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Robert Blum Auf dem Theater des Lebens Beiträge zur Robert-Blum-Ehrung

Herausgegeben von Anke Reuther




Herausgegeben von der Freireligiösen Gemeinde Berlin und dem Zentrum zur Erforschung der Freireligiösen Bewegung

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abruf bar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und straf bar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2011 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Redaktion: Anke Reuther Wissenschaftliche Mitarbeit: Dr. Wolfgang Heyn Redaktionssekretariat: Jacqueline Ferchland Layout und Satz: Christian Mewis, Margret Kowalke-Paz Umschlaggestaltung: typegerecht berlin Schrift: Centaur MT & ITC Stone Sans Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN 978-3-937233-80-2 www.bebra-wissenschaft.de




In h a l t Vorwor t 

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Eckhar t Pilick

Konziliation

Ein Festvortrag

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Robert Blum, Johannes Ronge Biografien

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Vierzehn Briefe von Robert Blum an Johannes Ronge 1842 – 1848 Eine Dokumentation

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Kirsten Reuther

Schöne Freiheit – Robert Blum und die ästhetische Erziehung des Menschen Ein Festvortrag

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Kirsten Reuther

Robert-Blum-Revue zum 200. Geburtstag eines Volkstribuns

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Die Lieder der Revue

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Anhang Personen

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Glossar

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Abbildungsnachweis

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Die Autoren

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Die Freireligiöse Gemeinde Berlin

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Das Leben muss rückwärts gerichtet verstanden, aber vorwärts gelebt werden. Søren Kierkegaard (1813 – 1855)




Vorwort Im Jahr 2009 feierte die Bundesrepublik Deutschland ihr sechzigjähriges Bestehen. Eine bilanzierende Selbstvergewisserung durchzog die Medienlandschaft. Heutige Politiker durchleuchteten ihre Vorgeschichte. Als der Beginn des Parlamentarismus und der Demokratiebewegung galt die Märzrevolution von 1848/49. Doch das Volk im wiedervereinten Deutschland, was wusste es um die brodelnde Märzenzeit und ihre ehemals legendären Helden – so zum Beispiel Robert Blum? In einer Geschichtsbefragung der Wochenzeitung DIE ZEIT, in der fünfzig Deutsche von gestern für die Welt von morgen genannt werden sollten, offenbart sich eine außerordentliche Geschichtsvergessenheit. Helden und Heilige sind out, glamouröse Idole sind in. In den Geschichtsbüchern wurden die Traditionslinien von den Historikern in die Gesellschaftsformationen abstrahiert und in anonymen Jahrhundertschritten nachgezeichnet. Robert Blum war ein sanfter, ein freundlicher Rebell. Als wortgewaltiger Redner zog er in die erste Nationalversammlung ein. Zwischen dem königstreuen Heinrich von Gagern und dem Radikaldemokraten Friedrich He-­ cker stehend, bemühte er sich, parlamentarische Mehrheiten zu organisieren und dem politisch Vernünftigen eine Stimme zu geben. Seine Reise ins revoltierende Wien glich einer Flucht vor der unendlichen Debatte im Parlament. Blum sprach in dieser Stadt nicht nur hitzige Worte, sondern er griff jetzt auch ohne zu zögern zur Waffe. Als Kommandeur und Parlamentarier kam er vor das Standgericht. An einem 9. November wurde er erschossen und ein Mythos geboren. Dieser bestand indes nicht bis ins 21. Jahrhundert fort. Robert Blum war Deutschkatholik. Erstaunlich ist die Tatsache, dass in den Geschichtsbüchern die Religions


frage nur marginal behandelt wird. Diese neue religiöse Gruppierung außerhalb der katholischen Kirche, aber in Tuchfühlung mit der Opposition des Protestantismus, den Lichtfreunden, erstrebte eine »freie Religion«. Blum war in diesen Entstehungsprozess stark involviert. Dass er ohne den Segen eines Geistlichen starb, dass er den parlamentarischen Weg für eine gesellschaftliche Veränderung mit erkundet hatte, durchbrach die Schranken der Tradition. Ein Mann wie Robert Blum täte dem Parlamentarismus der Parteienarithmetik des 21. Jahrhunderts sicherlich gut. Den 200. Geburtstag Robert Blums im Jahre 2007 wollte die Freireligiöse Gemeinde Berlin in außergewöhnlicher Weise begehen. Robert Blum ist die Persönlichkeit in der Geschichte, in der sich das Politische und Religiöse beziehungsreich verbindet. Die Deutschkatholiken gründeten erste Gemeinden seit 1845, also vor der Revolution, zum Beispiel in Breslau, Berlin und Leipzig. Johannes Ronge, der als Initiator dieser Bewegung gilt, war im Vorparlament. In der Nationalversammlung fanden sich Abgeordnete, die sich der neu entstehenden Religionsbewegung anschlossen oder bereits aktive Mitglieder waren. Den Begriff »freireligiös« prägte man allerdings erst 1859, als sich beide Oppositionsbewegungen in Gotha zum Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands (BFGD) zusammenschlossen. Die Selbstbestimmung des Individuums, die rationale Weltsicht und die Vernunft als Maßstab des Handelns betrafen sowohl das politische Empfinden der Menschen als auch das Religiöse und dadurch das Verhältnis oder besser das Antiverhältnis zu den beiden Großkirchen. Die freireligiöse Bewegung erstarkte in den nächsten Jahrzehnten, und es gab Stimmen, die von einer zweiten Reformation sprachen. Die Zeitläufte bekräftigten diese Annahme nicht. Trotzdem haben die Freireligiösen den Säkularisierungsprozess im 19. Jahr




