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Eckart Frantz (Hrsg.)

St. Josefs-Krankenhaus ­Potsdam Sanssouci 1862–2012 »Die Liebe Christi drängt uns«

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen.

© be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg 2012 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebra-wissenschaft.de Lektorat: Matthias Zimmermann, Berlin Satz: typegerecht berlin Umschlag: hawemannundmosch, Berlin Schrift: Swift 9,5 /14 pt Druck und Bindung: Bosch-Druck, Landshut ISBN 978-3-937233-94-9 www.bebra-wissenschaft.de

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

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Danksagung

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Manfred Gläser / Kristina Hübener / Michael Kindler / Falko Neininger / Wolfgang Rose

Die Gründungsphase 1861 bis 1892

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Jörg Kirschstein

Zwischen Kreuz und Krone: St. ­Josefs und das Haus Hohenzollern 

41

Wolfgang Rose

Die Jahrhundertwende 1892 bis 1918 /19

53

Wolfgang Rose

Die Weimarer Republik 1918 bis 1933

73

Eckart Frantz / Manfred Gläser / Michael Kindler / ­Wolfgang Rose

Der Nationalsozialismus 1933 bis 1945

89

Wolfgang Rose

Die SBZ und die DDR-Zeit 1945 bis 1990

135

Ralph Paschke

Die Baugeschichte: Das St. Josefs-Krankenhaus in Potsdam als Denkmal

175

Eckart Frantz

Die jüngere Vergangenheit 1987 bis 2012

191

Eckart Frantz

Die Zukunft des St. Josefs-Krankenhauses

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Anhang

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Daten zum quantitativen Leistungsgeschehen des St. Josefs-Krankenhauses

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Verzeichnis der leitenden Funktionsträger des St. Josefs-­Krankenhauses 1862 bis 2012

218

Verzeichnis der Einzeldarstellungen

221

Verzeichnis der Übersichten zum medizinischen Leistungsgeschehen im St. Josefs-Krankenhaus

221

Personen-, Orts- und Sachregister

222

Auswahlbibliografie

226

Autorenverzeichnis

230

Abbildungsnachweis

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Vorwort

Nach jedem Vierteljahrhundert seines Bestehens – mit Ausnahme des 50. Jubiläums 1912 – erschienen Chroniken des St. Josefs-Krankenhauses. Nach den vorhandenen Veröffentlichungen aus den Jahren 1886, 1937, 1962 und 1987 ist die vorliegende Darstellung die fünfte dieser Reihe. Die bisherigen Chroniken rechnen jeweils zurück zum 1. Mai 1862, dem Beginn des Wirkens der Schwestern vom Orden des Heiligen Karl Borromäus in Potsdam. Daneben verfügen wir über die Festschrift zum 25-jährigen Bestehen des St. Josephs-Krankenhauses von 1898, die sich auf das Datum der Einweihung des Krankenhauses am 11. Oktober 1872 bezieht, sowie über die Festschrift zur 50-jährigen Profess der Gründungsoberin des Hauses, Sr. M. Mechtilde Magnus, von 1907. Die Autoren und der Herausgeber des vorliegenden Buches sind sich bewusst, dass sie nach langer Zeit die ersten sind, die das Glück haben, außerhalb eines totalitären Regimes eine Chronik dieses Hauses verfassen zu können. Die Freiheit der Meinungsäußerung, unter der wir dieses schreiben, gibt uns die Möglichkeit, Sachverhalte und Bewertungen, die in früheren Darstellungen bereits anklingen, offen und klar zu kennzeichnen. Dabei steht an erster Stelle selbstverständlich die wissenschaftlich redliche Auseinandersetzung mit den Quellen, aus denen wir Belege für historische Sachverhalte entnehmen können. Dennoch sind wir in unserer Darstellung nicht völlig unabhängig von äußeren Bedingungen: Wir können nur die Dinge wiedergeben, über die uns Belege zur Verfügung stehen. Naturgemäß sind Quellen über weiter zurückliegende Sachverhalte rarer als Berichte aus jüngerer Vergangenheit. Mit dem Überwinden gleich zweier diktatorischer Systeme, die in unterschiedlicher Weise dafür gesorgt haben, dass nicht alle ihre Maßnahmen nachvollzogen werden können, aber auch durch den Verlust von Archiven infolge direkter Kriegseinwirkung ist das den Autoren zur Verfügung stehende Material durch vielfältige Umstände limitiert. Dennoch war zur Erstellung der vorliegenden Chronik noch eine Auswahl aus der Fülle des Vorhandenen zu treffen. Ein weiteres Spezifikum besteht in der Auswertung der Quellen für den Zeitabschnitt der DDR, der Wiedervereinigung und der Zeit nach der Wende. Wir haben die Geschehnisse ohne Akteneinsicht bei dem Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR rekonstruiert und dokumentiert. Es wird Aufgabe zukünftiger Darstellungen sein, auch diese

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Vorwort

Quelle zu sichten und dann aus größerer historischer Distanz abermals auszuwählen. »Caritas Christi urget nos« – die Liebe Christi drängt uns. Dieses Zitat aus dem 2. Brief des Paulus an die Korinther (5,14) haben die Alexianer in ihr Wappen aufgenommen, und es steht auch über diesem Buch. Es soll zum Ausdruck bringen, dass uns bei der Darstellung der Geschichte des Hauses neben der wissenschaftlichen Auswertung der Quellen und des zur Verfügung stehenden Materials vor allem eine Grundhaltung zum Schicksal der hier lebenden, versorgten und arbeitenden Menschen leitet. Das betrifft diejenigen, die als Patienten, Waisen, Schüler, behinderte und alte Menschen im St. Josefs-Haus behandelt, gepflegt, betreut und unterrichtet wurden, ebenso wie diejenigen, die als Ärzte, Schwestern, Pfleger, Lehrer, Betreuer und auch als Zwangsarbeiter im Haus gearbeitet haben. Unsere Grundhaltung zum Leben all dieser Menschen im St. Josefs-Haus ist der Respekt vor der oft schwierigen Lebenssituation, in der sich viele der Betreuten befunden haben, und der Respekt vor der aufopferungsvollen Arbeit, die die Betreuer unter zum Teil schwierigsten äußeren Bedingungen geleistet haben. Wir hoffen, dass dadurch eine für den Leser – ob er mit dem St. JosefsKrankenhaus bekannt ist oder noch nicht – interessante Lektüre entstanden ist, der er entnehmen kann, durch welche Höhen und Tiefen dieses 150 Jahre alte Haus und die Menschen, die in ihm gelebt haben, gegangen sind. Bedingt durch seinen Standort in Potsdam hat das Haus jede einschneidende politische und gesellschaftliche Entwicklung in 15 Jahrzehnten mit sichtbaren Spuren erlebt und erlitten, ohne auch nur einen einzigen Tag seinen Betrieb zu unterbrechen. Wir wollen mit dieser Chronik belegen, wie es den Mitarbeitern, darunter vor allem auch den Borromäerinnen, gelungen ist, ihre christlichen Werte in ihrer täglichen Arbeit wirken zu lassen.

Eckart Frantz

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Danksagung

Dieses Buch ist das Ergebnis einer umfangreichen und aufwendigen Zusammenarbeit von zahlreichen Menschen über einen langen Zeitraum. Im Folgenden seien diejenigen verzeichnet, die Beiträge geleistet haben, ohne die das Mosaik der Geschichte des St. Josefs-Krankenhauses größere Lücken aufweisen würde. An erster Stelle sind diejenigen Zeitzeugen aufzuführen, ohne deren lebhafte und erstaunlich präzise, den notwendigen Nachprüfungen in aller Regel standhaltenden Angaben, gerade auch aus den 1940er und 1950er Jahren, wir auf viele Informationen hätten verzichten müssen. Dieses sind Dr. Vera Bieg, Ingrid Boelens, Lieselotte Busch, Lieselotte van DongenSchildmann, Sr. Ulla Grobe, Dr. Robert Kindl, Sr. Pia Köhnke, Gabriele Pallat, Sr. Dolores Ritter, Dr. Johanna Schell, Ursula Schindler, Dr. Werner Schrank, Konstanze von Schulthess-Rechberg, Marie-Gabriele Schenk Gräfin von Stauffenberg, Georg Schenk Graf von Stauffenberg, Dr. Dieter Stolte und Sr. Renate Warthmann, geb. Becker. Dann gilt mein besonderer Dank den Mitautoren, an deren Spitze Dr. Kristina Hübener – neben ihrer wertvollen inhaltlichen Mitarbeit – eine unglaublich umsichtige Steuerung unserer Aktivitäten und die Einhaltung des Zeitplans besorgt hat. Wolfgang Rose hat mit bewundernswerter Übersicht den Löwenanteil der Chronik abgefasst. Unsere Arbeit wäre nicht so erfolgreich verlaufen, hätten wir nicht auf umfangreichste Vorarbeiten und eine umfassende Kenntnis der Kirchengemeinde und ihrer Einrichtungen in Potsdam, aber auch den allgemeingeschichtlichen Hintergrund der Chronisten der Kirchengemeinde, Michael Kindler und Dr. Manfred Gläser, zurückgreifen können. Jörg Kirschstein, Dr. Falko Neininger und Dr. Ralph Paschke haben dazu beigetragen, dass spezielle Aspekte dieser Chronik außerordentlich sachverständig abgehandelt werden. Zahlreiche sachkundige Autoren und Wissenschaftler haben geholfen, die Materie zu vervollständigen und Quellen zugänglich zu machen. Hier sind zu nennen Prof. Dr. Eberhardt Bassenge, Dr. Judith Hahn, Dr. Caroline M. Heiss, Dr. Silvia Kavcic, Hartmut Knitter, Dr.  Christoph Kösters, Dr. Simone Ladwig-Winters, Thomas Medicus, Dr.  Almuth Püschel, Prof. Dr. Joséf Pater, Dr. Ines Reich, Hans-Günter Richardi, Prof. Dr. Dian Schefold, Dr. Barbara Schüler, Gabriele Schuster, Andreas Statt, Markus Wicke mit dem Förderverein des Potsdam-Museums, der uns kräftig unterstützt hat, Dr. Joachim Zehner und Anne-Katrin Ziesak. Hilfreich wa-

