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Die Tochter des Generals (Leseprobe)

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((S. 3))

Arkadij Maslow

Die Tochter des Generals Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Berit Balzer

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Entstanden ((S. 4)) mit freundlicher Unterstützung der Fritz Thyssen Stiftung

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CDROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © be.bra wissenschaft verlag GmbH Berlin-Brandenburg 2011 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebra-wissenschaft.de Lektorat: Matthias Zimmermann, Berlin Umschlag: typegerecht berlin, Berlin Innengestaltung: Friedrich, Berlin Schrift: Garamond 9,5/12 pt Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg ISBN 978-3-937233-76-5

www.bebra-wissenschaft.de

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Motto: nichts ist vernünftig ohne Kopf

Inhalt

I. Teil: Der Plan 1. Der Plan 2. Staatsrecht und Liebe 3. Lippentroff stiehlt einen Plan 4. Zwei Schwestern II.

11 19 42 59

Teil: Mit den Wölfen muss man heulen 5. Pläne 6. Herr Vogt, der Inquisitor 7. Die Affäre Bimmelburg wird vertuscht 8. Generäle und Gestapo

72 87 106 122

III. Teil: Die Zeit ist aus den Fugen. ’s ist bitter kalt 9. Zwei Schwestern ohne Kompass 10. „Sie gestatten doch …“

134 144

IV.

Teil: Liaisons dangereuses 11. Emigration im Tümpel 12. Nach Paris! Nach Paris! 13. „… wirst du mich verraten“

158 170 183

V.

Teil: Das vollkommene Maschinengewehr 14. In der Nacht 15. Noch ein Nachtstück 16. Das vollkommene Maschinengewehr und das unvollkommene Volksgericht

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VI. Teil: Die Verschwörung der Ungleichen    oder das Blutbad des Juni 17. Junischlachten

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VII.

Teil: Die Schlinge 18. Kaleidoskop 19. Gespräche ins Leere 20. Die Falle

269 289 295

VIII. Teil: „Nach deutschem Recht“ 21. Die Hinrichtung

299

Anmerkungen

321

Nachwort I. Form und Hintergründe des Romans Manuskript und Romanform Arkadij Maslow und Ruth Fischer

353 357

II. Die Tochter des Generals Inhalt und Aufbau

363

III.

Das Verhältnis von Roman und Geschichte Radikalisierung der Parteien und das Scheitern der Weimarer Republik Hitlers Aufstieg: Polizeiapparat und Repression Freiheitsgefühl in den Städten Exilpresse und Intrigen unter den Emigranten Spionage, Pseudonyme, Camouflage Schlüsselfiguren und verschlüsselte Figuren Komplizenschaft der deutschen Großindustrie Der Reichstagsbrandprozess Liquidierung der SA Perversion der Justiz: Der Volksgerichtshof Die Spionage-Affäre, ein Tatsachenbericht

368 374 377 385 389 394 402 408 411 412 421

Anhang

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Deckblatt, handschriftlich: Die Tochter des Generals La fille du général Roman II (texte définitif)

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Die Tochter des Generals. ein bisher unveroeffentlichter Roman von Arkadi Masloff geschrieben 1935 in Paris. Manuskript in schlechtem Zustande. Mit Sorgfalt zu handhaben. Kann gelesen werden.

Es fehlen folgende Seiten 177 325, 326, 327, 328, 329, 330, 331. Die Seiten 137, 391 und 452 sind nur Tippfehler in der Bezeichnung. To Mr. Metcalf Harvard University Library Cambridge, Mass. ßbersandt von Ruth Fischer 319 W 80th Street N.Y.C., 24. TR7-­0793.

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I. Teil: Der Plan

1. Der Plan Der alte Hindenburg saß da, wie er immer dazusitzen pflegte: steif, gerade, die leeren Schellfischaugen aufgerissen. Hinter dem großen, leeren Schreibtisch der große leere Mann. Seit dreißig Jahren saß er in der gleichen Haltung, das hatte er gelernt. Er knarrte nicht, er bewegte sich nicht. Er schlief beinahe. Seit dreißig Jahren konnte er mit offenen Augen schlafen. Er schlief beinahe und er ärgerte sich. Er ärgerte sich über die beiden Generäle. Den General von Schleicher1 konnte er nicht leiden. Er konnte ohnehin eigentlich keinen Menschen leiden. Den alten Januschauer2 konnte er leiden. Als sie beide jung gewesen waren, hatten sie zusammen „Jugendstreiche“ verübt, mit Mädchen, belanglose Sachen; das bindet. Der Januschauer aber war niemals da, wenn er verhandelte, und allein konnte Hindenburg nicht verhandeln. Seit dreißig Jahren schwieg er daher. Auch seinen Meißner hatte er aus dem Zimmer schicken müssen, die Generäle hatten das verlangt. So saß er jetzt hinter dem klotzigen Schreibtisch, kämpfte gegen den Schlaf, riss die Augen auf und dachte: „Kann den Schleicher nicht leiden, hat keine militärische Haltung, der Mann.“ Das war die Form des Hindenburg’schen Denkens seit dreißig Jahren. „Kann auch den Bimmelburg nicht leiden. Hat militärische Haltung, aber keine Königstreue.“ Bimmelburg3 war der zweite der beiden Generäle, mit denen Hindenburg verhandelte. Die Generäle redeten. Hindenburg schwieg. Er hörte nicht zu, das hatte er sich seit dreißig Jahren abgewöhnt: Er verstand doch nichts von dem, was man ihm sagte, wenn es nicht die banalsten Alltagsangelegenheiten betraf. Die Generäle redeten. Vor allem der General von Schleicher. Der Staatssekretär Meißner4 hörte alles. Er hatte in Hindenburgs Schreibtisch ein empfindliches Mikrofon anbringen lassen. „Der alte Trottel versteht ja doch nicht, was geredet wird, er kann es einem nicht einmal wiedergeben.“ Schon unter Ebert hatte Meißner immer gedacht: „Der Trottel versteht doch nicht, was geredet wird.“ Aber Ebert hatte ihn nie herausgeschickt, wenn er verhandelte, daher brauchte er damals kein Mikrofon. „Mein Meißner“, pflegte Ebert zu sagen; er schwor auf seinen Staatssekretär. Hindenburg hatte den Meißner übernommen, wie man einen Kammerdiener übernimmt. Er fühlte sich verlassen, wenn Meißner hinausgeschickt werden musste, aber manchmal wurde er hinausgeschickt.

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„Kann den Kerl nicht leiden“, dachte Hindenburg im Halbschlaf. „Gestern Abend hat’s Apfelsinen gegeben. Sind bestimmt zu teuer. Keine Sparsamkeit mehr im Hause. Man muss mal das Haushaltungsbuch genauer kontrollieren. Früher hat man gesagt: Apfelsinenorden. War auch nischt, der Orden. Wurde auch viel zu reichlich vergeben. Die Medaille hat schlecht ausgesehen. Zu gelb.“ Hindenburg hatte nie anders „gedacht“. Seit er Präsident war, war er ständig böse. Immer wurde er gestört. Jetzt saßen die beiden Generäle vor ihm und störten ihn. „Kann den Bimmelburg auch nicht leiden.“ Den Ludendorff 5 hatte er während des Krieges auch nicht leiden können, aber der hatte nicht danach gefragt. Schleicher hatte seinen Plan vorgetragen. Den Plan hatte Bimmelburg ausgearbeitet. Schleicher hielt große Stücke auf seine Verhandlungstechnik. Er hatte während des Krieges viel mit Waffenschiebern zu verhandeln gehabt, sie imponierten ihm immer riesig, er kopierte sie. Er war überzeugt, dass er alle „einwickeln“ konnte. „Den Bimmelburg wickle ich ein, dass er gar nichts merkt“, dachte Schleicher. „Alter Kommissstiefel, aber schlau.“ Bimmelburg, der „alte Kommissstiefel“, hielt Schleicher für einen Dummkopf; „ein Bürogeneral, und schwatzt wie eine Elster“. Er wollte ihn ausnutzen, diesen „Dummkopf “ Schleicher. „Wenn ich Politik mache, kann der Schleicher ruhig reden. Wenn er nur macht, was ich will, darf er sogar glauben, er hat’s ausgedacht. Hindenburg verachtete er. Hitler war für ihn ein Idiot. „Vollidiot“, sagte er, als er Schleichers langatmige Ausführungen zusammenfasste. Das war das einzige Wort, bei dem Hindenburg aus seinem Halbschlaf erwachte. Er horchte auf und fragte, als Bimmelburg längst bei einem anderen Gegenstand war: „So? Vollidiot? Der böhmische Gefreite? Pfui Teufel.“ Er sprach die Worte langsam, mit leerer dröhnender Stimme, wie er es gelernt hatte. Die Generäle hatten sich erhoben. Hindenburg riss die Augen auf und ärgerte sich noch mehr. Jetzt musste auch er aufstehen, er konnte das nicht leiden. Er musste etwas sagen, er hatte keine Ahnung, was. Auf alle Fälle sagte er – seit dreißig Jahren hatte er das gemacht: „Ist ja alles sehr schön und gut, mein lieber Bimmelburg, aber ich weiß nicht, ganz so einfach …“ Bimmelburg dachte nur: „Herrgott, ist das ein Rindsvieh, der hat kein Wort verstanden.“ Aber Schleicher, der gewandte Unterhändler, sprang ein: „Gewiss, Herr Reichspräsident, auch wir teilen selbstredend die Bedenken, gewiss, aber wir glauben, annehmen zu dürfen, tatsächlich, wenn Herr Reichspräsident gestatten, wir nehmen an, bei näherer Betrachtung kann unser PLAN kaum begründete Bedenken hervorrufen, und, wenn ich so sagen darf, DAS WOHL DES VATERLANDES gebietet …“ Wenn Hindenburg die Worte „das Wohl des Vaterlandes“ hörte, funktionierte er allerdings wie ein Groschenautomat. Jetzt knarrte er wirklich: „Ja, mein lieber Schleicher, wenn das so ist (kann den