VORWORT

hundert praktisch eingeleitet und beschleunigt. Die Zahl der Kirchenaustritte nahm kontinuierlich zu. Die Freireli­ giösen wurden später zum Ur-Ei der Freidenker und bildeten viele Jahrzehnte eine organisatorische Plattform, bis sich die Freidenker mit einem Überlegenheitsgefühl von ihnen abnabelten: „Frei in der Religion, frei von der Religion« vereinigte beide Gruppen im Kirchenkampf. Die Religion ohne Kirche, wie sie Rudolph Penzig (1855– 1931) zur Humanisierung der Gesellschaft als Notwendigkeit anstrebte und in der »Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur« dafür ideelle und organisatorische Voraussetzungen schuf, war für die stärker politisierten Freidenker nicht akzeptabel. Im Kulturkampf der Kaiserzeit und im Konflikt um die Schulgesetze zum Religionsunterricht waren sie eins, aber die parteipolitischen Implikationen zermürbten die Organisationen und schufen Absolutheitsansprüche an die historische Wahrheit. Eine eigene gültige Geschichtsdarstellung der Freireligiösen Bewegung gibt es noch nicht. Bisher reichte die Kraft der Gemeinden kaum für eine geordnete zentrale Vorarbeit zur wissenschaftlichen Erschließung ihrer eigenen Geschichte. Es existieren regional verstreut Einzeldarstellungen. Den Einzelfall Blum wollte das Zentrum zur Erforschung der Freireligiösen Bewegung, das der Ber­ liner Gemeinde angeschlossen ist, modellhaft, intensiv quellenkritisch recherchieren und mit bereits vorhandener Literatur abgleichen. Es fällt auf, dass oft aus den immer selben Quellen geschöpft wird. Unser Buch bietet den Briefwechsel Blum/Ronge, wiederveröffentlicht und dokumentiert nach nahezu 150 Jahren. Es wird das bisherige öffentliche Bild Blums nicht umwerten, ist aber ein eindringlicher Appell an die freireligiöse Bewegung, ihre eigene Geschichte auch selbst zu schreiben und die versunkenen Materialien zu sichern. Geschichtskenntnisse sind eine Positionsbestimmung für das Heute.


Ein Theaterstück über die Person Robert Blum sollte die frohe Botschaft zum Jubiläum an die Öffentlichkeit sein. Ein Auftragswerk musste geschrieben werden, denn wann und wo gab es zu diesem Thema dramatische Litera­ tur? Allein die Idee war verwegen, aber eine unmittelbare, emotionale, subjektiv-wahrhaftige, unikate Erschließung des Themas könnte bei unseren Zeitgenossen Interesse wecken. Die Autorin und Regisseurin des Stückes entschied sich für das Genre der Revue. Damit konnte sie heutigen Rezeptionsgewohnheiten entgegenkommen und politische Geschichte im Spiegel der Kunst gestalten. Dieses Wechselspiel eröffnete ein neues Verständnis für die besondere Leistung Robert Blums in seiner Zeit. Das Buch »Robert Blum. Auf dem Theater des Lebens« ist eine heterogene Sammlung der Jubiläumsjahre. Konziliation nennt der Landesprediger der Freireligiösen Landesgemeinschaft Baden a. D. seine Festrede, in der er den Lebensgang Robert Blums farbig, sinnfällig nachzeichnet. Schöne Freiheit  –  Robert Blum und die ästhetische Erziehung des Menschen lässt sofort an Schiller denken. Philosophische und ästhetische Grundfragen werden in geistesgeschichtlichen Beziehungen erörtert. Die Robert-Blum-Revue und das Neue Robert-Blum-Lied werden hier erstmals veröffentlicht. Dokumente, Biografien und Anmerkungen bereichern und umrahmen die Lesefrüchte. Die Themen Revolution und Religion sind nicht in der Alltäglichkeit angesiedelt. Deshalb hat der Herausgeber ein umfangreiches Kompendium erarbeitet.

Anke Reuther Vorsitzende der Freireligiösen Gemeinde Berlin, Leiterin des Zentrums zur Erforschung der Freireligiösen Bewegung 10


11 VORWORT


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Eckhart Pilick

Konziliation – EINE FESTREDE –

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Viele konnten einfach nicht trauern. — Die einen schworen Rache. Legenden bildeten sich. Manche wollten sich mit dem Tod nicht abfinden und glaubten, er sei nur zum Schein füsiliert und ein anderer Verbrecher in seinen Kleidern erschossen worden unter seinem Namen. Er aber sei dann in fremden Kleidern über Berlin und Hamburg unter falschem Namen und zugleich rasiert und geschoren nach Amerika transportiert worden, von wo er eines Tages heimkehren werde.2 Da man sein Andenken im Volk nicht auslöschen konnte, erst recht nicht mehr, seit die junge SPD ihn zum Heros des Fortschritts erhoben hatte, ließ man ihn im Jenseits wieder auferstehen und ihn endlich zur Lichtgestalt mutieren. Diese Trauerfeiern damals, landauf landab, 1848! Diese ungeheure Empörung im Volk! Diese InternalisierungX der Ziele, für die er gearbeitet hatte wie kaum einer – das alles hat die Hoffnung wachgehalten auf eine neue Gesellschaft, die sich trotz des traurigen Endes der bürgerlichen Revolution in ihren Konturen abzeichnete. Jahrzehntelang wehte in Frankfurt – immer am Jahrestag seiner Hinrichtung – eine schwarze Fahne, und die Polizei hat den oder die Täter nie dingfest machen können oder wollen. 15