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Danksagung

ren zahlreiche Mitarbeiter des Brandenburgischen Landeshauptarchivs, des Bundesarchivs, der Diözesanarchive in Berlin und Breslau, des Archivs des Caritas-Verbands in Freiburg, des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz, des International Tracking Service Bad Arolsen, des Zeitgeschichtsarchivs Pragser Wildsee und der Gesellschaft für deutsche Sprache. Besonders dankbar sind wir denjenigen aktiven und ehemaligen Mitarbeitern des St. Josefs-Krankenhauses, die uns spontan durch Hinweise, aber auch mit eigenem Material und Fotografien unterstützt haben – unter ihnen Andreas Eckeldt, Sr. Bernadette Gasch, Wiebke Lambeck, Sr. Kristiane Leutert, Georg Maus, Marianne Mooz, Achim Neuer, Birgit und Michael Schürmann – und denjenigen, die sich der formalen Prozedur eines strukturierten Interviews über ihre Mitarbeit im St. Josefs-Krankenhaus unterzogen. Dieses sind Pfarrer Gert Adler, Propst Klaus-Günter Müller, Dr. Franz Hofereiter, Wilfried Janiszewski, Dr. Andreas Rupprecht und Gerhardt Schigulski. Auch die eigene Mitarbeiterschaft hat in erheblichem Maße dazu beigetragen, dass der zeitliche Freiraum entstand, die Recherche-, Sammel- und Schreibarbeit neben der Kliniktätigkeit zu leisten. Hier sind die Oberärzte der Klinik für Innere Medizin Ingolf Amelung, Dr. Gesine Dörr, Dr. Michael Göner, Harriet Harder, Dr. Antje Kühne, Dr. Holger Langreck sowie Dr. Helga Steckeler zu verzeichnen, aber auch die unverzichtbaren Sekretärinnen Birgit Lenz und Angelika Scherlitzki. Auch von interessierten Potsdamern haben wir Hinweise und Material erhalten, in besonders großem Umfang von Manuela Buhl. Schließlich sei dem Krankenhausdirektorium und den Geschäftsführern Hartmut Hagmann, Adelheid Lanz, Reinhard Nieper, und Gerald Oestreich für ihre Unterstützung gedankt. Letzterer hat erst als Geschäftsführer und dann als Gesamtgeschäftsführer der Alexianer dem Projekt einen entscheidenden – und nicht zuletzt finanziellen – Anschub gegeben, der es uns schließlich realisieren ließ. Seitens des Verlags bedanken wir uns beim Verleger Ullrich Hopp sowie bei Dr. Robert Zagolla und dem Lektor, Matthias Zimmermann, für die immer freundliche, zielführende und problemlose Zusammenarbeit. Nicht zuletzt danken wir den ehemaligen und aktiven Mitarbeitern des St. Josefs-Krankenhauses und zahlreichen Mitgliedern der Kirchengemeinde St. Peter und Paul, deren großes Interesse uns in der schönen Arbeit an diesem Buch sehr stimuliert hat.

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Manfred Gläser / Kristina Hübener / Michael Kindler / ­Falko Neininger / Wolfgang Rose

Die Gründungsphase 1861 bis 1892

Am 10. Oktober 1860 übernahm Franz Xaver Beyer offiziell das Amt des katholischen Pfarrers in Potsdam. Die aufstrebende Residenz-, Garnison- und Beamtenstadt war neben der preußischen Hauptstadt Berlin die zweite Residenz der regierenden Hohenzollerndynastie. Rund 40.000 Einwohner (einschließlich Militär) bevölkerten die Stadt.1 Betrachtet man den bisherigen Lebensweg Pfr. Beyers, so war der Amtsantritt in Potsdam in mehrfacher Hinsicht ein großer Schritt, mit Blick sowohl auf die Residenzstadt Potsdam als auch auf die katholische Gemeinde. Der 34-jährige Beyer (geb. am 8. November 1826) entstammte einer oberschlesischen Bauernfamilie in Groß Neuendorf, Kreis Neiße. Hier besuchte er zunächst die Dorfschule. Im Alter von 13 Jahren wechselte der lebhafte und talentierte Junge an das katholische Gymnasium in Neiße. In dieser Zeit reifte in ihm der Wunsch, Theologie zu studieren. Der Aufenthalt im Priesterseminar, die letzte Vorbereitung auf das geistliche Amt, beendete nach drei Jahren sein akademisches Studium. Am 23. Juni 1851 empfing Franz Xaver Beyer aus den Händen des Kardinals Melchior von Diepenbrock im Hohen Dom zu Breslau das Sakrament der heiligen Priesterweihe. Nach Kaplansstellen auf dem Gut Matschdorf und bei den Ursulinen in Berlin siedelte er als neu ernannter Pfarrer am 10. November 1860 nach Potsdam über.

Pfarrer Franz Xaver Beyer, 1865.

Die Gemeinde in der Gewehrfabrik Seelsorge und Verwaltung der katholischen Gemeinde waren aus verschiedenen Gründen keine leichten Aufgaben. Die Katholiken in Potsdam befanden sich in der Diaspora. Seit 1539, als mit dem Erlass einer neuen Kirchenordnung die Reformation in Brandenburg offiziell eingeführt worden war,2 waren der Landesherr und damit – dem geltenden Recht zufolge – die Landeskirche protestantisch. Es vergingen fast 200 Jahre, ehe wieder eine katholische Gemeinde in Potsdam zugelassen wurde. Grund für die neue Toleranz gegenüber der anderen Konfession war die eng ineinander verflochtene Wirtschafts- und Militärpolitik des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. (des »Soldatenkönigs«). Um eine starke Armee aufzubauen, ließ er in ganz Europa Soldaten anwerben und war ebenso bestrebt, ausländische Handwerker an-

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Manfred Gläser / Kristina Hübener / Michael Kindler / ­Falko Neininger / Wolfgang Rose

M e dizinisch e s L e is t u ngsg e sch e h e n im S t . J o s e f s - K rank e nha u s

Gründungsphase 1862 bis 1892 D at u m

I nhalt

1866, 1870/71 Oft recht schwere Pflege der Verwundeten in den Reserve-»Lazarethen«. Es »entstand das ­Verlangen, daß die erprobte Tüchtigkeit der barmherzigen Schwestern in der ­Krankenpflege auch für die hiesige Civilbevölkerung verwendet und ein Krankenhaus unter Leitung der ­barmherzigen Schwestern am hiesigen Platze errichtet werde«. 1866 Choleraepidemie in Potsdam 1872 »Der erste Kranke war ›… der alte Hilgers, ein armer schwindsüchtiger Mann, und er blieb wochenlang der einzige, der sich meldete …‹.« 1885 Erster Operationssaal gebaut und am 15.12.1885 eingeweiht 1888 Pflege von Friedrich III. bis zu seinem Tod (durch Kehlkopfkarzinom) am 15. Juni 1888 durch die Borromäerinnen im Neuen Palais 1889 Eröffnung der Kinderstation 1891 Bericht über 294 Chloroform-Narkosen (siehe Abb. S. 60)

Ochsenkopfhaus, Haus des Direktors der Gewehrfabrik, ­dahinter: die Garnisonkirche, um 1880.