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Kerl nicht leiden), dann wird’s eben gemacht.“ Die Worte kamen langsam, hohl und tief aus diesem Munde, der fast zu träge war, die Phrase zu entlassen. ooooo „Fahren Sie mit?“, fragte Bimmelburg den schlauen General. Er fragte ganz automatisch. Er war froh, Hindenburg los zu sein. Er hoffte, auch Schleicher sofort loszuwerden. „Nee, nee, keine Zeit, absolut keine Zeit, keine Minute“, legte Schleicher los. Er blieb stehen, Bimmelburg neben ihm. „Habe heute noch drei Konferenzen. Streng vertraulich, kolossal interessante, wicht’je Sachen. Vortrag der Gewerkschaftsführer – bleibt aber unter uns, ja? Kann Ihnen im Vertrauen sagen, dieser Strasser – fabelhafter Kerl, ganz andres Kaliber als Hitler. Leipart kommt auch, aber bitte – ABSOLUTES Vertrauen, absolutes, ja? Na, dann noch eine Sache, ko-lossal int’ressant, und sehr wicht’je Sache, na, nichts für ungut, würde gern mitkommen, geht aber nicht. Wo fahren Sie ei’jntlich hin? Nach Hause? Familienleben, was, hahaha. Tja, ICH bin ei’jentlich nie mehr zu Hause, immer Besprechungen, immer, also ’n andres Mal, Wiedersehen.“ „Eine Elster“, dachte Bimmelburg, als er sich umwandte und in den Wagen stieg. „‚Konferenzen‘ – das blödsinnige Gequatsche mit den blödsinnigen Hammeln. Jeder will den anderen betimpeln, jeder weiß, dass der andere ein Ochse ist, und jeder hält sich für ein Originalgenie. Der Strasser – ein Apotheker aus Dinkelsbühl, das ist auch was.6 Der Leipart – das war mal eine Macht, diese dürre Vogelscheuche. Sowas hat auch mal beinahe regiert. Und der Schleicher, der ‚soziale General‘, weil er sich das Gequatsche anhört und das Blaue vom Himmel verspricht. ‚Massen, Bimmelburg, Massen stehen hinter mir.‘ Massen – so ein fiesen Kerl.“ Bimmelburg stammte aus dem Rheinland. Er versuchte immer, berlinisch zu reden, aber wenn er in Zorn geriet, sprach und dachte er rheinisch. „Ein fiesen Kerl. ‚Bimmelburg, in fünf Minuten werde ich mit diesem Idioten, dem Hitler, fertig.‘ Das sagt er nicht bloß mir, das sagt er allen, und allen die’s dem Hitler brühwarm wiedersagen, das nennt er schlau. ‚Hinter mir stehen MASSEN, Bimmelburg, hinter Hitler bloß die große Schnauze.‘ Ein fiesen Kerl. Bin ganz sicher, dass er dem Strasser mit demselben jovialen Grinsen sagt: ‚Hören Sie, Strasser, mit Herrn Hitler kann ich mich in fünf Minuten verständigen, wenn er nur ein bisschen seine Demagogie eindämmen möchte. Gut Ding will Weile haben, ich bin ja genauso SOZIALIST, wie Herr Hitler.‘ Ein fiesen Kerl.“ Bimmelburg hatte Hunger. Er kam zu Hause gerade zum Essen zurecht. „Herrgott, ist das ein Rindvieh“, knurrte er vor sich hin, als er die Treppe hinauflief. Wer das Rindvieh war, Hitler, Schleicher, Hindenburg, alle, blieb unklar. „Ach was, die Hauptsache: Ich habe meinen PLAN. Den Schleicher lasse ich tanzen wie den Tünnes; er kann den ganzen Ruhm ernten, ist mir egal. Verdammt noch mal, hab ich Hunger.“ Wenn Bimmelburg Hunger hatte,

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war mit ihm nicht zu spaßen. Aber zu Hause wurde sein Hunger nie gestillt. Zu Hause, das war bei der schrecklichen Adelheid7. Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren fiel die Gattin dem General auf die Nerven. Wenn auch aus Hamburg, war sie eine altpreußisch dürre, blasse, knochige, säuerliche, dumme, ladestockgerade, großfüßig und steif schlurrende Frau; ein großes goldenes Kreuz baumelte über der platten Brust. Die grauen Haare, in der Mitte gescheitelt, konnte er nicht sehen, ohne zu denken: „Auf dich bin ich hereingefallen, o Adelheid, mein Kreuz.“ Und kein Tag verging, ohne dass Adelheid ihn mit tränenfeuchten Kalbsaugen angeblickt und gefragt hätte: „Franz, du hast doch gut geschlafen, nöch?“ Und Bimmelburg, der sich seit mehr als fünfundzwanzig Jahren über dieses „nöch“ ärgerte, sagte immer, höflich und gereizt: „Danke, liebe Adelheid.“ Die liebe Adelheid hatte ihm zwei Töchter geboren. Sie schienen ihm nichtssagend, blass, blöd. „Adelheids Töchter“ nannte er sie. Die Töchter aber zankten sich täglich mit der Mutter, denn die liebe Adelheid war hart und streng zu ihnen, hart und streng zu den Dienstboten, und geizig, dass Bimmelburg zu Hause hungerte. Daher war er besonders wütend, wenn er hungrig nach Hause kam. Er kannte die Speisekarte: Kartoffelsuppe („Sehr schön heute, nöch?“), ein ausgelaugter Kalbsbraten mit Backpflaumen und grauen Salzkartoffeln („Kalb isst du doch gern, Franz, nöch?“) und ein Oetker’scher Vanillepudding ohne Vanille. Diesen Fraß verschlang der General regelmäßig. Er hielt die Mahlzeiten ein, aus Gewohnheit. Zu Hause wurde um 4.30 Uhr gegessen. Gleich nach dem Essen, das rasch und ohne Gespräche eingenommen wurde, zog sich der General immer zurück; er hatte zu arbeiten. Meist hielt ihn die Arbeit von 6 bis spätestens 8 Uhr bei einer dicken, gemütlichen Ostpreußin, die ihn ausgezeichnet fütterte und mit wahrer Liebe umgab. Bei ihr aß er und las Zeitungen. Von 8.20 Uhr bis gegen 11 Uhr pflegte Bimmelburg dann wirklich zu arbeiten, im Reichswehrministerium. Manchmal ging er in einen Herrenabend, wo er sich regelmäßig ärgerte. Seit dreißig Jahren hörte er dort dieselben Witze. Man schimpfte dort mäßig über Hitler, kritisierte Hindenburg und erzählte ausführlich von den Verlusten an der Börse. Der General hörte zu. Bei diesen Gesprächen erholte er sich, zugleich ärgerte er sich, und das brauchte er. Er war von Natur nicht wortkarg, er war sogar fröhlich und witzig. Aber er hatte gelernt, sich in der Gewalt zu haben, seine Zunge zu hüten. So unterhielt er sich schon seit einiger Zeit fast nur noch mit seiner älteren Tochter Marieluise. Marieluise war in diesem Hause als „Adelheids Tochter“ herangewachsen. Der Vater hatte sie kaum beachtet. Eines Tages erklärte sie ihm, sie wolle Jus studieren. „Jus? Rechtsverdrehung? Paragrafenreiterei?“ Der General lachte. Aber die Tochter stand vor ihm da, blass, das ist wahr, mit Brille, das stimmt, aber entschlossen, durchzusetzen, was sie wollte. Und da dem Vater eigent-