KONZILIATION

»Die deutsche Revolution von 1848 hat manchen guten Volksmann hervorgebracht«, schreibt Veit Valentin (1885 – 1947), der beste Kenner dieser Zeit, und er fährt fort: »Einer aber hat doch wohl mehr getan und bedeutet als die anderen, einer hat geredet und organisiert wie sonst keiner, einer hat früher als viele und bitterer, grausamer als alle den Märtyrertod für die Freiheit gelitten. Das ist Robert Blum […]. Massen stehen hinter ihm wie kaum hinter einem Deutschen damals. Das deutsche Volk hat um Robert Blum getrauert wie niemals vorher um einen einfachen Bürger.« 1


GroรŸ St. Martin in Kรถln. Zeitgenรถssischer Stahlstich um 1840. Vermutlich das dritte oder vierte Haus von rechts ist Blums Geburtshaus.

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Bildung ohne vornehme Geburt — Ich möchte kurz skizzieren, was Sie alles wohl wissen oder wissen sollten über den »Führer der eigentlichen Linken« 3, wie man ihn nannte, die »Kult- und Identitätsfigur der Sozialdemokraten« 4, seinen Weg nach oben von ganz unten. Als Knabe hatte er sich aus bitterer Not – Brennnesseln zusammen mit Graupen gekocht war schon ein Festessen in der Familie – unter unglaublich schweren Startbedingungen hochgearbeitet, obwohl er mühsam schon als Kind hatte hart mitverdienen müssen, um nicht zu verhungern. Mit zwölf Jahren verließ er notgedrungen das Jesuitengymnasium und wurde Messdiener. Da begann der Bruch mit der Tradition. Die tägliche Routine, mit der die Hostie sich in Fleisch und Blut des Erlösers wandelte, erfüllte ihn mit Misstrauen und Mitleid. Im Beichtstuhl trug er seine Zweifel vor und erregte den Zorn des Pries­ters, weil er die Buße nicht annahm: zwei Wochen während des Gottesdienstes mit ausgestreckten Armen auf den Stufen zum Altar zu knien. Der Pfarrer war nicht gut auf den Knaben zu sprechen, weil er die Spenden nachrechnete, die von den Angehörigen nach Taufen und Trauungen in die Sammelbüchse geworfen wurden und auch unter den Ministranten gerecht verteilt werden sollten. Er handelte sich Ohrfeigen ein, und die Verletzung des Beichtgeheimnisses – der Geistliche hatte seine Zweifel Küster und Kaplänen mitgeteilt – erschütterte seinen Kinderglauben nachhaltig. Sie wissen, dass er bald durch seinen ungeheuren Wissensdrang zu den wirklich Gebildeten in Deutschland zählte, obwohl oder weil er, von den wenigen Wochen als Gasthörer in Berlin und Leipzig während seiner Wanderjahre abgesehen, keine akademische Ausbildung genoss. »Wären seine Gegner, diese Fürsten, wie er als Lauf burschen oder Gürtelmacher in’s Leben getreten, sie wären’s geblieben bis zum Schluss, darum legen sie so großen


Wert auf ihre vornehme Geburt – mit Recht: Sie wären nichts ohne sie.« 5 Er aber hat sich hochgearbeitet und, wie Julius Lasker (1811 – 1872) meint, seine Heimatstadt Köln erleuchtet – jedenfalls als Laternenmacher. Unter den 500 Abgeordneten war er der einzige Autodidakt und wurde dennoch zum Vizepräsidenten im Parlament gewählt. Dort war er selbst von Gegnern geachtet. Ernst Moritz Arndt (1769 – 1860) schätzte ihn freilich wenig schmeichelhaft als ›subdolissimum‹, als den Listigsten und Ränkevollsten ein. Zuvor hatte er seine politische Organisation, den Vaterlandsverein, begründet, der in Sachsen bald über 40 000 Mitglieder zählte – das entsprach der Einwohnerschaft Leipzigs –, ferner, um das Verbot politischer Versammlungen zu umgehen, einen ›Redeübungsverein‹, den man als Keimzelle der politischen Partei überhaupt sehen könnte, sowie einen ›Kegelclub‹ als gesellige Tarnorganisation zur ideologischen Schulung und Verbreitung staatsgefährdender Wahrheiten im Metternich’schen Spitzelstaat. Alles Gedruckte musste dem Zensor vorgelegt werden, selbst Speisekarten. In Köln genügte schon Blums Handschrift für ein Verbot seiner Gedichte. Er reichte mehrmals Kirchenlieder aus dem Gesangbuch unter neuer Überschrift ein. Die wurden dann prompt verboten. Blum hatte in Leipzig die Gutenberg- und ab 1840 die massenhaft besuchten Schillerfeiern organisiert, die letzteren meistens um seinen eigenen Geburtstag herum, der mit dem des Dichters übereinstimmte wie mit dem des Reformators Martin Luther. Sie wissen, dass Blum Ehrenmitglied in einer Art Loge zusammen mit seinem Freund Albert Lortzing D gewesen ist, wo aufrührerische Reden und Diskussionen nach Herzens- und Geisteslust geführt werden konnten, ohne von Polizei und Zensur ausgehebelt zu werden. Laut Satzung musste jeder Redner grundsätzlich das Gegenteil sagen von dem, was er 18