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zusiedeln, die die notwendige Ausrüstung und Bewaffnung seiner Truppen herstellen konnten. Zu diesen zählten auch katholische Büchsenmacher aus Lüttich, die ab 1722 in den Gewehrfabriken in Spandau und Potsdam arbeiteten.3 Als Bedingung für ihre Übersiedlung hatten sie für sich das Recht auf freie Religionsausübung gefordert und erhalten. Infolgedessen war 1723 auf Kosten der Krone eine kleine Kirche auf dem Gelände der Potsdamer Gewehrfabrik gebaut worden; der Seelsorger der neuen Gemeinde wurde ebenfalls vom König bezahlt.4 Kirchenrechtlich unterstand die Potsdamer Gemeinde dem Fürstbischof von Breslau. Die Breslauer Diözesan-Verwaltung hatte für die Angelegenheiten der Brandenburger Gemeinden eine so genannte Delegatur eingerichtet, deren Sitz in Berlin war. Als Pfr. Beyer 1860 nach Potsdam kam, umfasste die katholische Bevölkerung – die sich gleichwohl gegenüber der evangelischen Einwohnerschaft nach wie vor deutlich in der Minderheit befand  – bereits etwa 3.000 Personen.5 Zum Potsdamer Pfarrbezirk gehörten außerdem weitere 2.000 katholische Einwohner in annähernd 80 Dörfern sowie vier Kleinstädten, zu denen auch Werder und Ketzin zählten.6 Preußen war im Gefolge der napoleonischen Kriege um mehrheitlich katholische Provinzen im Westen Deutschlands gewachsen. Im Rahmen der Stein-Hardenbergschen Reformen zu Beginn des 19. Jahrhunderts war zudem das Recht auf Freizügigkeit für preußische Staatsbürger eingeräumt worden. Beide Voraussetzungen bewirkten einen verstärkten Zuzug von Katholiken, insbesondere in den Berliner Raum, der als politisches und Verwaltungszentrum der Monarchie besonders anziehend wirkte. Das Spektrum dieser Zuwanderer reichte von Angehörigen der Oberschicht, die in die königliche Hofgesellschaft und die Spitzen der staatlichen Verwaltung integriert wurden, bis zu katholischen Ziegeleiarbeitern, die sich in größerer Zahl in den an der Havel gelegenen Gemeinden ansiedelten. Von hier aus wurde mit Last-

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Die Gründungsphase 1861 bis 1892

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Ehemalige katholische Kirche mit Pfarrhaus auf dem Gelände der früheren Gewehrfabrik, vor 1870.

kähnen das dringend benötigte Baumaterial in die expandierenden Residenzstädte Berlin und Potsdam transportiert. Für die große und flächenmäßig ausgedehnte Potsdamer Gemeinde stand noch immer ausschließlich die 1739 anstelle des ersten Baues errichtete katholische Kirche auf dem Gelände der 1855 endgültig geschlossenen Gewehrfabrik zur Verfügung.7 Der schmucklose Fachwerkbau ohne Kirchturm und Glocken war nach mehr als 120 Jahren »stark baufällig geworden und genügte der inzwischen stark herangewachsenen Gemeinde längst nicht mehr«8. Die seit 65 Jahren geführten Verhandlungen über einen Kirchenneubau hatten noch immer kein Ergebnis erbracht.9 Pfr. Beyers Bestreben scheint es gewesen zu sein, in dem weitgehend evangelischen Umfeld ein »vollwertiges« Gemeindeleben zu entwickeln, das mit Liturgie, Verkündigung und Caritas alle Wesensäußerungen der katholischen Kirche umfasste. Zu den Zielen, die der als tatkräftig und unermüdlich beschriebene Pfarrer gleichzeitig verfolgte, gehörten deshalb der Neubau einer repräsentativen katholischen Kirche in Potsdam, die Durchführung von Gottesdiensten für die außerhalb Potsdams lebenden Gemeindemitglieder vor Ort bis hin zur Gründung einzelner Filialkirchen und schließlich die Errichtung eines karitativen Werkes.10 Letzteres war zunächst sehr eng an das Bestreben gekoppelt, die Bindung an die Kirche bei den Katholiken zu festigen, bei denen sie als gefährdet galt. Dies traf insbesondere auf die Familien der katholischen Ziegeleiarbeiter zu, die sich in einigen Havelgemeinden angesiedelt hatten. Hier wurde die Gefahr einer »religiösen Verwahrlosung« gesehen, da die Familien aufgrund ihrer Armut und wegen der zu großen Entfernung von Potsdam nicht in der Lage waren, ihren Kindern eine katholische Erziehung zu ermöglichen. Die Idee, sich um diese Kinder zu kümmern, war nicht neu. Schon­ Pfr. Beyers Amtsvorgänger, Pfr. Georg Schmale, hatte einen kleinen Fonds in Höhe von 930 Talern angesammelt, der dazu dienen sollte, ihnen die Teilnahme am Erstkommunionunterricht in Potsdam zu ermöglichen.11 Dazu wur-

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den den Kindern Unterkunft und Verpflegung in wechselnden Familien der Pfarrgemeinde bereitgestellt.12 Unter Pfr. Beyer wurde diese Praxis zunächst fortgesetzt, doch schon neun Monate nach seinem Amtsantritt ergab sich die Gelegenheit, ein anderes Betreuungsmodell zu verwirklichen, von dem man sich offenbar nachhaltigere Wirkungen versprach.

Die Gründung des Waisenhauses Als am 21. Juli 1861 in der Potsdamer katholischen Kirche ein Dankgottesdienst – anlässlich eines kurz zuvor missglückten Attentats auf den preußischen König Wilhelm I., den späteren Kaiser Wilhelm I. –  stattfand, verknüpfte Pfr. Beyer den Dank für die »Errettung« des Königs mit der Bitte um Spenden »zur Gründung eines Waisenhauses für die armen Kinder der hiesigen kath. Gemeinde«.13 Noch am selben Tag trat ein Komitee zusammen, das einen Aufruf zur Gründung eines katholischen Waisen- und Rettungshauses erließ.14 Das schnelle Zustandekommen einer organisatorischen Struktur deutet darauf hin, dass es bereits im Vorfeld Gespräche darüber zwischen den Beteiligten gegeben hatte. Offenbar war Pfr. Beyer der Ansicht, dass die kurzzeitigen Besuche der katholischen Arbeiterkinder in Potsdam nicht genügten, um ausreichend feste religiöse Bindungen herzustellen. Daher suchte er nach einer anderen Lösung. Die Idee eines Internats, in dem die Kinder langfristig untergebracht und im katholischen Sinne erzogen werden könnten, war naheliegend. Allerdings war abzusehen, dass eine solche Einrichtung in erster Linie auf großzügige Spenden angewiesen sein würde. Die Wahl der Bezeichnung »Waisen- und Rettungshaus« für das Projekt ist daher auch unter dem Aspekt zu sehen, dadurch eine größere Spendenbereitschaft zu mobilisieren. Denn die aufzunehmenden Kinder waren in der Regel eben nicht elternlose Waisen. Im übertragenen Sinne war sicher gemeint, dass sie in ihrem Lebensumfeld in Bezug auf die katholische Kirche »verwaist« waren. Im Übrigen knüpfte Pfr. Beyer mit dem Namen an bekannte Potsdamer Institutionen wie das Militärwaisenhaus und das Zivilwaisenhaus an. Auch der Rettungshausgedanke hatte bereits eine Tradition. Zu Beginn des Jahrhunderts waren, zunächst von evangelischen Kreisen ausgehend, die ersten Rettungshäuser entstanden, »in denen ausgesetzte, verwahrloste und verwaiste Kinder, für die kaum staatliche Hilfsangebote existierten, nach christlichen Grundsätzen erzogen wurden«15. Daraus war inzwischen eine tatkräftige Bewegung geworden, die auch im Bereich der katholischen Kirche wirkte.16 Näheren Aufschluss über die Verhältnisse, die zur Gründung des Waisenhauses führten, und Motive der damit befassten Personen und Institutionen gibt ein Schriftwechsel von 1862. Auf den Tag genau ein Jahr nach dem Dankgottesdienst und Gründungsaufruf für das Waisenhaus schrieb Pfr. Beyer an König Wilhelm I. mit der Bitte um Unterstützung für sein Projekt. Er berichtete dem König von den katholischen Ziegeleiarbeiterfamilien »an den Ufern der Havel […], deren Kinder oft in leiblichem und geistigem Elende verkommen«17. Die noch am selben Tag erteilte Anweisung Wilhelms an das Potsdamer Re-