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lich vollkommen gleich war, was die Tochter trieb, ließ er ihr „den Quatsch“ durch. „Fürchterliche Mädels“, dachte Bimmelburg, wenn er überhaupt an seine Töchter dachte. Aber eines anderen Tages, als die Tochter in ihrem fünften Semester war, stand die Tochter wieder vor dem Vater. Er war allein in seinem Arbeitszimmer und las die „Deutsche Zeitung“. „Schauderhaft dummes Mistblatt“, dachte er. „Was ist, Mädel?“, fragte er Marieluise. Die Tochter fragte zurück: „Du liest da den Artikel von Freytag-Loringhoven?8 Verstehst du eigentlich etwas von STAATSRECHT?“ „Staatsrecht? Hm. Na ja, das kennt man doch, Vertrag von Versailles und so.“ Der General wusste natürlich nichts von Staatsrecht. Es interessierte ihn nicht. Er wollte sie mit den windigen Redensarten abschütteln, er wollte die Zeitung weiterlesen („Wird immer blöder, das Schweineblatt, noch blöder als die Kreuzzeitung.“), er wollte eigentlich nicht gestört werden, aber die Frage war ihm unbequem, daher beschäftigte sie ihn. („So’ne Idee: Staatsrecht ist doch sicher bloß so’n Quatsch.“) Aber Marieluise ließ sich nicht abschütteln und sagte ruhig und fest: „Nein, Vätchen, vor Versailles hat es doch auch schon Staatsrecht gegeben. Aber es stimmt nichts daran, weil die Sache mit dem STAAT einfach nicht stimmt.“ „Nanu! Da bist du wohl auch Monarchistin, wie Mama.“ Er wollte scherzen. Aber in diesem Augenblick sah er die Tochter an und bemerkte, dass seine Marieluise („Adelheids Tochter“) ihn mit Spott ansah, durch ihre Brille („Kann Brillenschlangen nicht leiden.“). Er versuchte zu manövrieren: „Ja, das mit dem Staat ist wirklich nicht so einfach, gewiss …“ Er wollte einfach Zeit gewinnen; er imitierte unbewusst Schleichers Manier, über das Nichts wortreich zu reden, und er bemerkte lauter neue Sachen an der Tochter: „Das Mädel hat Busen, komisch; sogar rote Backen kann sie kriegen; fragt mich nicht, ob ich gut geschlafen habe, ‚nöch‘; ‚nöch‘ sagt sie auch nicht, weiß der Kuckuck, man weiß doch nichts von seinen Kindern. Schade, dass ich keinen Jungen habe. Mit einem Jungen kann man eher zurechtkommen als mit den Mädels. Das Mädel ist doch schon ein Weib. Weiß der Teufel, wie sie mit ihren Weibersachen zurechtkommt. Mit einem Jungen wäre das viel einfacher. Den würde ich einfach fragen, ob er mit einem Mädel schlafen will, ich würde ihm schon was besorgen.“ Während dieser Überlegungen eines vollkommen überraschten Vaters redete Bimmelburg automatisch weiter: „Das, was wir heute als Staat haben, ist ja eigentlich gar kein Staat. Das ist doch ein Saustall, aber kein Staat. Ehe da Ordnung hineinkommt.“ „Aber, Vätchen, das sind doch Redensarten“, unterbrach ihn die Tochter. Bimmelburg war verblüfft. Nie hatte ihn die Adelheid unterbrochen. Seit er General war, unterbrach ihn kein Mensch, nicht einmal Schleicher. („Ist doch ein

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Rindvieh“, fuhr es ihm durch den Kopf. „Das Mädel redet ja wie ein Schulmeister.“) „Das sind doch wirklich bloß Redensarten, Vätchen. Wie kann nur ein so kluger Mensch wie du sich mit solchen oberflächlichen Redensarten begnügen! Merkst du denn wirklich nicht, dass wir mit diesen Redensarten aus der Krise nie herauskommen werden? So blind kannst du doch nicht sein, dass du nicht merkst, dass hier eine Krise des SYSTEMS vorliegt. („Aha, Nazi! Das hat mir noch gefehlt, dass meine Töchter diesem Hitler nachlaufen.“) Oder glaubst du, ich bin noch ein Kind, das nichts verstehen kann? Oder bist du vielleicht gar der Ansicht, dass Frauen sich nicht um Politik kümmern sollen? Nein, wir JUNGEN wollen nicht mehr länger („ ‚ So, nicht mehr länger‘, sollten mal lieber erst anständiges Deutsch lernen, diese ‚Jungen‘.“) so weiter leben. Nein, Vätchen, wenn man nicht einsieht oder einsehen WILL, dass der Staat doch nur eine Ausbeutungsmaschine („ ‚Maschine‘ ist gut!“), eine Unterdrückungsmaschine ist, solange nicht die große Mehrheit der Werktätigen die Macht übernommen hat.“ „Ach du liebe Güte, DAS habe ich schon mal gehört. Bist wohl Kommunistin geworden, mein Kind?“ „Und wenn ich’s wäre? Willst du mich vielleicht verstoßen?“ Es sollte spöttisch klingen. Es klang zahm. „Ach nee. Wozu denn? Warum denn? Denken kannst du, was du willst. Willst du etwa Bomben schmeißen?“ „Immer nur Witze. Was hat die Gesinnung mit Bombenwerfen zu tun?“ „Stimmt. Absolut nichts. Die strammsten Sozialdemokraten haben während des Krieges Handgranaten geschmissen, dass es nur eine Lust war, und die wildesten Kommunisten haben während der Revolution geschrien: Jenossen, lasst euch nich provozieren. Also bitte, Gesinnung – soviel du willst. Scheffelweise. Warum denn nicht? Aber keine staatsfeindliche Betätigung, wenn ich bitten darf. Verstanden?“ „Nein, Vätchen, gar nicht VERSTANDEN. ‚Staatsfeindliche Betätigung‘ sagst du. Aber was der STAAT ist, kannst du mir nicht sagen, oder besser: Du sagst SAUSTALL.“ „Na, mein Kind, das sage ich ja nur so hin; was ich mir denke, ist eine andere Sache. Aber staatsfeindliche Betätigung ist eine völlig klar umrissene Angelegenheit.“ Der General fühlte, dass er faule Flausen machte. Die Tochter dachte: „‚Angelegenheit‘ sagt Vater: Das ist ein General – wie ein Literaturstudent drückt er sich aus.“ „Aber gar nicht, Vätchen. Nichts ist da ‚klar umrissen‘, gar nichts. Ich kann dir als Juristin sagen („Das redet auch schon als ‚Juristin‘, und etwas gönnerhaft, schöne Bescherung.“), dass da nichts feststeht und nichts klar umrissen ist in dieser Angelegenheit, wie du dich auszudrücken beliebst. Im Gegenteil. Die Faschisten beispielsweise („Faschisten? Das gibt’s bei uns auch schon? Mir neu.“), die Faschisten können tun, was sie wollen. Die Kommunisten werden einge-

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sperrt, bevor sie überhaupt etwas getan haben, nur weil sie Kommunisten sind, und daher, nach der Judikatur des Reichsgerichts („Auch das noch.“) eo ipso staatsfeindlicher Gesinnung und Betätigung, BETÄTIGUNG, bitte, überführt seien. Das ist deine festumrissene ‚Angelegenheit‘.“ „Moment, mein Mädchen.“ Der General versuchte, ironisch zu sein. „Du willst dich also staatsfeindlich betätigen? Oder was ist sonst der tiefe Sinn deiner beredten Worte?“ „Darf ich dich bitten, ernst mit mir zu sprechen, Vater? Ich spreche mit dir doch auch nicht wie mit einem kleinen Kind, da möchte ich mir denn doch verbitten, dass du mit mir sprichst wie mit einem Baby, nöch?“ („Wahrhaftig, jetzt kommt doch die Adelheid durch, nur vernunftbegabt. Sonst berlinert sie eigentlich ganz abscheulich. Aber ich mache keine gute Figur bei dieser Diskussion.“) Bimmelburg wollte Deckung suchen: „Nanana, ich spreche doch ganz ernst mit dir.“ „Nein, du sprichst ganz und gar nicht ernst mit mir. Ich habe dich gar nicht gefragt, was ICH tun darf oder soll, das lass bitte MEINE EIGENE ANGELEGENHEIT sein, nicht wahr. Ich habe, weil ich dich für einen klugen Mann halte, mich über die brennendste Zeitfrage mit dir unterhalten wollen. Aber du gibst mir Antworten von einer abscheulichen Banalität. Das enttäuscht mich. Wenn du nicht anders KANNST, habe ich dich überschätzt. Wenn du nicht anders WILLST, haben solche Besprechungen keinen Sinn.“ Aber diese Besprechung blieb nicht die letzte. Der General wusste, dass er eine Schlappe erlitten hatte. Er wunderte sich darüber, dass seine Tochter eine so glatte, BANALE Sprache sprach, wie er sofort registrierte. Aber er begriff sofort, dass sie doch nicht die „dämliche Ziege“ war, für die er sie, „Adelheids Tochter“, gehalten hatte. Sie behandelte ihn nach diesem Gespräch etwas von oben herab. Er suchte jetzt immer häufiger, sie ins Gespräch zu ziehen und vermied es sorgfältig, den „banalen“ Ton anzuschlagen, der ihm keine Ehre eingebracht hatte. Die Tochter wiederum behandelte den Vater zwar, da sie ihn für altmodisch hielt, je mehr sie mit ihm sprach, etwas „überlegen“. Aber sie war froh, zum Vater in eine Beziehung zu kommen, nach der sie sich gesehnt hatte. Sie lernte jetzt lauter Neues, und sie wollte das Gelernte möglichst frisch an den Mann bringen, den sie ändern wollte, weil sie ihn liebte und trotz seiner altmodischen Ansichten achtete. Ihr imponierte natürlich nicht die Generalsuniform, denn sie hatte den Vater nie anders als in Uniform gekannt. Aber sie hatte Respekt vor Bimmelburg, der ein „ungewöhnlicher Mann“ war, wie sie sich sagte.9 ooooo Bimmelburg hatte Hunger gehabt, als er Schleicher verlassen hatte. Hunger und ein leeres Gefühl, das ihn zwang, immer wieder zu denken: „So ein Rindsvieh.“ In dieser Stimmung kam er zu Hause an. Fünf Minuten später saß er am