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meinte. Es ist gar nicht so einfach, konspirativ und witzig zugleich zu sein. In Mannheim wurde dem deutschkatholischen X Prediger Rudolf Dowiat D 1847 verboten, öffentlich über politische Angelegenheiten zu sprechen. Also wurde ein Vortrag angekündigt: »Über die Zustände in China und wie man sie verändern könne« – und die Polizei wunderte sich. Der Verein Blums hieß Tunnel über der Pleiße und drückte schon im Namen das subversiv-maulwurfartige Wühlen aus, um den Boden zu untergraben für den Übergang des Feudalismus zur Republik. ›Wühler‹ war ein beliebtes Schimpfwort für die Deutsch-Katholiken und LichtfreundeX, und als man Blum in der Paulskirche so apostrophierte, antwortete er: Klar habe er gewühlt, sonst stünde er nicht hier. Er hat intensiv mitgearbeitet am Brockhaus Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände. Er hat ein mehrbändiges Theaterlexikon herausgegeben. Im Theater sah er keineswegs Ablenkung vom Alltag und bloßes Freizeitvergnügen, geschweige denn Flucht aus der Realität ins Private, sondern ganz im Gegenteil, im Sinne seines verehrten Rebellen Friedrich Schiller D, die moralische Anstalt, das Forum der Auf klärung und Bildung schlechthin, denn, so schrieb er im 1. Band: »Die Bühne ist für uns Deutsche außer der Kirche fast die einzige Stätte der Öffentlichkeit.« Das Schöne, dachte er, ist auch immer das Nützliche. Er gab ferner heraus ein Staatslexikon; das Volks-Taschenbuch Vorwärts! in vier Jahrgängen, in Frankfurt die Reichstagszeitung. Sein Geld in Leipzig verdiente er als Theatersekretär, Buchhändler und Redakteur der Sächsischen Vaterlands-Blätter, eine viel gelesene Zeitung, in der er in der Nr. 169 vom 1. Oktober 1844 den anschließend hunderttausendfach verbreiteten Offenen Brief des Johannes Ronge gegen das Götzenfest in Trier abdruckte sowie den flammenden Aufruf, die Kirche zu verlassen und deutsch- statt


römisch-katholische Gemeinden zu bilden. Und dass er darum und wegen der Organisation der ersten deutschkatholischen Synode in Leipzig, trefflich beraten durch Franz Wigard D, als der eigentliche Begründer der Freireligiösen X, schon bald darauf die größte Oppositionsbewegung im Vormärz für Republik und Demokratie, zu gelten hat – das wissen Sie bestimmt. Besuch beim alten Onkel — Darum will ich hier nur drei seiner Verdienste hervorheben. Seine Rolle im Hallgarten-Kreis beleuchtet die Freireligiöse Gemeinde Mainz. Ralf Zerback 6 nennt Blums dritte Heimat nach Köln und Leipzig jenes idyllische Weingut des liberalen badischen Abgeordneten Adam von Itzstein D bei Hallgarten, wo, welch Ironie des Schicksals, mit dem Blick auf die Burg Metternichs D gegenüber, heimlich maßgebliche Fortschrittsmänner zusammenkamen und wo auch die Idee auf kam, eine neue Religionsgemeinschaft zur Vorbereitung der Republik zu gründen. Hierhin reis­te mehrmals beschwerlich mit Kutsche oder Eisenbahn Robert Blum. Wenn es in seinen Briefen heißt, er wolle wieder seinen ›alten Onkel‹ in Mannheim besuchen, dann handelte es sich um eine vorsichtige Tarnung. Damit ist immer Adam von Itzstein und der Hallgartentreff gemeint. In der Paulskirche, bei der Wahl des Reichsverwesers am 30. Juni 1848, gab ihm Blum seine Stimme. Das war eine von nur 32, während Erzherzog Johann von Österreich, der ›Reichsvermoderer‹, wie Blum ihn titulierte, 436 erhielt. Ob Blum ahnte, dass die Reaktion (der Bundestag und die Fürsten) bei der Wahl des Erzherzogs Johann ihre Hand im abgekarteten Spiel gehabt hatte? Schon allein wegen dieses Verwandten der österreichischen Kaiserfamilie konnte die Nationalversammlung nachher auch keine offizielle Solidaritätsadresse, geschweige denn militärische Hilfe an die Wiener Auf20