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Krankenpflege durch Laien als ein Ursprung des katholischen St. Josefs-Krankenhauses »Was uns das Vertrauen und die Liebe der Potsdamer Bevölkerung erwarb, war besonders die ambulante Krankenpflege, besonders seit 1866 durch Sr. Joseph van Hauth. Sie pflegte auch die Kranken und die verwundeten Soldaten in den Kriegen 1864, 1866 und 1870/71. … Sie starb im Alter von 41 Jahren am 31. Juli 1877. R.I.P.!« Dieser Ausspruch der Gründungsoberin Mechtilde lässt das Gründungswerk des St. Josefs-Hauses verstehen. Die Schwestern halfen den Menschen in ihrer Not nach Kräften. Dabei konnten sie an verschiedene vorangegangene Hilfswerke anknüpfen. Es waren mehrere Laienvereingungen tätig: Die 1851 auch in Potsdam gegründeten Vinzenzbrüder, und kurze Zeit später auch ihr weiblicher Zweig, die Elisabethfrauen, kümmerten sich um bedürftige Mitmenschen. Seit nunmehr 161 Jahren leisten sie bis heute still und ­unauffällig ihren Dienst an den Bedürftigen in der Gemeinde. 1651 hatten sich im Kampf gegen die Pest im lothringischen Nancy einfache Bürgerfrauen an die Seite des ritterlichen Verwalters Lothringens, Joseph Chauvenell, gestellt. Sie gründeten 1679 die Genossenschaft (Kongregation) der Barmherzigen Schwestern vom hl. Karl Borromäus. Auch die Alexianerbrüder, die sich in den Gebieten um Köln, Aachen, Neuss und Antwerpen im 14. Jahrhundert sammelten, wuchsen zu einer großen Bruderschaft, um Arme, Kranke und Ausgestoßene zu pflegen,1 sie bis zum Tod zu begleiten und zu bestatten. Ihr Wirken stellten sie unter das Wort des Apostels Paulus: »Die Liebe Christi drängt uns« (2. Kor. 5,14). Sie wurden anders als Franziskaner, Dominikaner, Karmeliten und andere erst 1507 durch Papst Julius II. als Orden anerkannt. Sie blieben eine Bruderschaft und lebten selbst in Armut und – vor der Anerkennung als Orden – in großer Unsicherheit. Nur ihr tiefer Glaube und ihre einfache Lebensweise gaben ihnen die Kraft, auch in den Zeiten von

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Hungersnöten, Epidemien und Kriegen ihre aufopfernde Nächstenliebe in die Tat umzusetzen. Auch östlich der Elbe in der Mark Brandenburg bildeten sich die Elenden-Gilden, denen die Not ihrer Nachbarn nicht gleichgültig war. Die »Elenden« waren Menschen, die in der Fremde verarmt, obdach- und hilflos umherwanderten. Auch in Potsdam gab es, neben den Schützenund Handwerks-Gilden, eine Elenden-Gilde. Dies geht aus einer erhalten gebliebenen Urkunde des Jahres 1450 hervor. Nachdem um 1483 Claus von Schönow Stadthauptman in Potsdam geworden war, kam es 1486 durch Dr. Moritz von Schönow, der als Domherr in der Bischofsstadt Magdeburg lebte, zur Stiftung eines Hospitals mit einer dazugehörenden Kapelle, die am 5. Juni 1486 durch Bischof Joachim von Brandenburg bestätigt wurde.2 Das Hospital und die Kapelle wurden, wie viele Spitäler im Norden Deutschlands, der heiligen Gertrud geweiht. Das St. Gertrauden-Hospital in Potsdam befand sich in der Gegend von der heutigen Henning-von-Tresckow-Straße nahe der alten Pfarrkirche. Diese war später Katharinenkirche. Sie befand sich ungefähr an der Stelle der heutigen Nikolaikirche.3 Welchen Stellenwert die Liebestätigkeit der Elenden-Gilde in Potsdam hatte, wird deutlich an den Altären in der Pfarrkirche, CORPUS CHRISTI, SANCTI SPIRITUS, SANCTAE CRUCIS, und insbesondere EXULUM, dem Altar der Verbannten und Ausgestoßenen, der von ihr unterhalten und gepflegt wurde.4 Es fand sich also selbst in den »Stein gewordenen« Elementen der Pfarrkirche in Potsdam ein Beispiel für die Solidarität der Kirche und der Gläubigen mit den Verbannten und den Gescheiterten der Welt. Nach der Reformation ging die Bedeutung dieser kirchlichen Hospitalstiftung St. Gertraud stark zurück. Die Kapelle wurde schon 1546 abgebrochen.5 Es kam zu Brandstiftungen und 1662 brannte das Hospital vollständig nieder. mk/ef

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gierungspräsidium, ihm Bericht zu Pfr. Beyers Unterstützungsgesuch zu erstatten, löste umfangreiche Recherchen der Behörden aus.18 Die Angaben des Pfarrers wurden dabei bestätigt: In Werder, Glindow und Petzow gab es eine katholische Bevölkerungsminderheit, die insgesamt 263 Menschen umfasste, von denen die meisten aus dem Eichsfeld und eine größere Gruppe aus dem Fürstentum Lippe-Detmold stammten.19 Unter ihnen waren 59 Kinder.20 In verschiedenen Abteilungen der Potsdamer Regierung gab es unterschiedliche Auffassungen zu Pfr. Beyers Vorhaben. Während es von der offenbar vorrangig auf die Interessen der evangelischen Landeskirche achtenden Abteilung für die Kirchen und Schulen abgeleht wurde, gab die Abteilung des Innern eine positive Stellungnahme ab, ebenso der Potsdamer Polizeidirektor. Die Tatsache, dass es auch zahlreiche evangelische Kinder gebe, »für welche Fürsorge und Anstalten gleicher Art nöthig wären«, sei kein Grund, eine katholische Einrichtung abzulehnen. Im Übrigen sei es »die Hauptsache, die Kinder – deren Eltern in bitterster Armuth Tag für Tag der schwersten Beschäftigung obliegen, und sich daher um die Kinder nicht bekümmern können  – an Sitte und Ordnung sowie an einem geregelten Lebenswandel zu gewöhnen und sie dem unbeaufsichtigten Sichselbstüberlassensein und den daraus hervorgehenden üblen Folgen zu entziehen«.21 Letztlich setzte sich hier die moderne Idee vom weltanschaulich neutralen Staat gegen ältere Auffassungen durch, denn der Regierungspräsident übernahm die befürwortende Einschätzung in seinen Bericht an den König. Zugleich wird noch einmal deutlich, dass der Begriff »Waise« nicht im Sinne von Elternlosigkeit benutzt wurde, denn es ist davon auszugehen, dass – wenn überhaupt – nur wenige der katholischen Arbeiterkinder in den aufgezählten Gemeinden tatsächlich Waisen waren. Auch die Armut der Ziegeleiarbeiterfamilien war nicht der eigentliche Grund für Pfr. Beyers Initiative und die positive Resonanz in der Potsdamer Regierung. Sie war es nur mittelbar, weil befürchtet wurde, dass die dürftigen materiellen Verhältnisse zu einer Verwahrlosung der Kinder führen würden, die wiederum Konflikte mit der Gesellschaft und dem Staat hervorrufen könnte. Für Pfr. Beyer und seine Mitstreiter kam noch die kirchliche Komponente hinzu, dass wegen der relativ großen Entfernung zu den nächsten katholischen Einrichtungen die Gefahr bestand, die Kinder der Ziegeleiarbeiter als »Glieder« der Kirche zu verlieren.22

Die ersten Borromäerinnen Schon im Gründungsaufruf war die Absicht bekundet worden, das geplante Waisenhaus unter die Leitung katholischer Ordensschwestern zu stellen.23 Pfr. Beyer suchte daher im August 1861 Kontakt zum Orden der Borromäerinnen.24 Die Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Karl Borromäus war 1679 in Nancy in Lothringen gegründet worden; sie ist eine Genossenschaft von Ordensschwestern, die sich dem Lob Gottes und der Pflege der Kinder, der Alten, der Kranken, der Verwundeten und anderer Hilfloser widmen. Die Borromäerinnen berufen sich in ihrem Wirken auf den Mailän-

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Die Gründungsphase 1861 bis 1892

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Geburtsurkunde von Sr. Mech­tilde Magnus, Kastellaun, 4. April 1830.

der Erzbischof Karl Borromäus (1538–1584), der sich um die Pflege und seelsorgerische Betreuung Pestkranker verdient gemacht hatte. Nach ihrer Gründung wuchs die Schwesterngemeinschaft schnell weltweit. Niederlassungen gab es bald in Frankreich, Deutschland, Belgien, Holland, Österreich, Italien, Tschechien, Polen, Luxemburg, Palästina, Vietnam, Ägypten, der Schweiz und den Vereinigten Staaten von Amerika. Im Jahre 1811 kamen die Borromäerinnen nach Trier, wo seit 1849 ein deutsches Mutterhaus für zahlreiche weitere Niederlassungen in Deutschland entstand. 1872 wurde Trier der Sitz einer Generaloberin. Von hier erhielt Pfr. Beyer schließlich die Zusage, dass im Frühjahr 1862 Schwestern zur Leitung des Waisenhauses nach Potsdam entsandt würden. Die Standortfrage der neuen Einrichtung wurde durch die Anmietung leer stehender Räume in der ehemaligen Gewehrfabrik gelöst. Das hatte den Vorteil, dass sich sowohl das katholische Kirchengebäude als auch die Pfarrwohnung in unmittelbarer Nähe befanden.25 Da bereits einige Eltern aus der Potsdamer Umgebung Bedarf zur Unterbringung ihrer Kinder angemeldet hatten, wurde der Betrieb des Waisenhauses schon am 4. November 1861 eröffnet, wobei zunächst Luise Beyer, die Schwester des Pfarrers, die Betreuung übernahm.26 Am 1. Mai 1862 trafen mit Sr. Mechtilde Magnus, Sr. Wilhelmine Hübner und Sr. Augusta Wiersba die drei ersten Borromäerinnen in Potsdam ein. Die damals 32-jährige Sr. Mechtilde Magnus (geb. am 4. April 1830 in Kastellaun im Hunsrück) sollte fast ein halbes Jahrhundert als Oberin in Potsdam wirken. Sie war nach ihrem Eintritt bei den Borromäe­rinnen und einer Ausbildung als Lehrerin mit staatlicher Abschlussprüfung zunächst als junge Ordensfrau

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Titelblatt der ­Chronik der »Nancy-Trierer-Borromäerinnen«, 1899.