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runden, langweiligen Tisch, Adelheid gegenüber, die das Tischgebet sprach: „Komm, Herr Jesus, und sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast. Amen.“ Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren ärgerte sich Bimmelburg über das geschnurrte protestantische Gebet und das durch die Nase gezwängte A in Amen. Er war Katholik, im Grunde areligiös, jedem Kult gegenüber völlig gleichgültig. Aber als ihm, schon am zweiten Tage nach der Hochzeit, die Gattin mit frommem Blick sagte: „Franz, meine Frömmigkeit und meine Relijion lasse ich mir nicht nehmen, nöch?“, und als sie bei der ersten gemeinsamen Mahlzeit im eigenen Hause den Herrn Jesus hinlegte, dass es ihm in den rheinischen Ohren gellte, begann der innere Ärger über die geborene Sthamer10; sie hatte eine hübsche Mitgift in die Ehe gebracht, das war der einzige Ehegrund. Die Kartoffelsuppe wurde aufgetragen. Niemand sprach bei Tisch. Nur Adelheid fragte, wie Bimmelburg vorausgesehen hatte: „Sehr schön heute, nöch? Noch einen Teller, Franz?“ Der General antwortete wie immer: „Danke, nein, liebe Adelheid.“ Während des Genusses des Oetker’schen Puddings fragte Marieluise nebenher: „Warst du heute bei Hindenburg, Vätchen?“ „Man spricht bei Tische nicht über Politik“, fuhr Adelheid spitz drein und setzte sofort eine andere Maxime hin: „Man sagt auch beim Herrn Reichspräsidenten, nöch?“ Dann läutete sie. „Jean, räumen Sie den Rest weg und lassen Sie ihn aufheben. Den Kaffe servieren Sie im Salong.“ Jean, der Zivildiener, den der General sich hielt, weil er zu Hause nichts Militärisches sehen wollte, räumte ab. Adelheid stand auf und setzte ihren Sermon fort: „Die Jugend ist so respektlos heutzutage, nöch?“ Das kam dem General gerade recht. Er wollte seinem Ärger Luft machen und sagte trocken: „Ich war beim HERRN REICHSPRÄSIDENTEN. Der alte Herr sollte nicht am Nachmittag empfangen. Da ist er schon so schläfrig, dass er nicht mehr zuhören kann. Seine geistigen Fähigkeiten sind nicht gerade erhebend.“ „Aber Franz, das stimmt doch sicher nicht, nöch? Der Herr Reichspräsident ist doch rüstig.“ Aber die „respektlose“ Tochter lachte auf und fragte den Vater: „Habt ihr wenigstens was erreicht, Vätchen?“ „Erreicht? Alles Quatsch. Wir haben unseren PLAN. Wenn schon.“ Bimmelburg sprach absichtlich schnoddrig, „berlinisch“, wie er glaubte. Adelheid machte entsetzte Augen. Der General und Marieluise zündeten sich im „Salong“ Zigaretten an, die jüngere Tochter Marianne gab dem Vater einen Kuss und drückte sich („Jetzt wird’s stinklangweilig.“), und der General blies den Rauch in die Luft und sagte langsam: „In meinem Schreibtisch liegt, was wir erreicht haben. Aber mit diesen Leuten kann man nichts erreichen.“ Er rauchte die Zigarette fertig und verabschiedete sich zeremoniell von seiner Frau: „Ich habe noch zu arbeiten, liebe Adelheid.“ Er hatte Hunger, daher hatte er es

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eilig. Er bekam auch bei seiner Ostpreußin vernünftig zu essen, Lachs, Wildschwein und Omelette surprise. Nach dem Essen ließ die Freundin eine Platte des Trompeters Armstrong laufen. „Zu verrückt, was so ein Kerl aus seiner Trompete quetscht“, sagte der General und fuhr ins Büro, um wirklich zu arbeiten. Adelheid trank mit Marieluise den „Kaffe“ (mit Betonung auf A); sie holte auch die jüngere Tochter: „Damit der schöne Kaffe nicht umkommt, aufgewärmt ist das doch nichts, nöch?“ Die Töchter tranken ihn mutig; unter sich nannten sie ihn Lorke. Sie wussten beide längst, dass der Vater zu Hause den „Fraß“ herunterwürgte und dann essen ging; sie wussten auch, wo er aß. Sie billigten beide, seit Langem, Vaters Verhalten: Sie fanden beide ihre Mutter fürchterlich. Unter sich nannten sie sie nur Adelheid oder auch die fürchterliche Adelheid. Die Unterhaltung mit der Mutter war für beide Mädchen eine lästige Pflicht. Sie entschuldigten sich beide; die eine hatte Kopfschmerzen, die andere Kolleg, es waren klassische Entschuldigungen. Marieluise war zerstreut. Marieluise war zerstreut, weil sie entschlossen war, die Papiere, von denen der Vater gesprochen hatte, aus dem Schreibtisch zu stehlen. Sie wollte die gestohlenen Papiere weitergeben. „Staatsfeindliche Betätigung“, ging es ihr durch den Kopf. Sie dachte an ihre erste Unterhaltung mit dem Vater. „Staatsfeindliche Betätigung, gut.“ Und sie pfiff vor sich hin: „Heute Nacht oder nie“11. Sie pfiff laut und falsch.

2. Staatsrecht und Liebe Die Berliner Universität steht Unter den Linden. Ein preußischer König hatte ein prunkhaftes Stallgebäude bauen wollen. Man setzte keine Pferde, sondern königlich preußische Professoren und künftige königlich preußische Beamte und Angestellte hinein, Studenten, die einst in Hegels Vorlesungen liefen, um zu lernen, dass der preußische Staat die Verkörperung der Idee der Vernunft sei. Hundert Jahre später, nach verlorenem Krieg und schon verlorener Revolution, setzte die Regierung der Volksbeauftragten, so nannte sich der Ausschuss zur Rettung des deutschen Kapitalismus, im Winter von 1918 auf 1919 erneut PFERDE in die Universität. Truppen des „Sozialisten“ Noske12, weiße Garden, pommersche und kaschubische Bauernlümmel, Freiwillige und reguläre Soldaten wurden mitsamt ihren Gäulen in den neuen Flügeln der Universität einquartiert. Hier hatten kurz vorher noch Einstein und Planck über die Fortschritte der Physik gelesen.13 Jetzt demonstrierten die königlich preußischen Offiziere praktische Ballistik: Sie schossen mit Kanonen auf die Berliner Arbeiter, die nicht der Ansicht waren, dass das gesamte Gesindel, das sie vier Jahre lang hatte hungern und krepieren lassen, weiterhin an der Macht zu bleiben

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habe. Die Kanonen donnerten, Gasgranaten wurden gegen den Marstall abgeschossen. Die sozialdemokratischen „Volksbeauftragten“ nannten das: Die Gräuel des Bürgerkriegs, die Schrecken des Bolschewismus vermeiden. Und sie plakatierten überall: „Der Sozialismus marschiert!“ Später begann in dieser Universität ein neues Leben. Pommersche und kaschubische Bauernlümmel in Uniformen und ihre volksbeauftragten Gäule wurden aus der Universität geschafft, die Rossäpfel ausgeräumt: Der Gestank blieb den Hörsälen noch lange erhalten. Und auch die alten königlich preußischen Professoren blieben dieser Republik und ihrer Universität erhalten. Dafür hatte man ja die Kanonen bemüht, die Bauernlümmel mobilisiert, die berufsmäßigen Mörder gedungen, Tausende von Arbeitern umgebracht und die Schrecken des Bürgerkriegs vermieden. Die Wissenschaft ist überparteilich. Man hatte eben deshalb die alten Knasterbärte, die reaktionären Professoren, die Herolde der Monarchie alle behalten. Und man hatte einige Konzessionsschulzen, aber nur wenige, aus der Sozialdemokratie der philosophischen Fakultät aufgezwungen. Da saßen sie vor leeren Hörsälen und bewiesen aus Leibeskräften, dass sie ebenso feine Leute waren wie die älteren Kollegen. Da lehrte Herr Lensch14, der rasch aus einem hyperradikalen Sozialisten ein ultrareaktionärer Imperialist geworden war, seine Weisheit; da berichtete Herr Cunow15, eine Leuchte der Sozialdemokratie, über die Sitten der primitiven Völker und die Schrecken des Bolschewismus. Die waren der Republik erspart geblieben, Gott sei Dank. Die Studenten saßen nicht mehr zu Füßen Hegels. Es gab keinen Hegel. Aber sie wurden nach wie vor zu königlich preußischen Beamten und Angestellten ausgebildet. In der juristischen Fakultät, aus der die künftigen Richter dieser Republik stammen sollten, hatte man keinen der Professoren entfernt, die immer wieder BEWIESEN, dass, staatsrechtlich gesprochen, die deutsche Republik, die ihnen Gehalt zahlte, überhaupt nicht existierte. Es waren scharfsinnige Beweise, und dass man sie tun ließ, bewies besser als die albernen Theorien von der Kontinuität der wilhelminischen Verfassung, dass die Republik de facto nicht existierte. „Die Republike“, nannte sie der alte Staatsrechtler Triepel16, königlich preußischer Geheimrat, Deutschnationaler und ordentlicher Professor an der Universität seit der Zeit, die lange vor dem Krieg begonnen hatte und – der Kontinuität wegen – für den Geheimrat nie unterbrochen worden war. Triepel las dieselbe Vorlesung, die er schon 1912 gelesen hatte. Er schob ein Kapitel ein, in dem sonnenklar bewiesen wurde, dass die ganze „Republike“ nebst ihrer Verfassung Hochverrat, Klimbim und Schwindel war. Zu seinen Füßen saßen die Studenten. Wenn Triepel sein Auditorium betrat, trampelten die Studenten wie Pferde. Das war die altpreußische Sitte, den Lehrer zu begrüßen. Mit Trampeln quittierte man die Witze, die seit zwanzig Jahren an den gleichen Stellen aus dem