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ständischen senden. Und so kam es zu der Abordnung der Linken und Blums Ende. Sein Leben ist in Berlin von der freireligiösen Gemeinde in einer denkwürdigen Revue szenisch vorgeführt worden. Das hat die Zuschauer sehr begeistert. Wer nicht dort war, kann in den Biografien nachlesen. Es gibt verschiedene, mit unterschiedlichem Akzent. Bei seinen Zeitgenossen galt Blum unter den fortschrittlich gesinnten Bürgern und Arbeitern als der beliebtes­te Volksmann und Republikaner. Hans hingegen, sein ältester Sohn, perverserweise Anhänger der Todesstrafe, stellte den Vater als Nationalliberalen dar, der zweifellos Bismarckanhänger geworden wäre. Bismarck fand seinerzeit die Erschießung Blums durchaus in Ordnung, urteilte aber später gerechter, nicht mehr als ›scheußlicher Junker‹, der er damals gewesen sei. In der Nationalversammlung strebte Blum tatsächlich ein breites Bündnis mit den Liberalen an, aus rein taktischen Erwägungen. Eines aber sehe ich wohl, dass Robert Blum einen positiven Nationalismus, eher eine Vaterlandsliebe – wie später Tucholsky – verkörperte, der nicht Deutschland über alles, über Polen, über Griechenland oder Frankreich stellte. Er hatte damals bereits die Vision eines friedlichen Europa. Hätten wir an diese Tradition anknüpfen können, wäre der Begriff nicht so negativ besetzt, sodass er heute in Deutschland sofort mit rechts identifiziert wird. Wilhelm Liebknecht (1826 – 1900) schildert ihn als den ersten und wahren Sozialdemokraten, 7 die DDRGeschichtsschreibung als kämpferischen Plebejer und Revolutionär 8 – ohne seine religiöse Einstellung zu würdigen, das tat Adolph Streckfuß (1823 – 1895). 9 Die Freidenker verehren in ihm den wahren Freigeist, die Sozialisten den Märtyrer, und die Freireligiösen sehen in ihm ihren säkularisierten Heiligen. Alle aber haben seine Zivil-


courage und seinen Optimismus bewundert. Die jüngste Lebensbeschreibung von Ralf Zerback10 ist in diesem Jahr erschienen, ein profundes Werk. Aber auch dieser kenntnisreiche Historiker schreibt in der Zeit unpräzise von den Deutsch-Katholiken als einer Reformbewegung in der katholischen Kirche. Die fand jedoch außerhalb der Kirche statt! Und maßgebende Leute, außer den umgehend exkommunizierten X Führern Johann Czerski D, Blum und Ronge, waren Protes­tanten. Ihre Prediger gaben zu, eher mit einem Rabbi vergleichbar zu sein als mit einem Priester, waren häufig mit Jüdinnen verheiratet, wurden sogar von Varnhagen von Ense (1785 – 1858) als ›Neujüdler‹ bezeichnet. Darin sahen sie die wahre Erfüllung des Christentums, in welcher kein Buchstabe, keine Satzung mehr den Christen und Juden, den Katholiken und Protestanten scheidet, in welcher das Göttliche, das sich im Menschlichen als Humanität offenbart, als Höchstes erfasst wird. Zu diesen Deutsch-Katholiken bekannten sich zunehmend Mitbürger jüdischer Provenienz. Ohne den Juden Dr. Herrmann Jacobson D hätten die Freireligiösen Gemeinden Berlin und Offenbach, und ohne den im KZ ermordeten Juden und Reichstagsabgeordneten Dr. Ludwig Marum aus der Freireligiösen Gemeinde Karlsruhe hätte Baden nicht so stark sein können. Zurück zu Blum. Seine Fähigkeit bereits als Jugendlicher, sich unentwegt fortzubilden und vorwärtszubewegen, fort vom Kirchenglauben, auch fort von der Heimat, um nicht nur mitreden zu können, sondern verstanden zu werden und zu handeln, das bewundert man an ihm. Die Beschränktheit der materiellen Mittel nicht als auferlegte Einschränkung und feste Adresse zu behalten, sondern aufzubrechen, meinetwegen aus Not, um sich eine bessere Wirkungsstätte für eine bessere Gesellschaft zu suchen, machte ihn so bekannt. Das erste, was 22


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er für die Freie Religion tat, war sein flammender Aufruf, außerhalb (!) der römischen Kirche autonome Gemeinden zu organisieren, die sich selbst verwalten. Im Unterschied zu den evangelischen Lichtfreunden haben die Deutsch-Katholiken von Anfang an nie an eine Reformation innerhalb des römischen Katholizismus gedacht. So wundergläubig waren sie denn doch nicht. Schon Blums zweiter Schritt bestand in dem Verdienst, bald ein Konzil X einberufen zu haben. Hier wurden die Weichen gestellt. Das Konzil war allein Blums Verdienst. Konziliation nenne ich Blums Charakterstärke und Wirkungsweise. In dem Begriff steckt Versöhnlichkeit und Vereinigungsstreben, aber auch die theologische Auffassung klingt an, über dem Oberhirten solle die Landesversammlung stehen. Konziliation, das ist das Motto, unter dem jede freireligiös-freigeistige Arbeit auch heute stehen muss. Nichts geht mehr ohne Bündnisse. Der Einzelne und die einzelnen Gemeinden müssen die Angst abbauen, an Bedeutung zu verlieren in ihrem Sprengel, wenn sie sich öffnen, oder ihre Eigenständigkeit und ihren Wert einzubüßen, wenn sie in einem größeren Verband aufgehen. Der Wirkungskreis wird nicht enger, das haben wir doch erfahren, als wir noch so viele Gemeinschaften im Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands (BFGD) 11 waren, als sich die Sprecher, Pfarrer und Prediger zum Erfahrungs- und Gedankenaustausch trafen. Keiner musste etwas anderes denken oder glauben. Wenn es gelegentlich in unseren Reihen zum Krach kommt, dann doch, wie es normal ist, unter Verwandten. Jeder hat bei uns das Gefühl oder sogar das Bewusstsein, über die geistige Freiheit der Wahl zu verfügen. Und vor allem: Er hat in unserem Staat auch das Recht dazu. Lieber in Umwelt- und Antikriegsaktionen mit engagierten christlichen Amtsbrüdern und Gruppen zusammenarbeiten als mit gleichgültigen Freireligiösen.