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in Steinfeld/Eifel eingesetzt worden. Im Oktober 1856 war der Kongregation der Borromäerinnen von der Regierung die königliche Erziehungsanstalt zu Steinfeld in der Eifel übertragen worden. Die junge Sr. Mechtilde legte am 29. September 1857 die Ewigen Gelübde ab. Die ersten Jahre ihres Ordenslebens verbrachte sie unter Leitung der Oberin Maria Ulrich. Hier erhielt sie vielfältige Einblicke in übergeordnete Bereiche – eine gute Schule für ihre zukünftigen Aufgaben. Als 1859 die Oberin Maria aus Steinfeld abberufen wurde, um im Mutterhaus in Trier als Novizenmeisterin zu arbeiten, befand man die noch sehr junge Sr. Mechtilde für befähigt genug, das Amt der Oberin auszufüllen, in das man sie schließlich berief. Nach kurzer Zeit hatte sie sich das Vertrauen sowohl der königlichen Regierung als auch der Generaloberin Xaveria Rudler erworben, sodass sie schon drei Jahre später für das Amt der Oberin in Potsdam ausgewählt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war die Zahl der hier untergebrachten Kinder von anfangs vier auf sieben angewachsen.27 Die Umstände, unter denen die Ordensschwestern ihre Tätigkeit aufnahmen, schienen zunächst nicht sehr günstig: Die gemieteten Räume waren nur spärlich eingerichtet. Es gab Nachbarschaftsstreit mit Mietern, die in der oberen Etage der ehemaligen Gewehrfabrik wohnten. Der im protestantischen Potsdam ungewohnte Anblick der Schwestern in Ordenstracht ließ sie zu bevorzugten Zielen der in der Bevölkerung verbreiteten antikatholischen Ressentiments werden.28 Die Finanzierung des Waisenhauses im ersten Jahr seines Bestehens erfolgte im Wesentlichen durch Spenden. So brachten die Potsdamer Katholiken in diesem Zeitraum für das Projekt eine Summe von 1.536 Talern auf. Ergänzt wurden diese Einnahmen durch die 200 Taler Jahresgehalt von Sr. Mechtilde Magnus, die ihr als Lehrerin an der katholischen Elementarschule von der Potsdamer Regierung gezahlt wurden. Zwei Monate nach ihrem Eintreffen in Potsdam hatte sie begonnen, die 94 Jungen und Mädchen der untersten Klasse zu unterrichten.29 In den folgenden Jahren wurden die Schulklassen nach dem Geschlecht getrennt und zwei weitere Schwestern übernahmen Stunden in den Mädchenklassen, die ab 1864 auf das Gelände der Gewehrfabrik verlegt wurden. Im Juli 1865 kam es zu einer vertraglichen Regelung mit der Stadt Potsdam, die die Trägerschaft über die Schule von der katholischen Gemeinde übernahm und den Borromäerinnen die Leitung der dreiklassigen »katholischen ElementarTöchterschule« übertrug.30 Die Lehrtätigkeit der Schwestern wurde von der Stadt auch deshalb geschätzt, weil sie ein geringeres Gehalt als sogenannte weltliche Lehrerinnen bekamen.31 Trotzdem waren die Lehre­rinnengehälter, die die Schwestern nicht für sich behielten, eine wichtige Finanzierungsquelle des Waisenhauses. Bis 1872 waren sie mit einem Anteil von etwa 20 Prozent der drittgrößte Einnahmeposten für das St. Josefs-Haus nach Spenden und Beiträgen.32 Im Verlauf des ersten Jahres der Tätigkeit der Borromäerinnen stieg die Zahl der im Waisenhaus untergebrachten Kinder auf 29; insgesamt hatte es seit der Gründung 46 Aufnahmen und 16 Entlassungen gegeben, ein Kind war gestorben.33 Für die folgenden Jahre sind keine Belegungszahlen des Wai-

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Situationsplan von ­Sanssouci, 1844. Erkennbar sind die Bebauung der Grundstücke Zimmerstraße 3 bis 7 und als gestrichelte Linie der Verlauf der heute denkmalgeschützten Wasserleitung auf den Ruinenberg, die durch das Grundstück Zimmerstraße 6/7 verläuft.

senhauses überliefert. Es ist jedoch von einem stetigen Wachstum auszugehen – 1868 befanden sich bereits 47 Kinder gleichzeitig in der Betreuung der Schwestern.34

Umzug in die Zimmerstraße Ab Mitte der 1860er Jahre wirkten die Bedürfnisse des in der Garnisonstadt Potsdam traditionell stark präsenten Militärs als Impulse für eine rasche bauliche Entwicklung der katholischen Institutionen. Die ehemalige Gewehrfabrik, die Eigentum des preußischen Staates war, sollte zu einer Kaserne für

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Grundsteinlegung der neuen katholischen Kirche auf dem Bassinplatz, 1867.

das 1. Garde-Infanterie-Regiment ausgebaut werden. Infolgedessen mussten neue Standorte sowohl für das Kirchengebäude der katholischen Gemeinde als auch für das Pfarrhaus, die katholische Mädchenschule und nicht zuletzt das Waisenhaus gefunden werden. Ein neues Pfarrhaus stand ab 1869 in der Charlottenstraße 54 und 54a zur Verfügung. In den Seitenflügel dieses Gebäudes zog auch die Mädchenschule ein und ab dem 1. Juli desselben Jahres eröffnete dort außerdem eine Kleinkinderbewahranstalt (Kindergarten) unter Leitung einer Ordensschwester. Die neue katholische Kirche St. Peter und Paul auf dem Bassinplatz konnte nach dreijähriger Bauzeit am 7. August 1870 geweiht werden.35 Als erste Institution verließ jedoch das Waisenhaus die Räume in der alten Gewehrfabrik. Bereits am 29. September 1866 war für 13.000 Taler ein Grundstück in der Zimmerstraße 3 und 4 erworben worden, um hier ein neues Domizil für die zu betreuenden Kinder und die Borromäerinnen zu errichten. Der ehemalige Holzbearbeitungsplatz musste aufwendig von einer einen halben Meter dicken Schicht Holzabfälle befreit werden, ehe am 24. September 1867 mit dem Bau des neuen Waisenhauses nach einem Entwurf des Hofbaumeisters Ernst Petzholtz (siehe Einzeldarstellung S. 178) begonnen werden konnte.36 Im darauffolgenden Jahr, am 15. Oktober 1868, erfolgte die Einweihung des neuen Gebäudes. Zweifellos brachte der Umzug eine wesentliche Verbesserung der Lebensbedingungen für die Kinder und ihre Betreuerinnen mit sich. Statt der engen und als »düster« beschriebenen Räume in der Gewehrfabrik gab es nun größere und hellere Zimmer und Säle. Zudem war das Haus auf dem mehr als 6.000 Quadratmeter großen Grundstück von einem großen Garten umgeben, und die öffentlich zugänglichen königlichen Parkanlagen von Sanssouci lagen direkt »vor der Haustür«. Neben den 47 betreuten Kindern lebten zehn Ordensschwestern und drei junge Frauen, die als Aushilfen in der ambulanten Krankenpflege und in der Anstaltswirtschaft tätig waren, im neuen St. Josefs-Haus.37

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Kinder sehr unterschiedlichen Alters in der Tracht des Waisenhauses, Ende der 1920er Jahre.