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Manuskript vorgelesen wurden. Der Saal füllte sich mit Staub. Triepel erhob seine königlich preußische Stimme, um mit ledernem Professorenhohn die Nichtexistenz dieser „Republik“ zu beweisen, und die Studenten scharrten, um der Republik ihren Abscheu zu bezeugen und so mit den Füßen darzulegen, dass sie die sittliche Reife besaßen, die ihnen das Gymnasialzeugnis bestätigte, wenn sie zur Universität gingen. In der Mehrzahl waren es erzdämliche Köpfe, die zu Triepels Füßen saßen. Vernünftige, intelligente Studenten pflegen in derlei Vorlesungen nur zweimal im Semester zu gehen: am Anfang, um sich bestätigen zu lassen, dass sie bezahlt haben, und am Schluss, um die Unterschrift des Professors zu holen, der bezeugt, dass sie die Vorlesung gehört haben. Was der Professor zu sagen hat, ist hundertmal gedruckt oder hektografiert worden. Viermal in der Woche je eine Stunde Staub zu schlucken, um Trampeln und Scharren als Begleitmusik zu den abgestandenen Witzen zu hören, lohnt sich wahrscheinlich nicht. Nur unerfahrene, junge Studenten besuchen diese Vorlesungen. Oder übergewissenhafte, geborene Beamte, oder aber schließlich solche, die vor dem Examen stehen und gerade von dem Mann examiniert werden, der sie in der Vorlesung langweilt. In der dritten Bank, ziemlich weit links, saß im Sommersemester 1931 ein Mann, der in seine Umgebung nicht hineinpasste. Die Studenten Triepels waren jung. Ungeformte Gesichter, täppisches, ungleichmäßiges, unsicheres Benehmen oder das eckige, gekünstelt forsche Auftreten der Korporationsstudenten. Der Mann, der in der dritten Bank saß, war viel älter als diese jungen Leute. Klein gewachsen, sauber angezogen, mit dunklem, spaniolischem Teint, mit Brille auf großer jüdischer Nase, mit abstehenden Ohren, mit Haaren, die sich bereits lichteten, schwarzen, spaniolischen Haaren, hätte er komisch ausgesehen, wenn er nicht klug und erfahren ausgesehen hätte. Auch eine nervöse Zappligkeit machte ihn nicht komisch: Die spöttischen Augen, das lange, zwar glatte, jung erscheinende, aber durchgearbeitete Gesicht hoben ihn sofort aus der Menge seiner „Kommilitonen“ heraus. Ihre ungeformten, hölzernen oder teigigen Gesichter, ihre eckigen Bewegungen, ihre kindischen Stimmen, ihre leeren Augen, ihre hohlen oder brutalen Kälberfressen gaben diesem „komischen“ Juden ein Relief, das sie selber verstanden; keiner von ihnen behandelte den älteren Studenten anders als mit einer mehr oder weniger offen eingestandenen Hochachtung. Auch die Studenten, die ihr Naziabzeichen offen oder heimlich trugen, machten keine Ausnahme. Sie wussten alle, dass dieser exotische Vogel in Triepels Staatsrechtsvorlesung ein früherer kommunistischer Reichstagsabgeordneter war.17 Neben diesem ungewöhnlichen Studenten saß Marieluise Bimmelburg; es war kein Zufall. Sie gehörte zu den unerfahrenen Studenten, ihr Nachbar zu den allzu gewissenhaften. Sie hatte sich zu Anfang des Semesters, lange vor Be-

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ginn der ersten Vorlesung des Geheimrats Triepel, zufällig in die dritte Bank gesetzt. Das war nicht zu weit vorn und nicht zu weit hinten, ein ordentlicher Mittelplatz. Als der auffällige Jude, mit der Mappe unterm Arm, ins Auditorium trat, ebenfalls viel zu früh, sodass er überall Platz finden konnte, saß Marieluise schon in ihrer Bank und las eine illustrierte Zeitschrift. Der Eintretende blieb vorn, unterhalb des Katheders, stehen und betrachtete sorgfältig, mit etwas zugekniffenen Augen (trotz der Brille!), den leeren, langweiligen Raum. Er sah das lesende Mädchen gewissenhaft an, dann steuerte er in vollkommener Ruhe, mit etwas nervösen, zappligen Bewegungen der Arme und Schultern, auf den Platz neben Marieluise. „Sehr niedlich“, sagte sich der Mann: Marieluise von Bimmelburg war fadblond, trug die Zöpfe um den Kopf gelegt, hatte eine Brille auf der Nase; „sehr niedlich“, sagte er sich: Seit seinem sechzehnten Lebensjahr hatte sein Geschmack sich nicht geändert. Er liebte die Mädchen mit fadblondem Haar, Brille auf der Nase, etwas stumpfer Gesichtsfarbe. Die Brille war nicht unerlässlich, um seine Begier zu steigern; war sie aber vorhanden, so war sie eine willkommene Zugabe. Er war ganz und gar kein Don Juan, dieser auf den ersten Blick etwas komisch aussehende, bebrillte Mann von mittlerer Größe, dessen Gesicht wie das eines vergrämten Jungen aussehen konnte. Er war kein Mädchenjäger, sondern Familienvater. Fünfunddreißig Jahre alt war dieser Student, seit mehr als fünfzehn Jahren war er verheiratet und hatte zwei Töchter. Für den „Beruf “ eines Familienvaters sah er jung aus und nicht familienväterlich genug. In Zeiten, die man normal nennt, studieren junge Leute, um aus dem Studium in einen Beruf zu kommen. Meist sind es brave Bürgersöhnchen, die sich so auf den Beruf vorbereiten. Doch die Zeit war ganz und gar nicht normal, und dieser Mann mit den abstehenden Ohren und dem gelichteten Scheitel, mit der Familie und dem für Studenten nicht gewöhnlichen Alter, war kein Bürgersöhnchen. Er war als Bürgersohn geboren worden. Sein Vater war ein wohlhabender Berliner Buchdruckereibesitzer, konservativ, patriotisch und beschränkt, wie diese Schicht jüdischer Bürger zu sein pflegt. Der Sohn, Gerhard Alkan, sollte die übliche Karriere eines hartgesottenen Bürgersöhnchens machen. Aber er machte sie nicht. Er wurde vom Vater in ein Provinzinternat geschickt, wo er die übliche Mittelschulbildung erhalten sollte. In der Provinz trat er der Arbeiterjugend bei, schon vor dem Kriege. Sein Abitur machte er gerade noch, dann verfluchte ihn der Vater und warf ihn heraus: Er erfuhr, dass der Sohn ein Roter war, ein Todfeind der „menschlichen Gesellschaft“. Und da hörte der Spaß auf. Das Abiturium war ein Kriegsabiturium, von der Schulbank weg geriet Gerhard Alkan in die Kaserne und bald genug ins Feld. Aber seine Kriegskarriere war weder vom Heldentod gekrönt noch durch Orden geschmückt: Wegen Majestätsbeleidigung vor versammelter Mannschaft, begangen im Feld, wurde er in die Festung Spandau18 gesperrt. Er hatte Glück, die Sache hätte böser ausgehen