Kompromissbereitschaft, Vernetzung, deren Grad maßgebend sein wird für das Überleben, Vermittlung – das muss an Robert Blums Arbeit bewundert werden und sollte Vorbild sein. Er wurde in Köln geboren, in einem kleinen Haus direkt am Rheinufer. Nur ein paar Schritte sind es zu »Deutschlands Strom« (Ernst Moritz Arndt), den der Junge nie als Grenze ansah. Er hat überhaupt nicht gern Grenzen akzeptieren mögen, nicht jedenfalls als unüberwindliche, nicht die zwischen Sakralem und Profanem, zwischen Religion und Politik. Dieser sagenumwobene Fluss, das mächtige, unauf hörliche Fließen bis zur Vermählung mit dem Meer, prägte ihn eher als der Dom, der allenfalls als Merkmal des Unvollendeten, des Werdenden gilt. Seit einem halben Jahrtausend stand er da als Baustelle. Der Rhein war sein täglicher Anblick nach vorne. Und hinten? Direkt hinterm Häuschen die mächtige Kirche Groß St. Martin, damals freilich auch ein baufälliges Gebäude. Denn während der zwanzigjährigen Besatzung durch antiklerikale französische Revolutionstruppen war die prachtvolle Basilika zu einer mickrigen Pfarrkirche verkommen. Auch der steinerne Kirchenbau war ein Symbol für Blum: nicht für das ewige Fließen, sondern für das eherne, altehrwürdige, unveränderliche Bleiben im Wandel, das also durchaus verfallen kann. Blum blieb nicht katholisch — Diese Einstellung, ganz auf diese Dimension der Gegenwart im Übergang vom Nicht-Mehr ins Noch-Nicht bezogen, scheint wohl typisch zu sein für den Kölner. Und doch gibt es Treue – über alle Verstandesgründe hinweg. Als seinerzeit der Papst seinen Schäfchen die Pille verbot, hörte ich eine gut-katholische Kölnerin, die sie unbekümmert weiter nahm, sagen: »Mer losse dä Papst Papst sin, deshalb blieve mer Kölsche ävver doch kathollisch!« Katho24


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lisch wird offenbar in dieser Stadt eher als adjektivische Bestimmung des Ortes empfunden, denn als Eigenschaft für das, was man zu glauben hat. Wichtig ist nicht der Inhalt als vielmehr das stabilisierende Ritual. In Köln sind sogar die Protestanten ›irjenswie‹ katholisch. (Ich war selbst mal einer.) Verzeihen Sie, aber wenn Sie mich als Kölner einladen, am Elften, im Elften, um elf Uhr – ich schaue gerade auf die Uhr und sehe, es ist jetzt genau elf Uhr elf – über einen anderen Kölner zu sprechen, der auch noch am Tag zuvor auf die Welt kam und im sogenannten ›Tollen Jahr‹ seine Hauptrolle spielte, dann geht das nicht ohne Bezug zur Fastnacht … Schon schlimm, dass man häufig lesen muss, die Deutsch-Katholiken seien deutsche Katholiken gewesen. Blum sei katholisch geblieben. Einer schreibt es vom andern ab, vielleicht aus dem Todesurteil des Fürsten WindischgrätzD, wo der Abgeordnete und Vizepräsident des Parlaments nur als »Buchhändler aus Leipzig« und höhnisch als »katholisch« bezeichnet wird? Es ist richtig, Blum hoffte anfangs auf die Sprengkraft der Massen, die eine neue Reformation innerhalb der Kirche bewirken würden: »[…] für Rom sind wir […] nicht mehr vorhanden, sobald wir nicht mehr katholisch sind […] in den Prinzipien soweit als möglich, im Namen und in den Formen katholisch, rein katholisch, natürlich ohne Unsinn.« Daher sein Gesang- und Gebetbuch für Deutsch-Katholiken, die es aber so gut wie gar nicht benutzten. Blum wollte das Wort nicht nur ohne jeden klerikalen, sondern auch ohne jeden theologischen Bezug beibehalten in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes als ›wahre Allgemeinheit‹. Es war so viel wie eine Herkunftsbezeichnung. Und es sollte sein, nicht zuletzt, die taktische Bedingung für die Anerkennung der Dissidentenvereine als Körperschaften. Es gab gar nicht die Möglichkeit, offiziell auszutreten und zu den Dissiden-