Mit dem Grundstückserwerb und Neubau am Eingang des Parks Sanssouci entstanden gute Voraussetzungen, um über das Thema Krankenpflege grundlegend nachzudenken, das seit geraumer Zeit für das karitative Wirken der Borromäerinnen in Potsdam Bedeutung hatte. Schon bald nach ihrer Ankunft in der Stadt hatten die Schwestern mit der ambulanten Betreuung von Kranken begonnen und damit die ursprüngliche Aufgabe ihres Ordens aufgegriffen.38 Während des preußisch-österreichischen Krieges von 1866 wurde ihre Pflegetätigkeit auch in den Reservelazaretten, die für verwundete Soldaten in Potsdam eingerichtet worden waren, »im Anfange mit gewissem Widerstreben zugelassen«39. Aufbauend auf dieser krankenpflegerischen Praxis soll Pfr. Beyer schon im Zusammenhang mit dem Grundstückskauf von 1866 die Idee »von einem zusammenhängenden Anstaltsgebäude für Knaben- und Mädchen-Waisenhaus, für Krankenhaus und einer Kapelle« gehabt haben, ein Plan, der »als zu weitgehend und wegen der hohen Kosten vom Herrn Fürst­ bischof von Breslau nicht genehmigt« wurde.40 Das Kostenargument gegen dieses Vorhaben war nicht unberechtigt: Schon der tatsächlich errichtete Neubau des Waisenhauses hatte 16.853 Taler gekostet, eine Summe, über die die Potsdamer katholische Gemeinde nicht verfügte. Deshalb wurde auf das Grundstück in der Zimmerstraße eine Hypothek in Höhe von 16.725 Talern aufgenommen. Hinzu kam noch eine Restschuld von 6.000 Talern für den Grundstückskauf.41 Im Ganzen hatte das Projekt bisher also fast 30.000 Taler gekostet, wovon der größte Teil noch als nicht abgezahlter Kredit auf der Gemeinde lastete. Der Bau einer größeren Anstalt hätte die Schulden weiter in die Höhe getrieben. Der Einwand, Pfr. Beyers Vorstellungen seien »zu weitgehend«, bezog sich indes möglicherweise darauf, dass der zu diesem Zeitpunkt bereits geplante, fast gleichzeitige Neubau von drei katholischen Institutionen in der Stadt als Expansion des Katholizismus wahrgenommen werden und entsprechende Widerstände in der evangelischen Mehrheitsgesellschaft hervorrufen könnte. Die Gründung

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eines neuen katholischen Krankenhauses würde solchen Voreingenommenheiten vermutlich neue Nahrung geben. Tatsächlich bestätigte sich diese Annahme später.

Die Gründung des Krankenhauses

Gottesdienstliche Feier für das im ganzen Land angeordnete Friedens- und Dankfest, hier die Ankündigung für Landsberg (Warthe), 18. Juni 1871.

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Doch die Pläne für eine Erweiterung der Aufgaben des St. Josefs-Hauses wurden nicht endgültig ad acta gelegt. Pfr. Beyer wartete ab und nutzte die nächste günstige Gelegenheit, um sie wieder aus der Schublade zu holen. Diese Gelegenheit bot der siegreich beendete Krieg von 1870/71 gegen Frankreich, der zur Gründung des deutschen Kaiserreiches am 18. Januar 1871 in Versailles geführt hatte. Auch in diesem Krieg hatten die Potsdamer Borromäerinnen verwundete Soldaten gepflegt, sowohl in den Reservelazaretten in der Stadt als auch direkt an der Front.42 Pfr. Beyer hielt die Festpredigt zum Friedensund Dank-Fest am 18. Juni 1871, fünf Tage nachdem Wilhelm I. als neuer deutscher Kaiser an der Spitze der Potsdamer Garnison in der Residenz eingezogen war.43 Im neuen Gotteshaus seiner Gemeinde empfahl der Pfarrer »die schon früher geplante Gründung eines Krankenhauses«44. Noch am selben Tag traten die Ortsgeistlichen, Kirchenvorsteher und einige weitere Persönlichkeiten der katholischen Pfarrgemeinde zu einem Komitee zusammen, »um die Gründung eines Krankenhauses […] zu erstreben«45. Erkennbar wird dasselbe Muster wie bei der Gründung des Waisenhauses zehn Jahre zuvor: Wieder verknüpfte Pfr. Beyer bedeutende nationale Ereignisse mit dem Aufruf zu einem karitativen Projekt. Und abermals bildete sich unmittelbar danach eine Organisationsstruktur, um das Vorhaben auf den Weg zu bringen, was auf eine längere Vorbereitungsphase hindeutet. Zur Begründung führte Pfr. Beyer wenig später aus: »Viele Personen verschiedener Stände und Confessionen, welche Gelegenheit hatten, die Thätigkeit der barmherzigen Schwestern in der Krankenpflege zu beobachten, haben deshalb wiederholt den Wunsch ausgesprochen, ein beständiges [Hervorhebung im Original, d. Verf.] Krankenhaus unter Leitung von barmherzigen Schwestern für Kranke ohne Unterschied der Confessionen im hiesigen Orte zu besitzen, zumal bei der wachsenden Bevölkerung die hierselbst bestehenden Krankenhäuser oft überfüllt sind.«46 In dieser Darstellung erscheint der Entschluss, ein Krankenhaus zu gründen, als Antwort auf ein vorhandenes Bedürfnis in der Stadt. Dies entsprach sicher den Tatsachen, dürfte aber nicht die alleinige Ursache gewesen sein, ein solches Unternehmen ins Leben zu rufen. Vielmehr dürften auch die Festigung des katholischen Gemeindelebens, die Außenwirkung der Kirche und eventuell sogar legitime wirtschaftliche Erwägungen eine Rolle gespielt haben. Die Kirche war für die Menschen der damaligen Zeit ein wichtiges Stück Heimat und stellte eine Verbindung zu ihren Angehörigen in ihren Heimatorten und ihren verstorbenen Vorfahren dar. Es wurden in der heiligen Messe die gleichen Lieder gesungen, die gleichen Gebete, und das gleiche Glaubensbekenntnis gesprochen. So bildeten alle Gläubigen, ob in Schlesien, Ostpreußen, Potsdam oder Pommern, eine große

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Einrichtungen des St. JosefsHauses 1861–2012; * Einrichtungen der Gemeinde St. Peter und Paul; schraffiert: Einrichtung von anderem Träger betrieben.

Gemeinde. Deshalb war die menschliche und seelsorgerische Zuwendung zu den in der Fremde verstreuten Menschen so wichtig. Ob Pfr. Beyer und die Schwestern von Anfang an den Plan verfolgten, die Kirchengemeinde durch die Institutionalisierung eines Krankenhauses zu stabilisieren, oder ob sie vielmehr aus der konkreten Hilfe für Waisen, Arme und Kranke den jeweils nächsten Schritt ableiteten, soll hier dahinstehen. Ein Auslöser des Wunsches nach einer dauerhaften medizinischen Einrichtung waren sicher auch »die großen persönlichen Opfer«47, unter denen die Schwestern die ambulante Krankenpflege erbringen mussten. Durch ein Krankenhaus würde dieses Betätigungsfeld eine institutionelle Basis erhalten und die Borromäerinnen würden einen weiteren festen Ort in der Stadt gewinnen, der ihre nach wie vor prekäre Präsenz in der mehrheitlich protestantischen Umgebung verstetigen könnte. Das Ziel, den Katholiken Potsdams einen anerkannten Platz in der Mehrheitsgesellschaft zu verschaffen, spricht aus der wiederholten und formelhaft gebrauchten Wendung, man wolle ein »Krankenhaus für Kranke ohne Unterschied der Konfessionen«. Das war einerseits pragmatisch, denn allein durch die Betreuung katholischer Kranker würde sich eine solche Institution nicht halten können. Andererseits bot diese Offenheit für alle Einwohner der Stadt natürlich eine exzellente Möglichkeit, Anerkennung zu erwerben. Das war angesichts des nach wie vor tief verwurzelten Misstrauens gegenüber der katholischen Kirche in der evangelischen Bevölkerungsmehrheit und der beginnenden Auseinandersetzung zwischen preußischem Staat und katholischer Kirche, die unter dem Begriff »Kulturkampf« bekannt ist, ein Gebot der Stunde. Schon relativ bald nach der Jubelfeier von 1871 wurde auch die Potsdamer Gemeinde von den Auswirkungen des Kulturkampfes betroffen.48 So musste Pfr. Beyer beispielsweise im Jahresbericht des St. Josefs-Hauses für 1872 ankündigen, dass die Borromäerinnen ihre Lehrtätigkeit an der katholischen Mädchenschule auf Geheiß der Behörden einzustellen hatten.49 1871 eröffnete sich wahrscheinlich für mehrere Jahre die letzte Möglichkeit, das Projekt eines katholischen Krankenhauses auf den Weg zu bringen. Ohne die

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Ehemalige Katholische Schule, Am Kanal 38.

Peter Joseph Lenné, um 1865.

