Faktoren gegenseitig keineswegs aus. So können in der Situation und trotz ihrer Dominanz dennoch Sozialisation, soziobiographische Faktoren oder Einstellungen Einfluss nehmen. Diese aus den Experimenten abgeleiteten Mechanismen werden aber durch die grundlegende Annahme überwölbt, dass eben aufgrund stabiler Rahmungen ein Großteil menschlichen Verhaltens ohnehin automatisiert ist. Wir müssen zumeist nicht darüber nachdenken, was zu tun ist. Nur und erst in außergewöhnlichen Situationen, wie etwa der Notfallsituation in den Experimenten zum Hilfeverhalten, »schaltet das Gehirn automatisch auf die bewusste Durchdringung der Situation«128 und sucht nach Orientierung, und das auch nur, wenn die äußeren Umstände wie Zeit und sozialer Druck, es zulassen. Nur in solchen Fällen versucht der Mensch, die Situation zu verstehen, zieht Vergleiche und reflektiert. Aber in den allermeisten Fällen bietet die vorhandene Rahmung ausreichende Orientierung.129 125 Dabei besteht freilich eine Wechselwirkung zwischen Fremd- und Eigenwahrnehmung. Vgl. Milgram, Milgram-Experiment, S. 23-27. 126 Nietzsche zitiert nach Lehmann, Erzählstruktur, S. 29. Vgl. Welzer, Täter, S. 87f.; Steinbach, Krieg, S. 29f.; Elias, Gesellschaft der Individuen, S. 86f.; Pohl, Gedächtnis, S. 77-82; Steele, Self-affirmation, S. 272-281. 127 Welzer, Täter, S. 246. 128 Esser, Definition, S. 31. 129 Vgl. Esser, Definition, S. 13-19; Klein, Entscheidungsprozesse, S. 124f.; Wiswede, Sozialpsychologie, S. 141.
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Die Untersuchung der Kontexte oder Rahmungen kann einen wichtigen Beitrag zur Erklärung menschlichen Handelns leisten. Doch anders als in Hürters Untersuchung – »denn letztlich kam es – und kommt es rückblickend für die historische Einschätzung – auf das Handeln an«130 –, stelle ich in dieser Studie nicht menschliches Handeln in den Mittelpunkt, sondern ich versuche der mentalen Disposition der Akteure auf den Grund zu gehen, und so lautet beispielsweise meine Frage, »ob er sich als Anhänger oder als Gegner Hitlers fühlte, ob er in seiner Manteltasche die Faust ballte oder nicht«131. Aus diesem Grund setze ich die Referenzrahmenanalyse nicht bis zuletzt um, sondern der erste Analyseschritt – die Herausarbeitung und Interpretation der jeweiligen Situationsperzeption einschließlich der überindividuellen, sozialen und normativen Rahmenbedingungen, der Rekonstruktion des jeweiligen Handlungsrahmens aus Sicht der Handelnden – wird umfassend durchgeführt. Die Ebene des Handelns werde ich, soweit für die hier untersuchten Personen überhaupt einsehbar, nur als Folie heranziehen, um eventuelle Widersprüche zur Wahrnehmung und Deutung herauszustellen. Eine Analyse des Referenzrahmens erweist sich auf diese Weise auch speziell für die Erhellung von Mentalitäten als gewinnbringend.132
Die Quellen Die Abhörprotokolle Auf die oben angesprochenen Studien und Quellengattungen der Mentalitätsgeschichte trifft das gleiche Quellenproblem zu: Neben dem zeitlichen Abstand zum Geschehen ist dies die Besonderheit der Erhebungs- beziehungsweise Entstehungssituation. Die Protagonisten hatten aus den unterschiedlichsten Gründen vielleicht den Anreiz, auf jeden Fall aber die Gelegenheit, die Inhalte systematisch zu verfälschen. Die Tatsache der Verklärung kann ihnen dabei sowohl verfügbar als auch nicht verfügbar sein.133 Zudem ist zu bedenken, dass all diese Quellen für die Forschung nur herangezogen oder im Extremfall sogar geschaffen wurden, um einen Missstand zu beheben, nämlich den Mangel an hinreichend dichtem, aussagekräftigem Quellenmaterial über Wahrnehmung von Krieg und Politik in der Wehrmacht. Schließlich sollten Feldpostbriefe nicht nur die Analyse der Kommunikation der Soldaten mit der Heimat ermöglichen, sondern darüber hinaus über den Gesamtkomplex der Mentalität und Sinnkonstruktion ihrer Schreiber Auskunft geben – mangels anderer aussagekräftiger Quellen ein durchaus viel versprechender Ansatz. Bei genauerem Hinsehen handelt es sich aber nur um »Ersatzquellen« zur zeitgenössischen Wahrnehmung von Krieg, Nationalsozialismus, zur Rolle der Wehrmacht und der Soldaten. Da zeitgenössische Gespräche weder rekonstruierbar noch in ausreichendem Umfang überliefert zu sein schienen, sah sich die Forschung genötigt, den Umweg über Ego-Dokumente gehen. Dabei mussten allerdings methodische Schwierigkeiten in Kauf genommen werden, weisen doch all diese Doku130 Hürter, »Nazi-General«, S. 18. 131 Hürter, »Nazi-General«, S. 18. 132 Vgl. Lipp, Militärgeschichte, S. 213f. 133 Vgl. Jureit, Motive, S. 165-167.