ten überzuwechseln. Nur Konversion zwischen Katholiken und Protestanten war erlaubt. Am Abend vor seiner Hinrichtung, das wäre ja nun wirklich der Moment gewesen, an dem er seine Konfessionszugehörigkeit hätte bekennen müssen, unterhielt er sich freundlich mit dem weltoffenen Gefängnisseelsorger. Blum sagte dem Geistlichen: »Sie wissen vielleicht, daß ich Deutsch-Katholik bin; ich glaube daher, daß Sie mir die Ohrenbeichte erlassen werden.« Er schenkte dem verständnisvollen Mann in Ermangelung anderer Habseligkeiten seine Haarbürste. Auslegung der Bibel nach eigenem Ermessen, Ablehnung von Papst und überhaupt jeder klerikalen Hierarchie, Verwerfen der Beichte, der Heiligen, der Wallfahrten (Die waren übrigens in Preußen verboten!), der Gottessohnschaft Jesu – ein einziger Grundsatz hätte schon genügt, ihn zu exkommunizieren. Blum tröstete die Spießbürger in der deutsch-katholischen Bewegung, die mit der völligen Abspaltung um ihren Kirchenbau fürchten: »Vielleicht haben wir keine Kirche, aber erheben wir unsere Herzen zu Gott in der freien Natur oder auf unserem Boden – es ist besser, als das fremde Geplärre […] in den prunkvollsten Marmorhallen.« Warum hätte er das sagen sollen, wenn er in der römischen Kirche hätte bleiben wollen? (Leider schreiben das sogar freireligiöse Prediger ab, weil es so im Blum-Katalog steht.) Er hatte die Leipziger deutschkatholische Gemeinde begründet. Die war stärker noch als die Ronges in Breslau. Wenn man sich übrigens die Mitgliederliste anschaut, stellt man fest, wie viele Buchdrucker und Setzer der großen Verlage darunter sind. Die hat Blum zur Gründung einer Gewerkschaft aufgerufen. Blum arbeitete mit sicherem Instinkt für das Machbare, immer das ferne Ziel vor Augen, den Feudalismus und die ererbten Privilegien zu überwinden. Doch in weiser Selbsterkenntnis schrieb er an Hoffmann von Fallers26


Die verfluchte Politik — Er war also mitnichten ein realitätsferner Idealist und Träumer. Seiner besorgten Schwester, die ihn mit den Worten »Lass’ es sein, Du änderst doch nichts!« zu politischer Enthaltsamkeit auffordern und insbesondere sein Engagement gegen die Kirche und für Ronges Bewegung »bitter tadeln« zu müssen glaubte, antwortete er aus der Haft (wegen Verunglimpfung der königlich-sächsischen Justizbehörden war er im Herbst 1844 zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt worden): »[Ich hätte] doch von Dir am wenigsten die spießbürgerlich elende Weisheit erwartet: ›Lass’ es sein, Du änderst doch nichts!‹ Pfui, schäme dich derselben. Es hätte nie ein Christentum und eine Reformation und keine Staatsrevolution und überhaupt nichts Großes und Gutes gegeben, wenn jeder stets gedacht hätte: ›Du änderst doch nichts!‹ « Sicher, von ihm stammt auch das Wort an seine Frau Jenny: »Immer die verfluchte Politik! Und dabei keinen Erfolg! Es muss sein, also still!« Mit seiner Hinrichtung sollte nicht nur die Ohnmacht der deutschen Nationalversammlung gezeigt, sondern vor allem auch der Repräsentant des frechen und in Österreich populären und wachsenden DeutschKatholizismus (»Los von Rom!«) getroffen werden. Der deutsch-katholische Verein in Wien zählte bei Blums Erschießung schon 3000 Mitglieder, obgleich er unter Leitung Ronges erst einen Monat zuvor (am 17. September) gegründet worden war. Als ihnen das Abhalten von Feierstunden verboten wurde, schrieben sie an den österreichischen Reichstag: »[…] die Mitglieder können durch die Beängstigungen der Gegenwart in ihrer 27

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lebenD: »[…] wir sind schwächer, als wir selbst glaubten […]. Wie dem aber auch sei, halten wir aus! Arbeiten wir fort! Es ist nicht unehrenvoll, der Übermacht zu erliegen, wohl aber die Waffen aus der Hand zu legen.«


freireligiösen [sic] Überzeugung nicht erschüttert werden.« Größerer Andrang als in den deutschen Ländern schien hier zu herrschen. Ronge predigte am 24. September 1848 vor über 1 000 Teilnehmern. Heftige Warnschriften der Jesuiten X waren die Folge, mit Vorwürfen wie diesen: Deutsch-Katholiken seien die Feinde der Ordnung, Wühler und Anarchisten, Verführer zum Abfall von Gott, die den Menschen den Glauben an die Unsterblichkeit nehmen, usw., usw. Am 22. Oktober sprach Johannes Ronge in Graz vor über zweitausend Zuhörern. Vier Tage später wurde hier die zweite Gemeinde in Österreich gegründet, wo dann am 29. Oktober 1848 – die kaiserlichen Truppen hatten mit dem Sturm auf Wien begonnen – Carl Scholl D  (1820 – 1907) und Ronge den ersten Gottesdienst hielten. Das muss man alles bedenken, wenn man verstehen will, warum sein Gefährte, der Abgeordnete Julius Fröbel D, begnadigt, aber Robert Blum erschossen wurde, trotz seiner Immunität. Nun, so Ernst Moritz Arndt, wurde er zum »Volksheiligen und Märtyrer und eine Zorn- und Racheflamme«. Radikal und doch versöhnlich — Die vielen Lithographien, die nach seiner Ermordung entstanden und ihn oft neben Ronge und Johann Czerski, manchmal in der Mitte zwischen Gustav Struve D und Friedrich Hecker D zeigen, mit schwarz-rot-goldener Schärpe und Säbel, oder in Wien als Barrikadenkämpfer, später mit Engelsflügeln, sind Verklärungen, die auf eine bessere Zukunft hoffen ließen, auf ein Jenseits im Diesseits. Blum war kämpferisch, aber kompromissbereit, trotzdem konsequent und wahrheitsliebend, Freigeist war er und fromm in einer Person. Radikal nennt er sich selbst in einem Gedicht im Vorwärts!, und dennoch blieb er konziliant, ver28