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Schwierigkeiten der kommenden Zeit im Einzelnen vorauszusehen, bewies Pfr. Beyer Gespür für den richtigen Moment. Zutreffend war auch seine Einschätzung der aktuellen Situation der Krankenversorgung in der Stadt Potsdam. Mit den »bestehenden Krankenhäusern« war zunächst das städtische Krankenhaus gemeint, das sich im Laufe des 19. Jahrhunderts aus dem Armen- und Arbeitshaus heraus entwickelt hatte.50 Weiterhin gab es noch die von der Stadt verwaltete Eisenhart’sche Heilanstalt für bemittelte Bürger.51 Für die etwa 38.500 zivilen Einwohner Potsdams standen in beiden Häusern weniger als 200 Betten zur Verfügung.52 Die Beurteilung der Leistungsfähigkeit und der Grenzen dieser Einrichtungen dürfte für den Entschluss, ein weiteres Krankenhaus – neben und in Konkurrenz zu ihnen – zu gründen, eine maßgebliche Rolle gespielt haben. Lebensfähig war das Projekt nur, wenn es eine Versorgungs­lücke gab, die es ausfüllen konnte. Diese wurde offenbar bei dem Teil der Bevölkerung gesehen, der sich die Behandlung im Eisenhardtschen Krankenhaus nicht leisten konnte, andererseits aber wegen der Verbindung des städtischen Krankenhauses zum Armenhaus Vorbehalte hatte, dieses zu nutzen.53 Damit ist nicht zuletzt der wirtschaftliche Aspekt der Unternehmung angesprochen. Denn es war klar, dass sich die Schuldenlast der Hypothek auf Gebäude und Grundstück allein durch den Betrieb des Rettungs- und Waisenhauses nicht verringern ließ. Die Jahresbilanz der Einrichtung schloss in der Regel mit einer »schwarzen Null«.54 Dass sie nicht in die Verlustzone rutschte, verdankte sie in erster Linie Spenden und den Lehrerinnengehältern der Borromäerinnen, die in den Haushalt eingingen. Tatsächlich war die Bereitschaft, das Haus finanziell zu unterstützen, immer sehr groß gewesen und umfasste alle Schichten der katholischen Bevölkerung. So hatten etwa der Generaldirektor der königlichen Gärten, Peter Joseph Lenné, und weitere wohlhabende Personen nicht selten in akuten Notlagen durch Großspenden den Betrieb der Anstalt gesichert. Aber auch die kleinen Beträge von ärmeren

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»Bedingungen zur Aufnahme in die Eisenhart’sche Heil-Anstalt«, 1847.

Gemeindemitgliedern trugen erheblich zu den Einnahmen bei.55 Doch für die Abtragung der Schulden reichten die Spenden nicht aus, abgesehen davon, dass ein gleichmäßiger Zufluss von Geldmitteln aus dieser Finanzierungsquelle nicht garantiert werden konnte. Ein Krankenhausbetrieb versprach eine größere Sicherheit der Einnahmen, da die Patienten für ihren Aufenthalt Beiträge zu zahlen hatten. Wahrscheinlich wurde auch mit einem kleinen, aber kalkulierbaren Überschuss gerechnet. Die geplante Diversifizierung des Aufgabenspektrums für das St. JosefsHaus musste aber zunächst ohne weitere Investitionen realisiert werden, weil eine noch höhere Verschuldung kaum tragbar gewesen wäre und ein Erfolg des Krankenhauses keineswegs sicher war.56 Nach längeren Beratungen zwischen dem Kirchenvorstand und dem Baukomitee – in deren Verlauf auch Entwurfszeichnungen des Kölner Dombaumeisters Vincenz Statz für einen Krankenhausneubau diskutiert und wegen der Kosten als nicht realisierbar verworfen wurden  – beschloss man deshalb, den vorhandenen Gebäudebestand auszunutzen. Außer dem Neubau von 1868 gehörten zum Waisenhausgrundstück auch zwei Wohnhäuser, die bislang vermietet waren. Das Haus in der Zimmerstraße 4 nahm nunmehr auf Vorschlag der Oberin die Wohnund Schlafzimmer der Waisenhauskinder auf, während die frei werdenden Räume im bisherigen Waisenhaus als Krankenzimmer eingerichtet wurden. Unverändert sollten die dortigen Räume bleiben, die als Schwesternwohnungen, für den Gottesdienst und die Anstaltswirtschaft genutzt wurden. Aus medizini­scher Sicht wurden diese Pläne vom Hausarzt des Waisenhauses, Dr. Gielen, gutgeheißen, und auch die notwendigen Genehmigungen der zu-

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Hospital – Armenlazarett – städtisches Krankenhaus: Pflege- und Krankenanstalten in Potsdam bis Mitte des 19. Jahrhunderts Die Vorgeschichte moderner Krankenhäuser reicht bis zu den mittelalterlichen Hospitälern zurück, die zur Grundausstattung der Städte gehörten. Potsdam erhielt erst spät ein Hospital.1 Um 1486 erwarb Dr. Moritz von Schönow, Domkanoniker und Domkantor von Magdeburg, Gelände vor der Stadt, ließ darauf ein Hospital mit Kapelle errichten und stattet es mit Einkünften zum Unterhalt der Insassen und eines Priesters aus.2 Die Familie von Schönow war damals in Golm und im weiteren Umland begütert und besaß die Pfandherrschaft über Burg und Stadt Potsdam.3 Im Hospital fanden vor allem »Pauperes«, bedürftige und gebrechliche Einwohner von Potsdam und umliegenden Orten, Aufnahme. Die Krankenpflege spielte noch eine untergeordnete Rolle. Das Hospital wurde mehrmals von Feuern zerstört. 1679 baute man es an einem neuen Standort vor dem Berliner Tor wieder auf. Das erste kleine Krankenhaus Potsdams entstand 1737 jenseits der Havel auf eine für Potsdam typische Weise: König Friedrich Wilhelm I. sorgte sich um seine geliebten Soldaten, die damals in Bürgerquartieren in der Stadt untergebracht waren. Um sie nicht in Gefahr zu bringen, sollten arme Potsdamer Einwohner mit fiebrigen und ansteckenden Krankheiten außerhalb der Stadt versorgt werden.4 1773/74 ließ König Friedrich II. auf dem Gelände des Hospitals vor dem Berliner Tor ein großes neues Gebäude errichten, das als Hospital, Armen- und Arbeitshaus und Bürger-Lazarett dienen sollte. Im Bürger-Lazarett sollten »nicht nur dürftige Krancke Bürger und Bürgerinnen und andre Einwohner der Stadt und Vorstädte, mit allen Bedürfnißen versorgt, sondern auch durch den Stadt-Phisicus und Chirurgus ohnentgeldlich curirt werden«5. 1796 wurden die Kranken aus dem Armenhaus in einen Erweiterungsbau verlegt, der heute noch steht und zum Klinikum Ernst von Bergmann gehört.6 Eine neue »Instruction über die Krankenpflege der hie-

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Grabstein der Eltern von Moritz von Schönow, Claus von Schönow († 1449) und Margarethe, in der Kirche von Golm.

sigen Armen« von 1818 regelte die Aufgaben und Zuständigkeiten von Armenarzt, Chirurgus und Lazarettwärter ausführlich, so z. B. die Ausstattung der Patienten mit Krankenhausbekleidung und die Führung eines Krankenjournals. Als Grundsatz galt weiterhin: »Die Kranken werden nach Bewandniß der Umstände in dem Armenlazareth oder in ihren Wohnungen ärztlich behandelt; in der Regel aber in den Wohnungen, und nur bei schweren Krankheiten, oder wenn es den Kranken an Wartung und

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Lageplan der städtischen Anstalten an der Neuen Königs-Straße (heute Berliner Straße), um 1900.