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können. Wäre nicht bereits Mannschaftsmangel gespürt worden, wäre er statt auf Festungshaft an die Wand gestellt worden. Vorher, während eines Urlaubs, hatte er sich ordungsgemäß mit einem jungen Mädchen verheiratet, dem unehelichen Kind einer Bäuerin aus dem Hannoverschen. Er hatte sie in der Jugendorganisation kennengelernt. Sie hatte festes weißes Fleisch, blonde Zöpfe, die um den Kopf gelegt waren, etwas stumpfe Gesichtsfarbe. Alkan schwängerte das Mädchen, als sie sechzehn, er siebzehn Jahre alt war. Das Kind wurde abgetrieben, die beiden blieben einander treu. Diese blonde, bezopfte, infantile Elly mit dem weißen Fleisch und einer stumpfen Sinnlichkeit, die Tag und Nacht, bei aller Passivität, wach ist, diese echte Germanin liebte ihren Gerhard, wie er seine Elly liebte. Beileibe keine sentimentale Musterehe, das genaue Gegenteil. Das Mädchen war Stenotypistin, schon während des Krieges im Spartakusbund19. Der junge Mann gehörte der unabhängigen Sozialdemokratie an, seit sie sich gebildet hatte.20 Fette Tage kannten sie nicht, seitdem der alte Alkan den Sohn verstoßen hatte. Aber das scherte sie wenig. Als der Krieg zu Ende war, begann Gerhard zu studieren und machte vier Semester ab, ohne sich viel um die Universität zu kümmern. Es war damals nicht eben die Zeit danach, geruhig seinem „akademischen Leben“ nachzugehen. Der Bürgerkrieg tobte in Deutschland, der junge Student beteiligte sich an der Politik, nicht an den Vorlesungen, die sowieso fortwährend ausfielen. Er arbeitete für seine Partei, er wurde Lokalredakteur in Jena. Er gehörte zum linken Flügel der USPD; als diese Partei sich spaltete, ging er natürlich zu den Kommunisten: Er hatte die Spaltung aktiv vorbereiten helfen, auf dem Halleschen Parteitag21 hatte er getobt wie nur einer. Jetzt ließ er das Studium sein, er war Redakteur in Halle, er bekam eine Tochter, er raste aus einer Versammlung in die andere, ab und zu schlief er mit blonden, bezopften Mädchen, zumal wenn sie eine Brille trugen; meist waren sie Stenotypistinnen, denen er Artikel und Rundschreiben diktierte. Aber nie versäumte er eine Sitzung, kein einziges Mal ließ er eine Versammlung im Stich. Die „Liebe“ beschäftigte ihn viel, aber nur in den Stunden, die er ihr zuwies, nach dem Notizbuch, das seine Tageseinteilung enthielt. Im Notizbuch stand alles: „Freitag, Artikel über das preußische Schuldbudget, 180 Zeilen; 10.30 Uhr (pünktlich!) Schulausschuss, Landtag; 12 Uhr, Landtag, Besprechung mit Knauer Senftenberg22 (Vorsicht, lügt wie gedruckt); 1.30 Essen mit Elly, zu Hause. 3.15, Gretchen (vor Friedrichstraße 220); 6 Bezirksleitung; 8 Zentralvorstand; 10 mal nachsehen, was in Neukölln los ist.“ Gerhard Alkan war im Herbst 1921 nach Berlin übergesiedelt; er war preußischer Landtagsabgeordneter geworden. Vorher hatte er während des KappPutsches23, im März 1920, in Halle mit dem Gewehr in der Hand, gegen die Truppen des Generals Märker24 gekämpft, 1921 hatte er im Gefängnis gesessen, dann war er Redakteur bei der „Roten Fahne“ in Berlin, hatte in unzähligen Versammlungen zu sprechen, liebte viele blonde und bezopfte Gretchen, Hildas, Alices, wieder Gretchen, Mariechen, die er, nach dem Notizbuch, „um 3.15

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vor Friedrichstraße 220“ oder an ähnlichen Stellen traf, pünktlich, zuverlässig, soweit es sich um Daten aus dem Notizbuch handelte. Die ganze Zeit über war er glücklicher Familienvater, hatte bereits zwei Töchter, die sofort nach ihrer Geburt der bäuerischen Großmutter im Hannoverschen zur Aufzucht übergeben wurden. Man konnte sich auf diesen exakten Organisator verlassen, und man verließ sich auf ihn. Auch die Mariechen, Gretchen, Hildas und Alices verließen sich auf ihn: Nie hat eine dieser vielen Liebsten sich über den trockenen, sachlichen und feurigen Liebhaber beklagt, der den Mädchen zur Einleitung ungefähr zu sagen pflegte: „Na, Kleene, woll’n wir nich mal zusammen ausjeh’n und so, hehehe? Bloß, das sag ich dir gleich, damit du’s dir’s merkst: Viel kosten darf ’s nich und viel Zeit hab ich nich, wejen Weibergeschichten versäume ich keene Parteiarbeit.“ Sie waren immer zufrieden, sie wussten, woran sie waren. Und Alkan berlinerte trocken und diktierte manchmal mitten zwischen den Liebesfreuden, einen organisatorischen Brief ins Stenogramm; dazu setzten sich beide Liebhaber Brillen auf und wurden sachlich und trocken. Die blonde, bezopfte Elly mit dem festen weißen Fleisch hatte nicht weniger Liebesbeziehungen. Aber während der exakte Organisator trocken und sachlich blieb und sich und die jeweilige Partnerin zufrieden machte, hatte sein Eheweib einen unleidlichen Zug zum Sentimentalen, zum Mondschein, Lüneburger Heidschnucken, keuschen Redensarten, poetischen Betrachtungen. Sie legte sich leicht und häufig mit einem Mann ins Bett; sie konnte das zu jeder Stunde des Tages und der Nacht. Sie konnte auch zu jeder Stunde arbeiten, man konnte ihr diktieren, wann man wollte. Aber wenn sie sich der „Liebe“ ergab, durfte über das Eigentliche nicht gesprochen werden, unter keinen Umständen mit präzisen Wendungen, alles war poetisch, auch wenn es drei verschiedene Männer in einer Woche waren. Und das Licht wurde immer gelöscht: „So gehört es sich, ja, ja, anders kann ich’s gar nicht.“ Die Frau war fruchtbar wie ein Kaninchen. Das ergab immer wieder Abtreibungen. Aber immer blieb auch Elly exakt: Sie arbeitete pünktlich und gut, sie versäumte nicht die Pflichtversammlungen in ihrem Parteibezirk, sie ging in die Gewerkschaftsversammlungen des Zentralverbands der Angestellten, sie kam, als englische Arbeitszeit eingeführt wurde, pünktlich nach Hause, zum Essen. Den Haushalt besorgte ihr eine Kusine, ein blondes Mädchen, das im Hause mit blanken, nackten, etwas lila angelaufenen Beinen umherlief, mit Zöpfen, und mit einer Gelegenheitsliebschaft mit Gerhard. Später verheiratete sich diese Kusine (und schlief ab und zu mit Gerhard: sie war von derselben unersättlichen Art wie Elly selbst). Es wurden Mädchen im Haushalt angestellt, aber mit diesen fing er grundsätzlich nichts an. „Sie können sich ihren Liebsten mit raufnehmen, wann Sie wollen“, sagte er zu den Mädchen, „aber machen Sie die Arbeit ordentlich, man kann sich einrichten, sage ich Ihnen.“ Sie richteten sich immer ein. Das Paar lebte sich keineswegs auseinander. Die vielen und vielfältigen Liebesbeziehungen beider wurden nicht geheimgehalten. Sie erzählten sich im Bett

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von ihren Erlebnissen, die Frau „keusch“ und andeutungsweise, auch nicht immer offen und wahrheitsgemäß, manchmal überhaupt nicht (wenn es wieder einmal eine „große“ Liebe war; von der hörte Gerhard erst bei der nächsten „großen“ Liebe). Elly musste wiederholt abtreiben, sie verzichtete keineswegs auf das Eheleben mit Gerhard; die Nebenbeziehungen störten die Ehe nicht, und sie empfing immer wieder auch vom eigenen Mann. Sie fiel vom Fleisch, sie schnitt sich die Zöpfe ab, sie ließ sie wieder wachsen, weil er sie mit langen Haaren „niedlicher“ fand, sie alterte sehr. Das feste weiße Fleisch war nicht mehr weiß und nicht mehr fest, die einst festen, hohen Brüste waren weder fest noch hoch. Aber der zynische, trockene, nüchterne Gerhard merkte DAVON nichts. Er war der verliebteste Ehemann, den man sich vorstellen konnte, er fand mit den Jahren seine Elly immer „niedlicher“, es war die vollkommene Ehe, denn die Frau hing, umgekehrt, an dem Manne. Gerhard war wiederholt von seiner Frau getrennt. Er hatte im Jahre 1921 Monate in der Tschechoslowakei verbracht, denn die deutsche Republik suchte ihn, wohl ihren jüngsten Abgeordneten, um ihn wegen sogenannten Hochverrats einzusperren. Er saß im gleichen Jahr im Gefängnis, denn die deutsche Republik sperrte auch ihre Abgeordneten ein, wenn sie Kommunisten waren.25 Die längere eheliche Abwesenheit ertrug die treue Gattin nicht. Schon während des Krieges hatte sie eine Liebschaft mit einem beurlaubten Flieger gehabt, ihre erste außereheliche Erfahrung. Sie hatten sich darüber bald geeinigt, es gab keinen Krach deshalb: Denn Gerhard, der in jeder Nacht, die er im Ehebett zubrachte, seiner Frau die Beweise seiner Zuneigung lieferte, vom ersten Tag der Ehe an bis zu dem Zeitpunkt, da sie getrennt wurde, hielt es für unerträglich, ohne Befriedigung der physiologischen Bedürfnisse zu leben, und er übertrug seine eigenen Erfahrungen ohne Einschränkung auf seine Elly. Diese hatte als so junges Mädchen mit Gerhard als erstem Mann die Freuden der Liebe kennengelernt, dass sie seine Anschauung für allgemeingültig hielt, kurz, es gab keinen Zank um diese Sachen. So kam während der Gefängniszeit Alkans die blonde Elly in einen gewissen Schlendrian der erotischen Freuden, immer „wie sich’s gehört“, immer ohne Schwierigkeiten für den, der wollte, und immer in völliger Bindung an den Mann, ihren Mann, ihren Gerhard. Der wiederum, dem Leben wiedergegeben, holte nach, was durch die Haft versäumt werden musste. Er holte im Hause und außerhalb des Hauses nach, und je häufiger die Beziehungen außerhalb des Hauses wurden, desto sorgfältiger erzählte er von ihnen der Frau im Ehebett, der er immer wieder beteuerte – und er meinte es vollkommen ehrlich –, „du bist doch viel niedlicher als alle anderen, hehehe“. In dieser Art der Ehe ist leicht eine Infantilität festzustellen, die den Psychologen interessieren könnte. Für die Geschichte dieses Mannes genügen die wenigen Andeutungen, die gemacht sind.