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KONZILIATION

mittelnd, versöhnlich. In Leipzig hatte das Militär am 12./13.August 1845 auf friedliche Demonstranten geschossen. Das Volk schwor Rache. Tausende versammelten sich und drohten die Kaserne zu stürmen, da erschien Blum und rief – nicht gerade typisch Revolutionär – der Menge zu: »Verlasst den Boden des Gesetzes nicht!« Und als beliebter Volksmann beschwichtigte er die Leute, darunter fast alle Mitglieder der deutschkatholischen Gemeinde. Nicht auf Teufel komm raus mit dem Kopf durch die Wand – höchstens hie und da rhetorisch über’s Ziel hinaus, auch saugrob zuweilen, das wohl –, aber niemals zweideutig, immer direkt, wenn auch liberal im guten Sinne, ohne sich hinter Halbheiten zu verste­cken. Sein Ziel war hochgesteckt. Auf der ersten deutsch-katholischen Synode 1845 sollte, so Blum, »das Osterfest von 1845 zu einem rechten Auferstehungsfest werden« und die deutsch-katholischen Gemeinden sollten »als geistige Macht dastehen, mit der bestimmten Aufgabe: nicht eine neue Religionspartei darzustellen und somit die kirchliche Zersplitterung Deutschlands noch zu vermehren, sondern die Wiederversöhnung aller Religionsparteien durch die Kraft der Wahrheit, der Freiheit und der Liebe anzubahnen, die wahre Allgemeinheit, Allumfassung und Allbeseelung des Gottesreiches zunächst auf deutscher Erde zu verwirklichen«. Ein biss­ chen pathetisch und hoch gegriffen, utopisch, gewiss – aber ist das nicht nötig, um überhaupt Hürden nehmen zu können? Die Arbeit vor Ort kam ja deshalb nicht zu kurz. Deutsch-Katholiken im Paulskirchenparlament wirkten im Schulausschuss oder, wie der aus Mannheim gebürtige Stenograf der Sitzungen, der Jurist, Nationalökonom, Philosoph und Theologe Professor WigardD, Vorsitzender der Dresdener Gemeinde, als juristischer und theologischer Berater Robert Blums. Ich will nur an diesem Beispiel zeigen, dass religiöses und politisches


Engagement verknüpft und wirksam waren. Und siehe da: Indem man etwas für andere tat, war man attraktiv, nur durch die Assoziationen wie die Bildungsvereine, die Frauenvereine und die Kindergärten – fast überall waren die Deutsch-Katholiken die Vorreiter. Es zeigt sich: Nur wenn man etwas für andere tut, verwirklicht man sich selbst. Wenn der 250. Geburtstag Robert Blums gefeiert wird, sollten wir wieder in einem Bunde arbeiten mit unterschiedlichen Motiven, aber den gleichen Zielen und den gleichen Gegnern. Die Religion hinter den Religionen — Freie Religion ist kein abgeschlossenes System, sondern eine geis­tige Haltung. Sie ist eher Gesinnung als Dogma. Sie kann und will keinen Katechismus X ihrer Überzeugungen aufstellen. Sie erscheint mir deshalb ein aktuelles Modell zu sein zwischen dem Fundamentalismus auf der einen und der Indifferenz auf der andern Seite. Freie Religion muss sich immer asymmetrisch zur Macht und zu den Mächtigen, die eine religiöse oder sonstige Heilslehre als absolut verkaufen, asymmetrisch zum Status quo verhalten und trotzdem immer ein wachsamer Äsymneˉt X mit Trillerpfeife bleiben, in allen die Glaubens- und Gewissensfreiheit betreffenden Zwistigkeiten. Wir stehen seit Blum in dieser Tradition, durch die wir unser kulturelles Selbstwertgefühl beziehen. Wir fühlen uns bestätigt darin, wenn wir eine Idee hochhalten ohne Rücksicht darauf, in welchem Tempo sie bei den anderen Fortschritte macht, dass wir nicht falsch lagen, sondern Avantgardisten einer Bewegung waren, die als utopisch galt. An Gott glaubt heute nur noch die Hälfte der Deutschen, an Schutzengel glauben fast alle. Jesus halten die Jugendlichen für den Harry Potter der Antike. Man holt sich die Wahrheit synkretistisch X da, wo man sie findet. (Genau so dachte Robert Blum.) – 30

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Robert Blum. Auf dem Theater des Lebens (Leseprobe)  

»Die deutsche Revolution von 1848/49 hat manchen guten Volksmann hervorgebracht«, schrieb der Historiker Veit Valentin. »Einer aber hat doch...

Robert Blum. Auf dem Theater des Lebens (Leseprobe)  

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