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Die Quellen
mente dieselbe Schwäche auf: Sie geben nur eine Seite des Kommunikationsprozesses wieder, so dass kein Dialog nachzuvollziehen ist. Im Dialog jedoch entfaltet Kommunikation erst ihre volle Wirkung, die Konstruktion sozialer Wirklichkeit. Einige Quellengattungen sind schon in ihrem Entstehungszusammenhang nicht an einen Rezipienten gerichtet und somit keine Kommunikation im reziproken Sinne. Dagegen stellt sich Kommunikation in Dialogform etwa durch die Teilnahme von mindestens zwei Personen schon als überindividuell dar und ist somit, was die Suche nach kollektiven Einstellungen angeht, wohl besser geeignet. Und obwohl diese reziproke Kommunikation bei Feldpostbriefen zwar stark zeitversetzt, aber immerhin stattfindet, räumt auch Latzel ein, dass diese »gezwungenermaßen nur die eine Seite des Gesprächs vermitteln können«134. Außerdem handelt es sich bei Vernehmungsberichten und Prozessaussagen zwar um Kommunikation im reziproken Sinn, allerdings stellt sich hier die Gesprächssituation, also die Entstehungssituation der Quelle, als stark außergewöhnlich dar. Zum einen zeigt sich der Faktor der sozialen Erwünschtheit, das heißt die Tendenz, sich allgemein in sozialen Situationen entsprechend den Erwartungen oder den erwarteten Erwartungen anderer zu verhalten, als sehr stark, ja geradezu dominant. Zum anderen hängen teilweise das körperliche und psychische Wohlergehen wie auch die Zukunft der eigenen Person von solchen Vernehmungen oder Prozessen ab, so dass zumindest keine ungezwungene, freie Kommunikation möglich ist. Darüber hinaus ist diese Situation gespickt mit vielen fremden Inputs, etwa Fragen, die sich zweifellos verzerrend auswirken. Alle angeführten Quellen habe ich demzufolge, sofern sie zur Beantwortung ähnlicher mentalitätsgeschichtlicher Fragen dienen sollten, aus Mangel an überlieferter zeitgenössischer Kommunikation herangezogen. Dem pflichtet auch Latzel bei: »Das unaufhörliche ›Rattern‹ der ›Konversationsmaschine‹ produziert eine unendliche Menge an Gesprächsstoff, der sich meist sofort wieder verflüchtigt und unwiederbringlich verloren ist; nur in seltenen Fällen wird er aufbewahrt und kann damit zur Quelle werden.«135 Spielt Latzel damit zwar zu Recht auf die Feldpostbriefe als »seltener Fall« an, so trifft dies noch viel mehr auf die Abhörprotokolle zu, gerade im Hinblick auf den verwendeten Terminus »Gespräch«. Genau durch diese zentralen Charakteristika unterscheiden sich die Abhörprotokolle von den angeführten Quellengattungen: Sie sind Mitschnitte zeitgenössischer Gespräche, also einer reziproken Kommunikation, die weitestgehend ohne fremden Input verläuft.136 Gemäß der These, dass die Konstruktion sozialer Wirklichkeit in Form von Kommunikation stattfindet, verarbeiten die abgehörten Soldaten in diesen Gesprächen nicht nur das Erlebte. Sie reproduzieren und verändern darüber hinaus auf interaktive und intersubjektive Weise ihre Weltsicht. Somit bieten die Abhörprotokolle einen direkten Einblick in diesen Konstruktionsprozess und in die Mentalität der abgehörten Gruppe, also deut134 Latzel, Soldaten, S. 35. Oft liegt es schon allein daran, dass nur die Briefe des Soldaten beim Adressaten in der Heimat relativ sicher verwahrt werden konnten. Aus diesen Briefen ist der Inhalt der vorhergehenden Briefe kaum lückenlos zu erschließen. 135 Latzel, Soldaten, S. 130. 136 Als fremder Input sind hauptsächlich Medienberichte anzusehen, die den Gefangenen zugänglich gemacht wurden, sowie zumeist während der Verhöre erhaltene Informationen. Diese wirken allerdings nicht unmittelbar in der Gesprächssituation. Ausdrücklich nicht darunter fallen die von den Briten eingesetzten Spitzel, da diese für die Betroffenen – und das ist ja das entscheidende – nicht als solche ersichtlich waren.