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Immerhin darf nicht verschwiegen werden, dass dieser Mann gegen Ende des Jahres 1923 eine Liebesbeziehung hatte, die, kurz und heftig, aus dem Rahmen der anderen herausfiel. ooooo Das Jahr 1923 war aufgeregt genug gewesen für Deutschland.26 Alkan war als führender Funktionär der Berliner kommunistischen Organisation politisch vollauf in Anspruch genommen, das versteht sich. Innerhalb dieser Partei gab es heftige Auseinandersetzungen, und als er sicher war, dass die revolutionäre Bewegung in Deutschland eine schwere Niederlage erlitten hatte, wurde Alkan mit anderen Vertretern der Opposition der Partei zu einer Konferenz nach Moskau geschickt, wo lange Beratungen über die Niederlage auf der Tagesordnung standen.27 Gerhard Alkan erschien im Dezember in Moskau, mit einem Berliner Arbeiter, der ebenfalls delegiert war. Er war mittags angekommen, wurde vom Bahnhof im Wagen abgeholt und ins Hotel „Luxe“28 gebracht, wo man die ausländischen Delegierten unterzubringen pflegte. „Luxe“ war voll; die beiden Berliner erhielten daher ein Zimmer in einem Flügel, der meist von ständigen und wenig geachteten Bewohnern besetzt wurde, einem „Zwischentrakt“, das heißt, einem Stockwerk, das zwischen zwei ordentlichen Stockwerken lag. Kaum angekommen, telefonierte Alkan an die Stellen, mit denen Besprechungen abzuhalten waren: „Wir müssen sofort Krach machen, Mensch“, sagte er zu seinem Mitdelegierten, „sonst können wir hier sitzen, bis wir schwarz werden.“ Aber das „Krachmachen“ nützte nichts: Es war nicht daran zu denken, dass die Beratungen bald beginnen würden, und „Krachmachen“ kannn man schließlich nur einige Minuten, während der Aufenthalt in Moskau einige Wochen dauerte. Man musste sich also beschäftigen, wenn es keine Sitzungen gab, und die Sitzungen nahmen, fanden sie überhaupt statt, nur einen Teil der Zeit weg. Alles das ergab sich nach und nach. Aber schon am Nachmittag des Ankunftstages ergab sich, dass an diesem Tag Alkan nichts zu tun hatte. Er verließ also sein Zimmer und bemerkte zu seinem Berliner Zimmerkumpan: „Mensch, hier gibt’s bestimmt Wanzen, darauf kannste dich verlassen.“ Der andere, der natürlich die größte Lust hatte, Moskau und das so andere Leben kennenzulernen, antwortete ausweichend: „Na, mir hat ja die Fahrt vom Bahnhof bis hier jenügt, so ville Bauern ha’ck noch nie jesehn; Arbeiter- und Bauernregierung.“ Das trug ihm nur einen verächtlichen Blick Alkans ein, der sein Notizbuch zog, für den übernächsten Tag einschrieb: „8.30 Krach machen“ und seinem Gefährten zuwarf: „Quatsch.“ In diesem Worte „Quatsch“ war alle Verachtung dieses linken Kommunisten für die Träumereien über die Arbeiter- und Bauernregierung des anderen enthalten. Überhaupt wollte Gerhard von den politischen Ansichten des gewissen Paule nichts hören: Da sein telefonischer An-

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griff abgeschlagen war, wollte er sich für den Rest des Tages dem Privatleben zuwenden. Das bedeutete: Er wollte Bekannte im „Luxe“ suchen, um mit ihnen über die schwebenden politischen Fragen zu sprechen oder sich zu zanken, je nachdem ob sie „Rechte“ oder „Linke“ waren. Da er aber zum ersten Mal in Moskau war, Paule dagegen den Betrieb von einem früheren Delegationsaufenthalt her kannte, musste dieser für den Beginn des Privatlebens seinen Mentor spielen. „Wo ist denn hier die Kneipe?“, fragte er den anderen. „Da trifft man sicher Bekannte; kommste mit?“ Paule kam natürlich mit. Er hatte nicht die geringste Lust, allein in dem elenden Zimmer zu bleiben; wo „die Kneipe“ lag, wusste er. Mit diesem Namen wurde der große, geschmacklose Saal belegt, den man von der Straße aus betreten konnte. Die Straße aber ist die Hauptverkehrsader dieses Stadtteils, die Twerskaja 29, und das alte Hotel „Luxe“, von den Deutschen „Luchs“ ausgesprochen, war ein altes, plumpes, großes Kaufmannshotel mit Musikcafé, im gleichen Hause, in dem vor der Revolution der Bäcker Filippow seine Pasteten buk, von denen er sich einbildete, nur er könne sie machen. Filippow war längst irgendwo in Argentinien zum Teufel gegangen, die Bäckerei lief als Genossenschaftsbäckerei weiter und buk die gleichen Pasteten, an die sechzig Sorten Brot, Kuchen, Torten;30 ganz Moskau barst damals von Lebensmitteln, und „die Kneipe“ wurde von völlig heterogenen Elementen bevölkert.31 Denn in diesem riesigen, rechteckigen Saal, in dem abscheuliche, staubige Palmen in langweiligen, schmutzig-grün angestrichenen Kübeln herumstanden, wurden die kommunistischen Delegierten aus aller Welt auf ihre offiziellen Bons oder gegen Barzahlung verköstigt; sie schlangen das Mittagessen herunter, das ihnen die „Offizianten“ mit schmutzigen, weißen Schürzen unachtsam hinsetzten; sie hielten sich im linken Teil, längs der Schmalseite des Saales auf, nicht weit vom Küchenbüffett, auf dem langweilige und übersüße, schaum- und sahneübergossene Kuchen und Torten von Fliegenschwärmen vorgekostet wurden. Die Hälfte der gegenüberliegenden Schmalseite, etwa dreißig Meter von den Repräsentanten der Weltrevolution entfernt, war ganz anders; da tobte auf einem hölzernen Podium die Repräsentanz einer Welt, von der man hätte annehmen können, sie sei tot: ein sogenanntes rumänisches Zigeunerorchester, das die scheußlichsten sentimentalen Schmachtfetzen und die ordinärsten „feurigen“ Weisen aus den Café-chantants der Vorkriegszeit mit vielen Gliederverrenkungen laut, unrhythmisch, geschmacklos drudelte, glücklicherweise erst abends und in der Nacht. Zwischen diesen beiden Antipoden saßen an langweiligen, runden Marmortischchen, in mangelhafter Beleuchtung, grell bemalte, dickbeinige und dickärschige Huren, die in der Twerskaja und um das Jungfrauenkloster herum sich in Scharen umhertrieben, ein grelles und widerwärtiges Andenken der „guten alten Zeit“ und die gerade in diesem Blütejahr der Wirtschaft des freien Marktes und der Inflation weniger verfolgt wurden als früher oder später. Abends saßen