Pflege fehlen würde, im Lazareth.«7 Nach langer Planung entstand 1848 bis 1852 ein Krankenhausneubau8 gegenüber dem längst unzureichenden alten Gebäude. Da die hierfür von König Friedrich Wilhelms IV. gewährten Mittel knapp bemessen waren, reduzierte sich die Zahl der entsprechend dem Bedarf vorgesehenen 180 Betten auf 132 Betten und bis zu zehn Reservebetten.9 Trotz des Neubaus blieb das Haus ein Armenkrankenhaus, in das man sich nur im Notfall be-

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gab. Im Januar 1853 erhielt es gemäß dem Wunsch des Königs die ersten zwei Diakonissen aus dem Dia­konissenkrankenhauses Bethanien in Berlin zur Pflege der Frauen und Kinder.10 Erst 1881 wurde das städtische Krankenhaus völlig vom Armenhaus getrennt. Die Zuständigkeit für die interne Hausverwaltung und die Pflege in allen Abteilungen wurde jetzt gänzlich von Diakonissen aus Bethanien übernommen – ein Prozess, der nicht fn reibungslos verlief.11

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Städtisches Armenhaus, um 1930.

ständigen staatlichen Behörden wurden bis Mai 1872 eingeholt.57 Zudem hielten sich die Kosten für die beabsichtigten Veränderungen in einem Rahmen, der von der Gemeinde zu bewältigen war. Der Ausfall der bisherigen Mieten aus der Zimmerstraße 4 in Höhe von 500 Talern jährlich konnte durch ein Vermächtnis ausgeglichen werden, das dem St. Josefs-Haus die Zinsen eines in »Amerikanischen Eisenbahnpapieren« angelegten Kapitals zusprach. Deshalb mussten nur noch Mittel für die Umbaumaßnahmen und die Einrichtung der Krankenzimmer aufgebracht werden,58 was man durch eine besondere Kollekte zu erreichen hoffte. Im Jahresbericht für 1872 bemerkt Pfr. ­Beyer dazu: »Mit großem Danke erkenne ich an, daß bei der von Sr. Excellenz dem Ober-Präsidenten der Provinz Brandenburg, […] Herrn von Jagow, unter dem 29. April cr. gnädigst bewilligten Haus-Collecte bei den kath. Haushaltungen hiesiger Stadt, die kath. Gemeinde mit Freuden und nach Kräften beigesteuert hat, so daß ein großer Theil der Einrichtungskosten dadurch gedeckt werden konnte; es bleibt indeß immerhin ein nicht unbedeutender Rest […].«59 Das Zitat reflektiert die Spannungen des beginnenden Kulturkampfes. Ursprünglich war die Spendensammlung wohl konfessionsübergreifend geplant worden. Das bisherige Wirken der Borromäerinen in Potsdam hatte zum Abbau von Vorurteilen beigetragen, sodass man hoffen konnte, Zuwendungen für das Krankenhausprojekt auch von nichtkatholischen Personen zu erhalten. Doch der eskalierende Konflikt zwischen dem preußischen Staat und der katholischen Kirche behinderte das Vorhaben; und die Schwierigkeiten verschärften sich sogar noch: Nachdem am 18. Mai 1872 im Potsdamer Intelligenzblatt ein Aufruf für die beabsichtigte Kollekte erschienen war, der mit der bisherigen, Konfessionsgrenzen überschreitenden Pflegetätigkeit der Schwestern und mit dem vorhandenen Bedarf an Krankenhausplätzen argumentierte, formierte sich Widerstand unter den lokalen Würdenträgern der evangelischen Landeskirche.60 Diese sahen den »vorwiegend evangelischen« Charakter Potsdams bedroht. Sie schürten jedoch nicht nur anti-katholische Stimmungen, sondern

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zogen auch – kurz nach dem opferreichen Krieg gegen den »Erbfeind« Frankreich – die nationalistische Karte, indem sie den Borromäerinnen vorwarfen, durch Frankreich gesteuert zu sein. Im Übrigen seien auf evangelischer Seite bereits »Bestrebungen behufs Erhaltung und Förderung der im Kriege so segensreich geübten Krankenpflege«61 im Gange. Gegen diesen, ebenfalls im Potsdamer Intelligenzblatt veröffentlichten Artikel bezog Pfr. Beyer am darauffolgenden Tag Stellung: Während er den Vorwurf der nationalen Unzuverlässigkeit schroff mit dem Hinweis auf die deutsche Herkunft der Ordensschwestern und auf ihr Mutterhaus in Trier zurückwies, reagierte er auf die Konkurrenzangst seiner protestantischen Kollegen mit Ironie: »Wir freuen uns, wenn auch von anderer Seite die Krankenpflege im Geiste der hingebenden christlichen Liebe geübt wird. Ein solcher Wetteifer auf dem Gebiete der christlichen Nächstenliebe kommt den armen Kranken zu gut.«62 Hatte man gehofft, dass trotz der behördlich vorgegebenen Beschränkung der Sammlung auf katholische Haushalte auch von anderer Seite Spenden eingehen würden, so bewirkte die Intervention der evangelischen Honoratioren vermutlich, dass Nicht-Katholiken abgeschreckt wurden, insbesondere durch die unmissverständliche Aufforderung zur Denunziation: »Wir bitten daher unsere evangelischen Gemeinde-Mitglieder, dafür Sorge tragen zu wollen, daß die eingangs erwähnte Collecte, dem Wortlaute ihrer Bewilligung gemäß, auf die kath. Haushaltungen beschränkt bleibe […].«63 Charakteristisch für die gesellschaftliche Atmosphäre des Vorurteils und der Diskriminierung, in der die Potsdamer Katholiken zu Beginn der 1870er Jahre lebten, ist die Tatsache, dass Pfr. Beyer erst 1886, nachdem der Kulturkampf im Wesentlichen abgeklungen war, den interkonfessionellen Konflikt um die Gründung des St. Josefs-Krankenhauses thematisierte, während er im Jahresbericht von 1872 vollständig ausgespart blieb. Auch wenn »ein nicht unbedeutender Rest« an Mitteln fehlte, wurden die Pläne zur Einrichtung des Krankenhauses umgesetzt. Am 6. Oktober 1872 erfolgte die Einweihung der neuen Räume des Waisenhauses in der Zimmerstraße 4, am 11. November 1872 wurde in dem Neubau von 1868 das Krankenhaus eingeweiht. Es verfügte über eine Kapazität von 25 Betten.64 Als Anstaltsarzt wurde Dr. Emil Schmeißer gewonnen, der zunächst Assistenzarzt am städtischen Krankenhaus gewesen war, sich danach als praktischer Arzt in Potsdam niedergelassen hatte und daneben die Betreuung der Patienten des St. JosefsKrankenhauses übernahm.65 Damit war die Gründung jener Institution vollzogen, die zum wichtigsten Bestandteil des St. Josefs-Hauses werden sollte und die bis heute existiert. Wiewohl das zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen war, ist die Dominanz des Krankenhauses als neues Projekt von Anbeginn auffallend. Dies zeigte sich zuerst in der Verlegung des Waisenhauses aus dem nur vier Jahre vorher bezogenen Neubau in das Haus Zimmerstraße 4. In erster Linie dürften dafür praktische Erwägungen eine Rolle gespielt haben, aber in dem Bezug des repräsentativen Neubaus durch das Krankenhaus kam auch eine Bedeutungshierarchie zum Ausdruck: Demnach wurden die nach innen – auf die Festigung der katholischen Gemeinde – gerichteten Bestrebungen den nach

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Auch 2012 noch »St. Josephs Stift«: Fassadendetail Zimmerstraße 4.

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St. Josefs-Krankenhaus, Perspektive vom Grünen Gitter, 1899.

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außen – auf die Wirkung der katholischen Diaspora in einer evangelischen Umwelt – gerichteten untergeordnet. Mit anderen Worten: Die Unterhaltung eines Krankenhauses für Patienten aller Konfessionen war eine unschätzbare Werbung und beanspruchte demzufolge das wichtigere der vorhandenen Gebäude. Die unmittelbar der Einweihungsfeier des Krankenhauses folgenden Wochen wurden zu einer Nerven- und Geduldsprobe für alle Beteiligten.66 Zwar war schon 1871 »eine hochbetagte und sehr hilfsbedürftige Kranke«67 aufgenommen und vermutlich bis zu ihrem Tod gepflegt worden, aber nun stand das neue Krankenhaus leer. Ursache dafür war zunächst ein Nutzungsverbot durch die Potsdamer Regierung bis zur Klärung eines Trinkwasserproblems und der Vorlage eines Verwaltungsplans. Der Chronist von 1937, Hans-Karl Wendlandt, wertet diese behördliche Intervention als Schikane. 68 Der Verdacht, dem katholischen Krankenhaus sollten Steine in den Weg gelegt werden, resultiert auch aus der Tatsache, dass bei der Eröffnung am 11. Oktober 1872 kein Vertreter des Staates oder der Kommune zugegen war  – der Kulturkampf hatte Potsdam und das St. Josefs-Krankenhaus endgültig erreicht.69 Möglicherweise hatte es aber tatsächlich Versäumnisse vonseiten der katholischen Gemeinde gegeben, schließlich war die Gründung eines Krankenhauses Neuland für sie. Gegen die These einer bewussten Sabotage des Projektes durch staatliche Stellen spricht, dass bereits acht Tage nach dem Nutzungsverbot die offi­zielle Genehmigung zum Betrieb des Krankenhauses erteilt wurde.70 Trotzdem kam in der Folgezeit nur ein einziger Patient zur Aufnahme, der aus der

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St. Josefs-Krankenhaus Potsdam Sanssouci 1862-2012 (Leseprobe)  

Das St. Josefs-Krankenhaus Potsdam besteht seit 150 Jahren und hat aufgrund seiner Lage unmittelbar am Schloss Sanssouci jede einschneidende...

St. Josefs-Krankenhaus Potsdam Sanssouci 1862-2012 (Leseprobe)  

Das St. Josefs-Krankenhaus Potsdam besteht seit 150 Jahren und hat aufgrund seiner Lage unmittelbar am Schloss Sanssouci jede einschneidende...

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