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scher Soldaten des Zweiten Weltkriegs. Man blickt ungefiltert auf die zeitgenössische Verarbeitung und Deutung von Krieg und Diktatur, kann direkt an der noch im Entstehen begriffenen Konstruktion der zeitgenössischen Selbstwahrnehmung und Wahrnehmung der politischen und militärischen Lage teilhaben.137 In den britischen National Archives (London) lagern umfangreiche Aktenbestände des CSDIC (UK). 54 Ordner des Bestands WO/208 mit insgesamt 40.246 Seiten Abhörprotokollen habe ich für diese Untersuchung herangezogen.138 Diese 54 Ordner sind in fünf systematischen Ordnergruppen entsprechend den abgehörten Personen zusammengefasst. Die Akten sind in der Regel nach Teilstreitkräften getrennt. Die größte Gruppe bilden die Abhörprotokolle von Angehörigen der Luftwaffe. Sie umfassen 13.810 Seiten Abhörprotokolle in 19 Ordnern. Sie sind unter den Dokumentennummern SRA (»Listening Reports on Air Force Prisoners of War«) 1-5.855 verzeichnet und erstrecken sich von November 1939 bis Mai 1945. Nur unwesentlich weniger Seiten an Abhörprotokollen umfasst mit 12.596 in 17 Ordnern der Bestand an abgehörten Gesprächen von Angehörigen der Marine. Diese sind unter den Dokumentennummern SRN (»Listening Reports on Navy Prisoners of War«) 1-4.857 abgelegt und beginnen erst im Dezember 1939, enden aber ebenfalls im Mai 1945. In der dritten Ordnergruppe von fünf Ordnern sind auf 3.524 Seiten die Abhörprotokolle von Angehörigen des Heeres als SRM (»Listening Reports on Military Prisoners of War«) 1-1.263 archiviert, die erst nach deren Gefangennahme während des Frankreichfeldzugs im Mai 1940 erste Akten aufweist. Neben den nach Teilstreitkräften gegliederten Ordnergruppen enthält eine weitere in sieben Ordnern 5.435 Seiten Abhörprotokolle, in denen bewusst verschiedene Waffengattungen zum Austausch zusammengebracht wurden (SRX 1-2.141). Diese Protokolle beginnen im Dezember 1939 und enden rein formal erst im August 1945.139 Die fünfte Ordnergruppe besteht aus den abgehörten Gesprächen von deutschen Generälen und zumeist hohen Offizieren. Die 4.881 Seiten Abhörprotokolle, die als SRGG (»Listening Reports on Senior Officer Prisoners of War«) 1-1.273 verzeichnet sind, verteilen sich auf sechs Ordner und decken nur den Zeitraum Mai 1943 bis Juni 1945 ab. Vorher wurden die gefangenen Offiziere und Generäle nicht getrennt untergebracht, sondern mit Personen niedrigeren Dienstgrades ihrer jeweiligen Waffengattung gefangen gehalten und demzufolge auch abgehört. Erst als immer mehr höhere Dienstgrade eintrafen, wurde Trent Park im Lauf des Jahres 1942 zum Langzeitlager für Stabsoffiziere.140 Insgesamt sind 16.960 Abhörprotokolle von 10.195 deutschen Gefangenen erhal137 Vgl. Latzel, Soldaten, S. 129-132; Sellin, Mentalität, S. 582-591; Berger/Luckmann, Konstruktion, S. 21-29, S. 39-47. 138 Unter dem Bestand WO/208 finden sich zahlreiche weitere Ordner mit Abhörprotokollen und ähnlichem Material. Davon werden im Rahmen des Projekts zum Beispiel die Abhörprotokolle der italienischen Kriegsgefangenen ausgewertet. Allerdings erschöpft sich der Bestand an in Großbritannien abgehörten deutschen Soldaten weitgehend auf die 54 untersuchten Ordner. Die Dimension wird nochmals im Vergleich mit anderen Studien deutlich. Vgl. Hoffmann, Operation Epsilon, S. 53f. 139 Die Protokolle SRX 2140 und SRX 2141 aus dem Ordner WO/208-4164 datieren zwar auf Juni beziehungsweise August 1945, enthalten allerdings keinerlei relevante Information und sind überdies nur in Englisch vorhanden. SRX 2039 vom 28. April 1945 bildet das letzte reguläre Protokoll dieses Unterbestands. Diese Ordnergruppe wird nur exemplarisch für die Studie herangezogen und nicht ausführlich untersucht. 140 Vgl. Neitzel, Abgehört, S. 13-15. Dazu sind für den Zeitraum September 1943 bis Mai 1945 3.523 weitere Protokolle deutscher Generäle vorhanden, die allerdings keine abgehörten Gespräche im klassischen Sinne, sondern lediglich kurze Exzerpte aus den Gefangenenkonversationen enthalten, wodurch der Gesprächskon-
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