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oft auch viele Gäste in diesem traurigen Café herum, die mit beiden Kategorien nichts zu tun hatten: militärische Würdenträger, die ausgehen wollten und offenbar eine Schwäche für rumänische Zigeunermusik hatten, Funktionäre der Genossenschaftsläden, sogar Privatleute; diese selten. Auf dem Wege in diese „Kneipe“, auf der breiten, teppichbelegten Treppe des „Luxe“, stießen die beiden Berliner sofort auf eine Bekannte Gerhards. Das war eine fadblonde Stenotypistin aus Stuttgart. Alkan kannte sie aus der Jugendbewegung und aus einer Agitationsversammlung in Württemberg. „Siehste, da kommt schon die Berta“, kündigte er seinem Begleiter an und wandte sich sofort an das ernste und ruhige Mädchen: „Nanu, Berta, da biste ja.“ Berta war erstaunt über diese seltsame Art der Begrüßung und fragte sachlich und schwäbisch, was er hier mache. „Ach, Mensch, du bis wohl RECHTS, wie alle aus Württemberg, was? Schad’t nischt, bist ein niedliches Mächen, hehehe.“ Berta machte keine Einwendungen. So seltsam es scheint, dieser Alkan wurde von den blonden Stenotypistinnen meist mit Wohlwollen behandelt. „Na, wir sehen uns ja nachher in der Kneipe, was? Was jibt’s denn sonst hier? Hast du einen Schatz?“, fragte er sachlich. Die ernste Berta musste lächeln und sagte ruhig: „Ja.“ „Na, schad’t nischt, wir können doch mal zusammen ausgeh’n, hehe. Bloß eins sag ich dir gleich, viel kosten darf ’s nich. Wo geh’n wir hin? Ich bin heute grade frei.“ Paule staunte über diese Schnellattacke und brummte vor sich hin: „So’n frecha Hund.“ Berta war unentschlossen, und Gerhard, der in die „Kneipe“ wollte, sagte im Weggehen: „Überleg dir’s, wir sehn uns ja noch, tjüs.“ Schon war er fort, der leichtfüßige, schlackerohrige und sitzungsfreie Liebhaber. Aber schon ein Stockwerk tiefer traf er neue Bekannte, zwei ganz junge Mädchen, natürlich wieder zwei Stenotypistinnen. Das eine Mädchen, eine Jugendgenossin, kannte Alkan von Berlin her, die andere kannte er nicht, aber es genügte, dass sie blond und bezopft war – er begrüßte die Mädchen sofort. „Tag, Hilde, da biste ja. Niedlich, die Zöppkens“ – er zog daran – „wer ist denn das andere Kind?“ Das „andere Kind“ lachte ihm ins Gesicht. Das junge Ding hatte noch nie solch komischen Mann getroffen. Gerhard aber griff sofort an: „Na, woll’n wa heute zusammen ausgehen? Aber bloß eene von euch. Wer will? Seid ja beide niedlich, hehe. Wie heißt du denn?“, fragte er das Mädchen, das noch lauter lachte. „Na, denn eben nich.“ Der Fall war für ihn erledigt. „Wie isses denn mit uns beiden, Hildeken? Wir sind doch schon mal in Berlin zusammen ausjegangen, nich?“ „Was du nicht sagst“, lachte Hilde, „in Berlin hast du ja nie Zeit.“ „Pass mal auf, hier hab ich Zeit, die Leute bummeln hier viel zu sehr, ich habe heute Abend noch nischt vor, da können wir doch zusammen ausjeh’n, bloß sag ich dir gleich, viel kosten darf ’s nich.“

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„Olla jeiz’jer Lümmel“, bemerkte Paule, der neidisch wurde. Aber auf ihn hörte niemand. (Er verbrachte den Abend schließlich im Zimmer des ewigen Bohemiens Max Levien aus München32; der verwaltete das Ehrengewehr, das die Munitionsarbeiter von Tula Max Hölz zugedacht hatten, den die Revolution aus dem Zuchthaus befreien sollte.33 Paule, im Kriege Vizefeldwebel, wollte daran „vorschriftsmäßige Griffe“ vordemonstrieren. Es stellte sich aber heraus, dass mit der Zeit auch Feldwebelfähigkeiten einrosten. Er „kloppte“ die Griffe so schlapp, dass der ehemalige „Leiber“ Levien, der im bayrischen Leibgrenadierregiment Besseres gesehen, herbe Kritik an Paules Schlappheit üben musste.) Natürlich fand man in der „Kneipe“ um diese Zeit sofort Bekannte, die nach Büroschluss dort aßen. Es entspann sich sofort ein ungeregeltes, aber selbstverständlich politisches Gespräch. Das hätte fünf Stunden dauern können, wenn Gerhard nicht zwischendurch gefragt hätte: „Sag mal, wo geht man hier abends hin, wenn man ein nettes Mädchen ausführen will, hehe? Bloß sag ich gleich: Es darf nich viel kosten.“ Paule lachte laut und höhnisch, der Gefragte aber sagte trocken: „Mit einem Mädel? Geh doch in den zweiten Staatszirkus, das ist nicht weit.“ „Nee, dressierte Pferde und so’n Kram, das interessiert mich nich, is ja Quatsch. Sowas jibt’s hier ooch? Nee. Gibt’s denn kein Theater?“ „Bloß sag ich dir gleich, es soll nischt kosten“, höhnte Paule, halb hochdeutsch und halb berlinisch, und dann setzte er vollkommen sachlich hinzu: „Olle jeiz’je Drecksau.“ „Geh doch ins Kummertheater, Giroflé-Giroflà34 , wird zum dreihundertsten Mal gespielt.“ „Russisch? Nich zu machen, da mops ich mich dot.“ „Hast doch dein Kebsweib mit“, hänselte der neidische Paule, aber Gerhard bemerkte trocken: „Davon verstehste nischt, Paule. Also, wo kann man hinjeh’n?“ „Geh ins jüdische Kammertheater.“ „Ach nee! Kann man denn da was verstehen?“ „Die Janovensprache verstehste schon“, versuchte Paule eine letzte Diffamierung. Der Moskaukenner erklärte, es handle sich um eine Operette, die im expressionistischen Stil gespielt würde. Zu verstehen sei da nichts, die Operette sei so albern, dass sie schon vor vierzig Jahren albern gewesen sei. Nur der STIL und die „Biomechanik“ – „Was’n das for’n Quatsch?“ – nämlich die akrobatischen Gliederverrenkungen der Schauspieler Granowskis seien bemerkenswert. „Es darf bloß nich ville kosten“, warf Paule ein. „Du gehst gleich ins Direktionszimmer und sagst: nemezki delegat, Komin-­ tern, da kriegst du die Karte umsonst.“ „Auch zwei?“

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„For de Puppe, und noch wat zujezahlt“, spottete Paule. Aber „de Puppe“ kam gerade in den Saal und suchte mit den Augen. Gerhard sprang aufgeregt auf und gestikulierte lebhaft: „Pst, Hilde, los, komm her, wir geh’n ins Jüdische Kammertheater35.“ „Kann meine Freundin auch mitkommen?“, fragte Hilde. „Ins Theater? Nee, Mensch, da haben wir doch nischt davon.“ „Nein, ich meine an den Tisch.“ – Hilde zog sich strategisch zurück. „Meintwegen. Aber bezahlen muss sie selber.“ Hilde holte das andere Mädchen, sie setzten sich an den Tisch, Alkan legte seinen Arm liebevoll um Hilde. Da kam Berta (die noch nicht im Notizbuch stand), am Tisch vorbei. Sie warf Alkan einen Blick zu, der halb Belustigung, halb Tadel ausdrückte. „Ach du liebe Jüte, mit der habe ich mir’s verdorben“, stellte Gerhard laut fest, „und dabei ist die die niedlichste.“ Der Abend verlief programmmäßig. Als Alkan lange nach Mitternacht mit Hilde aus der Vorstellung zurückkam, verabschiedete sich das Mädchen von ihm. Sie müsse früh aufstehen. Gerhard hatte auf Liebesfreuden gerechnet, aber auf Bitten ließ er sich nicht ein. „Was, schon schlafen?“, fragte er. „Was denn?“, antwortete Hilde, und Alkan gab ihr die Hand und sagte trocken: „Denn eben nich.“ Beide verstanden sehr wohl, was das bedeutete. Das Mädchen ging schlafen, Alkan stieg wieder in die „Kneipe“ herunter, wo er wieder Bekannte traf. Unter ihnen saß ein unscheinbares, fadblondes Mädchen, eine Stenotypistin aus der Zentrale der Roten Gewerkschaftsinternationale, eine französische Schweizerin, die kein Mensch anders als Yvette nannte. Gegen zwei Uhr gähnte Gerhard zwanglos und fragte: „Wo frühstückt man hier eigentlich?“ Man frühstückte „eigentlich“ überhaupt nicht. Aber Yvette sagte liebenswürdig, sie pflege morgens auf ihrem Primuskocher Kaffee zu machen. Wenn er wolle, könne er um 8.30 Uhr zu ihr kommen, Zimmer 207, im zweiten Zwischenstock. „Ach nee, und ich wohne 209, das ist ja gleich daneben. Wie heißt du eigentlich?“, fragte Alkan und zog das Notizbuch. „Yvette.“ „Nee, mit dem Nachnamen.“ Das Mädchen war verheiratet, mit einem Deutschen, und hieß Oberreitler. „Was, bist du vielleicht mit diesem Oberidioten verheiratet?“ Das Madchen errötete und sagte verlegen: „Das ist mein Mann.“ „Nischt zu machen. Dann komme ich nich. Mit Rechten frühstücke ich nich“, schnitt Alkan ab. „Mein Mann ist in Sibirien, er bleibt noch den ganzen Monat“, sagte Yvette mit ihrer französischen Aussprache.

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